Der Altstadtbrief Kempten 2021

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ALTSTADTBRIEF

42. Jahrgang //// Nr.48 / 2021 ////////////////////////////// www.altstadtfreunde-kempten.de

F R E U N D E D E R A L T S T A D T K E M P T E N S e.V.

City-Management im Wandel: neue Zeiten, neue Aufgaben

„Rohdiamant“ Aktivitäten rund ums Reglerhaus

Sparkasse schreibt Wettbewerb aus

Das Quartier auf der geteilten Stadt

Saurer-Allma Weichen für neues Quartier gestellt


Wohntraum gesucht. die Sozialbau gefunden. Mit Sozialbau starten Sie in Ihr neues Leben. In unseren 4.000 Mietwohnungen wohnen Sie bezahlbar und sicher – Hausmeister-Service, Rasenmähen und Schneeschippen inklusive. So leben wir Heimat.

Impressum Der Altstadtbrief, nunmehr im 42. Jahr, erscheint in unregelmäßiger Folge, jedoch mindestens einmal jährlich. Verantwortlich für den Inhalt ist der Vorstand. Mit Namen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung der Autor*innen wieder. Herausgeber: Freunde der Altstadt Kemptens e.V., Vogtstraße 8, 87435 Kempten, E-Mail: info@altstadtfreunde-kempten.de Redaktion:

Dietmar Markmiller (Vorsitzender), Stephan A. Schmidt

Produktion: KuMaKom Gesellschaft für Kultur- & Markenkommunikation UG, Kempten Nachdruck, auch in Auszügen, nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers und des Autors Bankverbindung: Sparkasse Allgäu BLZ 733 500 00, Konto 572 40 IBAN: DE42 7335 0000 0000 0572 40

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ALTSTADTBRIEF

42. Jahrgang //// Nr.48 / 2021 ///////////////////////////// www.altstadtfreunde-kempten.de

F R E U N D E D E R A L T S T A D T K E M P T E N S e.V. Dieser Altstadtbrief erscheint aufgrund personeller und techni scher Engpässe einige Woc hen später als üblich. Danke für Ihre Geduld.

Inhalt Bericht des Vorsitzenden

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Sozialbau baut am „Großen Loch“

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von Dietmar Markmiller

von Herbert Singer, Sozialbau

Die Stimme für eine starke Innenstadt

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Gefahren durch Klimawandel für die Altstadt

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„Rohdiamant“: Aktivitäten rund ums Reglerhaus

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Die Frage ist: Kulturell oder kommerziell?

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von Moritz Dornbusch und Niklas Ringeisen, City-Management Kempten

von Baudirektor a.D. Dieter Schade

von Franz G. Schröck, Architekturforum Allgäu e.V.

von Stephan A. Schmidt, Kulturquartier Allgäu e.V.

Das Quartier auf der geteilten Stadt des Mittelalters 24 von Ursula Speiser, Annette Rampp, Franz G. Schröck & Stephan A. Schmidt

Beitrittserklärung / Formular

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Bericht des Vorsitzenden von Dietmar Markmiller

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iebe Mitglieder und Freunde der Altstadt, lassen Sie uns zuerst auf die Sonderausgabe im Jahr 2020 zum 40. Geburtstag der Freunde der Altstadt Kemptens e. V. eingehen. Wie damals berichtet, mussten wir alle geplanten und zum Teil bereits organisierten Veranstaltungen absagen. Aufgrund dessen hatten wir uns einen „Ersatz“ in Form der Sonderausgabe im Zeitungsformat ausgedacht. Das Besondere daran war, dass wir einen Überblick über 40 Jahre Altstadtthemen in gedruckter Form entworfen haben und so die Arbeit unseres Altstadtvereins sichtbar gemacht haben. Die Resonanz dazu war überwältigend und hat uns in gewisser Weise auch überrascht. Dass wir mit diesem Format einen anderen Weg gehen, war uns bewusst. Die Reaktionen reichten von „ein Dokument von historischem Wert“ bis hin zu persönlichen Danksagungen seitens namentlich Erwähnter, die sich bei den Themen der Altstadt wiederfanden, sei es als Initiatoren, Verfasser von Berichten etc., was für den gesamten Vorstand etwas war, womit wir nicht gerechnet hatten. Allesamt vereint jedoch, dass sie sich über Jahrzehnte für unsere Altstadt

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eingesetzt haben und teilweise heute noch aktiv für die Altstadt tätig sind. Daher bedanken wir uns ausdrücklich nochmal bei allen Wegbegleitern, Unterstützern jeglicher Art und insbesondere bei allen Freunden der Altstadt Kemptens.

Altstadtfest 2022 Im Jahr 2021 hatten wir uns alle auf das geplante Altstadtfest mit Kindertag gefreut, das in abgesteckter Form stattfinden sollte, was allen Organisatoren sehr wichtig war. Dass uns das Wetter auch noch einen Strich durch die Rechnung machte, war wirklich frustrierend. Können wir nur hoffen, dass es im Jahr 2022 glatt läuft, egal welche Einflüsse uns hindern könnten.

Bushaltestellen in der Altstadt Ein Thema, das wir mit unserem Mitglied Dr. Michael Büssemaker angegangen sind, waren die Bushaltestellen in der Altstadt bzw. im Umfeld der Altstadt (siehe Bericht in der Sonderausgabe). Erste Verbesserungen wurden seitens der Stadt an der Haltestelle „Rathaus“ angegangen, weitere sollen folgen. Wir werden beobachten, was sich im Jahr 2022 noch verbessert und an diesem Thema dran bleiben. Denn


kannten Gründen ist es seit zwei Jahren nicht möglich, diese Ausstellung zu präsentieren. Im Frühjahr wagen wir nun einen neuen Versuch und planen die Eröffnung für Mai 2022.

10 Jahre Galerie Kunstreich

Das Reglerhaus bei seiner Eröffnung im Oktober 2020. Foto: Hermann Rupp

der ÖPNV darf sich nicht nur in der Ausweitung der Fahrzeiten widerspiegeln, sondern muss sich auch in der Qualität der Bushaltestellen zeigen.

Reglerhaus für Baukultur Beachtlich ist die Leistung des Architekturforum Allgäu, das sich mit viel Engagement um das Reglerhaus in der Webergasse kümmert, sei es in baulicher Sicht oder durch Bespielung mit den unterschiedlichsten Ausstellungen und Vorträgen. Mit viel Engagement hat das Architekturforum Allgäu das Reglerhaus als „Haus der Baukultur“ sichtbar in der Altstadt platziert. Dieses Haus wollen wir auch als Ausstellungsraum für die Ausstellung der Architekturstudenten der Hochschule Augsburg zum Thema „Burghalde beleben!“ nutzen. Aus den uns allen be-

Ein paar Straßen weiter inmitten der Altstadt engagiert sich ebenfalls für die Kultur, und hier insbesondere für die bildende Kunst, der artig e.V.: In der denkmalgeschützten und über 500 Jahre alten ehemals reichsstädtischen Münze in der Schützenstraße betreibt er seit nun 10 Jahren seine Galerie Kunstreich mit rund 80 Ausstellungen. Wir sind gespannt, was sich der rührige Kunst- und Künstlerverein zum 10. Geburtstag seiner Galerie im April 2022 einfallen lässt.

Die Galerie Kunstreich in der Schützenstraße DER ALTSTADTBRIEF 48/2021

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Zukunft der Innenstadt Nord Wie entwickelt sich die nördliche Innenstadt? Was wurde bereits auf den Weg gebracht? Wie sieht die Zukunft aus? Als Mitglied stehen wir in engem Kontakt mit dem Citymanagement e. V. und beteiligen uns auch in unterschiedlichen Arbeitsgruppen. Lesen Sie dazu den interessanten Beitrag von Niklas Ringeisen, Geschäftsstellenleiter des Citymanagement e. V.

Poller in der Kronenstraße Die Entwicklung hinsichtlich der Verkehrsberuhigung in der Kronenstraße hat uns staunen lassen. Bereits 2017 hat unser Vorstandsmitglied Gerhard Juli die Möglichkeit versenkbarer Poller ins Gespräch gebracht. Diese Lösung wurde damals seitens der Stadt Kempten als zu teuer und nicht zielführend bewertet. Es freut uns, dass die Stadt inzwischen plant, diese Variante

umzusetzen; zwar erst fünf Jahre später und hoffentlich mit kaum gestiegenen Material- und Baukosten.

Das Sparkassenquartier Das Sparkassenquartier ist aktuell eines der präsenten Themen. Darüber wird im Laufe des Jahres sicherlich noch öfter berichtet bzw. gesprochen werden. Bei diesem Thema sind wir nicht die Einzigen, die ein starkes Interesse an der Entwicklung des Quartiers haben. Auch unsere Freunde aus der Stiftsstadt und der Heimatverein sind sozusagen Partner im Bunde, da allen drei Vereinen eine historisch gerechte Entwicklung sehr am Herzen liegt. Wir sind gespannt, welche Planungen es dazu gibt.

Zukunft der Allgäuhalle Ebenfalls ein spannendes Thema wird die künftige Entwicklung des All-

Von Süden aus gesehen: links die Allgäuhalle (vormals Tierzuchthalle), rechts die Kälberhalle 6

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BERICHT DES VORSITZENDEN


gäuhallen-Areals sein, denn die bisherige Mieterin, die Allgäuer Herdebuchgesellschaft (AHG), wird im Laufe des Jahres 2022 in ihren Neubau in Unterthingau umziehen. Wir unterstützen gern die ehrenamtliche Arbeit des Vereins Kulturquartier Allgäu e.V. (KQA), weil es uns auch wichtig ist, was an der Peripherie der Altstadt entsteht. Lesen Sie dazu in diesem Heft den Beitrag des Vorsitzenden des KQA-Vereins.

Unsere Veranstaltungen Nachdem sich der Vorstand lange überlegt hat, welche Veranstaltungen im Jahr 2022 stattfinden könnten, haben wir beschlossen, dass wir spontan auf die allgemeinen Entwicklungen reagieren und mögliche Veranstaltungen eher kurzfristig ankündigen und durchführen werden. Unter den aktuell noch immer erschwerten Bedingungen macht eine langfristige Planung keinen Sinn. Bezüglich der Veranstaltungsthemen haben wir noch die Konzepte aus dem Jahr 2020 in der Schublade.

Ehrenamt gestaltet Lassen Sie uns positiv in die Zukunft schauen und den Blick auf die kommenden Themen fokussieren. Wir werden uns weiterhin für unsere lebensund liebenswerte Altstadt einsetzen, die Themen gehen uns sicherlich nicht BERICHT DES VORSITZENDEN

aus. Vieles geht langsamer voran, aber es geht voran. Andererseits sehen wir auch in diesen Zeiten, wie gerade ehrenamtliches und bürgerschaftliches Engagement weiterhin Themen und Entwicklungen in unserer Stadt vorantreibt: Altstadtfest, Reglerhaus, Galerie Kunstreich, Heimatverein, Stiftsstadtfreunde und Allgäuhalle habe ich bereits erwähnt. Abschließend möchte ich allen Beteiligten und Autoren des diesjährigen Altstadtbriefes einen Dank aussprechen. Sie alle tragen maßgeblich dazu bei, dass der Altstadtbrief jedes Jahr erscheint. Der Vorstand der Altstadtfreunde und ich wünschen Ihnen ein erfolgreiches und erfüllendes Jahr 2022. Herzlichst, Ihr Dietmar Markmiller

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Wer macht aus Wasser Kraft fürs Allgäu? Naturverbunden Heimatverliebt Immerda

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BERICHT DES VORSITZENDEN


In bester Citylage erstellt die Sozialbau im „Atrium A2“ 23 attraktive Mietwohnungen bis Ende 2022. Links im Bild die „Villa“. Foto: Sozialbau

Sozialbau baut am „Grossen Loch“ Rohbau „Atrium A2“ geschafft! von Herbert Singer

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ur „Wohnbau-Offensive“ von Sozialbau trägt aktuell das Projekt „Atrium A2“ in Kemptens City sowie das höchste Holzhaus im Allgäu im Thingers bei. Mit dem „Atrium A2“ erstellt die Sozialbau in direkter Nachbarschaft zum „Großen Loch“ zwischen Allgäuer Straße und Mozartstraße derzeit 23 moderne, helle Mietwohnungen. Im Dezember 2021 war der Rohbau geschafft. Die 23 Zwei- bis Fünf-Zimmer-Mietwohnungen, davon zwei familiengerechte Stadthäuser über zwei Etagen, gruppieren sich um ein großes, überdachtes Treppenhaus-Atrium. Alle Wohnungen

sind von der Tiefgarage bis zur obersten Etage schwellenfrei erreichbar. Die zukünftigen Bewohner werden die zentrale Innenstadtlage genießen und durch weniger Pkw-Nutzung ihren CO-Fußabdruck minimieren. Hochwertige Außenanlagen inklusive Spielplatz und große Bestandsbäume sorgen für Wohlfühlwohnen mitten in der Stadt. Parallel zu diesem Neubau saniert die Sozialbau das denkmalgeschützte Gebäude, die „Villa“, an der Allgäuer Straße 4 bis Anfang 2023 auf drei Etagen für rund 400 m² moderne Büroflächen in historischem Ambiente. Damit vitalisiert Sozialbau zum wiederholten Mal ein brachliegendes Denkmal vorbildlich. DER ALTSTADTBRIEF 48/2021

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So könnte der zentrale Quartiersplatz im neuen Baugebiet am Eneglhaldepark (Saurer-Allma Areal) von Sozialbau einmal aussehen. Visualisierung: Architekten Hähnig+Gemmeke

Weichen für „Saurer-Allma“ Quartier am Engelhaldepark sind gestellt Seit Mitte 2019 arbeitet das Sozialbau-Team an der facettenreichen Wettbewerbs-Auslobung. Für das neue Quartier am Engelhaldepark (Saurer-Allma Areal) ist seit Oktober 2021 der Architekten-Wettbewerb entschieden. Rund 400 bis 430 Miet- und Eigentumswohnungen werden auf dem 51.000 m² großen Areal südlich des Engelhaldeparks entstehen. Unterschiedliche Wohnformen für Jung und Alt sind geplant mit einem autofreien Quartiersplatz, Lebensmittel-Nahversorger, Bäckerei, Café, Restaurant, Ladengeschäft, Kitas und wohnverträglichen Gewerbe im heutigen Bestand als Kreativquartier. 10

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Gewerbe- und Büronutzungen werden als Immissions-Schutz an der Ostseite entlang des Schumacherrings entstehen. Am 06.12.2021 wurde die städtebauliche Grundlage des Siegerentwurfs der Öffentlichkeit in einer Bürgerbeteiligung in der „kultBOX“ vorgestellt. Rund 50 anwesende Zuhörer hatten die Möglichkeit, weitere Ideen, Vorschläge und Kritikpunkte mit der Sozialbau und den Architekten auszutauschen. Neben alternativen Wohnformen, nachhaltigen Baustoffen und Biodiversität fanden auch Themen wie „Barrierefreiheit“ und „bezahlbarer Wohnraum“ Einfluss in die Diskussion. Alle Ideen und Vorschläge werden jetzt im weiteren Planungsprozess geprüft und bewertet und fließen nach Möglichkeit in die Planung ein.


Anfang 2022 stehen die Weiterentwicklung des Flächennutzungsplans und die Aufstellung eines vorhabenbezogenen Bebauungsplans an. Ab Ende 2023 sollen die Bautätigkeiten starten.

770 neue Wohnungen fertig Mit ihrer „Wohnbau-Offensive“ realisiert die Sozialbau GmbH neue Angebote am Kemptener Wohnungsmarkt. Es ist das größte Neubauprogramm von Sozialbau seit den 1970er Jahren. 770 neue Wohnungen entstehen in nur sieben Jahren bis 2023. In den vergangenen fünf Jahren wurden davon bereits 644 Wohnungen für 150 Millionen Euro fertiggestellt. Der neue Wohnpark auf der „Funkenwiese“ trägt dazu aktuell mit 183 Eigentums- und Mietwohnungen wesentlich bei. 81 Wohnungen davon sind bereits seit November 2021 bezogen. Bis Ende 2023 wird die Gesamtbebauung auf der „Funkenwiese“ in nur fünf Jahren abgeschlossen sein.

Fakten Sozialbau • 4.015 Mietwohnungen • 2.552 Eigentumswohnungen in der Verwaltung • 525 Gewerbeeinheiten • 569.500 m² Wohn- u. Gewerbeflächen • 223,0 Mio. € Bilanzvolumen in 2021 • 115 Mitarbeiter/-innen

Seit knapp 10 Jahren und 80 Ausstellungen ist die Galerie Kunstreich der Ort für zeitgenössische Kunst im Herzen der Altstadt Kemptens.

AU SS T EL LU N G E N 20 22 verlängert bis 13. Feb NADINE ELDA ROSANI, Bildhauerei, Heideck Fr 25. Feb – So 27. März PAUL RIETZL, Illustration & Comic, München Fr 8. April – So 8. Mai HURRA. 10 Jahre Kunstreich, Gruppenausstellung Fr 20. Mai – So 19. Juni Nuë Ammann, Objekte/Installation, Dießen Fr 5. Aug – So 4. Sept N.N., noch in Planung* Fr 7. Okt – So 6. Nov N.N., noch in Planung* 18 Nov – 18 Dez Susanne Praetorius, Malerei, Kempten geöffnet Sa + So 11-17 Uhr ·Di 16-20 Uhr Eintritt frei. Vernissagen immer am Freitag um 20 Uhr

Galerie Kunstreich ·Schützenstr. 7 ·Kempten betrieben vom Allgäuer Kunst- & Künstlerverein artig e.V. auf drei Geschossen der ehemals reichsstädtischen Münze aus dem 15. Jahrhundert *immer aktuell: www.artig.st ·fb.com/artig.st

Du bist. Kunst ist.

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Schont die Umwelt, spart Geld, hat beste kontrollierte Qualität und ist ständig verfügbar. Mehr unter: www.kku-kempten.de/trinkwasser


Winterlicher Blick in die Kemptener Innenstadt. Foto: Leo Schindzielorz

Die Stimme für eine starke Innenstadt Das City-Management Kempten im Wandel von Moritz Dornbusch, Projektmanager

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ie Corona-Pandemie macht auch vor den deutschen Innenstädten nicht Halt. Personenobergrenzen, Maskenpflicht und nicht zuletzt die (Teil-) Lockdowns haben die Zentren der Städte in den letzten knapp zwei Jahren bereits mehrfach lahmgelegt. Auch die Kemptener Innenstadt bleibt von dieser Entwicklung nicht verschont und sieht sich seit März 2020 vor neuen Herausforderungen gestellt. Hauptverantwortlich, diese Aufgabe anzugehen, ist der City-Management

Kempten e.V. Im Jahr 2003 gegründet, ist der Verein, größtenteils mit Mitgliedern aus Handel und Gastronomie, für die Vermarktung der Kemptener Innenstadt als Wirtschafts- und Erlebnisstandort zuständig.

Neue Zeiten, neue Aufgaben Weg von der reinen Einkaufsinnenstadt, hin zu alternativen Nutzungsformen. Ein Trend, der sich bereits vor der Corona-Pandemie abgezeichnet und sich seitdem verstärkt hat. Dieser Sinneswandel spiegelt sich auch im Aufgabenportfolio des City-Managements wider. Größtenteils für die VeranstalDER ALTSTADTBRIEF 48/2021

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tungen wie dem Stadtfest, dem Mobilitätstag und der Einkaufsnacht bekannt, hat sich das City-Management in seinen Kompetenzen in den letzten Jahren breiter aufgestellt. Da wäre zum einen das Quartiersmanagement, das in Form der Kampagne „Zusammen Handeln“ seit Herbst 2020 das Image der Nördlichen Innenstadt prägt und die Frequenz im Quartier stärken soll. In enger Zusammenarbeit mit dort ansässigen, inhabergeführten Einzelhandels- und Gastronomiebetrieben sind seitdem mehrere Aktionstage veranstaltet worden. In Zeiten, in denen die Innenstadt coronabedingt oft leer und still war, hat das City-Management immer wieder die Stimme erhoben und sich für die Interessen der Innenstadt eingesetzt. Im Rahmen der Kampagne „Sicheres Einkaufen“ wurde auf das geringe Infektionsrisiko im Handel hingewiesen und das Shoppen in der Innenstadt beworben. Mit der „Mut-Mach-Kampagne“ und der Aufklärungskampagne „Sicher durch Kempten“ wurden in Zusammenarbeit mit der Stadt Kempten weitere Akzente im Kampf gegen die Corona-Pandemie gesetzt.

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gefragt. Mit Positionspapieren u.a. zum geplanten Sport- und Fachmarktzentrum an der Ulmer Straße und der Umweltspur in der Bahnhofstraße bringt das City-Management regelmäßig die Interessen der Innenstadt in den öffentlichen Diskurs. Das City-Management fungiert somit immer mehr als „Kümmerer“ und schafft mit starker Netzwerkarbeit einen wichtigen Baustein für eine resiliente Kemptener Innenstadt von Morgen.

Blick ins neue Jahr Ein großes Fragezeichen wird im dritten Jahr der Pandemie erneut über alle geplanten Veranstaltungen schweben. Ob und in welcher Form Events in der Kemptener Innenstadt stattfinden können, steht noch in den Sternen. Dass das City-Management als Alternative zu den Großveranstaltungen funktionierende, coronakonforme Veranstaltungskonzepte hat, wurde im vergangenen Jahr bereits mit dem Musiksommer Kempten eindrucksvoll bewiesen.

Auch zu städtebaulichen Themen ist die Meinung des City-Managements bei Politik und Presse immer häufiger

Des Weiteren stehen für dieses Jahr viele neue Projekte auf der Agenda. Im Rahmen des Projekts „Kemptener Sommergärten“ soll bepflanzte Stadtmöblierung weitere Aufenthaltsqualität und neue Sitzgelegenheiten in die Nördliche Innenstadt bringen. Um die Nutzbarkeit des beliebten Kemptener

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STIMME FÜR EINE STARKE INNENSTADT


Geschenkgutscheins „SCHEXS in the CITY“ weiter zu fördern, ist für das Jahr 2022 eine digitale Variante geplant. Für Privatpersonen und Arbeitgeber werden die SCHEXS-Gutscheine somit an Attraktivität gewinnen. Weitere Projekte sind die Etablierung einer dauerhaften Passantenfrequenzmessung, die Durchführung einer Besucherbefragung, die Neu-Konzeptionierung der Kemptener Weihnachtsbeleuchtung und vielem mehr.

Mehr Urbanität wagen von Niklas Ringeisen, Geschäftstellenleitung

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ktuell arbeitet das City-Management gemeinsam mit der Stadt und dem Planungsbüro Modul5 im Zuge des Förderprogramms „Fitnessprogramms Starke Zentren“ an Strategien für eine resiliente Innenstadt der Zukunft. Dabei lernen wir aktuell, was Urbanität bedeutet und erhoffen uns Antworten für die Zukunftsfähigkeit der Innenstadt zu finden. Derzeit ist die Kernzone der Innenstadt, die sogenannte EinkaufsinnenCITY-MANAGEMENT KEMPTEN IM WANDEL

stadt, stark konsumorientiert ausgerichtet. Einkaufen und Gastronomie sollen auch weiterhin eine wichtige Rolle einnehmen, jedoch müssen wir es schaffen, künftig zusätzliche kon­ sumfreie Räume zu entwickeln, um einen guten funktionalen Mix innerhalb der zentralen Quartiere zu erreichen. Themen wie Wohnen, Mobilität, Freizeit, Kultur, Einkaufen und Aufenthaltsqualität tragen vernetzt zu einem attraktiven Lebensraum bei. Wichtige Anstöße auf diesem Weg können dabei die beiden Großprojekte der nächsten Jahre, das Sparkassenquartier und die neue Stadtbibliothek auf dem Schwaigwiesschulgelände, geben. Sozialräumlich sollte der Blick künftig verstärkt auf Jugend, Senioren, Familien, Anwohner und Menschen mit Migrationshintergrund gerichtet werden, um einen öffentlichen Raum für alle Bevölkerungsgruppen und Akteure zu kreieren. Ohne eine gewisse Deregulierung wird dies nicht funktionieren. Politik und Verwaltung müssen diesen Prozess in engem Austausch mit den Interessengruppen aktiv begleiten und die Voraussetzungen dafür schaffen. Wir als City-Management möchten dabei mitwirken und unseren Beitrag zum Gelingen dieses Transformationsprozesses leisten. DER ALTSTADTBRIEF 48/2021

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Gefahren durch Klimawandel für die Altstadt Wasserwirtschaft und Hochwasserschutz von Baudirektor a.D. Dieter Schade

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ls Wasserwirtschaftler mache ich mir immer wieder Gedanken zu den Auswirkungen von Niederschlägen, Hochwasser und Abflüssen auf die Stadt mit ihrer Infrastruktur.

Hochwasserschutz Der Hochwasserschutz für die tiefliegende Altstadt und die ehemalige Illervorstadt am östlichen Ufer ist gut. Aber es bestehen noch Restrisiken. Auf diese Risiken muss ich immer wieder hinweisen, gerade in Hinblick auf die schreckliche Flutkatastrophe im Ahrtal im Sommer dieses Jahres. Und wir dürfen nicht vergessen, welche Angst und Schäden die beiden Hochwässer in den Jahren 1999 und 2005 in Kempten verursacht haben. Wo liegen diese Restrisiken?

St.-Mang-Brücke Der Durchflußquerschnitt ist zu gering. Die Unterkonstruktion wurde bei den Hochwasserereignissen eingestaut. Es gab deshalb schon vor Jahren Über16

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legungen, die erneuerungsbedürftige Brücke neu zu bauen. Die Absicht wurde vom staatlichen Bauamt aufgeschoben, nachdem kleinere Reparaturmaßnahmen ausgeführt wurden.

Fußgänger- & Radfahrersteg Die vielen Stützen im Flußbett stellen ein erhebliches Verklausungsrisiko in der treibholzführenden Iller bei Hochwasser dar. Das 2012 beschlossene Konzept „Iller erleben“, das innerhalb von 10 Jahren vollständigt realisiert werden sollte, sieht einen stützenfreien Neubau vor. Auch hier haben kleine Sanierungen zu einem zeitlichen Aufschub der Maßnahmen geführt. Die Stadt hat aber schriftlich mitgeteilt, dass sie 2020 die Vorbereitungen für einen Wettbewerb erarbeiten möchte, um anschließend den Zeitrahmen für den Ersatzneubau festlegen zu können. Warum ist ein zeitnaher Ersatz der beiden Flußübergänge durch Neubauten so wichtig? Weil es bei einem Aufstau oder Stegeinsturz zu überlaufendem Illerwasser kommen kann, wodurch Menschenleben gefährdet


werden und erhebliche Überflutungsschäden in der Altstadt entstehen können. Deshalb halte ich die Erneuerung der Brücke und des Steges angesichts der Folgen des Klimawandels für dringend geboten.

Oberflächenwasserabflüsse bei Starkniederschlag Am 26. Juli 2021 gab es ein Starkniederschlagsereignis im Oberallgäu, bei dem nach Angaben des Wasserwirtschaftsamtes im Raum Sonthofen/Burgberg eine Niederschlagsspitze von 120 mm in etwas mehr als einer Stunde gemessen wurde. Was 120 mm bedeuten, können Sie sich vorstellen, wenn ich Ihnen sage, dass man ab 25 mm/h schon von einem Starkniederschlag spricht und dass 40 mm/h als Extremniederschlag mit Folgeschäden bezeichnet werden. Das Wasserwirtschaftsamt spricht von einer ganz neuen Art von Gefährdungspotenzial, mit dem wir uns klimaänderungsbedingt auseinandersetzen müssen. Kempten ist umgeben von hängigen Flächen. Auch die Altstadt. Ich denke nur an die Burghalde, die Lützelburg und die Hangleiten zwischen der Ober- und der Unterstadt. Von dort gehen die größten Risiken aus. Es ist notwendig, die gefährdeten Gebiete zu erfassen, auf denen es durch wild abfließendes Wasser zu Schäden

kommen kann. Experten sprechen von „Flasch Floods“, von überfallartig auftretenden gewaltigen Überschwemmungen. Erinneren Sie sich an die Flutkatstrophe von Simbach am Inn von vor 5 Jahren. Uns Bürger in der Altstadt interessiert, wo die gefährdeten Zonen liegen, damit wir wissen, wie wir uns verhalten müssen, wenn ein solches Ereignis eintritt und ob wir ggf. schon vorher Vorsorge für unsere Grundstücke und Häuser vornehmen müssen. Was beabsichtigt die Stadt ihrerseits, um die Gefahr durch wild abfließendes Wasser zu mindern? Welche Maßnahmen hat sie dafür vorgesehen?

Schwammstadt Das Regenwasser aus Niederschlägen soll, insbesondere bei Starkregenereignissen, möglichst vor Ort gespeichert werden, um den Abfluss aus überregneten Flächen zu dämpfen. Das ist keine neue Erkenntnis. Neu ist aber, wie das in einer Stadt mit seiner stark versiegelten Oberflächenstruktur erfolgen kann. Dafür hat man den Begriff „Schwammstadt“ geschaffen, d.h. das Wasser soll wie ein Schwamm auf verschiedene Weise zwischengespeichert werden. Ich frage, welche Maßnahmen hat Kempten hierfür vorgesehen? Werden hierfür in der Stadt Flächen bereitgeDER ALTSTADTBRIEF 48/2021

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stellt. Gibt es z.B. am neugestalteten Stadtpark solche Anlagen? Die außergewöhnlichen Unwetter im Juli 2021 und ihre Folgen haben uns Bürger zutiefst betroffen gemacht. Das Hochwasserkatastrophe im Ahrtal und die Starkregenereignisse am Alpenrand haben uns mit Wucht die Auswirkungen des Klimawandels aufgezeigt. Es gab viele Tote. 29 Milliarden Euro Schadensumme insgesamt wurde ermittelt. Obwohl Kempten diesmal verschont geblieben ist, gilt es Vorsorge zum Schutz der Bürger und ihres Eigentums zu treffen. Es sind „dringliche Vorhaben“, bei denen es darum geht, so schnell wie möglich zu handeln! Ich war bestürzt, als ich hörte, dass von den eingeplanten Maßnahmen mit einer Investitionssumme vom 13,6 Milli-

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onen Euro für das Jahr 2022 (vorgestellt von Herrn Wiedemann im November im Bauausschuss) kein einziges Vorhaben dabei war, mit dem der neuen Gefahrenlage begegnet wird! Für mich gilt: Es muss hier mehr um‘s Machen als um‘s darüber Reden gehen. Sich nur Verpflichten, dass hier gehandelt werden muss, ist angesichts der Tatsache, das „das Klima angespannt ist“, ist nicht mehr hinnehmbar. Die Überschrift auf der ersten Seite der SZ zum letzten Klimagipfel in Glasgow – mit großen Buchstaben gesetzt – lautete: „Wir schaufeln unsere eigenen Gräber.“ Ich bitte alle Verantwortlichen in unserer Stadt: Nehmen Sie diese Worte ernst! Handeln Sie, ehe es zu spät ist!

GEFAHREN DURCH KLIMAWANDEL


„Rohdiamant“: Aktivitäten rund ums Reglerhaus Ausstellungen, Vorträge und mehr von Franz G. Schröck, architekturforum allgäu e.v.

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ohdiamant: So titelte der Kreisbote in Bezug auf die Aktivierung des ehemaligen Reglerhauses an der Webergasse. Bekanntermaßen hatte sich das architekturforum allgäu Anfang 2019 bei der Stadt Kempten mit einem Konzept zur Nutzung des leer stehenden Gebäudes als „Haus der Baukultur“ beworben. In der Folge stand eine Reihe von Vorstellungen des Vorhabens in den verschiedensten städtischen und politischen Gremien an. Dabei erfuhr die Intention des architekturforum allgäu überall eine durchweg positive Resonanz. Um in Punkten Schadstoffbelastung nach einem ersten unbedenklichen Gutachten 2017 auf Nummer sicher zu gehen, wurden vom Verein im Herbst 2020 sämtliche Putzoberflächen im Souterrain abgetragen und die vermauerten Fenster mit Bohrungen versehen, damit beim 35 Jahre hermetisch verschlossenen Gebäude eine kontinuierliche Durchlüftung gewährleistet ist.

Abschlagen der Putzoberflächen - Foto: Monika Sparakowski

Nach einer erneuten Schadstoffmessung von Bauteilen und Innenluft im Frühsommer 2021 war es Anfang August soweit: Eine vertragliche Vereinbarung zwischen der Stadt Kempten als Eigentümerin des Gebäudes und dem architekturforum allgäu wurde über das Amt für Gebäudewirtschaft geschlossen. Somit ist nunmehr offiziell eine Zwischennutzung möglich, die sich den momentanen Zustand des Reglerhauses (sprich: ohne Heizung, Toilettenanlagen etc.) zunutze macht. DER ALTSTADTBRIEF 48/2021

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Eine Bespielung des Gebäudes, die mit Station 54 der KunstNachtKempten 2019 bereits ihren Anfang nahm, wurde seither stetig intensiviert. So fanden u. a. erste Ausstellungen statt, beginnend mit einer Schau des in Kaufbeuren beheimateten Teams „Supertecture“, das sich bundesweit als Akteur in Entwicklungs- und Schwellenländer einen Namen gemacht hat, in denen in baulicher Hinsicht Hilfe zur Selbsthilfe geleistet wird. Weitere stark frequentierte Präsentationen zeigten „Stallbauten“ als Teil unserer Kulturlandschaft oder „Die Cluster-Wohnung: Bauen und Leben im Kollektiv“.

Die Ausstellung „Stallbauten“ im Juli 2021 - Foto: Florian Gayer-Lesti

Vorträge von Till Gröner, Prof. Fabienne Hoelzel, Rut-Maria Gollan und Prof. Florian Köhl fanden jeweils eine 20

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große Resonanz, ebenso wie die Diskussionsrunde mit dem provokanten Titel „Vergesst das Allgäu (nicht!)“ zu Arbeiten von Studierenden an der Hochschule der Bildenden Künste (ABK) in Stuttgart. Neben Austausch und Begegnung, z. B. mit Kolleginnen und Kollegen aus den Gestaltungsberufen im Rahmen der „Allgäuer Roadshow“, bot das Reglerhaus auch einen angenehmen Rahmen für interne Arbeitskreise und Projektgruppen des architekturforum allgäu selbst. Besondere Wertschätzung erfuhr die Außenraum-Bespielung des Altstadt-Parks, u. a. mit dem Workshop „Häuser für Tiere“ für Kinder und Jugendliche, einem ersten Open-Air FilmAbend und besonders anlässlich der 20-Jahre-Feier des architekturforum allgäu im Beisein von Oberbürgermeister Thomas Kiechle und dem Unterallgäuer Landrat Alex Eder. Das Jahresprogramm 2022 des architekturforum allgäu bietet die meisten im Reglerhaus gelisteten Veranstaltungen an. Somit wird das Gebäude das ganze Jahr über kontinuierlich genutzt und der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ein interner Arbeitskreis des achitekturforum allgäu kümmert sich seit geraumer Zeit um eine langfristige Strategie für den weiteren Transformationsprozess. Das Entwurfskonzept wird in „ROHDIAMANT“


20 Jahre architekturforum allgäu: Geburtstagsfeier am Reglerhaus im September 2021. Foto: Hermann Rupp

enger Abstimmung mit der Stadt Kempten samt Kostenermittlung abgestimmt, um in Kooperation die einzelnen erforderlichen Maßnahmen zu stemmen. Dazu hat das architekturforum allgäu eigens einen Flyer in Druck gegeben, um Unterstützer aus der Baubranche und darüber hinaus zu gewinnen.

Renovierung und Ausbau An so genannten „Fenster-Patenschaften“ zur Wiederherstellung der Verglasungen im großen Saal sind beispielsweise bereits 15.000 Euro eingegangen. Weitere Schritte dürften mit Sicherheit die Installation von Heizung und Toiletten sein. Die vorhandene Hauswasser-Zuführung konnte dazu noch im September des vergangenen Jahres in Betrieb genommen werden. AKTIVITÄTEN RUND UMS REGLERHAUS

Wichtiger Ort der Baukultur Aufmerksamkeit erregte das `Haus der Baukultur` bereits Deutschlandweit: Die Bundesstiftung Baukultur, der Dachverband aller über 200 nationalen Baukultur-Initiativen besuchte auf seiner baukulturellen Sommerreise Ende Juli 2021 die Örtlichkeit und adelte sie dadurch bereits jetzt als einen wichtigen Ort der Baukultur in Deutschland, der durch seinen Umgang mit vorhandener Bausubstanz auch Beispiel-Charakter hat. Ein „Rohdiamant“ also, der nach und nach zum Funkeln gebracht wird und seinen Beitrag zu den Konzepten der Altstadtfreunde „Iller erleben“ und „Burghalde beleben“ leisten wird. DER ALTSTADTBRIEF 48/2021

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Die Frage ist: Kulturell oder kommerziell? Zukunft des Allgäuhallen-Areals weiter ungewiss von Stephan A. Schmidt, Kulturquartier Allgäu e.v.

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m Sommer 2022 endet eine knapp 100-jährige Ära in Kempten: In der 1928 als erste „Tierzuchthalle“ Süddeutschlands für Viehauktionen, aber auch für Massenveranstaltungen auf dem ehemaligen Viehmarktplatz erbauten Halle wird kein Rind mehr den Besitzer wechseln. Die Allgäuer Herdebuchgesellschaft (AHG), die diese Halle damals mit dem Oberbayerischen Zuchtverband, dem Württemberger Braunvieh-Zuchtverband und dem Zuchtverband fürs Norische Pferd betrieb, zieht in einen Neubau nach Unterthingau. Zurück bleibt ein rund 11.000 m großes Areal, darauf die Allgäuhalle, wie sie seit den 50er Jahren genannt wird, die 1931 erbaute Kälberhalle mit über 900 m (inkl. Anbau) sowie Grünflächen und ein altertümliches Rondell mit ca. 40 Parkplätzen. Beide Hallen und der Stier „Roman“ aus ca. 2,5 Tonnen Muschelkalk stehen unter Denkmalschutz, Eigentümerin ist die Stadt Kempten. Über den Neubau der AHG war in der Presse bereits im Herbst 2018 zu lesen. Über eine Nach- oder Umnutzung wurde 22

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seitdem nicht entschieden, aber zumindest die Regensburger Beratungsfirma eloprop mit einer Bedarfsanalyse beauftragt: Sommer 2020 kristallisierte sich in einer Umfrage plus einem Workshop unter diversen Vereinen, Schulen und Kulturakteuren vor allem ein hoher Bedarf an bezahlbaren wie eher mittelgroßen Räumen (unterhalb KultBox oder Kornhaus) für Veranstaltungen aller Art, aber auch für Musik- und Theaterproben oder Kunst heraus, während sich andere eine Markthalle z.B. für Biobauern wünschten. Zudem bekundete die benachbarte BigBox unter Christof Feneberg ebenfalls Interesse an weiteren Event-Räumen – aber nur allein unter seiner Hoheit.

Immenser Bedarf an Flächen für Kulturschaffende Eine größer angelegte Untersuchung kam zu ähnlichen Ergebnissen: Seit 2019 erarbeitet die Stadt gemeinsam mit Kunst- und Kulturschaffenden sowie der Stuttgarter Agentur Kulturgold als externe Projektpartnerin ein Kulturent­ wicklungskonzept für Kempten (KEKK), das die kulturpolitischen Leitlinien für die kommenden Jahre enthält und Herbst 2021 fertiggestellt wurde.


Ab Sommer 2022 ohne Hauptmieter: Die Allgäuhalle und rechts die Kälberhalle - Foto: Stephan A. Schmidt

Darin auf Platz 1 als wichtigster Faktor mit dem größten Entwicklungspotential (bzw. der größten Not): Raum für die Präsentation, aber ebenso für das Proben und Produzieren von Kunst, also von Musik, Schauspiel, Malerei, Bildhauerei, Videokunst, gesprochenem Text wie z.B. Kabarett – und gleichzeitig ein Ort zum Austausch unter den Künsten, Künstlern und Interessierten, zumal diese Flächen in den letzten Jahrzehnten immer weniger wurden (s. Analyse im Altstadtbrief Nr. 47). Summa summarum: ein Kulturquartier.

ger betrieb und zeitweise zusammen bis zu 1.400 Insassen (nicht nur) ihrer Freiheit und Würde beraubte. Im Sommer 2021 hat sich nun der Verein „Kulturquartier Allgäu“ gegründet, um die verschiedenen Interessen an diesem Quartier zu bündeln und zu vertreten, zumal die Kulturszene durch Corona schwer beschädigt ist und hier ein „Rettungsschiff“ sieht. Mitglieder sind inzwischen nebst hunderten von Privatpersonen namhafte Vereine wie Klecks, Classix unter Dr. Franz Tröger, artig oder der Theaterverein Stupor Mundi.

Der Kulturquartier Allgäu e.V. Öffentlichen Raum privatisieren? Für ein solches Quartier liegt seit 2020 (sowie in einer Spar- und Schnellstart-Variante seit Herbst 2021) ein detailliertes Konzept vor, das die Initiative „KQA“ (Kulturquartier Allgäuhalle) um den Kemptener Konzertveranstalter und Immobilienentwickler Thomas Wirth konzeptioniert hat – ebenfalls nach vielen Gesprächen mit Kulturschaffenden, aber auch mit Historikern, Skateboardern oder unter Inklusionszielen z.B. mit der Caritas. Die Kernziele sind niedrigschwellig, gemeinnützig, sozial, inklusiv, divers und ein würdiges Gedenken an dem Ort, wo das NS-Regime das KZ-Außenlager Kempten und direkt nebenan ein Ost- und Zwangsarbeiterla-

Das zur Geschichte – aber wie geht‘s weiter? Es geht, wie auch aus der Politik zu hören ist, zuallererst um eine Grundsatzentscheidung: Soll das historische Areal künftig privatwirtschaftlich, also kommerziell oder (sozio-)kulturell genutzt werden? Und damit einhergehend: Wollen wir öffentlichen Raum, also unser aller Eigentum in private Hände abgeben oder kreativ für uns alle nutzen? Die seit Jahren beschnittene Kulturszene jedenfalls braucht nicht für ein paar Abend-Events ein paar Bühnen oder einen Saal mehr, wie er z.B. auch im Sparkassen-Quartier angedacht ist, sondern ganztags einen Ort zum Leben, zum Arbeiten und zum Austausch. DER ALTSTADTBRIEF 48/2021

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Historischer Kern einer ehemals geteilten Stadt: Durch das heutige Quartier verlief die Stadtmauer der Reichsstadt zur Stiftsstadt. Gelb markiert das „Sparkassen-Quartier“. Die Horchlerstraße existierte damals noch nicht. Bildnachweis: Luftaufnahme © Google Earth. Oben: historisches Urkataster (1808-1864), Quelle Bayernatlas - geoportal.bayern.de/bayernatlas

Das Quartier auf der geteilten Stadt des Mittelalters von Ursula Speiser, Annette Rampp, Franz G. Schröck & Stephan A. Schmidt

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ei einem Informationsgespräch im Februar 2022 mit Mitgliedern des Heimatvereins, der Stiftsstadtfreunde, 24

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der Altstadtfreunde und des City-Managements stellte die Sparkasse Allgäu mit Vorstandsvorsitzenden Manfred Hegedüs das Nutzungskonzept für das so genannte „Sparkassenquartier“ vor, für das die Bank alle Grundstücke und Gebäude außer den beiden südöstlichen


erworben hat (siehe historische Zeichnung und Luftaufnahme oben links). Im nächsten Schritt wird unter Beteiligung der bayerischen Architektenkammer ein zweistufiger Wettbewerb ausgelobt. Bei diesem sind neben dem Nutzungskonzept, bei dem auch Räume für kulturelle Veranstaltungen vorgesehen sind, ebenso der Denkmalschutz wesentliche Vorgaben. Einerseits hat die Lage östlich des Stadtparks und der ZUM inmitten der Innenstadt Nord ein hohes Potential und damit eine hohe Verantwortung

für die künftige Entwicklung, andererseits liegt hier seltene Geschichte vergraben: Durch dieses Quartier zog sich im Mittelalter die historische Stadtmauer zwischen Protestanten und Katholiken, zwischen kaiserlicher Reichsstadt und bischöflicher Stiftsstadt, die sich zeitweise bekriegten. Die historisch wertvolle Bausubstanz in den Anwesen Promenadestraße 5 und 7 (siehe Satellitenfoto oben) sowie der mittelalterliche Wohnturm und die Reste der Stadtmauer sollen erhalten DER ALTSTADTBRIEF 48/2021

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bleiben. Für die Sparkassenarkaden, ein Bau aus den 50er Jahren, haben die Architekten „freie Hand“. Allerdings sprach sich im März 2019 eine hochkarätig besetzte Expertengruppe Städtebaulicher Denkmalschutz dafür aus, dieses Gebäude an der Königstraße in seiner Substanz zu erhalten, statt es für einen neuen Komplex komplett abzureißen. Davon, dass es sich in keinem besorgniserregenden Zustand befindet, konnten sich Besucher der inzwischen wieder geschlossenen „Kunstarkaden“ überzeugen. „Überhaupt stellt sich das Haus als eines der ganz wenigen typischen 50er-Jahre-Bauten im Allgäu dar, ein Stein gewordener Zeitzeuge des Wirtschaftswunders nach dem Krieg, der eine solide Grundstruktur aufweist und in den 90er Jahren bereits grundlegend saniert wurde“, schrieb das architekturforum allgäu 2019 in seiner Publikation „randnotiz.22“. Ebenfalls bemerkenswert ist, dass die von der Sparkasse beauftragte CIMA, ein Münchener Büro für Stadtentwicklung, drei Varianten für die Nutzung ausgearbeitet hatte, darin eine Markthalle, einen Bio-Fachmarkt oder einen klassischen Supermarkt; man entschied sich für letzteres. Ein solcher Markt wird samt Lager und Lieferzone einen großen Teil der insgesamt 2.630 m erdgeschossigen Quartiersfläche beanspruchen, die dann für anderes fehlen. 26

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Renommierte Städteforscher sprechen hingegen längst (und durch die Coronakrise stark beschleunigt) von einem Ende der „Konsum-Phase“ in Innenstädten und entsprechend schrumpfenden Verkaufsflächen, der einen anderen, kreativen und weniger konsumorientierten Nutzungsmix mit mehr und anderer Aufenthaltsqualität auch jenseits von Ladenöffnungszeiten erfordere. Im Frühjahr 2023 sollten Bürgerinnen und Bürger anhand von Modellen mehr sehen können. Anschließend wird eine Jury aus Vertretern von Sparkasse, Politik, Verwaltung und Gestaltungsbeirat, dazu beratend Bürgervereine wie der unsere, entscheiden. Wir hoffen auf die Fantasie und Weitsicht von städteplanerisch ganzheitlich orientierten Architekturbüros, welche die gerade durch die Pandemie verstärkt hinterfragte „Zukunft der Innenstädte“ und das darin miteinander zu verknüpfende Leben von Einkaufen, Gastronomie, Wohnen, Kultur und Freizeit im Fokus haben. Nur: Allein (nebst einem Supermarkt), wie in der Presse zu lesen war, noch ein schickes oder uriges Café mehr, dazu ein paar „Pop-Up-Stores“, deren reaktives Konzept ist, Leerstände(!) nur provisorisch zu füllen, plus ein weiterer eher abends genutzter Veranstaltungssaal für „die Kultur“ werden es nicht richten – das klingt eher „so 90er“.


FREUNDE DER ALTSTADT KEMPTENS e.V.

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