DIE ERNÄHRUNG VOLUME 46 | 01.2022

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Blockchain für die Lebensmittelindustrie Viele haben den Begriff Blockchain schon gehört, die meisten verbinden damit aber nur virtuelle Währungen wie z.B. Bitcoins. Die dahinterstehende Technologie kann aber viel mehr, was in diesem Beitrag konkret für die Lebensmittelindustrie aufgezeigt werden soll. Gerhard Laga

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echnisch gesehen ist jede Blockchain eine Datenbank, die von mehreren Teilnehmern betrieben wird, und wo die eingebrachten Daten automatisch an alle Teilnehmer der Blockchain übermittelt werden. Jeder Teilnehmer der Blockchain hat also eine identische Kopie aller Daten, die von den anderen Teilnehmern in die Blockchain gespeichert werden. Anders als bei anderen Software-Technologien kann man eine Blockchain nicht alleine betreiben. Dies würde auch technisch keinen Sinn machen, da Blockchains im Vergleich zu anderen Datenbanken verhältnismäßig langsam und träge reagieren. Blockchain ist eine „Truth machine“ und sorgt dafür, dass digitale Daten so gespeichert werden, dass jede nachträgliche Änderung sofort auffällt und sich nicht durchsetzen kann. Dies geschieht dadurch, dass Daten in zeitlichen Blöcken gespeichert und mit einer Prüfsumme gesichert werden. Vereinfacht dargestellt speichert beispielsweise die Bitcoin-Blockchain alle Transaktionen, die innerhalb von 10 Minuten durchgeführt werden, in einem Block ab. Danach wird eine Prüfsumme mittels eines Algorithmus be-

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Gerhard Laga

rechnet („gemined“), der sehr schwer errechnet, aber einfach durch jeden Teilnehmer nachgeprüft werden kann. Diese Berechnung erfolgt durch sogenannte „Miner“, ist aber freiwillig und keine Voraussetzung für die bloße Verwendung von Bitcoin. Gleichzeitig werden die in der Blockchain gespeicherten Daten automatisiert an alle Teilnehmer verteilt, sodass dadurch eine hohe Datenresilienz erreicht werden kann – solange auch nur ein Teilnehmer mitmacht, sind alle Daten dieser Blockchain reproduzierbar. Dadurch wird Vertrauen auch zwischen unbekannten Teilnehmern der Blockchain geschaffen, da dies aus der Technologie und nicht der Vertrauenswürdigkeit der Teilnehmer entsteht.

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Ausgehend von diesen beiden Grundsätzen (Speicherung in Blöcken und automatische Verteilung an alle Teilnehmer) gibt es unterschiedlichste Einsatzmöglichkeiten, die auch durch unterschiedliche Technologien und Konfigurationen abgebildet werden. Beispielsweise ist die oft vorgebrachte Kritik der Energieverschwendung von „Blockchain“ zwar für einen Großteil der aktuellen Kryptowährungen richtig, aber nicht immanent für BlockchainAnwendungen. Andererseits löst die Technologie die Abhängigkeit von einer bestimmten einzelnen Datenbank, die ja bisher auch von einem bestimmten Betreiber gewartet werden muss, auf den sich alle Teilnehmer einlassen müssen. In manchen Projekten mit vielen unterschiedlichen Teilnehmern ist gerade dies – nämlich den einen Betreiber zu finden und fair zu bezahlen – ein Stolperstein. Was sind nun mögliche Anwendungsfälle in der Lebensmittelindustrie? An erster Stelle ist an die Verfolgbarkeit für Lieferketten (Supply Chains) im Lebensmittelbereich zu denken. Dabei geht es um die Rückverfolgbarkeit bei der Herstellung, dem Transport und dem Handel von einzel-

nen Gütern. Die Waren oder deren Gebinde können von Beginn an mit einem Sender versehen werden, der Ort und Zeitpunkt automatisch in eine Blockchain schreibt. Anders als bisher muss man diesen Angaben daher nicht mehr nur vertrauen, sondern kann sie im historischen Kontext auf Plausibilität prüfen. Theoretisch kann man der Milch gebenden Kuh mittels Webcam beim Grasen zusehen und die GPS-Daten werden vom Halsband direkt in die Blockchain gesendet. Die Milchgebinde/Tankwagen senden ebenfalls Zeit und Ort in die Blockchain und machen die verarbeitende Molkerei transparent. Die einzelnen Chargen z.B. vom Joghurt werden bei der Produktion mit Seriennummern individualisiert und ebenfalls in der Blockchain angelegt, damit ihr weiteres Transportschicksal (z.B. inkl. Temperatur und Luftfeuchtigkeit des Inneren des Kühl-LKWs) auch aus der Blockchain ausgelesen werden können. Dass das keine reine Fantasie ist, zeigen im internationalen Kontext bereits verfügbare Pilotprojekte wie z.B. von IBM, die bereits seit Jahren die Blockchain-basierende „Food Trust “-Lösungen im Einsatz hat.