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Österreichische Post AG, MZ 02Z030068 M Verband österreichischer Schweinebauern, Dresdnerstrasse 89/18,1200 Wien

Ausgabe Österreich 4/2019

Tierschutz, Tierwohl, Tiergerechtheit? www.schweine.at


Ausgabe Österreich 4/2020 16

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Inhalt

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Leitartikel

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Kommentar

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Interview

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Markt

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Mit dem Rüssel in Brüssel

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Ferkelmarkt

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Recht & Politik

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Biosicherheit

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Reinigung

Im Interview

Reinigung ...

... EU-Abgeordnete Simone Schmiedtbauer ...

... nicht nur im Stall, Reinigung auch auf den Treibwegen, Transportern und Gerätschaften ...

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AMA

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Ferkelkastration

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Neue Schweinezucht-Genossenschaft

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Zucht

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Tierwohl

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Kupierverzicht in Deutschland

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Studienreise - Bericht

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Rezept & Rätsel

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Wintertagung 2020

Ferkelkastration ...

Zuchtprogramm ...

... mit örtlicher Betäubung durch den Tierarzt in Bayern ...

... mit PIG Austria intelligente Genetik ...

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Studienreise ... nach Südschweden und Dänemark ...

IMPRESSUM

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Rezept-Tipp ... Mostbraten mit Wurzelsauce und Grammelsterz ...

Herausgeber u. Verleger: Verband Österreichischer Schweinebauern (VÖS), Dresdnerstr. 89/18 1200 Wien, Tel. 01/33417 21 DW31, E-Mail: office@schweine.at - IBAN-Nr. AT 71 3200 0000 0384 2333, BIC-Nr.: RLNWATWW Für den Inhalt verantwortlich: Maria Straßmayr, VÖS-Geschäftsführerin. Mit Namen gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder der Herausgeber wieder. Grafik und Satz, Layout: Mag. Heinz u. Susanne Ebner GmbH, Sandwirtgasse 9/6, 1060 Wien, E-Mail: ebner@fresco.at Ständige Autoren: Dr. Peter Knapp, Dr. Johann Schlederer, DI Johann Stinglmayr, Hans Peter Bäck, Ing. Franz Strasser Anzeigen: Karin Greilinger, Dresdnerstr. 89/ 5. Stock, 1200 Wien, Tel. 01/334 17 21 DW31 Druck: Leykam Druck GmbH&CoKG, Bickfordstr.21, 7201 Neudörfl Titelfotos: Fraukoeppl Mit freundlicher Unterstützung

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Foto: FRAUKOEPPL

e Walter Lederhilger VÖS-Obmann

Klimadiskussion muss am Ende regionale Produktion stärken

Es sind schon einschneidende Entwicklungen am Schweinemarkt, die durch die massive Ausbreitung der afrikanischen Schweinepest im asiatischen Raum verursacht werden. Offiziell bestätigt ist, dass China 41% des Schweinebestandes verloren hat; Insider sprechen eher von 50%. Allein die 41% bedeuten eine weltweite Reduzierung des Schweinebestandes von rund einem Viertel. Es wird mindestens 6–7 Jahre dauern, bis die Eigenversorgung der Chinesen annähernd die ursprüngliche Größenordnung erreichen wird. Exportorientierte Schlacht- und Zerlegebetriebe profitieren aktuell besonders von diesen attraktiven Exportmöglichkeiten nach China. Das vom Gesundheitsministerium, Nachhaltigkeitsministerium und der AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) eingerichtete Büro für veterinärbehördliche Zertifizierung (BvZert) hat die Betriebe professionell begleitet, um den ständig steigenden Exportanforderungen der Drittstaaten gerecht zu werden. Normalerweise reagiert die Schweinebranche in Marktsituationen wie dieser mit einer entsprechenden Steigerung der Produktion. Aus meiner Sicht wird diese Produktionssteigerung in Europa nicht in derselben Größenordnung ausfallen wie in der Vergangenheit. Ganz im Gegenteil –

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aktuelle Themen wie Kastration, Schwanzkupieren, Tierwohl, Umweltthemen und zuletzt CO2-Bilanzen und Klimawandel bestimmen die Diskussion in der Tierhaltung.

Eingriffe – Kastration

auf mögliche Diskussionen in diesem Bereich vor. Wir sind bemüht, in einem Forschungsprojekt gemeinsam mit der Wissenschaft umsetzbare Alternativen zu prüfen, die vor allem unsere bäuerlichen Strukturen berücksichtigen.

EU- Audit Schwanzkupieren Deutschland hat mit seinem Beschluss die Kastration ohne Schmerzausschaltung mit Ende 2020 zu verbieten das öffentliche Interesse und den Druck auf Weiterentwicklungen drastisch erhöht. Die möglichen Alternativen kennen wir alle, diese sind nicht ausgereift und in der Praxis schwer umzusetzen. Entsprechende Forschungsarbeiten zur lokalen Betäubung laufen derzeit unter Federführung der VetUni München. Auch der VÖS bereitet sich

Um die Umsetzung des EU Rechtes im Tierschutz zu prüfen, hat die EU-Kommission nach den Niederlanden, Dänemark, Spanien, Italien und Deutschland heuer in Österreich ein Audit abgehalten. Es wurde geprüft, ob das Schwanzkupieren, so wie es die Ausnahmeregelung vorsieht, punktuell und nur bei Bedarf angewandt wird, oder ob dies routinemäßig durchgeführt


CO2 Bilanz – Klimaschutz In einem Sonderbericht des Weltklimarates wurde festgestellt, dass die Land- und Forstwirtschaft weltweit für 23% der von Menschen verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich sei. Die Tierhaltung steht dabei besonders im Fokus. Klimaschonende Maßnahmen zu setzen ist mit Sicherheit eine der wichtigsten Aufgaben und Herausforderungen. Eines muss jedoch festgehalten werden: In Österreich ist der Landwirtschaft nur 10% der Emissionen zuzurechnen, 90% kommen von anderen Sektoren, wobei mit 45% die Energiewirtschaft und Industrie und mit 30% Verkehr und Mobilität die größten Verursacher sind. Die beinahe flächendeckende Teilnahme an ÖPUL-Programmen und Kreislaufwirtschaft haben den Humusaufbau unserer Böden unterstützt und somit die Kohlenstoffspeicherung verbessert. 1 Hektar Mais bindet 48 Tonnen CO2 und liefert 36 Tonnen Sauerstoff. Heimisches Schweinefleisch wird laut zweier Studien (BOKU 2011, Leip 2010) klimaschonend hergestellt und verursacht mit rund 4,95 kg CO2-Aäquivalent je kg Frischfleisch nur etwa halb so viel Emissionen, als ausländische Produktionen. Auch das Tierwohl ist eine wichtige Anforderung, die in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert hat. Zu beachten ist, dass besonders tierfreundliche Haltungssyste-

© Straßmayr

wird. Bevor Eingriffe, wie das Schwanzkupieren, vorgenommen werden, sind alle anderen Maßnahmen zu treffen, die ein mögliches Schwanz- und Ohrenbeißen vermeiden. Die EU-Mitgliedsstaaten haben nun Aktionspläne zu erarbeiten. In Anlehnung an Deutschland wird es notwendig werden, am Schweinebetrieb eine Risikoanalyse durchzuführen und entsprechende Dokumentationen zu führen. Das zuständige Gesundheitsministerium erstellt derzeit mit der Branche entsprechende Umsetzungspläne.

me, die den Tieren viel Platz und Auslauf bieten, auch höhere Emissionen verursachen können – Zielkonflikte sind hier also vorprogrammiert. Aktiver Klimaschutz heißt daher: Regionale Produkte forcieren, kurze Transportwege und die Eigenversorgung mit heimischen Lebensmitteln sicherstellen!

Lebensmittelkennzeichnung Mehr Transparenz und eine bessere Herkunftskennzeichnung ist eine der wichtigsten Maßnahmen, um die geforderten Klimaziele zu erreichen. Mit dem AMA Gütesiegel als einzig staatlich anerkanntes Gütezeichen haben wir gute Voraussetzungen, künftig noch deutlicher unsere hohen Standards und Haltungsformen abzubilden. Irreführende Kennzeichnungen, bei denen oft nur schwer die tatsächliche Herkunft der Primärrohstoffe erkennbar ist, darf es künftig nicht mehr geben. Im Lebensmittel- und Verbraucherschutzgesetz sind hier noch eindeutigere Kriterien und Regelungen vorzugeben, um die Konsumenten vor Täuschung zu schützen. Die Menschen wollen wissen, wo die Lebensmittel herkommen, daher ist es naheliegend, auch in der Gastronomie, Großküchen und Hotellerie eine klare Kennzeichnung einzuführen. Die Schweiz zeigt uns, dass eine Kennzeichnung im Außerhauskonsum möglich ist. Die aktuelle Klimadiskussion ist auch für die Landwirtschaft eine große Herausforderung und verlangt innovative Konzepte, Diversifizierung und ein Festhalten an einer umweltgerechten Wirtschaftsweise. Die Eigenversorgung mit regionalen und saisonalen Lebensmitteln muss dabei das wichtigste und ein strategisches Ziel sein, und wird auch Chancen und Perspektiven für die bäuerlichen Familienbetriebe bringen.

Anteil der Sektoren an den Treibhausgas-Emissionen 2017. Quelle: Umweltbundesamt

Maria Straßmayr VÖS-Geschäftsführerin

Auswertung der Antibiotika-Abgabedaten Anfang September erreichte viele Schweinehalter (TGD-Mitglieder) eine Zustimmungserklärung bzgl. einer Auswertung zu den vom Tierarzt an den Landwirt abgegebenen Antibiotika-Mengen. Diese Auswertung ist eine einfache Möglichkeit, seine Antibiotika-Mengen kompakt zusammengefasst dargestellt zu bekommen und gleichzeitig zu sehen „wo stehe ich mit meinem Betrieb, im Vergleich zu anderen“. Darüber haben wir bereits berichtet. Auf Basis der Veterinär-Antibiotika-Mengenströme-Verordnung (2014) wird der Vertrieb an tierärztliche Hausapotheken und die Abgabe von Antibiotika an landwirtschaftliche Betriebe erfasst. Auswertungen dieser Erfassung werden jährlich von der AGES erstellt und in einem Bericht an das BMASGK veröffentlicht (www.ages.at). Einzelne Landwirte können aus diesen Auswertungen keine Rückschlüsse für die eigenen Betriebe ziehen. Es sind jedoch Daten zu den bezogenen Antibiotikamengen auf den einzelnen Betrieb vorhanden. Um diese, seit bereits 3 Jahren vorhandenen Daten, auch für den Schweinehalter nutzbar zu machen, hat sich der TGD in enger Abstimmung mit dem VÖS dafür eingesetzt, diese Auswertungen zur Verfügung zu stellen. Dank der Unterstützung des Gesundheitsministeriums ist dies nun möglich. Durch die Darstellung der Antibiotika Abgabedaten des eigenen Betriebes im Vergleich zu anderen Betrieben können Optimierungsschritte folgen. Sprechen Sie auch mit ihrem Tierarzt oder der Erzeugerorganisation darüber. Weiters kann jeder einzelne Betrieb nun nachvollzeihen, welche Daten vom Tierarzt zur AGES gemeldet wurden. An dieser Stelle kann ich nur an Sie appellieren: Lassen Sie sich Ihre Auswertung erstellen!

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Im Interview: Simone Schmiedtbauer

Simone Schmiedtbauer wurde am 8. Juni 1974 in Graz geboren. Nach der Matura am Gymnasium der Schulschwestern Graz-Eggenberg begann ihre berufliche Laufbahn in einer Bank. Seit dem Jahr 2000 bewirtschaftet sie gemeinsam mit ihrem Mann einen Schweinemastbetrieb mit Direktvermarktung. Neun Jahre später kam sie als Quereinsteigerin zur Politik und wurde 2014 Bürgermeisterin von Hitzendorf. Heuer wurde sie zur Abgeordneten im Europäischen Parlament gewählt und ist im Ausschuss für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung vertreten.

Simone Schmiedtbauer Abgeordnete im EU-Parlament Ausschuss für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung Quelle: EPP Photo Service/Stavros Tzovaras

Frau Schmiedtbauer, wo liegen derzeit die Schwerpunkte des Ausschusses für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung? Und vor welchen Herausforderungen sehen Sie die Schweineproduktion in Europa und Österreich aktuell? Ein Schwerpunkt der derzeitigen Ausschussarbeit liegt ganz klar bei den Verhandlungen rund um die zukünftige gemeinsame Agrarpolitik. Neben der finanziellen Ausstattung (siehe Folgeseite) diskutieren wir insbesondere ein neues Umsetzungsmodell hin zu einer ergebnisorientierteren Politik wie auch eine neue Umweltarchitektur. Vor allem das Ausmaß des sogenannten „Öko-Schemas“ wird uns noch intensiver beschäftigen. In den kommenden Wochen und Monaten kommen hier intensive Sitzungen und Termine auf uns zu. Darüber hinaus behandeln wir derzeit verschiedene Handelsabkommen und Zollkontingente, neben MERCOSUR etwa mit den USA oder der Ukraine. Hier ist besonders Vorsicht geboten, dass für unsere heimischen Bäuerinnen und Bauern keine Nachteile entstehen. In der Schweineproduktion ist ein, wenn nicht das dominierende Thema, die Afrikanische Schweinepest (ASP). Einerseits hat sich dadurch der Export, vor allem nach China, deutlich erhöht, andererseits muss alles dafür getan werden, dass sich die ASP nicht weiter ausbreitet. In Österreich sehe ich insbesondere die Themen Vollspaltenbodenhaltung, Kastration aber auch die Eigenversorgung mit heimischem Fleisch als Herausforde-

6 | Interview | 4 2019

rung. Das gilt auch für die öffentliche Debatte, die gerne an uns Bäuerinnen und Bauern vorbei erfolgt.

Nach dem ersten etwas holprigen Hearing mit dem Agrarkommissar Janusz Wojciechowski gab es eine zweite Runde und der Pole wurde vom EU-Parlament als Agrarkommissar bestätigt. Wie denken Sie über die Zusammenarbeit mit dem neuen Agrarkommissar? Wo sehen Sie Schwierigkeiten und wo gemeinsame Ziele? Beim ersten Hearing haben uns Ausschussmitgliedern über weite Strecken klare Aussagen und konkrete Zusagen wie auch Details gefehlt. Beim zweiten Durchgang war Herr Wojciechowski besser vorbereitet und seine Antworten waren deutlich aufschlussreicher. Er hat mir auf Nachfrage versprochen, Kampfgeist zu zeigen und sich für die Interessen von uns Landwirtinnen und Landwirten einzusetzen. Ob er der geeignete Partner für uns sein wird, bleibt abzuwarten, mein Vertrauen muss er sich erst erarbeiten. Gemeinsame Ziele sehe ich jedenfalls im Kampf für ein wohl dotiertes Agrarbudget, beim Bürokratieabbau und beim Erhalt unserer lebensnotwendigen bäuerlichen Strukturen. Schwierigkeiten könnten sich bei der Diskussion rund um die Mittelverteilung – Stichwort Capping und Degression – ergeben. Wir stehen allerdings noch ganz am Beginn der Funktionsperiode, vieles wird sich in den kommenden Wochen


und Monaten zeigen. Wichtig wird sein, dass sich unser Agrarkommissar im Bedarfsfall auch gegen seine Kommissionskollegen durchsetzen kann.

Bisher gibt es noch keine Klarheit über die finanzielle Ausstattung der nächsten GAP. Kürzungen im Gesamtbudget stehen im Raum und gleichzeitig höhere Anforderungen für die Landwirte. Wie sehen Sie diese Diskrepanz und was sind Ihre Forderungen für die GAP Reform? Eine Kürzung des Budgets bei gleichzeitig steigenden Anforderungen an uns Landwirtinnen und Landwirte ist völlig inakzeptabel. Unsere Bäuerinnen und Bauern arbeiten schon jetzt unermüdlich und sehr effizient. Für mich ist ganz klar: wer mehr Leistung, etwa im Umwelt- und Klimaschutz, haben möchte muss auch mehr dafür bezahlen. Dafür setze ich mich weiterhin mit all meiner Kraft ein. Einen der wichtigsten Punkte der GAP Reform betrifft die ökonomische Perspektive: nur wer langfristig das wirtschaftliche Überleben seines Betriebes gesichert weiß, ist auch weiterhin motiviert dafür zu arbeiten. Hier braucht es die richtigen Maßnahmen und Unterstützungen, gerade auch für die jungen Landwirtinnen und Landwirte. Sie sind die Zukunft des ländlichen Raums, sie gilt es besonders zu fördern. Darüber hinaus gilt es unsere Bäuerinnen und Bauern beim Verwaltungsaufwand zu entlasten, die Bürokratie muss spürbar weniger werden. Vor dem Hintergrund der immer stärker spürbaren Klimaveränderungen braucht es geeignete Risikoabsicherungsinstrumente und einen noch stärkeren Fokus auf Forschung und Entwicklung, um die Herausforderungen der Zukunft meistern zu können.

gen die Bäuerinnen und Bauern und die gesamte österreichische Landwirtschaft beschäftigen. Nur so hat man ein Gespür dafür, wie sich Entscheidungen auf europäischer Ebene auf den einzelnen Betrieb auswirken und so kann ich mich gezielter für praktikable Lösungen einsetzen. Die ländlichen Regionen sind das Rückgrat unserer Gesellschaft. Nur wenn wir diese mit Leben erfüllen, bleibt unser Land so lebenswert wie es heute ist. Das habe ich zu einem Leitbild meiner Tätigkeit in Brüssel erhoben.

Das Handelsabkommen Mercosur wurde vom Nationalrat abgelehnt. Auf EUEbene ist dies aber noch nicht ganz vom Tisch. Wie stehen Sie zu Handelsabkommen und wo sehen Sie Vor- und Nachteile für die heimische Landwirtschaft? Ich bin wirklich froh, dass der Nationalrat ein Veto beim MERCOSUR-Abkommen eingelegt und dieses auch weiterhin Bestand hat. Auch im EU-Agrarausschuss wurde das Abkommen sehr kritisch diskutiert und wird von einer großen Mehrheit meiner Kollegen abgelehnt. Ich bin der Meinung, dass man jeden Handelsvertrag separat betrachten muss. Für Österreich als Exportland hat der internationale Handel große Bedeutung, auch im Agrarbereich. Im konkreten Fall überwiegen aber die Nachteile für die heimische Landwirtschaft deutlich, österreichische Rindfleisch-, Geflügel- und Zuckerproduzenten sind direkt davon betroffen. Wir fordern vehement eine Auswirkungsstudie ein,

um die konkreten Folgen für den österreichischen Agrarsektor genau bewerten zu können. Zusätzlich habe ich beim Klima-, Umwelt-, Pflanzen- und Tierschutz große Bedenken, die hohen EU-Standards müssen auch bei Importen gewahrt bleiben. Vor diesem Hintergrund darf dem MERCOSUR-Abkommen in der vorliegenden Form keinesfalls zugestimmt werden.

Die Kennzeichnung wird von der heimischen Landwirtschaft (LKÖ, NTÖ) im Außer-Haus-Konsum gefordert. Wie stehen Sie zu diesem Thema und wird das Anliegen auch von Ihnen unterstützt? Die transparente und nachvollziehbare Herkunftskennzeichnung ist mir ein echtes Herzensanliegen. Unsere Konsumentinnen und Konsumenten sollen einfach nachvollziehen und bewusst entscheiden können, welche Lebensmittel sie aus welcher Produktion bzw. Herkunft sie kaufen. Insbesondere im Außer-Haus-Konsum haben wir noch sehr viel Aufhol- und Verbesserungsbedarf, etwa was verarbeitete Produkte oder die Gemeinschaftsverpflegung betrifft. Die Österreicherinnen und Österreicher wollen und müssen wissen, woher das Essen auf ihren Tellern und die Getränke in ihren Gläsern kommen. Damit schaffen wir einen echten Mehrwert für unsere Bäuerinnen und Bauern und erleichtern den bewussten Griff zu unseren hochqualitativen Lebensmitteln aus heimischer Produktion. Auf europäischer Ebene werde ich mich deshalb intensiv für die Herkunftskennzeichnung einsetzen.

Sie sind selbst Schweinehalterin und kommen aus einer ländlichen Region, in wie weit helfen Ihnen diese Erfahrungen im EU Parlament die Interessen der österreichischen Landwirte zu vertreten? Als aktive Bäuerin bin ich sowohl im Agrarausschuss wie auch im Europäischen Parlament klar in der Minderheit. Meine Erfahrungen als Landwirtin, aber auch als ehemalige Bürgermeisterin sind für meine Arbeit in Brüssel ungeheuer wertvoll und wichtig. Seit vielen Jahren erlebe ich hautnah, welche Themen, Anliegen und Sor-

Die Ausbreitungsgefahr der Afrikanischen Schweinepest (ASP) ist auch im EUParlament derzeit das dominierende Thema. Foto: Adobe Stock

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Erfreulicher Herbst für heimische Schweinebauern

Dr. Johann Schlederer Koordinator Ö-Börse

Positive Begleitumstände charakterisieren momentan den Schweinemarkt. Hintergrund für die erzeugerfreundliche Situation ist die hinlänglich bekannte ASPbedingte Schweinefleischnachfrage in Asien, insbesonders aus China. Die afrikanische Schweinepest (ASP), die seit fünf Jahren auch am EU-Territorium ihre Spuren hinterlässt, hat in China und ganz Asien für außerordentlich dramatische Verhältnisse gesorgt. Letzten Informationen zufolge, liegt der Verlust des Schweinebestandes in China mittlerweile bei ca. 40%. Rechnet man die Verluste der übrigen asiatischen Länder wie Südkorea, Kambodscha, Philippinen und Vietnam hinzu, so muss man davon ausgehen, dass bereits ein Viertel des Weltschweinebestandes der ASP zum Opfer gefallen ist. Dies entspricht der gesamten Schweinepopulation Europas. Damit ist klar, dass durch diesen Verlust auch der gesamte Weltschweinefleischmarkt mit geänderten Vorzeichen gesehen werden muss. Was noch vor einem Jahr weltweit im Überfluss und billigst vorhanden war, ist nun knapp und wertvoll geworden. Nach langwierigen und schwierigen Phasen in jüngster Vergangenheit ist dies für alle Schweinebauern eine willkommene Tatsache.

Folgenabschätzung für Fleischbranche hat begonnen In der Fleischmarktbeobachtungsgruppe der EU-Kommission wurde Mitte Oktober über die Auswirkungen der aktuellen Geschehnisse berichtet und diskutiert. Recht einheitliche Meinung bestand darüber, dass trotzdem die Schweinepreise nicht ins Unermessliche steigen werden, da die in Asien stark gestiegenen Verbraucherpreise zu Konsumveränderungen Richtung Fisch, Geflügel und Rindfleisch führen werden. Weiters äußert die EU-Kommission Bedenken, dass die enorme Nachfrage aus Asien zu erheblichen Strukturveränderungen in der fleischwirtschaftlichen Wertschöpfungskette führen könnte. Da Schlacht- und Zerlegebetriebe mit Exportlizenzen bis zu € 20,- je Schwein mehr erlösen können als ausschließliche Binnenmarktvermarkter, wird angenommen, dass einige Unternehmen ohne Asienexport diesen Wettbewerbsnachteil nicht auf Dauer durchhalten können. Die EU-Kommission ver-

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wies in dem Zusammenhang darauf, dass man auch an später denken sollte, d.h., an die Zeit, wenn Asien sich aus der ASP-Rezession wieder erholt hat, und man dann ja auch den Heimmarkt wieder dringend brauchen würde. Die meisten Expertenmeinungen zur Dauer der überdurchschnittlich hohen Nachfrage aus Asien lauten zurzeit ca. fünf bis sieben Jahre.

Einsatz für China-Export hat sich gelohnt Die aktuelle Weltmarktentwicklung zeigt auch, dass die Lizenzierung bedeutender Schlachtund Zerlegebetriebe in Österreich genau zum richtigen Zeitpunkt stattfand. Landwirtschaftskammer und Schweinebörse waren bei der Entwicklung notwendiger Formalitäten, wie z. B. Textierung des Lieferscheines maßgeblich beteiligt. Der besondere Dank gilt diesbezüglich dem Leiter des Büros für veterinärbehördliche Zertifizierung dem österreichischen Chefveterinär Dr. Ulrich Herzog. Länder mit keiner Möglichkeit zu Asienexporten, wie z. B. das wegen ASP gesperrte Belgien, sind im Laufe dieses Jahres ca. 10 bis 15 Cent ins Hintertreffen geraten.

Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht! An dieser Stelle richten wir zum x-ten Mal den Appell an alle Schweinehalter, Jäger, Touristen, Saisonarbeiter, Fernfahrer etc., sehr vorsichtig zu sein im Hinblick auf Fleischprodukte aus betroffenen Gebieten. Speziell der Jagdtourismus in Süd- und Südosteuropa sei besonders gewarnt, nachdem im Spätsommer weitere betroffene Gebiete in Ungarn, Slowakei und in Serbien zu bereits bestehenden Risikogebieten in Rumänien, Bulgarien und Ukraine sowie Polen und dem Baltikum hinzugekommen sind. Wann, wenn nicht jetzt, sollen alle verstehen, wie wertvoll Seuchenfreiheit sein kann und das soll so bleiben.


Mit dem Rüssel in Brüssel Holland überrascht mit Vollbremsung und Rückwärtsgang Eine der progressivsten Volkswirtschaften Europas beschreitet in Folge der globalen Klimadiskussion (Stickwort Pariser Abkommen) einen extrem mutigen Weg. Wird der Plan der „Entschleunigung und Restrukturierung“ so umgesetzt, wie er derzeit am Tisch liegt, dürfte dies nicht nur erhebliche Auswirkungen für die intensive holländische Tierhaltung haben.

Umsetzung der NEC-Richtlinie und CO2-Reduktion Vor dem Hintergrund der seit Jahren bekannten Emissionsreduktionsziele fasste der Oberste Gerichtshof in Holland einen revolutionären Beschluss und stoppte 18000 Bauvorhaben. Und zwar über alle Sparten, vom privaten Wohnungsbau über Landwirtschaft bis hin zu öffentlichen Bauten. Auch Straßenbau sowie die geplante Sanierung des Parlaments in Den Haag sind davon betroffen. Daran wird ablesbar, dass das Konzept nicht alleine gegen die Landwirtschaft gerichtet ist, sondern die gesamte Volkswirtschaft betrifft. Bevor weitergearbeitet werden kann, müssen alle Projekte auf deren Klimaauswirkung behördlich untersucht sein.

Regierung kauft Produktionsrechte

tiert ist, Schweinehalter besitzen Schweinerechte, Rinderhalter Phosphorquoten, werden diese Rechte auch innerhalb der Landwirtschaft gehandelt. Gut vergleichbar mit den Milchkontingenten, die auch bei uns bis vor kurzem gehandelt wurden. Neben dem Quotenpreis, der je nach Region unterschiedlich hoch liegt, zählt auch die sogenannte Geruchszahl - je höher die Schweinedichte, desto höher auch die Geruchszahl und das Alter der Stallanlage für die Bewertung der Stilllegungsprämie. Landwirte haben nun drei Monate Zeit einen Antrag auf Stilllegung und Entschädigung zu stellen. Man rechnet, dass durch diese Maßnahme die holländische Schweineproduktion eine Reduktion im Ausmaß von 10 bis 12% erfahren wird. Bezüglich Phosphorbelastung ist das Problem in der Rinderhaltung am größten. Für substantielle Rücknahmen in diesem Bereich dürften noch erheblich höhere Budgetmittel erforderlich sein.

Bauerndemos wegen Stickstoffreduktion um 50% Auch aufgrund der Tatsache, dass in Holland 168 Naturschutzgebiete ausgewiesen sind, muss die Stickstoffemission bis 2028 um 50% im Vergleich zu 2010 reduziert werden. Infolge dessen ist die gesamte landwirtschaftliche Produktion mit massiven Ein-

schränkungen konfrontiert. Gülleentsorgung kostet heute bereits ca. 30 Euro pro m³. Unter dem Lichte der bevorstehenden Restriktionen ist mit deutlichen Preissteigerungen in diesem Bereich zu rechnen. Dass durch die verschärften Bedingungen die holländischen Landwirte einer unsicheren und schwierigen Zukunft entgegenblicken ist verständlich. Der entsprechende Unmut drückte sich kürzlich in der größten Bauerndemo, die Holland je gesehen hat, aus. Tausende bäuerliche Demonstranten mit ihren Traktoren blockierten Autobahnen und Städte. Nur 14 Tage später machte es die Bauwirtschaft den Landwirten nach. Ob dieser gezeigte Widerstand eine Abschwächung der restriktiven Zukunft bewirken kann darf bezweifelt werden.

Insgesamt hat das Parlament ein Budget von 260 Mio. Euro beschlossen, wovon 180 Mio. Euro für die Stilllegung von Schweinebetrieben und 40 Mio. Euro für selbiges im Geflügelbereich reserviert sind. Weitere 40 Mio. Euro stehen für die Entwicklung von Innovationen zur Emissionsverminderung zur Verfügung. Auch die Verwaltung für dieses auf vier Jahre angesetzte Projekt wurde mit einem Etat von 20 Mio. Euro dotiert. Holland will dadurch die Reduktion des Stickstoffanfalles und die Geruchsproblematik in den Griff bekommen.

Kontingentpreis bestimmt Entschädigung

Da die landwirtschaftliche Produktion in Holland seit Jahrzehnten mit Quoten reglemen-

Auf der größten Bauerndemonstration Hollands drückten Bauern ihren Unmut durch Autobahnblockaden aus. Foto: Schlederer / COV 4 2019 | Mit dem Rüssel in Brüssel | 9


Das gute Niveau nutzen!

Hans-Peter Bäck Koordinator Ferkelausschuss ©Styriabrid

Der November bringt jedes Jahr am Ferkelmarkt Klarheit über den Betriebserfolg. Nach der üblicherweise angespannten Lage im Sommer und der darauffolgenden Herbstschwäche ist bis Jahresende nicht mehr von Preisreduktionen auszugehen. So stellt sich die Lage in „normalen“ Jahren dar – im heurigen Jahr ist die Situation eine andere.

Der Sommer brachte zwar erhebliche Mengenprobleme, die aber dem ausgezeichneten Niveau im wesentlichem nichts anhaben konnten, und die sogenannte Herbstschwäche ist komplett ausgefallen. Und auch wenn die Bäume nicht in den Himmel wachsen werden, gehen wir doch sehr optimistisch mit einer hervorragenden Ausgangsbasis ins neue Jahr. Ich möchte mich bei diesen äußerst positiven Entwicklungen nicht allzu lange in Marktinterpretationen verlieren und freue mich, genauso wie die Ferkelproduzenten, über diese Sondersituation, die hoffentlich noch länger anhält.

Welche Themen werden uns im nächsten Jahr beschäftigen? Neben der Afrikanischen Schweinepest, die uns hoffentlich nicht betreffen wird, ist mit Sicherheit der Umgang mit den Eingriffen bei Nutztieren eines der Kernthemen, die bearbeitet werden müssen. Das diesbezügliche Audit der EU Kommission zu diesem Thema im April ergab zwar, dass die Bestimmungen der 1. Tierhaltungsverordnung über den EU-Standard hinausgehen, aber auch, dass aus ihrer Sicht noch gewisse Punkte vorliegen, die Schwächen beinhalten. Insbesondere sind hier Mängel in der Dokumentation (diese ist Grundvoraussetzung für das Kupieren) genannt und das Fehlen eines Maßnahmenplanes zum Verhindern von Schwanzbeißen. Jedem in der Praxis Stehenden ist natürlich bewusst, dass diese Angelegenheit ein äußerst schwieriges Spannungsfeld ist, für welches Lösungen nur sehr schwierig zu finden sind.

10 | Ferkelmarkt | 4 2019

Trotzdem werden hier Lösungen zu suchen sein und der VÖS wird sich hier stark einbringen. Ein weiteres Thema sind die fehlenden Investitionen der vergangenen Jahre. Diese haben dazu geführt, dass nur die notwendigsten Dinge am Betrieb ersetzt wurden– von einer Vorwärtsstrategie war kaum etwas zu beobachten. Wie sehr ein Stillstand Probleme machen kann, ist auf etlichen Betrieben zu sehen, bei denen sich die biologischen Leistungen in den letzten Jahren massiv gesteigert haben, die gestiegene Ferkelanzahl aber immer noch im unveränderten Aufzuchtstall aufgezogen wird. Starke Leistungsprobleme und fallweise Aggressivität sind hier zu finden. Daher ist an die zukünftige Bundesregierung die Forderung nach einem umfangreichen, gut dotierten Investitionspaket für die Ferkelproduktion zu richten.

Ausgesprochen wichtig für das zukünftige Preisgefüge wird auch die Versorgung der Mastbetriebe mit österreichischen Ferkeln für das AMA Gütesiegelprogramm und damit das Aufrechthalten des Heimmarktes sein. Natürlich spielen hier auch Überlegungen bezüglich der Einbindung der Ferkelstufe in das AMA Gütesiegel eine Rolle. Der Ferkelausschuss im VÖS und die Bundesländerorganisationen beschäftigen sich schon seit längerem intensiv mit dieser nicht einfachen Thematik und haben heuer im Herbst klare Beschlüsse gefasst diese Einbindung aus heutiger Sicht abzulehnen. Neben der schwierigeren Marktsteuerung ist vor allem der Bereich der finanziellen Abgeltung absolut nicht zur Zufriedenheit gelöst. Anfang nächsten Jahres wird es weitere Gespräche zu diesem Thema geben.

Entwicklung der Ferkelpreise in Österreich von 2016 bis 2019. Quelle: Bäck


Schwanzkupieren – EU Bericht bemängelt heimische Umsetzung Wie in der Ausgabe 2/2019 auf den Seiten 12 und 13 ausführlich berichtet, wurde Österreich im heurigen Frühjahr von der EU zum Thema Schwanzkupieren auditiert. Ziel dieser Kontrolle war die Bewertung der heimischen Umsetzung einer EU-Richtlinie, die besagt, dass das routinemäßige Schwanzkupieren verboten ist. Nun liegt die schriftliche Bewertung des Auditteams zur festgestellten Situation in Österreich vor. Neben ein wenig Licht gibt es viel Schatten in diesem Bericht und Österreich wird darin aufgefordert, wirksame Maßnahmen zur Verhütung des Schwanzbeißens und zur Vermeidung des routinemäßigen Schwanzkupierens umzusetzen.

Die Anpassung der 1. THVO und die Entwicklung eines Systems der Risikobewertung werden nun seitens des zuständigen Gesundheitsministeriums zügig und zeitnah vorangetrieben. Die Branche wurde seitens des Ministeriums zur Entwicklung einer einzelbetrieblichen Risikoanalyse eingeladen. Wir werden uns auch dementsprechend einbringen, damit praxisverträgliche Lösungen möglich werden.

Konkrete Forderungen Steiniger Weg steht uns bevor Die konkreten Forderungen seitens der EU werden mit der Androhung eines Vertragsverletzungsverfahrens untermauert: •

Einführung einer verpflichtenden Dokumentation der Fälle von Schwanzbeißen/Ohrenbeißen auch am Ferkelerzeugerbetrieb. Derzeit besteht eine solche Verpflichtung nur für die Schweinemäster, die Tiere mit kupierten Schwänzen halten. Verpflichtung der Schweinehalter zur Durchführung von Verbesserungsmaßnahmen bei den 6 wichtigsten Risikofaktoren für Schwanzbeißen, bevor Schwänze kupiert werden.

Es wird am Ende dieses Prozesses vor allem der Bereitschaft der betroffenen Bäuerinnen und Bauern bedürfen, neu entstehende Herausforderungen und notwendige Maßnahmen auch anzunehmen. Seitens der Landwirtschaftskammern, der Erzeugergemeinschaften und der Tiergesundheitsdienste wird den betroffenen Bäuerinnen und Bauern eine bestmögliche Unterstützung zur Bewältigung dieser einschneidenden Veränderung über Informationskampagnen und konkrete Beratungsprodukte angeboten. Die kleinstrukturierten bäuerlichen Verhältnisse unserer heimischen Ferkelpro-

DI Johann Stinglmayr Koordinator Ausschuss Recht & Politik duktion und der hohe Spezialisierungsgrad zwischen Ferkelerzeugern und Schweinemästern macht es unerlässlich, dass Mastpartien jeweils aus mehreren bis vielen Herkünften zusammengestellt werden. Diese Besonderheit im EU-Vergleich macht die Umsetzung der EU-Vorgaben besonders herausfordernd. Will man diese einzigartigen Strukturverhältnisse bewahren, dann bedarf es auch besonderer Lösungen. Modelle aus anderen EU-Ländern werden deshalb für uns nur eine Orientierungshilfe darstellen können, aber nicht 1:1 kopierbar sein. Der Aktionsplan zum Kupierverzicht in Deutschland ist auf Seite 29 zu finden.

Zur Erfüllung dieser Forderungen bedarf es einer Anpassung der Tierhaltungsverordnung und der Einführung einer verpflichtenden Risikobewertung für die schweinehaltenden Betriebe.

Optimierungsmaßnahmen bei Risikofaktoren Folgende 6 Risikofaktoren sind dabei zu bewerten und bei Bedarf zu optimieren: • Beschäftigung • Stallklima • Gesundheit • Wettbewerb um Futter und Raum • Ernährung • Struktur und Sauberkeit der Bucht

Das routinemäßige Schwanzkupieren ist laut EU-Verordnung verboten. Foto: Fraukoeppl

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Schweinegesundheitsverordnung – Ende der Übergangszeit Spätestens am 1.1.2020 müssen fast alle Auflagen der Verordnung auf den schweinehaltenden Betrieben (die bereits am 31.12.2016 bestanden haben) umgesetzt sein. Die Schweinegesundheitsverordnung (SchwG-VO) ist am 1.1.2017 in Kraft getreten. Damit wurde eine rechtliche Grundlage geschaffen, die die schweinehaltenden Betriebe bestmöglich vor Tierseuchen und übertragbaren Krankheiten schützen soll. Voraussetzung ist natürlich, dass die in der Verordnung beschriebenen Biosicherheits- und Hygienemaßnahmen umgesetzt und täglich von den Betriebsleitern gelebt werden.

Bestimmungen ohne Übergangszeit Mit dem Inkrafttreten mussten zahlreiche Auflagen der SchwG-VO sofort von den schweinehaltenden Betrieben umgesetzt werden. In der nebenstehenden Auflistung sind dies die Punkte: 1. Betriebseigene Kontrollen 2. Tierärztliche Bestandsbetreuung (31. März 2017)

3. Dokumentation von Kennzahlen 4. Allgemeine bauliche Voraussetzungen 8. Freilandhaltungen

Bestimmungen mit Übergangszeit bis 1. Jänner 2020 Für die Umsetzung der restlichen Auflagen wurde eine Übergangszeit gewährt. Diese Frist läuft nun mit Jahresende ab. Spätestens am 1.1.2020 müssen, mit kleineren Ausnahmen, nun die Inhalte der folgenden Punkte verwirklicht sein und dauerhaft umgesetzt werden: 5. Zusätzliche bauliche Voraussetzungen 6. Betriebsablauf 7. Reinigung und Desinfektion

Bestimmungen mit Übergangszeit bis 1. Jänner 2025 Eine Ausnahme für die Umsetzung bis

spätestens 1.1.2020 besteht noch für einzelne Auflagen unter Punkt 5, die sich nur mit baulichen Maßnahmen verwirklichen lassen. Dies betrifft folgende Punkte, die bis spätestens 1.1.2025 umzusetzen sind: •

Das Handwaschbecken und der Wasserabfluss in der stallnahen Hygieneschleuse Geeignete Einrichtungen zum Verladen von Schweinen mit Rücklaufschutz Isolierstall

Schutz der Schweinebestände In Zeiten der Bedrohung unserer heimischen Schweinebestände durch die Afrikanische Schweinepest, aber auch zur Vermeidung der Einschleppung anderer Tierseuchen und übertragbarer Krankheiten, ist die Umsetzung der Auflagen der Schweinegesundheitsverordnung ein Gebot der Stunde. Entscheidend ist aber die bewusste und professionelle Handhabung der Biosicherheits- und Hygienemaßnahmen im täglichen Produktionsablauf. Zum Themenblock „Reinigen und Desinfizieren“ finden Sie in dieser Ausgabe praktische Lösungen und Ratschläge für eine der Verordnung entsprechende Umsetzung.

Wichtig Der Versicherungsschutz bei Tierversicherungen ist nur dann gewährleistet, wenn auch die Auflagen der Schweinegesundheitsverordnung erfüllt werden.

Die tierärztliche Bestandskontrolle ist einer der wichtigen Bestimmungen in der Schweinegesundheitsverordnung. Foto: Fraukoeppl

12 | Recht & Politik | 4 2019

DI Johann Stinglmayr Koordinator Ausschuss Recht und Politik


Schweinegesundheitsverordnung – Bestimmungen Die Bestimmungen unter den Punkten Betriebseigene Kontrollen(1), Dokumentation von Kennzahlen(3) und Allgemein bauliche Voraussetzungen(4) waren bereits mit 1.1.2017 umzusetzen.

Übergangsregelungen 31. März 2017 • Für die Meldung der Tierärztlichen Bestandsbetreuung (Punkt 2) 1. Jänner 2020 • Bestimmungen unter zusätzlichen baulichen Voraussetzungen (Punkt 5), wenn keine baulichen Maßnahmen notwendig sind • Bestimmungen unter Betriebsablauf (Punkt 6) • Bestimmungen unter Reinigung und Desinfektion (Punkt 7) 1. Jänner 2025 • Bestimmungen unter zusätzlichen baulichen Voraussetzungen (Punkt 5), wenn sie nur durch bauliche Maßnahmen umzusetzen sind. 1. Betriebseigene Kontrollen • Kontrolle sämtlicher Ein- und Ausstallungen • Aufzeichnung über verwendete Transportmittel • Reinigung und erforderlichenfalls Desinfektion der Eigentransportmittel nach jedem Transport (inkl. Dokumentation u. Aufbewahrung für 1 Jahr) 2. Tierärztliche Bestandsbetreuung • TGD-Mitgliedschaft erfüllt diese Anforderung 3. Dokumentation von Kennzahlen • Belegdatum • Belegeber • Umrauschen • Aborte • Wurfgröße (lebend und totgeborene) • Abgesetzte Ferkel 4. Allgemeine bauliche Voraussetzungen • Guter baulicher Allgemeinzustand der Stallungen • Sicherungsmöglichkeit der Ein- und Ausgänge der Stallungen • Kennzeichnung der Ein- und Ausgänge von Stallungen „Wertvoller Schweinebestand — Unbefugtes Betreten verboten" • Auslaufhaltung: - Kein Entweichen der Schweine - Kein Eindringen und direkter Kontakt von Wildtieren - Hinweisschild „Füttern und Betreten verboten" • Reinigung, Desinfektion und Schadnagerbekämpfung der Stallungen und deren Nebenräume muss möglich sein. - Wasseranschluss - Wasserabfluss • Einrichtung zur Reinigung und Desinfektion von Schuhwerk im Stall oder in Nebenräumen, mit Wasserabfluss • Ausreichend hell beleuchtet

5. Zusätzliche bauliche Voraussetzungen • Stallnahe Umkleidemöglichkeit (Hygieneschleuse) - Handwaschbecken - Wasseranschluss mit Abfluss zur Reinigung von Schuhwerk - Trennungsmöglichkeit von stalleigener Schutzbekleidung und abgelegter Straßenbekleidung, sowie von Schuhwerk • Stallnahe Möglichkeit zur Reinigung und Desinfektion des Schuhwerkes • Geeignete Einrichtungen zum Verladen von Schweinen, die so gestaltet sein müssen, dass ein Zurücklaufen von bereits verladenen Tieren in den Stall verhindert wird • Geeignete Einrichtungen zur Reinigung und Desinfektion von Transportfahrzeugen • Geeignete Kadaverlagerung - Reinigung und Desinfektion - Schutz vor unbefugtem Zugriff und Eindringen von Schadnagern, Haus- und Wildtieren - Auslaufsicher - Abholfahrzeuge - Abholfahrzeuge sollen Betriebsgelände nicht befahren • Isolierstall (Quarantäne für Zuchtschweine) - Verweildauer für mindestens 3 Wochen 6. Betriebsablauf • Stallungen dürfen von betriebsfremden Personen nur in Abstimmung mit dem Tierhalter betreten werden • Stallungen dürfen nur mit betriebseigener Schutzkleidung betreten werden • Vorsorge für ausreichend betriebseigene Schutzkleidung • Schutzkleidung muss nach Verlassen der Stallungen aufbewahrt, gereinigt - gegebenenfalls entsorgt werden • Dokumentation der täglichen Todesfälle • Futter u. Einstreu vor Wildschweinen geschützt lagern 7. Reinigung und Desinfektion Reinigen... • des Verladeplatzes nach jeder Ein- und Ausstallung • des Stalles zwischen Ausstallung u. Wiederbelegung • der betriebseigenen Fahrzeuge unmittelbar nach Tiertransport • von Maschinen und sonstiger Gerätschaften, die in der Schweinehaltung Verwendung finden • von Fahrzeugen für Sammeltransporte von Schweinen zum Schlachthof vor der ersten Beladung • der Kadaverlagereinrichtung nach jeder Entleerung • erforderlichenfalls sind im Anschluss an die Reinigung geeignete Desinfektionsmaßnahmen durchzuführen 8. Freilandhaltungen (Haltung von Schweinen im Freien ohne feste Stallgebäude, nur mit Schutzeinrichtungen) • Genehmigungspflichtig -> Ein Genehmigungsantrag ist bei der Bezirktsverwaltungsbehörde zu stellen. • Doppelte Einzäunung der Freiflächen • Die anderen Bestimmungen entsprechen weitgehend jenen der Stallhaltung

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Biosicherheit auf österreichischen Schweinebetrieben Ergebnisse einer Bachelorarbeit

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In Bezug auf die Hinderungsgründe ergab die Umfrage, dass mit etwas über 30% bauliche Gründe die Umsetzung von Biosicherheitsmaßnahmen am häufigsten verhinderten. Dies ist mit Sicherheit auch das am schwierigsten zu beseitigende Hindernis. Wie ein Teilnehmer es ausdrückte, wären viele Maßnahmen – auch baulich bedingte – eigentlich einfach umzusetzen, aber nur dann, wenn man einen Betrieb komplett neu auf einer freien Fläche planen und anlegen könnte: „Entweder den ganzen Betrieb wegreißen oder in die grüne Wiese bauen, was alleine aus finanziellen Mittel nicht möglich wäre. Falls Auflagen folgen, stirbt ein weiterer Betrieb...“. Außerdem hängen die baulichen Hinderungsgründe oft mit der hohen Betriebsdichte in der österreichischen Schweinehaltung zusammen und sind damit noch schwieriger zu überwinden. Dies wird durch folgende Aussage eines Teilnehmers verdeutlicht: „Total verzwickte Dorflage mit Landstraße direkt vorm Hoftor und in der Umgebung nur Schweinebauern...“. Dementsprechend wurde am zweithäufigsten die Option „wirtschaftliche Hinderungsgründe“ genannt. Diese beiden Gründe hängen sehr eng miteinander zusammen. Sind mehr finanzielle Mittel vorhanden, so könnte die Situation oft auch baulich verbessert werden. „Hygieneschleusen, Kadaverlager (Kühlung), ... sind sehr

aufwendig zu organisieren, weil unsere Betriebe meist langsam gewachsen sind und die Gebäudeanordnungen oft nicht optimal sind. Eine finanzielle Unterstützung ohne viel Bürokratie in dem Bereich wäre anzustreben. Bei Neubauten (größere Projekte sind aber selten) wäre es für mich Pflicht, die Biosicherheitsmaßnahmen dem Betrieb angepasst mitzuplanen." Mit ca. 16% war auch der Zeitaufwand ein nicht zu vernachlässigender Grund für die Nichtumsetzung bestimmter Biosicherheitsmaßnahmen. Durch den wirtschaftlichen Druck in der Schweinehaltung ist der Zeitdruck bei der Arbeit nicht zu unterschätzen. Wenn Landwirte effizient und trotzdem verantwortungsvoll arbeiten sollen, müssen Zeitaufwand und Wirtschaftlichkeit miteinander vereinbar sein. Eine teilnehmende Person schrieb zur Zeitnot: „Die größte Gefahr ist stressbedingte Schlampigkeit. Dieser Stress ergibt sich rein aus der wirtschaftlichen Situation und dem daraus resultierenden Arbeitskräftemangel.“ Eine Verbesserung wäre es also, mehr Personal in die Landwirtschaft zu locken; es bleibt die Frage: wie?

Abbildung 1: Prozentuale Übersicht der gegebenen Antworten, wie gut sich die Teilnehmer nach eigener Einschätzung über Biosicherheit informiert fühlen. Anzahl der angegebenen Antworten n=156. Quelle: Bauer / Epperlein 14 | Biosicherheit | 4 2019


Nur etwa 12% der teilnehmenden Schweinehalter gaben persönliche Gründe dafür an, Biosicherheitsmaßnahmen nicht umzusetzen. Ein Grund dafür könnten familiäre oder betriebliche Traditionen sein, die bekanntlich schwer abzulegen sind. Hier wäre Aufklärung sicherlich hilfreich, um skeptische Familienmitglieder von den biosicherheitsbedingten Veränderungen zu überzeugen und diesen Hinderungsgrund dadurch abzuschwächen. Sehr positiv und erfreulich ist das Ergebnis, dass nur wenige Teilnehmer angaben, bestimmte Biosicherheitsmaßnahmen aufgrund von mangelndem Wissen nicht umzusetzen.

Persönliche Einschätzungen der Teilnehmer Den meisten leuchtet ein, dass Biosicherheit grundsätzlich notwendig ist. Denn es ist bekanntlich zu spät, erst dann einzugreifen, wenn der Bestand von einer Seuche oder Krankheit befallen ist. Den meisten Teilnehmern scheint klar zu sein, dass sie ihren Bestand gesund halten und deshalb präventive Maßnahmen ergreifen müssen. Ein Teilnehmer der Umfrage bezweifelte dies jedoch und vermutete, dass es Betriebe geben könnte, bei denen erst Maßnahmen ergriffen würden, wenn ein Problem auftritt: „Biosicherheit wird generell unterschätzt. Die Meisten machen sich erst Gedanken darüber, wenn es mal Probleme mit der Gesundheit der Tiere gibt.“ Trotzdem zeigte sich bei der Umfrage, dass die Bedeutung der Biosicherheit

bekannt ist und sich die Schweinehalter mit diesem Thema auseinandersetzen. Der Großteil gab an, sich ausreichend bis sehr gut über Biosicherheit informiert zu fühlen. Das ist eine gute Grundlage, um die Biosicherheit in Österreich durch mehr Informationen weiter zu verbessern. Allerdings bleiben Mängel bei der Biosicherheit ein Thema, dem allein mit Informationen nicht beizukommen ist. Denn die Hälfte der Teilnehmer schätzte den Aufwand für die Umsetzung weiterer Biosicherheitsmaßnahmen hoch oder sogar sehr hoch ein. Dies ist vermutlich wieder auf die baulichen und finanziellen Hinderungsgründe zurückzuführen. Deutlich wird dieser Zusammenhang außerdem in den Antworten bezüglich der Motivation, mehr Biosicherheitsmaßnahmen umzusetzen. Knapp 70% der Teilnehmer antworteten damit, dass sie durch direkte finanzielle Unterstützung oder bessere Aufklärung über den wirtschaftlichen Nutzen von Biosicherheitsmaßnahmen motiviert werden könnten, weitere Biosicherheitsmaßnahmen umzusetzen. „Eine umfangreiche, kostengünstige Beratung, die für den eigenen Betrieb zugeschnitten ist, wäre wünschenswert. Es darf aber nicht verpflichtend sein. Durch die steigende Größe der Betriebe, muss der Landwirt sowieso mehr darauf achten, da sonst der wirtschaftliche Schaden zu groß ist.“

Fazit Trotz einer guten Informationslage ist es nur dann möglich etwas zu verbessern, wenn klar ist, was genau die Umsetzung

von Biosicherheitsmaßnahmen verhindert. Im Moment ist der Druck auf Landwirte oft sehr hoch und es wird fachlich viel von ihnen erwartet. Neben Biosicherheit haben diese auch viele andere Aufgaben, wie beispielsweise den Pestizideinsatz oder mangelnde Biodiversität in der Landwirtschaft zu verbessern. Es handelt sich dabei um Herausforderungen, welche die ganze Gesellschaft in den nächsten Jahren und Jahrzehnten betrifft. Um die Situation der Landwirte im Allgemeinen zu verbessern, sollte konstruktiv und gemeinsam an Lösungen gearbeitet werden. Diese sollten dann sinnvoll und nachhaltig, im Einklang mit den individuellen Situationen der Landwirte umgesetzt werden. Zur Verbesserung der Situation benötigen die Schweinehalter in erster Linie Unterstützung. Landwirte müssen ohne Druck motiviert werden, mehr Biosicherheitsmaßnahmen umzusetzen. Unbedachte, übereilte und unfaire Vorschriften vom Staat sollten weiterhin vermieden werden. Ansonsten könnte dies nur zur Frustration der Landwirte führen und wäre damit wenig zielführend. Um den Zustand nachhaltig zu verbessern, sollte eine Kombination von gezielter Beratung, finanzieller Unterstützung und einem fairen Kontrollsystem eingeführt werden. Und um dann nochmal zu überprüfen, ob sich der Status quo in Bezug auf die Umsetzung von Biosicherheitsmaßnahmen verändert, wäre eine erneute Umfrage in zeitlich sinnvollem Abstand und mit den gleichen oder sehr ähnlichen Fragen hilfreich.

Abbildung 2: Verteilung der Antworten zu der Frage, wie gut die Umsetzung von Biosicherheitsmaßnahmen zur Vorbeugung von Erkrankungen am eigenen Betrieb funktioniert. Angaben in Anzahl gegebener Antworten und Prozent. Anzahl der angegebenen Antworten n=156. Quelle: Bauer / Epperlein

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Die beste Spritze ist die „Hochdruckspritze“

Franz Strasser ABL, Berater LK-OÖ

Stallabteile nach dem Ausstallen zu waschen ist eine Selbstverständlichkeit. Wie schaut es aber mit den Treibwegen, Gerätschaften usw. aus? Praktische Lösungen auf Betrieben hat Franz Strasser gesehen und zusammengefasst. Arbeits- und Treibwege

der Dreck eintrocknet, ist er umso schwerer abzuwaschen.

Täglich bewegen wir uns auf den Stallgängen. Wer ein APP zum Aufzeichnen der absolvierten Wegstrecken aktiviert hat, wird staunen, wie viele Schritte das sind. Genau auf diesen Gängen treiben wir auch Zuchtsauen, Ferkel und Mastschweine. Dass die Wege dabei verschmutzen ist offensichtlich. Pflegeleicht sind Zentral- und Stallgänge die mit Spaltenboden ausgelegt sind. Doch muss auch daran gedacht werden wie der durchgetretene Schmutz abfließt oder ob er nur eintrocknet. Im zweiten Fall finden Fliegen optimale Bedingungen zur Vermehrung.

Von der Oberflächenstruktur her sollen die Wege griffig aber gleichzeitig leicht zu waschen sein. Jeder kennt das Problem, wenn Harn und Kot den Boden verschmieren, wird er rutschig und unsicher im Tritt für Tier und Mensch. Und sobald ein Schwein dies verspürt, wird es unsicher und bleibt stehen. Daher beim Betonieren dieser Flächen auf eine gewisse Struktur achten und nicht glatt abziehen.

Für eilige Leser • Arbeits-, Treibwege und Ver-laderampen sauber halten • Gerätschaften (Treibbretter, Besen, Schaufel, Stempelzeug) beim Stallputzen mitwaschen • Kadaverlager auf befestigten waschbaren Boden • Möglichkeiten zur Reinigung des Schuhwerks • Desinfektion nur nach erfolgter Reinigung

Befestigte Flächen alleine mit Besen und Schaufel sauber zu halten reicht meist nicht. Nur wenn der Wasser- oder besser noch der Hochdruckreinigerschlauch in der Nähe ist, wird dieser sofort nach dem Stallumtreiben genutzt. Denn wenn

Wer das Waschen auf den Gängen ernst nehmen will, braucht auch jeweils ein leichtes Gefälle bis zum Abfluss. Alle 10 Meter ein Abfluss wäre optimal. In Zentralgängen mit darunterliegenden Kanälen reichen Abdeckplatten. Diese müssen aber gut abdichten können, damit keine Falschluft vom Güllekanal in den Zentralgang und von dort wiederum in die Stallabteile gelangen kann.

Eine selbstgebaute Vorrichtung zum Stiefelwaschen. Quelle: Reisecker

Den Wagen mit Hochdruckspritze reinigen und desinfizieren. Quelle: Guger

Eigenbau einer Stiefelwaschanlage. Quelle: Riedl

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Reinigen der Verladerampe Dies wird in vielen Betrieben vernachlässigt, sodass nach der Schweineverladung der Dreck oft eintrocknet. Sobald aber über diese Rampe wieder die Einstallferkel getrieben werden, ist die Gefahr der Krankheitsübertragung gegeben. Eine Verladebox erleichtert die Schweineverladung. Gleichzeitig ist es aber auch eine Fläche die gereinigt werden muss. Daher ist es zweckmäßig den Boden als Spaltenboden auszulegen oder zumindest Spalten in der Mitte einzubauen. In diesen kann das Waschwasser abfließen und weiter in die Güllegrube geleitet werden. Die Abgrenzung bzw. Unterteilungen sind glatt auszuführen.

Reinigen des Kadaverlagers In letzter Zeit wird auf vielen Betrieben in ein Kadaverlager investiert. Behälter, Abdeckhauben etc. wurden angeschafft, um die Vorgaben der Schweinegesundheitsverordnung zu erfüllen. Eine ordnungsgemäße Reinigung und gegebenenfalls Desinfektion gehört aber auch dazu. Das heißt, der Platz, auf dem das verendete Tier bis zur Abholung liegt, muss waschbar und mit einer Abflussmöglichkeit versehen sein. Behälter und Betonplatten werden im Arbeitsalltag oft nur gereinigt, wenn ein Wasser- bzw. Hochdruckreinigerschlauch in der Nähe ist. Daran sollte bei der Planung des Kadaverlagers unbedingt gedacht werden.

Waschplatz für Transportfahrzeuge In der Schweinegesundheitsverordnung werden geeignete Einrichtungen zur Reini-

Wagen gewaschen und desinfiziert.

gung und Desinfektion von Transportfahrzeugen vorgeschrieben. Das heißt: jeder Betrieb, der Schweine mit eigenen Fahrzeugen transportiert, muss dies bei der Kontrolle vorweisen können. In der Praxis eignet sich dazu eine alte Miststätte oder die Güllegrube. Viele Landwirte misten als erstes den Boden des Transportfahrzeuges mit Schaufel und Besen ab und säubern anschließend Oberfläche und Seitenwände. Hier erleichtern vor allem hohe Wassermengen die Arbeit. Im Winter bzw. bei Frost ist diese Arbeit nur eingeschränkt möglich.

Stallutensilien Auf die Reinigung von Treibbrettern, Stallbesen, Schaufeln, Tätowierstempel und Stempelkissen usw. nicht vergessen. Schweinemäster berichten, dass sie das am besten im Anschluss an die Reinigung der Stallabteile machen. Dazu tragen sie alle Gerätschaften ins Abteil und waschen sie durch. Anschließend kann alles desinfiziert werden.

Reinigung und Desinfektion des Schuhwerks Sauberes Schuhwerk ist ein gewisses Markenzeichen sowohl im privaten Bereich wie auch im Schweinestall. Wer immer mit schmutzigen Stiefeln von einem Abteil ins andere geht, überträgt damit auch Krankheiten. Es ist sehr bedenklich, wenn Schweinehalter z. B. in Mastbuchten steigen um Tröge auszuputzen und anschließend zu den neugeborenen Ferkeln in die Abferkelbucht gehen. Um dies zu unterbinden setzen erfahrene Schweinehalter auf ein eigenes Schuhwerk für jede Produktionsstufe bzw. Abteil.

Quelle: Guger

Stiefel und Schuhe waschen Die Schweinegesundheitsverordnung fordert dazu: Die stallnahe Möglichkeit zur Reinigung und Desinfektion des Schuhwerks. In der Praxis wird das unterschiedlich umgesetzt: • Wasserschlauch und Abfluss in den Zentralgängen bzw. Hygieneschleuse • Stiefelwaschautomat • Steifelwaschbecken Entscheidend, damit das Schuhwerk sauber gehalten wird, ist die praktikable Position der Waschmöglichkeit.

Dreck kann nicht desinfiziert werden Daher müssen Flächen vor der Desinfektion immer sauber gereinigt werden. Die Desinfektionsmittel sollen Bakterien, Viren und Pilze bekämpfen. Die richtige Konzentration soll an Hand der Empfehlung der DVG ausgewählt werden. Zu beachten ist, dass gewisse Wirkstoffe einen Kältefehler haben. Das heißt, dass sie unter 20°C kaum mehr wirken. Wichtig ist auch eine gewisse Nachtrocknungsphase. Ihr Betreuungstierarzt bzw. der Fachhandel gibt Ihnen diesbezüglich gerne Auskunft.

Auf den eigenen Schutz achten Leider kommt es immer wieder vor, dass sich Personen beim Umgang mit Desinfektionsmitteln Haut und Augen verletzen. Daher bei der Anwendung von Desinfektionsmitteln unbedingt eine Schutzausrüstung tragen (am besten den Overall zum Stallputzen, Handschuhe, Brille und evtl. eine Filter- bzw. Gesichtsmaske).

Kadaverhaube auf betonierten Platz: Stationäre Kadaverbox mit Abfluss. Quelle: Strasser 4 2019 | Reinigung | 17


Neue Kampagne für das AMA-Gütesiegel Vertrauen in das staatliche Zeichen ausbauen „Die AMA hat einen gesetzlichen Auftrag: Information der Konsumenten über verbraucherrelevante Themen sowie Sicherung und Förderung der Lebensmittelqualität. Sichtbare Zeichen dieser Qualitätsorientierung sind das AMA-Gütesiegel und das AMA-Biosiegel“, erklärt Geschäftsführer Michael Blass die Aufgabe der AMA-Marketing. Das Ziel der Kampagne leitet sich aus diesem Auftrag ab, nämlich das Vertrauen ins AMA-Gütesiegel zu stärken und weiter auszubauen.

Umfrage bestätigt hohe Glaubwürdigkeit Laut aktueller Umfrage attestieren 55 Prozent der Österreicher dem staatlichen Zeichen eine sehr hohe Glaubwürdigkeit (siehe Abb. 1), dreißig Prozent halten es für eher glaubwürdig. „Damit vertrauen schon jetzt acht von zehn Konsumenten unserem Zeichen. Diesen Wert wollen wir halten bzw. weiter ausbauen“, so Blass. Auch die Bekanntheitswerte des Siegels können sich bei gestützter Erinnerung mit 94 Prozent sehen lassen – praktisch jeder Österreicher kennt das AMA-Gütesiegel (siehe Abb. 2). Bei der Erstellung und Umsetzung der Kampagne arbeitet die AMA mit der Agentur Demner, Merlicek & Bergmann zusammen. „Das AMA-Gütesiegel ist eine starke Marke und genießt hohes Vertrauen und Bekanntheit.

Abb. 1: Glaubwürdigkeit des AMA-Gütesiegels.

Abb. 2: Gestützte Bekanntheit des AMA-Gütesiegels.

Quelle: AMA/GALLUP

Quelle: AMA/GALLUP

18 | AMA | 4 2019


Es ist zu einer Institution des Vertrauens für Konsumenten geworden. Dieser besondere Stellenwert wurde durch einen Perspektivenwechsel von der Information über die Qualitätssicherung unserer Lebensmittel durch die AMA hin zu einem Blickwinkel aus Sicht der Konsumenten nun in den Mittelpunkt der

neuen Kampagne gerückt. Wenn ich auf das AMA-Gütesiegel schaue, dann sehe ich gleichzeitig all das, worauf die AMA für mich geschaut hat“, so Agenturchef Mariusz Jan Demner. Gedreht wurde auf sechs verschiedenen Bauernhöfen.

Dass AMA und DMB. das gesteckte Ziel erreichten, bestätigt eine kürzlich erfolgte Evaluierung der Spots durch das Gallup-Institut. Die Teilnehmer der Umfrage wurden nach ihren spontanen Eindrücken von der Hauptaussage befragt. Die Mehrheit schreibt den Inhalt assoziativ dem Themenbereich Qualitätssicherung zu. Hier fielen Nennungen wie Kontrolle, hohe Standards oder die Prüfungen durch die AMA. Offenbar gelingt es dem Spot, die Leistungen hinter dem AMA-Gütesiegel gut zu kommunizieren. Die quantitative Umfrage bestätigt diesen Eindruck. 77 Prozent der Befragten empfinden den Spot als sehr oder eher glaubwürdig. Bei mehr als zwei Drittel stärkt der Spot das Vertrauen in das AMA-Gütesiegel (siehe Abb. 3). Aber nicht nur kognitive Aspekte werden angesprochen, vor allem mit Emotionalität punktet der Spot. 74 Prozent der Befragten finden den Spot sehr oder eher ansprechend (siehe Abb. 4). Die Mediaspendings betragen bis Jahresende mehr als drei Millionen Euro. Der Schwerpunkt liegt mit 75 Prozent des Budgets auf Bewegtbild. Mit mehr als 3.000 Spots werden neun von zehn Österreichern im Kampagnenzeitraum mindestens zweimal pro Woche erreicht. Mit Printsujets in Tageszeitungen und Magazinen werden die Themen vertieft. Inhaltlich abgestimmte OOHSujets tragen die Kampagne in den öffentlichen Raum. Um die Konsumenten auch auf ihren digitalen und mobilen Devices zu erreichen, werden rund zehn Prozent des Budgets in OnlineMaßnahmen investiert. Dadurch tritt die AMA mit rund 200.000 Usern täglich in direkten Kontakt und stellt eine zielgruppengenaue Ansprache sicher.

Abb. 3: Spot stärkt das Vertrauen in das AMA-Gütesiegel.

Abb. 4: Spot findet überwiegend Gefallen beim Publikum.

Quelle: AMA/GALLUP

Quelle: AMA/GALLUP

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Foto: SGD

Die Ringgemeinschaft Bayern e.V. ruft zur Ferkelkastration mit örtlicher Betäubung durch den Tierarzt auf! Weil sie die bisherigen Alternativen zur betäubungslosen Kastration von Ferkeln ablehnen, testen bayerische Ferkelerzeuger jetzt die örtliche Betäubung durch den Tierarzt. Die ersten Erfahrungen damit sind sehr positiv. Die Ringgemeinschaft Bayern, in der die meisten bayerischen Erzeugergemeinschaften und Erzeugerringe für Vieh und Fleisch zusammengeschlossen sind, setzt deshalb in Abstimmung mit dem Schweinegesundheitsdienst (SGD) Bayern jetzt auf die Lokalanästhesie durch den Tierarzt und hat hierzu einen bayernweiten Aufruf gestartet, die örtliche Betäubung durch den Tierarzt mit anschließender Kastration durch den Landwirt vor Ablauf der Frist flächendeckend in ganz Bayern umzusetzen. „Wir müssen gemeinsam als Branche in Vorleistung gehen um Politik und Gesellschaft wachzurütteln!“ ist Stephan Neher, Vorstandsvorsitzender der Ringgemeinschaft, überzeugt. Damit die Chancen für die Zulassung dieses Verfahren ab 2021 steigen, hat die Ringgemeinschaft die bayerischen Sauenhalter aufgerufen,

20 | Ferkelkastration | 4 2019

schon jetzt ihre Ferkel vor dem Kastrieren örtlich betäuben zu lassen. „Wenn viele Landwirte in Vorleistung gehen, dann können wir die Methode eher bekannt machen und Verbrauchern und Politik zeigen, dass dies der richtige Weg ist“, so Neher weiter. Zudem könne man auf diese Weise auch die Tierärzte für die lokale Betäubung gewinnen und das Verfahren weiter optimieren. „Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit und wir sollten jeden verbleibenden Monat der Frist bis 2021 nutzen um Erfahrungen zu sammeln und möglichst viel Druck auf Gesellschaft und Bundespolitik ausüben.“ Die Ringgemeinschaft sieht darin auch eine Möglichkeit ein positives Bild der Landwirtschaft zu vermitteln und mit einem Vorstoß in Richtung mehr Tierwohl, der noch dazu freiwillig aus der Landwirtschaft


selbst kommt, hofft sie Großes zu erreichen! Die Ringgemeinschaft sieht es als ihre Pflicht als Dachverband, zusammen mit allen Mitgliedern, für die bayerischen Ferkelerzeuger einzustehen und sich nicht nur darauf zu verlassen, dass Politik und Markt schon alles regeln werden.

Schmerzausschaltung verpflichtend in das Tierschutzgesetz aufgenommen, eine Maßgabe, die alle QS-zertifizierten Betriebe ohnehin schon seit 10 Jahren praktizieren. Außerdem besteht die Möglichkeit, zusätzlich eine Lokalanästhesie durch den Tierarzt setzen zu lassen.

Am Dienstag den 26. März ist der Startschuss gefallen und Joachim und Eduard Mack aus Euerfeld haben zusammen mit den Tierärzten der Praxis Tiefenbach die Kastration unter örtlicher Betäubung getestet. Frau Dr. Rostalski vom SGD war vor Ort um die betreuenden Tierärzte zu schulen. Alle Beteiligten haben das Verfahren sehr positiv bewertet. Der SGD hat in den vergangenen Wochen zahlreiche Anfragen erhalten und mehrere Betriebe bei der Umsetzung betreut. Das Interesse der Branche ist groß, gemeinsam für diesen Weg zu kämpfen. Nur so können wertvolle Erfahrungen gesammelt werden, Vorbehalte abgebaut und Gegenargumente entkräftet werden. Zudem könne man auf diese Weise auch die Tierärzte für die lokale Betäubung gewinnen und das Verfahren weiter optimieren.

Mit dem Wirkstoff Procain besitzt die Tierart Schwein ein zugelassenes Anästhetikum, das zur Leitungs- und Infiltrationsanästhesie vom Tierarzt eingesetzt werden kann. Momentan gibt es verschiedene Präparate auf dem Markt, es empfiehlt sich allerdings, ein Präparat mit einem sogenannten „Sperrkörper“ aus Adrenalin einzusetzen, bei dem sich die Wirkungsdauer erheblich verlängert. Es sind pro Tier zwei Injektionen erforderlich, jeweils eine pro Seite. Dabei kann das Medikament entweder direkt in den Hoden oder in den Hodensack verab-

reicht werden. Beide Varianten werden von den Ferkeln sehr gut toleriert. Je nach Applikationsort beträgt die Wartezeit bis zur optimalen Wirkung 5-10 (Hoden) bzw. 45 Minuten (Hodensack). Bei der letzteren Variante werden die Ferkel bis zur Kastration markiert wieder zurück in die Abferkelbucht gesetzt. Für lediglich 5-10 Minuten Wartezeit bieten sich gewisse Stückzahlen an Speiskübeln zur Aufbewahrung der lokalanästhesierten Ferkel an und es entfällt ein wiederholtes Fangen der Tiere. Um Zeit und Kosten zu sparen können auch beide Varianten parallel durchgeführt werden. Da die Ferkel bei Bewusstsein bleiben, kann der Tierarzt bereits nach der letzten Injektion den Betrieb verlassen, die Kastration erfolgt, wie gewohnt, durch den Landwirt. Die erfolgreiche Betäubung kann vor dem Eingriff mittels Testung der Oberflächensensibilität überprüft werden. Hierzu wird

Die Kostenfrage Auch die Kostenfrage kann nur durch Erfahrungswerte eindeutig beantwortet werden. Zum jetzigen Stand werden die Kosten pro Ferkel zwischen 0,80 – 1,20 € geschätzt. Auf Grund der sehr knappen Zeit gibt es derzeit leider noch kein flächendeckendes Finanzierungskonzept. Die Ringgemeinschaft und ihre Mitgliedsorganisationen bitte daher auch alle Schweinemästerinnen und Schweinemäster um Solidarität und um eine Beteiligung an den Kastrationskosten. Einige Fleischerzeugerringe schreiten hier vorbildlich voran und unterstützen ihre teilnehmenden Ferkelerzeuger auch finanziell.

Wie genau funktioniert die Kastration mit Lokalanästethikum? Die ersten Monate der umstrittenen Fristverlängerung für die betäubungslose Ferkelkastration sind mittlerweile vorbei. Tierschutzorganisationen beklagten schon damals, dass die „sinnlose Tierquälerei“ damit ungehindert 2 Jahre weitergehen dürfe. Nein, das muss sie nicht. Mit der Fristverlängerung wurde auch die Gabe des Schmerzmittels Meloxicam zur postoperativen

Hautsensibilitätstest. Quelle: SGD

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mit einer feinen Kanüle vorsichtig die Haut des Hodensacks punktiert. Bleibt das reaktionslos, kann mit dem Eingriff begonnen werden. Bei der Ausführung ist auf ein ruhiges, zügiges Arbeiten bei guter Fixation des Tieres zu achten. Je schneller kastriert wird, je weniger Stress entsteht dabei für das Ferkel. Außerdem sollte möglichst gewebeschonend vorgegangen werden. Der Hautschnitt sollte nicht zu groß, aber groß genug sein, um den Hoden ohne unnötiges Drücken oder Quetschen vor zu lagern. Unnötiger Zug am Samenstrang verursacht selbst unter der Betäubung Schmerzen, weil die Strukturen innerhalb der Bauchhöhle nicht mitbetäubt werden können. Bei gutsitzender Anästhesie erschlafft allerdings der Hodenhebermuskel, sodass der Hoden auch ohne deutlichen Zug am Samenstrang vorgelagert und abgesetzt werden kann. Danach werden die Ferkel sofort wieder zurück in die Abferkelbucht gesetzt.

Die Lokalanästhesie ist insgesamt ein sehr schonendes Betäubungsverfahren, das in der Humanmedizin mittlerweile auch für viele aufwändige Operationen eingesetzt wird, weil die Herz-Kreislauf-Belastung einer Vollnarkose für manche Patienten nicht tragbar ist. 3-5 Tage alte Ferkel sind klassische Säuglinge, und kein Humanmediziner würde einen Säugling routinemäßig den Belastungen einer Vollnarkose aussetzen. Säuglinge kann man nicht nüchtern halten, was auch mal eine Milchaspiration zur Folge hat. Unter der Wirkung der Narkosemittel bekommen sie Probleme mit ihrer Thermoregulation und müssen daher gut warmgehalten werden. Durch die muskelrelaxierende Wirkung ziehen sich auch die Blutgefäße nicht zusammen, sodass die Tiere sehr stark nachbluten. Und ihre Reaktionsfähigkeit bleibt für eine Weile eingeschränkt, was sie einem erhöhten Erdrückungsrisiko aussetzt. Lokalanästhetika dagegen wirken wortgemäß nur „lokal“ dort, wo sie hin appliziert werden. Sie

Mit der Dänischen Kombi-Kastrationszange wird der Hautschnitt schnell und sicher durchgeführt. Quelle: SGD

22 | Ferkelkastration | 4 2019

unterbrechen die Schmerzweiterleitung zum Gehirn direkt an ihrem Wirkort, indem sie die Weiterleitung der elektrischen Impulse entlang der Nervenbahn unterbrechen. Dabei bleibt das Gehirn selbst völlig unbetroffen und alle Reflexe bleiben erhalten. Allerdings sind die Ferkel so auch immer noch imstande, mit ihrer Umgebung zu interagieren und lautstark und wehrhaft auf alle mit dem Eingriff einhergehenden Manipulationen wie z.B. die Fixation zu reagieren. Für neutrale Beobachter ist der positive Effekt der lokalen Betäubung daher oft nicht ohne weiteres erkennbar. Mittlerweile sind in verschiedenen Regionen Bayerns Betriebe dem Aufruf der Ringgemeinschaft gefolgt, gemeinsam mit ihrem Hoftierarzt die Lokalanästhesie einfach mal auszuprobieren. Seitens des SGD wurde das gerne begleitet, und es besteht auch weiterhin das Angebot, allen interessierten Betrieben und ihren betreuenden tierärztlichen Kollegen dabei mit Rat und Tat beiseite zu stehen. Die Betriebe, die es bereits ausprobiert haben, sind bislang einhellig sehr positiv überrascht über den reibungslosen Ablauf und den guten Effekt der Anästhesie. Ähnliches hört man von den beteiligten tierärztlichen Kollegen. Da hier alle fachlich Neuland betreten, wird die Art und Dauer der Durchführung sich individuell einspielen. Besonders wichtig ist, dass hierbei allen bewusst ist, dass sie damit wirklich etwas für den Tierschutz tun. Bisher testen nach Angaben der Ringgemeinschaft Bayern bereits über 10% der bayerischen Ferkelerzeuger die lokale Betäubung. Ringgemeinschaft-Vorsitzender Neher will diese Quote in den nächsten Monaten nochmals deutlich erhöhen. Auch aus Baden-Württemberg haben Betriebe bereits Interesse angekündigt, sich an der Initiative zu beteiligen. Je mehr Ferkelerzeuger mitziehen, umso größer seien laut Ringgemeinschaft die Chancen, politisch gehört zu werden. Ob die lokale Betäubung ab dem Jahr 2021 als Alternative zur betäubungslosen Kastration zugelassen wird, hängt letztlich davon ab, wie gut sie den Schmerz bei der anschließenden Kastration ausschaltet. Nach Rostalskis Beobachtung findet eine wirksame Schmerzausschaltung statt. Um davon auch die politisch Verantwortlichen zu überzeugen, soll die Wirksamkeit der lokalen Betäubung nun im Rahmen mehrerer Studien wissenschaftlich untersucht werden. „Die ersten Auswertungen laufen jetzt, damit wir im zweiten Halbjahr 2019 Daten erheben können“, erklärt die Leiterin des SGD. Stephanie Schuster Ringgemeinschaft Bayern e. V.


Österreichs Schweinezüchter in einer Genossenschaft vereint Die österreichischen Schweinezüchter gehen in einer Genossenschaft vereint in die Zukunft. Dieser Beschluss wurde in einer außerordentlichen Generalversammlung am 14. Oktober in Graz einstimmig gefasst. Mit dem Tochterunternehmen „PIG Austria GmbH“ ist die neue „Schweinezucht Österreich eGen.“ in den Geschäftsbereichen Zucht, Besamung und Zubehörhandel operativ tätig. „Es ist ein historischer Tag für die österreichischen Schweinezüchter und ich bin überzeugt, dass wir die zukünftigen Herausforderungen gemeinsam besser bewältigen können“, so eröffnete der Obmann Blasius Gsöls die außerordentliche Generalversammlung in Graz. Der Anlass war die Umgründung der Genossenschaft „Schweinezucht Steiermark eGen.“ in die neue Genossenschaft „Schweinezucht Österreich eGen.“. Mit der Namensänderung und den neuen Statuten wurde gleichzeitig die Verlegung des Sitzes der Genossenschaft nach Steinhaus in Oberösterreich beschlossen. Ein Schwerpunkt der Versammlung war die Wahl zur Neubesetzung von Vorstand und Aufsichtsrat. Georg Gstöttenbauer aus Oberöster-

reich wurde als Obmann, Franz Schwert aus Niederösterreich und Blasius Gsöls aus der Steiermark als seine Stellvertreter gewählt. Den sechsköpfigen Vorstand ergänzen Alois Gstöttenmayr (OÖ), Peter Rothwangl (STMK) und Gerhard Winter (NÖ). Für den Vorsitz des Aufsichtsrates wurde Anton Prödl (STMK) und Ernst-Josef Bauer (OÖ) als dessen Stellvertreter gewählt. Die Geschäftsführung wurde von Raimund Tschiggerl an Peter Knapp übergeben. Sämtliche Wahlen und Beschlüsse wurden einstimmig von den Mitgliedern mitgetragen. Dies zeigt die hohe Zustimmung zur Neuaufstellung der Organisation seitens der österreichischen Schweinezüchter.

Dr. Peter Knapp Geschäftsführer von PIG Austria Foto: Fraukoeppl

Die Führungsmannschaft der österreichischen Schweinezucht (v.l.) Peter Rothwangl, Alois Gstöttenmayr, Anton Prödl, Peter Knapp, Franz Schwert, Blasius Gsöls, Gerhard Winter, Georg Gstöttenbauer. Quelle: PIG Austria

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Dem vorangegangen sind intensive Wochen der Vorbereitung. Die Zusammenführung bzw. Umgründung von insgesamt fünf Zucht- und Besamungsorganisationen mit verschiedenen Rechtformen war vor allem eine juristische Herausforderung. Alle beteiligten Verbände und Landwirtschaftskammern haben nach der Grundsatzentscheidung konstruktiv an der Um-setzung des gemeinsamen Zieles gearbeitet. Die neue Genossenschaft hat mit der „PIG Austria GmbH“ ein Unternehmen gegründet, das in den Geschäftsfeldern Zucht, Besamung und Zubehörhandel tätig ist. Dazu haben die Partner ihr vorhandenes Vermögen eingebracht. Neben den Standorten der Besamungsstationen Steinhaus, Hohenwarth und Gleisdorf gehört ein Büro für die Zucht in Streitdorf zum Unternehmen. Für die Kunden in Kärnten und Tirol gibt es eine Kontaktstelle in der dortigen Landwirtschaftskammer. Ziel ist es die Serviceleistungen der PIG Austria flächendekkend in Österreich anzubieten. Als Geschäftsführer wurde Dr. Peter Knapp bestellt. Der Präsident der steirischen Landwirtschaftskammer Franz Titschenbacher sowie

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der niederösterreichische Vizepräsident Otto Auer zeigten sich in ihren Ansprachen erfreut über den gemeinsamen Schritt der Schweinezüchter. Mit der Bereitschaft zum Verkauf der Anteile bzw. der Liegenschaften der kammereigenen Besamungsstationen wurde ein wesentlicher Beitrag zum Gelingen des Projektes geleistet.

hob den notwendigen Teamgeist hervor: „Nur als Team können wir die Zukunft der bäuerlichen Schweinezucht gemeinsam gestalten. Mit unserem neuen Unternehmen und dem PIG Austria Zuchtprogramm – dem Programm für intelligente Genetik haben wir die Grundlage, um die zukünftigen Herausforderungen zu meistern“.

Der neue Obmann Georg Gstöttenbauer bedankte sich für das Vertrauen und bei allen Partnern für die konstruktive Arbeit. Er

Weitere Informationen, Kontakte und Neuigkeiten zur PIG Austria GmbH unter www.pig.at

Die Übersichtskarte zeigt die Standorte und Kontaktstellen von PIG Austria GmbH. Quelle: PIG Austria


Das PIG Austria Zuchtprogramm – Programm für intelligente Genetik Durch die Zusammenführung der drei Schweinezuchtverbände Niederösterreich, Steiermark und Oberösterreich sowie den Besamungsstationen Hohenwarth, Gleisdorf und Steinhaus zur PIG Austria GmbH ist es nun möglich ein österreichweit einheitliches Zuchtprogramm umzusetzen. Abseits der Optimierung für die Erzeugung tierischer Lebensmittel spielen äußere politische, rechtliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen eine entscheidende Rolle. Derzeit werden Vorarbeiten für die Anpassung des derzeitigen Zuchtprogrammes für die Mutterrassen Edelschwein und Landrasse geleistet. Diese umfassen zum einen die Vereinheitlichung der Selektionskriterien für die weiblichen und männlichen Reinzuchttiere sowie für die daraus gezüchteten weiblichen Kreuzungssauen. Zum anderen wurde in den letzten drei Jahren im Zuge des durch das Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus und dem Verband österreichischer Schweinebauern (VÖS) geförderten Projekts OptiZucht gemeinsam mit den vormaligen Zuchtverbänden und ZüchterInnen ein neues Zuchtziel definiert. Die vielversprechenden Ergebnisse aus diesem Projekt werden nun als Basis für die Ableitung des neuen Zuchtzieles herangezogen.

Neues Zuchtziel Mutterrassen In Zukunft wird streng auf robuste Muttersauen mit optimalen Wurfgrößen sowie gleichmäßigen und vitalen Ferkeln mit optimalem Geburtsgewicht selektiert. Dazu steht ab Jahresbeginn 2020 ein neuer Gesamtzuchtwert zur Verfügung. Die Abbildung zeigt die Gewichtung der Merkmalsblöcke im Gesamtzuchtwert. Neu ist die Einführung der Wurfqualität mit einer starken Gewichtung im Gesamtzuchtwert (20%). Hinter der Wurfqualität verbirgt sich ein sogenannter Wurfvitalitätsindex. Dieser besteht aus dem durchschnittlichen Geburtsgewicht je Wurf in Kilogramm, die Streuung der Geburtsgewichte je Wurf in Kilogramm sowie einem Punkteschema für die Ferkelvitalität. Dazu werden jährlich rund 45.000 Ferkel einzeln gewogen und die Vitalität des gesamten Wurfs durch die ZüchterInnen beurteilt. Dies garantiert optimale Ferkelzahlen mit hoher Qualität. Bei strenger Selektion kann in relativ kurzer Zeit ein Zucht-

fortschritt erzielt werden, da diese Merkmale moderat genetisch verankert sind. Die Fruchtbarkeit wird nicht außer Acht gelassen, sondern der zu erwartende Zuchtfortschritt lediglich etwas verlangsamt. Zudem werden vier mütterliche Verhaltensmerkmale erhoben und zu einem Mütterlichkeitsindex zusammengefasst. Dieser ist nicht im Gesamtzuchtwert implementiert, steht aber ebenfalls ab Jahresbeginn zur Selektion bereit. Auch hier wurden umfangreiche wissenschaftliche Vorarbeiten geleistet, um die geeigneten Merkmale zu finden. Diese umfassen Abferkelverhalten, Aggressivität gegenüber den Ferkeln, Erdrückungsverluste in Prozent sowie der Gesamteindruck der Mütterlichkeit während der ganzen Säugeperiode.

Dr. Christina Pfeiffer Zuchtleitung PIG Austria Foto: Fraukoeppl

Es ist anzumerken, dass Verhalten eine sehr kleine genetische Komponente besitzt und die Umwelteinflüsse mehr Auswirkungen auf das Verhalten der Sauen haben. Dennoch kann eine Selektion auf Mütterlichkeit einen kleinen Teil zur Verbesserung im Verhalten beitragen, vorausgesetzt, dass diese ausreichend streng erfolgt. Zusammenfassend ist zu sagen, dass durch

Grafik 1: Stammbaum Quelle: PIG Austria

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das neue Zuchtprogramm vor allem die Muttersau die Aufzucht ihrer vitalen Ferkel übernimmt und nicht die TierhalterInnen.

Vaterrasse Pietrain Für die Rasse Pietrain ändert sich vorläufig nichts im Zuchtprogramm. Der Fokus des Zuchtzieles bleibt weiterhin auf den Merkmalen Mast- und Schlachtleistung. Hier werden zukunftsträchtige strategische Konzepte erarbeitet. Zudem wird der Umfang der Felddaten für die Leistungsprüfung verbessert.

‚Big-Data‘ für eine zuverlässige Zuchtwertschätzung Tierzucht ist ‚Big-Data‘. Aus großen Datensätzen lassen sich sichere Zuchtwerte schätzen und Zuchtfortschritt erzielen. Ohne umfassende Leistungsprüfung im Feld wie auch auf der Station wäre dies nicht möglich. Die Zuchtwertschätzung sowie die Mast- und Schlachtleistungsstationsprüfung erfolgt durch die Österreichische Schweineprüfanstalt Streitdorf in Niederösterreich. Im Jahr 2018 standen für

Grafik 2: Zuchtziel Quelle: PIG Austria

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die Merkmale Fruchtbarkeit und Nutzungsdauer Information von 14.000 Reinzuchtwürfen sowie 104.000 Kreuzungswürfen zur Verfügung. Insgesamt wurden 2018 2.800 Reinzucht bzw. Kreuzungstiere auf der Station und 37.500 im Feld geprüft.

Moderne molekularbiologische Technologien in der Schweinezucht Auch modernste molekularbiologische Technologien kommen im PIG Austria Zuchtprogramm zur Anwendung. Seit 2016 stehen in Österreich genomische Zuchtwerte zur Verfügung. Bei dieser ausgereiften molekulargenetischen Methode kann direkt nach der Geburt eines potentiellen Zuchttieres eine Gewebeprobe entnommen und die Information aus dem Erbgut (DNA) genutzt werden, um einen genomischen Zuchtwert zu schätzen. Dabei fließen, wenn vorhanden, auch alle Verwandteninformationen des genotypisierten Schweines ein. Der Vorteil besteht darin, dass bereits genomische Zuchtwerte für Jungtiere vorhanden sind, für die noch keine Eigen- bzw. Nachkommenleistung vorliegt. Das kann vor allem bei der Jungeber- und Sauenselektion hilfreich

sein, da das beste Schwein mit Hilfe dieser Information aus einer genotypisierten Gruppe selektiert werden kann. Der genomische Zuchtwert ist außerdem sicherer als der konventionelle Zuchtwert, der nur aus der herkömmlichen Verwandtschaftsinformation vorgeschätzt wird. In weiterer Folge ist eine genaue und umfangreiche Leistungsprüfung dieser genotypisierten Schweine und ihrer Nachkommen notwendig, um die genomische Information mit den tatsächlichen Leistungen in Verbindung zu bringen. Die Anwendung der genomischen Selektion kann das Generationsintervall verkürzen und somit den Zuchtfortschritt erhöhen. Im österreichischen Zuchtprogramm werden alle Besamungseber, deren Mütter sowie züchterisch interessante Sauen genotypisiert. Festzuhalten ist, dass die Zusammenführung der Verbände aus tierzüchterischer Sicht absolut gewinnbringend für alle Beteiligten ist und die heimische Schweinezucht stärkt und präsenter macht. Durch die Einführung eines innovativen und balancierten Zuchtziels werden künftig passende Schweine für heimische Betriebsstrukturen gezüchtet.


Tierwohl: Entwicklungen, Chancen, Risiken „Tierwohl“ ist auch in Österreich seit einigen Jahren in Bezug auf die Schweinehaltung ein fast inflationär verwendeter Begriff, bei Konsumentenbefragungen sprechen sich alle natürlich für mehr Tierwohl aus. In der Realität spiegelt sich dies nicht wider – abgesehen von ein paar Nischenprodukten, die aber umsatzmäßig im Vergleich zum Gesamtmarkt fast unter der Wahrnehmungsgrenze liegen, gibt es keine nennenswerten Aktivitäten in diese Richtung. Vor allem deshalb, weil der Konsument einfach bis dato nicht bereit ist, die höheren Produktionskosten zu honorieren und dann entgegen seiner Beteuerungen doch wieder zur Standardware greift. Dennoch wird das Thema zukünftig stärker in den Fokus rücken. Die jüngeren, gut ausgebildeten Bevölkerungsschichten vor allem im städtischen Bereich haben einen anderen Zugang zu Lebensmittelproduktion und Ernährung. Und eine gewichtige Rolle bei der Frage, wohin die heimische Schweineproduktion steuern wird, spielt sicher auch die Politik. Nachdem die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass der neuen Regierungskoalition eine Partei links der Mitte angehört, wird von dort der Ruf nach höheren Umweltstandards und mehr Tierwohl mit steter Regelmäßigkeit erschallen.

„Initiative Tierwohl“ in Deutschland Es war vor ca. 4 Jahren in der deutschen Schweinebranche DAS Thema schlechthin – die „INITIATIVE TIERWOHL“. Man versteht darunter ein Bündnis mehrerer Branchen: Land- und Fleischwirtschaft sowie Lebensmitteleinzelhandel. Sie verfolgt das Ziel, die Standards in der Haltung von Schweinen, Masthühnern und Puten möglichst flächendeckend zu verbessern. Alle teilnehmenden Betriebe müssen bestimmte Grundanforderungen erfüllen.

Schweinemäster müssen den Tieren außerdem 10% mehr Platz im Stall und zusätzliches Beschäftigungsmaterial anbieten. Die Landwirte erhalten "Tierwohlentgelte", deren Höhe sich nach den gewählten Kriterien richtet. Das Geld kommt aus einem "Tierwohlfonds" des Lebensmitteleinzelhandels: Seit Januar 2015 werden für jedes verkaufte Kilo Fleisch und Wurst von Schweinen und Geflügel vier Cent in den Fonds eingezahlt. Die anfangs auch vom Großteil der Verbraucher- und Tierschutzverbände begrüßte Initiative geriet aber durch eklatante Fehler in der Umsetzung zusehends in die Kritik. Mit pompösen und teilweise überzogenen Werbebotschaften und Marketingmaßnahmen wurden zu hohe Erwartungen geweckt. Der Kardinalfehler war aber wahrscheinlich die mangelnde Transparenz: Der Kunde wusste beim Einkauf zwar, dass die betreffende Lebensmittelkette an der Initiative teilnahm, er konnte sich aber nicht sicher sein, tatsächlich ein Stück Fleisch aus diesem Programm gekauft zu haben, weil es keine eigene Kennzeichnung gab bzw. nicht einmal sichergestellt war, ob es in dem

Robert Krapf EZG Gut Streitdorf

Geschäft überhaupt Tierwohlware gibt. Um diesem Dilemma zu entkommen, wurde gemeinsam mit den größten deutschen Supermarktketten wie Edeka, Aldi, Rewe und Lidl ein einheitliches Siegel entwickelt, welches den Verbraucher vorab über die Haltungsbedingungen informiert. Hier ein kurzer Überblick: Stufe 4: Premium Mit dem grünen Label der Stufe 4 wird z.B. Biofleisch gekennzeichnet, das die Anforderungen an die europäische Öko-Verordnung und ihre Richtlinien erfüllt. Aber auch Fleisch aus anderen Programmen kann so gekennzeichnet werden, wenn die entsprechenden Mindestanforderungen eingehalten werden. Stufe 3: Außenklima Mit dem orangefarbenen Label der Stufe 3 wird Fleisch gekennzeichnet, das von Tieren stammt, die Zugang zu Außenbereichen haben.

Quelle: Initiative Tierwohl

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Stufe 2: Stallhaltung Plus Mit dem blauen Label der Stufe 2 wird Fleisch gekennzeichnet, das aus einer Haltung stammt, die über die gesetzlichen Standards hinausgeht – darunter fällt auch das Fleisch aus Betrieben der Initiative Tierwohl. Das bedeutet, Tiere haben mindes-tens zehn Prozent mehr Platz im Stall als gesetzlich vorgeschrieben und es steht ihnen zusätzliches Beschäftigungsmaterial zur Verfügung. Stufe 1: Stallhaltung Fleisch von Tieren, das mit dem roten Label der Stufe 1 gekennzeichnet ist, kommt aus Tierhaltung, die dem gesetzlichen Standard entspricht. Bei Schweinen ist eine Zulassung im QS-System erforderlich. Diese Fleischkennzeichnung gibt es seit 1.4.2019, sie gilt aber nur für verpackte Ware. Wem dies alles noch nicht kompliziert genug ist, dem kann geholfen werden: Bundesministerin Klöckner plant ab 2020 ein eigenes staatliches Tierwohllabel – viele Experten betrachten dieses aber als bereits im Vorfeld gescheitert.

Was kann Österreich daraus lernen? Die Frage lautet nicht ob, sondern wann in Österreich ähnliche Forderungen nach einer bundesweiten Initiative für mehr Tierwohl von gesellschaftlichen Strömungen, NGO’s oder der Politik lauter werden. Die österreichischen Schweinebauern sind auch für diese Entwicklung bereit – wenn die Öffentlichkeit, die Politik, der Handel und letztendlich der Konsument bereit sind dies mitzutragen. Für die Branche in Österreich gilt es aber, die richtigen Schlüsse aus der verkorksten Umsetzung unserer Nachbarn zu ziehen. Zum gegebenen Zeitpunkt sollte ein breiter gesellschaftlicher Diskurs geführt werden, Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und der LEH müssen gemeinsam mit der Politik Lösungen erarbeiten. Wenn der Grundkonsens lautet, dass die Schweinehaltung in Richtung mehr Tierwohl gesteuert werden soll, muss die Politik die nötigen Rahmenbedingungen schaffen und gleichzeitig ordentlich Geld in die Hand nehmen. Nichts anderes passiert ja derzeit in den Bereichen Heizen und Verkehr beim Umstieg von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien. Notwendige, aber vor allem machbare Maßnahmen bei bestehenden Stallungen bzw. die Entwicklung einer Art Stall der Zukunft für Neubauten müssen erarbeitet werden. Erforderlich werden aber auch deutlich höhere Sätze in der Investförderung um die ökonomischen Fakten nicht aus den Augen zu verlieren. Die Selbstversorgung in Österreich sowie die Wertschöpfung im vor- und nachgelagerten Bereich der tierischen Veredelung müssen gesichert sein. Der Arbeitsplatz Stall soll auch in Zukunft für Hofnachfolger erstrebenswert und anerkannt sein. Dem Konsumenten muss von Anfang an reiner Wein eingeschenkt und klargemacht werden, dass er mittel- und langfris-tig die erhöhten Produktionskosten über einen höheren Preis des Endproduktes zu bezahlen hat. Er wird dies am ehesten akzeptieren, wenn er dafür im Gegenzug eine klare, transparente Aufklärung bekommt, warum dies so sein muss. Und das wahrscheinlich Allerwichtigste: Nur ein einfaches für jedermann durchschaubares Kennzeichnungssystem kann zu einer erfolgreichen Positionierung von nach bestimmten Tierwohlkriterien erzeugtem Schweinefleisch im LEH führen. Fix ist aber auch, dass die Grenzen Österreichs bei noch so hohen Tierwohlstandards für Fleischimporte offen bleiben. Neben den Risiken sollten wir auch die Chancen von neuen Entwicklungen nicht übersehen: Mehr Produktdiversifizierung kann helfen, wieder verstärkt Schweinefleisch auf den Speisekarten der Spitzengastronomie vorzufinden - die Rinderbranche hat diesen Schritt schon vor längerer Zeit relativ erfolgreich umgesetzt. Mit einer neuen Regierungskonstellation könnte auch die von Landwirtschaftsseite vehement geforderte Herkunftskennzeichnung im Bereich Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegungsküchen endlich umgesetzt werden.

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Deutschlands Aktionsplan zum Kupierverzicht Die EU Richtlinie 2008/120/EG besagt, dass ein Kupieren der Schwänze nicht routinemäßig durchgeführt werden darf. Bevor im Ausnahmefall ein solcher Eingriff vorgenommen wird, „sind andere Maßnahmen zu treffen“, um Schwanzbeißen und andere Verhaltensstörungen zu vermeiden, z. B. Anpassungen im Management oder eine Verringerung der Bestandsdichte. Ein Kupieren der Schwänze darf nur durchgeführt werden, wenn nachgewiesen werden kann, dass Verletzungen an Schwänzen und Ohren der Schweine entstanden sind. Auch in Deutschland wird wie in den meisten EU-Staaten in vielen Schweine haltenden Betrieben von der Ausnahmeregelung Gebrauch gemacht. In den letzten Jahren wurden eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien, Versuchen sowie Praxiserhebungen durchgeführt. Insgesamt haben alle Unternehmungen gezeigt, dass viele unterschiedliche Faktoren einen Einfluss auf das Tierwohl haben und einige Risikofaktoren wie z. B. das Stallklima oder die Gesundheit der Schweine durch die Landwirte nur schwer kontrollierbar sind. Der Druck der Europäischen Kommission (EU KOM) sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und die Bedingungen so zu verbessern, dass langfristig das Halten von unkupierten Tieren in den Ländern möglich wird, ist in den letzten Jahren stetig weiter gewachsen. Dazu wurde Anfang 2016 ein Rechtsakt veröffentlicht, der bestehende Regelungen konkretisieren soll. Neben anderen Mitgliedsstaaten, hat die EU KOM Deutschland Ende 2017 mitgeteilt, dass die von Deutschland bereits ergriffenen Maßnahmen zur Umsetzung der oben genannten Richtlinie nicht ausreichend seien. Es wurde ein Aktionsplan angefordert, in dem Maßnahmen verbindlich festgelegt werden, die das Schwanzbeißen verhindern und somit das Schwanzkupieren auf lange Sicht beenden soll. Die GD Sante hat Ende 2017 mit Audits in Italien, Spanien, Dänemark und den Niederlanden begonnen und Anfang des Jahres 2018 mit Deutschland fortgesetzt. Im Nachgang zu diesem Audit wurden mehrere Empfehlungen an Deutschland ausgesprochen. Im Januar und April 2018 hatte NordrheinWestfalen bereits einen Entwurf eines Aktionsplans auf der Amtschef- (ACK) und Agrarministerkonferenz (AMK) eingebracht. Die Entwürfe wurden über das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) an die EU KOM übermittelt. Die EU

KOM teilte dem BMEL jedoch mit, dass die Maßnahmen der vorgelegten Entwürfe nicht ausreichen, um eine Verbesserung in der Thematik zu erreichen. Aus diesem Grund wurde der Aktionsplan unter der Mitwirkung vieler Beteiligter überarbeitet. Die HerbstAMK befasste sich erneut mit der Thematik und beschloss den überarbeiteten Aktionsplan mit seinen beigelegten Dokumenten. Auszüge daraus siehe Abb. 1 und Abb. 2. Dieser umfasst eine Risikoanalyse sowie eine Tierhaltererklärung. Die Umsetzung des Aktionsplans liegt bei den einzelnen Bundesländern. Im Entwurf des Aktionsplans ist vorgesehen, dass bereits zum 1. Juli 2019 eine Tierhalter-Erklärung zum Nachweis der Unerlässlichkeit des Kupierens für alle Schweine haltenden Betriebe verbindlich wird. Die Unerlässlichkeit kann nur nach der Durchführung einer Risikoanalyse und der sich daraus ergebenden Optimierungsmaßnahmen sowie einer Dokumentation von Schwanz-/Ohrverletzungen erklärt werden. Für die nachfolgende Beschreibung der Risikoanalyse und Tierhaltererklärung ist wichtig, dass es sich hierbei um den bei der AMK abgestimmten Entwurf handelt. Somit ist es möglich, dass es nicht der finale Stand der schließlich geltenden Dokumente ist. Ein Ziel des Aktionsplans ist es, Rechtssicherheit für Schweine haltende Betriebe und die Veterinärverwaltung zu schaffen. Zum anderen werden die Haltungsbedingungen und das Management betriebsindividuell optimiert, um das Auftreten von Schwanzbeißen zu reduziert. Im nächsten Schritt werden Erfahrungen mit der Haltung kleiner Gruppen unkupierter Schweine gesammelt, um somit einen schrittweisen Einstieg in den Kupierverzicht zu ermöglichen.

Der Ablauf zum Aktionsplan Option 1 im Ablaufplan zum Aktionsplan von Deutschland (siehe Abb. 1) gilt für Betriebe, die vorerst weiterhin kupieren bzw. kupierte Tiere einstallen möchten. Es gilt eine betriebsindividuelle Risikoanalyse im besten Fall mit einem Berater und/oder Tier-

arzt anzufertigen. Einzelne Risikofaktoren (z. B. Klima) können durchaus durch bereits vorliegende Checks oder Analysen ersetzt bzw. ergänzt werden. Des weiteren müssen die Schwanz- und Ohrverletzungen im Bestand erhoben werden. Falls diese am Schlachthof erhoben werden, können auch diese Zahlen verwendet werden. Im Rahmen der Risikoanalyse müssen Maßnahmen zur Optimierung festgelegt und anschließend umgesetzt werden. Dabei ist es dem Landwirt überlassen, welche Ziele und Maßnahmen er sich für bestimmte Risikofaktoren aussucht. Wichtig ist hierbei nur, dass diese realistisch gewählt und auch dementsprechend umgesetzt werden. Damit sichergestellt ist, dass die Anforderungen der EU KOM berücksichtigt werden, hat eine Arbeitsgruppe in Zusam-menarbeit mit dem Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes NRW ein Dokument erarbeitet, in dem die oben beschriebenen Punkte enthalten sind und durch die Landwirte beurteilt werden können. Sowohl für die Erhebung der Schwanzund Ohrverletzungen als auch für die Risikoanalyse gilt, dass diese für jede Produktionsstufe und für jede Viehverkehrsverordnungsnummer (VVVO-Nummer) durchgeführt werden müssen. Im ersten Kapitel des Dokumentes geht es um die Erhebung der Schwanz- und Ohrverletzungen der Tiere des Betriebes. Erfolgt die Erhebung direkt im Bestand, so muss diese alle 6 Monate in einem Abteil mit Saugferkeln (kurz vor dem Absetzen) und in jeweils zwei Abteilen in der Aufzucht und Mast (Anfang und Ende des jeweiligen Produktionsabschnittes) durch- geführt werden. Dies kann durch den Tierhalter, Berater oder Tierarzt erfolgen. Alternativ ist es auch möglich alle 12 Monate das Schwanzbeiß-Interventions-Programm (SchwIP) durchzuführen oder wenn möglich die am Schlachthof erhobenen Befunde zu nutzen. Zusätzlich sollten unter diesem Punkt relevante Schwanz- und Ohrbeißausbrüche sowie deren mögliche Ursachen notiert werden.

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Abb. 1: Ablaufplan zum Aktionsplan von Deutschland zur Einhaltung der Rechtsvorschriften in Bezug auf das Schwänzekupieren beim Schwein (Stand: August 2018)

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Abb.2: Beispielfrage aus dem Unterkapitel Beschäftigung der Risikoanalyse. Quelle: ringelschwanz.info / Risikoanalyse Kupierverzicht Im zweiten Kapitel geht es um die Beurteilungen der Risikofaktoren im Betrieb, welche den Anforderungen der Empfehlung der EU KOM 2016/336 entsprechen. Hierzu zählen die Beschäftigung der Tiere, das Stallklima, die Gesundheit und Fitness der Tiere, der Wettbewerb um Ressourcen, die Ernährung sowie die Struktur und Sauberkeit der Bucht. Bei den vorzunehmenden Bewertungen im Kapitel 2 handelt es sich immer um eine Eigeneinschätzung des Anwenders, die eine Momentaufnahme darstellt. Auf Verlangen muss diese der zuständigen Behörde vorgelegt werden. Abb. 2 enthält eine Frage aus dem Kapitel Beschäftigung. Im dritten Kapitel werden Erläuterungen zu den im zweiten Kapitel gestellten Fragen gegeben. Diese sind durch ein Sternchen gekennzeichnet und geben dem Anwender Hintergrundinformationen zur richtigen Beantwortung der Frage. Zu der in Abbildung 2 dargestellten Thematik ist folgende Erklärung in den Erläuterungen angegeben: „Subjektive Gesamteinschätzung bei der die Materialeigenschaften, die Darreichungsform, die Verfügbarkeit und Attraktivität sowie die Sauberkeit berücksichtigt werden.“ Das vierte Kapitel gibt Beispiele für Optimierungsmöglichkeiten zu den unter Kapitel 2 gestellten Fragen. Zu der in Abbildung 2 gestellten Frage sind z. B.

Erklärungen zu den Materialeigenschaften (essbar, kaubar, untersuchbar, beweg-/ bearbeitbar) gegeben, Empfehlungen zur Darreichung (freihängend, mittig platziert), zur Verfügbarkeit (2 x täglich begrenzte Gaben) und zur Sauberkeit (außerhalb der Stallluft lagern). Die Ausführungen in Kapitel drei und vier dienen lediglich der Information und Aufklärung. Nachdem die Schwanz- und Ohrverletzungen erfasst, die Risikoanalyse durchgeführt und die Optimierungsmaßnahmen formuliert wurden, kann die TierhalterErklärung ausgefüllt werden. Im besten Fall sollte diese mit einem Berater oder Tierarzt ausgefüllt werden, wobei dies nicht verpflichtend, sondern freiwillig ist. Mit der Tierhalter Erklärung erbringt der Tierhalter den Nachweis dafür, dass er ein weiteres Jahr kupieren bzw. kupierte Tiere einstallen darf. Nach zwei Jahren sollte der Tierhalter es schaffen, dass mehr als 98% seiner Schweine keine Ohr- und Schwanzverletzungen mehr vorweisen. Andernfalls muss er einen schriftlichen Plan mit weitergehenden Maßnahmen zur Risikominimierung bei der zuständigen Behörde vorlegen. Die Behörde kann dann weitergehende Maßnahmen anordnen. In die Option 2 fallen Betriebe, die bereits unkupierte Tiere halten oder mit einer kleinen Gruppe unkupierter Tiere beginnen möchten. Für diese Betriebe ist die

Risikoanalyse nicht verpflichtend, aber dennoch empfehlenswert. Die Ohr- und Schwanzverletzungen müssen allerdings auf jeden Fall dokumentiert werden. Treten Verletzungen auf, so müssen auch hier Optimierungsmaßnahmen formuliert und umgesetzt werden. Treten innerhalb von zwei Jahren immer wieder Ohr- und Schwanzbeißen auf, so müssen auch diese Betriebe einen schriftlichen Maßnahmenplan bei der Behörde einreichen. Die Tierhalter-Erklärung wird dann bei dem Punkt 3 ausgefüllt, wenn in der Mast dauerhaft mind. 1% der vorhandenen Plätze mit unkupierten und gekennzeichneten Tieren belegt werden. Eine Kennzeichnung ist z. B. über eine farbige Markierung der Ohrmarke möglich. Insbesondere für den internationalen Ferkelhandel soll die Tierhalter-Erklärung den abnehmenden Betrieben in Deutschland Sicherheit bieten. Die Tierhalter-Erklärungen sind entsprechend untereinander auszutauschen. Weiterhin ist nach zwei Jahren eine Evaluation der Umsetzung des Aktionsplans vorgesehen. Alle relevanten Informationen zum Aktionsplan in Deutschland, den Auditberichten aller Länder sowie Informationen zum Thema Schwanzbeißen inkl. einer Checkliste für den Einstieg in den Kupierverzicht sind auf der Homepage www.ringelschwanz.info zu finden. Dr. Astrid van Asten Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfahlen

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Foto:Strasser

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Studienreise nach Dänemark Wie im letzten Magazin bereits berichtet, fand Mitte Juni 2019 eine Studienreise nach Dänemark und Südschweden statt. Nun folgt der zweite Teil dieser spannenden Reise. 3. Tag Dänische Schweineproduktion hautnah Am dritten Tag besuchten wir die Firma Jyden Bur, einem bedeutenden Unternehmen für Stallbau und Stalleinrichtung in Vemb. Nach einer kurzen Präsentation über das im Jahr 1923 gegründete Unternehmen, folgten Vorträge zu Forschungsprojekten im Bereich der freien Abferkelung und intakten Schwänzen bei Schweinen. Das Thema Schanzkupieren ist in Dänemark ebenfalls ein wichtiges Thema, denn auch dort hatte die europäische Kommission bereits ein Audit durchgeführt. Patentrezepte gibt es aber natürlich auch dort nicht. Man möchte den Landwirten aber Hilfestellungen geben, um die Problematik zu verbessern. Die Tierbeobachtung stellt einen wichtigen Punkt dar, um das Schwanzbeißen zu identifizieren und auch um eine Verbesserung einzulei-

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ten. Erste Anzeichen wie hängende Schwänze weisen auf Probleme hin. Seit 2019 sind dänische Schweinhalter verpflichtet, Fälle von Schwanzbeißen zu dokumentieren eine Risikoeinschätzung für ihre Betriebe durchzuführen und basierend darauf einen Aktionsplan zu implementieren. Zum Abschluss gab es noch eine Führung durch das Unternehmen. Dabei konnten wir uns noch ein besseres Bild der Haltungsformen in Dänemark machen. Die Behauptungen eines Vollspaltenverbots in Dänemark können wir nun auch relativieren. Ein Teil der Bucht muss schlitzreduziert sein, besser gesagt- jeder zweite Schlitz ist geschlossen. Abschließend gab es an diesem Tag eine Besichtigung des Betriebes Gammelgaard IS. Auf diesem Betrieb werden 1200 Sauen gehalten. Das Management dieser großen Tierzahlen ist nur mit entsprechend

geschultem Personal und Fremdarbeitskräften zu bewältigen. Sechs Mitarbeiter helfen im Sauenbetrieb mit, weitere drei Mitarbeiter sind für den Mastbetrieb angestellt. Der Betrieb hält die Sauen in Bewegungsbuchten, diese wurden zu 40% gefördert. Er betreibt einen 1-Wochen Rhythmus und 25% der Sauen dienen auch als Ammensauen. Über 30 verkaufte Ferkel pro Sau und Jahr werden produziert. Besonders erstaunt waren wir aber über die „Schulterpolster“, die so manche Sau im Stall trug. Diese sollen Schutz bringen und mögliche Läsionen verhindern. Weiters bemerkten wir die fehlenden Ohrmarken bei den Ferkeln. Der Landwirt teilte uns mit, dass ein Teil der Ferkel am eigenen Betrieb gemästet werden. Die anderen gehen zu fixen Mästern, die lediglich seine Ferkel einstallen und somit Ohrmarken nicht verpflichtend sind.


4. Tag Südschweden Nach einer Fahrt über die Öresundbrücke gelangte die Reisegruppe nach Schweden. Die 7,8 km lange Brücke ist die weltweit längste Schrägseilbrücke und verbindet die Städte Kopenhagen und Malmö. Wir besuchten den südlichsten Schweinebauern Schwedens, Mattias Espert in Kvarnlyckan. Da gerade ein neuer Stall für 600 Sauen gebaut wird, konnten wir diese „Baustelle“ besichtigen. Eine Besichtigung im „laufenden“ Betrieb, ebenfalls 600 Zuchtsauen, war aus hygienischen Gründen nicht möglich. Die Strukturen dort sind sehr groß, auch hier ist der Einsatz von Fremdarbeitskräften an der Tagesordnung. Der Gastgeber ist der stellvertretende Vorsitzende der schwedischen Schweineproduzenten. Dementsprechend konnten wir die Zeit auch nutzen, um intensiv über Rahmenbedingungen in der Schweinehaltung zu sprechen.

Danach ging es zurück nach Kopenhagen, wo schon das Flugzeug auf uns wartete. Insgesamt war es eine sehr lehrreiche Fahrt.

Facts Schweden Hauptstadt: Stockholm

Fazit

Fläche: 447.435 km² Einwohner: 10,2 Mio.

Als Resümee lässt sich sagen, dass im Norden die Strukturen gänzlich andere sind als bei uns. Das „Tierschutz“ Musterland Schweden und den „Produzenten“ Dänemark verbindet und trennt dabei mehr als man denkt. Die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen sind gänzlich andere; die sich daraus ergebenden Strukturen auf den Betrieben unterscheiden sich weniger stark.

Schwedische Schweineproduktion 2018: •

Schweinehalter: 1.082

Schweinefleischproduktion: 230.000 Tonnen

Schweineschlachtungen: 2,6 Millionen Schweine

Selbstversorgungsgrad 75%

Schweden hat bekanntlich das strengste Tierschutzgesetz Europas, was auf die berühmte Kinderbuchautorin Astrid Lindgren zurückgeht, denn zu ihrem 80. Geburtstag wurde ein neues Tierschutzgesetz verabschiedet. An dieser Stelle sei gesagt, dass Schweden einen Selbstversorgungsgrad von ca. 75 % bei Schweinefleisch hat. Am Betrieb von Mattias Espert werden die Sauen in Bewegungsbuchten gehalten. Auch hier sind Schutzkörbe vorhanden, welche in Ausnahmefällen auch zum Einsatz kommen, um die Sau zu fixieren. Weiters ist Stroheinstreu verpflichtend. Ebenfalls anwesend war der Tierarzt des Betriebs, bei dem wir uns genauer bzgl. der Ferkelkastration informierten. Auch in Schweden wird diese unter lokaler Betäubung durchgeführt. In Schweden darf jedoch dafür Lidocain verwendet werden, anders als in Dänemark, wo lediglich Procain zur Anwendung kommen darf. Auf Fragen bzgl. Schwanzbeißen wurde uns vom Landwirt Mattias und dem Tierarzt mitgeteilt, dass dies kein Problem ist, genauer konnten sie uns das aber auch nicht erklären. Zum Abschluss ging es noch zu einer Besichtigung des Anwesens Högestad bei Ystad. Dabei handelt es sich um ein sehr imposantes Gut mit rund 13.000 ha. Neben der Land- und Forstwirtschaft werden auch Zimmer bzw. dazugehörige Häuser an Gäste vermietet.

Sau mit Schulterschutz.

Foto: Strasser

Demonstrationsbucht Jydenbur. Foto: Strasser

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Mostbraten

mit Wurzelsauce und Grammelsterz

Zubereitung

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©Rezept und Foto Herausgeber: AMA

Zutaten für 4 Portionen

1. Kohlblätter mit heißem Most übergießen, fein geschnittenen Knoblauch darüber streuen und einige Minuten ziehen lassen. 2. Fleisch längs aufschneiden, aufklappen, vorsichtig plattieren und würzen. Aus den abgetrockneten Kohlblättern Röllchen formen, auf die aufgeschnittenen Filets legen und einrollen. Jedes Schweinsfilet mit Speckscheiben zur Gänze fest umwickeln. Filets in heißem Öl rundum knusprig anbraten, beiseite stellen. 3. Für die Wurzelsauce klein geschnittenen Zwiebel mit etwas Schmalz im Bratensatz anrösten und mit Most und Rindsuppe aufgießen. Karotten und Sellerie putzen, klein würfelig schneiden und rösten. Lauch in feine Ringe schneiden, beifügen und mit Most und Rindsuppe aufgießen. 4. Filets, im Mostsud, im Rohr bei 200 °C einige Minuten garen. Fleisch aus dem Sud nehmen und warm stellen. 5. Für die Sauce, Gemüse-Mostsud abseihen und die Hälfte des Gemüses mit ¼ Liter heißem Sud im Mixer pürieren. Restliches Gemüse als Beilage servieren und warm stellen. 6. Sauce noch einmal aufkochen lassen, abschmecken und kalte Butter unterrühren. Filets in Scheiben schneiden und mit Sauce, Gemüse und Grammelsterz anrichten.

4 Schweinslungenbraten (á 15 dag) 4 Kohlblätter, groß ¼ l vergorener Apfelmost 4 Knoblauchzehen Salz, Pfeffer Küchenkrepp 30 dag Hamburgerspeck (ca. 20 dünne Scheiben) 1 EL Öl Wurzelsauce 1 Zwiebel 1 EL Schmalz je 12 dag Karotten, Sellerieknolle 6 dag Lauch 1 l vergorener Apfelmost ½ l klare Rindsuppe Salz 6 dag Butter Grammelsterz Für den Grammelsterz eine klein würfelig geschnittene Zwiebel mit 15 dag Grammeln in 2 EL Schmalz anrösten, 50 dag gekochte, geschälte Erdäpfel grob raspeln, zu den Grammeln geben, würzen und goldbraun anrösten. Mit Salz, Pfeffer und Majoran würzen.

... im VÖS RÄTSEL-Stall Kreuzworträtsel rund ums Schwein 1. Das Trennen der Ferkel von der Sau nennt man A.... 2. Wieviel Futter für ein kg Gewichtszuwachs benötigt wird, nennt man ... 3. Damit man die Herkunft jedes Schweines nachvollziehen kann, erhält jedes Tier eine ... 4. Durch die Mehrrassenkreuzung entstehen H... 5. In der Tierhaltungsverordnung ist vorgeschrieben, dass Schweine Zugang zu Beschäftigungs-... haben müssen. 6. Neben Weizen, Mais und Sojabohnen wird auch ... an Schweine verfüttert. 7. Schweinefleisch eignet sich nicht nur für die Erzeugung von Schinken, sondern auch für W... 8. Oft lagern die Landwirte die verschiedenen Futterkomponenten in S... 9. Schweine grunzen und ..., um sich zu verständigen. 10. Bei einer neuen Einstallung sollte der Stall d... werden. Erstellt mit XWords - dem kostenlosen Online-Kreuzworträtsel-Generator https://www.xwords-generator.de/de

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Von Almen zu Palmen: Die Agrarpolitik im (Klima-)Wandel Die Wintertagung wird neu gedacht!

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Die Wintertagung ist eine der renommiertesten und gleichzeitig die größte Informations- und Diskussionsveranstaltungen des österreichischen Agrar- und Forstsektors. Dabei blickt sie auf eine langjährige Tradition zurück und findet vom 21. bis 30. Jänner 2020 bereits zum 67. Mal statt. Doch nun haben wir die Wintertagung für Sie neu gedacht. Denn in diesem Jahr dürfen wir Ihnen besonders viel Zeit für den inhaltlichen Austausch und ein spannendes Rahmenprogramm anbieten! Damit ist die Wintertagung nicht nur thematischer Kompass für das kommende Agrarjahr, sondern auch zentrale Plattform für die Vernetzung innerhalb der Branchen der österreichischen Land- und Forstwirtschaft. Inhaltlich dürfen wir für Sie wieder hochaktuell bleiben und ein wortwörtlich heißes Eisen aufgreifen: den Klimawandel und seine Folgen. Unter dem Generalthema „Von Almen zu Palmen: Die GAP im (Klima-)Wandel“ freuen wir uns auf hitzige Diskussionen und spannende Vorträge renommierter ReferentInnen aus dem In- und Ausland. Auch in diesem Jahr packen wir für Sie an insgesamt 11 Fachtagen wieder die brisantesten Fragen an: • Was bedeutet der Klimawandel für die österreichische Land- u. Forstwirtschaft?

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Wie können wir mit den Folgen am besten umgehen? Und werden wirklich bald Palmen auf unseren Almen wachsen? (Wie) können wir dem Klimawandel auch heute noch entgegenwirken? Und welche Antworten auf diese und andere aktuelle Herausforderungen an die Landwirtschaft liefert die neue gemeinsame Agrarpolitik?

Fachtag Schweinehaltung 22.01.2020 Der Schweinmarkt der Zukunft: saugut oder eine Schweinerei? Zukunftsorientiert, das ist das Motto des kommenden Fachtages Schweinehaltung, der sich wie gewohnt die stets aktuellen Fragen stellt: Wie sehen die zukünftigen politischen Rahmenbedingungen in der Schweinebranche aus? Und wie wettbewerbsfähig sind wir im globalen Vergleich? Bewegt sich die Nachfrage Richtung Billigfleisch oder ist uns echte Nachhaltigkeit bald nicht mehr wurst? Ob Politikanalyse, Marktprognose oder Konsumforschung: Namhafte VertreterInnen geben Antworten auf die brisantesten Fragen der Branche und diskutieren, wie wir den Anforderungen der Zukunft gerecht werden können. Auch in der Schweinehaltung steht dabei der Klimawandel ganz oben auf der Liste. Und wer Zukunft denkt, kommt in Zeiten der Klima-

krise ohne Nachhaltigkeit nicht mehr aus. 2020 stellen wir daher die österreichische Schweinehaltung auf den Prüfstand und erheben den CO2-Fußabdruck im internationalen Vergleich. Erfahrene ExpertInnen unterschiedlicher Branchen zeigen, wie die Gesellschaft die Schweinhaltung rund um die Nachhaltigkeit wahrnimmt. Und wie wir durch faktenbasierte Nachhaltigkeitskommunikation ein realitätsnahes Bild zeichnen und die Wahrnehmung schärfen können. Ein Blick nach Österreich und ein Blick in die Welt wird zeigen, welche Herausforderungen rund um die Tiergesundheit auf uns zukommen. Mit internationalen ExpertInnen schauen wir in puncto Tierwohl über den Tellerrand und fragen uns: Wo haben wir den Rüssel vorne und wo können wir uns noch verbessern?

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VÖS-Magazin 4/2019  

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