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Österreichische Post AG, MZ 02Z030068 M Verband österreichischer Schweinebauern, Dresdnerstrasse 89/18,1200 Wien

Ausgabe Österreich 4/2020

Biosicherheit im Fokus

www.schweine.at


Ausgabe Österreich 4/2020 06

Im Interview: Mag. Scherzer ...

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Krankheitseinschleppung ...

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Was fühlt das Schwein ...

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... Leiter der Abteilung für Exportangelegenheiten im Gesundheitsministerium ...

03 Inhalt 04 Leitartikel

Zukunftsvision ...

... für unsere produzierende Landwirtschaft ...

05 Kommentar 06 Interview 09

Mit dem Rüssel in Brüssel

10 Markt 11 Ferkelmarkt 12

Pakt für mehr Tierwohl

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Recht & Politik

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Management

16

... mit Biosicherheit zum Statusbetrieb ...

18 AMA 20

Afrikanische Schweinepest

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Das „100-Tage-Schwein“

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PIG Austria

ASP: Aktuelle Lage ...

... bei sich täglich ändernder Seuchenlage ...

25 Interview 26 EIP-Projekt 28

Tier-Emotionen

30 LAND.SCHAFFT.WERTE. 32 Firmen-Information 34

Rezept & Rätsel

IMPRESSUM

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... eine wissenschaftliche Annäherung an die Emotionen der Tiere ...

Rezept-Tipp ...

...Karreesteak mit Zwiebelkruste...

Herausgeber u. Verleger: Verband Österreichischer Schweinebauern (VÖS), Dresdnerstr. 89/18 1200 Wien, Tel. 01/33417 21 DW31, E-Mail: office@schweine.at - IBAN-Nr. AT 71 3200 0000 0384 2333, BIC-Nr.: RLNWATWW Für den Inhalt verantwortlich: DI Michael Klaffenböck, VÖS-Geschäftsführer. Mit Namen gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder der Herausgeber wieder. Grafik und Satz, Layout: Mag. Heinz u. Susanne Ebner GmbH, Sandwirtgasse 9/6, 1060 Wien, E-Mail: ebner@fresco.at Ständige Autoren: Dr. Peter Knapp, Dr. Johann Schlederer, DI Johann Stinglmayr, Hans Peter Bäck, Ing. Franz Strasser Anzeigen: Karin Greilinger, Dresdnerstr. 89/18, 1200 Wien, Tel. 01/334 17 21 DW31 Druck: Leykam Druck GmbH&CoKG, Bickfordstr.21, 7201 Neudörfl Titelfotos: Fraukoeppl, Strasser, VÖS Mit Unterstützung vom

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Foto: FRAUKOEPPL

Walter Lederhilger VÖS-Obmann

Nach vorne schauen, um wettbewerbsfähig zu bleiben! Die Schweinebranche hat gelernt, mit Marktschwankungen gut umzugehen. Doch selten wichen die tatsächlichen Entwicklungen so weit von den Einschätzungen und Prognosen ab, wie im Jahr 2020. Nachdem wir mit guten Preisen gestartet sind, hat eine Serie von Ereignissen die Märkte verändert. Die Covid 19 Pandemie betrifft beinahe alle Wirtschaftsbereiche. So hatte auch der Schweinesektor Vermarktungsprobleme, sodass ein massiver Preisruck nach unten unausweichlich war. In weiterer Folge sorgte der Skandal rund um die Arbeitsverhältnisse der Firma Tönnies für größere Turbulenzen, und hat der gesamten Fleischwirtschaft einen enormen Image-Schaden zugefügt. Und aktuell sind die Auswirkungen und Folgen des Ausbruches der Afrikanischen Schweinepest (ASP) in Deutschland zu verkraften.

Afrikanische Schweinepest (ASP) Was bereits seit längerem befürchtet wurde, ist nun Realität. Mit Deutschland ist die ASP in einem produktionsstarken Exportland angekommen. 4 | Leitartikel | 4-2020

Die Auswirkungen am EU-Markt sind tiefgreifender und ausgeprägter, als es in den bisher betroffenen Ländern spürbar war. Noch im ersten Halbjahr 2020 haben unsere deutschen Nachbarn die Exportmengen nach China im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Aber mit dem aktuellen ASPAusbruch sind diese und viele weitere Exportwege für voraussichtlich zwei Jahre gesperrt - außer es gelingt, die seit einiger Zeit geführten Gespräche über eine Regionalisierung von Sperrzonen und freien Regionen erfolgreich abzuschließen. Experten sehen hier allerdings eher geringe Chancen. Bei der Analyse der Auswirkungen auf den österreichischen Markt sind vor allem zwei Bereiche anzusprechen. Die etablierten Markenprogramme, wie z.B. das AMA-Gütesiegel oder über


sus-Herkunftskennzeichnung abgesicherte Vermarktungswege bis hin zu Verarbeitungsprodukten, haben den Markt enorm stabilisiert. Und das gute Netzwerk des VÖS bewirkte, dass die Österreichische Schweinebörse die massive Preisrücknahme von minus 20 Cent/kg wie in Deutschland verhindern und den Schaden auf minus 8 Cent/ kg begrenzen konnte. Ein besonderer Dank gilt allen Geschäftspartnerinnen und Geschäftspartnern, die in solchen Situationen auf heimische Qualität und Herkunft setzen. Die von der Bundesregierung gestartete Initiative, in der Gemeinschaftsverpflegung und bei Verarbeitungsprodukten eine klarere Kennzeichnung der Primärzutaten umzusetzen, wird die heimische bäuerliche Tierhaltung weiter stärken. Darüber gibt es weitere Maßnahmen, die in der aktuellen Situation helfen können.

Was ist zu tun? • Der Biosicherheit ist in allen Bereichen besondere Aufmerksamkeit zu widmen – ein Handbuch mit klaren Empfehlungen und Details ist in Fertigstellung. • Jede Bäuerin und jeder Bauer sollte für sich Versicherungslösungen prüfen. Die öffentliche Hand unterstützt diese Risikoabsicherung. • Die Veterinärbehörden sind gut auf einen möglichen Ausbruch vorbereitet. Es wäre zielführend, wenn schweinehaltende Betriebe bereits im Vorfeld die Anforderungen eines „Statusbetriebes“ erfüllen würden. Im Ernstfall wäre dann der kritische Bereich der Tiertransporte und Verbringungen besser abzuwickeln. • Derzeit wird auch intensiv über zusätzliche Exportmöglichkeiten von Schlachtnebenprodukten nach China verhandelt. Im Chinaprotokoll 2 haben die bäuerlichen Betriebe zusätzliche Anforderungen zu erfüllen, die am besten mit Einbindung des TGD umsetzbar wären. Ein gut funktionierendes Exportgeschäft stabilisiert die Absatzmärkte enorm und darf nicht unterschätzt werden.

Tiergesundheitsdienst (TGD) Aktuell wird sehr intensiv über Weiterentwicklungen und einer Neuausrichtung der Tiergesundheitsdienste diskutiert. Über 95% der heimischen Schweine stehen in TGD-Mitgliedsbetrieben. Niemand stellt hier die hervorragende Arbeit der Länder-

TGD in Frage. Neue Anforderungen, wie das Tiergesundheitsrecht, bessere Verknüpfungen gesundheitsrelevanter Daten, neue TGD-Programme (wie das erwähnte Exportgeschäft) und eine einheitlichere Umsetzung erfordern jedoch eine Weiterentwicklung. Ein gemeinsames Dach, mit einer spartenspezifischen Ausrichtung und einer besseren Vernetzung der Daten wäre eine gute Ergänzung zur bestehenden Struktur. Vorbild ist der Geflügelgesundheitsdienst (QGV), wo entsprechende Synergien bestens genutzt werden. Bei jeder Veränderung muss der Mehrwert und Nutzen aller Beteiligten im Vordergrund stehen, das ist die wichtigste Basis in diesem Entwicklungsprozess.

Tierwohl steht im Fokus Tierschutz- und Tierwohl-Themen werden immer wieder öffentlich diskutiert und lösen bei einem Teil der Gesellschaft starke Emotionen aus. Dabei wird die Nutztierhaltung von Einzelnen generell abgelehnt und der Bereich Tierwohl oftmals auf Stroh und Auslaufhaltung reduziert. Die bäuerlichen Betriebe betreuen ihre Tierbestände ganzheitlich, wobei die Tiergesundheit, die gute Versorgung und der Umgang mit unseren Tieren im Vordergrund stehen. Es ist festzuhalten, dass die gesetzlichen Standards sehr wohl eine tiergerechte Haltung garantieren. Wir Bäuerinnen und Bauern sind gerne bereit, tierfreundlichere Systeme in unsere Stallungen einzubauen. Es braucht jedoch auch Konsumenten, die zu diesen Produkten greifen, aber vielfach ist das Angebot größer als die Nachfrage. Die Landwirtschaft darf jedenfalls mit den Mehrkosten nicht allein gelassen werden, es braucht einen kontinuierlichen marktkonformen Ausbau unserer Tierwohl- und Markenprogramme. Die klaren Signale in der geplanten Investitionsförderung schaffen einerseits gute Anreize, mehr Tierwohl in den Stallungen zu ermöglichen und dabei auch die Eigenversorgung nicht aus den Augen zu verlieren. Der Investitionsbedarf ist groß und ohne Tierhaltung würden viele Betriebe ein wichtiges Einkommensstandbein verlieren. Die Coronakrise hat eines gezeigt: Die Wertschöpfung vor Ort ist enorm wichtig. Eine stabile Nah- und Eigenversorgung sichert die Verfügbarkeit von Lebensmitteln und wichtigen Gütern, und muss als strategisches Ziel unserer Gesellschaft gesehen werden. Die Landwirtschaft ist mit Sicherheit systemrelevant und hat Zukunft!

Michael Klaffenböck VÖS-Geschäftsführer

Dialog mit der Gesellschaft

In den vergangenen Monaten ist wieder eine intensive gesellschaftliche Debatte über Schweinehaltung in Österreich entflammt. Insbesondere die Themen Bodenperforation und Schwanzkupieren stehen im Fokus der Diskussion. So ist der Funke auch auf die mediale und politische Ebene übergesprungen, und die österreichische Schweinehaltung ist regelmäßig Thema von Berichterstattung und politischen Auseinandersetzungen. Als Bürger wünscht sich der Österreicher, dass Schweine in kostenintensiven, besonders tierfreundlichen Haltungssystemen leben dürfen. Als Konsument ist er aber in den meisten Fällen nicht bereit, trotz vielfältiger Produktpalette im Handel den entsprechenden Aufpreis zu bezahlen. Es wirkt, als wäre vielen Menschen der Zusammenhang zwischen dem eigenen Konsum und der Realität der Lebensmittelproduktion nicht bewusst. Das gegenseitige Unverständnis zwischen LandwirtInnen und KonsumentInnen scheint auf einem Hoch zu sein! Ich möchte vor diesem Hintergrund alle schweinehaltenden Landwirte und Landwirtinnen dazu ermutigen, aktiv an diesen Debatten teilzunehmen! Sucht das persönliche Gespräch im privaten und öffentlichen Raum, um mehr Verständnis für eure Arbeit zu schaffen. Reagiert auf einseitige Berichterstattungen in Fernsehen, Zeitungen und Internet. Erzählt bei jeder Gelegenheit eure Seite der Geschichte, und klärt die Bevölkerung über die Realität der Schweinehaltung auf einem österreichischen Familienbetrieb auf! Es ist wichtig, dass die landwirtschaftliche Praxis in dieser Diskussion lautstark wahrgenommen wird – denn eine Diskussion über Schweinhaltung ohne Beteiligung der Schweinebauern und –bäuerinnen ist sinnlos. 4-2020 | Leitartikel | Kommentar | 5


Im Interview: Mag. Rudolf Scherzer Der Export von tierischen Produkten in Länder außerhalb der EU spielt für die heimische Landwirtschaft eine immer wichtigere Rolle, da die Produkte wegen ihrer guten Qualität im Ausland sehr gefragt sind. Allerdings dürfen diese Produkte in viele Länder nur auf Basis von bilateralen Veterinärvereinbarungen exportiert werden. Um die Landwirtschaft, Exportbetriebe und Behörden diesbezüglich beim Export in Drittstaaten zu unterstützen, wurde das Büro für Veterinärbehördliche Zertifizierung (BvZert) im Jahr 2016 ins Leben gerufen. Mag. Rudolf Scherzer, Leiter der Abteilung für Exportangelegenheiten im Gesundheitsministerium, steht uns Rede und Antwort für Fragen rund um BvZert.

Das BvZert setzt sich aus verschiedenen Bundesministerien zusammen, wer genau wirkt dort mit und warum?

Mag. Rudolf Scherzer Leiter d. Abt. f. Exportangelegenheiten Gesundheitsministerium Foto: BMSGPK

Das BvZert wurde als gemeinsame Einrichtung des (damaligen) Gesundheitsministeriums (BMG), des (damaligen) Landwirtschaftsministeriums (BMLFUW) sowie der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) eingerichtet, um die zentrale Veterinärbehörde im Gesundheitsministerium bei administrativen Angelegenheiten des Exportes von Tieren, Lebens-, Futtermitteln und Waren tierischen Ursprungs, die einer veterinärbehördlichen Zertifizierung unterliegen, zu unterstützen und um den ständig steigenden Anforderungen der Drittstaaten in Zukunft besser gerecht zu werden. Die administrative Leitung des BvZert obliegt der AGES-Geschäftsführung, die fachliche Leitung wird von Führungskräften des BMSGPK, wo die BvZert-MitarbeiterInnen auch bürotechnisch eingebunden sind, wahrgenommen. Unmittelbar im BvZert sind derzeit 2 FachexpertInnen und 2 administrative Supportkräfte beschäftigt. Darüber hinaus sind – wie schon vor Bestehen des BvZert - je nach Fragestellung Fachexperten aus anderen Abteilungen des BMSGPK aber auch vom BMLRT und der AGES mit diesen Aufgaben befasst. Das BvZert unterstützt Behörden und österreichische Unternehmen dabei den ständig steigenden Exportanforderungen der Drittstaaten an Erzeugnisse tierischen Ursprungs und lebende Tiere gerecht zu werden. Was genau sind hierbei die Aufgaben des BvZert? Die Aufgaben sind unmittelbar mit den Agenden verbunden, die im internationalen Kontext von der zentralen Veterinärbehörde

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eines Landes zu erfüllen sind, dazu zählen u.a. die Bearbeitung von Exportanfragen, Anfragen aus und Schriftwechsel mit Behörden der Drittstaaten, Koordinierung und Organisation von Inspektionsbesuchen durch Kontrollorgane aus Drittstaaten; Evidenthaltung der aktuellen Anforderungen und Zeugnisformulare und Bereitstellung der einschlägigen Informationen für Behörden und Betriebe auf der Website (www.kvg.gv.at); Erstellung von Arbeitsanleitungen, Richtlinien sowie Checklisten zur Kontrolle der spezifischen Anforderungen von Drittstaaten; Abhaltung von Informationsveranstaltungen für exportinteressierte Verkehrskreise; Unterstützung bei der Durchführung von Präaudits in exportierenden Betrieben, etc. Da die Aufgaben, Anträge und Interessen wegen der beschränkten Ressourcen nicht alle unmittelbar erledigt werden können, werden im Rahmen einer regelmäßigen Steuerungsgruppe, in der auch Interessensvertreter eingebunden sind, Prioritäten vereinbart und evaluiert. Bei welchen Ländern ist das BvZert für den Export zuständig? Grundsätzlich ist das BvZert für alle jene Länder zuständig, wo für den Export spezielle veterinärbehördliche Anforderungen eingehalten werden müssen und durch eine amtliche Bescheinigung (‚Zertifikat‘) mit jeder Sendung zu garantieren sind. Je nach Bestimmungsland kann der dafür notwendige administrative Aufwand sehr unterschiedlich sein: Dies reicht von der einfachen Bestätigung, dass alle in der EU geltenden Rechtsnormen erfüllt sind, über die Einhaltung von länderspezifischen Zusatzanforderungen (zB China) bis hin zur detaillierten Erfüllung aller Rechtsnormen eines Drittstaates (zB USA).


Unter anderem ist das BvZert dafür zuständig die Erhaltung und Öffnung von Exportmärkten sicherzustellen. Wie genau wird dies realisiert bzw. was wird darunter verstanden? Um mögliche Missverständnisse auszuschließen, muss ich zunächst betonen, dass das BvZert nicht dafür zuständig ist, neue Märkte zu erschließen oder österreichische Waren international zu bewerben, sondern den dafür notwendigen veterinärbehördlich-administrativen Teil abzudecken. Bei entsprechendem Exportinteresse aus der Wirtschaft, wird Kontakt zur zuständigen Behörde des Drittlandes aufgenommen, um die konkreten Bedingungen für den Export in Erfahrung zu bringen. Üblicherweise wird daraufhin ein m.o.w. umfangreicher Fragebogen übermittelt, in dem die allgemeine Situation bezüglich Struktur und Kontrollsystem der Veterinärbehörde und LM-Aufsicht, der Tiergesundheit, der Labors, die Produktionsstruktur, usw. detailliert darzustellen ist. Nach Beantwortung aller Fragestellungen und erster Bewertung durch die Drittsaatenbehörde erfolgt meist ein Inspektionsbesuch in Österreich, bei dem zuerst das Kontrollsystem geprüft und in Folge die einzelnen Betriebe inspiziert werden. In einem daraus folgenden Auditbericht werden häufig weitere Verbesserungsmaßnahmen gefordert. In einem letzten Schritt wird vom Drittstaat schließlich ein Protokoll zur gegenseitigen Unterfertigung oder ein Zertifikat vorgelegt, in welchem die Bedingungen festgehalten sind. Für die Aufrechterhaltung der Exportberechtigung sind - abhängig von den Gepflogenheiten der jeweiligen Drittländer - wiederum unterschiedliche Maßnahmen erforderlich: Es sind z.B. jährliche Berichte über Betriebskontrollen und Seuchenüberwachung zu übermitteln, dann kommen in regelmäßigen Abständen Auditoren zu Inspektionsbesuchen,

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um die Einhaltung der Anforderungen vor Ort in Österreich zu überprüfen oder um befristet erteilte Zulassungen zu verlängern. Warum steigen die Anforderungen von Drittstaaten an tierische Produkte und was hat das für Auswirkungen auf heimische Betriebe? Bereits seit Jahren ist ein genereller, grundsätzlich positiv zu wertender Trend feststellbar, dass die Qualitätsansprüche im Hinblick auf LM-Sicherheit, Hygiene und Tiergesundheit global steigen, allerdings werden diese in den einzelnen Staaten auf sehr unterschiedliche Weise umgesetzt. Zum anderen fällt auf, dass Anforderungen vor allem von jenen Ländern, die einen großen Importbedarf haben, stetig hinauf lizitiert werden, da sich viele (große) Agrarexportländer um den Marktzutritt bewerben. Manche Anforderungen werden auch zum Schutz des eigenen Marktes etabliert und erinnern dabei an nichttarifäre Handelshemmnisse. Unsere Betriebe sind hier gefordert, sich dem internationalen Wettbewerb zu stellen, das betrifft nicht nur die exportierenden Betriebe per se, sondern auch die vorgelagerten Bereiche der landwirtschaftlichen Primärproduktion, was in der kleinstrukturierten Wirtschaftsweise in Österreich nicht immer einfach zu erfüllen ist. Welche Teile des Schweins sind im Ausland besonders gefragt und werden dementsprechend vermehrt exportiert und warum werden diese Teile stärker nachgefragt? Welche Teile nachgefragt sind, hängt vor allem vom Land bzw. der Region ab, wohin exportiert wird. Während in europäischen

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Ländern außerhalb der EU überwiegend ähnliche Teile wie in unseren Breiten nachgefragt werden, können in SO-asiatischen Ländern auf Grund anderer Koch- und Essgewohnheiten auch solche Teile zu guten Preisen vermarktet werden, die auf Grund der Wohlstandsentwicklung bei uns mittlerweile als ‚minderwertig‘ angesehen werden und kaum mehr Absatz im LM-Handel finden; das sind vor allem fettere Zuschnitte wie Bäuche, Speckschwarten, Ripperl, aber auch Knochen, Köpfe, Haxerl, Innereien, etc. Mehr als 2/3 des Gesamtvolumens beim Fleischexport werden mittlerweile in diese Länder exportiert. Durch die höhere Wertschöpfung beim Export der sogenannten ‚Nebenprodukte‘ ergibt sich ein besserer Kostendeckungsbeitrag in der Fleischbranche und damit eine indirekte Markt- und Preisstützung bei uns, weshalb das Interesse, den Export in die Länder SO-Asiens weiter zu forcieren, entsprechend groß ist. Besonders jetzt wo Deutschland wegen des ASP-Ausbruchs nicht mehr nach China exportieren darf, steigt die Bedeutung dieses Marktes für Österreich. Wie werden die heimischen Unternehmen unterstützt, damit ein reibungsloser Export sichergestellt werden kann? Exporte von bereits zugelassenen Betrieben laufen seit Mitte 2018 ohne größere Probleme. Für zwei weitere Fleischbetriebe, die aus Sicht der österreichischen Veterinärbehörde die chinesischen Anforderungen erfüllen, wurden die erforderlichen Unterlagen schon im Februar nach China geschickt, im Sommer wurden von chinesischer Seite ergänzende Informationen und weitere Garantien gefordert, die derzeit bearbeitet werden.

Als Reaktion auf unsere Bemühungen, eine Zulassung für den Export – abgesehen von den bereits erlaubten Teilstücken - auch für die sogenannten ‚Nebenprodukte‘ nach China zu erreichen, wurde von der chinesischen Behörde ein neues ‚Schweinefleischprotokoll‘ mit geänderten Bedingungen vorgelegt, deren Einhaltung von den österreichischen Behörden bei der Zertifizierung jeder einzelnen Exportsendung garantiert werden muss. Diese Anforderungen müssen nachvollziehbar entlang der gesamten Kette, beginnend bei der Tierhaltung, in der Praxis umgesetzt werden. An entsprechenden Konzepten wird in Zusammenarbeit mit Experten und Vertretern der betroffenen Branche gerade intensiv gearbeitet. Von China wurde im Frühjahr zudem die behördliche Bestätigung gefordert, das in Fleischbetrieben strikte Covid-Präventionsmaßnahmen eingehalten werden und das exportierte Fleisch virenfrei ist, obwohl es international keinen wissenschaftlichen Nachweis einer Übertragung des Corona-Virus über Fleisch gibt. Was die ASP betrifft, können wir nur hoffen, dass Österreich (möglichst lange) davon verschont bleibt, da mit dem ersten Nachweis sofort das ganze Land für den Export gesperrt würde. Es gilt daher für alle Beteiligten in der gesamten Produktionskette, sich informiert zu halten und alle zu Gebote stehenden Vorsorgemaßnahmen gegen eine Seuchenausbreitung in der täglichen Arbeit zu beherzigen.


Mit dem Rüssel in Brüssel Interpig 2019: Licht und Schatten für Österreich Markt- und Betriebswirtschaftsexperten aus aller Welt haben für 2019 den alljährlichen Bericht erstellt, der es ermöglicht, Aussagen über die Wettbewerbsfähigkeit sowie Stärken und Schwächen in den einzelnen Ländern zu treffen. Wie schon in den letzten Jahren zeigt sich, dass die Schweinehaltung in Österreich kostenmäßig zur Gruppe der aufwendig produzierenden Länder gehört. Einmal mehr bestätigt sich aber auch, dass die höheren Produktionskosten durch höhere Erlöse gut kompensiert werden können. In der Cost-Income-Ratio liegen wir also recht gut. Offensichtlich gelingt es uns in Österreich durch Produktion von hoher Qualität und entsprechendem Marktauftritt sich abermals im Spitzenfeld der Schweinepreise Europas und weltweit zu bewegen. Wie die Abbildung zeigt, war das Jahr 2019 praktisch für alle Länder sehr erfolgreich d. h. mit Ausnahme von Kanada, Schweden, Irland und Italien war die Schweineproduktion in allen Ländern gewinnbringend.

Gesamtleistung aus Zucht und Mast wird sichtbar, wenn man das erzeugte Schlachtgewicht je Zuchtsau und Jahr der letzten zehn Jahre darstellt. Dominatoren bei diesem Parameter sind abermals Dänemark, Holland und Deutschland, wobei deren Vorsprung primär von der hohen Fruchtbarkeit der eingesetzten Genetik herrührt.

In der Kombi am Treppchen! Als Conclusio kann man anführen, dass wir in

Österreich in den Bereichen Zucht, Haltung und Fütterung unter den gegebenen Rahmenbedingungen gut unterwegs sind auf der Absatzseite im Bereich Qualität, Marktposition und Preisbildung abermals eine Medaille bei dieser Art von Schweineolympiade erzielt haben.

Verbesserungspotentiale bestehen Dass in Österreich gerade bei biologischen Leistungen noch Luft nach oben besteht, zeigt, dass wir mit ca. 25 abgesetzte Ferkel je Sau und Jahr Schlusslicht sind. Das andere Extrem zeigt Dänemark mit 33 Stück, allerdings scheint nun auch in Dänemark der Plafond erreicht zu sein. Die

ASP in BRD: Prinzip Hoffnung ist zu wenig

Der Krisenherd Deutschland macht nicht nur deutschen Schweinehaltern sondern allen europäischen Kollegen große Sorgen. Corona bedingt fehlende Arbeitskräfte an den Schlacht- und Zerlegebändern sowie der ASPbedingte Exportstopp nach Asien haben mittlerweile zu einem Rückstau von ca. 1 Million Schweinen in deutschen Stallungen geführt. Trotz dieser enormen Überhänge wurde die offizielle Notierung praktisch eingefroren. Der inoffizielle Markt und Preisdumping nehmen aber zu. Praxisnotwenige Panikverkäufe überschwemmen mit Ferkeln, Schlachtschweinen, Schlachtkörpern und Verarbeitungsfleisch benachbarte EU-Länder.

Chinesen sollen Regionalisierung akzeptieren

Für die meisten Marktinsider ist es unverständlich, dass deutsche Agrarvertreter im-

Erlöse und Kosten 2019 in Euro je kg SG kalt (ohne USt, kombinierter Betrieb, Reihung nach Produktionskosten je kg SG). Quelle: InterPIG 2020 mer noch ihre Bauern mit der Hoffnung bei Laune halten wollen, dass man mit denChinesen auf gutem Weg ist die Regionalisierung durchzubringen. In Wahrheit ist vielmehr anzunehmen, dass es sich nicht um Monate, sondern um Jahre handeln dürfte, bis wieder mit China Schweinefleischhandel betrieben werden kann. Bis dato hat man nicht den Eindruck, dass dieses schlimme Szenario deutschen Entscheidungsträgern bewusst ist. Einzig Bundesagrarministerin Klöckner nimmt die Erzeuger in die Pflicht und spricht von Produktionsrücknahme.

Mehr Schlachtkapazität durch Sonn- und Feiertagsschlachtung

Wenn wie kolportiert zu Weihnachten mehr als 1 Million Schlachtschweine überquellen und die einzige Empfehlung ist, Maschinenhallen zu räumen und mit einigen Strohballen und Schweinen zu füllen, dann ist dies vielleicht für einige Wochen eine Entspannung der Lage – mehr nicht. Deutschland

lehnt nach wie vor als DAS hauptbetroffene Land eine Beantragung in Brüssel um private Lagerhaltung ab. Klar, damit wird das „Zuviel am Markt“ auch nur nach hinten verschoben. Aber das drohende Desaster von Tierquälerei im Schweinestall, Verurteilungen bei Schweinebauern und eine Preisdruckwelle über ganz Europa könnte dadurch gemildert werden. Dass man von einem Nottötungsszenario nicht im Entferntesten jetzt schreiben möchte ist klar, aber ein offizieller Aufruf für Produktionsrücknahme im Bereich Sauen, Besamung oder Fütterungsintensität wäre jedenfalls angebracht. Eins steht jedenfalls unstrittig fest, alle kritischen Stimmen der Vergangenheit, die vor der Produktionsausrichtung auf den Drittlandexport gewarnt haben, bekommen jetzt Recht. Und zwar noch deutlicher als man sich das bisher vorstellen konnte. Dr. Johann Schlederer Koordinator Ö-Börse

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Corona und ASP machen Schweinemarkt zur Zitterpartie

Dr. Johann Schlederer Koordinator Ö-Börse Foto: FRAUKOEPPL

2020 ist nichts für schwache Nerven. Wie in allen Gesellschaftsbereichen durchschreiten wir heuer auch im Schweinebereich ein Wechselbad der Gefühle. Hat uns die ASP im ersten Trimester aufgrund der Verbreitung in Asien noch Freude und Hoffnung bereitet, so war das zweite Trimester von den negativen Auswirkungen der Corona-Pandemie geprägt und im dritten Trimester belasten nun beide Virus-Szenarien unseren Markt. Einmal mehr wird deutlich, wie sehr die internationalen Verflechtungen der Märkte eine Rolle spielen und wie sehr Entwicklungen in Deutschland direkt und indirekt auf uns wirken.

War es im Sommer die vierwöchige Betriebssperre vom größten deutschen Schlachtbetrieb Tönnies, so war es Anfang September abermals ein deutsches Ereignis, sprich erster ASP-Fall bei Wildschweinen, was zu erheblichen Verwerfungen am ganzen europäischen, ja sogar weltweiten Markt geführt hat.

Überproduktion macht Deutschland zum Krisenherd Seit Juli prägen Schlachtschweineüberhänge das Bild in der BRD. Seit Mitte September ist man wegen Wildschweine-ASP zudem für den Export nach Asien gesperrt, was das Dilemma noch einmal drastisch verschärft. Damit wird akut und brisant, wovor viele schon lange Zeit gewarnt haben. 120% Eigenproduktion führt zu einer Exportabhängigkeit die im Krisenfall fatal ausgehen könnte. Genau an diesem Punkt ist nun Deutschland angelangt. Grundsätzlich könnte am Binnenmarkt, mit Ausnahme des Restriktionsgebietes in Brandenburg, Schweinefleisch am EU-Markt frei verkauft werden, doch es fehlen Corona-bedingt Arbeitskräfte, sodass nicht mehr, sondern immer weniger Schlachtkapazität zur Verfügung steht. Mit Ende Oktober wird von ca. einer Woche Überhang ausgegangen. D. h. ca. 1 Million Schweine stehen bereits überschwer in den Stallungen.

BRD sucht alternativen Absatz am Binnenmarkt Bis Anfang November ist es uns gelungen, ähnlich große Preiseinbrüche wie in Deutschland von Österreich fernzuhalten. Auch wenn wir in der KW 39 ein Minus 10 | Markt | 4-2020

von 8 Cent hinnehmen mussten, während die BRD um 20 Cent korrigierte, entstand gegenüber Deutschland ein historisch hoher Preisabstand. Geht man von offiziellen Notierungen aus, so bewegt sich dieser bei ca. € 30,- je Durchschnittsschwein. Panikverkäufe werden dem Vernehmen nach noch deutlich billiger gehandelt. Der Gastr-Lockdown Anfang November war dann der vorläufige Tiefpunkt im Seuchenjahr 2020. Nun sind politische Maßnahmen zur finanziellen Kompensation der Gastronomie gefordert.

Wichtig: Heimmarktverteidigung und Chinaexport Jahrzehnte lange Bemühungen tragen jetzt Früchte. Die Tatsache, dass im Frischfleischbereich mit AMA-Gütesiegel und SUS bei Lebensmittelhandel und Gewerbe praktisch nur mehr 100% heimische Ware unterwegs ist, ist ein Faktum. Unser Engagement bzgl. Herkunftskennzeichnung, auch bei Verarbeitungsware, gewinnt auch im LEH zunehmend an Bedeutung, wie auch das agrarpolitische Engagement im Großküchenbereich. Zweiter großer Meilenstein ist der Export, insbesondere nach China. Immer im Herbst besteht seitens China der größte Importbedarf. Nun macht es sich bezahlt, dass bereits 2015 ein eigenes Büro für veterinärpolizeiliche Exportabwicklung installiert wurde und seit 2019 auch tatsächlich fünf österreichische Schlachtbetriebe die Lizenz zur Ausfuhr Richtung Peking bekommen haben. September und Oktober konnten wir bis zu 10% unseres heimischen Schweineangebotes über dieses Ventil absetzen. Und

wenn es uns in den nächsten Wochen gelingt, gemeinsam mit den österreichischen Veterinärbehörden eine erweiterte Exportlizenz für China zu erhalten, bei der es dann auch möglich wäre, das sogenannte fünfte Viertel (= Ohren, Schwänze, Rüssel, Innereien, etc.) zusätzlich zu den bisher genehmigten Schlachtkörperteilen nach China liefern zu können, so würde diese zusätzliche Wertschöpfung ein willkommener Beitrag zur bestmöglichen Vermarktung unseres Schweinefleisches sein.

Selber sauber bleiben ist das Wichtigste Schlachthofsperren durch Eskalationen im Bereich Corona könnten genauso wie das Auftreten von ASP in Österreich diese positiven Aussichten zunichtemachen. Daher gilt es alles daran zu setzen, effektive Maßnahmen zur Verbesserung der Biosicherheit auf unseren heimischen Schweinebetrieben zur forcieren und umzusetzen. Jeder soll sich in seinem Bereich bemühen, zur Bewusstseinsbildung in der Öffentlichkeit beizutragen, sprich in den Bereichen Jagd, Tourismus, Saisonarbeit und Fernverkehr darauf einzuwirken, dass eine größtmögliche Vorsicht hinsichtlich ASP-Verschleppung angewendet wird.


Ein Jahr zum Vergessen? Beim Verfassen des Artikels (KW 44) lag der durchschnittliche Ferkelpreis für das heurige Jahr bei 2,79€. Würde man die aktuelle Notierung mit 2,10 € fortschreiben bekäme man exakt das gleiche Ergebnis wie 2019 das wir ja alle als ein eigentlich Gutes in Erinnerung haben. Und dennoch ist die Stimmung, vorsichtig gesagt, sehr ausbaufähig. Rein von der Vermarktung her war es bis in den Herbst hinein ein sehr ruhiges Jahr, die Ferkel waren stark nachgefragt und Mengenprobleme stellten sich erst mit der beginnenden Ernte ein, wobei diese nicht so ausgeprägt waren wie in der Vergangenheit. Es ist auch bemerkenswert und äußerst positiv zu vermerkten, dass mit Beginn der ASP-Turbulenzen in Deutschland der Heimmarkt „gehalten“ hat, entlang der gesamten Produktionskette um Stabilität gekämpft wurde und man sich weiter vom Ausland abkoppeln konnte. Aus Sicht der Ferkelerzeuger kann man sich nur bei den Abnehmern bedanken, die auch in Zeiten großer Verunsicherung und negativer Deckungsbeiträge treu geblieben sind.

Mediale Diskussion Wie schon oft angesprochen ist das AMA-Gütesiegel ein zentraler Baustein und der Schlüssel zum österreichischen Konsumenten. Es kommt daher auch nicht von ungefähr, dass gerade dieses ein Hauptziel für die permanenten Angriffe diverser Aktivisten darstellt. Hier wird versucht unsere finanzielle Basis zu untergraben und Zustände wie in den meisten EU-Mitgliedsstaaten herzustellen wo die heimische Produktion durch große, exportorientierte Länder oft sehr stark unter Druck

kommt und eine Produktion in Bauernhand zunehmend schwieriger geworden ist. Die Strategie ist durchaus geschickt angelegt und zielt unter anderem auch darauf ab die Bauern zu verunsichern. Das kann ich in meinem privaten Umfeld gut beobachten, wo eigentlich gar nicht bezüglich Pressemeldungen nachgefragt wird. Seitens der Schweineproduzenten sind hingegen produktionstechnische Fragen ganz weit in den Hintergrund gerückt und es wird mit zunehmender Verbitterung über die mediale Darstellung der eigenen Arbeit diskutiert. Durch das sogenannte Tierschutzvolksbegehren lässt sich auch erwarten, dass diese Situation noch einige Zeit andauern wird.

Künftige Themen (ein Auszug) Seit dem EU Beitritt hat sich der stetige Wandel in der Schweineproduktion beschleunigt und hat dafür gesorgt, dass viele den Weg nicht mehr mitgehen wollten oder konnten. Am Beispiel des ASP-Ausbruches zeigt sich wieder einmal, wie wichtig es ist, Biosicherheitsmaßnahmen im Land und am eigenen Betrieb hochzuhalten. Einen Ausbruch in der Wildtierpopulation werden wir wohl auf Sicht kaum verhindern können, für einen noch viel dramatischeren Ausbruch in Hausschweinebeständen haben wir schon Maßnahmen zur Verfügung, das

Entwicklung der Ferkelpreise in Österreich von 2017 bis 2020. Quelle: Bäck

Hans-Peter Bäck Koordinator Ferkelausschuss Foto: Styriabrid

Risiko des eigenen Betriebs zu reduzieren. Dies gilt natürlich auch für alle anderen Tierkrankheiten, wobei im speziellen PRRS genannt sei. Zur Zeit gibt es viele „Experten“ außerhalb der Landwirtschaft, die meinen, die Art und Weise der Tierhaltung diktieren zu können – wobei die meisten Vorschläge wohl in der Praxis scheitern würden. Dennoch werden wir auf Fragen, die Haltungsbedingungen und Eingriffe bei den Nutztieren betreffen, Antworten geben müssen. Es zeichnet sich ab, dass in Deutschland eine massive Änderung in der Tierhaltung vorgenommen wird und diese Entwicklungen werden auch in Österreich ihre Auswirkungen haben. Es wird entscheidend sein, hier nicht die Themenführerschaft aus der Hand zu geben und die zukünftigen Rahmenbedingungen selbst mitzugestalten, wie es im VÖS ständig gemacht wird. Das Projekt „Pro-Sau“ ist nach wie vor die Benchmark, wie derartige Fragestellungen abgehandelt werden können – sachlich, praxis- und lösungsorientiert. Wie schon oft erwähnt, ist eine vernünftig dotierte Investitionsförderung entscheidend für die Entwicklung der Produktion. Ein höherer Standard, mehr Tierwohl und ähnliches kostetn viel Geld. Uns nicht so wohlgesonnene Gruppierungen unterstellen uns immer wieder das „Abkassieren“ von Förderungen, fordern aber auf der anderen Seite weit über den Standard hinausgehende Haltungsbestimmungen, was nicht fair ist. Natürlich wissen wir, dass die diversen Aktivisten unsere Magazine lesen. Schöne Grüße und wir versichern ihnen, dass wir nicht aufgeben werden, uns für eine eigenständige österreichische Schweineproduktion einzusetzen. Allen unseren Mitgliedern hingegen wünsche ich ein frohes und ruhiges Weihnachtsfest, Gesundheit und hoffe, dass wir alle im nächsten Jahr wieder in ruhigeres Fahrwasser kommen werden. 4-2020 | Ferkelmarkt | 11


Ein gemeinsamer Pakt wird langfristig die tierische Produktion weiterentwickeln und die Selbstversorgung absichern – wir können es uns nicht leisten, keine Lebensmittel mehr selbst zu produzieren.

Besonders die tierische Produktion ist in Österreich immer wieder einem enormen Preisdumping und volatilen Märkten unterworfen. Aktuelle Beispiele dafür sind die Auswirkungen des Auftretens der Afrikanischen Schweinpest in Deutschland auf den europäischen Markt oder massive Umsatzeinbußen, welche durch die Corona-Krise hervorgerufen wurden. Trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen gehört Österreich im internationalen Vergleich zu den Ländern mit der nachhaltigsten Landwirtschaft und auch im Bereich Tierwohl sind wir in vielen Bereichen Vorreiter. Unsere Bäuerinnen und Bauern zeigen seit vielen Jahren vor, wie gelebter Tierschutz aussieht. Was es braucht ist eine gemeinsame Zukunftsvision und eine echte Perspektive für die tierische Produktion. Für mich ist klar – es 12 | Tierwohlstrategie | 4-2020

ist keine Option durch eine unverhältnismäßige Erhöhung der geltenden Standards die Produktion in Drittstaaten zu verlagern. Unser Ziel muss es sein die Selbstversorgung abzusichern, damit wir uns in Österreich mit hochqualitativen Lebensmitteln versorgen können und gleichzeitig die Einkommenssituation der Tierhalter spürbar verbessert wird. Eines möchte ich an dieser Stelle auch ganz klar sagen: beim Tierwohl gehen wir immer den Weg, den wir im Regierungsprogramm festgelegt haben. Eine marktkonforme Steigerung des Tierwohls ohne Verbote, sondern mit spürbaren Anreizen, ist unser Ziel. Mit der vorgelegten Strategie werden wir einen weiteren wichtigen Schritt in Richtung Zukunft gehen. In den letzten Jahren hat ein generelles Umdenken hinsichtlich der sukzessiven Einführung von tierfreundlichen Haltungsformen eingesetzt. Gleichzeitig steigen die Ansprü-

che der Konsumentinnen und Konsumenten, die immer mehr auf qualitativ hochwertige Lebensmittel schauen und denen Tierwohl ein großes Anliegen ist. Wir können uns dem nicht verschließen, brauchen aber eine praxisorientierte Strategie, um die Mehrkosten abzufedern und Märkte für die erzeugten Produkte mit höheren Standards aufzubauen. Entsprechende Förderangebote und finanzielle Unterstützungen sind dabei wichtige und erforderliche Instrumente, um Anreize zu bieten, in kostenund arbeitsintensivere Haltungsformen zu investieren. Es freut mich sehr, dass mein Pakt für mehr Tierwohl in der produzierenden Landwirtschaft von den Dachverbänden der Tierhaltung, den Bundesländern, der Landwirtschaftskammer Österreich und den Landes-Landwirtschaftskammern mitgetragen wird.

Foto: Paul Gruber

Wir brauchen eine Zukunftsvision für unsere produzierende Landwirtschaft


Bisher stehen rund 100 Millionen Euro pro Jahr an Investitionsfördermitteln für den Bereich der landwirtschaftlichen Urproduktion bereit. In der GAP-Übergangsperiode 2021 und 2022 werden zusätzlich rund 20 Millionen Euro zur Verfügung stehen, welche insbesondere in der tierischen Produktion eingesetzt werden. Neu ist auch, dass besonders tierfreundliche Haltungssysteme bei Schwein und Pute zukünftig mit einem erhöhten Fördersatz unterstützt werden. Ab 2021 soll es keine Förderungen mehr für den Neubau von Anbindeställen in der Rinderhaltung sowie ab 2022 für den Neubau von Ställen mit gesetzlichem Mindeststandard in der Schweinemast und Ferkelaufzucht geben, damit zeigen wir einen gangbaren Weg auf, der immer den Anreiz zu investieren im Fokus hat. Neben den Investitionen gilt es unsere Landwirtinnen und Landwirte bei den laufenden Mehrkosten für mehr Tierwohl zu unterstützen. Die bisherige ÖPUL-Maßnahme Tierwohl Stallhaltung wird deshalb weiter ausgebaut und der Bereich Ferkelaufzucht neu aufgenommen. Langfristig müssen die laufenden Mehrkosten durch höhere Produktpreise und somit durch die Konsumentinnen und Konsumenten abgegolten werden. Einen wesentlichen Schwerpunkt des Tierwohl-Pakts abseits der Schweinehaltung betrifft die Produktion von heimischem Kalbfleisch, welche in den letzten Jahren und Jahrzehnten dramatisch gesunken ist. Mit einem Bündel an Maßnahmen, etwa über die Ausweitung der bestehenden de-minimis-Regelung für die Erzeugung von Qualitätsrindfleisch auf die Kälbermast, werden wir die inländische Kalbfleischproduktion ankurbeln. Auch der Aufbau eines Österreichischen Tiergesundheitsdienstes als zentrale Struktur und ein Fokus auf praxisbezogene Forschung zu tiergerechten Haltungssystemen, etwa hinsichtlich Umbaulösungen in der Schweinehaltung, sind im vorliegenden Pakt zentral verankert. Unser erklärtes Ziel ist es, die Produktion von tierischen Lebensmitteln weiterzuentwickeln, das Tierwohl weiter zu verbessern und gleichzeitig die Selbstversorgung in Österreich abzusichern. Der gemeinsam beschlossene Pakt für mehr Tierwohl in der Landwirtschaft wird dafür einen wesentlichen Beitrag leisten. Ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam dieses Vorhaben in die Tat umsetzen können und damit die tierische Produktion in Österreich langfristig absichern.

PAKT FÜR MEHR TIERWOHL IN DER PRODUZIERENDEN LANDWIRTSCHAFT Investitionen in tiergerechte Haltungssysteme forcieren ✓ Neue, gehobene Förderstandards besonders für Ferkelaufzucht und Schweine mast bzw. Rinderhaltung Mehr Platz, größere Buchten, getrennte Funktionsbereiche mit nur wenig perforierten Liegeflächen, vielseitiges Beschäftigungsmaterial und Kühl- möglichkeiten; kein Spaltenboden für die Rindermast ohne weiche Auflage Ab 2022 keine Förderung mehr für Ställe mit gesetzlichem Mindeststandard (gilt für Neubau und Umbau mit Bestandeserweiterung) ✓ Ab 2021 spürbare Erhöhung des Fördersatzes als Anreiz für Investitionen in beson ders tierfreundliche Haltungen bei Schwein und Pute von 25% auf attraktive 35% ✓ Gezielte Umstellungsförderungen soll den Umstieg auf höhere Tierwohl standards beschleunigen Unterstützung bei laufenden Mehrkosten für mehr Tierwohl ✓ ÖPUL-Maßnahme „Tierwohl Stallhaltung“ für Schweine fordert und fördert eben falls mehr Platz und befestigte, eingestreute Liegeflächen. Bisher war die Maß nahme auf die Sauenhaltung und Schweinemast beschränkt.

Um einen zusätzlichen Anreiz für die Ferkelaufzucht in Richtung besonders tierfreundlicher Stallhaltung zu geben, soll die Ferkelaufzucht zusätzlich auch in die Maßnahme „Tierwohl Stallhaltung“ integriert werden.

Für Betriebe, die sich dazu entschließen, unkupierte Schweine zu halten, soll es einen optionalen Zuschlag geben. Aufbau Österreichischer Tiergesundheitsdienst

✓ Die Tiergesundheit ist unverzichtbare Basis für das Tierwohl. ✓ In den Tiergesundheitsdiensten der Länder sowie im Geflügelgesundheitsdienst wird seit Jahren eine immens wertvolle Arbeit geleistet. ✓ Die stetige Weiterentwicklung von Qualitätssicherung und Tiergesundheitsrecht verlangt, dass die Aufgaben im Bereich Tiergesundheit und Tierwohl zunehmend nach österreichweit einheitlichen Lösungen und Programmen geregelt werden. ✓ Aufgabengebiete eines Tiergesundheitsdienstes Österreich sind zum Beispiel: Programme zur Umsetzung von Tierwohlvorgaben (zB Verzicht auf Schwanz kupieren bei Ferkeln) Einheitliche Tiergesundheitsprogramme einschließlich möglicher Zertifizie rungen des Gesundheitsstatus für Exportprogramme Generell Unterstützung der Tierhalterinnen und Tierhalter bei der Um setzung veterinärrechtlicher Vorgaben (zB Maßnahmen im Bereich der Biosicherheit) In Österreich ist der präventive Einsatz von Antibiotika nicht erlaubt – gleich zeitig braucht es Programme und Maßnahmen zur Reduktion des Medika menteneinsatzes Rasche Umsetzung von Forschungsprojekten in die Tierhaltungspraxis ✓ Im Rahmen der nationalen Forschungsförderung werden immer wieder Projekte mit Schwerpunkt Tierwohl unterstützt. ✓ Das BMLRT führt die Forschungsaktivitäten mit der bisherigen Gesamtdotation von 3,5 Mio. Euro intensiv fort, damit Ergebnisse rasch für die Praxis zur Ver fügung stehen. ✓ Weiterführung und Intensivierung der praxisbezogenen Forschungsaktivitäten zu tiergerechten Haltungssystemen. 4-2020 | Tierwohlstrategie | 13


Foto: FRAUKOEPPL

DI Johann Stinglmayr Koordinator Ausschuss Recht & Politik

Zukünftige Investitionsförderung im Schweinestallbau

Eine Betrachtung der Schweinebranche. Die Eigenversorgung Österreichs mit Schweinefleisch ist ein kostbares Gut. Es besteht dringender Investitionsbedarf, um diese aufrecht zu erhalten. Der Pakt für mehr Tierwohl von Bundesministerin Köstinger schafft den Kompromiss zwischen Weiterentwicklung und Erhalt der österreichischen Produktion. Ausgangssituation Österreichs Schweinehalter haben es in den letzten 25 Jahren geschafft, eine vollständige Eigenversorgung mit heimischem Schweinefleisch zu gewährleisten. Die Tiere sind dabei in Österreich geboren, gehalten, geschlachtet und verarbeitet worden. Damit dieses hohe Gut auch in den nächsten Jahrzehnten erhalten werden kann, müssen in den heimischen Bauernhöfen nachhaltig ca. 200.000 Zuchtsauen gehalten und 1,5 Mio. aktive Mastplätze zur Verfügung gestellt werden. Die letzte größere Investitionstätigkeit der heimischen Schweinebauern endete mit der Umsetzung der Sauen-Gruppenhaltung. In den letzten 10 Jahren gab es eine deutliche Zurückhaltung bei Investitionen und zuletzt einen völligen Stillstand. Nicht der einzige, aber doch ein wesentlicher Grund für diese Investitionsmüdigkeit war die große Verunsicherung der Bäuerinnen und Bauern seit der unwürdigen öffentlichen Diskussion über die Kastenstände 2011 und 2012. Obwohl es zu einer gesetzlichen Regelung hin zu Bewegungsbucht kam, wird die Hetze 14 | Recht & Politik | 4-2020

gegen Schweinebauern von manchen NGOs mit teils üblen und menschenverachtenden Methoden bis zuletzt fortgesetzt. Die heimischen Bäuerinnen und Bauern wünschen sich mehr denn je Sicherheit, Vertrauen und Wertschätzung in der Ausübung ihrer Berufung. Ein großer Teil der österreichischen Bevölkerung legt Wert auf Lebensmittel aus heimischer Herkunft und das wünschen sie sich auch bei Schweinefleisch und Produkten daraus. Ein wesentlicher Teil der Gesellschaft wünscht sich von den heimischen Schweinebauern eine Weiterentwicklung der Haltungsverfahren in Richtung mehr Tierwohl.

Wird das neue Investitionsprogramm den Herausforderungen dieser Ausgangssituation gerecht? Gleich vorweg: Aus Sicht der Schweinebranche kann diese Frage mit einem JA beantwortet werden. Dies soll in der Folge auch begründet werden. Das vorliegende Investitionsprogramm ori-

entiert sich an den bereits im Regierungsprogramm beschriebenen Grundsätzen: 1. Veränderungen und Weiterentwicklungen sollen über Anreizsysteme und nicht über neue Vorschriften erfolgen. Die aktuellen gesetzlichen Mindeststandards bleiben unberührt, die neue Investitionsförderung gibt aber klar die Richtung für Neuinvestitionen vor. So kann man sich bei der Neuerrichtung von Ferkelaufzuchtund Mastställen eindeutig an den neuen Maßstäben orientieren. Gleichzeitig besteht aber für die Betriebe mit nur kleineren Umbauten und Reinvestitionen in bestehenden Gebäudehüllen die Gewissheit, auch mit gesetzlichem Standard förderwürdig zu bleiben. Dies stellt einen ganz wichtigen Schritt dar, auch jene Betriebe in der Produktion zu halten, die bis zu einem anstehenden Generationswechsel keine größeren baulichen Maßnahmen setzen möchten oder können. Diese gewählte Strategie hilft wesentlich mit, die heimische Eigenversorgung absichern zu können.


2. Berücksichtigung besonderer Herausforderungen in einzelnen Betriebszweigen Die Sauenhaltung hat in den nächsten Jahren riesige stallbauliche Aufgaben zu stemmen. Gerade sie ist aber das Fundament der heimischen Schweinehaltung und der Ausgangspunkt eines heimischen regionalen Schweinefleisches von der Geburt der Ferkel an. • Im neuen Investitionsprogramm wird die in den nächsten Jahren umzusetzende Bewegungsbucht im Abferkelbereich im Ausmaß von 35% gefördert. Sie wird also in die Rubrik „Besonders tierfreundlich“ eingereiht. Damit ist eine langjährige Forderung der Landwirtschaft erfüllt, einen wesentlichen Anteil der Mehrkosten dieser Haltungsform über die öffentliche Hand abfedern zu können. • Da es bei der Errichtung neuer Abferkelbuchten oftmals gezwungenermaßen auch zu Veränderungen in den anderen Stallbereichen kommen wird, wurde dieser Sachverhalt im Förderprogramm berücksichtigt. Das Deckzentrum und der Wartestall bleiben in der gesetzlichen Standardausführung auch weiterhin förderwürdig.

Die Bereitschaft der Bäuerinnen und Bauern im Zuge einer Investition auch Raumkonzepte neu zu überlegen, wird damit gefördert. 3. Klimaschutz und Tierwohl kann auch über Einzel-Maßnahmen und Nachrüstungen in den Stallungen verbessert werden. Nicht nur bei Neubauprojekten, sondern auch in bestehenden Stallungen kann eine Optimierung der Be- und Entlüftung sowie die Errichtung von Kühlungseinrichtungen sowohl zu einer Tierwohlverbesserung als auch zu einer Absenkung der Emissionen führen. Diese Investitionen werden weiterhin mit einem Fördersatz von 20% unterstützt.

Zusammenfassung Wie schon im Regierungsprogramm, bekennen sich die Regierungsparteien auch im neuen Investitionsprogramm zu einer realistischen und marktkonformen Weiterentwicklung der Schweinehaltung. Nicht über das Anheben von gesetzlichen Standards, sondern über wohlüberlegte und individuelle Anreizsysteme stößt die Regierung einen Prozess hin zu einer nach wie vor praxis- aber auch gesellschaftstaug-

lichen Schweinehaltung an. Es gibt dabei eine klare Differenzierung zwischen einer Situation der Neuerrichtung von Stallsystemen und der Situation bestehendes zu erhalten und nicht unnötigerweise verfrüht aus der Produktion zu drängen. Für beide einzelbetrieblichen Situationen gibt es mit diesem Investitionsprogramm ein klares politisches Bekenntnis. Zwar werden auch mit diesem Investitionsprogramm die vielfältigen Herausforderungen der heimischen Schweinehalter nicht weniger, es kann aber helfen und unterstützen diese Herausforderungen besser meistern zu können. Wohltuend ist jedenfalls zu bemerken, dass die Erhaltung einer breit aufgestellten Standardproduktion zur Absicherung der Eigenversorgung hohe Priorität genießt und die Bundesregierung nicht den Verlockungen populistischer und öffentlichkeitswirksamer Forderungen von „Heilsbringern“ erliegt. Gerade jetzt kann jeder Betrieb dieses Förderangebot zusätzlich mit der Covid19- Investitionsprämie optimieren. Diese einmalige Chance empfehlen wir zur Absicherung der eigenen Produktionsstätte aber auch der gesamten Branche zu nutzen.

4-2020 | Recht & Politik | 15


Mit Biosicherheit zum Statusbetrieb Seitdem die Afrikanische Schweinepest (ASP) bei Wildschweinen im Osten Deutschlands angekommen ist, steigt die Nervosität bei den Schweinehaltern. Nicht nur aufgrund des Preisverfalles, sondern auch aus Angst vor Einschleppung nach Österreich. Damit die ASP nicht in den Haustierbestand überspringt, sind Infektionsketten zu unterbrechen. Franz Strasser ABL, Berater LK-OÖ

Spätestens jetzt machen sich viele Schweinebauern Gedanken, wie sie die Biosicherheitsmaßnahmen auf Ihren Höfen rasch umsetzen können. Sie wollen gerüstet sein und alles Erdenkliche getan haben, um eine Krankheitseinschleppung zu verhindern. Sie wissen auch, dass sie im Fall des Auftretens der ASP bei Wildschweinen durch entsprechende Maßnahmen nicht nur besser geschützt sind, sondern auch einen höheren Hygienestatus vorweisen können (= Statusbetrieb). Nur so ist ein eingeschränkter Tierverkehr, und somit eine Vermarktung möglich. Aufgrund der gewachsenen Bestände und der Hoflage ist es oft nicht einfach, zweckmäßige Verladerampen, Kadaverlager oder Hygieneschleusen zu bauen. Einfacher ist es, wenn man durch Beispiele angeregt wird und so zu praktikablen Lösungsansätzen angeregt wird. Franz Strasser, Fachberater der LK OÖ hat Beispiele für praktikable Lösungen aus seiner Beratertätigkeit zusammengefasst.

Ein Zaun In vielen Betrieben sind Tiere auch in Stallungen außerhalb der Hofgebäude untergebracht. So auch bei diesem Beispiel, einem kombinierten Zucht-Mastbetrieb neben einer Landstraße. Um Unbefugte daran zu hindern, zwischen den Stallungen herumzufahren, hat er die beiden Gebäude mit einem Zaun verbunden. Dieser ist nicht nur zweckmäßig, sondern schmückt auch das Areal fast so wie ein Gartenzaun. Zusätzlich fühlt man sich im Inneren des Zaunes sicherer, wenn man nachts über den Hof geht. Hinter dem Zaun ist das Kadaverlager, sodass der TKV Fahrer nicht in den Hofbereich (Weissbereich) fahren muss. Im Neubau ist der Aufwand verhältnismäßig klein und der Bestand ist zusätzlich geschützt. Nach dem Motto: Ein Zaun schafft Sicherheit und eine gute Nachbarschaft.

Für jeden Stall passt eine Verladerampe Skeptiker meinen oft „Ich muss neben der Stalltür durchfahren daher kann ich keine Rampe bauen“. Beispiele aus der Praxis zeigen, dass es hier durchaus umsetzbare Lösungen gibt.

Der freistehende Wartestall wurde mit einem Zaun zum Hof verbunden und abgegrenzt. Quelle: Strasser

Das fordert die SchwG-VO in Bezug auf die Verladung • Geeignete Einrichtungen zum Verladen von Schwei nen und zur Reinigung, gegebenenfalls Desinfek tion von Transportfahrzeugen (Verladerampen, Auf stiegshilfen, Hebebühnen) • Schweine dürfen nicht entweichen • Bereits auf Transportfahrzeuge verladene Tiere dürfen nicht in den Stall zurücklaufen • Betriebseigene Fahrzeuge sind nach Abschluss von Transporten zu reinigen

Diese Rampe wurde nachträglich vor die „Verladetür“ gebaut und ist nicht mehr wegzudenken. Quelle: Strasser 16 | Management | 4-2020

• Nach jeder Ein- und Ausstallung sind die Gerät- schaften und der Verladeplatz zu reinigen


Rampe mit Verladebox Wo Platz zur Verfügung steht, soll eine Verladebox gebaut werden. Bauern, die dies gemacht haben, sagen: „Sie ist nicht mehr wegzudenken. Jetzt habe ich Platz. Ich kann Schweine für die Abholung vorbereiten - alles läuft ruhiger ab. Und wenn anschließend die Fläche abgespritzt wird, ist sie auch immer sauber.“

Wenn wenig oder kein Platz vorhanden ist? Ein findiger Landwirt fertigte eine Rampe aus Metall in der Größe von 2 x 2 m an. Diese ist auf Räder aufgebaut und kann zu verschiedenen Stalltüren geschoben oder mit einer Palettengabel hantiert werden. Nach der Verladung wird sie zum Waschplatz gefahren abgewaschen und an geeigneter Stelle zwischengelagert. Auf diese Weise bleibt die Rangierfläche vor der Stalltür frei zum Durchfahren. Die gute alte Treppe bei ebenerdigen Stalltüren: Vielfach wurden sie durch eine ausfahrbare Ladebühne am LKW ersetzt. Auf Betrieben sieht man ca. 90 cm breite und bis zu 4-5 m lange Treppen, die mittig auf Rädern gelagert sind. Seitlich sind ca. 70cm hohe dichte Planken. Logischerweise soll der Boden nicht rutschen. Bei der Verladung wird die Treppe direkt an die Stalltür angedockt und auf die Ladebordwand des LKW aufgelegt. So können die Schweine leicht steigend auf den LKW laufen. Das Zurücklaufen von Schweinen lässt sich durch Schließen einer Tür am Lastwagen verhindern.

Ist ein Waschplatz vorhanden Die SchwG-VO gibt vor, dass betriebseigene Fahrzeuge unmittelbar nach Abschluss von Tiertransporten vollständig zu reinigen

sind. Besen und Hochdruckreiniger sind auf jedem Betrieb vorhanden. Oft fehlt aber ein praktikabler Waschplatz. Viele Betriebe nutzen als Waschplatz eine alte Miststätte oder die Decke einer Güllegrube. Es macht Sinn, in der Nähe einen Hochdruckreinigeranschluss zu installieren. Beim Säubern zuerst abmisten, dann mit Hochdruck die Flächen abspritzen und anschließend desinfizieren. Der gelöste Dreck kommt auf den Misthaufen oder direkt in die Güllegrube.

Praktikable Kadaverlager Die Lösungen dazu sind in der Praxis sehr umfangreich. Eine Möglichkeit der Abdeckung bietet eine “Kadaverhaube“ aus Polyäthylen. Sie sind in grüner Farbe um ca. € 260,00 erhältlich. Zur Haube wird ein dazu passender Auffangboden angeboten, der in eine Bodenoberfläche eingelassen werden kann. Die austretenden Flüssigkeiten müssen unterirdisch abgeleitet werden. Weiters kann zur genannten Haube auch ein Fahrwerk angeschafft werden. Ein Metallbauer hat in Zusammenarbeit mit einem Landwirt eine ins Erdreich versenkbare Tonne entwickelt. Damit wird auch die Erdkühlung genutzt und der zusätzliche Deckel unterbindet die Verbreitung des Geruches.

Lösungen aus der Hofwerkstätte Schweinehalter haben die Idee eines transportablen Transportbehälters weiterentwickelt. So verwenden sie einfache Leichtgutschaufeln ihres Hof- bzw. Frontladers. Sie bauen auf diese Leichtgutschaufeln einen Aludeckel, und ergänzen vorne eine Leiste, damit austretende Flüssigkeiten des Kadavers aufgefangen werden. Genauso kann eine gewöhnliche Hecklade zu diesem Zweck umfunktioniert werden.

Eine einfache Treppe ist mehrfach zu verwenden, sichert und erleichtert die Verladung. Quelle: Strasser

Kadaverlager laut SchwG-VO • Sicherung der Kadaver gegen unbefug ten Zugriff, Schadnager und Kontakt mit Haus- und Wildtieren • leichte Reinigung und Desinfektion der Behälter • geschlossene Behälter bzw. Einrichtun gen zur Aufbewahrung verendeter Schweine zur Abholung, sodass keine potentiellen Risikobereiche des Betrie bes befahren werden Im Bedarfsfall fahren die Landwirte mit Schaufel bzw. Lader zur Stalltür, laden das verendete Tier auf und stellen sie an die Zufahrtsstraße, für den TKV Wagen. Im Sommer kann die Schaufel mit Kadaver auf einem schattigen Platz zwischengelagert werden. Nach der Entleerung wird die „Kadaverschaufel“ am Waschplatz gewaschen.

Individuelle Lösungen sind gefragt Eine pauschale Lösung für Verladerampe, Kadaverlager… gibt es nicht. Jeder Betrieb ist anders und hat spezielle räumliche Vorgaben. Gute Möglichkeiten finden sich aber immer wieder. Die Fachberater der Kammern sehen in ihrer Arbeit viele verschieden Lösungen, die auch bei Ihnen passen können. Fragen Sie einfach danach, denn sie geben gerne Auskunft und entwickeln mit Ihnen passende Lösungen.

Ein selbstgebautes Kadaverlager, leicht zu waschen und transportabel. Quelle: Strasser 4-2020 | Management | 17


Neue AMA-Gütesiegel-Kampagne Am Montag, den 5. Oktober starteten die neuen TV-Spots zur AMA-Gütesiegel-Kampagne. Neben einem allgemeinen, produktübergreifenden und einem Spot zur Milch, wurde ein eigener Spot zur Fleischproduktion erstellt. Nach zwei Kampagnen während der intensiven Corona-Phase („Unsere Bauern liefern“ und „Wir alle brauchen uns alle!“) und der Initiative für regionale Lebensmittel schließt die AMA jetzt den Kreis. Der neue Spot bündelt alle Maßnahmen der vergangenen Monate: Er greift die aus der Konsumentenperspektive ausgeleuchtete Grundidee „Ich schau aufs AMA-Gütesiegel“ auf und rundet mit unserer Testimonial-Konsumentin Anna ab. Die im vorigen Jahr gedrehten Vignetten wurden mit neuen Sequenzen erweitert und einem passenden Text abgestimmt. Die Erzählform des Reimes, die Ruhe des Schnittes und die Musik schaffen Kontinuität und symbolisieren auf einer Gefühlsebene das Vertrauen ins AMA-Gütesiegel. TV-Premiere war am Montag, den 5. Oktober im Werbeblock um 19.30 Uhr auf ORF2. Schon am ersten Tag wurden 1,7 Millionen Zuseher erreicht. Die TV-Werbung im ORF und in privaten Sendern ist bis Ende des Jahres mit einem Etat von insgesamt 1,7 Millionen Euro eingebucht. Inserate, Citylights und digitale Screens werden die Kampagne mit noch einmal ca. 500.000 Euro verstärken.

Zahlreiche Online-Maßnahmen ergänzen die jetzt gestartete Kampagne. Banner teasern die Postings auf den Kanälen der AMA an. Die Facebook-Postings thematisieren die stufenübergreifende Partnerschaft. Mehrere Fotos zu einem Thema zeigen Protagonisten auf allen Produktionsstufen. Links in den Postings führen zu ausführlicheren Blogs auf der AMA-Website. In die beschriebenen Online-Maßnahmen fließen 200.000 Euro.

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Fotos: AMA-Marketing

Kampagne in den Online-Medien


Marktzahlen für das erste Halbjahr 2020 Im ersten Halbjahr verzeichneten der klassische Lebensmitteleinzelhandel, die Diskonter und weitere Einkaufsquellen wie Bäcker, Fleischer, Märkte oder Zustelldienste im Durchschnitt wertmäßige Zuwächse von 17 Prozent. Steigerungen zeigen sich in allen RollAMAWarengruppen. Besonders gepunktet haben länger haltbare Produkte. Obst und Gemüse in Konserven oder tiefgekühlt verzeichneten ein Plus von mehr als 20 Prozent, gleiches gilt für Fertiggerichte. Zutaten, die klassischer Weise zum Kochen verwendet werden − wie Eier, Kartoffeln, Frischgemüse oder Butter − legten ebenfalls kräftig zu. Ebenso stieg der Einkauf von Fleisch um acht Prozent sowie jener von Wurst und Schinken um fünf Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2019.

Aktionsanteil sank während des Lockdowns Der Anteil jener Lebensmittel, die in Aktion gekauft wurden, war von Jänner bis April rückläufig, im Mai stieg er wieder auf das Ausgangsniveau. Während des Lockdowns war die Verfügbarkeit von Produkten wichtiger als der Preis und der Handel kümmerte sich stärker um die Logistik als um Aktionspolitik. Gesamt betrachtet lagen

die Aktionsanteile aber leicht unter dem Vorjahr und dies bei allen Warengruppen.

Gastro fehlte als Abnehmer Trotz aller erfreulichen Zuwächse im Lebensmitteleinzelhandel fehlte die Gastronomie ab März als Abnehmer. Bei allen Warengruppen war der stärkste prozentuelle Umsatzrückgang im Vergleich zum ersten Halbjahr 2019 im Monat April zu verzeichnen mit durchschnittlich minus 70 Prozent im Gastronomiegroßhandel. Mit der Öffnung der Gastronomie und Hotellerie ab Mitte Mai besserte sich die Lage, die Umsätze lagen trotzdem im Juni im Schnitt noch 20 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Bioanteile stiegen auf 10 Prozent Corona hat die Menschen sensibler für die Qualität und Herkunft von Lebensmitteln

gemacht. Das kommt Bio-Lebensmitteln besonders zugute. Der Bioanteil steigt seit Jahren kontinuierlich und erreichte im Juni mit zehn Prozent erstmals einen zweistelligen Wert. Nur in den strengen LockdownMonaten März und April war die Zuwachsrate etwas geringer, was insbesondere daran lag, dass zu dieser Zeit manche Produkte wie Eier aufgrund der plötzlichen Nachfragesteigerung nicht immer in BioQualität verfügbar waren. Der wertmäßige Bioanteil bei Fleisch und Geflügel legte im ersten Halbjahr 2020 um 0,7 Prozent zu.

Alternative Vertriebsquellen legten zu Alternative Einkaufsquellen abseits des LEH konnten im ersten Halbjahr ebenfalls punkten: ein Plus von 27,9 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2019. Der Einkauf beim Bauern (Ab-Hof-Verkauf) stieg um mehr als 30 Prozent, auch Bauernmärkte und Fleischhauer profitierten vom neuen Einkaufsverhalten.

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© AdobeStock Alexander

Dr. Andrea Höflechner-Pöltl BMSGPK Foto: Höflechner

Die Afrikanische Schweinepest – aktuelle Lage in Europa Es ist gar nicht so einfach, von einer aktuellen Seuchenlage zu sprechen, denn die ändert sich täglich! Nicht nur in Europa, auch in Afrika und Asien richtet die Afrikanische Schweinepest (ASP bzw. ASF für african swine fever) große Schäden an. Afrika: südlich der Sahara ist die ASP in vielen afrikanischen Ländern endemisch. Hier fungiert die Lederzecke als Überträger des ASP-Virus. Asien: Seit dem ersten Auftreten der ASP in China im August 2018 hat sich die Tierseuche 2019 in folgende Länder weiterverbreitet: Mongolei, Vietnam, Kambodscha, Hong-Kong, Südkorea, Laos, Myanmar, Philippinen, Nordkorea, TimorLeste, Indonesien, Papua-Neuguinea und Indien. Insgesamt 7 Millionen Schweine sind seit 2018 in diesen Ländern verendet bzw. getötet worden und der wirtschaftliche Schaden ist enorm. Europa: Nach einer ersten Seuchenwelle in den Jahren 1960 bis 1995 – betroffen waren Portugal, Spanien, Italien, Frankreich, Malta, Belgien und die Niederlande – gelang die Tilgung der Afrikanischen Schweinepest im Jahr 1995. Einzig die In-

20 | Afrikanische Schweinepest | 4-2020

sel Sardinien verzeichnet immer wieder Ausbrüche, sodass die Seuche dort als endemisch gilt. Seit 2007 gibt es ASP-Fälle in der Russischen Föderation und in Georgien. Diese Ausbrüche führt man auf kontaminierte Fleischprodukte, die an Schweine verfüttert wurden, zurück. Von dort kam es 2014 zu einem Viruseintrag in die Baltischen Staaten. Direkte Übertragung (von Wildschwein zu Wildschwein bzw. von Wildschwein zu Hausschwein) und indirekte Übertragung, z.B. durch Verfütterung von Virus haltigem Material oder über kontaminierte Kleidung, führten in den folgenden Jahren zur Infektion in folgenden europäischen Ländern: Lettland, Litauen, Estland, Polen (alle 2014), Rumänien, Tschechische Republik, Rumänien (alle 2017), Ungarn, Bulgarien, Moldawien und Belgien (alle 2018), Slowakei (2019) und Griechenland und Deutschland (2020).


Zwischen 1.1. 2020 und 3.11. 2020 gemeldete ASP-Fälle bei Haus- und Wildschweinen in Europa. Quelle: VÖS Da es keine Impfung gegen die Afrikanische Schweinepest gibt, kommen ausschließlich die klassischen Seuchenbekämpfungsstrategien zum Einsatz: • Um eine Weiterverbreitung in seuchenfreie Gebiete zu vermeiden, wird der Seuchenherd abgegrenzt (containment). Für den Ausbruch im Hausschwein werden dafür um den betroffenen Betrieb Schutz- und Überwachungszonen gezogen, beim Wildschwein wird ein Seuchengebiet definiert. In den jeweiligen Zonen gelten besondere Bestimmungen hinsichtlich Überwachung der Tiergesundheit und Handel mit lebenden Tieren und Produkten. • Zur Verminderung des Infektionsdrucks werden in einem betroffenen Bestand alle Schweine getötet und die Kadaver unschädlich entsorgt (Kategorie 1-Material). Diese Keulung wird von der Behörde angeordnet und der Landwirt wird für den Verlust entschädigt. • Der Reinigung und Desinfektion kommt ein besonders hoher Stellenwert zu, denn das Virus ist äußerst stabil gegenüber

Umwelteinflüssen (Sonneneinstrahlung, Fäulnisprozesse) und überlebt 30 Tage in Wurst, 6 Monate in konserviertem Schinken, 15 Wochen in gekühltem Fleisch und Jahre in tiefgefrorenen Schlachtkörpern. Gut wirksam gegen das ASPVirus sind saure Desinfektionsmittel mit einem ph<3,9. Untersuchungen haben gezeigt, dass das höchste Risiko, die Seuchenerreger in den Betrieb einzutragen und auch zu verbreiten von sehr kleinen Betrieben ausgeht. Diese Betriebe haben eine sehr niedriges oder gar kein Biosicherheitsniveau. Das erhöht das Risiko eines Erregereintrages durch kontaminiertes Material, wie z.B. Kleidung, Ausrüstung oder frisches Gras. Werden darüber hinaus auch noch Küchenabfälle verfüttert, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit eines ASP-Ausbruchs. Besonders in den Ost-Europäischen Ländern gibt es sehr viele kleine schweinehaltenden Betriebe.

tung; aber auch jagdliche Maßnahmen zur Verkleinerung der Wildschweinpopulation soll zur Risikominimierung beitragen. Die Österreichische Schweinegesundheits-Verordnung legt Maßnahmen fest, die den Hausschweinebestand durch gute Biosicherheitsvorkehrungen schützen soll. Als ASP-freies Land müssen wir in Österreich daher Maßnahmen setzten, um diesen Status aufrechtzuerhalten. Zur Entwicklung einer Prophylaxe-Strategie ist es wichtig zu verstehen, welche Eigenschaften das Virus hat, wie es sich verbreitet und wie die empfänglichen Tiere gehalten werden bzw. wo sich besonders viele Wildschweine aufhalten. Das Wissen und die Kooperationsbereitschaft unterschiedlichster Behörden, Organisationen, Interessensgemeinschaften wird schon seit vielen Jahren in Form einer Task Force ASP gebündelt.

Als zweite Verbreitungsursache wird die Wildschweinpopulation genannt. Eine Verhinderung des Kontakts zwischen Wildund Hausschwein ist von großer Bedeu4-2020 | Afrikanische Schweinepest | 21


Das „100-Tage-Schwein“

DI Christian Draxl GF ÖSPA Streitdorf

Das „100-Tage-Schwein“ war zu meiner Studienzeit an der Universität für Bodenkultur (BOKU) Wien (mittlerweile beinahe 40 Jahre her) ein Schlagwort in der Fütterungslehre. Gemeint war damit ein intensiv gemästetes Ferkel, das nach nur 100 Tagen Mastdauer mit dem angestrebten Mastendgewicht den Stall Richtung Schlachthof verlässt und somit Produktionskosten verringert. Durch eine kürzere Verweildauer im Maststall sollen sowohl die Fixkosten sinken, da mehr Mastschweine pro Stallplatz und Jahr gemästet werden können, als auch die variablen Kosten wie etwa Kosten für Fütterung, Tierbetreuung, oder Stalltechnik. Dies erhöht zugleich die Effizienz der eingesetzten Ressourcen.

Damals lagen die Mastendgewichte bei etwa 100 kg Lebendgewicht, wodurch das „100-TageSchwein“ eine tägliche Zunahme von mindestens 700 g aufweisen musste. Mittlerweile sind die Mastendgewichte kontinuierlich angestiegen und liegen bei etwa 120 kg Lebendgewicht. Auch das hat hauptsächlich wirtschaftliche Gründe, da beispielsweise die Kosten für Ferkel, Schlachtung und Verarbeitung pro kg erzeugtem Fleisch geringer werden. Die oben genannten Argumente, die für eine möglichst kurze Mastdauer sprechen, haben aber nach wie vor Gültigkeit. Ist das „100-Tage-Schwein“ auch unter den aktuellen Voraussetzungen, nämlich einer Zunahme von 90 kg (Aufmast von 30 auf 120 kg Lebendgewicht) möglich? Immerhin ist dazu eine durchschnittliche tägliche Zunahme von mind. 900 g erforderlich.

Grafik 1: Entwicklung der Tageszunahmen von Kastraten und weiblichen Mastendprodukten über die Jahre 2010 bis 2020. Quelle: ÖSPA Streitdorf 22 | Leistungsprüfung | 4-2020

Umfangreiche Mast- und Schlachtleistungsdaten sind notwendig Dazu werden im vorliegenden Artikel einige aktuelle Zahlen aus der Österreichischen Schweineprüfanstalt (ÖSPA) gezeigt. Seit einigen Jahren werden an der ÖSPA nicht mehr nur die einzelnen Rassen des Kreuzungszuchtprogrammes geprüft, sondern auch Mastendprodukte in größerer Anzahl. Dabei handelt es sich um Prüfungen von (Pietrain-)Besamungsebern mit Mastendprodukt-Nachkommen. Nachkommen liefern die beste und genaueste Information über die Leistungsfähigkeit von Zuchttieren. Jungeber werden zu diesem Zweck gezielt mit Produktionssauen angepaart und die Nachkommen daraus zur Prüfung an die ÖSPA gebracht. Die genetischen Anlagen dieser Tiere (ÖPIGDreirassenkreuzung) sind somit dieselben, wie bei einem großen Teil der österreichischen Schweinemastbetriebe.

Grafik 2: Entwicklung der Anzahl Masttage, die zum Erreichen des gewünschten Mastendgewichts 120 kg benötigt werden, über die Jahre 2010 bis 2020. Quelle: ÖSPA Streitdorf


Rasante Entwicklung der Tageszunahmen Die Entwicklung der Tageszunahmen (TGZ) während der Mast (TGZ in g) der an der ÖSPA geprüften Mastendprodukte war bisher durchaus rasant (Grafik 1). Kastraten haben unter den Bedingungen an der ÖSPA (ad libitum Fütterung) etwa 80 g höhere Tageszunahmen als weibliche Tiere. Abgesehen vom herausragenden Jahr 2015 ist eine kontinuierliche Verbesserung der Tageszunahmen festzustellen. So ist sie seit dem Jahr 2010 um 125 g gestiegen. Der Durchschnitt über alle Tiere (Kastraten und weibliche zusammen) liegt seit dem Jahr 2018 deutlich über 900 g Tageszunahmen. Im heurigen Jahr haben auch die weiblichen Mastschweine erstmals diese Schwelle überschritten. Kastraten liegen aktuell bei 980 g Tageszunahmen. Umgelegt auf eine Aufmast von 30 bis 120 kg Lebendgewicht (Grafik 2) heißt das: Das „100-TageSchwein“ ist mit moderner österreichischer Genetik auch bei den aktuellen Mastendgewichten möglich.

Zuchtfortschritt Wesentlich dazu beigetragen hat der bei den einzelnen Rassen des ÖPIG-Kreuzungszuchtprogrammes erzielte Zuchtfortschritt, der sich auch in den Leistungen an der ÖSPA manifestiert (siehe Grafik 3). Es ist ersichtlich, dass im letzten Jahrzehnt bei allen Rassen des Kreuzungsprogrammes, vor allem beim Endstufeneber Pietrain, starke Verbesserungen bei der Mastleistung erreicht wurden. Die an der ÖSPA geprüften F1-Tiere (Edelschwein x Landrasse bzw. Landrasse x Edelschwein) konnten in den letzten beiden Jahren im Schnitt über 1000 g TGZ vorweisen. Diese Entwicklungen haben entsprechende Auswirkungen auf das Mastendprodukt und sind ein wichtiger Beitrag zu einer möglichst wirtschaftlichen Schweinemast. Abschließend sei noch erwähnt, dass die Verbesserung der Mastleistung nur ein Teil des österreichischen Zuchtzieles ist. Weiterhin auf dem Programm stehen eine optimale Schlachtkörper- und Fleischqualität, sowie bei den Mutterrassen Edelschwein und Landrasse vor allem Fruchtbarkeitsmerkmale (Ferkel pro Wurf) und funktionale Merkmale (Nutzungsdauer, Wurfqualität). Auch bei allen diesen Merkmalen konnten in der Vergangenheit Verbesserungen erreicht werden.

Grafik 3: Leistungsentwicklung der Tageszunahmen (TGZ in g) der Rassen Edelschwein (ES) und Landrasse (LR; mk=Kastraten), den Kreuzungstieren aus Edelschwein und Landrasse (F1-ES x LR bzw. LR X ES) sowie Pietrain (w=weiblich) über die Jahre 2010 bis 2020. Quelle: ÖSPA Streitdorf

Dr. Christina Pfeiffer Zuchtleitung PIG Austria Foto: Fraukoeppl

Die wertvolle Arbeit der Prüfstation Die Leistungsprüfung in Form der Stationsprüfung ist die kostenintensivste Maßnahme in einem Zuchtprogramm. Diese zahlt sich aus, denn technisch aufwendige Merkmale (z.B. Futterverwertung, Schlachtkörperqualität usw. ) werden an Prüftieren mit unterschiedlichen Verwandtschaftsverhältnissen (z.B. Vollgeschwister, Halbgeschwister, Nachkommen) unter gleichen Umweltbedingungen erfasst. Die Datenqualität ist dadurch sehr hoch. Eine hohe Datenqualität und eine umfassende Anzahl an Prüftieren ist die Basis für eine zuverlässige Zuchtwertschätzung und damit auch für die richtige Selektionsentscheidung. Dies spiegelt sich im erzielten Zuchtfortschritt in allen Merkmalen bei allen Rassen wider. Im Prüfjahr 2019 wurden knapp 3.000 Schweine in Streitdorf geprüft. Die Prüfanforderungen wurden durch die Zusammenführung zur PIG Austria GmbH vereinheitlicht. So werden aus jeder neuen Reinzucht-Anpaarung mindestens zwei Nachkommen geprüft. Reinzuchtsauen aus der Vermehrungsstufe werden ebenfalls mit mindestens zwei Nachkommen (Kreuzungstiere aus ES x LR bzw. LR x ES) und Bestandseber mit mindestens 12 Nachkommen geprüft. Besamungseber der Rasse Pietrain werden durch gezielte Anpaarungen an Kreuzungssauen bzw. Edelschwein-Sauen auf Ferkelproduktionsbetrieben geprüft. Die Prüfanforderungen werden von den PIG Austria ZüchterInnen motiviert umgesetzt. Neben der Mast- und Schlachtleistungsprüfung führt die ÖSPA die Zuchtwertschätzung durch, verwaltet die Daten aus der Feld- und Stationsprüfung sowie genomische Daten, wartet und führt die Herdebuch-Software und stellt den ZüchterInnen ein Online-Tool zur Anpaarungsplanung zur Verfügung (das Zuchtwertinformationssystem ZWISSS). Weiters werden an der ÖSPA regelmäßig (Fütterungs-)Versuche als Dienstleistung für die Universität für Bodenkultur Wien durchgeführt. 4-2020 | Leistungsprüfung | 23


Erfolgreicher Qualitätscheck an den PIG Austria Besamungsstationen

Dr. Peter Knapp Geschäftsführer von PIG Austria Foto: Fraukoeppl

Als Mitglied im internationalen Forschungsverbund FBF (Förderverein Bioökonomieforschung – ein Verbund von 26 Besamungsstationen und Zuchtorganisationen) unterzieht sich die PIG Austria GmbH mit ihren Besamungsstationen in Gleisdorf, Hohenwarth und Steinhaus einem intensiven Qualitätsmonitoring durch externe Experten. Dabei wird der gesamte Produktionsprozess vom der Spermagewinnung bis zum Versand protokolliert und auf die Einhaltung der FBF Standards geprüft. Im Fokus des letzten Qualitätschecks stehen hygienische Spermagewinnung, Absamtechnik, Spermaanalyse, Sperma-Verdünnung sowie Laborhygiene.

Durchgeführt wurden die Untersuchungen von Dr. Martin Schulze vom IFN (Institut für Fortpflanzung landwirtschaftlicher Nutztiere, in Schönow bei Berlin) einem Experten mit langjähriger Erfahrung in den Bereichen Reproduktion und Besamung. Besonderes Augenmerk wurde diesmal darauf gelegt, die Spermaanalysen und Produktionsabläufe der PIG Austria auf den jeweiligen Standorten den neusten Standards einheitlich zu dokumentieren und zu überprüfen.

Neue Analysetechnik Die neuen computergestützten Spermaanalysegeräte, die auf allen Standorten im Einsatz sind, ermöglichen objektive und vergleichbare Analyseergebnisse hinsichtlich Spermaqualität. Dies ist die Grundlage für verlässliche und hohe Standards.

matuben aus der Produktion genommen und neben den Standarduntersuchungen mit einem erweiterten Methodenspektrum im Referenzlabor des IFN hinsichtlich Tubeninhalt, Spermienzahl, Anteil morphologisch intakter Spermien und Spermienbeweglichkeit nach 72 und 96 Stunden Lagerung untersucht. Sämtliche Proben erreichten die FBF Standards.

Gleichzeitig wurden stichprobenweise Sper-

Laborhygiene besonders wichtig Die Laborhygiene wurde mit bakteriologischen Proben an den kritischen Punkten wie Arbeitsflächen, Verdünnerbehälter, Gerätschaften und Waschbecken überprüft. Hier ist strenge Hygiene besonders wichtig, denn zusätzliche Schmutzkeime würden die Haltbarkeit negativ beeinflussen. Im Anschluss an die Untersuchungen gab es im Rahmen einer Mitarbeiterschulung praktische Tipps vom Experten, um die Arbeitsabläufe laufend zu optimieren. Das Resümee von Dr. Schulze zu den Stationsbesuchen Österreich: „auf allen Stationen der PIG Austria wird hinsichtlich Spermaqualität und Hygiene auf internationalem Spitzenniveau gearbeitet. Mit den Investitionen in die neue Analysetechnologie ist auch die Grundlage für eine effiziente Qualitätspermaproduktion geschaffen worden“ Hohe Reinstwasserqualität als wichtige Grundlage für die Verdünnervorlage. Quelle: PIG Austria

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LK-OÖ Präsidentin im Interview Oberösterreichs LK-Präsidentin und Vorsitzende des Verwaltungsrates der Agrarmarkt Austria, Michaela Langer-Weninger, steht uns Rede und Antwort zur AMA.

Sie sind als Vorsitzende des Verwaltungsrates der Agrarmarkt Austria dem Präsidenten der Landwirtschaftskammer Wien, ÖkR Ing. Franz Windisch, nachfolgend. Was sind ihre konkreten Aufgaben in dieser Funktion? Seit Mitte September bin ich Vorsitzende des AMA-Verwaltungsrates und leite daher die Sitzungen. Der Verwaltungsrat der AMA, die hauptsächlich als Behörde tätig ist und die GAP-Zahlungen von jährlich fast 1,8 Mrd. Euro abwickelt, setzt sich aus Vertretern der Sozialpartner zusammen. Alle Beschlüsse werden dort mit 4/5-Mehrheit getroffen, wie das im AMA-Gesetz festgelegt ist. Der Verwaltungsrat als oberstes Gremium ist für grundsätzliche Unternehmensentscheidungen, wie die Bestellung des Vorstandes, die Überwachung der Geschäftsführung, den Beschluss des Finanzplanes und den Jahresabschluss zuständig. Zugleich bin ich Vorsitzende des Aufsichtsrates der AMA-Marketing GmbH, einer 100-%-Tochter der AMA. Im Aufsichtsrat der AMA-Marketing werden auf Basis des AMAGesetzes und des Gesellschaftsvertrags der AMA-Marketing z.B. die erforderlichen Beschlüsse über die Jahresvoranschläge und -abschlüsse herbeigeführt, aber genauso alle geplanten und abgewickelten Marketingprojekte auch sehr detailliert diskutiert. Da ich die Praxis aus meiner täglichen Arbeit kenne, kann ich darauf achten, dass alle Maßnahmen, Projekte und Budgets schlüssig, wirkungsvoll und kosteneffizient sind. Welche besonderen Herausforderungen warten da auf Sie? Die AMA hat als österreichische EU-Marktordnungs- und Zahlstelle einen sehr weiten und sehr detailliert geregelten Aufgabenbereich. Sie wickelt neben den gesetzlich verankerten Aufgaben und den GAP-Zahlungen immer wieder auch zusätzlich Maßnahmen professionell ab, wie bspw. derzeit den Härte-

fallfonds für die Landwirtschaft. Seit über 25 Jahren spielt sie eine wichtige Rolle bei der erfolgreichen Umsetzung der europäischen Agrarpolitik, denn die Ausgleichszahlungen sind für die Landwirtschaft als zentrale und stabile Stütze, neben den Einkünften auf den Märkten, besonders wichtig. Daher ist es notwendig, dass dieses System gut funktioniert. Mit Blickrichtung auf die neue GAP-Periode ergeben sich für die Landwirtschaft und auch für die AMA wieder neue Herausforderungen. Wichtig ist, dass z.B. durch den verstärkten und sinnvollen Einsatz der Digitalisierung und die Verwendung bereits vorhandener Daten, auch die Bäuerinnen und Bauern in der notwendigen Büroarbeit entlastet werden können. Die AMA-Marketing GmbH ist der wichtigste Betreiber von Qualitätssystemen in und mit der Landwirtschaft bis hin zur Verarbeitung und Vermarktung. Gemeinsam mit ihren Absatzförderungs- und Marketingaktivitäten hilft die AMA-Marketing mit, unsere hervorragenden Lebensmittel auf den Märkten entsprechend zu positionieren.

Michaela Langer-Weninger Präsidentin d. Landwirtschaftskammer OÖ Verwaltungsratvorsitzende der AMA Foto: LK-OÖ

Wie können Sie darauf einwirken, dass die Marketingbeiträge der Bauern sinnvoll bzw. erfolgversprechend eingesetzt werden? Da ich dem Aufsichtsrat schon seit Jahren als Mitglied angehöre, weiß ich über die laufenden Selbstevaluierungen und das europaweit einzigartige Qualitätsmanagementsystem der AMA-Marketing Bescheid. Darüber hinaus wird sie von zahlreichen kompetenten Stellen regelmäßig überprüft. Das sind die Generalversammlung, die Interne Revision und der Kontrollausschuss der AMA bis hin zum Österreichischen Rechnungshof. Ebenso besteht eine Berichtspflicht gegenüber dem Nationalrat und damit gegenüber den gewählten Vertretern der Bürgerinnen und Bürger. Wichtig ist auch der Dialog mit den Branchen, den die AMA-Marketing regelmäßig pflegt.

Was bringt die AMA-Werbung den Bauern und wo sehen Sie noch Verbesserungspotential? Was die Landwirtschaft wie einen Bissen Brot braucht, ist die ganzheitliche und schlüssige Kommunikation ihrer Themen. Viele hervorragende Einzelstimmen werden gemeinsam mit der von der AMA-Marketing geleisteten Kommunikation zu einem Chor zusammengeführt. Die AMA-Werbung spricht konsequent die Themen Qualität und Kontrolle an und achtet dabei auf ein harmonisches Miteinander von Qualitätsmanagement, Absatzförderung und Kommunikation. Das steigert das Konsumentenvertrauen ins AMA-Gütesiegel und trägt bei Fleisch und anderen Produkten dazu bei, dass sich die GütesiegelZuschläge als fixe Säule der Preisgestaltung etabliert haben. 4-2020 | Interview | 25


EIP-Projekt: Schweinegesundheit im Blick behalten Nach drei Jahren Laufzeit ist mit Ende Oktober das Projekt „Nutzung von Gesundheitsdaten zur Verbesserung von Atemwegserkrankungen und Parasitenbefall bei Mastschweinen“ beendet worden. In dem 2017 gestarteten Projekt wurde sich damit beschäftigt, wie es den Landwirten erleichtert werden kann, die Gesundheit ihrer Mastschweine im Blick zu behalten, denn gesunde Mastschweine sind eine der wichtigsten Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Erfolg eines Betriebes. Bisher gab es für die LandwirtInnen keine systematische Darstellung oder Auswertung der bereits vorhandenen Gesundheitsdaten (wie bspw. der Daten aus der Schlachttier- und Fleischuntersuchung [SFU]). Diese Daten für Landwirte nutzbar zu machen, war eines der Ziele des Projektes der Europäischen Innovationspartnerschaft (EIP), welches in Österreich vom BMLRT über die Ländliche Entwicklung gefördert wird. Dieses Ziel wurde erreicht, indem eine Gesundheitsdatenbank mit den SFU-Daten sowie Klassifizierungsdaten erstellt wurde. Außerdem wurde im Rahmen des Projektes der GEMA-Check Fragebogen, der Befundkatalog sowie ein alternatives Befundschema für die amtliche SFU entwickelt.

die SFU-Daten bereits einige wichtige Informationen zum Gesundheitszustand der Mastschweine enthalten, jedoch noch mehr Informationen gewonnen werden können, wenn die wichtigsten Befunde in Schweregrade unterteilt werden. Dementsprechend wurde ein alternatives Befundschema entwickelt, bei welchem die Befunde Lungenentzündung, Brustfellentzündung sowie Lebergesundheit in Schweregrade unterteilt werden. Dieses alternative Schema wurde zwar bereits an einem Schlachthof in der Steiermark getestet, jedoch sind Testungen auf weiteren Schlachthöfen nötig, weshalb hierfür ein weiteres Projekt unter der Leitung der Veterinärmedizinischen Universität Wien geplant ist.

Alternatives Befundschema

Befundkatalog

Die veterinärmedizinische Universität Wien hat direkt zu Beginn des Projektes die Ergebnisse der amtlichen SFU hinsichtlich der Aussagekraft über den Gesundheitszustand von Mastschweinen genauer untersucht. Bei dieser Betrachtung wurde festgestellt, dass

Beim Befundkatalog handelt es sich um eine Informationsbroschüre für Praktiker, welche die zehn am häufigsten auftretenden Schlachtbefunde bei Mastschweinen erläutert. Die Broschüre enthält eine Beschreibung der Befunde, eine Darstellung der pathologischen Organveränderung in Form von Fotos, sowie Erläuterungen zum Tiergesundheitsmanagement. In dem Befundkatalog sind u.A. Befunde zum Atemwegstrakt, Leber, Nieren, Gelenksentzündungen und Abszessen dargestellt. Die Broschüre kann online unter: https://www.voes-online.at/ images/EIP-Befundkatalog_2.Auflage.pdf heruntergeladen werden.

Der Befundkatalog ist eine Hilfe für LandwirtInnen bei der Befundung von Mastschweinen. Quelle: VÖS 26 | EIP-GEMA | 4-2020

wählt werden, ob die Daten mit anderen Betrieben oder mit dem eigenen Betrieb (in einem Vorzeitraum) verglichen werden sollen. Als weitere Funktion kann, nach Zustimmung des Betriebsleiters, auch der Betreuungstierarzt einen Zugang zu den Daten der Gesundheitsdatenbank des Betriebes bekommen. So kann sich der Betreuungstierarzt zusammen mit dem Betriebsleiter über die Daten Austauschen und ggf. Behandlungen anpassen. Ausschnitte aus der Auswertung sind in Abb. 1 und Abb. 2 dargestellt. Abb. 1 zeigt einen Auszug aus den Klassifizierungsdaten. Hier ist die Verteilung des Schlachtgewichts einer Partie dargestellt. Es ist zu sehen, dass 77% der gelieferten Schweine im Optimalbereich liegen. Lediglich 2% sind untergewichtig und 1% der gelieferten Mastschweine sind übergewichtig. In der rechten Grafik ist die Verteilung des Muskelfleischanteils (MFA) zu sehen. Auch hier ist ein Optimalbereich eingezeichnet. In diesem befinden sich 50% der Tiere. In Abb. 2 ist ein Ausschnitt aus den SFU-Auswertungen zu sehen. In der Tabelle wird aufgeschlüsselt, wie viele Tiere keinen oder mindesten einen Befund hatten, sowie in welcher Körperregion wie viele Befunde lokalisiert sind. Außerdem ist daneben noch eine Übersicht über den Anteil aller Befunde zu sehen. Momentan laufen Gespräche darüber, wie dieses Tool in Zukunft in den über die Schweinebörse vermarktenden Erzeugergemeinschaften oder den Arbeitskreisen verwendet werden könnte.

Gesundheitsdatenbank

GEMA-Check Fragebogen

Bei der Gesundheitsdatenbank handelt es sich um eine Auswertung für die SFU-Befunde sowie Klassifizierungsdaten. Diese Daten werden von der Österreichischen Fleischkontrolle (ÖFK) direkt in den VÖS-Mastplaner eingespielt und können dort jederzeit von dem Betriebsleiter abgerufen werden. Als Auswertungsmöglichkeiten sind zum einen Auswertungen einzelner Partien, sowie Zeitraumauswertungen möglich. Des Weiteren kann bei einer Zeitraumauswertung zusätzlich ge-

Der GEMA-Check Fragebogen dient dazu, Schwachstellen und Risikobereiche am Betrieb für Erregereinträge zu identifizieren. Dabei handelt es sich um einen Onlinefragebogen, der allgemeine und spezifische Fragen rund um die Themen Biosicherheit, Atemwege und Parasiten enthält. Zu vielen Fragen sind Erläuterungen und Verbesserungsvorschläge hinterlegt, damit nachvollzogen werden kann, warum dieser Aspekt wichtig ist und wie eine Anpassung vorge-


Abb. 1: Ausschnitt aus der Auswertung der Klassifizierungsdaten. Quelle: VÖS nommen werden kann. Für die Auswertung kann zwischen verschiedenen Möglichkeiten gewählt werden. Beispielsweise stehen eine einfache Auswertung des aktuellen Fragebogens, ein überbetrieblicher Vergleich und ein innerbetrieblicher Vergleich (bei zweimaligem Ausfüllen) zur Verfügung. Der GEMA-Check Fragebogen kann nicht nur als Onlinefragebogen verwendet werden, sondern auch als App für Android. Generell eignet sich der Fragebogen auch zur Arbeit im Arbeitskreis, da er aufzeigt, wo die meisten Betriebe ein geringes Risiko für einen Erregereintrag haben und wo noch Verbesserungen möglich sind. Ein Auszug aus einer Auswertung ist in Abb. 2 dargestellt. Es ist der Überblick über den Risikobereich „Kadavermanagement“ dargestellt. Dieser Bereich umfasst zwei Fragen, wobei eine als risikosenkend und eine als risikosteigernd beantwortet wurde (Balken oben). Unter den beiden Balken sind die beiden Fragen jeweils mit den Erläuterungen zu den Fragen dargestellt. Die Leitung des Projektes lag beim Verband Österreichischer Schweinebauern (VÖS) (M. Strassmayr, M. Klaffenböck, L. Huber, R. Revermann) samt seiner Erzeugergemeinschaften Styriabrid, VLV und Gut Streitdorf. Als Kooperationspartner waren die Universität für Bodenkultur Wien (C. Leeb, K. Schodl) sowie die Veterinärmedizinische Universität Wien (A. Käsbohrer, J. Klinger, A. Ladinig) am Projekt beteiligt. Projektpartner waren der Verband landwirtschaftlicher Veredelungsproduzenten (VLV) OÖ, Tierärzte und der Tiergesundheitsdienst (TGD) OÖ (B. Leeb). Ein besonderer Dank geht an die Projektlandwirte, die sich bereit erklärt haben, an dem Projekt teilzunehmen, ihre Betriebsdaten mit uns geteilt, und alle neuen Entwicklungen mit uns getestet haben.

Abb. 2: Auszug aus der GEMA-Check-Auswertung in der Kategorie Kadavermanangement. Quelle: VÖS

In der Tabelle sind Informationen zur SFU dargestellt. Zu sehen ist die Anzahl der Tiere mit dem jeweiligen Befund. Zahlen in Klammern stellen die Anteile (Tiere bzw. Befunde) dar. Die Zusammenfassung einzelner Befunde zu Befundgruppen hilft, mögliche Problembereiche leichter zu erkennen. Quelle: VÖS 4-2020 | EIP-GEMA | 27


Was fühlt das Schwein? Um ein besseres Verständnis für das Wohlbefinden unserer Nutztiere zu ermöglichen, wird an der Entwicklung methodischer Werkzeuge gearbeitet. Nutztierwissenschaftlerin Dr. Sara Hintze bietet einen Einblick, wie wir uns den Emotionen von Schweinen wissenschaftlich nähern können.

Dr. Sara Hintze Nutztierwissenschaftlerin Universität für Bodenkultur Foto: Hintze

Emotionen von Tieren: Warum und wie messen? Unsere Einschätzung, was für das Wohlergehen von Tieren wichtig ist, hängt von unseren eigenen Wertevorstellungen sowie von gesellschaftlichen Entwicklungen ab. Lange Zeit ist man davon ausgegangen, dass es einem gesunden und Leistung bringenden Tier auch gut geht. Aber wie man von sich selbst weiß, fühlt man sich nicht zwangsweise wohl und zufrieden, auch wenn man rundherum gesund ist. Im Gegenteil - Traurigkeit, Langeweile, Angst oder Depression sind oft unabhängig vom gesundheitlichen Zustand. Unserer Gesellschaft wird es immer wichtiger, dass die Tiere, die wir nutzen, nicht nur körperlich gesund sind, sondern dass es ihnen auch emotional gut geht. Aus diesem Grund hat es in den letzten Jahrzehnten in der Tierwohlforschung einen Wandel gegeben und die Erforschung des emotionalen Wohlergehens von Tieren hat einen hohen Stellenwert erhalten. Leider haben wir keinen direkten Zugang zu den Gefühlen eines anderen Individuums, weder zu denen eines anderen Menschen, noch zu denen eines Tieres. Während unsere Mitmenschen uns berichten können, wie es ihnen geht, fehlt uns die Sprache als Element der zwischenmenschlichen Kommunikation im Umgang mit Tieren. Gefühle gehen jedoch nicht nur mit einer subjektiven Empfindung einher („Mir geht’s gerade gar nicht gut“), sondern sie drücken sich auch durch Veränderungen im Verhalten (z.B. als Verhaltensstörungen oder Spielverhalten) oder Veränderungen in der Physiologie (z.B. durch eine erhöhte Atem- und Herzfrequenz oder Ausschüttung von Stresshormonen) aus. Solche messbaren Veränderungen von Verhalten und Physiologie können wir nutzen, um auf das Gefühlsleben von Schweinen rückzuschließen.

Entwicklung hin zum Positiven Der Gesellschaft wird es auch immer wichtiger, dass Tiere nicht nur nicht leiden, sondern dass sie ein gutes Leben haben, in dem auch Zufrieden28 | Verhalten | 4-2020

heit oder Freude ihren Platz haben. Auch dieser Wandel hat die Tierwohlforschung beeinflusst: Während es in bis vor einigen Jahren vor allem darum ging, zu verstehen, wie Krankheiten, Schmerzen und Stress vermieden werden können, versuchen wir heute zusätzlich herauszufinden, wie wir positive Gefühle fördern können.

Positive Beziehung zwischen Mensch und Schwein Positiver Kontakt zum Menschen ist ein Beispiel dafür, wie wir das Wohlergehen von Tieren verbessern können. In einem Kooperationsprojekt zwischen der Universität für Bodenkultur (BOKU) und der Vetmeduni Wien untersuchen wir momentan, wie sich täglicher fünfminütiger positiver Kontakt, d.h. das Schwein kann, wenn es möchte, Kontakt zum Menschen aufnehmen und wird dann gekrault (Abbildung 1), auf die Stimmung der Tiere auswirkt. Doch wie messen wir die Stimmung von Schweinen? Hier machen wir uns das Bild eines zur Hälfte gefüllten Glases zu Nutze, das von einem gut gelaunten Menschen als halbvoll, von einem depressiv verstimmten Menschen als halbleer beurteilt wird. Diesen Einfluss von Gefühlen auf unsere Beurteilungen nutzt seit langem die Humanpsychologie und seit gut einem Jahrzehnt auch die Tierwohlforschung – es wird von Entscheidungen in gewissen Situationen (Beurteilung des zur Hälfe gefüllten Glases) auf die Stimmung (positiv, negativ) des Individuums geschlossen. Aber wie funktioniert dieser Ansatz beim Schwein? Unsere Schweine lernen in einer Versuchsarena, dass hinter der rechten von fünf sich in einer Holzwand befindenden Öffnungen immer eine Belohnung zu finden ist. Wird diese Öffnung nicht durch eine Falltür verdeckt, gehen die Schweine zu dieser Öffnung hin, um die Belohnung zu erhalten (Abbildung 2). Im Gegensatz dazu befindet sich hinter der linken Öffnung nie eine Belohnung – die Tiere lernen, dass es nicht sinnvoll ist, zu dieser Öffnung zu gehen und bleiben stattdessen stehen. Haben sie diese Regel gelernt, d.h. sie gehen zur unverdeckten rechten


Abb. 1: Positiver Kontakt zum Menschen. Dieses Schwein hat sich entschieden, Kontakt mit dem Menschen aufzunehmen, um gekrault zu werden. Foto: Creagh Öffnung hin und bleiben bei unverdeckter linker Öffnung stehen, wird die Öffnung in der Mitte sichtbar (entspricht dem zur Hälfte gefüllten Glas): Geht das Schwein zu dieser mittleren Öffnung, bewerten wir das als „optimistische“ Reaktion, denn offensichtlich erwartet das Schwein eine Belohnung hinter der Öffnung; bleibt es hingegen stehen, bewerten wir seine Reaktion als „pessimistisch“, denn es geht nicht davon aus, eine Belohnung zu bekommen. Solch ein Testverfahren eignet sich natürlich nicht für die tägliche Anwendung auf einem Betrieb – grundsätzliche Fragen zum Einfluss bestimmter Aspekte des Haltungssystems oder Managements auf die Stimmung von Tieren lassen sich mit dieser Methode aber gut erforschen.

beleuchten. So möchten wir zum Beispiel herausfinden, ob die Zeit für gelangweilte Schweine auch langsamer vergeht. Momentan trainieren wir Tiere, zwischen einem kurzen und einem langen Ton zu unterscheiden; nach Hören des kurzen Tons lernen sie, zur rechten Seite der Versuchsarena zu gehen, nach Hören des langen Tons sollen sie zur linken Seite gehen. Haben sie das gelernt, werden die Tiere mit einem mittellangen Ton konfrontiert – gelangweilte Individuen sollten, so die Annahme, im Gegensatz zu nicht gelangweilten Kontrolltieren, den mittellangen Ton als „lang“ einschätzen und zur linken Seite gehen.

Die Quintessenz Die Entwicklung methodischer Werkzeuge zur Annäherung an das Gefühlsleben von Tieren bildet die Grundlage dafür, emotionales Wohlergehen zu beurteilen und zu verbessern. Ein besseres Verständnis der Gefühle von landwirtschaftlich genutzten Tieren würde uns erlauben, gezielt Maßnahmen zur Vermeidung von negativen und zur Förderung positiver Zustände zu setzen und ihre Wirksamkeit mithilfe der methodischen Werkzeuge entsprechend zu überprüfen.

Bei Langeweile bleibt die Zeit stehen… … zumindest ist das bei uns Menschen so. Und wir wissen auch, dass chronische Langeweile beim Menschen mit vermehrtem Alkohol- und Drogenkonsum, Spielsucht und Selbstmord in Zusammenhang steht. Tiere werden oft unter reizarmen und monotonen Bedingungen gehalten; Bedingungen, die beim Menschen zu chronischer Langeweile führen. Trotzdem wissen wir über Langeweile und ihre potentiellen Folgen für das Tierwohl fast gar nichts – diesen Zusammenhang versuchen wir in einem größeren Projekt zu

Abb. 2: Apparat zur Messung der Stimmung von Schweinen. Links: Öffnungen (hier im Bild sind zur besseren Ansicht alle Öffnungen sichtbar, d.h. alle Falltüren sind hochgezogen); im Versuch ist immer nur eine Öffnung sichtbar. Rechts: Schwein, das den Kopf durch die rechte Öffnung steckt, um sich seine Belohnung abzuholen. Foto: Creagh 4-2020 | Verhalten | 29


LAND.SCHAFFT.WERTE. – Das Beziehungsdilemma der Fleischwirtschaft Gloria Warg Projektleitung & Public Relations LAND.SCHAFFT.WERTE. e.V. Foto: LAND.SCHAFFT.WERTE. e.V.

Zweifelsohne sieht sich die gesamte Agrar- und Fleischwirtschaft derzeit in der Pflicht, als eine Art Beziehungstherapeut eine Beziehung zu kitten, die kaum noch zwischen Frust, Missverständnis, geänderten Wertvorstellungen und Unsicherheit bestehen kann: Die zwischen Fleischwirtschaft und Verbrauchenden. LAND.SCHAFFT.WERTE. ist ein Verein, der aus der Hochburg der Fleischproduktion in Deutschland heraus „Fleischkommunikation“ betreibt. Gloria Warg, Gesicht des Vereins und mittlerweile auch hierzulande bekannt für die “Glori goes – Reports“ gibt uns einen direkten Einblick in die Arbeit rund um die Agrar- und Fleischwirtschaft. Eine gute Kommunikation bedeutet für uns vor allem eines: Selbstbewusst, offen und ehrlich muss sie sein. Mit Blick nach vorn. Wir möchten mit unserer Art der gesellschaftsorientierten Kommunikation die Sensibilität und das Bewusstsein für das Lebensmittel Fleisch steigern,

ohne dabei mit erhobenem Zeigefinger oder provozierendem Aktionismus das Bewusstsein nur in eine Richtung zu lenken. Wir stellen die aktuelle Situation um die Fleischwirtschaft dar, ohne dabei zu idealisieren oder zu skandalisieren. Mit Wert auf Mut zur klaren Kommunikation, die anecken darf, durchleuchten wir bestehende Prozesse, Standards und Abläufe der fleischerzeugenden und -verarbeitenden Branche. Ein schweres Unterfangen, das wissen wir. Denn es müssen Kommunikationsstrategien entwickelt werden, die das zugrunde liegende Vertrauensdefizit beheben. Eine nachhaltige Kommunikation, die Früchte trägt, erreichen wir alle langfristig nur, wenn der Verbrauchende ebenso integriert ist, denn dessen Interesse und Aufmerksamkeit ist teuerstes Gut. Dies setzt allerdings eine zunehmende Bereitschaft voraus, das eigene Verhalten zu hinterfragen und zu ändern. Beidseitig. Mit mittlerweile zwölf Wirtschaftsbereichen, zeichnet sich unser Verein durch eine einzigartige, berufsübergreifende Mitglieder- und Branchenstruktur aus: Futtermittelproduktion, Nährstoffverwertung, Zucht, Landwirtschaft, Tiergesundheit, Labore, Stallbau, Viehhandel, Schlachtung, Verarbeitung, Lebensmitteleinzelhandel und Systemgastronomie. LAND.SCHAFFT. WERTE. ist Sprachrohr und Vermittler unterschiedlicher Meinungen und Interessen, sodass sich ein Gesamtbild der Wertschöpfungskette Fleisch ergibt.

LAND.SCHAFFT.WERTE. sieht sich als kommunikativer Vermittler zwischen Fleischwirtschaft und Verbrauchenden. Quelle: LAND.SCHAFFT.WERTE. e.V. 30 | LAND.SCHAFFT.WERTE. | 4-2020

Wir integrieren die Fragen und Bedürfnisse der Verbrauchenden in unsere Beiträge und zeigen anhand unserer Mitglieder, wie die einzelnen Akteure der Kette sich aktuellen und zukünftigen Herausforderungen stellen. Je aktueller und vor allem kritischer unsere Themen in den Videos sind und je offener wir damit umgehen, desto mehr Menschen erreichen wir. Wir erreichen sie. Gesteigerte Transparenz und Kommunikationsbereitschaft bergen allerdings nicht automatisch


eine gesteigerte Akzeptanz, geschweige denn eine erhöhte Wertschätzung der Nutztierhaltung und jeglicher vor- und nachgelagerten Bereiche. Der Strukturwandel in der gesamten Wertschöpfungskette vollzog sich seither unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Branche trug lange einen hochgeschlossenen Rollkragenpullover. Einen, der nur vage erahnen lässt, was sich dahinter verbirgt. Dort, wo es langfristig an Kommunikation und Integration mangelt, kann auch kein Vertrauen aufgebaut werden. Wo Vertrauen fehlt, entsteht viel Raum für Unwissenheit, Missverständnis und eine gewisse Vorwurfshaltung, mit der sich Branchenvertreter*innen auseinandersetzen müssen. Mit der eigens produzierten Videoreihe „Glori goes“ erhalte ich als ehemaliges Großstadtkind direkte Einblicke in die verschiedenen Bereiche vor Ort. Dabei zeige ich sowohl die Beweggründe und den Alltag echter Charakterköpfe aus der Branche, als auch die Stimmungen und Meinungen aus der Bevölkerung. Dazu arbeiten wir aktuelle Studien und Berichte auf und stellen sie frei zugänglich zur Verfügung. Als branchenübergreifender Verein beziehen wir zu allen Themen eine eigene, unabhängige Position. Nur dadurch können wir ermöglichen, dass jede*r eine bewusste Entscheidung über Nutztierhaltung und Fleischkonsum treffen kann. Uns folgt auf den Social-Media-Kanälen ein recht heterogenes Publikum, worauf wir sehr stolz sind. Dies zeigt uns, dass wir unterschiedliche Menschen mit unseren Themen erreichen. Man kann allerdings in keiner Weise sagen, dass positive Reaktionen durchweg durch brancheninterne Fürsprecher*innen ausgesprochen werden. Negative Kommentare kommen auch nicht grundsätzlich von kritischen, die Nutztierhaltung und den Fleischkonsum ablehnenden Verbrauchenden. Wir erhalten auch negative Reaktionen von Branchenvertreter*innen, die mit unserer Kommunikationsweise nicht einher gehen und für eine reine, faktenbasierte Form der Aufklärung plädieren. Es wird oftmals suggeriert, dass es der kritischen Bevölkerung an Aufklärung mangelt. Diese Ansicht teilen wir nicht. Kritische MitbürgerInnen und MedienvertreterInnen sind meistens besser informiert, als man annehmen möchte. Positive Reaktionen erhalten wir ebenfalls von KonsumentInnen, die am Prozess der Fleischerzeugung und -verarbeitung interessiert sind, bislang aber nie die Möglichkeit hatten, derart direkte Einblicke in Prozessstufen zu erhalten. Wir sehen an

Schweinetransport: Der Viehtransport wurde in zwei aufeinanderfolgenden Videos gezeigt. Oben ist Gloria mit den Läufern auf dem Weg in den Maststall. Unten fährt sie mit den Mastschweinen zum Schlachthof - beide Male hinten im Auflieger! Foto: LAND.SCHAFFT.WERTE. e.V.

Diagnostik: Immer im Dialog und interessiert an Sichtweise der jeweiligen Branche: Glori goes Coronalabor | Was hat Veterinärdiagnostik mit dem Coronavirus zu tun? Foto: LAND.SCHAFFT.WERTE. e.V.

unterschiedlichen Reaktionen der Community, dass ein Verständnis und ein Informationsinteresse am mehrstufigen, kohärenten System der Fleischwirtschaft besteht und dies auch als solches gesehen wird. Oftmals sind die Topthemen diejenigen, die wir aufgrund unserer eigenen Bedürfnisse und Erfahrungen vermeintlich nachvollziehen können, wie bspw. Aspekte des Tierwohls oder den Tiertransport.

Es heißt bekanntlich, dass Mehrwert durch Wertschätzung entsteht. Wir drehen den Spieß gerne um: Wertschätzung entsteht durch Mehrwert. Wenn wir es schaffen, den Mehrwert der modernen Tierhaltung sowie dem Lebensmittel Fleisch über jede Anspruchsgruppe der Wertschöpfungskette hinweg herauszustellen, dann sind wir nicht mehr nur bei Akzeptanz, sondern bei Wertschätzung. https://www.landschafftwerte.de/ 4-2020 | LAND.SCHAFFT.WERTE. | 31


Tiergesundheit und Effizienz – die TopGoals in der Schweinemast Um die Gesundheit Ihrer Tiere zu unterstützen und gleichzeitig die Wirtschaftlichkeit Ihres Betriebes zu verbessern, sollte ein besonderes Augenmerk auf die Fütterung gelegt werden.

Die Gesundheit des Verdauungssystems kann durch viele Maßnahmen verbessert werden: Sophie Figl Firmen-Präsentation BIOMIN Foto: BIOMIN

Neben den Faktoren Leistung und Tiergesundheit gewinnen vor allem die Themen Umwelt, Emissionen und der schonende Umgang mit Ressourcen in der Schweinehaltung immer mehr an Bedeutung, gleichzeitig muss die Wirtschaftlichkeit berücksichtigt werden. Eine effiziente Fütterung schafft beides – die Kosten zu senken und die negativen Auswirkungen auf die Umwelt zu reduzieren – sofern die Tiere gesund sind, denn nur dann können hohe Leistungen erzielt werden.

Gesundheit ist der beste Leistungsförderer! Tiergesundheit ist eine Grundvoraussetzung, denn nur ein gesundes Tier kann sein volles Leistungspotenzial ausschöpfen. In der Mast sind vor allem Erkrankungen der Atemwege und des Darmes die häufigsten leistungsmindernden Faktoren. Über Fütterungsmaßnahmen kann Erkrankungen entgegengewirkt und das Wohlbefinden der Tiere gefördert werden, dabei liegt der Fokus vor allem auf einer gesunden Darmflora, denn es gilt: gesunder Darm = gesundes Tier! Nur ein gut funktionierendes Verdauungssystem kann eine entsprechend gute Futterverwertung garantieren.

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• Verdaulichkeit der Nährstoffe durch Enzymeinsatz fördern • Säureeinsatz zur Verringerung des Puffervermögens und Stabilisierung des Futters (v.a. bei Flüssigfütterung) • Faser einsetzen und Futterstruktur überprüfen • Einsatz von pflanzlichen, pro- und prä biotischen Additiven zur Förderung der Darmgesundheit • Futterkurve richtig einstellen • Hohe Grundfuttermittelqualität sicher stellen und Mykotoxinkontamination minimieren • Abwehrkräfte durch gezielte Vitaminstöße unterstützen.

Welche Möglichkeiten bestehen nun, um die Fütterungseffizienz bei gesunden Tieren zu erhöhen? 1. Bedarfsangepasst füttern – Phasenfütterung Die Phasenfütterung bietet die Möglichkeit näher am Bedarf der Tiere zu versorgen. Auf der einen Seite kann in der Anfangsmast intensiver gefüttert werden, um Wachstumspotenzial und Magerfleischansatzvermögen voll auszuschöpfen. Auf der anderen Seite kann in der Endmast eine Einsparung an Nährstoffen und damit Futterkosten erreicht werden. Mit einer Universalmast ist es nicht möglich, das volle genetische Leistungspotenzial wirtschaftlich und emissionsschonend auszuschöpfen. Gerade in der Endmast geht der Überschuss an Nährstoffen ungenutzt verloren. Die Folgen sind hohe

Ammoniakausträge, die in einer schlechten Luftqualität im Stall und einer erhöhten Geruchsbelastung resultieren. Gleichzeitig geht Geld verloren, da vor allem teure Eiweißfuttermittel in dieser Phase deutlich eingespart werden könnten. Achtung: je näher am Bedarf der Tiere formuliert wird, umso wichtiger ist es, die genauen Nährstoffgehalte seiner Futtermittel (Getreide, Soja etc.) zu kennen, um eine Unterversorgung zu vermeiden. 2. Nährstoffausnutzung und Futterverwertung verbessern Wissen Sie, wie viel Futter Ihre Mastschweine fressen müssen, um 1 kg zuzunehmen? Die Futterverwertung ist ein wichtiger Faktor für eine wirtschaftliche Schweineproduktion und ist folgendermaßen definiert: Futterverwertung = Futterverbrauch (kg) / Gewichtszuwachs (kg) Das bedeutet, je besser die Futterwertung ist, desto weniger Futterverbrauch bei gleichem Gewichtszuwachs. Kann das Futter vom Tier besser verwertet werden, verringern sich die Nährstoffverluste und die Futterkosten. Es gibt eine Reihe an Maßnahmen, um die Futterverwertung zu verbessern – neben Haltungsbedingungen und Rohstoffqualität vor allem der Einsatz von Futteradditiven. 3. Stickstoffreduzierte Fütterung Die stickstoffreduzierte Fütterung ist keine Neuheit und wird seit Jahren praktiziert. Aus der Sicht der Tierernährung ist es aber durchaus sinnvoll, weitere Absenkungen durchzuführen. Durch eine stickstoffreduzierte Fütterung können Stickstoffverluste verringert werden. Dies bedeutet einerseits,


dass weniger Fläche notwendig ist, um den anfallenden Wirtschaftsdünger am eigenen Betrieb gut zu verwerten, andererseits sind positive Effekte hinsichtlich Ammoniakund Geruchsemissionen sowie folglich Tiergesundheit gegeben. Neben der Reduktion an Stickstoffverlusten können auch Kosteneinsparungen erreicht werden. Der Kostenvorteil resultiert daraus, dass der Anteil an teuren Eiweißfuttermitteln in der Ration verringert werden kann. Allerdings macht die Proteinabsenkung in der Mast betriebsindividuell nur bis zu jenem Punkt Sinn, an welchem die täglichen Zunahmen, die Futterverwertung und der Magerfleischanteil im Optimalbereich bleiben.

Fazit Abschließend kann gesagt werden, dass durch die beschriebenen Maßnahmen nicht nur Kosten-, sondern auch Nährstoffeinsparungen erreicht und damit Verluste und negative Umweltaspekte reduziert werden können, während die Leistung gleichbleibt oder sogar verbessert werden kann. Als oberstes Ziel muss aber stets die Gesundheit der Tiere gelten, denn Gesundheit ist der beste Leistungsförderer.

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Karreesteak mit Zwiebelkruste

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©Rezept und Foto „Karreesteak mit Zwiebelkruste“ - Herausgeber: AMA

Zubereitung

Zutaten für 4 Personen

1. Backrohr auf 200 °C vorheizen. Paprika ca. 30 Min. im Rohr braten, bis die Haut Blasen wirft. Danach Paprika auskühlen lassen. 2. Für die Kruste Zwiebeln schälen, halbieren und in Streifen schneiden. In Butter langsam goldbraun rösten. Pfanne vom Herd nehmen, Zwiebeln mit Senf, Dotter und Bröseln verrühren, salzen und pfeffern. 3. Paprika entkernen und die Haut abziehen, Fruchtfleisch klein würfelig schneiden, Knoblauch fein hacken. 4. Backrohr auf Grillstellung schalten, Steaks salzen, pfeffern und in Öl auf beiden Seiten anbraten. Steaks auf ein Backblech legen, mit der Krustenmasse bestreichen und im Rohr (mittlere Schiene/Gitterrost) ca. 4 Min. überbacken. 5. Parallel dazu Knoblauch und Thymian im Bratrückstand kurz anschwitzen und mit Suppe ablöschen, Sauce kurz einkochen, Stärke mit 1 EL kaltem Wasser glattrühren, in die Sauce gießen und kurz kochen. 6. Sauce durch ein Sieb gießen, Salbei und Paprikastücke zugeben, Sauce durch Einrühren der Butterstücke binden, Steaks mit der Sauce servieren.

4 Steaks von der Schweinsrose (ausgelöstes Kotelett) 1 roter Paprika 1 Knoblauchzehe 1 Zweig Thymian 1/8 l Gemüsesuppe 4 Salbeiblätter (geschnitten) 1 TL Speisestärke 2 dag kalte Butterstücke Kruste 40 dag Zwiebeln 6 dag Butter 3 EL scharfer Senf 1 Dotter 6 dag Toastbrot (frisch gerieben) Salz, weißer Pfeffer, Öl, Semmelbrösel

... im VÖS RÄTSEL-Stall 1. Im Schweinefleisch ist das Spurenelement E . . . enthalten. 2. Ferkel wiegen bei der Geburt ca. 1,5 . . . 3. Dämpfen, Sieden und B ... sind Zubereitungsarten. 4. 100 g Schnitzelfleisch hat nur ca. 2 g F . . . 5. Zum Grillen sollte man Fleisch vorher m . . . 6. Der Treibhausgas-A .. . der österreichischen Schweinefleischerzeugung schneidet im EU-Vergleich relativ günstig ab. 7. Mageres Schweinefleisch lässt sich max. 5 . . . in der Tiefkühlung lagern. 8. Fett ist sehr wichtig für den G . . . 9. Schweine sind die wichtigsten F . . . -Lieferanten in Österreich.

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34 | Rezept/Rätsel | 4-2020


Schulterschluss der österreichischen Veredelungswirtschaft Nachhaltige Tierhaltung Österreich (NTÖ) fordert einstimmig die verpflichtende Herkunftskennzeichnung auf dem Teller. In der österreichischen Veredelungswirtschaft wurde ein deutlicher Einheitsbeschluss gefällt: die Forderung nach einer verpflichtenden, lückenlosen Herkunftskennzeichnung auf den Tellern in Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung. Der NTÖ als übergeordneter Dachverband aller Produktionssparten der tierischen Veredelungswirtschaft hat sich für die dringende Notwendigkeit einer verpflichtenden Herkunftskennzeichnung ausgesprochen. Darüber hinaus haben die Sparten Geflügel (ZAG), Rinderzucht (ZAR), Schweine (VÖS und PIG Austria) sowie Schafe und Ziegen (ÖBSZ) auch in ihren Gremien entsprechende Beschlüsse gefasst. Eine verpflichtende Kennzeichnung stellt die Grundlage zur Erhaltung der Versorgungssicherheit mit heimischen Lebensmitteln dar und den Fortbestand der heimischen Landwirte und Landwirtinnen sicher. In diesem Sinne begrüßt die heimische Veredelungswirtschaft die von Bundesministerin Elisabeth Köstinger geforderte EU-weite Lebensmittelkennzeichnung. Damit wäre für eine faire Chance in der Auswahl der Lebensmittel gesorgt.

Der Bezeichnungsschutz muss bleiben! Die Veredelungswirtschaft, zusammengeschlossen im Verein Nachhaltige Tierhaltung Österreich (NTÖ) mit den Dachverbänden der Rinder (ZAR, Arge Rind), Schweine (VÖS), Schafe, Ziegen (ÖBSZ), Geflügel (ZAG) und Pferde (ZAP) spricht sich klar gegen eine Aufhebung der geschützten Begriffe für tierische Lebensmittel aus. In einem Brief an das Europäische Parlament fordern einige Großkonzerne und Kapitalgesellschaften zusammen mit vegetarischen und veganen Organisationen sowie Tierschutzorganisationen eine solche Gesetzesänderung hinsichtlich Lockerung des Bezeichnungsschutzes. „Es kann nicht sein, dass pflanzliche oder künstlich hergestellte Produkte denselben Namen wie Milch, Käse, Butter, Joghurt oder Fleisch führen. Dies ist eine Irreführung für die Konsumentinnen und

Konsumenten“, so NTÖ-Obmann Walter Lederhilger. Die Aufhebung des Bezeichnungsschutzes für „unsere“ Milch und „unser“ Fleisch sowie die entsprechenden Verarbeitungsprodukte ebenso wie der Abschluss des Mercosur-Abkommens nicht der richtige Weg in die Zukunft. Enorme Gegensätze würden zwischen den beim Mercosur beteiligten Ländern herrschen. Ein Lösungsansatz ist es, die tierischen Lebensmittel als sensible Produkte vom Mercosur Abkommen auszunehmen. NTÖ Nachhaltige Tierhaltung Österreich www.nutztier.at

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VÖS-Magazin 4/2020  

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