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Österreichische Post AG, MZ 02Z030068 M Verband österreichischer Schweinebauern, Dresdnerstrasse 89/18,1200 Wien

Ausgabe Österreich 3/2020

Corona-Krise: Herausforderung & Chance www.schweine.at


Ausgabe Österreich 3/2020 06

Im Interview ...

11

ASP ...

20

Gegen Hitzestress ...

34

... der niederösterreichische Bauernbunddirektor Paul Nemecek ...

03 Inhalt

Eigenversorger ...

... bei Ferkel und Schweinefleisch ...

04 Leitartikel 05 Kommentar 06 Interview 08 Markt 09

Mit dem Rüssel in Brüssel

10 Ferkelmarkt 11

Recht & Politik

13

ASP - aktuelle Situation

16

Mastschweine-Verkauf

13

...aktuelle Situation ...

18 AMA 20

Fachgerechte Nottötung ...

... Handlungsbedarf auf manchen Betrieben ...

Fachgerechte Nottötung

22 Harnansäuerung 24

PIG Austria

26

Virtuelle Exkursion

27 Regionalität 28

Hitzestress

30 Ethik 32

Ferkel absetzen

34

Rezept & Rätsel

IMPRESSUM

28

... eine innovative Vorkehrung ...

Rezept-Tipp ...

... Gyros-Spießchen...

Herausgeber u. Verleger: Verband Österreichischer Schweinebauern (VÖS), Dresdnerstr. 89/18 1200 Wien, Tel. 01/33417 21 DW31, E-Mail: office@schweine.at - IBAN-Nr. AT 71 3200 0000 0384 2333, BIC-Nr.: RLNWATWW Für den Inhalt verantwortlich: DI Michael Klaffenböck, VÖS-Geschäftsführer. Mit Namen gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder der Herausgeber wieder. Grafik und Satz, Layout: Mag. Heinz u. Susanne Ebner GmbH, Sandwirtgasse 9/6, 1060 Wien, E-Mail: ebner@fresco.at Ständige Autoren: Dr. Peter Knapp, Dr. Johann Schlederer, DI Johann Stinglmayr, Hans Peter Bäck, Ing. Franz Strasser Anzeigen: Karin Greilinger, Dresdnerstr. 89/18, 1200 Wien, Tel. 01/334 17 21 DW31 Druck: Leykam Druck GmbH&CoKG, Bickfordstr.21, 7201 Neudörfl Titelfotos: ShutterStock, Fraukoeppl, VÖS Mit Unterstützung vom

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Foto: VÖS

Josef Brandstätter VÖS-ObmannStv.

Selbst für Schweinebauern turbulente Zeiten Die Schweinebauern zeigen immer wieder, dass sie mit Preisschwankungen im Schweinezyklus relativ gut umgehen können. Mit Beginn der Corona-Krise ist jedoch ein Faktor dazugekommen, der über Nacht die gesamte Schweinebranche europaweit auf den Kopf gestellt hat. Unvorhersehbare Turbulenzen Nach starkem Preisabfall während des Shutdown war in Deutschland in der zweiten Junihälfte eine Preiserhöhung bei den Mastschweinen bereits fixiert. Allerdings wurde am 22. Juni der CoronaAusbruch bei vielen Mitarbeitern des größten Schlachthofs Deutschlands, Tönnies in Rheda – Wiedenbrück mit einer Schlachtleistung von 20.000 Stück Schweinen je Tag, bekannt, weshalb das Schlachtunternehmen für einige Wochen gesperrt werden musste. Diese Sperre ließ die Schweine- und Ferkelpreise nach unten rasseln. Kurz darauf wurden auch in einigen österreichischen Schlachthöfen Corona-erkrankte Mitarbeiter identifiziert, was dazu führte, dass ein großer Schweineschlachthof in Niederösterreich eben-

4 | Leitartikel | 3-2020

falls für einige Wochen gesperrt werden musste. Der Ausfall des österreichischen Unternehmens konnte jedoch durch andere Schlachthöfe kompensiert werden. Doch trotz der Turbulenzen der letzten Wochen und Monate sollten wir den Mut nicht verlieren, denn wir werden auch diese Krise überstehen. Dies hat auch das letzte Jahr gezeigt. Denn im vorigen Jahr konnten beispielsweise durchgehend zufriedenstellende Schweinepreise, eine sehr gute Nachfrage nach Schweinefleisch und eine Ferkel-Nachfrage, die in den Wintermonaten so hoch war, dass sie vom Markt nur knapp gedeckt werden konnte, verzeichnet werden. Diese Tatsachen sollten uns Hoffnung geben, dass die Ferkel- und Schweineproduktion auch weiterhin Bestand und dadurch eine Zukunft in Österreich hat.


Möglichkeiten nutzen!

Zukünftige Herausforderungen

Ich denke, dass in Österreich außerdem noch viele Möglichkeiten offen sind, um die Vermarktung von heimischem Schweinefleisch anzukurbeln, beispielsweise durch die Lebensmittelherkunftskennzeichnung in der Gastronomie und bei verarbeiteten Produkten sowie durch die Kennzeichnung in öffentlichen Küchen, Krankenhäusern, Schulen usw. Hier müssen nach jahrelangen Lippenbekenntnissen auch endlich Taten folgen. Denn es kann nicht sein, dass die Politik durch Druck der Gesellschaft immer höhere Standards und mehr Tierwohl von den österreichischen Bauern verlangt, gleichzeitig aber dieselben Personen in der Politik es dulden und wegschauen, wenn billige Lebensmittel aus Ländern importiert werden, in denen es kaum Umwelt- und Tierschutzauflagen gibt.

Von Seiten des VÖS wird es in der nächsten Zeit eine große Herausforderung sein, die GAP-Reform und die Investitionsförderung für Stallneubauten sowie Stallumbauten im Sinne der Schweinebauern mit der Politik auszuhandeln.

Wir sollten jedem Konsumenten weiterhin die Möglichkeit geben, seine Lebensmittel je nach Einkommen und Wertschätzung so zu wählen, dass er die Möglichkeit hat, österreichische Produkte zu kaufen. Nur so können wir die landwirtschaftlichen Betriebe in Österreich absichern. Gerade die Corona-Krise hat uns gezeigt, dass auch im Jahr 2020 nicht alles selbstverständlich und auf Knopfdruck am nächsten Tag im Haus ist. Die 100-prozentige Selbstversorgung mit heimischen Lebensmitteln für die eigene Bevölkerung ist ein Garant für den sozialen Frieden und die Sicherheit eines jeden Landes.

Zum Schluss möchte ich den Ferkelproduzenten noch eine Empfehlung mit auf den Weg geben: Stellt jetzt noch Jungsauen nach, damit die Ferkel noch im ersten Drittel des nächsten Jahres auf den Markt kommen. So können die Züchter der Nachfrage der Mäster gerecht werden. Zudem sind die Ferkelpreise zu Beginn des Jahres meist höher notiert als in den Sommermonaten, was einen höheren Gewinn versprechen könnte. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Herbst, eine gute Maisernte, bleiben Sie gesund, schützen Sie sich vor Corona und Ihren Betrieb vor der ASP.

Ziel dieser Verhandlungen muss dabei sein, dass sich jeder Landwirt der sich für Schweinehaltung interessiert und in die Produktion einsteigen, diese ausbauen oder erneuern möchte, mit seinen Ideen und betrieblichen Möglichkeiten in den ausgehandelten Förderungen wiederfindet. Dabei muss es egal sein, ob auf EU Standard oder auf höchsten Tierwohlstandards investiert werden soll, die Mehrkosten, die für mehr Tierwohl entstehen, müssen in jedem Fall mit angepassten Fördersätzen abgegolten werden.

Die Corona-Krise stellt auch Österreichs Schweinebauern vor große Herausforderungen. Foto: FRAUKOEPPL

Michael Klaffenböck VÖS-Geschäftsführer

Neue Geschäftsführung Mit Juli ging die langjährige Geschäftsführerin des VÖS DI Maria Steininger in Karenz und übergab ihre Aufgaben an ihren Nachfolger DI Michael Klaffenböck. Der neue Geschäftsführer stellt sich vor: „Obwohl ich im südlichen Oberösterreich in einer besonders schweinestarken Region aufgewachsen bin, würde ich mich dennoch als Quereinsteiger in die Schweinebranche bezeichnen. Eine starke Leidenschaft für die zukunftsfähige Produktion heimischer Lebensmittel brachte mich nach Wien zum Studium der Agrar- und Nutztierwissenschaften. Nach meinem Abschluss arbeitete ich in der landwirtschaftlichen Forschung im Bereich Tierzucht und genetische Diversität, und zuletzt als selbstständiger Unternehmer im Sport. Die Schweinebranche befindet sich nach wie vor in einer Phase des Umschwungs, neue Herausforderungen erwarten unsere heimischen ProduzentInnen hinter jeder Ecke. Ich möchte mich in meiner Arbeit im VÖS darauf konzentrieren, Konzepte für sich ändernde Rahmenbedingungen zu finden, die unsere Betriebe wirtschaftlich auch verantworten können. Unser Ziel muss es dabei sein zu gewährleisten, dass die österreichische Eigenversorgung mit Schweinefleisch auch in Zukunft gesichert ist. Darüber hinaus möchte ich unsere Schweinebauern und –bäuerinnen darin bestärken, eine selbstbewusste Position im öffentlichen Diskurs zum Thema Schwein einzunehmen, und stolz auf ihre Arbeit zu sein. Ich bedanke mich recht herzlich bei meiner Vorgängerin DI Maria Steininger, in deren große Fußstapfen ich treten darf, und freue mich auf eine fruchtbare Zusammenarbeit im Sinne der österreichischen Landwirtschaft!“ 3-2020 | Leitartikel | Kommentar | 5


„Selbstversorgung muss Staatsziel werden“ Im Interview: Paul Nemecek Nö. Bauernbunddirektor Paul Nemecek im Gespräch mit dem VÖS über die neue Sicherheitskampagne der bäuerlichen Standesvertretung und die Lehren, die unsere Gesellschaft aus der Corona-Krise ziehen muss.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem in den Medien nicht über die Corona-Entwicklung berichtet wird. Wie haben Sie die Krise bis jetzt erlebt?

Ing. Paul Nemecek, MSc Nö. Bauernbunddirektor Foto: Nö Bauernbund

Zu Beginn der Krise habe ich vor allem viel Unsicherheit in der Bevölkerung erlebt. Das hat sich niemand vorstellen können, dass man in den Supermarkt geht und die Lebensmittelregale leer sind. Aber genau das ist zu Beginn der Corona-Krise passiert. Der Freitag, der 13. März, wurde zum Tag der leeren Regale. Hamsterkäufe, völlig überforderte Handelsriesen, sogar das Bundesheer hat eingreifen müssen. Und wären da nicht unsere heimischen Bäuerinnen und Bauern gewesen, die sofort für Nachschub gesorgt haben, wären die Regale tagelang, wenn nicht wochenlang leer geblieben. Ganz Europa wurde ja von einem Tag auf den anderen heruntergefahren und zugesperrt. Und nein, es sind nicht die Handelsriesen, die für Versorgungssicherheit mit Lebensmittel sorgen. Sie stellen die Regale auf und unsere Bäuerinnen und Bauern befüllen sie. Bei den Schutzmasken war es in punkto Nachschub ja immer eine Zitterpartie. Denken Sie, bei Lebensmitteln könnte es auch einmal soweit kommen? Ich hoffe nicht, aber die Corona-Krise hat gezeigt, dass wir als Staat verwundbar geworden sind. Im Medizinbereich gab es zu wenig Medikamente, Impfstoffe und Schutzausrüstung „Made in Austria“ oder „Made in Europe“. Da war sich dann jeder Staat selbst der nächste, es wurden Flieger beschlagnahmt und Schutzmasken ausgeräumt. Im Umkehrschluss heißt das für

6 | Interview | 3-2020

Lebensmittel: Wenn wir in dieser Situation nicht in der Lage gewesen wären, unsere Bevölkerung mit Nahrung zu versorgen, dann wäre aus der Corona-Krise nicht nur eine Wirtschaftskrise entstanden, sondern auch eine Hungerskrise. Damit das auch in Zukunft nicht passieren kann, müssen wir jetzt die richtigen Lehren aus der CoronaKrise ziehen. Und welche Lehren, wie Sie es formulieren, wären das? Pauschal gesagt, müssen wir die Versorgung in den systemrelevanten Bereichen sicherstellen. Das fängt an bei der Gesundheits-Versorgung, über Bargeld, Energie und geht bis zur Lebensmittelversorgung. Das ist ein Thema, das ist viel breiter als die Landwirtschaft. Dazu haben wir im Nö. Bauernbund auch eine neue Kampagne unter dem Motto „Für Dich, für Alle, für Österreich“ gestartet, wo wir die Versorgungssicherheit bewusst thematisieren. Auch der Lebensmittelsektor ist vor Corona nicht gefeit, wie die Entwicklung beim Tönnies-Fleisch gezeigt hat. Müssen wir uns in Österreich auf Ähnliches einstellen? Tönnies ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich Zentralismus und Abhängigkeit niederschlagen kann. Am Schlachthof Tönnies werden so viele Schweine geschlachtet, dass ganz Österreich von diesem einen Schlachthof versorgt werden könnte. Die Schließung dieses Schlachthofs hat in ganz Europa zu einem massiven Preisverfall am


Fleischmarkt geführt. Wir arbeiten gemeinsam mit unseren bäuerlichen Erzeugergemeinschaften an nachhaltigen Lösungen zur Marktstabilisierung. Viele politische Maßnahmen werden dazu nötig sein Stichwort Herkunftskennzeichnung, Österreich-Bonus oder ein Umdenken in der EU-Agrar- und Freihandelspolitik. Dabei ist es für uns mehr als selbstverständlich, dass das Thema Versorgungssicherheit mit heimischen Lebensmitteln ausreichend Platz in unserer Gesetzgebung – nämlich in der Verfassung – findet. Warum soll die Selbstversorgung mit heimischen Lebensmitteln in die Verfassung? Unsere Gesetze regeln viele wichtige Bereiche, die das Funktionieren unseres Staats gewährleisten. Das Thema Selbstversorgung mit Lebensmitteln hat hier einfach noch nicht den Stellenwert, den es sich verdient hat. Spätestens seit Corona ist jedem

klar: Die heimischen Konsumentinnen und Konsumenten schätzen die Arbeit, die von unseren Bäuerinnen und Bauern geleistet wird. Und wir können hier keine Kompromisse eingehen. Wir dürfen diese Lebensmittelversorgung weder auf Sand bauen, noch dafür verbrannte Erde hinterlassen. Ich bin mir sicher, dass die Österreicherinnen und Österreicher ihr Rindfleisch lieber vom heimischen Bauernhof beziehen, als von brandgerodeten Regenwaldflächen aus Übersee. Oder dass unsere Erdäpfel besser aus der Weinviertler Erde kommen sollten, statt aus ägyptischem Sand. Es gibt ja auch in Österreich Lebensmittel, wo die Eigenversorgung zu wünschen übriglässt und wo wir sehr abhängig sind. Wie sehen Sie diese Entwicklung? Ja, zum Beispiel bei der Pute: Hier haben wir zwar die international höchsten TierwohlStandards, aber dafür kommt schon knapp die Hälfte des heimischen Bedarfs, also jedes

zweite Kilo Putenfleisch, aus dem Ausland – weil Putenfleisch unter niedrigen Standards im Ausland eben billiger produziert werden kann. Gleichzeitig will die EU aber das Freihandelsabkommen Mercosur abschließen, obwohl wir uns zum Beispiel mit über 100 Prozent selbst mit heimischem Rindfleisch versorgen können. So etwas darf es nicht spielen. Da bin ich froh, dass wir auch Rückendeckung von unserem Bundeskanzler Sebastian Kurz bekommen haben, der auch die Einführung von CO2-Zöllen auf weitgereiste Lebensmittel fordert. Beim Schweinefleisch sind wir ja in Österreich noch auf Eigenversorgungsniveau. Allerdings ist Europa stark auf Soja aus Übersee angewiesen. Wie sehen Sie dieses Thema? Hier ist ganz klar die Europäische Union am Zug. Wenn die EU einen „Green Deal“ ernsthaft anstrebt, dann muss eine europaweite Eiweißstrategie hier wesentlicher Teil davon sein. Dass Europa seinen Eiweißbedarf selbst decken kann, ist nicht nur eine Frage der Versorgungssicherheit im Krisenfall, sondern vielmehr auch eine Notwendigkeit beim Klimaschutz. Lieber gentechnikfreien Soja direkt vor der eigenen Haustüre wissen, als auf Rohstoffe aus Übersee angewiesen sein. In unserem kleinen Österreich tragen wir schon jetzt einen maßgeblichen Teil an der europäischen Sojaproduktion bei. Sie sind jetzt seit einem halben Jahr Bauernbunddirektor. Welche anderen Schwerpunkte haben Sie sich noch für Ihre Arbeit vorgenommen?

Auch und vor allem im Bereich Fleisch sollte die Selbstversorgung abgesichert werden. Foto: Pavel Losevsky - Fotolia.com

Die Selbstversorgung ist ein zentrales Thema. Dafür müssen wir auch schauen, dass die jungen Betriebsnachfolger und aktiven Bäuerinnen und Bauern eine Perspektive haben. Sie müssen wieder mehr Einkommen zum Auskommen haben. Da bin ich froh, dass auf Bundesebene hier vor kurzem ein langfristig wirksames Maßnahmenpaket beschlossen wurde, das über 400 Millionen für Entlastungen und Investitionen bringt. Es ist auch wichtig, dass wir hinsichtlich der neuen Gemeinsamen EU-Agrarpolitik und deren Finanzierung vollste Rückendeckung unseres Bundeskanzlers genießen. Damit unsere Bäuerinnen und Bauern auch in Zukunft weiter hochqualitative Lebensmittel erzeugen können, brauchen sie wirksame Werkzeuge – beispielsweise beim Pflanzenschutz. Auch hier schließt sich wieder der Kreis zur Selbstversorgung, die das oberste Ziel in unserem Land sein muss. 3-2020 | Interview | 7


3. Quartal: Vom Hoffnungsträger zum Flop

Dr. Johann Schlederer Koordinator Ö-Börse Foto: FRAUKOEPPL

Nach dem massiven coronabedingten Preisverfall im 2. Quartal konnten wir das Preisniveau Anfang Juli stabilisieren und die Erwartungen Richtung anziehender Preis waren groß. Doch dann schlug Corona ein zweites Mal hart zu. In Form wochenlanger Sperren namhafter Schlachtbetriebe in Deutschland mit abermals schlimmen Auswirkungen auf den europäischen Schweinemarkt. Schon im Juni wurden Schlachtbetriebe vorübergehend geschlossen, wie z. B. Standorte der Firma Westfleisch. Aber als im Juli der mit Abstand größte Schlachthof Deutschlands und Europas, nämlich der Betrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück, wo man bis zu 140.000 Schweine/Woche geschlachtet hatte, dichtgemacht wurde, war das Desaster am Markt perfekt. Es folgte eine Kettenreaktion in einem bislang nicht dagewesenen Ausmaß. Wochenlang wurde der schon seit längerer Zeit in Kritik stehende Unternehmer Clemens Tönnies medial für eine ganze Reihe von unmoralischen Entwicklungen in seinem Betrieb an den Pranger gestellt bzw. verantwortlich gemacht. Neben den unfairen und stark wettbewerbsverzerrenden Beschäftigungsmodellen von Leasingarbeitern über Subfirmen in Werksvertragsverhältnissen, mit teils katastrophalen und unmenschlichen Wohnverhältnissen für die beschäftigten Wanderarbeiter aus ost- und südosteuropäischen EU-Ländern etc., wurden ungustiöse Themen medial intensiv aufgearbeitet. Dass negative Berichterstattung über Fleischwirtschaft nicht konsumförderlich ist, versteht sich von selbst. Eigentlich traurig, dass die heimtückische Viruserkrankung Corona kommen musste, um diese prekären Entwicklungen aufzudecken, sodass nun die deutsche Politik einschreiten wird. Schenkt man den Ankündigungen der deutschen Regierung Glauben, so dürfte sich ab Jänner 2021 vieles ändern. Und nichts davon sollte zum Nachteil der österreichischen Schweinebauern sein. Im Gegenteil, wenn Lohndumping und andere Gepflogenheiten des unlauteren Wettbewerbs verboten werden, können wir davon ausgehen, dass das phasenweise für uns existenzbedrohliche Preisdumping aus Deutschland rückläufig sein wird.

8 | Markt | 3-2020

Exportsperren für China Ein weiterer Teil der Kettenreaktion war die Auswirkung am Weltschweinemarkt. Der mit Abstand bedeutendste Schweinefleischimporteur Chinas strich noch im Juni maßgebliche Fleischunternehmen von der Liste der einfuhrberechtigten Firmen. In Europa waren besonders deutsche Firmen wie Tönnies in Rheda-Wiedenbrück, aber auch holländische und ein in dänischem Besitz befindliches Werk in England betroffen. Klar, dass nach Bekanntwerden dieser chinesischen Restriktionen ein weiterer Dämpfer für Preisambitionen eingetreten ist.

Österreichische Firmen bisher nicht betroffen Welchen Maßstab chinesische Behörden für die Exportsperre anwenden, ist nicht wirklich bekannt. Vermutlich ist es das Ausmaß von Infektionen im Mitarbeiterbereich. Denn erfreulicherweise sind österreichische Unternehmen bisher von keiner Exportsperre nach China betroffen. Offensichtlich vertraut hier China den nationalen Behörden, die darüber entscheiden, ob das Ausmaß von Mitarbeiterinfektionen eine Betriebsschließung erforderlich machen oder nicht. In unserem Fall - die Firma Großfurtner betreffend - war eben keine Betriebsschließung erforderlich, da nur drei Personen betroffen waren, die rasch aus der Produktion genommen werden konnten. Im Fall der Firma Dachsberger, wo es zu einer vorübergehenden Stilllegung der Schlachtung gekommen ist, handelt es sich um einen Betrieb, der nicht auf der China-Exportliste steht und somit nicht nach Peking gemeldet werden musste.


Mit dem Rüssel in Brüssel Das beste Mittel gegen den schlechten Preis ist der sehr schlechte Preis! Diese etwas zynisch anmutende Formel scheint aktuell einziger Hoffnungsschimmer vieler amerikanischer Schweinebauern zu sein. Im Normalfall liegen die Amerikaner etwa 30 Cent pro kg Schlachtgewicht unter dem europäischen Preis, was für amerikanische Schweinebauern kein Problem ist, da sie geschätzte 40 Cent billiger als ihre europäischen Kollegen produzieren können. Was allerdings seit dem 2. Halbjahr 2019 im Land von Präsident Trump beim Schweinepreis passiert ist, ist eigentlich unfassbar. Seinen vorläufig extremen Tiefpunkt erreichte die amerikanische Notierung Ende Juni mit umgerechnet 55 Cent für 1 kg Schlachtkörper. Umgekehrt bedeutet dies, dass die Preisdifferenz zum europäischen Markt einen historischen Höchstwert erreicht hat, d. h. 1,65 Euro zu 55 Cent, was sage und schreibe nur einem Drittel des europäischen Preises entspricht. Und dies, obwohl sich der europäische Preis alles andere als zufriedenstellend darstellt.

USA-Prognose: Nicht mehr, sondern weniger Dafür, dass es so weit kommen konnte, sind natürlich mehrere Faktoren ausschlaggebend. In Amerika sind die Erzeugerpreise stark an die Terminbörse in Chicago geknüpft, welche wiederum stark von Spekulanten beeinflusst wird, die wiederum weltwirtschaftliche Prognosen in ihre Kaufentscheidungen mit einfließen lassen. Hierbei spielt der schon lange währende Handelskrieg zwischen Washington und Peking eine große Rolle. Noch zu Jahresbeginn 2020 hat es nach Entspannung ausgesehen. China reduzierte wegen des hohen Importbedarfs den Einfuhrzoll für amerikanisches Schweinefleisch von 72 auf 30% und machte somit Hoffnung für USSchweinebauern. Dann kam Corona und zerbröselte jegliche Hoffnung. Mehrere Großschlachtunternehmen waren wegen Infektionen bei Mitarbeitern wochenlang gesperrt und der Rückstau in den Schweineställen war dermaßen schlimm, dass Nottötung und Euthanasierung von Sauen und Ferkeln ein Thema war. Und weil sich die politische Lage zwischen den US und China zurzeit nicht nach weiterer Entspannung, sondern eher zunehmender Span-

nung darstellt, verlieren offensichtlich viele Sauenhalter den Mut, in der Branche zu bleiben. Dies unterstreicht die US-Sauenschlachtstatisik, wonach im 1. Halbjahr bereits 12% mehr als letztes Jahr geschlachtet wurden. Betrachtet man alleine den Juni 2020, so waren es sogar mehr 20%. Der noch zu Jahresbeginn vom US-Landwirtschaftsministerium prognostizierte Zuwachs der Produktion von 5% könnte sich damit ins Gegenteil verwandeln. So bedauerlich diese Faktenlage für die amerikanischen Schweinebauern auch ist, so sehr lassen sich für Europas Schweinehalter positive Aspekte daraus ableiten. Klingt egoistisch, aber so ist es nun mal am Weltmarkt. Des einen Leid ist des anderen Freud!

Deutliche Bremsspuren in Holland Im VÖS-Magazin 4/2019 haben wir von einem ambitionierten Stilllegungsprogramm berichtet. Das holländische Parlament hatte beschlossen, auf Basis der NEC-Richtline und geforderter CO2-Reduktion schon im Vorfeld vom Brüsseler Green Deal drastische Maßnahmen zur Einschränkung der Produktion zu setzen. Speziell in Gebieten stark konzentrierter

Schweinehaltung sollte dadurch nachhaltigere Landwirtschaft entstehen und befürchtete Gesundheits- und Umweltrisiken ausgeschaltet werden. Für das Herauskaufen von sogenannten Schweineproduktionsrechten hatte sich die Regierung ein Budget von 180 Mio. Euro zurechtgelegt. Nun liegen erste Zahlen vor, wonach die Zahl der Anträge deutlich höher liegt als erwartet wurde. Wie das Landwirtschaftsministerium in Den Haag nun berichtet, gingen 502 Anträge ein, von denen 407 die Fördervoraussetzungen erfüllten. Nun muss das ursprüngliche 180 Mio. EuroBudget auf 455 Mio. aufgestockt werden. Die Stilllegung der Mast- Zucht- und Kombibetriebe erfolgt nun nach und nach, wobei mit jenen Betrieben gestartet wird, die in punkto Geruchsbelastung am stärksten eingestuft wurden. Nach Erhalt der Stilllegungsprämie sind die Betriebe aufgefordert, innerhalb von 8 Monaten die Schweinehaltung komplett einzustellen und die Gülle restlos zu entsorgen.

Die amerikanische Notierung für Schweine-Schlachtkörper erreichte Ende Juni mit umgerechnet 55 Cent für 1 kg Schlachtkörper seinen vorläufig historischen Tiefpunkt. Foto: Schlederer 3-2020 | Mit dem Rüssel in Brüssel | 9


PRRS – Erfahrungen aus der Ferkelvermittlung Die Virus-Erkrankung PRRS (Porzines Reproduktives Respiratorisches Syndrom) hat in den letzten Jahren zu teils hohen Verlusten bei Ferkelproduzenten und Mästern geführt. Dazu möchten wir Ihnen einige praktische Erfahrungen der letzten Zeit näherbringen, und ein paar Tipps aus erfolgreichen Betrieben geben. Hans-Peter Bäck Koordinator Ferkelausschuss ©Styriabrid

PRRS-Schutzimpfung Sauen Diese Vorgangsweise wurde zuerst in den organisierten Betrieben in Deutschland gewählt und so wurden die Ferkelproduzenten zum Teil auch zur PRRS-Impfung verpflichtet. Ein Nebeneffekt der Sauenimpfung ist allerdings die Ausscheidung von Impfviren, da es sich bei den eingesetzten Impfstoffen fast immer um Lebendimpfstoffe handelt. So sind geimpfte Tiere eine Zeit lang Ausscheider, und es ist in den wenigsten Fällen sicherzustellen, dass zwischen den Produktionsstufen hohe Biosicherheitsmaßnahmen gesetzt werden, um das Verschleppungsrisiko hintanzuhalten. In der Konsequenz wurden also immer mehr PRRSV-positive Tiere in der Aufzucht beobachtet. Je nach Betriebssituation setzte sich auch immer mehr die Ferkelimpfung gegen PRRS durch, da dies einerseits von Vermarktern gefordert wurde, aber auch besonders in den schweinedichten Regionen häufiger PRRSV-Infektionen mit Feldviren auftraten, so dass die Ferkel ebenfalls aktiv gegen PRRS geschützt werden mussten.

Unregelmäßiges Impfschema

Verhalten bei PRRS-Einbruches

Aus der Praxis sind Fälle bekannt geworden, bei denen Betriebe nur unregelmäßig PRRSSchutzimpfungen durchgeführt haben. So impften manche die Ferkel nur in der kalten Jahreszeit, andere wieder nur die Ferkel, die sie über die Vermittlung verkauften. In der Regel endeten solche „Versuche“ in einem Desaster (produktionstechnisch und vor allem finanziell). Wir raten im eigenen Interesse dringendst von dieser Praxis ab. Oft wird in diesem Zusammenhang über die Wirksamkeit von verschiedenen Impfstoffen diskutiert, was aber sicher nicht zielführend ist. Jeder Impfstoff, der korrekt angewandt wird, ist wirksam. Vielfach ist es die Regel, dass diagnostische Maßnahmen (Blutproben) nur im Anlassfall, also bei akuten Geschehen, getätigt werden. Der Trend in der modernen Bestandsführung geht aber ganz deutlich zu einem regelmäßigen Screening, um ein Geschehen im Bestand besser darstellen zu können und rechtzeitig reagieren zu können. Bei einer Akutdiagnostik ist man oft mit einer Vielzahl an Erregern konfrontiert, die es sehr schwierig machen, die richtigen Schritte zu setzen. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass Betriebe mit regelmäßigen Screening-Maßnahmen stabiler in der Produktion sind, und deutlich weniger Medikationsaufwendungen haben. Die Screeningkosten spielen dabei in Relation zum Erfolg keine Rolle.

Vermehrt treten PRRS-Einbrüche in Zeiten mit starken Temperaturschwankungen auf (Frühjahr und Herbst). Vermehrte Aborte ab dem 110 Trächtigkeitstag, mumifizierte Föten und lebensschwache Ferkel, steigende Saugferkelverluste und vor allem Probleme mit Umrauschern sind starke Anzeichen, dass sich im Bestand etwas tut. Kontaktieren Sie im eigenen Interesse umgehend Ihren Betreuungstierarzt und leiten Sie diagnostische Schritte (Blutproben) ein. In der Praxis zeigt sich immer wieder, dass Impfmaßnahmen bei PRRS-Ausbrüchen nicht sofort eine vollständige Beseitigung der Probleme bewirken. Es braucht seine Zeit bis ein Betrieb wieder stabil wird. Auch hier kommt regelmäßigen Screening-Maßnahmen wieder eine hohe Bedeutung zu. Je früher man ein sich entwickelndes Geschehen erkennt, desto besser kann man dieses bewältigen. Informationen bezüglich des Gesundheitsstatus sind für die Ferkelvermittlung oder bei Direktbezug für den Abnehmer von großer Bedeutung, um Schadensfälle möglichst zu vermeiden. Scheuen Sie sich bitte nicht davor, mit der Vermittlung Kontakt aufzunehmen, falls Sie einen Krankheitseinbruch haben. Es gibt für jedes Problem eine Lösung - offene Kommunikation schafft immer Vertrauen und reduziert Schäden.

Ferkelmarkt

Entwicklung der Ferkelpreise in Österreich von 2017 bis 2020. Quelle: Bäck 10 | Ferkelmarkt | 3-2020

Die Coronakrise hat für die Schweineproduzenten wenig Erfreuliches gebracht, und die Hoffnung auf ein hervorragendes Jahr einigermaßen gedämpft. Zum Glück blieb man in Österreich von so katastrophalen Marktstörungen wie in Deutschland, wo durch den Wegfall von Schlachtkapazitäten auch die dortige Ferkelvermarktung massiv beeinträchtigt wurde, bisher verschont. So wurden die für die Ferkelvermittlung mengenmäßig kritischen Monate ab Mai ungewöhnlich reibungslos bewältigt. Eine Prognose für das letzte Jahresdrittel ist nicht seriös zu tätigen, es bleibt aber zu hoffen das auch in der Schweinemast die Margen wieder auf ein vernünftiges Niveau kommen.


Foto: Sergiy Gudak - Fotolia.com

Wir sind Eigenversorger bei Ferkeln und Schweinefleisch

DI Johann Stinglmayr Koordinator Ausschuss Recht & Politik

Österreich hat etwas, um das uns viele Länder in der EU beneiden. Und die heimische Landwirtschaft hat etwas um das sich verschiedenste Wirtschaftszweige in Österreich teilweise verzweifelt bemühen. Wir können uns mit einem der beliebtesten Lebensmittel - dem Schweinefleisch - selber versorgen. Und darüber hinaus werden alle diese Tiere sogar in Österreich geboren.

Mehr Unabhängigkeit wieder gefragt Gerade in Zeiten wie diesen zeigt sich die Bedeutung einer solchen Eigenständigkeit in besonderem Maße. Wir sollten deshalb alles unternehmen, dieses hohe Gut einer Selbstversorgung abzusichern und alles unterlassen, was diese Versorgungssicherheit gefährdet. Die größte Gefahr verbirgt sich in politischen und gesellschaftlichen Handlungen, durch die jene nachhaltig verunsichert werden, die alleine dafür verantwortlich sind, dass Schweine in Österreich gehalten werden oder eben nicht. Nämlich die Bauernfamilien. Wir sollten nicht Ländern wie Schweden oder Finnland nacheifern, die durch völlig überzogene Tierschutzauflagen eine mit unseren Verhältnis-

sen vergleichbare bäuerliche Schweinehaltung innerhalb einer Generation zerstört haben. Übrig geblieben sind einige wenige industrialisierte Megabetriebe und eine bis zur Hälfte reduzierte Eigenversorgung. In diese Länder werden nun Schweine und Schweinefleisch über viele hunderte Kilometer aus anderen Regionen Europas gekarrt.

Der Familienbetrieb als Erfolgsrezept Dass Österreich den Produktionsumfang in der Schweinehaltung in den letzten 25 Jahren seit dem EU-Beitritt erhalten hat, ist ein Verdienst der Bäuerinnen und Bauern in diesem Land, die sich in der Vergangenheit den vielen großen und 3-2020 | Recht & Politik | 11


kleinen Herausforderungen des Marktes gestellt haben. Sie sind damit ganz wesentlich dafür verantwortlich, dass sich Österreich nach wie vor vollständig selbst mit Schweinefleisch versorgen kann. Sie garantieren damit den Konsumenten eine regionale Herkunft von der Geburt bis auf den Teller. Diese Eigenversorgung ist aber alles andere als selbstverständlich und wurde unseren Schweinebauern vor dem EU-Beitritt 1995 von internationalen Fachleuten ganz anders prophezeit. Ein bekannter deutscher Agrarökonom sagte der heimischen Schweinebranche ein Absacken der Eigenversorgung auf 50 % innerhalb weniger Jahre nach Beitritt voraus. 25 Jahre später ist die Schweinefleischversorgung Österreichs nach wie vor fest in der Hand der heimischen Bäuerinnen und Bauern. Die Schlagkraft der typischen Betriebsform in Österreich, nämlich des Familienbetriebes, wurde damals von vielen völlig unterschätzt. Gepaart mit gut aufgestellten Erzeugergemeinschaften, die neben einer professionellen Vermarktung stets auch die Aufgaben der Interessenvertretung wahrgenommen haben, hat sich die heimische Schweinebranche hoch wettbewerbsfähig entwickelt. Viele Herausforderungen waren dabei auch schmerzhaft und führten zu großen Veränderungen auf den Betrieben und in der Struktur der heimischen Schweinehaltung. Es waren aber stets Auflagen, die über eine schrittweise Weiterentwicklung der Betriebsstätten bewältigbar waren.

Weiterentwicklung und auch Veränderung notwendig Die große Chance für die heimische Schweineproduktion liegt in einer Ausgewogenheit von Bewahrung, Weiterentwicklung

12 | Recht & Politik | 3-2020

und praxisverträglicher Veränderung. Die Individualität und damit die Vielfalt in der heimischen Schweinebranche wird in den nächsten 25 Jahren eine deutlich größere Rolle spielen. Und das ist auch gut so. Die Eigenversorgung werden wir aber weiterhin nur dann absichern können, wenn wir neben einer sehr guten Unterstützung der Nischen und Pioniere in der Branche auch der Standardproduktion kräftig unter die Arme greifen. Dazu gehören neben der finanziellen Unterstützung auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die bei den Bauernfamilien nicht Angst und Verunsicherung auslösen dürfen, sondern Sicherheit, Vertrauen und Wertschätzung. Nur unter solchen Voraussetzungen werden die heimischen Bauernfamilien auch zukünftig eine Eigenversorgung mit Schweinefleisch bewerkstelligen können. Wie herausfordernd die nachhaltige Absicherung der Schweinefleisch-Eigenversorgung mit Tieren, die in Österreich geboren werden ist, sollen die nächsten Zahlen und Fakten aufzeigen.

Bei einer Nutzungsdauer der Stallungen von 20 bis 25 Jahren, sowie angenommenen Stallplatz-Investitionskosten je Zuchtsau von 7.500 Euro und je Mastplatz von 800 Euro, müssten österreichweit in den Betrieben mit Sauenhaltung jährlich zwischen 60 und 75 Mio. Euro und in den Betrieben mit Schweinemast zwischen 48 und 60 Mio. Euro investiert werden. Zur nachhaltigen Absicherung der Eigenversorgung, liegt also der jährliche Investitionsbedarf der heimischen Schweineproduktion bei deutlich über 100 Millionen Euro. Stallsysteme mit größeren Flächenangeboten je Tier liegen in den Kosten noch einmal deutlich über den genannten Werten. Diese Kalkulation ist zwar ein theoretischer Ansatz, zeigt aber deutlich die finanziellen Dimensionen auf. Das Erhalten der Selbstversorgung bei Schweinefleisch ist tatsächlich eine Herkulesarbeit. Insbesondere wenn man weiß, dass die Branche seit der unsäglichen Kastenstanddiskussion 2011 verunsichert ist und zuletzt nur mehr wenig investiert hat.

Nachhaltige Eigenversorgung braucht investierende Betriebsleiter

Zusammenfassung

Derzeit werden in Österreich 230.000 Zuchtsauen gehalten und in der Schweinemast stehen knapp 1,7 Mio. Stallplätze zur Verfügung. Leicht unter fünf Millionen Schlachtschweine werden mit diesen Kapazitäten aktuell in Österreich erzeugt. Wenn man nun ein vorhandenes Leistungssteigerungspotential bei den Zuchtsauen und einen zukünftig leichten Rückgang des Schweinefleischverzehrs in Österreich einkalkuliert, werden zur Absicherung der Eigenversorgung langfristig ca. 200.000 Zuchtsauen und 1,5 Mio. Mastplätze notwendig sein.

Die heimischen Schweinehalter werden nur dann wieder investieren, wenn die Überzeugung einer nachhaltigen Wirtschaftlichkeit gegeben, sowie ein Bestandsschutz bestehender Stallungen sichergestellt ist und das notwendige Vertrauen in die Praktikabilität neuer Haltungssysteme vorliegt. Bereits bei der großen Herausforderung des Beitrittes zur Europäischen Union, war die Erhaltung der Selbstversorgung das große Ziel der Schweinebranche. Die nachhaltige Absicherung der vollständigen Eigenversorgung, muss auch für die nächsten 25 Jahre oberste Priorität aller Beteiligten – von der Bauernfamilie bis zum Konsumenten – genießen.


Foto: ADOBE STOCK

Aktuelle Situation der Afrikanischen Schweinepest (ASP)

Die ASP Situation in Europa hat sich gegenüber dem Jahr 2019 verschlechtert. Bis Ende Juli 2020 zählte man 7.654 Ausbrüche in Wildschweinebeständen (WS) und 462 Ausbrüche bei Hausschweinen (HS).

Ing. Mag. Stefan Fucik Veterinärangelegenheiten Tierzucht und Tiergesundheit Nö. Landwirtschaftskammer

Die Wildschweine-Fallzahlen der ersten Jahreshälfte 2020 übertreffen demnach die Zahl der gesamten Ausbrüche im Jahr 2019 (WS: 6.437, HS: 1.912). Es ist eine kontinuierliche Steigerung der ASP Fälle in den letzten Jahren ersichtlich (2018 WS: 5.427, HS: 1.464; 2017 WS: 3.985, HS: 265). Bei den veröffentlichten Fallzahlen handelt es sich nicht um die Anzahl der einzelnen Tiere, sondern um die Anzahl der Ausbrüche. So kann ein einzelner Fall im Hausschweinebestand auch mehrere tausend betroffene Schweine bedeuten. Die Fallzahlen bei Wildschweinen weichen nur geringfügig von den betroffenen Stückzahlen ab, weil üblicherweise pro „Fall“ nur ein bis einige wenige Wildschweine aufgefunden werden. Es folgt ein kurzer Überblick über die ASP Situation in ausgewählten Ländern und Regionen.

Abb. 1: ASP Ausbrüche seit Jänner 2020 in Hausschweinebeständen (rot) und im Wildschweinebestand (blau). Quelle: FLI/ADNS 3-2020 | ASP | 13


Ungarn 104 Kilometer, so weit ist der nächstgelegene ASP Ausbruch im ungarischen Wildschweinebestand von der österreichischen Grenze entfernt. Am 23.04.2018 meldete Ungarn den ersten Nachweis von ASP bei einem verendet aufgefundenen Wildschwein. Ausbrüche der ASP bei Wildschweinen traten inzwischen in verschiedenen Regionen Ungarns auf. Im September 2019 wurde die ASP erstmals westlich von Budapest festgestellt. Hausschweine sind bisher nicht betroffen. Das Geschehen breitet sich weiter massiv aus, bis Ende Juli 2020 wurden bereits mehr als 3.000 Fälle in diesem Jahr nachgewiesen. Abb. 2: Entfernung zum nächstgelegenen ASP Ausbruch im ungarischen Wildschweinebestand (104 km). In Ungarn sind nur Wildschweine betroffen, rote Punkte bedeuten ältere Fälle, blaue Punkte bedeuten jüngere Fälle. Quelle: http://airterkep.

nebih.gov.hu/aaijo/asp/asp.htm

Slowakei In der Slowakei ist seit August 2019 erstmals wieder im Juli 2020 ein Ausbruch bei zwei Hausschweinen verzeichnet worden. Das ist somit der 12. ASP Fall im slowakischen Hausschweinebestand seit dem ersten Ausbruch im Juli 2019. Im Wildschweinebestand zählt man seit dem erstmaligen Auftreten der ASP im August 2019 bereits über 220 Ausbrüche. Sämtliche Fälle traten entlang der ungarischen Grenze im Südosten der Slowakei auf.

Polen

Tab. 1: ASP Ausbrüche im Wildschweinebestand seit Jänner 2020. Quelle: AGES

Tab. 2: ASP Ausbrüche im Hausschweinebestand seit Jänner 2020. Quelle: AGES 14 | ASP | 3-2020

Am 14.11.2019 wurde das Virus der Afrikanischen Schweinepest bei tot aufgefundenen Wildschweinen erstmals in Westpolen festgestellt. Inzwischen breitete sich das Infektionsgeschehen weiter aus. Allein in dem Gebiet in Westpolen wurden bereits mehr als 900 Ausbrüche mit über tausend infizierten Wildschweinen nachgewiesen. Der westlichste Ausbruch bei Wildschweinen ist ca. 10 km von der deutschen Grenze entfernt. Die Restriktionsgebiete reichen bis an die deutsche Grenze (Sachsen, Brandenburg) heran. In der betroffenen Region wurde am 18.03.2020 der erste Fall von ASP in einem Hausschweinebestand festgestellt. Es handelte sich um einen Ferkelerzeuger mit ca. 23.000 Tieren, rund 65 km von der deutschen Grenze entfernt. In Westpolen wurden inzwischen sechs Ausbrüche in Hausschweinebeständen gemeldet. Weitere Ausbruchsgebiete der ASP befinden sich in Ostpolen, an der Grenze zu Weißrussland, im Raum Warschau sowie an der Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad. Insgesamt wurde das ASP Virus in Polen in diesem Jahr bereits bei über 2.900 Wildschweinen und in 25 schweinehaltenden Betrieben nachgewiesen.


Deutschland

Rumänien

In Deutschland gab es noch keinen ASP Ausbruch. Das Friedrich-Löffler-Institut schätzt das Risiko des Eintrags von ASP nach Deutschland durch illegale Verbringung und Entsorgung von kontaminiertem Material als hoch ein. Ebenso wird das Risiko des Eintrags durch Erzeugnisse aus Schweinefleisch, die von infizierten Tieren stammen, entlang des Fernstraßennetzes als hoch bewertet. Die Einschleppung durch den Jagdtourismus und durch das Mitbringen von Jagdtrophäen aus betroffenen Regionen wird als mäßig riskant eingeschätzt. Das Risiko eines Eintrags der ASP durch infizierte Wildschweine wird in Gegenden in der Nähe zu den betroffenen Gebieten in Belgien und Polen als hoch beurteilt. Der Landesbauernverband Brandenburg sieht die Lage sehr kritisch und fordert schon seit Anfang Mai einen festen Zaun zum Schutz vor der Tierseuche, mit einer wildschweinfreien Zone an der Grenze zu Polen, nach französischem und belgischem Vorbild.

Wie bereits im letzten Jahr, werden auch 2020 viele Ausbrüche bei Haus- und Wildschweinen aus Rumänien berichtet. Bis Ende Juli waren bereits über 390 Hausschweinebestände und über 580 Wildschweine betroffen. Von dem Seuchengeschehen sind weite Teile des Landes betroffen.

Lettland Den ersten Fall im Hausschweinebestand in diesem Jahr meldete auch Lettland. Betroffen ist eine Hinterhofhaltung mit 31 Tieren.

Belgien Am 13.09.2018 wurde der erste Fall von ASP bei tot aufgefundenen Wildschweinen und einem krank erlegten Wildschwein in der Gemeinde Etalle, Region Wallonien, gemeldet. Bisher wurden 833 Wildschweine positiv auf den Erreger getestet (Internetseite der wallonischen Behörden, Stand: 07.07.2020). Seit Juni 2019 sind die Fallzahlen stark rückläufig. Beim letzten positiven Fund am 4. März 2020 wurden nur Knochenreste aufgefunden. Die belgischen Behörden gehen davon aus, dass diese Tiere bereits einige Monate zuvor verendet sind. In den betroffenen Gebieten wurden zahlreiche Zäune errichtet (ca. 300 km) und ein Netzwerk von Fallen (ca. 150) installiert, um die Ausbreitung der ASP zu verhindern und die für die Seuche empfänglichen Wildschweine zu fangen. In den Gebieten wurden u. a. Betretungsverbote für den Wald angeordnet. Aufgrund der Entwicklung wurden im Mai die Gebietskulissen nochmals angepasst, Teil II (Gebiet, in dem ASP bei Wildschweinen aufgetreten ist) wurde verkleinert und teilweise in Teil I-Gebiete (Pufferzonen ohne ASP Fälle) überführt.

Asien Am 01.08.2018 wurde der erste ASP Fall in China beim internationalen Tierseuchenamt (OIE) gemeldet. Weite Teile Chinas waren betroffen. Nachdem Ende 2019 keine weiteren Fälle aus China gemeldet wurden, werden seit März wieder Ausbrüche bei Hausschweinen aus verschiedenen Provinzen gemeldet. Das Geschehen hat sich im letzten Jahr in Asien ausgebreitet, betroffen sind die Mongolei, Vietnam, Kambodscha, Laos, Nordund Südkorea, die Philippinen, Myanmar, Indonesien und Ost-Timor. In diesem Jahr neu betroffen sind Papua-Neuguinea und Indien.

Afrika Wie agrarheute.com berichtet, breitet sich die ASP bei Hausschweinen in Afrika auch immer weiter aus. Neben Südafrika und Namibia ist auch Westafrika betroffen. In Nigeria ist in einer der größten Schweinegenossenschaften die Afrikanische Schweinepest ausgebrochen. Es mussten bereits 300.000 Schweine gekeult werden.

Erstmals in Kenia 1921 beschrieben Die Afrikanische Schweinepest wurde das erste Mal in Kenia im Jahr 1921 beschrieben. Kurze Zeit später tauchten die ersten Fälle in Südafrika und Angola auf. Seit 1996 hat das ASP-Virus Westafrika erreicht (Elfenbeinküste 1996, Benin, Nigeria und Togo 1997 und Ghana 1999). Es folgten weitere west- und ostafrikanische Länder sowie auch die Insel Madagaskar (1998). 1957 und 1959 kam die ASP von Angola nach Europa. Auf der Iberischen Halbinsel dauerte die Ausrottung der ASP über 30 Jahre. Auf der Mittelmeerinsel Sardinien ist die Seuche bereits seit 1978 präsent.

Für den Menschen ist die Afrikanische Schweinepest ungefährlich. Reisende, die aus Gebieten mit Afrikanischer Schweinepest kommen, können den Erreger aber verbreiten! Es gibt derzeit keine Behandlungsmöglichkeit und keinen Impfstoff. Für Hausschweine und Wildschweine ist ASP tödlich. Das Virus kann in Blut, Fleisch, Knochen und Lebensmitteln monatelang ansteckend bleiben und über verunreinigte Schuhe, Kleidung, Werkzeuge und Behältnisse übertragen werden. Hunde und andere Tiere können nicht daran erkranken.

Gibt es eine Aussicht auf eine Impfung? Seit dem Frühjahr 2020 häufen sich Berichte über vielversprechende Forschungsergebnisse zur Impfstoffentwicklung gegen ASP. Wissenschaftler verschiedener Forschungsinstitute in den USA und China haben im März dieses Jahres mitgeteilt, Lebendimpfstoffe gegen die Afrikanische Schweinepest entwickelt zu haben. Erste Testreihen seien vielversprechend verlaufen. Bei geimpften Schweinen in China sei das Virus nach zwei Wochen nicht mehr im Körper vorhanden gewesen. Bei Sauen, die den Impfstoff erhielten, beobachteten die Forscher keine negativen Auswirkungen auf die Trächtigkeit oder die Zahl der Ferkel. Auch in den USA seien die geimpften Schweine über den Beobachtungszeitraum von 28 Tagen symptomfrei geblieben. (Quelle: top agrar Österreich) Auch Wissenschaftler des britischen Pirbright-Instituts sind im Wettlauf um die Entwicklung eines Impfstoffs einen Schritt nähergekommen, berichtete natuerlich-jagd. de im Juni. In einer Studie, die kürzlich im Wissenschaftsmagazin Vaccines veröffentlicht wurde, überlebten 100 Prozent der mit dem neuen Impfstoff immunisierten Schweine eine sonst tödliche Dosis des ASPVirus. Das Pirbright-Team hat einen vektorisierten Impfstoff entwickelt, der ein nicht schädliches Virus (den Vektor) verwendet, um acht strategisch ausgewählte Gene aus dem ASP-Virus-Genom in Schweinezellen zu transportieren. Sobald sich die Gene in der Zelle befinden, produzieren sie virale Proteine, die die Immunzellen des Schweins dazu veranlassen, auf eine ASP-Infektion zu reagieren.

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Mastschweine mit 103 kg verkaufen? „Ich verkaufe meine Schweine erst mit durchschnittlich 103 kg Schlachtgewicht, damit erziele ich bei einem Basispreis von € 1,40 auch noch € 180,- pro Mastschwein“. Dieses Argument hört man öfter bei Diskussionen unter Schweinemästern. Ob höhere Schlachtgewichte in der gegenwärtigen Preissituation auch wirtschaftlich sinnvoll sind, erklärt Franz Strasser ABL, Fachberater für Schweine, LK –OÖ. Franz Strasser ABL, Berater LK-OÖ

Preis-, Gewichtsmaske und Mengenstaffel Die drei Erzeugergemeinschaften Gut Streitdorf, Styriabrid und VLV haben in der Österreichbörse mit der Fleischwirtschaft ein Regulativ vereinbart. Dieses gibt neben dem Basispreisbezug die Zuund Abschläge bei den MFA–Prozenten, sowie die Zu– und Abschläge beim Gewicht vor. Die Mengenstaffel ist noch ein zusätzliches Reglement. Im Gewichtsbereich des Optimalkorridors von 90 – 102 kg werden bei einem MFA von 58 – 61% 2 Cent pro kg zugeschlagen. Im Gegenzug werden ab 106 kg 2 Cent pro kg abgezogen. Dieser Abzug erhöht sich pro kg Übergewicht wieder um 2 Cent. So wird z. B. bei 107,5 kg Schlachtgewicht der Auszahlungspreis um 4 Cent reduziert.

Rückreihung kostet bares Geld Das zeigt ein Auszug aus einer Schlachtabrechnung bei einem Basispreis von € 1,40 (siehe Tabelle 1). Im Klartext heißt das: Im Vergleich von Schweinen mit 61%igen MFA kann mit 102 kg Schlachtgewicht mehr Erlös erzielt werden als mit 113,1 kg Schlachtgewicht. Wieso dann noch 11 kg Schlachtgewicht raufmästen? Gleichzeitig soll auch bedacht werden, dass der Futteraufwand pro kg Zuwachs im Gewichtsbereich über 100 kg Schlachtgewicht beträchtlich steigt. D.h. die oberen Kilogramm Fleisch müssen teuer erfüttert werden.

Grafik 1: MFA Zu- und Abschläge. Quelle: Strasser, VLV

Grafik 2: Ö-Börse Gewichtsab- und -zuschläge. Quelle: Strasser VLV 16 | Verkauf | 3-2020

Schweinehälften im Optimalbereich 90102 kg Schlachtgewicht. Quelle: Strasser


Welche Kennzahlen gibt es dazu?

Tabelle 1: Auszug aus einer Schlachtabrechnung. Quelle: Strasser

Alleine ein Vermerk auf der Mastschweineauflistung ist zu wenig, um beurteilen zu können wie man liegt. Deutlicher wird die Sache, wenn die Kosten der Rückreihung in einem Wert dargestellt sind. Auf der Abrechnung der VLV Schweinebörse wird dies deutlich (siehe Tabelle 2). In den Zeilen „Sortierverluste je Mastschwein bzw. gesamt“ werden diese Abzüge in der Partieauswertung dargestellt. Im Gegenzug dazu steht der Anteil an Schweinen im Optimalkorridor.

Tabelle 2: Partieauswertung. Quelle: Strasser

Ein weiterer interessanter Wert bei der Schweineabrechnung ist die „Summe Qualitätsaufschlag“. Er beinhaltet alle Zu- und Abschläge aufgrund von MFA, Gewicht, AMA Gütesiegelprämie, etc. Was machen die Betriebe, damit die Sortierung passt?

Eingestallte Ferkel mit einheitlichem Gewicht. Quelle: Strasser

Schlachtreife Schweine gut sortiert bei der Verladung. Quelle: Strasser

• Gleich starke Tiere pro Box: Schon bei der Ferkeleinstallung gut sortieren. Falls die Ferkel stärker streuen, diese nach Gewicht in den Boxen aufteilen. • Keine Überbelegung der Boxen: Jedem Mastschwein mindestens 0,8m² anbieten (gesetzliche Norm ist 0,7m²) • Ausreichend Fressplätze: Am Sensor max. 4 Schweine pro Fressplatz aufstallen. Bei einem Breifutterautomaten sollten es max. 6 Schweine auf einem Fressplatz sein, dabei entspricht ein Fressplatz mind. 33 cm. • Gesunde Schweine wachsen gleichmäßig, falls das nicht so ist - den Gesundheitszustand verbessern • Vermarktungsabstände verringern: Wer alle 3 Wochen Ferkel einstallt muss spätestens alle 3 Wochen verkaufen. Werden sehr hohe Zunahmen erreicht (> 850g) evtl. 14 tägig verkaufen • Immer am selben Wochentag die Schweine anmelden. Dabei die in Frage kommenden Tiere anzeichnen. Eventuell 10% mehr anmelden als angezeichnet • Bei der Anmeldung den gewünschten Abholzeitraum bekannt geben. Z. B. Anfang der Woche oder Ende der Woche • Jahreszeitlich sind immer im Herbst und Winter die Schweine am schwersten. Einerseits wachsen die Tiere besser, andererseits übersehen die Landwirte das Anmelden. In solchen Fällen gilt einmal stärker durchgreifen und bewusst mehr anmelden und verkaufen. Und das mehrmals hintereinander, sodass man mit den Verkäufen wieder im gewünschten Gewichtsbereich liegt. 3-2020 | Verkauf | 17


Herkunft im AMA-Gütesiegel In den letzten Wochen war die Herkunftsregelung im AMA-Gütesiegel vielfach Thema in den Medien und im Internet. Hier ein Überblick.

Alpenregion Diese Version gibt es nur für einige, wenige Käse, beispielsweise wenn ein Reifekeller in Deutschland genutzt wird oder das automatische Schneiden und Verpacken etwa auf einer Anlage in Bayern erfolgt. Weil nicht mehr alle Be- und Verarbeitungsschritte in Österreich erfolgen, darf nicht mehr die rot-weiß-rote Version verwendet werden und der Hinweis Austria wird durch Alpenregion ersetzt. In diesem Fall ist die Herkunft Alpenregion definiert und alle Schritte müssen dort erfolgen.

Auch bei verarbeiteten Produkten (z. B. Fleischwaren) müssen alle wertbestimmenden Rohstoffe aus Österreich stammen. Beispiel: Fleisch und Speck, auch Käse in der Wurst. Nur wenn eine Zutat nicht in ausreichender Menge und/oder Qualität aus Österreich verfügbar ist, darf sie aus dem Ausland stammen. Ein Beispiel dafür ist der Pfeffer in der Wurst. Des Weiteren müssen alle Verarbeitungsschritte inkl. Verpackung in Österreich erfolgen. Das AMA-Gütesiegel ist eine Produktauszeichnung! Der Betrieb muss nicht mit seinem gesamten Sortiment am AMA-Gütesiegel teilnehmen. Viele Betriebe produzieren mehrere Linien: Bio, AMA-Gütesiegel mit Fleisch von österreichischen AMA-Bauernhöfen, ohne AMA-Gütesiegel mit Fleisch aus anderer Herkunft und Ländern. Die unterschiedlichen Chargen müssen klar getrennt sein. Die ausführliche Dokumentation gewährleistet dies – angefangen von Viehverkehrsscheinen, Schlachtprotokollen, Zerlegeprotokollen, bis hin zu Etiketten auf den Schlachthälften, Großteilen bis hin zum einzelnen Fleischstück. Auch die Schinken-Speck und Wursterzeugung wird laufend dokumentiert und streng kontrolliert.

Wichtig zu wissen und ...

Foto: © AMA-Marketing

Verpackungsdruck in schwarz-weiß Wenn ein Etikettendruck in Farbe nicht möglich ist (z.B. bei portionierter Wurst im Verkaufsgeschäft), kann der Aufdruck ausnahmsweise in schwarz erfolgen. Die Vorgaben sind dieselben wie beim rot-weißrotem Gütesiegel. Der Herkunftshinweis bleibt AUSTRIA.

Das rot-weiß-rote AMA-Gütesiegel mit dem Herkunftshinweis AUSTRIA steht für 100 Prozent heimische landwirtschaftliche Rohstoffe und Be- und Verarbeitung in Österreich. Fleisch darf nur dann das rot-weiß-rote AMA-Gütesiegel tragen, wenn die Tiere in Österreich geboren, gefüttert, geschlachtet und zerlegt wurden. Dieser umfassende Ansatz gilt auch für Milch und Milchprodukte. Die Tiere müssen auf österreichischen Bauernhöfen leben und dort gemolken werden. Die Verarbeitung erfolgt in einer heimischen Molkerei. Sind Eier mit dem rot-weiß-roten AMA-Gütesiegel gekennzeichnet, verbringen die Hennen ihr gesamtes Leben in Österreich. Die Eier werden auf einem heimischen Bauernhof gelegt und gestempelt. Sortiert und verpackt werden sie in einer österreichischen Packstelle. Obst, Gemüse und Erdäpfel, die mit dem rot-weiß-roten AMA-Gütesiegel ausgezeichnet sind, werden ausschließlich auf heimischen Feldern, in heimischen Obstgärten oder Glashäusern gezogen. Diese landwirtschaftlichen Monoprodukte sind also durch und durch österreichische Erzeugnisse. Fast alle Produkte werden mit dem rot-weiß-roten AMA-Gütesiegel ausgezeichnet. Es wird ausschließlich dieses Siegel beworben.

Das AMA-Gütesiegel darf nicht mit dem Genusstauglichkeitskennzeichen verwechselt werden, das mittels Stempel auf Schlachthälften aufgebracht wird. Damit bestätigt der amtliche Tierarzt, dass das Fleisch für den menschlichen Verzehr geeignet ist. Das Zeichen beinhaltet die Abkürzung des Staates, in dem die Schlachtung stattgefunden hat (z.B.: AT für Österreich).

Europäische Union Diese Version verwendet derzeit eine Brauerei aufgrund der mangelnden Verfügbarkeit heimischer Braugerste. Weil nicht mehr alle Rohstoffe aus Österreich stammen, darf nicht mehr die rot-weiß-rote Version verwendet werden. Es gelten jedoch die strengen Qualitätsvorgaben lt. AMA-Richtlinie. 18 | AMA | 3-2020

Außerdem enthält es die Zulassungsnummer des Schlachthofes und die Nummer des amtlichen Tierarztes, der die Genusstauglichkeit festgestellt hat. Die Angabe „EG“, wenn die Schlachtung in der Europäischen Gemeinschaft erfolgt ist. Dieses Zeichen sagt jedoch nichts über die Herkunft des geschlachteten Tieres aus. Das heißt auch: Wenn ein Tier z. B. in Deutschland geboren und gefüttert wurde und in Österreich nur geschlachtet wurde, muss diese Kennzeichnung erfolgen. Das ist eine gesetzliche Vorgabe.


Neues Gütesiegel: AMA Genussregion

Die Basis bildet das neue Qualitäts- und Herkunftssicherungssystem für bäuerliche Direktvermarkter, Lebensmittelmanufakturen sowie die Gastronomie und die Hotellerie. 2019 wurden die Richtlinien national und EUweit anerkannt. Zurzeit wird dieses System österreichweit ausgerollt, die ersten Zertifizierungen haben bereits stattgefunden. Nun wird an der gemeinsamen Kommunikationslinie gearbeitet. Ein starker und wiedererkennbarer Auftritt gibt den Konsumenten Orientierung und schafft einen Mehrwert für die teilnehmenden Betriebe. Diese Betriebe erhalten ein kostenloses Fotoshooting, nehmen

Foto: © AMA-Marketing

Das AMA-Gütesiegel und das AMA-Biosiegel sind die offiziellen Zeichen für Qualitätsprodukte im Lebensmittelhandel. Nun kommt als drittes, staatlich anerkanntes das Gütesiegel AMA GENUSS REGION dazu. Es garantiert geprüfte Qualität und nachvollziehbare Herkunft bei bäuerlichen Direktvermarktern, Manufakturen und Gastronomen.

an einer bundesweiten Kulinarik-Kampagne teil, bekommen zahlreiche Präsentationsund Verkaufsmöglichkeiten bei Veranstaltungen und vieles mehr. Zentrales Anliegen der Kulinarik Strategie Österreich ist es, auf Bestehendes aufzubauen und Kräfte zu bündeln. Mit dem anerkann-

ten Gütesiegel AMA GENUSS REGION werden einerseits Synergien aus der hohen Bekanntheit des AMA-Gütesiegels genutzt und andererseits Rechtssicherheit und Förderfähigkeit gewährleistet. Mehr unter: www.netzwerk-kulinarik.at/qhs.

... keinesfalls verwechseln! TV-Spot „Faire Partnerschaften“

Ein weiteres Kennzeichen, das nicht mit dem AMA-Gütesiegel verwechselt werden darf, ist das Identitätskennzeichen. Es befindet sich auf allen verpackten Produkten tierischer Herkunft (Fleisch, Fleischwaren, Molkereiprodukte, Eier), die innerhalb der EU in einem zugelassenen Betrieb erzeugt werden. Dieses Zeichen weist auf eine EU-konforme Produktion und Weiterverarbeitung im Hinblick auf die Einhaltung veterinärrechtlicher Belange und Hygienerichtlinien hin. Es beinhaltet den Ländercode für das Land, in dem der letzte Verarbeitungsschritt oder die Abpackung erfolgte, die Zulassungsnummer des Betriebes, durch die der letztverarbeitende Betrieb identifiziert werden kann und den Schriftzug EG als Abkürzung für die Europäische Union. Das heißt, wenn z. B. Holländischer Gouda bei uns gesliced und abgepackt wurde, erfolgt die Identitätskennzeichnung mit AT-Nummer des heimischen Verarbeitungsbetriebes.

Die Abtestungsergebnisse des aktuellen TV-Spots „Faire Partnerschaften“ sind mehr als erfreulich. Der Spot lief von 24. April bis 14. Juni 2020 insgesamt 905 Mal in ORF und Privatsendern und war im Stil animierter Grafiken gestaltet. Der Spot erreichte rund 5 Mio. Konsumenten. 83 Prozent der Befragten empfinden den Spot als sehr gut oder gut verständlich, 74 Prozent regt er zum Kauf von regionalen Produkten an. Besonders erfreulich: Sieben von zehn Teilnehmern sehen darin die Leistungen der gesamten Produktionskette vom Landwirt bis zum Handel verdeutlicht. Unsere Botschaft ist also gut angekommen. Das dürfte auch für die außergewöhnliche Gestaltung zutreffen, denn 64 Prozent der Befragten gefällt der Spot und sie finden ihn kurzweilig und unterhaltsam.

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Fachgerechte Nottötung von Schweinen Die Nottötung von Schweinen am landwirtschaftlichen Betrieb ist ein aktuelles Thema. Aktuell deswegen, da auf manchen Betrieben weiterhin Handlungsbedarf besteht, vor allem was die praktische Umsetzung betrifft.

Das Hauptproblem liegt oft darin, dass zu lange zugewartet wird bevor die Entscheidung zur Nottötung getroffen wird. Aber gerade durch zu langes Warten kann es zu Tierschutzproblemen kommen - zu langes Leiden von sehr kranken Tieren. Wer jedoch erhebliches Leiden eines erkrankten oder verletzten Tieres in Kauf nimmt, indem er es weder behandelt noch fachgerecht tötet, verstößt gegen den § 5 Abs.1 des Tierschutzgesetzes.

Diesem vielschichtigen Problemkreis kann am besten durch Thematisierung entgegengewirkt werden. Landwirte und auch andere in der Nutztierpraxis tätige Personen, wie Berater und Tierärzte, sollten immer wieder auf die Dringlichkeit dieses Themas aufmerksam gemacht werden, das nicht erst bei der Nottötung beginnt.

Was sind die Beweggründe für dieses Zuwarten? Kein Landwirt fügt bewusst einem Tier Schaden zu, oder lässt es leiden. Dennoch ist der Wunsch vorhanden, dass sich das Problem von selbst löst, indem das Tier doch noch gesundet oder von selbst stirbt. Außerdem gibt es viele mögliche Gründe, warum das Tier nicht notgetötet wird: mangelnde Erfahrung in der Handhabung der Gerätschaften, fehlende Ausstattung, emotionale Überforderung, Überarbeitung, zu geringes Problembewusstsein, Unsicherheit in Bezug auf die rechtliche Situation, usw.

Dem Management von erkrankten Einzeltieren wird in der Tierbetreuung oft zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Im Vordergrund steht die Gesunderhaltung des Bestandes durch medizinische Prophylaxe sowie durch die Optimierung von Haltung und Fütterung, was ja auch richtig und zu begrüßen ist. Doch auch die Tiere, die trotz dieser Maßnahmen erkranken, beziehungsweise verletzt sind, müssen durch intensive Tierbeobachtung erkannt und entsprechend professionell versorgt bzw. - wenn nicht anders möglich - notgetötet werden.

Versorgung kranker Tiere

Betäubung eines Ferkels mittels Schlag auf den Kopf. Quelle: Barbara Leeb 20 | Nottötung | 3-2020

Voraussetzung für eine gute Versorgung von erkrankten Tieren ist, dass es am Betrieb eine angemessene Anzahl an passenden Krankenbuchten gibt. Als Empfehlung kann gelten, dass pro 200 Mastplätzen eine und pro 100 Zuchtsauen drei Krankenbuchten zu je 5m² vorhanden sein sollen (ÖKL 2017). Den Umgang mit erkrankten Tieren, den Zeitpunkt der Absonderung und deren Versorgung sollte am besten im Rahmen der tierärztlichen Betreuung besprochen werden.

Nottötung Schwer erkrankte oder verletzte Schweine, bei denen keine Aussicht auf Heilung besteht, sind im Sinne des Tierschutzes so rasch wie möglich fachgerecht notzutöten. Die Methode der Nottötung außerhalb des Schlachthofes ist rechtlich nicht geregelt, allerdings gilt als oberste Prämisse, dass Schmerzen, Stress und Leiden für das Tier so gering wie möglich gehalten werden müssen. Dies wird vor allem durch eine Be-

Betäubung eines Mastschweins mittels Bolzenschuss. Quelle: Barbara Leeb


täubung (Empfindungslosigkeit) vor dem Tötungsschritt erreicht. Die Empfindungslosigkeit muss vor dem Setzen weiterer Schritte überprüft werden. Die Anzeichen sind Zusammenbrechen, krampfartiges Strecken der Beine, Aussetzen der regulären Atmung sowie Fehlen der Reaktion auf Licht- und Berührungsreize. Gibt es Anzeichen von Mängeln bei der Betäubung, sind sofort erneute Betäubungsschritte zu setzen. Genauso sind im Anschluss an die Tötung Zeichen des Todes, wie Entspannung der Muskulatur, dauerhafte Erweiterung der Pupillen, fehlende Atmung und Herztätigkeit zu prüfen. Diese Anzeichen sind nach 10 Minuten erneut zu kontrollieren, bevor der Tierkörper entsorgt wird. Aus Sicht des Tierschutzes und der Veterinärmedizin ist die Euthanasie mittels eines Injektionspräparates durch den Tierarzt die Methode der Wahl (WTM 2015, Binder). In der Schweineproduktion ist es aber in vielen Fällen nicht möglich, für eine gebotene Nottötung einen Tierarzt zu rufen. Daher muss vom Tierhalter festgelegt werden, wie eine fachgerechte Nottötung auf seinem Betrieb durchgeführt wird. Schließlich müssen die Gerätschaften bereit und der Umgang damit vertraut sein.

Nottötung eines Saugferkels Die Nottötung eines Saugferkels erfolgt am praktikabelsten durch einen stumpfen Schlag auf den Kopf, der am höchsten Punkt zwischen Augen und Ohransatz mit einem Hartholz oder einem Hammer ausgeführt werden sollte. Durch das Trauma kommt es zu einer Gehirnschädigung, die zu einer Empfindungslosigkeit führt. Der stumpfe Schlag führt nicht sicher zum Tod, daher wird dringend empfohlen unmittelbar danach einen Entblutungsschnitt zu setzen. Der Schnitt erfolgt quer durch den Hals des Ferkels bis auf die Wirbelsäule. Der Schlag auf den Kopf kann auch mit einem nicht penetrierenden Bolzenschussapparat durchgeführt werden. Diese Methode hat den Vorteil, dass die Ausführung des Schlages mit einer standardisierten Kraft erfolgt. Zudem setzt diese Methode den Ausführenden einer geringeren psychischen Belastung aus als die direkte Anwendung eines Holzknüppels. Andere Methoden, wie Elektrobetäubung, penetrierender Bolzenschuss oder Einbringung in eine mind. 80% CO2-Atmosphäre sind für Saugferkel weniger geeignet bzw. aus Tierschutzgründen nicht zu empfehlen.

Stab zur Rückenmarkszerstörung durch Einführung in die Schusswunde. Quelle: Barbara Leeb

Nottötung eines Aufzucht-, Mastbzw. Zuchttieres Die Nottötung in diesen Gewichtsklassen erfolgt durch die Kombination Bolzenschussbetäubung mit anschließender Rückenmarkszerstörung bzw. Blutentzug oder durch elektrischen Strom. Auch der Kugelschuss ist eine Möglichkeit, wobei allerdings die waffenrechtliche Voraussetzungen geklärt sein müssen und die Gefährdung der Mitwirkenden ausgeschlossen werden muss. Die Schlüsselparameter für die Betäubung mittels Bolzenschuss sind die Position, die Ladungsstärke und die Länge des Bolzens, die für die jeweilige Tiergröße geeignet sein müssen. Im Anschluss an die Betäubung ist sofort die Tötung durchzuführen. Aus veterinärhygienischer Sicht wird die Rückenmarkszerstörung als Tötungsmethode empfohlen, da kein Blut austritt. Blut von notgetöteten Tieren muss gemeinsam mit dem Tierkörper entsorgt werden, was in der Praxis schwer durchführbar ist. Die Zerstörung des Rückenmarks erfolgt durch das Einführen eines Stabs durch die Schusswunde bis ins Rückenmark. Die Nottötung mithilfe von elektrischem Strom erfolgt durch Betäubung mittels Kopfdurchströmung sowie anschließender Tötung durch Herzdurchströmung. Schlüsselparameter sind hier ebenfalls die Position der Elektrozangen, der elektrische Kontakt, elektrische Parameter (Spannung, Stromstärke) sowie die Dauer der Einwirkung. Die fachlichen Details der einzelnen Nottötungsmethoden können hier nicht näher erläutert werden, da dies zu umfangreich wäre. Jeder Landwirt muss für sich die Methode finden, die er auch gewillt ist, umzusetzen, um sich dann das Wissen und die nötige Ausstattung anzueignen. Die größte Herausforderung ist sicher die mangelnde Routine in der Handhabung, die mit dem Rückgang von Hausschlachtungen einhergeht. Dieser sollte mit entsprechendem Schulungsangebot begegnet werden. Weitere Informationen zur Nottötung von Schweinen finden Sie auf der VÖS-Webseite (schweine.at) unter dem Reiter Fachinformationen/ Merkblätter und Infos. Dr.in Barbara Leeb Tierärztin OÖ-Tiergesundheitsdienst

Notgetötetes Schwein mittels Bolzenschuss und Rückenmarkzerstörung. Quelle: Barbara Leeb

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Die Harnansäuerung: Sauer macht nicht nur lustig, sondern hält auch gesund Die „Desinfektion der Harnwege“ durch Harnansäuerung stellt eine gezielte Strategie zur Vermeidung von Harnwegsinfektionen bei Zuchtsauen dar. Oft gehen damit massive negative Auswirkungen auf die Tiergesundheit einher: MMA (Mastitis: Entzündung des Gesäuges; Metritis: Entzündung der Gebärmutter, Agalaktie: keine, bzw. unzureichende Milchproduktion), vermehrtes Umrauschen, bis hin zu reduzierten Aufzuchtleistungen können dabei vorrangig genannt werden. Wie eine gezielte Ansäuerung des Harns erfolgen kann wird im folgenden Bericht dargestellt.

Reinhard Puntigam Agrar- und Umweltwissenschaftliche Fakultät Ernährungsphysiologie und Tierernährung Universität Rostock Foto: Puntigam

Julia Slama Agrar- und Umweltwissenschaftliche Fakultät Ernährungsphysiologie und Tierernährung Universität Rostock Foto: Slama

Keime durch zu hohen pH-Wert im Harn Vergleichbar mit der Silierung von Futtermittel verursacht ein zu hoher (alkalischer) pH-Wert des Harns das Überleben und Ausbreiten von unerwünschten -krankmachenden- Keimen (z.B. Escherichia coli). Das pH-Optimum dieses häufig vorkommenden Erregers von Harnwegsinfekten liegt im neutralen Bereich (um einen pH-Wert von 7). Durch die Senkung des pH-Wertes vom schwach alkalischen bis neutralen Bereich ins saure Milieu (ca. pH 6,5) kann laut Lindermayer und Propstmeier (Lohmann Information 1/99) der Keimgehalt um bis zu 2 Zehnerpotenzen reduziert werden. Damit kann das Risiko einer Harnwegsinfektion und folglich das Risiko für MMA reduziert werden.

Darauf aufbauend ist ebenfalls ein zu erwartender pH-Wert abschätzbar was folglich in der Grafik veranschaulicht wird. Ziel ist es die KAB ausgewogen zu halten, sodass der pH- Wert des Harns optimal eingestellt werden kann (siehe Abbildung 1).

Die Kationen und Anionen Bilanz (KAB)

Organische Säuren

Die Konzentration, bzw. das Verhältnis der gesamt aufgenommenen Kationen (positiv geladene Teilchen) und Anionen (negativ geladene Teilchen) über das Futter beeinflussen maßgeblich den pH-Wert des Harns (beachte Vorzeichen in der folgenden Formel). Laut Dobenecker et al. (1999) handelt es sich dabei um einen sehr starken Zusammenhang (r² = 0,95). Daher ist eine gezielte Absenkung von alkalisierenden Kationen wie Ca, Mg, K und Na bei gleichzeitiger Steigerung der ansäuernden Anionen (P, Cl und S) zielführend. Neben anderen Formeln (z.B. dEB) kann die Formel nach Kienzle zur Berechnung herangezogen werden:

Die Zufütterung von organischen Säuren mit dem Ziel den pH-Wert des Harns zu senken wurde vielfach untersucht. Viele Säuren brachten jedoch nur wenig bis keinen Effekt in Bezug auf die Senkung des pH-Werts des Harns. Der Grund liegt darin, dass die meisten organischen Säuren (z.B. Propionsäure, Essigsäure, Buttersäure) verstoffwechselt werden und somit neben ihrer physiologischen Funktion auch als Energiequelle dienen. Die Benzoesäure bzw. Hexandisäure stellen dabei jedoch eine Besonderheit dar. Die Benzoesäure wird sofort nach der Resorption zur Entgiftung in der Leber an Glycin (eine Aminosäure) gebunden, dadurch entsteht die sogenannte Hippursäure. Dieses Abbauprodukt wird

Die Formel nach Kienzle (1997). Quelle: Puntigam 22 | Harnansäuerung | 3-2020

In Tabelle 1 ist die KAB bedeutender Einzelfuttermittel und Futterzusätze angeführt. Trockenschnitzel weisen einen sehr hohen Gehalt an Kalzium (Ca), Magnesium (Mg), Kalium (K) und Natrium (Na) aus. Sojaschrot, wie auch weitere bedeutende Ölsaaten hohe Mengen an K, wohingegen der Phosphor (P) des Monocalciumphosphats, wie auch der Schwefel (S) des Methionins deutlich negative KAB ausweisen.


über den Harn ausgeschieden und säuert diesen dadurch sehr stark nach kurzer Zeit an.

Methionin Methionin zählt neben Cystein zu den schwefelhaltigen Aminosäuren und dient dem Aufbau von Proteinen. Beim Abbau von überschüssigen Mengen dieser essenziellen Aminosäure entsteht Sulfat (sind Salze oder Ester der Schwefelsäure) welche den harnansäuernden Effekt erzielen.

Wasserversorgung Ein weiterer wichtiger Punkt zur Prävention von Harnwegsinfekten ist die Trinkwasserversorgung. Das Aufnehmen größerer Wassermengen pro Tag resultiert in gesteigerten Mengen an Harn. Hierbei werden Bakterien vermehrt aus der Blase und Harnröhre ausgespült und ihnen die Chance genommen sich an die Zellen der Harnwege anzulagern. Deshalb sollten Sauen immer freien Zugang zu Wasser haben und die Durchflussmengen der Nippeltränken ausreichend sein (1 - 2 l pro Minute). Bei unterschiedlichen Tränkesystemen im Warte- und Abferkelbereich

ist es hilfreich bei der Umstellung Wasser in den Trog zu füllen, um zusätzlich Verstopfungen vorzubeugen. Von der Geburt geschwächte Sauen sollten durch Auftreiben und manuelle Wassergabe im Trog zur Wasseraufnahme animiert werden. Folgen ungenügender Wasseraufnahme: • Austrocknung des Darminhaltes mit Verstopfung • Blasen- bzw. Nierenentzündungen durch hochgradig konzentrierten und keimbelasteten Harn • Austrocknung der Tiere mit Temperaturanstieg bis zum Tod • Milchmangel

Anwendungsbeispiele Praxisübliche Sauenfutter weisen eine KAB von +200 bis +500 (mmol/kg TM) auf, können jedoch auf Grund eines sehr hohen Ca Gehaltes deutlich darüberliegen. Um den pH-Wert des Harns auf ca. 6,5 zu drücken ist wie in Abbildung 1 veranschaulicht, eine Senkung der KAB um 100 bis 400 mmol / kg TM erforderlich. Für die Reduzierung des Futters um 400 mmol KAB wären z.B. 28 g DL-Methionin (S haltige Aminosäure, „on

top“ verabreicht) pro kg Alleinfutter erforderlich. Neben weiteren „on top“ Lösungen (Mineralsalze) wie Phosphorsäure (H3PO4), Calciumsulfat (CaSO4) und Calciumchlorid (CaCl2) können auch spezielle Ergänzungsfuttermittel um den geburtsnahen Zeitraum genutzt werden. Hierbei ist speziell darauf zu achten, dass harnsäuernde Futterzusätze neben den erhöhten Rationskosten auch die Futteraufnahme auf Grund des bitteren Geschmacks reduzieren (bis hin zur Fressverweigerung) bzw. in einer Stoffwechselübersäuerung resultieren können. Laut den Angaben von Lindermayer und Propstmeier (Lohmann Information 1/99) können folgende praktische Harn-pH-Wert absenkende Geburtsvorbereitungsfutter (10 Tage vor der Geburt) genannt werden (Tabelle 2). Durch die 50%-ige Verschneidung des Säugefutters mit Gerste ergibt sich eine Reduktion des Gehaltes an Ca und resultiert in einer deutlichen Reduktion der KAB (ca. -50%). Laut Literatur erfordert die Absenkung des pH-Wertes um 0,5 Einheiten ca. 3 Tage. Über das sehr rasch wirkende Methionin kann der Harn-pH-Wert noch deutlich gesenkt werden.

Tabelle 1 Abbildung 1 Kationen Anionen Bilanz (KAB) ausgewählter Futtermittel sowie Zusammenhang zwischen der Anionen Kationen Bilanz und dem pH-Wert des Harns. Quelle: Lindermayer und Propstmeier

Tabelle 2: Empfehlungen Geburtsfutter (nach Lindermayer, Propstmeier, Lohmann Information 1/99).

Quelle: Puntigam

3-2020 | Harnansäuerung | 23


Romana Grundböck Leiterin PIG Austria Station Hohenwarth Foto: PIG Austria

Höchste Spermaqualität – ein gelebter Standard der PIG Austria GmbH Um höchste Spermaqualität zu gewährleisten setzen wir in allen drei Standorten der PIG Austria auf hohe Tiergesundheits- und Biosicherheitsstandards und auf eine standardisierte Ejakulatsanalyse mit modernster Labortechnik. Für den Erfolg künstlicher Besamung ist, neben der weiblichen Fruchtbarkeit, die Anzahl normal beweglicher und morphologisch einwandfreier Spermien pro Besamungsportion von wichtiger Rolle. Ein gesunder Eber ejakuliert zwischen 100 und 500 ml, in einem ml Ejakulat sind zwischen 150 und 600 Millionen Spermien und in einer Besamungsportion sollten sich mindestens 1,6 Milliarden intakte Spermien befinden.

Die Biologie eines Spermiums und qualitätsrelevante Parameter Spermien sind reife, männliche Gameten (Geschlechtszellen), welche eigenständig bewe24 | Spermaqualität | 3-2020

gungsfähig sind. Sie bestehen aus einem Kopf, einem Mittelstück und dem Schwanz. Der Kopf trägt im Zellkern (Nucleus) die väterliche Erbinformation in Form eines einfachen (haploiden) Chromosomensatzes. An der Spitze des Kopfes bildet die Kopfkappe (Akrosom) über dem Zellkern eine Kappe, welche später durch Enzyme gesteuert das Eindringen in die Eizelle ermöglicht. Das Mittelstück charakterisiert sich durch die um das Zentrosom (Zentralkörperchen) liegenden Mitochondrien, welche auch als „Kraftwerke“ bezeichnet werden und die Fortbewegungsenergie der Spermien liefern. Der Schwanz eines Spermiums besteht aus einer beweglichen Geißel (Flagellum) und trägt neben der mitochondrialen Energie wesentlich zur Fortbewegung bei. Vorwärtsbewegliche Spermien sind


für die Befruchtung entscheidend. Ziel der professionellen Spermaanalyse in einer Besamungsstation ist es, die Anzahl äußerlich intakter vorwärtsbeweglicher und damit befruchtungsfähiger Spermien rasch und verlässlich bei jedem Ejakulat zu erfassen. Die Weiterentwicklung der Videotechnik ermöglicht es, die korrekten Spermien mit den entsprechenden Bewegungsmustern nun noch genauer zu erfassen.

Modernste Labortechnik Nach der Gründung der PIG Austria GmbH im Jahr 2019 wurden die Labore der drei Besamungsstationen Gleisdorf, Hohenwarth und Steinhaus auf den neuesten Standard der Spermauntersuchung aufgerüstet. Das sogenannte AndroVision® ist ein hochpräzises CASA-System der Firma Minitube aus Deutschland und dient der computergestützten Spermaanalyse. Schon vor der Gründung der PIG Austria wurde an zwei Stationen bereits das CASA-System verwendet und nun um das Präzisionsmesssystem „eflow-Kammer‘ aufgerüstet. Seit Juli dieses Jahres ist nun das CASA-System samt eFlow Kammer auf allen drei Stationen in Betrieb. Mittels dieser modernsten Technik kann jedes einzelne Ejakulat standardisiert und automatisch in Echtzeitanalysen von LiveBildern dargestellt werden. Die neue Software AndroVision® bietet im Vergleich zu dem Vorherigen CASA-System nicht nur die klassische automatische Analyse von Morphologie (äußerer Gestalt), Motilität (Beweglichkeit) und Konzentration, sondern auch verschiedene fluoreszenzbasierte Untersuchungen der Spermienfunktionalität.

Die Aufrüstung um die eFlow Kammer ermöglicht eine einfache, schnelle und präzise Probenvorbereitung sowie automatisches Befüllen und Spülen der wiederverwendbaren Zählkammer. In einem Analysevorgang werden pro Ejakulat insgesamt sieben Aufnahmen in den zwei Messbereichen der Zählkammer vorgenommen, wodurch die Messsicherheit der Qualitätsparameter noch genauer wurde. So wird zum einen die Motilität und Morphologie in einem Messspalt von 15μm und die Konzentration in einem 30μm Spalt gemessen. Die Ergebnisse dieser Analysen sind einerseits sehr exakt und weisen des Weiteren eine hohe Wiederholbarkeit auf. Dies bedeutet, dass bei mehrfacher Analyse desselben Ejakulats die Ergebnisse der Spermaqualität eine äußerst geringe Streuung aufweisen. Mit Hilfe der computerunterstützten Spermaanalyse ist es nun möglich neben den in der Vergangenheit üblichen, weitere qualitätsrelevante Parameter speziell der einzelnen Spermien sehr exakt zu beurteilen. Analysiert werden unter anderem verschiedene Arten der Deformation an Kopf, Mittelstück und Schwanz, sowie die Vorwärtsbeweglichkeit der Spermien. Anhand der automatisch errechneten Analysewerte des Ejakulats werden die Anzahl der Portionen und die dafür benötigte Verdünnungsmenge berechnet. Zur Qualitätssicherung und Dokumentation wird jede Videosequenz aus der Analyse in einer Datenbank gespeichert. Dank dieser modernsten technischen Möglichkeiten ist es möglich, allen Kunden der PIG Austria GmbH eine standardisierte und verlässliche Spermaqualität auf höchstem Niveau zu liefern.

Investitionen in die Zukunft Nach dem Start der PIG Austria GmbH (entstanden aus dem Zusammenschluss der Schweinezucht – und Besamungsorganisationen in Niederösterreich, Oberösterreich und der Steiermark) Ende des vergangenen Jahres, sind wir nun mitten in der Zusammenführung und Optimierung der Standards in den Bereichen Zucht und Besamung.

Zukunftsfähiges Zuchtprogramm Im PIG Austria Zuchtprogramm wurde mit der Einführung des Vitalitätsindexes bei Edelschwein und Landrasse ein wichtiger Schritt in Richtung eines nachhaltigen und zukunftsfähigen Zuchtzieles gesetzt. Unter dem Motto „optimieren statt maximieren“ soll die Fortuna Sau große und gleichzeitig einheitliche Würfe bringen, maßgeschneidert auf die Verhältnisse und Voraussetzungen auf unseren österreichischen Familienbetrieben. Dass diese Sauen auch auf Großbetrieben erfolgreich im Einsatz sind, zeigen die langjährigen Kundenbeziehungen und Exporte unserer Genetik in Länder wie Polen, Kroatien, Slowenien und Serbien. Die PIG Austria Zuchtbetriebe zeigen, dass sie die Herausforderung annehmen und auch bereit sind, trotz mehr Aufwand in der Zuchtarbeit neue Wege zu gehen. Der technische Fortschritt führt auch in der Labortechnik zu immer neuen Entwicklungen. Die positiven Erfahrungen aus dem internationalen Forschungsverbund FBF werden genutzt und rasch in die Praxis umgesetzt. Für die standardisierte und zuverlässige Spermaqualitätsanalyse wurden an den PIG Austria Besamungsstationen Gleisdorf, Hohenwarth und Steinhaus in die neueste am Markt verfügbare Technik investiert.

„Im Auftrag der nächsten Generation“ Getreu dem PIG Austria Motto „Im Auftrag der nächsten Generation“ setzen wir mit diesen Strategien und Investitionen ein Zeichen, dass wir trotz schwierigem Umfeld mit dem Bekenntnis zu Nachhaltigkeit und Qualität eine Zukunft für unsere Familienbetriebe in der Schweineproduktion sehen. Minitube - für den Einsatz hochpräziser, comutergestützter Spermaanalysen. Quelle: PIG Austria

Dr. Peter Knapp, GF PIG Austria 3-2020 | Spermaqualität | 25


Virtuelle Exkursion internationaler Studenten der Boku bei PIG Austria Die Corona Situation stellt auch die Universitäten vor neue Herausforderungen. Exkursionen in Praxisbetriebe sind Teil der Lehre und können in der aktuellen Situation nicht stattfinden. Auch aufgrund der hohen Hygienebestimmungen sowie den Besucherrestriktionen in Schweinezuchtbetrieben und an den Besamungsstationen wurden in den letzten Jahren keine Exkursionen durchgeführt. Um den Studierenden trotzdem einen möglichst praxisnahen Einblick in die Arbeit in einem österreichischen Herdebuchzuchtbetrieb und an einer Besamungsstation zu geben, entschied man sich an der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) für eine virtuelle Exkursion. Internationales Programm Im Juli 2020 war dazu ein Filmteam der Boku zu Gast bei der PIG Austria GmbH in Steinhaus und am Edelschweinzuchtbetrieb der Familie Gstöttenmayr. Ziel des Besuches waren die Dreharbeiten für eine virtuelle Exkursion im Rahmen des internationalen Masterprogramms „European Master in Animal Breeding and Genetics“ (EMABG – Master in Tierzucht und Genetik), das von der BOKU koordiniert wird. In dem internationalen Programm sollen die zukünftigen Spezialisten für Tierzucht und Genetik ausgebildet werden. Erfahrungen in anderen Ländern sind für das gegenseitige Verständnis der Landwirtschaft in den verschiedenen Ländern Europas sehr wichtig. Jedes Jahr werden aus über 350 Bewerbungen rund 20 Studierende aus verschiedensten Ländern ausgewählt. Sie erhalten für die Dauer von zwei Jahren ein EU-gefördertes Stipendium und studieren an zwei von insgesamt sechs Partneruniversitäten im Programm. Ab 10. August finden an der BOKU die Einführungstage für neue Studierende und parallel eine Sommerschule für Studierende nach dem ersten Studienjahr statt. Insgesamt werden im August 47 Studierende am zweiwöchigen Sommerprogramm teilnehmen. Da die Studierenden heuer corona-bedingt nicht nach Österreich kommen können, bringt die BOKU die österreichische Tierzucht virtuell zu ihnen.

Der Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis ist eine wichtige Basis zur Weiterentwicklung in der Tierzucht. Die BOKU bedankt sich herzlich für die Bereitschaft und Gastfreundlichkeit der Betriebe und die vielen spannenden Einblicke in die umfangreiche Arbeit bei PIG Austria.

Mehr Information zum European Master in Animal Breeding and Genetics gibt es auf der Homepage des Programms: www.emabg.eu Nathalie Schweiger, Univ. f. Bodenkultur, Wien Peter Knapp, PIG Austria GmbH, Steinhaus

Geschäftsführer Peter Knapp erklärt die wesentlichen Elemente zur Produktion von Qualitätssperma. Quelle: DI Daniela Kottik Boku

Schweinezucht in der Praxis Gezeigt werden bei der virtuellen Exkursion die Grundlagen und Ziele des PIG Austria Zuchtprogramms, wie arbeitet ein Zuchtbetrieb von der Anpaarung bis zur Leistungsprüfung, welche Kriterien muss ein Eber erfüllen, dass er an die Besamung kommt und wie funktioniert die Spermaproduktion an einer Besamungsstation. 26 | PIG Austria | 3-2020

Zuchtleiterin Christina Pfeiffer bei den Erläuterungen zur Eberselektion im Eberschauraum der Familie Gstöttenmayr. Quelle: DI Daniela Kottik Boku


Regionalität ist wichtiger denn je! BOKU-Studie zeigt, Österreicherinnen und Österreicher sehen heimische Lebensmittel als krisenfest und umweltfreundlich. Die Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) hat im Auftrag der Österreichischen Hagelversicherung eine Studie zu Motiven für den Kauf heimischer Lebensmittel und zur Bedeutung der Landwirtschaft in Österreich – gerade in Krisenzeiten – durchgeführt. Diese Studie wurde von Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger, dem Vorstandsvorsitzenden der Österreichischen Hagelversicherung Kurt Weinberger, und der Studienautorin Petra Riefler am 24.07.2020 präsentiert. Das Ergebnis der Studie ist eindeutig: 91% der 500 repräsentativ ausgewählten Haushalte bezeichneten die Landwirtschaft als systemrelevant. In der Präsentation der Studie betonte Bundesministerin Elisabeth Köstinger: „Durch die Krise hat die heimische Lebensmittelproduktion stark an Bedeutung gewonnen.“ In 2 von 3 Fällen entschieden sich die Haushalte bei simulierten Wochenendeinkäufen für österreichische Lebensmittel. Standen hingegen nur importierte Waren zur Auswahl gab fast die Hälft der Befragten an, lieber komplett auf den Kauf dieses Lebensmittels zu verzichten, statt die importierten Lebensmittel zu konsumieren. Die Beweggründe für den Kauf heimischer Lebensmittel sind zum einen die Unterstüt-

zung der heimischen Wirtschaft und der Landwirte, sowie zum anderen der hiesige hohe Produktionsstandard mit strengen Kontrollen und nachhaltiger Wirtschaftsweise. Die Studie zeigt, dass durch die CoronaKrise die Wertschätzung für die heimische Landwirtschaft stark gestiegen ist, denn für 86% der Befragten ist das Fortbestehen der landwirtschaftlichen Betriebe in Österreich wichtiger geworden. Zudem sehen 83% eine höhere Notwendigkeit auch in Zukunft eine ausreichende Versorgung mit heimischen Lebensmitteln sicher zu stellen, und die Abhängigkeit von Lebensmitteln aus dem Ausland zu verringern. Den Preisdruck durch Importe, Handel und Verbraucher sehen 87% der Befragten als größte Herausforderung für die Landwirtschaft. Gefolgt wird diese Herausforderung durch die Folgen der zunehmenden Wetterextreme als Folge des Klimawandels, welche von 80% der Befragten genannt wurde. Die Studie zeigt auch, dass für die meisten Konsumenten die Regionalität entscheidender ist als biologischer Anbau. Alles in allem hat jedoch der Preis den größten Einfluss auf die Kaufentscheidung.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie auf einen Blick • 8 von 10 der Befragten ziehen heimische Lebensmittel immer den importierten Produkten vor, wobei die Standortsicherung ein wesentlicher Aspekt ist. • 85% der Befragten sagen, dass heimische Lebensmittel in Krisenzeiten besser verfügbar sind und generell strenger kontrolliert werden. • 86% der Österreicherinnen und Österreicher halten heimische Lebensmittel für umweltfreundlicher als importierte Ware. • Im Durchschnitt halten 8 von 10 Österreicherinnen und Österreicher Umweltschonung beim eigenen Lebensmittelkonsum für wichtig und betrachten mit Sorge, wie die Ressourcen des Planeten verschwendet werden. • Für 86% der Befragten ist das Fortbestehen von landwirtschaftlichen Betrieben in Österreich durch die COVID-Pandemie wichtiger geworden. • 8 von 10 Befragten sehen den allgemeinen Preisdruck als große Herausforderung für die Landwirtschaft.

Kurt Weinberger, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Hagelversicherung, Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger und die Autorin Petra Riefler bei der Präsentation der Studie. Quelle: BOKU

• 83% der Befragten sehen zudem eine Notwendigkeit, auch in Zukunft eine ausreichende Versorgung an Grundnahrungsmitteln aus Österreich sicherzustellen und die bestehende Abhängigkeit aus dem Ausland zu verringern.

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Hitzestress im Sommer? Kühlen Sie ihre Schweine ab!

Elena Lucia Sassu, DVM, PhD Universitätsklinik für Schweine Veterinärmedizinische Universität Wien

Heiße Sommertage können eine Herausforderung sein, insbesondere für Sauen und Mastschweine. John van Paassen, ein niederländischer Schweinezüchter, hat im Rahmen des EU PiG Projektes seine Lösungsansätze geteilt. Mithilfe einer Hochdruck-Vernebelungsanlage konnte er an heißen Sommertagen die Temperatur in seinem Stall erheblich senken. Er nahm am EU PiG Projekt teil und hat mit seiner Innovation in der Kategorie „Tierwohl“ für die Herausforderung „Lösungen gegen Hitzestress“ gewonnen. Was ist EU PiG Innovation Group?

Hitzestress bei Schweinen – Ursachen

Die European Pig Innovation Group (EU PiG) ist ein Netzwerk von 19 Partnerorganisationen aus 13 Mitgliedstaaten, welches europaweit bewährte Verfahren und Innovationen in der Schweineproduktion austauscht und Betrieben zugänglich machen möchte. Ziel des Projektes ist es, innerhalb vier verschiedener Kategorien (Gesundheitsmanagement, Tierwohl, Fleischqualität und Präzisionslandwirtschaft) innovative Lösungen aus der Praxis zu sammeln, auszuwerten und einen Sieger in jeder Kategorie zu küren. Das Projekt lief über vier Jahre (von 2016 bis 2020) und jährlich wurden zwei Herausforderungen für jede der Hauptkategorien ausgewählt.

Schweine sind anfällig für Hitzestress, da sie relativ kleine Lungen haben, nicht ausreichend schwitzen können und ein dickes Unterhautfett den Wärmeaustausch zusätzlich einschränkt. Für die Wärmeregulierung sind sie daher auf ihre Atmung angewiesen. Neben der natürlichen Veranlagung des Schweins beeinflussen auch die Haltungsbedingungen die Fähigkeit, auf hohe Temperaturen zu reagieren. Dies umfasst unter anderem Luftgeschwindigkeit, Luftfeuchtigkeit, Gruppengröße, Oberflächentemperatur und baulichen Gegebenheiten. Hitzestress ist bei schwereren Schweinen stärker ausgeprägt.

Hochdruck-Vernebelung. Quelle: ZLZO Bilderbank 28 | Hitzestress | 3-2020


Wie kann Hitzestress erkannt werden? Die gründliche tägliche Beobachtung des Verhaltens der Schweine ist in den Sommermonaten unerlässlich. Eine erhöhte Atemfrequenz (mehr als 50 Atemzüge pro Minute) ist das erste und eines der offensichtlichsten Anzeichen von Hitzestress. Es gibt zwei Möglichkeiten, mit denen Schweine die Auswirkungen von Hitzestress reduzieren können: Erhöhung der Wärmeabgabe und Verringerung der Körperwärmeproduktion. Schweine versuchen bei Hitzestress Wärme abzuleiten, indem sie Körperkontakt mit kühleren Oberflächen, wie dem Boden, suchen und die Verdunstung von Wasser über die Lunge erhöhen. Um die Menge der erzeugten Körperwärme zu minimieren, verringern Schweine ihre Futteraufnahme sowie ihre Aktivität und erhöhen gleichzeitig ihre Wasseraufnahme, um die durch das Atmen verlorene Flüssigkeit auszugleichen. Wenn ein Ausgleich nicht mehr möglich ist, können Schweine krank werden oder sogar sterben. Neben dem tierschutzrechtlichen Aspekt entstehen wirtschaftliche Verluste durch eine verringerte Wachstumsleistung bei Mastschweinen sowie durch Fruchtbarkeitsstörungen bei den Sauen.

Eine innovative EU PiG-Lösung gegen Hitzestress Angesichts des Klimawandels werden extreme Temperaturen wahrscheinlich ein häufiges Ereignis sein. Um die Risiken im Schweinestall zu minimieren und Hitze-

stress zu vermeiden, hat der niederländische Landwirt John van Paassen beschlossen ein System einzuführen, welches die Schweine an heißen Sommertagen abkühlen kann. Seine Schweinefarm befindet sich in Deurne, Niederlande, und bietet Platz für 440 Sauen und 2.750 Mastschweine. Da sein Betrieb aus verschiedenen Gebäuden unterschiedlicher Größe besteht, entschied er sich für ein einfaches System, das in allen seinen Schweineställen installiert werden konnte: eine Hochdruck-Vernebelungsanlage. Die Vernebelung erfolgt außen an der allgemeinen Luftversorgung des Gebäudes oder am Lufteingang jedes Raumes. An den Lufteinlässen sind Rohre mit Düsen installiert, die von einem Hochdrucksprühgerät angetrieben werden. Der Nebel wird vom Lüftungssystem des Gebäudes mit Luft in das Gebäude gesaugt und kühlt die einströmende Luft um bis zu 5% ab.

Warum ist dieses System innovativ? Das Befeuchten der einströmenden Luft vor dem Eintritt in das Gebäude hat den Vorteil, dass die Luftfeuchtigkeit kontrolliert wird, da das Wasser außerhalb des Hauses verdunstet (siehe Bild Seite 28). Die Anlage schaltet sich automatisch aus, wenn die Luft zu feucht wird. Andere Methoden wie das Sprühen von Wasser direkt in den Raum können zu feuchten Buchten und einer hohen relativen Luftfeuchtigkeit führen, wodurch sich das Stallklima verschlechtert und eine höhere Menge Wasser eingesetzt werden muss.

Heiße Sommertage können Sauen und Mastschweinen Stress bereiten. Foto: FRAUKOEPPL

Die Vorteile der Innovation • Mit diesem System sinkt die Temperatur der einströmenden Luft um ca. 5% und gleichzeitig wird die Luftfeuchtigkeit kaum erhöht. Bei Temperaturen im Bereich von 36 bis 40 °C kann dieses System den Hitzestress der Tiere reduzieren. Eine kühlere Umgebung sorgt für eine kontinuierliche Futteraufnahme und agilere Tiere. • Die Verwendung dieses Systems führte auf dem Betrieb zu einer geringeren Ferkelsterblichkeit (0,8 zusätzlich abgesetzte Ferkel in darauffolgenden Würfen), eine erhöhte durchschnittliche Tageszunahme der Mastschweine (+ 50 g / Tag) und einer besseren Futterverwertung (0,1 niedriger). • Wenn diese Innovation nicht vorhanden gewesen wäre, wären erfahrungsgemäß 2 bis 5 % der Sauen und Mastschweine in den heißesten Monaten gestorben. • Dieses System kann in praktisch jedem Schweinestall installiert werden. • Da im laufenden Betrieb nur Wasser und Strom benötigt werden, ist der gesamte Prozess umweltfreundlich und grundsätzlich auch in bestehenden Gebäuden einfach zu installieren.

Die Kosten der Innovation • Die Kosten für die Hochdruck-Vernebelungsanlage hängen von der Größe des Stalles ab. In der Regel betragen die Kosten etwa 10 bis 20 € pro Sauenplatz bzw. 1,50 bis 3,00 € pro Mastplatz • Die Investition einschließlich der Installation des Systems betrug für diesen Landwirt (440 Sauen, 2750 Mastschweine) 18.000 €. • Die Lebensdauer des Systems beträgt voraussichtlich 10 Jahre. • Jede Nebelpumpe verbraucht 800-900 kW pro Jahr. Für den gesamten Betrieb steigen die Energiekosten um rund 300 €. • Für die Wartung muss das Wasser vor dem Winter aus dem System gepumpt und die Sprinkler einmal im Jahr kontrolliert und gewartet werden. Insgesamt muss ein Tag zusätzliche Arbeit pro Jahr investiert werden (zusammen 300 €). Möchten Sie mehr über andere erfolgreiche Innovationen erfahren? In diesen vier Jahren wurden insgesamt 32 „Best Practices“ gesammelt (8 pro Kategorie). Alle „Best Practices“ werden in mehrere Sprachen (einschließlich Deutsch) übersetzt und sind auf der offiziellen Website (www.eupig.eu ) verfügbar. Sie finden sie, indem Sie auf das Thema klicken, die einzelnen Best Practices auswählen und dann rechts Ihre Sprache auswählen (unter „Case Study Fact-Sheets“). 3-2020 | Hitzestress | 29


Die Schweinehaltung ist gesellschaftlich umstritten! Was tun? Die Landwirtschaft, und im Besonderen die Schweinehaltung, sieht sich gegenwärtig vor große Herausforderungen gestellt: Bestimmte Praktiken sind umstritten, das gesellschaftliche Wissen ist gering – die Erwartungen sind es jedoch nicht. In diesem Spannungsfeld sollen Landwirtinnen und Landwirte nicht nur ihrer besonderen Verantwortung gerecht werden, mehr als das: Sie sollen in den Debatten Rede und Antwort stehen. Ein Beitrag vom Autor Christian Dürnberger. Zum modernen landwirtschaftlichen Berufsbild gehört demnach ethische Reflexionsfähigkeit. Ethik für die Landwirtschaft also. Was aber ist Ethik? Wie lassen sich die neuen gesellschaftlichen Erwartungen beschreiben? Und was bedeutet Verantwortung mit Blick auf Nahrung, Umwelt, Klima und Tiere? Und was kann der einzelne Landwirt, die einzelne Landwirtin tun? Genau zu diesen Fragen hat der Philosoph Christian Dürnberger (Messerli Forschungsinstitut, Vetmeduni Vienna) ein Buch mit dem Titel „Ethik für die Landwirtschaft“ geschrieben. Das Buch ist keine fachphilosophische Arbeit, sondern wendet sich explizit an die Landwirtinnen und Landwirten selbst. Bei alldem ist das Buch, wenn es um eine Bewertung geht, zurückhaltend: Es will also nicht beantworten, was moralisch richtig bzw. falsch ist, sondern vielmehr Debatten und Positionen beschreiben und auf diesem Wege zum selbstständigen Nachdenken anregen. Im Folgenden ein Auszug.

Welchen moralischen Umgang schulden wir Schweinen?

#1 Das Tier ist bloß ein Gegenstand: Radikaler Anthropozentrismus

Die Tierethik ist – wie die Philosophie insgesamt – ein Wirrwarr an Positionen, die nicht erschöpfend dargestellt werden können. Wir wollen im Folgenden daher radikal vereinfachen und die Antworten der vergangenen Jahrhunderte zu diesem Thema auf vier idealtypische Positionen verkürzen.

Man kann behaupten, dass Tiere überhaupt keinen moralischen Eigenwert besitzen, dass sie also so etwas wie Dinge sind, die nur als Eigentum moralisch bedeutsam sind. In dieser Perspektive sind Tiere bloße Gegenstände: Gehört ein Tier mir, kann ich mit ihm machen, was immer ich möchte. Ähnlich wie wenn mir ein Tisch oder ein Buch gehört. […] Bei Immanuel Kant (1724-1804),

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„Ethik für die Landwirtschaft. Das philosophische Bauernjahr“ Taschenbuch: 192 Seiten Verlag: Independently published (2. Mai 2020) Sprache: Deutsch ISBN-13: 979-8637671571 Exklusiv erhältlich über Amazon.


einem der bedeutendsten Philosophen, haben Tiere beispielsweise keinen moralischen Eigenwert. Kants Ethik fokussiert auf die Vernunftfähigkeit: Jedes Wesen, das Vernunft aufweist (das also nachdenken, entscheiden und begründen kann), müssen wir moralisch um seiner selbst willen berücksichtigen. Ein vernunftfähiges Wesen dürfen wir beispielsweise nur in absoluten Ausnahmefällen einsperren oder töten. Alle anderen Wesen und Dinge, die keine Vernunft haben, sind für Kant moralisch nicht weiter bedeutsam. Diese Position wird oft Anthropozentrismus genannt, weil sie im Grunde darauf hinausläuft, dass nur (vernunftbegabte) Menschen (aus dem griech. ánthropos = „Mensch“) moralischer Eigenwert zugesprochen werden muss. […]

#2 Tiere können Leid empfinden: Pathozentrismus Es war vor allem der Philosoph Jeremy Bentham (1748-1832), der in dieser Frage einen Paradigmenwechsel bewirkte. Bentham hielt mit Blick auf Kant fest: Der Irrtum bisheriger Ethik liegt in ihrer falschen Fragestellung. Die klassische Ethik – wie jene von Kant – spricht nur jenen Wesen moralische Bedeutung zu, die denken und sprechen können, sprich die Vernunft besitzen. Die entscheidende Frage würde aber nicht lauten, ob ein Wesen denken kann, sondern ob es leiden kann. […] Benthams Position wird Pathozentrismus genannt (von griech. ‚pathos’ = Leid). […] Wer Leid erfahren kann, der wünscht sich einen leidensfreien Zustand. Aus ethischer Perspektive gibt es keinen triftigen Grund, warum man das „Interesse“ eines Tiers an einem schmerzfreien Leben einfach ausblenden dürfte. […]

#3 Leidensfreiheit genügt nicht für ein gutes Leben: Tierwohl […] Unter Tierwohl wird mehr verstanden als „nur“ Leidensfreiheit oder Tiergesundheit. Dem „klassischen“ Tierschutzgedanken folgend ist ein Tier – wie oben diskutiert – eine leidensfähige Kreatur und wir haben die moralische Pflicht, solchen Wesen Leid zu ersparen. Tierwohlkonzepte aber fragen: Genügt das? Leidensfreiheit ist sicherlich eine Art Vorbedingung für Wohlergehen – aber ein gutes Leben zeichnet sich durch wesentlich mehr aus. (Und auch „andersherum“ argumentiert: Nur, weil man mal kurz leidet, bedeutet dies noch lange nicht, dass man kein gutes Leben führt.) Das Konzept „Tierwohl“ versucht demnach, über den „klassischen“ (leidvermeidenden) Tierschutz hinauszugehen und näher zu beschreiben, was ein gutes Leben für das Tier, sprich tiergerechte(re) Haltung bedeutet. (Beispielsweise das weitgehende Ausleben angeborener Verhaltensmuster.)

Tierwohl lässt sich nicht an Produktivität ablesen Tierwohl-Konzepte zeigen exemplarisch, inwieweit „Tierwohl“ mehr meint als „nur“ Leidvermeidung. Dabei wird auch klar: Tierwohl und Produktivität eines Tiers müssen sich nicht widersprechen – Tierwohl lässt sich jedoch nicht an Produktivität ablesen. Das Argument „Meine Tiere fühlen sich wohl, sonst würden sie nicht diese immense Leistung bringen“ stimmt nicht notwendigerweise; so kann ein Tier schier unglaubliche Leistungen bringen und doch beispielsweise keine Möglichkeit auf-

weisen, ein „soziales Leben“ zu führen, das diese Beschreibung verdient. Tierwohl und Produktivität schließen sich demnach nicht aus, sind aber auch nicht deckungsgleich.

#4: Tiere wollen leben – lasst sie daher am Leben: Tierrechte Schließlich gibt es Stimmen, die argumentieren, dass Tiere einen derart hohen moralischen Rang einnehmen, dass jegliche Tierhaltung im Grunde falsch ist, mit Sicherheit aber ihre Tötung für die Nahrungsmittelproduktion: Wie man keinen Menschen halten und töten darf, verbietet sich das auch bei Tieren, so die Position, die meist als „Tierrechts“-Position betitelt wird. Hier endet der Auszug aus dem Buch. Der weitere Verlauf des Kapitels stellt u.a. alle vier genannten Positionen noch näher dar, wirft die Frage auf, inwieweit „Tierwohl“ nur eine Art „Käfigethik“ ist und skizziert tierethische Positionen, die eine Schlachtung von Tieren grundsätzlich für moralisch rechtfertigbar halten. Am Ende der Lektüre soll der Leser, die Leserin die bedeutenden Positionen innerhalb der Debatte kennen gelernt haben und sich die Frage stellen, wo er seine eigene Überzeugung wie Praxis verortet. Das Kapitel zur „Tierethik“ stellt jedoch nur einen kleinen Teil des Buches dar. Darauf aufbauend geht es beispielsweise um die Frage, wie Landwirte und Landwirtinnen mit der Gesellschaft kommunizieren sollen, wie Vertrauen hergestellt werden kann und welche Fragen mit Blick auf die Zukunft der Landwirtschaft in Österreich zentral sind.

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Sicher trotz guter Leistung? Absetzen ist und bleibt eine große Herausforderung für viele Betriebe Gleich zu Beginn muss gesagt werden - DAS Konzept, das in jedem Stall perfekt funktioniert, gibt es (leider) nicht. Das Absetzen der Ferkel von den Sauen stellt einen großen Einschnitt im Leben der Ferkel dar und fordert immer einen erhöhten Zeit- und Arbeitsaufwand seitens der betreuenden Personen.

Dr. med. vet. Regina Zodtl Garant-Tiernahrung Foto: Garant

Der Verlust der Mutter, neue Buchtengenossen, eine andere Umgebung sowie geänderter oder erhöhter Keimdruck sind Stressfaktoren für die Ferkel. Außerdem müssen sich die Tiere auch auf eine neue Futterquelle einstellen. Das stellt für viele Ferkel eine schwierig zu meisternde Aufgabe dar: Die Sau, die viele Male am Tag zum Fressen „lockt“, fehlt. Des Weiteren sind viele Ferkel nicht auf die Umstellung von Milch auf Pflanzennahrung vorbereitet, was einerseits zu verminderter Futteraufnahme, andererseits zu Verdauungsproblemen und Folgeerkrankungen führen kann. Das Ziel ist daher, mit optimalem Management und gut verdaulichem Futter, die Ferkel bestmöglich zu unterstützen und das „Absetzloch“ so klein wie möglich zu halten. Das beginnt bereits bei der optimalen Versorgung der Zuchtsau. Zügige Geburten und gute Kolostrumversorgung sind die Grundlage für gesunde und fitte Ferkel. Das ist gemeinsam mit einem frühzeitigen Darmtraining ausschlaggebend für den Erfolg beim Absetzen.

Fütterung der Sau um die Abferkelung DI Markus Mader Garant-Tiernahrung Foto: Garant

32 | Ferkel absetzen | 3-2020

Rund um die Geburt gerät die Verdauung der Sauen hormonell bedingt ins Stocken. Die fehlende Bewegung in der Abferkelbucht begüns-

tigt ebenfalls die Entstehung von (zu) hartem Kot. Dadurch kann die Verdauung schnell außer Balance geraten und in folge dessen können Endotoxine entstehen. Säugeleistung, Fruchtbarkeit und Lebensdauer der Sau werden beeinträchtigt. Der Einsatz von Säugefutter ab dem Zeitpunkt der Einstallung hat den Vorteil, dass sowohl Ferkel als auch Sau in den letzten Tagen der Trächtigkeit gut mit Aminosäuren versorgt sind, was einerseits der Ferkelentwicklung, andererseits der Kolostrumproduktion zu Gute kommt. Eine Futtermenge von 2,5-3kg/Tag hilft, die Darmpassagerate zu optimieren und der Sau genug Energie für die Geburt zur Verfügung zu stellen. Für eine gleichmäßige Energieversorgung sollten die Sauen mindestens 2x täglich gefüttert werden. Das Säugefutter sollte rohfaserreich (mind. 4,5% Rfa) sein und langsam fermentierbare Faser enthalten. Die daraus resultierende hohe Laktatproduktion sorgt für ein gesundes Darmmilieu. Damit werden MMA sowie Infektionen der Saugferkel am Sauenkot vorgebeugt. Zur weiteren Unterstützung werden in vielen Betrieben Geburtsvorbereitungsfutter eingesetzt. Diese enthalten meistens gekapselte Salze zur Harnsäuerung, sowie Futtersäuren und Probiotika zur Darmflorastabilisierung. Je nach Anbieter


sind auch leberfunktionsunterstützende Vitamine und/oder Wirkstoffe für bessere Sauerstoffversorgung von Sau und Ferkel enthalten. Das Ziel ist, das Risiko von Infektionserkrankungen zu verringern und den Stoffwechsel und die Milchbildung zu fördern.

Fütterung der Ferkel Nach der Geburt ist das Verdauungssystem der Ferkel auf die Verdauung von Muttermilch ausgelegt. Dieses muss bis zum Absetzen binnen weniger Wochen auf feste, pflanzliche Nahrung vorbereitet werden. Dazu müssen die Ferkel möglichst rasch, bereits neben der Sau, zur Aufnahme von Futter animiert werden. Das regt die Bildung von Verdauungsenzymen an und unterstützt die Entwicklung des Darmtraktes.

verdauliche pflanzliche Bestandteile, wie aufgeschlossenes Getreide und Sojaproteinkonzentrat. Dadurch wird das Verdauungssystem der Ferkel weiter auf das rein pflanzliche Futter in der Aufzucht und der anschließenden Mast vorbereitet. Außerdem kann in dieser Phase mit einer ausreichenden Versorgung mit nicht fermentierbarer Faser, Futtersäuren und pflanzlichen Zusatzstoffen Verdauungsproblemen effektiv vorgebeugt werden. Generell empfiehlt sich in der Absetzphase eine mehrmals tägliche Futtervorlage bei einem Tier-Fressplatzverhältnis von 1:1. So können alle Ferkel, wie vom Saugakt bei der Mutter gewohnt, gleichzeitig fressen.

Fazit Eine optimale Versorgung der Ferkel beginnt mit einer angepassten Fütterung der Sau während der Transitphase. In weiterer Folge ist für ein erfolgreiches Absetzen eine Gewöhnung der Ferkel an feste Nahrung bereits während der Säugezeit wichtig. Mit abwechslungsreichem und strukturiertem Ergänzungsfutter kann die Futteraufnahme rund um das Absetzen weiter gesteigert werden.

Mit dem Absetzen fällt für die Ferkel schlagartig die Hauptnahrungsquelle Muttermilch weg. Die Folgen sind oftmals lange Hungerphasen von bis zu 72 Stunden ohne Futteraufnahme. Für ein reibungsloses Absetzen gilt es, diese Phase so kurz wie möglich zu halten. Um die Ferkel neben dem Verlust der Mutter nicht noch weiteren Stressfaktoren auszusetzen, sollte der bekannte Prästarter noch einige Tage über das Absetzen gefüttert werden. Zusätzlich kann auch in dieser Phase wieder mit abwechslungsreichem, strukturiertem Futter die Futteraufnahme gezielt gefördert werden. Anschließend empfiehlt sich die Vorlage von speziellem Absetzfutter. Dieses enthält neben tierischen Rohstoffen wie Milchprodukten oder Blutplasma auch hoch-

Foto: FRAUKOEPPL

Für ein problemloses Absetzen sollte ein Ferkel mit einem Alter von 4 Wochen bereits 400 bis 500 g Futter aufgenommen haben. Zur Beifütterung der Ferkel während der Säugezeit bieten sich hochwertige Prästarter aus schmackhaften und hochverdaulichen Rohstoffen an. Um eine hohe Futteraufnahme zu erreichen, ist eine Vorlage von kleinen Mengen am besten mehrmals am Tag, in flachen, leicht zugänglichen Schalen wichtig. Da Prästarter aufgrund ihrer hochwertigen Zusammensetzung leicht verderblich sind, kommt der regelmäßigen Reinigung der Futterschalen (ganz besonders bei flüssiger Vorlage) große Bedeutung zu. Wird zudem gegen Ende der Säugezeit ergänzend Futter mit einer abwechslungsreichen Struktur (z. B. Müslis) angeboten, kann der natürliche Spieltrieb der Ferkel zur weiteren Steigerung der Futteraufnahme genutzt werden. Grobe Futterbestandteile regen zusätzlich die Speichelproduktion an.

3-2020 | Ferkel absetzen | 33


Gyros-Spießchen Zubereitung

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Zutaten für 4 Personen

1. Für die Spieße alle Zutaten in dünne Scheiben schneiden. Die Schweinsschnitzel mit den Rindfleischschnitzeln belegen, die Stücke mit einer Marinade aus Olivenöl und Gyrosgewürz bestreichen und in die Mitte Paprikastreifen legen.

2 dünne Schweinsschnitzel à 18 dag

2. Die Fleischteile zusammenrollen und dann in einem Abstand von etwa eineinhalb Zentimetern Holzspieße in die Rollen stecken. Die Fleischrollen zwischen den Spießen auseinander schneiden, 4 – 7 Min. am Rost grillen und dabei mehrmals wenden.

Salz, Pfeffer

2 dünne Rindsschnitzel à 18 dag 1 Paprika Olivenöl

Gyrosgewürz

Beilagenempfehlung: Tsatsiki und gemischter Salat

©Rezept und Foto „Gyros-Spießchen“ - Herausgeber: AMA

... im VÖS RÄTSEL-Stall 1. Schweinefleisch ist vielseitig und unkompliziert in der Z... 2. Haltbar gemachtes und veredeltes Fleisch ist z. B. Schinken oder S... 3. Beim Fleisch-Einkauf sollte man darauf achten, für das M ... das richtige Teilstück zu kaufen. 4. Ca. 98 kg beträgt beim Mastschwein das durchschnittliche Schlachtg... 5. Der Begriff „Nose to tail“ bedeutet, dass alles vom Tier verzehrt wird, also von der Nase bis zum S... 6. Der Ferkelschutzkorb wird auch K... genannt. 7. Die Sauen sind nach der Besamung in G... zu halten. 8. Das Einreiben von Fleischstücken mit einer Salz-/ Gewürzmüschung nennt man P... 9. Schweinefleisch hat in Österreich eine lange Tradition, es ist fixer Bestandteil der H... Erstellt mit XWords - dem kostenlosen Online-Kreuzworträtsel-Generator https://www.xwords -generator.de/de

34 | Rezept/Rätsel | 3-2020


LIKRA-San ist eine Mischung ausgewählter Kräuter und Gewürze. Den natürlichen Pflanzeninhaltsstoffen (z. B. ätherische Öle) werden zahlreiche positive Eigenschaften zugeschrieben. Dazu gehören die Appetitanregung für eine gesteigerte Futteraufnahme, eine Erhöhung der körpereigenen Sekretion zur effektiven Nährstoffausnutzung als auch eine ammoniakreduzierende Wirkung für eine deutlich verbesserte Qualität der Stallluft. Dabei bietet LIKRASan für jede Produktionsrichtung das passende Konzept. Bitte kontaktieren Sie uns per e-mail: info@likra.com Tel.: +43 (0) 732 77 64 47, Homepage: www.likra.com

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