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MICHAL AJVAZ DIE RÜCKKEHR DES ALTEN WARAN

ÜBERSETZT VON VERONIKA SISKA


MICHAL AJVAZ DIE RÜCKKEHR DES ALTEN WARAN


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VORAB DER KÄFER DIE SCHREIBMASCHINE DIE SOMMERNACHT DER GARTENWINKEL DIE VERGANGENHEIT DER AUFZUG DIE RÄTSEL DIE WELLE DER RÜSSEL DIE AUTOMOBILE DER KLEINE BÄR DER BILDHAUER ZUR SPINNE DIE KAPITEL DAS NICHTS DIE ECHSEN DAS WARTEN DAS SEIL DIE THEORIE DES SILBERNEN WAGENS DAS KONZERT DAS MEER NACHWORT DES AUTORS ZUR 2. AUFLAGE


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NACHWORT MICHAEL STAVARIČ

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VERONIKA SISKA

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MICHAL AJVAZ


Dieses Buch erscheint mit der freundlichen Unterstützung des Kulturministeriums der Tschechischen Republik. Die Übersetzung des Buches wurde unterstützt vom Tschechischen Literaturzentrum aus Mitteln der Mährischen Landesbibliothek. Die Vermarktung des Buches wird unterstützt vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds.

1. Ausgabe © Michal Ajvaz, 2018 Übersetzung © Veronika Siska, 2018 Aus Návrat starého varana, Druhé město, Brno 2012 Nachwort © Michael Stavarič, 2018 Fotografie © Mária Pinčíková (Übersetzerin), David Konečný, Moravian Library, CzechLit (Autor) © Větrné mlýny, 2018 © Wieser Verlag, 2018 Lektorat: Monika Elisa Schurr Graphische Gestaltung und Satz: Kateřina Wewiorová Druck und Bindung: Tiskárna Havlíčkův Brod (www.thb.cz) Alle Rechte vorbehalten. Konzept und Dramaturgie der Buchreihe  Tschechische Auslese: Radim Kopáč (Kulturministerium der Tschechischen Republik) ISBN 978-80-7443-286-6 (Větrné mlýny) ISBN 978-3-99029-330-0 (Wieser Verlag)


VORAB

Eine Frage geht mir nicht aus dem Kopf: hat ein zeitgenössischer Schriftsteller, wenn er den Nachtbus nimmt, eine schwerhörige Robbe zusteigt und sich in dem sonst leeren Vehikel auf den Nachbarsitz niederlässt, noch das Recht, seinen Büchern ein Resümee in Hethitisch beifügen? Ich weiß natürlich, dass man mir jetzt mit Binsenweisheiten über Pinguine kommen wird, die an fahlen Sommernachmittagen auf dem Flügel im Café Slávia steppen. Aber geht das heutzutage wirklich als Antwort durch? Wie Rilke in einem Brief an Helene von Nostitz-Wallwitz schreibt, gibt es doch auch Pinguine, die darauf dressiert wurden, in Antiquariaten Bestseller aufzustöbern; sie sind unglaublich gewaltbereit, hacken einen in die Hand, wenn man nach dem Buch greift, mit dem Schnabel ziehen sie es aus dem Regal und rennen davon. Sicher haben Sie selbst schon einmal einen Pinguin mit einem erbeuteten Buch im Schnabel auf der Národní getroffen, der sich durch die Menschenmenge kämpfte. Unbeantwortet bleibt dabei, ob man die Tiere auch in unbeleuchteten Vorortbuchhandlungen gebrauchen könnte, die nachts ihre Türen öffnen und in deren Regalen

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Bücher mit pinken und türkisfarbenen Buchstaben strahlen. Ein großer Vorteil dieser Druckwerke ist, dass man sie auch inmitten einer kilometerlangen Röhre ohne Taschenlampe lesen kann. Mittlerweile weiß jeder, dass Pinguine und Robben nicht die Urheber des Traktates Pistis Sophia sein können, wie die positivistische Wissenschaft des 19. Jahrhunderts noch einhellig geglaubt hatte (als eines von vielen Argumenten mag die bedeutsame Tatsache reichen, dass Pinguine bis heute keine Milchkannen im Brückenturm verkaufen); heute gestehen die Gelehrten einem dieser Tiere höchstens zu, die Abhandlung über jene Skipiste verfasst zu haben, die durch verdunkelte Zimmer verläuft – dennoch erscheint hier die Urheberschaft von Maurice Merleau-Ponty wahrscheinlicher. Übrigens: ist die Robbe wirklich schwerhörig? Diese Frage mag jeder Leser für sich selbst beantworten.

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DER KÄFER

Endlich habe ich gefunden, wonach ich schon seit Jahren suchte: den Hinweis, wo jener Geheimgang beginnt, der zum Malachitpalast am Ufer des unterirdischen Flusses führt – dorthin war ich vor zwanzig Jahren zu einem Fest eingeladen gewesen. Völlig umsonst habe ich deshalb die sechsundvierzig Bände der Oxford-Enzyklopädie gelesen, jetzt liegen sie mir schwer im Kopf und stoßen schmerzhaft gegen den Schädel, wenn ich mich nachts im Bett hin und her wälze – und plötzlich finde ich die detaillierte Wegbeschreibung in der Fußnote einer Broschüre über Kaninchenzucht auf schlechtem Papier, herausgegeben vom Kleintierzüchterverband einer Kreisstadt – klar, das war zu erwarten. Fußnoten liest niemand, alle wollen so schnell wie möglich zum Buchende kommen, als würden sie fürs Lesen nach Metern bezahlt, mit Spezialmethoden lernen sie sogar, noch schneller zu lesen, am liebsten würden sie sich das Buchkonzentrat auf einmal in den Kopf injizieren, ohne sich überhaupt mit dem Lesen aufhalten zu müssen. Niemand hat Lust, seinen Weg zu unterbrechen, in den Seitenkeller hinabzusteigen und wieder zurückzukehren; man

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kann das teils damit entschuldigen, dass in Fußnoten meist eh nur Hinweise auf Bücher stehen, die sowieso unzugänglich sind – falls überhaupt existent –, da sie gewöhnlich in Felsenhöhlen verräumt sind, außerdem wird in den Fußnotenbereich oft allerhand Ramsch aus dem ganzen Buch gekehrt, auch giftige Wörter, die eine schmerzhafte Entzündung im Kopf verursachen können; allerdings wären unsere Leser selbst dann zu faul, ihren Weg zu verlassen, wenn sie wüssten, dass in der Fußnote jenes Kochrezept zu finden ist, nach dem man sich den Stein der Weisen zusammenbrauen kann – mit den Zutaten, die jeder zu Hause in der Küche stehen hat. Mir ist nicht ganz klar, wohin die Leser so verbissen eilen; sie werden dasjenige sowieso niemals einholen, dem sie im Buch hinterherhecheln, weil sie es ständig überholen, doch das sehen sie wohl nicht. Die wahre Botschaft des Buches findet nur jemand, der langsam wie am Strand durch die Zeilen schlendert und dem leisen Wellenschlag der Sprache lauscht. Wer trödelt, überholt den schnellsten Läufer. Was würden wohl die Buchsprinter zu meinem Archäologenfreund sagen, der die von einem Bergsee zum Teil überflutete Hauptstadt eines längst untergegangenen Reiches in Asien erforschte: er las ihre hieroglyphisch in die Tempelfassade eingemeißelte Verfassung, rutschte dabei über flache Mauervorsprünge, wo er nur auf Zehenspitzen stehen konnte, und an anderen Vorsprüngen klammerte er sich mit den Händen fest. In fast jedem Satz wurde auf eine Fußnote verwiesen, das war das Schwierigste; doch mein Freund, nicht faul, kletterte immer, sobald er auf ein Sternchen hinter einem Wortende stieß, an der Mauer hinab und tauchte in den eiskalten See, denn die Fußnoten befanden sich bereits tief unter der Wasseroberfläche. Während er die Algen und die festgesaugten Mu-

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scheln von der Mauer entfernte, um die Hieroglyphen entschlüsseln zu können, hörte er ein Klappergeräusch wie von Kastagnetten um sich herum: es war das Zähnerattern eines Raubfischschwarms, der um ihn herum immer kleinere Kreise schwamm. Dann kletterte er wieder über die Wand hinauf, durchnässt, raubfischzerbissen und behangen mit Algen, die im kühlen Bergwind an ihm flatterten, und las dort weiter, wo er unterbrochen worden war, nur um kurz darauf wieder unter die Wasseroberfläche einzutauchen. In der Fußnote steht, die Tür zum Gang des unterirdischen Malachitpalastes befinde sich in der Rückwand eines vollgestopften Kleiderschrankes in einer Smíchover Wohnung, ich kann nur die Haus- und Wohnungsnummer lesen, nicht aber den Straßennamen, weil ihn ein Käfer mit metallischen Deckflügeln und riesigen, hochgereckten Mundwerkzeugen verdeckt. Mit einem Bleistift will ich ihn wegschieben, doch der Käfer verbeißt sich darin, entreißt ihn mir und wirft ihn auf den Boden. Den ganzen Abend kämpfe ich mit dem Käfer, meinen Bleistift, Füller, Kamm und meine Zahnbürste hat er schon kaputtgemacht, so dass ich mich schließlich mit bloßen Händen auf ihn werfe, in die er sich lustvoll verbeißt, doch während der ganzen Zeit bewegt er sich keinen Millimeter vom Fleck und gibt keinen einzigen Buchstaben des Straßennamens preis. Dies alles spielt sich im Allgemeinen Lesesaal der Universitätsbibliothek ab und ich weiß, dass ich die Broschüre über Kaninchenzucht nie wieder in die Finger bekommen werde, weil in der Bibliothek alle Bücher, die tagsüber ausgeliehen werden, jeden Abend aus Hygienegründen verbrannt werden müssen. (Die Buchreserven sind für 258 Jahre ausgerechnet, danach wird in den Räumlichkeiten der Universitätsbibliothek eine Markthalle entstehen.) Warum habe ich immer so ein Pech?

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So oft war ich schon fast am Ziel, aber immer stellte sich mir eine schicksalhafte Kleinigkeit in den Weg. Fast hätte ich im Jubiläumsjahr den Prager Kaffeehausmarathon gewonnen, doch ich wurde disqualifiziert, weil ich Dr. Winters Brioche aufgegessen hatte. Ich wurde zu den Mysterien von Eleusis ins Turnerhaus in Kunratice eingeladen, konnte aber nichts sehen, weil die Dame eine Reihe vor mir einen hohen, violetten Hut trug und ich mich nicht traute, sie zu bitten, ihn abzunehmen. Alle, die den Mysterien beiwohnten, wurden zu Eingeweihten, sie behaupten, jenen Punkt erreicht zu haben, von dem aus laut André Breton „Leben und Tod, Reales und Imaginäres, Vergangenes und Zukünftiges, Mitteilbares und Nicht-Mitteilbares, Oben und Unten nicht mehr als widersprüchlich empfunden werden“. Und nicht nur, dass sie an diesen Punkt angelangt sind, sie haben sich dort offenbar wie in einem Wohnzimmer eingerichtet. Sie gründeten die Bruderschaft der Eingeweihten und treffen sich regelmäßig im Restaurant U  Horymíra – ich gehöre selbstverständlich auch zur Bruderschaft und gehe ebenso jeden Freitag ins Restaurant, weil es mir peinlich wäre zuzugeben, dass ich nichts gesehen und keinen Punkt erreicht habe. (Dabei hätte es mir für den Anfang genügt, wenigstens an den Punkt zu kommen, an dem sich der Gegensatz auflöst zwischen der Sehnsucht, leise und von allen unbeachtet in Abgeschiedenheit zu leben, und dem Bedürfnis, jeden durch kuriose, gar geschmacklose Provokationen auf sich aufmerksam zu machen.) So besuche ich die Treffen der Eingeweihten, höre mir an, worüber sie reden, und weiß überhaupt nicht, worum es geht, die Zeit vertreibe ich mir mit Meditationen über das geheimnisvolle Mosaik der an mittelalterliche Inkrustationen erinnernden Presswurst und über die Form der Bierlachen auf der Tisch-

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platte aus braunem Resopal: aus ihnen entstehen mythologische Szenen mit Drachen, Feen und Flügelpferden. Immer muss ich mir neue raffinierte Methoden ausdenken, um zu verbergen, dass ich überhaupt keine Ahnung habe, worüber sich die Eingeweihten unterhalten, meine Nerven liegen blank, ständig plagt mich die Panik, mein Betrug könnte auffliegen und die Eingeweihten könnten sich auf mich stürzen, mich aus dem Restaurant und dann erbittert durch die nächtlichen Prager Straßen jagen. Der Besuch des unterirdischen Palastes könnte diese unerträgliche Situation radikal verändern, doch jetzt ist wieder dieser sture, bösartige Käfer aufgetaucht. Wenn ich bedenke, an wie vielen anderen Stellen der Käfer sitzen könnte – auf wunderschönen und berauschend duftenden Blüten, auf der Brust einer schlafenden Jungfrau, auf einer farbenprächtig illuminierten gotischen Handschrift, auf wertvollen bibliophilen Büchern, und wenn er schon darauf besteht, auf einer Broschüre über Kaninchen zu sitzen, die so dilettantisch geschrieben ist, als hätte sie ebenfalls ein Kaninchen verfasst, könnte er sich wenigstens zwei Zeilen höher platzieren. Aber nein, der Käfer macht es sich an der einzigen Stelle der Welt gemütlich, von der aus er mein Glück zerstören kann. Aber was kann ich tun? Ich werde das Ganze anders angehen müssen, ich werde mich mit den Bewohnern von Smíchov bekannt machen, und wenn sie mich zu sich nach Hause einladen, einfach warten, bis sie kurz aus dem Zimmer gehen: dann werde ich schnell in den Kleiderschrank steigen, dort im Dunkeln herumtasten und hinter den hängenden Mänteln die Türklinke zum Geheimgang suchen. Die Schwierigkeit besteht allerdings darin, dass sich fast in jedem Kleiderschrank eine Tür zu einem Geheimgang befindet, die aber nicht zu einem unterirdischen Palast führt,

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Michal Ajvaz: DIE RÜCKKEHR DES ALTEN WARAN  

MICHAL AJVAZ – Was ist er nun eigentlich: ein magischer Realist, ein Surrealist, ein Phantastiker? Zweifelsohne eine Schlüsselfi gur der tsc...

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MICHAL AJVAZ – Was ist er nun eigentlich: ein magischer Realist, ein Surrealist, ein Phantastiker? Zweifelsohne eine Schlüsselfi gur der tsc...

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