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orte Leseprobe

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Gegründet von Werner Bucher und Rosemarie Egger im Jahr 1974 Nr. 202, Juli 2019 ISBN 978-3-85830-249-6; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich

Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Bärenmoosweg 2, CH-5610 Wohlen Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:

orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch

Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 80.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:

1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x   88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x   42 mm) Fr. 120.– Luca Giovanettoni, luca.giovanettoni@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56

Umschlaggestaltung: Janine Durot, orte Verlag, Schwellbrunn (unter Verwendung eines Bildes von Susanne Mathies) Copyright der T   exte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.

Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:


orteinhalt  3 Editorial orte inhaltsverzeichnis

Regen – mit Schirm und Bogen   5 Einleitung

Monique Obertin und Susanne Mathies

  6  Donnernder Rauch

Jan Wagner, Jolanda Fäh, Eva-Maria Berg, Tobias Grimbacher, Wolfgang Borchert

Jan Wagner, Walle Sayer, Theodor Storm

18  Heiser von Beschwörungen

25  Der Pegel der Geschichten steigt

Ana Lang, Peter Weingartner, Eva-Maria Berg

Walle Sayer, Brigitte Fuchs

36  Wassermusik

42  Tropfen telegrafieren 58  Autorenbiografien

Jürgen Theobaldy, Viktor Steinhauser, Brigitte Fuchs, Ruth Loosli, Lea Gottheil, Walle Sayer, Joachim Ringelnatz, Buson, Onitsura, Bashô, Izembô

60 Werkstattgespräch mit Viktoria Dimitrova Popova

Regina Füchslin

Schirmflicker Erich Baumann

67 orte-bestenliste

71 hör-orte

Roman Alles in Allem

Kalligraph Enzo Pelli

73 fund-orte

78 orte-bücherregal 84 orte-galerie 80 orte-rückschau 90 orte-agenda 92 orte-marktplatz

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Wer ist verantwortlich für Lucas Tod? Moira van der Meer ermittelt wieder und was sie zutage fördert, ist mehr als erschütternd

Weitere Fälle von Moira van der Meer:

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Erhältlich im Buchhandel oder im Verlagsladen Schwellbrunn, Im Rank 83, 9103 Schwellbrunn Tel. 071 353 77 55 www.verlagshaus-schwellbrunn.ch


orteeditorial

Liebe Leserinnen und Leser Regenschirme zu flicken, das habe er als Erstes gelernt, als er zu den Jenischen zurück gekommen sei. Dieser Satz des Jenischen Robert Huber stand in unserer letzten Nummer. Auch in diesem Heft kommt ein Schirmflicker zu Wort, Erich Baumann, der als einer der letzten in der Schweiz dieses alte Handwerk ausübt. Er hat für das Heft die Buchvorschläge der Bestenliste zusammengestellt. Bevor Sie aber bis zum schützenden Schirmdach der Bestenliste durchgekommen sind, haben Monique Obertin und Susanne Mathies dafür gesorgt, dass Sie so richtig nass werden. Es geht durch Sprüh-, Niesel- und mit Graupel durchsetzten Schneeregen, Blütenregen, Platzregen, und auch vereinzelte Regengüsse sind möglich. Regen wird Ihnen in dieser Nummer aber nicht nur als ein meteorologisches Phänomen begegnen, sondern auch als ein visuelles und akustisches. Mit Strichen und Punkten «telegraphiert er himmlische Nachrichten» an die Scheiben und aufs Fensterbrett, oder er schmückt im Advent die Fenster wie Lametta. Und erst der «Regenrausch» im Ohr! Ja, auch wenn es längst aufgehört hat zu regnen, ist der Regen noch da. Wo? Lesen Sie auf den kommenden Seiten.

Intensiv geht es auch nach dem Thementeil weiter. Im fund-orte stellen wir Ihnen die feinen, eindringlichen Gedichte des Kalligraphen Enzo Pelli aus dem Tessin vor und in der Galerie «Knochengedichte» von Daniela Huwyler. In der Galerie wollen wir es in Zukunft – nach dem Grundsatz: weniger ist mehr – so halten, dass wir pro Heft weniger Autorinnen und Autoren, aber dafür ausführlicher, ausstellen lassen. Das Werkstattgespräch stellt die Übersetzerin Viktoria Dimitrova Popova vor, deren Übertragungen aus dem Bulgarischen es ermöglichen, die Literatur einer jüngeren Generation von bulgarischen Autorinnen und Autoren auf Deutsch kennenzulernen. Im Gespräch erzählt sie vom Abenteuer ihrer Mehrsprachigkeit. Hörorte unternimmt eine literarische Zeitreise durch Zürich, und unser Marktplatz schliesst den Spaziergang durch den Regen im Heft ab. Wir wünschen sonnige Tage mit erfrischendem Sommerregen und immer ein geschütztes Plätzchen zum Lesen Regina Füchslin und Annekatrin Ranft-Rehfeldt

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R e g e n 4

mit Schirm und Bogen


Der Sommer ist da! Was löst Regen bei Ihnen aus? Sehen Sie ihn als ein notwendiges Übel und empfinden nichts als Groll, wenn er Ihre Fackeln und Girlanden baden lässt? Oder können Sie auch herzlich lachen über das Chaos, wenn die lauen Tropfen unsere sorgfältig aufgebaute Organisation fortschwemmen? Lassen Sie sich das Nass auch gerne einmal wie die Amsel übers Gefieder perlen und stimmen dabei ein Liebeslied an? Oder Sie mögen es, im Schutz Ihres Schirms zu gehen, grusslos und inkognito, vielleicht gar ziellos, nur der Spur Ihrer Gedanken folgend? Spiegelt der Regen gar unser Inneres? Kaum eine Naturerscheinung löst so unterschiedliche Reaktionen aus wie der Regen. In vielen alten Kulturen wurde ein Wettergott verehrt, der für den Ernteertrag des Landes verantwortlich gemacht wurde. Die Gläubigen vollführten die absonderlichsten ­Rituale, um Regen zu erwirken. Für die Gunst des Regengottes wurden sogar Menschen geopfert … Wir schlagen Ihnen heute eine kleine Tour d’Horizon durch den Regen vor. Erleben Sie mit uns einen plötzlichen, wie «donnernder Rauch» einsetzenden Regen, sinnen Sie über die Niederschlagsverteilung nach, lassen Sie sich vom Fehlen und vom Übermass des Regens zu alten Beschwörungen hinreissen. Aber der Regen hat auch eine spielerische Seite. Spielen Sie mit: Mal bunt, licht, oder duster, durchnässt bis auf die Haut oder das Ende des Wetters abwartend, den Stein vor die Höhle gerollt. Mit fortschreitendem Wasserpegel entwickeln sich, sei es bedingt durch den Mangel an klärendem Licht, sei es durch die Magie des Wassers, skurrile Geschichten. Die Wassermusik schwillt nochmals an und gipfelt in einem veritablen Regenblues, bevor der Regenbogen blüht. Monique Obertin und Susanne Mathies


Donnernder Rauch Jan Wagner

regenporträt

erscheint als handkuss, als sanfter stubser, erinnerungsgischt: denke daran, wo du herkommst, lurch. oder galoppierend, als donnernde horde, dem kaiser zu holen, was des kaisers ist, bis alles in die hauseingänge flieht im schutz von zeitungen und aktentaschen. glücklich, wer am offenen fenster lauschen darf und ahnt, dass er zwar trocken, das wetter aber längst in ihm ist. der gullis musikalisch werden lässt, wäsche von leinen, flüsse aus betten hebt, geheimen duft von erde und asphalt enthüllt. wie alles regen ist, solange er dauert, er allem als präfix vorangeht: regenhunde, regenbusse ... lässt pilze, moose, weinbergschnecken wuchern, macht umrisse kenntlich: wo er aufhört, beginnen wir. der über land zieht wie ein zirkus, spektakel und vorhang, schnürboden des grossen wetter- und wandertheaters; gänzlich demokratisch in seiner nässe, mit einer vorliebe für selbstgestricktes, schenkt blonden dunklere haare, kahlen den glanz von billardkugeln.

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der spuren all der flüchtigen gnädig verwischt vor der kläffenden meute, den hühnern ein käfig, der hühner nicht einsperrt. so oft vorhergesagt, und keine kirche, die auf ihm gründet. in jedem tropfen das ganze buch wasser, sauerstoff, pollen, all der dreck der welt, für feine ohren noch zu hören, beugt man sich nah genug hinab, gesang von buckelwalen, gletscherkalben. der geysir über nordamerika lässt von shanghai bis rom die schirme blühen. und der doch von einem tropfen zum andern schrecklich wird. denn prompt treibt eine kuh vorbei, die kuppeln von autodächern, träge schimmernd wie reptilienaugen, bis an die brust im schlick die überlebenden, die arme überm kopf mit all ihren habseligkeiten, atlanten, denen das dach abhanden kam. auferstehung – seine leichteste übung. schlummert einstweilen in alten autoreifen, starrt aus pfützen und zisternen zurück auf den eigenen ursprung, während die bäume noch viele stunden lang ins selbstgespräch vertieft sind. das wohltuende rauschen zwischen den sendern, der wind im zukünftigen wald.

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Foto:  Tobias Grimbacher

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Jolanda Fäh

Donnernder Rauch Mit einem Mal ist der Sturm da. Tagsüber haben sich die Wolken zusammengerottet, aufgeschichtet, jetzt stehen sie wie eine dunkle Festung. Als hätten sie ein Einsatzkommando erhalten, fangen die Grillen an zu lärmen. Ebenso plötzlich verstummt ihr schrilles Säbelgerassel. In der Ferne ein erster Blitz. Windstösse rütteln die Parkbäume durch. In fetten Tropfen beginnt der Regen zu fallen. Die Gäste eilen den Hotelzimmern entgegen, geraten laufenden Schritts in Sturzbäche. Zwei Minuten später stehen sie, die Haare mit Badetüchern rubbelnd, an den Fenstern ihrer Zimmer und staunen hi­ naus. Was für ein Regen! Drei Stunden war es her, da spazierten sie durch den Hotelpark, vorbei an freilaufenden Giraffen und Zebras. Die Zebras seien reizbar, war ihnen an der Reception gesagt worden. Sie fotografierten sie trotzdem; ein Zebra bleckte die Zähne, da hatten sie aber schon genügend Aufnahmen gemacht. Der Park reichte bis ans Ufer des Flusses. Ein schiefer, löchriger Drahtzaun wand sich entlang des Flussufers. Warnschilder waren angebracht: Es käme vor, dass Krokodile ihren Weg in den Park fänden. Sie schwenkten in den Pfad ein, der

vom Wasser wegführte und sie zum Restaurant lenkte. Sie bestellten Essen und Bier. Premium Mosi Lager, Truly Zambian. Auf den Flaschenetiketten waren die Katarakte abgebildet. Sie lasen weiter den Etikettentext: As mighty as the Mosi-oaTunya. Das Kololo-Wort schien ihnen selbsterklärend. Mike googelte trotzdem und teilte mit, es heisse donnernder Rauch. Sie hatten zu viele Speisen geordert, assen zu viel und gaben halbvolle Teller zurück. Die Kellner räumten wortlos ab. Professionell, fand Helmut. Susanne löste die Bieretikette von der schwitzenden Bierflasche und presste sie zwischen ihrer Stoffserviette. Fürs Erinnerungsalbum. Sie hörten von ihrem Platz aus das Wasser, das einen Kilometer weiter in die Tiefe donnerte. Die Entfernung schätzten sie. Dort, wo sie sassen, war es kein Dröhnen oder Donnern. Es klang eher wie entferntes Rauschen. Hätten sie nicht gewusst, woher es kam, sie hätten an Lastwagen gedacht. Rolf, der behauptete, schon das dritte Mal hier zu sein, sagte, wie schade es sei, dass derzeit nur die Hälfte der Wasserfälle überspült sei. Er sagte derzeit, und sie dachten, es wäre vermutlich meist so. Sie waren trotz des Wassermangels ergriffen beim Anblick der ­tosenden Fälle gewesen, der hoch aufstie-

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benden Sprühnebel, der tropischen Vegetation. Müde hatten sie sich zum Hotel zurückfahren lassen. Lange waren sie unter der Dusche gestanden, bis sie das Gefühl hatten, den klebrigen Strassenstaub von der Haut gespült zu haben. Und nun dieser Regen! Er trommelt auf die Dächer, klatscht auf die Balkone, drischt auf die Blätter ein. Die Impalas, die sich tagsüber auf der Hotelzufahrt herumtreiben, haben sich ins Gebüsch zurückgezogen. Es ist die Jahreszeit, in der die trächtigen Tiere ihre Jungen zur Welt bringen. Susanne fröstelt ein wenig. Sie ist zu müde nochmals aufzustehen, um die Klimaanlage herunterzustellen. Mike schläft bereits leise schnarchend. Sie wickelt sich fester in ihre Bettdecke ein und denkt an die gebärenden Impala-Weibchen draussen im Regen. In der Frühe des nächsten Tages haben die Gärtner viel zu tun. Abgebrochene Äste auflesen und über den Zaun werfen. Irgendwann wird sie der Fluss forttragen, die Fälle hinunter, wo sie zu Staub zermahlen werden. Der Fluss fliesst ruhig und unverändert den Basalt-Felswänden zu. Wasserpflanzen treiben vorüber, aus dem Wasser ragen nach wie vor dieselben bewachsenen Inselchen und Felsen. Dem Ufer entlang seichte Tümpel. Der gestrige Regen hat den Fluss kein bisschen anschwellen lassen. Keine Krokodile sind in den Park eingedrungen.

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Mikes und Susannes Rollkoffer rattern übertrieben laut auf dem Weg zur Reception, Rolf überholt sie mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Er hat das elektrische Gepäckwägelchen geordert und lässt sich von einem Hotelboy zur Reception chauffieren. Sie winken ihm zu. Ein Gärtner stellt Besen und Karrette zur Seite, als er sie kommen hört. «Good Morning, Josh», sagt Susanne. Susanne weiss, dass der Gärtner Josh heisst. Sie hat es tags zuvor auf dem Schild gelesen, das an seinem grünen Gärtnerhemd steckt. Er war es, der ihr von den trächtigen Impalas erzählt hat. Sie wird ihn heute nicht darauf ansprechen, sonst werden sie ihn bestimmt wieder eine halbe Stunde lang nicht los. «Rain is late this year», sagt Josh. Er wünscht sich viele Tage Regen. «Good weather for us», sagt er. Mike wirft einen Blick auf die Armbanduhr. Sie wünschen Josh einen guten Tag.


Bild: Susanne Mathies

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Eva-Maria Berg

wer nach regen sucht in einem gedicht lauscht auf die unzahl an tropfen die eine uhr zum still stand bringen bevor ihre garantie abläuft er sammelt die nassen brotkrumen ein um sie zu trocknen für den empfindlichen magen der taube er entdeckt den glanz der verkommenen häuser in den pfützen bis nachts die strasse zu einem dunklen flussbett wird

den boden weg schwemmend kein dach mehr kein damm und kein boot namens noah nimmt mensch oder tier auf da schwimmt die stadt unter wasser da schwimmt der wald da schwimmt das land aller hoffnung auf rettung davon der himmel eine wolke rings um den planeten gibt nicht zu erkennen ob tag ob nacht und welcher kontinent als erster ertrinkt

*

*

klatschnass das gesicht und durch die kleidung bis auf die haut es regnet die sintflut zu jeder zeit

früher galt jedes wetter als zeichen des himmels während nun nichts mehr für fügung spricht längst ertrunken der wettergott

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in einer regenflut oder verendet bei dürre sogar windräder täuschen keinesfalls über künstlich erzeugte stürme hinweg vielleicht findet sich aus versehen noch irgendwo schnee zur wintersaison statt mitten im sommer und zur beschwichtigung bricht pünktlich im herbst ein gewitter aus nachdem der mensch neuerdings allen vorhersagen misstraut und selbst jegliche warnung vor katastrophen für hokuspokus hält *

vergilbt die haut ausgetrocknet der mund steht still * süss der regen für einen der aus dem meer kommt ungestillt sein durst * wenn niemand hinausgehen mag bleibt der regen unter sich und legt einen tank an für die menschen

es regnet nicht mehr die farben

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Tobias Grimbacher

Meteorologisches Regen-Vokabular

Sprühregen, Nieselregen mit Graupel durchsetzter Aprilregen Schneeregen, überfrierender Regen damals am Dreikönigstag, drei Zentimeter Eis auf der Strasse und der Weg zu Dir unmöglich stratiformer Landregen Fallstreifen aus Schauerwolken frontolytische Niederschlagszelle auf unserer Pfingstwanderung ausreichend dass wir in zwei Minuten beide patschnass waren uns gegenseitig trockenrieben nächtlicher Gewitterregen der ans Schlafzimmerfenster trommelt Wolkenbruch mit grossen Tropfen und eingelagertem Hagelschlag Kanalisation und Bäche überflutend auch die Kiste mit den Briefen von Dir nur Papiermatsch am Kellerboden Morgenkonvektion dazwischen lange trockene Abschnitte erst gegen Abend wieder verbreitet Regengüsse möglich

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Niederschlagsverteilung

Meine Tage sind Regentropfen fallen durchs Distrometer werden in GrÜssenklassen seziert einsortiert auf Kondensationskeime und organisches Material untersucht summieren sich zum Balkendiagramm der Marshall-Palmer-Verteilung 0 bis 1 mm, 1 bis 3 mm, und so weiter nur manchmal fällt einer an der Messung vorbei

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Foto: Susanne Mathies

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Wolfgang Borchert

Regen

Der Regen geht als eine alte Frau mit stiller Trauer durch das Land. Ihr Haar ist feucht, ihr Mantel grau, und manchmal hebt sie ihre Hand und klopft verzagt an Fensterscheiben, wo die Gardinen heimlich flüstern. Das Mädchen muss im Hause bleiben und ist doch gerade heut so lebenslüstern! Da packt der Wind die Alte bei den Haaren, und ihre Tränen werden wilde Kleckse. Verwegen lässt sie ihre Röcke fahren und tanzt gespensterhaft wie eine Hexe!

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Heiser von Beschwörungen Jan Wagner

an den regengott chaac

nicht eine wolke über yucatán, morgen für morgen nicht einmal das schimmern von tau im gras; in ihren staubjacketten die sisalpflanzen, sämtliche schamanen längst heiser von beschwörungen, gebeten, und nur vom flussbett das gequake der jungen, die vorm rinnsal wie die kröten zum sprung gekauert sind: cha-ac, cha-ac. launisch wie alle götter, unser durst dein weihrauch; abgezehrte, braune ochsen, raschelnd wie alter farn, und tief im karst du selbst, in deinem wasserloch hockend, weit unter uns, ein schwerer steinerner mond, der über die gezeiten herrscht von mais und nichtmais. bilder zeigen deinen mund als schwarze pfütze, malen dich mit reisszähnen, darüber eine art von rüssel, und beide hände trotzig auf den vasen aus ton, in denen hagel, graupel, niesel wie eingesperrte bienenvölker rasen. wie wirst du kommen, wenn du kommst? als schwung, als schwarm mit dem klatschen tausender silberflossen? mit donnersohlen, oder mit dem klang von nackten kinderfüssen auf den fliesen?

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Foto: Susanne Mathies

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