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orte Leseprobe

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Gegründet von Werner Bucher und Rosemarie Egger im Jahr 1974 Nr.198, Oktober 2018 ISBN 978-3-85830-234-2; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich

Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Bärenmoosweg 2, CH-5610 Wohlen Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Hansjörg Schertenleib, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:

orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch

Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 80.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:

1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x   88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x   42 mm) Fr. 120.– Paul Zähner, paul.zaehner@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56

Bild Umschlag: Paul Klee nach 1915/29: Ein Genius serviert ein kleines Frühstück / Engel bringt das Gewünschte, 1920, 91; 19, 8 x 14,6 cm; E.W.K., Bern. Wir danken dem Zentrum Paul Klee in Bern für die freundliche Genehmigung. Copyright der T   exte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.

Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:


orteinhalt  3 Editorial

orteinhaltsverzeichnis

Ausstellung der Innereien – Ein literarischer Gang durch Innenräume   4 Einleitung   8 Maschineninnereien   11 Büchners vergleichende Anatomie   13 Morbus Poeticus   15 Unruhen   17 Heinrich von Kleists Innereien: Kleists Lebenskampf in der Deutung des Philosophen Rüdiger Safranski   19 Penthesilea   24 Als er die Frau verliess   27 Loslassen …   28 Was ich kann   29 Nach der Schlachtung   31 Das menschliche Herz und andere Innereien   32 Ein Engel serviert ein kleines Frühstück – Gespräch mit Thierry Carrel   36 Triptychon; Fleisch   38 Kulinarisches Innereienbrevier   43 Die kleine explosive Küche   44 Die Welt in 17 Zoll   45 Die Weberbauern   47 Gotthard  49 Autorenbiografien

Monique Obertin Erwin Messmer Peter Weibel Horst Samson Werner Bucher Erwin Messmer

Heinrich von Kleist Michel Clees Andrea Maria Keller Simon Froehling Horst Samson Viviane Egli Viviane Egli Eva Maria Leuenberger Erwin Messmer Bernhard Luginbühl Michel Clees Walter Züst Zora del Buono

52 Werkstattgespräch mit Mirko Bonné Hansjörg Schertenleib 55 orte-Gedichtauswahl Wimpern und Asche Mirko Bonné 62 orte-festival Annekatrin Ranft-Rehfeldt 64 orte-bestenliste Cornelia Seitler 68 hör-orte Peter K. Wehrli 70 orte-galerie 76 orte-agenda 78 orte-longseller 80 orte-marktplatz 1


Hassler 2018

Brain Salad SuppenschĂźssel 2


orteeditorial

Liebe Leserinnen und Leser Die sommerliche Reisezeit ist vorbei, die Koffer sind ausgelüftet und versorgt. Wie immer bietet orte aber auch in der Nebensaison Gelegenheit zu erfrischenden Gedankenreisen. Die drei bisherigen Ausgaben in diesem Jahr führten nach Ungarn, hinter Klostermauern und an 1. AugustFeiern. Mit der vorliegenden Nummer laden wir Sie nun zum Besuch einer Ausstellung ein. Eine Ausstellung der Innereien. Das von Monique Obertin, Viviane Egli und Erwin Messmer kuratierte Heft ist ein Gang durch verschiedenste Innenräume – in das Innenleben einer Orgel zum Beispiel, in die Eingeweide des Seins oder auch mitten in den Gotthard – und versammelt Texte zum Verhältnis zwischen Innen und Aussen, zwischen Seele und Körper oder auch zwischen Herz und

Hirn. Nicht zuletzt kann Ihnen das Heft in der bevorstehenden Metzgete-Zeit auch von ganz praktischem Nutzen sein, enthält es doch ein kulinarisches Innereienbrevier, vom «Gschtell», über «Kutteln» bis zum «Markbein». Sieben Bücher, die das Innere in Aufruhr versetzen und das Herztier pulsen lassen, empfiehlt die Filmproduzentin Cornelia Seitler im Rubrikenteil. Und werfen Sie einen Blick ins Innere der Werkstatt von Mirko Bonné, der im Gespräch Auskunft gibt über das Schreiben als Eisberg, der lange Zeit dahinzieht, und die mussevolle, betrachtende Lebensweise als Ziel des poetischen Unterfangens. Gute Lektüre! Regina Füchslin und Annekatrin Ranft-Rehfeldt

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Ausstellung der Innereien Ein literarischer Gang durch Innenräume

Was haben Orgelbau, Schreibblockade, Herzchirurgie, Geschlechtsumwandlung und Revolution gemeinsam? Es sind Assoziationen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern zum Themenbereich Innereien, Innenwelt, Innenräume und Innerlichkeit. Die Idee, ein Heft zum Thema «Innereien» zu machen, trieb uns schon eine Weile um. Dabei war uns von Anfang klar, dass wir den Begriff, welcher eigentlich in der Küche beheimatet ist, öffnen und verborgenen inneren Geschehnissen und Dingen im allgemeinen eine Stimme verleihen wollten. Dieses Frühjahr nun war es so weit: Wir schrieben Autorinnen und Autoren an und luden sie ein, uns einen Text zu schicken. Ihre Zusendungen wurden durch Auszüge aus bereits bestehenden Werken der jüngeren oder der klassischen Literatur ergänzt, und Sie halten das Resultat nun in Händen. Das Innere hat den Nimbus des Verborgenen, des Geheimnisvollen, weil es sich der Sicht entzieht und deshalb unbekannt und rätselhaft bleibt. Der Mensch hat immer wieder in seinem Inneren Zuflucht gesucht, zur Besinnung, zur Konzentration, oder weil die äusseren Umstände ihn dazu zwangen. Am Beispiel eines inneren Monologs von Werner Bucher, dem Begründer dieser Zeitschrift, wird der Aspekt der Introspektion wunderbar veranschaulicht. Doch die Innenwelt ist nicht nur mit Ruhe und Rückzug gleichzusetzen: Meistens sind die vitalen Strukturen für Transport, Kommunikation, Organisation und Steuerung im Innern eines Organismus oder eines Geräts untergebracht. Das Innere kontrolliert in aller Regel das Äussere!

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Der Aufwand, der betrieben werden muss, um zum Inneren vorzustossen, ist von Fall zu Fall verschieden. Reicht hier eine leichte Manipulation der Oberfläche, die Entfernung einer Abdeckplatte vielleicht, um die Mikrochips eines Rechners freizulegen, sind Jahre harter Arbeit und höchster Ingenieurskunst erforderlich, um ins Innere eines Bergs zu gelangen. Auch die Welt des Denkens, der Erinnerung und der Empfindungen gibt sich – wenn überhaupt – nicht ohne aufwendige Bemühungen preis. Ungeachtet Ihrer (und unserer) Ernährungsgewohnheiten sollen in diesem Heft selbstverständlich auch die Innereien auf dem Tisch zur Sprache kommen. Unser Redaktor Erwin Messmer rückt die inneren Organe ins Licht des Kulinarischen. Sein Innereienbrevier wird Sie nicht kalt lassen! Redaktorin Viviane Egli lässt am Beispiel des Herzens auch kulturgeschichtliche Aspekte in unsere Zusammenstellung einfliessen. Dieses Heft versteht sich als vielgestaltiger Gang durch hart arbeitende oder ruhende, ordnende oder in Gärung begriffene, überraschende und immer wieder verkannte Innenwelten. Wir wünschen Ihnen einen angeregten Einstieg! Monique Obertin


Bild: Monique Obertin

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Zeichnung von Jehan Alain. 

Bild: Erwin Messmer

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Funktion und Schönheit: Die Kunst der Ergänzung von Innen und Aussen Erwin Messmer

Maschineninnereien Maschinen können – wie auch Mensch und Tier – von aussen sehr schmuck aussehen. Zum Beispiel eine Lokomotive. Oder ein Auto. Oder sogar eine Stereoanlage. Man kommt bei deren Anblick nicht auf den Gedanken, dass sie in ihrem Inneren mit einem ganzen Arsenal von Eingeweiden ausgestattet sind. So wenig wie man bei der Begegnung mit einem sympathischen Menschen an dessen Gedärm und all die andern Organe denkt, besonders auch nicht an die Nervenstränge, welche gerade in Aktion sind, wenn uns jemand so sympathisch und gewinnend anlächelt. Eine der ältesten Vertreterinnen unter den hochkomplexen Maschinen, die sich der Mensch erschaffen hat, ist ein Musikinstrument: die Orgel. Von aussen sieht sie schön und schlicht aus: Eine dekorative Reihe aus Zinnpfeifen, den sogenannten Prospektpfeifen, meist umrahmt von einem oft mit kunstvollen Schnitzereien versehenen Holzkasten, dem Orgelgehäuse. Darunter der Spieltisch mit Tastenreihen (Manualen), Pedal und Registerzügen. Hinter diesem Orgelprospekt aber spielt sich das mechanische (in neuerer Zeit auch oft pneumatisch oder elektrisch

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gesteuerte) Innenleben der Orgel ab. Die Orgel hat eine Lunge: den Blasbalg. Sie verfügt über so etwas wie Hauptschlagadern. Das sind Kanäle, welche den Wind vom Balg zu den Windladen, dem eigentlichen Herzen der Orgel, transportieren. In diesen befinden sich die Tonventile, die sich je nach Manipulation der Tasten öffnen und schliessen. Ein Wald von Pfeifenreihen, die auf den Windladen angeordnet sind, sorgt für mannigfaltige Tonhöhen, Lautstärken und Klangfarben, vergleichbar den menschlichen Stimmbändern, nur mengenmässig ins Unermessliche gesteigert. Drähte und dünne Holzstäbchen, die sogenannten Abstrakten, schaffen über die Wellen (aus Holz oder Metall) die Verbindung von den Tasten zu den Ventilen. In elektrisch oder pneumatisch gesteuerten Orgeln ziehen sich überall Kabelstränge, im letzteren Fall auch dünne Bleiröhrchen durch das Dickicht aus Holz-, Blei- und Zinnpfeifen, man denkt an die Nervenstränge bei hochentwickelten Lebewesen. Nicht von ungefähr ist das Fach Orgelbau an allen Musikhochschulen ein wesentlicher Bestandteil der Organistenausbildung. Der berühmte französische Komponist


Die Hausorgel von Albert Alain. Porträt Jehan Alain. AlainMuseum Romainmôtier. Bilder: Erwin Messmer

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Jehan Alain (1911–1940, er fiel im 2. Weltkrieg) wuchs in einer Organistenfamilie auf. Sein Vater Albert Alain (1880–1971), auch er wie dessen anderer Sohn Olivier ein begnadeter Komponist, baute sich eine Hausorgel. Dieses Instrument, das heute in Romainmôtier zu bestaunen ist, stellt eine Mischung aus professionellem Orgelbau und genialer Bastelei dar. Albert Alain werkelte sein ganzes Leben lang wie besessen daran (oder besser: darin) herum. Immer wieder pflanzte er neue Register (Pfeifenreihen) ins Gehäuse, eine technische Schikane wich der nächsten, und die Innereien des Instruments nahmen ständig zu. Der Orgelbauch litt zusehends an eklatantem Platzmangel, sodass man ihn schliesslich nach hinten erweitern musste. Albert Alain schreckte nicht davor zurück, zu diesem Zweck sogar eine Mauer des Salons herauszubrechen, um genügend Platz für den Erweiterungsbau zu bekommen, und man bemerkte fast zu spät, dass es sich dabei um ein tragendes Element zur Stabilisierung des oberen Stockwerks handelte. Im letzten Moment konnte durch einen Stützpfeiler verhindert werden, dass dieses hinunter in den Salon stürzte.

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Albert Alains Sohn Jehan war nicht nur ein genialer Komponist, sondern auch ein ebenso inspirierter Zeichner. Seine filigranen Skizzen weisen denselben augenzwinkernden Humor auf wie manche seiner Orgelkompositionen. Die hier abgebildete Zeichnung nimmt auf ironische Weise die Hausorgel seiner Familie ins Visier. Ein besonderer Akzent wird dabei mit gutem Grund auf deren Innereien gelegt, die förmlich aus allen Nähten platzen und sich mit aller Gewalt nach rechts und nach links und hinauf in die Luft ins Aussen drängen. Der Orgelprospekt mit dem Spieltisch ganz unten nimmt sich dagegen optisch recht bescheiden aus. Diese Zeichnung rückt nicht nur in eindrücklicher, wenn auch überspitzter Weise das Wesen einer Orgel ins rechte Licht, sondern zugleich dasjenige einer jeden Maschine. Ob Lokomotive, Auto oder Flugzeug, ob Radio, Fernsehapparat, Laptop oder Mischpult: Nach aussen zeigen sich viele dieser Wunderwerke der Technik schlicht und elegant, hinter dem kunstvollen Design indessen, in ihrem Inneren, herrscht für das Auge des Laien das (freilich wohlorganisierte und nur dem Fachmann verständliche) nackte Chaos.


«Die Erd ist höllenheiss – mir eiskalt, eiskalt» oder «verschiedene Wege, nach dem Innern des Lebens zu greifen» Peter Weibel

Büchners vergleichende Anatomie Bei ihm zu lernen: Dass das Innere stets nach aussen drängt, und dass das Aussen ohne Innensicht schwer zu bestehen ist Er ging ans Äusserste um das Innerste freizulegen. Auf dem Seziertisch die Innenkörper der Barben, zergliedert, zerschnitten ins kleinste sichtbare Gewebe. Daraus folgt dass der Kopf das Ergebnis einer Metamorphose des Rückenmarks und der Wirbel ist Der Blick auf die innere Ordnung des Körpers schärft den Blick auf die verlorene Ordnung der Welt. Alles, was ist, ist um seiner selbst willen da. Am Tag die Studien zur Lage von Hirnnerven, Schädel und Wirbelbögen, Stunden ohne Anhalt, bis zur Erschöpfung, nachts liess er Woyzeck reden, Marie. Die letzten Szenen im letzten Winter. Aber ich bin ein armer Kerl Das Naturgesetz, das Leben schafft ist nicht das Gesetz einer Ordnung, die Menschen leben lässt. Warum ist der Mensch arm? Woyzeck schleudert Büchners Klage hinaus, die Erd ist höllenheiss – mir eiskalt, eiskalt

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Forschung und Revolution: Nicht unvereinbar, nur verschiedene Wege, nach dem Innern des Lebens zu greifen Wo die teleologische Schule mit ihrer Antwort fertig ist fängt die Frage fßr die philosophische an Ein Anfang ohne Ende, er wusste es. Er griff nach dem Innersten und wusste dass das, was die Natur vollendet, in Menschenhand unvollendet bleibt

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Aussen und innen – Eine Frage des Standpunkts?

Horst Samson

Morbus Poeticus Der tiefe Blick in den Spiegel Kriecht ins Blaue Meiner Augen. Hinter imaginären Umrissen Der Karpaten erkenne ich mühelos Vergessene Ebenen, den Fremden, der dort Wohnt und brechtet und spricht, beheimatet Im Bleistift Blätter anzündet, sein Haus Aus filigranen Buchstaben, Denkfetzen Und Papier. Seit dem letzten Hörsturz Nisten Zikaden im Ohr, Ihr feines Zirpen Hört sich an wie ferne spanische Violinen. Die Invasion der Geräusche Überlagert sich Mit dem Ticken der Mauthe-Wanduhr, Gestört von einer nervösen Fliege, Die Bilder malt In meinen Bildern, die über mir kreist, Heiligenschein oder Hubschrauber, Und das leere Blatt vor mir Als Landebahn missbraucht, ein schwarzes Unding, das unentwegt umher irrt, Im Überall und nirgendwo 13


Wohnt, ein Tier, das die Ungewissheit weckt, Mich in den Zellen Meines Hirns zu verlieren, zu verschwinden Im Unergr체ndlichen Anzukommen irgendwann, an dem dunklen Ort, Wohin keiner bewusst und aus freien St체cken Geht, wo du niemanden Kennst, wo du dir furchtbar komisch fremd bist Wie eine Klarinette Im Haar einer alten Birke. (2018) Der Morbus poeticus ist eine degenerative Erkrankung, die vorwiegend das Frontal- und Temporalhirn betrifft. Die Atrophie des heimatlichen Hirngewebes f체hrt zur Frontalstirnsymptomatik und sp채ter zum demenziellen Abbau.

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Der innere Monolog

Werner Bucher

Unruhen (em) In Werner Buchers grossartigem, 541 Seiten starken Roman Unruhen, ausgezeichnet mit dem Preis der Schweizer Schillerstiftung, türmt ein junger katholischer Pfarrer, der in einer Freiämter Gemeinde durch seinen unkonventionellen Seelsorgestil Aufsehen erregt hat, zu Fuss mit seinem Hund Mouche nach Frankreich, mit dem Ziel Ars, zu seinem Vorbild, dem Heiligen Pfarrer von Ars, nachdem ihn zahlreiche Intrigen und zwei schwere Schicksalsschläge an den Rand des seelischen Ruins gebracht haben. Auf dem Weg durch den von Wintereinbrüchen heimgesuchten, unwirtlichen Jura trifft er eine junge Frau, mit der er einige Tage zusammen durch Schnee, Wind und Wetter wandert – eine kurze berührende, Liebesgeschichte, die vor Erotik knistert, jedoch trotz gemeinsamen Hotelzimmern immer – zuweilen allerdings nur mit knapper Not – ohne Sex auskommt, in einem Roman, der das Kunststück zustande bringt, sowohl die Innereien einer ländlichen Pfarrei als auch diejenigen der Zürcher Unruhen 1980 in suggestiver Weise unter einen literarischen Hut zu bringen. Für Werner Bucher als Romancier ist der «Innere Monolog» stets ein bevorzugtes Stilmittel gewesen. Nachfolgend ein kurzes Beispiel:

Bin ich in Michèle verliebt, wie ein junger, scheuer Mittelschüler? Oder ist Michèle ein Freund, den ich bereits wie Georges oder den ehemaligen Kaplan von Oberebersol vermisse, der den «Trip» nach Ars (Michèles Ausdruck) angeregt hat? Vielleicht find ich’s gelegentlich heraus. Bestimmt nicht heute; zu nah ist der Abschied, zu lähmend die Wehmut. Drum, mein ungepflegter Möchtegerntarzan mit dem Haifischzahn im offenen Hemd, lächle nicht von oben herab über meine Schreiberei, bringe mir lieber trotz deinen schmutzigen Fingernägeln ein weiteres Glas, dann verlass ich das auch tagsüber von Spotlampen ausgeleuchtete, billige Lokal, verlass es auf Füssen, die weniger Schmerzen bereiten als gestern, und mit einer Mouche, die alle paar Sekunden zurückblicken wird, ob Michèle nicht kommt … Sie wird nicht kommen. Sie fährt nach Pontarlier, wartet dort in einem Vorkriegsbahnhof auf einen Zug, der sie und ihr Fahrrad zur Schweizer Grenze und von dort nach St. Ursanne bringt, zu ihren Eltern und nicht zu ihrem ehemaligen Freund, von dem sie erzählt

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hat, er sei ein Herrschertyp, habe sie bloss als Sex- und Vorzeigemaschine geschätzt und ihr eigentliches Wesen nicht geliebt. Das Glas steht vor mir. Ich trink’s ex, was ich noch nie getan habe. Wir sind allein, Mouche, allein. Das musst du lernen, ich ebenso. Und dem Pernod ist’s zuzuschreiben, dass ich Paulus einen Donnerskerl genannt und fast geglaubt habe, ein Wunder werde alles besänftigen, den Schmerz in der Brust, die Einsamkeit, die Angst vor der Zukunft, vor den nächsten Tagen. Ja, einen weiteren Pernod, warum nicht? Mit Wasser bitte, avec de l’eau … Aus: Werner Bucher, Unruhen, Roman, S, 463 / 464, Appenzeller Verlag, Herisau, 1998

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Der Traum von der Übereinstimmung

Erwin Messmer

Heinrich von Kleists Innereien: Kleists ­Lebenskampf in der Deutung des Philosophen Rüdiger Safranski Das Leben des Dichters Heinrich von Kleist kann gemäss Rüdiger Safranskis Analyse betrachtet werden als ein rastloses Hin und Her zwischen Innen- und Aussenwelt des Dichters. Beide Welten waren diesem bald Bedrohung, bald boten sie ihm Zuflucht. Als junger Mensch voller Unsicherheiten (Minderwertigkeitskomplexe wegen seines unvorteilhaften Äusseren, homoerotische Neigungen, die damals ein gesellschaftliches Tabu darstellten, Zweifel am Sinn seiner Existenz) schlägt Kleist, der Familientradition folgend, eine Militärlaufbahn ein, aus der er sich schliesslich enttäuscht zurückzieht. Die «Fremdbestimmung» soll der «Selbstbestimmung» weichen, welche er, mehr aus einem moralischen denn aus einem technischen Interesse heraus, in den «Wahrheiten der Wissenschaften» zu finden hofft. Aber dieser Rückzug in sein Inneres scheitert an der Krise, die ihn bei der Lektüre von Kant befällt und die er dahingehend deutet, dass es keine objektiven Wahrheiten gebe, dass die ganze Wirklichkeit nur Projektion des wahrnehmen-

den Subjektes sei und sich die Vernunft deshalb auf wankendem Grund bewege. In der Folge sieht sich Kleist in noch radikalerer Weise auf sein Inneres zurückgeworfen und sucht seine Rettung in einem einfachen, bäuerlichen Leben, das er in der Schweiz verwirklichen will. Doch auch dieses von Rousseau inspirierte Zurück zur Natur, dieser Rückzug in die «vorkulturelle Sinnhaftigkeit» ist nur von kurzer Dauer. Der Drang zum Aussen hält ihn bald wieder in Atem, er möchte draussen in der Welt etwas gelten und beginnt, von diesem Ehrgeiz getrieben, seine Karriere als Dichter. «Mit der Wahrheit der Wissenschaft ist er nicht glücklich geworden. Wenn es keine Wahrheiten zu finden gibt, welche die Mühen lohnen, dann muss man sie eben erfinden», schreibt Safranski. Als Dichter jedoch fühlt sich Kleist stets unter seinem Wert behandelt. Enttäuscht wendet er sich von der dichtenden Zunft ab und beschliesst, ins Soldatenleben zurückzukehren, in der Hoffnung, «den schönen Tod der Schlachten zu sterben». Er hat es im Aussen nicht geschafft, und nun drängt es

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ihn zu einem der für ihn düstersten Bezirke dieses Aussen: ausgerechnet zur Armee des ihm so verhassten Napoleon. Von ihr erhofft er sich den Tod und damit die endgültige Heimkehr vom Aussen zurück in sein Innen. Diese Flucht gelingt ihm aber nicht: Er wird aufgegriffen und als Spion nach Berlin zurückgeschafft. Die preussische Regierung lässt Gnade walten und vermittelt Kleist einen Verwaltungsposten in Königsberg. Gemäss Safranski leidet Kleist sein Leben lang unter der «ontologischen Differenz zwischen der eigenen ‹Seele› und der ‹Erde› (…) Er kann das eine nur retten, indem er das andere verachtet und verwirft». Von einem Zusammenstimmen der beiden Welten, so Safranski weiter, habe Kleist nur geträumt, nämlich in seinem dichterischen Werk. Dieses Werk wird vom Autor selbstverständlich immer wieder als Illustration und Beleg seiner Kleist-Analyse herangezogen. Insbesondere fällt ihm dabei auch die enge Verwandtschaft von Kleists poetischem Duktus mit dessen Lebenskampf auf: atemlos, rasend, ungestüm. Die Einheit des Innen und des Aussen findet Kleist letzten Endes in seinem legendären, regelrecht inszenierten Selbstmord. Dieser ist, immer nach Safranski, das finale Opus des Dichters, «ein Werk, in dem er verschwindet». Dem genuinen Dramatiker genügt es indessen nicht, als einziger Protagonist in diesem emphatischen Finale aufzutreten: Er bezieht noch zwei weitere Handlungsträger in dieses mit ein, Henriette von Vogel sowie die

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Wirtin eines Gasthofs. Safranski interpretiert diese Wirtin als das für ein Drama nötige «Publikum», ich selber sehe sie aber eher als dritte Akteurin im finalen Drama. Das Publikum ist die bis heute konsternierte Nachwelt, welche sich mit diesem inszenierten Selbstmord konfrontiert sieht. Am Wannsee lassen sich Kleist und Henriette in einer Pension nieder, wo sie in getrennten Schlafzimmern übernachten. Am folgenden Morgen scherzen sie miteinander und lassen sich von der Wirtin auf einer nahen Anhöhe Kaffee bringen. Als diese mit dem Gewünschten dort ankommt, findet sie die beiden erschossen vor. «Henriette auf dem Rücken liegend, Kleist vor ihr zusammengesunken, der Kopf dicht an ihrem rechten Bein. Am Boden zwei Pistolen.» Safranski beschreibt diesen Akt als «ein Werk, das zugleich ganz innerlich und ganz äusserlich ist». «Die Leber war widernatürlich gross . . . die Substanz derselben war widernatürlich fest und liess sich nur mit Mühe zerschneiden, wobey viel schwarzes Bluth herausfloss. Vorzüglich gross war auch die Gallenblase, sie enthielt viel verdikte Galle». Mit diesem Zitat aus dem Protokoll der Obduktionsärzte schliesst Rüdiger Safranski seine Analyse des Kleistschen Lebenskampfes, der in einem radikalen Rückzug auf dessen Inneres endete, einem Inneren, in welchem Kleist zum Schluss verschwand. Rüdiger Safranski: Wieviel Wahrheit braucht der Mensch? Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main, 1993, 13. Auflage 2014. Kapitel «Kleist»


Wie weit liegt innen von aussen?

Heinrich von Kleist

Meroe Ihr wißt, Sie zog dem Jüngling, den sie liebt, entgegen, Sie, die fortan kein Name nennt – In der Verwirrung ihrer jungen Sinne, Den Wunsch, den glühenden, ihn zu besitzen, Mit allen Schrecknissen der Waffen rüstend. Von Hunden rings umheult und Elephanten, Kam sie daher, den Bogen in der Hand: Der Krieg, der unter Bürgern ras’t, wenn er, Die blutumtriefte Graungestalt, einher, Mit weiten Schritten des Entsetzens geht, Die Fackel über blühnde Städte schwingend, Er sieht so wild und scheußlich nicht, als sie. Achilleus, der, wie man im Heer versichert, Sie blos ins Feld gerufen, um freiwillig Im Kampf, der junge Thor, ihr zu erliegen: Denn er auch, o wie mächtig sind die Götter! Er liebte sie, gerührt von ihrer Jugend, Zu Dianas Tempel folgen wollt’ er ihr: Er naht sich ihr, voll süsser Ahndungen, Und läßt die Freunde hinter sich zurück.

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Doch jetzt, da sie mit solchen Gräulnissen Auf ihn herangrollt, ihn, der nur zum Schein Mit einem Spieß sich arglos ausgerüstet: Stutzt er, und dreht den schlanken Hals, und horcht, Und eilt entsetzt, und stutzt, und eilet wieder: Gleich einem jungen Reh, das im Geklüfft Fern das Gebrüll des grimmen Leu’n vernimmt. Er ruft: Odysseus! mit beklemmter Stimme, Und sieht sich schüchtern um, und ruft: Tydide! Und will zurück noch zu den Freunden fliehn; Und steht, von einer Schaar schon abgeschnitten, Und hebt die Händ’ empor, und duckt und birgt In eine Fichte sich, der Unglückseel’ge, Die schwer mit dunkeln Zweigen niederhangt. – Aus Heinrich von Kleist: Penthesilea

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