9.9.2020
Das Pilgergeschäft von Ise durch die Edo-Zeit: seeing is believing* Viertsemester Essay zum Lernmodul: „Pilgern in der Edo-Zeit“ (SoSe2021) Dozentin: Dr. Chantal Weber
Chōgō: Pilger auf der Wallfahrt nach Ise, kakimono, 18. Jhd. Quelle: Metropolitan Museum of Art
* höflicher Teil des englischen Bon-mot „Words are like Wind; seeing is believing.”, Thomas Fuller [1608-1661] zugeschrieben. Zu Deutsch ungefähr: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.”
Thomas N. Schneider Mat. Nr. 7366328 Email: tschne29@smail.uni-koeln.de
UNIVERSITÄT ZU KÖLN, OSTASIATISCHES SEMINAR, ABT. JAPANOLOGIE
Inhaltsverzeichnis Rahmenbedingungen: die Lage von Ise-Yamada..................................................................................... 1 Marktwirtschaftliche Kräfte: Porters Modell und das shidan seido ........................................................ 2 Wunder und Machtübernahme: Shingon-Shintô und die Tokugawa ..................................................... 6 Konstruierte Wirklichkeit: sankei mandala, Karten und Reiseführer...................................................... 8 Resümee: vom danna zum Touristen .................................................................................................... 15 Literaturverzeichnis ............................................................................................................................... 16
i
Rahmenbedingungen: die Lage von Ise-Yamada Die 250 Jahre bakufu 幕府 (Militärregierung) [1603-1868] - von der Ernennung Tokugawa Ieyasus 徳川家康 [1543-1616] zum shôgun 将軍(Generalissimus) durch den „japanischen Kaiser“ Go-Yôzei tennô 後陽成天皇 [1571-1617, posthumer Name] bis zur Ankunft der „schwarzen Schiffe“ vor der Küste Nippons 日本 im Jahr 1853 - werden mit inneren Frieden („Pax Tokugawa“) und dem außenpolitischen sakoku 鎖国 (Landesabschließung) verbunden. Praktisch ist die Edo-Zeit, die frühe Neuzeit, geprägt von der Verlagerung politischer Gewalt zum Herrschaftssitz der Tokugawa nach Edo 江戸 (heutiges Tokyo). Der abgeschlossene japanische Binnenmarkt – von internen und externen militärischen Zwängen befreit – hatte beträchtliches wirtschaftliches Potential. 1 Bezeichnend für das Leben in der Edo Zeit war die Praxis des Pilgerns und des Reisens. Engelbert Kämpfer, ein deutscher Arzt, der Ende des 17. Jahrhunderts für die Niederländische Ostindien-Kompanie (VOC) in Nagasaki 長崎 arbeitete, vermerkte in seinen Aufzeichnungen: „Die Japaner sind den Wallfahrten sehr zugetan. Sie haben verschiedene und nach verschiedenen Orten. Die erste und vornehmste geht nach Jsje [Ise].“2 In der Edo Zeit begrüßten die Ise-jingû 伊勢神宮 (Schreine von Ise) bei Uji-Yamada 宇治山田 jährlich Besucherströme von 200,000 – 400,000 Pilgern.3 Es mag zunächst unverständlich erscheinen, warum Menschen aus dem ganzen Land gerade diesen Ort aufsuchten.4 Kämpfers Erklärung: „Jeder Orthodore Sinsja [Gläubige des Shintos] ist verpflichtet, diesen heiligen Ort jährlich oder wenigstens einmal in seinem Leben zu besuchen. Ja eigentlich ist jeder Patriot, wessen Glauben und Sekte er auch sein mag, verbunden, dieses öffentliche Merkmal seiner Verehrung und Dankbarkeit gegen den Stifter und Nationalgott seines Landes an den Tag zu legen.“ Yamada 山田 an der Flussmündung des Miya 宮 war schon im Mittelalter als Shinto 神都 bekannt. Im späten 17. Jhd. sollen ca. 40,000 Menschen in der Stadt, im benachbarten Dorf Uji 宇治 ca. 8,000 Menschen gewohnt haben. Uji-Yamada liegt etwa 100 km Luftlinie (mindestens 150 km Landweg) süd-östlich von Kyôto 京都, im Süden der Ise 伊勢 Domäne (heutiges Mieken 三重県) am Zugang der Bucht von Ise zum Pazifik. Unweit der Hafenstadt Toba 鳥羽 im angrenzenden Landeszipfel der Shima 志摩 Domäne, ist der Ort gut zu See erreichbar. Im Umfeld der Stadt Uji-Yamada fanden sich neben den traditionell dem Kaiserhof verbundenen schintoistischen Schreinen auch viele buddhistische Tempel. Eine Wallfahrt nach Ise unterschied sich jedoch vom beschwerlichen Pilgern zu weit zerstreut liegenden religiösen Stätten: Je nach Wohnort konnte die Rundreise, z.B. von Ôsaka oder Kyôto - aber auch von 1
Nach einer ca. 100-jährigen Periode des schnellen Wachstums im 17. Jhd. – man spricht von einer Verdoppelung der Bevölkerung – stagnierte die Zahl registrierter Untertanen in den Aufzeichnungen des bakufu (1721 – 1846) bei 25 – 27 Mil. Zum Vergleich: die Bevölkerung Englands (ohne Schottland, Wales, Irland) wird für den Zeitraum 1600 – 1720 auf 4 - 5 Mil. geschätzt (Europa: 90 – 100 Mil.) und soll sich erst in den folgenden 125 Jahren (1720 - 1845) auf 16 Mil. Verdreifacht haben (Europa: Verdoppelung auf 200 Mil.). 2 KAEMPFER, Engelbert, Hsg: DOHM, Christian W.: “Viertes Kapitel: Von der Sanga oder der heiligen Walfart nach Jsje”. In: Geschichte und Beschreibung von Japan, Drittes Buch. 3 An anderen Stellen in der Literatur werden 400,000 – 600,000 Besucher für eine Periode im 18. Jhd. genannt. Im Kontext dieses Artikels wäre das Verhältnis zahlender Gäste zu Bettler-Pilgern und die genaue Entwicklung über die Zeit interessant. Eine solche Urquellenarbeit war im Rahmen dieser Hausarbeit nicht möglich. 4 Gründe für Reisen gäbe es: Bruch mit dem Alltag, Zeit zur Besinnung, Neugierde und Wissensdurst, Abenteuerlust, neue Begegnungen und die Kameraderie der Reise, Bewunderung der Mitmenschen bei Rückkehr…
1
Edo über den Tôkaidô – relativ zügig und auch bequem in einer kago 駕 籠 (Sänfte) durchgeführt werden. Die auf Weisung des bakufu ausgebauten und von vielen der Zollschranken befreiten Heer- bzw. Handelsstraßen des Landes, die gokaidô 五街道, erleichterten Fernreisen für jeden mit Grund und offizieller Genehmigung, der tegata 手形. Die Betreiber von Unterkünften, Gaststätten, Bade-, Tee- und Freudenhäusern, Inhaber von Geschäften, das lokale Handwerk und der Agrarsektor profitierten vom hohen Menschen- und Güteraufkommen auf den Straßen und an den Pilgerorten, die sich zu Handelsplätzen entwickelten.
Marktwirtschaftliche Kräfte: Porters Modell und das shidan seido Das Pilgerwesen war ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und gab vielen Menschen Arbeit und Einkommen. Wie erklärt sich der anfängliche Erfolg von Ise im Pilgergeschäft? Wie veränderten sich Markt, Kundschaft und Marketing im Laufe der Edo Zeit? In diesem Essay wird gezeigt, dass Ise eine „Wiedergeburt“ erlebte und den initialen wirtschaftlichen Erfolg primär den politischen Umständen der Machtübernahme, der Propaganda und der Regulierung des Markts durch die Tokugawa verdankte. Zunehmendem marktwirtschaftlichen Druck und Kundenerwartungen begegneten die Geschäftsleute von Ise-Yamada mit neuen Produkten und Konsolidierung. Um den Wettbewerb und die Dynamik innerhalb einer Branche und dessen finanzielle Attraktivität zu verstehen, entwickelte Michael Porter 1979 das „Modell der fünf Kräfte“.5 Gegenstand dieser Arbeit ist dessen Anwendung auf das „Pilgergeschäft von Ise“. Porter unterscheidet drei horizontale Kräfte – Bedrohung durch neue Wettbewerber, Konkurrenz im lokalen Markt, Bedrohung durch Ersatzleistungen – und zwei vertikale Kräfte – Verhandlungsstärke der Lieferanten und Verhandlungsstärke der Kunden. Kunden, Geschäftsleute und Zulieferer werden als unabhängige Akteure betrachtet, es gibt keine Kollusion bzw. (geheimen) Absprachen. Institutionelle Bevorteilung und politische Verflechtungen sind in Porters Model strukturelle Faktoren und tauchen deshalb nicht explizit auf. Diese makroökonomischen Faktoren und die Kollaboration der Akteure sind allerdings zur Erklärung des Erfolgs von Ise wesentlich und stellten für neue Wettbewerber Markteintrittsbarrieren dar. Es wird sich zeigen, dass die Voraussetzungen eines „freien“ Wettbewerbs erst im späten 18. Jhd. annähernd erfüllt werden: Informationstransparenz und Kommunikationskanäle erhöhten sich durch die Innovationen im Verlagswesen und der Druckkunst, die Monetarisierung der Wirtschaft war ausreichend vorangeschritten, religiöse und politische Gründe für die Wallfahrt nach Ise im Zuge einer Aufklärung der Bevölkerung eher in den Hintergrund getreten. Zu Beginn der Edo Zeit dominierten jedoch Informations- und Macht-Asymmetrien. Unter den Marktteilnehmern war, innerhalb der durch das bakufu vorgegebenen Rahmenbedingungen, zunächst die Zusammenarbeit zu gemeinsamem Nutzen essenziell. Werbung für die vielfältigen Attraktionen der Pilgerstätte Ise wurde mittels reisender Vertreter in der Form von Bilderpredigten ins Land getragen. Die Funktion der sankei mandala zu diesem Zweck wird erläutert, bevor anhand konkreter Beispiele näher auf die Evolution der Kartografie und des Buchdrucks als „Gamechanger“ für die Veränderungen im Pilgergeschäft eingegangen wird.
5
PORTER, Michael E.: “How Competitive Forces Shape Strategy”. In: Harvard Business Review, Bd. 57, Nr. 2 (1979), S. 137–145.
2
Die daimyo 大名 (Fürsten) und ihr Gefolge waren durch das politische Kontrollinstrument des sankin-kôtai 参覲交代 („wechselnde Aufwartung“, ab 1635) regelmäßig zur Reise nach bzw. zurück aus Edo verpflichtet. Zugleich wurde ihnen das Pilgern verwehrt. Dies sollte den Erwerb von sozialem Prestige und politischer Legitimation durch religiöse Assoziation ausschließen. Es wurde jedoch erwartet, dass daimyo auf Geheiß des bakufu Abgesandte zu anerkannten Heiligtümern und Zeremonien schickten, z.B. zum sengû 遷宮 (Neuweihung eines Schreins). Hierzu mussten sie Beziehungen und Aufwendungen zu einem onshi 御師 (Gaststättenbesitzer und niederer Priester eines Schreins) aufrechterhalten.6 Die breite Schicht der Bauern hingegen genoss, wie Handwerker und Kaufleute, die vom bakufu sanktionierte Mobilität des mairi 参 („Pilgern zum Besuch eines Schreins“).7 Das gelebte Kultdrama des matsuri 祭 (Fest, Karnival) und Rituale, in denen die „Götter vom Körper der Menschen Besitz ergreifen“, waren im minzoku shintô 民族神道 (Volks-shintô) verwurzelt. Ausrichtung und Teilnahme als Gruppe an einer kagura 神楽8 am heiligsten Ort Ise hatte besondere Bedeutung. Organisation der kagura war ebenfalls Aufgabe der onshi, wobei die finanzielle Aufwendung bzw. die Größe der Opfergaben den Rahmen bestimmten: die erhabenste Form war die daidai kagura 太々神楽. Der Aberglauben des Volks war für die onshi und andere Scharlatane ein fruchtbarer Geschäftsboden für theatralische Inszenierungen und Wunderprodukte, wie glücksbringende und schützende Amulette. In der Muromachi Zeit [1336-1573] hatten sich in großer Zahl genossenschaftliche und Gemeineigentum verwaltende Verbindungen gebildet: die kô 講. Diese dienten u.a. der kooperativen Finanzierung und Planung von Pilgerreisen, die das Seelenheil der gesamten durch die kô repräsentierten Gemeinschaft sichern sollten. Die kô verhandelte und unterhielt für ihre Mitglieder Verhältnisse zu einem onshi als Kontaktperson an der heiligen Stätte. In regulären Zeitabständen, meist jährlich und oft durch das Los entschieden, konnte - der Finanzlage einer kô geschuldet - eine Anzahl an Mitgliedern auf die Pilgerreise geschickt werden. Diese danna 旦那 („Patron“) waren die Endkunden der onshi. War die Beziehung zu einem (oder mehreren) onshi einmal eingegangen, bekam der Haushalt jährlich – sozusagen „im Abonnement“ und als „Direktwerbung“ - Amulette und Kalender geschickt, für die im Gegenzug Spenden fällig waren.9 Mittels eines sozialen Netzwerks von danna mawari 旦那周り (regelmäßig reisenden Verbindungsmännern und Reisebegleitern) konnte die räumliche Trennung und Informationslücke zwischen den onshi und ihren danna und überbrückt und neue danna angeworben werden. Dieses System wurde als shidan seido 師団制度 bezeichnet. Der onshi kümmerte sich nicht nur um die Organisation der religiösen Dienste, Opfergaben und Führungen. Er und seine Helfer, die sendatsu 先達, hatten auch für das leibliche Wohl der danna zu sorgen: Transport, Empfang, Beherbergung, Verköstigung, Unterhaltung, SouDie kanji 御師 können auch oshi gelesen wesen, im speziellen Fall von Priestern der Ise Schreine ist aber onshi geläufig. Diese Schreibweise wird daher im weiteren benutzt. 7 Wie die Bescheidenheitsform des englischen Verbs „to go“ andeutet, war das mairi weniger Prozess individueller religiöser Besinnung, als gesellschaftliche Institution kollektiver Ehrerbietung. 8 Bei der kagura handelte sich um ein Ritual, dessen dramatischer Höhepunkt der Trance-Tanz einer Schamanin ist. Die Praxis findet zuerst im Man‘yôshû 万葉集 [8. Jhd.] Erwähnung und verbindet Praktiken des kami'gakari 神懸 („göttliche Weissagung“) und dem chinkon 鎮魂 („Geister Befriedung“). 9 Die onshi des gekû vertrieben in den 1770ern jährlich über 4 Mil. Amulette an die Haushalte des Landes. 6
3
venirs.10 Folglich wurde der Begriff des onshi nicht nur für die Person, sondern auch für die Unterkunft der danna vor Ort benutzt.11 Die onshi traten also als niedere Priester der religiösen Stätten, als private „Hotelbesitzer“ und als bezahlte Mittelmänner für weltliche Dienstleistungen auf. Sie sind der Prototyp eines selbstständigen Geschäftsführers bzw. die Wettbewerber im Zentrum von Porters Modell. Die onshi bemühten sich um die Gunst der kô und der danna indem sie z.B. tedai 手代 (Vertreter) mit Werbegeschenken in die Provinzen schickten und mit regelmäßigen Nachbesuchen und Aufmerksamkeiten ihre Geschäftsverhältnisse pflegten. Eine bahnbrechende Innovation war die „Erfindung“ von konvertiblem Papiergeld, das in der Stadt Ise zur Zahlung von Dienstleistungen und zum Erwerb von Waren eingetauscht werden konnte. Die eigene Geldschöpfung der onshi und Vergabe von Krediten durch die kô erleichterten Reise und Handel und begründeten neue Finanz- und Bankmodelle. Die kô, generell auf eine Pilgerstätte spezialisiert, bildete eine verlässliche gebündelte Kaufkraft und hatte als Konsumentenvereinigung gegenüber den Reiseanbietern Gewicht. Die oshi vom selben Pilgerort, aber auch die Pilgerstätten untereinander (= „Bedrohung durch neue Wettbewerber“), standen im kommerziellen Wettbewerb und bemühten sich um Marktanteile. Allerdings regulierten die onshi selber den Markt: Geschäftsbeziehungen zwischen danna und onshi sollten Wohnort- wie auch Generationswechsel überdauern, der Titel eines onshi war wertvolles Eigentum und handelbares Gut. Das Netzwerk der onshi könnte im modernen Sinn als Interessenverband oder gar Kartell der Pilgerbranche verstanden werden. Aus der Elite der onshi rekrutierten sich die Stadtältesten von Uji-Yamada. Das besondere Privileg Uji-Yamadas (zu den Ursprüngen später mehr) lag im eigenen Steuerrecht und der Gerichtsbarkeit nicht nur in der Stadt, sondern über alles Gebiet jenseits des Miya Flusses, inklusive der Reis-produzierenden Dörfer. Die Einnahmen wurden nicht etwa für den Schreinerhalt (gezahlt durch das bakufu), sondern für die eigene Verwaltung verwand, z.B. die Teilnahme an der Neujahrsaudienz des shôgun.12 Spätestens an dieser Stelle – Kongruenz wirtschaftlicher Interessen, religiöser Autorität und politischer Macht – muss man von „unlauteren“ Wettbewerbsvorteilen und Kollusion sprechen. Erfolgsmodelle wie Ise ziehen Mitprofiteure auf den Plan: es wurde gesellschaftlich erwartet, Almosen an bedürftige Pilger in Form von Essen, aber auch Geld zu spenden. Hiervon zeugen speziell geprägte Ise Münzen, die dennoch in einigen Motiven Spott nicht verbergen.13 Das 10
Dem guten Essen im Haus des onshi wurde besonderer Stellenwert beigemessen, wie aus den Tagebüchern von Pilgern hervorgeht, die von vielen Gängen und leckeren Speisen schwärmten. 11 In dieser Hinsicht ähnelt oshi/onshi dem Begriff ie 家, der auf Japanisch, je nach Gebrauch, die Familie, die Sippe, den Haushalt und das Gebäude signifizieren kann. (SCHNEIDER, Thomas: „Der Begriff des ie“. Semesterarbeit, Universität zu Köln, Sep 2020.) 12 Diese Privilegien waren nicht absolut und wurden zunehmend beschnitten: Schon 1635 errichtete das bakufu ein Magistrat am Ufer des Miya Flusses mit 30 Angestellten, 40 Matrosen und einer kleinen Flotte. Gemeindeentscheide benötigten der Gegenzeichnung und das Eintreiben der Steuern wurde praktisch dem Magistrat überlassen. 1780 wurden dem Gemeinderat das Steuerrecht effektiv entzogen und die Reise nach Edo direkt bezahlt. Die Ratsatzung proklamierte jedoch bis in die Meiji Zeit das Recht des shugoshi funyû 守護 使不入: „Der Zutritt zur Schrein Domäne ist Gesandten des bakufu untersagt.“ (TEEUVEN u. BREEN, 2017) 13 Die Straße war von jeher Auffangbecken gesellschaftlicher „Outcasts“, deren armselige Existenz und Betteln als vermeintliches Pilgern legitimiert und weitgehend toleriert wurde. Die unzensierte Darstellung der prekären Situation bedürftiger Menschen in den Druckerzeugnissen der Edo Zeit impliziert, dass soziale Missstände als
4
nukemairi 抜け参り(„Ausbuchsen zur Ehrerbietung“) war eine riskante Form des Pilgerns von Haushaltsmitgliedern und Angestellten, die ohne Erlaubnis Heim, Arbeit und Pflichten hinter sich ließen und bei oft kläglicher Rückkehr zu ihren Herren auf Nachsicht angewiesen waren. Der Regelbruch für die Reise nach Ise sollte allerdings ohne harte Strafe vergeben werden, wie in sentimentalen moralischen Erzählungen angemahnt. Periodisch und scheinbar spontan14 kam es zum Phänomen sog. „Massenwallfahrten“, z.B. in den Monaten April/Mai 1705, in denen 3,5 Mil. Menschen nach Ise gepilgert sein sollen. In den Monaten April bis August 1771 sollen 2,7 Mil., zwischen Spät-März und August 1830 4,5 Mil. die Pilgerstätten besucht haben. 15 Während Wallfahrten der kô meist für die Wintermonate geplant wurden, fanden diese okage-mairi お陰参り in den für die Landwirtschaft arbeitsreichen Frühlings- und Sommermonaten statt. Die außergewöhnlichen Menschenbewegungen werden als „generationale Ereignisse“ erklärt, die der 60- und 180-jährigen Periodizität des Bauernkalenders zu folgen scheinen.16 Von breit publizierten vermeintlichen Wundern provoziert und von großzügigen Sponsoren unterstützt 17 , ermöglichten sie einen Eskapismus des Alltags: Eine große Zahl von Frauen allen Alters, Leibeigene und sogar Kinder machten sich auf die Reise – Menschen, denen eine Reisegenehmigung unter normalen Umständen verwehrt wurde.18 Okage-mairi waren keine Einkommensquelle für die onshi, sondern eine Beeinträchtigung des regulären Geschäfts und eine Belastung der Wirtschaft durch den Ausfall vieler Dienstleistungen: „Ausnahmezustände“, die es zum Erhalt der gesellschaftlichen Ordnung möglichst schnell zu unterbinden galt. Hierbei soll, mit Blick auf Porters Modell, auf die Verhandlungsschwäche selbstständiger Dienstleister ohne Interessenvertretung hingewiesen werden - im Kontrast zu den organisierten onshi und den danna in der kô. Ein großes Reservoir an ungebildeten Arbeitskräften – die den Tourismus, Transport und das Textilgewerbe stützten – war dem Konkurrenzkampf und Leistungsdruck von Unternehmern wie den onshi und den shônin 商人 (Kaufleute) ungeschützt ausgesetzt. Dies beschränkte den Lohn für Mann wie Frau auf ein Minimum, von dem keine Familie ernährt werden konnte.19 Zunehmende Arbeitsteilung und Effizienz in der Massenproduktion erhöhten diesen Druck, auch auf vormals handwerkliche Berufe.
Schicksal und nicht politische Aufgabe gesehen wurden. Vorkommnisse des nukemairi zeugen wohl von dem Unvermögen einer breiten Klasse an Besitzlosen bzw. Leibeigenen, ihre sozialen Interessen als Dienstleister wie den Anspruch auf Auszeiten - solidarisch in Staat und Gesellschaft zu artikulieren. 14 Die hier zitierten Erklärungen in den gesichteten Quellen für die Wunder und scheinbare Spontanität als „generational“, bzw. nach Zyklen des Bauernkalenders, überzeugen den Autor nicht vollständig. Eine Untersuchung zu anderen Korrelationen, wie z.B. Naturkatastrophen, astronomischen Beobachtungen und politischen Ereignissen, war im Rahmen dieser Hausarbeit nicht möglich. 15 ISHIMORI, Shuzo: “Popularisation and Commercialization of Tourism in Early Modern Japan”. S.188 16 NENZI, Laura: “To Ise at all Costs – Religious and Economic Implications of Early Modern nukemairi”, S.77 17 Z.B. Kônoike Zenzaemon, ein reicher Kaufmann aus Ôsaka, der zur Massenwallfahrt 1771 insgesamt 460 ryô für 184,000 Pilger spendete (Nenzi, 2006: S. 87) 18 Sanjin Seihoku kommentierte 1771 in seinem Buch Kyokun Manbyo Kaishun (Lehren zur Genesung von allerlei Krankheiten): „In letzter Zeit grassiert eine unglaublich ansteckende Krankheit. Dank eines Überflusses an Zeit und Geld begibt sich jedes Jahr eine große Zahl an Menschen auf Vergnügungsreise, unter Angabe [vorgetäuschter] medizinischer Gründe […] Nicht nur Männer, sondern auch viele Frauen, die ihre Männer bitten, zu Hause zu bleiben und große Geldsummen für die Reise erbetteln […]“ (ISHIMORI, 1989: S. 180) 19 Hierin ist möglicherweise eine Erklärung für das stagnierende Wachstum der japanischen Bevölkerung im 18. und 19. Jhd., die hohe Inzidenz von Infantiziden und hohe Zahl an Tagelöhnern und Prostituierten zu finden.
5
Wunder und Machtübernahme: Shingon-Shintô und die Tokugawa Eine Besonderheit der Ise-Schreine ist die Tradition des shikinen-sengû 式年遷宮: die Schreine werden im 20-Jahreszyklus von Grund auf neu erbaut. Die Bauweise ähnelt der eines traditionellen Reisspeichers. Kämpfer beschreibt einen der Schreine als „von Holz niedrig und schlecht gebaut, und mit einem sehr niedrigen Stroh- oder Heudach bedeckt. Man gibt sich ungemeine Mühe, ihn in seinem ersten schlechten Originalzustand immer zu erhalten, damit er ein bleibendes Denkmal sei von der Armut der ersten Einwohner dieses Landes, oder wie die Japaner sagen, der ersten Menschen.“20 Der periodische Neubau soll also die perfekte strukturelle Integrität und Reinheit der Gebäude, sowie die lebendige Überlieferung der Bautradition des shinmei-zukuri 神明造 gewährleisten. 235 lunare Phasen, ca. 19 Jahre, entsprechen auch dem metonischen Zyklus, der astronomischen Re-Synchronisation von Sonne und Mond. Die Wartung der Schreine soll im 16. Jhd. vernachlässigt worden sein. Die „Wiedergeburt“ ist den san-eiketsu 三英傑 (Reichseinigern) zu verdanken, vor allem Oda Nobunaga 織田信長 [1534-1582] und Toyotomi Hideyoshi 豊臣秀吉 [1537-1598]: sie förderten mit großzügigen Spenden die Restauration. So schickte Hideyoshi, im Bruch mit kaiserlichem Protokoll, seine Opfergaben zum sengû von 1585 nicht über den kaiserlichen Hof, sondern ließ sie direkt von seiner Mutter nach Ise überbringen. Als die Mutter 1588 erkrankte, versprach er den Schreinen eine Spende von 10,000 koku21, sollte sie genesen. Zum Anlass der Heilung pilgerte Hideyoshi im Oktober 1588 persönlich nach Ise. Besondere Gunst erwies er 1894 anlässlich der Katastervermessung der Provinz Ise: das gesamte Terroir östlich des Miya Flusses sollte fortan den Status „nicht-kartographierten“, also steuerfreien Lands genießen – ein solches Privileg galt sonst nur den engen, Tempeln/ Schreinen vorgelagerten monzen-machi 門前町. Diese „Handlungen der Pietät“ zeigen u.a., dass Legendenbildung und zur Schau gestellter Glaube zu Beginn der Edo-Zeit machtpolitisch eine wichtige Rolle spielten und Eindruck hinterließen.22 Das Selbstverständnis der Tokugawa, niedergeschrieben auf dem Amulett, das der 3. Shogun, Tokugawa Iemitsu 徳川家光 [1604 – 1651], stets an sich getragen haben soll, lautet: „Ise Tenshô Daijin 伊勢天照大神 – Hachiman Daibosatsu 八幡大菩薩 – Tôshô Daigongen–shôgun 東照大権現 将軍. Drei Schreine, geeint in Körper und Seele.“23 D.h.: Der shôgun als Symbol heiliger Vereinigung des „Königs aller Götter“ Tenshô Daijin (Amaterasu) 20
KAEMPFER, Engelbert, Hsg: DOHM, Christian W.: “Viertes Kapitel: Von der Sanga oder der heiligen Walfart nach Jsje”. In: Geschichte und Beschreibung von Japan, Drittes Buch. 21 1 koku = 180 l, bzw. die Menge getrockneter Reiskörner, die ein Erwachsener in einem Jahr verzehrt 22 In einer bewegten und sterblichen Zeit – nicht zuletzt das Wüten Oda Nobunagas gegen den Buddhismus – ist Glaubenszuwendung nicht verwunderlich. Tokugawa Ieyasu, ultimativer Sieger der Machtkämpfe um die Vorherrschaft im Land, erkannte die politische Gefahr des neu importierten christlichen Gedankenguts und der Aufklärung: die symbolische Bedeutung eines weltliche Regenten legitimierenden Papstes, Prediger und Orden im Dienst fremder Mächte, der Spaltpilz der Reformation und insbesondere die Ermächtigung des Individuums gegenüber Staat und Kirche durch kritische Interpretation der Bibel und antiker philosophischer Werke, insbesondere der Griechen. Unter seinem Sohn und Nachfolger, Tokugawa Hidetata 徳川秀忠 [1581 - 1632], wurde das Verbot des christlichen Glaubens und westlicher Literatur mit mörderischem Eifer umgesetzt, Missionare des Landes verwiesen. Zugleich drängt sich einem christlichen Beobachter bezüglich Iemitsus „heiligen“ Legitimationsschema der Vergleich zur Dreifaltigkeit – „Mutter“ Amaterasu statt des göttlichen Vaters, Hachiman statt des Heiligen Geist und Ieyasu statt Sohn Jesus – auf. Die Aussprache des Namens Ieyasu ähnelt zudem dem Namen Jesus. Dies wären sicherlich ungewollte Assoziationen für Japaner. 23 Das Amulett ist im Original im Rinnô-ji Tempel in Nikkô erhalten und kann besichtigt werden.
6
in Ise, Hachiman als die schützende Gottheit des Tokugawa (Minamoto/ Genji 源) Klans, und der „Gott gewordene“ Ieyasu. Der jüngst gewonnene Herrschaftsanspruch sollte mit der Nekropolis Nikkô 日光 (ca. 140 km von Edo) zu Ehren des Vaters gestärkt, der shintô Glaube vereinnahmt und die Macht der buddhistischen Tempel gebrochen werden. Ein zentrales Konzept des ryôbu shintô 両部神道 („Weg der Götter mit dualem Aspekt”), auch shingon shintô 真言神道 genannt, ist das Prinzip des honjin suijaku 本地垂迹 (Systematische Synkretismus). Das „Encyclopedia Britannica“ fasst zusammen: „The school developed during the late Heian [794–1185] and Kamakura [1192–1333] periods. The basis of the school’s beliefs was the Japanese concept that Shintō deities (kami) were manifestations of Buddhist divinities. Most important was the identification of the sun goddess Amaterasu with the Buddha Mahāvairocana (Japanese name Dainichi Nyorai: “Great Sun Buddha”). The school’s theorists interpreted the Shingon belief in the two realms of Dainichi as corresponding to the two kami enshrined at the Ise Shrine: Amaterasu was considered to be the equivalent of taizō-kai (“womb world”), and Toyuke (or Toyo‘uke) Ōkami, the kami of food, clothing, and shelter, was equated with kongō-kai (“diamond world”). Their shrines at Ise were identified with the two mandalas used to represent the dual nature of Dainichi.“ 24 Die Ise-jingû sind als doppelte Schreinanlage ausgelegt, bestehend aus einem äußeren Schrein, dem gekû 外宮 mit (heute) 32 Nebenschreinen im Umfeld der Stadt Yamada, und einem inneren Schrein, dem naikû 内宮 mit (heute) 91 Nebenschreinen im Umfeld des Dorfs Uji. Unter den Nebenschreinen findet sich z.B. der Tsukiyomi-no-miya 月夜見宮 (auch 月読宮) 25 . Getrennt durch den Isuzu 五十鈴 („50 Glocken“) Fluss wird der naikû über die Uji-bashi 宇治 橋 erreicht. Die Schreine sind auch unter den Namen Toyo‘uke-daijingû 豊受大神宮 (gekû) und Kôtai-jingû 皇大神宮 (naikû) bekannt. Der Name deutet auf enge Verbindung zum tennô 天皇, dem japanischen Kaiser, der sich in seiner Abstammung gemäß den Reichschroniken des Kojiki 古事記 [712] und des Nihonshoki 日本書紀 [720] durch die Sonnengöttin Amaterasu legitimierte. In ähnlichem Licht mögen die Tokugawa ihre Macht sehen wollen, aber die spirituelle Verantwortung für Naturkatastrophen und Missernten im Land Toyo‘uke überlassen.26 Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Mythe zur Ortswahl der Ise-jingû27: Demnach soll der heilige Spiegel, assoziiert mit der Göttin Amaterasu und im Ise-jingû aufbewahrt, unter dem 10. tennô, Sujin tennô 崇神天皇 [148 – 30 v.Chr.] aus dem Kaiserpalast bewegt worden sein. Unter dem 11. tennô, Suinin tennô 垂仁天皇 [29 v.Chr. – 70 n.Chr.] wurde Yamato-hime no Mikoto 倭比売命 beauftragt, den bestmöglichen Ort der Verehrung zu bestimmen. Nach langer Suche empfing die Prinzessin eine Offenbarung, der zufolge Amaterasu darum bat, in Ewigkeit in Ise verehrt zu werden. Der 1. shikinen sengû (Neubau des Schreins) des naikû soll allerdings erst 690 n.Chr. unter dem (weiblichen) 41. tennô, Jitô tennô 持統天皇 [645-703] erfolgt sein, kurz vor Beginn der Nara-Zeit 奈良時代 [710-794]. Der Sitz des tennô selbst sollte 24
„Ryôbu Shintô“. In: Encyclopedia Britannica Online (https://www.britannica.com/ letzter Zugriff: 9.9.2021) Der mit dem Mond assoziierte jüngere Bruder von Amaterasu Omikami, Tsukiyomi-no-Mikoto, ist hier eingeschreint, zusammen mit dem göttlichen Elternpaar, Izanagi-no-Mikoto 伊邪那岐命 and Izanami-noMikoto 伊邪那美命, aus dem Gründungsmythos der japanischen Inseln. 26 Bei Misserfolgen wären die Ise Priestern und der tennô impliziert, z.B. wegen „göttlicher Verfehlungen“ in der Ausübung der notwendigen Riten für Toyo’uke. Der shôgun wäre nicht direkt verantwortlich. 27 „History“. In: Website of the Grand Shrines of Ise (www.isejingu.or.jp/en/about/ letzter Zugriff: 9.9.2021) 25
7
noch mehrmals bis zur Bestimmung von Kyôto 京都 in der Heian-Zeit 平安時代 [794-1185] wechseln. Der gekû als Schrein führt seine Geschichte auf das Jahr 478 zurück. Eine naive Lesung der Gründungsmythe schließt einen ursprünglich natürlichen Offenbarungsund andere Verehrungsorte für Amaterasu nicht aus. Könnte Verehrung im stadtnahen gekû vor dem „1. Neubau“ des naikû begonnen haben? Vormachtstellung und Präzedenz von gekû und naikû beschäftigten auch den 3. shogûn Tokugawa Iemitsu [1604 – 1651]. 28 Die Affäre unterstrich Iemitsus Entschlossenheit, die Ise Priester zu korrigieren und Amaterasu dem „Drei Schreine“ Schema seiner göttlichen Legitimation einzufügen. Persönlich besuchte Iemitsu nur Nikkô, auf dessen Besuch durch kaiserliche und shogunale Emissäre er ebenfalls bestand. Ab 1640 wurde ein kôke 高家 (Intendant für zeremonielle Zwecke) in irregulären Abständen nach Ise gesandt. 1648 gestattete er dem tennô wieder, Emissäre zum kanname-sai 神 嘗 祭 (Erntedankfest) nach Ise zu senden. Damit war ein offizielles System etabliert, mit Nikkô und Ise als „Zwillingsorten“ und einer in der Person des Shogunes verkörperten „ewigen heiligen Autorität“, die keiner äußeren Legitimation des tennô mehr bedurfte.
Konstruierte Wirklichkeit: sankei mandala, Karten und Reiseführer Zeitgenössische Lagepläne und Karten des gekû und naikû sind interessant, da archäologische Ausgrabungen aufgrund der Vergänglichkeit von unbehandelten Holz-Stroh-Konstruktionen und dem stetigen Neubaurhythmus wenig aufschlussreich wären. Überlieferte Dokumente sind jedoch nicht repräsentativ und universal, können eine „konstruierte Wirklichkeit“ darstellen und aus moderner Perspektive missverstanden werden. Ein Beispiel sind die Ise sankei mandala 参詣曼荼羅, die verschiedenen Interpretationen standhalten und deren Herkunft Rätsel aufwirft.29 Augenscheinlich handelt es sich dabei um narrative Anleitungen: ausgelegt ähnlich wie eine Karte, werden neben den Sehenswürdigkeiten religiöse Praktiken, mythische Anspielungen, gelebte Traditionen und Verhaltensnormen gezeigt. Anders als eine Karte beschränkt sich das Layout nicht auf räumliche oder gar maßstäbliche Realität. Es wird vermutet, dass sankei mandala Wanderpredigern, kanjin hijiri 勧進聖, als Anschauungsmaterial für improvisierte erzählerische Darbietungen bzw. Bilderpredigten, etoki 絵 解 き , dienten. Format, Abnutzung- und Faltspuren deuten darauf hin, dass kanjin hijiri mit solchen kakemono 掛け物 (Hängerollen) als „Werbepromoter“ auf Reisen gingen. Die Produktion der sankei mandala wird aufgrund der Qualität der Malerei Stadtmalern zugeschrieben. Aufgrund des Inhalts sollen sie im Auftrag von buddhistischen Tempeln angefertigt worden sein.
28
Die Frage wurde von Ise Priestern zur Neujahraudienz 1636 in Edo aufgebracht und an das oberste Gericht geleitet. Der dem Kaiser verbundene kugyô 公卿 Nijô Yasumichi 二条 康道 [1607 – 1677] folgerte, der gekû müsse die Vormachtstellung behalten, da zwar beide Schreine den Titel Amaterasus trugen, der gekû aber den Vorfahren, der naikû den Eltern verbunden sei. Daher müsse die Präzedenz von Neujahrs-Opfergaben, erst am gekû und dann am naikû, beibehalten werden. Iemitsu zeigte sich mit dieser Folgerung unzufrieden. Sein Berater, der Gelehrte Razan Hayashi 林 羅山 [1583 – 1657] publizierte eine Zweitmeinung: bezüglich des gekû gäbe es verschiedene Gründungsmythen: Ninigi 瓊瓊, oder Kunitokotachi 国之常立, Mike-tsu-kami 三狐神 oder eben Toyo‘uke. Amaterasu sei nicht unter ihnen, ihr Name müsse daher mit dem naikû verbunden sein, der in allen Dingen, auch der Präsentation der Opfergaben, deshalb stets die Vormachtstellung genieße. 29 SCHNEIDER, Thomas: „Der Begriff des ie“. Seminararbeit der Japanologie, Universität zu Köln, 2020. Der zweite Teil des Essays beschäftigt sich mit der Problematik der Überlieferung von kulturellem Wissen und Methoden des inter-generationellen Wissenstransfers.
8
Die kanjin hijiri stellten sich auf ihr Publikum ein und vermittelten die Symbolik der Darstellungen anschaulich, aber auch selektiv. So konnte z.B. mit demselben Bildmaterial ein „Normalsterblicher“ seiner religiösen Pflichten gemahnt und an Verhaltensregeln erinnert, oder auf die zurückgezogene Kontemplation der Shinto Priester, frivoles Tanzen und Musizieren, und gieriges Einsammeln von Almosen hingewiesen werden. Vom kommerziellen Standpunkt bedeutet die Konzentration vieler Attraktionen auf einem Bild und an einem physischen Ort „etwas für jeden“. Auch wenn der einzelne nur einen Teil des Gesamtgeschäfts realisiert, profitieren im symbiotischen Verband alle, indem sie sich gegenseitig Kundschaft zuspielen. Ähnlich besteht ein gemeinsames Interesse zum Erhalt einer geteilten Infrastruktur (z.B. Straßen) und des virtuellen Kapitals (Branding, Reputation) der Stätte. Die überlieferten Ise sankei mandala unterscheiden sich kaum im Layout - eine horizontal gespiegelte Darstellung von gekû (rechts) und naikû (links). Ein Unterscheidungsmerkmal sind die Platzierung von Sonne und Mond im oberen Teil der Darstellung: bei zwei der Mandalas findet sich die Sonne rechts (über dem gekû), bei zwei anderen links (über dem naikû). Es wird damit auf die beiden Welten des Ryôbu Shintô hingewiesen, die als Avatare von Dainichi Nyorai 大日如来 austauschbar wären. Auffällig ist neben den schintoistischen Heiligtümern die Darstellung buddhistischer Tempel: Segi-dera 世儀寺, Kaze no miya 風の宮, Keikôin 慶 光院, Kongôshô-ji 金剛證寺. Die Juxtaposition von Schreinen, Tempeln und Schauplätzen in der Natur zeigt eine gemischte Glaubenswirklichkeit. Unter den Pilgern erkennt man zwei Klassen: im roten Mantel und teilweise zu Ross, und in schlichten Kleidern zu Fuß. Knecht identifiziert letztere anhand ihrer roten Kappe, dem tokin 頭襟, und ihrem karierten Umhang als yamabushi 山伏.30 Eine klare Hierarchie herrscht bei den Shintô Priestern: in den inneren Heiligtümern des gekû wie auch des naikû tragen die negi 禰宜 (hohen Priester des Shintos) ausschließlich schwarze Gewänder, im öffentlichen Raum sehen wir onshi in weißer Kleidung. Die sankei mandala vermitteln einen Eindruck der Pilgerstätten und ihrer Nutzung vor und um den Zeitpunkt der Umdeutung Ises als exklusive Stätte des Shingon-Shintô und seiner „Bereinigung“ vom Buddhismus. 1643 gab es noch 57 buddhistische Tempel in Uji und bis 1670 weitere 227 in Yamada.31 1675 entzog das bakufu Buddhisten in Uji-Yamada das Recht, als oshi tätig zu sein. Die Nonnen des Keikôin 慶光院 waren ein Sonderfall: Tokugawa Ieyasu hatte ihnen, angesichts ihrer vormaligen Rolle als Spendeneintreiber des sengû, spezielle Privilegien gewährt. Sankei mandala verschwanden Mitte des 17. Jhd. mit den kanjin hijiri, denen keine tegata für die Straßen mehr gewährt wurde. Wie also sah der „ideale“ Pilgerbesuch, dem sankei mandala zufolge, zu Beginn der Edo Zeit aus? Man beginnt am unteren rechten Bildrand mit der Überquerung des Miya Flusses über eine (temporäre? 32) Brücke. Nach dem misogi 禊 (Reinigungsritual) betritt man die betriebsame Stadt Yamada durch ein hölzernes Tor und läuft geradewegs der datsueba 奪衣婆 („die
30
KNECHT, Peter: “Ise sankei mandara and the Image of the Pure Land”. S. 228. In dem Jahr wurden, mit weiten Teilen der Stadt, 189 Tempel von einem Großbrand zerstört. 47 wurden nicht wiederaufgebaut. Die Schreine der Stadt überlebten fast unversehrt. 32 Eine Brücke über den Miya wird in den Abbildungen der späteren Edo Zeit nicht gezeigt. Möglicherweise wurde sie nur temporär zu speziellen zeremoniellen Zwecken, wie dem sengû, errichtet. 31
9
Kleider abreißende Alte“) entgegen.33 Der Sei-gawa 清川 teilt die Stadt in einen reinen und einen unreinen Bereich. Nach der Sujikai 筋向 Brücke ist zur rechten der Segi-dera, ein dem Shugendô 修験道 assoziierter Tempel und der vermutliche Auftraggeber für zwei der Ise Mandalas zu sehen. Mit dem Überschreiten des Toyo-gawa 豊川 gelangt man zum torii 鳥居 des gekû. Zur Rechten findet sich der korakan 子 良 館 , wo junge Mädchen adeliger Abstammung Dienst leisten. Vor den Zäunen des gekû halten Pilger verschiedener Klassen Andacht, der innere Hof ist den hohen Priestern, negi 禰宜, vorbehalten. In der oberen rechten Ecke des Mandalas, vor der ama no iwato 天の岩戸 („Felstür von Amaterasu“) am Takakura-yama 高倉山, tanzt eine miko mai 巫女 (Schrein-Jungfrau) zu musikalischer Begleitung. Diese kagura geht auf eine Legende zurück: die Sonnengöttin, vom unzüchtigen Treiben ihres Bruders Susanô スサノヲ angewidert, zog sich in eine Höhle zurück und verschlug damit die Welt in Finsternis. Nur das freudige Feiern der Götter vor ihrem Versteck und die Behauptung, es sei ein noch größerer Gott erschienen, lockten sie heraus und retteten der Welt das Licht. Bei dieser List wurde Amaterasu der sagenhafte Spiegel yata-nokagami 八咫の鏡 vorgehalten, eines der drei kaiserlichen Insignien, und die Höhle mit einem shimenawa 注連縄 (Götterseil) verschlossen. Die besagte Höhle, möglicherweise einstige Meditationsstätte oder ein kôfun 古墳 („altes Grab“), können besichtigt werden. Der mittlere Teil des Mandalas zeigt den Abstieg durch Okamoto 岡本, berühmt für Kämme.34 Über die Oda 小田 Brücke geht es nach Ai no Yama 間の山, am Keikôin vorbei und zum Dorf Uji 宇治. Die Pilger überqueren die Uji Brücke mit Münzwürfen in den Isuzu – Almosen, die eifrig aufgesammelt werden. Bergauf, am korakan vorbei, findet sich der naikû, der an dieser Stelle als Spiegelbild des gekû nicht weiter beschrieben wird. Eine Brücke führt zum Kaze no miya 風の宮. 35 Über einen Bergpfad gelangt der (männliche) Pilger zum Kongôshô-ji, einem buddhistischen Tempel nahe dem Gipfel des Asama 朝熊 (555 m), dem höchsten Punkt der Halbinsel.36 Im oberen linken Bildteil sind die futami-ga-ura 二見が浦 Felsen, am Horizont der Fuji 富士 (3776 m) sichtbar. An klaren Tagen kann man, je nach Blickrichtung, von Aussichtspunkten die umliegende See und den höchsten und heiligsten Berg Japans, den Fuji, erspähen. Nach Osten erstreckt sich der Pazifik. Dieselben Orte waren auch in der späten Edo Zeit beliebte Ausflugsziele: Utagawa Hiroshige 歌川広重 [1797-1858] zeigt, über Teehausdächer und Hügel hinweg, eine Aussicht auf den Meereszugang der Ise Bucht in seinem, die Ise Provinz repräsentierenden, farbigen Holzschnitt von 1853 aus der Serie der 60+ Provinzen des Landes. Die durch shimenawa verbundenen futami-ga-ura Felsen werden auf anderen ukiyoe 浮世絵 im Anblick der aufgehenden Sonne 33
Volkstümlicher Überlieferung gemäß wartet die Datsueba am Grenzfluss zum Jenseits, dem mythischen Sanzu-gawa 三途川, auf die Verstorbenen. Tatsächlich wurden die zahlenden Pilger einer kô am Eingang der Stadt von Gesandten des onshi empfangen und zu dem Haus ihres onshi begleitet. 34 Yamato-hime no Mikoto verlor, der Legende nach, ihren Kamm auf der Suche nach dem geeignetem Verehrungsort für Amaterasu im Kushida 櫛田 Fluss, auf dem Weg nach Ise. 35 Hier sollen Gebete zur Bewahrung Nippons vor den Mongolenangriffen [1274, 1281] entrichtet worden sein. 36 Eine Redewendung (Werbeslogan?) der Edo-Zeit: 「お伊勢参らば朝熊をかけよ、朝熊かけねば片参り」 („Pilgerst Du nach Ise, besteige den Asama! Wer nicht den Asama besteigt, betet einseitig.”) Gemäß der Volkstradition des takemairi 岳参り steigen die Seelen der Toten in die Berge. Im Tempelhof des Kongôshô-ji findet man viereckige hölzerne Balken, tôba kûyo 塔婆供養, die zum Andenken an verstorbene Familienmitglieder aufgestellt werden.
10
gezeigt. Auf wieder anderen Darstellungen vom Strand vor den Felsen sieht man Kurtisanen in prunkvollen Kimonos und weibliche Pilger mit Sonnenschirmen. Ein späterer Holzschnitt [1857] aus der bakumatsu Zeit zeigt den sagenhaften Genji 源氏37, für den ama 海女 („Meeresfrauen“) nach Abalonen bzw. Perlmuscheln tauchen.38 Diese Holzschnitte sind als Souvenirs zu verstehen und wurden – wie heute Postkarten – massenhaft vervielfältigt und für den privaten Konsum verkauft. Sie haben mit religiösen sankei mandala, abgesehen von ihrem Werbecharakter und dass es sich auch hier um „konstruierte Realität“ handelt, wenig gemein. Auf die Bedeutung von Informationstransparenz und das Problem von Informationsasymmetrien bei der Funktion des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs, wie in Porters Modell beschrieben, ist schon hingewiesen worden. Für die Planung einer Wallfahrt ist der unabhängige Zugriff auf akkurate Information ein Paradigmenwechsel. Zusammen mit der Monetarisierung der Gesellschaft veränderten das Verlags- und Druckwesen in Edo und Ôsaka im Laufe des 18. Jhd. die Marktdynamik grundlegend im Interesse der einzelnen Kunden, danna, und zum Nachteil der Anbieter, onshi. Für Konsumenten tritt die langjährige Beziehung in den Hintergrund zum Preisvergleich einmaliger Leistungen. Individuelle Pilger können die Reiseplanung mithilfe von Karten und Reiseführern selbst in die Hand nehmen und die Angebote vieler Anbieter im Voraus vergleichen. Für die kô und die danna mawari bedeutete dies, dass sie ihre Schlüsselrolle in der Vertretung eines bestimmten Wallfahrtsorts zunehmend verloren. Die Kernkompetenz der kô verschob sich auf die Finanzierung der Reisen ihrer Mitgliedern zu verschiedenen Destinationen, ähnlich einem Reisebüro. An dieser Stelle soll exemplarisch Ursprung, Inhalt und Genauigkeit von Reisekarten und Reiseführern durch die Edo Zeit verfolgt werden.39 Zunächst werden die Anreisemöglichkeiten beschrieben. Yamada wird vom Tôkaidô 東海道 über den Ise-kaidô 伊勢街道 erreicht. Dieser zweigt in Yokkaichi 四日市 vom Tôkaidô ab, einige Kilometer nach der auf Reisen auf dem Landweg von Edo nach Kyôto üblichen abkürzenden Schiffsüberfahrt von Miya 宮 nach Kuwana 桑名, dem Shichi-ri no watashi 七里の渡し („Überfahrt von 7 ri“ Entfernung, ca. 28 km). Von Kyôto kommend, bietet der Ise-betsu-kaidô 伊勢別街道 ab Seki 関 eine Abkürzung mit Umgehung der Burgfestung Kameyama 亀山. Ise-kaidô und Ise-betsu-kaidô vereinigen sich hinter der Stadt Tsu 津 an der Ise Bucht und führen dann, der Küste entlang, über Matsusaka 松阪 zur Flussüberquerung des Miya vor Yamada. Direkter kann man von Ôsaka 大阪 oder Nara 奈良 unter Umgehung der shôgunalen Heerstraßen über die dazwischenliegenden Berge nach Yamada gelangen. Es lassen sich eine Reihe von Rundreisen konzipieren, z.B. unter Einschluss des Saikoku sanjûsan kasho 西国三十三箇所 („33 Tempel des westlichen Lands“) Pilgerwegs.
Hauptprotagonist des Genji Monogatari 源氏物語 („Die Geschichte vom Prinzen Genji“) der Hofdame Murasaki Shikibu 紫式部 [990–1010]. Spätgeborener Sohn eines alternden tennô, in die Familie der Minamoto (alias Genji) ausgegliedert, muss nicht arbeiten und verbringt seine Zeit mit den schönen Künsten. 38 Tatsächlich etablierte Mikimoto Kôkichi 御木本 幸吉 (1858 – 1954) in der Meiji Zeit erfolgreich die künstliche Perlenzucht im nahegelegenen Toba. 39 Dieser theoretische Ansatz stützt sich auf die These: „Maps are never value-free images… Both in the selectivity of their content and in their signs and styles of representation maps are a way of conceiving, articulating and structuring the human world which is biased towards, promoted by, and exerts influence upon particular sets of social relations.“ (HARLEY, J. B.: The New Nature of Maps: Essays in the History of Cartography. Baltimore, MD: John Hopkins University Press, 2002.) 37
11
Käuflich erwerbliche gedruckte Karten der Provinzen aus dem 18. und 19. Jhd. gehen auf die Katastererhebungen des bakufu zurück. In der Edo Zeit wäre es undenkbar, privat Land (oder Meer) zu vermessen und womöglich Informationen zu verbreiten, die nicht der Zensur des bakufu genügten. Die Abstammung ist z.B. aus einem Vergleich der schwarz-weiß gedruckten saiken Ise no kuni ezu 細見伊勢國絵図 (Detaillierte Karte der Provinz Ise) des Jahres 1830 und der handgemalten Version von 1702 ersichtlich. Ihrem ursprünglichen Zweck geschuldet, waren diese Karten nicht besonders maßstabsgetreu, zeigten aber die Eigentums- bzw. Dorfbezeichnungen als Kartuschen, Städte als Quadrate bzw. im Umriss, Verbindungswege, Wasserläufe und den ungefähren Küstenverlauf. Markante landschaftliche Orientierungsmerkmale – wie Berge und Wälder – wurden auf „unproduktiven“ bzw. leeren Flächen angedeutet. Für Uji-Yamada sind auf der Karte von 1702 Stadtteile, machi 町, explizit ausgewiesen, was auf den besonderen Status der Stadt hindeutet. Trotz des „detaillierten“ Anspruchs des Kartentitels von 1830 müssen lokale Karten zu Rate gezogen werden, um die Gemarkung bewirtschafteter oder bebauter Grundstücke und Wegverläufe zu erfahren. Tôkaidô bungen no zu 東海道分間之図 () [1690] („Karte des vermessenen Tôkaidô“) von Hishikawa Moronobu 菱 川 師 宣 [1618-1694] wurde als monochromer Holzschnitt im gefalteten Akkordeon Format verlegt. Der Tôkaidô wird im Maßstab 1 bu : 1 cho (= 1 : 36 000) detailliert aus einer Art Vogelperspektive dargestellt, die den Höhenverlauf erahnen lässt. Die gedruckte Auflage von 1752 enthält in der Einleitung eine Gezeiten- und Entfernungstabelle, im Anhang Transportkosten und Kontaktdaten für Agenten. Anschaulich werden die Attraktionen links und rechts des Weges - Brücken, Kreuzungen, jedes Haus usw. - gezeigt. Die Straße ist mit Reisenden ausgeschmückt, z.B. die Prozession eines daimyo zwischen der Abzweigung des Ise-betsu-kaidô bei Seki (Station #47) und der Stadt/Burg Kameyama (Station #46). Die Ausrichtung der Straße nach Himmelsrichtung ist periodisch vermerkt und kann vom Sonnenstand bestimmt werden. Diese Form der Darstellung war praktisch für Reisende, die zügig und informiert auf dem Tôkaidô vorankommen wollten und nicht die Absicht hatten, weit des Weges abzukommen. Der Planung von Rundreisen dienten Übersichtskarten, die das Wegenetz zweidimensional mit Verzicht auf Höhenangaben abbildeten. Die Namen der Stationen (Dörfer, Städte) sind gekennzeichnet, ungefähre Entfernungen zwischen den Knoten in ri markiert, zu überquerende größere Wasserläufe und markante landschaftliche Orientierungsmerkmale, wie Berge, angedeutet. Provinzen werden benannt, genaue Grenzen aber nicht verzeichnet. Interessant auf einer dieser Karten, Saikoku sanjûsan kasho hôgaku ezu 西国三十三箇所方角絵図 („Pilgerkarte der 33 Tempel von Saikoku“) [1759], ist die Omission der Burg Kameyama auf dem Tôkaidô, von deren Besuch Pilger wohl wenig zu erwarten bzw. dort nichts zu suchen hatten. Im Laufe der Zeit und mit neueren Auflagen ist eine kontinuierliche Verbesserung in Qualität und Auflösung festzustellen, z.B. die 1800 Edition derselben Karte. Eine umfangreiche spätere Karte, DaiNihon saiken dôchû zukan 大日本細道中図鑑 („Detaillierte Wegekarte Großjapans“) [1850], bietet den Landesüberblick in Farbe - ohne Omission von Kameyama. Einen Eindruck der politischen Aufteilung des Landes und des technischen Stands der Kartographie im 17. Jhd. lässt sich aus der handkolorierten Karte Fusôkoku no zu 扶桑国之図 [1666] („Karte von Japan“) von Nakabayashi Kichibei 中林 吉兵衛 gewinnen. Teile der Provinz Ise 12
sind „verrutscht”, Uji-Yamada und die Ise-jingû fehlen. Hokusai Katsushika 北 斎 葛 飾 entwickelte im frühen 19. Jhd. Landesübersichten aus der Vogelperspektive die z.B. den gesamten Tôkaidô zeigten. Hierfür wurden die räumlichen Verhältnisse kreativ den Papierdimensionen angepasst. In ähnlicher Darstellung erfreuten sich „virtuelle Reisen“ in der bakumatsu Zeit Beliebtheit. So kann der Ise-kaidô mit dem Brettspiel sangû jôkyô dôchû ichiran sugoroku 参宮上京道中一覧双六 [1856] bereist werden: Von Edo kommend, mag der Spieler am Ziel Ise oder Kyôto enden, über den Ise-betsu-kaidô ist ein Wegwechsel möglich. Trotz der ungewöhnlichen Perspektiven ist der Fortschritt im geografischen Verständnis, verglichen mit der Landeskarte von 1666, klar ersichtlich. Dass akkurate Küstenvermessung in der bakumatsu Zeit [1853-1868] innerhalb der technischen Möglichkeiten des bakufu lag, belegt eine Seekarte der Provinz Ise von 1863, seikei ichiran 勢 海一覧. Bekanntlich kam der Schifffahrt - trotz der strategischen Lage von Ise – in der EdoZeit kaum Bedeutung zu. Abgesehen vom Umriss der Stadt Uji-Yamada mit den Ise Schreinen werden auf dieser Karte keine Orte im Landesinneren ausgewiesen. Magnetisch Nord und geografische Nordrichtung werden unterschieden, aber es fehlen Peilziele (wie z.B. der Gipfel des Asama), Lotmessungen und Warnungen (z.B. Bojen bei Untiefen, Leuchtfeuer bei Felsen). Die Schattierung des Wasserbereichs mag als grobe Andeutung der Wassertiefe zu verstehen sein. Einfach, handlich und für begleitete Pilgerfahrten zu Land ein völlig ausreichendes Aidememoire und Souvenir zugleich waren Karten, die auf Geografie weitgehend verzichteten. In dem Beispiel einer Ôsaka Ise-kô wurden schematisch bzw. fahrplanmäßig nur die Namen der Stationen, Entfernungen und Sehenswürdigkeiten ausgewiesen. Für die individuelle Wallfahrt nach Ise in der späteren Edo-Zeit konnten reich bebilderte gedruckte Reiseführer herangezogen werden. Diese erfreuten sich großer Popularität, wie die zahlreichen Neuauflagen belegen. Bemerkenswert ist vor allem der Ise sangû meisho zue 伊勢 参宮名所図絵 („Bebilderter Reiseführer für die Pilgerfahrt nach Ise“) von Shitomi Kangetsu 蔀関月 [1747-1797] in acht Bänden, der zuerst 1797 in Ôsaka verlegt wurde. Das individuelle Auge und die selbstgewählten Perspektiven des Autors bedeuten, dass viele Details mit Witz dokumentiert oder - in der Omission z.B. durch Wolken – explizit als vorenthalten gekennzeichnet wurden. Aus dem Bildmaterial ist ersichtlich, dass der Ise-kaidô spätestens seit dem 18. Jhd. bis Matsusaka und dem Kushida 櫛田 Fluss von Steinlaternen beleuchtet und über breite Brücken passierbar war. Diese Bauwerke mussten einem saisonal-bedingt stark schwankendem Wasserpegel standhalten und überbrückten breite Flussdelta, wie den Miwatari 三 渡 Fluss. Die ausgebaute Infrastruktur, großzügigen Schrein- und Tempelanlagen, breiten Einkaufsstraßen mit gutbesuchten Geschäften und Raststätten zeugen von der wirtschaftlichen Stärke der Ise shônin, z.B. in der Baumwoll-Textilbranche.40 Die Stadt Uji-Yamada passte sich den Veränderungen an: Die Zahl der onshi Häuser stieg von 145 im Jahr 1594, auf 391 im Jahr 1671, auf 615 im Jahr 1724, fiel aber bis 1792 auf 357. 41 Genannt sei beispielhaft Mitsui Takatoshi 三井高利 [1622 – 1694] aus Matsusaka, der 1674 den Echigoya 越後屋 Kimonoladen, Vorläufer des Mitsukoshi 三越 Warengeschäfts, in Nihonbashi 日本橋 in Edo gründete. 41 CHIAVACCI, David: „Die soziale Konstruktion des japanischen Reisemarktes in der Edo-Zeit“. S. 427. 40
13
Die Zahl wohlhabender Kunden hohen Standes und später das organisierte Reisen in großen kô Pilgergruppen ließen nach. Gemäß Porters Theorie löste der Preisdruck auch Skaleneffekte aus: Im Wettbewerb um Kunden und in Verhandlungen mit Dienstleistern überlebten die zeitgemäßen und erfolgreichen onshi mit ausreichendem Kapital. Vor allem aber trat Pietät in der späteren Edo-Zeit zunehmend in den Hintergrund zu weltlichem Vergnügen und Kaufkraft – ein gesellschaftlicher „Gamechanger“ bzw. Türöffner für Ersatzleistungen. So reflektierte ein Schrein-Priester des gekû in der Meiji Zeit [1868-1912]: „Es gab nicht eine Person, die die Wallfahrt nach Ise nicht mit Furuichi assoziierte. Enorme Summen wurden von zehntausenden Pilgern verschwendet, fast alles floss nach Furuichi.“ 42 Furuichi 古市 avancierte zum drittgrößten Freudenquartier des Landes mit, auf seinem Höhepunkt, 71 Etablissements und 1000 Hostessen. Im Unterschied zum Yoshiwara 𠮷原 in Edo waren die Bordelle unlizenziert und stylten sich als Teehäuser, chaya 茶屋. Im späten 17. Jhd. begründete die Prosa von Ihara Saikaku 井原 西鶴 [1642-1693] und kabuki 歌舞伎 Theaterstücke von Chikamatsu Monzaemon 近松 門左衛門 [1653-1725] den Ruf. Nach einem Inferno in den 1780’ern wurden die Etablissements prunkvoller und größer als zuvor schnell wiederaufgebaut. Ein Massenmord im Teehaus [1796] und das schnell aufgelegte kabuki, sowie Jippensha Ikkus Verkaufsschlager Tôkaidô dôchû hizakurige 東海道中膝栗毛 [1806-1822] förderten das Geschäft. Es gab nicht nur Sex im Angebot: der Tanz und Gesang der Teemädchen, Ise ondo 伊勢音頭, wurden gerühmt, der Aufritt im lokalen kabuki galt als Sprungbrett für eine Karriere auf den großen Bühnen von Edo, Kyôto und Ôsaka. Werbewirksam wurde in (einzeln verlegten) Holzschnitten und Broschüren kein Hehl aus der Schönheit und den Talenten der örtlichen weiblichen Arbeitskräfte gemacht. Das Textilgewerbe profitierte von der geschäftlicher Synergie: Man lieferte die zeremonielle Kleidung, als auch Kimono Kollektionen für die Damen. Branding und Luxus waren geschäftsträchtig – den Bemühungen des bakufu zur Vermeidung des zur Schau gestellten „neureichen Wohlstands“ zum Trotz. Wenn Markteintrittsbarrieren fallen, drängen neue Wettbewerber mit neuen Produkten auf den Markt. Dies zeigte auch die eifrige Vermarktung von Ise meibutsu 名物 (lokale Spezialitäten) und miyage 土産 (Souvenirs), die traditionsgemäß von Reisenden für die zu Hause gebliebenen eingekauft werden mussten. Der breite Informationszugang zu Reiseliteratur und Karten in der späteren Edo-Zeit veränderte die Werbekanäle, erhöhte die Transparenz des Angebots und die Selbstständigkeit der zu Touristen mutierenden danna. Wohlhabende Besucher mit der nötigen Finanzkraft konnten zunehmend auf die Vermittlungsdienste der onshi verzichten. Porters Modell illustriert: vier Kräfte wirken auf die Mittelmänner und erhöhen den Konkurrenzkampf unter den Marktteilnehmern. Die onshi versuchen Kundenerwartungen zu begegnen und die Effizienz ihres Geschäfts zu steigern. Der Preisdruck wird, wo immer möglich, auf die unabhängigen Dienstleister mit der geringsten politischen Interessenvertretung – die „Arbeiterklasse“ der bevorstehenden Industrialisierung - abgewälzt.43
42
TEEUWEN, Mark u. BREEN, John: A social history of the Ise Shrines – Divine Capital. S. 141. Eine Untersuchung zur möglichen Existenz „versteckter“ solidarischer Netzwerke unter den unabhängigen Dienstleistern war im Rahmen dieser Hausarbeit und der Quellenlage nicht möglich. 43
14
Resümee: vom danna zum Touristen Porters vom Ideal des freien Wettbewerbs geprägtes Modell der fünf Kräfte trifft nur bedingt auf den Pilgermarkt in der frühen Edo Zeit zu. Den wirtschaftlichen Erfolg verdankten die onshi zunächst in erster Linie institutionellen und historischen Umständen: Zur Festigung der Autorität suchte das bakufu seine Vormachtstellung gegenüber dem tennô zu demonstrieren und sich im Volksglauben zu legitimieren. Die traditionell mit dem japanischen Kaiserhof assoziierten „Schreine von Ise“ wurden für dieses Narrativ vereinnahmt und auch instrumentalisiert, um den politischen Einfluss des Buddhismus zu beschneiden. Tempel in Ise und im ganzen Land unterlagen zunehmend Einschränkungen und der Überwachung, bis zum Entzug von Land und Privilegien z.B. nach Bränden. Die Staatsgewalt schaltete „leidige Konkurrenz“ zugunsten von Ise und der Schrein-onshi aus. Mit ihren Vernetzungen zu den daimyo, zu den Kaufleuten und Handwerkern in den urbanen Zentren, sowie zu den Bauern in den Dörfern des Landes, entwickelten die onshi das Pilgergeschäft durch die Ise-kô und das shidan seido. Die am Ise Schrein durchgeführten Zeremonien, wie das kanname-sai und das sengû fanden in Präsenz des tennô und Gesandter der daimyo unter der Schirmherrschaft und nach den Wünschen des bakufu statt: tennô, Hofstaat und die Gesandten der daimyo waren nunmehr Statisten. Andererseits war die Gewährung definierter sozialer Frei- und Spielräume im Rahmen eines Staatskults - das vermeintlich religiöse Pilgern nach Ise (und Nikkô) – Teil des politischen Kalküls der Tokugawa und seiner neu-konfuzianistischen Berater. Dabei verstand man es, primär die eigene Macht zu sichern und unternehmerische Interessen zu stützen. Die Stabilität der feudalen Ordnung war von sekundärem Belang: Das bakufu überdauerte die wirtschaftlichen Umbrüche des 18. Jhd. – Aufstieg eines informierten und finanzkräftigen Bürgertums, Verarmung des Ritterstands und der Kleinbauern, eine wachsende Schar an besitzlosen Arbeitskräften, Tagelöhnern und Singles – bis zur externen Intervention. Es bedurfte einiger Ambivalenz gegenüber der Aufrichtigkeit der Reisenden, deren „Wall- und Heilfahrten“ zunehmend touristische Züge annahmen, aber durch die tegata dem bakufu auch Einnahmen bescherten. Die danna verweilten gerne, ihren finanziellen Mitteln gemäß, in Uji-Yamada, nicht unähnlich einer modernen Kur-, Erlebnis- und steuerfreien Shopping-Destination. Ise bediente eine überwiegend männliche Klientel, der in Furuichi und in Uji entsprechendes Entertainment von weitgehend mittellosen Dienstleistern geboten wurde. Das Beispiel von Ise zeigt, wie die „legitimierte Wallfahrt“ für das Einkommen einer lokalen Bevölkerung unverzichtbar und diese vom marktwirtschaftlichem Wettbewerb geprägt und abhängig wurde. Effizienz und Produktivität wuchsen durch Arbeitsteilung, die Monetarisierung der Gesellschaft und technische Innovationen. Populärliteratur, Reiseführer und die farbigen Holzschnitte waren zugleich ein neuer Wirtschaftszweig, förderten die Standardisierung eines werbewirksamen Ise Narrativs und ermöglichten einem Bürgertum mit Zeit zur Muße unabhängiges Reisen zu Bildungs- und Vergnügungszwecken. Die kommerzielle Erhältlichkeit zunehmend genauer Karten und Panoramen vermittelten der Bevölkerung ein räumliches und wirtschaftliches Verständnis ihres Landes und formten eine nationale Identität. Mit dem Anbruch der Epoche der Industrialisierung und der Eisenbahn lud ein vermessenes und bildlich erfasstes Dai-Nippon ein, erschlossen zu werden. Aus danna waren Touristen geworden. 15
Literaturverzeichnis ANON: Soul of Japan – An Introduction to Shinto and the Ise Jingu. Public Affairs Headquarters for Shikinen-Sengu, Yoyogi, Shibuya, 2013. ANDREI, Talia J.: “Mapping Sacred Spaces: Representations of Pleasure and Worship in Sankei mandara”, S. 153-213, Doctor Thesis, Columbia Uni., 2016. CHIAVACCI, David: „Die soziale Konstruktion des japanischen Reisemarktes in der Edo-Zeit“, In: Japanstudien, Bd. 13, Nr. 1 (2002), S. 411-436. ISHIMORI, Shuzo: “Popularisation and Commercialization of Tourism in Early Modern Japan”. In: Senri Ethnological Studies, Bd. 26 (1989), S. 179-194, National Museum of Ethnology. KAEMPFER, Engelbert u. DOHM, Christian W. (Hsg): Geschichte und Beschreibung von Japan, Drittes Buch. Meyersche Buchhandlung, Lemgo, 1777. KNECHT, Peter: “Ise sankei mandara and the Image of the Pure Land”. In: Jap. Journal of Religious Studies, Bd. 33, Nr. 2 (2006), S. 223-248, Nanzan Institute. KREINER, Josef (Hsg.): Geschichte Japans (6. Auflage). Stuttgart: Reclam, 2018. NENZI, Laura: “To Ise at all Costs – Religious and Economic Implications of Early Modern nukemairi”, In: Jap. Journal of Religious Studies, Bd. 33 Nr. 1 (2006), S. 75-114, Nanzan Institute. REYNOLDS, Jonathan M.: “Ise Shrine and a Modernist Construction of Japanese Tradition”, In: The Art Bulletin, Bd. 83, Nr. 2 (2001), S. 316-341, CAA. TEEUWEN, Mark u. BREEN, John: A social history of the Ise Shrines – Divine Capital. Bloomsbury Academic, 2017. VAPORIS, Constantine Nomikos: Breaking barriers: travel and the state in early modern Japan. Cambridge: Harvard University Press, 1994.
16