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Schmaus oder Graus Warum wir nicht mehr vernünftig essen Globetrottel – eine Polemik gegen das Reisen als Konsumgut

Sprungbrett Internet: wie sich Jungautoren online einen Namen machen

Nr. 317 | 17. bis 30. Januar 2014 | CHF 6.– inkl. MwSt. Die Hälfte des Verkaufspreises geht an die Verkaufenden. Bitte kaufen Sie nur bei Verkaufenden mit offiziellem Verkaufspass.


Schön und gut. Ab sofort sind die trendigen Surprise-Caps und Surprise-Mützen mit eleganter Kopfwerbung wieder erhältlich. Beide Produkte in Einheitsgrösse. Jetzt Zugreifen!

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*gemäss Basic 2008-2. Seite bitteMACH heraustrennen und schicken oder faxen an: Verein Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@vereinsurprise.ch

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Ist gut. Kaufen! Die neuen Surprise-Taschen sind da! Gemeinsam mit dem Secondhand-Shop «Zweifach» aus Basel haben wir neue und schicke Surprise-Tasche entworfen! Die Taschen werden umweltfreundlich aus nicht mehr gebrauchten Lastwagenplachen genäht und mit Autogurten versehen. Sie sind geräumig und verfügen innen über ein grosses Zwischenfach. Erhältlich sind sie in den Farben Rot, Blau, Grün, Orange und Schwarz.

Zweifach ist ein Betrieb der Eingliederungsstätte Baselland und bietet jungen und erwachsenen Menschen mit einer Behinderung die Möglichkeit, im beruflichen Alltag Fuss zu fassen. Tun Sie sich, Zweifach und auch Surprise etwas Gutes und bestellen Sie noch heute ihre Tasche in ihrer Lieblingsfarbe! Surprise City-Taschen (24,5 x 35,5 cm); CHF 45.– (exkl. Versandkosten) schwarz orange grün blau rot

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Titelbild: WOMM

Editorial Ersatzbefriedigungen BILD: DOMINIK PLÜSS

Was hatten Sie zum Zmittag? Salat, ein Sandwich oder die Znachtresten von gestern? Waren Sie in der Kantine oder im Restaurant? Egal, was und wo Sie gegessen haben, wahrscheinlich musste es schnell gehen, denn wer hat denn noch Zeit am Mittag, vernünftig zu kochen. Die Titelgeschichte dieser Ausgabe beschreibt ab Seite 10, wie die traditionelle Alltagsküche allmählich verschwindet. Dafür entwickeln sich unsere Ernährungsgewohnheiten in zwei entgegengesetzte Richtungen: Fertigprodukte auf der einen Seite, auf der anderen aufwendige Mehrgänger aus erlesenen Lebensmitteln. Oft finden sich diese beiden Pole in ein und derselben Person. Denn wie unsere Coverstory zeigt, ernähren sich auch Wochenend-Gourmets, die ihre Küche als Kunst- RETO ASCHWANDEN raum verstehen, werktags oft von Fertiggerichten. Es wird einem ja auch einfach REDAKTOR gemacht. Längst bedeutet «fixfertig» mehr als Büchsenravioli und Beutelsuppen aus der Glutamat-Hölle. Vieles kommt frisch und naturbelassen, manchmal gar in BioQualität daher. Das erleichtert den Kaufentscheid. Eine Salatschale und ein Käseküchlein ergeben schliesslich auch eine Mahlzeit. Instant-Nahrung macht schnell satt, doch führt sie auch schnell zur Ernüchterung, denn das Bedürfnis nach Genuss kann sie nicht befriedigen. Also verschieben wir das «gute Essen» aufs Wochenende. Und schiessen übers Ziel hinaus: Erst wird auf dem Markt oder direkt ab Hof Frisches aus der Region eingekauft, anschliessend mit viel Brimborium Häuptling am Herd gespielt. Gewiss, das kann Freude machen, oftmals wirkt es aber wie eine übertriebene Ersatzhandlung zur Kompensation einer ganzen Woche voll mit frustrierendem Fastfood. Ersatzhandlung ist auch ein Stichwort zu einem anderen Artikel in diesem Heft. Der Beitrag «Bleibt daheim» rückt ab Seite 14 die Globetrotter in ein schiefes Licht. Denn auch Weltenbummler, die auf Pauschaltouristen hinunterschauen, ersetzen den echten zwischenmenschlichen Austausch durch unverbindliche Kurzbegegnungen, so die These der Autorin. Man muss diese Haltung zum Reisen nicht teilen, bedenkenswert ist sie allemal. Mein Vorschlag: Ziehen Sie sich zurück in Ihre eigenen vier Wände und nehmen Sie sich Zeit. Zeit zum Kochen: Nichts Kompliziertes, sondern etwas Schlichtes wie eine Bolognese (meinetwegen mit Hack-Tofu). Das Rüsten und Schneiden des Gemüses entspannt und sorgt für Seelenruhe, und wenn dann die Sauce vor sich hin köchelt, können Sie in Minne ein bisschen sinnieren – zum Beispiel über Ihre Ernährungs- und Reisegewohnheiten. Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre Reto Aschwanden

Surprise ist auf Spenden angewiesen. Auch auf Ihre! Herzlichen Dank. PC-Konto 12-551455-3 Ihre Meinung! Wir sind gespannt auf Ihre Kritik, Ihr Lob oder Ihre Anmerkungen. Schreiben Sie uns! Auf leserbriefe@vereinsurprise.ch oder an Verein Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel. Es werden nur Leserbriefe abgedruckt, die mit vollem Namen unterzeichnet sind. Die Redaktion trifft eine Auswahl und behält sich vor, Briefe zu kürzen. Oder diskutieren Sie mit uns auf www.facebook.com/vereinsurprise SURPRISE 317/14

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10 Kochen Zwischen Feinkost und Fertigfrass Unsere Ernährungsgewohnheiten driften auseinander: Die einen essen fast nur noch Industrieware, die billig und schnell gekocht ist. Andere zelebrieren die Zubereitung exklusiver Köstlichkeiten. Einfach vernünftig Kochen scheitert hingegen oft an mangelnden Fähigkeiten. Ein Essay zu unserem Umgang mit Nahrung plus ein Interview mit der TV-Köchin Sarah Wiener.

16 Online-Literatur Im Netz der Schreibtalente Klinkenputzen bei Verlagen war gestern. Wer heute publizieren will, tut das in Blogs oder in den sozialen Medien. Neben Schrott und warmer Luft findet so auch manche Perle ein Publikum. Yonni Meyer und Michèle Hügin erschrieben sich mit ihren FacebookKolumnen in kurzer Zeit grosse Fangemeinden, Philippe Wampfler wurde durch seinen Blog zum gefragten Fachmann für soziale Medien in der Schule. Einblicke in die neue Talentschmiede für Jungautoren.

ILLUSTRATION: PATRIC SANDRI

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Inhalt Editorial Zeit zum Essen Basteln für eine bessere Welt Ferienfeeling daheim Aufgelesen Gemeinsam schimpfen Zugerichtet Händchen halten mit dem Schläger Leserbriefe Köstlich und besinnlich Todesanzeige Kurt Brügger Porträt Leben ist Bewegung Lifestyle Reisen Die Welt ist keine Spielwiese Wörter von Pörtner Sinnlose Sprichwörter Film Liechti in Solothurn Kultur Zeitinseln Ausgehtipps Zivilcourage als Kunst Verkäuferporträt Schicksalhafte Begegnungen Projekt SurPlus Eine Chance für alle! In eigener Sache Impressum INSP

BILD: WOMM

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BILD: REUTERS/JASON LEE

19 Nordkorea Ein Land abseits der Welt

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Nordkorea ist ein abgeschottetes Land, das nur Schlagzeilen macht, wenn sein Herrscher Kim Jongun mit dem Säbel rasselt oder sich beklagt, dass ihm die Schweiz keine Skilifte liefern will. Über den Alltag der Nordkoreaner ist hingegen wenig bekannt. Ein Bildessay liefert Einblicke in eine Gesellschaft, die nach strengen Regeln funktioniert.

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ILLUSTRATION: SOPHIE AMMANN | WOMM

Anleitung: Kaufen Sie sich im Einrichtungsgeschäft Ihres Vertrauens eine Papierlampe, suchen Sie sich im Internet ein Bild Ihres Traumstrands und malen Sie diesen mit nicht zu stark verdünnter Wasserfarbe (vorsichtig auftragen!) auf die Lampe. Licht an! Und der Sommer zieht ein.

Basteln für eine bessere Welt Südsee-Lampe Im Winter mal schnell in den Süden fliegen, um Sonne zu tanken? Eine Klimasünde, da hilft kein Lamento und kein Verweis auf von der Ölindustrie unterstützte Klimawandel-Skeptiker. Das ist allerdings noch lange kein Grund, sich dem Winter-Blues widerstandslos zu ergeben: Ein Sandstrand auf der Lampe zaubert Südseestimmung in jede gute Stube. SURPRISE 317/14

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Aufgelesen News aus den 90 Strassenmagazinen, die zum internationalen Netzwerk der Strassenzeitungen INSP gehören.

Blind im Stadion München. Nach dem Verlauf des letzten Spiels seiner «Löwen», sprich 1860 München, befragt, meinte Stadionbesucher Christian Bauer: «Sehr schlecht!» Die Löwen seien einfach nicht in der Lage gewesen, vernünftig nach vorne zu spielen. Das Besondere an Löwen-Fan Bauer: Er ist seit dem 19. Altersjahr blind. Dank einer Moderation über Kopfhörer bekommt er trotzdem alles mit. Ins Stadion geht er aber nie alleine, denn: Wichtig bei einem Fussballspiel sei, dass «man anschliessend gemeinsam schimpfen kann».

Blank und clean in Budapest Linz. Die 21-jährige Linzerin Tanja lebt als Punk auf der Strasse, seit sie mit 13 vor der Gewalt in ihrem Zuhause geflüchtet ist. Mit Alkohol und Crystal Meth habe sie ihren Körper «total zerstört». In Budapest wollten sie und ihr Freund einen Neuanfang wagen. Keine gute Idee: Sie machten die Erfahrung, dass im rechtskonservativen Ungarn Obdachlose konsequent von der Polizei vertrieben, gebüsst und ins Gefängnis gesteckt werden. Trotzdem habe der Aufenthalt sein Gutes gehabt: Sie schlossen neue Freundschaften und da sie mit Betteln kaum etwas verdienten, seien sie «durchgehend clean» geblieben.

Männer am Herd Nürnberg. Starkoch Marcus Pregler engagiert sich gerne ehrenamtlich, darum kreiert er monatlich ein Rezept für den Strassenkreuzer. Sein Geld verdient er unter anderem mit seiner Catering-Firma und einer Gartenbeiz namens «Männer am Herd». Der Name ist bewusst gewählt: Pregler beklagt, dass es heute kein gesundes Rollenmodell für den heranwachsenden Mann gebe, und definiert «männliche Souveränität» wie folgt: «Ich muss nicht besser sein als der andere, ich bin gut aus mir heraus.»

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Zugerichtet Unheilige Nacht Ein Mann und seine schwangere Verlobte warten händchenhaltend vor dem Gerichtssaal. Der Schein trügt, es ist ein Paar, das mit seiner Beziehung nicht klarkommt. Das ist beileibe nichts Aussergewöhnliches am Gericht, es liesse sich jeden Tag von einem Fall berichten unter der Überschrift «Sie küssten und sie schlugen sich». Die Geschichte endet meist damit, dass die Polizei erscheint und der Staatsanwalt Anklage erhebt, in den meisten Fällen gegen den Mann. Bei Marcel* und Ana Maria war es nicht anders. Als sie zusammenzogen, war sie 22, während ihrer fünfjährigen «eheähnlichen Beziehung» hat sie eine Ausbildung zur Kosmetikerin abgeschlossen, sie ist tüchtig im Geschäft, gleichmütig, sie scheint auch die Besonnenere zu sein. Marcel, der 18 Jahre ältere, ist der Kindische, Trotzige, der seine Wunden auf unreife Weise leckt. Ein Mann mit exakt gegelten Haarstacheln auf dem Kopf und einem hohlwangigen, grauen Gesicht von unendlicher Traurigkeit. Weihnachten feierten sie zu zweit, Kerzen brannten, aber romantisch war es nicht. An jenem Abend floss viel Schnaps, Marcel ertrank im Selbstmitleid, und vielleicht ertränkte er es auch. Sie schrien sich an. Marcel hatte mit Selbstmord gedroht, nicht zum ersten Mal. Man erfährt es en passant. Die Beziehungsprobleme sind für den Fall nicht relevant und das Gericht nicht dazu da, sie zu lösen. Wäre er der häuslichen Gewalt angeklagt, hätte man ihn fragen können, warum. Warum Gewalt gegen den Menschen, den er zu lieben vorgibt. Warum wollte er seinem Leben ein Ende setzen, warum schlug oder stiess er seine Freundin?

Aber hier wird eine andere Geschichte erhandelt: Marcel ist der Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte angeklagt. Er «opponierte vehement», wie es in der Anklageschrift heisst, als die Polizisten ihm Handfesseln anlegen wollten, er trat «rabiat» mit Fäusten und Füssen nach ihnen, als sie ihn auf die Matratze in der Ecke stiessen, er liess sich fallen, als sie ihn mitnahmen. Er schlug und schrie wild um sich: «Wichser, Scheissbullen, Idioten, Ihr seid doch alles Penner, Arschlöcher.» Und er drohte, er werde sie, die Polizisten und Polizistinnen, «kaputt» machen. Ana Maria hatte in jener Nacht die Polizei gerufen. Als diese eintraf, sassen der Mann und die Frau auf dem Sofa und schrien sich an. Die junge Frau hatte eine Platzwunde im Gesicht. «Was machen Sie in meiner Wohnung», brüllte Marcel, «das ist eine private Sache.» Ana Maria habe geweint, so steht es in der Anklageschrift. «Der ist nicht so, der wird nie wieder so was tun», habe sie gesagt. Da war klar, dass Marcel ihr die Verletzungen beigebracht hat. Er wurde aufgefordert, sich in die andere Ecke des Zimmers zu begeben, aber er sah den Grund der Massnahme nicht ein. Ana Maria sei umgefallen, über einen Teppich gestürzt. So berichtet Marcel. «Ich habe doch nichts getan. Es war ein Unfall.» Der Richter verurteilt ihn schliesslich zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu 80 Franken sowie einer Busse von 1000 Franken. Draussen im Korridor nimmt Ana Maria Marcels Hand und sagt sanft: «Mein Fehler war, die Polizei überhaupt zu rufen.» * persönliche Angaben geändert ISABELLA SEEMANN (ISEE@GMX.CH) ILLUSTRATION: PRISKA WENGER (PRISKAWENGER@GMX.CH) SURPRISE 317/14


Leserbriefe Von Fleischessern besetzt Nr. 312: Freund und Schläger Veganismus – Tierlos von A bis Z Was zählt, ist weniger Tierleid Wer sich näher mit dem Thema Vegetarismus und Veganismus auseinandersetzt, den verwundert es nicht, dass die Deutsche Gesellschaft für Ernährung erwähnt, dass eine vegane Ernährung zu Mangelerscheinungen führt. Schliesslich sind diese Gremien fast ausschliesslich von Fleischessern besetzt. Und diese Ämter arbeiten eng mit der Fleischlobby zusammen. In der Schweiz empfiehlt das Bundesamt für Ernährung aktuell, wenig Fleisch und tierische Produkte zu konsumieren, dafür umso mehr Früchte und Gemüse. Tatsache ist, dass der Bund Fleisch, Eier und Milch mit 80,6 Prozent, Früchte, Gemüse und Getreide hingegen nur mit 6,1 Prozent subventioniert! Aus was für Gründen auch immer sich jemand für eine vegane Ernährung entscheidet, ist mir eigentlich egal. Hauptsache, es gibt dadurch weniger Tierleid; und das ist, was zählt. Patrick Meder, Münchenstein

Nr. 315: Stimmung! – Dichtung und Wahrheit zum Jahreswechsel Grosses Geschenkpaket Herzlichen Dank für das Super-Surprise-Weihnachtsheft! Es präsentierte sich für mich wie ein grosses Geschenkpaket mit vielen köstlichen, festlichen, besinnlichen und humorgewürzten Dichtungen und Wahrheiten! Betty Zuaboni, Winterthur

Surprise allgemein Respekt vor den Verkäufern Gerade habe ich die Ausgaben 312 und 313 von Surprise gelesen. Als pensionierter Fachredakteur und Druckfachmann muss ich Ihnen ein Lob aussprechen: Inhalt, Gestaltung und Druck sind ganz einfach gut. Eine höhere Auflage wäre Ihnen aufgrund der lobenswerten Aktivitäten zu wünschen. Meine Frau kauft regelmässig Surprise bei einem liebenswürdigen Menschen, der vor dem Coop in Liebefeld BE verkauft. Durch zahlreiche Gespräche kennt sie seine harte Lebensgeschichte. Klagen hört man ihn aber nicht, ganz im Gegenteil. Jetzt steht den Verkäufern wieder stundenlanges Stehen in der Kälte bevor. Ich habe Respekt vor diesen Leuten. Heino Petersen, per E-Mail Durch eigenes Schicksal sensibilisiert Für mich ist es eine Ehrensache, Ihr Magazin zwar nicht regelmässig, aber doch sehr oft zu kaufen. Auffallend ist die Qualität der Artikel, in sprachlicher und inhaltlicher Hinsicht, von der Grundidee des Magazins nicht zu reden! Vielleicht bin ich auch durch mein eigenes Schicksal für soziale Probleme sensibilisiert worden: Ich habe in Zürich Zahnmedizin und Medizin studiert, habe vier Kinder und bin geschieden. Jetzt bin ich ein Sozialfall. Meine vormalige Arbeit als niedergelassener Zahnarzt kann ich der Depression und anderer Begebenheiten wegen nicht ausüben. Ohne meine Lebenspartnerin, eine angehende Sozialpädagogin, wäre ich nicht nur auf der Strasse, es wäre wahrscheinlich mit mir noch schlimmer gekommen. Serge Ljubenovic, per E-Mail

Nominieren Sie Ihren Starverkäufer! Schreiben Sie uns mit einer kurzen Begründung, welche/n Verkäufer/in Sie an dieser Stelle sehen möchten: Verein Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 (0)61 564 90 99, redaktion@vereinsurprise.ch

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BILD: DOMINIK PLÜSS

Bundesrätin Graf? Das Gespräch mit der letztjährigen Nationalratspräsidentin Maya Graf ist sehr gut und kann sicher nur Sympathien gewinnen. Sie überzeugt durch ihr sicheres, echte Werte vermittelndes Auftreten, und ich sehe sie als nächste Bundesratskandidatin. Surprise ist in jedem Fall eine ausgezeichnete Zeitschrift, die Themen aufgreift, welche andernorts kaum zur Sprache kommen. Alles Gute für 2014! Idamaria Tudora, Zürich

Kurt Brügger † Bestürzt müssen wir mitteilen, dass Kurt Brügger verstorben ist. Kurt war als Verkäufer und Vertriebsmitarbeiter lange eine Identifikationsfigur für Surprise. Kurz vor Redaktionsschluss erreichte uns die Nachricht von seinem Tod. Wir trauern um einen Kollegen, der von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern genauso geschätzt wurde wie von der Kundschaft. Einen ausführlichen Nachruf auf Kurt Brügger finden Sie im nächsten Heft.

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Porträt Tanz zur eigenen Mitte Die Zürcherin Maya Farner ist eine Pionierin des orientalischen Tanzes in der Schweiz. Die Liebe dazu brachte ihr nicht nur Erfolg, sie half ihr auch, Lebenskrisen zu überwinden – in denen sie das Tanzen eigentlich hätte aufgeben müssen. VON ADRIAN SOLLER (TEXT) UND ANDREA GANZ (BILD)

Stunden. Zusammen mit dem Unterricht kommt die Besitzerin eines Tanzstudios in Zürich so auf einen Arbeitstag von acht Stunden. Fünfmal pro Woche ergibt das «eine ganz normale Arbeitswoche halt». An einem Bühnenstück arbeitet die ausgebildete Tanzpädagogin rund zwei Jahre. Doch so lange der Weg zur Vollendung eines neuen Stückes auch sein mag, der Weg zum Anfang war ungleich länger: Mit 21 Jahren musste Farner das Tanzen aufgeben. Ihr Knie wollte nicht mehr. Sie hatte eben die Ausbildung zur Kindergärtnerin abgeschlossen, doch sie mochte ihren Job nicht. Umso mehr liebte sie den Flamenco. Erst ignorierte sie den Schmerz im Knie. Sie ignorierte ihn am Morgen beim Aufstehen. Sie ignorierte ihn am Abend beim Tanzen. Sie ignorierte ihn, solange sie konnte. Schliesslich musste Farner das Knie doch operieren. In jenem Moment der Krise fand sie ihr Glück: Sie fand zum orientalischen Tanz. Im Gegensatz zu anderen Tänzen schmerzten sie die sanf-

Auf der Bühne ist sie eine Bewegung. Jener Wirbel, um den sich alles dreht. Immer schneller rotiert Maya Farner auf ihren Zehenspitzen um die eigene Achse. Ihr Publikum sieht sich zuweilen schwindlig daran. Ihre Haare jubeln im Scheinwerferlicht. Ihr Mund formt sich zu einem Lächeln. Das Lächeln gehört zum Auftritt. Der explosive Moment der Freude soll auch im Gesicht der 49-jährigen Tänzerin Ausdruck finden. Und dennoch: Ihr Lächeln ist nicht gespielt. Es ist so echt wie der Rest der Vorstellung. Tanzt Farner, passt alles zusammen: ihre Bewegungen, ihre Emotionen – ihre Geschichte. Der rasante Drehtanz scheint ihre Innenwelt nach aussen zu wirbeln. «Auf der Bühne fühle ich mich ganz», sagt die orientalische Tänzerin und Choreografin. Mit «ganz» meine sie, dass ihre Gefühle und Bewegungen übereinstimmen, eins sind. Mit «ganz» meine sie, dass es Ihre Erziehung war streng religiös, die «gerechte Strafe Gottes» ihr in jenem Moment an nichts fehlt. Und das etwas, wovor sie sich fürchtete. Denkt sie heute an jene Momenliegt wohl daran, dass Maya Farners Tanz ihr te der Schuld zurück, reicht ihr die Angst die Hand zum Tanz. ganzes Gefühlsleben widerspiegelt. Bevor sie ein neues Tanzelement einstudiert, versetzt sie sich gedanklich in eine bestimmte Lebenssituation zurück. Denn die ten Bewegungen dieses Tanzstiles nicht. Im Gegenteil: Wenn sie im Konzentration auf bestimmte Lebensthemen sei es, die bestimmte GeRhythmus der Musik mit den Hüften kreiste, vergass sie den Schmerz. fühle an die Oberfläche bringe. Gefühle, die die Choreografin zu BeweIn Istanbul nahm sie zum ersten Mal Unterricht im Drehtanz – und feiergungen weiterverarbeitet. Gefühle, die sie zum Tanzen antreiben. «Zum te damit ihre «Wiederauferstehung». Tanzen braucht es beides: Körper und Gefühl», sagt Farner. 14 Jahre später war der Schmerz wieder da. Farner brach gerade ihr Glücksgefühle überkommen Farner heute, wenn sie an den Keller ihStudium in Vergleichender Religionswissenschaft ab. Sie war kurz vor res Elternhauses zurückdenkt. Als Kind war der zugestellte Raum für sie dem Lizentiat, wollte aber von nun an vom Tanzen leben. Als eine der eine Schatzkammer. Stundenlang konnte sie sich zwischen Holzstühlen Schweizer Pionierinnen im aufkommenden orientalischen Tanz konnte und Tüchern verweilen. Der etwas abgestandene Geruch nach altem sie sich vor Aufträgen kaum retten. Und dann, plötzlich, blockierte ihr Holz bedeutet für sie den Duft einer unbeschwerten Kindheit. GleichKnie. Die Ärzte sagten, dass es mit Tanzen nun vorbei sei. Farner wurwohl erinnert sich Farner an beklemmende Momente. So war sie sich als de depressiv. Teenager ständig «ihrer eigenen Unzulänglichkeit» bewusst. Ihre ErzieMittlerweile ist sie dankbar für diese Zeit. Denn erneut stellte sich ein hung war streng religiös, die «gerechte Strafe Gottes» etwas, wovor sie Krisenmoment als Glücksmoment heraus. So entdeckte Farner in jener sich fürchtete. Heckte sie etwas aus, quälte sie das schlechte Gewissen. Zeit einen neuen Zugang zu ihren Emotionen: Statt aus Gefühlen BeDenkt sie heute an jene Momente der Schuld zurück, reicht ihr die wegungen zu formen, begann sie aus Bewegungen Gefühle zu formen. Angst die Hand zum Tanz. Indem sie ihren Oberkörper zu orientalischer Musik bewegte, tanzte sie Mittlerweile ist sie längst aus der Kirche ausgetreten. Zu eng seien ihr gegen ihre eigene Hoffnungslosigkeit an. Heute gilt Farner als Expertin die christlichen Strukturen, zu dogmatisch. Und dennoch war es gerade im zeitgenössisch-orientalischen Tanz sowie im Drehtanz der Derwidie religiöse Erziehung, die sie dem orientalischen Tanz näherbrachte. sche und im Trance-Tanz. Die Kurse in ihrem Studio an der Zürcher Ob Götterboten, Geister oder Dämonen: Farners Auftritte sind voller spiWyssgasse sind ständig ausgebucht. Sie ist Mitglied des Berufsverbanritueller Symbolik. Symbolik, die sie in Bewegung verwandelt. So liebt des für Tanzschaffende «Danse Suisse» und hat einen Lehrauftrag an der es die Trance-Tänzerin, Formen aneinanderzureihen. Bevor die ZentriUniversität Bern. Maya Farner gilt als jene Frau, die den orientalischen fugalkraft ihren Rockstoff zu einem Kreis zerrt, formt sie diesen schon Tanz in der Schweiz zu einer zeitgenössischen Kunstform weiterentwimal mit ihren Armen. Verschiedene Figuren leiten das Publikum so ckelt hat. Maya Farner hat Erfolg. Gesucht hat sie ihn allerdings nie: Gedurch ihre Auftritte, geben Halt. Farners Figuren erscheinen oft zufällig. sucht hat sie immer nur sich selber. Und ihre eigene Perspektive auf das Doch an dieser scheinbaren Zufälligkeit arbeitet sie täglich mehrere Glück. ■ SURPRISE 317/14

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Kochen Auf der Suche nach der verlorenen Alltagsküche Essen wird zum Statussymbol. Während immer mehr Freizeitgourmets Kochen als Hochleistungssport betreiben, ernährt sich die Masse bald nur noch von billiger Industrieware. Auf der Strecke bleibt dabei die Alltagsküche.

VON SERAINA KOBLER

fe, ein Kilo Kartoffeln und eine Trüffelbutter bezahlt sie rund 70 Franken. Fast zur gleichen Zeit lädt eine andere Mutter 200 Meter weiter im Billigdiscounter fünf Kilo Nudeln im Aktionspack, fertige Tomatensauce im Glas, ein Gebinde UHT-Milch im Tetrapack, Fischstäbchen und Lebkuchen mit Schokoladenglasur aufs Kassaband. Die Leuchtschrift zeigt nicht ganz 30 Franken an.

«Sprudel-Mojitos kitzeln den Gaumen. Aceto Balsamico Perlen zerplatzen wie kleine Feuerwerke auf der Zunge. Schokoladenspaghetti schmelzen in seidiger Textur im Mund.» Für 89.95 Franken kann man alles Nötige kaufen, um sich wie der Starkoch Ferran Adrià vom weltberühmten «El Bulli» zu fühlen. Das MoDer unsichtbare Kreislauf lekularküche-Geschenkset enthält neben einer DVD mit 50 Rezepten verBeide Mütter werden zuhause ein Abendessen für ihre Kinder zubeschiedene Lebensmittelzusätze, eine Spritze, drei Silikonschläuche, fünf reiten. Alle Kinder werden satt werden. Aber die einen werden später Pipetten und einen geschlitzten Kochlöffel. Fertig ist die Molekularküche. einmal mit Sicherheit einen anderen Bezug zum Essen haben als die anDiese wird vom Anbieter als «Verschmelzung von Lebensmittelwissendern. Denn was unsere Kinder heute vorgesetzt bekommen, hat Einfluss schaft und kulinarischer Kunst» angepriesen. Die Vorstellung, welche die auf die Esskultur der kommenden Generationen. Die österreichische KöWerbung weckt, berieselt unsere Sinne wie der Duft von frisch aufgechin Sarah Wiener, die seit Jahren eine Kochsendung auf dem Kulturbackenem Brot im Einkaufszentrum. Sie weckt ein ähnliches Begehren sender Arte hat, bringt Kindern mit ihrer «Sarah Wiener Stiftung – Für wie das Bild eines menschenleeren Strandes auf einer Südseeinsel. Es gesunde Kinder und was Vernünftiges zu essen» das naturnahe Kochen geht um Erlebnisse, Selbstfindung und ja, es geht auch um Lifestyle. bei. In über 500 deutschen Schulen hat sie ein Kontrastprogramm zur Für viele Männer der Generation der heute Siebzigjährigen war es eintönigen Schnellverpflegung nach Kantinenart ins Leben gerufen. weitgehend selbstverständlich, nicht einmal ein weiches Ei selbst kochen «Leider wissen die Kinder immer weniger über die Nahrung, und es wird zu können. Heute gelten sogenannte Food-Skills, also Essen einschätzen immer dramatischer», sagt Wiener (siehe auch Interview auf Seite 13). und zubereiten zu können, als Statussymbol. Der Kochherd ist zum Objekt der Männerphantasie geworden. Das Internet fungiere dabei als eine Art GeschmacksverFrüher konnten viele Männer kaum ein weiches Ei zubereiten. stärker, schreibt das Gottlieb Duttweiler InstiHeute ist der Kochherd ein Objekt der Männerphantasie. tut (GDI) in seinem neusten «European Food Trends Report». Auf Facebook und Twitter Grund sei, dass auch die Erwachsenen nicht mehr mit der Natur und der grassieren Bildergalerien von Mahlzeiten, die per Smartphone ins BlickLebensmittelproduktion verbunden seien. So könne man den Kindern feld von Freunden und Bekannten gerückt werden. Kein anderer Kulkaum noch den Kreislauf von Säen, Ernten, Verarbeiten näherbringen. tursektor hat im Internet in so kurzer Zeit eine grössere Menge an geEs gebe immer weniger Kleinbauern und Märkte, die Städter mit Landsammelten Kompetenzen hervorgebracht, die auf sozialen Netzwerken wirten zusammenbringen. Fahre man aufs Land, sehe man nur weite, ausgetauscht werden. begradigte Felder von Monokulturen. «Erst wenn es nach Gülle stinkt, denken wir: aha, Land!» Darin erkennt Wiener ein ernsthaftes Problem: Essen ist gelebte Kultur Je weniger wir die Natur unmittelbar erfahren, desto weniger entwiDoch das ist nur die eine Seite der Medaille. Denn obwohl der Anteil ckeln wir eine Sehnsucht nach ihr – und den Wunsch, sie zu schützen. an Menschen mit hohen Ansprüchen an die Lebensmittelqualität geAuch Kathrine Balsiger von Gunten, Präsidentin der Fachkommission nauso steigt wie jener an Flexitariern – also Leuten, die mehrheitlich auf Hauswirtschaft beim Schweizer Lehrerverband, beobachtet «eher eine Fleisch und Fisch verzichten –, Veganern und Vegetariern, bleibt die Verarmung» bei Ernährungsbewusstsein und Geschmack sowie «eine Nachfrage nach Billigprodukten unverändert hoch: Industriefood mit Verarmung von Wissen und Können». Oft seien sich die Jugendlichen gegenveränderten und chemisch behandelten Zutaten, Eier aus Legebatmeinsame Mahlzeiten im Elternhaus nicht mehr gewohnt, sagte Balsiger terien und Fleisch aus Massenproduktion boomen wie eh und je. von Gunten im Gastro Journal. Zudem sieht sie grosse Unterschiede in Zürich, Limmatplatz, am 20. Dezember des letzten Jahres. Es ist kurz den Ernährungsgewohnheiten der Schüler – ein weiteres Indiz dafür, vor Feierabend, und im Bioladen an der Ecke steht eine junge Mutter an dass sich die Schere in Sachen Esskultur in unserer Gesellschaft immer der Kasse. Für getrocknete Lachsstreifen, eine biologisch abbaubare Sei-

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weiter öffnet. Im neuen Lehrplan 21, der als Mustervorlage für die kantonalen Vorgaben dient, nimmt Essen und Trinken immerhin drei Seiten ein und verlangt vier komplexe Lernziele. Man achte zwar auf eine gesunde Ernährung, aber man sei weit weg davon, den Mahnfinger zu heben, sagt Balsiger. Auch für TV-Köchin Sarah Wiener sind Moralpredigten der falsche Weg. Stattdessen will sie Lust und Freude vermitteln und empfiehlt, man solle die Kinder «einfach mitkochen lassen».

auseinander. Denn auch wenn die Eltern versuchen, «gut» zu kochen, sind sie doch oft berufstätig und die Kindertagesstätten und Mittagstische der Schulen werden zu Aussenstationen der Geschmacksentwicklung. Das Defizit von Kindern aus Familien, in denen nicht gekocht wird, vergrössert sich. Es sei denn, im Kindergarten oder in der Schule würde Kochunterricht angeboten. Was in verschiedenen europäischen Staaten derzeit diskutiert wird, könnte zu einem wichtigen bildungspolitischen Ziel werden: Heute findet der Hauswirtschaftsunterricht erst in den höheren Klassen statt. Wichtig wäre aber laut Experten, dass Kinder schon von klein auf Kompetenzen in diesem Bereich erlangen. Die Schwierigkeiten einer sinnvollen Ernährung im Alltag beschäftigen auch immer mehr Unternehmen. Und manche handeln. Sie wählen

Fastfood bei der Arbeit – Feinkost in der Freizeit Während die Schule versucht, bei Jugendlichen die kulinarischen Defizite zu beheben und elementare Fähigkeiten zu lehren, hat sich in der Erwachsenenwelt eine regelrechte Gourmet-Industrie entwickelt. Das gemeinsame Schlemmen ist für viele der Ausgleich zu einer sonst eher prüden Kultur. Am Das Genusserlebnis trägt die Wochenend-Gourmets durch die Wochenende wird zum festlich inszenierten nächste Arbeitswoche. Dann gibt es Fastfood und unregelmäsAbendessen eingeladen. Der Gastgeber steht sige Mahlzeiten. stundenlang in der Küche. Backt Sauerteigbrot mit Stammbaum. Rollt Teig aus für die selbstdas Thema Essen, um Fürsorge und Verbundenheit gegenüber ihren gemachten Mezzelune – mit einheimischen schwarzen Wintertrüffeln – Angestellten auszudrücken. Speziell in der Kreativwirtschaft werden und rührt Zabaione mit Eiern von Hühnern, die er persönlich kennt. Der gemeinsame Mahlzeiten gefördert. Dazu braucht es weder eine vegeSalat, eine seltene alte Sorte, kommt auch im Winter aus der Cargokiste, tarische Kantine noch Vergünstigungen für das biologische Mittagsdie auf der Dachterrasse der repräsentativen Loftwohnung steht. Bei menü – sondern bloss einen Herd mit Kochutensilien im AufenthaltsTisch wird dann zu jeder Zutat eine kleine Geschichte erzählt. Der Koch raum sowie einen grossen Tisch. Kochen und Essen als Gruppenerlebnis kann sich der ehrfürchtigen Aufmerksamkeit seiner Gäste gewiss sein. kann auch manchem Erwachsenen auf den Sprung hin zu einer Die Bewunderung und das Genusserlebnis müssen oft für die ganze vernünftigen Haltung zur Ernährung helfen. Denn wer unter der Woche folgende Arbeitswoche reichen. Dann gibt es Fastfood und unregelmäsauf einfache Weise frisch und schmackhaft kocht, muss nicht am Wosige Mahlzeiten. Die hohe Mobilität, die von vielen Menschen im Archenende in exotische Schlemmereien verfallen. Schokoladenspaghetti beitsprozess gefordert wird, erschwert es, sich gesund, leicht und morakönnen vielleicht einmal begeistern, doch Pasta mit frischen Tomaten lisch einwandfrei zu verpflegen, heisst es im GDI-«Food Trends Report». und Basilikum kitzelt und erfreut den Gaumen immer wieder. Auch bei der Kinderernährung liegen Vorstellung und Realität oft weit ■

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Kochen «Iss nichts, was deine Grosseltern nicht auch als Essen erkannt hätten»

INTERVIEW VON SERAINA KOBLER

Die Supermärkte sind voll von Convenience Food. Viele Menschen sparen dadurch Zeit beim Kochen. Warum lohnt es sich, Zeit für die Ernährung aufzuwenden? Weil wir ausschliesslich von unserem Stoffwechsel leben. Weil unsere Nahrung uns stärkt oder schwächt und Nahrung sogar Einfluss auf Genmarker hat, die wiederum bestimmte Gensequenzen ein- und abschalten, die vererbt werden. Unser Essverhalten wird sich auch bei künftigen Generationen bemerkbar machen. Und es hat schon heute Auswirkungen, und zwar bis ins hinterste Andental, durch das Klima, durch den globalisierten Anbau und Handel und nicht zuletzt durch Schadstoffe in Wasser und Luft. Wir sitzen alle in einem Flugzeug, und es kann uns vorn nicht egal sein, ob hinten ein Loch in den Boden geschlagen wird. Einige beschäftigen sich intensiv mit Essen, machen es zum Lifestyle. Andere ernähren sich nur mit industriellem Essen. Hauptsache billig. Gibt es keinen Mittelweg? Natürlich. Einfach vernünftig und frisch selber kochen, am besten mit regionalen Zutaten. Iss nichts, was deine Grosseltern nicht auch als Essen erkannt hätten und dessen Etikett du nicht verstehst. Wenn du selber kochst, schmeckt es gleich noch mal so gut, und du weisst, was du isst. Warum sparen viele Menschen beim Essen? Weil uns eine Marketingmaschinerie in den letzten Jahrzehnten weisgemacht hat, dass es keinen Unterschied gebe zwischen dieser und SURPRISE 317/14

BILD: CHRISTIAN KAUFMANN

Sarah Wiener ist Unternehmerin, Fernsehköchin und Buchautorin. Im Jahr 2007 hat sie die «Sarah Wiener Stiftung – Für gesunde Kinder und was Vernünftiges zu essen» gegründet. Doch selbst für sie ist es manchmal schwierig, vernünftige Lebensmittel zu bekommen.

jener Speise, zwischen diesem und jenem Huhn. Und daher wäre man dumm, wenn man mehr bezahlt. Das zweite grosse Problem ist, dass die Agrarindustrie uns den Eindruck vermittelt, 450 Zusatzstoffe, Giftspritzungen, die jede Pflanze töten und jedes Insekt vernichten, genmanipulierte Mikroorganismen und Hybridzüchtungen, die so gar nicht in der Natur vorkommen, würden uns Menschen überhaupt nicht beschädigen. Sind wir denn nicht selbst Teil der Natur? Sie als Köchin beschäftigen sich intensiv mit der Herkunft der Nahrungsmittel. Ist das für die normalen Konsumenten im Alltag überhaupt möglich? Ich denke, das ist es nicht. Selbst für mich ist es schier unmöglich herauszubekommen, woher mein Fleisch stammt, was das Rind gegessen hat, wie gross der Stall war und ob die Kühe noch Hörner hatten. Stark verarbeitete Fertignahrung kaufe ich grundsätzlich nicht.

«Will man wirklich jeden Tag sterilisierte Lebensmittel zu sich nehmen? Die halten zwar lange, sind aber im Grunde tote Nahrung.» Denn da ist es noch schlimmer; weil selbst die Verarbeitenden nicht mehr wissen, was sie da verarbeiten. Man muss sich auch fragen, ob man wirklich jeden Tag hauptsächlich sterilisierte Lebensmittel zu sich nehmen will. Die halten zwar lange, sind aber im Grunde tote Nahrung. Von der Chemie und den Medikamentenrückständen gar nicht zu reden. Wie kann ich mich gesund und ethisch ernähren? Verbinde dich wieder mit deiner Region, deinen letzten Kleinbauern. Kaufe nur ökolo-

gisch erzeugte Lebensmittel und keine stark verarbeitete Fertignahrung. Hat sich das Fernsehkochen in den letzten Jahren verändert? Nun ja, es gibt ja viele verschiedene Sendungen und es geht dabei auch nicht immer wirklich ums Kochen. Das war früher anders. Da stand der Spezialist hinter dem Herd und erklärte verschiedene Speisen ganz genau. Ihre Popularität haben diese Formate aber erst entwickelt, seit sie auch einen gewissen Unterhaltungswert haben. ■

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BILD: ISTOCKPHOTO

Lifestyle Reisen Bleibt, wo ihr seid Reisen zeugt von Mut und Offenheit, erweitert den Horizont und ermöglicht Einblicke in fremde Lebensweisen. Doch wem es wirklich um neue Bekanntschaften und Einsichten geht, der würde gescheiter einmal die nähere Umgebung erkunden. Eine Polemik.

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VON HANNA GERIG

schen Grossmutter ihres Schulfreundes, die kein Wort Englisch spricht, zu der sie aber eine tiefe Verbundenheit gespürt habe. Die Nähe zu den Menschen, die im bereisten Land wohnen, gehört zum guten Ton in Reiseerzählungen. Niemand berichtet stolz von Strandferien im Hotelblock am Roten Meer, in denen die Einheimischen nur gelegentlich als Zimmermädchen in Erscheinung treten. Laura aber erzählt gerne, dass der Chauffeur, der sie und ihre Freundin drei Wochen lang durch Indien gefahren hat, ihnen als Zeichen der Freundschaft seine ganze Familie vorstellte. An seinen Namen kann sie sich aber nicht mehr erinnern.

Letzten Sommer hatte Samira genug vom Zürcher Alltag. Mit ihrem Partner zusammen buchte sie einen Flug nach Südspanien, Rückflug drei Wochen später ab Casablanca. Die Reisedestination Marokko hatten die beiden schnell gewählt, die Buchung der Flüge dauerte eine Viertelstunde. In Zürich bleiben und gleichwohl Neues sehen und erleben, war keine Option. «Abenteuer 50 Kilometer» kommt selten in Frage, wenn es um einen Kulissenwechsel geht. Ich kenne kaum jemanden, der im geografisch Naheliegenden nach Fremdem, Neuem und Erlebniswertem sucht. Zu nichts verpflichtet Es ist nicht ungewöhnlich, Leute zu treffen, die noch nie in SüdAls ich in Mali war, waren auch mir die Möglichkeiten des Austaudeutschland, auf der Rigi oder in Braunwald waren, dafür aber mit dem sches und des Gespräches mit den Maliern enorm wichtig. Umso hilfloBus ganz Mexiko durchquert haben. Niemand wird verdächtigt, er wisser und trauriger machte es mich zu erleben, wie gegenseitige Zuneise nichts mit sich und seiner Umgebung anzufangen, wenn er sich auf gung und momentan geteiltes Erleben die Kluft zwischen den untereine grosse Reise macht. Doch steckt hinter der Fernreiserei nicht viel schiedlichen Realitäten mehr kaschieren als überwinden. Das zeigt sich mehr Phantasielosigkeit als Abenteuergeist? Viel mehr Konsumhaltung nur schon an der Tatsache, dass ich sie besuchen kann, während sie als Eigenaktivität? Es ist so einfach im augenfällig Andersartigen: Ohne mein Land nie werden sehen können. Mit meinem damaligen Studenetwas beitragen zu müssen, wird man mit ständig wechselnden, neuen tenjob-Einkommen war ich reicher, als mein Gegenüber es je sein wird. und farbigen Bildern, fremden Gerüchen, exotischer Lebenslust und Natürlich kostet uns das Reisen Geld, und manchmal müssen wir spannenden Begegnungen versorgt, jeder Schnappschuss ein Beweis für sparen, bevor sich der nächste Reisewunsch erfüllt. Doch wo immer wir das grosse Erlebnis der Andersartigkeit. Kurzweilige Unterhaltung ist hinkommen – möge unsere einzige kurze Hose auch löchrig und garantiert. Auf der Suche nach Abwechslung und einem Mittel gegen die schmutzig sein –, wir sind die vermögenden Europäer, die mit ihrem innere Langeweile zappt man durch die Welt. Der Konsumcharakter des Pass über jede Grenze gewunken werden. In den Zielländern des Südens Reisens verbirgt sich gekonnt hinter allen positiven Zuschreibungen, die sind wir selten auf Augenhöhe mit den Menschen, denen wir auf Reisen es wie ein ewiges Loblied begleiten. begegnen. Müssten wir nicht einmal innehalten und uns fragen, inwieSie haben Ihre letzte Reise nicht einfach so gemacht, aus Lust und fern sich hinter unserer leichtfertigen Reiserei eine Art KolonialistenLaune? Sie hatten das grosse Glück, in Mexico City bei einer Bekannten mentalität verbirgt? wohnen zu können, die für eine lokale NGO arbeitet? Ja, es wäre schade Um das Gefälle zwischen Arm und Reich wissen diejenigen natürgewesen, diese einmalige Chance verstreichen zu lassen! Auch Natalie lich, die immer wieder in die Länder des Südens reisen. Trotzdem werflog nicht einfach so nach Südafrika; ihr wurde die exklusive Teilnahme an einem Austausch mit südafrikanischen Studenten angeboten, und Laura wäre, wie sie beLaura erzählt gerne, wie ihr der indische Chauffeur als Zeichen der tont, nicht bis nach Bali geflogen, wenn nicht Freundschaft seine ganze Familie vorstellte. An seinen Namen die Schwester eines guten Schulfreundes da gekann sie sich aber nicht erinnern. heiratet hätte. Die «einmaligen Gelegenheiten» spriessen so zahlreich und munter aus dem Boden sie nicht müde, in jeder Erzählung durchblicken zu lassen, dass sie den, wie die Lust am Reisen vorhanden ist. Man ist schon bald erstaunt, mit ihrer Art des Reisens ganz viele nahezu freundschaftliche Begegwenn jemand von einer Reise erzählt, die keinen Beweggrund dieser Art nungen mit Einheimischen gehabt hätten. Selten erfahre ich von Mühe vorzuweisen hat. Viele geben sich grosse Mühe hervorzuheben, dass sie mit den unüberwindlichen Gräben zwischen der eigenen und der andenicht «einfach so» da oder dorthin fliegen. ren Lebensperspektive. Doch ist nicht zuletzt die Tatsache, dass kaum Hat sich hier eine verkehrte Logik eingeschlichen? Zeugt das Beteueiner die Kontakte, die er auf Reisen gemacht hat, weiterpflegt, ein Zeiern des Gelegenheiten-Ergreifens nicht gerade von fehlender Eigenmochen für diese tiefen, kaum zu überwindenden Gräben? Spätestens tivation? Hat sich Natalie je zuvor für Südafrika interessiert? Woher wenn sich der Jetlag im gewohnten Zeitrhythmus aufgelöst hat, scheint nun diese Begeisterung für den Ausflug in ein Land, das für sie vorher die örtliche Distanz die intensiv erlebte Begegnung auch in weite Fernen nie relevant war? Reisen scheint wie Schnäppchen gleich bei der Kasse zu rücken. Es ist zu anstrengend, eine Reisebeziehung – mag sie noch zu sein – ein Konsumgut, dem kein echtes Bedürfnis zugrunde liegen so toll gewesen sein – zu etwas Verbindlichem wachsen zu lassen. muss. Wenn wir wirklich den Wunsch haben nach Austausch mit Menschen aus fremden Kulturen, warum nicht mit der tamilischen NachNie auf Augenhöhe barsfamilie Tee trinken? Warum scheuen wir die Verbindlichkeiten im All den einmaligen Chancen, die sich meinen Freunden letztes Jahr eigenen Land mehr als die schnell zu habende Nähe auf Reisen? Lieber wieder geboten haben, ist eines gemeinsam: Sie versprechen eine aufliegen wir nach Sri Lanka. Das lässt sich schöner erzählen, und zudem thentische, individuelle und einmalige Reise. Sie bewegen sich nicht in kommen wir da auch schnell wieder weg. Touristenmassen durch ein fremdes Land, sondern wohnen, essen und Nein, die Reiserei, wie ich sie in meinem Umfeld erlebe, hat kaum reden mit den Menschen, die vor Ort leben. Der All-inclusive-Reisende noch mit Entdeckergeist und Völkerverständigung zu tun. Sondern sie kann diese vertieften Kontakte zur lokalen Bevölkerung nicht vorweimacht die Welt zur schnöden Spielwiese für unsere nächsten Ferien. ■ sen. Stolz und besonders ausführlich erzählt Laura von der balinesiSURPRISE 317/14

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Online-Literatur Die digitale Talentschmiede Eine neue Generation von Autoren entdeckt das Internet als Spielwiese: In Kolumnen auf Social-Media-Plattformen lassen sie die Leserschaft an ihren Steckenpferden, HĂśhenflĂźgen und Nichtigkeiten teilhaben. Manchen gelingt es dadurch sogar, eine Karriere in der analogen Welt zu lancieren.

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VON MANUELA DONATI (TEXT) UND PATRIC SANDRI (ILLUSTRATION)

Die Grenze zwischen privat und öffentlich beziehungsweise zwischen Autor und Pseudonym bleibt aber eine dünne. Auf Social-Media-Plattformen wie Facebook und Twitter wird schnell und direkt kommentiert und kommuniziert. Für Yonni Meyer ein klarer Vorteil: «Die direkten Interaktionsmöglichkeiten machen mich für meine Leser wohl greifbarer als andere Autoren. Das wäre dann also fast weniger anonym als ausserhalb des Internets.»

«Heute ist ein Arschlochtag. Mein Stolz und mein Herz sind gleichermassen angeknackst, die Leute sind grundlos unfreundlich zu mir, mein Tee ist ausgekippt (auch unfreundlich) und ich habe das Gefühl, dass kein Mensch und keine Menschin auf der Welt versteht, was ich fühle.» Mit diesen Worten richtet sich Yonni Meyer alias Pony M. an ihre Leser. Was tönt wie eine SMS an die beste Freundin, können alle lesen, die auf Der Leser als Lektor der Facebook-Seite der Neo-Autorin den «Like-Knopf» gedrückt haben. Dennoch, neben den vielen Pluspunkten dieser schnellen virtuellen Ähnlich der Tenor bei Emma denkt, der Facebook-Seite von Michèle Interaktion ist das genau auch die Schwierigkeit: Die Hemmschwelle für Hügin: «Ich motze für mein Leben gern. Das ist jetzt nicht ironisch einen Kommentar unter der Gürtellinie ist weitaus tiefer als im echten gemeint – es bereitet mir wirklich grosse Freude, mich über alles und jeLeben. «Eine dicke Haut ist nötig, wenn es negatives Feedback statt den aufzuregen. Manchmal im Ernst, noch viel häufiger im Halbernst Streicheleinheiten gibt», so Daniel Graf. Einen Schritt weiter geht Miund hin und wieder auch einfach nur zum Spass. Was mir dabei jeweils chael Latzer, Professor der Abteilung Medienwandel & Innovation am zugutekommt – ich bin wahnsinnig gut darin, mich in Dinge reinzuInstitut für Publizistikwissenschaften der Universität Zürich. «Die Ansteigern.» onymität ist trügerisch, da sie im Internet meist nicht wirklich gegeben Literatur geht im Internet einen neuen Weg: Sie passt sich den Komist. Das kann zu einem bösen Erwachen führen», warnt er mit Hinweis munikationslogiken der Online-Welt an. Die Sprache wird jünger und diauf die zunehmende Anzahl von Cyber-Mobbing-Fällen. Wenn Autoren rekter, Anglizismen und Slangwörter werden ganz selbstverständlich verüber persönliche Themen bloggen, machen sie sich verletzbar. «Diese wendet. Die Texte sind kürzer oder in Comicform gehalten, so können sie Offenheit ist auch im Hinblick auf mögliche sexuelle Belästigungen geschnell auf dem Smartphone gelesen werden. Thematisch stehen Seelenfährlich», sagt Latzer. Und die Internet-Autoren haben nicht nur mit den striptease, Allerweltsthemen, schonungslose Ehrlichkeit mit sich selbst, allem und jedem hoch im Kurs. Dass diese Mischung funktioniert, zeigt das Beispiel Pony M. «Ich kann offen zugeben, dass mir die Anonymität des Pseudoauf eindrückliche Weise: Im Sommer 2013 begann Yonni Meyer, ihre Texte auf Facebook zu nyms sehr hilft. Ich kann so mit meinen Zweifeln an meinem Taveröffentlichen – und eroberte die Internetgelent lockerer umgehen.» meinde im Sturm: Innerhalb von drei Monaten hatte ihre Seite schon 15 000 Fans, mittlerweile Tücken der Interaktivität zu kämpfen. Meistens verstummt ein Internetsind es über 22 500. Ihre Texte kommen so gut an, dass 1000 Likes fast Hype auch genauso schnell wieder, wie er entstanden ist. «Die Aufüblich sind. Yonni Meyer, die «das mit dem Blog einfach mal ins Blaue merksamkeit auf Social Media hat eine kurze Halbwertszeit. Es muss ausprobiert hat», staunt über diese massive Resonanz. permanent nachgeliefert werden, um im Spiel zu bleiben, was einen hohen Output voraussetzt», erklärt Daniel Graf. Zudem ist die Konkurrenz Im Windschatten der Kunstfigur gross: Das Internet ist eine Bühne, auf der jeder auftreten darf, die AnDoch was bringt Schreibende dazu, online quasi alle Hüllen fallen zu zahl der Kontrahenten im Kampf um Aufmerksamkeit multipliziert sich lassen? Das Internet – per Definition das weltweite Netz der unbedadurch ins Unermessliche. grenzten Möglichkeiten – bietet jungen Autoren eine ideale Plattform für Sachbezogener als Yonni Meyer und Michèle Hügin bloggt der AarExperimente aller Art, «eine perfekte Bühne, um sich zu inszenieren gauer Lehrer Philippe Wampfler. Auf seiner Homepage schulesocialmeund auszuprobieren», wie der Social-Media-Experte und Fachhochdia.com gibt er Tipps, wie die neuen Medien im Klassenzimmer inteschul-Dozent für Online-Kommunikation Daniel Graf sagt. Den Grad der griert werden können. So geht es bei ihm etwa um problematische Exposition können die Schreibenden dabei selbst wählen. Bei Yonni Facebook-Kommentare von Schülern oder um die Nutzung von SmartMeyer passiert das sehr bewusst: «Es stimmt, ich stelle mich bloss, aber phones an Gymnasien. Wampfler bezieht Stellung, bleibt dabei in seiner nur bis zu einem Grad, mit dem ich mich wohlfühle. Ich bin – grösstenSprache aber immer sachlich und klar. Im Unterschied zu den Facebookteils – sehr zufrieden mit mir und kann deshalb auch damit umgehen, Kolumnen von Pony M. und Co. geht es dem Lehrer nicht um die Darwenn man mich angreift.» Auch das Pseudonym bietet Schutz und stellung seines persönlichen Befindens: «Meine Blogbeiträge entstehen macht mutig, denn die Abstraktion zwischen Selbst und Kunstfigur aus der Verarbeitung von Wissen. Themen, die mich intensiv beschäftisenkt die Hemmschwelle für Publikationen aller Art massiv. «Ich kann gen, verarbeite ich in einem öffentlichen Archiv.» In diesem Sinne bieoffen zugeben, dass mir die Anonymität des Pseudonyms sehr hilft», betet Philippe Wampfler eine Dienstleistung. Er möchte, «dass alle, die stätigt Michèle Hügin, Urheberin von Emma denkt. «Ich kann so mit sich für meine Inhalte interessieren, davon profitieren können». meinen stets vorhandenen Zweifeln in Bezug auf mein Talent und die Philippe Wampfler stellt sein Fachwissen gratis ins Netz – unter seiQualität meiner Texte etwas lockerer umgehen.» Sie achte aber darauf, nem Wert verkauft er sich damit aber nicht, im Gegenteil. Aus seinen ausschliesslich Texte zu publizieren, die sie grundsätzlich auch unter Blogeinträgen ist ein Buch entstanden: «Facebook, Blogs und Wikis in ihrem richtigen Namen posten würde. SURPRISE 317/14

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Aus dem Hobby wird ein Job: Yonni Meyer will vom Schreiben leben, Philippe Wampfler ist als Referent gefragt.

Michèle Hügin, die noch in den letzten Zügen ihres Studiums steckt, der Schule. Ein Social-Media-Leitfaden», rund 800 Exemplare davon hat Emma denkt nicht im Hinblick auf eine berufliche Zukunft lanciert. sind bisher verkauft worden. Reich wurde er damit nicht, aber das Buch hat ihm zu Aufträgen als Redner bei Weiterbildungen und Vorträgen verholfen. Ausserdem «Die Aufmerksamkeit auf Social Media hat eine kurze Halbhat er so den oft langwierigen und mit vielen Hindernissen gespickten traditionellen Weg eiwertszeit. Es muss permanent nachgeliefert werden, um im nes Autors über einen Verlag via Social Media Spiel zu bleiben.» umgangen. Wampfler sieht noch einen weiteren Vorteil: «Ich publiziere pro Woche mehreDennoch könnte auch ihre Karriere online beginnen und offline weiterre Texte im Netz. Interessierte Leser erhalten sie sofort und helfen mir gehen. Das Beispiel der anderen drei erwähnten Internet-Autoren zeigt, dabei, die Texte besser zu machen. Bis ein Buch erscheint, dauert es dass dies trotz den Widrigkeiten der Internet-Kommunikation möglich Monate.» ist. Passen sich junge Autoren den Spielregeln an und nutzen ihre Online-Erfolge geschickt, haben sie grosses Potenzial. Denn renommierte Der Hype hält nicht ewig Verlage haben bei der Suche nach neuen Schreibtalenten ihre Such-KriPhilippe Wampfler ist nicht der einzige, der seine Karriere im Interterien längst geöffnet. Sie wissen: Wer im Internet eine breite Fan-Basis net lanciert und erfolgreich in die analoge Welt erweitert hat. Auch Raaufgebaut hat, kann diese auch offline nutzen. «Das Wichtigste für Kulfi Hazera veröffentlichte seine Zukkihund-Storys, Bildergeschichten eiturschaffende ist, sich einen Namen zu machen. Likes und Fans auf Fanes Comic-Huskys, in denen er die Zürcher Szenis auf die Schippe cebook sind der erste Schritt», sagt Daniel Graf. «Social Media wird zweinimmt, zuerst auf Facebook. In der Zwischenzeit hat er ein Buch mit fellos zur Talentschmiede der nächsten Generation von Autoren. Für sie Zukkihund-Comics herausgebracht und sich als Comedian etabliert. ist das Handy heute die Schreibmaschine von damals.» Für Yonni Meyer hat sich der Sprung ins kalte Wasser ebenfalls gelohnt: ■ Ihre Facebook-Texte haben ihr viele Jobangebote aus der Medien- und PR-Branche eingebracht. Die 32-Jährige hat ihren Job bei einer Personalfirma gekündet und will 2014 versuchen, vom Schreiben zu leben. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt, wie sie sagt: «Mir ist klar, wie flüchhttps://www.facebook.com/ponyshof tig die Welt der Social Media ist und dass der Hype ums Pony nicht https://www.facebook.com/emmadenkt ewig anhält. Jetzt kennt man mich ein bisschen, und davon profitiere https://www.facebook.com/Zukkihund ich nun.» http://schulesocialmedia.com/

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Studenten formen mit verschiedenfarbigen Kartons ein Kindergesicht während eines Massengymnastik-Events in Pjöngyang.

Nordkorea Gesichter hinter der Masse Nordkorea ist das Land des Personenkults und der Masseninszenierungen. Doch manchmal gelingen Einblicke hinter die Propaganda des Führungsapparates. Und dann zeigt sich, was ein unmenschliches System aus Menschen macht. VON INSP/REUTERS

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Ein S체ndenbock muss her: Ein Soldat l채sst seinen Frust an einer Ziege aus.

Haltung in Highheels: Soldatinnen patroullieren an der Grenze zu China.

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BILD: REUTERS/DAVID GRAY BILD: REUTERS/BOBBY YIP

Unter dem grossen F端hrer: Eine Gruppe von Nordkoreanern neigt das Haupt vor einer Statue des Staatsgr端nders Kim Il-sung.

Hergeh旦rt! Eine Touristenf端hrerin spricht zu einer Besuchergruppe in Mangyongdae, dem Geburtsort von Kim Il-sung. SURPRISE 317/14

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BILD: GUIDO SÜESS

Wörter von Pörtner Zitate sind Glücksache Der Künstler Banksy schrieb an eine Wand in New York: «I have a theory that you can make any sentence seem profound by writing the name of a dead philosopher at the end of it. Plato» (Ich habe die Theorie, dass man jeden Satz tiefsinnig erscheinen lassen kann, wenn man den Namen eines toten Philosophen an das Ende setzt. Platon) Daran musste ich denken, als ich im Internet auf folgendes Zitat stiess: «Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem die Technologie unsere Menschlichkeit übertrifft. Auf der Welt wird es nur noch eine Generation von Idioten geben.» Albert Einstein. Das Zitat passt geradezu perfekt in die heutige Zeit und befriedigt den urmenschlichen Trieb, die Jugend als hoffnungslos darzustellen. Wer wollte nicht verzweifeln an dieser Generation, die an ihren Smartphones klebt,

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während wir uns noch sinnvollen Tätigkeiten wie Mofafahrten, Spielsalonbesuchen und Jugendunruhen widmeten? Doch ist das Nölen über die jungen Leute so alt wie die Menschheit selbst, und wer es tut, steht nicht unbedingt als helles Licht da. Wer aber wollte Albert Einstein widersprechen, der die Zukunft vorausgesehen und sein Genie damit einmal mehr unter Beweis gestellt hat? Was mich stolpern liess, waren die Wörter Technologie und Idioten. Technologie wird im Deutschen erst seit etwa 30 Jahren unter dem Einfluss des Englischen synonym für Technik verwendet und fand sogar den Eingang in Eckart Henscheids Dummdeutsch-Wörterbuch. Angesichts des von Einstein erlebten Zweiten Weltkriegs und Holocausts bezweifle ich, dass er die Technologie oder eben Technik als grösste Gefahr für die Menschheit und Idioten angesichts der Schlächter, die wüteten, als grösstmögliches Übel betrachtete. Ausserdem war er wahrscheinlich zu bedacht und höflich, eine ganze Generation generell zu schmähen. Tatsächlich gibt es für das Zitat keine verlässliche Quelle. Doch auch verbürgte Zitate werden durch häufigen Gebrauch nicht zutreffender. «Wer mit 20 kein Sozialist ist, hat kein Herz, wer mit 40 noch Sozialist ist, hat keinen Verstand», wird entweder Winston Churchill oder Georges Clemenceau zugeschrieben und dient vor allem dazu, soziale Anliegen ins Lächerliche

zu ziehen. Die Betonung liegt stets auf der zweiten Hälfte des Satzes, den, abgesehen von ein paar Wendehälsen, vor allem Leute verwenden, die niemals in der Nähe sozialer Anliegen standen. Das Zitat dient einzig dazu, die eigene Herzlosigkeit als Intelligenz zu verkaufen. Ein nicht näher zugeordnetes Sprichwort sagt: «Es ist besser, etwas zu bereuen, das man getan hat, als etwas, das man nicht getan hat.» Tatsächlich? Gilt das auch für Unfallverursacher? Für Unternehmensruinierer? Für Mörder gar? Oder ist es nur eine Rechtfertigung für rücksichtsloses Verhalten und dafür, jeden Unfug mitzumachen, nur weil man Aufregung mit Erfahrung verwechselt? Es lohnt sich, bei Zitaten und Sprichwörtern genau zu überlegen, ob sie tatsächlich Gültigkeit haben oder ob sie bloss als Denkersatz fungieren. Denn wie bemerkte schon Mani Matter sehr richtig: «Sprichwörter sind Glückssache.»

STEPHAN PÖRTNER (STPOERTNER@LYCOS.COM) ILLUSTRATION: MILENA SCHÄRER (MILENA.SCHAERER@GMX.CH) SURPRISE 317/14


Film Ein Filmnarr probiert die Welt aus Peter Liechtis Filme werden von New York bis Buenos Aires gezeigt, jetzt ist er Ehrengast an den Solothurner Filmtagen. Als Autorenfilmer hat er sich erarbeitet, was sich die meisten heute nicht mehr trauen: eine gewisse Narrenfreiheit.

Sein letzter Film läuft seit September letzten Jahres in den Kinos: «Vaters Garten», ein eigenwilliges Porträt seiner eigenen Eltern. Aber natürlich geht es nicht einfach um Mutter und Vater Liechti, sondern um eine ganze Generation – «einen Teil unserer Kultur, die jetzt am Verschwinden ist», wie Regisseur Peter Liechti sagt. Es ist ein kurioses Stück Film, in dem die Eltern zeitweise zu HasenPuppen im Kasperletheater werden, die mit den Ohren wackeln und ihr Näschen in die Luft strecken. «Hasen können Angsthasen sein, Schisshasen», sagt Liechti, «sie haben etwas Scheues, sie sind Fluchttiere. Das passt zu dem Klima, das ich beschreibe.» Und sie werden zum Mittel der Entpersönlichung, indem sie die Liechtis auf eine allgemeingültige Bühne heben. Das ist nicht dokumentarisch im strengen Sinn. Liechti ist seinen Eltern auf die Pelle gerückt, um etwas herauszufinden. Er ist Autorenfilmer mit ganz eigenem Ansatz und pflegt sein bevorzugtes Genre: den filmischen Essay. Den Versuch. Und der ist so eigenständig, dass sich daran die Geister scheiden. So war dem Kultursender Arte 2009 der Film «Sound of Insects – Record of a Mummy» nicht dokumentarisch genug für eine Ausstrahlung, kurz darauf wurde er aber mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet – in der Kategorie «Dokumentarfilm». Der Film, die Kunst als Versuch: Darin ist der Regisseur nicht zuletzt Roman Signer verwandt. Mit ihm zog Liechti filmend durch Europa. Signer erzählt im Film, wie brennend es ihn wundernehme, was mit einem Stoffstreifen passiere, wenn man ihn über einen Vulkan schiesse. Oder er will herausfinden, was mit dem Stuhl passiert, unter dem sich ein Ballon mit Luft füllt. Mit «Signers Koffer» ist Liechti 1995 bekannt geworden, und im Grunde ist er selber ein Signerscher Filmer: einer, der sich die Welt aneignet, indem er sie ausprobiert. «Heute wird der Zeitgeist zunehmend reaktionärer und verliert an Spiel- und Risikofreudigkeit, je mehr sich die Filmförderung nach wirtschaftlichen Kriterien ausrichtet», sagt Liechti, und dazu passt seine Arbeitsweise schlecht. Trotzdem meint er: «Ich habe mir im Lauf der Jahre eine Art Narrenfreiheit erarbeitet. Ich darf meistens machen, was ich will, und mache es recht kompromisslos.» In «Hans im Glück – Drei Versuche, das Rauchen aufzugeben» wanderte er 2003 dreimal die Strecke Zürich–St. Gallen ab. «Laufen hat mit Denken zu tun. Ich glaube, es ist fast interessanter, was gedanklich passiert, während man unterwegs ist, als was real passiert», meint Liechti, und so zog er den Zuschauer beim Wandern Schritt für Schritt ins Sinnieren mit hinein. Der Sog der Gedanken und inneren Monologe, der Rhythmen und assoziativen Bilder gleicht dem Musikmachen, und es erstaunt nicht, dass Peter Liechti auch immer wieder Musikfilme («Hardcore Chambermusic», «Namibia Crossings») gemacht hat: «Meine Filme haben viel mit improvisierter Musik zu tun. Man wählt ein Thema und schränkt sich damit auf einen eng begrenzten Bereich ein, aber innerhalb davon beleuchtet man das Thema von verschiedensten Seiten. Das ist die Arbeitsweise, um die ich Musiker unglaublich beneide.» SURPRISE 317/14

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VON DIANA FREI

Eine «Widmung an die Filmerei ganz generell»: Peter Liechti.

Liechtis Filme rühren von der einen Seite an ein Thema, dann von der anderen, und sie treffen auch ab und zu auf den Tod. In «Sound of Insects» kommen wir einem Mann auf die Spur, der sich im Hochmoor zu Tode hungert, in «Hans im Glück» begegnen wir Patienten mit Lungenkrebs und in «Vaters Garten» dem Vater, der findet, «für die paar Jährchen» müsse man der Mutter nun auch keinen Haltegriff mehr in die schönen Badzimmerplättli einbohren. Zurzeit ist Peter Liechti mit einem neuen, sehr persönlichen Projekt beschäftigt: «Es ist ein Film über meine eigenen Erfahrungen mit einer Krankheit, die ich selber habe, ein Nachdenken auch über Sterben und Tod.» Ausgeweitet wird das Thema mit persönlichem Archivmaterial. Der Film soll ein Rückblick auf die eigene Arbeit werden und eine «Widmung an die Filmerei ganz generell», spätestens Ende Jahr soll der Film fertig werden. «Dedications» lautet der Arbeitstitel. «Hingabe» heisst das auf Deutsch, und das ist, was Peter Liechtis Filme ausmacht. ■ Rencontre – Begegnungen mit Peter Liechti, Solothurner Filmtage: 23. bis 30. Januar. Der Regisseur wird seine Filme persönlich präsentieren. www.solothurnerfilmtage.ch

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Es ist, wie es Theresa sagt. Weil sie es weiss.

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Kultur

Zwischen Verbohrtheit und albernem Charme: Bruce Dern als Woody.

Buch Aus Kindermund

Kino Lachen und Heulen auf Rädern

Für «Manchmal ist ein Fasan eine Ente» hat sich der Theaterautor Peter Turrini mit dem Karikaturisten Gerhard Haderer zusammengetan und lässt ein Kind mit einem Erwachsenen lebenskluge Gespräche auf Augenhöhe führen.

«Nebraska», der neue Film von Alexander Payne, schafft das Kunststück, Komödie und Tragödie zugleich zu sein. Zu verdanken ist das vor allem dem Hauptdarsteller Bruce Dern. VON YVONNE KUNZ

VON CHRISTOPHER ZIMMER

Peter Turrini, Gerhard Haderer: Manchmal ist ein Fasan eine Ente. Gespräche mit

«Lasst uns unsere Gläser heben», sagt der Bruder mit einer Blechdose in der Hand, «auf Woody!» Die nach Langem wiedervereinte Familie Grant prostet dem mürrischen alten Trinker in seltener Einigkeit zu. Anlass ist nicht etwa ein Geburtstag, eine Pensionierung oder eine gelungene Hüftgelenkoperation – nein, Woody hat eine Million Dollar gewonnen. «Auf den Mann der Stunde!» Erstmals huscht, zumindest andeutungsweise, eine positive Gefühlsregung über Woodys Gesicht. Mit dem Los in der Brusttasche ist er, chauffiert von seinem Sohn David, unterwegs nach Franklin, Nebraska, um seinen Gewinn abzuholen. Dieser hat sich zu diesem Abenteuer entschieden, nachdem er seinem Vater vergeblich das Offensichtliche zu erklären versucht hatte: Der vermeintliche Millionengewinn ist Werbung für Zeitschriften-Abonnemente. «Nebraska» ist vieles, tieftraurig und abgrundtief komisch. Ein Roadmovie, eine berührende Vater-Sohn-Geschichte, und ganz en passant zieht auch eine poetische Bestandesaufnahme des derzeitigen amerikanischen Albtraums vorbei. In Mount Rushmore, wo die Präsidenten in Fels gemeisselt sind, bemerkt Woody: «Sieht unfertig aus. Als obs den Steinmetzen langweilig geworden wäre.» Und weiter gehts durch entvölkerte Städtchen, vorbei an kleinen Häuschen im Schatten riesiger Öltanks. Die Leere der amerikanischen Weiten spiegelt sich in den leeren Blicken. Dieses Vakuum füllt das Schauspieler-Ensemble mit durchwegs grossartigen Auftritten. Allen voran Bruce Dern, der für seinen Woody den Darstellerpreis in Cannes gewonnen hat. Er lässt die Figur zwischen Demenz, Verbohrtheit und albernem Charme changieren, ist mal liebenswürdig, mal zum Verzweifeln. Zur Familienfeier kommt es während eines spontanen Zwischenstopps in Woodys Geburtsstadt. Schnell spricht sich sein Glück herum, und schon bald sieht sich der Alte von Begehrlichkeiten umzingelt, und Woodys Frau schreit: «Ich dachte, die Geier beginnen erst zu kreisen, wenn man tot ist!» Vater und Sohn entkommen dem Tumult und setzen ihren Weg fort. Am Ziel wartet kein Preis, zumindest kein materieller. Umso wertvoller erscheint dann der emotionale Gewinn, mit dem die Protagonisten schliesslich doch noch gesegnet sind.

Theresa. Jungbrunnen 2013. 28.50 CHF

Alexander Payne: «Nebraska», USA 2013, 115 Minuten, mit Bruce Dern, Will Forte,

Wenn einer, der alt ist, so schön sein will wie einer, der jung ist, dann muss er Strafe zahlen, sagt die kleine Theresa zum grossen Peter Turrini, während sie mit Bauklötzen spielt. Das weiss jeder, auch die Kindergartentante Frau Maibaum. Da kann Peter-Ini, wie Theresa den Onkel aus der Nachbarschaft nennt, nur Bauklötze staunen. Dieses verdutzte Gesicht wird er noch des Öfteren aufsetzen, wenn ihn die Vierjährige mit ihren Kommentaren überrascht. Zum Beispiel, dass Politik zum Himmel stinkt, weil da jeder jedem auf den Kopf kackt. Was, wie Peter-Ini zugeben muss, den Zustand der Welt treffend beschreibt. Und so reden die beiden denn in aller Beschaulichkeit, beim Spielen, Ins-Bett-Bringen, Essen, Malen und Spazierengehen über Alter und Schönheit oder die Farbe von traurigen Regenbögen, darüber, warum Sonnenstrahlen warm und Mondstrahlen kalt sind, über den Tod, über Haarausfall und das Gern-Haben. Und auf alle Fragen hat die kleine Theresa entwaffnende Antworten oder, wenn die Einwände des erwachsenen Peter-Ini ihr gegen den Strich gehen, auch ihren Trotz. Dann ist es eben so, wie es ist. Punktum. Und dann ist ein Fasan auch mal eine Ente, weil Theresa es so will und es nicht mag, wenn man ihr widerspricht. Für sein zweites Kinderbuch hat sich der österreichische Theaterautor Peter Turrini mit seinem Landsmann, dem Karikaturisten Gerhard Haderer, zusammengetan. Beide sind eher bekannt für ihre spitzen Federn, die sie aber hier für einmal in mildes Aquarell tauchen. Dabei verniedlichen sie aber nichts, sondern stellen das Reden und Denken eines Kindes, die gern bemühte Wahrheit aus Kindermund, ungeschönt dar. Eine Ehrlichkeit, die umso mehr den Boden für das Poetische dieses Buches bereitet, für eine Schönheit, die sich wie von selbst ergibt, etwa wenn Theresa den Wind, den sie gerade noch wegen seiner Kälte verhauen hat, umarmt, um ihn dafür zu trösten. Dieses Unverfälschte macht diese liebevollen Bildergeschichten zu einem Buch, das einem ein Lächeln auf die Lippen zaubert, das bis zur letzten Seite nicht vergeht.

Stacy Keach u. a. Der Film läuft zurzeit in den Deutschschweizer Kinos.

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BILD: VERONIKA SPIERENBURG, CROSSING OF A HORIZONTAL BODY WITH A VERTICAL ONE, 2011

Die 25 positiven Firmen Diese Rubrik ruft Firmen und Institutionen auf, soziale Verantwortung zu übernehmen. Einige haben dies schon getan, indem sie dem Strassenmagazin Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Damit helfen sie, Menschen in prekären Lebensumständen eine Arbeitsmöglichkeit zu geben und sie auf ihrem Weg zur Eigenständigkeit zu begleiten. Gehört Ihr Betrieb auch dazu? Die Spielregeln sind einfach: 25 Firmen werden jeweils aufgelistet, sind es mehr, fällt jener Betrieb heraus, der am längsten dabei ist.

Auch wenn der Knopf längst gedrückt ist, kann es eine Weile dauern.

Ausstellung Warten will gelernt sein Das Forum Schlossplatz in Aarau inszeniert den Zustand des Wartens als wertvolle Zeitinsel im Alltag jedes Menschen. VON MONIKA BETTSCHEN

Da sitzt man nun und wartet, schaut gebannt anderen Menschen dabei zu, wie sie praktisch dasselbe tun, denn die Künstlerin Georgette Maag richtete ihre Videokamera auf eine Bushaltestelle, die sich im Siebenminutentakt be- und entvölkert. Die Kamera ist starr auf diesen Ausschnitt gerichtet, und so fühlt es sich an, als würde man selbst durch ein verstecktes Fenster still beobachten. Die Haltestelle wird in diesem vom Fahrplan diktierten Rhythmus zu einer Bühne, auf der «Warten» von den Reisenden unwissentlich jedes Mal von Neuem in einem kurzen Akt inszeniert wird. Das ist herrlich unterhaltsam, denn in dieser als unproduktiv verpönten Zeitspanne geschieht überraschend viel: Die Individuen der zufällig zusammengewürfelten Grüppchen rutschen unbehaglich hin und her, mustern Neuankömmlinge mit verhaltenem Misstrauen, taxieren vorbeieilende Passanten, fingern an ihrer Kleidung oder Handys herum, und trifft der Bus schliesslich ein, scheint dessen Ankunft für viele einer Befreiung gleichzukommen. «Auch die Kunstbetrachtung kann ein Zustand des Wartens sein. Man verliert sich im Schauen, wartet auf neue Blickwinkel, neue Einsichten», sagt Manuela Casagrande, Co-Kuratorin der aktuellen Ausstellung «le monde attend». Ein Hörtext an einer der zahlreichen Audiostationen erinnert daran, dass Warten erst mit Beginn der Industrialisierung seinen Wert für uns eingebüsst hat. «Mit dem Industriezeitalter kam der Takt der Maschinen. Seither gilt Warten als Leerlauf», sagt die Psychologin Dorothee Wilhelm. Dieses Gefühl, etwas kaum erwarten zu können, bringt die Installation «WARTEN» von Verena Thürkauf zum Ausdruck. Bis unter die Decke türmt sich eine Wand aus Kisten auf. Die Kartons stehen für die fragilen Erwartungen im Leben, die zerbrechen, wenn sie nicht erfüllt werden, egal, ob man auf das Glück, den Bus oder den Tod wartet. «Während in anderen Räumen zum Beispiel die Dauer des Wartens thematisiert wird, verweist dieser Raum hier auf das Prekäre des Wartens», sagt Casagrande. Warten als Mauer, als Provokation für unsere Schnelllebigkeit? «le monde attend» bietet die Möglichkeit, mit diesem Zustand Frieden zu schliessen.

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Balcart AG, Therwil

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Arbeitssicherheit Zehnder GmbH, Ottenbach

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applied acoustics GmbH, Gelterkinden

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Privat-Pflege, Hedi Hauswirth, Oetwil am See

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Hofstetter Holding AG, Bern

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Bachema AG, Schlieren

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fast4meter Bern, Storytelling & Moderation

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Fischer & Partner Immobilien AG, Otelfingen

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Oechslin Architektur GmbH, Zollikerberg

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Kaiser Software GmbH, Bern

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Thommen ASIC-Design, Zürich

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mcschindler.com, PR-Beratung, Redaktion, Corporate Publishing, Zürich

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Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich

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VXL Gestaltung und Werbung AG, Binningen

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Proitera GmbH, Basel

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advocacy ag, communication and consulting, Basel

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BEVBE Ingenieurbüro, Bonstetten

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Margareta Peters Gastronomie, Zürich

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Gemeinnütziger Frauenverein, Nidau

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Schweizer Tropeninstitut, Basel

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VeloNummern.ch

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Scherrer & Partner GmbH, Basel

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Applied Acoustics GmbH, Gelterkinden

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Buchhandlung zum Zytglogge, Bern

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hervorragend.ch, Kaufdorf

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden? Mit einer Spende von mindestens 500 Franken sind Sie dabei! PC-Konto: 12-551455-3, Verein Surprise, 4051 Basel Zahlungszweck: Positive Firma + Ihr gewünschter Eintrag. Wir schicken Ihnen eine Bestätigung.

Le monde attend – die Kunst des Wartens, Forum Schlossplatz, Schlossplatz 4, Aarau. Mi, Fr, Sa 12 bis 17 Uhr, Do 12 bis 20 Uhr, So 11 bis 17 Uhr. www.forumschlossplatz.ch 317/14 SURPRISE 317/14

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BILD: SARA BJARLAND 2011/2012, AUS THE FORSAKEN

BILD: ZVG BILD: PLAKATSAMMLUNG DER SCHULE FÜR GESTALTUNG BASEL.

©

URSULA PIATTI

Ausgehtipps

Heldenfigur: Ritter auf dem Abstimmungsplakat über das Frauenstimmrecht, 1959.

Basel Heldenhaftes Rittertum? Prunkvolle Rüstungen, Minnesang, schutzbedürftige Burgfräuleins und heldenhafte Krieger – unsere Vorstellungen vom ritterlichen Leben stecken voller Klischees. Mit ihnen räumt die Ausstellung «Echte Burgen – Falsche Ritter?» auf und zeigt: Die Idealisierung der Ritter hat bereits zu deren Lebzeiten eingesetzt. Sie wurden von einfachen Kriegern zu Kriegern des Guten, in den Kreuzzügen gar zu Gotteskämpfern. Der Glanz des Basler Rittertums – das Baselbiet ist eine der burgenreichsten Landschaften der Welt – strahlte im Mittelalter weit über die Region hinaus. Dies beeindruckte das aufstrebende Bürgertum, das seinen Vorbildern nachzueifern begann, vor allem auch deshalb, weil mit dem Ritterstand gesellschaftlicher Aufstieg und politische Ämter verbunden waren. Die Sonderausstellung bietet eine umfassende Sicht auf Ideal und Wirklichkeit und macht Burgen- und Rittergeschichte aus über 1000 Jahren erlebbar. (mek)

Der Fussball ist so … und das Leben auch.

Ausgesetzt und inszeniert: Bjarlands Pflanzen.

Basel Freistoss indirekt

Winterthur Nachwuchstalente

Böse Zungen behaupten, Fussball sei die schönste Nebensache der Welt. Insider wissen, es ist die schönste Hauptsache. Denn Fussball ist so … wie das Leben. Oder das Leben so wie der Fussball? Antworten darauf gibt es am ersten Fussball-Filmfestival «Flutlicht» in Basel. Zu sehen sind lange und kurze Filme zum Thema, unter letzteren «Libre indirecto», aus dem die genannte philosophische Frage stammt. Es ist die schönste Liebesgeschichte des spanischen 4.-Liga-Fussballs und eine äusserst vergnügliche Art, die wichtigsten spanischen Fluchwörter kennenzulernen (nicht zu empfehlen allerdings für Goalies mit tiefem Selbstwertgefühl). Dies und viel mehr (zum Beispiel Dokfilme über Fussballerinnen im Iran, einen depressiven Bundesligaspieler oder über Drogenboss und Fussball-Mäzen Pablo Escobar und Namensvetter Andres Escobar, der ein Eigentor an der WM mit dem Leben bezahlte) gibt es in der schönen Bar du Nord im Badischen Bahnhof zu sehen – genau, dort, wo man sonst FCB-Spiele schauen geht. Nichts gegen ein schönes Fussballspiel mit gewünschtem Ausgang und Interviews mit den Akteuren nach dem Schlusspfiff, aber für «Flutlicht» gilt: Lebensweisheiten sowie Spannung garantiert. (fer)

Die «Plat(t)form» des Fotomuseum Winterthur ist keine Castingshow, obwohl es auch hier um junge Talente geht. Aber die singen nicht und drehen sich nicht im Rhönrad, sondern fotografieren, zum Glück. Für die Besucher hat die Veranstaltung einen tollen Effekt: Sie tragen das Gefühl mit nach Hause, zur Entdeckergeneration zu gehören. Neue Talente gesehen zu haben, bevor die anderen ihren Namen je gehört haben: An zwei Tagen präsentieren die Nachwuchstalente gestaffelt ihre Portfolios, man kann mit den jungen Künstlern reden, diskutieren, networken. Da ist zum Beispiel die Finnin Sara Bjarland, die ausgetrocknete Zimmerpflanzen, die am Strassenrand ausgesetzt wurden, als bizarre Wesen zwischen Traurigkeit und herbem Humor wiederbelebt. Da ist die Estin Anna-Stina Treumund, die anhand estnischer Gerichtsdokumente, Zeitungen und Legenden bis ins 16. Jahrhundert zurück Bilder lesbischer Frauen re-inszeniert. Oder der Schweizer Adrien Guillet, der die Social-Media-Plattform Tumblr als Bühne für die Selbstdarstellung benutzt und darauf Szenen aus dem Alltag dokumentiert, durch die man sich scrollend und auf den ständigen Ausschnitt beschränkt kämpfen muss. Gehen Sie hin, gehören Sie zu den Ersten, die den neuen Henri Cartier-Bresson und die Annie Leibovitz der Zukunft entdecken. (dif)

«Flutlicht Fussball Film Festival», 31. Januar bis 2. Februar, Bar du Nord, www.flutlichtfestival.ch

Plat(t)form, Fotomuseum Winterthur, Sa, 25., 11 bis 19 Uhr und So, 26. Januar, 11 bis 17 Uhr. www.fotomuseum.ch

«Echte Burgen – Falsche Ritter?», Sonderausstellung im Historischen Museum Basel, noch bis zum 29. Juni zu sehen in der Barfüsserkirche, www.hmb.ch

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BILD:

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LUDIC GMBH

BILD: ZVG

Kleine Lieder mit grosser Kraft: Prader & Knecht.

Hingehen oder Weglaufen? Zivilcourage ist lernbar.

Auf Tour Klappe halten

Zürich Mutige vor

Prader & Knecht nennen sich «König und Königin der Entschleunigung». Kein Ausdruck von Bescheidenheit, aber das wollen wir dem Duo nicht vorwerfen, denn diese Allerweltstugend liess schon viel zu viele Schweizer Bands ihr Licht unter den Scheffel stellen. Darum halten wir fest, dass der gitarrespielende Sänger Martin Prader und die singende Cellistin Ronja Rinderknecht (ein beneidenswerter Name) auf ihrem zweiten Album «Millions Of Pieces» feine kleine Kunstlieder von grosser Suggestivkraft spielen. Ein bisschen aufpassen muss man schon, denn als Nebenbei-Hörmaterial funktionieren diese Songs nicht. Gehen Sie darum bitte nur zu den Auftritten, wenn Sie für die Dauer eines Konzertes die Klappe halten können. (ash) 16 Uhr, Bundeshaus zu Wiedikon, Zürich; Fr, 24. Januar, 21 Uhr, Luz Seebistro,

Immer wieder Schreie aus der Nachbarswohnung. Gehen Sie rüber und klingeln mal an der Tür? Fussballfans reissen die Sitze aus dem Zugabteil. Mischen Sie sich ein und konfrontieren sie mit ihrem Verhalten? Betrunkene pöbeln in der Beiz einen Gast mit rassistischen Sprüchen an. Greifen Sie ein? Zivilcourage ist in solchen Situation gefragt. Oder doch Zurückhaltung, um die eigene Gesundheit nicht aufs Spiel zu setzen? Jeder und jede wird immer wieder einmal mit diesen Fragen konfrontiert. Eine Ausstellung im Stadthaus Zürich bietet die Chance, in einem elektronischen Schattenspiel, in dem man plötzlich und ungefragt vom Betrachter zum Agierenden wird, seine Reaktion in solchen Situationen zu testen. Sie werden schnell zwischen verschiedenen Handlungsoptionen wählen müssen und werden so den weiteren Spielverlauf beeinflussen. Klingt doch nach einem spannenden Game, oder nicht? (fer)

Luzern; Sa, 25. Januar, 20 Uhr, Chäslager, Stans; Do, 30. Januar, 20 Uhr,

«Zivilcourage – wenn nicht ich, wer dann?», Ausstellung, Mo bis Fr 9 bis 18 Uhr,

Zum Goldenen Fass, Basel; Sa, 1. Februar, 20 Uhr, Stickerei, St. Gallen.

Sa 9 bis 12 Uhr, noch bis 1. März, Stadthaus Zürich. Für öffentliche Führungen und

Fr, 17. Januar, 21 Uhr, Café Kairo, Bern; Sa, 18. Januar, 20 Uhr, und So, 19. Januar,

BILD: ZVG

Begleitveranstaltungen siehe www.stadt-zuerich.ch/ausstellung

Auf Tour Lakonisch im Schaffhauser Dialekt Papst & Abstinenzler ist als Name schon mal unschlagbar. Und auch die Songs sind nicht zu verachten. Auf dem Zweitwerk «Geischterfahrer» kredenzt die Band Bluesartiges, Country-Swing und ein paar Grüsse an Ennio Morricone. Dazu singt Jürg Odermatt im Schaffhauser Dialekt allerlei lakonische Geschichten. Zusammen ergibt das eingängige Musik abseits gängiger Hörmuster. Fürs Album halfen Olifr Maurmann als Produzent sowie Nadja Zela und Malcom Mooney (einst bei Can) als Sänger mit. Live müssen Papst Odermatt und Abstinenzler Daniel Gysel mit der Unterstützung von Drummer Martin Fischer (Ex-Eugen) und Nico Feer (Admiral James T., Baby Jail) auskommen. Doch dieses Quartett ist alles, was es braucht für einen Konzertabend, der ans Licht bringt: Der Schaffhauser Dialekt ist das neue Berndeutsch. (ash) Fr, 24. Januar, 20 Uhr, Helsinki, Zürich; Sa, 25. Januar, Club Cardinal, Schaffhausen; Sa, 15. Februar, Albani, Winterthur. SURPRISE 317/14

Geisterfahrer im Weidling: Papst & Abstinenzler.

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Verkäuferporträt «Es hat sich gewaltig was getan» Der Luzerner Surprise-Verkäufer Fritz Antonenko (45) wohnte noch vor einem Jahr unter der Brücke und bettelte im Bahnhof. Dann halfen ihm zwei wichtige Begegnungen, im Leben wieder Fuss zu fassen.

«Ich bin sehr froh, ist mir im vergangenen Juni Surprise-Mitarbeiter Bruno über den Weg gelaufen. Ich war im Bahnhof Luzern gerade am Geld ‹mischle›, als er mit den neuen Surprise-Heften für die Luzerner Verkäufer ankam. Als ich Bruno um Stutz anquatschte, fand er, er hätte da eine bessere Idee und erklärte mir, wie das Surprise-Verkaufen funktioniert. Weil ich seit zwölf Jahren die ‹GasseZiitig Lozärn› verkaufe, interessierte mich sein Vorschlag sofort. Vierzehn Tage später erhielt ich zehn Starthefte, den Verkaufspass und legte los. Das auf diese Weise verdiente Geld war mir sehr willkommen, denn ich lebte zu jener Zeit noch auf der Strasse, schlief unter einer Brücke. Durch einen Unfall, bei dem ich von einem Auto angefahren wurde, habe ich zwar das Anrecht auf eine IV, da ich aber obdachlos war und somit keinen festen Wohnsitz vorweisen konnte, bekam ich nur gerade eine dürftige Grundrente. Das Surprise-Verkaufen gab mir Auftrieb. Dass ich endlich wieder etwas tat fürs Geld, stärkte mein Selbstwertgefühl. Kurz nach dem Start wurde mein Höhenflug jedoch vorübergehend gebremst, weil ich in der Kiste zehn Tage unbezahlte Bussgelder absitzen musste. Diese Zeit hat es aber wahrscheinlich rückblickend gebraucht, denn im Gefängnis machte ich einen Entzug – meine Drogenkarriere ist lang, bereits im Alter von 17 fing ich an, Stärkeres zu konsumieren. In den vergangenen 28 Jahren habe ich jedoch auch immer wieder den Ausstieg geschafft. So wie jetzt. Die Tage im Knast hatten noch etwas zweites Gutes: Ich habe Marion angerufen, eine Frau, die ich schon seit zehn Jahren kenne. Dieser Kontakt gab mir Kraft, und ich fühlte mich auf einmal sehr stark mit ihr verbunden. Als ich Anfang Juli rauskam, wusste ich: Jetzt tue ich diesem wunderbaren Menschen meine Liebe kund. Auf dem Weg zu ihr war mir, als ginge ich heim, heim in ihr Herz. Zu meinem Glück stiess meine Liebe auf Gegenliebe – Marion und ich sind seither fast unzertrennlich. Vor vier Monaten haben wir sogar geheiratet! Um mein Leben Schritt für Schritt neu ordnen zu können, zog ich – wenige Tage später auch Marion – zu einem befreundeten Kollegenpaar ausserhalb von Luzern und meldete mich dort bei der Gemeinde an. Durch den festen Wohnsitz erhalte ich jetzt Ergänzungsleistungen, was bewirkt, dass ich wieder Ordnung mit der Krankenkasse habe. Über beides bin ich sehr froh. Zudem meldete ich mich bei den Surprise-Leuten zurück – die übrigens so nett waren und mir die Sommer-Ausgabe ins Gefängnis schickten – und fing wieder an, die Hefte, vorwiegend im Neustadtquartier, zu verkaufen. Mittlerweile wohnen Marion und ich zu einer günstigen Monatsmiete in einem kleinen Zimmer in Littau und sind über diese bescheidene

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BILD: IMO

AUFGEZEICHNET VON ISABEL MOSIMANN

eigene Bleibe mega glücklich. Natürlich wünschten wir uns eine heimelige Zwei- oder Dreizimmer-Wohnung in oder um Luzern, andererseits habe ich vor nicht einmal einem Jahr auf der Gasse gelebt! Wie gesagt: Schritt für Schritt. Wenn ich mein Leben heute mit dem vor einem Jahr vergleiche – da hat sich gewaltig etwas getan. Ich glaube daran, dass es auch 2014 weiterhin aufwärts geht. Plötzlich öffnet sich wieder eine Türe – sei es in Sachen Wohnung oder sei es, dass ich neben Surprise noch einen weiteren Nebenjob finde. Als Schreiner, was ich ursprünglich gelernt habe, oder wie früher auf dem Bau kann ich nicht mehr arbeiten, aber ich habe gute Verkäuferqualitäten. Meine Frau ist überzeugt, ich würde noch am Nordpol jedem einen Tiefkühler verkaufen. Dieses Talent will ich auch in diesem Jahr beim Heftverkauf nutzen, und zwar nicht nur für mich, ich möchte sehr gerne dazu beitragen, dass Surprise in Luzern und Umgebung noch bekannter wird.» ■ SURPRISE 317/14


SurPlus – eine Chance für alle! Werden Sie Gotte oder Götti bei SurPlus Surprise kümmert sich um Menschen, die weniger Glück im Leben hatten. Menschen, die kaum Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt haben und ihr Leben in die eigenen Hände nehmen wollen. Mit dem Verkauf des Strassenmagazins Surprise überwinden sie ihre soziale Isolation. Ihr Alltag bekommt wieder Struktur und mehr Sinn. Sie gewinnen neue Selbstachtung und erarbeiten sich aus eigener Kraft einen kleinen Verdienst. Das verdient Respekt und Unterstützung. Das Spezialprogramm SurPlus ist ein niederschwelliges Begleitprogramm für ausgewählte Surprise-Verkaufende, die regelmässig das Strassenmagazin

verkaufen und hauptsächlich vom Heftverkauf leben. Diese Verkaufenden erhalten nur geringe soziale Ergänzungsleistungen und werden im Programm SurPlus gezielt vom Verein Surprise unterstützt: Sie sind sozial abgesichert (Ferien, Krankheit, Nahverkehrsabonnement) und werden bei Problemen im oft schwierigen Alltag begleitet. Mit einer Patenschaft leisten Sie einen wesentlichen Beitrag für die soziale Absicherung der Verkaufenden und ermöglichen ihnen, sich aus eigener Kraft einen Verdienst zu erarbeiten. Vielen Dank für Ihr Engagement!

Elsa Fasil Bern

Kostana Barbul St. Gallen

René Senn Zürich

Marlis Dietiker Olten

Negasi Garahassie Winterthur

Josiane Graner Basel

Wolfgang Kreibich Basel

Tatjana Georgievska Basel

Bob Ekoevi Koulekpato, Basel

Anja Uehlinger Baden

Wer sind die Neuen im SurPlus-Programm? Bitte umblättern. Ralf Rohr Zürich

Emsuda Loffredo-Cular Basel

Fatima Keranovic Basel

Ja, ich werde Gotte/Götti und unterstütze das SurPlus-Programm von Surprise! 1 Jahr: 6000 Franken

1/2 Jahr: 3000 Franken

1/4 Jahr: 1500 Franken

Vorname, Name

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PLZ, Ort

Datum, Unterschrift

1 Monat: 500 Franken

317/14 Talon bitte senden oder faxen an: Verein Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@vereinsurprise.ch, PC-Konto 12-551455-3 SURPRISE 317/14

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Surprise ist: Hilfe zur Selbsthilfe Surprise hilft seit 1997 Menschen in sozialen Schwierigkeiten. Mit Programmen in den Bereichen Beschäftigung, Sport und Kultur fördert Surprise die soziale Selbständigkeit. Surprise hilft bei der Integration in den Arbeitsmarkt, bei der Klärung der Wohnsituation, bei den ersten Schritten raus aus der Schuldenfalle und entlastet so die Schweizer Sozialwerke.

Ich möchte Surprise abonnieren! 24 Ausgaben zum Preis von CHF 189.– (Europa: CHF 229.– ) (Verpackung und Versand bieten StrassenverkäuferInnen ein zusätzliches Einkommen.) Gönner-Abo für CHF 260.–

Eine Stimme für Benachteiligte Surprise verleiht von Armut und sozialer Benachteiligung betroffenen Menschen eine Stimme und sensibilisiert die Öffentlichkeit für ihre Anliegen. Surprise beteiligt sich am Wandel der Gesellschaft und bezieht Stellung für soziale Gerechtigkeit. Strassenmagazin und Strassenverkauf Surprise gibt das vierzehntäglich erscheinende Strassenmagazin Surprise heraus. Dieses wird von einer professionellen Redaktion produziert, die auf ein Netz von qualifizierten Berufsjournalistinnen, Fotografen und Illustratorinnen zählen kann. Das Magazin wird fast ausschliesslich auf der Strasse verkauft. Rund dreihundert Menschen in der deutschen Schweiz, denen der Arbeitsmarkt verschlossen bleibt, erhalten damit eine Tagesstruktur, verdienen eigenes Geld und gewinnen neues Selbstvertrauen.

Sport und Kultur Surprise fördert die Integration auch mit Sport. In der Surprise Strassenfussball-Liga trainieren und spielen Teams aus der ganzen deutschen Schweiz regelmässig Fussball und kämpfen um den Schweizermeister-Titel sowie um die Teilnahme an den Weltmeisterschaften für sozial benachteiligte Menschen. Seit 2009 hat Surprise einen eigenen Chor. Gemeinsames Singen und öffentliche Auftritte ermöglichen Kontakte, Glücksmomente und Erfolgserlebnisse für Menschen, denen der gesellschaftliche Anschluss sonst erschwert ist. Finanzierung, Organisation und internationale Vernetzung Surprise ist unabhängig und erhält keine staatlichen Gelder. Das Strassenmagazin wird mit dem Erlös aus dem Heftverkauf und mit Inseraten finanziert. Für alle anderen Angebote wie die Betreuung der Verkaufenden, die Sportund Kulturprogramme ist Surprise auf Spenden, auf Sponsoren und Zuwendungen von Stiftungen angewiesen. Surprise ist eine nicht gewinnorientierte soziale Institution. Die Geschäfte werden vom Verein Surprise geführt. Surprise ist führendes Mitglied des Internationalen Netzwerkes der Strassenzeitungen (INSP) mit Sitz in Glasgow, Schottland. Derzeit gehören dem Verband über 100 Strassenzeitungen in 40 Ländern an.

Geschenkabonnement für: Vorname, Name

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Rechnungsadresse: Vorname, Name

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Bitte heraustrennen und schicken oder faxen an: Verein Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@vereinsurprise.ch

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Herausgeber Verein Surprise, Postfach, 4003 Basel www.vereinsurprise.ch Öffnungszeiten Sekretariat 9 – 12 Uhr, Mo – Do T +41 61 564 90 90, F +41 61 564 90 99 info@vereinsurprise.ch Geschäftsführung Paola Gallo (Geschäftsleiterin), Sybille Roter (stv. GL) Anzeigenverkauf T +41 61 564 90 90, M +41 76 325 10 60 anzeigen@vereinsurprise.ch Redaktion T +41 61 564 90 70, F +41 61 564 90 99 Reto Aschwanden (Nummernverantwortlicher), Florian Blumer, Diana Frei, Mena Kost redaktion@vereinsurprise.ch, leserbriefe@vereinsurprise.ch Ständige Mitarbeit Rosmarie Anzenberger (Korrektorat), Rahel Nicole Eisenring, Shpresa Jashari, Carlo Knöpfel, Yvonne Kunz, Stephan Pörtner, Milena Schärer, Isabella Seemann, Priska Wenger, Tom Wiederkehr, Christopher Zimmer Mitarbeitende dieser Ausgabe Monika Bettschen, Manuela Donati, Andrea Ganz, Hanna Gerig, Seraina Kobler, Isabel Mosimann, Patric Sandri, Adrian Soller Gestaltung WOMM Werbeagentur AG, Basel Druck AVD Goldach Auflage 17 000, Abonnemente CHF 189, 24 Ex./Jahr Marketing, Fundraising T +41 61 564 90 50 Christian von Allmen

Vertriebsbüro Basel T +41 61 564 90 83 Thomas Ebinger, Anette Metzner, Spalentorweg 20, 4051 Basel, basel@vereinsurprise.ch Vertriebsbüro Zürich T +41 44 242 72 11, M +41 79 636 46 12 Reto Bommer, Engelstrasse 64, 8004 Zürich, zuerich@vereinsurprise.ch Vertriebsbüro Bern T +41 31 332 53 93, M +41 79 389 78 02 Andrea Blaser, Alfred Maurer, Bruno Schäfer, Pappelweg 21, 3 Bern, bern@vereinsurprise.ch Strassenchor T +41 61 564 90 40, F +41 61 564 90 99 Paloma Selma, p.selma@vereinsurprise.ch Strassensport T +41 61 564 90 10 Lavinia Biert (Leitung), Olivier Joliat (Medien), David Möller (Sportcoach) l.biert@vereinsurprise.ch, www.strassensport.ch Vereinspräsident Peter Aebersold Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise oder in Ausschnitten, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird von der Redaktion und dem Verlag jede Haftung abgelehnt. Surprise behält sich vor, an Verkaufende gerichtete Postsendungen zu öffnen. Barspenden an namentlich bezeichnete Verkaufende können nur bis zu einem Betrag von CHF 100.– weitergeleitet werden. Darüber hinausgehende Beträge sollen – im Einverständnis mit der Spenderin oder dem Spender – allen Verkaufenden zugute kommen.

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Surprise Da läuft was SurPlus Neue Gesichter im 2014 tion im letzten Jahr dramatisch verändert: Sie sind aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage, regelmässig Surprise zu verkaufen, oder sie müssen aus anderen Gründen etwas kürzer treten. Sie alle werden weiterhin von unseren Vertriebsmitarbeitenden in Basel, Bern und Zürich begleitet. An ihrer Stelle möchten wir anderen engagierten Verkaufenden eine Chance geben und sie neu im SurPlusProgramm gezielt unterstützen: BILDER: ZVG

Seit vielen Jahren blicken Sie beim Inserat des SurPlus-Programms (nähere Informationen dazu auf S. 29) in die gleichen, vertrauten Gesichter: 15 langjährige Surprise-Verkaufende, die weniger Glück im Leben hatten und sich aus eigener Kraft einen kleinen Verdienst erarbeiten. Vielleicht sind darunter sogar Ihre persönlichen Starverkäufer und -verkäuferinnen, vielleicht kennen Sie die eine oder andere Lebensgeschichte? Für einige von ihnen hat sich die persönliche Situa-

Negasi Garahassie lebt mit seiner Familie in der Nähe von Winterthur. Er verkauft nach einem Unterbruch wieder sehr engagiert das Strassenmagazin in Winterthur. 2014 möchte er noch mehr Surprise-Hefte verkaufen, um ein Leben ohne Sozialhilfe zu führen. Wir möchten ihn bei seinem grossen Ziel unterstützen.

Emsuda Loffredo-Cular verkauft seit zwei Jahren Surprise, ist Sängerin im Surprise Strassenchor, hilft beim Abo-Versand und ist bei allen Weihnachtsfeiern, Grillfesten und Frühstücks-Treffen dabei, wo sie regelmässig Verkaufende und das Surprise-Team mit selbstgemachten Spezialitäten verwöhnt. Dank ihres grossen Einsatzes schaffte sie es, sich von der Sozialhilfe loszulösen.

Kostana Barbul verkauft seit elf Jahren Surprise. Als damals der Verkäufer für die Heftausgabe am Bahnhof St. Gallen ausstieg, sprang sie kurzfristig ein. Sie organisiert seitdem die tägliche Verteilung der Magazine und unterstützt den Vertrieb in Zürich. Kostana sorgt für ihre pflegebedürftige Tochter und bezieht ebenfalls kein Geld vom Sozialamt.

BILD: ZVG

Elsa Fasil verkauft seit Februar 2008 neben ihrer 70-Prozent-Tätigkeit im Spital Thun das Strassenmagazin in Bern. Sie möchte ihre Kinder aus Eritrea nachkommen lassen und erhält keine Sozialhilfe. Elsa ist ein Beispiel für eine gelungene Integration in der Schweiz.

SurPlus Schmetterlinge, Cordon Bleu und Kutschenfahrt Der jährliche Ausflug für die Teilnehmer des SurPlus-Programms führte im November 2013 nach Kerzers ins Papiliorama. Wir bestaunten die Vielfalt der Schmetterlinge und spürten den Windhauch der vorbeifliegenden Fledermäuse. Grosse Freude brach danach beim Anblick der riesigen Cordon Bleus aus, die uns im Gasthaus Jura zum Mittagessen serviert wurden. Als besondere Überraschung fuhr nach dem Essen eine Pferdekutsche vor und entführte uns in die Jura-Landschaft. Eingepackt in warme Decken und mit den Liedern «Hejo, spann den Wagen an» und «Hoch auf dem gelben Wagen» kam ein Hauch von Westernromantik auf. (sro)

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