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Armut zeigen Einblicke ins Leben auf der Strasse Ein Tag auf der Gasse – unterwegs mit einem Obdachlosen

Sprechstunde beim Gassentierarzt: Hilfe für Hund und Herrchen

Nr. 297 | 5. bis 18. April 2013 | CHF 6.– inkl. MwSt. Die Hälfte des Verkaufspreises geht an die Verkaufenden. Bitte kaufen Sie nur bei Verkaufenden mit offiziellem Verkaufspass.


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Titelbild: Kathrin Schulthess

Editorial Gesichter der Armut BILD: DOMINIK PLÜSS

Armut ist in der Schweiz selten offensichtlich. Viele Betroffene ziehen sich zurück und machen sich unsichtbar. Unsere Surprise-Stadtführer tun das Gegenteil. Sie stellen sich vor die Leute hin und erzählen vom Leben am Rand der Wohlstandsgesellschaft. Damit halten sie den Kopf hin und geben der Armut ein Gesicht. Das braucht Mut, denn noch immer wird von Armen erwartet, dass sie sich in Demut üben und ihr Schicksal erdulden. Doch diese Menschen sind keine Bittsteller, sie haben Ansprüche. Den Anspruch, in ihrer materiellen Not von den Sozialwerken, in die sie jahrelang einbezahlt haben, unterstützt zu werden. Den Anspruch auf Bewegungsfreiheit und Nutzung des öffentlichen Raumes. Und den Anspruch auf Respekt. RETO ASCHWANDEN

Armut wird verdrängt – und zwar in mehrfacher Hinsicht. Wir wollen nicht wahr- REDAKTOR haben, was passieren kann, wenn man den Anforderungen der Leistungsgesellschaft nicht gerecht werden kann. Der Obdachlose macht eine reale Gefahr sichtbar: Es könnte uns alle treffen. Auch deshalb setzen Schweizer Städte in den letzten Jahren immer mehr auf Repression. Mitte März wurde bekannt, dass die Stadtzürcher Polizei Wegweisungen im Akkord ausspricht: 5232 Mal im Jahr 2012 – von dieser Zahl zeigte sich sogar der verantwortliche Polizeivorsteher Daniel Leupi «leicht schockiert». Nun pfeift er seine Truppe öffentlich zurück und fordert mehr Augenmass im Umgang mit Aussenseitern. Basel Tourismus verlangte letzten Sommer die Säuberung des Bahnhofvorplatzes von Alkoholikern und anderen Randständigen. Seither, so sagt Stadtführer Wolfgang Kreibich im Interview ab Seite 17, hat der Druck durch die Polizei zugenommen. Wer sich für die Unterprivilegierten einsetzt, wird von gewissen Kreisen als «Gutmensch» verhöhnt. Der Begriff suggeriert, dass jene, die Schwache unterstützen, dies tun, um sich selber als gute Menschen zu fühlen. In Wahrheit tut der Gutmensch etwas Selbstverständliches: Er besteht darauf, dass auch der Schwache zu seinem Recht kommt. Das macht ihn noch nicht zu einem guten Menschen, sondern lediglich zu jemandem, der begriffen hat, worauf unsere Gesellschaft fusst. Nämlich nicht auf der Grosszügigkeit der Grossen gegenüber den Kleinen, sondern auf Solidarität und Ausgleich innerhalb einer Gesellschaft von Gleichen. Für eine solche Gesellschaft setzt sich Surprise ein. Darum organisieren wir die sozialen Stadtrundgänge. Und deshalb haben wir zum Start der Stadtrundgänge dieses Heft zur Armut produziert. Ich wünsche Ihnen spannende Lektüre. Reto Aschwanden

Surprise ist auf Spenden angewiesen. Auch auf Ihre! Herzlichen Dank. PC-Konto 12-551455-3 Ihre Meinung! Bitte schicken Sie uns Ihre Anregungen oder Kritik: Verein Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, T +41 61 564 90 70, redaktion@vereinsurprise.ch. Es werden nur Leserbriefe abgedruckt, die mit vollem Namen unterzeichnet sind. Die Redaktion trifft eine Auswahl und behält sich vor, Briefe zu kürzen. SURPRISE 297/13

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10 Gassenalltag Billig unterwegs BILD: LUCIAN HUNZIKER

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Inhalt Editorial Auch Arme haben Ansprüche Basteln für eine bessere Welt Subversiver Sitzsack Brief aus … … Casablanca Zugerichtet Die letzte Kreuzung Leserbriefe Die Wirkung der Sprache Starverkäufer Zeru Fesseha Porträt Nur nicht den Humor verlieren Surprise-Stadtrundgang Eindrücke vom Probelauf Wörter von Pörtner Populisten und Hacktätschli Theater Schuld und Schulden Kultur Sextouristinnen im Paradies Ausgehtipps Trauer im Samtgewand Verkäuferporträt Grossvater mit 40 Projekt SurPlus Eine Chance für alle! In eigener Sache Impressum INSP

Rolf Mauti hatte einen Unfall und lebt seither von einer Suva-Rente. Sie reicht zum Leben, wenn er auf eine Wohnung verzichtet. Aufs Sozialamt gehen mag er nicht, weil er dann das verlieren würde, was sein Leben zurzeit ausmacht: seine Freiheit. Ein Tag unterwegs mit einem, der tun kann, was er will. Und doch nur sein kann, wo er nicht stört.

14 Gassentierarzt Das Tier als Türöffner BILD: SOPHIE STIEGER

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Ein Haustier gibt emotionalen Halt, eine Tagesstruktur – und kostet Geld. Vor allem, wenn es zum Doktor muss. Das Zürcher Projekt Gassentierarzt bietet deshalb wöchentlich eine Sprechstunde an, in der Armutsbetroffene ihre Haustiere vorbeibringen können. Nicht selten führt das Tier zum Mensch – und der Besuch beim Gassentierarzt zu Hilfsangeboten für den Menschen.

17 Gassengespräch Duschen und kein Sozi-Gequatsche

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BILD: DOMINIK PLÜSS

Wolfgang Kreibich war obdachlos, Paul Rubin leitet das Basler Tageshaus für Obdachlose. Beide sind auf ihre Art Experten für das Leben auf der Strasse. Im Gespräch unterhalten sie sich über zunehmende Schikanen auf der Gasse, Sozialarbeit in Lauerstellung und die Einsamkeit der Armen. Und sie erklären, warum drei Franken fürs Mittagessen das Selbstwertgefühl stärken.

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ILLUSTRATION: SOPHIE AMMANN | WOMM

1. Nehmen Sie Ihren Duschvorhang von der Stange.

2. Schneiden Sie aus Karton zwei Sechsecke und sechs Parallelogramme aus (erst Kreise zeichnen, dann die Sechseckform hinein), übertragen diese auf den Duschvorhang und schneiden die Teile aus.

3. Nähen Sie die Seitenteile aneinander. Nähen Sie zwischen zwei Teilen auch einen Griff zum Tragen des Sacks ein.

4. Nähen Sie erst das kleinere Sechseck an, füllen den Sack mit Styroporchips (gibt’s in Baumärkten oder mit ein bisschen Glück gratis auf Recyclinghöfen) – nicht zu prall füllen! – und nähen dann das grössere Sechseck dran.

5. Nehmen Sie den Sack an einen Ort mit, wo es Ihnen gefällt, und machen Sie es sich bequem. Sie dürfen ihn natürlich auch jemandem schenken, der sich gerne im öffentlichen Raum aufhält und gerade so aussieht, als würde er lieber sitzen als stehen.

Basteln für eine bessere Welt Wir berichteten in der Vergangenheit darüber, auch unsere Stadtführer beklagen es: Um Randständige fernzuhalten werden im öffentlichen Raum überall Bänke abgeschraubt oder so unbequem gestaltet, dass man es nicht länger als fünf Minuten darauf aushält. Wir rufen zum Sitzstreik auf! Und zwar mit unserem mobilen, subversiv-bequemen Sitzsack. Lässt sich überallhin mitnehmen, um ganz entspannt bei einem Schwätzchen an einem Bierchen zu nippen (und, wenn’s sein muss, auch ein Nickerchen zu halten). SURPRISE 297/13

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Brief aus Casablanca Münz vor der Moschee VON AMIR ALI

«Das einzige Gute an Marokko ist unsere Solidarität», beendete Mohammed seine Schimpftirade gegen sein Land, seinen König und dessen elitären Freundeskreis von Abzockern. Mohammed kennt die Welt der Reichen: Als Buchhalter in einem von Casablancas Fünfsternehäusern verdient er knapp 2500 Dirham im Monat. Etwa 15 Franken pro Tag. Viel ist das nicht. Das Billet für das Tram hinaus ins Armenviertel Sidi Moumen kostet fast einen Franken. Das wäre ungefähr so, als müssten Sie für ein Trambillet etwa 25 Franken aufwerfen. Mit 30 lebt er noch immer bei der Mutter. Etwas anderes – eine eigene Wohnung, heiraten – liegt schlicht nicht drin. Dass er dennoch zu den Privilegierten gehört, wird Mohammed Tag für Tag vor Augen geführt. Kinder, die an Rotlichtern KleenexSchachteln verkaufen; verschleierte Witwen, die bei den Gästen der Strassencafés betteln; Familienväter, die als fliegende Händler ihre Runden drehen mit Krimskrams, den niemand will: Für sie ist jemand, der gut 300 Franken im Monat verdient, reich. Unerreichbar reich. Die Armut, sie prägt das Gesicht des reichen Casablanca. Fast 900 000 arme Menschen in der reichen Schweiz: So oder ähnlich lauteten die Schlagzeilen im vergangenen Jahr. Sie leben mitten unter uns – aber wir nehmen sie nicht wahr. Natürlich, wir lesen Porträts über Alleinerziehende, die sich die Flasche Cola für den Kindergeburtstag vom Mund absparen. Vielleicht besuchen wir Ausstellungen zum Thema. Manchmal sehen wir Armut. Ihre präferierte Erscheinungsform ist der Clochard, ein romantisierter Streuner, der nichts hat und nichts muss. Wir sehen Armut. Und denken: Scheitern. Versagen. Armut ist für den Schweizer ein Kuriosum, das mit seinem Alltag nichts zu tun hat. Die Armut, sie hat kein Gesicht in der reichen Schweiz. Wenn die Männer von Sidi Moumen nach dem Gebet in ihren schäbigen Trainingsanzügen und abgewetzten Jellabas aus der Moschee strömen, stehen die Bettler schon da. Und ganz selbstverständlich füllen sich die ausgestreckten Hände mit Münzen. Auch wer wenig hat, der gibt. Armut ist in Marokko nichts, wofür man sich schämen muss. Fehlende Solidarität hingegen schon.

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Zugerichtet Der Tod der alten Dame Die Dame war 73 Jahre alt, als sie an einem Nachmittag im Juni 2010 mit dem Fahrrad die Quartierstrasse hinunterfuhr Richtung Altersheim, wo sie ihre 98-jährige Mutter besuchen wollte. Dort kam sie nie an. Auf der Kreuzung wurde sie von einem Auto erfasst, in die Luft geschleudert und prallte Kopf voran auf den Asphalt. Man hat versucht, sie zu retten, doch am Abend des gleichen Tages war die alte Dame tot. Das Bezirksgericht Zürich verurteilte die Autofahrerin wegen fahrlässiger Tötung. Diese Schuld will Frau Johanna P.* nicht auf sich nehmen und ficht das erstinstanzliche Urteil an. In der Lobby des Obergerichts, die in der Regel bevölkert wird von jungen Burschen in Kapuzenpullis und Trainerhosen, ist eine Erscheinung wie jene von Johanna P.* so selten wie ein weisser Rabe. Ihr schlohweisses Haar ist kunstvoll toupiert, das Makeup makellos aufgetragen, ohne Angst, ihr Alter könnte den Pastellfarben widersprechen, das Foulard schwungvoll um den Hals geworfen. Johanna P. ist 84 Jahre alt, was man ihr nicht ansieht, und ein bisschen schwerhörig und auf dem linken Auge blind, was man ihr nicht anmerkt. Wie sie die Zeit zwischen Unfall und Prozess überstand, will das Gericht nicht wissen. Man beugt sich über die Unfallskizze. Wie schnell ist denn die Frau in die Pedale getreten? Konnte Frau P. die alte Dame rechtzeitig sehen? Frau P. berichtet, die alte Dame hätte den Kopf gesenkt gehalten, wie in Gedanken, einen Helm habe sie auch nicht getragen. Haben Büsche die Sicht gestört? «Ja, Büsche, Bäume und ein falsch parkierter Wagen, und plötzlich war sie unter meinem Auto.» Sie hätte nie gedacht, dass die Dame

einfach geradeaus auf die Kreuzung fahren würde. «Es tut mir schrecklich leid, ich nage heute noch daran, die Bilder holen mich immer wieder ein. Aber meiner Ansicht nach bin ich nicht schuld.» Der Richter will wissen, ob sie wegen dem kaputten Auge die Situation nicht erfasst habe. Nein, der Arzt habe sie regelmässig auf ihre Fahrtauglichkeit überprüft, mehr als 40 Jahre lang sei sie unfallfrei gefahren, sagt sie, und sie habe alles gesehen, nur nicht mit allem gerechnet. «Niemals habe ich damit gerechnet, dass die Dame einfach weiterfährt, sonst hätte ich doch angehalten.» Ihre Verteidigerin weist darauf hin, dass man auf das korrekte Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer vertrauen muss. «Meine Mandantin ist doch keine Hellseherin. Wie hätte sie ahnen können, dass die alte Dame einfach geradeaus fährt?» Der Richter anerkennt die Reue der Angeklagten. Aber sie habe die sehr unübersichtliche Situation erkannt und wahrgenommen, dass die Velofahrerin keine Anstalten treffe, abzubremsen, um ihr den Vortritt zu gewähren. Ein Augenkontakt zwischen den beiden Damen sei nicht zustande gekommen. Die Vorschrift, besondere Vorsicht walten zu lassen, wenn es Anzeichen dafür gebe, dass sich ein anderer Verkehrsteilnehmer nicht an die Regeln halte, habe die 84-Jährige missachtet. Der vorsitzende Richter bestätigt den Fahrlässigkeitsvorwurf. 60 Tagessätze à 70 Franken lautet die Strafe, einen zusätzlichen Denkzettel brauche sie nicht, zumal sie inzwischen das Billet freiwillig abgegeben habe. Frau P. weint. «Ich bin nur froh, dass es kein Kind war», sagt sie. * persönliche Angaben geändert ISABELLA SEEMANN (ISEE@GMX.CH) ILLUSTRATION: PRISKA WENGER (PRISKAWENGER@GMX.CH) SURPRISE 297/13


Leserbriefe Nr. 296: Zielscheibe Lehrer

Enttäuscht über die männliche Berufsbezeichnung Heute habe ich als seit vielen Jahren im Schulbetrieb der Stadt Zürich tätige Heilpädagogin Ihr Heft aufgrund des schulbezogenen Titelbilds gekauft. Gewohnt, Ihre scharfe Gesellschaftsanalyse und Gesellschaftskritik zu geniessen, war ich sprachlos, unter dem Foto der Lehrerin die ausschliessliche männliche Bezeichnung für diesen Beruf gedruckt zu sehen. Sonderbar für eine Berufsbezeichnung, welche tatsächlich zum allergrössten Teil von Frauen ausgeübt wird. Noch schlimmer wurde es beim Lesen des Artikels. Offenbar ist Ihnen der (wenn schon!) geschlechtsneutrale Begriff «Lehrperson» geläufig. Trotzdem verwenden Sie (ich hab's in meinem Ärger gezählt) etwa 26 Mal die Bezeichnung «Lehrer». «Lehrpersonen» nur zehn Mal. Ich glaube, gerade einem dermassen gesellschaftskritischen Magazin wie dem Ihren muss ich nicht erklären, welche Wirkung Sprache hat. Und ich glaube, grundsätzlich können Sie nachempfinden, wie es als Frau ist, im Sprachspiegel hauptsächlich die wenigen männlichen Kollegen des eigenen Berufes beschrieben zu sehen. Sonia Krebs, Zürich

«Das Fazit ist immer das Gleiche: Frauen sind die besseren Menschen» Leserbrief S. 7 bezüglich der Gerichtskolumne «Zugerichtet» Männerfeindlich? In seinem Leserbrief «Männerfeindliche Kolumne» (siehe Nr. 296, Leserbriefe S. 7) schreibt Herr Faust, dass er «Zugerichtet» «nicht länger lesen» könne, ohne dass seine «Augen verunreinigt» würden. Obwohl er Surprise ja eigentlich gut findet. Seine Reaktion auf die Gerichtskolumne machte mich betroffen. Sosehr, dass ich die aktuelle Kolumne, «Rosenkrieg im Treppenhaus» (Nr. 296), ein paar Mal las, um die Männerfeindlichkeit hier zu entdecken. Ich entdeckte jedoch keine. Ja, die Kritik an diesem Herrn Huber, der im Text vorkommt, ist harsch. Plötzlich beschimpfen Männer die

Nominieren Sie Ihren Starverkäufer! Schreiben Sie uns mit einer kurzen Begründung, welche/n Verkäufer/in Sie an dieser Stelle sehen möchten: Verein Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 (0)61 564 90 99, redaktion@vereinsurprise.ch

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Partnerin, mit der sie jahrelang zusammenlebten, als Hure. Und es gibt welche, die sind bereit, ihre Frau oder ihr Kind aus nichtigem Grund zu töten, unglaublich! Nicht nur in Indien! «Zugerichtet» ist nicht männerfeindlich, sondern kritisch. Frauen leben in einer immer noch frauenfeindlichen Gesellschaft. Gion Honegger, per E-Mail

Radio – Die Stimme der Irren Verrücktes Radio auf RaBe Auch in der Schweiz gibt es eine Sendung, die von Radio La Colifata inspiriert ist: Radio loco-motivo, alle vier Wochen auf Radio Bern RaBe. Die Redaktion setzt sich aus psychiatrieerfahrenen Menschen und dem Gesundheitspfleger Gianni Python zusammen, der die Idee zum Projekt aus Chile mit in die Schweiz brachte. Die Gruppe bestimmt gemeinsam, worüber sie berichten will. Es gab schon Themensendungen – zum Beispiel zu Recovery –, aber in der Regel enthalten die Sendungen nicht nur Beiträge zum Themenkreis Psychiatrie: Gedichte, Berichte, Portraits, Reportagen, eine scharfzüngige Kolumne und natürlich Musik: zum Beispiel der Titelsong «Radio Radio loco-motivo», den die Schweizer Neofolk-Combo Colibri eigens für die Sendung geschrieben hat. Begleitet wird das Projekt von der Interessengemeinschaft Sozialpsychiatrie Bern und der Radioschule klipp+klang. Sendungsarchiv und mehr unter www.radiolocomotivo.ch, Kontakt: radiolocomotivo@rabe.ch. Nächste Sendungen: Mi 1. und Mi 29. Mai, Do 6. Juni, jeweils 17 bis 18 Uhr auf Radio Bern RaBe, 95.6 MHz. Liselotte Tännler, Projekt Co-Leitung, Zürich

BILD: ZVG

Lehrer unter Druck – Nur keine Schwäche zeigen

Starverkäufer Zeru Fesseha Doris und Eduard Buchwalder aus Basel nominieren Zeru Fesseha als Starverkäufer: «Wir freuen uns jeden Freitag, wenn wir in die Migros Paradies in Allschwil zum Einkaufen gehen. Dort steht Herr Zeru Fesseha und lächelt uns an, ist immer freundlich und gut gelaunt. Hut ab vor diesen Menschen, die sich etwas dazuverdienen wollen. Deshalb ist für uns Zeru Fesseha als Starverkäufer zu empfehlen.»

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Porträt «Ich will mich nicht verbiegen lassen» Surprise-Stadtführer Markus Christen musste der Gesundheit wegen seinen Job aufgeben und landete bei der Sozialhilfe. Dort wird der 58-Jährige aufgrund seines Alters nur noch abgewickelt. Seinen Humor hat er deshalb aber nicht verloren. VON MICHAEL GASSER (TEXT) UND KATHRIN SCHULTHESS (BILD)

jetzt mit 3100 Franken netto auskommen müssen. Nur zu gerne würde der 58-Jährige wieder einer bezahlten Tätigkeit nachgehen, doch Chauffeur sein kann er nicht mehr. Aus medizinischen Gründen. 2009 habe er sich mit einem Kleinbus und Passagieren auf dem Weg an den Flughafen Zürich befunden, als er in einen Sekundenschlaf fiel. Einzig dem raschen Eingreifen seines Beifahrers sei es zu verdanken gewesen, dass es zu keinem Unfall kam. «Wir sind noch bis zur nächsten Raststätte gefahren, ich bin ausgestiegen, habe meinen Chef angerufen und meine Autoschlüssel zurückgegeben.» Im Wissen, dass er als Chauffeur Leben gefährden würde. Denn Markus Christen leidet unter Schlafapnoe, wie ihm sein Arzt bescheinigte. Das hiess Arbeitsamt, das hiess Bewerbungen schreiben. Doch die Chancen standen schlecht, denn Christen hatte seinen 50. Geburtstag bereits hinter sich. Da er früher nebenbei als freier Journalist für die 1992 eingestellte Tageszeitung Nordschweiz gearbeitet hatte, hoffte er, einen Weg zurück in die Medien zu finden. Doch als Quereinsteiger stand er dieses Mal vor verschlossenen Türen. Auch seine Beiträge auf dem Blog www.2lounge.ch, wo das SP-Mitglied («Ich wünsche mir, dass sich die Partei mehr nach links bewegt») mit Vorzug über Realpolitisches schreibt, vermochten bislang nichts daran zu ändern. «Ich

«Im Nachhinein ist man immer schlauer», erklärt Markus Christen und schaut auf vergangene Jahre zurück. Ohne jede Nostalgie, ohne Anflug von Wehmut. Aber nicht ohne Humor. «Ich habe lauter lustige Geschichten zu erzählen», sagt er und lässt ein Lächeln über sein Gesicht huschen. Und zeigt so, dass er eins schon lange gelernt hat: das Leben und die Schicksalsschläge so zu nehmen, wie sie eben kommen. Im Moment verspürt Markus Christen ordentlich Freude, denn auf ihn wartet eine neue Aufgabe: Im Auftrag von Surprise wird er nebenamtlicher Stadtführer. Dabei wird er den Teilnehmern nicht etwa die schönen Flecken von Basel zeigen, sondern sie auf die Anzeichen der aufkeimenden und vielfach versteckten Armut hinweisen. «Die Behörden versuchen auf subtile Weise, die Armen möglichst aus der Öffentlichkeit zu verdrängen», ist er sich sicher. Anhand seiner eigenen Erfahrungen will er zudem erzählen, welchen Spiessrutenlauf man absolvieren muss, wenn der schwere Gang aufs Sozialamt bevorsteht. Doch zum Anfang der Geschichte: Als er ein Jahr alt war, wurde Markus Christen aus seiner Familie genommen. «Aussortiert», wie er es nennt. Weshalb, weiss er bis heute nicht. Denn seine sechs Geschwister durften bei den Eltern im Zugerland bleiben. «Ich galt als armengenössiges Kind und wurde Das Geld von der Sozialhilfe ist knapp, aber sorgen will nach Nidwalden spediert.» In seine BürgergeChristen sich deswegen nicht: «Ich sehe das auch als eine meinde Wolfenschiessen, in ein von KlosterArt sportlicher Herausforderung.» frauen geleitetes Heim. Durch Zufall habe sich viele Jahre später ein Kontakt zu einer seiner Schwestern ergeben. Doch als die Eltern davon erfuhren, drohten sie versuchte alles und probierte mich sogar im Telefonverkauf. Ein totadieser mit Enterbung. Seither herrscht wieder Funkstille. «Selbst auf die ler Rohrkrepierer», winkt er ab. Inzwischen werde er auf dem SozialEinladung zu meiner Hochzeit hat sie nicht reagiert.» Mittlerweile habe amt «nur noch abgewickelt». Markus Christen gilt als nicht mehr verer sich damit arrangiert, arrangieren müssen, nichts Genaueres über die mittelbar. Hintergründe seines Familienausschlusses in Erfahrung bringen zu könEin Verdikt, das ihm nur in Massen zu schaffen mache. Die Gelder nen. «Wenn nichts kommt, dann bringt es auch nichts, weiterzubohren.» der Sozialhilfe stünden ihm ja rechtlich zu, wie der Befürworter des beWurzeln geschlagen hat Markus Christen in der Innerschweiz nie. Er dingungslosen Grundeinkommens betont. Dass die Situation für ihn absolvierte die Schule, machte in Stans eine Lehre als Typograph, und dennoch alles andere als einfach ist, spürt man, wenn Christen über die nach dem Militärdienst verabschiedete er sich nach Basel – wo er 1980 Einschränkungen spricht, die er und seine Frau zunehmend in Kauf für die Basler Zeitung zu arbeiten begann. Nach zwei Jahren kam es nehmen müssen. Er beklagt sich nicht, er stellt einfach fest. «Es wird imzum nächsten Schnitt: Sein Arbeitgeber entschloss sich, den Schriftsatz mer enger.» Biogemüse wurde längst gestrichen, das Brot wird selber geauf Computer umzustellen. Davon wollte Christen nichts wissen. «Ich backen und die Zigaretten selber gestopft. Das geht. Doch woher das hatte ein Kunsthandwerk gelernt und wollte mich nicht verbiegen lasGeld für ein neues Paar Schuhe kommen soll, wenn das jetzige durch sen und nur noch einen blossen Bildschirm-Job erledigen.» Er kündigte ist, weiss Christen nicht. Sorgen will er sich deswegen nicht. «Ich sehe und begann, sein Geld als Chauffeur zu verdienen. Vielleicht nicht der das auch als eine Art sportlicher Herausforderung.» klügste Entscheid, wie er durchblicken lässt. Aber entschieden ist entMarkus Christen ist es wichtig, der Gesellschaft etwas zurückgeben schieden und passiert ist passiert. zu können. Etwa mit seinen Stadtführungen. Am liebsten würde er mal Geld war für Christen nie sonderlich wichtig. Er und seine Frau, die eine Schar Personalverantwortlicher durch Basel lotsen. «Und ihnen halbtags arbeitet, hätten immer auf ihr Budget achten müssen. Doch seit konkret vor Augen führen, was mit den Leuten passiert, die aus wirt2011 muss das Paar jeden Rappen mehrmals umdrehen. Denn Markus schaftlichen Gründen entlassen werden.» Das sei ein treibender Punkt Christen ist auf dem Sozialamt gelandet. Was bedeutet, dass die beiden für ihn, sagt er und blickt kämpferisch über den Brillenrand. ■ SURPRISE 297/13

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Gassenalltag Im Engpass Er trägt keine Plastiksäcke mit sich herum und sieht auch nicht verwahrlost aus. Trotzdem ist Rolf Mauti ein typischer Obdachloser: Einer, dem das Geld nur fürs Leben reicht, wenn er auf ein Dach über dem Kopf verzichtet. VON DIANA FREI (TEXT) UND LUCIAN HUNZIKER (BILDER)

Es ist 6.30 Uhr, draussen dämmert es langsam, und am EuroAirport Basel-Mulhouse sind noch kaum Passagiere anzutreffen. Wenn die ersten Flüge ankommen, ist Rolf Mauti in der Regel bereits unterwegs, vor allem, wenn er schlecht geschlafen hat. Meistens schläft er auf der Metallbank vor dem Zolldurchgang, mit seiner Jacke als Kopfkissen. Auf dem Lüftungsschacht am Boden liegt ein Mann. Hier hat Mauti auch schon oft übernachtet: «Da kommt warme Luft raus.» An sich werden Obdachlose vom Grenzwachtkorps weggewiesen. Aber die

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Grenzwächter kennen Mauti, sie sehen, dass er da ist und lassen ihn meistens in Ruhe. Er könnte irgendein Passagier sein, trägt keine Plastiksäcke mit sich herum, hinterlässt keinen Abfall und verhält sich nicht auffällig. Die Cafébar im Erdgeschoss ist noch geschlossen, ein Apparat mit Plüschtieren will mit Geld gefüttert werden, um Hasen und Bären auszuspucken. Im Crousti Café auf der französischen Seite riecht es bereits nach frischen Gipfeli. Noch vor ein paar Monaten lag hier die ganze Nacht die Fernbedienung für den Fernseher bereit, aber die haben sie jetzt weggeräumt. SURPRISE 297/13


Wenn Rolf Mauti nicht mehr schlafen kann, nimmt er um 5.20 Uhr den ersten Flughafenbus.

und einen Produzenten in Holland. Jetzt fehlen ihm 50 000 Franken Die Flughafenverantwortlichen haben keine Freude an den ungebeteStartkapital, dann könnte er mit der Produktion beginnen. nen Gästen, aber ein gewisses Verständnis. «Es gibt immer wieder ObVom Flughafen aus fährt Mauti mit dem Bus in die Stadt, meistens etdachlose im Flughafengebäude, insbesondere bei frierender Kälte. Wir wa um 7 Uhr. Der erste fährt um 5.20 Uhr, den nimmt er, wenn er nicht empfehlen aber, dass sie die Notschlafstelle in der Stadt aufsuchen, wo mehr schlafen kann auf seiner Metallbank. Er ist viel unterwegs, den sie ein warmes anständiges Bett mit entsprechender Versorgung bekomganzen Tag von einem Ort zum anderen, um 7.30 Uhr öffnet die Gasmen können», hält die Medienverantwortliche des EuroAirport fest. «In senküche, um 10 Uhr das Tageshaus für Obdachlose an der Wallstrasse, der Notschlafstelle war ich schon ein paar Mal, auch für längere Phasen», um 14 Uhr der Schwarze Peter, Verein für Gassenarbeit. Am liebsten ist sagt Rolf Mauti, «da habe ich zwar ein Bett, aber kann nicht schlafen. Es ist lärmig, es wird geschnarcht, und man muss auf seine Sachen aufpassen.» Man ist von Leu«Im Tageshaus für Obdachlose sind ein paar gute Leute. ten umgeben, die auch ihre Probleme haben, Es kommt selten vor, dass ich von da flüchten muss, weil nicht selten noch schlimmere. Er nächtigt auch unangenehme Personen da sind.» an anderen Orten, ab und zu bei einem Kollegen oder bei jemandem, der ein freies Zimmer er an der Wallstrasse: «Da sind ein paar gute Leute. Es kommt selten vor, hat, in Parkhäusern, im Elsässer Bahnhof. Den letzten Winter hat er fast dass ich von der Wallstrasse flüchten muss, weil unangenehme Persovollständig auf dem Flughafen verbracht. Hier hat er immer wieder Leunen da sind. Leute, die blöd zünden. Die Drogen- oder Alkoholproblete kennengelernt, die auf der Reise waren. Einen Mann aus Chur zum me haben.» Beispiel, der nach Amsterdam flog. «Der hatte einen Unfall und eine SuEr selber hat kein Drogen- oder Alkoholproblem. Er hatte den Unfall. va-Rente, wie ich. Aber irgendetwas muss man sich auch einmal leisten», Rolf Mauti ist ausgebildeter Chemikant. Er hatte bei der damaligen Sansagt er und zeigt seinen Massagestuhl. Da kann man Geld einwerfen für doz die Lehre gemacht, dann jahrelang bei Ciba-Geigy gearbeitet, er hat eine Entspannungsmassage, aber Mauti entspannt ohne Geld. Er sitzt da auch andere Jobs gemacht, weil ihm die Chemie zu wenig kreativ war, und liest sein 20 Minuten, das für 24 Stunden reichen muss, er trägt es und ab und zu ist er auch angeeckt, wegen Kompetenzüberschreitunden ganzen Tag in seiner Jackentasche herum. Selber ist er schon oft in gen, das gibt er selber zu, aber er war gründlich und schnell und verdie Ferien geflogen. Von Basel aus zuletzt vor 20 Jahren, nach Florida. antwortungsbewusst. Und dann, beim Basler Chemieunternehmen RohVielleicht macht Rolf Mauti irgendeinmal das grosse Geschäft, vielner, als er wieder als Chemikant arbeitete, stolperte er. Er versuchte sich leicht sogar bald. Er hat einen Energy Drink entwickelt, Elixiere aus dem an einem Gartentor aufzufangen, es fiel zu und Mauti rutschte ab. Er fiel Reformhaus gemischt und Ingwer-Extrakt zugesetzt, um dem Getränk auf die Schulter, ein ganzer Muskelstrang riss ab. Was folgte, war eine die Süssigkeit zu nehmen; er hat herumtelefoniert, Abnehmer gefunden SURPRISE 297/13

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Odyssee von Arzt zu Arzt. Bis ins letzte Detail kann er die Geschichte seiner fünf Schulteroperationen rekonstruieren. Er kann genau sagen, wie und wann er sich den MRI selber organisierte, weil das alles falsch lief bei den Ärzten. Die Schmerzen hat er heute noch, und den Arm kann er nicht mehr richtig anheben.

Ämtern in Kontakt, und überall muss man Auskunft geben. Hier sollen sie frei sein.» Ein Mann am Nebentisch ist fertig mit Essen, jetzt ist er über seinem Teller eingeschlafen. Eine Frau in Cowboyjacke tigert durch das Lokal, die eine Hand in einer Schiene. Als sie sieht, dass jemand die gleiche Schiene hat wie sie, vergleicht sie die Modelle und freut sich sichtlich über die Gemeinsamkeiten. «Es sind viel weniger Frauen hier», sagt Brigitte, «die sind eher im Versteckten süchtig, und sie können sich vielleicht besser privat organisieren. Männer fallen schneller durchs Netz.»

Freiheit statt Dach über dem Kopf Rolf Mauti lebt von etwa 1200 Franken Suva-Rente, das reicht nicht für eine Wohnung, aber für ein U-Abo – das ist eine Art Generalabonnement für den Raum Basel –, es reicht für die Krankenkasse und für ein Smartphone. 99 Franken hat es ihn gekostet, und das Abo ist moSudokus mit Leitungswasser natlich nochmals etwa so viel, dafür kann er unbeschränkt surfen, Es riecht mit einem Mal verbrannt, ein Mann am Tisch in der Ecke Swisscom Infinity, jetzt muss er die Leute auch nicht mehr bitten, ihn springt auf: «Es brennt, es brennt!», und läuft nervös zur Tür. Eine Anauf eigene Rechnung zurückzurufen. Dass er telefonieren kann, ist extrem wichtig. Vor allem jetzt, wegen des Energy Drinks. Und manchmal muss man irgendRolf Mauti ist mit drei Jahresmieten im Rückstand aus seiwo etwas konsumieren im Ausgang, im norner Wohnung ausgezogen. Der Vermieter hatte bis zuletzt malen Alltag ausserhalb von Gassenküchen gehofft, es würde sich alles wieder zum Guten wenden. und Treffpunkten für sozial Benachteiligte. Eine Stange im Alexander, wo er manchmal zum gestellte geht raus, es war ein Aschenbecher. Jetzt ist er ist gelöscht, der Tanzen hingeht, muss drinliegen: «Ganz ausgrenzen will ich mich nicht. Mann beruhigt sich. Die Frau mit der Cowboyjacke hängt am Telefon Ich habe mich lang genug selber ausgegrenzt. Ich hatte das Gefühl, ich und dreht Runden durch das Lokal. Brigitte sitzt mit Rolf Mauti am gehöre nicht mehr dazu. Aber das muss ich jetzt revidieren. Ich habe Tisch, ein Mann setzt sich dazu, sagt nichts, lächelt vor sich hin, schaut im Ausgang gute Leute kennengelernt, die nichts wissen von meiner weg und wieder hin und meldet sich schliesslich zu Wort: «Darf ich was Situation.» fragen, Brigitte? Bin ich jetzt zu spät für die Abwaschliste?» Er knetet seiMauti hofft zur Zeit auf eine IV-Rente zur Suva hinzu, aufs Sozialamt ne Hände und lächelt. Er ist zu spät, aber nächste Woche kann er sich würde er nie gehen: Er hätte ein Dach über dem Kopf, aber seine Freieintragen lassen. «Es ist wie bei mir», sagt der Mann am Platz hinter ihm heit nicht mehr. «Es wäre sensationell, wenn ich eine Wohnung hätte, etwas unvermittelt, «mir wurde mein Portemonnaie gestohlen mit 450 aber die Begleitumstände dürfen nicht geschmälert werden. So wie es Franken drin. Ich wollte Rechnungen bezahlen, das U-Abo. Es ist jetzt ist, spielt es keine Rolle, wenn ich einmal einen Auftrag annehme, schrecklich im Moment. Deshalb frage ich immer nach Arbeit.» Jemand die Suva kürzt mir nichts.» Trotzdem hat er die Höhe der Rente gerichtläuft nach einer Zigarette bettelnd von Tisch zu Tisch, die Cowboy-Frau lich angefochten, gebracht hat ihm alles nichts. Er war auf dem Arfleht am Telefon um einen Besichtigungstermin für eine Wohnung. beitsamt, galt als nicht vermittelbar, ein Rechtshänder mit kaputtem «Manchmal gibt es Zusammenstösse unter den Gästen, ein gewisses Gerechten Arm. waltpotenzial ist vorhanden», sagt Brigitte. Es gibt Restriktionen bis zu 2003 hat die Suva die Rente gesprochen und er sich als technischer einer Woche Hausverbot, aber oft reicht es auch, wenn sie sich dazuBerater selbständig gemacht, die Pensionskasse auszahlen lassen, setzt, falls die Stimmung an einem Tisch nervös wird. Brigitte ist ein ru87 000 Franken. Gerichtsverfahren und Operationen wechselten sich ab, hender Pol. Reruptur der Schulter, weil er beim Dosenentsorgen die Kurbel gedreht Rolf Mauti hat seinen Kaffee leer getrunken, mehr braucht er morhat, Verschlechterung der Situation. gens jeweils nicht. Mit dem Tram fährt er über den Rhein ins GrossbaSeine damalige Frau, eine Thai, hat geweint. «Und ich habe sie gesel, ins Café des Unternehmen Mitte in einer ehemaligen Bank. Früher tröstet. Und ihr Hoffnungen gemacht. Das kann ich gut.» Rolf Mauti war hier die Schalterhalle, jetzt sitzen Leute mit Laptop und Latte Maclacht ein schmetterndes Lachen, das vergnügt scheint. Trotzdem kommt chiato an den Tischchen, ein Vater hat seinen Sohn auf dem Schoss. Ein es immer dann, wenn er von besonders verfahrenen Situationen erzählt. Ort mitten in der Innenstadt. Hier fällt Mauti nicht auf, er kann sitzen Von den Operationen, die er irgendwann selber in die Hand nahm. Von bleiben, eine oder mehrere Stunden, er bestellt Leitungswasser an der den Bemühungen des Anwalts und wie sein Fall fallengelassen wurde. Bar. Ab und zu trifft er einen Kollegen, auch er ohne Dach über dem Mauti lacht, wenn das Leben besonders absurd erscheint. Seit dem 5. Kopf, dafür mit Laptop. Hier kann man die Steckdose benützen, WLan Oktober 2009 ist er auf der Strasse. Ausgezogen mit drei Jahresmieten gibt’s gratis. Wenn er allein ist, löst Mauti meistens Sudokus, ein, zwei im Rückstand. Der Vermieter hatte bis zuletzt gehofft, es würde sich alStunden lang. Mit Leuten reden kann er im Tageshaus für Obdachlose les wieder zum Guten wenden. wieder. «Tageshaus» sagt aber niemand, es heisst einfach Wallstrasse. Gassenküche, 7.30 Uhr. Hier gibt’s gratis Zmorge: Kaffee, Tee, Brot Wie die Gassenküche: Club 29, wegen der Adresse, Lindenberg 29. und Confi und Resten von gestern. Fleischkäse steht bereit, Fruchtsalat, Berliner, Fastenwähe. Das Lokal am Lindenberg ist voll, hierher komZürigschnätzlets mit trockenem Humor men Rentner mit kleiner AHV, IV- und Sozialhilfebezüger, aber auch BeDie Wallstrasse sieht aus wie ein Aufenthaltsraum in einer Schule. rufstätige oder alleinstehende Männer, die nicht kochen können. «Wir Helles Parkett, Billardtisch, Leseecke. Es ist ruhig wie in einer Bibliohaben eine grosse Gruppe von Stammgästen», sagt Brigitte Tschäppeler, thek, nur in der Ecke hinten ruft ein älterer Herr etwas von «EtikettenLeiterin der Gassenküche. Sie kriegen hier zu essen, Kontakt mit Menschwindel» in den Raum, ohne dass ein Adressat auszumachen wäre. schen und Unterstützung durch das Personal. Zur Gassenküche gehören Ansonsten könnte man sagen: gepflegte Atmosphäre. Das sei zwar nicht ein Malatelier und eine informelle Kleiderbörse, im Winter sind die warimmer so, sagt Mauti. Vielleicht liege es daran, dass es draussen wieder men Pullover schnell weg. Und für mindestens fünf Gäste pro Tag gibt wärmer sei und hier wenig Betrieb. Es kämen bald vielleicht noch zwei es bezahlte Arbeit: Küchenhilfe und Abwasch. Zum Teil kommen die Bekannte von ihm, dann laufe mehr, einer ein Spruchhaufen, und der Leute seit über zehn Jahren hierher. «Manche erzählen mehr, manche andere, Mark, ein jüngerer Mann, der relativ neu sei hier, arbeitslos und weniger von ihrer persönlichen Situation. Mir ist wichtig, dass sie sich temporär obdachlos, weil bei ihm das Haus abgebrannt sei. Wenig spänicht bedrängt fühlen», sagt Brigitte. «Diese Leute stehen ständig mit

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Das Mittagessen an der Wallstrasse kostet drei Franken, mit Salat und Dessert.

Im Unternehmen Mitte drängt keine Bedienung, etwas zu bestellen.

ter sind beide hier. Der Spruchhaufen ist ein Herr in Jeans, Hemd, hellem Kittel und Ring am Finger, er würde vom Äusseren her in die Werbebranche passen.

nett, so aufgeräumt es hier wirkt, Mauti will es sich in diesem Leben nicht allzu gemütlich einrichten: «Ich finde mich momentan mit der Situation ab, aber sie ist nicht definitiv.» Nach dem Mittagessen holt er seine Post ab. Die Postadresse lautet Elsässerstrasse 22, so lautet sie für viele Obdachlose: Hier ist der Schwarze Peter zu Hause, der Verein für Gassenarbeit. Wenn Mauti in eine Personenkontrolle gerät, fragen die Polizisten jeweils nach der Adresse. Wenn er dann Elsässerstrasse 22 sagt, fragen sie sofort nach:

«Und wo schlafen Sie?» Zum Mittagessen gibt es Zürigschnätzlets und trockenen Humor. Der Herr im Kittel wünscht «e Guete» und macht alles zum Witz: «Ich komme schon lange her. Früher sah es hier noch anders aus. Da mussten alle aus den Futtertrögen essen und am Boden sitzen.» Drüben am Fernsehen läuft eine ameSo nett es im Tageshaus für Obdachlose wirkt, Mauti will rikanische Serie mit schönen Frauen. «Tom, es sich nicht allzu gemütlich einrichten: «Ich finde mich die jungen Hexen da! Da wirst du ganz zappemomentan mit der Situation ab, aber sie ist nicht definitiv.» lig, gäll!», ruft Mark in die Fernsehecke hinüber. Er und der Spruchhaufen, der «übrigens inkognito hier ist», sind oft an der Wallstrasse anzutreffen. «Immer, «Und wo schlafen Sie?» Die Sozialarbeiter vom Schwarzen Peter machen wenn ich einen Engpass habe», sagt der Sprücheklopfer. «Also wir haBeratungen, und im Raum nebenan, dem Autonomen Büro, kann man ben meistens einen Engpass», erklärt Mark, und der Sprücheklopfer: die Büroinfrastruktur nutzen. Die Leute sitzen am Computer, schreiben «Ab und zu muss ich aber eine Pause haben. Dann muss ich mich erBewerbungen, suchen im Internet nach Wohnungen, kopieren Unterlaholen von diesem Ort, hier kommt alles zusammen, Kraut und Rüben.» gen für Ämter. Im Sommer gibt es Grillfeste im Hof. Immer mittwochs Es klingt nach einem Scherz, aber vielleicht ist es keiner. Mark war Offsind die Sozialarbeiter auf der Gasse. «Im Laufe dieser Begegnungen setdrucker, seit zweieinhalb Jahren ist er ausgesteuert. «Der kommt aus kam meine Situation zur Sprache», sagt Rolf Mauti. Er hatte mehrere BeAmerika, er hat an der Wall Street gearbeitet, und jetzt ist er nach Basel ratungsgespräche. Dank dem Schwarzen Peter ist er wieder krankengekommen, um mal zu sehen, wie es hier so läuft an der Wallstrasse», versichert, nachdem er sich jahrelang nicht darum gekümmert hatte. sagt sein munterer Kollege. «Aber die Sozialarbeiter haben festgestellt, dass sonst nichts zu machen Es wird viel Fiktionales dahergeredet zwischen dem Dreifrankenmeist, bis die IV gesprochen ist. Dann kriege ich dafür Ergänzungsleistunnu und der Verdauungszigarette. Fast scheint es, es sei den Leuten hier gen – ausser mit dem Energy Drink hat’s bis dann geklappt.» Er hofft, mit der Arbeit und dem Obdach auch der Ernst des Lebens abhandendass ihm sein Drink Flügel verleiht. Und dass er dann nicht mehr am gekommen und sie hätten dafür Spass am Dasein gewonnen. Aber so Flughafen sitzen bleibt, während die anderen abheben. ■ SURPRISE 297/13

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Gassentierarzt Shampoo für Rambo Einmal in der Woche verwandelt sich der Zürcher Hundesalon Dolly in eine temporäre Tierarztpraxis: In der Sprechstunde des Gassentierarztes können Menschen, die sich normale Tierarzttarife nicht leisten können, ihr Haustier zur Untersuchung vorbeibringen.

VON MENA KOST (TEXT) UND SOPHIE STIEGER (BILDER)

Rambo macht keinen guten Eindruck: Ihm fallen die Haare aus, seine Haut ist rot und schuppig. Igna Wojtyna tätschelt Rambos Kopf: «Eine gerettete Seele, sein Besitzer hat ihn aus dem Tierheim geholt.» Der grosse Husky-Schäfer-Mischling hält schön still, während die Tierärztin seinen Pelz gründlich untersucht. «Ein Ekzem. Rambo braucht eine AntibiotikaKur. Ausserdem musst du ihn ein paar Mal mit einem Spezialshampoo baden», erklärt die 38-Jährige Rambos Besitzer Daniele. Dieser sitzt neben der Tierärztin auf der Couch, Rambos Kopf ruht auf seinen Knien, seine beigen Hosen sind voller Hundehaare. Er habe zu Hause nur eine Dusche, erklärt der 52-Jährige. «Um so besser», sagt Wojtyna, «dann kann Rambo selber einsteigen. Sonst müsstest du ihn über den Badewannenrand heben, und so ein grosser Hund wiegt ja einiges. Wieviel eigentlich? Los, komm Rambo, es geht gleich noch auf die Waage.»

werden unter die Haut implantiert. Ausserdem werden Hautprobleme und chronische Krankheiten wie Allergien oder Durchfall behandelt. Ist ein chirurgischer Eingriff nötig – beispielsweise bei Tumoren oder Kastrationen –, führt ihn Tierärztin Wojtyna in ihrer Praxis in Regensdorf durch. «Ein Haustier gibt Halt» Vorbeigebracht werden die Hunde, Katzen und Vögel von Sozialhilfe-Empfängern, Obdachlosen, Hausbesetzern, Punks und Drogensüchtigen. «Das Tier ist bei uns auch ein Türöffner zum Mensch», sagt Spring. «Die meisten, die zu uns kommen, sind sehr zurückhaltend und haben Mühe, von ihren Problemen zu erzählen und Hilfe anzunehmen. Wenn wir ihre Tiere behandeln, bricht das Eis. Sie fassen Vertrauen. So ergeben sich Gespräche, die zu weiteren Unterstützungsmassnahmen führen», erklärt die gelernte Tierpflegerin und langjährige Mitarbeiterin der Sozialwerke Pfarrer Sieber. Während Rambo mit Unterstützung von Spring ein erstes Mal gebadet wird, erzählt Besitzer Daniele von «seinem treuen Freund»: Rambo sei elf Jahre alt und lebe seit bald vier Jahren bei ihm. «Als ich im Tierheim war, hat mich Rambo intensiv angeschaut. Dieser Blick hat mir ge-

Das Tier als Türöffner Einmal in der Woche verwandelt sich der Hundesalon Dolly an der Zürcher Grüngasse in eine temporäre Tierarztpraxis. Die Salon-Besitzerin stellt dem Projekt Gassentierarzt der Sozialwerke Pfarrer Sieber ein Nebenzimmer mit eigenem Eingang zur Verfügung. Dort werden vor Sprechstundenbeginn «Viele, die zu uns kommen, haben Mühe, von die dunklen Sofas mit roten und orangen Frotihren Problemen zu erzählen und Hilfe anzuteetüchern belegt – und fertig ist das Behandlungszimmer. An den Wänden hängen Bilder nehmen. Wenn wir ihre Tiere behandeln, bricht von Wölfen und Hunden sowie Batiktücher das Eis.» Mirjam Spring, Leiterin Projekt Gassentierarzt mit Reptilien-Motiv. Durch eine halboffene Tür sind Kosmetikprodukte und Gebäck für Hunde zeigt, dass er zu mir kommen möchte.» Von Rambos früherem Leben zu sehen, eine Maschine summt: Auch der Hundesalon hat Kundschaft, wisse er so gut wie nichts, leider. Aber der Hund habe einen sehr guten einem Pudel wird gerade eine neue Frisur verpasst. Das Aroma einer Charakter, belle nie und könne deshalb überallhin mitkommen. «Zum Duftkerze findet den Weg bis zu Rambo und mischt sich mit seinem Gassentierarzt hat mich meine Psychologin geschickt, sie hat gesagt, strengen Geruch. das sei ein guter Ort», erklärt der blasse Mann mit den sorgfältig nach «Ziel des Gassentierarztes ist es, die medizinische Grundversorgung hinten gekämmten grauen Haaren. «Da hat sie recht», findet Daniele. der Tiere von Menschen sicherzustellen, die am Rand der Gesellschaft «Sehr freundliche Leute. Nur die Kosten belasten mich. Aber diese Beleben und sich normale Tierarzttarife nicht leisten können», sagt Mirjam handlung übernimmt zum Glück meine Psychologin.» Spring, die das spendenfinanzierte Projekt vor neun Jahren aufbaute Auch wenn die Tierhalter beim Gassentierarzt einen stark reduzierund noch immer leitet. Am Anfang habe man ihre Idee belächelt, wegen ten Tarif bezahlen, kostenlos ist das Angebot nicht. «Das halten wir ganz dieser drei Hunde auf der Gasse, das lohne sich doch nicht, hätten viebewusst so», erklärt Mirjam Spring. «Wir möchten die Tierhaltung auf le gesagt. Heute denkt das niemand mehr, im Gegenteil, auch andere der Gasse mit unserem Angebot nicht fördern. Wir wollen die BetreuStädte interessieren sich für das Projekt. «Wir sind bereits einmal im ung auf dem Platz Zürich verbessern.» Zudem: Wer sich ein Tier anMonat in Bern bei der Gassenarbeit zu Besuch. Und Basel ist daran, schaffe, übernehme eine grosse Verantwortung – und diese sei nun mal selbst etwas Ähnliches aufzubauen», so Spring. Denn die Nachfrage ist auch finanzieller Natur. vorhanden. An der Grüngasse herrscht Woche für Woche Grossandrang, Mit der Haltung, dass Armutsbetroffene sich kein Haustier sollen leibis zu 15 Tiere werden pro Nachmittag behandelt. Zur Hauptsache wird sten dürfen, kann Spring allerdings nichts anfangen: «Ein Haustier gibt geimpft, entfloht, entwurmt, und die obligatorischen Erkennungschips SURPRISE 297/13

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Bevor Tierärtzin Igna Wojtyna die Katze abhört, lässt sie Chipsy am Stethoskop schnuppern.

len das Geld in der Kasse, begrüssen die Neuankömmlinge. Eine betrunemotionalen Halt und eine Tagesstruktur. Das ist sehr viel wert. Ausserkene Frau mit ihrem Hund ist da, ein Mann mit wilder Frisur und Lederdem schafft ein Tier Gesprächsthemen und erleichtert es damit einsajacke, aus der ein kleiner Hund hervorlinst, unterhält sich mit ihr. Eine men Menschen, Kontakte aufzubauen.» alte Frau möchte, dass ihre 17-jährige Katze untersucht und ihr Blut geTierärztin Wojtyna, die unterdessen eine getigerte Katze untersucht, nommen wird. «Das geht nicht, dazu müsste ich sie sedieren. Bei einer schaltet sich ein: «Wir haben es hier übrigens kaum mit verwahrlosten so alten und kranken Katze ist die Gefahr zu gross, dass sie nicht mehr Tieren zu tun. Die meisten Leute, die uns aufsuchen, schauen ihren Tieaufwacht», erklärt Woityna. «Du weisst, dass deine Katze beisst, wenn ren besser als sich selbst. Das Tier ist oft ihr bester Freund.» ich sie ohne Beruhigungsmittel steche.» Das tut die alte Katzendame Der getigerten Désirée auf Wojtynas Schoss geht es auf jeden Fall dann allerdings auch ohne Blutentnahme. Ihre Besitzerin wird von rundum gut. Ihr Fell glänzt, und nicht einmal während der Untersuchung mit dem Stethoskop unterbricht sie ihr Schnurren. «Eine sehr schönes Büsi», sagt Woj«Wir haben es kaum mit verwahrlosten Tieren zu tun. Die tyna zu Besitzerin Christina. Diese nickt. Auch meisten schauen ihren Tieren besser als sich selbst.» ihr Freund ist mitgekommen, im Korb zwischen seinen Beinen sitzt Désirés Mutter ChiSpring verarztet. «Ein etwas schwieriger Charakter», befindet Wojtyna. psy. «Wir bringen unsere beiden Lieblinge heute zu ihrer neuen Besit«Wir wissen nie, was uns erwartet und wer vorbeikommt», erklärt die zerin», erklärt er und schaut aus dem Fenster. Das hier sei nur ein letzTierärztin, nachdem die alte Frau mit ihrer Katze verabschiedet ist. «Ja, ter Gesundheitscheck, man wolle die Tiere gesund übergeben. «Ja, so ist wir müssen gut sein im Improvisieren», sagt Spring und lacht. Christidas Leben», sagt er und versucht zu lachen. «Wir ziehen in eine kleinena, die ihre beiden Katzen heute der neuen Besitzerin überbringen re Wohnung und haben keine gefunden, wo Haustiere erlaubt sind.» muss, ist auch noch da: «Hier ist zwar immer viel los, aber die Tiere können es trotzdem miteinander. Schaut sie euch an: Katzen und Hun«Ein etwas schwieriger Charakter» de, einträchtig beieinander.» Wenn sie da an die Rassenhunde der ReiWojtyna schaut den beiden Katzen ins Maul, in die Ohren, tastet den chen denke – da könne kein Tier neben dem anderen sitzen. «Hier haBauch ab. Chipsy und Désirée sind in tadellosem Zustand. «Zum Glück ben es alle miteinander gut. Das ist schön.» ist die neue Besitzerin kein Partygirl», sagt Christina. «Sie wird gut auf Christina und ihr Freund packen Désirée und Chipsy wieder in die die beiden schauen, und wir haben ausgemacht, dass wir sie einmal im Transportboxen, die Katzen machen es sich auf den weichen Decken beJahr besuchen dürfen.» quem. Dann geht’s strammen Schrittes auf die Gasse hinaus, wo die beiDie Sofas sind unterdessen voll belegt, im kleinen Behandlungsraum den Büsi in der Nachmittagssonne ihrem neuen zuhause entgegenist es eng – und etwas stickig. Mirjam Spring und Igna Wojtyna arbeiten schaukeln. Hand in Hand. Sie suchen Patientenakten und Medikamente heraus, zäh■

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Gassengespräch «Ich habe immer auf mein Aussehen geachtet» Wolfgang Kreibich kennt das Leben auf den Basler Strassen als Surprise-Verkäufer und gehört neu auch zu den Surprise-Stadtführern. Paul Rubin leitet das Tageshaus für Obdachlose an der Wallstrasse. Wir trafen die beiden Experten für Gassenthemen zu einem Gespräch über Mittagsmenüs, Polizeikontrollen und die Einsamkeit von alten Männern.

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VON RETO ASCHWANDEN (INTERVIEW) UND DOMINIK PLÜSS (BILDER)

Wolfgang Kreibich, wie kamen Sie erstmals hierher an die Wallstrasse? Kreibich: Das war 2009, nachdem ich meine Wohnung verloren hatte und kurze Zeit obdachlos war. Ich war völlig unerfahren in dieser Situation. Da haben mich andere Leute von der Strasse mitgenommen. Hier an der Wallstrasse fand ich einen Ort, wo ich mich erholen konnte. Hier hatte ich meine Ruhe, konnte was Warmes essen und die tollen Angebote nutzen. Welche Angebote waren für Sie am wichtigsten? Kreibich: Ich liess mir hier für fünf Franken die Haare schneiden. Als Surprise-Verkäufer habe ich immer ein bisschen auf mein Aussehen geachtet. Ich wollte nicht, dass die Leute mir gleich ansehen, dass ich obdachlos war. Ich konnte hier Wäsche waschen und duschen. Und ich wurde nicht von Sozialarbeitern angequatscht. Rubin: Wir gehen hier nicht offensiv auf die Leute zu. Ich spreche gern von «Sozialarbeit in Lauerstellung». Viele Leute, die hier ein- und ausgehen, sind in einer Situation, wie Wolfgang sie gerade beschrieben hat. Wir bieten da Unterstützung an, wo jemand signalisiert: Jetzt brauche ich Beratung. Finden die Leute, so wie Wolfgang Kreibich, durch Mundpropaganda an die Wallstrasse? Rubin: Ja, mehrheitlich, wir verteilen keine Flyer auf der Gasse. Wir sind aber mit anderen Angeboten vernetzt. Die Leute können hier sehen, wer wann geöffnet hat. Von Notschlafstelle über Soup & Chill (ein Gratis-Angebot für Nachtessen, Red.) bis Gassenküche wissen alle von uns. Sind die Öffnungszeiten der verschiedenen Anlaufstellen aufeinander abgestimmt? Kreibich: Ja. Die Veteranen auf der Strasse haPaul Rubin: «Ich finde es falsch, den Leuten die ganze Verben mir das erklärt: Schlafen tust du in der Notschlafstelle. Da kannst du aber nur bis halb antwortung abzunehmen. Wenn einer sein Geld für Gras ausacht bleiben. Dann gehst du in die Gassenkügibt statt für Essen, ist das seine Sache.» che, wo du umsonst frühstücken kannst. Um zehn öffnet dann die Wallstrasse, da gibt’s Mittagessen und die hat bis fünf auf. Danach gehst du wieder in die GasIm öffentlichen Raum findet eine Verdrängung statt. Letzten Somsenküche. Und zwischendurch machst du deine Gänge zum Rotkreuzmer forderte Basel Tourismus, die Szene am Bahnhof aufzulösen. oder Caritasladen. Wie erleben Sie das? Kreibich: Das merkt man stark. Die Polizei ist seither deutlich öfter vor Das Mittagsmenü kostet hier drei Franken, ein symbolischer BeOrt und führt Personenkontrollen durch. Früher gab es diese Communitrag. Warum ist es nicht einfach gratis? ty Police. Die waren mehr wie Streetworker, man hat miteinander gereRubin: Wir verlangen den gleichen Preis wie die Gassenküche. Und det. Doch die kommen nicht mehr, jetzt fahren sie gleich mit dem MannFrüchte, Brot und Suppe bekommt man hier umsonst. Ich finde es aber schaftswagen vor. Es gibt auch bauliche Massnahmen: Früher gab es falsch, den Leuten die ganze Verantwortung abzunehmen. Wenn einer Bänke, heute stehen da Stühle mit Lehnen, so dass du dich nicht mehr kein Geld fürs Mittagsmenü hat, weil er alles für Gras ausgegeben hat, hinlegen kannst. ist das erst einmal seine Sache. Zudem besteht die Möglichkeit, gleich auf der anderen Strassenseite im Jobshop etwas Geld zu verdienen. Da Gibt es weitere Orte, wo Sie Repressionen erleben? kann man reingehen, arbeiten, und zwei Mal am Tag gibt es Lohn. Kreibich: Am Claraplatz, da ist es ganz schlimm. Kreibich: Die Leute auf der Strasse stören sich nicht an den drei Franken. Denn für die bekommen wir ein gutes Essen. Für mich persönlich Wegweisen können sie Sie dort aber nicht. Das ist öffentlicher war es auch immer wichtig, dass ich was bezahlen kann. Der Betrag ist Raum. symbolisch, aber es gibt dir das Gefühl, dass du nichts geschenkt Kreibich: Sie machen es anders. Indem sie dauernd Kontrollen durchkriegst. Das finde ich wichtig fürs Selbstwertgefühl. führen. Wenn du keinen Ausweis dabeihast, nehmen sie dich mit. Rubin: Das merken wir auch bei den Leuten, die im Jobshop arbeiten. Man sieht es am Gesichtsausdruck: «Ich habe zehn Franken – ein PäckSpüren Sie in der Wallstrasse diese neue Gangart? chen Zigaretten und Mittagessen. Das habe ich mir verdient.» Diese AnRubin: Die Leute hier erzählen von vermehrten Kontrollen, bei denen reize soll man erhalten. sie sich manchmal auch ausziehen müssen. Es ist allerdings eine Illusion zu meinen, man könne diese Leute aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwinden lassen. Wir sind eine saubere, reiche, sehr gedie-

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gene Gesellschaft, zu der aber auch jene gehören, die den damit verbundenen Anforderungen nicht standhalten können. Wie reagieren die Leute auf der Gasse auf die zunehmende Repression? Rubin: Sie sind oft schockiert und haben das Bedürfnis zu erzählen, wie heftig sie gefilzt wurden. Und manche werden auch sehr aggressiv, zumindest verbal. Kreibich: Manche provozieren umso mehr. Zum Beispiel indem sie Lautsprecherboxen aufstellen und aufdrehen. Und viele gucken am Bahnhof erst einmal, wer da ist, denn bestimmte Leute werden von der Polizei richtig schikaniert. Und die anderen wissen: Von dem musst du dich fernhalten, denn sonst bekommst auch du es mit der Polizei zu tun. Angst und Verunsicherung haben zugenommen. In Ihrer Broschüre steht, Sie würden mit dem Tageshaus die Öffentlichkeit entlasten. Und die Stadt bezahlt einen schönen Teil Ihres Budgets. Will sie dafür eine Gegenleistung in dem Sinne, dass Sie die Leute hier aufnehmen und dadurch die Szene am Bahnhof kleiner wird? Rubin: Das wird von uns nicht verlangt. Es gibt unter den Aussenseitern verschiedene Gruppen. Darum würde es nicht funktionieren, quasi einen Aufenthaltszwang im Tageshaus zu schaffen. Dagegen würde ich mich auch wehren. Kreibich: Der Bahnhof ist und bleibt ein besonderer Ort. Da pulsiert das Leben. Da kann man am besten betteln, es gibt immer was zu trinken, man kann Zigaretten schnorren. Der Bahnhof wird immer ein zentraler Anlaufpunkt sein, das bekommt man nicht weg. Herr Kreibich, Sie sagten, die Repression durch die Polizei nehme zu. Hat sich auch das Verhalten der Passanten verändert? Kreibich: Nein. Manchmal schreit ein Betrunkener rum oder es gibt Rempeleien, aber die Basler Bevölkerung kennt das und nimmt es kaum zur Kenntnis. SchoWolfgang Kreibich: «Der Bahnhof wird immer ein zentraler ckiert reagieren höchstens Touristen. Und natürlich haben die teuren Hotels rundherum keiAnlaufpunkt sein. Da kann man betteln und Zigaretten ne Freude, wenn man aus den Zimmerfenstern schnorren – das bekommt man nicht weg.» solche Szenen sieht. Rubin: Ich nehme selten Auseinandersetzungen wahr, die störend wirken. Ich kann aber verstehen, dass man einAber es heisst doch immer, der Schweizer schäme sich seiner Argreifen muss, wenn es zuviel wird. Machen wir hier ja auch, wenn es mut und ziehe sich zurück. Und jetzt behaupten Sie, ältere Mänausartet. ner kämen hierher zu den Alkoholikern und Drogensüchtigen? Rubin: Klar findet manch einer: «Mit diesen Süchtigen habe ich nichts Erteilen Sie Hausverbote? zu tun. Aber ich finde es gut hier, ich habe Gesellschaft.» Und letztlich Rubin: Nicht oft. Es gibt zwei Hauptregeln: Keine Gewalt und keine ilgeht es um den sozialen Austausch. Den brauchen wir Menschen, und legalen Substanzen im Haus. wenn man arm ist, wird das zum Problem. Viele denken: Hauptsache, Kreibich: Und das wissen die Leute. die Leute haben genug zu essen und ein Dach über dem Kopf. Aber das Rubin: Im Verhältnis zur Besucherzahl müssen wir selten solche Sankreicht nicht. tionen ergreifen. Für viele ist das hier der einzige Rückzugsort, und daKreibich: Das finde ich ganz wichtig. Armut hat mit Materiellem zu tun, rum tragen sie ihm auch Sorge. aber nicht nur. Kreibich: Das stellen wir auch untereinander klar: Lass den Scheiss, Rubin: Es ist ein Teufelskreis, das eine verstärkt das andere. Es gibt Leuhier nicht. te, die sich genieren, wenn sie zuerst das Geld zählen müssen, um zu schauen, ob sie sich noch einen Kaffee leisten können. Darum ziehen Dabei verkehren hier verschiedene Gruppen: Es gibt Leute mit sie sich lieber zurück in die Isolation. Und wir wissen: Einsamkeit psychischen Problemen, Leute mit Suchtproblemen … macht depressiv. ■ Kreibich: … und es gibt noch eine ganz andere Gruppe: ältere Mitbürger, die so kleine Renten haben, dass sie auf solche Angebote angewiesen sind. Im Treffpunkt (eine Anlaufstelle für Armutsbetroffene, Red.) sieht man einige davon, und auch hier und im Soup & Chill werden es mehr. Rubin: Gerade alleinstehende ältere Männer laufen Gefahr zu vereinsamen, wenn sie nicht genug Geld haben, um sich soziale Kontakte leisten zu können.

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BILD: KATHRIN SCHULTHESS

Surprise-Stadtrundgang In Wolfgangs Supermarkt und Rolfs Schlafzimmer Im April startet Surprise in Basel ein neues Projekt: der soziale Stadtrundgang. Bei der Hauptprobe gewährten die Stadtführer Wolfgang Kreibich und Rolf Mauti einen ersten Einblick in ihre sehr persönliche Tour durch die Stadt.

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VON FLORIAN BLUMER

mangels Arbeit bisher noch nie jemanden. Nüchternheit ist hier übrigens keine Bedingung: Wer imstande ist zu arbeiten, ist willkommen. Bei vielen führe die Arbeit jedoch zu einem «kontrollierteren Drogenkonsum», so Robi. Als Nächstes gehen wir den Weg, den auch viele Jobshop-Arbeiter nach Feierabend gehen, wie Wolfgang erklärt: zum Bahnhof, einem Hotspot des Gassenlebens. Der Surprise-Verkäufer präsentiert uns hier stolz seinen Arbeitsort und erklärt die strengen Bahnhofsregeln. Und wie man ihnen entgehen kann: Mit einem Fuss ennet des «Grenzsteins», wo die «neutrale Zone» beginnt – «Hier kann ich tun, was ich will: rufen, tanzen, lachen, Spass haben!» Im Hoheitsgebiet des Bahnhofs ist es nämlich verboten, «Surprise!» zu rufen. Dann führt uns Rolf in eines seiner zahlreichen «Schlafzimmer», den Warteraum im Elsässer Bahnhof, und zeigt uns auch, wo er sich heute nicht mehr betten kann, weil Bänke abgebaut oder durch Einsitzer mit Lehnen ersetzt wurden. Dazu lernen wir, dass man sogar im Bahnhof gratis kann, wenn man muss – und wo es einen kostenlosen Kaffee und ein warmes Plätzchen für einen kurzen Schwatz gibt.

Einen ersten Vorgeschmack auf die Schwierigkeiten des Gassenlebens gibt’s bereits auf dem Weg vom Bahnhof zum Treffpunkt bei der Elisabethenkirche. Wohin, wenn man mal muss? Hinein ins Restaurant Zum Kuss, das an diesem Dienstagmorgen kurz vor 9 Uhr noch menschenleer ist? «Kein Problem», kommt drinnen die Antwort auf die höfliche Nachfrage, «macht einen Franken.» Willkommen ist, wer bezahlen kann. Das gilt an fast allen Orten in der Stadt. Wohin aber, wenn man mal muss, sich mal aufwärmen will, menschliche Nähe sucht, Hunger und Durst, aber – fast – kein Geld hat? Dies wollen uns Wolfgang Kreibich, Surprise-Verkäufer seit sechs Jahren, und Rolf Mauti, obdachlos seit vier Jahren, heute zeigen. Bereits von Weitem stechen einem ihre leuchtend roten Stadtführer-Jacken ins Auge. Noch etwas nervös tigern die beiden vor der Elisabethenkirche herum. Seit acht Monaten wurden Kontakte geknüpft, Pilotprojekte besucht, wurde konzipiert, geübt, nun schlägt die Stunde der Wahrheit: Wolfgang und Rolf – man ist per du auf der Gasse, dies gilt auch für den Rundgang – führen erstmals ein Testpublikum durch das Gebiet rund Empathie ohne Mitleid um den Bahnhof SBB. Die Zeit verfliegt: Zweieinhalb Stunden sind vergangen – die HauptUm Punkt 9 Uhr geht’s los. Als Erstes erzählen die beiden Stadtführer probe hatte noch etwas Überlänge – und wir sitzen alle zusammen an in aller Kürze, was sie zu Experten für den Job gemacht hat: Sozialfall einem Tisch im Soup & Chill im Gundeli hinter dem Bahnhof. Hier wernach Herzinfarkt, obdachlos, Alkohol, in schwere Depression gerutscht; den allabendlich um die 120 Leute gratis bewirtet, die sich einen ReJobverlust nach schwerem Unfall, gegen Suva prozessiert, verloren, obstaurantbesuch nicht leisten können. Rolf hat tatkräftig beim Umbau dachlos. Rolf ist die Botschaft wichtig: «Es kann jedem passieren.» Wolfmitgeholfen, auch Wolfgang ist ein gern gesehener Gast. Nun warten die gang sagt: «Ich möchte das Denken der Besucher heute ein klein wenig beiden gespannt auf das Feedback der Testbesucher. Es fällt äusserst poverändern.» sitiv aus. Schauspielerin Corina Braunschmidt vom Theater Basel hat Die Tour beginnt mit «Tischlein deck dich»: Wir betreten die Offene ein paar Expertinnentipps zur Feinabstimmung, ist aber sonst des Lobes Kirche Elisabethen, Wolfgang zeigt uns, wo er jeweils seinen «Wocheneinkauf» macht. Hier können sich Armutsbetroffene für einen symbolischen Franken einWolfgang sagt: «Ich möchte das Denken der Besucher heute mal pro Woche mit Lebensmitteln eindecken, ein klein wenig verändern.» die bei den Grossisten aussortiert wurden. Neben Brot, Saft, Früchten fällt eine ganze Reihe voll: «Ich bin berührt. Es war sehr authentisch, ihr habt es geschafft, von goldenen Lindt-Schokolade-Bären auf – «ein Dauerbrenner seit Empathie zu wecken, ohne einen Sensationstrieb zu befriedigen oder Weihnachten», erklärt Wolfgang. Er stürze sich jeweils auf die SüssigMitleid zu erregen. Ich sehe gewisse Dinge nun mit anderen Augen.» keiten, seine Frau stehe mehr auf Joghurts. Wolfgang und Rolf selbst sagen, es habe ihnen grossen Spass geAuf dem Weg zur nächsten Station frage ich Rolf, ob er von dem Anmacht, und beide betonen, wie wichtig der jeweils andere als Untergebot ebenfalls Gebrauch mache. «Nein», antwortet er, «ich kann die stützung war – keine Frage, die beiden sind schon jetzt ein eingespielDinge ja nirgends aufbewahren.» Logisch, eigentlich: Kein festes Dach tes Duo. Und doch gehen sie, nach der erfolgreichen Hauptprobe, beide über dem Kopf heisst auch kein Kühlschrank, kein Vorratsschrank. ihrer eigenen Wege: Wolfgang zieht’s nach Hause zu seiner Frau, Rolf Wolfgang legt seinen Arm um die Schulter des Kollegen und sagt: «Rolf kehrt zum Mittagessen zurück ins Tagesheim an der Wallstrasse. ist nämlich nie mit Plastiktüten unterwegs – so wird er auch nicht gleich ■ als Obdachloser erkannt.» Ein paar Schritte weiter sind wir auch schon an der Wallstrasse angekommen, beim Tagesheim für Obdachlose. Hier ist Rolf der Experte: Er erklärt uns, warum er sich gerne hier aufhält und was man alles für wenig oder kein Geld bekommen kann. Leiter Paul Rubin führt uns danach durch die Räumlichkeiten und erklärt das Angebot (siehe auch das Interview auf S. 17). Paul, Wolfgang und Rolf tauschen noch ein paar Surprise-Stadtrundgang: Drei Touren durch das soziale Basel Worte zu den verschiedenen sozialen Institutionen in der Stadt aus, Das Projekt sozialer Stadtrundgang in Basel wurde in Zusammenardann geht’s auch schon weiter: nur gerade auf die andere Seite der beit mit sozialen Einrichtungen in der Stadt und mit Unterstützung der Strasse, in den Jobshop. Christoph Merian Stiftung entwickelt. Es ist der erste soziale Stadtrundgang in der Schweiz. Ab April erzählen die drei Surprise-StadtNüchternheit keine Bedingung führer Markus Christen, Rolf Mauti und Wolfgang Kreibich als ExperAls Erstes werden wir von Asso begrüsst, dem Betriebshund, Wolften der Strasse aus ihrem Alltag als Ausgesteuerte, Obdachlose und gang und Rolf sind ganz offensichtlich alte Bekannte von ihm. Danach Armutsbetroffene. Interessierten Gruppen stehen drei Touren mit erzählt uns Leiter Robi Schreiber, wie sein kleines Unternehmen funkunterschiedlichen Schwerpunkten zur Auswahl: Neben der oben betioniert, wo Leute von der Gasse für fünf Franken die Stunde für höchschriebenen Tour rund um den Bahnhof SBB zeigen zwei weitere Toustens vier Stunden pro Tag Leuchtdioden verpacken, Briefe einpacken ren Anlaufstellen und Stationen des Gassenlebens in Kleinbasel (sro). oder Anzündhilfen herstellen. Robi berichtet auch von schlaflosen Nächten, wenn einmal die Aufträge knapp werden. Obwohl neue AufAnmeldungen und weitere Informationen: traggeber immer willkommen sind – nach Hause schicken musste er www.vereinsurprise.ch/stadtrundgang SURPRISE 297/13

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BILD: GUIDO SÜESS

Wörter von Pörtner Glück und Demokratie Eine neue Studie hat herausgefunden, dass Demokratie glücklich macht. Je mehr die Leute mitreden können, desto mehr Freude am Leben. Doch je mehr Freude die Leute an der Demokratie haben, so scheint es, desto weniger Freude haben die Eliten an den Leuten. Denn diese treiben wieder mal Unfug mit ihrem Wahl- und Stimmrecht. Bei uns stimmen sie Initiativen zu, die auf direktem Weg zu wirtschaftlichem Niedergang führen, aus purem Neid natürlich, denn nur Neid kann die Leute daran zweifeln lassen, dass ein einziger Manager täglich mehr leistet als tausend Krankenschwestern. In Zürich wählten nicht genug Leute den richtigen Kandidaten, in Italien ganz viele die falschen. Wenn die Leute nicht tun, wie sie sollten, ist der Grund dafür schnell gefunden: Populismus. Im Wort Populismus wie auch im Wort

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Demokratie steckt ja irgendein Fremdwort für Volk. Wenn das Volk, das ja bekanntlich nicht das hellste ist, weil es sonst ja mehr verdienen würde und nicht so unzufrieden wäre, sich so verhält, wie man es von ihm erwartet, ist es Demokratie, wenn es ausschert, Populismus. Dieser ärgert zurzeit vor allem die Wirtschaftsvertreter. Weil diese den Leuten aber nicht allzu offen sagen wollen, was sie von ihnen denken, geben sie den Stellvertretern, den von den Leuten gewählten Politikern, die Schuld an allem. Als gäbe es nur eine politische Richtung und als käme diese auf unlautere Weise und ohne jegliche Unterstützung ebenjener Kräfte, die sich über sie beklagen, zu Amt und Ehren. Als würden sie nicht mit massiven Geldmitteln in Wahlkämpfe und Abstimmungen eingreifen. Als wären es nicht gerade die Wirtschaftsverbände, die mittels Lobbying versuchen, Gesetze zu ihren Gunsten zu verbiegen und Extrawürste herauszuholen. Nicht Extrawürste, sondern Hamburger plagen indessen das Schauspielhaus Zürich, in dessen unmittelbare Nachbarschaft der Volksverköstiger McDonald’s (für den ich als Vegetarier keine Sympathien hege) ziehen soll, worüber man not amused ist. Obwohl diese Filiale wahrscheinlich hauptsächlich von Jugendlichen aus den umliegenden Kantonsschulen, also potenziellem künftigem Schauspielhauspublikum, besucht würde, scheint diesem soviel Volksnähe unangenehm. Es reicht, wenn

alle paar Jahre einer wie der posthum heiliggesprochene Christoph Schlingensief ein paar Vertreter dieser ominösen Masse auf der Bühne vorführt. Mehr Kontakt ist nicht erwünscht. Womit nicht gesagt sei, dass die wirtschaftliche und kulturelle Elite, die streng genommen genauso zum Volk gehört wie Neidhammel, Trotzköpfe und Hacktätschlifresser, sich irrt, wenn sie findet, dass das Volk nicht immer recht hat. Hat es nicht. Es kann sich täuschen. Es kann bocken. Es kann murren. Es handelt nicht immer rational, lässt sich nicht immer von diffusen Ängsten leiten und folgt nicht immer den Vernünftigen, jenen, die behaupten, zu wissen, wie alles funktioniert und was das Beste wäre für die Leute. Das nervt die Vernünftigen und macht die Querschläger glücklich.

STEPHAN PÖRTNER (STPOERTNER@LYCOS.COM) ILLUSTRATION: MILENA SCHÄRER (MILENA.SCHAERER@GMX.CH) SURPRISE 297/13


Theater Zufallsplatz zum Einheitspreis Das Schauspielhaus Zürich richtet den Blick auf Arm und Reich und das, was dazwischen liegt. In drei Uraufführungen, in Gastspielen und wissenschaftlichen Referaten. Und mit einer wohldosierten Portion Willkür.

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© BILD:

«Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Männer und Frauen nur Spieler», wusste bereits Shakespeare. Wann sie ihre Auftritte und Abgänge haben, können sie nicht beeinflussen, und sie haben die Rolle zu spielen, die ihnen zugeteilt wird. Zugegeben eine fatalistische Weltanschauung. Natürlich kann der Mensch unabhängig von seiner Herkunft auf sein Schicksal Einfluss nehmen, doch wird niemand bestreiten, dass es durchaus vom Zufall abhängt, ob jemand in ärmere oder reichere Verhältnisse hineingeboren wird. Dies zeigt das Schauspielhaus Zürich im Rahmen des Projekts «Arm und Reich», und zwar nicht nur auf der Bühne, sondern bereits im Zuschauerraum: Für den Theaterabend mit den drei Uraufführungen in der Box des Schiffbaus bezahlen die Besucherinnen und Besucher zwar einen Einheitspreis, ob sie aber in der gediegenen Loge oder auf einem ganz einfachen Platz landen, das bestimmt der Zufall. Die Schiffbau-Box wird für den Theaterabend nach dem Vorbild des Shakespeareschen «Globe Theatre» umgebaut. Immerhin gibt es im Unterschied zum Original-Globe keine Stehplätze in einem offenen Hof, wo man hautnah an den Schauspielern dran, aber auch der Witterung ungeschützt ausgesetzt ist – so ein Platz soll zu Shakespeares Zeiten einen Penny gekostet haben. Doch zurück zur Bühne, wo die wachsende soziale Ungleichheit als eines der dringlichsten Probleme der Zeit unter die Lupe genommen wird: Gerade in der Schweiz besitzt das reichste Prozent mehr als die restlichen 99. Nebst drei Uraufführungen sowie drei Gastspielen stehen Vorträge und Diskussionen auf dem Programm, wo Ökonomen und Soziologen zum Thema Ungleichheit zu Wort kommen. Wissenschaftler, die vor intellektuellem Publikum über die Armut philosophieren? «Genau das wollen wir nicht», wehrt Sebastian Steinle vom Schauspielhaus ab und betont, dass der Politikwissenschaftler und Soziologe Colin Crouch und der Wirtschaftswissenschaftler Tomáš Sedlácˇek keineswegs abgehoben seien. Dieselbe Lebendigkeit gelte für die Gastspiele. Während «Hard to Be a God» schonungslos das Phänomen des Menschenhandels beleuchtet und in «Money – It Came From Outer Space» Geld als Alien entlarvt wird, sei Elfriede Jelineks Wirtschaftskomödie «Die Kontrakte des Kaufmanns» in der Inszenierung von Nicolas Stemann «eine spassmachende Auseinandersetzung mit dem Oben und dem Unten». Eine der drei Uraufführungen, die jeweils alle hintereinander gespielt werden, ist «Die schwarze Halle» von Lukas Bärfuss. «Es geht darin um Schuld und Schulden, den Zusammenhang zwischen den beiden Dingen und um die Frage, ob dieses stete Gefühl, man genüge nicht und gebe zu wenig, überwunden werden kann.» Während andere also mit dem

DAVID BALTZER/BILDBUEHNE.DE

VON MICHÈLE FALLER

Das Oben und das Unten: Elfriede Jelineks «Die Kontrakte des Kaufmanns».

Begleichen ihrer Schuld beschäftigt sind, geht Bärfuss das Problem bei der Wurzel an, die allerdings sehr tief sitzt: «Schon die ältesten Texte reden von Schulden, und die Kultur des Christentums hat das auf die Spitze getrieben: ‹Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.› » «Das, was man bekommen hat, kann man nicht zurückgeben», bringt Bärfuss den Zusammenhang zwischen Schuld und Schulden auf den Punkt. «Aber die Steuern zum Beispiel: Warum muss man sie zahlen, obwohl man nie einen Vertrag oder Schuldschein unterschrieben hat?» Der Staat sei hier quasi an die Stelle der Götter getreten, denen man Opfer dargebracht hat, sagt der Autor und macht plausibel, wie tief das Schuld-Gefühl im Menschen verankert ist. Und wo auf der Skala zwischen Arm und Reich ordnet sich Lukas Bärfuss selber ein? «Ich bin sehr privilegiert, denn ich kann vom Schreiben leben. Ich bin überhaupt nicht reich, aber ich kann meine Leidenschaften leben und meinen Talenten folgen.» ■ Schauspielhaus Zürich: «Arm und Reich. Schlaglichter auf die Ungleichheit», ein Monat zeitgenössische Dramatik, Gastspiele und Diskussionsveranstaltungen im Schiffbau. Premiere der Uraufführungen von Lukas Bärfuss («Die schwarze Halle», Regie Barbara Frey), Händl Klaus («Rechne», Regie Sebastian Nübling) und Michail Schischkin («Nabokovs Tintenklecks», Regie Bastian Kraft): Sa, 4. Mai. www.schauspielhaus.ch

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BILD: ZVG

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Kultur

Hinter einem Gesicht verstecken sich viele Ichs.

Kulturaustausch auf Österreichisch.

Buch Terror im Grossmünster

Kino Plötzlich «Sugarmama»

Dominik Bernet spannt seinen historischen Kriminalroman «Das Gesicht» um ein mysteriöses Verbrechen des 18. Jahrhunderts.

Im ersten Teil seiner «Paradies»-Trilogie widmet sich Regisseur Ulrich Seidl der Liebe. Und zelebriert ein schonungsloses Schauspiel von Verzweiflung, Verliebtheit und Vergänglichkeit.

VON CHRISTOPHER ZIMMER VON FABIENNE SCHMUKI

Gesichtserkennungssoftware ist so allgegenwärtig wie umstritten. Als scheinbar harmloses Tool soll sie die Flut digitaler Schnappschüsse bändigen oder die Suche nach «friends» erleichtern, als Waffe im Kampf gegen das Verbrechen wird sie von offiziellen Stellen jeglicher Couleur erprobt. Nicht nur, um steckbrieflich Gesuchte aus der «gesichtslosen» Masse herauszupicken – schon macht man sich Hoffnung, den dunklen Absichten hinter den Gesichtsmasken selbst auf die Schliche zu kommen. Das ist kein neuer Traum, und wer in der Geschichte zurückblättert, stösst auf den Zürcher Pfarrer, Philosophen und Schriftsteller Johann Caspar Lavater (1741–1801), den Begründer der forensischen Physiognomik, die es erlauben sollte, Verbrecher anhand ihrer Gesichtszüge zu überführen. Für die einen war Lavater eine (europäische) Berühmtheit, für die anderen eine Lachnummer. Heute weitgehend vergessen, konnte er seine Thesen nie unter Beweis stellen. Doch zu seiner Zeit machte ihn ein ungeheuerliches Attentat zum gefragten Mann: Am 12. September 1776, dem Buss- und Bettag, wurde das voll besetzte Zürcher Grossmünster Ziel eines (missglückten) Anschlags. Ein unbekannter Täter hatte den Abendmahlswein vergiftet. Dieses Verbrechen war nicht nur pure Blasphemie, sondern erschütterte auch die korrupte Zürcher Obrigkeitskaste. An diesem Punkt setzt der historische Kriminalroman von Dominik Bernet ein. Bernet schickt den von Alpträumen geplagten und wundergläubigen Pfarrer als frühzeitlichen Detektiv auf die Suche nach dem Täter, dem «Ungesicht». Am Gleichen versucht sich auch Lavaters Schreiber, der von den Lehren seines Meisters verwirrte 17-jährige Waise Jakob, um damit das Herz der Geistheilerin Judith zu gewinnen. Am Ende dieser so spannungsgeladenen wie vergeblichen Hetzjagd durch die von gegenseitigen Verdächtigungen vergiftete Limmatstadt haben alle Protagonisten mehr als nur das Gesicht verloren. Und statt den Täter zu entlarven, sieht Lavater nun «das Gemeine in jedem Gesicht lauern, als warte es nur auf die Gelegenheit, böse zu werden». Auch darin ist dieser historische Roman durchaus aktuell und erinnert fatal an heutige Denkmuster.

Der Hotelangestellte öffnet die Balkontüren schwungvoll, und zu Teresas Füssen liegt das Paradies: Palmen, Sandstrand und Meer, so weit das Auge reicht. «Sea, all sea», kommentiert der Angestellte, und Teresa könnte weinen vor Glück. «Die Affen kommen bis auf den Balkon!», spricht die Alleinerziehende ihrer Tochter auf den Anrufbeantworter, und wer den österreichischen Regisseur Ulrich Seidl («Hundstage», «Import Export») nicht kennt, könnte nun perfekte Urlaubsidylle erwarten. Natürlich aber hat Seidl kein Mitleid mit der 50-jährigen Teresa, die ihre besten Tage hinter sich hat: «Ihre Sehnsucht nach Liebe und der Marktwert ihres Körpers driften proportional auseinander», steht in der Filmsynopsis. Neugierig und naiv landet Teresa mit ihresgleichen in einem Ferienort, wo junge Kenianer ihre makellosen Körper den Sugarmamas offerieren: älteren, häufig aus der Form geratenen Touristinnen. Teresa sucht Liebe und stösst auf Sex und Illusion. «Komm, Schatz», sagt Teresas Liebhaber Munga, und was sie in ihrer verzweifelten Naivität als Liebe versteht, ist sein Schlüssel zu ihrem Geld. Sextourismus in Kenia, übergewichtige Frauen, stählerne Männerkörper: Seidl präsentiert Ästhetik in all ihren Farben und Formen und Dialoge, die oft besser sitzen als die Badebekleidung der Protagonistinnen. Teresa und ihre Freundinnen reizt in diesen Männern «das Fremde», doch beim Austausch von Zärtlichkeiten erwarten sie europäische Zurückhaltung. Situationen, in denen man sich fremdschämt für diesen Tourismus, für die Faszination von Exotik und die sich darin spiegelnde Intoleranz gegenüber dem wirklich Fremden: gleichzeitig unterhaltsam und erschütternd. Die Provokation in «Paradies: Liebe» offenbart sich konsequent ungeschönt. Zum Beispiel, als der Striptease-Tänzer, den Teresa von ihren Freundinnen zum Geburtstag geschenkt kriegt, seine letzte Hülle fallen lässt und die eine flüstert: «Das ist Afrika.» «Paradies: Liebe» geht oftmals direkt unter die Haut – und gerade davon gibt es unendlich viel zu sehen. Ulrich Seidl: «Paradies: Liebe», Österreich 2012, 120 Min. Mit Margarethe Tiesel, Peter Kazungu, Inge Maux. Ab 11. April in den Deutschschweizer Kinos.

Dominik Bernet: Das Gesicht. Cosmos Verlag 2012. 34 CHF.

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BILD: MANU BEFFA

Die 25 positiven Firmen Diese Rubrik ruft Firmen und Institutionen auf, soziale Verantwortung zu übernehmen. Einige haben dies schon getan, indem sie dem Strassenmagazin Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Damit helfen sie, Menschen in prekären Lebensumständen eine Arbeitsmöglichkeit zu geben und sie auf ihrem Weg zur Eigenständigkeit zu begleiten. Gehört Ihr Betrieb auch dazu? Die Spielregeln sind einfach: 25 Firmen werden jeweils aufgelistet, sind es mehr, fällt jener Betrieb heraus, der am längsten dabei ist.

Kind und Karriere bis zum Handtuchwerfen. 01

Coop Genossenschaft, Basel

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Cilag AG, Schaffhausen

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Arbeitssicherheit Zehnder GmbH, Ottenbach

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Novartis International AG, Basel

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Solvias AG, Basel

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Ernst Schweizer AG, Metallbau, Hedingen

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confidas Treuhand AG, Zürich

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ratatat – freies Kreativteam, Zürich

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G.A.T.E.S., Hôteliers & Restaurateurs SA, Basel

VON FABIENNE SCHMUKI

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Claude Schluep & Patrick Degen, Rechts-

1994: Ein Lehrer stellt den Maturanden und Maturandinnen die scheinbar einfache Frage: «Wo siehst du dich in 20 Jahren?», und filmt die Antworten. Von Zukunftsängsten keine Spur, und die Schüler und Schülerinnen möchten eher Präsident der Vereinigten Staaten werden als ein Wirtschaftsstudium zu absolvieren. Heute sind sie Mitte 30. Sie wuchsen im Glauben auf, dass alles möglich sei, doch im Grunde wird das Unmögliche von ihnen erwartet: höchste Performance im Beruf, absolute Identifikation mit dem Unternehmen, eine lückenlose Organisation zu Hause und der Anspruch, eine perfekte Partnerschaft führen zu können. Diese gesellschaftliche Entwicklung wird erst recht dann zur Prüfung, wenn der Kinderwunsch stark wird. Plötzlich bringen die Errungenschaften der Gleichberechtigung ein Ungleichgewicht in unsere Lebensmodelle. «Hat das damit zu tun, wie wir erzogen worden sind?» Diese Frage stellte sich Regisseurin Nicole Tobler vor vier Jahren zu Beginn ihrer Recherchen für das Stück «We Are Family». Sie brachte in zahlreichen Interviews mit Mittdreissigern in Erfahrung, dass gerade diese jungen (angehenden) Familien ein komplett verändertes Rollenverständnis wahrnehmen: Während Freizeit und Arbeit immer stärker verschmelzen, werden sie im Privatleben mit marktwirtschaftlichen Prinzipien konfrontiert. «We Are Family» lässt vier Schauspieler aufeinandertreffen: In einer Art Prüfungssituation, angeleitet von einer Babypuppe, werden die aus den Recherchen gewonnenen Erkenntnisse ans Publikum herangetragen. «In einer monologischen Textstruktur werden sie gezwungen, sich in der Öffentlichkeit zu ihrer jetzigen Situation zu äussern», erklärt Nicole Tobler, «dabei stehen sie unter dem permanenten Druck, sich zu behaupten.» Die Mittdreissiger müssen sowohl ihre elterlichen Kompetenzen als auch ihre Teamfähigkeit und ihre beruflichen Ambitionen beweisen, bis das Spannungsfeld zwischen Familie und Beruf immer grösser und unvereinbarer erscheint. Muss die Gesellschaft an den Strukturen arbeiten, um Arbeit und Privatleben wieder stärker zu trennen, oder haben wir das tatsächlich so gewollt?

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homegate AG, Adliswil

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Sprenger & Partner Bauingenieure SIA USIC,

Theater Im Angesicht der Babypuppe Das Theater Winkelwiese hält den Mittdreissigern einen Spiegel vor. Die berufliche Selbstverwirklichung fordert eine maximale Performance im Paarleben, im Haushalt wie in der Karriere.

anwälte, Bern

Arlesheim 13

Oechslin Architektur GmbH, Zollikerberg

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Fischer + Partner Immobilien AG, Otelfingen

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IBP – Institut für Integrative Körperpsychotherapie, Winterthur

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Knackeboul Entertainment

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Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich

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Girod Gründisch & Partner, Visuelle Kommu-

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Paul & Peter Fritz AG, Literary Agency, Zürich

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TYDAC AG, Web-Mapping-Software, Bern

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Kaiser Software GmbH, Bern

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Balcart AG, Carton, Ideen, Lösungen, Therwil

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Lions Club Zürich-Seefeld

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Klimaneutrale Druckerei Hürzeler AG,

nikation, Baden

Regensdorf 25

Scherrer & Partner GmbH, Basel

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden? Mit einer Spende von mindestens 500 Franken sind Sie dabei! PC-Konto: 12-551455-3, Verein Surprise, 4051 Basel Zahlungszweck: Positive Firma + Ihr gewünschter Eintrag. Wir schicken Ihnen eine Bestätigung.

«We Are Family», 11. April 2013, 20.30 Uhr, diverse Spieldaten bis 4. Mai 2013, Theater Winkelwiese Zürich, www.winkelwiese.ch 297/13 SURPRISE 297/13

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BILD: ZVG

BILD: ZVG BILD: ZVG

Ausgehtipps

Dieser Zausel spielt die eleganteste Musik des Jahres.

Auf Tour Schrat als Soul-Man Soul alter Schule steht für echte, tiefe Gefühle, und darum wird er derzeit reihum wiederbelebt. Doch so langsam verkommt dieser Rückgriff in die Musikgeschichte zur Masche. Matthew E. White ist da anders. Der bärtige Schrat verfügt als Sänger über eher bescheidene Mittel, aber auf seinem Debüt «Big Inner» zelebriert er gleichwohl eine geniale Anverwandlung des Soul: Bläser, Streicher, Gospelchor, alles da, aber eben nicht auf die grosse Leinwand geknallt, sondern sacht auf die Tapete gepinselt. Dazu singt White die grossen Gesangsmelodien mit sonorer Stimme, was seine Musik in die Nähe von Lambchop oder auch Destroyer rückt. Sprich: Lieder von grossem Gefühl mit dem Understatement des Indiemelancholikers unterspielt. Wie Matthew E. White die elegant-opulenten Arrangements auf die Bühne bringen will, wissen wir nicht. Aber wir harren gespannt. (ash)

Bewegung in West und Ost: Klunchun und Bel.

Friction: Wann ist Realität Kunst?

Basel Radikaler Tanz

Zürich Raus in die Realität

Jérôme Bel ist einer der radikalsten und erfolgreichsten zeitgenössischen Choreografen. Seit 2004 arbeitet er an einem Biografien-Zyklus, in dem er herausragende Tanzvirtuosen auf der Bühne porträtiert. Im Stück «Pichet Klunchun and Myself», das um die ganze Welt tourt, steht Bel selbst auf der Bühne – im Dialog mit dem Choreografen und klassischen Khon-Tänzer Pichet Klunchun aus Thailand. Spielerisch erforschen sie Bewegungen der westlichen und der asiatischen Kultur und treten in einen interkulturellen Austausch – ein berührender Dialog zweier Ausnahmekünstler über choreografische Praxis, Religion und Tod vor dem Hintergrund von Eurozentrismus und kultureller Globalisierung. (mek)

Friction ist ein junges Künstlerkollektiv, das ein Jahr lang im Offspace Perla-Mode beherbergt ist: Drei von ihnen studieren an der ZhdK Theater, einer hat in den USA einen Abschluss in Bildender Kunst gemacht. Sie stehen am Anfang, haben ihre Kunst bis anhin vor allem Leuten aus dem gleichen Kuchen gezeigt. Zeit für einen Reality Check, haben sie sich gesagt und 48 andere junge Künstler eingeladen, ihre Werke der Öffentlichkeit zu präsentieren: Einen Monat lang gibt es an ihrem Kunst- und Performance-Festival Video- und Audioinstallationen zu sehen und zu hören, dazu Kurzfilmscreenings, Performances und lebende Skulpturen. Der Reality Check bezieht sich natürlich nicht nur aufs eigene Künstlerdasein, sondern auch auf die Kunst an sich. Fragen sind: Wo sind die Grenzen zwischen Realität und Fiktion? Was ist Spiel? Wann ist die Realität Kunst? Antworten an der Langstrasse. (dif)

Pichet Klunchun & Myself, Do, 18. und Fr, 19. April, jeweils 20 Uhr, Theater Roxy, Birsfelden. www.theater-roxy.ch

Reality Check: Fr, 5. und Sa, 6., Fr, 12. und Sa, 13. April, Fr, 19. und Sa, 20. April, Fr, 26. Und Sa, 27. April, jeweils ab 18 Uhr bis spät, Perla-Mode, Langstrasse 84. www.friction.ch

Anzeigen:

Mo, 8. April, 20.30 Uhr, Kaserne, Basel; Di, 9. April, 21.30 Uhr, Rote Fabrik, Zürich; Mi, 10. April, 20 Uhr, Nouveau Monde, Fribourg.

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BILD: ANNETTE BOUTELLIER

Unser skurriles Selbst: Konstanze erkundet innere Traumwelten.

Bern Flucht vor der Ehe Warum nicht mal in die Oper? Mozarts «Entführung aus dem Serail» jedenfalls verspricht einen Abend mit traumhaft schönen Arien, viel orientalischer Exotik und grossen Gefühlen. Werden doch Belmontes und Pedrillos Geliebte Konstanze und Blondchen im Palast des türkischen Herrschers Bassa Selim gefangen gehalten, bewacht vom abgrundtief bösen Haremswächter Osmin mit seinen schon fast Tarantino-artigen Gewaltfantasien («Erst geköpft, dann gehangen, dann gespiesst, auf heisse Stangen …») Klingt nach Kitsch, nach simpler Handlung? Jedenfalls nicht in der Interpretation von Lydia Steier. Bei ihr denkt Konstanze gar nicht daran, sich einfach so retten zu lassen, nein, sie fürchtet sich im Gegenteil vor der einengenden Institution der Ehe und flüchtet sich in eine bizarre innere Traumwelt. Auch für die musikalische Umsetzung fanden die fachkundigen Kritiker nur lobende Worte. Warum also nicht mal in die Oper? Wegen den Ticketpreisen? Immerhin spielt hier ein ganzes Orchester und singt ein ganzes Ensemble, exklusiv! Und mehr als Bon Jovi oder Sting kostet ein Abend mit diesem Heer an Profimusikern auch nicht. (fer) «Die Entführung aus dem Serail», Sa, 6., Sa, 20. und So, 28. April, Mi, 1. Mai,

Todtrauriger Wohlklang: John Grant.

Zürich Mit samtener Stimme

So, 12. Mai, Di, 28. Mai, jeweils 19.30 Uhr, sonntags 18 bzw. 15 Uhr, Stadttheater Bern.

Damenschuhe aus Istanbul tolle Formen und Farben, sehr gut verarbeitetes Rindsleder.

Selten ist die Diskrepanz zwischen Musik und Texten so gross wie bei John Grant. Auf seinem Solo-Debüt «Queen Of Denmark» sang der Amerikaner 2010 von Entfremdung, Selbsthass, Kokain-Sucht und den Predigten seiner freikirchlichen Eltern, die ihrem homosexuellen Sohn mitgaben: «Jesus hates faggots». Dazu klimperten Gitarren, Streicher jubilierten und die Keyboards öffneten selige Weiten fast wie bei Supertramp. Nun legt Grant mit «Pale Green Ghosts» nach, und noch immer hat er wenig Erfreuliches zu berichten: Der Freund ist weg, das Herz gebrochen, und dann wurde beim 43-Jährigen auch noch HIV diagnostiziert. Grant singt seine traurigen Texte mit gewohnt samtener Stimme, doch diesmal lässt er bei vielen Songs allen instrumentalen Wohlklang weg, stellt sich quasi nackt vor kalt klackernde Elektroklänge. Das ist gewöhnungsbedürftig, und doch hat Grant nach «Queen Of Denmark», das vom englischen Mojo-Magazin zum Album des Jahres gekürt wurde, schon wieder ein Meisterwerk im Gepäck. (ash) Mo, 15. April, 20 Uhr, Papiersaal, Zürich.

Moderate Preise dank Direktimport. Online-Shop oder Schau-Raum in Basel. www.stanbul-schuhe.ch SURPRISE 297/13

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Verkäuferporträt «In unserem Haus wurde Feuer gelegt»

BILD: ISABEL MOSIMANN

Samir Bektasevic (40) verkauft in Bern vor der Markthalle und am Kornhausplatz Surprise. Er ist mit seiner Familie vor gut einem Jahr in die Schweiz geflüchtet, weil sie als Roma in Serbien ihres Lebens nicht mehr sicher waren. AUFGEZEICHNET VON ISABEL MOSIMANN

«Zum Glück hat mir letzten Herbst ein Kollege im Deutschkurs erzählt, dass er Surprise verkauft. Nur zu Hause sitzen und Fernsehen schauen, das ist nichts für mich. Ich arbeite sehr gerne, aber mit meiner Aufenthaltsbewilligung N ist es fast unmöglich, eine Arbeit zu finden. Früher in Belgrad habe ich das Geld für mich und meine Familie mit Transportfahrten mit meinem eigenen kleinen Camion verdient. Gelernt habe ich ursprünglich Tischler, doch nach der Ausbildung hat es mich in die Garage gezogen, und ich habe noch Automechaniker gelernt. Geboren wurde ich in einem kleinen Dorf ungefähr 350 Kilometer von Belgrad entfernt. Als ich vielleicht sieben Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir in die Hauptstadt. Vor fünf Jahren hat einer von der Mafia meinen Vater erstochen. Roma-Familien wie meine werden in Serbien schikaniert und bedroht, und wenn man nicht macht, was sie verlangen … Als mein Vater nicht mehr da war, ging der Terror bei mir, meiner Frau und unseren vier Kindern weiter. 2011 haben sie in unserem Haus Feuer gelegt, und dabei ist fast alles, was wir hatten, verbrannt. Aus Angst um unser Leben sind wir im Januar vor einem Jahr aus Serbien geflüchtet und haben in der Schweiz um Asyl gebeten. Ich hätte nie gedacht, dass ich meinen 40. Geburtstag als Flüchtling in der Schweiz feiern würde. Aber ich muss sagen, heute geht es mir und auch meiner Familie wieder viel besser als in den letzten Jahren in Serbien. Wir hatten auch einen sehr guten Start in der Schweiz. Am Anfang lebten wir fast fünf Monate in einer Asylunterkunft in Schüpbach im Emmental. Unsere Mitbewohner und die Zentrumsleiter waren alles sehr, sehr nette Leute. Wir haben alle friedlich zusammengelebt, obwohl alle verschiedene Religionen und Heimatländer hatten. Das war für einen muslimischen Roma wie mich überhaupt nicht selbstverständlich. Vor bald einem Jahr haben wir eine Wohnung in Bern-Bümpliz bekommen. Der Sohn und eine Tochter gehen in Bümpliz zur Schule. Meine Frau und ich verkaufen abwechselnd Surprise, damit wir etwas Geld verdienen können und eine Beschäftigung haben. Jemand von uns ist immer zu Hause, weil eine unserer Töchter krank ist. Sie ist heute 17 Jahre alt und hatte vor ungefähr zehn Jahren einen schweren Epilepsieanfall. Bis wir in die Schweiz kamen, hat sie jeden Tag das vom Arzt verschriebene Valium genommen. Hier hat man sie nun genauer untersucht und ihr spezielle Epilepsie-Medikamente gegeben. Sie kann sprechen, jedoch nur unsere Sprache Romanes, denn sie ist nie zur Schule gegangen. Wer von der Familie Zeit hat, geht mit ihr ein wenig spazieren. Sonst sitzt sie nur zu Hause. Wir hoffen, dass sie trotz des N-Ausweises und den sprachlichen Schwierigkeiten einen Platz in einer Spezialschule bekommen kann, damit sie tagsüber eine Beschäftigung hat und vielleicht auch ein paar Fortschritte in der Entwicklung macht.

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Noch nicht erwähnt habe ich unsere älteste, 20-jährige Tochter. Sie ist in Serbien geblieben und hat vor ein paar Wochen ein Baby bekommen. Das heisst, meine Frau und ich sind jetzt Grosseltern! In unserer Kultur ist das ganz normal, da heiraten alle mit circa 20 – und mit 40 wird man dann eben Grossvater. Leider haben wir die Enkelin erst via Facebook gesehen. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir hier leben und arbeiten dürfen. Für mich ist es klar, dass ich für meine Familie selbst sorge, so wie ich es die letzten 20 Jahre auch getan habe. Sobald ich mit einem Foder B-Ausweis mehr Möglichkeiten habe, möchte ich richtig 100 Prozent arbeiten, egal was – Strassen putzen, auf der Baustelle arbeiten oder vielleicht wieder Camion-Fahrer?» ■ SURPRISE 297/13


SurPlus – eine Chance für alle! Werden Sie Gotte oder Götti bei SurPlus Surprise kümmert sich um Menschen, die weniger Glück im Leben hatten. Menschen, die kaum Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt haben und ihr Leben in die eigenen Hände nehmen wollen. Mit dem Verkauf des Strassenmagazins Surprise überwinden sie ihre soziale Isolation. Ihr Alltag bekommt wieder Struktur und mehr Sinn. Sie gewinnen neue Selbstachtung und erarbeiten sich aus eigener Kraft einen kleinen Verdienst. Das verdient Respekt und Unterstützung. Das Spezialprogramm SurPlus ist ein niederschwelliges Begleitprogramm für ausgewählte Surprise-Verkaufende, die regelmässig das Strassenmagazin

verkaufen und hauptsächlich vom Heftverkauf leben. Diese Verkaufenden erhalten nur geringe soziale Ergänzungsleistungen und werden im Programm SurPlus gezielt vom Verein Surprise unterstützt: Sie sind sozial abgesichert (Ferien, Krankheit, U-Abonnement) und werden bei Problemen im oft schwierigen Alltag begleitet. Mit einer Patenschaft leisten Sie einen wesentlichen Beitrag für die soziale Absicherung der Verkaufenden und ermöglichen ihnen, sich aus eigener Kraft einen Verdienst zu erarbeiten. Vielen Dank für Ihr Engagement!

Andreas Ammann Bern

Jela Veraguth Zürich

René Senn Zürich

Marlis Dietiker Olten

Kurt Brügger Basel

Fatima Keranovic Basel

Josiane Graner Basel

Wolfgang Kreibich Basel

Tatjana Georgievska Basel

Bob Ekoevi Koulekpato, Basel

Marika Jonuzi Basel

Peter Gamma Basel

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Jovanka Rogger Zürich

Ralf Rohr Zürich

Anja Uehlinger Aargau

Ja, ich werde Gotte/Götti und unterstütze das SurPlus-Programm von Surprise! 1 Jahr: 6000 Franken

1/2 Jahr: 3000 Franken

1/4 Jahr: 1500 Franken

Vorname, Name

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Datum, Unterschrift

1 Monat: 500 Franken

297/13 Talon bitte senden oder faxen an: Verein Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@vereinsurprise.ch, PC-Konto 12-551455-3 SURPRISE 297/13

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Surprise ist: Hilfe zur Selbsthilfe Surprise hilft seit 1997 Menschen in sozialen Schwierigkeiten. Mit Programmen in den Bereichen Beschäftigung, Sport und Kultur fördert Surprise die soziale Selbständigkeit. Surprise hilft bei der Integration in den Arbeitsmarkt, bei der Klärung der Wohnsituation, bei den ersten Schritten raus aus der Schuldenfalle und entlastet so die Schweizer Sozialwerke.

Ich möchte Surprise abonnieren! 24 Ausgaben zum Preis von CHF 189.– (Europa: CHF 229.– ) (Verpackung und Versand bieten StrassenverkäuferInnen ein zusätzliches Einkommen.) Gönner-Abo für CHF 260.–

Eine Stimme für Benachteiligte Surprise verleiht von Armut und sozialer Benachteiligung betroffenen Menschen eine Stimme und sensibilisiert die Öffentlichkeit für ihre Anliegen. Surprise beteiligt sich am Wandel der Gesellschaft und bezieht Stellung für soziale Gerechtigkeit. Strassenmagazin und Strassenverkauf Surprise gibt das vierzehntäglich erscheinende Strassenmagazin Surprise heraus. Dieses wird von einer professionellen Redaktion produziert, die auf ein Netz von qualifizierten Berufsjournalistinnen, Fotografen und Illustratorinnen zählen kann. Das Magazin wird fast ausschliesslich auf der Strasse verkauft. Rund dreihundert Menschen in der deutschen Schweiz, denen der Arbeitsmarkt verschlossen bleibt, erhalten damit eine Tagesstruktur, verdienen eigenes Geld und gewinnen neues Selbstvertrauen.

Sport und Kultur Surprise fördert die Integration auch mit Sport. In der Surprise Strassenfussball-Liga trainieren und spielen Teams aus der ganzen deutschen Schweiz regelmässig Fussball und kämpfen um den Schweizermeister-Titel sowie um die Teilnahme an den Weltmeisterschaften für sozial benachteiligte Menschen. Seit 2009 hat Surprise einen eigenen Chor. Gemeinsames Singen und öffentliche Auftritte ermöglichen Kontakte, Glücksmomente und Erfolgserlebnisse für Menschen, denen der gesellschaftliche Anschluss sonst erschwert ist. Finanzierung, Organisation und internationale Vernetzung Surprise ist unabhängig und erhält keine staatlichen Gelder. Das Strassenmagazin wird mit dem Erlös aus dem Heftverkauf und mit Inseraten finanziert. Für alle anderen Angebote wie die Betreuung der Verkaufenden, die Sportund Kulturprogramme ist Surprise auf Spenden, auf Sponsoren und Zuwendungen von Stiftungen angewiesen. Surprise ist eine nicht gewinnorientierte soziale Institution. Die Geschäfte werden vom Verein Surprise geführt. Surprise ist führendes Mitglied des Internationalen Netzwerkes der Strassenzeitungen (INSP) mit Sitz in Glasgow, Schottland. Derzeit gehören dem Verband über 100 Strassenzeitungen in 40 Ländern an.

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Datum, Unterschrift 297/13 Bitte heraustrennen und schicken oder faxen an: Verein Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@vereinsurprise.ch

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Herausgeber Verein Surprise, Postfach, 4003 Basel www.vereinsurprise.ch Öffnungszeiten Sekretariat 9 – 12 Uhr, Mo – Do T +41 61 564 90 90, F +41 61 564 90 99 info@vereinsurprise.ch Geschäftsführung Paola Gallo (Geschäftsleiterin), Sybille Roter (stv. GL) Anzeigenverkauf T +41 61 564 90 90, M +41 76 325 10 60 anzeigen@vereinsurprise.ch Redaktion T +41 61 564 90 70, F +41 61 564 90 99 Reto Aschwanden (Nummernverantwortlicher), Florian Blumer, Diana Frei, Mena Kost redaktion@vereinsurprise.ch Ständige Mitarbeit Amir Ali, Rosmarie Anzenberger (Korrektorat), Rahel Nicole Eisenring, Shpresa Jashari, Carlo Knöpfel, Yvonne Kunz, Stephan Pörtner, Milena Schärer, Isabella Seemann, Priska Wenger, Tom Wiederkehr, Christopher Zimmer Mitarbeitende dieser Ausgabe Michèle Faller, Michael Gasser, Lucian Hunziker, Isabel Mosimann, Dominik Plüss, Fabienne Schmuki, Kathrin Schulthess, Sophie Stieger Gestaltung WOMM Werbeagentur AG, Basel Druck AVD Goldach Auflage 15000, Abonnemente CHF 189, 24 Ex./Jahr Marketing, Fundraising T +41 61 564 90 50 Christian von Allmen

Vertriebsbüro Basel T +41 61 564 90 83, M +41 79 428 97 27 Thomas Ebinger, Anette Metzner, Spalentorweg 20, 4051 Basel, basel@vereinsurprise.ch Vertriebsbüro Zürich T +41 44 242 72 11, M +41 79 636 46 12 Reto Bommer, Engelstrasse 64, 8004 Zürich, zuerich@vereinsurprise.ch Vertriebsbüro Bern T +41 31 332 53 93, M +41 79 389 78 02 Andrea Blaser, Alfred Maurer, Bruno Schäfer, Pappelweg 21, 3013 Bern, bern@vereinsurprise.ch Strassenchor T +41 61 564 90 40, F +41 61 564 90 99 Paloma Selma, p.selma@vereinsurprise.ch Strassensport T +41 61 564 90 10, F +41 61 564 90 99 Lavinia Biert (Leitung), Olivier Joliat, David Möller o.joliat@vereinsurprise.ch, www.strassensport.ch Vereinspräsident Peter Aebersold

Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise oder in Ausschnitten, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird von der Redaktion und dem Verlag jede Haftung abgelehnt. Surprise behält sich vor, an Verkaufende gerichtete Postsendungen zu öffnen. Barspenden an namentlich bezeichnete Verkaufende können nur bis zu einem Betrag von CHF 100.– weitergeleitet werden. Darüber hinausgehende Beträge sollen – im Einverständnis mit der Spenderin oder dem Spender – allen Verkaufenden zugute kommen. SURPRISE 297/13


Benefizkonzert für Surprise Das Strassenmagazin «Surprise» feiert in diesem Jahr sein 15-jähriges Bestehen. Die Blechbläser des Sinfonieorchester Basel gratulieren mit einem Geburtstagsständchen der besondern Art: Unter dem Motto «Surprise!» präsentieren sie in unterschiedlichen Formationen am Freitag, 3.Mai 13 um 19 Uhr im Museum Tinguely ein abwechslungsreiches Benefizkonzert zugunsten von Surprise. Eintritt frei – Spenden willkommen!

Schön und gut. Die Surprise-Mütze mit eleganter Kopfwerbung ist ab sofort wieder erhältlich: In Einheitsgrösse, in den Farben Rot und Schwarz. Heizt das Hirn, gibt warme Ohren. Grosses Badetuch 100 x 180 cm aus sehr langlebigem Zwirngarn, 100% handgepflückte Baumwolle. Mit Surprise-Logo eingewebt und von A bis Z in der Schweiz hergestellt. Vorder- und Rückseite verschiedenfarbig: vorne kühles Aquablau, hinten heisses Rot.

Surprise-Mütze CHF 30.– rot

Strandtuch (100 x 180 cm) CHF 65.–

schwarz

50 Prozent des Verkaufspreises kommt Surprise zugute.

Alle Preise exkl. Versandkosten.

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*gemäss Basic 2008-2. Seite bitteMACH heraustrennen und schicken oder faxen an: Verein Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@vereinsurprise.ch SURPRISE 297/13

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