Petr Pavel: Die 100-Tage-Bilanz des Staatspräsidenten (Seite 2)
Sudetendeutsche Zeitung Die Zeitung der Sudetendeutschen Landsmannschaft
Reicenberger Zeitung HEIMATBOTE
Jahrgang 75 | Folge 25 | 2,80 EUR · 75 CZK | München, 23. Juni 2023
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VOLKSBOTE Das Trauma der Vertreibung wirkt bis heute: Nur wenige Habseligkeiten durften die Sudetendeutschen mitnehmen, die in Viehwaggons gen Westen deportiert wurden.
Foto: SdZ-Archiv
Empirische Sozialwissenschaftler untersuchten das Wahlverhalten im ehemals geteilten Baden-Württemberg
Wissenschaftliche Studie: Vertriebene stärken die demokratische Mitte Rücktritt: Zdeněk Nekula.
Antritt: Marek Výborný.
Zdeněk Nekula
Schlechte PR: Minister muß gehen „Von Anfang an war ich ein Minister, der für Kontroversen sorgte“, hat Zdeněk Nekula (KDU-ČSL) seinen erzwungenen Rücktritt als Landwirtschaftsminister erklärt. Nachfolger wird der Fraktionsvorsitzende der KDU-ČSL, Marek Výborný.
E
r sei mit seinem Strategieplan und seinem Kampf gegen hohe Lebensmittelpreise vielen Institutionen ein Dorn im Auge gewesen, insbesondere den Großbauern. Am Ende habe er dann auch in der eigenen Fraktion keinen Rückhalt mehr gehabt, sagte Nekula nach seinem Rücktritt und twitterte: „Ich war vielleicht nicht besonders begabt in der Kommunikation, aber ich hatte erste Schritte eingeleitet, um sowohl unserer Landwirtschaft als auch Natur und Umwelt in eine gute Zukunft zu führen.“ Diese, so Nekula, „oft unpopulären Entscheidungen“ seien „auf Kosten der PR“ gegangen. „In einer solchen Situation hätte ich die starke Unterstützung der Parteiführung gebraucht, die ich jedoch in den vergangenen Monaten nicht erhalten habe.“ Es habe deshalb keine andere Möglichkeit gegeben, als von dem Ministeramt zurückzutreten. Nekula ist damit der vierte Minister, der das Kabinett von Premierminister Petr Fiala vorzeitig verlassen hat. Nur bis Juni 2022 war Petr Gazdík als Minister für Bildung, Jugend und Sport im Amt. Ihm folgte Vladimír Balaš, der dann im Mai 2023 von Mikuláš Bek abgelöst wurde. Dessen Posten als Europaminister übernahm Martin Dvořák. Umweltministerin Anna Hubáčková trat im November 2022 zurück. Neuer Umweltminister ist seit März 2023 Petr Hladík.
Heimatvertriebene sind ein entscheidender Faktor für die demokratische Stabilität der Bundesrepublik Deutschland, das hat eine wissenschaftliche Studie belegt, die die beiden empirischen Sozialforscher Doktorand Stephan Schneider von der ETH Zürich und Prof. Dr. Valentin Lang von der Universität Mannheim veröffentlicht haben. Die beiden Wissenschaftler konnten am Beispiel Baden-Württemberg nachweisen, daß in Regionen mit Heimatvertriebenen die Bürger seltener rechtsextreme oder rechtsradikale Parteien wählen.
N
ach dem Krieg war das heutige Bundesland BadenWürttemberg zunächst unter zwei alliierten Mächten aufgeteilt worden. Die Amerikaner erhielten die Regionen im Norden; den Franzosen wurden alle Kreise südlich der logistisch wichtigen Autobahn A8 Stuttgart– Karlsruhe zugeschlagen. Während die Amerikaner zuließen, daß Heimatvertriebene in ihrem Sektor aufgenommen wurden, lehnten die Franzosen dies ab. „Für unsere heutige Forschung war dies ein Glücksfall, da eine an sich homogene Region willkürlich getrennt wurde,“ erklärt Stephan Schneider den Forschungsansatz. „Durch die Fokussierung unserer Analyse auf Gemeinden nördlich und südlich der ehemaligen Besatzungszonengrenze können wir – ähnlich wie in einem Experiment – viele andere Einflußfaktoren ausschließen.“ Die Idee, das Wählerverhalten in den beiden Sektoren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu untersuchen, kam den beiden Wissenschaftlern bei einem gemeinsamen Essen. „Wir haben festgestellt, daß es bei unseren Großeltern sowohl die Gemeinsamkeit von Vertreibungsschicksalen als auch ihren Einstellungen zu heutigen Flüchtlingen gibt. Je eine Großmutter von uns kommt aus Schlesien. Mein Großvater mütterlicherseits stammte zudem aus Schlukkenau in Nordböhmen. Meine Großeltern waren zwar eher konservativ, hatten aber eine emphatische Haltung gegenüber Flüchtlingen. Durch ihre eigene
Baden-Württemberg war nach dem Krieg in zwei Sektoren geteilt. Nördlich der schwarzen Linie befand sich der US-Sektor in der die Vertriebenenanteile in den Gemeinden deutlich höher waren als in der südlich gelegenen französischen Zone. Grafik aus der Studie : Lang, Valentin and Schneider, Stephan A., Immigration and Nationalism in the Long Run (June 8, 2023). Available at SSRN: https://ssrn.com/ abstract=4212484 or http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.4212484 Fluchterfahrung waren sie sozusagen immun gegenüber fremdenfeindlichen Kampagnen der rechten Parteien, wie früher die Republikaner und heute die AfD, die mit einem starken Anti-Immigrationskurs Wahlerfolge erzielen konnten und können. Daraus entstand unser Ansatz, diese Beobachtungen systematisch empirisch zu überprüfen.“ Nach dem Krieg waren die Vertriebenen und Flüchtlinge in der neuen Heimat zunächst alles andere als willkommen. Essen und Wohnraum waren im zerbombten Deutschland knapp. Hinzu kamen auch kulturelle und religiöse Unterschiede. So mußten protestantische Württemberger plötzlich katholische Sudetendeutsche aufnehmen, oder katholische Oberbayern evangelische Schlesier beherbergen. Doch der gemeinsame Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder schweißten die unterschiedlichen Gruppen über die
Jahre zusammen. So lobte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) im vergangenen Jahr beim Festakt „70 Jahre BadenWürttemberg“ ausdrücklich die Leistungen der Heimatvertriebenen, die bei der Volksabstimmung im Dezember 1951 nahezu geschlossen für den neuen Südweststaat gestimmt hatten. Die Heimatvertriebenen hätten so den entscheidenden Ausschlag für die Gründung des Landes Baden-Württemberg wenige Monate später gegeben, stellte Kretschmann fest und sagte: „Die heimatvertriebenen Deutschen wollten in der neuen Heimat gute Staatsbürger sein.“ Ähnlich äußerte sich auch Innenminister Thomas Strobl (CDU) anläßlich des Jubiläums: „Unser Land hat von der Aufnahme der Vertriebenen und Flüchtlinge sehr profitiert.“ Die Zuwanderung in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die rund ein Fünftel der Bevölkerung im Ge-
Prof. Dr. Valentin Lang von der Universität Mannheim.
Doktorand Stephan Schneider von der ETH Zürich. Fotos: privat
biet des heutigen Landes umfaßte, sei ein Gewinn gewesen. In ihrer Forschung haben Schneider und Lang jetzt festgestellt, daß es beim Wahlverhalten bis heute Unterschiede zwischen dem ehemaligen französischen und dem ehemaligen amerikanischen Sektor gibt. Auffällig ist, daß diese Unterschiede besonders in Wahlen deutlich werden, bei denen das Thema Einwanderung eine größere Rolle gespielt hat. So schnitt die AfD bei der Bundestagswahl 2021 in der ehemaligen US-Zone um durchschnittlich 1,7 Prozentpunkte schlechter ab als im ehemals französischen Teil – was bei einem badenwürttembergweiten Wahlergebnis von 9,7 Prozent einen erheblichen Unterschied ausmacht. In einem weiteren Schritt haben die Forscher 3000 Bürger in Baden-Württemberg befragt, von denen 42 Prozent angaben, Vertriebenenwurzeln zu haben. Genau diese Gruppe zeichnet sich in der Umfrage auch durch eine deutlich einwanderungsfreundlichere Haltung aus als die Restbevölkerung. Lang und Schneider sehen darin ein Indiz, daß das Vertreibungsbeziehungsweise Fluchttrauma der Eltern und Großeltern an die nachkommenden Generationen weitergeben werde und für mehr Empathie gegenüber Flüchtlingen sorge. Hinzu kommt, daß auch die Einheimischen Baden-Württemberger über die Zeit den Zuzug an Vertriebenen und Geflüchteten positiv bewerteten. „Die Heimatvertriebenen kamen nach dem Krieg in der Regel ohne Besitz an, scheuten sich vor keiner Arbeit und trugen wesent-
lich zum wirtschaftlichen Aufschwung bei“, so Schneider. Folge: Die ehemalige US-Zone entwickelte sich besser als das Pendant im Süden – was höhere Löhne und Grundstückspreise ab den 1970er Jahren eindeutig belegen. „Davon profitierten Einheimische und Vertriebene gleichermaßen. Und diese positive Erfahrung führt in den Gemeinden auch heutzutage zu mehr Offenheit gegenüber Neuankömmlingen“, so Schneider. Die Studie „Immigration and Nationalism in the Long Run“ der beiden Forscher liefert damit auch einen Beleg für die 1954 von dem Harvard-Professor Gordon Allport entwickelte Kontakthypothese, die besagt, daß häufiger Kontakt zu Mitgliedern anderer Gruppen, wie etwa ethnischen Minoritäten, die Vorurteile gegenüber diesen Gruppen reduziert. „Eine gelungene Integration, wie damals bei den Heimatvertriebenen, ist eine Basis, von der eine offene Gesellschaft auch noch Jahrzehnte später profitiert“, erklärte Schneider und verweist im Umkehrschluß auf Regionen, die kaum Flüchtlinge haben, aber dennoch zu Hochburgen der AfD geworden sind. Der Rat der Wissenschaftler ist deshalb klar: „Daß es am Anfang Ängste und Mißverständnisse auf beiden Seiten gibt, ist verständlich und normal. Absolut entscheidend ist deshalb eine intensive Integrationsarbeit, an der sich beide Seiten beteiligen und die dann am Ende zum Erfolg führen kann. Es ist deshalb wichtig, daß die Heimatvertriebenen ihre Erlebnisse und Erfahrungen weitergeben.“ Torsten Fricke