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AUSGABE 03/ 2020

BIM HAT VORFAHRT DAS GLASI-QUARTIER IN BÜLACH

ESSAY DIGITALISIERUNG

RICHARD NEUTRA | HERAUSFORDERUNG KLIMAWANDEL | TORE UND TÜREN | KÜCHENTRENDS


RUBRIK

Seite 2 // bauRUNDSCHAU


RUBRIK

LIEBE LESERIN, LIEBER LESER, In der vorliegenden Ausgabe finden Sie ein Essay. Das ist für Fachmagazine ein ungewöhnliches Format, da es üblicherweise viel zu lang, zu persönlich und zu komplex ist. Der Vater des Essays heisst Michel de Montaigne, ein Denker und Schriftsteller des 16. Jahrhunderts. Er nahm sich die Freiheit, die Dinge der Welt so darzustellen, wie er sie sah und nicht, wie sie von heiligen Büchern oder staatlichen Erlassen vorgegeben waren. Dieser aufklärerische Impetus war zu dieser Zeit, als noch Kirche und Kaiser die Lebenswelten bestimmten, unerhört. Mit seinem schriftstellerischen Vorgehen schuf er eine neue Gattung in der Literatur: die Kunst des Essays. Warum haben wir uns für ein Essay entschieden? Da wir den umkämpften Trendbegriff Digitalisierung sezieren wollen. Oberflächliche Meinungen und Beiträge gibt es zu diesem Thema genug. Den Rahmen für das Essay bildet ein Schwerpunkt zum Thema Digitalisierung in der Baubranche, mit Vertiefung in Richtung Building Information Modeling (BIM). Darin publizieren wir zum Beispiel ein Interview mit Markus Weber. Er ist Co-Studiengangleiter Digital Construction und Dozent an der Hochschule Luzern – Technik & Architektur. In diesem Rahmen finden Sie ebenso die Titelgeschichte über das Glasi-Quartier, welches mit BIM realisiert wurde, und einen Beitrag, der die Bedeutung von Datenbanken bei dem Thema BIM beleuchtet. Das ist eigentlich schon ein gut mit verschiedensten Sichtweisen und Informationen gefüllter Schwerpunkt. Aber es fehlt ein zentraler Punkt: eine fundierte Einordnung. Mit Urs Wiederkehr, der Leiter Fachbereich Digitale Prozesse bei SIA ist, habe ich an der Swissbau im Januar diesen Jahres ein erstes längeres Gespräch geführt. Anschliessend haben wir uns gegenseitige Literaturhinweise gegeben und Thesen ausgetauscht. Schlussendlich entstand das oben erwähnte Essay. Unter einem Essay versteht man einen Aufsatz, in dem die Autorin oder der Autor ein Thema ziemlich frei erörtern kann. In die Argumentationsfiguren bezieht die Verfasserin oder der Verfasser mehrere Standpunkte mit Beispielen und Belegen ein. Daraus entwickelt er / sie einen Standpunkt. Er / sie entscheidet jedoch ein Stück weit selbst, welchen Argumenten er / sie wie viel Gewicht verleiht. Die Darstellungen in Essays können in der Folge durchaus etwas Schlagseite haben, aber es soll nachvollziehbar sein, daher der Umfang von acht Seiten – mit dem Titel: «Den Blick schärfen».

Georg Lutz

Chefredaktor bauRUNDSCHAU g.lutz@rundschaumedien.ch www.baurundschau.ch

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INHALT

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Die mit grossen Fenstern in die kalifornische Landschaft gesetzten Häuser, die in Europa in Teilen den Bungalow-Stil der Sechziger- und Siebzigerjahre prägten, wirken auf den ersten Blick wie grosses Kino – eben wie eine Luxusvilla. Auf den zweiten Blick sind sie aber leichte und transparente Bauten, die auch für schmale Geldbeutel erschwinglich sein sollten. So jedenfalls die Philosophie von Richard Neutra. Diese Architektursprache feiert eine Renaissance – und das ist kein Wunder: Leichtigkeit und Transparenz sind heute wieder Trends.

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Building-Information-Modeling (BIM) wird in der Bauplanung immer präsenter. Wenn alle Parteien am selben Strang ziehen, entstehen fachspezifische Modelle, die eine reibungslose und effektive Ausführung des jeweiligen Projekts ermöglichen. Auf diese Weise entsteht momentan in Bülach Nord das visionäre Bauprojekt «Glasi-Quartier» von der Steiner AG auf dem Gelände der ehemaligen Glashütte. Das Projekt steht im Rahmen eines Schwerpunktes zum Thema Digitalisierung in der Baubranche.

LEICHT UND LUFTIG

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IM DIGITALEN UMBRUCH

ZUKUNFTSFÄHIG BAUEN Mit steigendem Verantwortungsbewusstsein wächst das Interesse an nachhaltigen Anlagemöglichkeiten im Immobiliensektor. Nachhaltiges Bauen leistet einen zentralen Beitrag, doch erfordert ein Umdenken und veränderte Werthaltungen. Wir stehen vor einer komplexen Aufgabe, die nur in Kooperation mit allen Beteiligten der Baubranche umsetzbar ist. Dies gilt auch für die Reduktion der Treibhausgase, denn die Bau­branche verursacht rund 50 Prozent des Treibhausgas­ ausstosses. Deshalb suchen Berufsverbände der Baubranche eine engere Zusammenarbeit in der Berufsbildung.

AUSGEZEICHNETE ENERGIELÖSUNGEN Die Gewinner des ees AWARD 2020 stehen fest: Sie konnten die Jury mit zukunftsweisenden Batterien und Energiespeichern überzeugen. Wegen der Corona-bedingten Absage der ees Europe 2020 sowie der Verschiebung der ees South America 2020 wurden Unternehmen für ­zukunftsweisende Lösungen mit dem ­Innovationspreis der Speicherbranche durch eine virtuelle Preisverleihung geehrt. Ihre Kreationen sind wichtige Bausteine der künftigen Energiewelt  und tragen bereits heute zu einer intelligenten, nachhaltigen und kostengünstigen Energieversorgung bei.


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INHALT

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AUTOMATISCHER KOMFORT Die Lösung, mit einem Türantrieb Innentüren automatisch per Handsender oder Taster zu bedienen, gewinnt aus unterschiedlichen Gründen an Bedeutung. Komfort, Hygiene und die demografische Kurve sind dazu die zentralen Stichworte. Gerade in der Corona-Krise haben sich vollautomatische Türen bewährt. Auch im Bereich Fenster wird mehr und mehr auf smarte Lösungen gesetzt, die den Alltag erleichtern.

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KÜCHENBAU AUF DER HÖHE DER ZEIT Die Küche ist seit Jahren kein reiner Funktionsraum mehr. Schon früher führte man den besten Small Talk einer Party in der Küche. Kommunikation und Küche passen einfach gut zusammen. So ist die Verschmelzung von Küche und Wohnzimmer Trend. Dieser bahnt sich nun mit aller Macht seinen Weg durch die Zimmer. Im Rahmen des Begriffs der «Offenen Wohnküche» verschmelzen die Räume nicht nur miteinander, sondern kommunizieren auch. Konventionelle Raumstrukturen sind von gestern. Um zeitgemäss zu agieren, braucht es Experten, die sich immer weiterbilden.

WIR SIND VOR ORT Dies ist eine Corona-Ausgabe und daher sind auch unsere Aussentermine minimiert. Dafür setzen wir vermehrt auf digitale Lösungen, merken aber, dass auch sie an einige Grenzen stossen.

RUBRIKEN Editorial3 Highlight8 Essay16 Architektur34 Bauen52 Garten  92 Innenarchitektur98 Umwelt & Technik  132 Kolumnen 11, 78, 80, 100, 108 Impressum144

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Wir freuen uns daher, Sie in naher Zukunft wieder Face to Face begrüssen zu dürfen.

IM WEB Wir halten Sie zwischen den Ausgaben mit aktuellen News, Fotostrecken, Kolumnen und Analysebeiträgen auf dem Laufenden. Sie sind gerne eingeladen, sich crossmedial zu beteiligen. Zum Beispiel mit News: 1 000 Zeichen, Bild und URL. Besuchen Sie www.baurundschau.ch


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© Steiner AG © Steiner AG

HIGHLIGHT

Das Glasi-Quartier in Bülach soll zu einem der gefragtesten Wohn- und Arbeitsorte des Zürcher Unterlandes werden.

DIGITALES PLANEN WIRD ZUM STANDARD DER ZUKUNFT MIT BIM-TECHNOLOGIE ZUM NEUEN QUARTIER von Andreas Gurtner

In Bülach Nord schreiten die Arbeiten für das «Glasi Quartier» voran. Realisiert wird das visionäre Bauprojekt von der Steiner AG und deren Entwicklungspartnern. Das neue Stadtviertel steht für innovativen Städtebau bei gleichzeitig hoher Lebensqualität und modernsten Planungsmethoden: Das gesamte Projekt wird ausschliesslich nach der Building-Information-Modeling-(BIM)-Methode abgewickelt – was nach heutigem Organisations- und Wissensstand eine Herausforderung ist.

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as rund 42’000 Quadratmeter grosse Areal der Firma Vetropack (ehemals Glashütte Bülach) ist im Wandel: Wo während 111 Jahren Glasverpackungen hergestellt wurden, entsteht bis 2023 ein neues Quartier mit über 500 Wohnungen, einem Wohn- und Pflegezentrum, einem Hotel und mehr als 20’000 Quadratmeter Gewerbe- und Dienstleistungsflächen. Solche sogenannten Mischareale, die durch die Umnutzung alter Industriegelände entstehen, liegen momentan im Trend. Durch ihre Verbindung von zukunftsweisender Architektur und geschichtsträchtiger Umgebung entsteht ein ganz besonderes Lebensgefühl.

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Das «Glasi» hat seinen Namen von der ehemaligen Glashütte erhalten und bietet viel Platz zum Wohnen, Arbeiten und Leben. Vorgesehen sind sowohl kostengünstige Mietwohnungen als auch gehobenes Wohnen, grosse und kleine Räume für Unternehmen und Gewerbebetriebe. So können Familien und Singles, Junge und Alte einziehen, Restaurants, Läden, ein Hotel und ein Pflegezentrum öffnen ihre Tore. Seiner Geschichte und der Erinnerung an die Werktätigen trägt das «Glasi» gebührend Rechnung: In über 100 Jahren der Glasproduktion sind unzählige Arbeiter durch das Fabriktor gegangen, haben hier

ihren Lebensunterhalt verdient und sich mit der Glashütte Bülach identifiziert: Jedes Gebäude auf dem Glasi-Areal trägt daher den Vornamen eines damaligen Angestellten. Im Juni 2012 haben die Logis Suisse  AG und die Baugenossenschaft Glattal Zürich das Areal erworben und mit der Steiner AG einen exklusiven Vertrag für die Projektentwicklung und -realisierung abgeschlossen. Steiner führte daraufhin einen einstufigen städtebaulichen Studienauftrag durch. Aus den elf eingeladenen, international renommierten Architektenteams stach der Projektvorschlag von Duplex Architekten aus


© Steiner AG

HIGHLIGHT

Zürich hervor, nach deren Konzept das Glasi-Areal nun überbaut wird. Für die Architektur des Hochhauses «Jade» mit einer Höhe von 60 Metern zeichnet Wild, Bär, Heule Architekten verantwortlich, die beim besagten Studienauftrag den besten Entwurf für das höchste Gebäude des GlasiQuartiers eingereicht hatten.

STÄDTEBAULICHE ­ENTWICKLUNGSKOMPETENZ Das Glasi-Areal als neues Stadtquartier in Bülach Nord soll zu einem der gefragtesten Wohn- und Arbeitsorte im Zürcher Unterland werden. Geplant sind 21 Bauten mit Gebäudehöhen von 21 bis 25 und einem Hochhaus von 60 Metern. Bis 2023 wird ein oberirdisches Bauvolumen mit rund 315’000 Kubikmetern realisiert. Das neue Quartier beim Bahnhof Bülach weist für Schweizer Verhältnisse eine hohe und gleichzeitig wohnliche Dichte auf. Für die hohe urbane Lebensqualität sorgen im Projekt verschiedene Parameter: herausragende Architektur, ein cleveres Verkehrssystem mit Begegnungszonen, öffentliche Plätze, ein vielfältiges Wohnungsangebot, vitale Rückzugsmöglichkeiten sowie Raum für gemeinschaftliche Aktivitäten. Zudem ermöglichen Mietund Eigentumswohnungen, gewerbliche Räume für Dienstleistungen, Handwerksbetriebe, Büros und Gastronomie sowie ein Hotel, ein Pflegezentrum mit Alterswohnungen und eine Kinderkrippe einen äusserst breiten Nutzungsmix. Die 21 Gebäude des neuen Quartiers befinden sich in einem Netz aus strahlenförmigen Strassen, die wie bei einem Linolschnitt aus der Gebäudemasse herausgeschnitten sind. Damit es sich im neuen Quartier von Bülach künftig gut leben lässt, wurde das städtebauliche Konzept besonders sorgsam durchdacht und mit Bedacht vielfältige Freiräume gestaltet: So entstehen beispielsweise an den Kreuzungspunkten vier Plätze mit jeweils eigenem Charakter, die zum Zusammenkommen und Verweilen einladen.

KOMPLEXITÄT VERLANGT BIM

Markante, architektonische Zeichen setzen  –  das Glasi-Areal.

Das Vorzeigeprojekt Glasi-Quartier wird nach dem Open-BIM-Standard abgewickelt, dank welchem sich das digitale Planen sehr viel effizienter gestaltet. Steiner hatte von Anfang an klare Ziele: die modellbasierte Koordination von Teilmodellen sowie die modellbasierte Mengenermittlung für Kostenplanung und Ausschreibung. Dadurch werden die Optimierung der Kosten- und Zeitpläne sowie eine

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Denn die BIM-Methode birgt auch Herausforderungen: Wenn nur ein Beteiligter BIM nicht nutzt oder nicht korrekt verwendet, geht das ganze Konzept nicht auf. Demnach müssen alle Parteien an einem Strang ziehen, damit das Projekt Erfolg haben kann. Die verschiedenen Pläne und Vorgaben müssen ineinander- und konsequent auf BIM zurückgreifen. Nur so kann die digitale Planung funktionieren und herausragende Ergebnisse wie das GlasiQuartier liefern. Steiner setzt BIM bei allen eigenen Entwicklungsprojekten ein und hat hierfür ein spezialisiertes Team im Einsatz. Zudem hat das Unternehmen zwei eigene BIMLabors eingerichtet, die sich technologisch auf dem neuesten Stand befinden. Beide Labors sind mit hochmodernen Touchscreens ausgestattet, um alle Aufgaben, die diese Technologie erfordert, effizient durchführen zu können. Die Laboratorien verwenden sowohl Virtual Reality als auch Augmented Reality, um die erforderliche Qualität sicherzustellen und für die Vermarktung benötigte Visualisierungen zu erstellen. Auch Sensoren für das Internet der Dinge werden hier getestet. Letztlich garantiert BIM allen Partnern Transparenz und optimale Schnittstellen. Das Ergebnis sind eine bessere Kostenkalkulation und Termintreue, effizientere Schnittstellen sowie genauere Pläne.

TECHNOLOGIEN FÜR DAS WOHNEN DER ZUKUNFT Beim städtebaulichen Entwicklungsprojekt Glasi-Quartier kommen neben BIM noch weitere zukunftsgerichtete Technologien zum Einsatz. So hat Steiner für die Ver-

Die BIM-Technologie hilft bei der reibungslosen Ausführung des Glasi-Projekts. © Steiner AG

reibungslose Ausführung angestrebt. Bei der Open-BIM-Methode wird mit offenen Schnittstellen gearbeitet. Dies erlaubt es den im Planungs- und Bauprozess beteiligten Partnern, eigene, fachspezifische Modelle einzusetzen, welche jeweils mit ihrer Autorensoftware erstellt werden. Anschliessend findet ein Datenaustausch über den offenen Standard IFC statt, der zur digitalen Beschreibung von Gebäudemodellen entwickelt wurde. Die Qualitätsprüfung und die räumliche Koordination wird beim Projekt Glasi-Quartier an regelmässigen Sitzungen im BIM-Lab mit allen Planern vor Ort durchgeführt.

© Steiner AG

HIGHLIGHT

Das Büroneubauprojekt «Ellipse» in Gland (VD) wird mittels BIM realisiert.

marktung der Eigentumswohnungen im Hochhaus «Jade» des Glasi-Quartiers eigens einen innovativen Online-Wohnungskonfigurator entwickelt. Dieser ermöglicht es Kaufinteressenten, die Grundrisse sowie die Materialisierung der gewünschten Wohneinheit individuell zu definieren. Wer sich für eine der modernen Wohnungen entscheidet, kann sich zudem auf ein Zuhause mit Smart-Home-Technologie freuen.

VIELFÄLTIGE EINSATZBEREICHE VON BIM Unweit des Genfersees realisiert die ­Steiner AG in Gland mit dem Bürogebäude «Ellipse» ein weiteres Immobilienprojekt, bei dem BIM zum Einsatz kommt. Neben der ovalen Form, die besondere Herausforderungen an die Fassade des Neubaus stellt, muss das Projekt auch die hohen Anforderungen des Minergie- und GreenPower-Labels erfüllen. Das Vorhaben, welches die Erstellung von zwei dreistöckigen Baukörpern für die Rentimmo-Gruppe umfasst, zeigt auf sehr gute Weise auf, welchen Mehrwert BIM bei Immobilienprojekten bieten kann. Als Bauherr setzt die Rentimmo-Gruppe BIM

bei all ihren Projekten ein. Für die Realisierung des Projekts «Ellipse» war deshalb die Zusammenarbeit mit einem BIM-erfahrenen Totalunternehmer unabdingbar. Einerseits hat Steiner bereits die Projektstudie mit BIM durchgeführt. Um die verschiedenen Konstruktionsvarianten bei diesem Bauvorhaben analysieren zu können, wurde ein digitales Modell erstellt, in dem alle technischen Gebäudespezifikationen detailliert integriert wurden. Dieses 3-DModell ermöglichte es anschliessend, die Mengen und Positionen festzulegen, die für die Durchführung der Preisermittlung für dieses Projekt erforderlich waren. Andererseits wurde BIM auch als Managementinstrument während der Durchführung des Projekts eingesetzt. Ein Wunsch von Rentimmo Invest SA war es beispielsweise, am Ende des Projekts ein realitätsnahes Modell zu erhalten, welches auch in der nachfolgenden Betriebsphase eingesetzt werden kann. Das von der Steiner AG gelieferte Modell wird es ermöglichen, den Betrieb des Gebäudes zu optimieren – so zum Beispiel in Bezug auf die Photovoltaikpaneelen und die dazugehörende Gebäudetechnik.

Steiner AG | Hagenholzstrasse 56 | CH-8050 Zürich | Tel. +41 (0) 58 445 20 00 | info@steiner.ch | www.steiner.ch

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KOLUMNE

BIM – STRATEGIE UND IMPLEMENTIERUNG von Jochen Köhler

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ür Bau-, General-, Totalunternehmen oder Projektentwickler ist BIM bereits heute ein zentraler Bestandteil der Unternehmensstrategie. Dies zeigt sich einerseits im Anspruch, mit der Entwicklung der Branche mithalten zu können, um nicht von anderen Unternehmen überholt zu werden. Sprich, das aktuelle Geschäftsmodell zu verteidigen – «DEFEND». Die Kompatibilität zu allen Beteiligten in der Bauindustrie steht hierbei im Fokus. Wie kann man mit Architekten, Planern und Subunternehmern effizient zusammenarbeiten? Wie funktioniert ein simpler Datenaustausch? Welche Standards werden eingesetzt? Zum anderen geht es um die Frage, wie man sich als Unternehmen differenzieren kann, um sich dauerhaft Wettbewerbsvorteile zu sichern. Sprich, über neue Geschäftsmodelle inkl. partnerschaftlichen Zusammenarbeitsmodellen (IPD) nachzudenken und diese umzusetzen – ­«DIVERSIFY». Hierunter fallen auch Aktivitäten rund um neue innovative Ideen und Software-Entwicklungen, die helfen, Aufgaben effizienter zu lösen. Als Beispiel sei hier die Durchgängigkeit in den Prozessketten Planung, Bestellung und Lieferung genannt. Oder Lösungen rund um die Anwendung von Reality-Capturing-Technologien. Ein erstes Ziel ist dabei die Terminsicherheit, die durch eine modellbasierte Termin- und Taktplanung und durch visuelle 4-D-Simulationen umgesetzt werden kann. An zweiter Stelle steht die Kostensicherheit mittels modellbasierter Mengenermittlung, Kalkulation und Abrechnung bis hin zur Nachkalkulation, um nachhaltig aus dem Vergangenen zu lernen. Drittens soll auch ein hohes Mass an Qualität bei der abzuliefernden Arbeit gewährleistet werden können. Hier sind Themen wie Planungsqualität, Kollisionsprüfung und Ausführungskoordination die wichtigsten Punkte. Bei der Einführung von BIM ist zentral, nicht nur darüber zu sprechen, dass man BIM «macht», sondern zu erklären, was hinter der Methode und den einzelnen Themen steht. In unterschiedlichen Phasen eines Projektes gibt es hierbei immer wieder diverse Herausforderungen. In der Planungsphase sind es meist Themen rund um den Datenaustausch einzelner Planungsmodelle, die dann in einem

Koordinationsmodell zusammengeführt werden. Lösungsansätze hierfür sind klare und idealerweise gemeinsam definierte Standards für die Struktur und Arbeitsweise innerhalb eines Projektes. Positiv unterstützend sind regelmässige Abstimmungsgespräche. Besonders gute Erfolge kann man hier erzielen, wenn man Lean-Methodiken wie zum Beispiel Last Planner einsetzt. In der Ausführungsphase ist die grösste Herausforderung der Faktor Mensch. Wie kann das Baustellenpersonal positiv abgeholt und an neue Prozesse und Methoden herangeführt werden? Am besten gelingt dies mit einfachen Schritten wie zum Beispiel optimierter Zugang zu Informationen. Hierbei werden die richtigen Informationen (modellbasiert), mittels TabletLösungen, zum richtigen Zeitpunkt der Baustelle zur Verfügung gestellt. So hat das Baustellenpersonal zu Beginn der Einführung nur einen Mehrwert und keinen Mehraufwand und ist in einem nächsten Schritt offener für weitere Module wie zum Beispiel modellbasiertes Abstecken, Drohneneinsätze oder digitale Baufortschrittskontrolle. Grundsätzlich gilt für beide Bereiche: Weniger ist mehr – Schritt für Schritt klar definierte Bausteine einführen. Immer darauf schauen, was verkraftet die jeweilige Organisation oder auch der einzelne Mensch – Stichwort «Change Management». Sehr gute Erfahrungen gibt es in der schrittweisen Einführung immer dann, wenn alle Beteiligten entsprechend früh involviert werden. Als Resümee lässt sich BIM auch als «Bewusstes Integrales Miteinander = BIM» beschreiben. Gemeinsam mit allen Projektbeteiligten lassen sich BIM-Methodiken deutlich einfacher entwickeln und etablieren.

JOCHEN KÖHLER ist Global Head Building Information Modeling (BIM) bei Implenia. www.implenia.com

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HIGHLIGHT

DIE ZUKUNFT GESTALTEN DIGITALISIERUNG DER BAUBRANCHE Interview mit Markus Weber von Georg Lutz

Trotz des Trendworts Digitalisierung und vieler Sonntagsreden befinden wir uns noch am Anfang der Digitalisierung in der Baubranche. Das hat Gründe: Es geht nicht nur um die Einführung einer neuen Software oder von Tools, sondern um, salopp formuliert, eine neue Denke. Mit Markus Weber nehmen wir eine Einordnung vor.

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Menschen angekommen. Demgegenüber war Digitalisierung oder KI im letzten Jahrhundert ein Thema für Experten. Ja, wir waren in Science-Fiction-Filmen im Kino, wir hatten aber kein Smartphone in der Tasche und ein Tablet auf dem Küchentisch oder Daten in der Cloud. Wir agieren heute in ganz anderen Resonanzwelten. Resonanz ist ein gutes Stichwort. Unsere Generation kommt ja noch aus analogen Welten. Dort lief Kommunikation über Verbreitung – Buchdruck setzt auf Verbreitung. Demgegenüber rechnen Computer mit Resonanzen.

Die Moderne, die wir als Fortschritt gelesen haben, löst sich zunehmend auf und gerät von unterschiedlichen Seiten unter Druck. Es geht eher um Resonanzräume, in denen sich Singularitäten gegenseitig bestätigen. Die Bau- und Immobilienwirtschaft steht noch mindestens mit einem Bein in der analogen Welt. Aber wir stehen an einem entscheidenden Übergangspunkt, wo digitale Methoden und Technologien die Arbeitsweise fundamental verändern werden. Weg von einer sequenziellen und dokumentenbasierten hin zu einer parallelen und datenbasierten Wertschöpfungskette.

© afca/Hochschule Luzern

er etwas älter ist oder in dementsprechende Geschichtsbücher blickt, für den oder die ist der Hype um den Begriff Digitalisierung nichts Neues. Schon Anfang der Siebzigerjahre sprach man darüber. Künstliche Intelligenz (KI) war sogar schon in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts ein Thema. Wo liegen die zentralen Unterschiede zu heute? Der zentrale Unterschied lässt sich mit dem Stichwort Breitenanwendungen verdeutlichen. Heute sind die Technologien der Digitalisierung im Alltag bei fast allen

Alle Beteiligte bewegen sich möglichst im Gleichschritt – dann sind die Potenziale abrufbar.

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HIGHLIGHT

ration erleben oder auch Begegnungen in virtuellen Welten. Die Architektur wird aber hier Antworten finden – davon bin ich fest überzeugt.

Markus Weber ist Co-Studiengangleiter Digital Construction und Dozent an der Hochschule Luzern – Technik & Architektur.

Das gilt es zu erklären. Heute ist jeder Akteur Teil einer sequenziell ablaufenden Wertschöpfungskette, das heisst, kaum einer dieser Akteure hat den Fokus auf das Endprodukt, das Bauobjekt im Lifecycle gerichtet, sondern auf seinen Teil der Wertschöpfungskette. Entsprechend optimiert er seinen Teil der Wertschöpfungskette beziehungsweise sein zu lieferndes Teilprodukt, was offensichtlich zu Zielkonflikten führt. Hier hilft die Digitalisierung. Bevor real gebaut wird, entwickeln und optimieren wir gemeinsam ein datenbasiertes digitales Abbild, einen «Digital Twin», der aus der Gesamtsicht optimiert werden kann. Statt sequenziell und hintereinander, arbeiten wir parallel und gemeinsam am «Digital Twin». Hier kommen agile Methoden zur Anwendung, zur iterativen und inkrementellen Abwicklung von komplexen Projekten, die nicht in einen vollumfänglichen Plan gefasst werden können. Architektur war früher durch die Konstanten Innen und Aussen und Oben und Unten geprägt. Wo sind wir heute gelandet? Es gibt beispielsweise Theoretiker, die vom «Globalen Dorf» wie Herbert Marshall McLuhan sprechen. Die Architektur wird sich auf neue Lebensund Arbeitsmodelle, die unser Zusammenleben verändern, einstellen müssen. Wir werden ganz neue Formen von Kollabo-

Kann dies zu neuen qualitativen Situationen führen? Das sehen wir schon heute. Nehmen wir das Beispiel des verdichteten Bauens. Wir sind schon jetzt in den urbanen Räumen auf der Suche nach den letzten Lücken. Das reicht aber alles nicht. Es wird auch immer mehr in die Höhe gebaut. Das ist eine Kraft, die in Richtung Architektur wirkt. Eine andere Kraft ist die Digitalisierung. Wir arbeiten immer mehr im Home Office, in Co-Working-Center und unterwegs. Hier kann ich das Stichwort vom «Globalen Dorf» aufgreifen. Es ist ja durchaus wahrscheinlich, dass wir zukünftig in unserem Quartier unterschiedliche Funktionsräume haben, um in diesem «Globalen Dorf» tätig zu werden. Da gibt es in Zukunft viele Aufgabenfelder für die Architektur. Lassen Sie uns in praktische Welten springen. In der Baubranche ist BIM (Building Information Modeling) ein zentrales Schlagwort. Es ist keine Software, sondern eher ein multifunktionelles digitales Werkzeug. Ist es nicht viel mehr? Zunächst ist es für mich eine Arbeitsmethode oder noch treffender eine Zusammenarbeitsmethode. Was braucht es an wichtigen Voraussetzungen, damit BIM effizient eingesetzt werden kann? In der Bauwirtschaft wird unter BIM oft die Digitalisierung als Ganzes beziehungsweise das digitale Planen, Bauen und Betreiben verstanden. BIM ist aber genau genommen nur die Grundlage dazu – nicht mehr und nicht weniger. BIM ist der erste Schritt in die Digitalisierung, mit BIM wird ein Gebäude mit objektorientierten Bauteilen und strukturierten Informationen beschrieben, gemeinsam durch Architekt, Ingenieur, Planer und Unternehmer. Und dann auch in 3-D zu visualisieren? 3-D ist nicht gleich BIM. Für ein 3-D-Modell braucht es nicht zwingend objektorientierte Bauteile, hier genügen auch einfache Volumen. Ein objektorientiertes 3-D-Modell ist aber die erste Stufe von BIM. Dazu braucht es aber nur die Bauteile mit den geometrischen Informationen, für mich ist das dann eher «BM – Building Modeling». Die grosse Herausforderung ist das «I – Information»,

das heisst, alle Bauteile, ob Fenster oder Küchenofen, sind mit strukturierten Informationen beschrieben. Es geht darum, alle über den Lifecycle-relevanten Informationen auf das Objekt bezogen zu referenzieren. Schlussendlich ist ein physisches Gebäude der Zukunft zugleich eine riesige Datenbank. Aber diese Daten müssen zugeordnet, sprich, referenziert sein. So hat ein Fenster verschiedene Informationen: Es geht um Materialien oder bauphysikalische Eigenschaften, sicherheitstechnische Werte und viele weitere Informationen. Es geht folglich nicht nur um ein 3-D-Modell. Zukünftig geht es um Informationen, die heute noch überwiegend mittels Plänen, Tabellen und Textfiles ausgetauscht werden, also mehr oder weniger unstrukturiert und nicht direkt maschinenlesbar. Mit BIM werden diese Informationen im gemeinsamen BIM-Modell strukturiert und für alle nutzbar zur Verfügung gestellt. Aktuelle BIM-Projekte haben hier noch ganz viel Potenzial nach oben, sprich, wir stehen noch am Anfang der digitalen Transformation der Bau- und Immobilienwirtschaft. Das stellt das Trendwort in einen anderen Kontext. Springen wir in die Praxis der Baustelle. Habe ich in meinem Bagger an einem Bildschirm qualitativ ganz andere Daten zur Verfügung? Genau da liegt der Nutzen. Wenn das gesamte Gebäude in einer riesigen Datenbank zur Verfügung steht, dann können diese Daten auch von allen genutzt werden, und damit sind nicht nur Menschen, sondern auch Geräte, Maschinen oder Roboter gemeint. Der Aushub ist digital geplant und die Koordinaten stehen georeferenziert zur Verfügung, die vom Bagger direkt genutzt werden können. Moderne Bagger können diese Koordinaten einlesen, der Bagger weiss dann, wo und wie tief er baggern muss. Der Schlüssel liegt folglich in den strukturierten und maschinenlesbaren Informationen, die von allen Akteuren in einem gemeinsamen BIM-Modell zur Verfügung gestellt und von allen genutzt werden können, und dies entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Fassaden sind das optische Aushängeschild eines Gebäudes. Man spricht inzwischen von organischen Gebäudehüllen. Was verstehen Sie darunter? Organische Gebäude heissen so, da man hier zur menschlichen Haut Analogien herstellt. Es geht in erster Linie um den

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HIGHLIGHT

Schutz des inneren Raums. Mithilfe der Digitalisierung kann ich ein Gebäude in seiner Gesamtheit und im Kontext zur Umwelt betrachten, simulieren, optimieren und steuern. Die Grundlage bildet das digitale Abbild, das umfassende BIM-Informationsmodell, der «Digital Twin». So kann ich zum Beispiel verschiedene Fassadentypen viel umfassender und im Lifecycle beurteilen. Oder nehmen wir die Klimafrage: Wie verhält sich das Gebäude, wenn es in 20 Jahren zwei Grad wärmer ist? Das Gleiche gilt auch für EnergiepreisSzenarien usw.

Und wie geht es weiter? Wichtig ist, dass sich möglichst alle Beteiligten im Gleichschritt in die Digitalisierung bewegen, und genau das ist auch das Ziel des Stufenplans: Es nützt wenig, wenn der Architekt ein umfassendes BIM-Informationsmodell liefert, hingegen der Fassadenplaner nur ein 3-D-Modell und dazu ein PDF mit hundert Seiten zu den Materialanforderungen oder bauphysikalischen Werten. Gleiches betrifft zum Beispiel auch die Baugenehmigung: Wenn ein umfassendes BIM-Informationsmodell vorliegt, jedoch für die Baugenehmigung mit viel Zusatzaufwand die Baugenehmigungs-

pläne mit den vorgegebenen Farben und Symbolen erstellt werden müssen, dann werden hier unnötig Ressourcen beschäftigt und Kosten generiert. Ein BIMInformationsmodell mit den für die Baugenehmigung relevanten Informationen kann teilautomatisiert geprüft werden. Interessant wird es auf der Stufe 3, wo alle relevanten Gebäudeinformationen durchgängig genutzt und die integrierte Kollaboration und Prozessautomation unterstützen. Zum Beispiel können Materialauszüge, Offertanfragen und Auswertungen, gepaart mit Lifecycle-Betrachtungen zu den angebote-

«Wer hier ­umbauen will, braucht ­Veränderungen und neue Kompetenzen.» Sie haben im Rahmen des Dachverbandes «Bauen digital Schweiz» eine Roadmap lanciert. Welche Stufen gibt es da und wie weit ist die Branche? Die erste Stufe beinhaltet die modellbasierte Planung, das heisst, alle Akteure planen am gemeinsamen BIM-Modell. Heute zeichnet noch vielfach jeder seine Pläne: Der Architekt zeichnet einen Entwurf, der Statiker schlägt dann vor, wo es tragende Wände braucht, der Gebäudetechniker hat dann nochmals einen anderen Blickwinkel. In Zukunft arbeiten alle gemeinsamen an einem digitalen Modell, wir entwickeln zusammen das virtuelle Abbild, den «Digital Twin». Wo stehen wir in der Schweizer Baubranche in diesem Stufenmodell? Diese Frage kann nicht pauschal beantwortet werden, weil die Akteure der Bauwirtschaft in der digitalen Transformation ganz unterschiedlich unterwegs sind: Einige Architekten verharren noch auf der Stufe 0 und erstellen 2-D- oder konventionelle 3-D-Pläne. Andere befinden sich im Bereich zwischen Stufe 2 und 3, das heisst, sie setzen auf modellbasierte Planung und Kollaboration, verbunden mit ersten teilautomatisierten Prozessen.

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Der Weg führt von einer sequenziellen und dokumentenbasierten hin zu einer parallelen und datenbasierten Wertschöpfungskette.


HIGHLIGHT

Die vierte Stufe ist noch etwas Science Fiction: Systeme, Maschinen und Roboter kommunizieren miteinander und nutzen IoT (Internet of Things) und KI (Künstliche Intelligenz) beispielsweise für die automatische Steuerung und Optimierung der Baustellenlogistik. Ein zentrales Thema ist Aus- und Weiterbildung. Oft hat man den Eindruck, dass die technische Entwick-

lung so schnell ist, dass die Aus- und Weiterbildung immer hinterherhinkt. Befinden wir uns hier in einem HaseIgel-Wettbewerb? Das Bild ist treffend. Ich bin ja selbst seit Januar an der Hochschule Luzern als CoStudiengangleiter für zwei ganz neue Studiengänge Bachelor of Arts und Bachelor of Science in Digital Construction. Das Bildungswesen, das ist mir in den letzten Monaten deutlich geworden, hat noch eine grössere Herausforderung zu bewältigen als die Wirtschaft. Die Bildungsgefässe und Studiengänge sind auf die antiquierten Bauprozesse ausgerichtet. Wer hier um-

© Hilti / Hochschule Luzern

nen Lösungen automatisiert erstellt werden. Hier dürften die Effizienz, Qualität und Nachhaltigkeit der Bauobjekte massiv steigen.

bauen will, braucht Veränderungen und neue Kompetenzen. Das führt, wie Sie sich vorstellen können, zu Unruhe. Da muss ich gute Argumente haben … … und ein dickes Fell. Es braucht Beharrlichkeit, um eine Bildungslandschaft umzubauen. Es muss hier aber etwas geschehen, sonst drohen wir, den Anschluss zu verlieren. Wir haben in den letzten fünf Jahren viel über BIM gesprochen. Und es beteiligen sich auch immer mehr Menschen an den Diskussionen. Aber wenn wir ehrlich sind, ist der Nutzen noch wenig spürbar. Ich glaube aber an den Wendepunkt. Aus welchem Grund? Es wurde in den letzten Jahren viel experimentiert. Wir haben wichtige Erfahrungen gesammelt und neue Grundlagen entwickelt, die wir in den nächsten Jahren gezielt einsetzen können. Es geht hier definitiv um neue Wege. Etablierte Wege wie das SIAPhasenmodell müssen auf den Prüfstand, das ist in der aktuellen Form nicht digitaliserungskompatibel. Da braucht es neue Ansätze wie zum Beispiel das Integrated Project Delivery (IPD). Zielstellung ist dabei eine bessere Verzahnung der Projektbeteiligten, speziell auch des Planens und Bauens. Viele Bauherren wollen jetzt ein BIM-Modell. Wenn aber das Thema BIM nach der Planung aufhört und die Bauausführung konventionell abläuft, ist gar nichts gewonnen. Wie ist der Unterschied nochmals auf den Punkt zu bringen? Im Prinzip wechseln wir von einer sequenziellen und dokumentenbasierten hin zu einer parallelen und datenbasierten Wertschöpfungskette. Wir generieren und nutzen immer mehr Daten, von der Entwicklung über die Planung und Bauausführung bis zum Betrieb und Bewirtschaftung, also über den ganzen Lebenszyklus eines Bauobjektes.

MARKUS WEBER ist Co-Studiengangleiter Digital Construction und Dozent an der Hochschule Luzern – Technik & Architektur. Zudem ist er Präsident von Bauen digital Schweiz / buildingSmart Switzerland. www.hslu.ch/de-ch www.bauen-digital.ch/de

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ESSAY

HIGHLIGHT

DEN BLICK SCHÄRFEN ANNÄHERUNG AN DAS WESEN DER DIGITALISIERUNG von Urs Wiederkehr

Kaum ein Thema spaltet die Gesellschaft mehr als die allgegenwärtige Digitalisierung. Der Begriff ist zu einem polarisierenden Kampfbegriff mutiert, der aber wie andere Trendwörter – wie zum Beispiel Nachhaltigkeit – seltsam inhaltslos wirkt. Auf jeden Fall geht bei vielen das emotionale Sackmesser auf. Die einen bemerken darin den Untergang der Menschheit und die Konzentration aller Macht auf wenige globale Unternehmungen wie Google, Facebook, Amazon und Microsoft, andere sehen darin die einzige Möglichkeit, die Zukunft zu gestalten und alle globalen Herausforderungen von der Dekarbonisierung bis zum Weltfrieden zu meistern. Warum ist das so? Warum werden – unter Gebrauch von digitalen Plattformen – die Digitalisierung vollständig infrage gestellt und die angenehmere Erscheinung der analogen Welt gehuldigt? Andere stellen nur das Positive fest, ohne jeden Nachteil! Nach Meinung des Autors hängt das mit dem Wesen der Digitalisierung zusammen, bezüglich deren Ausprägung oft einfache Worte für die Beschreibung oder das Vermitteln des Verständnisses fehlt. Also schauen wir die Sache im Detail an.

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eginnen wir mit der pessimistischen Sichtweise. In dem aktuellen Buch «Die grosse Zerstörung. Was der digitale Bruch mit unserem Leben macht» von Andreas Bartelmess (2020) taucht der T-Rex wieder auf. Er frisst alles andere in seiner Umgebung auf. Bartelmess ist kein Kulturpessimist, sondern selber Gründer eines Start-ups. Er seziert mit dem ökonomischen Blick das Geschehen, welches sich unter dem Satz «The Winner takes ist all» zusammenfassen lässt. Gesunde Konkurrenz ist in diesem Spiel ein Fremdwort. Wir kennen die Macht der Tech-Giganten und werden doch immer abhängiger von Whatsapp, Facebook, Instagram, Uber, Airbnb, Amazon oder Paypal. Bartelmess ist aber keine Kassandra gegen das digitale Zeitalter wie etwa Hans Magnus Enzensberger, der aus seinem kulturpessimistischen Loch gar nicht mehr herauskommt. Bartelmess weiss als Internetkenner und Unternehmensgründer, dass Bewegungen um Greta Thunberg (Fridaysfor-Future-Bewegung) oder # MeToo ohne Big Data und Social Media nicht solch eine Wirkungswelle hätten entfalten können. Gerade daher sind die Argumente gegen die Plattformökonomien glaubwürdig, wenn es um die ökonomische Schieflage der Netzwerk- und Skaleneffekte geht. Das macht er dann auch an ganz praktischen Punkten wie den Steuertricks der Silicon-Valley-Elite fest. Auf dieser Ebene bleiben wir aber noch weitgehend an der Oberfläche. Daher gilt es im Folgenden, einige soziologische Tiefbohrungen anzustellen.

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MISSBRAUCH VON ­VERHALTENSÜBERSCHUSS Ende der Neunzigerjahre standen auf den Tischen noch Röhrenmonitore und der Browser hiess Netscape. Einige TechFirmen pumpten eine Digital-Blase auf, die dann auch platzte. Die Geschäftsmodelle standen auf dem Prüfstand. Mit einigen Werbebannern war einfach zu wenig Geld zu verdienen. Da entstand die Idee, mit unserem Daten- und Informationsmüll Geld zu verdienen. Das war die erfolgreiche Geburtsstunde von Google und Co. Heute blicken einige kritische Geister auf die weitere Entwicklung. Obwohl die Digitalisierung in der Regel als eine technische Herausforderung gesehen wird, stehen Philosophen, Soziologen und Ökonomen hinter diversen aktuellen Büchern zum Thema, die nicht nur mein Interesse geweckt haben. Der neue Begriff Verhaltensüberschuss (behavioral surplus) prägt das Buch «Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus» (The Age Of Surveillance Capitalism) von Shoshana Zuboff (2018). Die emeritierte Professorin für Betriebswirtschaftslehre der Harvard Business School hat in siebenjähriger Arbeit minutiös zusammengetragen, wie die Unternehmungen einseitig die digital erfassten menschlichen Erfahrungen zur Umwandlung in Verhaltensdaten missbrauchen.

Wohl werden gewisse zur Verbesserung von digitalen Produkten und Dienstleistungen verwendet, andere hingegen werden als sogenannter Verhaltensüberschuss zur Handelsware für zukünftige Vorhersageprodukte mit Künstlicher Intelligenz (KI) benutzt. Das passiert ohne Entschädigung der Datenlieferanten. Dank elektronischer Bestätigung von allgemeinen Geschäftsbedingungen, die sehr einseitig und klein geschrieben abgefasst sind, geben die Datenlieferanten sogar das uneingeschränkte Recht zur Datenverwendung. Schon im Jahre 2008 ist in den USA für die angemessene Durchsicht aller Bedingungen ein Aufwand von 76 Arbeitstagen pro Einwohner angefallen beziehungsweise Opportunitätskosten von total 781 Milliarden Dollar, wie Zuboff aufgrund der Forschungsresultate zweier Professoren der Carnegie Mellon University berichtet. Sie sieht im Big Other, das Grosse Andere, die «… wahrnehmungsfähige, rechnergestützte und vernetzte Marionette, die das menschliche Verhalten rendert, überwacht, berechnet und modifiziert.» Damit schaffe das Big Other, «eine instrumentäre Macht, die die Manipulation der Seele durch die Verhaltensmodifikation ersetzt». Eine Folge davon ist der allgegenwärtige Vergleich, der bei vielen Personen zur Angst führt, etwas Wichtiges online zu verpassen (sog. FOMO, fear of missing out). Der Industriekapitalismus, den Karl Marx kritisiert hat, «… baute auf die Ausbeutung und Kontrolle der Natur … Der Überwachungskapitalismus baut, …, auf


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Ausbeutung und Steuerung des menschlichen Wesens». Zuboff folgert, dass mit Big Other «das Universum Einzug in unsere vier Wände» nimmt. Es fehlt eine Fluchtmöglichkeit, eine sogenannte Freistatt (sanctuary). Schon im «… Altertum, als die Tyrannei die vorherrschende Ordnung war, galt das Recht auf Freistatt als unantastbar.» Aus diesem Grund möchte Zuboff, dass jedermann Sand im Getriebe ist, wenn die Überwachungskapitalisten neue Forderungen stellen. Wir müssen aktiv etwas dagegen tun, denn unser «… Leben wird ausgewrungen und das Produkt daraus zur Finanzierung unserer Unterjochung verkauft». Einerseits lobt sie die Datenschutzgesetzgebung in Europa. Kaum erlangte aber die DSGVO (Datenschutz-Grundverordnung) ihre Gültigkeit, änderte Facebook seine Nutzungsbestimmungen. Damit nicht mehr im europäischen Irland geklagt werden kann, sind 1.5 Milliarden Nutzer dem amerikanischem Datenschutzrecht unterstellt worden. Zuboff stellt wiederholt folgende Fragen: «Wer weiss? Wer entscheidet? Wer entscheidet, wer entscheidet?» Diese Argumentationsfiguren münden in dem Begriff «Innere Landnahme», der von Karl Marx, Rosa Luxembourg und Hannah Arendt historisch gespurt wurde und jetzt eine Renaissance erlebt. Nur geht es jetzt nicht um neue Territorien oder Kolonien, sondern um die Eroberungen unserer Köpfe. Nach der Lektüre von Shoshana Zuboffs Buchs hat der deutsche Soziologe G. Günter Voss sein eigenes Werk «Der arbeitende Kunde. Wenn Konsumenten zu unbezahlten Mitarbeitern werden» (2005, zusammen mit Kerstin Rieder verfasst) neu interpretiert. Unter dem Titel «Der arbeitende Nutzer, Über den Rohstoff des Überwachungskapitalismus» (2020) erweitert er seine Überlegungen vom Kunden Richtung Nutzer, der seine Daten überlässt. So weit die pessimistischen Positionen.

WELTGEIST IM SILICON VALLEY Ein konträres Bild und ganz andere Botschaften vermittelt Hans Ulrich Gumbrechts Buch «Weltgeist im Silicon Valley, Leben und Denken im Zukunftsmodus» (2018), eine Sammlung seiner Kolumnen und BlogBeiträgen unter anderem in der NZZ sowie verbindenden Artikeln und Interviews, ge-

führt von NZZ-Feuilleton-Chef René Scheu. Gumbrecht, 1948 in Würzburg geboren, amtete von 1989 bis 2018 als Professor in Literatur an der Stanford University. Den Weltgeist, ein vom Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel geprägter Begriff, verknüpft Gumbrecht Richtung heutige amerikanische Westküste: Wie Hegel den Weltgeist in Napoleon ortete – wegen dessen strategischer Kriegsführung –, steht nun die Vermutung im Raum, dass Hegel diesen heute ins Silicon Valley transferieren würde. Kleiner Einschub an dieser Stelle: Historisch ist Hegel selbst von Napoleon abgerückt, als dieser auf die Verliererstrasse kam, und hat den preussischen Staat als das positive Ende der Geschichte propagiert. Junghegelianer wie Marx sahen das dann ganz anders. Fahren wir fort. Gesellschaftspolitisch wird die Argumentationsfigur von Napoleons Wirken auf ganz Europa in die heutige Zeit transformiert. Heute formt die elektronische Industrie aus diesem Epizentrum in Kalifornien die ganze Welt. Dank Studenten in seinen Seminaren aus den Computer Science, erfährt Gumbrecht die Energie dieser Ausstrahlung ganz direkt. Gumbrecht berichtet auch von Hausaufgaben in den Computer Science, welche je nach Intuitionsqualität des ersten Lösungsansatzes von den Jüngeren in sechs Minuten, von den fünf bis zehn Jahre Älteren erst in 60 Stunden gelöst sind. Einige Studierende sind überzeugt, dass die Auseinandersetzung mit den philosophischen Werken von Hegel und Martin Heidegger die Qualität und den Erfolg ihrer Programmierarbeiten steigert. In diesem Sinne sieht Gumbrecht eine grosse Zukunft nicht nur in den Ingenieur-, sondern auch in den Geisteswissenschaften.

Benz vor einigen Jahren das Silicon Valley und kamen ohne Krawatten und mit Turnschuhen zurück. Der Spirit hat Spuren hinterlassen und ist auch in unseren Medienwelten sehr wirkungsmächtig.

ERSTE ZWISCHENBILANZ UND FRAGEN Im Anschluss ans Lesen von Shoshana Zuboffs Buch «Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus» und G. Günter Voss’ «Der arbeitende Nutzer» bin ich etwas frustriert gewesen. Sind wir nur die Zuträger von sogenanntem Verhaltensüberschuss Richtung Überwachungskapitalisten? Haben wir nur minimale Vorteile beim Einsatz von digitalen Tools, sodass es sich nicht lohnt, für den Überwachungskapitalismus die Daten herzugeben? Und wenn ich dann noch digitale Lösungen kreiere und forciere, mache ich mich da verdächtig? Bin ich gar Handlager für die Überwachungskapitalisten? Habe ich Alternativen? Oder ist schon die Verwendung einer Hardware und eines Betriebssystems, ohne die es nicht geht, ein Pakt mit dem Überwachungskapitalismus? Auf der anderen Seite schafft die Digitalisierung eine noch nie gekannte Transparenz. Nur ist diese nicht überall gewünscht. Eventuell wären die illegalen Preisabsprachen der Engadiner Baufirmen bei grösserem Digitalisierungsgrad nicht möglich gewesen. Auch in China wird die umfassende Überwachung der Bürger durch den Staat als Beitrag zur Korruptionsbekämpfung betrachtet.

«Der Spirit hat Spuren hinterlassen und ist in unseren Medienwelten sehr wirkungs­ mächtig.»

Oder ist die Digitalisierung einfach ein Thema ein paar junger Seelen im Silicon Valley, fragt man sich bei Gumbrecht. Ist Professor Gumbrecht ein unverbesserlicher Romantiker und unkritischer Beobachter, der fasziniert ist, dass seine geisteswissenschaftlichen Themen plötzlich unerwartete Nachfrage aus einer zukunftsträchtigen Ecke erfahren? Nein, das ist Gumbrecht nicht. Hingegen bezweifle ich, dass die Intuitionsqualität und die für die Digitalisierung notwendige Intensität ein Privileg der Jungen ist, sprich, vom Jahr der Geburt abhängig ist. Wie Gumbrecht die Philosophie und das Ingenieurwesen vernetzt, finde ich faszinierend.

Die Euphorie passt in die Wirtschaftswelten. So besuchten die Manager von Daimler

Also, was soll ich nun tun? Nur auf Shoshana Zuboff hören? Hans Ulrich Gumbrecht

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einbeziehen? Das Handtuch werfen und sofort mit dem Schreiben über das Thema aufhören? Oder soll ich das Bestmögliche aus der Situation machen? Schliesslich liegen die Vor- und Nachteile nahe zusammen, zum Beispiel beim Konzept der Smart Cities, und ganz machtlos ist man nicht. Sie ahnen meine Antwort, denn der Artikel geht weiter. So plädiere ich, nicht zum ersten Mal, für eine differenzierte Sicht auf die Digitalisierung. Vor dem nächsten Beurteilungsschritt werfe ich einen historischen Blick 50 Jahre zurück auf die Sache, welche wir heute Digitalisierung nennen.

ZURÜCK ZU DEN ANFÄNGEN Ein passendes Zeitdokument dafür ist die «Kurze Einführung in die Programmierung elektronischer Datenverarbeitungsanlagen», die mein Vater Kurt, damals gemäss Arbeitsvertrag dienstpflichtiger Techniker 1A bei den Schweizerischen Bundesbahnen SBB, in einem internen Kurs Ende 1968 erhalten hat: • «Eine Datenverarbeitungsanlage – ­vielfach auch als Computer bezeichnet – ist in der Lage, genau ­definierte Arbeitsprozesse mit­ phantastischer Geschwindigkeit auszuführen. Ein Computer kann jedoch nicht denken, ist also kein Gehirn... Ein genau definierter Arbeitsprozess des Computers kann mit einem ­auswendig gelernten ‘Denkprozess’ des Menschen verglichen werden. Durch die Übermittlung bestimmter ­Informationen vom Auge oder Ort an das Gehirn wird der abgespeicherte Denkprozess ausgelöst und dessen Endprodukt mittels Schrift oder Sprache an die Mitmenschen weitergegeben. In ähnlicher Weise wird auch der in Form eines Programms im Computer abgespeicherte Arbeitsprozess durch das Eintreffen von bestimmten Daten vom Lesegerät herausgelöst. Die Daten werden den jeweiligen ­Vorschriften (im Programm definiert) verarbeitet und das Endergebnis durch das Schreibgerät ausgegeben.» Mir gefällt in der Beschreibung die Zentrierung auf einen genau definierten Arbeitsprozess, der dank dieser neuen Tech-

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nologie «auswendig gelernt» abläuft. In den Unterlagen habe ich auch Lochkarten gefunden, eine ausgestellt auf den Namen «Muster, welche die ‹Tbc-Vorbeugungsaktion› des SBB-Ärztlichen Dienstes – ABV» unterstützt hat. Es ist darum gegangen, Arbeiten zu rationalisieren, in der Qualität zu verbessern und über die ganze Unternehmensbreite der SBB auf die gleiche Art und Weise abzuwickeln. Weitere Hinweise liefern ein Verzeichnis der Fachausdrücke, eher technischer Natur, die Erfolgstory der Umstellung auf elektronische Datenverarbeitung in diversen Teilbereichen der SBB und Werbeprospekte der damals aktuellsten Computeranlage bei den SBB, einer IBM System / 360.

«Digitalisierung besteht nicht ­darin, alles zu verhindern, ­sondern es sind die wichti­ gen Fragen zu stellen … » QUANTITATIVE UND ­QUALITATIVE VERÄNDERUNGEN Nicht nur die Stellenbezeichnungen, Techniker und Dienstpflichtiger, und das Wording überhaupt haben sich geändert. Auch die Anzahl möglicher Computer-Operationen pro Sekunde sind um einiges höher: Ein IBM-Grossrechner schaffte damals etwa 100’000 Gleitkommaoperationen pro Sekunde, sogenannte FLOPS (Floating Point Operations Per Second). Heute leistet der Computer des Autors rund 375 Milliarden FLOPS, also etwa vier Millionen Mal mehr, und der schnellste Schweizer Supercomputer, der Piz Daint in Lugano, 19 Billiarden FLOPS. Zwölf Millionen Zeichen, also zwölf Megabyte (MB), beanspruchten entweder 150’000 Lochkarten, einen 400 Kilogramm schweren Turm von 25.5 Meter Höhe oder vier Magnetbänder-Rollen von je 30 Zenti-

meter Durchmesser. Dieser Datenspeicher würde heute für etwa vier Fotos ab meinem Smartphone reichen. Möchte ich den ganzen Arbeitsspeicher von 64 GB in Lochkarten abbilden, dann würde ich 800 Millionen Lochkarten gebrauchen. Das gibt einen Turm von 136 Kilometer Höhe oder die Strecke von Basel nach Lausanne. Für das Starten und Verwenden einer App müsste ich davon immer einige Lochkarten (eine Lochkarte pro 80 Byte) mitnehmen. IBM machte in den 1950er-Jahren zwei Drittel des Umsatzes mit dem Verkauf von Lochkarten. Der finanzielle Erfolg dieses Technologieunternehmens hing von der Produktion von Papierkarten ab, steht im Buch «Im Dienste der Welt» zum 100-Jahre-Jubiläum von IBM im Jahre 2011. 1968 ist die Digitalisierung als eine technische Herausforderung betrachtet worden. Es ist dahin gearbeitet worden, dass die verschiedenen Anforderungen möglichst ideal umgesetzt sind. Heute würde den nicht minder wichtigen Nebenbedingungen wie Datenschutz und Datensicherheit übergrosses Gewicht beigemessen. Im schlimmsten Fall würde man diese Punkte so in den Vordergrund stellen, dass die eigentliche Aufgabe vergessen ginge. Digitalisierung besteht nicht darin, alles zu verhindern, sondern es sind die wichtigen Fragen zu stellen, zu beantworten und so das Gesamtsystem entsprechend ausgewogen auszubilden. Ob das vollständig widerspruchsfrei möglich ist, kann nur situationsbezogen entschieden werden. Aber auch von Überwachungskapitalismus ist man bei nicht vernetzten Computerinstallationen weit entfernt gewesen. Der Luzerner Architekt Hans Ulrich «Jean» Gübelin (1925 – 2017), der unter anderem die Luft- und Raumfahrthalle des Verkehrshauses der Schweiz konzipierte, hat mir während eines gemeinsamen Forschungsprojekts in den 1990er-Jahren die Nachteile des CAD (Computer Aided Design) folgendermassen geschildert: Wenn er früher nach Arbeitsschluss seiner Zeichner durch das Konstruktionsbüro gegangen sei, wäre er dank der offengelegten Pläne auf den Zeichnertischen auf einen Blick über den Stand der Arbeiten informiert gewesen. Mit CAD nun hätte er keine Ahnung mehr, wie weit wer ist und ob die Selbsteinschätzung der Zeichner bezüglich Fortschritt der Arbeiten der Realität entsprechen. Wenn Jean geahnt hätte, dass ein Mal nicht nur das Resultat überhaupt, sondern


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auch Daten auf dem Weg zum Ziel, der Verhaltensüberschuss jedes Mitarbeiters, zur Diskussion stehen könnte. Seine Einschätzung stimmt aber: Der notwendige Aufwand, um ähnlich sinnförmig auf die Daten und Informationen zu schauen wie von Auge, braucht so viel Ressourcen und Zeit, dass sein kurzer Blick in dieser Beziehung auf jeden Fall auch heute effizienter wäre. In den 1990er-Jahren, anlässlich des Fichenskandals, ist die Wendung «trinkt Abends gerne ein Bier!» in die Schlagzeilen geraten. Die Betroffene, die Thurgauer SP-Politikerin Menga Danuser (1951 – 2011) hat das publik gemacht, um zu zeigen, wie dilettantisch der Schweizer Staatsschutz vorgegangen ist. Heute muss man anerkennend sagen, dass dieser Schnüffeldienst sehr modern gehandelt hat und jeden digitalen Brotkrümel, ein Begriff von Soshana Zuboff, genauestens erfasst hat. Anders betrachtet hat Menga Danuser im Rahmen ihres damaligen Wissens bereits auf die Gefährlichkeit des Sammelns des Verhaltensüberschusses aufmerksam gemacht. Nur, bei Danuser ist der Staat aktiv gewesen, heute sind es in erster Linie Privatfirmen. Wie und was man berechnen könnte, wusste man schon lang. Die zeitliche und Ressourcen-beanspruchende Dimension des Rechnens hat aber verhindert, dass zeitgerecht ein Resultat vorgelegen hat. So nützt es wenig, wenn die berechnete Wettervorhersage zwar genau ist, das Resultat aber drei Tage zu spät zur Verfügung steht. Entwicklungen ermöglichen heute einerseits zeitnahe Ergebnisse, andererseits auch die Vergrösserung der Präzision, zum Beispiel wenn auf Kartendarstellungen die Maschenweite von Beobachtungsquadranten halbiert werden können. Auch die Simulation von biochemischen Vorgängen ist zeit- und Ressourcen-intensiv und benötigt die schnellsten Rechner der Welt, nur schon um Bruchteile von Sekunden abzubilden. Zusammengefasst kann gesagt werden, dass heute vieles möglich ist, von dem man vor 50 Jahren nicht mal träumen mochte, insbesondere wenn man die Kosten als Entscheidungshilfe einbezieht. Leider habe ich keine Zahlen, um abzuschätzen zu können, was mein Computer zu Preisen von 1968 kosten würde. Aber die Preise von 1991 konnte ich auffinden: Die heute ver-

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wendete Festplatte von 238 GB würde rund zwei Millionen, der Arbeitsspeicher von acht GB rund eine Million Franken, zusammen also drei Millionen kosten. Damit ist auch ersichtlich, warum früher Speicherplatz gezielt eingespart worden ist. So haben die SBB im Kurs empfohlen, nicht signifikante Nullen auf den Speichermedien zu unterdrücken. Das Kostenintensive von damals drückt auch der Titel «Jede Minute kostet 33 Franken» aus, der erste Roman von Elektroingenieur und Informatiker Emil Zopfi aus dem Jahre 1977, wo er Einblick in die Arbeit in einem Rechenzentrum vermittelt hat. Offen bleibt die Frage, ob man sich heute vollständig, also wirklich restlos über alle Lieferketten, von der Digitalisierung ausklammern kann, so wie es meine Grosseltern väterlicherseits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegenüber dem Fernsehen tun konnten. Ich bin sicher, dass das nicht mehr geht.

DIE VERDOPPELUNG DER WELT Es ist erstaunlich, es gibt viele Stimmungen und Stimmen zum Thema Digitalisierung, aber eine breit abgestützte Theorie der Digitalisierung fehlt. Es gibt wohl Ansätze dazu, zum Beispiel von Soziologie-Professor Dirk Baecker im Buch «4.0 oder Die Lücke, die der Rechner lässt», das 2018 erschienen ist. In seiner Arbeitsdefinition für die Digitalisierung verknüpft er folgende drei Fragestellungen: • «Welche Frequenzen sind für wen interessant?» • «Mithilfe welcher Codierung kann man sie berechnen?» • «Und an wen oder was kann man die Rechenergebnisse kommunizieren?» Und sein Kollege Professor Armin Nassehi aus München hat im Herbst 2019 mit dem Buch «Muster – Theorie der digitalen Gesellschaft» das Thema vertieft. Er sieht in der Digitalisierung die Verdoppelung der Welt. Als Input wird datenförmiges Material, welcher Art auch immer verlangt. Diese Daten werden intern bearbeitet beziehungsweise mit anderen Daten in Beziehung gebracht. Am Schluss wir das datenförmige Material über eine Schnittstelle in sinnförmige Information Richtung analoge Welt zurückübersetzt.

«Offen bleibt die Frage, ob man sich heute ­vollständig, also wirklich restlos über alle ­Lieferketten, von der Digita­ lisierung ausklammern kann … » Schauen wir das nun am Beispiel dieses Texts an: Der Autor hat den im Kopf und auf Fresszettel konzipierten Text mit den Fingern über die Tastatur in datenförmiges Material umgewandelt. Der Redaktor der bauRUNDSCHAU hat die Daten übernommen und die Eingaben bewertet und wo notwendig in der Substanz verbessert. Schlussendlich hat der Computer das vom Redaktor und dem Korrektorat, am Computer, optimierte datenförmige Material so aufbereitet, dass direkt die Ausgabe auf der Druckmaschine und der Auftritt im Internet bedient werden können, beides sinnförmige Informationen, die durch den Sinn «Sehen» über die Augen aufgenommen werden. Es wäre aber auch möglich, das datenförmig vorliegende Material an einen Sprachsynthesizer zu senden, der den Text mit einer synthetischen Stimme in eine für die Ohren bestimmten Sinnförmigkeit ausgibt. So hat heute die Diskussion Buch oder eBook, Ausdrucken oder Lesen eines Texts am Bildschirm, nur mit dem Teilschritt der Rückübersetzung in die analoge Welt zu tun. Und welche Methode der Anwender am liebsten verwendet, haben die Überwachungskapitalisten schon längstens über den Verhaltensüberschuss herausgefunden! So wird das Konzept des «Computational Thinking» von grosser Bedeutung. Es geht hier um die systematische Analyse der Ab-


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läufe, bei denen Probleme und ihre Lösungen so ausgedrückt werden, dass sie vom Computer abgearbeitet werden können, sprich, es handelt sich um computergestütztes Denken, welches abgebildet wird. Die digitale Repräsentation der verdoppelten analogen Welt besteht aus einer Abstraktion, einer Vereinfachung. In der Regel muss zuerst eine wohlüberlegte Zerlegung der bestehenden Systembestandteile in Abgrenzbares stattfinden. Über eine Mustererkennung, im Beispiel als die zielgerichtete Anwendung des Alphabets mittels eines Algorithmus zu verstehen, kann der Computer Buchstaben, Wörter, Satzteile und Sätze erkennen. Charakteristisch ist die fast grenzenlose Kombinations-Möglichkeit des datenförmigen Materials. Es kann zu neuen Kontexten in Beziehung gesetzt werden. Die Systemgrenzen werden damit fliessend. Das ist eine praktische Eigenschaft, die eine eminente Bedeutung bei der Digitalisierung erlangt. Wir werden darauf zurückkommen. Nassehi meint sogar, «das Material von Datenverarbeitung / Digitalität sind also prinzipiell miteinander kombinierbare items, deren Informationswert gerade in der Begrenztheit möglicher Kombinationen liegt. Konkreter: Wenn jedes mögliche Element mit jedem anderen möglichen Element verknüpft wäre, könnten Daten keinerlei Information hergeben, also keinen Unterschied machen.» Und leider reproduzieren sich somit alle Fehler, je mehr, dass eine fehlerhafte digitalisierte Anwendung verwendet wird. Wenn das Resultat bereits die reale Welt erreicht hat, ist das Beheben dieser Unregelmässigkeiten wesentlich komplexer, als wenn noch in der virtuellen Welt reagiert werden kann.

DIE KONKRETISIERUNG VON DIGITALISIERUNG Was ist konkret zu tun, wenn eine digitale Lösung gewünscht wird? Der Satz aus der SBB-Unterlage von 1968, dass ein definierter Arbeitsprozess des Computers mit einem auswendig gelernten «Denkprozess» des Menschen verglichen werden kann, nehme ich gerne auf. Übrigens hat diese stattfindende Arithmetisierung der Welt und quasi deren Entführung in die digitale der österreichisch-deutsche Philosoph und Mathematiker Edmund Husserl bereits um 1935 vorausgesagt.

Die Digitalisierung entspricht meiner Vorstellung nach der: Vorratshaltung von parametrisierten Daten-Bearbeitungs- und Nutzungs-Möglichkeiten. Die einzelnen Wörter in der Definition sind folgendermassen zu verstehen: • «Vorratshaltung» bezieht sich auf das immer wieder Durchführen-Können, quasi auf das auswendig Gelernte. • Mit «parametrisiert» wird die Tatsache umschrieben, dass eine optimale ­digitale Lösung ohne Umprogrammierung auf verschiedene Situationen ­reagieren kann. Massgeblich ist die Veränderung der Eingabewerte, also der Parameter. • «Daten-Bearbeitung» umfasst die ­Aktionen und Vergleiche, die auf die Daten angewendet werden. • «Daten-Nutzung» beschreibt den ­Umgang mit dem Resultat, welches wieder in die analoge Form zurückübersetzt werden muss, sodass die Daten und Informationen wieder sinnförmig vorliegen. • Das Wort «Möglichkeit» soll darauf ­hinweisen, dass diese für den Computer auswendig vorliegende Vorschrift durch den Menschen situationsbezogen angewendet werden kann, aber wenn sie nicht passt, nicht angewendet ­werden muss. Es existieren noch mindestens drei weitere interessante Zusammenhänge. Erstens wird unter betriebswirtschaftlicher Betrachtung beim Erstellen einer digitalen Lösung in die Zukunft investiert. Buchhalterisch wäre das ein klassischer Fall für eine Investition, die anschliessend abgeschrieben wird. Nur, Abschreibungen sind wegen des Wertverlusts, eventuell durch Alterung, der eingelagerten Produkte notwendig. Der Programmcode altert aber nicht, denn er kann wegen der Materielosigkeit auch als Basis für Erweiterungen verwendet werden, eine Möglichkeit, die sich nur in der virtuellen Welt ergibt. Die Anwendung der gelagerten Datenbearbeitungsmöglichkeit in die Gegenwart erfolgt über die Verwendung von aktuellen Daten und Informationen als parametrisierte Eingabegrössen. Arbeits- und betriebspsychologisch betrachtet werden zweitens schon für die erste Durchführung des Prozesses alle Teile der Vorratshaltung benötigt, aber im Gegensatz zur klassischen steht der verwendete Prozess auch nach x-maligem Durchlauf wieder

unverbraucht und unverändert zur Verfügung. Wird ein Prozess digitalisiert, so ergibt sich unmittelbar ein Aufwand, die Erträge sind aber wiederkehrend, jedes Mal wenn der Prozess wieder aufgerufen wird. Auf diese Art und Weise können quasi regelmässig Erträge aus dem Prozess generiert werden, ohne dass grosser Aufwand betrieben werden muss. So laufen bei diversen digitalen Prozessen die Grenzkosten, also die Kosten, die bei der Herstellung eines zusätzlichen Exemplars des Produkts aufgewendet werden müssen, gegen null. Kein Wunder, dass die Überwachungskapitalisten immer reicher werden. Ein dritter Punkt betrifft die Überführung der datenförmig vorhandenen Verdoppelung der Welt zurück in sinnförmige Informationen, die von unseren fünf Sinnen wieder ohne Umwege erfahren werden können: Dieselbe digitale Repräsentation, in Daten vorliegend, kann in verschiedene sinnförmige überführt werden. Welche es sind, wird der spätere Nutzer im Rahmen der Ausgabemöglichkeiten individuell entscheiden. Dieser Entscheid ist von verschiedenen Faktoren abhängig, seien das persönliche Präferenzen des Nutzers, aber auch temporär auftretende Notwendigkeiten oder die Beschaffenheit der nachgelagerten Schritte.

DAS WESEN DER DATEN Daten sind ein besonderes Gut. Sie sind die Bausteine der digitalen Welt. Sie beschreiben als Attribut-Werte-Paare analoge Sachverhalte in der digitalen Repräsentation. Der grosse Aufwand stellt dabei die Überführung von realen Gegebenheiten in die digitalen dar. Sind die Daten digital vorhanden, so stehen rasch unzählige weitere Bearbeitungs- und Nutzungsmöglichkeiten zur Verfügung. Datenspezialisten sprechen im Akronym CRUD von Create, Update, Read und Delete von Daten. Für das Create, also das Erzeugen der Daten, stehen verschiedene Abläufe zur Verfügung, unterstützt von diversen Eingabegeräten, deren Zwischendaten mit Algorithmen in verwendbare Daten umgewandelt werden können. Interessant wird es dann, wenn Daten mit Sensoren aufgenommen werden können, ohne dass menschliches Zutun notwendig wird. Darauf basiert auch der Erfolg des Überwachungskapitalismus,

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denn die sie interessierenden Daten fallen als Nebenprodukte an. Der Wert von Daten wird erst sichtbar, wenn sie digital vorliegen. So haben die GoogleGründer Larry Page und Sergey Brin am Anfang eine Suchmaschine besessen, ein erfolgreiches Geschäftsmodell hat aber gefehlt. «Mehreren Darstellungen zufolge waren Page und Brin nur zögerlich ins Werbegeschäft eingestiegen. Nachdem sich jedoch die Hinweise darauf häuften, dass Werbung dem Unternehmen aus der Krise helfen könnte, änderten sie ihre Haltung», hat Shoshana Zuboff recherchiert. Die Konkurrenzplattform «Overture zog darüber hinaus Online-Werbung an, indem sie es den Werbekunden ermöglichte, für ein besseres Ranking zu zahlen – genau das Format, das Brin und Page verabscheuten», beschreibt Zuboff die Metamorphose der beiden Gründer von Saulus zu Paulus. Der Zweck heiligt die Mittel. Nicht immer fallen die Daten einfach an. Besonders in der Bauplanung sind die erzeugten Daten Ergebnis von komplexen und aufwändigen Prozessen. Den eigentlichen Nutzen haben diejenigen, welche die mit Daten hinterlegten Gebäude- und Anlagenteile jahrelang nutzen und mit Sensoren die aktuellen Daten dazu abfragen, überlagern und darauf mit Mustererkennung reagieren können. Kein Wunder, dass vor allem Bauherren und die FacilityManagement-Branche die Digitalisierung im Bauwesen forcieren. Hier sind Lösungen zur Abgeltung der anderswo getätigten Vorleistungen gefragt. Aber auch nicht vorhandene Informationen sind ein Thema. Schon 1990 hat DatenbankUrvater Edgar F. Codd in seinem Buch «The Relational Model for Database Management, Version 2» dem Thema «Missing Information» knapp 30 Seiten gewidmet. Er stellte die grundsätzlichen Fragen: «What kind of information is missing? What is the main reason for its being missing?» Mit der Massenverarbeitung von Daten kommt der Vollständigkeit eine wichtige Rolle zu. Und ist diese nicht gegeben, dann müssen Strategien bekannt sein, wie man sie umschiffen kann. So ist bei einem Buch mit unbekanntem Erscheinungsjahr der Wert dazu nicht 0, sondern unbekannt. Sonst wirkt sich das frappant auf Analysen aus, zum Beispiel beim Heraussuchen des ältesten Buchs oder des Berechnens des mittleren Alters der Bücher in einer Bibliothek.

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Schlussendlich besteht auch der Programmcode, aus dem die Algorithmen aufgebaut sind, aus Daten. Und das Programmieren sei wie abstrakteres Schreiben, bemerkt Soziologe Armin Nassehi, bezugnehmend auf den deutschen Medientheoretiker Friedrich Kittler. Und Dirk Baecker meint: «Wo die Mathematik rechnet, um zu beweisen, programmiert die Informatik, um zu produzieren.» Mit Daten kann aber auch Unfug getrieben werden, was durch ihre nicht greifbare Beschaffenheit unterstützt wird. Wie bei allem Neuen finden rasch Gratwanderung zwischen Erlaubtem und Verbotenem statt, einfach um die Grenzen der Akzeptanz auszuloten. Auch kriminelle, gar mafiöse, Machenschaften sind nicht weit weg. Sicher spielt in diesem Zusammenhang dieses Wesens der Daten eine grosse Bedeutung: Da restlos alles auf einer binären Codierung passiert, lassen wir den Quantencomputer noch auf der Seite, sind kleine Unterschiede, theoretisch der Wert eines Bits, null oder eins, massgeblich ob eine Sache erlaubt oder verboten beziehungsweise der Zugang zu einem System offen oder geschlossen ist. Und dieses einzige Bit im Wert zu ändern, kann im Verborgenen passieren. Rückt man hingegen mit einer Kiste voll Einbruchwerkzeuge aus und lässt sich von der Polizei ertappen, so kann man sich kaum herausreden, dass die Werkzeuge als Geschenk an die Quartierbewohner gedacht gewesen sind. Das Wesen des Schliessmechanismus ist bei einem Vorhängeschloss mit einrastbarem Bügel und Schlüssel sofort erfassbar, quasi sichtbar. Bei einem elektronischen Schloss entscheiden zweiwertige, gleichförmige Konstrukte, also binäre Daten, ob das Ding offen oder gesichert ist. Damit kann auch eine kleine Ursache eine grosse Auswirkung haben. Man denke an das Wort des Jahre 2013: «Stellwerkstörung».

DIGITALISIERUNG IN DEN GRIFF BEKOMMEN Jetzt, wo die Digitalisierung als Ganzes fassbar ist, können wir bestimmen, wie wir eine Digitalisierungsaufgabe angehen. Sollen wir nun einfach alles negativ sehen und vor lauter Herausforderungen nicht wissen, wo wir beginnen sollen? Ich plädiere für das Positive und ein Schritt-für Schritt-

Vorgehen. Professor Gunter Dueck, nach Selbstcharakteristik Businessphilosoph und Innovator, meint in seinem aktuellen Buch: «Wir brauchen wieder Menschen, die es wissen wollen, als Lernbegierige, Experimentierwillige und Unternehmende.» Dueck grenzt auch Prozessoptimierung und Neues klar ab: «Die Prozessorientierung und das ständige Optimieren der Prozesse haben ihren Sinn, wenn sich Vorgänge tausendfach oder millionenfach wiederholen. Es ist sinnvoll, diese in der bestmöglichen Weise abzuarbeiten und möglichst zu automatisieren. Wenn man aber im Unternehmen Neues beginnen will, muss ja erst einmal exploriert werden, was später einmal tausendfach wiederholt werden muss. Alles muss erst einmal effektiv und sinnvoll gestaltet werden – dann erst darf über Effizienz und Kosten nachgedacht werden.»

«Wo die Mathematik rechnet, um zu beweisen, programmiert die Informatik, um zu produzieren.» Lassen wir uns nicht einschüchtern. Bei der Digitalisierung gilt immer der Zukunftsmodus, mit Erweiterung des Anwendungsgebiets und zugehöriger praktischer Forschung. Nur mit hoher Intuitionsqualität, von der ich meine, sie sei nicht vom Alter der Beteiligten abhängig, findet man akzeptable Lösungen. Am besten orientiert man sich an der zu lösenden Aufgabe und optimiert später die Anwendung bezüglich Integration ins Umfeld. Schlussendlich ist auch die Corona-Kontakt-App so entstanden. Die grundlegende Aufgabe der App stand von Anfang an fest, die nun erfolgte dezentrale Datenspeicherung zur Gewährung des Datenschutzes ist erst nach und nach in die Diskussion eingeflossen und entsprechend verwirklicht worden.


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Nun geht es um die operativen Schritte, die in der Praxis so aussehen könnten: 1. Konzentration auf die Lösung des ­Anwendungsfalls: Am Anfang steht das Geschäftsverständnis. Man muss das Geschäft, die Aufgabe, restlos verstanden haben, heute und so wie man es unter digitalen Gegebenheiten umsetzen will. Fehler, die hier entstehen, sind nur unter ­grossem Aufwand auszubügeln. Die Initiative muss beim Menschen liegen, den Fachpersonen für die Aufgabe. 2. Sorgfältige Analyse der Datenlage: Auf der anderen Seite braucht es eine genaue Analyse der Datenlage, denn das Prinzip der Digitalisierung besteht darin, Resultate von Arbeitsschritten auf dem Computer strukturiert als ­Daten zu verwalten, sodass sie im Rahmen des nächsten Prozessschrittes maschinell weiterverarbeitet werden könnten. Eine genaue Überprüfung, die zeigt, was benötigt wird an Daten und was nicht, ist unerlässlich. 3. Vollziehen der notwendigen ­Modellbildung und Datenaufbereitung: Ohne Modellbildung geht es nicht. Programmiert wird das Modell. Dort finden Berechnungen statt. Der vollständigen Datenerfassung ist grosse Wichtigkeit zu geben. Insbesondere muss vermieden werden, dass von vorneherein unvollständige Daten ­angestrebt werden. Ist keine Datenübernahme über Sensoren möglich, sind der Aufwand der Datenerhebung und der daraus resultierende Ertrag genauestens abzuwägen, inklusive die Vergütung für vorgelagerte Datenerfassungen. 4. Unabhängige Überprüfung des Modells: Das zu enge Befassen mit einem Thema macht blind. Aus diesem Grund sind eine unabhängige Prüfung und laufende Diskussion mit Beteiligten und Unbeteiligten zwingend notwendig. 5. Überprüfen des Umfelds: Schlussendlich geht es darum, die unter anwendungsspezifischen Gesichtspunkten vorgedachte Applikation ­bezüglich den Aspekten Betrieb (Integration, Organisation, Ressourcen / Hardware, Einführung), Gesellschaft ([Personen-]Datenschutz, Digitale Ethik, Urheberrecht, weitere Rechte), Sicherheit (Systemsicherheit, Diebstahl, Datenverlust, Gefahren /- Viren), aber auch Synergien (Daten, Algorithmen, Kosten, Termine) zu betrachten. Die einzelnen Punkte können zu Zielkonflikten

führen, zum Beispiel werden die grösstmöglichen Synergien bei der Datennutzung berechtigterweise durch den Datenschutz eingeschränkt. Diese Vorgehensweise ist angelehnt an CRISP-DM, eine anerkannte Methode für den sogenannten «CRoss-Industry Standard Process for Data Mining». Digitalisierung führt zu Änderungen. Oft wird vor lauter Rücksichtnahme auf das dafür notwendige Verlassen der menschlichen Komfortzone die Mehrheit der Ressourcen dafür investiert, diesen Prozess möglichst wenig wahrnehmbar zu gestalten. Die kalte Dusche, welche der Lockdown der Corona-Zeit initiiert hat, lässt mich fragen, ob die stets propagierte, angstbehaftete, schrittweise und das letzte Risiko zum Scheitern ausschliessende Vorgehensweise die richtige im Hinblick auf die zu lösenden Probleme ist und sein wird. Überraschungen sollen nicht ausbleiben, sondern sind als Quelle von Intuitionsqualität sehr erwünscht.

GESCHÄFTS- UND ­DATENVERSTÄNDNIS Eine prioritäre Sicht auf die gemäss Geschäftsverständnis zu lösende Aufgabe fördert die Vogel- und beschränkt die auf Nebenaspekte basierende Froschperspektive. Dafür ist viel Erfahrungswissen notwendig. Das Thema Digitalisierung, das angesprochen wird, die Digital Natives in die entsprechenden Arbeitsgruppen zu schicken, greift zu kurz. In der Regel haben diese wohl ein Anwendungs-, aber kein Entwicklungsverständnis. Insbesondere sind die Wirkungen auf der Seite des Kunden massgebend. Zielgerichtete, menschengerechte, praxis- und zukunftstaugliche Innovationen drängen sich auf. Sonst passiert das, was Thorsten Dirks, damals CEO von Telefónica Deutschland, am Wirtschaftsgipfel der «Süddeutschen Zeitung» 2015 so auf den Punkt gebracht hat: «Wenn Sie einen Scheissprozess digitalisieren, dann haben Sie einen scheiss digitalen Prozess.» Neben dem Geschäfts- sind auch Daten-, Datenbearbeitungs-, Datenbeziehungsund Kommunikationsverständnis notwendig, um akzeptable digitale Lösungen zu schaffen. Stets sind die Erkenntnisse des

«Computational Thinking» auf die einzelnen Bereiche abzubilden und gleichzeitig im Gesamtzusammenhang auszubalancieren. Hier ist auch mathematisches Know-how gefragt, auch aus der Mengenlehre, denn die einzelnen Arbeitsschritte müssen berechenbar werden. Und sollten sie es ein Mal nicht sein, was absolut möglich ist, sind ordnende Massnahmen gefragt, zum Beispiel das Behalten des Prozesses in der analogen Welt. Beim Kommunikationsverständnis steht die Art der Rückübersetzung in die analoge Welt im Mittelpunkt. Hier können psychologische Aspekte individueller Art darüber entscheiden, ob Ausgabeschritte auf feste Medien wie Papier oder flüchtige Medien wie Bildschirmausgabe angebrachter sind. Die von einem Individuum bevorzugte Ausgabeform entscheidet in keiner Art und Weise über den Grad seiner «Digitalisierung».

VERHALTEN IN DER DIGITALEN WELT Ich sehe bei der Diskussion um die Digitalisierung folgende Wirkungsbereiche, wo jedermann je nach Rolle Verantwortung übernehmen muss und sich seiner Rolle entsprechend verhalten soll. Auf jeden Fall darf das, was einen schon in der analogen Welt stört, nicht in die digitale mitgenommen werden. So steht an vorderster Stelle die Würde des Menschen und der Natur, welche unter wechselnden Perspektiven beurteilt werden muss. Aus praktischen Gründen fange ich beim Persönlichen an und zeige, wie man sich durch das Verhalten in den Dienst der Sache stellen kann: 1. Beim Schutz der eigenen Freistatt/ Rückzugszone: Gemäss Shoshana Zuboff hat mit dem digitalen «das Universum Einzug in ­unsere vier Wände» genommen. Es braucht also Rückzugszonen, aber auch eine Selbstdosierung, wie ich mich im digitalen Raum bewege. Brauche ich die ständige Präsenz? Muss ich alles Persönliche dort teilen und damit öffentlich publizieren? Oder will ich auch mal Sand im Getriebe sein und den Systemen ein Schnippchen schlagen? Andererseits muss man sich auch im Klaren sein, dass j­edes Reagieren, zum Beispiel auf Spam, einen Beitrag zum

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­ erhaltensüberschuss leistet und vom V Big Other verwendet werden kann. 2. Bei der Aufklärung von Leuten zum Verhalten im digitalen Umfeld: Die eigenen Erkenntnisse zu teilen und damit Aufmerksamkeit zu wecken, ist eine sinnvolle Art, Drittpersonen ­aufzuklären. Dazu gehört, das eigene Wissen stets aktuell zu halten. 3. Bei der Einbindung von Anwendungen im Unternehmen: Sei es als Vorgesetzter oder als ­Verantwortlicher für die Implementierung einer Lösung im Unternehmen, darf man nur das anwenden lassen, was man selbst tun und zulassen würde. Sonst heisst es rasch, man predige Wasser und trinke Wein. Ein genaues Abwägen, mit einer Risikoanalyse, b ­ ildet hierfür die Basis. Und eventuell helfen einfache punktuelle Massnahmen, zum ­Beispiel das Beschränken der Zugriffsrechte auf die betroffene Personengruppe. 4. Bei der Entwicklung von eigenen ­Anwendungen: Und ist man gar Mitentwickler, dann ist die Verantwortung am grössten. Ein laufendes Abwägen ist notwendig. ­Andere Methoden einzusetzen und darüber zu diskutieren, kann schwierige Situationen deeskalieren lassen. So ist die Praktik der «Differential Privacy» bei der diesjährigen Volkszählung in den USA (1.4.2020) angewendet ­worden, um die Daten der Bürger nicht rückverfolgbar zu machen. G ­ ezieltes Nachfragen, Denken in i­nnovativen ­Lösungen, Ermöglichen von differenzierten Zugriffen, sodass jeder nur das erfährt, was er auch wissen muss, können die Situation entschärfen. Auch bewusste Medienbrüche, also die Vermeidung von ­automatischen, digitalen Schnittstellen, können ein E ­ rgebnis darstellen.

«Ein solides Geschäfts­ verständnis ist die Grund­ lage jeder Massnahme.» Seite 24 // bauRUNDSCHAU

UNVOLLSTÄNDIGES ­SCHLUSSWORT Eine eindimensionale Betrachtung der Digitalisierung bringt uns nicht vorwärts, weder die ganz kritische noch die unkritische Sichtweise. Sich von den vielen Herausforderungen einschüchtern zu lassen, ist keine Lösung. Es ist nicht alles neu bei der Digitalisierung. Ein solides Geschäftsverständnis ist die Grundlage jeder Massnahme. Es geht um unzählige Beurteilungen von Systemen und Zusammenhängen, daraus Massnahmen für Verbesserungen abzuleiten sowie die weiteren Folgen und Möglichkeiten selektiv abzuschätzen. Das Ausdiskutieren und Ausbuchstabieren von Zielkonflikten ist zwingend. Und es muss nicht alles digitalisiert werden. Nimmt man die Sache selbst in die Hand, lässt sie zielgerichteten Einfluss ausüben, als wenn man sich mittreiben lässt. Auch der gezielte Erwerb von Know-how ist zwingend. Wie bei einer Erbschaft, die zu verteilenden Ressourcen auszumitteln, müssen die Einflüsse der Aspekte in ausgewogenem Mass berücksichtigt werden, sodass das zurzeit unter den gegebenen Umständen optimale Ergebnis für alle Beteiligten herauskommt. Bei passivem Verhalten muss man sich wegen Nicht-Verstehen, Ahnungslosigkeit und Nicht-Befassen selbst an der Nase nehmen, wenn nicht die erhofften Resultate eintreffen. Am schlimmsten ist die Digitalisierung zu unterschätzen oder gar zu verharmlosen und auf ein rein technisches Problem zu reduzieren. Hans Ulrich Gumbrecht betont «Vielleicht sind die Engineering Departements ja der Ort, wo Hegels Weltgeist heute zu Hause ist.» Zudem kann Gumbrecht «Studium oder Lehre», also Theorie und Praxis, nicht trennen. Zur Frage «Philosoph oder Ingenieur» meint er, «Auch das ist kaum mehr zu trennen. Sind nicht die Ingenieure die Philosophen unserer Gegenwart?» Diesen Gedanken finde ich interessant, denn es geht in der Philosophie darum, die Welt und die menschliche Existenz zu ergründen. Und nach Armin Nassehi wird bei der Digitalisierung die Welt gar verdoppelt. Es braucht aber eine gegenseitige Annäherung der zwei Disziplinen. Und für die Zukunft stellt sich die Frage: Müssen auch die Baufachleute für die erfolgreiche Digitalisierung in der Branche mehr Hegel und Heidegger und dann auch die Kritikerinnen und Kritiker der Grossdenker lesen?

ESSAY

«Vielleicht sind die Engineering Departements ja der Ort, wo Hegels Welt­ geist heute zu Hause ist. » LITERATURVERZEICHNIS - Baecker Dirk: 4.0 oder Die Lücke, die der Rechner lässt, Merve, Leipzig, 2018 - Barthelmess Andreas: «Die grosse Zerstörung». Was der digitale Bruch mit unserem Leben macht., Dudenverlag, Berlin 2020 - Codd Edgar F.: The Relational Model for Database management, Version 2, Addison-Wesley, Reading MA, 1990 - Dueck Gunter: Heute schon einen Prozess optimiert? Das Management frisst seine Mitarbeiter, Campus, Frankfurt am Main, 2020 - Enzensberger Hans Magnus: Wehrt Euch! FAZ.NET, ­Frankfurt am Main, 28.02.2014 - Gugerli David: Suchmaschinen – Die Welt als Datenbank, Edition Unseld, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2009 - Gugerli David: Wie die Welt in den Computer kam. Zur ­Entstehung digitaler Wirklichkeit, S. Fischer Verlag, 2018 - Gumbrecht Hans Ulrich: Weltgeist im Silicon Valley, Leben und Denken im Zukunftsmodus, NZZ Libro, Schwabe AG, Zürich und Basel, 2018 - Kohlas Jürg Kohlas, Schmid Jürg, Zehnder Carl August (Hrsg.): Informatik@gymnasium, Ein Entwurf für die Schweiz, Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich, 2013 - Maney Kevin, Hamm Steve, O'Brien Jeffrey M.: Im Dienste der Welt, Ideen, die ein Jahrhundert und ein Unternehmen prägten, IBM Press-Pearson plc, München, 2011 - Nassehi Armin: Muster, Theorie der digitalen Gesellschaft, C. H. Beck, München, 2019 - Schweizerische Bundesbahnen SBB: Kurze Einführung in die Programmierung elektronischer Datenverarbeitungsanlagen; Weiteres Unterrichtsmaterial interner Kurse, 1965 bis 1968 - Voß, G. Günter: Der arbeitende Nutzer, Über den Rohstoff des Überwachungskapitalismus, Campus, ­ Frankfurt am Main, 2020 - Wiederkehr Urs: Wissen, was hinter der Digitalisierung steckt, Webinarreihe SIA-Form, 1. bis 22.3.2018, Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein SIA, ­Zürich, 2018 - Zopfi Emil: Jede Minute kostet 33 Franken. Limmat, Zürich, 1977 - Zuboff Shoshana: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus, Campus, Frankfurt/New York, 2018 - Diverse punktuelle Ergänzungen und Querkontrollen aus ­Gabler Wirtschaftslexikon, Wikipedia und Archiv Urs Wiederkehr (inklusive weiterer Publikationen)

URS WIEDERKEHR ist Dr. sc. techn., dipl. Bau-Ing. ETH / SIA, Leiter Fachbereich Digitale Prozesse, Geschäftsstelle Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein SIA, Zürich. www.sia.ch


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Wer beim Thema Mobile Services gut aufgestellt ist, hat heute in der Branche einen klaren Vorteil.

OHNE MOBILE SERVICES GEHT NICHTS MEHR… SOFTWARE FÜR HAUSTECHNIK, SANITÄR UND HEIZUNG von Joël Ch. Wuethrich

Im Frühling 2020 schlug die Stunde der Wahrheit für viele Unternehmen in der Sanitär-, Heizungs- und Haustechnik- sowie in der Baubranche: Welche Gesamtlösungen für die Bau- und Haustechnikbranche und welche Vernetzungen innerhalb der Unternehmen haben funktioniert? Waren die Mobile Services effizient, und konnte nahtlos auch während der verschärften Umsetzungsphase der Coronavirus-Massnahmen weitergearbeitet werden? Und wie sieht es in der unmittelbaren Zukunft aus?

K

eine Frage, die letzten Monate haben der Bau- und Haustechnik-, der Sanitär- und der Heizungstechnikbranche einen enormen Digitalisierungsschub beschert. Dieser war bereits schon vor der Corona-Krise deutlich spürbar, und

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an der Swissbau 2020 zeigte sich dieser zudem noch am grossen Interesse an den Software-Lösungen im Bereich Vernetzungen, Planungen und Tools für die AuftragsAbwicklungen für Monteurinnen und Monteure. Jetzt erleben wir gewissermassen

eine «Digitalisierungs-Pandemie» in der gesamten Branche. Gefordert sind jene Unternehmen, die in der Branche eine passende Software für den mobilen Einsatz bieten. Und man wünscht sich in der Regel Gesamtlösungen, die eine effiziente


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Seit Januar 2020 das neue Führungsduo bei der OF-Software: Emanuel Morin und Pablo Gudenrath.

Umsetzung von Aufträgen in jeder Situation ermöglichen.

tekten können Drittpersonen mit in den Bauprozess einbeziehen.»

CORONAVIRUS BEFEUERTE MOBILE SERVICES

Wir befinden uns also gewissermassen bereits schon in der Zukunft. Das Kerngeschäft von Unternehmen wie die OF-Software AG liegt bei der Entwicklung von SoftwareGesamtlösungen für die Bau- und Haustechnikbranche sowie bei der Schulung und dem Support im Tagesgeschäfts-Umgang. Es zeigt sich besonders in Zeiten, in welchen Software-Lösungen speziell effizient und zuverlässig sein müssen, wer gut vorgesorgt und eine nachhaltige Entscheidung getroffen hat. Gut dabei war, wer beim Thema Mobile Services gut aufgestellt ist.

Solche Gesamtlösungen sind nicht einfach nur ein Trend. Durch die zunehmende Durchsetzung der New-Work-Philosophien in fast allen Branchen wird eine totale Vernetzung der Arbeitsbereiche erreicht. Während der Coronavirus-Krise sehen sich viele Unternehmen in allen Branchen nun dazu gezwungen, sogar noch früher als geplant andere Arbeitsweisen wie eben Home Office und dezentrale Lösungen zu forcieren. Damit man in den zum Teil komplexen Arbeitswelten nicht komplett den Überblick verliert, braucht es nachhaltige und auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnittene Angebote. Pablo Gudenrath, Mitglied der Geschäftsleitung der OF-Software AG in Birsfelden BL: «Wir zum Beispiel erarbeiten mit unseren Kundinnen und Kunden die bestmöglichen Lösungen und Abläufe. So entwickelt sich bei uns wie auch bei den Kunden eine emotionale Bindung zum Projekt.» Es besteht, so Gudenrath, zudem ein starkes Bedürfnis bei der Kundschaft, alle Involvierten mit in die Arbeitsleistungen einzubeziehen. «In unserer Branche heisst das im Klartext: Alle, also auch Verwaltungen, Generalunternehmen und Archi-

TOTALE SYNCHRONISATION Die Idee dahinter ist: Mit den Mobile Services können Monteure direkt auf der Baustelle beziehungsweise beim Kunden Material und Stunden aus Ausmassblättern erfassen, Material beim Grossisten bestellen, Kleinofferten beispielsweise für Verwaltungen und Servicerechnungen erstellen. Die Daten werden automatisch synchronisiert, sobald das Tablet über eine Internetverbindung (3G, 4G, WLAN) verfügt. Mobile Services erlauben es, in diesen besonderen Zeiten das Social Distancing so zu betreiben, ohne dass man logistische oder arbeitsablauftechnische Nachteile

hat, sagt auch Pablo Gudenrath. «Mit dem Mobile Service ist es Monteuren, hauptsächlich den Servicemonteuren, möglich, ohne grossen Kontakt mit dem Büro zu arbeiten. Ein Beispiel: Die in unserer OF-4 000-Branchenlösung erstellten und terminierten Aufträge werden dem Monteur in Echtzeit digital auf dem Tablet angezeigt. Die benötigten Materialien und Arbeitsstunden werden über digitale Ausmassblätter oder über IGH- und Suissetec-Kataloge erfasst. Dann wird der Auftrag hinterlegt und dem Büro zugesendet. Beim Abrechnen des Auftrages werden die Materialien automatisch in die Rechnung importiert. Verlorene Rapport-Dokumente oder das Entziffern von Handschriften gehören so der Vergangenheit an. Mit den Unterprogrammen von «OF 4 000» – OF-mobileStunden, OF-mobile-Termine und OFmobile-Order – wird von überall Zugriff auf relevante Informationen ermöglicht und alles effizient und zeitgewinnend abgewickelt. So entstehen keine Doppelerfassungen, alles kann papierlos erledigt werden und das System ist zudem auch sicher.» Der Schwerpunkt-Trend ist die Vernetzung des kompletten Unternehmens mit einer Software-Lösung aus einem Haus. Die Idee ist, dass mit der gleichen Betriebssoftware die Büromitarbeiter mit verschiedenen Funktionen – das heisst konkret beispielsweise die Projektleiter / innen, Sachbearbeiter / innen, Sekretärinnen und Sekretäre und die Geschäftsführung sowie die Monteurinnen und Monteure – also Servicemonteure, Baustellenmonteure, leitende Mitarbeiter / innen – mit den benötigten Tools ausgestattet werden. Diese Vernetzung schafft eine gemeinsame Plattform und bringt einen grossen Zeitgewinn, wo Doppelspurigkeiten vermieden werden. Das Ziel ist, für die führende Ebene eine einfache Übersicht auf sämtliche Daten, Termine und wichtige Kennzahlen zu bieten. Dieses Vorgehen bedient das stetig wachsende Bedürfnis, die involvierten Parteien in einer Betriebssoftware exakt zu steuern.

JOËL CH. WUETHRICH ist CEO einer Marketingagentur, Dozent und Redaktor bei der rundschauMedien AG. www.of-software.ch www.news.of-software.ch

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Die zentrale Plattform buildup verbindet Produkte und Projekte – bald noch benutzerfreundlicher.

DIE ZUKUNFT IST DIGITAL DIGITALE BIBLIOTHEK UMFASST AUCH MEHR SPRACHEN von Celestina Jörger

Die Corona-Krise hat nicht nur in der Schweiz die Digitalisierung vorangetrieben. Online-Meetings, Home Office, virtuelle Schule und Online-Handel sind in der ganzen Gesellschaft präsenter denn je. Die buildup AG hat diesen Moment gewählt, um ihre Plattform noch besser und benutzerfreundlicher zu gestalten. Ende 2020 / Anfang 2021 lanciert das Unternehmen die buildup-Plattform 2.0. – künftig auch in weiteren Sprachen.

D

as Unternehmen buildup betreibt die unabhängige Bauproduktsuch­ maschine ch.buildup.group. Ziel des Unternehmens ist es, jedes auf dem Markt verfügbare Bauprodukt auf einer zentralen Plattform digitalisiert, strukturiert und vernetzt bereitzustellen. Um dieses Ziel zu erreichen, unterstützt die buildup AG Produkthersteller bei der Digitalisierung ihres gesamten Produktportfolios.

digen Bauteilinformationen und können diese über eine Schnittstelle in die Arbeitswerkzeuge der Planer und Architekten direkt in konkrete Bauprojekte übernehmen. Bisher können über 600’000 strukturierte Produktinformationen in über 1 600 Kategorien durchsucht und gefiltert werden. Den Produkten sind oftmals Zertifikate, Montagehinweise und technische Datenblätter beigelegt.

In dieser digitalen Bibliothek finden Architekten, Planer, Bauherren und Unternehmer so branchenunabhängig die notwen-

BAUMATERIAL DIGITALE DATEN

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Alles, was digitalisierbar ist, wird digitalisiert. Der Bau setzt inzwischen standardmässig

darauf, einen digitalen Zwilling vor dem eigentlichen Bau zu erzeugen. Dazu braucht es bessere Informationen, die gut strukturiert und frei verfügbar sowie in die etablierten Prozesse der Beteiligten eingebunden sind. So werden die Herstellerdaten digitalisiert und in eine Standardstruktur gemappt. Die digitalen Daten können in den verschiedenen Prozessen und Applikationen weiterverwendet werden. Dies betrifft im Bauwesen gerade die Planung, Ausschreibung und das Facility Management. Bessere Daten führen zu besseren Entscheidungen und somit zu besseren Bauten.


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Neben der Weiterentwicklung der bestehenden Plattform arbeitet die buildup AG zurzeit kontinuierlich am Ausbau ihrer Dienstleistungen. Schon heute unterstützt das Unternehmen Bauproduktehersteller bei der Digitalisierung ihres gesamten Portfolios und stellt die strukturierten Produktinformationen auf ihrer Plattform bereit. Künftig will die buildup AG ihren Herstellern auch das Ausleiten dieser verbesserten Produktinformationen in andere Systeme und Formate ermöglichen und ihnen in Zukunft als PIM-Anbieter zur Verfügung stehen.

SPEICHERN UND TEILEN ­ERLEICHTERN Auch für ihre Nutzer hat die buildup AG einige Änderungen geplant: Zum einen wird das Speichern und Teilen der Produktinformationen erleichtert, sodass am Ende ganze Projekte in strukturierten Sammelmappen bemustert werden können. Bereits jetzt hat die buildup AG mit

dem Teilen von Suchfunktionen ein erstes Feature dazu integriert. Zum anderen will die buildup AG zusätzliche Informationen, insbesondere im Bereich des Handels, bieten. Mit diesen weiterführenden Informationen kann die buildup AG die häufigen Fragen ihrer Nutzer, wo die gewünschten Produkte bestellt werden können, in welchem Umfang und zu welchen Konditionen gewisse Produkte geliefert werden, schneller und effizienter beantworten. Es ist ein grosses Anliegen der buildup AG, den Bereich Handel auf ihrer Plattform weiter auszubauen.

MEHRSPRACHIG IN DIE ZUKUNFT Die Mehrsprachigkeit der Plattform ist ein aktuelles Thema. Dies zeigt sich gerade auch in den Gesprächen mit Kunden und Partnern. Heute stellt die buildup AG die Plattform umfangreich in Deutsch zur Verfügung. Zukünftig wird das Unternehmen

die Plattform auch in Französisch, Italienisch und Englisch anbieten. Damit stellt buildup weitere wertvolle Einsatzmöglichkeiten für noch mehr Nutzer zur Verfügung. Die erweiterte Nutzung der Plattform dürfen User im Laufe des Jahres 2021 erwarten. Die buildup AG freut sich, ihre Dienstleistungen in Zukunft auch in der West- und Südschweiz zugänglich zu machen.

AUFRUFEN UND MITGESTALTEN

Welche Features schätzen Sie auf der Plattform von buildup besonders: Wo haben Sie noch weitergehende Wünsche? Schreiben Sie uns Ihr Feedback per Mail an info@buildup.ch und melden Sie sich schon jetzt als Beta-Tester für unsere neue Plattform. Gestalten Sie mit uns gemeinsam die digitale Zukunft der Baubranche!

buildup AG | Albisriederstrasse 203 A | CH-8047 Zürich | Tel. +41 (0) 44 515 91 00 | info@buildup.ch | ch.buildup.group

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Das Bauprojekt der Zukunft spielt sich in Datenbanken ab.

DER BLICK AUF DAS WESENTLICHE DAS BAUPROJEKT DER ZUKUNFT SPIELT SICH IN DATENBANKEN AB von Matthias Uhl

Obwohl manche Projekte für Laien wie BIM aussehen, weil etwa eine 3-D-Planung vorliegt, sind sie es nicht. Warum? Weil die gleiche Information an zwei unterschiedlichen Stellen zu finden ist und es keinerlei Verbindung zwischen diesen Daten gibt. Brückenlösungen und Datenbanken können hier weiterhelfen. Seite 30 // bauRUNDSCHAU


© Die Werkbank IT GmbH

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wichtiger aber ist, dass sich alle über den gesamten Lebenszyklus einer Immobilie hinweg an der gleichen Informationsquelle bedienen. Das Rückgrat von BIM-Projekten ist deshalb künftig eine Datenbank. Für BIM von entscheidender Bedeutung ist und bleibt der Digital Twin (Digitaler Zwilling). Den braucht es vor allem als Information, die in Softwarelösungen wie Archicad oder Revit dargestellt werden kann. Manchmal bedarf es einfach nur einer schnellen Information, wenn beispielsweise ein Fenster geändert werden soll und die Frage geklärt werden muss, was das für die Kosten bedeutet. Um dies schnell und übersichtlich bewerkstelligen zu können, braucht es eine Datenbank.

EXOTEN IN DER BAUPLANUNG Bisher wird kaum eine Planung in Datenbanken gesammelt oder strukturiert gesucht. Datenbanken gelten in Verbindung mit der Bauplanung heute noch als Exoten. Dabei sind sie für BIM essenziell, denn das Bauprojekt der Zukunft wird in Datenbanken geplant: Dann findet die digitale Bauplanung zunächst in einer CAD-Umgebung wie Archicad oder Revit statt. Und anschliessend wird das Modell in einer Datenbank abgelegt. Sauber getrennt in 3-DInformation, alphanumerische Information über Materialien und Produkte. Auch sämtliche Produkte und Lösungen wie etwa Wandaufbauten, Dachaufbauten und Ähnliches werden künftig über Datenbanken in BIM-Prozesse integriert.

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inn und Zweck von BIM ist ein kollaborativer, transparenter und redundanzfreier Planungsprozess, der sich über die Bauphase hinaus bis zur Nutzung und zum Facility Management erstreckt. Damit dies möglich wird, braucht BIM einen ungehinderten Datenfluss zwischen den Programmen, der über eine Weiterentwicklung von IFC (Industry Foundation Classes) theoretisch machbar wäre. Aber IFC bleibt weiterhin eine Brückentechnologie, die seit rund 20 Jahren keine nennenswerten Innovationen hervorgebracht hat und weiterhin viele Probleme in der Nutzung stellt. Viel

Das bedeutet: Planer übernehmen künftig sämtliche Bauprodukte in Form von BIMObjekten oder anderen BIM-Formaten in die CAD-Umgebung, bauen damit einen Digital Twin und speichern das Modell in der Datenbank ab – und zwar in einer eigens für das Bauprojekt angelegten Projektdatenbank. Nur so funktioniert die Vision eines digitalen, mit Informationen angereicherten BIM-Modells, das im Zentrum eines jeden BIM-Projekts stehen muss, um über alle Lebensphasen hinweg mit Informationen dienen zu können. Eine Planung, die nur in Teilbereichen digital verläuft, ist eine BIM-orientierte Planung, aber kein BIM-Projekt.

können, wenn wir uns als Planer auf eine Datenbank einlassen, ist der Anwendungsbereich der Baudokumentation. Sie ist unbeliebt, weil zeitraubend. Aber Architekten und Bauleiter müssen sie laut Dokumentationspflicht erfüllen. Wie dokumentiert wird, bleibt dem Verantwortlichen selbst überlassen. Das können etwa verortete und kommentierte Fotos sein, die wesentliche Schritte des Bauablaufs in einer für den Bauherren nachvollziehbaren Form wiedergeben. Hinzu kommen die Gewerke wie Installateure oder Bodenleger, die die Betriebs- und Gebrauchsanleitung sammeln, aber auch niederschreiben, was sie beim Bauvorhaben gemacht haben. Das kommt normalerweise alles in das Bautagebuch – klassischerweise ein Leitz- beziehungsweise in der Schweiz ein Biella-Bundesordner. In diesem sind alle Schritte und Dokumente gesammelt. Der Ordner wird am Ende des Bauvorhabens dem Bauherren übergeben. Alle externen Dienstleister, sprich die ganzen Gewerke, sollen Bedienungs- und Pflege­ anleitungen oder Produktbeschreibungen an den Bauherren übergeben. Im Normalfall sind aber die Architekten immerfort in der Pflicht, den Anleitungen und Dokumentationen nachzujagen. Grundsätzlich gibt es zwar zur Lösung dieses Problems erste digitale Verwaltungstools, aber sie bieten immer noch Insel­ lösungen an, die unzureichend betreut sind. Zudem nutzen die externen Gewerke diese Tools nicht. Der Einsatz einer Datenbank, die dauerhaft in einem Objekt hinterlegt ist, würde sofortige Abhilfe schaffen und lässt im Zuge der BIM-Entwicklung enorme Synergieeffekte erwarten.

QUALITÄTSSPRUNG SCHAFFEN

MEHRWERT VON DATENBANKEN WÄHREND DER BAUPHASE

Im Idealfall gibt es einen Digital Twin, der sich aus einer Datenbank mit Informationen füllt. Der Parkettboden inklusive Anleitung wird dann etwa über ein BIM-Cockpit gepflegt und über BIM-Plugins in den Digital Twin integriert. Der grosse Vorteil mit Blick auf das Thema Baudokumentation: In diesem Fall taucht das Problem erst gar nicht mehr auf, dass irgendwelche Anleitungen gesammelt werden müssen. Jedes Bauteil und jede Systemlösung ist fortan mit allen verfügbaren Informationen sowohl geometrischer als auch alphanumerischer Natur inklusive Anleitungen in der Datenbank auffindbar.

Ein kleines, aber sehr greifbares einfaches Beispiel, wie Prozesse automatisiert, besser harmonisiert und strukturiert werden

Fortan profitieren ebenfalls alle anderen Anwendungsbereiche über den gesamten

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Lebenszyklus eines BIM-Projektes hinweg wie etwa das Facility Management, aber auch die Bauabwicklung und -abrechnung. Themen wie das Generieren von Stück­ listen oder das Auslösen und Tracken von Bestellungen stellen dann keine Herausforderung mehr dar. All diese und viele andere Aufgaben beinhaltet das BIM-Konzept. Dies lässt sich aber nur erreichen, wenn alles sauber in einer Datenbank geführt, gepflegt und gemanagt wird.

VORTEILE FÜR DAS FACILITY MANAGEMENT Wenn während des Gebäudebetriebs etwa eine Tür zu Schaden kommt, kann über die Software der richtige Ersatz bestellt werden. Ob das richtige Pflegemittel für den Parkettboden, das richtige Reinigungsmittel für die Fliesen oder der passende Ersatz für defekte Leuchtmittel: In der Datenbank ist jede Information hinterlegt und ermöglicht nicht nur die zielgenaue Bestellung, sondern erinnert den Facility Manager etwa auch an die entsprechenden Wartungszyklen.

VORTEILE FÜR DIE BAUAUSFÜHRUNG

VIELE INSELLÖSUNGEN, ABER KEIN RÜCKGRAT Der Status quo ist also, dass der Einsatz von Datenbanken bereits eine gewisse Anwendung im AVA-Bereich, in der Baudokumentation sowie im Facility Management findet. Das Problem ist allerdings, dass all diese Bereiche sich jeweils einer eigenen Datenbank bedienen. Es fehlt eine globale Projektdatenbank, die gepflegt, weitergegeben und weitergeführt wird. Jeder Bereich pflegt stattdessen brav seine Insellösungen, die am Ende die gesamte Wertschöpfungskette gefährdet, weil die entscheidenden Potenziale ungenutzt bleiben, die mit BIM assoziiert werden. Was fehlt, ist

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Die ganze Baubegleitung inklusive der wirtschaftlichen Aspekte, sprich das Thema Ausschreibung, Vergabe und Abrechnung (AVA), kann in Verbindung mit Datenbanken viel effizienter arbeiten. Ein prominentes Beispiel ist etwa der unter dem Stichwort Lean Construction Management bekannte Ansatz für ein schlankes Baumanagement, der nur funktioniert, weil Datenbanken zum Einsatz kommen.

Grosse Bauunternehmen wie etwa Strabag, Max Bögl oder Goldbeck, haben eigene AVA-Abteilungen. Auch wenn diese Unternehmen einen extern planenden Architekten beauftragen, wird dieser die Einreichung beziehungsweise das Baugesuch machen. Wenn es zur Baugenehmigung kommt, wird er vielleicht noch ein paar Werkpläne zeichnen, weil sie mit einem fertigen System arbeiten. Spätestens dann wird die AVAAbteilung des Bauunternehmens die Arbeit weiterführen. Durch sie erfolgen dann die Ausschreibungen. Je nachdem, wie die Angebote zurückkommen, erhält der Bestbietende den Zuschlag oder der, der am schnellsten liefert. Nach Einbau lassen sie sich dann über eine Auswertung des Digital Twin mitteilen, ob es korrekt ausgeführt wurde und damit, ob es bezahlt werden kann. Oder eben, dass es nicht korrekt ausgeführt wurde und geändert werden muss.

Facility Manager erhalten zukünftig alle Informationen aus der Projektdatenbank.

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eine durchgehende Linie. Die Lösung ist einfach, aber entscheidend: Dem Digital Twin fehlt das Rückgrat, das die einzelnen Bereiche über den Lebenszyklus der Immobilie hinweg miteinander verbindet. Wenn unter alle Insellösungen eine Projektdatenbank gelegt wird, also eine Datenbank, in der immer aus jeder Insel die projektspezifischen Informationen abgespeichert werden, dann ist ein durchgehender Datenfluss möglich.

KLARE ROLLENVERTEILUNG Jedes Gebäude braucht in Zukunft zudem einen «®account in a cloud» – angelegt und gepflegt vom Architekten. Bei kleineren oder einmaligen Projekten geht es eher darum, dass der Architekt selbst die Cloud pflegt und für alle am Bau Beteiligten als Kommunikationsplattform nutzt. Am Schluss müsste der Architekt dem Bauherren nur noch einen eigenen Zugang erteilen, am besten mit einer eigenen User-Rolle, über die er auf Baudokumentationen zugreifen und sich die wichtigsten Ergebnisse jederzeit herunterladen kann. Das wäre der Use Case für kleinere oder einmalige Projekte. Bei grossen Investoren mit bis zu 50 Bauprojekten pro Jahr legt der Investor selbst eine Cloud an und vergibt Zugriffsrechte für seine externen Architekten. Diese können pro Bauprojekt jeweils mit ihrem Account über die Cloud des Investors zugreifen.

ABLAUF ÜBER DEN BUILDING LIFECYCLE HINWEG Nachfolgend möchte ich skizzieren, wie der gesamte Prozess im Alltag aussehen würde: Zunächst befüllt der Architekt die Cloud mit seiner Planung und dem Digital Twin. Von Produktdatenbanken bezieht er Produktinformationen, Anleitungen und vieles mehr und reichert die Datenbank mit relevanten Informationen an. Später kommt es dann darauf an, wie die Arbeitsteilung geregelt ist. Die grossen Bauunternehmen machen die AVA selbst. Steht das Modell, kann die AVA-Abteilung über ihren Projekt-Account auf die gleiche Cloud zugreifen und weiterarbeiten. Die AVA-Abteilung hat einen eigenen Cloud-Zugang, also eine eigene User-Rolle und kann bestimmte Dinge dort wieder generieren, zum Beispiel Stücklisten für Knauf-Trockenbauwände. Sie können dann etwa für 5X 000 Quadratmeter Trockenbauwand W 112 Stücklisten erstellen, woraus beispielsweise hervorgeht, dass


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damit sie in den Projektdatenbanken in der jeweiligen Detailtiefe zur Verfügung stehen. Dafür gibt es im Datenmodell entsprechende Datenbankfelder, etwa für die frühe Phase, für die mittlere Phase und etwa für die spätere Facility-Management-Phase. Wenn Datenbanken wie «BIM & More» zudem mit zusätzlichen Fähigkeiten wie ein Projektmanagement ausgestattet werden, kann der Architekt ein Projekt anlegen und etwa Knauf-Produkte in den Projektordner legen. Wenn dieser Projektordner beziehungsweise diese Knauf-Information alle Informationen für den gesamten Lifecycle beinhaltet, dann kann ein Filter regeln, welche Informationen der Architekt bei der Gestaltung des Digital Twin, welche Informationen später der AVA-Mitarbeiter sieht – etwa den Preis – und welche Informationen der Facility Manager. Das übergeordnete Ziel dieser Projekte ist immer, dass der Datenbank eine Projektdatenbank unterliegt, die dieses Rückgrat für alle Glieder bildet.

Insellösungen gefährden die BIM-Wertschöpfungsketten.

445’000 Schrauben und 450 Laufmeter von diesem oder jenem Band, X Ausgleichsmasse, Gipskartonplatten und diese oder jene Profile benötigt werden. Damit lässt sich die AVA-Abteilung ein Angebot machen. Das geht dann zum Verarbeiter, der ebenfalls ein Angebot liefert. Auf dieser Grundlage kann er sagen, dass er genau das will und keine Schraube mehr. AVAAbteilungen können bei BIM-Projekten in Verbindung mit Datenbanken also höchst präzise Angebote einholen und eine faktenorientierte Entscheidung treffen. Der Verarbeiter hat dann gleich alle Informationen wie Mengen und Masse vorliegen. Die Abrechnung kann ebenfalls über die Cloud erfolgen. Es gibt die bestellten Mengen, dann die tatsächlich eingebauten Mengen. Wenn hier eine Diskrepanz vorliegt, kann relativ schnell ermittelt werden, wo der Fehler liegt. In der Abrechnung liegt unmittelbar eine Übersicht vor. Das ist deshalb möglich, weil das der Bauleiter während des Bauprozesses im Sinne der Baudokumentation gewissenhaft über seinen Account in die Cloud eingepflegt hat. Aber auch während der Bauphase kann es auf der Baustelle spannend oder notwendig sein. Etwa wenn der Bauleiter vor Ort mit seinem Laptop im Baucontainer

schnell die Stückliste ermittelt oder eine Diskrepanz zwischen dem angelieferten Material und dem Material auf der Stückliste vorliegt. Und nachher, wenn das Gebäude steht, ist es abgerechnet. Nach der Bauphase geht es ins Facility Management. Dann gewinnen die Themen Beschreibungen, Verbrauchsmittel, Wartungszyklen und dergleichen eine Rolle. Der Clou ist, dass jeder seine Inhalte einspielt, damit jeder für seine Use Cases Mehrwerte daraus ziehen kann. Es geht um Transparenz im Prozess.

SCHLÜSSELFIGUR BAUSTOFFINDUSTRIE Eine Schlüsselfigur in diesen Überlegungen kommt weiterhin der Baustoffindustrie zu. Sie muss mit BIM-Infrastrukturen beziehungsweise Datenbanken wie «BIM & More» in einem frühen Projektstadium Produktinformation für den kompletten Gebäude-Lifecycle zur Verfügung stellen – so aufbereitet, dass immer der richtige Level of Information Need (LoIN) möglich ist. Schliesslich benötigt der Architekt etwa die Pflegeanleitung nicht, wenn er den Digital Twin plant, der Objektverwalter beim späteren Facility Management aber schon. Der Mehrwert von BIM-Infrastrukturen wie «BIM & More» liegt deshalb in der Aufbereitung der Daten,

KLEINES FAZIT Wir sind noch ganz am Anfang. Visionäre Köpfe haben eine Perspektive geöffnet: dass Daten über den gesamten Lifecycle des Gebäudes verfügbar sind. Eigentlich ist dies eine der wichtigsten Kriterien für die Umsetzung von BIM-Projekten. Dieser Grundsatz bleibt aktuell aber eine Vision, von der wir noch weit entfernt sind. Die Herausforderung liegt weiterhin in der Aufbereitung der Produktdaten aufseiten der Bauindustrie. Noch liegen die Daten nicht so vor, dass dies möglich ist. Und es wird auch noch Jahre dauern, bis sie so vorliegen. Das Gute aber ist: Wir sind auf dem richtigen Weg. Und das ist die Hauptsache.

MATTHIAS UHL ist Experte im Bereich Building Information Modeling (BIM) und Gründer sowie Geschäftsführer von Die Werkbank IT GmbH, die mit der BIM-Infrastruktur «BIM and More» Herstellern von Bauprodukten und Baustoffen die Übersetzung und Aufbereitung der Produktdaten in BIM-Objekte ermöglicht. www.bim-more.com

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ARCHITEKTUR

LEICHT UND LUFTIG … DER ARCHITEKTURSTIL VON RICHARD NEUTRA von Georg Lutz

Filmdivas in den ersten Dekaden des letzten Jahrhunderts aus Hollywood waren eigentlich auf den ersten Blick unnahbar und entrückt. Auf den zweiten Blick aber verletzlich und transparent. Die Einfamilienhäuser des in den Zwanzigerjahren aus Österreich nach Kalifornien ausgewanderten Architekten Richard Neutra wirken ähnlich. Die mit grossen Fenstern in die kalifornische Landschaft gesetzten Häuser, die in Europa in Teilen den Bungalow-Stil der Sechziger- und Siebzigerjahre prägte, wirken auf den ersten Blick wie grosses Kino – eben wie eine Luxusvilla. Auf den zweiten Blick sind sie aber leichte und transparente Bauten, die auch für schmale Geldbeutel erschwinglich sein sollten. So jedenfalls die Philosophie von Richard Neutra. Auf den folgenden Seiten stellen wir einige beeindruckende Bauten vor.

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© David Schreyer 2017

ARCHITEKTUR


© David Schreyer 2017

ARCHITEKTUR

Die Architektur- und Designphilosophie ist sehr aktuell.

DIE LEICHTIGKEIT DES SEINS ARCHITEKTUR VON RICHARD NEUTRA IN KALIFORNIEN von Georg Lutz

Der Stil von Richard Neutra mit seinen grossen Fensterflächen und an die Umgebung der kalifornischen Trockengebiete angepassten Architektursprache feiert eine Renaissance. Das ist kein Wunder: Leichtigkeit und Transparenz sind heute wieder Trends. Nun sind im Wien Museum MUSA in Wien vom 13. Februar bis 20. September 2020 einige Werk zu bewundern.

R

ichard Neutra (1892 – 1970) war der international erfolgreichste österreichische Architekt des 20. Jahrhunderts – und trotzdem ist sein Werk in Europa kaum bekannt. Denn der Grossteil seiner rund 300 Bauten steht in seiner zweiten Heimat Kalifornien, wo er seit den 1920erJahren lebte. Hier wurde er zum Begründer einer genuin amerikanischen Moderne, deren Wurzeln zum Teil in Österreich und Wien zu suchen sind. Neutras Bauten transportieren zunächst die österreichische Moderne nach Kalifornien. Otto Wagner und Alfred Loos heissen die Vorbilder. Das reicht aber noch nicht aus, um 1949 auf den Titel des «Time»-Maga-

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zins zu kommen. Wo liegen die Gründe dafür? Neutra war begeistert von der hoch entwickelten industriellen Fertigung der USA – dem Fordismus mit seiner Fliessbandproduktion, der tayloristischen Arbeitszerlegung und auch dem Massenkonsum, der dadurch ermöglicht wurde. Zudem beschäftigte sich Neutra aber auch mit Physiologie, Psychologie und Verhaltensforschung – das Ziel war anspruchsvoll: eine neue humanistische Architektur. Neutras Bauten zeichnen sich durch offene Grundrisse, leichte Konstruktionen und eine enge Beziehung zur umgebenden Landschaft aus, sie folgen einem strengen System und sind zugleich auf individuelle Wohnbedürfnisse zugeschnitten. Die Transparenz

ermöglicht ineinandergreifende Raumfolgen, die miteinander in Kommunikation stehen – so scheint es jedenfalls. Man kann den Begriff Membran einführen. Seine Häuser wirken so hingestellt, als hätten sie sich in der Landschaft schlafen gelegt. Und das alles wirkt sehr offen, manchmal sogar verletzlich. In den USA, wo die Frontier-Tradition mit den vielen Zäunen und Mauern gerade aktuell wieder eine Renaissance erlebt, ist das fast schon ein politisches Statement. 50 Jahre nach Neutras Tod nähert sich das Wien Museum dem Werk und dem Wirken des Architekten auf zwei unterschiedlichen Ebenen: Aktuelle Fotografien von David Schreyer zeigen neun exemp-


© David Schreyer 2017

ARCHITEKTUR

© David Schreyer 2017

Die österreichische Moderne, die fordistischen Technologien und die kalifornische Wüste kommen zusammen.

larische Wohnhäuser Neutras, die nicht nur kalifornische Wohnkultur vermitteln, sondern durch ihre Raumökonomie, gestalterische Qualität und Funktionalität auch heute noch vorbildlich sind. Ergänzend dazu wird auf einer historischen Achse Neutras wechselhafte Beziehung zu seiner Heimatstadt Wien nachgespürt.

VON DER PROVINZ IN DIE MODERNE Richard Neutra wurde 1892 als Sohn einer jüdischen Wiener Familie geboren. Bald nach Beginn seines Studiums an der Technischen Hochschule wurde er in die private Bauschule von Adolf Loos aufgenommen. Loos, der stets voller Begeisterung von seinem Aufenthalt in Amerika berichtete, war es auch, der in Neutra den Wunsch erweckte, einmal selbst in die USA zu reisen, um dort neuartige Bautechniken, aber auch das Werk von Frank Lloyd Wright zu studieren, dessen revolutionäre Bauten in Wien durch Reproduktionen bekannt waren. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs machte diese Pläne jedoch zunichte, Neutra wurde an die Front nach Bosnien-Herzegowina geschickt. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie gab es für junge Architekten in Wien kaum Arbeitsmöglichkeiten. Österreich war nach dem Ersten Weltkrieg zu eng geworden. Über Zürich, wo er für den Landschaftsplaner Gustav Ammann tätig war und während dieser Zeit seine künftige Frau Dione kennenlernte, und Berlin, wo er im Atelier von Erich Mendelsohn arbeitete, gelang Neutra schliesslich 1923 die ersehnte Ausreise in die Vereinigten Staaten von Amerika.

Das Wilkins House in Pasadena, erbaut 1949.

DIE POTENZIALE VON EMIGRANTEN Ab 1925 lebten die Neutras in Los Angeles, zunächst bei dem Otto-Wagner-Schüler Rudolph Schindler, der seit 1914 in den USA ansässig war. In den folgenden Jahren konnten die beiden Wiener Emigranten eine Reihe von Wohnhäusern errichten, die heute zu den bedeutendsten Bauten der kalifornischen Moderne zählen. In ihnen zeigt sich die Wiener Prägung durch Wagner und Loos ebenso wie das Interesse an der lokalen Baukultur der Pueblo-Indianer und innovativen Bautechniken und Materialien. Aus diesen vielfältigen Einflüssen entstand eine genuin amerikanische, von den historischen europäischen Stilen unabhängige Architektur. Mit dem Lovell Health House wurde Richard Neutra 1929 international

bekannt und erhielt in Folge zahlreiche Bauaufträge. In Österreich dagegen konnte Neutra nur ein Haus verwirklichen – das kleine Einfamilienhaus in der Wiener Werkbundsiedlung wurde 1932 fertiggestellt.

VORREITER DES SOZIALEN UND ÖKOLOGISCHEN WOHNENS Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Neutras Einfamilienhäuser zu Modellen für das neue Wohnen der Mittelschicht: Die offenen Grundrisse brachten neue Wohnbedürfnisse zum Ausdruck und machten durch innovative, leichte Konstruktionen eine maximale Öffnung zur umgebenden Landschaft möglich. Der Mensch, so Neutra, sollte möglichst «naturnah» leben. Die Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner wurden mittels Fragebögen

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© David Schreyer 2017

ARCHITEKTUR

DIE HÄUSER DER ­AUSSTELLUNG

• Miller House, Palm Springs, 1936 / 37 • Strathmore Apartments, Westwood, Los Angeles, 1937

• McIntosh House, Silver Lake, Los Angeles, 1937 – 1939

• Freedman House, Pacific Palisades, Los Angeles, 1949

• Wilkins House, Pasadena, 1949 • Oyler House, Lone Pine, 1959 • Kambara House, Silver Lake, Los Angeles, 1959 – 1961

• Ohara House, Silver Lake, © David Schreyer 2017

Transparenz hat Vorfahrt.

Los Angeles, 1961 VDL II

• Research House, Silver Lake, Los Angeles, 1965 / 66.

Weiss-Aufnahmen Julius Shulmans verstanden werden, die bis heute die Wahrnehmung von Neutras Bauten prägen. David Schreyer zeigt die Häuser nicht als überhöhte Kunstwerke, sondern als ästhetische hochwertige Gebrauchsobjekte.

Das Mcintosh House in Silver Lake, Los Angeles, erbaut 1937 – 1939.

erhoben. Standardisierung, Präfabrikation und billige Baumaterialien sollten diese Architektur allgemein erschwinglich machen. Auch in seinen einflussreichen Büchern hatte Neutra stets die grossen sozialen Fragen im Blick. Heute gelten Neutras Häuser als Luxusimmobilien, während er selbst im Schaffen von leistbarem Wohnraum und einer gesellschaftlich relevanten Architektur ein wesentliches Ziel seiner Arbeit sah. Das wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA auch gewürdigt. Das Zeitalter der massiven Klimaanlagen setzte aber seinem Wirken Grenzen. Heute, im Zeichen des Klimawandels, sehen wir wieder die Vorteile der Transparenz, die Durchlüftungsstrategien ermöglichen. Die leichten, transparenten und standardisierten Bauten von Neutra sind Gegenmodelle zu den abgeschotteten Würfelkisten unserer Tage. Klar können im Innenraum keine Schrankwände aufgestellt werden, die Panzerschiffen gleichen. Es dominieren Lesecken

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mit farbenfrohen Sesseln und Sofas oder flache Bücherboards. Es herrscht ein unaufgeregter nüchterner Stil vor – genau der, der heute gefragt ist.

DIE ARCHITEKTURFOTOGRAFIEN VON DAVID SCHREYER Von den rund 300 Bauten, die Neutra in einer fast 50-jährigen Bautätigkeit realisieren konnte, steht der Grossteil in Kalifornien. Aus diesem riesigen Pool wählten die Kuratoren neun Häuser aus, die im Detail dokumentiert wurden. Zeitlich parallel zu ausführlichen Gesprächen, die Andreas Nierhaus mit den heutigen Bewohnerinnen und Bewohnern führte, entstanden die Fotografien von David Schreyer. Sie zeigen die Häuser in ihrem heutigen Zustand und ihrer aktuellen Nutzung – es sind keine aufgeräumten Hochglanzbilder, sondern präzise Analysen der alltäglichen Wirklichkeit dieser Bauten. Die Fotografien können auch als Antwort auf die bekannten Schwarz-

Die in der Ausstellung präsentierten Häuser entstanden in einem Zeitraum von 30 Jahren, von 1936 bis 1966. Räumlich liegt der Schwerpunkt auf Los Angeles und dem Stadtviertel Silver Lake, wo bis heute zahlreiche Bauten Neutras wie auch sein eigenes Wohnhaus zu finden sind. Exkursionen führen in die noble Nachbarstadt Pasadena, in die Oase von Palm Springs und die Mondlandschaft von Lone Pine. Die Häuser zeigen die ganze Bandbreite von Neutras Können im Einfamilienhausbau und vermitteln sein stringentes architektonisches System, das zugleich grosse Vielfalt und individuelle Abwechslung möglich macht. Viele der Häuser Neutras, ehemals häufig für die Mittelschicht konzipiert, sind mittlerweile Luxusobjekte und gleichzeitig nicht selten vom Abbruch bedroht, denn die rasant steigenden Grundstückspreise in Los Angeles machen die verhältnismässig kleinen Bauten für die Immobilienwirtschaft unrentabel. Das ist die aktuelle Schattenseite, die dem Architekten und Gesellschaftsvisionär Richard Neutra sicher nicht gefallen hätte.

GEORG LUTZ ist Chefredaktor bei bauRUNDSCHAU. www.wienmuseum.at


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ARCHITEKTUR

EIN ARCHITEKTONISCHES WERK DAS WIRKEN VON FERDINAND SCHUSTER von Georg Lutz

Die Nachkriegsmoderne der Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts verlangte schnelle und funktionale Lösungen. Trotzdem gelang es einigen Architekten, eine eigene Sprache, die auch für andere stilbildend war, zu entwickeln.

D

er Architekt Ferdinand Schuster (1920 – 1972) zählt in diesem Rahmen zu den bedeutendsten Vertretern der österreichischen Baukultur der Nachkriegsmoderne. Am 21. September 2020 wäre Ferdinand Schuster 100 Jahre alt geworden. Ausstellung und Publikation geben aus diesem Anlass einen Einblick in sein umfassendes Werk.

Seine Haltung vermittelte Schuster in der Architekturlehre an der Technischen Hochschule Graz, an der er von 1964 bis 1972 den Lehrstuhl für Baukunst und Entwerfen innehatte. In den Jahren 1950 bis 1972 prägte Ferdinand Schuster mit 140 Bauund Planungsprojekten die österreichische Nachkriegsarchitektur. Stets war es sein

Ziel, als Architekt «Anwalt der Menschen» zu sein und Verbesserungen des Lebensumfeldes zu schaffen. Mit den Ressourcen Material, Fläche und Raum ging er sorgsam um, denn Architektur bedeutete für ihn, die Verantwortung gegenüber der Bauaufgabe, der Funktion und dem Nutzer vor die rein formale Geste zu stellen. Nicht nur im schnell wachsenden Kapfenberg, sondern auch in anderen Gemeinden der Steiermark gab es Anfang der 1950er-Jahre nur begrenzte finanzielle

© Michael Goldgruber

Vor allem in Kapfenberg und Graz realisierte Ferdinand Schuster Kirchen-, Industrie-, Freizeit-, Bildungs- und Wohnbauten.

Schusters Arbeit entstand stets im Kontext seiner Reflexionen über die kulturellen, sozialen und politischen Dimensionen des Bauens.

Freizeit für die Nachkriegsmoderne: das Stadionbad Kapfenberg.

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ARCHITEKTUR

Nicht nur ein Funktionsraum – Kindergarten in Leoben-Waasen. © Michael Goldgruber

Als Angestellter der Planungsabteilung der Böhlerwerke Kapfenberg entwarf Schuster zunächst zahlreiche Wohngebäude, die bis zum Schluss einen Schwerpunkt seiner baulichen Tätigkeit bilden sollten. Mit seinem Architekturbüro realisierte er Bildungsbauten, die sich durch ihr vielfältiges Raumangebot mit angelagerten Freibereichen auszeichneten. Schuster konzipierte Schulen als ein zweites Zuhause, das eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Lehrerinnen und Lehrern und Schülerinnen und Schülern förderte. Gleichzeitig dienten sie auch als Kulturzentren, Vereinshäuser und Mittelpunkt des sozialen Lebens in Städten und Siedlungen.

© Michael Goldgruber

Ressourcen. Auf der anderen Seite bestand jedoch ein enormer Bedarf an Wohnbau sowie neuen Bauten für Schulen, Kindergärten und Arbeitsstätten. Schuster war Pionier in diesem Spannungsfeld der Nachkriegszeit, in dem mit wenig Mitteln viel geschaffen werden musste.

DIE BEDEUTUNG VON MEHRZWECK-KONZEPTEN Seine Kirchen und Kapellen wirken bis heute durch ihre klaren, sachlichen Räume, die ihre sensuelle Erfahrbarkeit im Zusammenspiel von Licht und religiösen Ritualen erhalten. Mit der Typologie des «Mehrzweckraums» suchte Schuster die Antwort auf eine sich in der Nachkriegszeit in Österreich immer stärker teilende Gesellschaft. Er stellte fest, dass «… die Arbeitsteilung ohne Zweifel zum Verlust vieler für den Menschen wesentlicher Ganzheiten geführt hat …». Durch Mehrzweck-Konzepte und in seinen Siedlungsplanungen forderte er daher immer wieder Räume für Begegnungen im Alltag ein, trotz

AUSSTELLUNG UND BUCH ZUM LEBEN VON FERDINAND SCHUSTER

Die Ausstellung war bis zum 14. August im HDA in Graz zu sehen. Ab 18. September kann sie in Kapfenberg und ab 13. November in Wien besucht werden. Die umfassende Publikation «Ferdinand Schuster (1920 – 1972). Das architektonische Werk: Bauten, Schriften, Analysen», hervorgegangen aus einem mehrjährigen OeNB-­ Forschungsprojekt am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften der TU Graz, ist bei Park Books erschienen.

Nüchtern und doch schön – Reihenhaussiedlung in Kapfenberg-Redfeld.

der damals propagierten neuen stadträumlichen und funktionalen Trennung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit. Bis heute sind die Spuren von Schusters baulichem Schaffen vor allem in Kapfenberg gut erkennbar: Die vorhandene städtebauliche Struktur basiert auf der Idee der Bandstadt, die er bereits in seiner Dissertation konzipierte; Schulen und Kindergärten sind erweiterbar und heute noch in Gebrauch. In der baulichen Ausformung und Konstruktion ist die Architektur von Ferdinand Schuster durch ihre Entstehungszeit geprägt. Die verwendeten Materialien waren gebräuchliche Baustoffe wie Holz, Ziegel oder Beton, die er mit einem präzisen Verständnis für Oberfläche, Detail und Wirkung einsetzte. Seine Gebäude

l­assen sich auch heute noch mühelos auf technischer, funktionaler, gesellschaftlicher und atmosphärischer Ebene an aktuelle Veränderungen anpassen. Die Ausstellung und eine Buchpublikation spüren dem Leben und Werk von Schuster nach und fragen, neben der Würdigung seines facettenreichen Œuvres, nach der Relevanz seiner Denkansätze und Herangehensweisen für die heutige Zeit.

GEORG LUTZ ist Chefredaktor bei bauRUNDSCHAU. www.hda-graz.at

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ARCHITEKTUR

IM DIALOG MIT DER LANDSCHAFT ARCHITEKTURSPRACHE IN NATURRÄUMEN von Georg Lutz

Das Aedes Architekturforum Berlin zeigte im ersten Halbjahr 2020 die Ausstellung «Arctic Nordic Alpine». Diese widmete sich zeitgenössischer Architektur in gefährdeten Naturlandschaften und beleuchtete den Einfluss baulicher Eingriffe in die Landschaft, die durch extreme klimatische Bedingungen gekennzeichnet ist. Präsentiert wurden wegweisende Projekte des international renommierten Architektur- und Designbüros Snøhetta.

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© Snøhetta

ARCHITEKTUR

N

aturlandschaften, ob in Norwegen oder dem Alpenraum, wirken wild, sind aber sensible Ökosysteme. Sie hatten in der Geschichte der Menschheit schon sehr viele unterschiedliche Funktionen und Bedeutungen. Noch vor 200 Jahren hatten die Bergwelten etwas Bedrohliches. Sie waren ein menschenfeindliches Gebiet. Wer die Alpen oder norwegischen Gletscher überqueren musste, hangelte sich auf Saumpfaden von Schutzhütte zu Schutzhütte. Diese klebten an den Berghängen und die Architektur war nur dazu da, einen Raum für Schutz zu gestalten. Später siedelten sich dann auch vermehrt Menschen im Alpenraum an. Das Leben war aber hart. Der Boden gab nicht viel her und der Nachwuchs wurde als Verdingkinder in reichere Regionen wie dem Bodenseeraum geschickt. Die Höfe stopften schlicht nicht viele Mäuler. Entsprechend sah auch die Architektur der kleinen Bauernhöfe aus. Sie war schlicht und funktional gehalten. Für reiche Europäer entwickelte sich der Alpenraum im 19. Jahrhundert

JUBILÄEN AEDES UND ZUMTOBEL

Mit dieser Ausstellung feiert das Aedes Architekturforum sein 40-jähriges Bestehen und ebenso die langjährige Partnerschaft mit dem Unternehmen Zumtobel, das ihr 70-Jahr-Jubiläum begeht. Seit 25 Jahren fördern der weltweit operierende österreichische Leuchtenhersteller und Aedes den ­internationalen und interdisziplinären Architekturdiskurs im Spannungsfeld von Kultur und Technologie im ­baulichen Kontext. Ein Ergebnis dieser für beide Seiten fruchtbaren und erfolgreichen Partnerschaft ist seit 2007 der ­gemeinsam entwickelte, international anerkannte Zumtobel Group Award – ­Innovations for Sustainability and Humanity in the Built Environment. Das 70-Jahr-Jubiläum von Zumtobel markiert einen weiteren Meilenstein in der Zusammenarbeit zwischen dem Unternehmen und renommierten Architekturbüros. So basiert die Neugestaltung des Konzernsitzes und der Produktionsstätten der Zumtobel Group in Dornbirn auf einem nachhaltigen Gestaltungskonzept von Snøhetta.

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© Christian Flatscher

Bei Innsbruck gibt es eine neue Attraktion, den Perspektivenweg. Auf dem Rundweg stehen unterschiedliche Sitzobjekte, die uns die Dimensionen und Werte der Alpen begreiflich machen.

Massentourismus viel Geld. Die Speerspitze dieser Entwicklung können wir in Ischgl beobachten. Im Ballermann der Alpen lassen enthemmte Wohlstandstouristen die Sau raus. Etablissements wie die «SchatziBar» oder im «Kitzloch» sind in Wohnbunker

aus Beton eingebettet, die sehr professionell dazu dienen, den Feierwütigen möglichst schnell und unauffällig das Geld aus der Tasche zu ziehen1. Ischgl – seit diesem Frühjahr bekannt als «Corona-Hotspot» steht nun vermutlich am Ende einer Entwicklung.

© Christian Flatscher

dann zu einer Herausforderung. Alle Gipfel mussten erobert werden und damit begann sich im 20. Jahrhundert der Skitourismus zu entwickeln. Die ehemaligen Bergbauern setzen ihre Bauernhöfe und Kühe als Kulisse ein und verdienten mit dem winterlichen

SNØHETTA BAUT AUF KULTUR In den vergangenen 30 Jahren hat Snøhetta eine Reihe von Kulturbauten realisiert, die zu den bemerkenswertesten der Welt gehören: Die Geschichte des Büros begann 1989 mit dem Gewinnerentwurf zum Wettbewerb für die neue Bibliothek von Alexandria in Ägypten. Später folgten unter anderem die Norwegische Nationaloper in Oslo, das San Francisco Museum of Modern Art (SFMOMA) und der National September 11 Memorial Museum Pavillon im World Trade Center in New York City. Seit seiner Gründung ist das norwegische Architektur- und Designstudio seinem ursprünglichen transdisziplinären Ansatz treu und verbindet in seinen Projekten Architektur, Landschaftsgestaltung, Kunst, Innenarchitektur, Grafikund Produktdesign. Snøhetta hat Büros in sieben Städten in sechs Ländern – in Oslo, New York, San Francisco, Innsbruck, Paris, Hongkong und Adelaide – und beschäftigt aktuell mehr als 250 Mitarbeiter aus 30 Nationen.

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Das Projekt des Perspektivenweges ermöglicht Naturgenuss bei gleichzeitigem Landschaftsschutz.


© Ketil Jacobsen

ARCHITEKTUR

© Jan M. Lillebø

Der Dialog mit der Landschaft wird optimiert.

Was daraus folgt, bleibt aber abzuwarten. Die Macherinnen und Macher der Ausstellung wollen an diesem historischen Wendepunkt andere Zeichen setzen. Es geht um den Versuch, Klima, Ökologie und Architektur wieder zu versöhnen.

DER WUNSCH, AUTHENTISCH ZU GESTALTEN Wie Felsen ragen diese Objekte dem Himmel entgegen. Modern, abstrakt und eingebettet in die Natur erfüllen Berghütten ihre Zwecke für Berggänger. Die grössten Herausforderungen für Planer und Architekten scheinen heute in den Städten und Ballungsräumen zu liegen. Snøhetta erwartet jedoch, dass die Belastung durch den Menschen auch ausserhalb der Städte deutlich zunehmen wird. Auch wenn es widersprüchlich erscheint: Abgelegene Gegenden seien besonders attraktiv für Menschen, die zunehmend den Wunsch hätten, Teil von etwas Authentischem zu sein. Das Ziel der Arbeit von Snøhetta ist es, das Gefühl für Umgebung, Identität und Beziehung zu anderen und die physischen Räume, in denen Menschen leben, zu verbessern. Die Ausstellung Arctic Nordic Alpine widmete sich zeitgenössischer Architektur in gefährdeten Naturlandschaften. Sie beleuchtete insbesondere den Einfluss baulicher Eingriffe auf Regionen mit extremen klimatischen Bedingungen. Ausgewählte Projekte des international renommierten Architektur- und Designbüros Snøhetta verdeutlichen, dass Architektur massgeblich zum Klimaschutz beitragen kann. So fördert sie mit innovativen

Der «Tverrfjellhytta Norwegian Wild Reindeer Centre Pavilion» von Snøhetta: Architektur steht für Klima- und Naturschutz.

Strategien einen nachhaltigeren Umgang mit der Natur – und das stets im Dialog mit der Landschaft.

HINTERGRUND DER AUSSTELLUNG Kjetil Trædal Thorsen, Mitgründer von Snøhetta, betonte: «Für viele Menschen ist die Peripherie ins Zentrum des Interesses gerückt und die Natur zu einem Sinnträger geworden. Auch wenn es widersprüchlich erscheinen mag, werden dadurch abgelegene Gegenden besonders attraktiv für Menschen, die zunehmend den Wunsch haben, Teil von etwas Authentischem zu sein. Um die vielfältige Nachhaltigkeit dieser Orte für die Zukunft zu bewahren, ist es oft richtig, nicht zu intervenieren.

sorgen, dass eine weitere Zerstörung verhindert wird. Wir sind uns bewusst, dass jeder Eingriff den aktuellen Zustand eines Ortes verändert. Mit unserer Leidenschaft zu gestalten und unserer Vorstellungskraft können wir die Geschichten, die die Natur erzählt, einbeziehen und in architektonische Form und Sprache übersetzen.»

ANMERKUNG 1) Der österreichische Fotograf Lois Hechenblaikner hat das als einheimischer Dokumentarist des nackten Grauens in einem Bildband publiziert.

GEORG LUTZ ist Chefredaktor bei bauRUNDSCHAU.

Aber an Orten, die bereits unter Druck stehen, wird es entscheidend sein, dafür zu

www.aedes-arc.de

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© Philippe Hubler

ARCHITEKTUR

KREATIVITÄT UND MUT INNOVATIVE ARCHITEKTUR BEIM BEST ARCHITECTS 21 AWARD von Elisa Beck

Der best architects 21 award ist vergeben worden. Mit annähernd 400 Einreichungen war die Teilnehmerzahl höher denn je. Die grosse Vielfalt an unterschiedlichsten Projekten war beeindruckend und zugleich eine grosse Herausforderung für die diesjährige Jury. Die Einreichungen verdeutlichen: Das klassische Einfamilienhaus macht einen Wandel durch. Der folgende Beitrag stellt daher die Bewerber in der Kategorie «Einfamilienhaus» vor. Weitere prämierte Kategorien sind «Mehrfamilienhäuser», «Büro- und Verwaltungsbauten», «Gewerbe- und Industriebauten», «Bildungsbauten» und «Öffentliche Bauten».

D

ie Ansprüche an Einfamilienhäuser sind heutzutage vielseitig. «Es ist spannend zu sehen, wie lebendig sich die Architektur entwickelt. Neue Herausforderungen werden von den Architekten mit viel Kreativität und Mut in Angriff genommen und es entstehen dadurch überraschende neue Lösungen. Jenseits von

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formalen Ansätzen steht meist ein starkes Konzept im Vordergrund, welches der Beständigkeit von Architektur und der sich oft über die Zeit verändernden Nutzung gerecht wird. Diese Entwicklung wurde mit den diesjährigen ausgezeichneten Projekten gewürdigt», sagt Tobias Schwarzer, der Initiator des best architects award.

TEAMWORK FÜR QUALITÄT Bei den vielen Einsendungen ist es schwierig, Richtlinien festzulegen, an denen die unterschiedlichen Ansätze gemessen werden sollen, weiss der Juror Patrick Schmid. «Lassen sich überhaupt Kriterien festlegen, anhand derer unterschiedliche Interventionen vergleichbar werden? Und wessen


© Luca Claussen

ARCHITEKTUR

Durch überdachte Aussenräume von Haus D//6 gehen Landschaftsraum und Wohnraum fliessend ineinander über.

Leistung soll denn honoriert werden? Gewiss, der best architects award richtet sich in erster Linie an Architekten. Aber jeder Architekt weiss, dass für ein gutes Gebäude sein eigenes Zutun allein nicht ausreicht: Mindestens ebenso entscheidend ist immer auch die Rolle, welche etwa Bauherrschaften und Behörden spielen. Ein Bauwerk von ausserordentlicher Qualität zeugt also immer auch von einem besonders konstruktiven Zusammenwirken aller beteiligten Akteure. Wenn wir nun vor den Resultaten unserer Jurierung stehen, dann wird klar, dass sich die prämierten Projekte durch genau jenes Zusammenspiel der Beteiligten auszeichnen. Sie schaffen es, über starke Ideen auf einer höheren Ebene etwas zu bewirken: Sie leisten einen Beitrag zu unserer Gesellschaft.» Ein Einfamilienhaus, das heisst also schon lange nicht mehr vier Wände mit einem Dach und im besten Fall einem kleinen Garten. Neben Ästhetik werden auch Nachhaltigkeit und Regionalität immer

wichtiger. Dabei wird besonderer Wert auf die Materialien und deren Verarbeitung gelegt. Bei den Einsendungen in der Kategorie Einfamilienhaus überrascht es daher wenig, dass bei neuen Häusern Holz und Glas dominieren.

INNOVATION UND NACHHALTIGKEIT Moderne Einfamilienhäuser sind schon lange keine Serienprodukte oder auffällige futuristische Bauten ohne jeden Alltagsbezug mehr. Vielmehr liegt der Fokus darauf, das Gebäude wie auch das Leben der Bewohner mit den natürlichen Bedingungen zu verflechten. In der Kategorie «Einfamilienhäuser» schaffte es das Büro Aretz Dürr Architekten aus Köln (D) mit dem Projekt «Haus D // 6», den Goldrang zu erreichen. Sie kreierten ein Wohnhaus, das vor allem kostengünstig und nachhaltig ist, dabei jedoch wertig und beständig bleibt. Die Umgebung wird fliessend in den Wohnraum einbezogen, sodass

ein einladendes Miteinander entsteht. Dieses Einfamilienhaus ermöglicht so das Wohnen im Einklang mit der Umgebung und der Natur. Seine Gestaltung beschränkt sich auf das Notwendige und demonstriert, dass es keinen grossen Prunk braucht, um komfortabel zu leben. Ähnlich präsentiert sich auch das Projekt «Kleines Haus» aus dem Büro Lukas Lenherr Architektur aus Zürich (CH). Hier wurde in einer Remise Platz für drei Zimmer geschaffen, die Öffnungen im Inneren verknüpfen die Räume und schaffen Durchblicke nach draussen. Korridore gibt es auf den so entstandenen knapp 100 Quadratmetern nicht, das Haus besteht aus Sequenzen von Räumen, die auf diese Weise erfahrbar werden. Alle verwendeten Materialien sind natürlich belassen, das Erscheinungsbild ist klar und reduziert. Die Holzfassade aus regionalem Bestand wird sich im Laufe der Jahre mit der natürlichen Witterung verfärben, auch die Montagetechniken sind absichtlich sichtbar belassen worden. Auf diese

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© Eligio Novello

ARCHITEKTUR

Aus einer alten Remise wurde ein modernes kleines Wohnhaus mit drei Ebenen.

Weise ist ein zurückhaltender Bau entstanden, der sich in den historischen Kontext der umliegenden Gebäude einfügt und den Ort nachhaltig prägt.

BEWUSSTES WOHNEN Im Mittelpunkt steht also das Zusammenspiel mit der Natur und den historischen wie auch aktuellen Gegebenheiten, um ein harmonisches Gesamtkonzept zu erreichen. Die Einfamilienhäuser sollen (Wohn-)Raum schaffen und trotzdem verankert sein. Ein modernes Zuhause bedeutet schon lange nicht mehr auf Hochglanz polierte Marmoroder Metallflächen und geometrische Strukturen. Vielmehr soll im Grundriss, in

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© Hannes Henz

© Florian Amoser

Der Neubau soll nachhaltig und anpassungsfähig sein.

Das restaurierte Haus am Zürichsee erstrahlt wieder in seiner originalen Farbgebung.

den Materialien und natürlich in der Lage eine Nähe zur Natur bewahrt und ein Zugang dazu ermöglicht werden. Auch der traditionelle Grundriss mit abgeschlossenen Räumen und fester Aufteilung rückt immer mehr in den Hintergrund, stattdessen gibt es fliessende Übergänge und grosszügige Strukturen. Neubauten begegnen unter den Einsendungen in einer Bandbreite von opulent bis sparsam, doch immer kommt es auf Nachhaltigkeit und Natürlichkeit an. Natürlichkeit nicht nur im Sinne der Materialien, sondern auch in der Art, wie sich das Gebäude in die Umgebung einfügt und

schliesslich auch in der Entstehung. Die Rückbesinnung auf vergangene Zeiten und Werte zeigt sich auch in der Bauart der einzelnen Gebäude: Man setzt sich auf einer zeitgenössischen Ebene mit dem Handwerk auseinander, es geht darum, etwas Dauerhaftes zu erschaffen und verantwortungsvoll mit der Grundfläche und den Gegebenheiten umzugehen. Die Sieger haben sich durchgesetzt aufgrund ihres kreativen Umgangs mit den zeitgenössischen Anforderungen und Präferenzen. Zeitgemässes Wohnen, das heisst heute auch bewusstes Wohnen. Bewusster Bezug zur Natur, zur Vergangenheit und schliesslich auch zu sich selbst.


ARCHITEKTUR

© Rolf Siegenthaler

RESPEKTVOLLER UMGANG MIT DER VERGANGENHEIT Doch nicht nur Neubauten konnten die Jury überzeugen. Auch jahrhundertealte Gebäude, die eine Restaurierung oder Sanierung erfahren haben, gehören zu den Preisträgern. Wer hier an schiefe Fachwerkhäuser mit niedrigen Decken und winzigen Fenstern denkt, liegt falsch: In einem Balanceakt zwischen Tradition und Innovation entstehen Lebensräume, die den modernen Bauten in nichts nachstehen. Ein Beispiel ist das Projekt «Jurastrasse 58» von den Architekten Kast Kaeppeli aus Bern (CH). Vor dem Umbau befand sich das Haus mit seinen drei kleinen Zwei-ZimmerWohnungen in einem schlechten baulichen Zustand. Im Zuge der baulichen Sanierung und der energetischen Optimierung konnten dank einer räumlichen Erweiterung daraus zwei zeitgemässe Familienwohnungen geschaffen werden. Dank der übereinanderliegend konzipierten Wohnungen wird die restaurierte Laubentreppe auch weiterhin genutzt und bleibt somit als wichtiges ortstypisches Element erhalten. Zusätzlich

Die Sanierung älterer Gebäudestrukturen ist ein Balanceakt zwischen Tradition und Innovation.

Sommerlicher Wärmeschutz: cool bleiben mit Minergie Die Hitzetage nehmen zu. Wenn wir heute klimagerecht bauen, schützen diese Gebäude uns alle auch noch in 50 Jahren vor Hitze. Angenehme Temperaturen ohne Klimaanlage – wie schaffen wir das? Wie spielen Architektur und Technik ideal zusammen? minergie.ch/waermeschutz

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© Simon Menges

ARCHITEKTUR

wurde Wert darauf gelegt, die Strukturen des Altbaus zu erhalten. In einem Anbau befindet sich ein offen gestalteter Raum zur Wohnnutzung, die ehemalige Fachwerkfassade wird nun zum innenliegenden Detail, das an die Geschichte des Hauses erinnert. Auch der Aussenfassade wird Tribut gezollt: Sie wurde fachkundig mit zeittypischer Gestaltung saniert. So bleibt der historische Charakter des Gebäudes erhalten. Der Anbau ist absichtlich zurückhaltend gestaltet und greift nicht in die Strukturen des Haupthauses ein, er ergänzt sie lediglich. Fenster und Dachkonstruktion sind an die Hanglage angepasst und sorgen somit für helle und offene Strukturen. Das Ergebnis dieser Sanierung ist eine detailreiche Architektur, die auf Bestand und Topografie spezifisch reagiert und den gegebenen Platzverhältnissen qualitätvolle Wohnräume abgewinnt, ohne den Wert des historischen Gebäudes zu schmälern. So geschehen auch an einem Haus aus dem Jahr 1908 an den Hängen über dem Zürichsee. Hier wurden markante Originalelemente nicht nur beibehalten, sondern dienten darüber hinaus als Leitmotive für den weiteren Entwurf. Aus einem geschlossenen Grundriss wurde ein fliessendes Wohnkonzept, das Wert auf Offenheit und Grosszügigkeit legt und dennoch genug Rückzugsorte für die Bewohner bietet. Dazu gehört ein neu geschaffener Raum unter dem Dach mit verglaster Giebelwand,

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© Gustav Willeit

Das asymmetrisch strukturierte Bauvolumen bietet maximale Wohnfläche auf zwei Ebenen.

Die Architekten setzen auf lokale und regionale Materialien wie Holz. Auf synthetische Materialien wird verzichtet.

die den Ausblick über den Zürichsee auf die Alpen freigibt. Für ausreichend Privatsphäre sorgt ein aussen liegendes Holzgitter, das aus den ursprünglichen Entwürfen von 1908 stammt. Die Umgestaltungen werden als Dialog mit dem Gebäude und seiner Vergangenheit verstanden, auch das Farbschema greift die Originalfarben wieder auf. Sie waren bei der Restaurierung unter alten Farbschichten wieder aufgetaucht. Doch nicht nur auf die Vergangenheit wird Rücksicht genommen: Durch die Modernisierung

der Haustechnik, den Einbau neuer Fenster und die Isolierung des Daches konnte die Umweltbilanz des Hauses deutlich verbessert werden.

ELISA BECK ist Redaktorin bei bauRUNDSCHAU. www.bestarchitects.de


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BAUEN

VIEL LUFT NACH OBEN GEBÄUDE UND KLIMASCHUTZ von Georg Lutz

Bis 2050 soll die Schweiz klimaneutral werden, das verlangt das Pariser Klimaabkommen und hat der Bundesrat unlängst bekräftigt. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen jährlich über drei Prozent der Gebäude energetisch saniert werden. Aktuell liegen wir aber unter einem Prozent. Folglich muss die Sanierungsquote der Altbestände massiv gesteigert werden. Der Erneuerungszyklus schreitet in der Schweiz noch viel zu langsam voran. Es dauert 60 bis 100 Jahre, bis der gesamte Gebäudebestand energetisch saniert ist. Auch bei Neubauten gibt es noch Luft nach oben. Energieeffizienz und CO2-Einsparung müssen auf die Agenda. Wir lassen eine Expertin der Baubiologie zu Wort kommen.

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BAUEN

Die CO2-neutrale Wohnüberbauung in Männedorf produziert über die Photovoltaikmodule an Fassaden und Dächern sowie die beiden Windräder den benötigten Strom lokal.

ZUKUNFTSFÄHIG BAUEN DEN GESAMTEN LEBENSZYKLUS IM AUGE BEHALTEN von Thea Rauch-Schwegler

Der Gebäudepark spielt bei der Reduktion der Treibhausgase eine wichtige Rolle. Diese Aufgabe bedingt aber die Betrachtung des gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes oder einer Siedlung. Dazu ist eine vermehrte Koordination aller Fachbereiche dringend nötig. Deshalb suchen Berufsverbände der Baubranche eine engere Zusammenarbeit in der Berufsbildung. Seite 54 // bauRUNDSCHAU


© Beat Bühler

BAUEN

spürbar. Der Handlungsbedarf besteht dringend, da die Erderwärmung wie ein riesiger Ozeandampfer nur langsam zu stoppen ist. Im Gegensatz zu diesem kann sie aber nicht umgekehrt werden. Deshalb sind die Ziele der Agenda 2030 und der Energiestrategie 2050 unbedingt umzusetzen. Denn «nichts zu machen, kostet mehr»2,3. Auch die Baubranche steht diesbezüglich vor grossen Herausforderungen. Sie kann einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung der CO2-Reduktionsziele leisten, da sie 37.3 Millionen Tonnen Treibhausgase4 von den total ausgestossenen 120.3 Millionen Tonnen5 produziert (Betriebsenergie und Materialien). Der geplante Absenkpfad verlangt bis 2050 einen CO2-frei betriebenen Gebäudepark. Die CO2-Reduktionsziele sind aber nur durch den konsequenten Einsatz erneuerbarer Energien und entsprechender Wärme-Kälte-Systeme erreichbar. Zudem muss die graue Energie, die bei der Herstellung von Materialien benötigt wird, aus erneuerbaren Ressourcen stammen.

DER GESAMTE LEBENSZYKLUS

D

ieses Jahr hat das Coronavirus die Aufmerksamkeit auf ein akutes und vergleichsweise kurzfristig lösbares Problem gelenkt. Wobei es Überschneidungen gibt. So hat sich das Coronavirus wie ein Brennglas auf die Situation in der industrialisierten Landwirtschaft gelegt. Beim Sojaanbau in Brasilien und den unsäglichen Zuständen in gewissen Schachthöfen überschneiden sich Klima und Corona. Nun ist aber das mittel- und langfristig gravierendere Problem der Erderwärmung

wieder ins Auge zu fassen und mit Massnahmen anzugehen. Das Parlament hat im Juni 2020 zwar mit der Annahme des CO2Gesetzes einen ersten Schritt getan. Dieser reicht aber bei Weitem nicht aus. Denn die Erderwärmung entwickelt sich langsam und hat langfristige Auswirkungen. Die wissenschaftlichen Fakten weisen zwar schon seit Jahrzehnten auf die schleichend herannahenden und irreversiblen Natur- und Gesellschaftsschäden hin1. Die Klimaveränderungen werden aber erst seit einigen Jahren

Nicht nur das Thema Energie betrifft den Gebäudepark, auch der hohe Materialverbrauch ist zu reduzieren. Denn die Erde ist begrenzt und für die nächsten Generationen stehen nicht mehr ausreichend materielle Ressourcen zur Verfügung.6 Neben der Suffizienz ist die Nutzung von erneuerbaren, wenn möglich gar regional vorhandenen Baustoffen sinnvoll. Baumaterialien, die über den gesamten Stoffkreislauf mit relativ geringem Energieaufwand und CO2Emissionen gewonnen werden können, sind Naturstein, Stroh, Lehm oder Holz. So wachsen beispielsweise jedes Jahr zehn Millionen Kubikmeter Schweizer Holz nach. Davon könnten sieben bis acht Millionen geerntet werden.7 Holz hat viele Vorteile und wird immer beliebter, vor allem auch bei öffentlichen Bauherren. 2017 wurden 1.54 Millionen Kubikmeter im Bauwesen eingesetzt, und zwar vorwiegend in Mehrfamilienhäusern und Gewerbebauten.8 Die Nachhaltigkeitsziele erfordern nicht nur von öffentlichen Bauherren ein Überdenken ihrer Strategien, sondern auch von privaten Investoren. Mit dem steigenden Verantwortungsbewusstsein wächst das Interesse an nachhaltigen Anlagemöglichkeiten im Immobiliensektor. Gesundes und nachhaltiges Bauen leistet dazu einen zentralen Beitrag. Aber dies erfordert ein Umdenken und veränderte Werthaltungen.

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BAUEN

EFFIZIENZ UND SUFFIZIENZ An dieser Stelle gilt es, eine Klarstellung vorzunehmen. Effizienz und Suffizienz werden oft gleichgesetzt. Dies stimmt aber nicht. Effizienz und Suffizienz müssen sich ergänzen. Bei Effizienz werden die bestehenden Lösungen und Materialien optimiert. Beispielsweise bringt eine neue Solarzelle einen höheren Wirkungsgrad und damit mehr Effizienz. Suffizienz bedeutet darüber hinaus keine Verschwendung von Material und Energie. Das heisst, Materialien so sparsam wie möglich am richtigen Ort einzusetzen und Abfälle zu vermeiden sowie energieeffiziente Geräte (zum Beispiel LED-Lampen) nicht länger zu nutzen, nur weil sie weniger Energie benötigen. Zudem ist bei Materialien darauf zu achten, dass deren Herstellung, der Gebrauch und die Entsorgung wenig Energie benötigen. Neue Materialien sollten somit nicht nur auf ihre Nützlichkeit hin geprüft werden, sondern über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg bis hin zum Recycling kritisch begutachtet werden. Die Frage der Regionalität spielt, wie oben erwähnt, ebenfalls eine zentrale Rolle. Denn regionale Baustoffe reduzieren auch die Transportwege.

REGIONALE STOFFKREISLÄUFE Bei diesem Thema muss die ganze Baubranche nachziehen. Es braucht dazu auch einen neuen gesetzlichen Rahmen. Zudem sind monetäre Anreize wichtig. Positiv zu vermerken ist, dass auch die grossen Berufsverbände nachhaltigen Strategien zugestimmt haben. Zentrale Hürden sind aber alte Wertsysteme, an denen wir uns orientieren. Ökologie wird leider oft immer noch mit Verzicht gleichgesetzt. Hier helfen Leuchtturmprojekte, um praktische Überzeugungsarbeit leisten zu können. Die Bauten von René Schmid Architekten sind ein Beispiel hierfür. Konkret geht es um ein Gesamtkonzept, das neben dem allgemeinen Ressourcenverbrauch sowohl die Energieproduktion als auch deren Speicherung und Nutzung durch die Bewohnerinnen und Bewohner beachtet und CO2-Neutralität erreicht. Zunehmend gewinnen Solarspeicher an Bedeutung, welche die Energiespitzen gut abfedern können. So wurde an der Hochschule Rapperswil das Power-to-GasKonzept entwickelt, mit dem überschüssige Energie gespeichert und später wieder bezogen werden kann. Und damit haben die René Schmid Architekten ­gemeinsam

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Die Bewohnerinnen und Bewohner bezahlen nur Strom, der das 2 000-Watt-Budget übersteigt.

mit der Umwelt Arena Schweiz eine vernetzte, zukunftsweisende 2 000-WattSiedlung errichtet, die sich auch für Investoren rechnet.

ES BESTEHT HANDLUNGSBEDARF Inzwischen wird immer deutlicher, dass bei Neubauten bereits problemlos nachhaltig gebaut werden kann. Demgegenüber stecken wir bei der Renovierung aber im sprichwörtlichen Sanierungsstau. Auch aus diesem Grund muss das Thema erneuerbare Energien viel stärker vorangetrieben werden. Da gab es in der Politik in den letzten Jahren viel zu zaghafte Vorstösse. Nur die Gebäudehüllen zu dämmen, reicht nicht. Ein Gebäude oder noch besser Siedlungen und Quartiere sind umfassend zu betrachten, um zukunftsfähige, das heisst auch klimafreundliche und gesunde Lösungen zu erhalten. Dies betrifft auch die Mobilitätskonzepte. In den nächsten Jahren wird die E-Mobilität sowohl auf der Strasse als auch als lokale Speicherlösung an Bedeutung gewinnen. Eine frühzeitige Planung ist dazu unabdingbar. Es gilt, nicht linear, sondern vernetzt zu denken.

KOORDINATION ALLER ­FACHBEREICHE Nachhaltiges Bauen ist eine komplexe und interdisziplinäre Aufgabe, die nur in Kooperation mit allen Beteiligten der Baubranche umgesetzt werden kann. Da

Bauen eine Vielzahl von Interessen in den unterschiedlichen Lebenszyklus-Phasen eines Bauwerks berücksichtigen muss, ist es wichtig, dass alle am Bau Beteiligten dasselbe unter nachhaltigem Bauen verstehen. Dieses Verständnis wird zwar durch verschiedene Labels und Standards für nachhaltiges Bauen und deren Teilbereiche unterstützt. Offensichtlich ist das umfangreiche Angebot an Qualitätssicherungs-Systemen aber für viele Bauherren und Planende ein Problem. Die Rolle von Standards wird zwar teilweise als Hilfestellung und Anleitung begrüsst. Die Notwendigkeit von gebührenpflichtigen Labels wird jedoch infrage gestellt, da die vielen Anbieter, die Kosten und die Komplexität abschrecken. Dies haben einige Schweizer Label-Organisationen auch erkannt und streben seit diesem Jahr eine intensivere Koordination und Zusammenarbeit an.9

ZENTRUM FÜR NACHHALTIGES BAUWISSEN

Das Bildungszentrum Baubiologie bietet einen interdisziplinären ­Lehrgang mit eidgenössisch ­anerkannter Berufsprüfung an, der das Bewusstsein für nachhaltiges Bauen und praxisorientierte ­Umsetzungsmöglichkeiten vermittelt. Informationen unter: www.bildungszentrumbaubio.ch oder bildungszentrum@baubio.ch


© Beat Bühler

© Beat Bühler

BAUEN

Allerdings sollten nicht nur Planende, sondern auch Fachleute mit handwerklichem Hintergrund wissen, was nachhaltiges Bauen bedeutet. Deshalb müssen die Fachkräfte der gesamten Baubranche für die Nachhaltigkeitszeile sensibilisiert und geschult werden. Alle am Bau Beteiligten sollten die grossen Zusammenhänge des nachhaltigen Bauprozesses kennen und ihre fachspezifischen Umsetzungskompetenzen einordnen können. Zudem ist die Zusammenarbeit zwischen Planenden und Ausführenden zu optimieren. Wenn die Berufsleute frühzeitig in die Planung miteinbezogen werden, können Schnittstellendiskussionen im Baualltag vereinfacht werden. Dazu ist aber eine gute Abstimmung der Aus- und Weiterbildungen in allen Bauberufen nötig. Dies kann eine transdisziplinäre Weiterbildung leisten.

KOOPERATION IN DER BERUFSBILDUNG Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es für Planende zu diversen Themen des nachhaltigen Bauens. Für Fachkräfte mit handwerklichem Hintergrund existiert aber im Nachhaltigkeitsbereich kein ausreichendes Berufsbildungsangebot. Einzig das Bildungszentrum Baubiologie bietet eine interdisziplinäre Weiterbildung zum umfassenden, gesunden und nachhaltigen

Das Objekt ist ein Projekt der Umwelt Arena Schweiz und der René Schmid Architekten AG.

Bauen an, mit der eine eidgenössische Berufsprüfung abgeschlossen werden kann. Um diese Bildungsmöglichkeiten zu erweitern, wird nun die Gründung einer nationalen Trägerschaft für «Gesundes und Nachhaltiges Bauen» vorbereitet. Diese treibt die gemeinsame Entwicklung von interprofessionellen Bildungsangeboten voran. Durch fachübergreifende Aus- und Weiterbildungen entwickelt sich eine gemeinsame Sprache und wächst das Verständnis für die Schnittstellen zu anderen Berufsfeldern. Zentral ist das praxisorientierte Aufzeigen von Handlungsmöglichkeiten, die neben dem Material- und Energieeinsatz auch soziale, wirtschaftliche und ökologische Aspekte miteinbeziehen. Darüber hinaus werden Fragen des Wohlbefindens und der Werthaltungen beleuchtet. Die Bildungsangebote fördern das kooperative

Planen und Ausführen von Bauten und lassen Netzwerke für eine nachhaltige (Bau-) Welt entstehen. So leisten Weiterbildungen einen wichtigen Beitrag zur Reduktion der Klimaerwärmung und zur Verbesserung der Lebensqualität.

ANMERKUNGEN 1) Zum Beispiel IPCC seit 1988; S. Solomon et al., ­Irreversible climate change due to carbon dioxide ­emissions. PNAS February 10, 2009 106 (6) 1704-1709 2) R. Knutti, Die Märchen von der allzu teuren Klimapolitik. ETH-News, Zukunftsblog, Nachhaltigkeit, 17.6.2020 3) N. Stern, 2009: Der Global Deal. C.H.Beck 4) EMPA, im Auftrag des BAFU, 2016: Material- und ­Energieressourcen sowie Umweltauswirkungen der baulichen Infrastruktur der Schweiz 5) BAFU. www.bafu.admin.ch/bafu/de/home/themen/ klima/inkuerze.html, 11.6.2020 6) W. Sobek über nachhaltiges Bauen: Weniger ist mehr. ZEIT WISSEN NHP 2019, 1.4.2019 7) WaldSchweiz, www.waldschweiz.ch/schweizer-wald/­ wissen/schweizer-wald/zahlen-fakten/, 14.6.2020 8) BFH www.bfh.ch/de/forschung/referenzprojekte/­ holzendverbrauch-schweiz/, 14.6.2020 9) Charta Gebäudelabels Schweiz, 12.5.2020

Bildungszentrum Baubiologie | Binzstrasse 23 / A1 | CH-8045 Zürich | Tel. +41 (0) 44 451 01 01 bildungszentrum@baubio.ch | www.baubio.ch/bildung Rauch Consulting for Sustainability | www.rauchconsulting.org

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AUSGEZEICHNETE ENERGIELÖSUNGEN THE SMARTER E AWARD 2020 von Georg Lutz

© Fronius International GmbH (Österreich)

Batterien und Energiespeicher sind wichtige Bausteine der künftigen neuen Energiewelt – und sie tragen bereits heute zu einer intelligenten, nachhaltigen und kostengünstigen Energieversorgung bei. Drei Preise zeigen die Leistungsfähigkeit der Branche auf: The smarter E AWARD, Intersolar AWARD sowie ees AWARD. Diese sind umso wichtiger da die Leitmesse Intersolar und die angeschlossenen Messen dieses Jahr nicht analog stattgefunden haben, dafür aber digital Punkten können. So gehört die ees Europe als Europas grösste und internationalste Fachmesse für Batterien und Energiespeichersysteme zur übergeordneten Innovationsplattform The smarter E Europe. Das Motto lautet zukunftsträchtig «Creating the new energy world» Wir stellen im folgenden Beitrag die Preisträger der unterschiedlichen Preiskategorien vor.

Der Fronius Solhub von Fronius International GmbH ist ein dezentraler Energieknotenpunkt.

O

b mobile oder stationäre Batterieund Energiespeichertechnologien, Komponenten für Energiespeichersysteme oder Batterieproduktionstechnologien – die Innovationen der Unternehmen treiben die Modernisierung der Energieinfrastruktur voran und spielen eine wichtige Rolle bei der Schaffung eines flexiblen und zuverlässigen Netzsystems.

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Die für den EES Award ausgezeichneten Produkte verdeutlichen die Trends bei Batterien und Energiespeichersystemen. So verzahnen sich der mobile und der stationäre Sektor immer stärker: Batteriemodule und Systeme aus dem mobilen Bereich werden in modifizierter Form – auch in der Second-Use-Anwendung – zunehmend in stationären Speichern verbaut.

Grössere Speichersysteme bergen vielfältige Anwendungen, sehr oft auch die Netzpufferung für Schnelladestationen von Elektrofahrzeugen. Weitere Entwicklungen zeigen sich verstärkt im Bereich der Steuerungen, dem Energiemanagement sowie dem Einsatz von Methoden des maschinellen Lernens. Bei kleineren Speichersystemen finden Innovationen


BAUEN

© Phaesun

vermehrt im Bereich der Anordnung und Verkabelung statt, um den Aufwand bei der Installation sowie auf Anwenderseite zu minimieren. Hier folgt ein Überblick über die Gewinner in den Kategorien «Outstanding», «Smart Renewable Energy», «Photovoltaics» und «Electrical Energy Storage».

THE SMARTER E AWARD 2020

Besonders begeistert war die Jury von der Kosteneffizienz und dem geringen Wartungsaufwand dieser Lösung sowie ihrer Wirksamkeit und der nachgewiesenen Umsetzbarkeit in ländlichen Gebieten Afrikas und Indiens, wo es an sauberem Trinkwasser mangelt.

• Solar Chernobyl LLC (Ukraine): ­1-MW-Solarkraftwerk – Solar Chernobyl Solar Chernobyl ist ein 1-MW-Solarkraftwerk und ein gemeinsames Projekt des ukrainisch-deutschen Konsortiums Rodina-Enerparc. Die Rodina Energy Group ist auf Projekte im Bereich erneuerbare Energien in Osteuropa, der ehemaligen UdSSR und dem Nahen Osten spezialisiert.

Die Phaesun GmbH (Deutschland) versorgt Nomaden in Somaliland mit netzunabhängiger Photovoltaik-Technologie mit trinkbarem Wasser. © Rodina Enerparc Solar Chernobyl LLC (Ukraine)

Die Gewinner im Rahmen der Kategorie «Outstanding» sind: • Phaesun GmbH (Deutschland): «REvivED Water» – Solarbetriebene Entsalzung in Somaliland Das im deutschen Memmingen ansässige Unternehmen Phaesun hat sich auf netzunabhängige Photovoltaik-Technologie spezialisiert. Im Rahmen des EU-Entwicklungsund Innovationsprojektes «REvivED Water» entwickelte Phaesun die erste auf dem Markt erhältliche kleine solarbetriebene Entsalzungseinheit, die auf ElektrodialyseTechnologie basiert und der Reinigung von Brackwasser dient. Umgesetzt werden konnte das Projekt durch die Zusammenarbeit mit einem Team bestehend aus interdisziplinären Partnern – von Architekten über Universitäten bis hin zu Start-ups. Mithilfe des Entsalzungssystems können Dorfbewohner und Nomaden in abgelegenen Gebieten Somalilands pro Tag mit bis zu 2 000 Liter sauberem Trinkwasser versorgt werden. Die Elektrodialyse basiert auf einer Membrantechnologie: Elektrischer Strom sorgt dafür, dass Salzionen durch eine Ionenaustausch-Membran geleitet werden und so der Salzgehalt erheblich reduziert wird. Vor allem entlegene Gebiete können so mittels Solarenergie mit Trinkwasser versorgt werden.

Rodina Enerparc hat in Tschernobyl, auf dem Schauplatz der schlimmsten Atomunfälle ein 1-MW-Solarkraftwerk errichtet.

Die Enerparc AG plant, baut und betreibt Solarkraftwerke in Europa, Asien und den USA. Das Solarkraftwerk befindet sich auf dem radioaktiv kontaminierten Gelände des Kernkraftwerks Tschernobyl – gerade einmal 100 Meter von dem 1986 explodierten Reaktor entfernt. Das seit diesem Zwischenfall von privaten Investoren ins Leben gerufene Projekt in der Sperrzone von Tschernobyl ist ein einzigartiges Beispiel dafür, wie radioaktiv verseuchte Flächen neu genutzt werden können, um so die hohe Sicherheit und die Möglichkeiten von Solarenergie sowie seine Vorteile für eine atomkraftfreie Energiezukunft zu verdeutlichen. Um das Austreten radioaktiver Stoffe aus dem Boden zu reduzieren, wurde das System nicht nur wartungsarm konstruiert, sondern auch mit Ballastelementen auf der Oberfläche fixiert. Die Jury würdigte die symbolische und zugleich praktische Bedeutung, die die Errichtung eines Solarkraftwerkes auf dem

Schauplatz einer der schlimmsten Atom­ unfälle in der Geschichte mit sich bringt und damit den Weg in die Energieunabhängigkeit der Ukraine ebnet.

• SunPower Corporation (USA): ­«Powerhouse Brattørkaia» Die SunPower Corporation ist Teil des Powerhouse-Teams, das an der Lösung von Klimaproblemen arbeitet. Das Unternehmen entwickelt und fertigt kristalline Silizium-Solarzellen und -Solarmodule. Das «Powerhouse Brattørkaia» in Norwegen ist das nördlichste energiepositive Gebäude der Welt und wurde nur drei Grad südlich des Polarkreises errichtet. Zum Einsatz kamen beim Bau SunPowers-MaxeonSolarmodule, die eine Widerstandsfähigkeit gegen hohe Windlasten bieten und – über einen Zeitraum von 25 Jahren – bis zu 35 Prozent mehr Energie als herkömmliche Module erzeugen. Der von dem mehrstöckigen Gebäude erzeugte Strom wird für den Eigenbedarf genutzt; überschüssige Energie

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BAUEN

© SunPower Corporation (Vereinigte Staaten) Kraftpaket Brattørkaia

wird in das lokale Stromnetz eingespeist. Bei dieser Lösung arbeiten Architektur und Solarindustrie eng zusammen – die Funktion diktiert die Form, und auch die Rentabilität der Solarenergie im hohen Norden wird unter Beweis gestellt. Das Powerhouse wurde von der Jury für seinen Leuchtturmcharakter belohnt und ist mit einer energiepositiven 60-jährigen Lebensdauer von der Wiege bis zur Bahre ein Beispiel für verantwortungsbewusstes Bauen der Zukunft

THE SMARTER E AWARD 2020 Die Gewinner im Rahmen der Kategorie «Smart Renewable Energy» sind: • Stadtwerke München GmbH (Deutschland): M-Solar-Sonnenbausteine Die Stadtwerke München sind ein Energie- und Infrastrukturdienstleister in der bayerischen Landeshauptstadt. Die MSolar-Sonnenbausteine sind ein Geschäftsmodell, das es allen Bürgern ermöglicht, mittels Solarenergie an der städtischen Energiewende teilzuhaben: Mit einer Investition ab nur 500 Euro werden die Sonnenbausteine auf Dächern in der ganzen Stadt – nicht nur auf Privathäusern – installiert. Das Projekt wird über eine OnlinePlattform abgewickelt; beteiligte Bürger können über das Beteiligungsmodell Strom beziehen und erhalten eine Verzinsung für ihre Beteiligung.

leisten und Ökostrom in den regionalen Energiemix einbringen kann – und dass Klimaschutz in städtischen Gebieten gemeinschaftlich realisiert werden kann.

• Fronius International GmbH ­(Österreich): Fronius Solhub Fronius International mit Sitz in Österreich ist weltweit tätig. Das Unternehmen entwickelt Technologien zur Umwandlung und Steuerung elektrischer Energie, die bestens zur Lösung der heutigen technischen Herausforderungen geeignet sind. Fronius Solhub ist eine dezentrale Anlage, die der Erzeugung, Speicherung und Nutzung von grünem Wasserstoff dient, wo immer dieser benötigt wird – egal ob für Transportzwecke oder die saisonale Energiespeicherung. Durch die Nutzung von Wasserstoff ist es möglich, die Sektoren Strom, Mobilität und Wärme zu koppeln und grosse Energiemengen über einen

langen Zeitraum zu speichern. Zu der Zielgruppe von Solhub gehören vor allem mittelständische Unternehmen, die mithilfe regional verfügbarer erneuerbarer Energieressourcen ihren eigenen Kraftstoff erzeugen wollen. Die Jury war von der zukunftweisenden Anlage beeindruckt, die modular, skalierbar und sofort einsatzbereit ist. Solhub ist die Tankstelle für Solarenergie und verdeutlicht die wachsende Bedeutung chemischer Energieträger, insbesondere im Schwerlast- und Langstreckentransport sowie für die industrielle Nutzung.

• Next Kraftwerke GmbH (Deutschland): NEMOCS Next Kraftwerke mit Sitz in der deutschen Stadt Köln ist ein Stromhändler und Betreiber virtueller Kraftwerke, der Strom­ erzeugungsanlagen auf Basis erneuerbarer

© Stadtwerke München GmbH (Deutschland)

Die Jury lobte diese beispielhafte Bottomup-Lösung, durch die den Bürgern die Teilhabe an regionaler erneuerbarer Energie ermöglicht wird. Dieses dezentrale Leuchtturmprojekt zeigt, dass jeder einen Beitrag

Im Powerhouse Brattørkaia in Norwegen hat SunPower seine Maxeon-Solartechnologie errichtet, die mehr Energie erzeugt als herkömmliche Module.

Mit dem Vorzeigeprojekt Photovoltaik der Stadtwerke München können sich alle Bürger von München an der Solarenergie beteiligen.

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BAUEN

Die Jury begrüsste dieses Konzept, weil es erneuerbare Energien wirtschaftlicher macht. Es fördert ihren Ausbau und beweist, dass erneuerbare Energien den Bedarf des zukünftigen Energiemarktes decken – und einen wachsenden Anteil daran übernehmen können, einschliesslich der Übernahme von Systemverantwortung.

© Next Kraftwerke GmbH (Deutschland)

Energien mit gewerblichen und industriellen Stromverbrauchern und Stromspeichersystemen vernetzt. Mithilfe der Softwareas-a-Service-Lösung NEMOCS werden Dritte beim Betrieb ihres eigenen virtuellen Kraftwerks unterstützt. NEMOCS kann Tausende von dezentralen Einheiten vernetzen, um deren Betrieb zu optimieren, indem es Daten in Echtzeit verarbeitet. Dadurch kann es die Erzeugungsprognosen verbessern. Mit NEMOCS ist es möglich, die verteilten Anlagen von einem einzigen Leitsystem aus zu überwachen, zu prognostizieren und zu steuern. Das verbessert die Leistung der Anlagen und die Gesamtleistung des Systems.

Next Kraftwerke GmbH machen mit dem NEMOCS erneuerbare Energien wirtschaftlicher. © Ferroamp Elektronik AB (Schweden)

INTERSOLAR AWARD 2020 Die Gewinner im Rahmen der Kategorie «Photovoltaics» sind: • Ferroamp Elektronik AB (Schweden): Generic Solar String Optimizer (SSO) Das 2010 gegründete schwedische Unternehmen Ferroamp Elektronik bietet Lösungen zur Energieoptimierung für Wohnhäuser, Gebäude und die Industrie. Der Generic Solar String Optimizer kann als PVStringwechselrichter für Gleichstromnetze beschrieben werden und funktioniert wie ein herkömmlicher Wechselrichter – durch ihn lassen sich Solarmodule direkt an netzunabhängige Batteriesysteme, an die Gleichstromseite von Speicherwechselrichtern und an den Gleichspannungszwischenkreis von Ladestationen für Elektrofahrzeuge anschliessen. Mit einem Siliziumkarbid-­ Aufwärtswandler wird ein Spitzenwirkungsgrad von 99.5 Prozent erreicht. Die Jury war beeindruckt von der Kompatibilität des String Optimizers mit einer Vielzahl von Konfigurationen, Spannungsebenen und Kontrollsystemen für Gleichsstromnetze, die eine Integration von Solarstrom in bestehende Systeme ermöglichen. Solarstrom kann somit kostengünstiger und einfacher in neue Energiesysteme eingebunden werden, wodurch auch die Anzahl der installierten Solaranlagen zunimmt und ein Übergang zu erneuerbaren Energien erleichtert wird.

Beeindruckende Kompatibilität des String Optimizer von Ferroamp Eletktronik AB kann die Energiewende in Richtung erneuerbarer Energien erleichtern.

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© REC Solar EMEA GmbH (Deutschland)

© Fronius International GmbH (Österreich)

BAUEN

© FENECON GmbH (Deutschland)

Der Symo GEN24 Plus von Fronius International GmbH ist ein dreiphasiger Hybridwechselrichter, der AC- und DC-gekoppelte Hybridsysteme ermöglicht.

Der durchdachte Systemansatz von FENECON GmbH nutzt die Skalierbarkeit der Automobilindustrie.

• Fronius International GmbH (­Österreich): Symo GEN24 Plus Fronius International ist ein österreichisches Unternehmen und in den Bereichen Schweisstechnik, Photovoltaik und Batterieladetechnik tätig. Der Symo GEN24 Plus ist ein dreiphasiger Hybrid-Wechselrichter, der sowohl AC- als auch DC-gekoppelte Hybridsysteme ermöglicht. Mit der Multi Flow Technologie wird sichergestellt, dass bei Stromausfällen Verbraucher mit Energie versorgt werden und gleichzeitig die Batterie aufgeladen wird. Durch die sich daraus ergebende länger anhaltende Notstromversorgung mit einer Ausgangsleistung von 10 Kilowatt wird eine bessere Eigenversorgung gewährleistet. Der durchschnittliche Energiebedarf kann gut gedeckt und die Batterie flexibler eingesetzt werden. Die Jury lobte die Technik, durch die eine neue Art von Wechselrichter für grössere Speichersysteme geschaffen wurde, der eine hohe AC-Ausgangsleistung, ein innovatives aktives Kühlsystem, einen Spitzen-

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Die von REC Solar EMEA GmbH produzierten Solarzellen und Module und stechen mit einer bahnbrechenden Technologie hervor.

wirkungsgrad bei der Kombination von PVSystem und Heimspeicher sowie zwei Lastprofile für kleinere und grössere Häuser zu bieten hat. Zusätzlich überzeugten das Design, die Wartung, das Recycling und der erleichterte Austausch von Bauteilen.

• REC Solar EMEA GmbH ­(Deutschland): REC Alpha Serie Neben der Herstellung von Solarzellen und modulen sowie anderen Produkten für erneuerbare Energien bietet das 1996 gegründete norwegische Unternehmen REC Solar auch Dienstleistungen in den Bereichen schlüsselfertige Lösungen, Beschaffung und Bau. Bei der REC Alpha Serie handelt es sich um ein aus halbierten HeterojunctionZellen bestehendes 60-Zell-Solarpanel kombiniert mit modernster Zellverbindungstechnologie. Das Ergebnis ist ein Produkt, das mit einer Leistungsdichte von 217 Watt pro Quadratmeter bis zu 380 Watt liefert. Der Wirkungsgrad ist mit 21.7 Prozent ebenfalls hervorragend. Bei der Alpha Serie von REC werden dünne Runddrähte direkt mit

der Zelloberfläche verbunden, wodurch die Anzahl der Lötpunkte in einem Panel um 95 Prozent und der gesamte Bleigehalt um 81 Prozent reduziert werden. Die Jury war von RECs bahnbrechender Technologie – keine lichtinduzierte Degradation, hoher Wirkungsgrad, hohe Leistungsdichte und einer der niedrigsten Temperaturkoeffizienten auf dem Markt – beeindruckt. Nicht zu vergessen natürlich das Ziel, bis Ende 2020 vollständig bleifrei zu werden.

GEWINNER DES EES AWARD 2020 Die Gewinner im Rahmen der Kategorie «Electrical Energy Storage» sind: • FENECON GmbH (Deutschland): FENECON Industrial Feilmeier New Energy Consulting (FENECON) wurde 2011 gegründet und ist ein Anbieter von Stromspeichersystemen aller Grössenordnungen. FENECON Industrial ist ein in einem Container verbautes OpenEMSbasiertes Plug-and-Play-Speichersystem.


© Webasto SE (Deutschland)

BAUEN

Das CV-Standard-Batteriesystem von Webasto SE rüstet Fahrzeuge und stellt Fahrzeugherstellern Batteriesysteme zur Verfügung.

Es ermöglicht den Einsatz verschiedener Komponenten von Industrie- und Netzanwendungen bei gleichzeitiger Wahrung der Herstellerunabhängigkeit. Es handelt sich dabei um ein Zero- und Second-LifeKonzept, das speziell für Batterien aus Elektrofahrzeugen entwickelt wurde. Durch das flexible Design können neue oder gebrauchte EV-Batterien leichter eingesetzt werden. Die Jury war beeindruckt von dem gut durchdachten Systemkonzept, durch das neue oder gebrauchte Fahrzeugbatterien intelligent eingesetzt, die Möglichkeiten der Automobilindustrie ausgeschöpft und die Problematik der finalen Nutzung von EV-Batterien gelöst werden. Auch das moderne und flexible Energiemanagement durch die Integration der OpenEMS-Plattform kam bei der Jury an.

Fahrzeugtypen sowie die Möglichkeit, bestehende Fahrzeuge kostengünstig nachzurüsten.

• ZnR Batteries SAS (Frankreich): The Zinium Zinc-Air Rechargeable Battery ZnR Batteries ist eine Tochtergesellschaft der EDF Group, die durch die Bereitstellung von Lösungen und Dienstleistungen für die Versorgung mit Elektrizität eine Nettonull-Energiezukunft anstrebt, um so den Klimawandel zu bekämpfen. Die wieder aufladbare Zink-Luft-Batterie enthält ZinkLuft-Zellen, die aus in einen wässrigen Elektrolyten namens Zinolyte eingetauchten Komponenten bestehen. Dadurch ist die Batterie wiederaufladbar. Zinium arbeitet mit Umgebungsluft – die Batterie absorbiert und gibt während des Lade- und Entladevorgangs Sauerstoff ab. Das Speichersystem

verfügt über ein spezielles firmeneigenes Batteriemanagement. Die Batterie enthält ausserdem eine poröse Anode, die hauptsächlich aus Zink besteht sowie Mangan und Kalzium. Seltene Erden oder Edelmetalle gehören nicht zu den Bestandteilen. Die Jury lobte den zukunftsweisenden Ansatz für eine sichere und umweltfreundliche Batterietechnologie. Während die Vermarktung neuer Technologien oftmals eine Herausforderung darstellt, würdigte die Jury die gut durchdachte Strategie, die auf Energiespeichermärkte für Privathaushalte, Gewerbe und Industrie zugeschnitten ist, bei denen niedrigere Markeintrittsbarrieren bestehen.

GEORG LUTZ ist Chefredaktor bei bauRUNDSCHAU. www.phaesun.com www.solarchernobyl.com www.global.sunpower.com www.fronius.com www.next-kraftwerke.de www.swm.de www.ferroamp.com www.recgroup.com www1.fenecon.de www.webasto-group.com znrblog.wordpress.com

© ZnR-Batterien SAS (Frankreich)

• Webasto SE (Deutschland): CV Standard Battery System Als globaler Systempartner der Fahrzeughersteller konzentriert sich Webasto auf Nachhaltigkeit als Schlüsselaspekt der zukünftigen Mobilität, einschliesslich der Reduzierung des Kraftstoffverbrauchs und der Verwendung alternativer Antriebssysteme. Das Webasto CV Standard Battery System ist ein Konzept für standardisierte Plug-and-Play-Antriebsbatterien für Nutzfahrzeuge. Das System wurde unter Berücksichtigung der Gesamtbetriebskosten entwickelt und verfügt über ein flexibles Zweischicht-Design für eine einfachere Installation und Spannungsskalierung, das die Verwendung desselben Produkts in kleineren und grösseren Lastwagen sowie Bussen ermöglicht. Die Jury prämierte dieses Produkt für seine Skalierbarkeit, seine vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten in verschiedenen

Die wiederaufladbare Zinium-Zink-Luft-Batterie von ZnR-Batterien bietet eine sichere und saubere Batterietechnologie.

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BAUEN

WALKING ON SUNSHINE NEXT-GENERATION-PHOTOVOLTAIKANLAGEN von Dr. Lilla Simon-Nagy

© Platio, bit.ly/platio-home-photos

Alles begann mit einer einfachen, aber innovativen Idee: Warum nicht begehbare Wege aus recyceltem Kunststoff statt Beton herstellen? Und was wäre, wenn diese auch noch Sonnenenergie erzeugen könnten? Nach mehrjähriger Forschung haben drei junge Ingenieure aus Budapest diese Idee wahr gemacht und gewinnen nun Energie aus Solarzellen, die in den Boden eingelassen sind.

Solarstrom aus dem Boden – mit dieser Lösung finden Solarzellen nun auch ihren Platz im Alltag.

I

m Jahr 2015 haben drei junge Fachleute aus den Bereichen Design, Ingenieur­ wesen und Maschinenbau begonnen, leistungsstarke Solarzellen zu entwickeln, die in den Boden eingelassen werden. Die verwendeten Platio-Solarzellen werden in der EU entwickelt sowie hergestellt und bestehen zu 90 Prozent aus recyceltem Kunststoff. Sichere Niederspannung und gehärtete Glasfliesen mit Anti-Rutsch-­Beschichtung sorgen für die Sicherheit. Innerhalb von zwei Jahren ist so ein Produkt entstanden, das nun serienreif ist: das Platio Solar Pavement. Die Erfindung besteht neben recyceltem Kunststoff aus schlagfestem Glas, Hochleistungs-Solarzellen und modularer Verdrahtung. Die nachhaltige und unabhängige

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Energiequelle kann verschiedene Geräte mit Strom versorgen – von Handy-Ladegeräten über E-Fahrräder bis hin zu E-Autos. Auch die öffentliche Infrastruktur mit Bürogebäuden und Einkaufszentren kann dank einer gebrauchsfertigen Lösung, dem Platio Green Building System (GBS), mit Strom versorgt werden.

VIELFÄLTIGE ANWENDUNGEN Das Budapester Unternehmen macht sich nun auf den Weg zu internationalem Ruf. 2017 wurde Platio in das Agile-AcceleratorProgramm von E.On aufgenommen und begann anschliessend mit dem Verkauf seiner Module in ganz Europa. Platio-Fliesen wurden in Garagenzufahrten und Gärten installiert, um E-Autos aufzuladen, den Pool

UNTERNEHMENSPORTRAIT Platio ist ein Budapester Technologieunternehmen, das ­nachhaltige Gebäudelösungen aus recyceltem Material entwickelt. Es ist Entwickler und Hersteller von Platio Solar Pavement, das eine neue saubere Energiequelle für Städte, Unternehmen und Haushalte bietet. Sie kann überall installiert werden, wo herkömmliche S­olartechnologien nicht eingesetzt werden können. Platio wurde 2015 gegründet, heute ist das Unternehmen in 16 Ländern mit zwölf Wiederverkäufern präsent, mit Schlüsselmärkten in Deutschland, Spanien, Italien und den USA.


© Platio, bit.ly/platio-home-photos

BAUEN

Solarzellen sind längst nicht mehr nur auf Hausdächern zu finden.

zu beheizen oder die Gartenbeleuchtung mit Strom zu versorgen. Darüber hinaus gibt es auch Anwendungen in der Schifffahrt, wo Platio-Fliesen in Pontons Strom für Schiffe und Hafenanlagen erzeugen. «Wir haben ein Mass an Flexibilität von Photovoltaikanlagen erreicht, das früher undenkbar war. Auch wenn das Dach eines Gebäudes nicht dafür geeignet ist, eine Photovoltaikanlage zu installieren, lassen sich unsere modularen Solarzellen auf Ersatzflächen wie zum Beispiel auf Garagen-­Zufahrten installieren. Es ist sogar

möglich, sie in eine smarte sogenannte i-Bank einzubauen», sagt Miklós Ilyés, Mitbegründer und Landschaftsarchitekt. Flexibilität ist ein wichtiger Mehrwert der Solardesign-Innovation, da Alternativen für Dach-Photovoltaikanlagen sehr bald stärker nachgefragt werden. Mit der Weiterentwicklung des Klimaschutzgesetzes schlagen mehrere Landesregierungen eine verpflichtende Installation dieser Anlagen vor. Hamburg ist Vorreiter bei der Photovoltaik-Pflicht in Deutschland – sie gilt ab 2023 für alle Neubauten in der Stadt. Auch Baden-Württemberg plant

eine verbindliche Photovoltaik-Pflicht für Neubauten ab 2022. Ebenso will Wien mit einer Reform der Bauordnung die Photovoltaik-Pflicht ausweiten.

DR. LILLA SIMON-NAGY unterstützt Platio im Kommunikationsbereich in der Schweiz, Deutschland und Österreich. www.platiosolar.com

AUS DER NATUR – INS DESIGN 1/2 INSERAT BESUCHEN SIE UNSER ?? NATURSTEIN–CENTER

Das Naturstein-Center in Hinwil bietet eine kompetente Beratung des gesamten Sortiments, welches auch Granit, Marmor, Kalkstein und den Bollinger Sandstein einschliesst. Widerstandsfähig, klassisch und gut kombinierbar bietet der Stein viele Gestaltungsmöglichkeiten. Erschaffen für die Ewigkeit – Müller Naturstein

Zürichstrasse 46, CH-8340 Hinwil T 044 938 03/2020 15 14, F 044 938 65 15 41 Ausgabe // Seite info@naturstein-center.ch, naturstein-center.ch


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Sommerlicher Wärmeschutz für Wohnbauten.

FRISCH DURCH DIE HEISSEN SOMMER KLIMAKOMFORT IM MINERGIE-GEBÄUDE von Andreas Meyer Primavesi

Im vergangenen Jahrhundert sind die Temperaturen in der Deutschschweiz um 1.3 Grad Celsius angestiegen. Die Prognosen zeigen, dass diese Entwicklung weitergeht; ein zusätzlicher Anstieg um zwei Grad Celsius ist sehr wahrscheinlich, verbunden mit einer grossen Anzahl Hitzetage, welche besonders unangenehm sind. Seite 66 // bauRUNDSCHAU


BAUEN

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b im Büro oder im Schlafzimmer – bei mehr als 26 Grad Celsius im Innenraum kann niemand weder gut schlafen, noch effizient arbeiten. Als Folge davon werden wir künftig weniger heizen, aber dafür mehr kühlen. Um auch im Sommer angenehme Innenraumtemperaturen zu haben, bedarf es jedoch einer umsichtigen Planung. Denn was wir heute bauen, muss unter Berücksichtigung der Lebensdauer eines Gebäudes auch den klimatischen Bedingungen in 50 Jahren genügen.

BAUEN FÜR DIE ZUKUNFT Minergie-Bauten unterscheiden sich von konventionellen Bauten, vor allem in puncto Komfort. Ermöglicht wird dieser durch eine hochwertige Gebäudehülle und der systematischen Lufterneuerung. Zudem brauchen Minergie-Gebäude viel weniger Energie, sind frei von fossilen Brennstoffen und wirken damit dem Klimawandel entgegen. Aufeinander abgestimmte Anforderungen reduzieren ferner eine Überhitzung vom Innenraum. So wird beispielsweise ein Nachweis verlangt, der aufzeigt, dass es im Gebäude an maximal 100 Stunden pro Jahr über 26.5 Grad Celsius heiss wird – viermal weniger als in konventionellen Bauten. Auch wird dem sommerlichen Wärmeschutz im dreistufigen Minergie-Zertifizierungsprozess grosse Relevanz beigemessen. Ebenfalls leistet die Lüftung einen wichtigen Beitrag an die Nachtauskühlung, und zusätzlich reduzieren die Vorgaben an die Energieeffizienz für Geräte und Beleuchtung die internen Lasten. Und dank der bei Minergie obligatorischen Eigenstromproduktion wird die Umweltbilanz von Geo­cooling und Kühlgeräten stark verbessert. Der Erfolg von Minergie beruht vor allem darauf, dass Umweltschutz mit Komfort verbunden ist.

WOHLTUENDE INNENRAUMTEMPERATUREN Ein Minergie-Haus darf auch aktiv gekühlt werden. Man muss aber den damit verbundenen Energiebedarf in die MinergieKennzahl einberechnen. Wenn der Strom für das Klimagerät vom eigenen Dach stammt, ist aktiv kühlen ökologisch verträglich. Im Sommer steht genügend erneuerbarer Strom in der Schweiz zu Verfügung – im Vergleich zum Winter. Eine Kühlanlage, die effizient ist und professionell installiert wurde, kann in Kombination mit einer kleinen

Bei guter Planung lassen sich Überhitzungen vermeiden.

Batterie zu über 70 Prozent mit Strom vom eigenen Dach betrieben werden. Aber kühlen muss oft nicht sein, denn ein professionell gebautes und betriebenes Gebäude trotzt der Sommerhitze erstaunlich gut und lange. Der sommerliche Wärmeschutz, wie Hitzeschutz in Fachkreisen genannt wird, muss daher von Anfang an in der Planung eines Gebäudes berücksichtigt werden. Die Volumetrie und die Orientierung eines Gebäudes, aber auch die Ausbildung der Fassade sind entscheidend. Die entscheidenden Einflussfaktoren in einer frühen Planungsphase sind der Fensteranteil, die Beschattung und die Wärmespeicherfähigkeit. Ideal sind Gebäude mit viel Speichermasse und einem ausgewogenen Fensteranteil gegen Osten, Süden und Westen. Dabei muss die Balance zu anderen wichtigen Aspekten, wie zum Beispiel Tageslichtzufuhr oder Energiebilanz im Winter (Nutzen der Wärme, die durch die Fenster kommt) gewahrt werden.

KÜHLEN IN DER NACHT UND AM TAG Zudem gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten bei der Haustechnik, um ein Gebäude optimal für die Sommermonate auszustatten. Besonders wichtig ist, dass die Fenster im Sommer vor der direkten

Sonneneinstrahlung geschützt sind. In der Regel mit einem beweglichen, aussenliegenden Sonnenschutz. Das Minergie-­ Modul Sonnenschutz kombiniert zum Beispiel einen optimalen Sonnenschutz mit einer abgestimmten Steuerung. Dann spielt zudem die Nachtauskühlung eine wichtige Rolle, damit der nächste Hitzetag mit dem Temperaturniveau im Rahmen der Vor-Nacht startet. Das gelingt insbesondere in den frühen Morgenstunden und sollte in Verwaltungsbauten oder Schulen ebenfalls automatisiert sein, sei es über gesteuerte Fenster oder in Kombination mit der Lüftungsanlage. Und wenn das Kühlen infrage kommt, so sollte unbedingt die Möglichkeit des Geocooling geprüft werden – womit als Nebeneffekt auch die Erdsonden regeneriert werden. Die damit mögliche Absenkung der Innenraumtemperatur um zwei bis vier Grad Celsius erhöht den Komfort an Hitzetagen erheblich. Wird die elektrische Energie für das Geocooling mit der eigenen PV-Anlage produziert, ist die Ökobilanz solcher Systeme sehr gut. Und erst wenn alle baulichen und betrieblichen Massnahmen trotz einigermassen sinnvollem Verhalten der Nutzenden nicht ausreichen, soll und darf ein Gebäude auch aktiv ­g ekühlt werden.

Minergie | Bäumleingasse 22 | CH-4051 Basel | Tel. +41 (0) 61 205 25 50 | info@minergie.ch | www.minergie.ch

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© Veinal

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Die historische Malteser-Gaststätte steht seit 2018 leer.

VON FEUCHTFRÖHLICHEN FESTEN ZU TROCKENEN MAUERN HISTORISCHE MALTESER-BRAUEREIGASTSTÄTTE WIRD ZU WOHNQUARTIER von Elisa Beck

Was erst wie ein Rückschritt klingt, birgt grosses Potenzial: Da das Brauhaus der Malteser im oberpfälzischen Amberg seit Jahren ausser Betrieb ist, soll es nun in Wohn- und Büroräume verwandelt werden. Auf die zukünftigen Bewohner warten historischer Charme und eine malerische Aussicht.

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ie Malteser-Gaststätte war für ihre Bockbier-Feste bekannt. Nach der Schliessung hinterliess das legendäre Brauhaus viele Erinnerungen an feuchtfröhliche Stunden – und meterdicke Mauern, die alles andere als trocken waren, wie sich bei der Sanierung zeigte. Der grossherrschaftliche vierflügelige Gebäudekomplex ziert seit mehr als 300 Jahren den Rand der Amberger Altstadt: Dort hatten die Jesuiten ihr Kolleg und errichteten 1693 ein Brauhaus, zu dem sie im 18. Jahrhundert sogar extra eine Wasserleitung verlegen liessen. Nach der Auflösung des

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Ordens zogen die Malteserritter dort ein und gaben ihm seinen heutigen Namen. 1821 kam das Anwesen in staatlichen Besitz. Die Brauerei firmierte von da an offiziell als «Königliches Studien-Seminar-Brauhaus». Dem Wirtshaus blieb der Name «Malteser» aber erhalten: Überlebensgrosse ­Gemälde der Ordensritter zieren noch immer die Nischen der holzvertäfelten Gaststube. In den vergangenen Jahrzehnten rechnete sich der Betrieb aber immer weniger. 2018 gab der letzte Pächter auf. Zurück blieb ein Ort voller Erinnerungen an feuchtfröhliche Feste – und ebenso feuchte, meterdicke

Mauern: «Historische Gebäude verfügen nicht über Horizontalsperren, die verhindern, dass kapillare Feuchtigkeit im Mauerwerk aufsteigt», erläutert Jan Fenselau, DiplomIngenieur und Bautenschutz-Experte. Die Folge: Es kommt zu Salzausblühungen und Schimmel, der Putz bröckelt. Um das alte Gemäuer überhaupt bewohnbar zu machen, mussten die Mauern zunächst trockengelegt werden.

KEINE CHANCE FÜR FEUCHTIGKEIT Für die Trockenlegung wurde das sogenannte Veinal-System genutzt. In einem ersten Schritt werden oberhalb des Bodens


© Veinal

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extrem langlebig, solche Horizontalsperren gelten bis heute als unverrottbar.» Die Wirksamkeit der Horizontalabdichtung per Injektion wurde schon mehrfach durch Gutachten bestätigt, etwa vom Amt für Materialprüfung der TU München und dem Institut für Bauforschung Aachen. In den Räumlichkeiten der ehemaligen Brauerei-Gaststätte entstehen nun Wohnungen, denen gerade die dicken Wände mit ihren tiefen Fensterlaibungen einen besonderen Charme verleihen. Von ihnen aus erschliesst sich der Blick über den Maltesergarten und die Amberger Altstadt bis zur Wallfahrtskirche Maria Hilf. Es ist eine Aussicht, die auch Jesuiten und Malteserritter zu ihrer Zeit schon genossen haben.

Gang im Erdgeschoss nach der Mauertrockenlegung.

Bohrlöcher in einer Linie eng nebeneinander platziert. In diese Kanäle wird dann eine spezielle Silikonharz-Lösung injiziert, die jede Pore des Mauerwerks umschliesst. In Verbindung mit Feuchtigkeit bildet das

Material über Nacht eine undurchlässige Schicht, die aufsteigende Feuchtigkeit dauerhaft abhält. Fenselau zu den Vorteilen des Verfahrens: «Die Mauer muss nicht vorbehandelt werden. Zudem ist das Silikonharz

ELISA BECK ist Redaktorin bei bauRUNDSCHAU. www.veinal.de

© Stadtarchiv Amberg

Persönlich, nachhaltig, gesetzeskonForm

Für intelligente entsorgung

Die Sammlung und Verwertung von Sonderabfallstoffen ist unsere Leidenschaft: Von der sicheren Abholung vor Ort bis hin zur Aufbereitung kümmern wir uns um alles. Zuverlässig und flexibel. Mit kompetenter Beratung, intelligenten Lösungen und überzeugender Logistik. Ein umfassender Service für individuelle Bedürfnisse – das ist Altola. www.altola.ch

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© Hörmann Schweiz AG

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Nicht nur Umbauten, die automatisierte Lösungen beinhalten, gewinnen an Bedeutung.

KOMFORT HAT VORFAHRT TÜRWELTEN IM UMBRUCH Interview mit Albert Renz von Georg Lutz

Die Lösung, mit einem Antrieb Türen automatisch per Handsender oder berührungslos zu bedienen, gewinnt aus unterschiedlichen Gründen an Bedeutung. Komfort, Hygiene und die demografische Kurve sind dazu die zentralen Stichworte. Das folgende Interview mit Albert Renz, der als Product Manager bei der Hörmann Schweiz AG tätig ist, vertieft diese Themen.

D

as Thema Türen kann sehr alltäglich, aber auch sehr exklusiv angegangen werden. Als Kind steht man vor einer Tür und darf noch nicht rein. Man weiss auch nicht, was sich genau dahinter verbirgt. Die Tür markiert eine Pforte in eine andere Welt – mit Wunschträumen. Kennen Sie solche Situationen aus Ihrer Kindheit? Ja, denn meine Eltern führten ein Lebensmittelgeschäft, das direkt an unsere Wohnung grenzte und über eine Verbin-

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dungstür zugänglich war. Egal, auf welcher Seite der Türe man sich befand – dahinter tobte das Leben in all seiner Vielfalt – entweder bei uns Kindern im Wohnzimmer oder dann bei den Kunden im Laden. Und hinter der Türe gab es Leckereien? Tatsächlich – während andere Kinder nach der Schule zum Kiosk gingen, um Süsses zu kaufen, gingen wir nach nebenan. Die Verbindungstür zum Geschäft war so gesehen unsere Tür zum Glück. Aber auch

sonst war das Treiben im Laden immer spannend zu beobachten. Eine Tür ist aber auch eine Ampel. Manchmal kommt man durch und manchmal nicht. Das stimmt – das habe ich selbst schon als Kind im frühen Schulalter erlebt, als ich mit einer ansteckenden Krankheit für drei Wochen im Spital in Isolation musste. Die Türen waren abgeriegelt, nicht mal meine Eltern durften zu mir, und die Ärzte wie


© Hörmann Schweiz AG

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Einfache Smartphone-Bedienung des Automatik-Schlosses mit der Hörmann BlueSecur App.

auch das Pflegepersonal sind nur mit Schutzanzügen rein. Sogar das Essen kam durch einen Lift! Ein krasser Kontrast zu meinem Zuhause, wo eigentlich jede Tür offen stand. Im klassischen Haus trennt eine Tür unterschiedliche Funktionsräume. Heute bevorzugt man aber eher offene Raumsituationen mit fliessenden Übergängen. Eine Küche hat oft keine Türe oder Durchreiche mehr, sondern ist ein offener Kommunikationsraum. Küche, Ess- oder Wohnzimmer kommen ohne Türen aus. Ketzerisch gefragt: Braucht es heute noch Türen im Innenraum? Da gibt es heute sehr unterschiedliche Ansichten. Letztlich entscheidet der Kunde, wie er seine Räume gestalten will beziehungsweise wie viele Türen er möchte. Die Frage lautet: Wo braucht es zwingend eine Tür und wo wäre es einfach gut, eine Tür zu haben? Auch bei einem klassischen Einfamilienhaus sollte dies schon in der Planungsphase geklärt sein, damit alle übrigen Gewerke ihre Arbeit rund um die Tür erbringen können. Bei Sanierungen ist es heute oft so, dass getrennte Funktionsräume durchbrochen werden, um mehr Raum zu erhalten. So will man – insbesondere beim Thema Küche – eine Atmosphäre schaffen, die einer offeneren Wohnkultur gleicht. Türen vor Toiletten, Schlaf- oder Kinderzimmern sind aber weiterhin beliebt. Schliesslich wird damit eine gewisse Intimität geschützt. Was hat sich denn bei den Türen in Innenräumen verändert? In der Schweiz setzt man im Innenbereich weiterhin in erster Linie auf Holztüren. Doch was früher einfach ein Holzbrett mit ein paar Zierleisten war, ist heute eine durchdachte Kombination aus Türrohlingen mit geeigneten Mittellagen, Deckplatten und

hochwertigen Oberflächen mit Dämpfungsoder Dichtungsprofilen, um die heutigen Anforderungen zu erfüllen. In einem Badezimmer kommen weitere Herausforderungen dazu. Beispielsweise darf das Spritzwasser von der Dusche oder der Badewanne nicht in die Holztüren eindringen, weshalb sogenannte Feuchträume entsprechende Oberflächen haben. Der Wohnungsbau verlangt heute zertifizierte und zugelassene Brandschutz- oder Fluchtweg-Türen, die einer Norm unterliegen und entsprechend gekennzeichnet sind.

«So gibt es ­Situationen, in denen man sich eine selbst öffnende Tür wünscht.» Türen, die nicht mehr per Hand geöffnet werden müssen, kenne ich aus Krankenhäusern. Ihr Haus hat jetzt aber Lösungen auf dem Markt, die auch in privaten Räumen zum Einsatz kommen. Warum brauchen wir solche Lösungen in Privaträumen? Komfort heisst hier das Stichwort. Wer technikaffin ist und bereits die Haustür per Funk, Smartphone oder Fingerscan öffnet, greift auch im Innenraum gerne darauf zurück. Aktuell ist auch das Thema Hygiene auf die Agenda vieler Kunden gekommen. Und nicht zuletzt geht es hierbei auch um barrierefreies Bauen und Wohnen.

Albert Renz ist Product Manager Türen und Brandschutz bei der Hörmann Schweiz AG.

Da wir als Gesellschaft immer älter und gebrechlicher werden? Genau. Es braucht immer mehr Umbauten, die automatisierte Lösungen beinhalten. Ein barrierefreier Zugang kann – gerade beim betreuten Wohnen oder bei der Hilfe mit Spitex-Lösungen – einen wichtigen Beitrag leisten, damit Menschen im Alter länger in ihren eigenen vier Wänden bleiben können. Seit März 2020 ist das Thema Corona noch dazugekommen. Spüren Sie das? Absolut. Schliesslich geht es bei den Hygienemassnahmen nicht nur darum, Maske oder Handschuhe zu tragen. So gibt es Situationen, in denen man sich eine selbst öffnende Tür wünscht. Etwa im Restaurant, Laden oder in einer öffentlichen Toilette. Der Ekel-Faktor spielt hier eine grosse Rolle, und ich sehe viele Leute, die die Toilettentür mit dem Ellenbogen oder dem Fuss öffnen. Dabei wäre es so einfach: Man hält einfach seine Hand vor einen Sensor, der beispielsweise neben dem Seifenspender angebracht ist, und schon geht die Tür auf. Natürlich auch selbstständig wieder zu. Das klingt verlockender. Und ist es auch. PortaMatic ist nicht neu auf dem Markt. Sind da nicht Lärmemissionen zu befürchten? Nein, sogar beim Dreiflügelantrieb HDO300, der bis zu 600 Kilogramm Gewicht mitnehmen kann, hört man praktisch nichts vom Motor. Das gilt auch für die PortaMatic-

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© Hörmann Schweiz AG © Hörmann Schweiz AG

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Türen hygienisch öffnen mit berührungslosen Schaltern.

Innentürantriebs-Lösungen, die praktischgeräuschlos sind. Gerade in Hotels und Krankenhäusern kann man heute nicht mit ratternden Türen reüssieren. Wie funktionieren solche Türen? Bei klassischen Türschliessern wird die Tür von Hand aufgemacht und dank Federkraft schliesst die Tür danach wieder selbstständig. Der Dreiflügelantrieb funktioniert ähnlich wie der klassische Türschliesser, nur wird die Öffnung mit einem Elektromotor automatisch angetrieben. Ein Sensor – oder auch eine andere Ansteuerung – öffnet die Tür und hält sie für eine gewisse Zeit offen. Die Schliessung erfolgt wiederum über eine Antriebsfeder. Ein Stromausfall stellt übrigens kein Problem dar. Bei einer Brandschutztür funktioniert der Antrieb dann wie ein klassischer Türschliesser über die Federkraft. Bei Antrieben ohne Brandschutzanforderungen ist meist keine solche Feder eingebaut, sie bleibt dann aber in der entsprechenden Situation stehen. Wichtig ist: Bei allen automatisierten Türen muss eine Risikoanalyse erstellt werden und im öffentlichen Bereich muss die Tür entsprechend abgesichert sein. Auch Hörmann spricht von Nachhaltigkeit. Jetzt hat man wieder einen zusätzlichen Stromverbraucher im Haus. Welche Argumentationsfigur setzen Sie dagegen? Die Frage nach dem Stromverbrauch hören wir oft – auch bei den Garagentoren.

Tatsächlich können wir entwarnen. Konkret: Mit energieeffizienten Bauteilen und LEDBeleuchtung haben wir dafür gesorgt, dass die Stromkosten für den PortaMatic unter vier Franken (bei fünf Türbewegungen (Auf / Zu) pro Tag, ohne Dauerlicht und einem Strompreis von 0.25 CHF / kWh pro Jahr betragen. So sparen Sie Strom und auch Geld. Wie sieht es mit dem Preis-LeistungsVerhältnis aus? Was man automatisiert, kostet natürlich auch Geld. Gratis gibt es nichts. Aber: Die Akteure können im Vorfeld sparen, wenn sie optimal planen. Wir haben beispielsweise Architektenberater, die bei der Planung des Gebäudes helfen und aufzeigen, wie man eine Automatisierung konzipiert, beziehungsweise wo sich der Nutzen für den Mieter oder Käufer maximal entfaltet. Wer so sein Vorgehen optimiert und eine automatisierte Tür von Anfang an mit einplant, spart wertvolles Geld. Wer nachträglich eine Tür automatisieren muss, verursacht mehr Kosten. Jetzt haben diese Türen auch keinen klassischen Schlüssel mehr. Wie ist das Thema Sicherheit gelöst? Bei Zimmertüren im Einfamilienhaus sind Schlüssel meist eh kein Thema mehr und Badezimmer sowie Toiletten werden vielfach mit sogenannten Dreholiven (rot- / grün) und Badezellenschlössern ausgestattet. Bei Aussen- oder Objekttüren sind mechanische

Schlüssel aber immer noch sehr häufig anzutreffen. Braucht es eine Zutrittskontrolle, kommen oft elektronische Lösungen zum Einsatz. Dabei gilt: Die Sicherheit ist nur so gut, wie der jeweilige Anwender mit der elektronischen Lösung umgeht. Biometrische Zutrittskontrollen erhöhen die Sicherheit, da sie nicht übertragbar sind. Die meisten Aussentüren werden aber noch mit einem klassischen Schlüssel ausgerüstet. Schliesslich funktioniert dieser bei Stromausfall immer! Jetzt darf eine Tür aber auch keine Insellösung sein, oder? Wie kommuniziert sie mit Smart-Home-Lösungen? Bei der Vielzahl an Smart-Home-Lösungen ist eine frühzeitige Planung wichtig. So müssen beispielsweise Lehrrohre bereits in der Rohbauphase entsprechend eingezogen werden, damit eine Tür die Türzustandsmeldungen abgeben kann. Auch muss jede Komponente – ob Riegelschaltkontakt, Öffnungsmelder oder A-Öffner am Kabel – korrekt beschriftet sein, damit diese am Hausleitsystem mit dem mitgelieferten Anschluss-Schema verdrahtet werden kann. Nur so ist das Hausleitungssystem dann auch mit allen angeschlossenen Komponenten im Haus «smart» verbunden. Welche Marktanteile will Hörmann in den nächsten drei Jahren in der Schweiz erobern? Als Tochtergesellschaft der Hörmann Gruppe ist die Hörmann Schweiz AG seit 1984 operativ tätig und – genauso wie in vielen anderen Ländern – vor allem durch ihre hochwertigen Garagentore anerkannt. Nun geht es uns darum, diese Bekanntheit auch im Bereich der Türen zu erlangen. Das heisst, wir streben in den einzelnen Produktsegmenten die Marktführerschaft an. Entsprechend nutzen wir unsere Chancen am Markt – mit einem gezielten Ausbau der Kompetenz unserer Händler, des Händlernetzes selbst wie auch mit Schulungen bei den Verkaufsberatern und dem Kundendienst. Wir verzichten dabei bewusst darauf, einen bestimmten Marktanteil als Ziel zu kommunizieren. Getreu dem Motto unseres Firmengründers August Hörmann: «Einen guten Namen muss man sich erarbeiten.» Dank der hohen Zufriedenheit – sowohl bei den Fachpartnern wie auch bei den Benutzern unserer Bauelemente – sehen wir sehr zuversichtlich in die Zukunft.

Hörmann Schweiz AG | Nordringstrasse 14 | CH-4702 Oensingen | Tel. +41 (0) 062 388 60 60 | www.hoermann.ch

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BAUEN

GEMEINSAM VISIONEN VERWIRKLICHEN

Die Gebäude der Zukunft zu gestalten bedeutet, neue Technologien und moderne technische Mittel wie Building Information Modeling (BIM), Virtual Reality oder Smart Home zu nutzen. So können wir Vorstellungen und Wünsche der Menschen von Anfang an konkret erfassen, disziplin­ übergreifend in die Planung integrieren und Wirklichkeit werden lassen – zum Beispiel beim Projekt «Glasi­Quartier» in Bülach.

steiner.ch

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DIE NÄCHSTE GENERATION DER ÜBERLADEBRÜCKEN

SICHERHEIT, EFFIZIENZ UND TRANSPARENZ DES VERLADEMANAGEMENTS von Lone K. Halvorsen

Das Ideal jedes Logistikers sind reibungslose Prozesse mit maximaler Transparenz zu jedem Prozessschritt wie zur Effizienz des Ressourceneinsatzes. Optimierungsbedarf in dieser Hinsicht gibt es rund um die Verladesituation – insbesondere bei grossen Lagern und Logistikcentern.

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eim Be-und Entladen müssen die Ziele Schnelligkeit und Arbeitssicherheit in Einklang gebracht werden, und je mehr Verladebrücken und Tore ein Objekt aufweist, desto schwieriger ist es, alle Prozesse jederzeit im Blick zu haben und den Einsatz der Brücken optimal zu koordinieren. Für diese Anforderungen hat das Unternehmen Novoferm als einer der führenden europäischen Systemanbieter von Türen, Toren, Zargen und Antrieben nun die Verladebrücke EVO X entwickelt. Zum zweiten Mal in Folge

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wurde das Unternehmen 2020 mit dem zweiten Preis in der Kategorie «Tore und Rampen» ausgezeichnet.

ÜBERLADEBRÜCKE EVO X Als Überladebrücke der nächsten Generation kombiniert die EVO X intelligente Sicherheitstechnik mit digitalem Informationsmanagement und zudem eine einfachere wie schnellere Steuerung. Die Entwickler von Novoferm hatten sich das Ziel gesetzt, die sicherste und effizienteste Überladebrücke zu konstruieren. Das Ergebnis ist

die EVO X, die als Topmodell nahezu alle marktfähigen Innovationen als Standard bietet. Beispielhaft dafür ist der patentierte iQ-Slide, mit dem eines der grössten Unfallrisiken beim Verladevorgang ausgeräumt wird. Die sogenannte SLOD-Funktion sorgt für zusätzliche Sicherheit: Der Vorschub wird mit nur einem Bedientaster so eingestellt, dass der Spalt zwischen Rampe und Ladefläche noch vor dem Öffnen des Lkw überbrückt wird. Wird ein Lastwagen oder Auflieger durch das Einfahren von Gabelstaplern nach vorne ge-


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schoben, folgt der Vorschub automatisch und verhindert so das Abrutschen vom Lastwagen. Für den Übergang vom Lastwagen auf die Überladebrücke setzt das Unternehmen besonders lange – und damit auflagensichere – Segmente aus hochfestem Aluminium ein. Das Alu-Slide-System sorgt für einen besonders ebenen und damit sanften Übergang. Zudem funktioniert Alu-Slide deutlich leiser als andere Systeme, und durch die optional angebotene Silence-Plus-Beschichtung kann dieser Effekt nochmals deutlich verstärkt werden. Die neue Silence-Plus-Technologie reduziert, durch eine spezielle Beschichtung, Lärm um bis zu 85 Prozent. Aufgrund seiner flexiblen Form lässt sich das Material auf bestehende Brücken aufschrauben und kann somit auch nachträglich angebracht werden.

Einfache und schnelle Bedienung einer Überladebrücke vor dem Logistikgebäude.

BEDIENUNG EINFACH, SCHNELL UND SICHER Bedient wird die EVO mit der Novo i-vision X, einer Steuerung, mit der alle Funktionen von iQ-Slide über SLOD bis zum zeitsparenden QuickDock buchstäblich per Knopfdruck ausgelöst werden; die Benutzerführung per LED schliesst Fehlbedienungen somit weitestgehend aus. Zudem wurden die neuesten umweltschonenden Technologien eingesetzt. Während die EVO X so für spürbare Verbesserungen jedes einzelnen Verladeprozesses sorgt, wird hierbei durch die Kombination mit der innovativen Software LION 4.0 die kontinuierliche Überwachung wie den optimalen Einsatz aller Verladestellen – jederzeit und von jedem Ort aus – ermöglicht. LION liefert Informationen zum aktuellen Status einer oder aller Tore und Brücken, Dauer und Frequenz ihrer Nutzung.

LADEN NACH MASS BEI HERMES Das 12’000 Quadratmeter grosse Distributionszentrum von Hermes verfügt über insgesamt 303 WAB-Stellplätze und verarbeitet über 50 Millionen Sendungen im Jahr. Alle 114 mit Toren versehenen Stellplätze wurden von Novoferm mit Sektionaltoren und elektro-hydraulischen Überladebrücken ausgestattet. Als Warenumschlagplatz mit Rund-um-die-Uhr-Betrieb forderte dieses Objekt besonders viel Know-how in Sachen Funktionalität und Zuverlässigkeit. So entwickelte Novoferm beispielsweise

Der neue Massstab bei Überladebrücken ist im Einsatz.

eigens für Hermes Torabdichtungen mit zusätzlicher separater Schürze, sodass die computergesteuerte Sortertechnik im Inneren absolut vor Nässe geschützt wird. Eine weitere Besonderheit sind die speziell für den Gebäudeschutz entwickelten Stahlpuffer, die Hermes grundsätzlich bei allen Objekten nutzt. Insgesamt wurden 114 elektro-hydraulische Überladebrücken

mit Vorschublippen eingebaut. Die von Hermes gewählten Verladetore bestehen aus doppelwandigen, feuerverzinkten Stahllamellen mit einem FCKW-freien Hartschaumkern aus Polyurethan. Das gesamte Objekt wurde exakt auf die Bedürfnisse von Hermes ausgerichtet, was bis zur Farbgestaltung der Tore in der Hermes-Hausfarbe reicht.

Novoferm Schweiz AG | Höchmatt 3 | CH-4616 Kappel | Tel. +41 (0) 62 209 66 77 | info@novoferm.ch | www.novoferm.ch

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KOLUMNE

WIR BRAUCHEN MEHR GÜNSTIGE WOHNUNGEN! von Eva Herzog

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rinnern Sie sich? Im Februar haben wir abgestimmt über die Volksinitiative «Mehr bezahlbare Wohnungen». Die Initiative verlangte, dass künftig jede zehnte neu gebaute Wohnung gemeinnützig sein soll. Sie hat nicht in der ganzen Schweiz eine Mehrheit gefunden, aber mit 43 Prozent Ja-Stimmen doch einen bemerkenswerten Achtungserfolg erzielt. In Städten wie Zürich, Basel, Bern und Genf und in mehreren Kantonen haben zum Teil über 70 Prozent Ja gestimmt. In der Zwischenzeit hat das Forschungsbüro Sotomo eine detaillierte Analyse des Abstimmungsverhaltens erstellt. Diese zeigt: Ob jemand der Volksinitiative zugestimmt hat, hängt stark mit der politischen Orientierung zusammen. Personen, die sich dem linken politischen Spektrum zuordnen, haben häufiger ein Ja in die Urne gelegt. Auch persönliche Betroffenheit spielt eine Rolle: Wer selbst unter hohen Wohnkosten leidet oder schon vergeblich eine Wohnung gesucht hat, hat eher zugestimmt. Das ist verständlich, aber eigentlich schade. Denn die Frage, ob es mehr gemeinnützige Wohnungen braucht, hat nichts mit Links-rechts-Politik zu tun. Und der gemeinnützige Wohnungsbau nützt auch nicht nur den Direktbetroffenen, sondern der ganzen Gesellschaft: mit nachhaltigen, durchmischten Siedlungen, die Infrastrukturen für das Quartier bieten und für die Gemeinde einen preisdämpfenden Effekt haben. Und mit innovativen Siedlungskonzepten, die Antworten liefern auf die gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen. Was mich hingegen freut: Die Umfrage von Sotomo hat ergeben, dass die Mehrheit der Bevölkerung mit den generellen Anliegen der Initiative durchaus einverstanden ist. Es mag sein, dass für viele die Initiative nicht der richtige Weg war, sie Mühe hatten mit der vorgegebenen Quote von zehn Prozent. Aber: Neun von zehn Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern sind der Ansicht, dass die Wohnkosten in der Schweiz zu hoch sind. Zwei Drittel

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finden, dass Wohnen ein Grundrecht ist und nicht gänzlich der freien Marktlogik überlassen werden sollte. Die Mehrheit befürwortet Fördermassnahmen für mehr preisgünstigen und gemeinnützigen Wohnraum. Ein klares Signal für die Politik. Das Bundesamt für Wohnungswesen hat die Analyse auch im Hinblick auf zukünftige Fördermassnahmen in Auftrag gegeben. Nun ist es am Bundesrat und am Parlament zu beweisen, dass die Anliegen der Bevölkerung aufgenommen werden. Zum Beispiel, wenn es bald um einen neuen Rahmenkredit für die Emissionszentrale für gemeinnützige Wohnbauträger geht – ein wichtiges Finanzierungsinstrument für Genossenschaften. Auch wir als Verband der gemeinnützigen Wohnbauträger nehmen die Resultate ernst. Die Bevölkerung wünscht sich mehr preisgünstigen Wohnraum. Wir werden uns also künftig noch stärker dafür einsetzen, dass es in der Schweiz mehr gemeinnützige Wohnungen gibt. Eine Mehrheit der Befragten hat ausserdem angegeben, dass sie sich klarere Regeln für die Vergabe der gemeinnützigen Wohnungen wünschen. Auch diesen Wunsch nach mehr Transparenz nehmen wir ernst. Wohnbaugenossenschaften sind für alle Bevölkerungsgruppen offen. Das müssen wir klar kommunizieren. Und auch zeigen, wie der Zugang zu den genossenschaftlichen Wohnungen funktioniert.

EVA HERZOG ist Präsidentin des Verbands Wohnbaugenossenschaften Schweiz und SP-Ständerätin des Kantons Basel-Stadt. www.wbg-schweiz.ch


COMPACT PRO für die verputzte Aussenwärmedämmung.

Wärmedämmung einfach erklärt.

www.flumroc.ch/naturtalent Ausgabe 03/2020 // Seite 79

DACHCOM

Das Naturtalent für die Fassade.


KOLUMNE

SICHERE UND SAUBERE GEBÄUDE DER ZUKUNFT von Stefan Rechsteiner

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ährend viele noch vom intelligenten, vernetzten und automatisierten Gebäude für mehr Komfort, Energieeffizienz und weniger Kosten sprechen, ist mit der Covid-19-Pandemie eine weitere Herausforderung auf den Plan getreten: In Zukunft wird das Smart Building auch durch die Bereiche Hygiene und Infektionsschutz definiert. In den letzten Monaten haben sich Verhaltensweisen und Einstellungen in Bezug auf Berührung und Körperkontakt verändert. Menschen wollen weniger Oberflächen berühren und achten vermehrt auf Hygieneund Infektionsschutzmassnahmen. Architekten, Planer und Betreiber stehen hier vor der Herausforderung, wie sich der Infektionsschutz in Gebäuden erhöhen lässt. Hygiene- und Infektionsschutzmassnahmen sind meistens so ausgelegt, dass sie den Kontakt einschränken und die Kontrolle erhöhen. Bei Gebäuden gibt es in puncto Zutritt fünf neuralgische Punkte: Eingangsbereich, Durchgänge im Innenbereich, das Öffnen und Schliessen von Türen, Zutritt zu nicht öffentlichen Räumen und Zonen mit grossen Menschenmengen. Zum berührungslosen Gang durch Gebäude können unterschiedliche technische Lösungen beitragen. Automatische Schiebetüranlagen oder Karusselltüren an Haupteingängen gewährleisten ein berührungsloses Betreten und Verlassen von Gebäuden. An dieser Stelle müssen häufig weitere, zum Teil sehr komplexe Anforderungen hinsichtlich Barrierefreiheit, Fluchtwegsicherung, Brandschutz oder Zutrittskontrolle erfüllt werden. Zuverlässige Systemlösungen, die individuelle Anforderungen mit den wichtigen Hygienemassnahmen in Einklang bringen, meistern diese Herausforderungen. Durch den Einbau berührungslos funktionierender Zugangslösungen wie automatischen Dreh- oder Schiebetüren kann besonders in stark frequentierten Gebäuden, aber auch im privaten

Bereich das Infektionsrisiko verringert werden. Solche schnell reagierenden Türen verwenden Sensoren, um zu ermitteln, wann ein Öffnen oder Schliessen erforderlich ist. Damit entfällt die manuelle Betätigung des Türdrückers. Um den Zugang nur für berechtigte Personen zu gewährleisten, werden Automatiktüren mit Zutrittskontrollkomponenten ausgestattet. Der Benutzer verschafft sich über Zutrittsleser mittels seines Mediums (zum Beispiel Ausweis, Smartphone) Zugang zum innenliegenden Bereich. Selbstverriegelnde Panikschlösser ent- und verriegeln und die Türen öffnen sich vollautomatisch. Eine neue Alternative zu Zutrittslesern stellen Weitbereichsleser dar. Diese erkennen berechtigte Transponder aus bis zu zehn Metern Entfernung und gewährleisten eine berührungslose Zutrittskontrolle. Viele der erwähnten Zugangslösungen können mit weiteren Massnahmen und Technologien ergänzt werden. Neben Schutzkonzepten können auch automatische Desinfektionssysteme, der Einsatz von Wärmebildkameras zur Erfassung der Körpertemperatur oder eine Gesichtserkennung zur Kontrolle der Maskenpflicht eingesetzt werden. Jedes Gebäude hat individuelle Anforderungen an Sicherheit und Hygiene. Dementsprechend gestaltet sich die Hygienestrategie für jedes Gebäude anders und setzt sich aus einer Kombination aus technischen Lösungen und Massnahmen zusammen.

STEFAN RECHSTEINER ist Bereichsleiter Automatische Türsysteme dormakaba Schweiz AG und Mitglied der Geschäftsleitung. www.dormakaba.ch/hygiene

dormakaba Schweiz AG | Mühlebühlstrasse 23 | CH-8620 Wetzikon | Tel. +41 (0) 848 85 86 87 info.ch@dormakaba.com | www.dormakaba.ch

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BAUEN

FENSTER, DIE MITDENKEN SMART WINDOWS BIETEN KOMFORT UND SICHERHEIT von Gerald Brandstätter

Wie in vielen anderen Lebensbereichen breiten sich Digitalisierung und die interaktive Nutzung sowie Steuerung von Geräten und Installationen auch in und an Gebäuden weiter aus. Eine intelligente Fassade mit «Smart Windows» hilft, die Energieeffizienz und den Komfort von Gebäuden zu steigern.

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Doch heutzutage können Fenster noch viel mehr. Durch kontinuierliche Verbesserung der Eigenschaften werden immer wieder neue Fenstersysteme entwickelt und Optimierungen erreicht. Fenster sind daher nicht nur dichter, dämmender und sicherer

geworden, mittlerweile sind sie sogar smart: Sensoren am Fensterrahmen messen CO2Verbrauch, Luftfeuchtigkeit, Temperatur und Öffnungszyklen, um die Funktionalität und den Energieverbrauch im Gebäude konstant zu optimieren.

© Velux

ine Öffnung in einer Wand oder im Dach eines Bauwerkes wird gemeinhin als Fenster bezeichnet. Es übernimmt die Funktion der Belichtung, Belüftung sowie Aussicht und hält Witterungseinflüsse ab.

VELUX Active steuert das Raumklima anhand benutzerdefinierter Zielwerte zu Innenraumtemperatur, relativer Luftfeuchtigkeit und CO2-Wert.

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BAUEN

© JANSEN-Schüco

SMART HOME ALS NEUE REALITÄT Bereits in den 70er- und 80er-Jahren wurde die Vorstellung von vernetztem Wohnen und Arbeiten als Zukunftsvision proklamiert. Was damals noch Science-Fiction und technologisch nicht möglich war, ist heute Realität. Bis vor wenigen Jahren war das Smart Home noch ein Luxusgut, was die Marktdurchdringung bisher erschwert hat. Durch den breiten Einbau in grösseren Überbauungen steht aktuell ein Wandel bevor, sodass Smart Home mit Smart Building zum Standard werden können. Das Smart Window leistet dabei als intelligentes Fenster einen wichtigen Beitrag. Es verfügt nämlich über Funktionen, die weit über die Möglichkeiten herkömmlicher Fenster hinausgehen.

MEHR ALS GLAS UND RAHMEN Das Smart Window ist in aller Munde, jedoch bisher nur bei wenigen Herstellern von Fenstern im Sortiment zu finden. Der Schweizer Anbieter für Fenster und Fassaden, die 4B AG aus Hochdorf, bietet Lösungen für die Gebäudehülle im Neubau und in der Renovation an. Der Grossteil der Lösungen wurde in den vergangenen fünf Jahren vollständig überarbeitet, erweitert oder neu entwickelt. So können intelligente Funktionen dank unsichtbarer Motorisierung auf Knopfdruck bedient werden. Die Funktionen umfassen verschiedene Aktionen: Sensoren können Einbrüche erkennen und melden, ob Fenster offen sind. Raumfühler können die Luftqualität und Temperatur überwachen und vor Regen warnen. Es ist auch möglich, dass das Fenster sich meldet, wenn eine Wartung fällig ist – eine Funktion, die man vom Auto kennt. Nicht nur das Fenster, auch das Glas kann intelligente Funktionen übernehmen, indem es sich der Helligkeit anpasst und durch Dimmen vor blendender oder aufheizender Sonneneinstrahlung schützt.

SIMPLYSMART – VERNETZTE LÖSUNGEN Bei Fenstersystemen aus Aluminium sind weitere Smart-Home-Lösungen zu nennen. «TipTronic SimplySmart» ist ein verdeckt liegender, mechatronischer Beschlag, der die Aspekte Energiemanagement, Gebäudeautomation und Sicherheit vereint. Solche Systeme gewährleisten vernetzte Lösungen der dezentralen Lüftung: gute Luftqualität auf kleinstem Raum, optimaler Energieeinsatz durch raumindividuelle

Integrierte Sensortechnik ermöglicht bei Fenstern der JANSEN AG automatisierte Funktionen für maximalen Komfort.

Steuerung. Überwacht werden kann das alles durch Building Skin Control (BSC) von Schüco als übergreifende Plattform zur Integration, Steuerung und Überwachung. Bei diesem System kann auf alle Elemente und Geräte aus der Ferne gesichert zugegriffen werden, auch für nachträgliche Änderungen oder Services. Damit ist eine Anbindung an externe Smart-Home-Systeme möglich. Eine integrierte Sensortechnik ermöglicht automatisierte Funktionen wie beispielsweise zeitgesteuertes Fenster-

lüften oder energiesparende Nachtauskühlung. Wem der Knopfdruck noch nicht bequem genug zur Steuerung ist, der kann die Fenstersysteme ganz einfach per Sprachbefehl bedienen.

VOM SMART HOME ZUM SMART BUILDING Mit dem hauseigenen Smart Window zeigt auch die air-lux Technik AG ein Stück Zukunft: Das Smart Window kann per Sprachsteuerung bedient werden. Zudem ist

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© 4B AG

BAUEN

nachfragt, ob es sich öffnen oder schliessen soll. Das Einsetzen von Niederschlag wird sofort erkannt, offene Fenster werden geschlossen. Bei drohendem Gewitter wird der Bewohner vorgängig informiert. Jedes einzelne Fenster misst die Sonneneinstrahlung und reagiert mit dem Hinunterlassen der Jalousien oder Sonnenstoren. Die Steuerung der Beschattung geschieht für jedes Fenster einzeln. Zur Optimierung von Service-Intervallen sind RFID Chips verbaut, welche die Lebensdauer der einzelnen Bauteile überwachen und bei Bedarf eine Servicemeldung auslösen. Dabei kann ausgewählt werden, ob die Rückmeldungen des Fensters akustisch oder schriftlich über das Hausleitsystem gesendet werden sollen.

LÖSUNGEN FÜR JEDES STOCKWERK

© air-lux Technik AG

Die Holz-Metall-Schiebetüre ST1 auto move von 4B kann per Knopfdruck, vom Handy aus oder durch Sprachbefehl bedient werden.

Das Smart Window von Air-Lux ist ein wichtiger Bestandteil der Gebäudeautomation.

eine Steuerung mittels Touch Surface und Remote Air Funk-Fernbedienung möglich. Das Smart Window steht stellvertretend für innovative Fensterlösungen im Smart Building: Vor dem Verlassen des Gebäudes gibt das Smart Window Auskunft, ob ein Fenster noch offen ist. Bewegungssensor und Raumüberwachungsgeräte können

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während der Abwesenheit der Eigentümer den Raum kontrollieren. Für den Erhalt der Gesundheit ist im Fensterrahmen ein CO2-Messgerät eingebaut. Es erkennt ein schlechtes Raumklima und informiert die Bewohner. Auch das Messen des Aussenklimas (CO2-, No2-, Dezibel-Werte etc.) ist möglich. Der Bewohner kann Grenzwerte hinterlegen, bei denen das Fenster

Velux bietet viele intelligente Dachfenster, Hitzeschutzprodukte und Innenrollos. Mit Velux Active werden Dachfenster, Hitzeschutzprodukte und Innenrollos smart. Ein Gateway verbindet die Produkte mit dem WLAN und dem mitgelieferten Sensor. Einmal verbunden, steuert Velux Active das Raumklima anhand benutzerdefinierter Zielwerte zu Innenraumtemperatur, relativer Luftfeuchtigkeit und CO2-Wert. Darüber hinaus werden Hitzeschutzprodukte mittels Wettervorhersagen so gesteuert, dass die Hitze draussen bleibt. Mit der Integration von Velux im Smart Home können die automatisierten Produkte ebenfalls per Sprachbefehl gesteuert werden. Die Benutzer / innen bleiben mit freien Einstellungen zu Gruppen, Räumen, aber auch zu Parametern zum Raumklima immer autonom und haben jederzeit die Möglichkeit, manuell einzugreifen. Fenster mit Smart-Window-Technologie wie von 4B, JANSEN-Schüco, Air-Lux oder Velux setzen neue Massstäbe in puncto Arbeits-, Wohn- und Lebensqualität, Sicherheit, Funktionalität sowie effizienter Energienutzung. Das Überwachen und Steuern von Fassadenelementen ist ein weiterer Baustein zur Komplettierung des Smart Building in seiner Gesamtheit.

GERALD BRANDSTÄTTER ist Geschäftsführer der Agentur Conzept-B. www.conzept-b.ch


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BAUEN

Das Renovationsfenster RF1 mit Wechselrahmensystem für die schnelle und saubere Renovation von 4B gibt es neu als Balkontür RF1 ohne Stolperfallen mit flacher Schwelle.

NEUE FENSTER BRAUCHT DAS LAND FENSTERSYSTEME FÜR SANIERUNGEN Interview mit Pirmin Odermatt von Gerald Brandstätter

In der Schweiz gibt es rund 1.7 Millionen Wohnbauten. Davon sind rund 60 Prozent vor 1980 erstellt worden und definitiv sanierungsbedürftig. Besonders durch den Ersatz der Fenster könnte das Innenraumklima markant verbessert und der Wärmeverlust massiv minimiert werden.

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bwohl es zieht, selbst bei geschlossenem Fenster der Lärm der Quartierstrasse durchdringt und man regelrecht zum Fenster hinaus heizt, schrecken viele Hauseigentümer davor zurück, die Renovation ihrer Fenster anzugehen. Viele befürchten hohe Kosten und einen enormen Aufwand, inklusive Baustellendreck, Durchzug und tagelangem Handwerkerverkehr. Zudem stellt sich die Frage, ob und wann es überhaupt sinnvoll ist, die alten Fenster auszutauschen. Das schliesst auch die Unsicherheit ein, ob

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man bei einer solchen Veränderung auch gleich die gesamte Gebäudehülle angehen muss. Besitzer von schützenswerten Altbauten wollen oder dürfen zudem auch nicht in den Originalbestand eingreifen und die wertvolle Optik durch moderne Fenster verändern. Bedenken gibt es auf jeden Fall in vielfältigster Form. Dabei gibt es einiges, was für neue Fenster spricht. Nicht nur lassen sich die Heizkosten spürbar senken. Hinzu kommen weitere Verbesserungen wie ein optimierter

Schall- und Einbruchschutz und unter Umständen sogar mehr Licht, weil moderne Fenster oftmals einen schmaleren Rahmen bieten als die älteren Modelle und damit mehr Glasfläche. Für Altbausanierungen gibt es unterdessen ebenfalls hochmoderne Alternativen. Ob Fabrikloft, Schloss oder Jugendstilvilla – Profile und Scheiben können individuell angepasst werden und entsprechen damit exakt dem Stil der Umgebung. Als Sprossenvariante, Bogenfenster oder grossflächige Verglasung


© 4B AG

BAUEN

Pirmin Odermatt ist Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter des Privatkundengeschäfts Fenster bei der 4B AG mit Sitz in Hochdorf LU.

«beschlägt» oder wenn grundsätzlich eine energetische Optimierung der Gebäudehülle ansteht.

fügen sie sich optisch nahtlos in den Bestand ein und verbessern zeitgemäss das Gebäudeklima. Zudem erfüllen sie die aktuell gültigen Anforderungen im Bereich Sicherheit und Brandschutz. Tatsächlich ist der Ersatz der Fenster auch von der baulichen Seite her in vielen Fällen heute deutlich einfacher. Sogenannte Renovationsfenster – wie das RF1 von 4B – machen es möglich, die grössten Belastungen eines Umbaus auszuschalten. Mit solchen Fenstern bleibt das Mauerwerk unbeteiligt, teilweise kann sogar der alte Fensterrahmen bestehen bleiben. Der neue Fensterrahmen wird über den alten darübergestülpt und deckt ihn komplett ab. Das ist laut führender Anbieter heute in unter zwei Stunden möglich. Kosten und Zeit für zusätzliche Gipser-, Maler- und Maurerarbeiten entfallen. Herr Odermatt, wann ist ein Fenster sanierungsbedürftig? Wenn es klemmt, wenn zwischen Flügel und Rahmen kalte Luft hereinströmt, wenn die Farbe aussen abblättert, wenn die Dichtung spröde ist, wenn das Glas trüb oder undurchsichtig wird oder regelmässig

Gibt es ein Alter der Fenster, ab welchem eine Sanierung empfohlen wird? Prinzipiell gilt: Fenster, die vor 1990 eingebaut worden sind, beinhalten Gläser ohne Wärmeschutzbeschichtungen und meist auch ohne Gasfüllung. Aus energetischer Sicht sollten diese ausgetauscht werden. Sollten hier die Fenster komplett ausgetauscht werden oder kann man einfach einzelne Teile ersetzen? Ein altes Fenster kann mit einem neuen Glas wärmedämmtechnisch aufgewertet werden. Auch können nachträglich zusätzliche Dichtungen eingefräst oder die Sicherheit durch zusätzliche Beschlagsteile verbessert werden. Allerdings kann man durch das Ersetzen von Teilen oder das Nachrüsten immer nur eine kurze Verlängerung der Lebensdauer erreichen, die oft beinahe gleich viel kostet wie der Einbau von neuen Fenstern. Was sind generelle Vorteile sanierter und modernisierter Fenster? Durch neue Fenster haben Sie es im Rauminneren wärmer und leiser, die Heizkosten sinken deutlich, der Einbruchschutz ist massiv höher und oft kommt viel mehr Tageslicht in den Raum. Zudem müssen die Fenster aussen nicht mehr regelmässig abgeschliffen und nachgestrichen werden und Sie können auch gleich Flügeleinteilung und Öffnungsarten neu bestimmen. Durch den Einbau von neuen Balkonfenstern ist

es oft auch möglich, die Schwellenhöhe signifikant zu reduzieren und so alters­ gerechtere Übergänge von drinnen nach draussen zu ermöglichen. Was ist das Durchschnittsalter der von Ihrem Hause ersetzten Fenster? Aktuell sanieren wir vor allem bestehende Holzfenster, welche zwischen 40 und 50 Jahre alt sind. Die neuen Fenster aus Holz-Aluminium haben danach eine Lebensdauer von wiederum 40 bis 50 Jahren.

«Wichtig ist dann, sich am Anfang über alle Massnahmen im Klaren zu sein … » Was gilt es beim Auswechseln der Fenster im Hinblick auf die übrige Gebäudehülle zu beachten? Macht das Sinn, ohne gleich alles zu sanieren und neu zu dämmen? Es gibt Kunden, die belassen die Wand und Fassade und wollen nur neue Fenster. Wenn Kunden auch die Fassade isolieren wollen, machen das die meisten schrittweise.

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BAUEN

Wichtig ist dann, sich am Anfang über alle Massnahmen im Klaren zu sein und eine sinnvolle Reihenfolge zu definieren. Mit dem Renovationsfenster RF1 haben wir beispielsweise ein Produkt, welches einen Anschluss von einer Aussenisolation jederzeit ermöglicht. Holz, Metall, Kunststoff? Was ist der langlebigste Werkstoff für Fenster? Das Holz-Aluminium-System hat sich als langlebigstes und unterhaltsärmstes Produkt etabliert. Erreicht wird das durch die funktionale und konstruktive Trennung von Holz innen (Wärmedämmung, Stabilität und Wohnlichkeit) und Aluminium aussen (Wetterschutz).

Gelten neue Fenster als wertsteigernd für eine Immobilie? Neue Fenster steigern nebst dem spürbar besseren Lebensgefühl auch in vielen Fällen den Wert des Gebäudes. Gibt es staatliche Unterstützungsmassnahmen – so wie bei der Förderung der Stromproduktion aus Photo­ voltaikanlagen? Die Kantone und der Bund sehen pro Quadratmeter energetisch sanierter Gebäudehülle CHF 40 Fördergelder vor. Die genauen Bedingungen und Förderinhalte sind kantonal unterschiedlich (gebäudeprogramm.ch). Meistens ist es aber so, dass Fördergelder

erst ausbezahlt werden, wenn mindestens 75 Quadratmeter Gebäudehülle gedämmt werden und der Minimalförderbetrag von CHF 3 000 überschritten wird. Reine Fenstersanierungen werden in den meisten Kantonen leider nicht mehr gefördert. Wie hoch schätzen Sie das brachliegende Potenzial von Fenstern ein, die saniert werden sollten? In der Schweiz gibt es rund 1.7 Millionen Gebäude mit Wohnungsnutzung. Davon sind ca. 60 Prozent vor 1980 erstellt worden und definitiv sanierungsbedürftig. Das Bundesamt für Statistik geht aktuell davon aus, dass wir in der Schweiz eine Erneuerungsrate von knapp einem Prozent haben. Das heisst, es dauert bei der aktuellen Geschwindigkeit 100 Jahre, bis alle Gebäude einen langfristig nachhaltigen energetischen Standard erreicht haben. Das brachliegende Potenzial ist also enorm.

GERALD BRANDSTÄTTER ist Geschäftsführer der Agentur Conzept-B. www.4-b.ch www.jansen.com www.egokiefer.ch www.finstral.com

© JANSEN

Sie bieten mit dem Renovationsfenster RF1 das meistverkaufte Renovationsfenster der Schweiz an: Was macht es aus? Mit dem patentierten RF1 lässt sich der bestehende Fensterrahmen weiterhin nutzen und muss nicht wie bei anderen Systemen komplett aus dem Mauerwerk herausgerissen werden. So bleibt das Mauerwerk unverletzt. Das Holz-Aluminium-Fenster RF1 zählt auch bei den Isolationswerten zum besten Fenster auf dem Markt. Es ist Minergie-zertifiziert und erreicht als einziges Renovationsfenster der Schweiz die Energieeffizienzklasse A.

Mit welchen Kosten ist bei einer Sanierung der Fenster zu rechnen? Die Kosten sind abhängig von der Grösse und Anzahl der Fenster, von der gewünschten Farbe und Oberfläche und natürlich auch von den Anforderungen bezüglich Einbruchschutz und Schallschutz. Ebenfalls spielt es bei Sanierungen eine Rolle, ob Storen oder Jalousien eingebaut sind und wie die Bauanschlüsse ausgeführt sind. Eine Pauschalaussage kann daher nicht gemacht werden. Insbesondere bei Sanierungen ist eine professionelle und umfassende Beratung notwendig, bevor dann ein individuelles Angebot erstellt werden kann.

Filigrane Fenstersysteme aus Stahl wie Janisol Arte von Jansen sorgen für stilgerechte Renovationen in besonderen Umgebungen.

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Mein Leben. Mein Liv.

Welche Vorlieben und Pläne Sie auch immer haben: Jetzt erleichtert Liv den Alltag im Badezimmer. Die neue Linie von Bodenschatz bietet viele hochwertige und praktische Badaccessoires, die Sie frei wählen und kombinieren. Vom Glas bis zum Seifenspender, vom Schmuckbaum bis zur Ablage für Kosmetika und Handy. Liv. Macht einfach, was Sie wollen. www.bodenschatz-liv.ch Ausgabe 03/2020 // Seite 89


KOLUMNE

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BAUEN

AUS DEM HERZEN DER SCHWEIZER ALPEN Im wunderschönen Simmental ist das Schreinerhandwerk noch ein traditionelles Handwerk. Der Stolz auf unsere Arbeit zeigt sich in jeder von uns individuell angefertigten Küche. Die raue Landschaft, die majestätischen Berge und die unberührte Natur inspirieren dabei unsere Arbeit. Ob Penthouse-Besitzer oder Chalet-Liebhaber, sie alle teilen die Leidenschaft mit uns, die uns dazu motiviert, die exklusiven Küchenträume unserer Kunden wahr werden zu lassen. Die Zbären Küchen werden dabei mit hochwertigsten Materialien in feinster Handarbeit und mit hochmodernen Maschinen gefertigt. Von der kleinen Manufaktur im Herzen der Schweizer Alpen liefern wir die massgefertigten Küchen in die ganze Welt.

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GARTEN

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GARTEN

WARUM IN DIE FERNE SCHWEIFEN … DEN EIGENEN GARTEN ZUM SEHNSUCHTSORT MACHEN von Elisa Beck

Eine kleine Grünfläche, eine Sitzecke, ein paar Blumenbeete und vielleicht sogar das Plätschern eines Springbrunnens. Der eigene Garten braucht nicht viel, um Gemütlichkeit zu verströmen. Dabei kann er so viel mehr! Je nach Vorlieben und Ansprüchen ersetzt er Büro, Badestrand oder gar den Supermarkt. In Zeiten von Lockdown und Social Distancing wird er zur Aussenstelle der eigenen vier Wände und bietet unzählige Optionen zur Entfaltung, Betätigung oder eben dem gemütlichen Rückzug unter den Sonnenschirm. Verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten helfen, den Garten nicht nur im Sommer zum Lebensraum und Traumziel zu machen. Ausgabe 03/2020 // Seite 93


GARTEN

Bei der Aussicht in den eigenen Garten geht die Arbeit besonders leicht von der Hand.

DAS LEBEN FINDET DRAUSSEN STATT WIE WIR DEN GARTEN ZURÜCKEROBERN von Elisa Beck

Grüne Rasenflächen, bunte Blumenbeete, ein Liegestuhl im Schatten oder ein kleiner Tisch auf der Terrasse: Immer mehr Menschen zieht es nach draussen. Gerade in Zeiten von Corona ist der eigene Garten Rückzugsort und Urlaubsdestination zugleich. Auf den folgenden Seiten werden verschiedene Möglichkeiten vorgestellt, den eigenen Garten zu gestalten und zu nutzen. Seite 94 // bauRUNDSCHAU


© HLC Cube fx

© HLC Buttazoni GmbH

GARTEN

Tomatenhäuser bieten Platz für mindestens fünf Tomatenpflanzen.

Der Garten wird zu Wohnzimmer, Arbeitszimmer und Küche.

VON DER AUSSENWELT ­A BGESCHIRMT

I

m Sommer verlagert sich das Leben in den Garten: Hier wird nicht mehr lediglich gegrillt und eine Schaukel für die Kinder aufgestellt. Vielmehr geht es um die Gestaltung eines eigenen Lebensraums. Dabei steht nicht nur die Suche nach einer Beschäftigung oder das Bedürfnis, das eigene Heim zu verschönern, im Fokus. Naturverbundenheit und Nachhaltigkeit werden immer wichtiger. Auch die verwendeten Materialien zeugen von einem neuen ökologischen Bewusstsein: Bodenbeläge aus natürlichen Pflastersteinen oder Echtholzdielen verbinden Ursprünglichkeit und Komfort.

Sonnensegel und -schirme im Garten machen es möglich, sie spenden Schatten und unterteilen die Gartenfläche, ohne in die natürliche Beschaffenheit einzugreifen. Segel lassen sich über mehrere Quadratmeter spannen und beschwören mit ihrem maritimen Charme bei so manchem Besucher Fernweh. Der klassische Sonnenschirm hingegen verbreitet neben Schatten weiterhin Urlaubsstimmung und verspricht Entspannung. Neue Modelle lassen sich einfach und dekorativ am Haus oder im Garten platzieren, sodass der Bewegungsspielraum bis zum Gartenzaun reicht. Doch der Garten ist längst nicht mehr nur für die Entspannung da. Gerade in Zeiten des Home Office zieht es die Menschen mitsamt Laptop und Unterlagen vom Schreibtisch in den Garten. Wer bei der Arbeit von zu Hause aus die Ruhe eines geschlossenen Raumes braucht, muss keinesfalls auf den Aufenthalt im Garten

verzichten. Dabei helfen Gartenhäuschen, die nichts mit Geräteschuppen gemeinsam haben: Ein kleines Gartenhaus kann leicht als praktischer Büroraum dienen. Doppelt verglaste Panoramafenster machen das Gartenbüro im Sommer wie im Winter zu einem kreativen Rückzugsort mitten im Grünen, ohne dass die Konzentration von Wettereinflüssen gestört wird. Vielfältige Möglichkeiten für Stromversorgung, Klim­ atisierung und Innenausstattung können individuell an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst werden, sodass im Garten eine kleine Aussenstelle entsteht. Der Weg in den Feierabend ist kurz und das Naherholungsgebiet immer direkt vor der Tür.

BACK TO THE ROOTS Ein Häuschen im Garten mit grossen Fenstern gefällt allerdings nicht nur den Kreativen oder Ruheliebenden, sondern auch verschiedensten Pflanzen. Ob im Gewächshaus oder im Beet, Pflanzen machen einen Freiraum erst zum Garten. Obst und Gemüse kommt immer häufiger regional und in Bio-Qualität auf den Tisch – wieso dann nicht direkt aus dem eigenen Garten? Selbst anpacken steht wieder hoch im

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© HLC Balena GmbH

GARTEN

Durch seine schlichte Anlage und klare Formen fügt sich ein Naturpool in jeden Garten harmonisch ein.

EINTAUCHEN IN DIE NATUR Wer sich in seiner Freizeit lieber nicht die Hände schmutzig machen möchte oder sich nach einem Urlaub am Meer sehnt,

© HLC Soliday

Kurs, die Betätigung im Garten verbindet Hobby und Nutzen als Ausgleich zur Arbeit und führt uns, im wahrsten Sinne, zurück zu den Wurzeln. Mit einem Gewächshaus werden für die Pflanzen optimale Bedingungen geschaffen, sodass oftmals einer ganzjährigen Ernte nichts im Wege steht. Der Schlüssel dazu ist ein gut isoliertes Fundament, das in die Erde eingegraben wird. Wenn nötig, kann das kleine Pflanzenparadies dennoch versetzt werden. Als rückenfreundliche Variante bieten sich Gewächshäuser mit Hochbeeten an, um die Rückkehr zur Natur bequemer zu gestalten. Tomaten gedeihen in dieser geschützten Umgebung besonders gut, da sie vor Regen und Kälte abgeschirmt werden. Eine zusätzliche Belüftung und Rankhilfen bescheren dem Hobbygärtner eine reiche Ernte und damit Unabhängigkeit von den Angeboten im Supermarkt. So bereitet es nicht nur Freude, im Garten aktiv zu werden und mit den eigenen Händen zu arbeiten, sondern auch die Früchte der eigenen Arbeit zu ernten.

kann Erholung am eigenen Naturpool finden. Natur deshalb, weil die Anlage ganz ohne Chlor auskommt. Trotzdem lädt das Wasser zum Schwimmen ein: Der Naturpool verfügt über ein biologisches Filtersystem, das ausserdem einen Wasseraustausch unnötig macht. Der Fantasie sind beim Badespass keine Grenzen gesetzt: Egal, ob als Becken oder natürlich angelegter Schwimmteich, die Schwimmgelegenheit lässt sich auf verschiedenste Weisen in den eigenen Garten einbinden und bleibt dabei naturnah. Auch im Winter trägt der Naturpool zum Gartenerlebnis bei, indem er unter bestimmten Voraussetzungen in eine Schlittschuhbahn verwandelt werden kann. So wird der Garten im ganzen Jahr zu Aufenthaltsort und Lebensgrundlage. Er bietet unzählige Möglichkeiten, mit der Natur auf Tuchfühlung zu gehen: sei es das Beobachten aus dem Gartenbüro, das aktive Anbauen und Pflegen unterschiedlicher Pflanzen oder der beherzte Sprung ins kühle Nass.

ELISA BECK ist Redaktorin bei bauRUNDSCHAU.

Das Sonnensegel bringt mediterranes Urlaubsgefühl in den Garten.

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GARTEN

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INNENARCHITEKTUR

Seite 98 // bauRUNDSCHAU


INNENARCHITEKTUR

DAS VERSCHMELZEN VON RÄUMEN

DIE NEUE KÜCHE KOMMUNIZIERT MIT IHRER UMGEBUNG von Georg Lutz

Die Küche ist seit Jahren kein reiner Funktionsraum mehr. Schon früher führte man den besten Small Talk auf einer Party in der Küche. Kommunikation und Küche passt einfach gut zusammen. Dadurch ist das Thema Verschmelzung von Küche und Wohnzimmer schon länger im Trend. Dieser bahnt sich nun mit aller Macht seinen Weg durch die Zimmer. Im Rahmen des Begriffs von der «Offenen Wohnküche» verschmelzen die Räume nicht nur miteinander, sondern kommunizieren auch. Einrichtungsgegenstände für den Koch- und Wohnoder Essbereich werden gemeinsam eingekauft und kombiniert. Wir finden jetzt Bücherregale in der Küche, der Esstisch mutiert zum Wohnzimmertisch oder zur Home-OfficeGrundlage. An der Theke trifft man sich mit Freunden zum Gespräch. Lange Rede kurzer Sinn: Konventionelle Raumstrukturen sind von gestern. Um hier auf der Höhe der Zeit zu agieren, braucht es Expertinnen und Experten, die sich immer weiterbilden. Dies ist eine Herausforderung, die wir auf den folgenden Seiten aufgreifen.

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KOLUMNE

DER MENSCH MACHT DEN UNTERSCHIED von Rainer Klein

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nlass dieser Kolumne ist die Rückmeldung eines unzufriedenen Kunden, der auf die Diskrepanz zwischen Verkaufsberatung und Umsetzung bei der Montage und der damit aufgetretenen Mängel hinwies und seinem Unmut Ausdruck verliehen hat. Um es vorweg zu nehmen: Eine gut geplante und produzierte Küche, die schlecht montiert wurde, wird eine schlechte Küche. Die Montagearbeit bei der Kundschaft ist letztlich die Visitenkarte, welche den bleibenden Eindruck hinterlässt. Generell stellen wir fest, dass das Aufkommen an Expertisen in den letzten beiden Jahren stark zugenommen hat. Das Signal der Auftraggeber, meistens die Käuferschaft, liegt zwischen den Zeilen: Wir fühlen uns nicht verstanden und nicht ernst genommen. Die Ursachenforschung deutet auf verschiedene Gründe: Bei der Einzelküche ist die Erwartungshaltung der Schweizer Kundschaft in Bezug auf Ausführungsqualität bekanntlich sehr hoch. Die Bereitschaft, diese bis ins Detail einzufordern, ebenfalls. Planungsfehler sind dabei in der Minderheit. Mängel treten bei der Montage und beim Anschluss und ungenügender Instruktion der Elektrogeräte auf. Im Objektbau steht die Küchenmontage am Ende der Leistungsrealisierung. Der Zeitdruck ist in der Regel hoch: Aufgetretene Zeitverzögerungen müssen aufgeholt werden, koste es, was es wolle. Die Vertragsbedingungen sehen empfindliche Konventionalstrafen bei Nicht-Erreichen der vereinbarten Liefer- und Montagedaten vor. So kommt es vor, dass Küchen immer öfter zu früh montiert werden. Daraus resultieren Feuchtigkeitsschäden, aufgequollene Möbel oder Schimmel. Die Bauherrschaft ist sich ihrer vorteilhaften Verhandlungsposition bewusst. Nolens volens übernimmt der Küchenlieferant Risiken, möchte er doch auch künftig für die Bauherrschaft tätig sein.

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In beiden Fällen resultiert ein Negativ-Summen-Spiel: Unzufriedenheit bei der Kundschaft einerseits, erhöhte Kosten und somit geringere Rentabilität beim Küchenspezialisten andererseits. «Qualität» ist der Unterschied zwischen dem, was wir erwarten bzw. dem Leistungsversprechen bei der Kaufvereinbarung, und dem, was wir effektiv erhalten. Es ist keine absolute, sondern eine relative Grösse, die nicht sachlich, sondern emotional wahrgenommen wird. Den Küchenberatern und den Monteuren kommen dabei zentrale Rollen zu, da sie unmittelbar mit und bei der Kundschaft arbeiten. Folglich muss es für die Küchenunternehmer essenziell sein, diese Berufsleute und Spezialisten optimal zu befähigen, um die bestmögliche Wahrnehmung beim Kunden zu hinterlassen, welche die Grundlage für den nächsten Kauf darstellt. Die kontinuierliche Aus- und Weiterbildung von Fachkräften und Spezialisten im Umgang mit Kunden sollte Bestandteil der zukunftsgerichteten Planung und Ausrichtung der Unternehmen sein. Bei zunehmendem Wettbewerb machen Menschen den entscheidenden Unterschied. Die Befähigung ist daher eine sinnvolle Investition. Das positive Kunden-Feedback ist der werbewirksame Lohn. Es ist sinnvoll, sich daran zu erinnern: Bei der nächsten Mängelrüge geht es nicht nur um die Behebung von sachlichen Mängeln. Es geht wesentlich um die emotionale Zufriedenheit des Kunden.

RAINER KLEIN ist Geschäftsführer von küche schweiz. www.kueche-schweiz.ch


INNENARCHITEKTUR

VIELSEITIGE ELEKTRONISCHE ZUTRITTSLÖSUNGEN –––– SYSTEMARCHITEKTUR je nach Anforderung online, offline, funkvernetzt, Cloud-basiert und mobil. –––– SYSTEMPLATTFORM mit Türbeschlägen und -zylindern, Wandlesern, Spindschlössern, Software, Apps u. v. m. –––– SYSTEMKOMPONENTEN für Innen- und Aussentüren, automatische Türsysteme, Tore, Aufzüge, Spinde, Möbel, Zufahrten u. v. m.

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INNENARCHITEKTUR

GEHOBENE KÜCHE MODERNSTE TECHNIK UND FLEXIBLE ELEMENTE IM KÜCHENBAU von Elisa Beck

© HolzKunst Holocher

Auf den ersten Blick sehen wir eine Vollholzküche, die sich wandelbar wie ein Chamäleon zeigt. Die patentierte Kochinsel dient als Arbeitsplatte, wird zum Esstisch oder zur Bar. All das funktioniert per Sprachsteuerung: Hier lohnt sich ein zweiter Blick.

Auf Wunsch wird die Kochinsel zum Esstisch mit Bänken.

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INNENARCHITEKTUR

K

anderen Raum war, aber sie baulich nichts am Haus verändern wollten. Da ist die Kochinsel eine tolle Möglichkeit, um aus der Küche einen Wohnraum zu machen», sagt Elias Holocher. HolzKunst Holocher steht für hochwertige High-End-Vollholzmöbel, die sich perfekt an die individuellen Bedürfnisse anpassen. Varianten in behindertengerechten Höhen und mit absoluter Barrierefreiheit sind ebenfalls möglich. So kann die Küche in verschiedenen Bereichen einge-

setzt werden, egal ob für das Leben auf kleinem Raum oder altersgerechtes Wohnen. Mittels durchdachter Anordnungen, kurzer Laufwege und einer benutzerfreundlichen Funktionalität wird bereits das Kochen zum Genuss. Schubladen für Gewürze und Kochutensilien befinden sich dort, wo sie gebraucht werden. Tote Winkel schaffen dank fahrbarer Hubsysteme Platz für Regale auf Arbeitshöhe. Wird etwas

© HolzKunst Holocher

üchen von HolzKunst Holocher sollen Freude beim Kochen bieten und zugleich kompromisslos praktisch und ergonomisch sein. Wer auf engem Raum lebt, diesen jedoch voll auskosten möchte und dazu ein Freund exklusiver und innovativer Massanfertigungen ist, der kommt an einer praktischen Küche mit Fernsteuerung nicht vorbei. «Kunden sind sehr glücklich über diese Option, wenn zum Beispiel das Esszimmer immer in einem

Neben Vollholz kommt Edelstahl für die Applikationen zum Einsatz.

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INNENARCHITEKTUR

Die drehbare Platte ermöglicht maximale Flexibilität.

benötigt, lassen sich Schubladen mit individuell angefertigten Einsätzen per Sprachbefehl öffnen. Gleiches gilt für das Öffnen der Einbaugeräte. Für die Kochinsel heisst es bei Design und Innovation grundlegend: dort anfangen, wo andere aufhören.

WO TRADITION UND ­INNOVATION ZUSAMMENTREFFEN Die Küche: Das ist ein Raum, in dem sich die Familie trifft, in dem gekocht und beisammengesessen wird. Küche bedeutet nicht nur Leckereien, sondern auch Gemütlichkeit und sozialen Austausch. So ist die patentierte Kochinsel nicht nur Teil einer Designküche. Sie bildet als Kunstwerk für sich den neuen Mittelpunkt des Zusammenlebens. Das weiss auch der Hersteller: «In dieser schnelllebigen Welt hat man sowieso kaum Zeit. Da hält man sich mit

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unseren Möbeln dann doch häufig gemeinsam in der Küche auf, weil der eine kocht und der andere beispielsweise am Computer arbeitet», betont Holocher. Das Aussehen und die Funktion der Kochinsel lassen sich per Sprachbefehl verändern und immer neu anpassen. So kann die Arbeitsplatte stufenlos angehoben und gedreht werden. Sitzbänke fahren auf Zuruf aus und bilden mit der drehbaren Arbeitsplatte einen Essplatz. Das kann zum Beispiel so ablaufen: Die Elektromotoren fahren lautlos und gleitend an. Der Drehkranz bewegt die drehbare Arbeitsplatte um 90 Grad. Zeitgleich fahren die Bänke der Kochinsel aus. Auf einen Sprachbefehl hin klappen die Lehnen der Bänke hoch. Auf Zuruf lassen sich die Arbeitsplatte und die Bänke gleichzeitig bis zur Höhe einer

Bartheke anheben. Unterschiedliche Körpergrössen können in dieser Designküche problemlos ausgeglichen werden.

MAN NEHME: DIE NEUESTE TECHNIK Nach einmaliger Konfiguration in das heimische WLAN-Netz ist die Küche einsatzbereit. Danach ist die Kochinsel mit jedem bekannten Sprachassistenten kompatibel. Ein Umdenken auf ein anderes System ist nicht notwendig. Und auch wenn kein WLANNetz vorhanden ist, hört die sprachgesteuerte Kochinsel auf jeden Sprachbefehl. Bei der Sicherheit werden keine Kompromisse eingegangen. Zwei Arten von Schutzmechanismen sorgen für ein Netz mit doppeltem Boden. Mehrere Ultraschallsensoren registrieren jede Annäherung an


Auch schwer nutzbare Ecken bieten Platz für fahrbare Regale.

ohne Muskelkraft spielend leicht bewegbar. Räume können in ihrer Funktions- und Nutzungsweise verändert werden, indem einzelne Möbelstücke oder Küchenelemente erst bei Bedarf in Erscheinung treten. Wird das Möbelstück nicht genutzt, verschwindet es ins Nachbarzimmer oder in eine Wandverkleidung. Dazu ist lediglich der Sprachbefehl einer einzelnen Person nötig – keine Helfer beim Verschieben, kein physischer Einsatz. So kann eine Küche auch in den kleinsten Räumen installiert werden: von der Einzimmerwohnung über Durchgangsbereiche bis hin zur kleinen Boots-Kombüse. Im Garten ist nicht mehr allein der klassische Grill vertreten, auch Küchenelemente finden dank dieser Technik ihren Platz auf der Terrasse oder dem Balkon. Die Küche ist nicht länger ein fester Raum, sondern ein flexibler Helfer auf Abruf.

VOLLHOLZ SCHAFFT ­E XTRAVAGANTES DESIGN die drehbare Arbeitsplatte. Zusätzlich wird jeder Widerstand während der Drehung von Sensoren festgestellt. Erfasst nur einer der Schutzmechanismen ein Signal, wird die Drehbewegung sofort unterbrochen. Die gesamte Technik der Kochinsel trägt das CE-Siegel.

EINE KÜCHE FÜR ALLE LEBENSLAGEN Bei Bedarf lassen sich die Küchenmöbel frei im Raum bewegen: Räder mit MecanumAntrieb bieten maximale Bewegungsradien. Auf diese Weise erschliesst sich die Küche ganz neue Areale. Flexible Küchenelemente werden beispielsweise im Outdoor-Bereich

Nichts ist unmöglich – nicht nur im technischen Bereich. Die Möbel werden aus einheimischen und ökologischen Materialien hergestellt und entstehen allesamt in der eigenen Werkstatt im Allgäu. Der Hersteller setzt neben hoher Qualität und sauberer Verarbeitung der Materialien ausschliesslich auf massive Vollholzmöbel aus nachhaltigen Materialien: «Massivholz auch aus dem ökologischen Grund, dass man damit wieder auf die Langlebigkeit achtet und Möbel wieder für längere Zeit baut. Unsere Kunden haben den Wunsch nach einem Möbelstück für die nächsten 20 Jahre statt für die nächsten vier Jahre», fasst Holocher seine Philosophie zusammen. Diese werden genau auf den individuellen Stil abgestimmt. Selbst

wenig Platz ist dabei kein Problem. Die Möbel werden dem Platz angepasst und maximiert, um das Optimum herauszuholen. Die nachhaltigen Materialien sind robust und haben eine lange Lebensdauer. Echtholz bietet eine Reihe von Vorteilen gegenüber Pressspan. So ist beispielsweise die Dichte von Echtholz höher, was zu einer natürlichen Resistenz gegen Wasser führt. Sei es der Wohnzimmertisch oder die Arbeitsplatte in der Küche, es wird so schnell kein Wasser in das Holz eindringen. Vollholzmöbel bringen ausserdem ein Stück Wohlbefinden in das Zuhause. Beim Betreten eines Raumes ist der Vorteil von Echtholz gleich zu spüren: Die verwendeten Chemikalien, die bei herkömmlichen Möbeln zum Einsatz kommen, fallen bei Vollholzmöbeln weg. Der Duft von Echtholz macht sich breit, egal ob im Büro, in der Küche, in Wohn- oder Esszimmer. Die Integration von Applikationen aus Edelstahl in der Küche bezieht weitere hochwertige Materialien mit ein. So weist die Küche eine hohe Langlebigkeit und Stabilität auf. Dennoch lässt sie sich an persönliche Vorlieben anpassen. Individuelle Massanfertigungen bieten die Möglichkeit, unterschiedliche Oberflächen und Designs auszuwählen. Neben Vollholz werden Stein- und Edelstahlerzeugnisse regionaler Partnerfirmen verwendet. Kristallglas, Linoleum und Leder verwandeln jede Vollholzfront in eine beliebige Farbe. Auch bei der Wahl der Küchengeräte achtet der Hersteller auf hohe Standards und regionale Gerätehersteller. Das geschützte Design steht für HighEnd-Qualität. Beweglich, ergonomisch, praktisch, regional und ökologisch, edel und individuell – all diese Aspekte vereint HolzKunst Holocher in jeder Küche.

HolzKunst Holocher | Oberburg 14 | DE-87448 Waltenhofen | Tel. +49 (0) 172 589 33 25 info@holzkunst-holocher.de | www.holzkunst-holocher.de

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Die Küche ist offener und edler geworden.

IN DER PROFESSIONELLEN RUHE LIEGT DIE KRAFT MIT LUXUSKÜCHEN INNOVATIV DURCH DIE KRISE Interview mit Benjamin Zbären von Georg Lutz

Es ist ein Traum, der aber hart erarbeitet werden musste: in Handarbeit gefertigte Küchen-Meisterwerke aus auserlesenen Materialien erfolgreich auf den Markt zu bringen. Im Berner Oberland agiert weltweit ein Familienunternehmen mit einem erfolgreichen Brand. Wir sprachen mit Benjamin Zbären, Geschäftsführer bei Zbären Kreativküchen AG, über die Unternehmensphilosophie und aktuelle Herausforderungen.

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üche ist in Ihrem Hause nicht einfach ein Produkt, sondern ein Versprechen. Ein Versprechen für was? Unsere Philosophie kann ich ganz einfach in einem Satz zusammenfassen: Wenn wir eine Küche machen, suchen wir immer nach der bestmöglichen Lösung für den Kunden und für die Situation vor Ort. Es geht zunächst um eine Idee oder durchaus auch utopische Vorstellung. Da fällt mir der berühmte Satz von

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­ ntoine de Saint-Exupéry ein: «Wenn A Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.» Das ist richtig, ja. Und es geht zusätzlich auch um ein Lebensgefühl. Dieses Gefühl repräsentiert die Küche mit ihrer atmosphärischen Ausstrahlung, wenn sie eingebaut ist. Es gibt grundsätzlich zwei Vorstellungswelten. Kunden, die wollen

einfach nur eine Küche haben – ohne Frage bei uns eine sehr gute Küche. Es gibt aber auch Kunden, die wollen noch viel mehr. Beispielsweise soll eine Küche einen gesellschaftlichen Status symbolisieren, sprich, ein Aushängeschild sein. Gehen Sie mit Ihrem Vorstellungsrucksack auch zum Kunden oder kommt er so zu Ihnen? Das ist sehr unterschiedlich. Mal gehen wir zum Kunden, mal kommt der Kunde in unseren Showroom. Dann bespricht man


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das Vorgehen. Es gibt auch Stolpersteine. Beispielsweise gibt es beste Theorie-­ Varianten, aber es passt in der Praxis nicht. Wir denken mit dem Kunden in mehreren Szenarien. Eine Küche kann bei uns nicht schnell geplant werden. Der Kunde muss an jedem Punkt immer Ja oder Nein sagen können. Das ist oft ein längerer Prozess. Können Sie das in einem klaren Bild zusammenfassen? Wir unternehmen mit dem Kunden eine Reise mit mehreren Etappen. Wie sehen die Etappen genau aus? Erst gibt es ein grundlegendes Gespräch, um eine erste Vorstellungsskizze zu haben, dann arbeiten wir meistens an verschiedenen Varianten und dann setzen wir uns wieder mit dem Kunden zusammen und besprechen die Vor- und Nachteile. Schlussendlich wird gemeinsam erörtert, was jetzt für den Kunden die beste Lösung ist. So gibt es einerseits die ästhetisch schönste Variante und es gibt andererseits eine praktische Variante. Die Kunst besteht nun darin, das Beste aus beiden Welten zusammenzubringen und es dann passgenau für den Kunden zu realisieren. So werden die Pläne immer detaillierter. Parallel besprechen wir die Materialien und die Gerätschaften, die dann auch wichtig sind. Holz ist immer noch Ihr zentrales Material. Warum immer noch oder schon wieder Holz? In der letzten Zeit hat Holz eine Renaissance erlebt, das sieht man auch, wenn man in die Medien schaut. Jetzt werden sogar Holzhochhäuser in der Schweiz gebaut, das ist ein richtiger Trend. Da kann ich nur zustimmen. Für mich persönlich strahlt Holz eine gewisse Ruhe aus, eine Bodenständigkeit und damit verbunden eine gewisse Sicherheit und Geborgenheit, die der Mensch gerade in diesen Zeiten auch sucht. Zudem ist es ein natürlich nachwachsender Rohstoff, der nicht ausgeht, wenn man richtig damit wirtschaftet. Küche ist heute in Ihrem High-End-Segment ein Prestigeobjekt. An welchen Punkten lässt sich dies belegen? Das hängt mit der Architektur zusammen. Sie ist offener geworden. Die Küche

integriert sich in offene Wohnlandschaften. Dadurch wird sie automatisch noch mehr zum Wohnraum. Küche ist noch der frühere Funktionsraum – inzwischen aber noch sehr viel mehr. Das Leben spielt sich in der Küche ab. Der Dreiklang heisst: Kommunikation, Wohlfühlen und Gemeinsamkeit.

«Wir unternehmen mit dem Kunden eine Reise mit mehreren Etappen. » Wie kommen der rustikale und barocke Landhausstil mit moderner Technik klar, beispielsweise der Steuerungstechnik? Das ist kein Widerspruch. Generell kann man schon sagen, für die Küche braucht man eigentlich nur so viel Technologie wie nötig. Ich weiss natürlich nicht, wo die Zukunft hingeht, aber man merkt schon öfter, dass Kunden dann trotzdem lieber was nehmen, bei dem sie sich auch bei der Bedienung sicher fühlen. Es muss ja auch praktisch sein bei der Zubereitung des Essens: Ich will ja kein digitales, sondern analoges Essen. Hier ist ein Beispiel gefragt … Im Moment ist der eher nüchterne Landhausstil, mit weiss gestrichenen Möbeln ein Trend. Bei den Gerätschaften setzt man durchaus auf moderne Lösungen. Das Digitale darf aber nicht auf der Stufe der Spielerei stehen bleiben. Akzeptiert wird nur etwas mit echtem Mehrwert und einfacher Bedienung. Es kann aber auch hochwertiger analoger Purismus sein. Da gibt es am Backofen nur einen Drehknopf und ein physikalisches Messinstrument, das die Temperatur regelt beziehungsweise anzeigt.

Benjamin Zbären ist Geschäftsführer bei der Zbären Kreativküchen AG.

Für hochwertige Lösungen aus Ihrem Hause braucht es gut ausgebildete Fachkräfte und Weiterbildungsmöglichkeiten. Wie sind Sie hier aufgestellt? Wenn unsere Mitarbeiter eine Weiterbildung machen wollen, unterstützen wir das. Was für uns sehr wichtig ist, ist das handwerkliche Können. Es wird allerdings immer schwieriger, Leute zu finden, die wirklich auch noch Berufsstolz haben und dazu das handwerkliche Können umsetzen. Wir bilden selber Lehrlinge aus und wir haben einen gewissen Bekanntheitsgrad in der Region. Das kommt uns entgegen. Im Zeichen der Corona-Krise erleben wir eine neue Wertigkeit der eigenen vier Wände. Das sollte Ihrem Haus Auftrieb geben. Andrerseits schwächeln verschiedene Luxusbrands. Wie sieht das bei Ihnen aus? Wir sind eigentlich gut durchgekommen. Natürlich gibt es mal Probleme mit Marken, die im Ausland produziert werden. Wir produzieren in der Schweiz und wollen möglichst wenig im Ausland einkaufen. Darum hatten wir in der Corona-Zeit wenig bis gar keine Einschränkungen.

MANUFAKTUR | Zbären Kreativküchen AG | Sagistrasse 11 | CH-3775 Lenk | Tel. +41 (0) 33 736 37 37 SHOWROOM BERN | Zbären Kreativküchen AG | Gerechtigkeitsgasse 29 | CH-3011 Bern | Tel. +41 (0) 31 311 18 80 SHOWROOM SAANENMÖSER | Zbären Kreativküchen AG | Bahnhofstrasse 26 | CH-3777 Saanenmöser | Tel. +41 (0) 33 744 33 77

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KOLUMNE

SELBST AKTIV WERDEN! von Daniel Jost

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ie Schweiz ist von vielen kleinen Schreinereien geprägt. Sie haben sehr gut ausgebildete Schreinerinnen und Schreiner sowie Holzfachtechnikerinnen und -techniker. Demgegenüber gibt es vergleichsweise wenige Industriebetriebe. Im Möbelbau ist es daher schwierig, eine einheitliche Ausbildung zu finden. Beschleunigt wird diese Entwicklung durch die Digitalisierung. Die Industrie 4.0 führt zu immer komplexeren und individuelleren Anforderungen und höherer Verantwortung an die Mitarbeitenden. Hier führt kein Weg an einer eigenen, internen Ausbildung vorbei. Gleichzeitig ist dies aber auch eine Chance für die betroffenen Mitarbeitenden, ihren «Marktwert» zu erhöhen und sich mit ihrem Fachwissen auf dem Arbeitsmarkt zu differenzieren, denn die Nachfrage nach hoch qualifizierten Arbeitskräften steigt stärker denn je. Umso wichtiger ist es, dass diese Mitarbeitenden uns lange erhalten bleiben und sich bei uns wohlfühlen. Dafür, aber auch um neue Spitzenkräfte zu gewinnen, muss man einiges tun. Denn wir stehen alle im «War for Talents». Als führende Schweizer Küchenherstellerin, die sich dynamisch verändert, bieten wir zwar viele Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten für junge Talente. Dies allein reicht heute aber nicht aus. Von uns als attraktive Arbeitgeberin erwartet man mehr. Eine Work-LifeBalance, Fringe Benefits, aber auch gesundheitliche Aspekte zählen. Für die Gesundheit aller Mitarbeitenden wird zweimal täglich die «Balance Time» durchgeführt, wo Entspannungsübungen pro Abteilung gemacht werden, um den Kopf durchzulüften und mit frischem Elan weiterzuarbeiten. Sicherheit, Ansehen und opulente Gehälter sind für die junge Generation nicht mehr so ausschlaggebend wie früher. Nicht nur deshalb sehen wir den Schlüssel für den Betriebserfolg in der nachhaltigen Personalentwicklung. Als KMU zählen wir zu den wenigen Unternehmen in der Schweiz, die diesen Bereich mit einer eigenen Stelle, relativ hoch in der Hierarchie, besetzen. Dies zeigt, wie ernst wir das Thema nehmen und dass wir in Zukunft noch mehr dafür tun wollen, unsere Mitarbeitenden gezielt zu fördern und zu entwickeln.

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Von grosser Bedeutung ist unserer Meinung nach auch die enge Zusammenarbeit mit den Hochschulen. Hier profitieren wir gegenseitig: Einerseits unterstützen sie uns bei der Entwicklung neuer Produkte und Verfahren, andererseits kann die Hochschule den Praxisbezug sicherstellen und wir können die Ausbildung von zukünftigen Fachkräften zum Beispiel durch Praktikumsplätze direkt mitprägen und uns als Marke frühzeitig bei den Studierenden positionieren. Gleichzeitig sind wir überzeugt, dass trotz Digitalisierung das «alte Wissen» seine Bedeutung behält. Denn Handwerk bleibt Handwerk. Ein emotionales Produkt, von Hand gefertigt, ist und bleibt etwas Besonderes. Deshalb setzen auch wir ergänzend zur seriellen Fertigung stark auf unser ManufakturKnow-how, um individuelle und exklusive Kundenwünsche zu erfüllen. Hier liegt der Schwerpunkt aus unserer Sicht weniger auf der Aus- als eher auf der Weiterbildung. Insbesondere im Bereich Führung, Organisation und Zusammenarbeit ­sehen wir grosses Potenzial. Entscheidend ist, dass man allen Mitarbeitenden auf allen Stufen dieselben Chancen einräumt, dafür ein Umfeld schafft, aber auch klare Kennzahlen, die Vorgesetzte erfüllen müssen. Wir leben eine Kultur, in der alle Mitarbeitenden eine gewisse Selbstständigkeit und Eigenverantwortung übernehmen. Wir nennen das «Mitunternehmer». Das heisst, unsere Mitarbeitenden sollen mithelfen, mitdenken und auch mitprofitieren. Die Identifikation mit unserer Marke ist für unseren Erfolg entscheidend.

DANIEL JOST ist Geschäftsleiter der Veriset Vertrieb AG und leitet den Bereich «Markt & Marke» bei der Veriset AG. www.veriset.ch


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Die BSH-Denkfabrik vereint einen Think-Tank, einen Maker-Space und ein Testlabor im Rahmen einer Arbeitswelt.

ARCHITEKTOUREN 2020 DIE RESSOURCE ARCHITEKTUR Interview mit Reiner Nowak von Lone K. Halvorsen

Wie wir mit unserem Gebäudebestand in Zukunft umgehen, welche Materialen wir nutzen und wie wir Raum gestalten, hat einen entscheidenden Einfluss auf unsere Lebenswelten. Architektur ist dauerhaft, und mit ihrer Gestaltung geht eine grosse Verantwortung einher. Die von CSMM entworfene Büro- und Markenwelt der BSH Hausgeräte GmbH wird als eins von 241 Projekten im Rahmen der diesjährigen «Architektouren 2020» der Bayerischen Architektenkammer virtuell gezeigt.

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elches Ziel verfolgt die Denkfabrik von BSH Hausgeräte? Der Coworking Space bei BSH Hausgeräte fungiert als experimentelle Denkfabrik mit dem Ziel, innovative Lösungen zu entwickeln. Hier kommen Produkt- und Industriedesigner aus aller Welt zusammen, um frei und zwanglos die Haushaltsgeräte der Zukunft zu entwickeln. Wir möchten eine kreative Studio-

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Atmosphäre in einem Testlabor erzeugen, die sich von dem herkömmlichen Büroalltag abhebt und unabhängig ist. In diesem Rahmen wird den Designern «alles in die Hand gegeben», was sie benötigen, um die Produkte zu entwickeln. Die Stichworte dazu sind Modellbauwerkstatt, 3-DDrucker, Virtual-Reality-Räume oder Projektoren. Dadurch lassen sich alle Schritte der kreativen Produktentwicklung zusammen-

bringen. Und die Prototypen werden hergestellt, getestet und weiterbearbeitet – bis hin zur User Experience. Arbeiten ausschliesslich interne Mitarbeiter an den Projekten oder kommen auch externe Entwickler hinzu? Es gibt einen festen Stamm an Mitarbeitern vor Ort. Zudem können sich in den Räumlichkeiten Projektgruppen einbuchen, wenn


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Reiner Nowak ist geschäftsführender Gesellschafter des Architekturund Beratungsunternehmens CSMM – architecture matters.

ein Gerät entwickelt werden soll. Sie dürfen natürlich die ganze Infrastruktur von BSH Hausgeräte nutzen, um an ihrem Projekt zu arbeiten. In der Regel umfassen die Teams etwa 20 Mitglieder und die Entwicklungsdauer läuft bis vier Monate. Büro, Werkstatt und Testlabor in einem. Welche positive Bilanz können Sie aus diesen Synergien ziehen? Hier kommen Industriedesigner von überall auf der Welt zusammen, um die Geräte der Zukunft zu entwickeln. Es stehen alle Tools zur Verfügung, die benötigt werden, aber vor allem ist der Austausch zwischen den Projektteams in den Kontaktzonen besonders wertvoll. Auch wenn ein Designer einen Kühlschrank entwirft und der andere einen Stabmixer – hier nutzt die BSH Synergien, um gemeinsam nach vorne zu kommen und Geräte zu entwickeln, die optimal auf den Kunden zugeschnitten sind. Welchen Mehrwert bieten die Geräte der Zukunft in ihrer Funktionalität den Nutzern, hinsichtlich SmartHome-Technologien? Der Kühlschrank wird zukünftig auch nach wie vor kühlen müssen und die Waschmaschine unsere Kleidung waschen – die Funktionalität ist quasi ausgereift und bleibt natürlich weiterhin erstrangig. Die Zukunft liegt daher eindeutig bei dem Thema «Internet of Things». Damit verbunden ist

vor allem die digitale Vernetzung der Geräte zwischen Nutzer und Gerät sowie untereinander. Nebst der Funktionalität sind bei digitalen Technologien zudem die Energieeffizienz und Wiederverwertbarkeit der Geräte zentrale Punkte.

«Umnutzung, Nachnutzung, Aufstockung und Anbauten sind wichtige Themen für die Zukunft.» Wo sehen Sie an diesem Punkt Entwicklungspotenziale? Die Sprachsteuerung kann natürlich das Leben sehr viel leichter machen, wenn diese entsprechend ausgereift ist. Ich denke, wir haben alle unsere Erfahrungen damit gemacht und festgestellt, dass hier ein grosses Entwicklungspotenzial besteht, aber auch Hürden hinsichtlich der Datensicherheit.

Wie gehen wir mit unserem Gebäudebestand der Zukunft um? Die Baubranche ist eine der Hauptverursacherinnen für den enormen Ressourcenund Energieverbrauch, und mittlerweile sollten wir so weit sein, dass wir zweimal nachdenken, bevor ein Gebäude abgerissen und neu gebaut wird. Wir sind ein Teil der Gruppe «Architects for Future» und beschäftigen uns sehr mit dem Thema Bestandsbauten. In Europa sind 80 Prozent der Bauten aus den Achtzigerjahren, und wir stellen fest, dass viele Gebäude in ihrer Weiterbenutzung sehr flexibel aufgestellt sind. Natürlich muss energetisch saniert werden, aber das ist immer noch deutlich ressourcenschonender, als ein Gebäude abzureissen und neu zu bauen. Gerade der neue Rohbau ist ein grosser Energieund Kohlendioxid-Verbraucher. Umnutzung, Nachnutzung, Aufstockung und Anbauten sind die wichtigen Themen. Wie kann man aus einer klassischen Büroumgebung eine Raumumgebung gestalten, welche Innovationen, agiles Arbeiten und personelle Bedürfnisse zusammen bringt? Es gibt keine Einheitslösung, aber die Frage, die gestellt werden muss, ist: Wer wird die Räumlichkeiten nutzen und für welchen Zweck sollen sie verwendet werden? Wir erstellen daher zuvor eine Bedarfsanalyse des dort arbeitenden

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Gibt es einen Zielkonflikt zwischen modernen Grossraumbüros und klassischen, kleinen Büroräumen? Im Sinne der Kommunikation geht es tatsächlich um die Auflösung der kleineren Büroeinheiten, aber natürlich funktioniert das nur, wenn gleichzeitig vielfältige Arbeitsplatzsituationen möglich sind und für die jeweilige Tätigkeit zur Verfügung stehen. Das Büro wird es immer geben, denn es ist ein Ort des Zusammenkommens, des Austauschs und des gegenseitigen Lernens. Natürlich hilft uns die Technologie, um vieles über Home-Office abzudecken. Ebenso virtuell sich zu treffen, ist natürlich eine Option für bestimmte Arbeiten. Aber das Büro mit seinen flexiblen Arbeitsmöglichkeiten ist nach wie vor der zentrale Anlaufpunkt. Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf die Raumgestaltung? Aus meiner Sicht hat die Digitalisierung auf die Gestaltung der Flächen nur bedingten Einfluss. Es geht hierbei primär eher um die Arbeitsmittel, die Datenverfügbarkeit und die Möglichkeiten, verschiedene Aufgaben in unterschiedlichen Räumlichkeiten auszuführen. Für die Planung der Flächen bleibt es eher bei folgendem Merksatz: unterschiedliche Räume für unterschiedliche Tätigkeiten bereitzustellen.

Die experimentelle Denkfabrik «BSH CO – CREATE | BUILD | TEST» schaut in die Zukunft.

Personenkreises. Im Endeffekt entsprechen die persönlichen Bedürfnisse – ob privat oder beruflich – zum einen der kommunikativen Gemeinschaft mit anderen Menschen, wo ein Austausch stattfindet, aber zugleich muss die Möglichkeit gegeben sein, sich zurückzuziehen, wenn man Ruhe haben möchte. Wenn ich die entsprechende Raumumgebung habe, in der ich mich wohlfühle und in der ich kommunizieren kann, dann bewirke ich auch ein Klima der Innovationen. Der kreative Austausch und informelle Wissenstransfer beflügeln den Erfindergeist. Aber wir sollten andererseits die

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Innovationen auch im Rückzugsraum nicht vergessen. Hier kann ich über die Dinge nachdenken – ob im Wald oder in einem Ruheraum –, Hauptsache die Atmosphäre stimmt. Dieses Kriterium ist nicht zu unterschätzen, denn die Menschen sind vielfältig, und die Schwierigkeit besteht darin, für alle Mitarbeiter die richtige Atmosphäre zu schaffen, in der die persönlichen und individuellen Bedürfnisse gestillt werden. Es gilt, unterschiedliche Räume in verschiedenen Qualitäten und Grössen anzubieten. Somit kann der Mitarbeiter dann flexibel und agil arbeiten und im besten Fall kommt Innovation dabei heraus.

Nachhaltig, funktionell, ästhetisch und individuell – lässt sich dieser Dreiklang bei der Raumgestaltung vereinbaren? Ganz klar ja, und das ist auch das Ziel. Wir haben seit Längerem den Trend, bei allem, was wir machen, den CO2-Ausstoss zu reduzieren. Dazu gehört auch das Thema Wiederverwertbarkeit und wie dadurch Ressourcen geschont werden können. Daher sollten bereits bei der Produktion wiederverwertbare Rohstoffe verwendet werden. Nachhaltigkeit lässt sich somit gut integrieren, die Funktion sowieso und die Ästhetik liegt zwar im Auge der Betrachter, aber gewiss muss sie die Emotionen der Nutzer anzsprechen, um einen Wohlfühlfaktor zu generieren.

REINER NOWAK ist geschäftsführender Gesellschafter des mehrfach ausgezeichneten Architektur- und Beratungsunternehmens CSMM – architecture matters. www.bsh-group.com/de


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DAS STADTQUARTIER DER ZUKUNFT WOHNWÜNSCHE DER ZUKUNFT ENTWICKELN Interview mit Jürgen Schorn von Lone K. Halvorsen

Das Leben in den Metropolen hat sich in den vergangenen Jahren rasant verändert. Globalisierung, Digitalisierung, Flexibilität sowie nachhaltiges Denken und Handeln durchdringen das Arbeits- und Privatleben zunehmend. Doch wirkt sich diese Entwicklung auch auf die Anforderungen aus, die Menschen haben, wenn sie eine neue Stadtwohnung suchen? Welche Wünsche haben sie an ihre Immobilie der Zukunft? Eine repräsentative Online-Umfrage des Marktforschungsinstitutes GfK im Auftrag des Projektentwicklers Bauwerk gibt Antworten auf diese Fragen.

Wohnen mit innovativen Mehrwerten für neue urbane Generationen.

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B

ei den Top-Kaufargumenten für moderne Stadtbewohner ist auf Platz eins die Mobilität. Auf Platz zwei landen mit Car- und Bike­ sharing die Mobilitätsangebote. Eine Dachterrasse zur gemeinsamen Nutzung in Stadtquartieren folgt auf Platz drei. Sind Sie von den Ergebnissen der Umfrage überrascht? Ja und nein! Wir beschäftigen uns bei der Konzeption eines Produktes intensiv mit gesellschaftlichen Megatrends und antizipieren die Bedürfnisse unserer Kunden in der Zukunft. Insofern waren die Ergebnisse eine Bestätigung dessen, was wir zum Beispiel für unser Münchner Projekt kupa bereits realisieren: Mobilität und Sharing. Dennoch gab es einzelne Aspekte, die uns überrascht haben. Mit rund 20 Prozent waren die Coworking-Spaces eher im hinteren Mittelfeld. Das hat sich mit den Erfahrungen der Menschen aus den letzten Monaten im Home-Office sicherlich grundlegend geändert. Wie sehen Sie den zukünftigen Bedarf hinsichtlich Coworking-Spaces? Allein in den letzten 24 Monaten hat sich die Zahl der Coworking-Spaces vervierfacht. Das zeigt eine aktuelle Markterhebung des Bundesverbandes CoworkingSpaces Deutschland. Und erst recht seit der Covid-19-Pandemie verändert sich die Arbeitswelt grundlegend – Home-Office und mobiles Arbeiten sind für viele Ange-

stellte bereits Alltag. Der Bedarf an flexiblen Arbeitsplätzen steigt also und mit ihm das Bedürfnis nach kurzen Wegen. Deshalb haben wir in unserem Münchner Projekt kupa in den Gemeinschaftsbereichen des Quartiers speziell eingerichtete und zonierte Arbeitsbereiche und Coworking-Spaces eingeplant, die von den Bewohnern genutzt werden können – und das ohne ­zusätzliche Kosten. Wie «smart» müssen Wohnungen und Wohnquartiere der Zukunft sein, um für einen potenziellen Käufer attraktiv zu sein? Aus meiner Sicht sind intelligente Stadtquartiere der Ort, an dem wir das Zusammenleben der Zukunft erfahren können. Da stellt sich die Frage nach den Gründen für die Veränderungen? Intelligente Stadtquartiere bieten mehr als nur Wohnraum. Sie können als urbaner Mikrokosmos unterschiedliche Nutzungen an einem Ort vereinen. Und das für viele unterschiedliche Bevölkerungsgruppen: Singles, Paare und Familien, Alt und Jung. Das beginnt bei intelligenten und flexiblen Grundrissen, die es zum Beispiel ermöglichen, zu Hause ein Home-Office einzurichten. Aber auch über die einzelne Wohnung hinausgedacht: Sharing-Bereiche im Quartier, die die Kommunikation fördern oder das Arbeiten von zu Hause ermöglichen. Nach unserer Beobachtung ist

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Jürgen Schorn ist Geschäftsführender Gesellschafter für Marketing, Vertrieb und Personal der Bauwerk Capital GmbH & Co. KG.

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In der zunehmend globalisierten Welt gibt es eine Sehnsucht nach lokaler Verwurzelung.

auch eine Paketstation oder eine sonstige Annahmemöglichkeit von Warenlieferungen ein Service, der massiv nachgefragt wird. Und – wie die Umfrage deutlich zeigt – müssen wir heutzutage auch Mobilität mitdenken. Vom hochwertigen Fahrradständer auf Gemeinschaftsflächen über Carsharing auf dem eigenen Parkplatz bis zur E-Ladestation in der Tiefgarage. Welchen Stellenwert haben die SmartHome-Technologien – für Ihr Haus als führender Entwickler als auch für den potenziellen Käufer? Digitalisierung und moderne Technologien sind für uns selbstverständlicher Bestandteil unserer Projekte. Ob das nun das SmartHome-System ist oder die App, mit der ich mich mit der Community vernetzen oder Services nutzen kann. Interessant ist: Unsere Kunden sind zwar technikaffin und digital vernetzt, aber wir spüren auch den Wunsch nach «Digital-Detox». Der Begriff ist erklärungsbedürftig … «Digital-Detox» verweist auf den physischen Aspekt einer Gemeinschaft beziehungsweise auf Ihre Leistungsfähigkeit. Nachbarn unterstützen und helfen einander. In unseren Projekten legen wir deshalb sehr viel Wert auf Sharing-Flächen – ob auf der Community-Dachterrasse oder der

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Ikonische Architektur, smarte Features, Gemeinschaftsflächen und nachhaltige Mobilitätslösungen.

Gemeinschaftsküche –, in denen Gemeinschaft ganz direkt erlebt werden kann. Welche zukünftigen Entwicklungen sehen Sie als die grössten Herausforderungen im Rahmen der Stadt- und Raumplanung an? Ganz klar der Platzmangel in den Städten. Unsere Metropolen werden immer vielschichtiger, die urbane Bevölkerung wächst, Platz ist begehrt. Die Menschen kommen aus der ganzen Welt, ihre Lebensentwürfe differenzieren sich. Wir brauchen Architektur, die darauf reagiert. Architektur, die mit der Zukunft kommuniziert. Wir entwickeln gerade neue Ansätze, wie man reduzierte Flächen wesentlich flexibler nutzen kann als zuvor. Denn Flexibilität ist den Menschen in den Städten wesentlich wichtiger als schiere Grösse. Blicken wir in die Zukunft … Wenn Sie diese Umfrage 2030 durchführen würden, wie würden Sie dann die Rangliste der Wohnwünsche einschätzen? Ich bin überzeugt davon, dass die Themen Mobilität und Sharing auch in zehn Jahren noch aktuell sein werden. Klar ist aber auch, dass die angesprochenen Erfahrungen aus der Krise die Prioritäten verschoben haben: Leben und Arbeiten an einem Ort, eine neue Wertschätzung der eigenen vier Wände und

gute Grundrisse und die flexible Nutzung der Wohnung werden an Bedeutung gewinnen. Bei den jüngeren, urbanen Generationen steht auch die Nachhaltigkeit ganz weit oben auf der Wunschliste. Alles an einem Ort: Arbeit, Freizeit, Familie und Wohnen. Besteht aus Ihrer Sicht ein Nachteil darin, wenn das Leben örtlich so «komprimiert» stattfindet? Ich halte Mixed-Use-Quartiere in unseren Städten für eine zukunftsgewandte und sehr positive Art des Zusammenlebens. Die Gefahr von Segregation oder Gated Communities wie in anderen Ländern sehe ich hierzulande nicht.

«Damit ist nicht mehr die Grösse einer Wohnung entscheidend, sondern ihre intelligente Nutzung. » Im Alter wandeln sich auch Lebensstil und Wohnbedarf. Wie können diese Kriterien berücksichtigt werden? Urbane Quartiere bieten auch die Chance auf eine neue Form des Zusammenlebens, die einer generationenübergreifenden Logik folgt. Menschen über 65 etwa haben Freude daran, sich um das Gebäude zu kümmern, in dem sie wohnen, und auf die Kinder der Nachbarn aufzupassen. Und die Gefahr der Vereinsamung wird durch Treffpunkte und Gemeinschaftsflächen im Quartier minimiert. Eine nachhaltige, umweltfreundliche und klimaneutrale Lebens- und Bauweise ist heutzutage unabdingbar. Welchen Stellenwert hat dieser Aspekt bei Bauwerk? Klar ist: Gebäude sind ein wichtiger Schlüssel zum Klimaschutz. Über 30 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland oder der Schweiz werden durch den Betrieb von Gebäuden verursacht. Deshalb

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Wagen wir noch einen Blick in die ferne Zukunft: Wie und wo wohnen wir in 50 Jahren? In flexiblen Raumstrukturen, die sich dem Leben immer wieder neu anpassen. Wir werden eine neue Dimension von Individualität und Raummaximierung erleben,

die ausschliesslich durch den Bewohner selbst bestimmt wird. Damit ist nicht mehr die Grösse einer Wohnung entscheidend, sondern ihre intelligente Nutzung: Qualitätsmeter statt Quadratmeter.

JÜRGEN SCHORN ist Geschäftsführender Gesellschafter für Marketing, Vertrieb und Personal der Bauwerk Capital GmbH & Co. KG. www.bauwerk.de

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ist, so flexibel lässt es sich auch wieder verändern und trägt somit den Anforderungen einer dynamischen Gesellschaft Rechnung. Wir sind gespannt, wo die Reise der Holz- und Hybridbauweise hingeht – und werden sicherlich unseren Teil dazu beitragen.

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wird der Begriff der Mitigation in Zukunft immer wichtiger werden: Es handelt sich dabei um die Minimierung des Energiebedarfs eines Gebäudes bei gleichzeitiger Maximierung des Anteils erneuerbarer Energien. Beispielhaft demonstriert dieses Kräftegleichgewicht das Bauen mit Holz oder die Errichtung von Gebäuden in Hybridbauweise, also eine Kombination des Baustoffs Holz mit Beton. Die Vorteile sind unschlagbar. Holz ist ein nachwachsendes Baumaterial, das Kohlenstoff bindet und somit als CO2-Speicher fungiert. Zudem kann Holz sehr schnell verarbeitet werden. So schnell ein Holzgebäude errichtet

Das Zuhause ist weniger Ort und mehr Gefühl.

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Cartell – authentic mexican food – Als GU übernahm Varia AG die komplette Koordination des Umbaus dieses Restaurants.

DIE VIELFALT DER RAUMGESTALTUNG VOM MESSEBAU ZUM RAUMSPEZIALISTEN von Nicolas Jaeggi

Die Anforderungen an einen Messebauer waren bereits in der Vergangenheit stetig hoch, doch noch nie sahen sich die Unternehmen innerhalb der Branche der LiveKommunikation einer solchen Herausforderung wie der aktuellen gegenübergestellt. Jetzt müssen sich die Verantwortlichen neu erfinden, wenn sie ökonomisch überleben wollen. Der Messebau weitet seinen Blick. Es geht um Spezialisten für temporäre Räume, Arbeitsräume und Lebensräume.

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eit dem Lockdown im März steht die Branche der Messebauer und Eventplaner unter Schock. Von jetzt auf gleich ist das Geschäft der vorwiegend familiär geprägten Unternehmen praktisch komplett weggebrochen. Über 2 000 Messen und Ausstellungen wurden weltweit verschoben oder abgesagt. Auch in der Schweiz wurden alle Messen abgesagt. Ob in den kommenden

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Monaten ein Neustart erfolgt, ist ein unsicheres Szenario. Das Damoklesschwert der zweiten Welle droht. Die Verantwortlichen agieren im absoluten Notmodus: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Mögliche Projekte für die erste Jahreshälfte sind in der Pipeline. Wegen der unsicheren Situation, die in fast jeder Firma mit Händen zu greifen

ist, können sie nicht abgeschlossen werden. Darüber hinaus sind sämtliche Investitionen gestoppt und die Kosten soweit möglich heruntergefahren. Das gilt selbst für Kleinigkeiten. So werden die Lagerhallen nicht mehr einmal die Woche geputzt, sondern nur noch einmal im Monat. Solch eine defensive Strategie kann über einige Monate funktionieren. Wenn aber die


INNENARCHITEKTUR

staatlichen Überbrückungsgelder auslaufen, braucht es eine Perspektive, die in die Zukunft weist. Es gilt, den Blick über den Tellerrand zu werfen, wenn das bisherige Kernbusiness auf absehbare Zeit am Boden ist. Um hier die Potenziale zu erkennen, gilt es, zunächst einen kurzen Blick in die Geschichte des Messebaus zu werfen.

VOM MESSESTAND ZUM RAUM-ERLEBNIS Messen als solches geniessen eine lange Tradition. In der Schweiz war es im Jahr 1917, wo damals die Mustermesse Tausende von Wirtschaftsleuten und Journalisten an einem Ort zusammenbrachte, um das Neuste über Firmen und Produkte zu erfahren. Über die Jahre stiegen mit dem Wettbewerb auch die Anforderungen an einen Auftritt an einer Messe. Immer mehr ging es weg von einer temporären Verkaufsfläche hin zu einem imageträchtigen Auftritt einer Unternehmung. Die Unternehmensphilosophie und der Brand standen und stehen zunehmend im Zentrum. Für die Aussteller bedeutete dies, dass der temporäre Auftritt immer mehr an Bedeutung genoss. Der Messestand entwickelte sich zum Leitinstrument innerhalb des Marketingmix. Mit steigender Erwartungshaltung an das temporäre Zuhause entwickelte sich das Handwerk des klassischen Messebauers weg vom reinen Bau hin zur kompletten Dienstleistung entlang der Wertschöpfungskette, inklusiv Beratung und Design. Ein Auftritt an einer Messe löst beim Kunden Emotionen und ein bleibendes Erlebnis aus. Damit bekommt ein MessebauUnternehmen viel Vertrauensvorschuss von seinen Kunden, welches wieder mehr Verantwortung mit sich zieht.

RÄUME GESTALTEN Wahrscheinlich liegt es in dieser Verantwortung, dass wir uns als Unternehmen immer wieder hinterfragen, ob die Leistung dem entspricht, was der Markt fordert. Tatsächlich ist es so, dass sich der Messebau immer wie mehr in Richtung «flexibles Bespielen von Räumen» entwickelt. Am Beispiel unserer Arbeits- und Freizeitwelten kann man die Möglichkeiten beispielhaft aufzeigen. Wir arbeiten immer mehr in Co-Working-Places und im Home Office. Diese Räume gilt es, zu gestalten

Neue Produkte – Mit der Partnerschaft zu Aluvision bringt Varia AG ganz neue Lösungen für den Bereich Arbeits- und Lebensräume.

und atmosphärisch auszurichten. Das fordert auch Lösungen, bei dem Messebauer zum Zug kommen können.

VIEL LEISTUNG UNTER EINEM DACH Hier knüpft mein Haus, die Varia AG, an. Das Unternehmen kommt aus dem klassischen Messebau, doch hat es sich in den letzten fünf Jahren in weitere Geschäftsfelder entwickelt und erweitert auch in diesem Jahr sein Angebot. Als Messebau-Unternehmen hat man den Vorteil, dass viele Leistungen unter einem Dach errichtet werden müssen. Ansonsten hat man keine Berechtigung auf dem Markt als produzierendes Unternehmen in der Schweiz. Denn als Messebau-Unternehmen vereint man Design, Planung, Produktion, Logistik, Montage und Dekoration unter einem Dach. Und bietet als Full-ServiceDienstleister seinen Kunden das komplette Paket aus einer Hand.

DER RAUM ALS LEBENSRAUM Die Varia AG verfolgt schon seit längerer Zeit die Wichtigkeit der Räume, in welchen wir uns bewegen. Was sich in der Messebranche schon vor Jahren abzeichnete, findet langsam Anklang in den täglichen Räumen, in welchen wir Menschen uns bewegen. Dazu kommt, dass uns immer mehr bewusst wird, welche Wirkung ein Raum auf die Menschen, welche sich darin bewegen, hat. Ein Raum bedeutet Atmosphäre und kann Leute zu Kreativität verhelfen, als Rückzugsort dienen oder der Treffpunkt sein. Je nach Personen oder in anderen Worten ausgedrückt – Zielgruppe – hat ein Raum einen anderen Zweck. Wie wichtig der Raum ist,

wird uns insbesondere in Zeiten wie im Jahr 2020 bewusst. In grossen Konzernen beispielsweise, darf ein Mitarbeiter wählen, ob er wieder in das Büro kommt oder von zu Hause arbeiten möchte.

MIT KOMPETENZ UND KNOW-HOW Das Familienunternehmen hat vor fünf Jahren die Ausrichtung vom individuellen Messebau in Events, Messen, Raum und Produkt gelegt. Im Jahr 2020 verfeinern wir die Strategie in Richtung «temporäre Räume, Arbeitsräume, Lebensräume». Mit diesem Schritt nimmt das Unternehmen das Knowhow aus 24 Jahren Messe und Eventbau mit und hilft seinen Partnern, Räume gezielt zu gestalten. Das dieser Schritt nicht von ungefähr kommt, liegt auf der Hand. Im Messe- und Eventbau müssen in kurzer Zeit ganze Markenwelten errichtet werden. Oft stehen nur eine Woche oder ein paar Tage für den Auf- / Umbau zur Verfügung. Danach muss alles bis ins kleinste Detail stimmen und die neue Welt stehen. Um dies zu gewährleisten, ist der komplette Prozess eines solchen Unternehmens auf Flexibilität ausgerichtet, ohne dabei an der Qualität zu sparen. Ein solcher Prozess bedingt das modulare Denken und den Umgang mit Ästhetik und Design sowie unterschiedlichen Lösungsansätzen und Materialien. Sprechen wir von Flexibilität, so meinen wir damit nicht nur den Umgang mit unseren Kunden oder die Art, wie die Mitarbeiter auf Herausforderungen reagieren. Flexibilität ist ein fester Bestandteil unseres Angebots.

Varia AG | Lettenweg 118 | CH-4123 Allschwil | Tel. +41 (0) 61 486 90 | info@varia.ch | www.varia.ch

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LAMPEN MIT LEUCHTKRAFT 100 JAHRE VICO MAGISTRETTI MÜSSEN GEFEIERT WERDEN von Manuela Olgiati

Der Design- und Lichtanbieter NEMO Lighting feiert in diesem Jahr den 100. Geburtstag von Architekt Vico Magistretti. Mit der Masters-Kollektion dieses Labels wird eine einzigartige Auswahl von Lampen, die von Meistern des 20. Jahrhunderts entworfen wurden, fortgesetzt. Jetzt steht ein italienischer Meister im Mittelpunkt.

Lampen sind so klar und mit Leuchtkraft, wie sie Vico Magistretti entworfen hat.

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INNENARCHITEKTUR

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ür Vico Magistretti war: «Das Wichtigste, die konzeptionelle Einfachheit, die gewöhnlich in konstruktive Klarheit umgesetzt wird.» Hundert Jahre alt wäre Vico Magistretti, der Gründervater des italienischen Designs, dieses Jahr geworden. Magistretti war Architekt und gestaltete Bauten, die heute als historisches Erbe unter Denkmalschutz stehen. Bis in die frühen 1960er-Jahre galt Magistretti als Stadtplaner für den Wiederaufbau von Mailand. Neben seiner Arbeit als Architekt schrieb Magistretti als Designer weltweit Geschichte. International bekannt ist er vor allem für seine Möbel und Lampen, die er für Ausstellungen für namhafte Produzenten entwarf. Auf der Bestsellerliste wurden in den letzten fünf Jahrzehnten seines Schaffens zahlreiche Exponate aufgeführt. Innovative Materialien, funktionale Einfachheit und eine elegante Linie zeichnen das italienische Design aus.

MEISTER DES 20. JAHRHUNDERTS Die Masters-Kollektion des Lichtspezialisten NEMO ist eine einzigartige Auswahl von Lampen, die von Meistern des 20. Jahrhunderts wie Le Corbusier, Charlotte Perriand, Vico Magistretti, Kazuhide Takahama und Franco Albin entworfen wurden. Jede Ausgabe ist das Ergebnis eines langen Forschungsweges an Skizzen, Zeichnungen

Elegante Linien zeichnen diese Lampen aus.

Für seine Lampenentwürfe und Zeichnungen war Vico Magistretti international bekannt.

und Prototypen in Zusammenarbeit mit den Stiftungen, die das Werk der Meister der modernen Bewegung schützen. Weil NEMO dieses Jahr den 100. Geburtstag dieses einmaligen Architekten feiert, und dank der Zusammenarbeit mit der Fondazione Vico Magistretti setzt NEMO die Produktion der ikonischen Lampen CLARITAS und KUTA fort.

KLARE LEUCHTKRAFT CLARITAS bedeutet Klarheit und Leuchtkraft und ist die erste von Vico Magistretti entworfene Lampe, die 1946 zusammen mit Mario Tedeschi produziert wurde. Von NEMO neu herausgegeben besteht sie aus gebogenen Metallrohren, die schwarz lackiert sind. Teile der Struktur sind aus verchromtem Metall. Der Aluminiumdiffusor ist schwarz lackiert, der innere Teil ist weiss.

VERLIEBT IN DIE GEOMETRIE Die Geometrie, Magistrettis typisches Gestaltungsprinzip, kommt in der KUTA-Lampe mit dem japanisch inspirierten Minimalismus zum Ausdruck, der sich ab Mitte der 70er-Jahre in Italiens Designmilieu durchsetzte, sowohl in der Mode als auch bei Designobjekten. Sowohl die Tisch- als auch die Wandversion bestehen aus einer weiss oder schwarz lackierten Aluminiumscheibe, der Schaft sowie die MetallKleinteile und der halbkugelförmige Träger sind verchromt.

MANUELA OLGIATI ist Redaktorin bei bauRUNDSCHAU. www.nemolighting.com

Architekt Vico Magistretti liebte die funktionale Einfachheit.

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EIN LEUCHTTURM FÜR DIE STADT NEUES BELEUCHTUNGSKONZEPT IN DEN BAVARIA TOWERS von Barbara Jahn-Rösel

© Christoph Philadelphia

Im Drehkreuz von Strassen und Schienen bilden die Münchner Bavaria Towers ein neues Wahrzeichen im Osten der Stadt. Im höchsten der vier Türme bietet Design Offices auf sieben Etagen und 9 000 Quadratmetern New Work Spaces nach modernsten Standards an. Der Anbieter innovativer Corporate-Coworking-Lösungen fand in Occhio einen Partner für die ganzheitliche Umsetzung des umfassenden Lichtkonzepts.

Das Beleuchtungskonzept macht auch von aussen Eindruck.

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INNENARCHITEKTUR

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© Christoph Philadelphia

m Münchner Stadtteil Bogenhausen entstand mit den Bavaria Towers ein modernes Architekturensemble, mit dem Offices und Hotellerie einer neuen Generation aufeinandertreffen. Die maximale Flexibilität, die dem Office-Konzept von Design Offices in diesem Turm innewohnt, war auch der Massstab für das Lichtkonzept von Occhio. Die Flexibilität in der Lichtgestaltung wird vor allem durch ein Schienensystem erreicht, das einerseits mit dem trapezförmigen Grundriss des Gebäudes harmoniert und gleichzeitig auf die besonderen Anforderungen und Gegebenheiten reagiert. Entstanden ist ein stringentes Schienenraster, das sich vom Mittelpunkt des Towers aus strahlenförmig in den einzelnen Geschossen verteilt. Das flexible Beleuchtungskonzept erstreckt sich über die gesamte Fläche. Den strengen Budgetvorgaben konnte durch intelligente Lichtgestaltung begegnet werden.

JEDERZEIT DIE PASSENDE BELEUCHTUNG Auch das äussere Erscheinungsbild des Gebäudes fand bei der Lichtgestaltung Berücksichtigung. So rückte etwa die

© Christoph Philadelphia

Eine Kombination von Più Strahlern und den Pendelleuchten Mito volo track sorgt für optimales Licht beim Arbeiten.

Die Höhe der Pendelleuchte Mito volo kann flexibel angepasst werden.

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© Christoph Philadelphia

Gestaltung der Deckenuntersicht als von aussen sichtbare Fläche in den Mittelpunkt der Planung. Diese wird von den durchgängigen Rastern aus schwarzen Schienen inszeniert. Gleichzeitig kommuniziert das Gebäude mit dem Rhythmus des Tageslichts: morgens und abends warmes Licht, tagsüber verlaufend mehr Kühle. In der zweiten Etage befindet sich der Empfang. Hier kommen Menschen zusammen – Lounge-Bereich, Cafébar und eine grosse Aussenterrasse laden zum Austausch ein. Für dieses Szenario wünschte sich Design Offices eine Beleuchtung, die konzeptionell von der repetitiven Kontinuität der Regelgeschosse darüber abweicht. Dennoch kommen hier dieselben Leuchten zum Einsatz, die das gesamte Projekt begleiten. Die Lebendigkeit durch unterschiedliche Höhen und die lose Anordnung erzeugen optische Leichtigkeit, die für die gesamte zweite Etage signifikant ist.

IN BESTER GESELLSCHAFT – SITUATIVES LICHT In der Arena – ein grosser Multifunktionsraum, der von Inhouse-Kunden und externen Unternehmen für Firmenfeiern, Vorträge, Podiumsdiskussionen, Business Events und vieles mehr angemietet werden kann – wird Wert auf Varianz gelegt. Mit der verstellbaren Pendelhöhe kann diese Zone allen Eventualitäten entsprechen. Schnell kann man die einzelnen Leuchten auf die gewünschte Höhe bringen und die Farbtemperatur situativ anpassen. In den hochwertig ausgestatteten und wohnlich anmutenden Besprechungs-

UNTERNEHMENSPORTRAIT 1999 von Axel Meise gegründet, basiert Occhio auf einer ebenso einfachen wie revolutionären Idee: Aus der Überzeugung heraus, dass gutes Licht Lebensqualität bedeutet, e ­ ntwickelt das Münchner Unternehmen ganzheitliche, multifunktionale Leuchten- und Strahlersysteme. Durchgängig in Design und Lichtqualität, verbindet OcchioRäume und e ­ rmöglicht, ganze Gebäude in höchster Qualität mit Licht zu gestalten. Mit Sitz im Herzen von ­München beschäftigt Occhio heute über 200 Mitarbeiter.

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Die passende Beleuchtung unterstützt erfolgreiches Networking. Im Bild Mito sospeso.

räumen, die mit bekannten, sorgfältig ausgewählten Designklassikern möbliert sind, setzt sich die angedeutete Verspieltheit in der Beleuchtung fort. Ihr Licht lässt sich in seiner Farbtemperatur situativ abstimmen – von anregendem Licht am Morgen bis hin zu warmem Licht für entspanntes Networking. Meetings erfahren so eine vertraute und persönlichere Atmosphäre.

LICHT TRIFFT ARCHITEKTUR Für den multifunktionalen Meet & Move Room gab es eine zusätzliche Anforderung an das Lichtplanerteam, die zu einer Leuchten-Sonderlösung führte: Hier wird akustisch wirksames Material in Form von runden, schwarzen Paneelen aus PET eingesetzt, die im Material die vorhandenen Stellwände von Design Offices aufgreifen. Diese Sonderlösung kombiniert erstmals Licht und Akustik in einer Occhio-Leuchte, die in abgewandelter Form in das Portfolio aufgenommen werden wird. In den Regelgeschossen kommt die hohe Flexibilität des Lichtkonzepts ein weiteres Mal ins Spiel und gewährleistet einen hohen Individualisierungsgrad. Hier setzt sich das Rastersystem durch alle Bereiche konsequent fort. Das Layout der Lichtschienen

korrespondiert dabei eng mit der Architektur: Einerseits wurde auf die Fensterachsen eingegangen, zum anderen wurden alle Unterzüge, die optional für Zwischenwände genutzt werden können, miteinbezogen.

DER KLEINSTE GEMEINSAME NENNER Die kleinste Office-Einheit fungiert als Einzel-, Zweierbüro oder Besprechungsraum für vier Personen. Es ist mit zwei Schienen – einmal mit Pendelleuchte und einmal mit Strahlern – ausgestattet. Mit diesem Format offenbart sich die Flexibilität der Komponenten Architektur und Lichtkonzept am deutlichsten: flexible Stellwände einerseits, die den Grossraum zu Mini-Büros werden lassen und das konsequent durchkomponierte Schienenraster mit verschiedenen Leuchten. Auch hier ergänzt das punktuelle, gerichtete Licht die nach oben abstrahlende diffuse Komponente der Pendelleuchte.

BARBARA JAHN-RÖSEL schreibt seit 2006 als freie Journalistin über Architektur, Design und Reisen. www.occhio.de


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Erfolgsfaktor Smart Living In zehn Jahren ist es der bonainvest Holding AG gelungen, eines der ökologisch und sozial nachhaltigsten Immobilienportfolios der Schweiz aufzubauen und ein ganzheitliches Smart-Living-Konzept für das generationendurchmischte Wohnen zu etablieren. Wohnen im Wandel → Individualisierung → Konnektivität → Silver Society → Neo-Ökologie

bonainvest.ch | bonacasa.ch

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© ING.Design.AG

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Innenausbauten aus Massivholz sind immer einzigartig.

DIE EINZIGARTIGKEIT UND VIELFÄLTIGKEIT VON HOLZ MASSIVHOLZ IM INNENAUSBAU UND MÖBELBAU Interview mit Markus Ignatius Müller von Gerald Brandstätter

Das Gesicht der modernen Architektur ist geprägt von Werkstoffen wie Stahl, Glas und Beton. Um einen Kontrast zu den als kalt empfundenen «modernen» Materialien zu schaffen, eignet sich kaum ein Material so gut wie Holz. Doch Holz kann noch weitaus mehr. Seite 128 // bauRUNDSCHAU


© Zeitraum

INNENARCHITEKTUR

© ING.Design.AG

Das organisch geformte Holzgestell wurde mithilfe moderner CNC-Fräsen hergestellt und ist im Rücken mit Kernleder bezogen.

Markus Ignatius Müller von der IGN.Design AG.

H

olz ist ein ebenso emotionaler wie traditioneller Werk- und Baustoff. Viele empfinden das Naturmaterial als gemütlich, denn es vermittelt Wärme und Sinnlichkeit. Das älteste Konstruktionsmaterial der Welt bewährt sich darüber hinaus schon immer als Werkstoff, weil es gut verfügbar ist und ebenso leicht wie hoch belastbar. Heute rückt es zudem in unser Blickfeld, da es Kohlendioxyd (CO2) bindet, anhaltend nachwächst, regional vorkommt und zudem zu 100 Prozent recycelbar ist. Das bedeutet, Holz entlastet das Klima schon bei seiner Entstehung, weiterhin während der Nutzung und schliesslich noch bei der Entsorgung. Voraussetzungen dafür sind, dass das Holz nur da eingesetzt wird, wo es sinnvoll ist und dass eine gesetzliche Verpflichtung zu nachhaltiger Holzwirtschaft besteht. Auch auf die Gesundheit hat Holz übrigens positive Auswirkungen. Es wirkt hygroskopisch, sprich, es nimmt Feuchtigkeit aus der Luft auf und gibt sie wieder ab. In der Folge verbessert Holz das Raumklima. Kein Wunder also, dass Holz im Bau- und Einrichtungsbereich aktuell wieder stark auf dem Vormarsch ist. Zusätzlich, zu den ohnehin schon positiven

Präzise Handarbeit bringt die unterschiedlichsten Holzarten in Form.

Eigenschaften von Holz, haben sich in den letzten Jahren auch die Bedingungen für dessen Einsatz immer weiter verändert. Nicht nur, dass es im Entwurf am Computer heute völlig frei in Form gebracht werden kann: Komplexe Computer-generierte Formen, die noch zum Beginn der 2000er-Jahre nicht hätten realisiert werden können, sind jetzt umsetzbar dank neuer Holztechnologieverfahren. Das führt unter anderem dazu, dass Holz als Konstruktionsmaterial für immer spektakulärere und höhere Bauten verwendet wird.

VIELFALT UND INDIVIDUALITÄT Auch für die Ausstattung von Innenräumen gibt es heute eine breite Palette an vielseitig einsetzbaren und optisch variantenreichen Holzwerkstoffen. Darunter sind ein- und mehrlagige Massivholzplatten, furnierte, beschichtete, belegte oder mineralisch gebundene Spanplatten, Sperrholz mit verschiedenen Oberflächen, MDF-Platten. Hinzu kommen unter anderem Holzverbundwerkstoffe, welche sogar faserverstärkten Kunststoffen und Metallen Konkurrenz machen. Sogar an einem Lignin-basierten 3-D-Druck wird aktuell gearbeitet. Aus den verschie-

denen Materialvarianten entstehen Einbauten, Küchenfronten, Einbauregale, Trennwände, Fussböden, Wandtäfelungen oder Möbel, aber auch Fenster und Türen. Besonders authentisch kommt das Holz natürlich in seiner ursprünglichen Form und Struktur daher, sodass auch Massivholzelemente wieder zunehmend gefragt sind. Schreiner und Tischler verstehen sich heute sowohl auf die gesamte Palette von Massivholzarbeiten wie auch auf die Verarbeitung der neuen Holzwerkstoffe. Da jedes echte Stück Holz ein Unikat ist und seine eigene Färbung und Zeichnung besitzt, sind Echtholzmöbel immer einzigartig. Das trifft erst recht zu, wenn sie massgefertigt sind. Sie entsprechen damit wie kaum ein anderes Möbelmaterial dem Wunsch nach Individualisierung. Tische, Parkette, Küchen, Fensterrahmen, Wandverkleidungen, Stühle, Betten, Türen, Einbauschränke, Truhen, Regale oder sogar Badewannen: Möbel und Innenausbauten aus Holz sind langlebig, einzigartig und natürlich. Markus Ignatius Müller, Inhaber von IGN.Design, Sempach, entwickelt und fertigt Massivholzmöbel und vertreibt diese über den Möbelfachhandel.

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© ING.Design AG

Holz ist ein Werkstoff, der seit Tausenden von Jahren genutzt, bearbeitet und verwendet wird. Was macht Holz so besonders? Die Qualitäten von Holz sind so vielseitig wie die einzelnen Holzarten – unendlich. Wir alle kennen Holz, dessen Herkunft und die Anwendungsmöglichkeiten. Früher der Schullineal, im Alltag das Brotbrett oder heute der Tisch als täglicher Begegnungsort am Arbeitsplatz und zu Hause. Aber auch das Kaminholz oder der Wald als Erholungsort verbindet uns alle mit dem Naturprodukt Holz.

«Vor 25 Jahren waren Ahorn und Kirsch­ baum aktuell, heute ist es vorwiegend ­Eichenholz.» In Ihrer Manufaktur werden seit 100 Jahren Möbel und Innenausbauten aus Massivholz gefertigt. Welche Veränderungen haben Sie in den vergangenen Jahrzehnten miterlebt? Vor 100 Jahren war Holz der einzige Werkstoff, den der Schreiner verarbeitete, natürlich mussten noch das Fensterglas oder Beschläge mit verbaut werden. Mit der Industrialisierung kamen die Industrieplatten (Sperrholzplatten, Spanplatten, Kunststoffplatten), und viele Schreiner vernachlässigten die Massivholzverarbeitung. Aber heute ist es wieder der Stolz des Schreiners, Tische und Möbel mit Massivholz zu bauen. Wobei ein Möbel längst nicht nur Holz und Oberfläche ist. Wichtig und entscheidend ist auch die Kombination mit anderen Materialien. Auch die Proportionen der einzelnen Möbel oder die Anpassung in den Raum helfen mit, ein gelungenes Möbel und gutes Handwerk zu liefern. Wie hat sich der Beruf des Tischlers und Schreiners in den vergangenen Jahren verändert? Heute ist der Maschinenpark in einer Schreinerei topmodern. CNC-Maschinen ersetzen

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Zeitlose Möbel aus ausgesuchtem Massivholz, handgemacht in der Schweiz.

einzelne Arbeitsgänge und ermöglichen so, das Handwerk ein Stück weit zu ergänzen. Bedingung dazu ist eine perfekte Arbeitsvorbereitung (CAD-Zeichnungen). Das verlangt im Büro gut ausgebildete Fachkräfte. Fachkräfte, die sich ihre Grundkenntnisse mit einer Schreinerlehre angeeignet haben. Welche Hölzer sind aktuell gefragt? Vor 25 Jahren waren Ahorn und Kirschbaum aktuell, heute ist es vorwiegend Eichenholz. Persönlich stelle ich seit Jahren fest, dass hier die Parkettindustrie die Trends stark beeinflusst. Mit der grösseren Nachfrage steigt auch der Preis. Aber der grosse Kostenfaktor ist heute der Arbeitsaufwand. Früher wurden Holzmöbel oftmals mit einem Klarlack behandelt. Zu welchen Varianten greift man heute? Die Oberfläche einer Tischplatte ist heute geölt, vielleicht zusätzlich gebürstet oder geschroppt. Auch ist eine geseifte Ahorn-

platte wieder zu empfehlen. Mit solchen Oberflächen «berührt» man das Holz. Welche Pflege empfehlen Sie für ein Massivholz-Möbel? Für die Reinigung und Pflege von Massivholz-Tischplatten empfehle ich einen feuchten Lappen – keine Mikrofaserlappen. Damit die Platte weiterhin geschützt bleibt, liefern wir zu jedem Tisch ein Pflegeset. Je nach Beanspruchung sollte die Oberfläche ein bis maximal zwei Mal im Jahr aufgefrischt werden. Gerne vergleiche ich den Aufwand oder das Handling mit der Pflege von Lederschuhen.

MARKUS IGNATIUS MÜLLER ist Gründer, Verkaufs- und Projektberater der IGN.Design AG www.ign.swiss www.zeitraum-moebel.de


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UMWELT & TECHNIK

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UMWELT & TECHNIK

LÖSUNGEN SIND VORHANDEN BAUSTOFFE UND DIE KLIMA-HERAUSFORDERUNG von Georg Lutz

Beton und Stahl haben die Moderne der letzten Dekaden in der Baubranche und den Architekturbüros geprägt. Jetzt kommt aber die Klima-Herausforderung auf die Agenda. Die weltweite Gesamtproduktion von Zement liegt bei etwa vier Milliarden Tonnen pro Jahr. Dabei entstehen circa 2.8 Milliarden Tonnen CO2 jährlich, was acht Prozent der globalen Treibhausgasemissionen entspricht. Diese Werte schlagen sich selbstverständlich auch in der CO2-Bilanz eines Gebäudes nieder, sodass es verschiedene Ansätze gibt, die Verwendung von Zement zu reduzieren oder auch völlig zu umgehen, um auf diese Weise die Ökobilanz eines neuen Bauwerks zu verbessern. Es gibt jetzt neue Technologien auf dem Markt, die bis zu 35 Prozent Beton und 20 Prozent Bewehrungsstahl einsparen.

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UMWELT & TECHNIK

STEIN FÜR STEIN KLIMASCHUTZ IM BAUWESEN DURCH CO2-REDUKTION von Ruxandra Receanu

Bis Mitte des Jahrhunderts ist ein klimaneutraler Gebäudebestand in der Schweiz und in Deutschland zu erreichen. Die Vorgabe hat sich die Politik gemacht. Dies ist aus jetziger Sicht nur möglich, wenn sowohl die Sanierungsquote der Altbestände massiv gesteigert als auch bei Neubauten weiterhin auf Energieeffizienz und CO2-Einsparung geachtet wird.

Grünes und klimagerechtes Bauen hat noch Luft nach oben.

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UMWELT & TECHNIK

Bei den Baustoffen fällt vor allem die Zementproduktion ins Gewicht, die allein in Deutschland für annähernd 16 Millionen Tonnen des CO2-Ausstosses von insgesamt 798 Millionen Tonnen pro Jahr verantwortlich ist. Aktuell werden Verfahren gesucht, um den Treibhausgas-Ausstoss bei der Produktion zu reduzieren. Aber auch die Verringerung der im Bauwesen genutzten Betonmenge, sei es durch den Einsatz von Alternativen wie Carbon- und Recyclingbeton oder die Verwendung von Hohlkörpern als Betonersatz in statisch nicht relevanten Bereichen von Stahlbetondecken, stellt eine Einsparmöglichkeit dar. Die Heinze Cobiax Deutschland GmbH startet derzeit unter dem Titel «Save the climate: Now» eine Aktion zugunsten ressourcenschonender und CO2-optimierter Bautechnologie. Bei Diskussionen um die Nachhaltigkeit von Gebäuden, insbesondere im Hinblick auf Neubauten, wird vor allem immer Zement als Negativfaktor genannt. Die weltweite Gesamtproduktion von Zement liegt bei etwa vier Milliarden Tonnen pro Jahr. Dabei entstehen circa 2.8 Milliarden Tonnen CO2 jährlich, was acht Prozent der globalen Treibhausgasemissionen entspricht. Diese Werte schlagen sich selbstverständlich auch in der CO2-Bilanz eines Gebäudes nieder, sodass es verschiedene Ansätze gibt, die Verwendung von Zement zu reduzieren oder auch völlig zu umgehen, um auf diese Weise die Ökobilanz eines neuen Bauwerks zu verbessern. «Bereits vor über 20 Jahren haben wir mit unseren Hohlkörperelementen eine Lösung entwickelt, mit der sich im Bauwesen effektiv Beton und somit auch CO2 einsparen lässt», berichtet

Volkmar Wanninger, Geschäftsführer der Heinze Cobiax Deutschland GmbH. «Seitdem haben wir unser Produkt fortwährend weiterentwickelt, sowohl im Hinblick auf das Einsparungspotenzial als auch auf das Handling und die Kompatibilität mit Ersatzbaustoffen wie Recyclingoder Carbonbeton.»

MIT BLICK AUF DIE NACHHALTIGKEIT Das Ziel von Cobiax war es, ein Produkt auf den Markt zu bringen, mit dem die Beton- und Bewehrungsstahlmenge, die für den Bau eines Gebäudes aufgewendet werden müssen, massiv reduziert werden können. Mit der Erfindung der Hohlkörperelemente und der fortwährenden Weiterentwicklung der Produkte konnten signifikante Einsparergebnisse erzielt werden. «Pro Geschossdecke können in einem Gebäude bei der Verwendung unserer Technologie bis zu 35 Prozent Beton und 20 Prozent Bewehrungsstahl eingespart werden», erläutert Wanninger. «Durchschnittlich werden durch die Verwendung unserer Hohlkörper circa 20 Prozent an umweltbelastenden Schadstoffen eingespart, angefangen von der Zementherstellung bis hin zu wegfallenden Anlieferungsfahrten zur

Baustelle, da weniger Beton benötigt wird. «Cobiax achtete schon in der Entwicklung seiner Hohlkörperelemente auf ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept. So erfolgt beispielsweise die Produktion zu 100 Prozent aus Recycling-Kunststoff, wodurch eine hervorragende Ökobilanz erreicht wird. Des Weiteren werden die Hohlkörper als Halbschalen gefertigt, die erst auf der Baustelle zusammengesetzt werden, sodass eine grosse Menge mit einer Lieferung transportiert werden kann. Die Nachhaltigkeit der Cobiax-Elemente wurde im Rahmen einer Lebenszyklus-Analyse festgestellt. Darüber hinaus wurde das Produkt gemäss ISO 14025 für Umweltzeichen, der ISO  21930 für EPD von Bauprodukten und der EN 15804 über ProduktkategorieRegeln (PCR) für Bauprodukt-EPD geprüft und verfügt daher über eine Umwelt-Produktdeklaration. Neben dem Einsparpotenzial in Sachen CO2 und Baustoffen kommt dabei auch noch die Gewichtsreduktion zum Tragen. Durch die verringerte Menge an Beton und Bewehrungsstahl in den Geschossdecken sinken auch die statischen Anforderungen an die gesamte Tragstruktur eines Gebäudes, woraus sich weitere Materialeinsparungen ergeben, die von Fall zu Fall variieren. In der Summe

© Heinze Cobiax Deutschland GmbH

S

tandards, was den Neubau und die Sanierung im Zeichen der Nachhaltigkeit betreffen, gibt es in der Schweiz und Deutschland einige. In der Schweiz heissen sie beispielsweise SNBS oder Minergie. In Deutschland sind es das BNB (Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen) oder das Zertifizierungssystem der DGNB (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e.V.) oder der Effizienzhaus-Plus-Standard des BMI (Bundesministerium des Inneren). Sie setzen bereits früh im Lebenszyklus der neuen Gebäude an. Nicht nur der energieeffiziente Betrieb nach Fertigstellung eines Bauwerks, sondern auch CO2-Einsparungen bereits während der Bauphase und der Einsatz ökologischer Baustoffe finden in die Bewertungssysteme Eingang.

Bisher wurden weltweit bereits mehr als 14 Millionen Quadratmeter Cobiax-Hohlkörperdecken realisiert.

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UMWELT & TECHNIK

­ xperten neben einer Gewichtsreduktion E ausserdem eine bis zu fünfmal grössere Festigkeit im Vergleich zu herkömmlichen Bauten mit Stahlbewehrung. Bisher ist ein Grossteil der bereits realisierten Praxisprojekte in den Bereichen Fassadenbau, Verkleidungen und Wandkonstruktionen angesiedelt. Des Weiteren wurde im Oktober 2015 eine Brücke in Albstadt-Ebingen (D) in Carbonbeton ausgeführt. In Dresden entsteht bis Ende 2020 ein 220 Quadratmeter grosser Experimentalbau, mit dessen Hilfe die Eignung des neuen Baustoffs für den Gebäudebau erforscht werden soll. «Sobald wir über verlässliche Informationen zum Langzeitverhalten von mit Carbonfasern verstärktem Beton im Hochbau verfügen, können wir auch über eine kombinierte Verwendung mit unseren Hohlkörpern nachdenken. Dabei sehe ich einen sehr hohen Multiplikator in Sachen Nachhaltigkeit und CO2-Reduktion», erklärt Wanninger.

NACHHALTIGES BAUEN UND KLIMASCHUTZ

Zement hat ein CO2-Problem.

wirken sich diese Eigenschaften und Effekte positiv auf die Einhaltung der Anforderungen der nachhaltigen Vorgaben und Standards aus.

WEITERE ANSÄTZE ZUR REDUZIERUNG Neben dem Ansatz, die Betonmenge an statisch unbedenklichen Gebäudeteilen durch Hohlkörper zu ersetzen, gibt es weitere Ideen, um den Ausstoss von Treibhausgas in Zusammenhang mit der Bauindustrie zu verringern. Angefangen bei der Herstellung des Zements, wo beispielsweise der für die Herstellung notwendige Kalkstein durch Alternativstoffe ersetzt werden soll, bis hin zur Umwandlung des Kalksteins durch Elektrolyse zu Löschkalk. Dabei kann das entstehende hochkonzentrierte CO2 aufgefangen werden und entweicht nicht in die Atmosphäre. Andere Ideen zielen auf den Beton selbst ab. Bereits seit etwa 20 Jahren ist sogenannter Recyclingbeton am Markt verfügbar. Dabei wird der im Beton verwendete Kies durch

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Betongranulat oder Mischabbruchgranulat aus Altbeton ersetzt. Gemäss europäischer Norm EN 206-1 müssen mindestens 25 Prozent der Gesteinskörnung durch das recycelte Material ersetzt werden, um als Recyclingbeton zu gelten. «Recyclingbeton kann ohne negative Auswirkungen auf die Baustatik mit unseren Cobiax-Hohlkörpern gemeinsam verwendet werden. Dadurch ergibt sich in Sachen CO2-Reduktion und nachhaltiges Bauen sogar ein MultiplikatorEffekt», erläutert Wanninger. «Wir haben allerdings festgestellt, dass bisher keine echte Marktdurchdringung durch den Recyclingbeton stattgefunden hat.» Unter der Bezeichnung Carbonbeton drängt seit einigen Jahren ein Produkt auf den Markt, das auf den Ersatz der Stahlbewehrung durch Carbonfasern setzt. Da Carbon nicht korrodiert, kann die Betonmenge entsprechend reduziert werden, da kein zusätzliches Material als Schutzschicht für die Bewehrung notwendig ist. Von der Carbonbewehrung versprechen sich

Die Ideen in Sachen CO2-Reduktion und nachhaltiges Bauen sind vielfältig, aber oft noch nicht zur Marktreife gelangt oder konnten sich bisher nicht durchsetzen. «Nach unseren Berechnungen werden in Deutschland pro Jahr im Hochbau etwa 50 Millionen Kubikmeter Beton benötigt, davon kommen bis zu 20 Millionen Kubikmeter, sprich 35 bis 40 Prozent, bei der Ausführung der Geschossdecken in Stahlbetonbauweise zum Einsatz. Das entspricht 48 Millionen Tonnen. Durch die Verwendung unserer Hohlkörper könnten hier bis zu 35 Prozent der Betonmenge eingespart werden, was einem Volumen von sieben Millionen Kubikmeter oder 17 Millionen Tonnen entspricht. Daraus ergibt sich allein im Herstellungsprozess des dafür benötigten Zements eine mögliche CO2-Verminderung von annähernd 1.5 Millionen Tonnen», betont Wanninger. Seit der Markteinführung wurden weltweit bisher mehr als 14 Millionen Quadratmeter Stahlbetondecken mit Cobiax-Hohlkörpern realisiert, was einer Betoneinsparung von zwei Millionen Tonnen und einer CO2-Reduktion von 180’000 Tonnen entspricht.

RUXANDRA RECEANU arbeitet beim ABOPR Pressedienst. green.cobiax.de


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Die neue Wärmepumpe Hoval Belaria® pro ist in zwei Ausführungsvarianten erhältlich.

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ie neue Belaria® ist dank einer Vorlauftemperatur von 70 Grad sowohl bei Neubauten als auch bei der Sanierung bestehender Heizsysteme einsetzbar. Sie ist ab sofort in der Schweiz erhältlich. Die Technik von morgen muss die Natur schützen, weshalb gesetzliche Vorgaben rund ums Heizen auch in der Schweiz immer strenger werden. Die neue Luft / Wasser-Wärmepumpe Belaria® pro von Hoval nimmt diesen Technologiewandel vorweg und entspricht schon heute den Umweltgesetzen von morgen: Sie nutzt mit Propan ein natürliches und umweltfreundliches Kältemittel und ist so für Hausbesitzer auch auf lange Sicht zuverlässig einsetzbar. Leise im Betrieb und vielseitig einsetzbar: Die eigentliche Arbeit verrichtet das Aussengerät der neuen Luft / Wasser-Wärmepumpe. Und das mit 27 dB(A) auf fünf Meter Entfernung praktisch geräuschlos draussen vor dem Haus – das bewahrt die Ruhe im Garten.

INTEGRIERTE MODULATION Möglich ist dieser leise Betrieb durch die integrierte Modulation, welche die Leistung stufenlos und vorausblickend an den konkreten Heizbedarf anpasst. Mit der Energieeffizienzklasse A+++ ist die Belaria® pro äusserst sparsam. Auch in anderer Hinsicht ist die Hoval Belaria® pro eine vorausschauende Entscheidung für Besitzer von Ein- und Zweifamilienhäusern: Dank einer Vorlauftemperatur von 70 Grad eignet sie sich sowohl für den Einsatz in

Neubauten als auch zur wirtschaftlichen Sanierung älterer Gebäude und bestehender Heizsysteme. «Neben modernen Fussbodenheizungen kann die Belaria® pro auch klassische Radiatoren mit Heizwärme versorgen», erklärt Kevin Allenspach, Produktmanager Wärmepumpen und Solar bei der Hoval Gruppe. «Bei der Altbausanierung können vorhandene Heizkörper daher weiterverwendet werden und man spart dadurch Kosten.»

FLEXIBILITÄT DURCH ZWEI AUSFÜHRUNGSVARIANTEN Die in Monoblock-Bauweise gehaltene Belaria® pro ist dank zweier Ausführungsvarianten besonders flexibel gegenüber individuellen Anforderungen: Die compactAusführung beinhaltet einen integrierten Trinkwasser- und Pufferspeicher. Das spart Platz und schont das Budget, weil kein zusätzlicher Speicher in Ergänzung zur Wärmepumpe benötigt wird. Die comfortAusführung hingegen verfügt über eine kompakte Inneneinheit zur Wandmontage und lässt sich beliebig mit einem neuen oder bestehenden Warmwasser-Speicher kombinieren. Beiden gemeinsam ist die bereits in den Geräten enthaltene Funktion CleverCool: Im Sommer kann die Wärmepumpe dadurch auch kühlen und sorgt so für angenehmes Raumklima. HovalConnect ist auch von unterwegs steuerbar. Ob comfort oder compact, beide Varianten optimieren dank der Regelung

Durch das Zusatzpaket HovalConnect wird die Wärmepumpe auf Wunsch mit dem Internet verbunden und kann so via Smartphone oder PC bedient werden. Sowohl Innen- als auch Ausseneinheit der Belaria® pro sind anschlussfertig und somit montagefreundlich. Kompakte Abmessungen vereinfachen den Transport. Durch die einheitliche Regelung TopTronic® E können die Hoval-Produkte schnell und nahezu beliebig zu Systemen kombiniert werden. Beide Ausführungsvarianten der Luft / Wasser-Wärmepumpe Belaria® pro können ab sofort bestellt werden – die comfort-Ausführung ist ab sofort und die compactAusführung ab 1. Oktober 2020 lieferbar. Weitere Informationen finden Sie auf: www.hoval.ch/belaria-pro

ÜBER HOVAL Hoval zählt international zu den führenden Unternehmen für ­Raumklima-Lösungen. Mehr als 75 Jahre Erfahrung motivieren das Unternehmen immer wieder zu innovativen Systemlösungen. Die Gesamtsysteme zum Heizen, Kühlen und Lüften werden in mehr als 50 Länder exportiert. Als Spezialist für Heiz- und Klimatechnik ist Hoval ein erfahrener Partner für Systemlösungen. So kann man zum Beispiel mit Sonnenenergie Wasser erwärmen und mit Öl, Gas, Holz oder einer Wärmepumpe die Räume beheizen. Hoval verknüpft die ­unterschiedlichen Technologien und bindet auch die Raumlüftung in dieses System ein. Leitlinie des Handelns ist die gelebte Verantwortung für Energie und Umwelt: Im Zentrum der Entwicklung der Heiz- und Lüftungssysteme steht bei Hoval immer die Energieeffizienz.

Hoval AG | General-Wille-Strasse 201 | CH-8706 Feldmeilen | Tel. +41 (0) 44 925 61 11 | info.ch@hoval.com | www.hoval.ch

Ausgabe 03/2020 // Seite 139


UMWELT & TECHNIK

ÄSTHETIK, KOMFORT UND SICHERHEIT BRANDSCHUTZ UND KOMFORTABLES SITZEN von Armin Scharf

Brandschutz ist ein zentrales Planungsthema – nicht nur, aber vor allem bei öffentlichen Gebäuden. Die Strategie, Brandlasten soweit möglich auszuschliessen, bedeutet keineswegs den Verzicht auf bequeme, gepolsterte Möbel. Kusch + Co hat ein Konzept entwickelt, das die unabdingbaren Voraussetzungen des Brandschutzes erfüllt.

Das Feuer greift schnell auf Möbelstücke über.

Seite 140 // bauRUNDSCHAU


UMWELT & TECHNIK

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ie Gefährlichkeit eines Feuers hängt vor allem davon ab, wie rasch sich ein Entstehungsbrand in einen Vollbrand verwandelt. Aktive Brandschutzmassnahmen sollen den Brandherd daher schnell eindämmen und unter Kontrolle halten. Diese Strategie gelingt nur, wenn möglichst wenig brennbare Materialien vorhanden sind, aus denen das Feuer seine Energie beziehen kann. Dies betrifft nicht nur die Baumaterialien, sondern auch die Ausstattung eines Gebäudes samt Einrichtungsgegenständen. Besonderes Augenmerk richten Brandschützer auf gepolsterte Möbel, da der verwendete Polsterschaum trotz flammhemmender Additive enorme Mengen an toxischen Brandgasen freisetzen kann. Effektiver und normgerechter Brandschutz bedeutet zwar den Ausschluss konventioneller Polstermöbel, nicht aber den gänzlichen Verzicht auf bequemes und ästhetisches Sitzen. Die Verantwortlichen haben über mehrere Jahre hinweg produktbezogene wie auch produktneutrale Brandprüfungen durchgeführt, um das Brandverhalten der Möbel zu untersuchen.

VORAUSSETZUNGEN UND MASSNAHMEN Das Unternehmen hat ein Konzept entwickelt, das die vier unabdingbaren Voraussetzungen des Brandschutzes erfüllt: Möbel dürfen weder Entstehungsbrände fördern noch eine Zündquelle darstellen, wenig Brandrauch produzieren und müssen selbstverlöschend sein. Der Schlüssel dazu ist ein spezieller Polsterverbund, bei dem sich zwischen dem flammgeschützten Schaum und dem Bezugsstoff ein nicht brennbares Glasgewebe befindet. Diese Trennlage verhindert, dass der brennende Bezugsstoff innerhalb eines definierten Zeitraumes auf den Polsterschaum übergreifen kann – ganz ohne zusätzliche, ökologisch kritische Flammschutzmittel. Die Lösung ist dank der robusten Trennschicht langlebig und wird auch von Verschmutzungen nicht beeinflusst. «Diese Materialkombinationen können wir praktisch für alle unsere Produkte umsetzen und damit auch repräsentative, dick gepolsterte Möbel mit einem Maximum an Brandschutz ausstatten», so Ingo Bandurski, Brandschutz-Experte von Kusch+Co. Holzbauteile wiederum schützt deren Beschichtung: Der UV-gehärtete und wasserbasierte Klarlack ist schwer entflammbar.

BRANDSCHUTZ IN ÖFFENTLICHEN BEREICHEN «Der Fokus wird nicht mehr auf das Brandverhalten von Einzelmaterialien gelegt, sondern der Polsterverbund als Ganzes beurteilt», so Ingo Bandurski weiter. Verschiedene Landesbauordnungen folgen inzwischen dieser Betrachtungsweise und ermöglichen es so, dass trotz hoher Brandschutz-Anforderungen komfortable Sitzmöbel in vielen Bereichen realisierbar sind. «Geht es um Flughafen-Planung, dann zielt spätestens die zweite Frage auf die Brandschutzeigenschaften unserer Produkte», berichtet Bandurski. «Wir erarbeiten zunächst gemeinsam mit den Brandschutzbeauftragten der Projekte Vorschläge und erstellen sogar Genehmigungsanfragen für bestimmte Produkte oder Polsterkomponenten.» Basis dafür sind Erfahrung und Transparenz in der Kommunikation: «Wir behaupten nicht, unbrennbare Polstermöbel herzustellen, aber wir setzen alles daran, die Brand-Sicherheit in öffentlichen Bereichen zu verbessern, das Leben von Menschen zu schützen, ihnen zugleich aber wertige sowie bequeme Möbel zu bieten.»

ARMIN SCHARF arbeitet unter anderem für das Kommunikationsbüro bering*kopal im Bereich Text und ist auf Design und technische Innovationen spezialisiert. www.kusch.com

Ausgabe 03/2020 // Seite 141


UMWELT & TECHNIK

Die Reinigung mit violettem Licht ist schonend und für Mensch und Tier ungefährlich.

KRANKHEITSERREGER STOPPEN DESINFEKTION DURCH LICHT von Georg Lutz

Licht wirkt positiv auf den Menschen und seine Umgebung – in vielerlei Hinsicht. Es bestimmt den natürlichen Rhythmus und macht glücklich. Licht ist die Basis vieler innovativer Technologien, die dem Menschen helfen und sein Wohlbefinden steigern. Mit Integralis hat Artemide eine neue Lichttechnologie entwickelt, welche die Umgebung durch Beleuchtung desinfiziert. Seite 142 // bauRUNDSCHAU


© www.artemide.com

© www.artemide.com

UMWELT & TECHNIK

Die violetten Anteile im Licht sind für den Menschen nicht gefährlich.

I UNTERNEHMENSPORTRÄT Die 1960 von Ernesto Gismondi gegründete Unternehmensgruppe Artemide hat ihren Hauptsitz im italienischen Pregnana Milanese. Sie vertreibt ihre Produkte in 100 Ländern weltweit und verfügt über fünf Produktionsstätten in Italien, Frankreich, Ungarn und Kanada, eine Glashütte und ein Forschungsund Entwicklungszentrum. Die Artemide Gruppe beschäftigt derzeit rund 750 Mitarbeiter, davon 60 in der Forschung und Entwicklung.

ntegralis bekämpft Krankheitserreger auf zwei Arten: Dem sichtbaren Licht werden violette Anteile zugefügt, was dazu führt, dass Bakterien, Pilze und Schimmel vollständig abgetötet werden. Hierbei handelt es sich um eine schonende Keimreduktion, die für Menschen, Tiere und Pflanzen völlig ungefährlich ist. Die UVC-Methode geht noch einen Schritt weiter, hier werden im Bereich des nicht sichtbaren Lichts neben Bakterien, Pilzen und Schimmel auch Viren zuverlässig per UV-Licht abgetötet. Da UV-Licht bekanntlich für den Menschen schädlich ist, berücksichtigt das intelligente System, dass diese hoch effektive Desinfektion in Abwesenheit von Personen durchgeführt wird.

NEUE PERSPEKTIVEN Integralis ist das Ergebnis intensiver Lichtforschung und technologischen Fortschritts und zeichnet sich durch eine perfekte Balance zwischen Effizienz, Farbwiedergabe

und Desinfektion aus. Das Licht reinigt den Raum und gibt Sicherheit überall dort, wo viele Menschen zusammenkommen und maximale Hygiene gefordert ist: in Krankenhäusern und Arztpraxen, Altenheimen, Fitnessstudios, Hotels und Restaurants, Büros, Geschäften oder Schulen. Wirkungsgrad und Anwendungsdauer lassen sich bequem per App steuern. Artemide reagiert mit seiner Lichttechnologie unmittelbar auf die aktuellen Geschehnisse unserer Zeit. Integralis ist ein Licht, welches das höchste Gut des Menschen schützt: seine Gesundheit.

GEORG LUTZ ist Chefredaktor bei bauRUNDSCHAU. www.artemide.com

Ausgabe 03/2020 // Seite 143


VORSCHAU &  IMPRESSUM

VORSCHAU DIE NÄCHSTE AUSGABE ERSCHEINT IM NOVEMBER 2020 Folgende Schwerpunkte stehen auf unserer Agenda:

Modernes Heim in altem Gewand Junge Altbauten – Lösungen für den S ­ anierungsstau

Zwischen analog und digital Digitale Brückenbauer auf Baustellen und in Planungsbüros

My home is my castle Sicherheit innerhalb der eigenen Wände

Effizient und ökologisch Klima-Welten und Heizungen

Die richtige Grundlage Ressourcen und Materialien

Optimale Sehbedingungen Lichtlösungen in der Industrie

Herausgeber rundschauMEDIEN AG St. Jakob-Strasse 84 CH-4132 Muttenz / Basel Telefon +41 61 335 60 80 Telefax +41 61 335 60 88 info@rundschaumedien.ch www.rundschaumedien.ch A PART OF PRESTIGE MEDIA GROUP SA

Mitglied der Geschäftsleitung Tibor Müller t.mueller@rundschaumedien.ch Boris Jaeggi b.jaeggi@rundschaumedien.ch Projektleitung Michele Zito m.zito@rundschaumedien.ch Verkauf & Marketing Alban Mulaj a.mulaj@rundschaumedien.ch Chefredaktion Georg Lutz g.lutz@rundschaumedien.ch Redaktion Elisa Beck e.beck@rundschaumedien.ch Leitung Produktion & Grafik Melanie Moret m.moret@rundschaumedien.ch

Seite 144 // bauRUNDSCHAU

Korrektorat / Lektorat Brigitte Battaglia

Titelbild Steiner AG

Aboservice info@rundschaumedien.ch

Bilder 4B AG afca / Hochschule Luzern air-lux Technik AG Florian Amoser Artemide bering*kopal BSH Hausgeräte GmbH Bauwerk Captial GmbH Beat Bühler build up Luca Claussen Cobiax Die Werkbank IT GmbH Christian Flatscher Michael Goldgruber FENECON GmbH Fronius International GmbH Ferroamp Elektronik GmbH Heinze Cobiax Deutschland GmbH Hannes Henz Hilti / Hochschule Luzern HLC Balena GmbH HLC Buttazoni GmbH HLC Cube fx HLC Soliday Hörmann Schweiz AG HolzKunst Holocher Hoval INC.Design AG Philippe Hubler Ketil Jacobsen David Schreyer Jansen-Schüco Jan M. Lillebø

Autoren Mark Appell Gerald Brandstätter Daniela Eckerle Jutta Glanzmann Andreas Gurtner Lone K. Halvorsen Eva Herzog Barbara Jahn-Rösel Nicolas Jaeggi Celestina Jörger Daniel Jost Rainer Klein Jochen Köhler Manuela Olgiati Thea Rauch-Schwegler Ruxana Receanu Stefan Rechsteiner Silke Rommel Armin Scharf Dr. Lilla Simon-Nagy Matthias Uhl Urs Wiederkehr Joël Ch. Wuethrich Interview Markus Ignatius Müller Reiner Nowak Pirmin Odermatt Albert Renz Jürgen Schorn Markus Weber Benjamin Zbären

Snøhetta Simon Menges Minergie Next Kraftwerke GmbH Eligio Novello Christoph Philadelphia Phaesum Novoferm Schweiz AG Platio REC Solar EMEA GmbH Rodina Enerparc Solar Rolf Siegenthaler Stadtarchiv Amberg Stadtwerke München Steiner AG SunPower Corporation varia AG Veinal Velux Vico Magistretti Webasto SE Gustav Willeit xoio Zbären Kreativküchen AG ZEITRAUM ZnR-Batterien SAS Jahresabo Vier Ausgaben CHF 19.– Einzelpreis CHF 5.90 info@rundschaumedien.ch ISSN 2504-1142 Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auszugsweise oder in Ausschnitten, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird von der Redaktion und dem Verlag jede Haftung abgelehnt.


HolzKunst Holocher GmbH | Oberburg, 14 | 87448 Waltenhofen +49 172 – 5893325 | info@holzkunst-holocher.de

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bauRUNDSCHAU 03/2020  

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