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AUSGABE 02/ 2020

LUFT NACH OBEN SOLARENERGIE KANN MEHR

MEHR GRÜN IM URBANEN RAUM | ANDERES WOHNEN | FRAUEN AM BAU | NEUE INNENSTÄDTE


LIEBE LESERIN, LIEBER LESER, Krisenzeiten haben auch immer ihre Spuren in der Architektur hinterlassen. Am Ende der Katastrophenerfahrung Erster Weltkrieg legte das Schicksal noch eine Pandemie mit dem Namen Spanische Grippe auf den Alltag der leidenden Bevölkerung. Klassische Werte- und Wertvorstellungen verloren an Bindungskraft. Fast alles wurde vom Kopf auf die Füsse gestellt. In den Roaring Twenties waren die Veränderungen mit allen Sinnen zu erfassen. Diese Dekade hatte viele Aufbrüche mit im Gepäck. Mode, Kultur, Musik und Geschlechterrollen – alles kam in die gesellschaftliche Waschmaschine. In der Architektur erlebte das Bauhaus seine Blüte. Alles wurde heller, funktionaler und transparenter. Die Architektur- und Designwelten des barocken und opulenten fin de siècle wanderten in die Mottenkisten. Die Räumlichkeiten wirkten fast wie ein OP-Saal, und in der Frankfurter Küche konnten alle Küchenwerkzeuge übersichtlich verstaut werden. Die moderne Einbauküche erlebte ihre Geburtsstunde. Es stellt sich nun die Frage, was die Corona-Krise mit der Architektur heute macht. Wir wissen es noch nicht, aber vielleicht besinnt sie sich auf ihre eigentliche Aufgabe: den Menschen passende Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. Der Mainstream der Architektinnen und Architekten baut heute die quadratischen Klötze, in denen später reiche Singles und Kleinfamilien wohnen können. Hier schauen Grossfamilien, Wohngemeinschaften mit Patchwork-Familien, alte Menschen und alleinerziehende Mütter in die Röhre. Die Architektur ist nicht auf ihre Lebensrealitäten zugeschnitten und meist auch noch zu teuer. Diese Gruppen gibt es aber immer mehr in der gesellschaftlichen Realität. Inzwischen haben wir jedoch Alternativen, die beispielsweise Modelle des Mehrgenerationenwohnens in die Praxis umsetzten. Die Genossenschaft Kalkbreite in Zürich ist solch ein Beispiel. Wir stellen sie in der vorliegenden Ausgabe, im Rahmen eines Schwerpunkts, vor.

Georg Lutz

Chefredaktor bauRUNDSCHAU g.lutz@rundschaumedien.ch www.baurundschau.ch

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INHALT

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SOLARE POTENZIALE Solare Energielösungen begleiten uns in die Zukunft. Zu den Stärken dieser Branche gehört, dass sie eine Vision hat, die sich von der fossilen Vergangenheit abhebt. Allerdings ist der Weg in die solare Zukunft alles andere als ein ­Selbstläufer. Einige politische Lobbygruppen stellten und stellen immer wieder Hürden auf. Auch daher muss man zuweilen zurückblicken, um den Weg in die Zukunft zu erkennen. Der Einleitungsbeitrag zum Schwerpunkt ­dokumentiert eine Rede von Nationalrat Roger Nordmann.

FRAUEN AUF DER BAUSTELLE

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Der Frauenanteil in der Baubranche ist noch immer sehr gering. Das betrifft alle Hierarchiestufen. Jetzt kommt aber Bewegung in die Strukturen. Einige Unternehmen legen extra Förderprogramme auf. Der sanfte Druck des Fachkräftemangels wirkt dabei sicher auch hilfreich. Wichtig sind auch Vorbildfunktionen für jüngere Generationen. In u ­ nserem Themenschwerpunkt stellen wir Frauen aus den Bau- und Baudienstleistungsunternehmen vor. Sie bewegen sich in einer männerdominierten Branche. Aber sie stellen einen Wandel fest.

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ZUKUNFT FÜR DIE INNENSTÄDTE Die Umbrüche in den Innenstädten, die Schwierigkeiten des stationären Handels sind nicht erst seit der Corona-Krise ein Thema. Das Virus wirkt aber als Durchlauferhitzer. Es droht, um es auf den Punkt zu bringen, die Verödung der Innenstädte. Gegen Online-Giganten haben kleine lokale Anbieter oft keine Chance. Es gilt, Szenarien zu entwerfen, die europäische Innenstädte mit neuem Leben füllen.

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MEHR GRÜN IN DER STADT Unsere Städte stehen vor grossen Herausforderungen. Immer mehr Menschen leben auf immer engerem Raum. Steigender Nutzungsdruck und sich ändernde Klimabedingungen belasten die Stadtbevölkerung, aber auch das Stadtgrün. Dabei sind es gerade die Pflanzen und Gehölze, die die negativen Effekte von Feinstaub, trockener Luft und Hitzestau abmildern können. Hier sind Lösungen gefragt. Wir stellen einige wichtige vor.

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INHALT

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NEUE WOHNMODELLE Immer häufiger taucht der Begriff Generationenwohnen bei der Beschreibung geplanter oder schon realisierter neuer Wohnüberbauungen auf. Was steckt dahinter? Ist es ein modisches Schlagwort oder entspricht das Generationenwohnen einem wachsenden Bedürfnis auf dem Wohnungsmarkt? Wir publizieren in dem Schwerpunkt einleitende Beiträge und konkrete Beispiele, wie die Genossenschaft Kalkbreite in Zürich.

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DER EIGENE FUSSABDRUCK Energieverbrauch, benutzte Technik, Druck, Verpflegung und Mobilität fliessen in das komplexe Berechnungssystem des ökologischen Fussabdrucks mit hinein. Ob vom Arbeitsweg über die tägliche Tasse Kaffee bis zum Ausdruck von Arbeitsmaterial: Im Zuge der aktuellen Klimadebatte wollen einige Unternehmensverantwortliche wissen, wie eigentlich die Kohlendioxid-Bilanz des eigenen Unternehmens aussieht.

WIR SIND VOR ORT Dies ist eine Corona-Ausgabe und daher sind auch unsere Aussentermine minimiert. Dafür setzen wir vermehrt auf digitale Lösungen, merken aber, dass auch sie an einige Grenzen stossen. Wir freuen uns daher, Sie in naher Zukunft wieder Face to Face begrüssen zu dürfen.

RUBRIKEN Editorial3 Bauen6 Architektur52 Garten  78 Innenarchitektur82 Umwelt & Technik  106 Kolumnen 14, 24, 28, 30, 42 Impressum128

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IM WEB Wir halten Sie zwischen den Ausgaben mit aktuellen News, Fotostrecken, Kolumnen und Analysebeiträgen au dem Lauenden. Sie sind gerne eingeladen, sich crossmedial zu beteiligen. Zum Beispiel mit News: 1 000 Zeichen, Bild und URL. Besuchen Sie www.baurundschau.ch


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JETZT GEHT ES WEITER DIE SOLARBRANCHE IM AUFWIND von Georg Lutz

Ja, auch die Baubranche spürt die Corona-Krise. Lieferketten brechen zusammen und auf Baustellen kommt es zu Verzögerungen. Das ist aber im Vergleich zu vielen anderen Branchen harmlos. Die Branche ist vergleichsweise gut aufgestellt. Auf jeden Fall hat die Solarbranche genügend zu tun. Für den Ersatz der fossilen und nuklearen Energien in der Schweiz braucht es einen Ausbau der Photovoltaik-Leistung um den Faktor 20 gegenüber heute. Gerade wenn wir aus der Krise herauskommen, kann umgesteuert werden. Es geht nicht um die klassischen Instrumente wie eine Abwrackprämie, bei der alte Lösungen durch die gleichen neu aufgehübschten Lösungen ersetzt werden. Stattdessen gilt es, gezielt einen dekarbonisierten Rahmen zu schaffen und mit erneuerbaren Technologien zu fördern. So entwickeln sich regenerative Aktivitäten, Beschäftigungszahlen, neue Industriezweige und Dienstleistungen, die uns alle nutzen. Auf den folgenden Seiten geht es um einen Rück- und Ausblick der Schweizer PV-Branche.

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BLICK ZURÜCK UND NACH VORNE DIE PERSPEKTIVEN DES SCHWEIZER SOLARSTROMS von Roger Nordmann

Ohne Frage, der Photovoltaik gehört die Zukunft. Zu den Stärken dieser Branche gehört, dass sie eine Vision hat, die sich von der fossilen Vergangenheit abhebt. Allerdings ist der Weg in die solare Zukunft alles andere als ein Selbstläufer. Einige politische Lobbygruppen stellten und stellen immer wieder Hürden auf. Auch daher muss man zuweilen zurückblicken, um den Weg in die Zukunft zu erkennen. Der folgende Beitrag dokumentiert eine Rede von Nationalrat Roger Nordmann an der 18. Photovoltaik-Tagung, die am 12. und 13. März in Lausanne stattfand1. Der Beitrag ist mit einigen Preisträgern des Schweizer Solarpreises 2019 bebildert.

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BAUEN

wir alles auf die Karte Preissenkungen setzen. Das Ergebnis ist bekannt: eine phänomenale Begeisterung und viel zu lange Wartelisten. Im Jahr 2010, als ich zum Präsidenten von Swissolar gewählt wurde, produzierten die Solaranlagen 83 GWh, also etwas mehr als ein Promille des jährlichen Schweizer Stromverbrauchs. In meinem 2010 erschienenen Buch «Atom- und erdölfrei in die Zukunft» forderte ich 13 TWh Solarstrom – und wurde ehrlich gesagt nicht wirklich ernst genommen. An der Photovoltaiktagung 2011, die einen Monat nach der Katastrophe in Fukushima stattfand, legte Swissolar ein genaueres Ausbauziel

© Schweizer Solarpreis 2019

A

ls ich vor 15 Jahren begann, mich mit der Photovoltaik zu befassen, nahmen nur wenige Politiker das Thema ernst. Im Jahr 2004 produzierten die Solaranlagen 17 GWh. In der Umweltkommission mussten Yves Christen, Ruedi Rechsteiner und ich einen Trick anwenden, um die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) auch für die Solarenergie zugänglich zu machen. Als in der Kommission des Nationalrats 2006 darüber entschieden wurde, kostete die Kilowattstunde Solarstrom noch einen Schweizer Franken, also zehn Mal mehr als heute. Zur Festlegung der für die Photovoltaik gesprochenen Mittel mussten

von zwölf TWh bis 2025 fest, mit dem die Hälfte des Atomstroms ersetzt werden sollte. Dies entsprach dem 150-Fachen der damaligen Stromproduktion. Um dieses Ziel zu erreichen, hätte jedes Jahr ein GW, also das 30-Fache der 2010 installierten Leistung, zugebaut werden müssen. Als der Bundesrat im Mai 2011 seine Unterstützung des Atomausstiegs verkündete und ein Szenario präsentierte, das ziemlich genau unserer Vorgabe von zwölf TWh entsprach, fiel ich fast vom Stuhl – obwohl der Zeithorizont der Regierung 2050 statt 2025 vorsah. Rückblickend stellt dieser – übrigens von einer mehrheitlich weiblichen Regierung getroffene – Entscheid eine wichtige symbolische Wende dar, denn er beendete das Nischendasein der Photovoltaik. Die folgenden Jahre waren von langwierigen Auseinandersetzungen mit der Atomlobby geprägt. Mit der Einführung der Einmalvergütung per 2014, dem Recht auf Eigenverbrauch und der Erhöhung der Mittel verzeichneten wir 2013 im Parlament einen ersten Teilerfolg. Im Mai 2017 konnten wir an der Volksabstimmung einen grossen Sieg feiern. Doch das alte Misstrauen war in der Energiestrategie 2050 immer noch ansatzweise spürbar. Dies liess sich aus zu hohen Preisschätzungen pro kWh und vor allem auch aus den Zwischenzielen herauslesen, die noch recht bescheiden waren: Der Bundesrat sah für 2020 eine Solarstromproduktion von 1.3 TWh und für 2035 nur sieben TWh vor.

AKTUELLE SITUATION Wo stehen wir heute? 2019 produzierten Solaranlagen nach meiner Schätzung zwischen 2.2 und 2.3 TWh, also fast das Doppelte des von der Energiestrategie 2050 festgelegten Ziels für 2020. In der Schweiz deckt die Photovoltaik heute demnach fast vier Prozent unseres Stromverbrauchs. Trotzdem sind wir bei einem Ausbautempo von rund 400 MW pro Jahr noch nicht dort, wo wir sein müssten: • Zwar ist der Leistungszubau heute 13 Mal höher als 2010. • Zwar wurden durch dieses Tempo die Zielsetzungen des Bundesrats für 2020 mehr als erreicht. • Zwar übertraf das Zubautempo sogar um Haaresbreite die Voraussetzungen, um die Ziele 2035 des Bundesrats zu erreichen – und wir können schon in absehbarer Zukunft die fehlende Produktion von Geothermie und Windkraft übers Jahr gerechnet auffangen.

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© Schweizer Solarpreis 2019

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SECHS DENKANSTÖSSE FÜR DIE SCHWEIZ

Präsentiert anlässlich der 17. Nationalen Photovoltaik-Tagung vom 26. / 27. März 2019 in Bern 1. Ziel: Für die Umsetzung der ­Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaprotokoll und für den Ersatz der AKW braucht die Schweiz einen Ausbau auf rund 50 Gigawatt (GW) installierte Photovoltaik-Leistung bis 2050. Heute liegen wir bei rund zwei GW. Diese Leistung kann auf bereits bestehenden Dächern und Fassaden installiert werden. Die effektiv erforderliche Solarstrommenge hängt jedoch unter anderem auch vom Ausbau der anderen erneuerbaren Energien und von den Fortschritten bei der Sanierung bestehender Gebäude ab. Der Verzicht auf einen solchen Ausbau führt unweigerlich zu einer stärkeren Importabhängigkeit.

Das Holzbau-Mehrfamilienhaus (MFH) in Höngg ist ein Leuchtturm.

Doch das ist immer noch nicht genug – unter anderem, weil der Ausbau nicht ausreicht, um die 2011 geforderte Jahresproduktion von zwölf TWh für 2025 zu ermöglichen. Vor allem aber ist es deshalb nicht genug, weil wir zu wenig Solarstrom produzieren, um dem Klimawandel zu begegnen. Die Schweiz benötigt bis 2050 etwa 40 bis 45 TWh Solarstrom, um ihre Stromversorgung und zugleich die Dekarbonisierung sicherzustellen. Die Zubaugeschwindigkeit muss demnach um das Vier- oder Fünffache gesteigert werden, um eine gegenüber heute 20 Mal höhere installierte Leistung, also 50 GW zu erreichen. Dank PeakShaving ist das auch möglich, ohne das Stromnetz zu überlasten, da wir nötigenfalls die Einspeiseleistung verringern können. Doch auch die Produktionsüberschüsse im Sommer bergen ein grosses Nutzungspotenzial, beispielsweise für die saisonale Speicherung durch Power-to-X oder in Form von Wärme. Es fällt auf, dass inzwischen immer mehr Kreise solche Lösungen unterstützen. Vor Kurzem hat die Eidgenössische Elektrizitätskommission (ElCom) einen Bericht veröffentlicht. Darin betont sie, wie nötig es ist, rasch finanzielle Mittel bereitzustellen, um während des Rückbaus der AKWs die Stromversorgung im Winter sicherzustellen.

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Auch zeigt sie auf, dass die Solarenergie eine wichtige Rolle für die Stromversorgung in den Wintermonaten zu spielen hat! Lassen Sie mich für eine kleine Geschichte eine Klammer öffnen: Als ich kürzlich dem Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE-Vorstand (VSE) mein Buch «Sonne für den Klimaschutz» vorstellen durfte, schenkte man mir zum Dank für die Präsentation einen Dinosaurier. Das war ein kleiner Hinweis und die Revanche für die kritischen Worte, mit denen ich vor vielen Jahren das Gremium als Dinosaurier bezeichnet hatte. Kurz zusammengefasst • besteht heute ein breiter Konsens ­darüber, dass die Schweiz eine installierte PV-Leistung von 50 GW braucht; • dass die Photovoltaik in den Wintermonaten viel Strom liefern kann; • dass die Branche die nötigen Ressourcen bereitstellen kann, um die ­erforderliche Zubaugeschwindigkeit zu erreichen; • und dass wir bereit sind, die Lastspitzen im Sommer zu glätten, um eine unnötige Überlastung des Netzes zu verhindern, ohne dass dieses massiv ausgebaut werden muss. Mit anderen Worten ist die Sonne bereit, der Schweiz viel zu geben, und unser Land erwartet auch viel von ihr.

2. Förderung: Zur Erreichung des 50-GW-Ziels muss der jährliche PV-­ Zubau um den Faktor 5 auf rund 1.5 GW pro Jahr steigen. Dies kann mit einer optimierten Förderung erreicht werden: a.) Die Einmalvergütung (EIV) deckt 20 – 25 Prozent der Installationskosten von Photovoltaikanlagen und ist dadurch eine sehr kostengünstige Förderung. Die Förderbeiträge dürfen nicht mehr massgeblich gesenkt werden und die Wartezeiten bis zur Auszahlung müssen auf einige Monate reduziert werden. Allein mit dieser Förderung lässt sich jedoch das Ziel nicht erreichen, denn die EIV ermöglicht nur in Kombination mit einem hohen Eigenverbrauch den wirtschaftlichen Betrieb einer Solaranlage. b.) Ergänzend braucht es deshalb dringend – wie in zahlreichen anderen Ländern bereits üblich – eine ­Ausschreibung für die Solarstrom­ produktion von Grossanlagen ohne Eigenverbrauch. Nur so kann das heute brach liegende Potenzial auf Lagerhallen, Infrastrukturanlagen und landwirtschaftlichen Dächern genutzt werden. Hierzu braucht es eine Änderung des Energiegesetzes. c.) Der für die Förderung erneuerbarer Energien verfügbare Beitrag aus dem Netzzuschlag von 2.3 Rp. / kWh genügt bei einem effizienteren Einsatz der Mittel in einer ersten Phase. Wichtig


© Schweizer Solarpreis 2019

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wäre insbesondere ein über mehrere Jahre garantierter Betrag, der für die Einmalvergütung eingesetzt wird. 3. Stromnetze und Versorgungssicherheit: Die Solarstromproduktion von 50 GW installierter Leistung kann ohne grössere Ausbauten ins Stromnetz integriert werden und die Versorgungssicherheit im Tages- und Jahresverlauf bleibt gewährleistet. Voraussetzung dafür ist, dass frühzeitig geeignete Massnahmen ergriffen werden. Dazu gehören das «Peak shaving» (Abregeln von sommerlichen Produktionsspitzen), die Modernisierung der Wasserkraft, der Ausbau der Windenergie sowie der Einsatz von Batteriespeichern und von Power-to-Gas-Anlagen. 4. Tarifliche Anreize: Bei der ­bevorstehenden Revision des ­Stromversorgungsgesetzes sind die Weichen richtig zu stellen: a.) Es braucht es einen schweizweit garantierten Rückliefertarif für neue Strom-Produktionsanlagen mit erneuerbaren Energien von mindestens acht Rp. / kWh. Daran muss auch nach einer allfälligen Liberalisierung des Strommarkts festgehalten werden. b.) Die Stromtarife sind so festzulegen, dass sie Anreize zur Produktion und zur Energieeffizienz schaffen. Fixe Tarife ohne Bezug zur effektiven Netzbelastung sind deshalb abzulehnen. 5. Gebäude: Der CO2-Ausstoss des Schweizer Gebäudeparks muss um drei Prozent jährlich gesenkt werden. Dazu sollen sowohl die Sanierungen der Gebäudehüllen als auch der Einsatz der erneuerbaren Wärme beschleunigt werden. Öl- und Gasheizungen in Neubauten sind möglichst rasch und bei Gebäudesanierungen nach einer Übergangsfrist zu verbieten. Dazu soll aus den Mitteln der CO2-Teilzweckbindung ein Unterstützungsprogramm für den Heizsystemwechsel auf erneuerbare Energien geschaffen werden. 6. Mobilität: Ebenfalls bei der Revision des CO2-Gesetzes sind Massnahmen zum beschleunigten Übergang zur Elektromobilität zu beschliessen.

Das zentral gelegene Hochhaus Silo Bleu mit 273 Studentenwohnungen in Renens.

IT TAKES TWO TO TANGO Doch damit dies nicht nur auf einer PowerPoint-Folie, sondern auch in der Realität funktioniert, braucht es zum Nehmen auch ein Geben. Erstens gilt: It takes two to tango. Für den PV-Ausbau braucht es nicht nur Installateure, sondern auch Leute, die in eine solche Anlage investieren wollen. Ihr alle seid nun bereit, den Sonnentango zu tanzen. Womit erreichen wir, dass die Kunden euch auf die Tanzfläche folgen? Mit drei Dingen: Flächen, Motivation und einer gewissen Wirtschaftlichkeit: • Die Schweiz verfügt über eine riesige Auswahl an Flächen: Dächer, Fassaden und Infrastrukturbauten. Das ist kein Problem. • Auch die Motivation ist vorhanden: Die Vorurteile sind inzwischen weitgehend vom Tisch – nicht nur bei den Vordenkern unter den Privatpersonen und Kleinunternehmern, sondern auch bei den früheren Dinosauriern im Energieund Finanzsektor. Heute wollen alle vorwärtsmachen und das ist gut so. • Stellt sich also nur noch die Rentabilitätsfrage und damit einhergehend ­diejenige der Risiken.

An der Kreuzung zwischen Verstand und Geldbeutel liegt das Kernproblem. Elektrizität essen wir nicht – doch wir alle brauchen sie auf vielfältige Weise, vom Kochen unserer Nahrung bis zum Vermitteln von Informationen, unserer geistigen Nahrung. Die Stromversorgung ist hauptsächlich ein kollektives Gut: Die installierte Leistung muss für die gesamte Bevölkerung sichergestellt werden, sonst bricht das Netz zusammen. Deshalb lässt sich die Stromproduktion weder auf eine individuelle Angelegenheit beziehungsweise eine Frage der Moral reduzieren, noch vom Gesichtspunkt des Individuums oder persönlicher Autarkie betrachten: Die Kosten wären viel zu hoch. Die Solarenergie muss demnach wirtschaftlich so attraktiv sein, dass sich die Investition für alle lohnt. Angesichts der heutigen Negativzinsen kann der Entscheid für jene Investoren durchaus interessant sein, die Liquiditätsverluste vermeiden wollen. Wo Eigenverbrauch möglich ist, wird die Investition nun dank einer Kombination aus Einmalvergütung, Eigenverbrauch und Netzeinspeisung der Überschüsse attraktiv. Das ist der wichtigste Anreiz auf dem Schweizer Markt, über

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dem allerdings für dezentrale Stromproduzenten das Damoklesschwert der Abnahmetarife hängt. Bei einer Marktliberalisierung würden auch sie markant sinken. Und schon jetzt garantiert das Gesetz ihr Niveau nicht wirklich, was sich auch in regional grossen Unterschieden widerspiegelt. Dieses Dispositiv besteht zwar bereits, hat aber zwei Haken. Erstens ist man nach wie vor versucht, nur einen kleinen Teil statt seiner ganzen Dachfläche einzudecken, denn man hat zu oft eine engstirnige Wirtschaftlichkeitsrechnung vor Augen. Eine Solaranlage auf der Hälfte der Dachfläche bleibt aber wahrscheinlich die nächsten 40 oder 50 Jahre so bestehen, wodurch 50 Prozent des Potenzials ungenutzt bleibt. Eine Erweiterung auf die gesamte Fläche dürfte dann erst bei der Erneuerung der PV-Anlage in Betracht kommen. Zweitens müssten zwingend auch Gross- und ­Infrastrukturanlagen ohne Eigenverbrauch

© Schweizer Solarpreis 2019

Die PV-Anlagen des Industrie und Forschungsgebäudes der Firma SIGA in Werthenstein LU.

Der Velounterstand des Mehrfamilienhauses (MFH) VIVA in Liestal.

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gebaut werden, um die Ziele zu erreichen. Dieser Markt ist in der Schweiz jedoch fast vollkommen blockiert.

BLICK IN DIE ZUKUNFT Im Februar 2020 hat die Energiekommission des Nationalrats die Herausforderungen endlich erkannt. Als Reaktion auf einem Vorschlag von Nationalrat Mathias Reynard hat sie einstimmig einem Vorstoss für eine Gesetzesrevision zugestimmt, mit der die Einmalvergütung für Anlagen ohne Eigenverbrauch erhöht und Investitionen angekurbelt werden können. Das ist ein wichtiger erster Schritt, der den Markt rasch freigeben könnte, sofern die Energiekommission des Ständerats dieser parlamentarischen Initiative grundsätzlich grünes Licht erteilt. Wenn der Vorstoss rasch umgesetzt wird, könnten jährlich bald 200 MW Leistung zugebaut werden. Das entspricht 1 000 Dächern auf Landwirtschaftsbauten à 200 kW pro Jahr. Die parlamentarische Initiative ist ein kurzfristiges, einfach umzusetzendes Korrektiv, das mit wenig Aufwand viel Wirkung erzielen kann, wie das Ernten von «low-hanging fruits». Doch auch

das reicht nicht aus: Mit der Einmalvergütung für Kleinanlagen, derjenigen für Grossanlagen und dieser neuen Einmalvergütung für Anlagen ohne Eigenverbrauch schaffen wir vielleicht 800 bis 1 000 MW im Jahr. Um mehr zu erreichen, müssen in Zukunft auch schwierigere Flächen wie Parkfelder, Lärmschutzwände, Eisenbahn- und Autobahnböschungen sowie Gebäudefassaden für PV-Anlagen genutzt werden. Vorschläge des Bundesrates in diese Richtung stehen noch aus. Dabei sind viele Anreizsysteme denkbar und können auch gleichzeitig angewandt werden, beispielsweise Investitionshilfen oder eine über 15 bis 20 Jahre gesicherte Einspeisevergütung, ähnlich wie die KEV oder in Form eines Differenzkontrakts (contract for difference). Eins ist sicher: Im Fall einer vollständigen Liberalisierung hätten die Stromnetzbetreiber keine gebundenen Kunden mehr und es wäre technisch nicht mehr so einfach möglich, sie zur Abnahme der Überschüsse aus erneuerbaren Energien zum Preis von sieben oder acht Rappen zu verpflichten. Wie erwähnt ist dieses Dispositiv jedoch unverzichtbar, um einen wirtschaftlichen

Betrieb der Anlagen mit Eigenverbrauch sicherzustellen. Wenn die Tarife genügend hoch festgelegt werden, bieten sie einen starken Anreiz für flächendeckende Solaranlagen. Sollte der ganze Strommarkt also liberalisiert werden, müsste man dafür sorgen, dass diese Tarife weiterhin garantiert werden, ohne dass die Finanzierung auf Kosten der heutigen Instrumente erfolgt. Der langen Rede kurzer Sinn: Das Potenzial der Solarenergie ist riesig und auch realistisch, doch die Schweiz muss faire Regeln aufstellen, um es zu verwirklichen und echten Fortschritt zu ermöglichen. ANMERKUNG 1) Die Rede von Roger Nordmann wurde geringfügig redaktionell überarbeitet.

ROGER NORDMANN ist Nationalrat und Präsident von Swissolar. www.swissolar.ch

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KOLUMNE

WEICHEN FÜR EINEN SOLAREN UND DEZENTRALEN NEUSTART STELLEN! von David Stickelberger

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ie Klimabewegung forderte, 2020 müsse das Jahr der Wende im Klimaschutz sein. Trotz grüner Gewinne in vielen Parlamenten sah es bislang nicht danach aus, dass die politischen Mehrheiten diesen Appell beherzigen würden. Inzwischen stecken wir in der Coronakrise und das Klimathema ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Aber wahrscheinlich findet gerade auch eine epochale Wende statt, in der viele bisherige Selbstverständlichkeiten über Bord geworfen werden.

gross sein, solche Mittel auch nach dem Ende der Krise weiter einzusetzen. Genauso wie es einigen politischen Oberhäuptern zupasskommt, jetzt die demokratischen Kontrollmechanismen dauerhaft ausser Kraft zu setzen. In der Schweiz ist diese Gefahr gering, dafür wird der Druck gross sein, Konjunkturprogramme aufzugleisen, die primär dem Erhalt veralteter, unökologischer Strukturen dienen. Aus der Luftfahrt sind bereits solche Ansprüche zu vernehmen.

Diese Krise zeigt unter anderem deutlich, dass unser globalisiertes Just-in-timeWirtschaftssystem sehr verwundbar ist. Es braucht deshalb kürzere Versorgungswege. Das gilt nicht nur für Medikamente oder saisonale Nahrungsmittel aus der Region, sondern auch für die Energieversorgung. Dezentral produzierte Solarenergie eröffnet hier ganz neue Möglichkeiten: Gebäude werden zu Kraftwerken, die auf ihren Dächern und Fassaden einen wesentlichen Teil des jeweiligen Strombedarfs liefern. Das Potenzial ist riesig – gemäss einer Studie des Bundesamts für Energie zehn Prozent höher als der heutige Strombedarf. Das gibt auch Spielraum für den steigenden Strombedarf infolge Elektromobilität und Ersatz von Öl- und Gasheizungen durch Wärmepumpen. Solche dezentralen Versorgungsstrukturen sind in jedem Fall krisenresistenter als die bisherigen, die primär auf Grosskraftwerken basieren.

Nutzen wir jetzt die Chance zum Aufbau von krisenresistenten, ökologischen, zukunftsfähigen Strukturen! Die Solarbranche kann sehr rasch ihren Beitrag dazu leisten, sofern die Rahmenbedingungen stimmen. Was heute noch fehlt, sind Anreize für Investoren, insbesondere im Bereich von Solaranlagen auf Industrie-, Gewerbe- und Landwirtschaftsbauten. Die vom Bundesrat Anfang April vorgeschlagenen Massnahmen zur Förderung der erneuerbaren Energien gehen in die richtige Richtung, aber es braucht noch deutlich mehr. Insbesondere braucht es noch klare Signale, dass Gebäude saniert und fossile Heizungen ersetzt werden müssen. Das im Parlament wegen der Pandemie vertagte CO2-Gesetz soll dies ändern, aber es braucht zusätzlich finanzielle Anreize für Hausbesitzer. Zudem sollten die Massnahmen vorgezogen werden, damit sie im Rahmen des vorgesehenen Konjunkturprogramms bereits wirksam werden können. In den letzten Wochen haben wir gesehen, wie rasch die Politik in einer Notsituation handeln kann. Und eine solche steht mit der Klimakrise bereits vor der Tür.

Aber es braucht auch die intelligente Vernetzung der dezentralen Produktion und die Abstimmung auf den Verbrauch, um eine sichere Versorgung zu gewährleisten. Die Digitalisierung ermöglicht dies – und noch vieles andere, wie etwa die Reduktion von Geschäftsreisen, wie wir jetzt alle gerade im Schnellzugstempo dank Videokonferenzen und Ähnlichem lernen. Digitale Instrumente können aber auch zur noch stärkeren Überwachung der Bevölkerung eingesetzt werden, wozu es momentan zweifellos gute Argumente gibt. Die Verlockung wird jedoch

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DAVID STICKELBERGER ist Geschäftsführer von Swissolar. www.swissolar.ch


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SICHERE LÖSUNG FÜR GEWERBEBETRIEBE SALZWASSERBATTERIEN SIND EINE ALTERNATIVE von Georg Lutz

Inzwischen sind Salzwasserspeicher, gerade im Gewerbebereich, eine mögliche Alternative zu Lithium-Ionen-Batterien. Schwächen bei der Leistung und der Energiedichte gleichen die neuen Speichersysteme durch ihren umweltfreundlichen Aufbau und sicheren Betrieb aus. Dank intelligenter Energiemanagementsysteme agieren die Speicher hinsichtlich der Kosten und Ertragsoptimierungen mit der Konkurrenz auf Augenhöhe.

Salzwasserspeicher brauchen Platz, sind aber umweltfreundlich.

S

trom aus regenerativen Energien zu speichern, ist ein zentraler Meilenstein für den Erfolg der Energiewende. Heute sind Speicher auch in einem vertretbaren Kostenrahmen, und es steht im Keller eine Batterie, die dem Eigenverbrauch dient. Man speist nicht mehr in erster Linie in das Netz ein, sondern schaut auf den eigenen Stromverbrauch. Jetzt ist eine herkömmliche Batterie nicht gerade ein nachhaltiges Produkt. Es gibt nun aber Batterielösungen, die mit Wasser und Salz arbeiten. So haben Wissenschaftler aus der Schweiz in der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa in den letzten Jahren intensiv an den neuen Batterien gearbeitet. Mit einer speziellen Salzlösung ist es ihnen gelungen, die

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­ lektrochemische Stabilität von Wasser zu e v­erdoppeln. Inzwischen gibt es Lösungen, die Marktreife erlangt haben. Ein Wasser-Elektrolyt in einer Batterie hat Vorteile. Das Wasser ist günstig im Preis, überall verfügbar und nicht brennbar. Zudem leitet es elektrisch geladene Ionen. Der Laie fragt sich, warum die Salzwasserbatterie noch nicht flächendeckend im Einsatz ist? Das liegt an der zu geringen Spannung. Wasser hat nur eine Spannungsdifferenz von 1.23 Volt, wenn die Batterie auch chemisch stabil funktionieren soll. Die geringe Spannung ist nun aber für stationäre Stromspeicher nicht essenziell, da das Gewicht nicht entscheidend ist

und beispielsweise im Keller genügend Platz besteht. In welche Richtung geht die Lösung? Das salzhaltige Elektrolyt für die Salzwasserbatterie muss zwar flüssig sein, aber zugleich so hoch konzentriert, dass darin kein überschüssiges Wasser enthalten ist.

CHANCE FÜR GEWERBETREIBENDE Die Verfügbarkeit grosser Frei- oder Dachflächen sowie sinkende Modulpreise machen Photovoltaikanlagen für Gewerbebetriebe immer attraktiver. Doch das Risiko sinkender Einspeisevergütungen und steigender Stromkosten führt bei vielen Unternehmern zu dem Wunsch, möglichst viel des erzeugten Stroms auch selbst zu


BAUEN

Helmut Mayer, Geschäftsführer von BlueSky Energy, setzt auf intelligente und sichere Lösungen in Schulen, Hotels und im Rahmen von Gewerbeflächen.

verbrauchen. Zudem wollen sie den eigenen Betrieb gegen einen Netzausfall absichern. Gerade für Datencenter, landwirtschaftliche oder Logistikbetriebe ist es besonders wichtig, dass Lüftungsanlagen, Kühlsysteme oder die Datensicherung auch im Falle eines Stromausfalls weiterlaufen. Aus diesen Gründen setzen immer mehr Unternehmen neben der eigenen PV-Anlage auch auf gross angelegte Batteriespeicher (sogenannte Gewerbespeicher), mit denen sie überschüssige Energie speichern und den Betrieb gegen Stromausfälle absichern.

problemlos in einer Lager- oder Produktionshalle unterbringen. Bei der Installation der Salzwasserbatterien liegen daher die Initialkosten vergleichsweise niedrig. Es ­fallen keine Baukosten für einen separaten Batterieraum, Lüftungs- oder Klimaanlagen oder eine Säureabscheidewanne an. Die Installation selbst kann zudem der lokale Elektro-Partner durchführen, da hierfür kein besonders ausgebildeter und teurer Spezialist notwendig ist. Im Normalfall benötigt der Installateur nur drei Stunden vor Ort.

NICHT NUR EINE LÖSUNG

IDEAL ZUR LANGFRISTIGEN VERSORGUNG

Lithium-Ionen-Akkus sind in diesem Marktsegment aktuell besonders weit verbreitet, doch die Herstellung der Zellen ist teuer und aufgrund des Ressourcenverbrauchs nicht besonders nachhaltig. Zudem schwankt die Lebensdauer der Lithium-Ionen-Batterien, die sich durch den chemischen Prozess innerhalb der Zellen stetig selbst entladen. Bei einer Tiefenentladung drohen zudem grosse Schäden an der Batterie. Hier kommen die neuen Salzwasserbatterien zum Zug. Sie verwenden einen Elektrolyten aus wässrigen Natrium-Ionen und bestehen zudem vollständig aus nachhaltigen Materialien wie Edelstahl, Kohlenstoff oder Titan. Durch ihren Aufbau und das Salzwasser-Elektrolyt sind die Batterien weder entflammbar noch explosiv. Salzwasserbatterien sind auch nach einer vollständigen Entladung noch vollkommen funktionsfähig und lassen sich sogar über einen längeren Zeitraum im entladenen Zustand lagern. Im Gegensatz zu Lithium-Ionen-Akkus können sie bei der Lagerung oder dem Transport als harmloses Gut deklariert werden. Und auch im Gewerbetrieb selbst lassen sie sich ohne zusätzliche Absicherungsmassnahmen

Allerdings sind Salzwasserbatterien nicht für jeden Anwendungsfall geeignet. Im Vergleich zu Li-Ionen-Batterien sind sie grösser und schwerer und weisen eine geringere Energiedichte auf. Sie sind daher nur für stationäre Anwendungen auf einem besonders stabilen Untergrund vorgesehen. Aufgrund ihrer C-Rate von 0.19 sind Salzwasserbatterien nicht dafür geschaffen, innerhalb kürzester Zeit be- oder entladen zu werden. Bei einer Kapazität von 60 Kilowattstunden leisten sie lediglich 11.4 Kilowatt bei der Be- oder Entladung. In Gewerbebetrieben eignen sie sich daher vor allem dazu, einzelne – konstant arbeitende – Verbraucher über mehrere Stunden mit Strom zu versorgen oder abzusichern. Gerade für den Verbrauch von selbst produziertem Sonnenstrom in der Nacht ist dies ideal. Im Bedarfsfall ist es sinnvoll, die Kapazität der Speicher weiter zu erhöhen, um eine grössere Leistung zu schaffen. Als einer der grössten und bekanntesten Hersteller von Salzwasserbatterien bietet der österreichische Hersteller BlueSky Energy

seinen Gewerbespeicher GREENROCK Business als anschlussfertige und komplett vorkonfigurierte Lösung mit einer Kapazität von 30 bis 270 Kilowattstunden an. Die einzelnen Batteriemodule mit jeweils 30 Kilowattstunden lassen sich mit einem Gabelstapler bewegen und bis zu drei Ebenen hochstapeln, sodass sie nur wenig Platz benötigen. Ein Salzwasserspeicher mit 180 Kilowattstunden besteht dementsprechend aus sechs Modulen, die sich jeweils zu dritt übereinander stapeln lassen, und einer Anschlussbox mit Leistungselektronik. Der 3.70 Meter hohe Speicher benötigt etwa fünf Quadratmeter.

EIGENVERBRAUCH OPTIMIEREN Die Speichersysteme sind mit einem intelligenten Energiemanagementsystem (EMS) ausgestattet, welches den Eigenverbrauch zusätzlich optimiert. Das EMS nimmt variable Verbraucher wie Heizstäbe, Wärmepumpen oder Ladestationen für das Elektroauto über Funksteckdosen in Betrieb, wenn am meisten Sonnenstrom verfügbar ist. So ist eine besonders intelligente Form der Sektorenkopplung möglich. Über das EMS und eine passende App kann der Nutzer seine Daten jederzeit visualisieren, auswerten und Änderungen vornehmen.

LANDWIRTE, HOTELIERS UND SCHULEN «Dort, wo Kinder spielen, Mitarbeiter täglich ihrer Arbeit nachgehen und Tiere auf dem Bauernhof leben, hat das Thema Sicherheit Priorität», erklärt Helmut Mayer, Geschäftsführer von BlueSky Energy. Auf Bauernhöfen, in Hotels und Datenzentren und Schulen in Belgien, Österreich, Schweden, Russland und der Schweiz ist sie in letzter Zeit bereits erfolgreich installiert worden. Jörg Müller, Auftraggeber eines Schulprojektes im schweizerischen Kanton Zürich, ist von der Sicherheit des Systems überzeugt: «Für unsere Schule mit Kindergarten wollen wir keinerlei Kompromisse in Bezug auf Sicherheit und Umweltverträglichkeit eingehen. Wir haben uns deshalb mit voller Überzeugung für einen GREENROCK-Salzwasserstromspeicher mit intelligentem Energiemanagement entschieden!»

GEORG LUTZ ist Chefredaktor bei bauRUNDSCHAU. www.bluesky-energy.eu

Ausgabe 02/2020 // Seite 17


BAUEN

Viele Haussanierungen – wie hier beim Objekt von Olympiasiegerin Tanja Frieden – lassen sich ressourcenschonend realisieren.

DIE POTENZIALE NUTZEN SINNVOLLE SPEICHER FÜR SOLARSTROM von Georg Lutz und Marc Allenbach

Viele erwarten sie im Frühling sehnsüchtig: die Sonne. Aber Vorsicht: Auch schon an den ersten langen Sonnentagen ist die Strahlung intensiv. Zwischen 11 und 15 Uhr ist die Sonnenstrahlung am stärksten. Für Besitzer einer Solaranlage bedeutet mehr Sonnenlicht primär mehr Ertrag – bringt aber auch ein Problem mit sich: Der Zeitpunkt der grössten Sonneneinstrahlung ist selten auch der des höchsten Stromverbrauchs. Mit der Speicherung von Solarstrom lässt sich etwa der zur Mittagszeit erzeugte Strom in den frühen Morgen- oder späten Abendstunden verwenden. Für Unternehmen rechnet sich zusätzlich das sogenannte Peak Shaving. Hierbei werden Spitzen im Stromverbrauch gebrochen. Seite 18 // bauRUNDSCHAU


BAUEN

Tanja Frieden sanierte mit ihrem Partner Marc Ramseier ihr Elternhaus – und setzt auf die Kompetenz der Solarholzbauer.

N

och vor zehn Jahren wurden Photovoltaikanlagen so umfangreich gefördert, dass sich kaum jemand Gedanken über den Verbrauch des produzierten Stromes Gedanken machte. Die Installation in eine neue Solaranlage rechnete sich schon alleine wegen der hohen Fördergelder. Heute ist es wegen der tieferen Einspeisevergütung sinnvoller und rentabler, eine möglichst grosse Menge des erzeugten Solarstroms für die eigene Nutzung zu verwenden. Durch einen Solarstromspeicher kann der Eigenverbrauch von Solarstrom signifikant gesteigert werden, was deutliche Einsparungen bei den Stromkosten mit sich

bringt. Moderne Hausspeicher bieten die Möglichkeit, selbst produzierten Solarstrom zwischenzuspeichern, wenn der Zeitpunkt der Erzeugung des Solarstroms nicht deckungsgleich mit dem Verbrauch im Haushalt ist.

RENTABLE GROSSSPEICHER Während politisch noch über die Umsetzung der Energiestrategie 2050 diskutiert wird, wird in Frutigen schon jetzt an der Energiezukunft gebaut. Bei der Allenbach Holzbau und Solartechnik AG setzt man, als eines der wenigen KMU der Schweiz, einen Tesla-­ Powerpack ein – einen Batteriespeicher, der

rund 100 Kilowattstunden Strom speichern kann. Diesen produziert die Firma mit seiner 53-Kilowatt-Photovoltaikanlage seit 2011 auf dem eigenen Dach. «Wir wollen unabhängiger werden vom Stromversorger und dessen Preispolitik», erklärt Unternehmer Marc Allenbach die Hauptmotivation für diese Installation. Ein weiterer Hauptgedanke ist, das notwendige Wissen für die Installation solcher KMU-Speicher aufzubauen. Denn Allenbach ist überzeugt: Für KMU mit einem Verbrauch, der über 50’000 Kilowattstunden pro Jahr liegt, lohnt sich eine solche Investition. Eine weitere Überlegung ist, Stromspitzen zubrechen.

Ausgabe 02/2020 // Seite 19


BAUEN

DIE SOLARHOLZBAUER AUS DEM BERNER OBERLAND

Die Allenbach Holzbau und Solartechnik AG verbindet natürliche, einheimische Baumaterialien mit der Nutzung des Sonnenlichts. Die regional tätige und verankerte Unternehmung wird von Marc Allenbach in der dritten Generation geführt. Diese lange Firmentradition bildet die Basis für die gelebten Kernwerte Verlässlichkeit und Nachhaltigkeit – seit 111 Jahren. Doch die Familienunternehmung geht auch mit der Zeit. So entstehen 100 Prozent des für die Produktion benötigten Stroms auf dem Dach des Firmengebäudes. Genau genommen sind es sogar mehr als 100 Prozent. Die Leistung der Anlage reicht auch noch für den Betrieb des elektrischen Firmenwagens, mit welchem Marc Allenbach 15’000 Kilometer pro Jahr zurücklegt. Die vielen Kunden profitieren bei der Allenbach Holzbau und Solartechnik AG von einem persönlichen Ansprechpartner vom ersten Gespräch über die Planung, Realisation bis zum Projektabschluss. Auf Wunsch übernimmt die Firma mit der Dienstleistung «Umbaucoach» auch die Koordination aller Tätigkeiten und Lieferanten im Projekt. Die zertifizierten Abläufe und ein fundiertes Know-how über Gesundheitsaspekte rund um den Bau haben dem Team um Marc Allenbach eine Vielzahl von besten Referenzen beschert – unter anderem von Olympiasiegerin Tanja Frieden.

Wir wollen mit der Anlage in erster Linie ein sogenanntes ‹peak shaving› betreiben», erklärt Ueli Grossen, der als Projektleiter Solar bei Allenbach für die Umsetzung des Projektes verantwortlich ist. Es geht also darum, die Spitzen in der Stromproduktion und im Verbrauch zu brechen und so bei einem sich abzeichnenden Leistungstarif des Energieversorgers günstiger wegzukommen.

ERFAHRUNGEN MIT DER ANLAGE Seit rund einem Jahr läuft die Anlage nun einwandfrei. Damit der Inselbetrieb stabil funktionieren kann, braucht es vor allem einen sehr leistungsstarken Wechselrichter, der den Gleichstrom in Wechselstrom umwandelt und sowohl die Spannung als auch die Frequenz hält. Dafür wurde ein

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Die Solarholzbauer produzieren den benötigten Strom auf dem Dach des Firmengebäudes.

Der eingesetzte Batteriespeicher kann bis zu 100 Kilowattstunden Strom speichern.

50-Kilowatt-Wechselrichter installiert. Bei Anlagen in einem Einfamilienhaus kommen Geräte mit einer Leistung von ungefähr fünf Kilowatt zum Einsatz. «Wie die verschiedenen Komponenten untereinander verschaltet werden müssen, damit das funktioniert, macht letztlich aber nur 20 Prozent der Arbeit aus», so Allenbach. Viel entscheidender sei die Steuerung der Anlage. Für deren Entwicklung können sich die Solarholzbauer auf einen lokalen Partner verlassen: auf die Firma Smart Energy Link GLP Präsident und Nationalrat Jürg Grossen. Vorerst zweitrangig ist die Autarkie des Unternehmens. Mit dem Batteriespeicher kann der Betrieb unter Volllast gut eine Stunde betrieben werden. Scheint die Sonne, so ist der Speicher innert rund zweier Stunden wieder gefüllt. Stehen die vielen Maschinen beim Holzbauer still und hängt nur das Büro an der Batterie, so kann dieses mehrere Tage mit Strom versorgt werden und der Betrieb hat seinen Eigenversorgungsgrad mit der Installation von vorher 25 auf heute rund 50 Prozent steigern können. Für diese Pilotinstallation hat Allenbach

rund 100’000 Franken investiert, also rund 1 000 Franken pro Kilowattstunde. «Dieser Preis sollte bei 300 bis 400 Franken liegen», ist sich Allenbach bewusst. Mit dem Wissen, das man sich mit der Pilotanlage aneigne und auch durch die sinkenden Preise bei den einzelnen Elementen der Anlage, sei dies aber in Zukunft auch möglich.

MARC ALLENBACH ist Inhaber / Geschäftsführer Allenbach Holzbau und Solartechnik AG. www.solarholzbauer.ch

GEORG LUTZ ist Chefredaktor bei bauRUNDSCHAU. www.baurundschau.ch


Einzigartig wie Sie

NEU: MESSING PATINA

Quooker stellt seine neue Oberfläche vor: Messing Patina. Ein Wasserhahn in dieser Oberfläche ist wie eine gute Flasche Wein. Geben Sie ihm Zeit zu reifen und er wird immer mehr ein Teil von Ihnen. Durch Ihre Benutzung verändert sich die Oberfläche des Hahns und er wird zum Unikat. Durch diesen natürlichen Prozess ist Ihr Hahn noch viel mehr als eine praktische Küchenhilfe: ein ansprechendes Gerät auf Ihrer Arbeitsfläche. Wie bei allen Quooker-Wasserhähnen werden sofort 100°C kochendes, heisses, kaltes, gekühltes sprudelndes und stilles Wasser abgegeben. Weitere Informationen finden Sie auf quooker.ch

Der Wasserhahn, der alles kann. Ausgabe 02/2020 // Seite 21


BAUEN

VERKEHRS- UND ENERGIEWENDE SOLARENERGIE AUF DEM GARAGENDACH von Georg Lutz

Solarenergie auf allen Dächern könnte heute eine Selbstverständlichkeit sein. Ist es aber leider immer noch nicht. In den Innenstädten hat der Denkmalschutz oft etwas dagegen und bei anderen, auch kleinen Flächen, fehlen oft die klaren rechtlichen Vorgaben. Zudem gibt es immer noch ein Hin und Her bei den Förderungsstrategien. Solaranlagen auf Dächern von Garagen bieten aber die Möglichkeit, die Verkehrswende mit der Energiewende zusammenzubringen.

Solarlösungen auf einem Car-Port sind nicht nur nützlich, sondern können architektonisch auch gut aussehen.

Seite 22 // bauRUNDSCHAU


BAUEN

E

in zentraler Baustein der Verkehrswende ist der Umstieg von fossilen Verbrennungsmotoren auf E-Autos. Allerdings ist das Stichwort Nachhaltigkeit nur dann berechtigt, wenn das E-Auto auch nachhaltig betankt wird. Und hier kommt die Solarenergie ins Spiel. Denn wer sein Elektroauto mit dem üblichen Mix aus der Steckdose «tankt», erzeugt weiter CO2, wenn es auch etwas weniger ist. Solarstom und Elektroantrieb, so ein erster Merksatz, gehören zusammen. Es gibt allerdings bei der E-Mobilität einige praktische Hürden, die bislang kaum aus dem Weg geräumt wurden. Die Infrastruktur ist unzureichend ausgebaut. So gibt es immer noch zu wenige Ladesäulen. Unter Termindruck darf man auch nicht jede Ladesäule ansteuern. Das kann dauern. Die Parkzeit wird dann gerne noch extra verrechnet. Zudem stellt sich ebenso die Frage, ob es die passende ist. Einige Hersteller haben ja ein eigenes Ladenetz aufgebaut, wo dann aber nur gewisse Fahrzeugtypen laden können.

NEUE SPEICHER, NEUE MÖGLICHKEITEN Kein Wunder suchen E-Auto-Besitzer nach mehr Unabhängigkeit von bestimmten Stromanbietern, deren Preispolitik und der mangelnden Ladeinfrastruktur. Die Unabhängigkeit von einem bestimmten Stromanbieter und dessen Preispolitik ist nicht nur der Wunsch jedes Elektroautofahrers, sondern auch der Traum von Eigenheimbesitzern mit einer Photovoltaikanlage auf dem Dach. Heute speist man weniger Strom in das Netz ein, das lohnt sich immer weniger. Der eigene Verbrauch steht im Vordergrund. Zum Glück gibt es heute bezahlbare Stromspeicher, die eine Voraussetzung für den Eigenverbrauch sind. Durch diese Stromspeicher können die Spitzen abgefedert und der Strom zeitversetzt genutzt werden. Jetzt kommen auch kleinere Flächen wie Solarstrom auf dem Balkon oder im und am Campingbus zum Zug. Eine Solarlösung auf der eigenen Garage hat aber besonderen Charme. Dazu braucht es eine eigene Ladestation in der eigenen Garage. Aber auch hier müssen einige Voraussetzungen erfüllt werden. Die naheliegende erste Voraussetzung ist ein eigener Stromanschluss. Theoretisch kann das Elektroauto einfach an einer herkömmlichen Steckdose aufgeladen werden. Praktisch bringt dies allerdings Probleme mit: Haushaltsübliche Steckdosen

mit 230 Volt sind nicht für diesen Einsatz geeignet, zudem dauert das Laden sehr lange, da die Leistung zu gering ist.

VORAUSSETZUNGEN An einer eigenen Ladestation wird das Fahrzeug durch eine sogenannte Wallbox, die als Turbo wirkt, deutlich schneller aufgeladen. Damit eine Ladestation in der eigenen Garage sicher installiert und betrieben werden kann, gilt es ein paar Punkte zu beachten. Erstens ist für den Anschluss der Ladestation eine eigene Stromleitung mit 400 Volt ohne Nebenverbraucher nötig. Zweitens muss die Stromleitung auf die Ladestation abgestimmt und mit einem eigenen Leitungsschutzschalter abgesichert sein. Last but not least ist für die Ladestation ein separater Fehlerstromschutzschalter erforderlich. Gibt es mehrere Ladestationen, dann benötigt auch jede einzelne einen eigenen FI-Schalter als Absicherung. Wer ohnehin eine eigene Solarstromanlage auf Garage oder Hausdach installiert hat, kann sein Elektrofahrzeug auch dort aufladen. So wird das E-Auto wirklich umweltfreundlich und mit selbst erzeugtem Ökostrom betrieben. Der tagsüber produzierte Strom wird dazu in einen Speicher geladen, der Ladevorgang fürs Fahrzeug erfolgt nachts, wenn das Auto in der Garage parkt.

CHANCE NUTZEN Was bringt dem Hauseigentümer die Kombination einer Solaranlage mit der E-AutoLadestation? Mit einem Elektroauto, mit eigenem Strom entlastet man nicht nur die Umwelt, sondern auch das Budget. Kommt der Strom, mit dem das Elektroauto sich auflädt, aus der Solaranlage, so spart man bis zu 80 Prozent «Treibstoffkosten»,

im ­Vergleich zu einem gleichwertigen Benziner oder Diesel. Zudem ist man unabhängiger von erwartbar steigenden Stromkosten. Das könnte in Zukunft als Argument noch an Gewicht gewinnen. Eine Einbettung in Smart-Home-Systeme bietet noch weitere Potenziale. Für eine Fahrleistung von 10’000 Kilometern pro Jahr ist eine Solaranlage mit einer Mindestleistung von etwa 1.7 Kilowattpeak empfehlenswert. Hierfür reicht bereits eine Dachfläche von etwa zehn Quadratmetern mit Hochleistungszellen aus. Dann liefert die Solaranlage 30 Jahre lang sauberen Strom für die Elektromobilität der Zukunft.

KLARE STRATEGIE Neben individuellen Strategien, sind aber auch Rahmenbedingungen wichtig, die hier klare Zeichen in Richtung Energie- und Verkehrswende setzen. Dazu gehört zunächst das Minimieren rechtlicher Stolpersteine und bürokratischer Hürden, die Kleinanlagen auf dem Campingplatz, dem Balkon oder auf der Garage erschweren. Es gibt aber auch eine politische Komponente, die auf den Diskussionsmarkt gehört. Rein marktgetriebener «Umweltschutz» ist unzureichend, um den Klimaschutz ernst zu nehmen. Einige Effizienzgewinne reichen nicht aus, um die Erderwärmung nachhaltig zu stoppen.

GEORG LUTZ ist Chefredaktor von bauRUNDSCHAU. www.baurundschau.ch

Heute gibt es auch smarte mobile Lösungen.

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KOLUMNE

DA IST NOCH MUSIK DRIN von Dr. Gerhard Rimpler

K

önnen Sie sich noch an «Desertec» erinnern? Es war der Versuch, mittels gigantischer, zentraler Solarkraftwerke in Nordafrika und aufwändiger Hochspannungs-Gleichstromleitungen die Energieversorgung in Europa auf erneuerbare Energien umzustellen. Das ist über zehn Jahre her. Geworden ist daraus: nichts. Fast «unbemerkt» von den grossen Energieversorgern, befeuert durch das richtungsweisende «EEG» in Deutschland, ­e ntstanden allerdings innerhalb von 20 Jahren unglaublich viele PV-Anlagen, kleine wie grosse, und natürlich auch viele Windparks. 2020 beträgt deren Leistung in Deutschland bereits rund 110 Gigawatt. Zum Vergleich: Die gesamte installierte Kraftwerksleistung betrug 2002 etwa 115 Gigawatt. Heute besteht mehr als die Hälfte der Kraftwerksleistung aus Wind und Solar, und diese erzeugte 2020 bereits 55 Prozent der gesamten elektrischen Energie. Was sich ebenso verschoben hat, sind die Eigentumsverhältnisse. Nachdem die grossen Energieversorger die neuen Techniken lange nicht ernst genommen oder sogar bekämpft haben, gehört dieser enorme «Kraftwerkspark» heute vielen kleinen Investoren und Bürgern. Da hatte zentrale Technik offenbar keine Chance. Allerdings stellt der hohe Anteil volatiler Energieerzeugung hohe Anforderungen an das Stromnetz. Und wird ohne gröbere Massnahmen auch nicht endlos weiter ausgebaut werden können. Auch hier wieder eine kleine Rechnung: Die «Engpassleistung», also die maximal benötigte Leistung in Deutschland, beträgt etwa 70 – 80 Gigawatt (derzeit Corona-bedingt eher am unteren Rand). Würden 110 GW Wind und PV auf voller Leistung laufen, wären das alleine schon 30 GW zu viel. Strom muss dann also entweder exportiert, gespeichert oder die Kraftwerke abgeregelt werden. Am Strommarkt führt das paradoxerweise zu negativen Strompreisen: Man bekommt Geld, wenn man Strom bezieht.

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Für den Hausbesitzer mit einer Photovoltaikanlage heisst das, dass die Idee, unbegrenzt Strom einzuspeisen, nicht mehr lange möglich sein wird. Steigerung des «Eigenverbrauchs» ist das Gebot der Zeit. Möglich ist die Eigenverbrauchsoptimierung einerseits mittels Batteriespeichern. Mehr als 50 Prozent der «Residential»-PV-Anlagen (also auf Einfamilienhäusern) werden in Deutschland bereits damit ausgestattet. Die zweite Möglichkeit nennt sich «Sektorkopplung», das heisst die Verknüpfung der Bereiche Strom, Warmwasserbereitung, Heizung und Mobilität durch intelligentes Energiemanagement und Leistungselektronik. Das kann man sich so vorstellen, dass zum Beispiel die elektrische Warmwasserbereitung nicht nur «dumm» entsprechend der Wassertemperatur ein- / ausgeschaltet, sondern intelligent entsprechend dem Leistungsangebot der PV-Anlage ausgeregelt wird. Das Wasser dient dabei als Energiespeicher. Noch ein Wort zu Österreich: Traditionell hat Österreich im Gegensatz zur Schweiz keine Atomkraft. Dafür aber einen sehr hohen Anteil an Wasserkraft, hauptsächlich durch Laufkraftwerke an der Donau. Photovoltaisch gesehen ist Österreich allerdings wie die Schweiz «Schwellenland». Derzeit ist im Vergleich zu Deutschland nur etwa ein Fünftel der Kapazität installiert, und auch bei Windkraft ist nur ein Bruchteil vorhanden. Die Bundesregierung hat sich allerdings zum Ziel gesetzt, Österreich bis 2030 elektrisch auf 100 Prozent Erneuerbare umzustellen, was mindestens eine Verzehnfachung der PV-Leistung bedeutet. «Schau ma mal», wie der gelernte Österreicher darauf reagiert.

DR. GERHARD RIMPLER ist Eigentümer und Geschäftsführer der my-PV GmbH. www.my-pv.com/de


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Ausgabe 02/2020 // Seite 25


BAUEN

Einfache Montage der neuen DISSCO-Dämmplatten.

SCHUTZ VOR FLAMMEN WÄRMEDÄMMUNG UND BRANDSCHUTZ IN EINER PLATTE von Esther Schmid

Mehrstöckig und ganz in Holz gekleidet: Das neue Werkgebäude von Michael und Matthias Roth in Matten bei Interlaken stellt höchste Ansprüche an den Brandschutz. DISSCO wird diesen vollauf gerecht. Die neue Dämmplatte der Flumroc AG wurde speziell für brennbare Bekleidungen entwickelt und ist besonders einfach in der Anwendung.

M

ichael und Matthias Roth, Geschäftsinhaber der Roth Renovationen GmbH, kennen sich mit hinterlüfteten Holzfassaden aus. Ihr neuer, mehrgeschossiger Holzbau in Matten bei

Seite 26 // bauRUNDSCHAU

Interlaken forderte mit seiner Grösse die Brüder und Bauherren dennoch heraus: Für das Werkgebäude mit 14 Meter Höhe, knapp 800 Quadratmeter Grundfläche und geringem Gebäudeabstand gelten besonders

strenge Brandschutz-Vorschriften. Schliesslich sollen die Mieter des Hauses in ihren Büros, Verkaufs-, Werk- und Wohnräumen künftig sicher sein vor Flammen. Ein verlässlicher Brandschutz war gefragt.


© DOMINIQUE UDRY

BAUEN

So sieht die fertige Fassade aus.

brennbaren Fassadenbekleidungen gemäss «Lignum Dokumentation Brandschutz» gefordert ist. Dies macht DISSCO zur idealen Ergänzung bei Holzbauten und auch bei Gebäuden mit geringem Abstand. Auch für das Werkgebäude in Matten erwies sich DISSCO als die beste Lösung.

EINFACH UND SICHER Für die Brüder Roth ein weiteres Plus: ­DISSCO kombiniert Wärmedämmung und Brandschutz in einer Platte. Ein bewusster Entscheid der Flumroc AG: «Wir wollten ein Produkt entwickeln, das die Arbeit auf dem Bau erleichtert. Gut und mühelos in der Anwendung», erklärt Verkaufsberater Stefan Balmer. DISSCO lässt sich unkompliziert auf den Holzständer klammern und ermöglicht so eine einfache Montage – bauoder werkseitig. Das Grossformat erlaubt eine zeitsparende Verlegung. Stefan Balmer, der zuständige Verkaufsberater der Flumroc AG, brachte die Bauherren im Gespräch auf die richtige Spur: DISSCO, die neuste Dämmplatte der Schweizer Steinwolle-Herstellerin Flumroc, wurde speziell für brennbare Bekleidungen entwickelt. Das Steinwollprodukt ist nicht brennbar und bietet mit einem Schmelzpunkt von über 1 0 00 °C zusätzliche Sicherheit. Im System mit einer Flumroc-Dämmplatte 1 oder SOLO sichert DISSCO den Brandschutz bei hinterlüfteten, brennbaren Aussenwandbekleidungen. Sie erfüllt die Kriterien der feuerwiderstandsfähigen Dämmschutzschicht aus Baustoffen RF1 – nicht brennbar –, welche bei Gebäuden ab mittlerer Höhe mit

Sicher und unkompliziert, zudem formstabil und dank natürlichem Rohstoff einfach rückbaubar – diese Kombination überzeugte Michael und Matthias Roth. Bedenken hatten die beiden bei der brandneuen Dämmplatte keine. «Wir kennen Stefan Balmer und die Flumroc AG. Empfehlen sie uns ein Produkt, wissen wir: Es ist eine gute Sache. Bei den richtigen Partnern weiss man, dass es funktioniert.»

DAS OPTIMUM HERAUSGEHOLT Die Bauherren haben ihren Entscheid nicht bereut. DISSCO hat sich beim mehrstöckigen Holzgebäude in Matten bestens

bewährt: «Wir sind sehr zufrieden. Die Platten konnten wir direkt vor Ort mit der Handkreissäge zuschneiden und montieren. Das war eine kurze Sache. Auch die technische Beratung durch Flumroc haben wir geschätzt. Im gegenseitigen Austausch gelang es, das Optimum aus der neuen Dämmplatte für unser Gebäude herauszuholen.» Inzwischen ist der Aussenausbau beim Werkgebäude in Matten fertig. Die künftigen Mieter dürfen sich beruhigt einrichten: Ob Kälte oder Hitze, Flammen oder Lärm von einer Helikopterbasis in der Nachbarschaft – die DISSCO-Dämmung hält äusseren Einflüssen optimal stand.

DÄMMPLATTE DISSCO Die DISSCO-Dämmplatte ist auf je zwei Seiten mit Nut und Kamm ausgerüstet, grossformatig erhältlich und ermöglicht eine einfache Montage. Sie wird mit einem Druckluftklammergerät werkoder bauseitig direkt mit Breitrückenklammern auf die Holzkon­struktion geklammert. Wie alle Flumroc-Steinwolldämmplatten ist DISSCO formstabil, in der höchsten Brandschutz-Klassifizierung (A1) eingestuft und nicht ­brennbar. Das Verarbeitungshandbuch ist kostenlos und kann über die Flumroc-Website heruntergeladen oder bestellt werden: www.flumroc.ch/downloads

Flumroc AG | Industriestrasse 8 | CH-8890 Flums | Tel. +41 (0) 081 734 11 11 | info@flumroc.com | www.flumroc.ch

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KOLUMNE

NETZINFRASTRUKTURBRANCHE IST WICHTIG FÜR DIE VERSORGUNG von Daniel Hügli

D

ie Coronavirus-Krise macht es augenscheinlich: Bevölkerung, Wirtschaft und Staat sind auf eine leistungsfähige und stabile Grund-Infrastruktur angewiesen. Eine wichtige Aufgabe hat dabei die Netzinfrastruktur-Branche, indem sie die nötige Infrastruktur für die Grundversorgung aufrechterhält. Damit dies gelingt, muss die Branche auf qualifizierte und motivierte Arbeitnehmende zählen können. Der Schutz der Schweizer Lohn- und Arbeitsbedingungen der Arbeitnehmenden spielt hierbei eine herausragende Rolle.

sind draussen – zum Beispiel auf Baustellen. Dabei ist nicht nur der Schutz ihrer Gesundheit von höchster Priorität, sondern ebenso der Schutz ihrer Lohn- und Arbeitsbedingungen. Der Gesamtarbeitsvertrag stellt sicher, dass alle Unternehmen die Mindestbedingungen und Mindestlöhne einhalten müssen. Mit der schrittweisen Anhebung der Mindestlöhne in den letzten Jahren ist auch die Attraktivität der Branche gestiegen. Die Allgemeinverbindlichkeitserklärung schliesslich sorgt dafür, dass alle Unternehmen, die in der Schweiz in dieser Branche Dienstleistungen anbieten, sich an den Gesamtarbeitsvertrag halten müssen. Dies gilt auch für ausländische Unternehmen, welche Arbeitnehmende in die Schweiz entsenden. Über Kontrollen zur Einhaltung des Gesamtarbeitsvertrags kann garantiert werden, dass alle, die in der Schweiz arbeiten, auch Schweizer Löhne erhalten. Der Wettbewerb zwischen den Unternehmen kann also nicht auf Kosten der Arbeitnehmenden geführt werden, sondern vielmehr über die Qualität der Dienstleistung.

In Zeiten von weit verbreitetem Homeoffice bis Homeschooling wird deutlich, wie stark wir unterdessen abhängig sind von einer ausgebauten Telekommunikationsinfrastruktur – beispielsweise von ­einem schnellen Internetanschluss. Was dahintersteckt, ist uns hingegen häufig weniger bewusst. Denn es ist das Netz, das die Kundschaft mit dem Anbieter verbindet. Und hier kommt die Netzinfrastruktur-Branche ins Spiel: Sie errichtet und betreut Netze sowie Anlagen für die Grundversorgung in den Bereichen Telekommunikation, Energie und Verkehr. Dass die Netzinfrastruktur ein wichtiger Teil des Service public und der Grundversorgung ist, wird vom Bund auch ausdrücklich anerkannt. So in der nationalen Strategie des Bundes zum Schutz kritischer Infrastrukturen, die sich auch auf den präventiven Unterhalt und die Störungsbehebung bezieht. Der Delegierte des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung hat dies während der Coronavirus-Krise ebenfalls bestätigt. Dank dem Gesamtarbeitsvertrag der Netzinfrastruktur-Branche, der 2018 vom Bundesrat allgemeinverbindlich erklärt wurde, haben sich die Sozialpartner der Branche auch während der Corona-Krise auf eine gemeinsame Haltung verständigen können, der die wichtige Rolle der Unternehmen und die Verantwortung für den Schutz der Gesundheit der Arbeitnehmenden gleichsam berücksichtigt.

Wenn wir davon ausgehen, dass die Bedürfnisse von Bevölkerung, Wirtschaft und Staat gerade in Bezug auf die Telekommunikationsnetze künftig noch grösser sein werden, dann ist die öffentliche Hand gut beraten, noch stärker in die Infrastruktur und in die Netze zu investieren. Dafür benötigt es finanzielle Ressourcen, aber vor allem motivierte und qualifizierte Arbeitnehmende. Denn ohne die Arbeitnehmenden draussen gibt es auch kein Homeoffice.

DANIEL HÜGLI ist Zentralsekretär Sektor ICT bei Syndicom.

Denn viele der Arbeitnehmenden in der Netzinfrastruktur-Branche können ihre Arbeit kaum im Homeoffice erledigen, sondern

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www.syndicom.ch


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KOLUMNE

DIE MEISTEN BAUSTELLEN BLIEBEN OFFEN von Jens Vollmar

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ie COVID-19-Pandemie hat für Implenia den geschäftlichen Alltag wesentlich verändert: Der Schutz der Gesundheit unserer Mitarbeitenden hatte und hat dabei oberste Priorität. Gleichzeitig war es auch wichtig, unser Tagesgeschäft aufrechtzuerhalten, um die wirtschaftlichen Schäden für unsere Kunden, Partner und unser Unternehmen so gering wie möglich zu halten und unsere Arbeitsplätze zu schützen. Aus diesen Gründen setzten wir bereits früh eine globale Taskforce sowie in allen Ländern europaweit auch lokale Taskforces ein. Diese verfolgten die Situation jeden Tag genau und konnten rasch entsprechende Massnahmen gemäss den jeweiligen behördlichen Vorgaben planen und umsetzen.

Auf den Baustellen in der Schweiz konnte grösstenteils weitergearbeitet werden. Dies dank konsequenter Umsetzung und Einhaltung der vom Bundesamt für ­Gesundheit (BAG) erlassenen Schutzmassnahmen sowie entsprechenden Kontrollen. Für die Teams auf den Baustellen brachte das beachtliche Herausforderungen mit sich, weil wir Arbeitsabläufe veränderten, um im Wesentlichen folgende Massnahmen umzusetzen: kontinuierliche Kommunikation und Instruktion der Verhaltens- und Hygienemassnahmen des BAG in den notwendigen Sprachen; wir stellten ausreichend Möglichkeiten zur Verfügung, um die Hände zu waschen und / oder zu desinfizieren. Zudem erhöhten wir die Reinigungsfrequenz der sanitären Einrichtungen und exponierten Stellen. Wir staffelten Tätigkeiten und Pausen sowie auch Arbeitsstart und -ende, stellten zusätzliche ­Baucontainer / Zelte auf und verlegten Meetings ins Freie, um Abstand zu halten. Zu guter Letzt haben wir den Personentransport zu und von den Baustellen gemäss behördlichen ­Vorgaben re-organisiert. Zusätzlich wurde in kürzester Zeit eine neue digitale Plattform aufgesetzt: zum Austausch von Best Practices, für Feedback, mit einem Video-Tutorial und sämtlichem Informationsmaterial wie Postern und Hilfsmitteln in den entsprechenden Sprachen. Für alle Mitarbeitenden hat das betriebliche Gesundheitswesen eine telefonische Coronavirus-Hotline zur Beantwortung der wichtigsten Fragen eingerichtet, die rege genutzt wurde.

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Ich selbst sowie meine Geschäftsleitungs-Kolleginnen und -Kollegen haben uns in den ersten Wochen des Lockdowns auf vielen Baustellenbesuchen vor Ort darüber informiert, wie die Schutzmassnahmen umgesetzt wurden. Wir waren beeindruckt davon, wie effizient und kreativ unsere Baustellen-Teams die Massnahmen umsetzten sowie einhielten und wie produktiv sie auch unter den erschwerten Bedingungen Top-Leistungen für unsere Kunden erbrachten. Die Mitarbeitenden mit Bürotätigkeiten wurden ab Mitte März angewiesen, vom Homeoffice aus zu arbeiten und Sitzungen sowie Geschäftsreisen durch virtuelle Meetings mittels Video-Call zu ersetzen. Dank dem grossen Engagement aller spielte sich so bald eine Art «Alltag u ­ nter besonderen Bedingungen» ein, und das Tagesgeschäft konnte weitestgehend aufrechterhalten werden. Dort, wo es aufgrund der Lage zu Einschränkungen des Baustellenbetriebs oder zu temporären Schliessungen von Baustellen kam, prüfte und ergriff Implenia Massnahmen, um den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen sowie Arbeitsplätze zu sichern. Noch sind nicht alle möglichen Auswirkungen der Pandemie auf den Geschäftsgang absehbar. Mit den beschriebenen Anpassungen und grossem Engagement unserer Mitarbeitenden ist Implenia bisher den Herausforderungen der Corona-Pandemie begegnet. Wir sehen die besondere Situation auch als Chance für unsere Unternehmenskultur, sei es durch ein verstärktes ­Zusammengehörigkeitsgefühl als Team oder auch durch rasches und agiles Umsetzen von Veränderungen.

JENS VOLLMAR ist Country President Switzerland & Head Division Buildings. In dieser Funktion leitet er auch die COVID-19-Taskforce von Implenia in der Schweiz. www.implenia.com


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Ausgabe 02/2020 // Seite 31


BAUEN

REGELUNG UND STEUERUNG DURCH FELDGERÄTE LÖSUNGEN FÜR ENERGIEEFFIZIENZ UND RAUMLUFTQUALITÄT von Lone K. Halvorsen

Seit über Jahren konzentriert sich das Unternehmen Belimo erfolgreich auf die Heizungs-, Klimaanlagenund Lüftungsmärkte (HKL) und bietet bei einer nachhaltigen Entwicklung hochwertige Lösungen, die die Energieeffizienz erhöhen und die Installationskosten senken.

Ökologie ist an allen Punkten der Wertschöpfungskette ein Thema.

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elimo bekennt sich zur Nachhaltigkeit und hält dies im Leitbild fest. Damit verbindet das Unternehmen nicht nur das Ziel, die CO2-Bilanz seiner eigenen Geschäftsprozesse zu verbessern, sondern auch die positive Wirkung des Einsatzes von deren Produkten zu steigern. Die innovativen Produkte werden immer so konzipiert, dass sie helfen, Ziele besser, schneller und sparsamer zu erreichen. Die Produkte

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ermöglichen zudem Anwendungslösungen, die in HLK-Systemen messbare Energieeinsparungen erlangen. Damit wir uns in Gebäuden und Räumen wohlfühlen, benötigen diese Anlagen jedoch Energie. Das HLK-Regelsystem, welches in das Feldgeräte integriert werden, wurde sowohl für eine präzise Regelung der Komfortparameter (Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Kohlendioxyd-Konzentration) als auch für einen

möglichst energieeffizienten Betrieb der HLK-Prozesse konzipiert.

MODELLIERUNG MIT SECHS SCHRITTEN Um die positiven Effekte auf den Energieverbrauch zu messen, entwickelte Belimo ein Modell, das die Energiebilanz der Feldgeräte während des Lebenszyklus eines typischen HLK-Systems beurteilt. Die


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Modellierung der Energiewirkung erfolgt am Beispiel einer gängigen Luftaufbereitungs- und Belüftungsanlage, einschliesslich einer Luftaufbereitungsanlage (AHU) und 25 Luftauslässen mit variabler Luft- volumensteuerung (VAV). Es wurde eine globale Raumlast für Heiz-, Kühl- und elektrische Energie zur Belüftung angenommen. Anschliessend berechnet das Modell den Beitrag zweier in grossen Mengen für derartige Anwendungen verkaufter Feldgeräte zu den Energieeinsparungen. Für luftseitige Anwendungen wurde der VAV-Volumenstromregler LMV-D3-MP verwendet. Für wasserseitige Anwendungen wurde das Ventil R2025-16-S2 zusammen mit dem Ventilantrieb LR24A-SR gewählt, eine gängige Kombination für Luftaufbereitungsanlagen. Das Energiebilanzmodell wird entsprechend den sechs Lebenszyklusschritten eines Feldgeräts strukturiert. Das beinhaltet die Modelle Ressourcen, Herstellung, Logistik, Betrieb, Energieeinsparung und Recycling. Lokale Beschaffung, automatisierte Herstellung, Reduzierung von Gewicht und Material sind weitere Meilensteine.

Es geht darum mit besserer Technik Ziele besser, schneller und sparsamer zu erreichen.

VERWENDETE ROHSTOFFE EINES FELDGERÄTES Das Modell «Ressourcen» berücksichtigt zunächst den «grauen» Energiegehalt in Stoffen, die für die Herstellung eines Feldgeräts verwendet werden. Dazu gehören

Stahl, Kupfer, Aluminium, Kunststoffe, Elektronik und Karton. Hinsichtlich der Energiebilanz unterscheiden sich die Rohstoffe nicht nur aufgrund ihres Flächengewichts, sondern auch hinsichtlich der zugrunde liegenden Energieintensität. Für einen möglichst

geringen Ressourcenverbrauch beginnt Ökologie bereits mit der Produktgestaltung. Lokale Beschaffung, automatisierte Herstellung, Reduzierung von Gewicht und Material und Weiteres tragen zur ständigen Verbesserung dieses Faktors bei.

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ENERGIEBILANZ BEI DER HERSTELLUNG In dem Modell «Herstellung» wird die Energie berücksichtigt, die benötigt wird, um die Feldgeräte herzustellen, sie zu montieren und zu testen. Um diesen Energiewert zu ermitteln, berücksichtigt Belimo typische Werte für die in den Feldgeräten eingesetzten Metalle, Kunststoffe und Elektronikkomponenten. Das Gewicht der Luftklappenantriebe und Regelventile wird verwendet, um festzustellen, welche Herstellungsenergie für die einzelnen Feldgeräte benötigt wird. Laufende Optimierungen an bestehenden Produkten führen bereits bei der Herstellung zu beträchtlichen ­Material- und Energieeinsparungen. Bei der Produktentwicklung werden die gesamte Lebensdauer sowie Compliance-Anforderungen von Kunden berücksichtigt, darunter auch die Optimierung der zur Herstellung verwendeten Stoffe nach anerkannten Richtlinien und Standards.

TRANSPORTENERGIE VOM WERK ZUM KUNDE Das Modell «Logistik» geht auf die durchschnittliche Menge an Transportenergie ein, die für die Lieferung eines Feldgeräts vom Werk an den Kunden aufgewendet wird. Die üblichen Transportwege führen über Strasse, Schiene und See; in Ausnahmefällen kommt Luftfracht zum Einsatz. Durch eine optimale Versandkoordination kann der CO2-Ausstoss gesenkt werden, da des ständig expandierenden weltweiten Netzwerks von Belimo-Standorten für kundenspezifische Anpassungen nur wenige Feldgeräte als Luftfracht versendet werden müssen.

VERBRAUCHTE ENERGIE IM BETRIEB Anschliessend wird die Energie eines Feldgeräts bei laufendem Betrieb getestet, wobei auch die im Standby-Modus und für den Antrieb verbrauchte Energie hinzugerechnet wird. Im Modell «Betrieb» wird von einer konservativ geschätzten Lebensdauer von 15 Jahren ausgegangen. Obschon die tatsächliche Lebensdauer aufgrund der hohen Qualität und Zuverlässigkeit der Komponenten in Antrieben häufig 20 Jahre und mehr beträgt. Die Antriebe, die für einen möglichst geringen Leistungsverbrauch konzipiert wurden, stossen in dieser Phase, am meisten CO2 aus. ­Aufgrund der langen

Lebensdauer der Antriebe und Ventile wird dieser Faktor jedoch auf ein Minimum beschränkt. Darüber hinaus sorgt einen erstklassige Motortechnologie dafür, dass die Belimo Antriebe bis zu 80 Prozent weniger Energie verbrauchen als vergleichbare Antriebe.

EFFIZIENZKLASSE UND ENERGIEEINSPARUNG Zur Berechnung der mithilfe eines Feldgeräts in einem HLK-System eingesparten Energie wird die Europäische Norm EN 15’232 - 2 017 «Energieeffizienz von Gebäuden-Teil 1, Einfluss von Gebäudeautomation und Gebäudemanagement» (BACS) zugrunde gelegt. Diese Norm des Europäischen Komitees für Normung (CEN) gibt die zulässigen durchschnittlichen Einsparwerte für die Gebäudeautomation und den Einsatz von Feldgeräten der unterschiedlichen Effizienzklassen A – D an. Jede Effizienzklasse erreicht im Betrieb einen anderen Effizienz- und Energiesparfaktor von 55 Prozent (Klasse A) bis hin zu keinen Einsparungen (Klasse D). Während es sich bei Klasse A um eine bedarfs- gesteuerte Gebäudeautomation mit hoher Energieleistung handelt, verfügt Klasse B über eine erweiterte automatisierte Regelung. Klasse C ist eine Standardgebäudeautomation mit zentraler Regelung. Klasse D steht für eine nicht energieeffiziente Gebäudeautomation ohne automatisierte Regelung. In den Modell «Energieeinsparung» wird davon ausgegangen, dass Feldgeräte zu 30 Prozent in Klasse A BACS (55 Prozent Einsparung), zu 60 Prozent in Klasse B BACS (41 Prozent Einsparung) und zu 10 Prozent in Klasse C BACS (29 Prozent Einsparung) zum Einsatz kommen und somit Gesamteinsparungen von 44 Prozent erzielen.

ENTSORGUNG UND RECYCLING VON FELDGERÄTE Am Ende der Lebensdauer von Produkten entstehen naturgemäss Abfall, was jedoch weitgehend vermieden werden kann. Allerdings fällt dies meist mit dem Ende der Lebensdauer des ganzen Gebäudes zusammen und lässt sich entsprechend nur schwer beeinflussen und nachverfolgen. Dennoch wurden auch für diese Phase Annahmen zu den Auswirkungen der Entsorgung und des Recyclings eines gebrauchten Feldgeräts getroffen. Energie kann durch sachgerechtes Recycling der

­ inheiten zurückgewonnen werden, beiE spielsweise mittels Stromgewinnung in einer Müllverbrennungsanlage oder durch das Recycling der Metallteile in den Ventilen.

ERGEBNISSE DER CO2-BERECHNUNG Die Energiesparbilanz eines Belimo Ventils und -Antriebs ist 21 (luftseitig) bis 32 (wasserseitig) Mal höher als die Bilanz aller Inputfaktoren mit einem gewichteten Durchschnitt von 24. Dies führt zu einer CO2-Vermeidung von 1 068.3 kg CO2e pro Ventil und Antrieb innerhalb eines 15-jährigen Lebenszyklus. Bei Luftklappenantrieben beträgt dieser Wert 1 051.7 kg CO2e pro Gerät. Mit den 2019 ausgelieferten 5.2 Millionen neuen Luftklappen- antrieben und 2.0 Millionen Ventilen und Antrieben werden diese Geräte während ihres bevorstehenden Lebenszyklus 7.6 Millionen Tonnen CO2e vermeiden. Dies entspricht den Emissionen eines Mittelklassewagens, der 600’000 Mal um die Erde fährt. Die kleinen Geräte erzielen somit eine grosse Wirkung für den Energieverbrauch und unsere Umwelt.

DIE ENERGIEBILANZ EINES FELDGERÄTES WÄHREND DES LEBENSZYKLUS • Ressourcen 3.6 kg CO2e pro Luftklappenantrieb / 6.0 kg CO2e pro wasserseitigem Ventil und Antrieb • Herstellung 1.1 kg CO2e pro Luftklappenantrieb / 2.5 kg CO2e pro wasserseitiges Ventil und Antrieb • Logistik 0.1 kg CO2e pro Luftklappenantrieb / 0.2 kg CO2e pro wasserseitigem ­Ventil und Antrieb • Betrieb 47 kg CO2e pro Luftklappenantrieb / 26.9 kg CO2e pro wasserseitiges Ventil und Antrieb • Energieeinsparung – 1 103.2 kg CO2e pro Luftklappen­ antrieb sowie Kombination aus Wasserventil und -antrieb • Recycling – 0.3 kg CO2e pro Luftklappenantrieb / – 0.6 kg CO2e pro Wasserventil und -antrieb

Belimo Holding AG | Brunnenbachstrasse 1 | CH-8340 Hinwil | Tel. +41 (0)43 843 61 11 | info@belimo.ch | www.belimo.com

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Sensoren von Belimo – und der Komfort ist gesichert.

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MQS Bau: der Zusatz für höchste Ansprüche an die Bauqualität.

EIN VERSPRECHEN QUALITÄT MIT MQS BAU von Maja Dzakulin

Minergie ist ein Qualitätsversprechen. Ein Bauherr, der ein Minergie-Haus baut oder dann sogar darin wohnt oder arbeitet, hat hohe Ansprüche. Zu Recht: Minergie steht für hohen Werterhalt, Komfort und Effizienz und hält dieses Versprechen mehrheitlich ein, das zeigen diverse Studien. Aber wehe, wenn es im Einzelfall im Minergie-Haus zu warm ist. Zu trocken. Zu laut.

W

ir sind da ganz offen. Ja, auch Minergie steht in der Kritik. Das ist durchaus auch ein Lob für Minergie, unterstreicht es doch die starke Marke. Aber selbstverständlich auch unangenehm. Ideal wäre, wenn sich niemand mehr über Minergie beklagen müsste, wenn statt 91 Prozent der Bauherren, die laut dem Bundesamt für Energie wieder nach Minergie bauen würden, 100 Prozent so denken würden. Und wie erreichen wir das? Minergie wendet zahlreiche Instrumente an: eine umfassende Prüfung und Begleitung der Projekte in Planung, Bau und Inbetriebsetzung. Eine Instruktion der Nutzenden, damit die MinergieHäuser optimal betrieben werden. Es geht um die Weiterbildung der Beteiligten, Fachinformationen, gute Planungstools oder Betriebsoptimierungen. Was auch immer Minergie tut: Fehler und Mängel passieren, in allen Phasen und Gewerken. Jährlich müssen rund 1.6 Milliarden Franken für die Behebung von Ausführungs- und Planungsfehlern aufgewendet werden. Sowohl Gebäudehülle als auch

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Gebäudetechnik sind betroffen. Zudem kommt eine Studie der Hochschule Luzern (HSLU) im Februar 2018 zum Schluss, dass insbesondere bei der Inbetriebsetzung der Gebäudetechnik und der Instruktion der Nutzenden über den Betrieb ihrer Bauten noch viel ungenutztes Potenzial besteht.

die jeweiligen Bauausführungen bereits frühzeitig kontrolliert und alle notwendigen Qualitätsverbesserungen noch zum richtigen Zeitpunkt angeordnet und umgesetzt. Das minimiert das Risiko hoher Nachbesserungen sehr stark und schafft Transparenz und Vertrauen zur Bauherrschaft.»

HANDLUNGSBEDARF UMSETZEN Das Minergie-Qualitätssystem Bau, kurz MQS Bau, setzt genau hier seinen Schwerpunkt. Im Rahmen des Qualitätssicherungsprozesses entsteht eine lückenlose Dokumentation des Gebäudes und findet eine umfassende Inbetriebnahme der Gebäudetechnik statt. Zusätzlich garantieren die je nach Bauwerk individuell zusammengestellten Prüfberichte, dass Abweichungen zu den Minergie-Antragsunterlagen frühzeitig festgestellt und ohne grossen Aufwand korrigiert werden können. Denn schätzungsweise 60 Prozent der Mängel entstehen in der Ausführung. Die inzwischen fast 50 durchgeführten Projekte haben ein positives Echo, so zum Beispiel bei Christian Wlattnig, Projektleiter beim Generalunternehmer Baulink AG: «Dank der standardisierten Dokumentation wurden

MQS BAU CHECK UND SELECTION

MQS Bau steht in zwei Varianten zur Verfügung. MQS Bau Check gibt Planenden, Minergie-Fachpartnern und Ausführenden die Möglichkeit, die Bauausführungen selbst nach dem standardisierten Minergie-Qualitäts­ system zu überprüfen und so die Aus­zeichnung «MQS Bau-geprüft» zu erlangen. Mit MQS Bau Selection sind Bauherren und gesamtverantwortliche Ausführende von komplexen Projekten und Modernisierungen angesprochen. Die Prüfungen werden durch einen vom Bauprojekt unabhängigen MQS Bau-­ Experten des Vereins Minergie im Sinne des «Vier-Augen-Prinzips» durchgeführt.


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UMFASSENDE BAUDOKUMENTATION Die Schweiz ist bekannt für besonders sorgfältige Prozesse im Bau. Das Leistungsmodell nach SIA 112 regelt die Aufgaben und Verantwortungen aller Beteiligten von der Planung über den Bau in den Betrieb. Ein Problem dabei ist allerdings, dass in den Übergängen zwischen den Phasen oft viel Wissen und Erfahrung übers Objekt verloren geht. So ist beispielsweise der MinergieAntragsteller oft ein Planer, der dann in der Ausführung keine Rolle mehr spielt. Dies führt hin und wieder auch zu unbeabsichtigten Abweichungen von den gegenüber dem Verein Minergie deklarierten Planwerten. Meist kann das Zertifikat mittels Deklaration der Abweichung in der Baubestätigung dennoch erreicht werden – in Einzelfällen führen die Abweichungen aber zum Entzug des Zertifikats. Gleiches gilt für den Übergang in die ­Betriebsphase: Die Verantwortung der

­ rchitekten, Planer und Bauleiter endet A jeweils bei der Werksübergabe, also etwa bei der Inbetriebsetzung. Nach der Inbetriebnahme sind also die Wissens- und ­Erfahrungsträger für den Betreiber nur noch schwer erreichbar, was den effizienten ­Betrieb des Minergie-Gebäudes erschwert. Minergie verlangt bei allen Zertifizierungen eine umfassende Inbetriebsetzung und deren lückenlose Dokumentation. Auch werden die künftigen Betreiber und Nutzer über die wichtigsten Grundsätze eines energieeffizienten Betriebs instruiert. Wobei es nicht immer möglich ist, die Betreiber persönlich zu erreichen, und gerade in den ersten Jahren des Betriebs Mieterwechsel und Änderungen im Facility Management häufig sind. Hier setzt das Minergie-Qualitätssystem Bau, kurz MQS Bau, neue Massstäbe. Alle Minergie-relevanten Gewerke werden umfassend dokumentiert und kontrolliert, die Inbetriebsetzungsprotokolle zusammen

mit den Lieferscheinen, Bedienungs- und Wartungsanleitungen in einem handlichen Ordner sauber strukturiert abgelegt. Dieser Ordner ist so etwas wie ein «Benutzerhandbuch» für die künftigen Nutzer und von grossem Wert, wenn die Planer und Bauleiter nicht mehr erreichbar sind. Ausserdem erhalten die Betreiber eine sorgfältige Instruktion über die Funktionalität der Gebäudetechnik. Die bisher rund 50 Bauherren, welche MQS Bau angewendet haben, honorieren dies. Stellvertretend dafür die Aussage von Michael Wenger von der Wenger AG: «MQS Bau gibt uns zusätzliche Sicherheit, dass wir ein qualitativ einwandfreies und energieeffizientes Gebäude erhalten haben, was sich bisher auch nur bestätigen lässt. Die umfassende und saubere Dokumentation aller Minergie-relevanten Komponenten wie Heizung oder Lüftung schätzen wir sehr. Dies schafft zusätzlich Transparenz und Vertrauen.»

Minergie Schweiz | Bäumleingasse 22 | CH-4051 Basel | Tel. +41 (0) 61 205 25 50 | info@minergie.ch | www.minergie.ch

Mängelfrei bauen mit MQS Bau Sie wollen bauen und möchten Mängel vermeiden? Dann ist MQS Bau das Richtige für Sie. Bauprojekte sind individuell, die Abläufe meist komplex. MQS Bau hilft, den Überblick zu behalten. Das Qualitätssystem ist einfach und standardisiert. Es kontrolliert systematisch die Minergie-relevanten Bauteile und dokumentiert die Ergebnisse. Das reduziert Bauschäden und erhöht den Wert der Immobilie.

www.minergie.ch

NEU MQS Bau jetzt auch für Moder­ nisierungen

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BAUEN

Bauführer Christian Häni (links) und BIM-Manager Stijepan Ljubicic (rechts) von der STRABAG AG diskutieren den nächsten Betonierabschnitt.

MIT VOLLER KRAFT ANS WERK BIM-TO-FIELD-LÖSUNGEN FÜR DAS WASSERKRAFTWERK von Lone K. Halvorsen

In der Vielfältigkeit des Kraftwerkbaus kommt es vor allem auf eines an: möglichst schnell Energie erzeugen. So einfach dieser Anspruch auch formuliert ist, so herausfordernd sind die Lösungen dazu. Zu den besonderen Herausforderungen zählen neben unterschiedlichsten geologischen und topografischen Gegebenheiten auch die perfekte zeitliche Abstimmung und Effizienz von verschiedenen Arbeitsschritten.

I

n Flums SG erneuert die St. Gallisch-­ Appenzellische Kraftwerke AG (SAK) die Wasserkraftwerke an der Schils. Dabei entsteht ein Ersatzneubau für ein Wasserkraftwerk ganz ohne Papier. Bauherr, Planer und Baumeister setzen dabei konsequent auf BIM. Die Schalungstechniker des Unternehmens Doka erstellen die Schalungspläne komplett in 3-D. Die Daten werden in das Gesamtmodell für die Arbeitsvorbereitung zurückgespielt und so für Materialbestellungen und Ausführung genutzt. Auf der Baustelle sorgt das 3-DSchalungsmodell für effizientere Arbeitsabläufe. Für den dreistöckigen Neubau der Kraftwerkzentrale Sägengüetli praktiziert das ausführende Bauunternehmen STRABAG das sogenannte BIM-to-Field – die Anwendung der digitalen 3-D-Modelle auf der Baustelle – erstmals von A bis Z. An

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die Stelle von Bauplänen auf Papier tritt ein durchgehend digitaler, modellbasierter Prozess: vom Aushub über die Bewehrung, die Schalung bis hin zur Qualitätssicherung. Der Datenaustausch erfolgt im offenen IFC-Standard über entsprechende CloudLösungen direkt auf das iPad des Poliers auf der Baustelle.

INTERAKTIVE 3-D-WELT Der Feldversuch entstand auf Anregung des Planungsbüros Pöyry, welches die Ausführungspläne anstatt in Papierform als 3-D-Modelle anliefern wollte. Gemeinsam mit dem Bauherrn SAK beschloss STRABAG darauf, das modellbasierte Bauen auf der Flumser Baustelle in einem BIM-to-Field-Pilotprojekt zu wagen. Auch für Doka ist BIM eine richtungsweisende Methode. Das Unternehmen setzt sich seit

einigen Jahren intensiv mit dem Thema auseinander, um Schalungslösungen noch genauer auf den Bauprozess abzustimmen und für mehr Effizienz auf den Baustellen zu sorgen. International haben die Schalungstechniker bereits bei verschiedenen Projekten Erfahrungen gesammelt. Für Doka Schweiz ist es jedoch das erste BIMto-field-Projekt. Zwar habe man schon mehrfach mit BIM-Modellen gearbeitet, so Doka-Ingenieur Frank Stritzke – dass seine 3-D-Schalungsmodelle dann aber den Weg bis auf die Baustelle finden, ist auch für ihn eine Premiere. «Es war zu Beginn eine Umstellung von der konventionellen Planung in AutoCAD auf die 3-D-Planung in Autodesk Revit. Gewisse Arbeitsschritte sind dadurch etwas aufwändiger geworden, weil die Modelle derart viele Informationen beinhalten. Doch der Aufwand zahlt


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sich aus: Schalungen für komplexe Objektgeometrien lassen sich in 3-D deutlich schneller umsetzen und die Kollisionskontrolle ist dank der Simulationsmöglichkeiten am digitalen Zwilling erheblich einfacher», so Stritzke. Die Software als auch die benötigten Objektbibliotheken für die Planung der Schalungsteile werden derzeit laufend weiterentwickelt. «Wir sind in engem Austausch mit unserem BIM-Team in Amstetten und konnten so unsere Erfahrungen im Projekt mit STRABAG direkt in die Weiterentwicklung unserer Prozesse, der Revit-Bibliotheken und der Software einfliessen lassen.» Wesentliche Erkenntnisse entstanden im Rahmen der Arbeitsvorbereitungs- und Planungsphase des Bauprojekts. Es zeigte sich, dass es sich auszahlt, im Vorfeld Probleme am Modell zu bereinigen und die Prozesse sauber zu koordinieren – gerade was den Datenaus-

tausch und die Schnittstellen zur Baustelle anbelangt –, um später vor Ort Bauablaufstörungen zu vermeiden und die Arbeitsaufläufe effizient zu gestalten.

MEHRWERT AUF DER BAUSTELLE Nachdem die Schalung für das Erdgeschoss gestellt und eine erste Etappe betoniert wurde, ist Bauführer Christian Häni von der neuen Arbeitsmethode überzeugt: «Der Aufbau der Schalung wird mit dem 3-D-Modell zum Kinderspiel. Ist der Startpunkt mit der Totalstation eingemessen, kann so im Prinzip jeder die Schalung ­richtig zusammenbauen. Man muss sich nur an das Modell halten.» Die eingesetzte Software erlaubt den Arbeitern, das Schalungsmodell aus beliebigen Blickwinkeln anzusehen und bei Bedarf Details zu vergrössern. «Auf den Papierplänen sind in der Regel nur gewisse Objektdimensionen

vermerkt und wenige Schnitte gezeichnet. Mit dem 3-D-Modell kann ich je nach B ­ edarf Modelleigenschaften ein- oder ausblenden, Distanzen messen oder Schnitte erstellen. Das ist nicht nur besonders effizient, die Pläne werden auch einfacher nachvollziehbar. Muss trotzdem einmal etwas geändert werden, geht es mit dem digitalen Workflow erheblich schneller», so Häni. Anstatt Tage dauert es zum Teil nunmehr wenige Stunden, bis ein aktualisiertes Modell vorliegt. Ist das Schalungskonzept optimal an die örtlichen Gegebenheiten auf der Baustelle angepasst, lässt sich das benötigte Material für jede Betonieretappe automatisiert aus dem Modell ermitteln und just-in-time bestellen. So kann mit weniger Material gearbeitet werden, was angesichts der beschränkten Platzverhältnisse auf der Baustelle ein grosser Vorteil ist.

BILANZ FÜR DIE ZUKUNFT

Entsprechend den Anforderungen bietet Doka für alle Ortbetonteile eines Bauprojekts ganzheitliche Lösungen an.

Die neuen Workflows wurden in der letzten Zeit sehr gut angenommen – «learning by doing», wie man so schön sagt. Doch es bleiben noch einige Herausforderungen zu meistern. STRABAG-BIM-Manager S ­ tijepan Ljubicic betont: «Die grösste Hürde bei der Einführung neuer Prozesse ist die Unsicherheit der Beteiligten. Man darf nicht vergessen, die Menschen auf dem Weg mitzunehmen.» Nach Abschluss von Baulos 1 im kommenden August gilt es für die Projektpartner, ein erstes Fazit zu ziehen. Ljubicic ist jedoch schon jetzt zuversichtlich, dass sich die bei diesem Pilotprojekt gewonnenen Erkenntnisse für eine weitere Skalierung und Standardisierung der BIM-Workflows im Unternehmen nutzen lassen. Der Grundstein für grössere und komplexere BIM-toField-Projekte ist für STRABAG und Doka somit gelegt.

PROJEKTDETAILS

Die Tablets wurden in besonders robuste Schutzhüllen gesteckt, um den Witterungsbedingungen einer Winterbaustelle und dem harten Baustellenalltag zu widerstehen.

Projekt: Wasserkraftwerk mit Sichtbetonoberflächen Standort: Flums SG Schalungssysteme: Framax Xlife, 3-SO, Staxo 100 Dienstleistungen: 3-D-Schalungs­ planung mit BIM Bauausführung: STRABAG AG Bauzeit: 07.2019 – 09.2020

Doka Schweiz AG | Mandachstrasse 50 | CH-8155 Niederhasli | Tel. +41 (0) 43 411 20 40 | doka-schweiz@doka.com | www.doka.com

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Kein Bild mit Seltenheitswert mehr im deutschsprachigen Raum: Frauen auf Baustellen.

(NOCH) FEST IN MÄNNERHAND

DIE DIGITALISIERUNG ALS CHANCE FÜR FRAUEN AUF DEM BAU von Johannes Heinrich

Auch wenn der Bausektor nach wie vor von Männern dominiert wird, sind im deutschsprachigen Raum Frauen auf Baustellen immer häufiger anzutreffen. Die zunehmende Digitalisierung der Bauindustrie trägt zu diesem Trend entscheidend bei. Trotzdem müssen weibliche Arbeitskräfte beim Einstieg in das Baugewerbe nach wie vor Hürden überwinden. Seite 40 // bauRUNDSCHAU


BAUEN

im Ausbildungsalter abzuschrecken. Da hilft es auch nicht, dass in der Baubranche mitunter ein rauer Umgangston herrscht und dass ­Stereotype und Klischees nach wie vor weit verbreitet sind. Ein weiterer Faktor: Familie und Bauprojekte lassen sich wegen fester Arbeitszeiten oder aufgrund von häufiger Reisetätigkeit nicht immer miteinander vereinbaren. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen im Bausektor noch recht unflexibel agieren, wenn es um die Einführung alternativer Arbeitsmodelle geht. Das hat zur Folge, dass sich viele Frauen zwangsläufig nach einer anderen Tätigkeit in einem familienfreundlicheren Bereich umsehen müssen, sobald das erste Kind auf dem Weg ist.

WIE BAUUNTERNEHMEN PROFITIEREN Dass es auch im Interesse der Unternehmen im Bausektor liegt, das zu ändern, hat nicht nur damit zu tun, dass Fachkräfte vielerorts rar sind. Denn weibliche Führungskräfte und Mitarbeiterinnen bereichern Teams, da sie neue Perspektiven und Ideen einbringen. Das wirkt sich auch positiv auf die Zahlen aus. Laut Studien wirtschaften Firmen mit Frauenanteil besser und weisen zudem höhere Innovationsraten auf.

DER DIGITALE WEG

A

uch 2020 gilt das Bauwesen noch immer als Männerdomäne. Das belegen nicht zuletzt aktuelle Statistiken. So machen Frauen laut der deutschen Bundesagentur für Arbeit etwa 15 Prozent der Arbeitskräfte im Bauhauptgewerbe aus. Zahlen, die in der Schweiz und in Österreich auf einem ähnlichen Niveau liegen. Die Gründe für diesen noch überschaubaren Anteil sind vielfältig. Generell gilt die Arbeit auf der Baustelle als schmutzig und körperlich anstrengend. Darüber hinaus scheint auch das Arbeiten mit schweren Maschinen viele junge Frauen

Dass sich dieses Bild langsam ändert, liegt unter anderem auch an der fortschreitenden Digitalisierung im Baugewerbe. Traditionell ein Nachzügler, wenn es um Anwendung neuer Technologien geht, hat der Bausektor in den letzten Jahren das Potenzial der Digitalisierung für mehr Effizienz erkannt. Beispiele sind der Einsatz von Sensoren, Drohnen, Virtual-Reality-Systemen und Software-Lösungen. Die Anwendungsmöglichkeiten reichen dabei von der Planung über die Errichtung bis hin zur Wartung von Objekten. Der verstärkte Einsatz neuer Technologien führt wiederum zu einem hohen Bedarf an qualifiziertem Personal. In Zeiten des Fachkräftemangels herrscht bei den Unternehmen der Branche ein starker Wettbewerb um den verfügbaren Nachwuchs. Frauen profitieren von gezielten Förderungen bis hin zu betriebseigenen Kindergärten. In diesem Zusammenhang ist auffällig: Junge weibliche Arbeitskräfte sind im Baugewerbe verstärkt in jenen Bereichen vorzufinden, in denen technologische Neuerungen und digitale Lösungen zum Einsatz kommen.

HOHE TECHNISCHE QUALIFIKATION Frauen, die auf Baustellen als Drohnenpilotinnen oder mit dem Tablet in der Hand zur digitalen Mängelerfassung unterwegs sind, entsprechen somit dem bisherigen Trend. Denn weibliche Kräfte bei Bauvorhaben sind am häufigsten in Bereichen oder Positionen anzutreffen, die eine höhere technische Ausbildung voraussetzen: Architektur, Bauingenieurwesen, Vermessung und Kartografie. Hier machen sie zum Teil mehr als ein Viertel der vorhandenen Arbeitskräfte aus. Tendenz weiter steigend. Das nimmt dem weit verbreiteten Argument Wind aus den Segeln, dass Frauen Arbeitsbereiche mit hohem Technikanteil scheuen.

WARUM ES SICH LOHNT Digitalisierung und der Einsatz neuer Technologien sorgen dafür, dass die Effizienz vom Projektmanagement bis hin zu Bauprozessen steigt. Frauen spielen in der Entwicklung und Anwendung neuer Lösungen zunehmend eine entscheidende Rolle. Dieses Fachwissen lassen sich die Unternehmen im Bausektor etwas kosten und stellen Mitarbeiterinnen eine entsprechend hohe Entlohnung in Aussicht. Doch es gibt noch weitere Gründe, warum Frauen den Weg auf die Baustelle suchen sollten. Zum einen ist die Baubranche für weibliche Kräfte in vielerlei Hinsicht noch immer Neuland. Gerade in den nach wie vor stark männerdominierten Handwerksberufen können Frauen oft eine Vorreiterrolle einnehmen. Doch auch in anderen Bereichen besteht für Frauen die Möglichkeit, Pionierarbeit zu leisten. Denn durch den zunehmenden Einsatz von Software, Roboter & Co. entstehen auf dem Bau völlig neue Berufsbilder. Ob die Übertragung von 3-D-Modellen an unbemannten Maschinen, die Erstellung von Prognosen zur Bauausführung mittels Künstlicher Intelligenz oder die digitale Dokumentation von erbrachten Leistungen am Bau: Das dafür notwendige Fachwissen ist nicht mehr ausschliesslich bei männlichen Praktikern konzentriert.

JOHANNES HEINRICH ist Mitglied des Content-Marketingteams bei PlanRadar. www.planradar.com

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KOLUMNE

DIE ZEIT ARBEITET FÜR DIE FRAUEN von Jacqueline Fehr

D

ie gute Nachricht ist: Zwischen 2010 und 2020 hat sich der Anteil weiblicher Geschäftsleitungsmitglieder in den hundert grössten Schweizer Unternehmen mehr als verdoppelt. Die weniger gute Nachricht: Der Anteil stieg gerade einmal von vier auf zehn Prozent.

denen sie zum Engagement bereit sind. Siehe Skandinavien: Dort entstanden die familienfreundlichen Arbeitsbedingungen, weil man nicht in der Lage war, die Lücken im Arbeitsmarkt mit der Zuwanderung zu stopfen. Man war angewiesen auf die Frauen. Zweitens sind Frauen Führungstalente. Es gibt mehrere grosse Untersuchungen zur Frage, ob Männer oder Frauen besser führen. Die Ergebnisse sind verblüffend – weil sie alle zum selben Schluss kommen: eins zu null für die Frauen. Besonders stark schneiden weibliche Führungskräfte ab, die einen modernen, im Fachjargon «transformationalen» Führungsstil pflegen – das heisst: die als Vorbilder auftreten und ihre Mitarbeitenden inspirieren, unterstützen und intellektuell anregen wollen. Wer in der Lage ist, so zu führen – und Frauen sind das gemäss Studien ganz besonders –, erzielt exzellente Arbeitsresultate.

Mit anderen Worten: Die Richtung stimmt, aber das Ziel ist noch fern. Die Chef-Welt ist nach wie vor sehr männlich. In den grösseren US-Unternehmen gibt es mehr CEOs mit Vorname David (4.5 Prozent) als weibliche CEOs (4.1 Prozent). Dabei ist David nicht einmal der verbreitetste amerikanische CEO-Vorname – noch häufiger sind die Johns (5.3 Prozent). Und was die Schweizer Verhältnisse betrifft: Drei Viertel aller Frauen mit Hochschulabschluss befürchten laut einer Studie des Bundesamts für Statistik, die Geburt eines Kindes wirke sich negativ auf ihre Karriere aus. Die Sorge ist begründet: Zu über 85 Prozent arbeiten Mütter Teilzeit oder gar nicht. Väter verbleiben hingegen zu über 80 Prozent full time im Job. Teilzeitarbeitende erhalten nachweislich weniger Verantwortung und Förderung, werden weniger gut bezahlt und haben schlechtere Karriereaussichten. Hinzu kommt die Doppellast, die arbeitstätige Mütter zu tragen haben. Zwar werden solche heute nicht mehr schief angeschaut. Auch Karrieren sind möglich. Gleichzeitig hat sich aber an der Vorstellung kaum etwas verändert, wie eine Mutter zu sein hat – nämlich perfekt. Kurz: An berufstätige Mütter wird ganz selbstverständlich die Erwartung gestellt, dass sie im Job performen und gleichzeitig Super-Mütter bleiben. Das sind schwierige Voraussetzungen für Frauen, die führen möchten. Und doch – oder umso mehr – möchte ich Frauen zum Führen-Wollen motivieren. Es gibt gute Gründe, sich darauf einzulassen. Erstens arbeitet die Zeit für die Frauen. Die Nachfrage nach weiblichen Arbeitskräften wird in den nächsten Jahren weiter ansteigen. Und je dringender der Arbeitsmarkt die Frauen braucht, umso mehr bestimmen diese die Bedingungen, unter

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Drittens brauchen Kinder keine perfekte Mutter. Der britische Kinderarzt Donald Winnicott hat bereits Mitte des letzten Jahrhunderts dafür geworben, dass es vollauf reiche, wenn Mütter «good enough» seien – wenn sie «hinreichend gut» seien. Tatsächlich ist es kein Problem, wenn das Kind, nachdem es vom Velo gefallen ist, nicht nach der Mutter schreit, sondern nach dem Vater oder nach sonst einer Bezugsperson. Im Gegenteil: Das verschafft den Müttern Luft – und die nötige Energie, um sowohl in der Familie präsent zu sein als auch beruflich vorwärtszukommen.

JACQUELINE FEHR war von 1998 bis 2015 Nationalrätin und von 2008 bis 2015 Vizepräsidentin der SP Schweiz. Am 12. April 2015 wurde sie in den Zürcher Regierungsrat gewählt, wo sie die Direktion der Justiz und des Innern leitet. www.jacqueline-fehr.ch


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BAUEN

MEHR FRAU IM BAU DIGITALISIERUNG ZUR ERHÖHUNG DES FRAUENANTEILS IM BAUSEKTOR von Andrea Trapp

Wohnungsnot, knapper werdende Ressourcen, fehlender Talentnachwuchs, Klimaneutralität und Digitalisierung: Der rasante Wandel unserer Gesellschaft fordert das traditionsbewusste Bauwesen mehr denn je heraus, mit neuen Ideen und innovativeren Konzepten zu reagieren. War das Gesicht der Baustelle lange Jahrzehnte männlich und vom Geruch körperlich harter Arbeit, Schweiss, Muskelkraft und Staub geprägt, sieht man seit einiger Zeit mehr und mehr Frau im Bau. Woran liegt das? Mit dem Zuwachs an weiblichen Arbeitskräften, im Management wie auch auf der handwerklichen Seite, erschliesst das Bauwesen sich eine völlig neue Zielgruppe – mit einer neuen Perspektive und frischen Ideen. Die Frauen.

Frauen auf der Baustelle: ein Bild, welches wohl bald öfters zu sehen sein wird.

D

ie Ära der Baby-Boomer-Generation auf dem Bau neigt sich ihrem Ende zu. Eine Welle der Verrentung im Bau führt bereits jetzt zu schmerzlichen Personalengpässen und Fachkräftemangel. Hier können Bauingenieurinnen punkten und die entstandenen Lücken mit ihrem Know-how und technischen Verstand füllen. Schaut man sich aktuelle Zahlen des Bundesamtes für Statistik der Schweizerischen Eidgenossenschaft zu Studienanfängern an, liegt

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der Gesamtanteil an Frauen unter den Studierenden bei 39 Prozent. Bis 2018 stieg dieser auf stolze 54 Prozent. Der Frauenanteil im Bereich Ingenieurwesen, verarbeitendes Gewerbe und Baugewerbe stieg von elf Prozent bis zum Jahr 2018 auf 32 Prozent an.

vor gering ist. Deutlich sichtbar wird das an den Zahlen für FH-Abschlüsse im Jahr 2018: Elektro-, Automobil-, System-, Maschinen- und Gebäudetechnik sowie Informatik kommen jeweils nicht einmal auf zehn Prozent Frauenanteil.

Dennoch zeigt sich, dass der Frauen-Anteil an den sogenannten MINT-Fächern, beispielsweise in der Schweiz, nach wie

Langsam, aber stetig steigt der Frauenanteil in MINT-Berufen generell, so eine aktuelle Studie der deutschen Bundesagentur

EIN FEMININER LICHTBLICK


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Viele Bauarbeitende haben mittlerweile ein Tablet zur Unterstützung auf der Baustelle dabei.

für Arbeit, die besagt: «Der Frauenanteil an den MINT-Beschäftigten ist mit 15.4 Prozent zwar nach wie vor unterdurchschnittlich, die Entwicklung der letzten Jahre zeigt aber zumindest eine leicht steigende Tendenz.» Weiter heisst es: «Gegenüber dem Höchststand der 1990er-Jahre – 1996 – standen 2017 rund 25’000 MINT-Absolvent(inn)en mehr dem Arbeitsmarkt zur Verfügung mit einem Plus von 30.8 Prozent.» Mehr weiblicher Einfluss auf allen Ebenen im Bausektor bedeutet auch ein moderneres Image und mehr Chance auf frischen Wind. Neue Arbeitsmethoden und technologischer Fortschritt verheissen weniger harte körperliche Arbeit. Dadurch öffnet sich die traditionell von Männern dominierte Baubranche einer viel grösseren und diverseren Zielgruppe. Meine Prognose lautet, dass sich auch aufgrund gross angelegter Förderprogramme dieser Trend fortsetzen wird. Erst kürzlich habe ich ein Expertinnen-Interview mit der Diplom-Kauffrau Tanja Leis

gelesen, die am RKW Rationalisierungsund Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft e.V. in Eschborn das Pilotprojekt «Frauen in der Bauwirtschaft – Potentiale besser erschliessen» durchführte. Sie hat für einen höheren Frauenanteil im Bauwesen die folgenden Top-5-Argumente ermittelt: «Erstens schliesst ein grosses Potenzial an gut qualifizierten Frauen den Personalengpass an Fachkräften. Zweitens gehört Gender Diversity heute zu einer modernen Unternehmenskultur. An dritter Stelle sehe ich eine höhere Meinungsvielfalt innerhalb der Unternehmen. Viertens: Ein erhöhter Frauenanteil verbessert und erhöht das Arbeitgeber-Image. Und fünftens können mehr weibliche Kunden gewonnen werden.» Diesen fünf Punkten stimme ich voll und ganz zu.

WAS BEDEUTET DIGITALISIERUNG IM BAU? Im Trend liegende serielle und modulare neue Bauweisen, wie etwa das Bauen mit modularen PreFab-Teilen, ermöglichen besonders schnelles, kostengünstiges und

trotzdem qualitativ hochwertiges Bauen durch IT-gestützte Workflows. Das erleichtert beziehungsweise ersetzt viele vorherige Arbeitsvorgänge. Daneben dienen auch neue Technologien wie Drohnen, Bau-Roboter oder auch 3-D-Druck der Entlastung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sodass diese künftig mehr Zeit für komplexere Aufgaben haben. Digitale Workflows erhöhen insgesamt die Transparenz in Bauprojekten. Wenn von der Ausschreibung über die ersten Skizzen bis zu sämtlichen Bauunterlagen einfach alles 360 Grad über eine digitale Plattform für alle Beteiligten einsehbar ist, hat die Kultur der sogenannten «Boys-Clubs» nur schwerlich Fortbestand. Durch digitale Plattformen sinkt auch der administrative Aufwand. Lästiger Papierkram, lange Korrektur- und Abstimmungsschleifen mit unerwünschten Zeitverzögerungen verschwinden zugunsten von agiler Kollaboration in Echtzeit. Kommunikative Fähigkeiten und Begabungen werden immer wichtiger, definitiv auch ein Grund für Frauen, stärker im Bau aktiv zu

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werden. Denn Digitalisierung ist immer auch ein grosses Ja zur Zusammenarbeit auf neuen Wegen. Da bietet ein smarter Arbeitsplatz ganz neue Aussichten für Frauen, aber auch Männer. Einer unserer Dropbox-Business-Kunden, der europäische Technologiekonzern für Baudienstleistungen STRABAG, bringt beispielsweise vorbildlich Menschen, Baumaterialien und Baugeräte zur richtigen Zeit am richtigen Ort zusammen. «Die Digitalisierung unserer Arbeitsprozesse ist eine enorme Unterstützung. Sie fördert die Transparenz in allen Schritten, erhöht die Effizienz und Ausführungsqualität enorm», so Ulrich Stuible, Fachgruppenleiter und Consultant bei STRABAG. Viele Studien haben gezeigt, dass unsere Arbeitsweisen völlig veraltet sind und wir immer ineffizient und unbefriedigend arbeiten, weil unser Fokus so oft von den eigentlichen Arbeitsinhalten abgelenkt wird. Unser Arbeitstag ist von Unterbrechungen geprägt, die uns davon abhalten, das zu tun, für was wir eigentlich eingestellt wurden. Dropbox hat das erkannt und löst diese Probleme mit dem im Herbst 2019 eingeführten ersten Smart Workspace,

einem digitalen Arbeitsplatz, der alle Inhalte, Teams und Tools an einem Ort zusammenführt. Wir unterstützen in Europa und weltweit Firmen beim Ausbau ihres Geschäfts, weil wir ihnen den dafür nötigen Fokus ihrer Teams durch den Einsatz smarter Technologien zurückgeben.

Mitarbeiter sind die Treiber und bestimmen letztlich, was genutzt wird, nicht die ITLeitung oder das Management. Dies entsprach auch schon in der Vergangenheit unserer grundsätzlichen UnternehmensPhilosophie und tut es in der heutigen Zeit nur umso mehr.»

HÖRT AUF EURE ­MITARBEITERINNEN

WE CAN DO IT!

Neben der gesteigerten Transparenz ermöglicht die Digitalisierung auch ganz neue Formen der Teilhabe. Mehr Stimmen können gehört werden, mehr Perspektiven werden sichtbar. Dass die Mitarbeitenden ein grosser Innovationsmotor sein können, solange man ihnen die Freiheit lässt – ein Kernbestandteil unserer Smart-WorkspacePhilosophie –, zeigt sich bei STRABAG par excellence: Ausgehend von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die in vorangegangenen Baustellen teilweise «Pläne2Go» auf ihren privaten Tablets mit auf die Baustelle brachten, verbreitete sich diese Arbeitsweise schnell und die Verwendung wuchs dynamisch. «Nun statten wir Polierinnen und Poliere standardmässig mit Tablets aus», berichtet Oberbauleiter Frank Winzer: «So läuft es mit den meisten Innovationen: Die Mitarbeiterinnen und

Die Digitalisierung unterstützt Frauen auch in Sachen Vereinbarkeit von Karriere und Familie.

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Bauen wird sich in den kommenden Jahren enorm weiterentwickeln. Experten sehen auf der Baustelle der Zukunft immer mehr fertige Komponenten, beispielsweise komplette vorgefertigte Einrichtungsbereiche – wie Bäder – zum schlüsselfertigen Einbauen in das Gebäude. Technologien wie der 3-D-Druck oder Roboter werden auch in der Baubranche verstärkt zum Einsatz kommen. Im Zuge der voranschreitenden Digitalisierung werden alle Beteiligten auf der Baustelle immer stärker vernetzt sein und die Visualisierungen der Pläne neue Formen annehmen. Die zunehmende Digitalisierung wird auch mehr Frauen auf den Bau locken, da Technik-gestützte planerische und koordinierende Tätigkeiten nichts mehr mit körperlicher Überanstrengung zu tun haben werden und flexible Arbeitsmodelle Einzug in das traditionelle Baugewerbe haben.


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SCHLÜSSEL ZUR VEREINBARKEIT Ich bin fest überzeugt, dass durch die Erleichterung der Arbeit bei immer grösser und komplexer werdenden Bauvorhaben in immer kürzerer Zeit digitale Cloud-Kollaborationslösungen den Eintrittsschein für mehr Frauen in diesem Berufsfeld darstellen können. Dasselbe gilt aber auch für Männer, die eine Elternzeit in ihren Lebenslauf einbauen möchten. Letztendlich legen die digitalen Tools die Basis für bessere, freiere Zeiteinteilung, Arbeit über örtliche Grenzen hinweg und flexiblere Entscheidungen auf stets aktuellen – da digital synchronisierten – Grundlagen. All das ermöglicht es Männern, aber explizit auch den historisch stärker von der Familie in Anspruch genommenen Frauen, ihren Beruf und ein Familienleben unter einen Hut zu bringen.

ANDREA TRAPP ist Head of Business EMEA bei Dropbox. www.dropbox.com

Durch die Zunahme von Fertigbauteilen auf Baustellen fällt ein Grossteil der körperlichen Arbeit weg.

Hochwertige Fertiggaragen von BARGY «eine BARGY Garage fürs Leben»

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Frauen sind immer häufiger im Bauwesen anzutreffen.

BAUINDUSTRIE WIRD INKLUSIVER FRAUEN UND MÄNNER BAUEN ZUSAMMEN von Christelle Beneteau

Der Frauenanteil in der Baubranche ist noch sehr gering. Jetzt kommt aber Bewegung in scheinbar sehr gefestigte Strukturen. Einige Unternehmen legen extra Förderprogramme auf. Der sanfte Druck des Fachkräftemangels wirkt dabei sicher auch hilfreich. Wichtig sind auch Vorbildfunktionen für jüngere Generationen. Der folgende Beitrag stellt einige Frauen vor, die bei Implenia beschäftigt sind. Als Bau- und Baudienstleistungsunternehmen bewegen sie sich in einer männerdominierten Branche. Aber sie stellen einen Wandel fest. Seite 48 // bauRUNDSCHAU


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ls Chief Human Resources Officer von Implenia ist es mir ein besonderes Anliegen, das Thema Diversity in unserem Unternehmen wirksam einzusetzen. Dazu gehören die Vielfalt der Geschlechter und die Förderung unserer weiblichen Talente – auf allen Ebenen, auch im Management. Wir sind in einer traditionell eher männlich geprägten Branche tätig, aber es gibt Anzeichen für Veränderung: Im Jahr 2019 ist unser Frauenanteil leicht angestiegen, von 12.3 Prozent im Vorjahr auf 13.5 Prozent. Wir haben eine

Reihe verschiedener Initiativen angestossen, um diesen Wandel zu fördern. So sind wir seit November 2018 Mitglied der beruflichen Vereinigung «Advance», die sich der Förderung weiblicher «High Potentials» widmet. Bald werden wir auch «Women Back to Business» beitreten, einem Programm der Universität St. Gallen, das Frauen bei der Rückkehr ins Berufsleben oder bei der Entwicklung ihrer Karriere in verschiedene Richtungen unterstützt. Und im Dezember werden wir Vertreterinnen zum «Women in Construction Summit» in London entsenden,

um Kontakte zu talentierten Frauen zu knüpfen, die in verschiedenen Ländern in unserer Branche arbeiten. Die Digitalisierung bringt auch in unserer Branche Veränderungen mit sich – mit der Option, neben unseren traditionellen Fähigkeiten mehr aus der Automatisierung, den Daten und Systemen herauszuholen. Dieser allgemeine Trend dürfte auch zu mehr Möglichkeiten führen, weibliche Talente anzuziehen. Mehr Einblick in dieses Thema bieten die folgenden Porträts, die die

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Strukturiert arbeiten ist für die Bauführerin Sonja Beeri sehr wichtig.

Rollenvielfalt und die unterschiedlichen Beiträge zeigen, die einige unserer Kolleginnen bei Implenia leisten.

ARBEIT AUF DEM BAU IST NICHT MÄNNERSACHE «Starke Nerven», sagt Sonja Beeri, seien in ihrem Beruf ganz nützlich. «In stressigen Zeiten, wenn viel läuft, muss man den Druck aushalten können», erklärt die Bauführerin. Ausserdem sei es wichtig, bei einem komplexen System wie einer Baustelle, strukturiert zu arbeiten und Prioritäten zu setzen. Beeri absolvierte 2017 als eine der ersten Frauen in der Schweiz die Ausbildung zum

Anita Eckardt setzt auf die Innovationskraft

Baumeister. Die 38-Jährige: «Wir haben einen allgemeinen Mangel an Nachwuchskräften in der Baubranche. Bei vielen ist der Bau nicht die erste Wahl. Das macht es auch schwierig, den Frauenanteil zu steigern.» Sie selbst sei in der Schule gut im geometrischen Zeichnen und im Rechnen gewesen und habe schon immer ein gutes Vorstellungsvermögen besessen. «Da schlug mir der Lehrer einen technischen Beruf vor.» Nie habe sie das Gefühl gehabt, dass die Arbeit auf dem Bau Männersache sei. «Das sollte auch das Ziel sein: Wenn ein Mensch die Fähigkeit und das Talent in einem Bereich hat, sollte er auch in dieser Richtung gefördert und eingesetzt werden.»

IDEEN ENTSTEHEN Positionen suchen, in denen man Neues lernen kann und in denen die Chefs oder Chefinnen fordern – und fördern: Das Erfolgsgeheimnis von Anita Eckardt, 47, gilt nicht nur für die Baubranche. Der Karrierepfad führte die Dänin im September 2019 zu Implenia, wo sie die Division Specialties leitet und auch für die Umsetzung der Innovationsstrategie zuständig ist. «Ich sichere also ein Umfeld, in dem Ideen generiert und Innovationen umgesetzt oder von aussen hereingeholt werden können –  bis eines Tages der disruptive Durchbruch kommt», sagt sie. «Mrs Innovation» nannte die NZZ Eckardt. Sie erklärt: «Damit Innovation entsteht, braucht es Verständnis für die Aufgaben und die täglichen Herausforderungen der Kunden.» Und ergänzt: «Die besten Ideen entstehen, wenn unterschiedliche Menschen zusammenkommen – Diversität ergibt Kreativität!»

NEUE HERAUSFORDERUNGEN BEWÄLTIGEN

Findet mit BIM effiziente Lösungen: Carolin Haueis.

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Carolin Haueis arbeitet mit der Zukunft – für die Zukunft. Je mehr die Welt zusammenwächst, desto wichtiger werden digitale Methoden wie Building Information Modeling (BIM). Und als BIM-Koordinatorin weiss die 33-Jährige damit umzugehen. Unter anderem ist sie beim Bahnprojekt in der schwedischen Stadt Varberg im Einsatz, einem Grossprojekt zum zweigleisigen Ausbau der bestehenden Bahnlinie und zur Realisierung eines neuen Tunnels sowie Personen- und Güterbahnhofes, das Implenia von Anfang an mit BIM


© Kantonsspital Baden

Hat den «schönsten Arbeitsplatz der Welt»: Kranführerin Iris Harnisch.

entworfen und geplant hat. «Das Besondere ist, dass wir hier komplett papierlos arbeiten», sagt Carolin Haueis. «Es gibt nur die Modelle, und auf deren Basis werden alle Bauarbeiten ausgeführt. Der Bauarbeiter vor Ort nutzt ein Tablet. Damit kann er auf einer gemeinsamen Datenbank den neuesten Projektstand abrufen.» Bei komplizierten Infrastrukturprojekten könne man mit BIM viel effizienter Lösungen finden. «Für mich ist das besonders spannend, weil es immer wieder neue Herausforderungen gibt, die es zu bewältigen gilt», sagt die Bauingenieurin und ergänzt: «Und weil man unglaublich viel lernt, auf ganz vielen Ebenen.»

«EIN JOB, DEN JEDE FRAU MACHEN KANN» Sie kennt die Welt von oben. 146 Leitertritte muss Iris Harnisch hochsteigen, bis sie an ihrem Arbeitsplatz ist: Die Aargauerin ist Kranführerin, eine der wenigen in der Schweiz. Dabei, sagt die 41-Jährige, sei ihr Beruf «ein Job, den jede Frau machen kann». Körperlich seien Frauen den Männern zwar unterlegen. «Aber für die Handhabung der Maschine spielt dies keine Rolle, es hat nichts mit Kraft zu tun», sagt Harnisch. Seit 15 Jahren ist Iris Harnisch Kranführerin, vorher arbeitete sie als Coiffeuse. Nicht alle hätten verstanden, warum sie einen so drastischen Berufswechsel vollziehen wollte, viele hielten sie für zu zierlich für die Arbeit auf der Baustelle. «Aber meine Gotte sagte zu mir: ‹Doch, das passt viel besser zu dir›.» Und Harnisch liebt, was sie tut. «Ich habe den schönsten Arbeitsplatz der Welt», sagt sie. Und noch etwas gefällt ihr: «Ich verdiene genau gleich viel wie meine männlichen Arbeitskollegen. Das ist ein gutes Gefühl. In anderen Branchen werden Frauen benachteiligt, im Bauhauptgewerbe nicht.»

VIELSEITIGE ELEKTRONISCHE ZUTRITTSLÖSUNGEN –––– SYSTEMARCHITEKTUR je nach Anforderung online, offline, funkvernetzt, Cloud-basiert und mobil. –––– SYSTEMPLATTFORM mit Türbeschlägen und -zylindern, Wandlesern, Spindschlössern, Software, Apps u. v. m. –––– SYSTEMKOMPONENTEN für Innen- und Aussentüren, automatische Türsysteme, Tore, Aufzüge, Spinde, Möbel, Zufahrten u. v. m.

CHRISTELLE BENETEAU ist Chief Human Resources Officer bei Implenia. www.implenia.com SALTO Systems AG info.ch@saltosystems.com www.saltosystems.ch

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NEUE WEGE SUCHEN DIE VERÖDUNG DER INNENSTÄDTE STOPPEN von Georg Lutz

Schon vor der Corona-Krise drohten die Innenstädte zu veröden. Der klassische familiengeführte Einzelhandel ist auf dem Rückzug. Immer mehr und immer die gleichen internationalen Ketten dominieren das Geschehen. Der lokale Bezug, wie hier in Basel zu sehen, droht verloren zu gehen. Die Geschäftstätigkeiten verlagern sich zunehmend in das Internet. Die Corona-Krise wirkt da zusätzlich wie ein Durchlauferhitzer. Auch dort dominieren zunehmend globalen Riesenplayer. Rein preislich kann da ein lokaler Einzelhändler vor Ort nicht mithalten. In dem folgenden Interview loten wir die Möglichkeiten aus, um den Kollaps unserer Innenstädte aufzuhalten und neue Perspektiven zu entwickeln. Dabei stehen die Zukunft des Handels, regionaler Ökonomiekonzepte und Strategien der Digitalisierung, die lokalen Strukturen helfen, im Mittelpunkt.

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Illustration: caspar

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Einkaufen, Arbeiten, Leben, Geniessen und alles auf sinnvolle Art miteinander zu verbinden. Hier am Beispiel des Kölner Quartiers Schildergasse.

HANDEL IM WANDEL IDEEN FÜR DIE STADT DER ZUKUNFT Interview von Andreas Grosz mit Klaus Burmeister und Caspar Schmitz-Morkramer

Die Umbrüche in den Innenstädten, die Schwierigkeiten des stationären Handels ist nicht erst seit der Corona-Krise ein Thema. Das Virus wirkt aber als Durchlauferhitzer. Es droht, um es auf den Punkt zu bringen, die Verödung der Innenstädte. Gegen Online-Giganten haben kleine lokale Anbieter oft keine Chance. Der Architekt Caspar Schmitz-Morkramer hat mit seinem Büro caspar. schon vor der Pandemie eine Studie mit dem Titel «retail in transition» erarbeitet, die gerade erschienen ist. Mit dem Zukunftsforscher Klaus Burmeister, Head of foresightlab, skizziert er neue Ideen für europäische Innenstädte. Es geht um die Zukunft des Handels, regionaler Ökonomiekonzepte und Strategien der Digitalisierung. Das folgende Interview, bei dem auch Zukunftsforscher Klaus Burmeister beteiligt war, stellt neue Ideen für Europas Innenstädte vor. Zentrale Fragestellung dabei ist: Wie sehen die Bausteine für lebenswerte Städte und die Chance des neuen Miteinanders aus? Das Interview führte Andreas Grosz, Gründer und Leiter des KAP Forums für Architektur & Stadtentwicklung. Seite 54 // bauRUNDSCHAU


Illustration: caspar

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Der Handel im Wandel als grosse Chance für eine Stadt als interaktive Erlebniswelt. Hier am Zukunftsbeispiel der Frankfurter Zeil dargestellt.

H

err Schmitz-Morkramer, Sie beschäftigen sich als Architekt und Stadtplaner mit urbanen Entwicklungen – besonders mit den Umbrüchen unserer Innenstädte. Unter dem Titel «retail in transition» haben Sie bürointern eine eigene Studie erstellt. Gab es dazu einen konkreten Anlass? Caspar Schmitz-Morkramer: Handelsimmobilien gehören fest zu unserem Arbeitsspektrum. Vor etwa zwei Jahren ist uns aufgefallen, dass unsere Entwurfsstudien ins Stocken geraten sind. Wir haben uns gefragt, was passiert da gerade mit dem Handel? Früher wurde noch mehr in Richtung Vertikalisierung des Handels gedacht, um mehrere Geschäfte unter ein Dach zu bekommen. Das hat sich komplett geändert, weil der Handel diese Flächen nicht mehr braucht. Die Chance liegt darin, verschiedenartige Nutzungen in die Häuser zu bekommen: Handel im Unter-, Erd- und ersten Obergeschoss, darüber Büro, Hotel und Wohnen – das befruchtet sich gegenseitig.

Wie schaffen wir es, das Bild von der europäischen Stadt, mit ihrem Zentrum als übergreifendem Treffpunkt und öffentlichem Raum, weiterhin lebendig zu halten? Wer oder was sind die Treiber der heutigen Entwicklung, und was folgt daraus? Caspar Schmitz-Morkramer: Die Digitalisierung ist der entscheidende Faktor, mit dem sich unsere Städte heute auseinandersetzen müssen. Der Markt hat sich grundlegend gewandelt und schafft die Basis für ein Umdenken in den Innenstädten. Um einzukaufen, brauche ich nicht mehr unbedingt in die City zu fahren. Das kann ich inzwischen bequem online erledigen. Das rein lokale Shopping-Gen reicht nicht mehr aus. Folglich sollte es mehr sein als ein Einkaufserlebnis, was mich künftig in die Innenstadt zieht. Die Herausforderung lautet: Wie funktioniert die City 24 / 7? Klaus Burmeister, Sie untersuchen mit Ihrem «foresightlab» die sozialen und ökonomischen Umbrüche der Städte. Hat das Modell der europäischen

I­nnenstädte noch eine Zukunft – oder anders gefragt, brauchen wir unsere Innenstädte überhaupt noch? Klaus Burmeister: Aus meiner Sicht geht es um die Neuerfindung von Urbanität. Historisch betrachtet ist Handel ja nichts weiter als Marktplatz. Markt zeichnet städtisches Leben, die Stadtgesellschaft aus. Austausch, Handel und Kommunikation sind die zentralen Bausteine. Unsere heutige Zeit ist aber von disruptiven Veränderungen, von neuen technologischen Möglichkeiten, von neuen kommunikativen Fähigkeiten, von anderen Arbeitsformen und neuen Möglichkeiten des Einkaufens geprägt. Das stellt natürlich die Stadt, den Markt und den Handel vor neuartige Anforderungen. Aber ich würde gerne den Blick weiten. Es geht hier für mich nicht allein um den Handel, sondern um ganz fundamentale Dinge. Früher gab es einmal so etwas wie die «Kreuzberger Mischung» – vorne Wohnen, hinten Arbeiten. Genau um diese Form urbaner Mischgebiete geht es! Wir müssen über die Lärmvorschriften, über die Baunutzungsverordnung hinausgehen und

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experimentell Innenstadt und Quartiere wieder zu lebendigen Austausch-Orten machen. Meine Grundthese lautet, dass seit dem 19. Jahrhundert im Handel keine grundlegenden Innovationen mehr stattgefunden haben.

«Das Regionalprinzip, also lokales Wirtschaften, ist auf dem Vormarsch ... » Klaus Burmeister: Viele Metropolen sind jedoch zu teuer und kaum mehr für normale Bewohner bezahlbar. Die sind in meinem Verständnis auch nicht mehr lebendig. Sie folgen dem Konzept der Global Cities, sie sind Knotenpunkte in finanziellen Transaktionsnetzwerken. Andere Städte werden mehr und mehr zu einer Art Disneyland, wo man Eintritt bezahlt. Der weltweite Massentourismus, aktuell forciert durch chinesische Touristen, wird viele Städte und Regionen noch einmal standardisieren. Weitere Veränderungen bewirken die plattformbasierten Unternehmen mit ihren digitalen Geschäftsmodellen, die alles das

Die Herausforderung lautet: Wie funktioniert die City 24 / 7?

noch einmal verstärken, was wir hier an negativen Entwicklungen für die City genannt haben – nämlich, dass inhabergeführte Geschäfte aufgeben, Ketten übernehmen und damit Vielfalt eher verschwindet. Caspar Schmitz-Morkramer: Das tolle Beispiel, wie sich die geschilderten Probleme lösen lassen, kann ich auch nicht aus dem Hut zaubern. Aber ich sehe, dass es eine ganze Reihe neuer, interessanter Konzepte gibt. In Rotterdam werden zum Beispiel auf Dächern Lebensmittel angebaut und professionell vermarktet. Das Regionalprinzip, also lokales Wirtschaften, ist auf

 Illustration: caspar

Hat sich das, was hier gefordert oder gewünscht wird, nicht längst in den unterschiedlichen Quartieren der Städte entwickelt – wo dezentral einkaufen, flanieren, sich treffen möglich ist, vielfältige Gastronomie, Bistros und Cafés zum Verweilen einladen? Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Rolle der Innenstadt? Caspar Schmitz-Morkramer: Wir brauchen beides – das Quartier und die City. Die Quartiers-Entwicklung finde ich klasse. In den Stadtquartieren sind die Mieten deutlich niedriger als in der City – das wird auch so bleiben. Das schafft Raum für Experimente. Es ist bedauerlich, dass es die ganzen inhabergeführten Geschäfte aufgrund des Mietniveaus in den Citylagen nicht mehr gibt. Die grossen Städte werden immer mehr zu Touristenmagneten und der Tourismus ist für viele Städte längst ein zentraler Wirtschaftsfaktor. Dabei spielt die Verweildauer eine grosse Rolle, weshalb die Städte in ihre Aufenthaltsqualität investieren sollten: Handel, Gastronomie, Sport, Bildung, Theater, Museen – ein vielfältiger

Mix des gesellschaftlichen Lebens ist für die Stadt entscheidend.

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© AKIM photography

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das «Future-City-Konzept» in Langenfeld, das einen eigenen Weg beschreibt.

dem Vormarsch und trägt zur Belebung des Stadtgeschehens bei. Das ist ein wichtiger Baustein für das Stadtklima und die Verkehrsreduktion. Einen weiteren Impuls wird die Sharing Economy mit ihren neuen Geschäftsmodellen leisten. Oder das gemeinsame Kochen respektive Bekochen, neue Formen der Gastronomie und des Miteinanders. Die Genossenschaft Kalkbreite in Zürich ist ein Beispiel, wo Kunst und Kultur, Wohnen, Arbeiten, Leben gemeinsam gestaltet werden. Eine spannende Form kollektiver Zukunftsgestaltung, die ein ganzes Quartier umfasst. Welche zentralen Impulse ergeben sich aus der Untersuchung Ihrer Studie für die Neubelebung und Gestaltung unserer Innenstädte? Caspar Schmitz-Morkramer: Gewisse Dinge wird der Markt regeln, weil das bisherige Modell des Handels sich überholt hat. Wir spüren dies ganz deutlich auch bei unseren Auftragsarbeiten und Umstrukturierungsaufgaben für Handelsunternehmen. Wir denken dabei nicht mehr in reinen Handelshäusern – das ist ganz klar. Wir denken nur noch im Mix, nur noch in flexiblen Strukturen, um mit den Häusern veränderungsfähig zu sein. Klaus Burmeister: Auch wenn es ketzerisch klingen mag: Der stationäre Handel hat es oft versäumt, sich mit den technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen rechtzeitig und systematisch zu beschäftigen, und so sein Dilemma selbst mitbefördert. Es gibt kleinere interessante Gegenbeispiele, zum Beispiel Wuppertal, die ja ganz tief unten waren. Hier haben sich die Händler vor Ort zu Einkaufsgenossenschaften zusammengetan. Es gibt

Das klingt vorsichtig optimistisch. Klaus Burmeister: Es gibt aber drückenden Handlungsbedarf. Wir müssen die drohende Spaltung der Stadtgesellschaft aufhalten. Die europäische Stadt steht doch für Ausgleich und Zusammenhalt. All das strahlt letztlich auch auf die City ab. Deshalb brauchen wir den Blick auf die ganze Stadt. Projekte, die Handel, lokale Produktion, unternehmerisches Handeln, Kunst und Kultur, Wohnen und Arbeiten unter einem Dach miteinander verbinden. Eine Aufbruch- und Start-up-Mentalität, die Bewegung in die verkrusteten Strukturen bringt. Hier könnten Architekten und Designer im Verbund mit Handelskonzernen, Entrepreneuren und Stadtentwicklern zusammenarbeiten und Neues entwickeln. Caspar Schmitz-Morkramer: Die Bereitschaft, sich zu öffnen, ist nach wie vor gering. Man sieht den «Angriff» durchs Internet, man ist fast paralysiert, reagiert mit Kritik – kommt aber nicht in die Offensive. Der Online-Handel kann es aber letztlich auch nicht sein, denn der ist ja alles andere als innovativ. Bestellen von zu Hause aus konnte man schon vor mehr als 50 Jahren, zum Beispiel mit dem Otto-Katalog. Das wird sich mit der Zeit wieder einpendeln und löst kein wirkliches Problem für unsere Städte. Im Gegenteil, wenn wir die Zunahme des Lieferverkehrs mitbedenken. Ihre These «Urbanität neu erfinden» teile ich. Der Handel wird sich neu erfinden, neue Formen des Erlebens und des Miteinanders in der Stadt schaffen müssen.

«Wir müssen die drohende Spaltung der Stadtgesellschaft aufhalten ... » Wie etwa mit dem wegweisenden Beispiel der Markthalle in Rotterdam? Caspar Schmitz-Morkramer: Genau. Wir haben das vor rund zehn Jahren in Düsseldorf thematisiert – erweitert um Gastronomie und Veranstaltungsbereiche, damit das Leben dort rund um die Uhr

stattfinden kann. Bei uns wäre zum Beispiel eine Nutzung mit Wohnen in oder über einer Markthalle, wie in Rotterdam, gar nicht möglich. Hier stehen wir uns mit unseren Bauvorschriften einmal mehr im Weg und versperren notwendige Entwicklungen. Das Gleiche sehen wir bei der durch die Digitalisierung möglichen Rückkehr von Industrie und Handwerk in die City. Das Wichtigste ist: Mut zur Veränderung! Wenn wir mehr Urbanität erzeugen wollen, brauchen wir Dichte. Wir müssen die verschiedenen Nutzungen in der Stadt wieder zusammenbekommen. Klaus Burmeister: Wir brauchen Innovationen, was im eigentlichen Sinne schöpferische Zerstörung meint. Wir müssen alte Konzepte überwinden und neu denken. Gerade feiern wir das 100-Jahr-BauhausJubiläum. Wenn ich mir heute die Bauhaus-Architektur im Wohnungsbau anschaue – zum Beispiel in Berlin –, dann empfinde ich das als topaktuell. Brauchen wir nicht, könnte man fragen, so etwas wie ein Bauhaus 4.0 – wir müssen doch gar nicht bei null anfangen? Wie kriegen wir so etwas in den städtischen Diskurs, in einen übergreifenden Wettbewerb der Ideen, einen Innovationswettbewerb auch für Investoren und erzeugen eine Lust auf Gestaltung? Das wäre für mich ein grosses Ziel für die Aufgaben, die noch auf uns zukommen. Caspar Schmitz-Morkramer: Wir werden die notwendigen Veränderungen nur schaffen, wenn alle Beteiligten an einen Tisch kommen. Wir als Architekten und Stadtplaner haben die grosse Chance, diesen Prozess zu moderieren und zu gestalten. Die Gesellschaft hat sich deutlich verändert. Es geht nicht mehr so sehr um Besitzstand, es geht vielmehr darum, die Vernetzung hinzubekommen.

CASPAR SCHMITZMORKRAMER ist Gründer und Inhaber von caspar. www.caspar.archi

KLAUS BURMEISTER ist Zukunftsforscher und gründete 2014 das foresightlab. www.foresightlab.de

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ARCHITEKTUR

Das leichte hölzerne Aussengerüst auf der Fassade erfüllt viele praktische Funktionen.

PREIS FÜR «LICHTSPIEL-FASSADE» NORWEGISCHES BAUPROJEKT GEWINNT PRESTIGETRÄCHTIGEN AWARD von Anna Meister

Das Jahr startet gut für Kebony: Der norwegische Holzhersteller gewann bei den prestigeträchtigen Surface Design Awards 2020 in der Kategorie «Housing Exterior». Die Auszeichnung würdigt das innovativste Design und die Verwendung von Materialien in Bauprojekten auf internationaler Ebene. Die Einsendungen werden nach dem Materialeinsatz, der Art der Oberfläche und der ästhetischen Gestaltung des Projekts beurteilt. Seite 58 // bauRUNDSCHAU


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as auffälligste Detail des Künstlerhauses, das leichte hölzerne Aussengerüst auf der Fassade, ist nicht nur dekorativ, es erfüllt auch verschiedene praktische Funktionen. «Die Dielenstruktur der Verkleidung erzeugt ein komplexes Spiel aus Licht und Schatten, durch dessen Tiefe man das Gefühl bekommt, unter einem Baum zu sitzen», betonen die Architekten. Gleichzeitig lässt das Gitter viel Licht herein und lenkt das Auge auf den ausgesparten Bereich auf der Rückseite, deren gläserne Wände einen beeindruckenden Blick auf

das felsige Ufer und die Nordsee gewähren. Nachts, wenn das Haus beleuchtet ist, wirkt die Holzfassade wie ein Sichtschutz und gewährleistet die gewünschte Privatsphäre. Kebony wurde bereits 2018 in zwei Kategorien bei den Surface Design Awards ausgezeichnet.

FÜGT SICH HARMONISCH EIN Auf einer Insel an der Südküste Norwegens haben die Architekten vom Atelier Oslo eine bemerkenswerte Zuflucht geschaffen, die sich harmonisch in die felsige Uferlandschaft

fügt. Alle hölzernen Aussenkonstruktionen, vom kleinen Steg mit Treppe am Eingang über das lichtdurchflutete Flachdach bis hin zum kunstvollen Rahmengerüst, wurden mit nachhaltigen Kebony-Character-Dielen realisiert. Für alle äusseren Holzelemente wurde Kebony-Character eingesetzt. Die spezielle Kebony-Technologie macht aus FSC-zertifiziertem Weichholz widerstandsfähiges, langlebiges Hochleistungsholz, das kaum gewartet werden muss und sich optimal für Bauprojekte in rauen Küstenregionen eignet. Mit der Zeit ­entwickelt das

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ARCHITEKTUR

dunkelbraune Holz eine natürliche silbergraue Patina und passt sich dadurch weiter an das felsige Territorium an. Die Aufgabe für das Atelier Oslo war denkbar konkret: Zwei Künstler wünschten sich einen friedlichen Rückzugsort auf einer kleinen Insel an Norwegens Südküste, an dem sie in Ruhe nachdenken, neue Ideen entwickeln und arbeiten konnten. Das Gebäude sollte hell, besinnlich und naturnah gelegen sein. Diesen Vorgaben folgend, kreierten die Architekten einen ausgefallenen Komplex aus Holz, Glas und Beton, der die Grenzen von innen und aussen auf bemerkenswerte Weise verschwimmen lässt.

VON TAGESLICHT GEFLUTET Von einem Felshügel aus führt ein Steg mit Treppe aus Kebony-Holz zum Eingang und markiert den Übergang zur Bleibe auf der Insel. Dahinter wartet ein grosszügiger, ­offener Innenraum mit Böden und Treppen aus Beton, die das Innere des Gebäudes mit der äusseren Felslandschaft verbinden und dadurch den Eindruck erwecken, Teil der Natur zu sein. Die Hülle des Hauses besteht aus einer vorgefertigten Holzkonstruktion, die nachträglich auf den fertigen Böden platziert und verankert wurde. Durch die Glaswände und die Oberlichter, die in das ausgeklügelte Muster der hölzernen Decke integriert wurden, gelangt zu jeder Tageszeit Licht in die Innenräume. Privatsphäre durch das beleuchtete Aussengerüst.

Aus den Betonböden wachsen Küche, Bad und Kamin, um den Bewohnern wie auf dem Felsen liegende Möbel zu dienen. Kurze Treppen führen zu kleinen Plateaus, die als Entspannungs- oder Arbeitsnischen genutzt werden können. «Die Betonböden und Treppen lösen die Trennung von innen und aussen auf», erklären die Architekten. «Der Innenraum wird Teil der Landschaft, und das Gehen in und um das Haus wird zum einzigartigen Erlebnis, bei dem die unterschiedlichen Qualitäten des Standorts Teil der Architektur werden.» Als Grenze zum Nachbargebäude wurde ein kleiner Anbau ergänzt, der einen weiteren geschützten Aussenraum bietet. So wird das Künstlerheim zum eleganten Detail der Insel.

ANNA MEISTER ist Redaktorin bei bauRUNDSCHAU. Ein wundervoller Blick auf Felsen und die Nordsee.

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Mehr als Licht. TRIVALITE kombiniert die Vorteile der LED-Technik mit der präzisen Steuerung durch eine leistungsfähige Sensorik. Die intelligenten Leuchten vernetzen sich selbständig miteinander und die Schwarmintelligenz sorgt für eine energieeffiziente Beleuchtung. Licht nur dann, wenn Sie es brauchen, so viel und so lange wie nötig. TRIVALITE reduziert den Planungsaufwand und eignet sich ideal für Renovationen, Nachrüstungen und Neubauten. Bis zu 94 % Energieeinsparung, die intuitive Inbetriebnahme via App, als auch die Servicefreundlichkeit überzeugen Bauherren und Fachleute gleichermassen.

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ARCHITEKTUR

HIPPSTES HOCHHAUS WAHRZEICHEN FÜR URBANE WOHN- UND LEBENSWELTEN von Manuela Olgiati

© ATP/Becker

Zeitlos und elegant von aussen, qualitätsvoll und funktional im Inneren – der von ATP architekten ingenieure, München, integral geplante IN-Tower prägt mit seiner extravaganten schwarz-weissen Fassade die Skyline von Ingolstadt. Für die hochwertige und geschickte Grundrissplanung erhielt der Tower 2019 als eines der 30 besten Wohnungsbau-Projekte Deutschlands eine Auszeichnung in der Kategorie «Wohnhochhaus».

Das imposante Hochhaus ist inzwischen ein Wahrzeichen von Ingolstadt.

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© ATP/Becker

ARCHITEKTUR

Das Gleichgewicht zwischen kosmopolitischer Urbanität und authentischem Charme halten.

Mit diesem Projekt gewann ATP München 2014 den Realisierungswettbewerb als eines von fünf geladenen Büros. Der IN-Tower besteht aus einem schlanken Hochhaus und einer breiten, viergeschossigen Sockelzone mit Lobby und Shops. Mit Building Information Modeling (BIM) konnte ATP das stringente Entwurfskonzept mit der Vorgabe einer maximalen Flächennutzung bei hoher Wirtschaftlichkeit des Projekts zu marktüblichen Herstellungskosten erfolgreich realisieren. «Ein Hochhaus ist immer eine besondere planerische Herausforderung. Nicht nur statisch, sondern auch funktional, haustechnisch und wirtschaftlich», sagt Gesamtprojektleiter André Lyashenko von ATP architekten ingenieure, München.

bekannt für ihre gemütliche und traditionelle Lebensart. Doch dies ist nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen liegen einzigartige Einkaufswelten und ein starkes, kontinuierliches Wachstum. Wie kaum ein anderer aufstrebender Standort hat sich die Stadt seine alten Werte bewahrt und schafft spielend das Gleichgewicht zwischen kosmopolitischer Urbanität und authentischem Charme. Im Stadtteil Nordwest zeigt sich dies insbesondere an der perfekten Mischung aus hervorragender Verkehrsinfrastruktur, Nähe zur historischen Altstadt und Naherholung im Stadtpark.

HORIZONTAL GEGLIEDERT Das Wohnhochhaus besteht auf Basis eines bestehenden vorhabenbezogenen Bebauungsplans mit strikt einzuhaltenden, sehr engen Vorgaben, wie fixe Höhe und Aussenmasse des Turms sowie eine horizontale Gliederung der Fassade. Gerade deshalb passt sich das imposante Gebäude perfekt in die Landschaft ein. Neben einer gewerblichen Nutzung im Erdgeschoss waren schon zu Beginn sowohl für den Sockel als auch für den Turm Wohnungen im gehobenen Segment mit hochwertiger Ausstattung vorgesehen. «Knapper Wohnraum

© ATP/Becker

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ber 50 Meter bahnt sich der Wohnturm seinen Weg in die Skyline Ingolstadts, während der Sockelbau die Höhe der Umgebungsbebauung aufgreift. Oben ein neues Wahrzeichen der Stadt, mit markant geschwungener Architektur dem Himmel nahe. Unten das Fundament einer neuen Ära des Lebens und Wohnens. Das Angebot an modernem Wohnraum folgt dem facettenreichen Konzept des IN-Towers in urbanen Räumen.

URBAN UND AUTHENTISCH Der IN-Tower bietet in mehrfacher Hinsicht neue Perspektiven in Ingolstadt. Die Residenz-, Universitäts- und Festungsstadt ist

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© ATP/Becker

ARCHITEKTUR

Durch die ausgeklügelte Verschiebung des Gebäudekerns ins Turminnere sind Eigentumswohnungen mit beliebig gestaltbaren Wohnräumen entstanden.

fordert vertikale Lösungen und flexible Grundrisse», erklärt Florian Beck, Head of Design bei ATP München.

fast zwei Kilometern Länge um das Gebäude schlingen und es damit scheinbar in ein dynamisches Kleid hüllen.

ATP erfüllt mit der skulpturalen Fassadengestaltung ebenso funktionale Anforderungen. Darüber hinaus beschloss das Team, auch weitere wesentliche Aspekte zur Grundrissoptimierung und Wohnraumverbesserung anzugehen. Die wichtigste Veränderung war, dass – trotz des vorgegebenen schlanken Querschnitts des Turms von 16 mal 16 Meter – der Erschliessungskern nach innen gelegt wurde. Dadurch erhielten alle Wohnungen maximale Fensterflächen. Die Bäder wurden nach aussen verlagert, um über die Fenster Tageslicht und Frischluft zu erhalten. Nach diesem Konzept ist der Blick ins Freie bzw. in die Ferne bereits vom Zugangsbereich der Wohnungen aus möglich – und damit der Vorteil eines Hochhauses optimal genutzt.

Das Konzept der «variierenden Balkone» ist eine Metapher für die Flexibilität der Wohnungsgrundrisse und hat zudem den Zweck, Licht und Schatten gleichmässig in alle Wohnungen zu verteilen. Die Balkone bestehen aus glatten, weissen Betonfertigteilen. Sie stehen damit in Kontrast zu der rauen, dunkelgrauen Besenstrich-Putzfassade. Im Spiel von Licht und Schatten, hervorgerufen durch die unterschiedlich tiefen Auskragungen der Fassade, entwickelt der Turm einen bewegten, skulpturalen Charakter. «Die skulpturale Form des IN-Towers mit seinen geschwungenen Balkonen hatte tatsächlich mehr einen baurechtlichen und funktionalen Hintergrund als einen formalen», sagt Florian Beck.

MODERN UND ZEITLOS

RAUMPROGRAMM – GESCHICKTE GRUNDRISSPLANUNG

Bei der Umsetzung lag das Augenmerk auf einer modernen, zeitlosen Gestaltung im städtebaulichen Kontext. Oberste Priorität hatte der Erfolg des neuen eingeschlagenen Wohnraumkonzeptes der Stadt. Die Ästhetik des Towers basiert auf seiner schlanken städtebaulich wirksamen Silhouette und seinen weissen Balkonen und Brüstungen, die sich wie bewegte horizontale Bänder auf

Die atemberaubende Aussicht auf die historische Altstadt bildet ein Alleinstellungsmerkmal des IN-Towers am Immobilienmarkt. Das flexible Grundrisskonzept ermöglicht unterschiedliche und qualitativ hochwertige Wohnungsgrössen – vom 48-Quadratmeter-Appartement bis zur weitläufigen 170-Quadratmeter-Etagenwohnung –, ein vertikales Schachtkonzept

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sorgt für den flexiblen Ausbau von Nassräumen und Küchen in verschiedenen Varianten. Die bis zu circa drei Meter herausschwingenden Balkone vergrössern den Wohnraum zusätzlich. Eine klug platzierte Haustechnik und Tragwerksplanung ermöglichen zudem, die Wohnungen zu grosszügigen Eigentumswohnungen auszubauen und zusammenzulegen.

ALS BESTES WOHNHOCHAUS AUSGEZEICHNET Das besondere Lebens- und Wohngefühl des IN-Towers wurde im Oktober 2019 vom Callwey Verlag prämiert. Als eines der 30 besten Wohnungsbau-Projekte Deutschlands erhielt das Gebäude eine Auszeichnung in der Kategorie «Wohnhochhaus.» «Die geschickte Grundrissplanung im Wohnungsbau zählt zu den wichtigsten Bauaufgaben der Gegenwart», sagt Florian Beck. «Die gelungene Umsetzung dieser – auch städtebaulich – verantwortungsvollen Aufgabe ist das Ergebnis unserer integralen Planungskultur.»

MANUELA OLGIATI ist Redaktorin bei bauRUNDSCHAU. www.atp.ag


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Entwicklung - Planung - Innenarchitektur - Raumgestaltung - Lichtdesign Wohnbauten - Hotels - Studentenwohnungen - Alterszentren - Umbauten

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ARCHITEKTUR

LUFT NACH UNTEN DER WEG ZUM NACHHALTIGEN GEBÄUDE von Lone K. Halvorsen

© ATP / Becker

Das neue Headquarter von Markas in Bozen wurde integral mit BIM von ATP architekten ingenieure geplant. Das städtebaulich bedeutsame Hochhaus ist das erste Gebäude Italiens mit der international anerkannten WELL-Zertifizierung (GOLD) und zeichnet sich durch einen gut proportionierten Baukörper aus, der – ungewöhnlicherweise nach unten – «mitwachsen» kann und nicht nur aus diesem Grund viele grüne Seiten hat.

Ein markanter Baustil als architektonische Bereicherung für Bozen.

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ARCHITEKTUR

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© ATP / Becker

as international erfolgreiche Dienstleistungsunternehmen Markas stand vor der Herausforderung, mehr Platz für künftige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu schaffen. Im strengen Korsett der städtebaulichen Vorschriften mit den strikten Vorgaben des Bebauungsplans überzeugte die Entwurfsidee von ATP Innsbruck, die das erwartete Wachstum des Unternehmens elegant mitdachte.

TOP DOWN VON OBEN NACH UNTEN Aufgrund des weithin einsehbaren Grundstückes mit direkter Innenstadtanbindung und dem Wunsch nach städtebaulicher Eleganz entschied man sich für einen «TopDown-Ansatz», der den Bebauungsplan klug interpretiert. «Unsere Grundidee war es, die maximal zulässige Bauhöhe von 40 Metern sowie die insgesamt mögliche Kubatur im Entwurf mitzudenken und trotzdem noch Kubaturressourcen für spätere Erweiterungen zu ermöglichen», erklärt Paul Ohnmacht, Head of Design bei ATP Innsbruck, das Konzept. «Hätten wir einen konventionellen Tower in dieser Höhe für die derzeit zulässige Kubatur entworfen, wäre das Ergebnis ein zu schlanker Turm mit unwirtschaftlichen Grundrissen gewesen.» Unter «Top Down» ist bei diesem Projekt tatsächlich eine Planung «von oben nach unten» zu verstehen: Die Büro- und Arbeitsflächen starten in der aktuellen Ausbaustufe in etwa 20 Metern Höhe, im sechsten der zehn Obergeschosse, wobei eine Verdichtung nach unten zukünftig möglich ist. Derzeit finden die «Luftgeschosse» als Raumreserve und Erholungsflächen für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ihre Bestimmung.

VERKNÜPFUNG ÄSTHETIK UND FUNKTIONALITÄT Die v-förmige, massive Fassadenstruktur bildet in Kombination mit den zentralen technischen Erschliessungstürmen das Tragwerk. «Ein Hybrid aus Stahlbeton und eingegossener Stahlkonstruktion trägt an den Knotenpunkten das gesamte Gebäude. Die innenarchitektonische Flexibilität bleibt mit Trennwandanschlüssen in jeder Fensterachse gegeben, ein automatisierter Sonnenschutz sorgt für das perfekte Raumklima im Gebäudeinneren», erklärt Architekt Stefan Köll das Tragwerk des luftigen Gebäudes. Ein statisch durchdachter Vorteil für das Open Office, denn so stören keine zusätzlichen Stützen die Harmonie und Ästhetik der flexiblen Räume. Die Tragwerksplaner mussten bereits in der frühen

Das Tragwerk des luftigen Gebäudes ist sehr stabil.

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ARCHITEKTUR

Planungsphase ein starkes Augenmerk auf Brandschutz, Kältebrücken und statische Bewegungen legen. Schliesslich kann die Bozner Aussentemperatur zwischen Sommer und Winter um bis zu 50 Grad schwanken, während die Innentemperatur jedoch annähernd konstant zu halten ist. Das Headquarter vereint somit alle Komponenten eines Hochhauses und eines modernen Arbeitsumfelds. Der SCC-Sichtbeton ist dunkel eingefärbt und setzt die prägende Fassadenstruktur in Kontrast zu den Putzoberflächen der tragenden Erschliessungskerne und der vertikalen Begrünung mit Grossbäumen und Rankpflanzen. Die Stahlschalung wurde eigens für diese Struktur angefertigt – keine leichte Aufgabe –, die sich jedoch sichtlich bezahlt machte.

SYMBIOSE VON ARCHITEKTUR UND NATUR Neben Parkflächen in zwei Untergeschossen und einem offenen Erdgeschoss verfügt der 40 Meter hohe Turm über mehrere ausgebaute Geschosse: In 14 Metern Höhe befindet sich ein zweigeschossiger Dachgarten, der über eine Wendeltreppe mit der Kantine verbunden ist, sowie im Anschluss nach oben vier Bürogeschosse. Ein extrovertierter Eingang aus Grün- und Wasserflächen im Verbund mit dem grosszügigen gläsernen Foyerbereich erwartet die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, und darunter verbergen sich zwei Tiefgaragen für die Pendler und Pendlerinnen. Anders als die zentrale Lage am Rande der Innenstadt vielleicht vermuten liesse: Von hektischem und stressigem Arbeitsgetümmel ist hier keine Spur. Der grosszügige Vorplatz ist mit bis zu acht Meter hohen Eiben und Rotföhren bewaldet. Die Bäume ragen durch die Luftgeschosse des Gebäudes empor und bilden eine Symbiose mit der Architektur. Ein Wasserbecken wertet diese Atmosphäre noch auf und dient als Klimaregulator. Auf rund 14 Metern Höhe finden die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einen offenen, intensiv bepflanzten Grünraum – eine biologische Klimaanlage und Ruheoase. Der üppig bepflanzte Garten im vierten Obergeschoss ist über eine Wendeltreppe direkt mit dem darüber liegenden Kantinen- und Cafeteriabereich verbunden. Im Frühling stehen die Glyzinien der Firma «plattergardens» in voller Blüte und verströmen weit um ihren Frühlingsduft. Auch für Veranstaltungen, After-Work-Drinks oder Teammeetings ist der «hängende Garten» letztlich ein Ort, der die Menschen

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Die Themen Hochhaus und zeitgemässes Arbeitsumfeld kommunizieren miteinander.


© ATP / Becker

© ATP / Becker

ARCHITEKTUR

Hängende Gärten sind der Rahmen für eine angenehme und ungewöhnliche Atmosphäre.

zusammenbringt. ­Christoph Kasslatter, CEO von Markas, legte besonderen Wert auf die innovative Interpretation des Bebauungsplans für Bürogrundrisse jeglicher Arbeitswelt und Typologie auf einer Bruttogrundfläche von 986 Quadratmetern: «Eine grosse Neuerung ist das schlüssige und vor allem effiziente Raumkonzept, das genau auf die Bedürfnisse der einzelnen Abteilungen abgestimmt ist.» Um allen Bedürfnissen gerecht zu werden, wurden auf Wunsch des Bauherrn insbesondere die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aktiv in den Planungsprozess mit einbezogen.

GESUNDHEIT UND WOHL­ BEFINDEN AM ARBEITSPLATZ Bei einer kleinen Tour durch die hellen Büros verspürt man vor allem eines: Behaglichkeit. Dafür sorgten die Planer und Planerinnen, die sich für die Raumtemperierung etwas Besonderes ausgedacht haben: die Kombination von zonenweise umschaltbaren Niedertemperatursystemen in Form von Heiz- und Kühldecken mit einer kontrollierten mechanischen Lüftung, die über Bodenauslässe und -konvektoren die konditionierte Luft bedarfsgerecht in die Räume einbringt. Dadurch und in Kombination mit einer Reihe weiterer Massnahmen erfüllt das Gebäude die Kriterien des internationalen WELLZertifikats für Gesundheit und Wohlbefinden am Arbeitsplatz. Besonders effizient ist die Aussenluftansaugung im Bereich der intensiv bepflanzten und verschatteten

Aussenanlagen mit Wasserbecken, wo deutlich günstigere Luftansaugbedingungen herrschen als im Dachbereich. Die Kombination aus weiteren Energieeffizienzmassnahmen mit dem Einsatz einer Wärmepumpe in der Nähe einer kompakten und optimierten Dachtechnikzentrale ermöglichte die Erreichung der Klimahaus-AZertifizierung in Südtirol. Betrieb und Wartung der haustechnischen Anlagen werden durch CaFM (Computer-aided Facility ­Management) in Verbindung mit dem digitalen Gebäudezwilling unterstützt.

PROJEKTDATEN • Bauherr: Markas GmbH, Bozen, Italien

• Ort: Bozen, Italien

• Bruttogrundfläche: 13’260 Quadratmeter

• Bruttorauminhalt: 66’378 Quadratmeter

• Integrale Planung: ATP architekten ingenieure

LONE K. HALVORSEN ist Redaktorin bei bauRUNDSCHAU. www.atp.ag

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Die Wohnsiedlung Strättligen in Thun hat das Zertifikat erhalten.

THUNER NATUR ÜBERZEUGT WOHNSIEDLUNG STRÄTTLIGEN IST ZERTIFIKATIONSTRÄGERIN von Anna Meister

Die Immobiliengesellschaft IMMOSIP wurde Anfang März 2020 für die naturnahe Gestaltung der Wohnsiedlung Strättligen in Thun mit dem Label der Stiftung Natur & Wirtschaft ausgezeichnet. Solche Beispiele verdeutlichen wie das Thema grüne Nachhaltigkeit in urbanen Zentren an Bedeutung gewinnen kann. Seite 70 // bauRUNDSCHAU


ARCHITEKTUR

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ie Wohnsiedlung Strättligen in Thun ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie die Natur in unseren Wohnraum integriert und gefördert werden kann. Mehr als 60 Prozent des Areals sind naturnah gestaltet und fast ausschliesslich mit einheimischen Arten bepflanzt. Für die Bewohnerinnen und Bewohner der Siedlung ist die Hügellandschaft, unterbrochen durch Spielund Ruheplätze, der perfekte Ort, um die Natur direkt vor der Haustür zu geniessen.

EINSATZ FÜR MEHR NATUR Die 1995 gegründete Stiftung Natur & Wirtschaft fördert die naturnahe Planung und Gestaltung von Firmenarealen, Wohnsiedlungen, Schulanlagen, Kiesabbaustellen und neu auch Privatgärten. Sie zeichnet vorbildliche Areale mit einem national anerkannten Label aus und unterstützt Interessierte bei der Planung und Realisierung ihres naturnahen Areals. Mehr als 470 Institutionen aus allen Branchen sind aktuell zertifiziert. Das ergibt eine Naturfläche von beeindruckenden rund 40 Millionen Quadratmetern.

Die von Steiner & Partner Landschaftsarchitekten GmbH geplante Umgebung ist mehrheitlich naturnah gestaltet.

HOT-SPOT DER BIODIVERSITÄT Naturnah gestaltete Areale sind von grosser Wichtigkeit für die einheimische Biodiversität. Viele der ausgezeichneten Flächen sind wahre Hot-Spots der Artenvielfalt. So sind beispielsweise sämtliche in der Schweiz bedrohten Amphibienarten auf den zertifizierten Arealen zu finden. Auch die Mitarbeitenden, die Anwohnerinnen und die Kinder profitieren von einem belebten, naturnah gestalteten Aussenraum.

Ein Blick ins Grüne oder ein Spaziergang in der Natur sorgt für positivere Stimmung und entspannt. Zudem verbessert es die Lern- und Gedächtnisleistung und macht leistungsfähiger.

ANNA MEISTER ist Redaktorin bei bauRUNDSCHAU. www.naturundwirtschaft.ch

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Ausgabe 02/2020 // Seite 71


Es ist nötig, das Stadtgrün in Planungsrecht und Planungspraxis zu stärken.

NOCH NICHT AUSGESCHÖPFT MEHR GRÜN FÜRS STADTKLIMA von Bertram Fleischer

Unsere Städte stehen vor grossen Herausforderungen. Immer mehr Menschen leben auf immer engerem Raum. Steigender Nutzungsdruck und sich ändernde Klimabedingungen belasten die Stadtbevölkerung, aber auch das Stadtgrün. Dabei sind es gerade die Pflanzen und Gehölze, die die negativen Effekte von Feinstaub, trockener Luft und Hitzestau abmildern können. Zudem mit den Produkten und Dienstleistungen des Gartenbaus werden private und öffentliche Räume lebenswerter. Die Herausforderungen beziehen sich auf Deutschland, sind aber auch auf die Schweiz übertragbar.

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ie Bundesgartenschau (BUGA) im vergangenen Jahr in Heilbronn (D) hat eindrucksvoll gezeigt, wie sich Städte künftig entwickeln müssen, um für den Menschen lebenswert zu sein. Dort wurde die Gartenschau mit einem Städtebauwettbewerb verbunden und ein neues grünes Wohnquartier geschaffen. Ob in Parks oder Alleen, auf Friedhöfen oder in der Gebäudebegrünung – urbanes Grün fördert die Biodiversität, mindert die Klimafolgen und schafft gesunde Lebens- und Erholungsräume. Pflanzen und Gehölze sind dabei die gärtnerischen Bausteine, um neue Räume in der Stadt zu schaffen.

Seite 72 // bauRUNDSCHAU

POLITISCHE SIGNALE NÖTIG Visionen brauchen Konzepte und Entscheidungen sowie Rückendeckung aus der Politik. Die vielfältigen Möglichkeiten des Stadtgrüns von der Dach- über Fassadenbis Innenraumbegrünung werden nicht ansatzweise ausgeschöpft. Im «Weissbuch Stadtgrün», das das deutsche Bundesumweltministerium 2017 veröffentlicht hatte, werden wichtige Handlungsfelder aufgezeigt. Dazu zählt unter anderem, Stadtgrün in Planungsrecht und Planungspraxis zu stärken. Die Erkenntnisse des Weissbuches mündeten nicht zuletzt im neuen Programm «Zukunft Stadtgrün» innerhalb

der Städtebauförderung, das mit 50 Millionen Euro jährlich ausgestattet und gut abgerufen wurde. Die neuesten Entwicklungen in der Städtebauförderung sind allerdings ernüchternd. So ist das Förderprogramm «Zukunft Stadtgrün» kein eigenständiger Titel in der Städtebauförderung mehr. Der Entwurf der Bundeskompensationsverordnung verzichtet ausserdem darauf, den urbanen Raum bei Ausgleichsmassnahmen zu berücksichtigen. Das sind bedauerliche vertane Chancen. Hier braucht es andere wegweisende Entscheidungen.


WENIGER AUSGABEN Aber bereits mit den derzeitigen Regularien könnten Städte und Gemeinden aktiver werden, als sie es bisher tun. Die aktuelle Warenstromanalyse für Blumen und Pflanzen in Deutschland, die der Zentralverband Gartenbau (ZVG) in Auftrag gab, zeigt aber, dass die Kommunen noch deutlich Luft nach oben haben. Die öffentliche Hand gab 2018 pro Einwohner rund 50 Cent für Neuanpflanzungen von Blumen, Zierpflanzen und Gehölze aus. Das ist deutlich weniger, als bisher für den öffentlichen Bereich angenommen wurde und als die Privatverbraucher tätigen.

BEI PFLANZENWAHL OFFEN BLEIBEN Der ZVG fordert die Entwicklung standortangepasster Konzepte für das Grünflächenmanagement, um den Kommunen bei der Unterhaltung der Flächen ökologisch, ästhetisch und ökonomisch tragfähige Lösungen anzubieten. Die Stadtentwickler stehen vor einer doppelten Aufgabe: Sie müssen mehr Pflanzen und Gehölze in die Stadt bringen und dabei solche, die mit dem Stadtklima zurechtkommen. Die derzeit vielerorts zu beobachtenden Beschränkungen auf einheimische Pflanzen greifen dabei zu kurz. Der Masterplan Stadtnatur

der Bundesregierung beispielsweise setzt ausdrücklich auf Pflanzen. Dabei unterscheidet sich das Stadtklima deutlich von dem im Umland. Veränderte Klima- und Umweltbedingungen stellen zusätzlich neue Herausforderungen an das Stadtgrün, die von Pflanzen aus anderen Klimaten teils besser vertragen werden. Hier müssen Planer und Entscheider offener werden.

PRIVATGÄRTEN ERGÄNZEN Sind die öffentlichen Grünstrukturen unter Druck, gewinnen Verbindungselemente sowie Haus- und Kleingarten zunehmend an Bedeutung. Kritisch ist dabei jedoch die zunehmende Verschotterung von Gartenflächen zu sehen. Hier ist es wichtig, entsprechende Information sowie Anreize für eine insektenfreundliche Bepflanzung zu schaffen. Der gärtnerische Fachhandel vermittelt Pflanzenwissen direkt an die Verbraucher. Um die Betriebe in ihrer Arbeit zu unterstützen, hat der Zentralverband Gartenbau (ZVG) eine neue Broschüre herausgegeben «Mit uns blühts auf». Dort wird erklärt, wie die Kunden auch den kleinsten Raum insektenfreundlich gestalten können. Es ist richtig, Privatgärtner und Stadtbevölkerung einzubeziehen und ihr Engagement auch von Seiten der Politik zu mobilisieren, aber Stadtgrün ist keine

­ rivataufgabe. Private Gärtner und BürgerP initiativen können nur Teil der Lösung sein.

FRIEDHOF TEIL DER GRÜNEN LUNGE Zuletzt sei ein Blick auf einen oft vergessenen Teil der Grünen Lunge der Städte gelenkt: Friedhöfe sind wichtige Grünräume in der Stadt. Sie versorgen die Städte mit Frischluft und transportieren Schadstoffe ab. Die Flächen haben zudem auch wichtige ökologische Funktionen. Die Dichte von Wildbienen und Schmetterlingen auf Friedhöfen ist besonders hoch. Gärtnerbetreutes Grabanlegen wie das prämierte Konzept «NaturRuh» verbindet würdevolle Bestattungen mit der nachhaltigen Förderung der biologischen Vielfalt. Futterstellen, Nistkästen, Insektenhotels und Unterschlupfmöglichkeiten für Tiere wie auch farbenfrohe und insektenfreundliche Staudenbepflanzungen werden hier integriert.

BERTRAM FLEISCHER ist Generalsekretär des Zentralverbandes Gartenbau (ZVG). www.naturundwirtschaft.ch

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EIN SUBTILES GESAMTKUNSTWERK DAS SPORTBAD FRIEDRICHSHAFEN von Werner Ziegelmeier

Wie selten in der Architektur wird in diesem Projekt von Behnisch Architekten (Stuttgart) die Einheit von Farbe, Form und Funktionalität erlebbar. Hier sind grosse Gesten ebenso wichtig wie kleine Details. Die Idee der fliessenden Übergänge in einer zweigeschossigen Bade- und Saunalandschaft wurde hier gekonnt umgesetzt.

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© Agrob Buchtal GmbH / David Matthiessen, Stuttgart

ARCHITEKTUR

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ach dem Umzug der Messe zum nahegelegenen Flughafen entstand auf dem alten Messegelände am Riedlepark neben einem Einkaufszentrum auch ein attraktives Sport- und Freizeit­ areal. Zu dessen vielfältigem Breiten- und Leistungssportangebot gehören etwa eine Tanzschule, eine Karateschule und eine Multifunktionshalle. Letztere dient vor allem als Austragungsort für Sportevents sowie für die Heimspiele des VfB Friedrichshafen in der 1.-Volleyball-Bundesliga und der Champions League. Das im Sommer 2019 eröffnete Sportbad, das sich als Familienund Wohlfühlbad versteht, sich aber auch für den Vereins- und Schulsport eignet, befindet sich genau zwischen Einkaufszentrum und Sportareal. Es präsentiert sich als einladender, feingliedrig-eleganter Neubau, der im heterogenen Umfeld als selbstbewusster Mittelpunkt auftritt.

FLIESSENDE (BADE -)LANDSCHAFT Durch die umlaufenden Glasfassaden gibt sich das Sportbad Friedrichshafen schon von aussen als Badelandschaft zu erkennen, die sich rund um einen mittigen Innenhof entwickelt. Ebenfalls gut ablesbar ist die Aufteilung in einen weitläufigen Badebereich mit Schwimm- und Kinderbecken im Erdgeschoss und ein «intimes», gut strukturiertes Obergeschoss mit Sauna, Gastronomie und Personalräumen. Die Vorstellung der auf zwei Geschossen fliessend ineinander übergehenden Räume findet ihre Entsprechung in einer gleichsam bewegten Architektur. Allein das sorgfältig komponierte Auf und Ab der begrünten Dachflächen mit weit auskragenden Rändern lässt erahnen, wie wichtig den Architekten ein gesamtheitliches Gebäudekonzept war.

SPORTLICH FRISCHE BADEWELT Prägend für das Erscheinungsbild der Badewelt im Erdgeschoss sind insbesondere der hohe Tageslichtanteil, die räumliche Grosszügigkeit und die durchwegs sportlich frische und dennoch unaufdringliche Farbgebung. Die Badegäste sollen sich hier frei und ungezwungen zwischen den offenen Bereichen bewegen können. Wände und Decken erscheinen in samtigem Sichtbeton bzw. mit warmer Holzbekleidung. Sämtliche Schwimmbecken und Beckenumgänge sowie die Böden aller Duschen, Umkleiden und Erschliessungsflächen sind mit farblich fein abgestimmten und genau definierten Fliesenbelägen ausgeführt.

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© Agrob Buchtal GmbH / David Matthiessen, Stuttgart

ARCHITEKTUR

Unweit des Bodensees (oberer Bildrand) entwickelt sich die Badelandschaft auf zwei Ebenen rund um einen mittigen Innenhof. © Agrob Buchtal GmbH / David Matthiessen, Stuttgart

Wesentliches Bindeglied für die nahtlosen Übergänge zwischen den einzelnen Badebereichen sind die einheitlich in Zinkgrau gehaltenen Feinsteinzeug-Bodenfliesen. Ein Mosaikformat findet sich rund um die Schwimmbecken, das ebenfalls mit Keramikfliesen realisiert wurde, und in den Nassbereichen. Zum einen, weil damit die notwendige Rutschhemmungsklasse R11 / B zuverlässig erfüllt wird, zum anderen, weil sich Anschlüsse an andere Bauteile wie Abläufe, Säulen oder Rinnen und Entwässerungsflächen mit diesem Kleinformat leichter und ästhetischer realisieren lassen. Sämtliche Wärmebänke sind nicht zuletzt auch deshalb mit Rundmosaik bekleidet, da ein spezifischer Vorzug dieses Materials darin besteht, sich richtungslos und homogen wie ein keramischer Massanzug an solche geschwungenen Baukörper anzuschmiegen.

DER KREIS ALS ENTWURFSPRINZIP Die organisch geformten Wärmebänke in Seegrün bieten Sitz- und Liegeplätze zum Entspannen. Zugleich setzen sie angenehme Farbakzente und gliedern auch noch en passant die Badelandschaft. Rundmosaik schmückt zudem Wände und Boden des Kinderbeckens. Um den Kleinen dort die nach einer Seite zunehmende Wassertiefe intuitiv zu vermitteln, weist der Boden auf drei Metern Länge einen gleichmässigen Farbverlauf von Aquablau hell zu Aquablau auf. Die Architekten entschieden sich hier nicht nur deshalb für Rundmosaik, weil sich dieses Material besonders zur Bekleidung geschwungener Baukörper eignet, sondern auch weil Kreise im Gebäudekonzept der sanften Übergänge eine tragende Rolle spielen. Als wiederkehrendes Gestaltungselement prägen sie wesentlich das generelle Erscheinungsbild des Sportbads: Neben runden Säulen, Oberlichtern und Leuchten gibt es auch Akustikdecken mit runder Lochung. Selbst die Wandbeschriftungen und die aus Sichtschutzgründen mit Siebdruck versehenen Fensterscheiben greifen die geometrische Form des Kreises konsequent auf.

GEBORGENHEIT UND INTIMITÄT In Bezug auf Formate und Einsatzorte wurden die Bodenfliesen im Saunabereich des Obergeschosses identisch eingesetzt, wie in der Badelandschaft im Erdgeschoss. Einziger Unterschied ist der etwas dunklere Farbton Eisenerz, der zusammen mit dem

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Kreise sind ein konzeptionell elementares und wiederkehrendes Element: Sie finden sich in den Oberlichtern ebenso wieder wie in den seegrünen Wärmebänken (Bildmitte) mit Rundmosaik.

allgemein etwas wärmeren und erdigeren Farbenkanon eine geborgene Raumatmosphäre schafft. Mit grosser Liebe zum Detail komponierten die Architekten die Erlebnisduschen: Der Farbverlauf reicht von Korallenrot über Bronze-Metallic zu Dunkelviolett. Diese differenzierte Dramaturgie vermittelt nicht nur den ästhetischen Genuss eines minimalistischen Konzept-Kunstwerks, sondern sorgt zugleich für den subtil erlebbaren, von den geschwungenen Wänden unterstützten sanften Übergang zwischen heissen Saunen und erfrischenden Duschen. Eine andere, ebenfalls unverwechselbare Farbwelt bietet das Seedampfbad. Mit den Farbtönen Anthrazit und Pur blau sowie aquarellartigen, glänzenden Oberflächen nimmt dieser keramische Wandbelag atmosphärisch Bezug auf die Unterwasserwelt des nahen Bodensees.

FARBE, FORM UND FUNKTION Das Sportbad Friedrichshafen ist ein exemplarisches Beispiel dafür, wie stark die emotionale Wirkung von keramischen Wandund Bodenfliesen sein kann. Die grosse Vielfalt an Farben, Formen und Formaten ist bei diesem Projekt nie Selbstzweck, sondern stets Teil einer sinnlichen ganzheitlichen Gesamtkomposition. Diese lebt

nicht zuletzt von Details, die zunächst kaum auffallen wie beispielsweise die aus Bodenfliesen hergestellten Schriftplatten, die an den Beckenrändern die Wassertiefe anzeigen. Anstatt übliche Edelstahltafeln von der Stange einzusetzen, hatten die Architekten im Sinne eines homogenen Erscheinungsbilds den Wunsch, dafür Fliesen unterschiedlicher Farben zu verwenden. Nach dem Ausschneiden der Ziffern via Wasserstrahltechnik wurden die Teile wieder zusammengesetzt, verfugt und als «keramische Intarsien» mit lässiger Selbstverständlichkeit integriert – einer von vielen Belegen für die gelungene Symbiose aus unaufdringlicher Kreativität und architektonischer Stringenz. Das Ganze ist hier mehr als die Summe der Teile und macht das Sportbad Friedrichshafen zu einem Vorbild für unprätentiöse, aber zugleich einprägsame Baukunst.

WERNER ZIEGELMEIER leitet die Public-Relations-Abteilung der Deutsche Steinzeug AG. www.agrob-buchtal.de www.jasba.de www.behnisch.com


Ist Ihre Heizung fit für die Zukunft? Mit dem neuen MuKEn Wegweiser zu Ihrer individuellen Standardlösung

r.ch e s i e w g we n e k u m w w w. In nur wenigen Klicks zur individuell passenden MuKEn Standardlösung Im Zuge der Schweizer Energiestrategie 2050 definierte der Bund die sogenannten MuKEn: Die «Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich» legen in sogenannten Standardlösungen fest, welche Wärmeerzeuger-Typen bei einer Heizungssanierung ab 2020 verbaut werden dürfen, um die nationalen Klimaschutzziele zu erreichen. Finden Sie jetzt schnell und kostenfrei heraus, welche der MuKEn Standardlösungen für Ihr Wohneigentum in Frage kommt – mit nur wenigen Fragen in unserem digitalen MuKEn Wegweiser.

Verantwortung für Energie und Umwelt

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Seite 78 // bauRUNDSCHAU


ES GRÜNT SO GRÜN ... ZERTIFIZIERTE GÄRTEN IN DER SCHWEIZ von Anna Meister

Es summt und zwitschert auf Wiesen, zwischen Bäumen und Sträuchern, ein Gewässer rundet das ästhetische Bild ab. Doch was genau zeichnet einen naturnahen Garten aus? Die Stiftung Natur & Wirtschaft hat die Kriterien dafür festgelegt: Mindestens 30 Prozent der Fläche müssen naturnah sein. Das bedeutet unter anderem, dass einheimische Pflanzen vorherrschen müssen. Erfüllt ein Garten diese Kriterien, so kann er das Zertifikat «Garten der Zukunft» erwerben. Eine Auszeichnung, die fünf Jahre besteht. Anmelden können sich dafür Privatpersonen wie auch Firmen. Und die Stiftung Natur & Wirtschaft steht den Preisträgern mit Rat und Tat zur Seite, wie sie anschliessend auch die Bevölkerung auf ihr Zertifikat aufmerksam machen kann. Ausgabe 02/2020 // Seite 79


GARTEN

HARMONISCHES ZUSAMMENSPIEL ÄSTHETISCHE GÄRTEN MIT ZERTIFIKAT von Anna Meister

Blumenwiesen statt kahler Rasen, einheimische Bepflanzung statt Exoten – in den Schweizer Gärten soll wieder mehr Lebensraum für einheimische Tier- und Pflanzenarten geschaffen werden. So geschehen im Garten von Kathrin Bärtschi-Schmutz in Wichtrach.

Auf einer Anhöhe gelegen erstrecken sich im Garten von Kathrin Bärtschi-Schmutz 4 000 Quadratmeter voller Biodiversität.

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Eine Oase für alle Sinne ist der Garten in Wichtrach BE.

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lögglifrösche rufen nachmittags zu Dutzenden aus den Steinhaufen heraus, Eidechsen huschen durch den Garten und verstecken sich in den Trockenmauern, im Dachfirst brüten Mauersegler, unterschiedlichste Arten von Wildbienen können beobachtet werden, und überall blüht es in allen Regenbogenfarben. Dieser Garten ist ein Paradies! Vor allem weil er aus vielen unterschiedlichen Lebensräumen besteht: Hecken, Hochstamm-Obstbäume, begrünte Flachdächer, Ast- und Steinhaufen als Unterschlupf für Kleintiere, Trockenmauern, Sandhügel, Wildstaudenbeete, Wandbegrünungen, Brunnen mit Quellwasser, Feucht- und Trockenbiotope, diverse Vogelbrutkästen, die immer belegt sind – alles ist da. Und diese wundervolle Naturlandschaft wird mit Liebe gepflegt und mit nicht versiegender Neugier beobachtet. Besitzerin dieses Gartens ist Kathrin Bärtschi-Schmutz, die nicht nur einen grünen Daumen besitzt, sondern auch ein umfangreiches Erfahrungswissen zur Biodiversität und einen Sinn für Ästhetik hat. All dies trug dazu bei, dass der Garten ein in sich stimmiges, wildes und dennoch ansehnliches Gesamtkunstwerk geworden ist. Solche Biodiversitäts-Perlen wie der «Garten der Zukunft» in Wichtrach im Kanton Bern sind Oasen und kommen leider noch viel zu selten vor. Dabei wünschen sich laut Umfragen 70 Prozent der Bevölkerung einen Garten, in dem sich Schmetterlinge, Vögel und Igel genauso wohlfühlen wie die Menschen. Dies gelingt, indem im

Garten ­natürliche Lebensräume wie Wildstauden und Wildblumenwiesen entstehen. Gepflanzt werden einheimische Bäume und Sträucher statt Exoten.

EINHEIMISCHE ARTEN SCHÜTZEN Das Hauptkriterium des Zertifikats «Garten der Zukunft» lautet: Mindestens 30 Prozent der Fläche müssen naturnah sein. Das heisst: unversiegelte Böden, einheimische und standortgerechte Pflanzen, eine giftfreie Pflege. So bleibt auf 70 Prozent der Fläche auch immer noch Platz für Rosenbeete oder Spielrasen, und trotzdem profitiert die Natur von wertvollen Lebensräumen, die das Überleben der einheimischen Arten ermöglichen. Ein naturnaher Garten erfreut nicht nur das Auge des Besitzers, sondern auch das der Besucher und Spaziergänger. Weitere, nicht weniger ästhetische Beispiele solcher Naturgärten finden sich unter anderem in Wängi TG, Ebertswil ZH, Erlinsbach SO und Winterthur.

MIT RAT UND TAT Die Stiftung Natur & Wirtschaft fördert Natur im Siedlungsraum. Ziel ist es, vorbildliche Areale in diversen Kategorien, wie zum Beispiel Unternehmen, Wohnen und Schule auszuzeichnen. Sie unterstützt beispielsweise Unternehmen auf dem Weg zu einem naturnahen Areal.

Stolz präsentiert Kathrin Bärtschi-Schmutz ihr Zertifikat.

Tat zur Seite, wie es die Bevölkerung auf die Auszeichnung aufmerksam machen kann. Dies kann beispielsweise durch Informationstafeln geschehen. Ein solches Zertifikat ist fünf Jahre gültig. Nach Ablauf der Frist überprüfen Experten im Rahmen einer Besichtigung das Areal erneut und verlängern gegebenenfalls die Gültigkeit der Auszeichnung.

ANNA MEISTER ist Redaktorin bei bauRUNDSCHAU.

Erhält ein Unternehmen das Zertifikat, steht ihm Natur & Wirtschaft mit Rat und

www.naturundwirtschaft.ch

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Seite 82 // bauRUNDSCHAU


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ALLE UNTER EINEM DACH MEHRGENERATIONENWOHNEN UNTER DER LUPE von Anna Meister

In Zeiten von Corona ist Selbstisolation in aller Munde. Die heutige Architektur trägt ihren Teil dazu bei, werden doch die meisten Wohnungen heutzutage nur noch auf Singles und Pärchen mit maximal einem Kind ausgelegt. Familien, die mit Kindern oder sogar mit den Grosseltern unter einem Dach wohnen, finden kaum noch bezahlbaren Wohnraum. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Mehrgenerationenwohnen hat viele Vorteile. So kann der drohenden Vereinsamung im Alter vorgebeugt werden. Der Förderverein Generationenwohnen Bern-Solothurn stellt einige Ideen und Beispiele im Magazin vor, und die Genossenschaft Kalkbreite präsentiert ihr Konzept. Ausgabe 02/2020 // Seite 83


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Generationenwohnen bringt mehrere Generationen unter einem Dach zusammen.

HANDLUNGSBEDARF IST DA MEHRERE GENERATIONEN UNTER EINEM DACH von Johann Binder

Immer häufiger taucht der Begriff Generationenwohnen bei der Beschreibung geplanter oder schon realisierter neuer Wohnüberbauungen auf. Was steckt dahinter? Ist es ein modisches Schlagwort oder entspricht das Generationenwohnen einem wachsenden Bedürfnis auf dem Wohnungsmarkt? Seite 84 // bauRUNDSCHAU


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ÜBER DEN VEREIN Der Förderverein GenerationenwohnenBern-Solothurn versteht sich als Kompetenzzentrum für alle Bereiche des Generationenwohnens. Er bezweckt die Verbreitung dieses Gedankengutes in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Er setzt sich insbesondere dafür ein, dass das Modell Generationenwohnen in bestehenden und neuen Siedlungen im Raum Bern–Solothurn realisiert wird. Zu diesem Zweck vernetzt er Partner, betreibt Öffentlichkeitsarbeit, leistet Grundlagenarbeit und unterstützt Bauträgerschaften, die in Betracht ziehen, Modelle von Generationen­ wohnen im Raum Bern–Solothurn zu realisieren. Der Förderverein versteht sich jedoch nicht als Trägerschaft konkreter Bauvorhaben. Gemäss ihrer Wohnstrategie von 2018 will die Stadt Bern GenerationenWohnprojekte und Nachbarschaft-­ fördernde Projekte unterstützen und kreative, neue Wohnformen fördern, die den gesellschaftlichen Wandel berücksichtigen. Der wichtigste Schwerpunkt bei der Entwicklung der Wohnstadt Bern wird auf Jahre hinaus das Viererfeld sein. Die Chancen stehen gut, dass im Viererfeld-Areal auch generationenübergreifende Wohnformen entstehen. Aus diesem Grund arbeitet der Förderverein zusammen mit dem Burgerspittel Bern und CURAVIVA Schweiz in der ­Interessengemeinschaft «Wohnen im Viererfeld – für das ganze Leben!»

A

uf dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen gewinnen innovative Wohnmodelle für Menschen in allen Lebenslagen an Bedeutung. Mit der zunehmenden Lebenserwartung wächst die Zeitspanne, in der ältere Menschen noch fit und aktiv sind. Eine andere Entwicklung ist die zunehmende Individualisierung in der Gesellschaft, die sich auch in einem hohen Anteil von Einpersonenhaushalten niederschlägt – in den grossen Städten sind es über 45 Prozent.

Viele ältere Personen leben allein in ihren eigentlich zu grossen Wohnungen und sind auf Unterstützung angewiesen oder drohen zu vereinsamen. Der Eintritt in eine Altersinstitution wird heute immer länger hinausgeschoben, einerseits weil diese Wohnform nicht den heutigen, individualisierten Lebensentwürfen entspricht, anderseits auch aus finanziellen Gründen. Daher werden neue Modelle fürs Leben im Alter entwickelt, wie Wohnen mit

Dienstleistungen oder Alterswohngemeinschaften. Eine vielversprechende Antwort auf diese Entwicklungen sind generationendurchmischte Siedlungen, wo Jung und Alt gemeinsam leben, zu verbindlicher Nachbarschaftshilfe bereit sind und gegenseitige Unterstützung möglich ist. So können die Alten zum Beispiel zu den Kindern schauen oder die Jungen für die Alten die Einkäufe besorgen.

VIELES NOCH NICHT ERPROBT Es gibt inzwischen zahlreiche Modelle, von denen man lernen kann. Die Stadt Wien etwa nimmt beim Generationenwohnen eine Vorreiterrolle ein, wie im Bericht «Generationenwohnen – Schlagwort oder Konzept?»

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über eine Fachexkursion der Age-Stiftung aus dem Jahr 2016 nachgelesen werden kann. Aber auch in der Schweiz gibt es Siedlungen, die für das Generationenwohnen eine Pionierrolle und Vorbildfunktion einnehmen, hier sei insbesondere auf die Giesserei in Winterthur hingewiesen. «Generationenwohnen» oder «Mehrgenerationen-Siedlung» sind keine exakt

­ mschriebenen Bezeichnungen für eine u bestimmte Wohnform, was ein Zeichen dafür ist, dass vieles in Bewegung und noch in Erprobung ist. In den letzten Jahren sind zahlreiche Wohnbaugenossenschaften entstanden, die einen Innovationsschub im gemeinnützigen Wohnungsbau ausgelöst haben: Grosswohnungen für Wohngemeinschaften, Joker-Zimmer, Clusterwohnungen, von den Bewohnenden zu bespielende

Gemeinschaftsräume und manches mehr, das auch ideale Voraussetzungen bietet für das Zusammenleben von Menschen in verschiedenen Lebensabschnitten. Nicht zu unterschätzen ist die Bedeutung der Mitwirkung der Bewohnerinnen und Bewohner möglichst schon in der Planungsphase und danach bei der Verwaltung der Siedlung, beim Unterhalt und bei der Ausgestaltung der Gemeinschaftsbereiche und -aktivitäten. Der Förderverein GenerationenwohnenBern-Solothurn nennt auf seiner Homepage für verbindliches Generationenwohnen unter anderem folgende Kriterien: gesteuerte altersmässige und soziale Durchmischung; verbindliche, organisierte Nachbarschaftshilfe innerhalb und zwischen den Generationen; Wohnformen, die Begegnungen fördern, aber auch Rückzugsmöglichkeiten bieten; Gemeinschaftsräume für unterschiedliche Bedürfnisse; Einbindung ins Quartier und guter Anschluss an öffentlichen Verkehr; Vernetzung mit Unterstützungsund Pflegeangeboten in der Nachbarschaft.

WAS MUSS BEACHTET WERDEN?

In der Theorie klingt es gut, in der Praxis ist es noch zu wenig erprobt.

In der Praxis finden sich MehrgenerationenSiedlungen und Projekte, die von diesen Punkten abweichen. Eine Voraussetzung, die jedoch schon bei der Planung berücksichtigt werden muss, ist ein Mix an Wohnungsgrössen und -formen, der sich an Menschen in unterschiedlichen Lebensabschnitten – Singles, Familien, ältere Personen – richtet. Bei der Vermietung ist darauf zu achten, dass alle Altersgruppen entsprechend ihrem Anteil in der Bevölkerung vertreten sind, was erfahrungsgemäss bei der Erstvermietung nicht immer erreicht werden kann. In der Regel ist die Nachbarschaftshilfe nicht verbindlich organisiert, sondern beruht auf Freiwilligkeit. Hilfreich für den sozialen ­Zusammenhalt und für das problemlose Funktionieren ist eine Siedlungsassistentin, ein soziokultureller Animator oder eine «Drehscheibe» als Anlaufstelle.

JOHANN BINDER führt die Geschäftsstelle des Fördervereins Generationenwohnen-Bern-Solothurn. In Bern entsteht zurzeit eine Siedlung mit Mehrgenerationen-Wohnungen.

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www.generationenwohnen-beso.ch


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© Kalkbreite

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Eine Genossenschaft setzt den Rahmen für aktive Mitbewohnerinnen und Mitbewohner.

STADT NEU INTERPRETIEREN UNTER EINEM DACH IN DER GENOSSENSCHAFT KALKBREITE Interview mit Nina Schneidervon Georg Lutz

Die Visionen der Genossenschaft Kalkbreite sind nicht gerade anspruchslos. Im Rahmen von vielen partizipativen Prozessen, die sich zu einem Projekt verdichten, geht es um die Umsetzung von Vorgaben eines sozial und ökologisch pionierhaften urbanen Lebensraums, der auch das Thema Mehrgenerationenwohnen auf seine Fahnen geschrieben hat. Die Siedlung wurde 2014 in Zürich eröffnet und steht im Dreieck zwischen Seebahngraben, Badener- und Kalkbreitestrasse. Es liegen erste Erfahrungen vor.

D

as Thema älter werden und dafür die richtigen Wohnformen suchen braucht heute neue Ansätze. Die klassische Grossfamilie gibt es nicht mehr und Pflegeund Altersheime sind nicht unbedingt immer attraktiv. Wie beurteilen Sie die Situation? Älter werden in der Schweiz hat sich gewandelt. Viele Menschen suchen heute schon frühzeitig eine Lebens- und Wohnform, die sie von Pflege- und Altersheimen möglichst unabhängig macht. So beschäftigen sich insbesondere Frauen am Übergang vom Arbeits- und Familienleben in die Pension mit der Frage, wie sie gerne älter werden und ihr Engagement wie auch ihre sozialen Kontakte organisieren möchten. Viele Menschen haben im Alter auch ein sehr knappes Budget und überlegen, auf welche Lebensqualitäten sie sich fokus-

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sieren möchten. Das ist die Alters- und Gesellschaftsgruppe, die wir als Genossenschaft Kalkbreite ansprechen und in unseren Siedlungen, welche das Gemeinschaftliche hochhalten, speziell berücksichtigen. Beide unsere Wohn- und Gewerbebauten liegen mitten in der Stadt und bieten intern wie extern eine gute Anbindung an Dienstleistungen wie auch Kontakten. Bleiben wir noch bei den Alternativen zu den Pflege- und Altersheimen. Wir können nicht zurück zum früheren kommunikativen Dorfplatz. Es gibt solche Alternativen in den heutigen urbanen Zentren nicht mehr. In welcher Form können Genossenschaften wie die Kalkbreite hier weiterhelfen? Ältere Menschen schätzen unsere Siedlungen wegen zahlreicher Vorzüge. Die günstigen Mieten und die Mietsicherheit

entlasten das oft sehr eingeschränkte Budget. Die raumminimierten Wohnungen sind im U ­ nterhalt unaufwändig. Die Gebäude sind schwellenfrei und damit auch für ­Rollstuhlfahrende zugänglich. Zahlreiche Gemeinschaftsräume und -strukturen fördern Kontakte und animieren zum Engagement. In den Sockelgeschossen finden sich dank hohem Gewerbeanteil wichtige Dienstleistungen wie Cafés und Restaurants, eine Arztpraxis, Lebensmittel-, Kleider- und Blumenläden wie auch kulturelle Anregungen und Treffpunkte. Kino, Theater und eine Galerie sind Beispiele. Insgesamt ermöglichen die sozial breit durchmischten Siedlungen für unterschiedliche Interessen und Charaktere Kontaktmöglichkeiten. Eine ­Illusion wäre es aber zu glauben, dass das generationengemischte Wohnen automatisch zu einem erfüllten Alltag führt. Alle Mietenden sind selbst verantwortlich, zu


einer aktiven und lebendigen Nachbarschaft beizutragen. Nur wer Anteil an der Umwelt nimmt, kann erwarten, freiwillige Unterstützung und Hilfeleistungen von Nachbarinnen und Nachbarn zu erhalten. Eine Genossenschaft kann lediglich mit Räumlichkeiten und Strukturen ermöglichende Grundlagen schaffen. Letzteres sind bei uns etwa die zentrale Anlaufstelle an der Rezeption, der Solidaritätsfonds für finanzielle Notlagen oder das Initiieren der Arbeitsgruppe Nachbarschaftshilfe.

Im Fokus steht nicht in erster Linie die Versorgung, sondern der gelebte Alltag. Können Sie uns dies an praktischen Beispielen erklären? Ein Ziel der Genossenschaft ist es, den privaten Wohnraum zugunsten von grosszügigen halböffentlichen und öffentlichen Gemeinschaftsflächen zu reduzieren. Das führt dazu, dass viele Bedürfnisse ausserhalb der eigenen Wohnung abgedeckt werden. So gibt es beispielsweise keine privaten Balkone, sondern gemeinschaftliche Dachterrassen, die von allen geteilt werden. Wer sich interessiert, kann in einer Urban-Gardening-Gruppe mitmachen und Gemüse anbauen. Die hauseigene Cafeteria ist ein Gemeinschaftsraum, wo man sich ohne Konsumzwang aufhalten, aber auch unzählige Aktivitäten entwickeln kann. Das reicht von Lerngruppen und Sitzungen über private Treffen und Feste bis hin zu halböf-

Nina Schneider weiss, dass neue Visionen Zeit brauchen.

fentlichen Veranstaltungen, Filmabenden etc. Zudem gibt es die sogenannten Boxen, das sind Räume, über deren Nutzung die Gemeinschaft der Mietenden entscheidet. An der Kalkbreite sind das aktuell ein Jugend-, ein Bewegungs- und ein Fitnessraum und ein Näh- und Bügelzimmer. Fürs Musizieren steht ein schallisolierter Übungsraum und zum Basteln eine Werkstatt zur Verfügung. Da all diese Räume ­gemeinschaftlich verwaltet und unterhalten werden, muss

© Kalkbreite

Wie sieht es beim Thema Pflegewohngruppen aus? Da geht es ja nicht nur um alternatives Wohnen, sondern um viele Dienstleistungen, die erbracht werden müssen. Eine eigene Pflegeeinrichtung einzurichten, ist für eine kleine Genossenschaft zu aufwändig und kostspielig. Sind die sozialen und betreuerischen Bedürfnisse aber nachbarschaftlich abgedeckt, können pflegerische Dienstleistungen ambulant bei der städtischen Spitex oder ähnlichen Dienst-

leistern eingekauft werden. Das ermöglicht ein langes Verbleiben in der angestammten Wohnung und Umgebung.

Es geht darum, Modelle des vernetzten Zusammenlebens zu fördern.

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man sich miteinander auseinandersetzen. Dies vertieft Beziehungen und führt zu ­einem anregenden Sozialleben. Was für Erfahrungen haben Sie in der Kalkbreite damit gemacht? Oft ist es ja theoretisch einfach, die Mühen kommen dann in der gelebten Praxis. Wie angetönt, gibt es ältere Menschen, die sozial sehr aktiv sind, sich in Arbeitsgruppen engagieren und die Nachbarschaftlichkeit pflegen. Entsprechend erhalten sie beispielsweise bei Krankheit oder in den letzten Wochen im Kontext der Covid-Massnahmen viel Anteilnahme und Unterstützung durch befreundete Nachbarinnen und Nachbarn. Es gibt aber auch weniger kommunikative Mietende, die durch die Gemeinschaft, zum Beispiel innerhalb des Clusterwohnens, ein Stück weit mitgetragen werden. Es zählt aber die Initiative jedes / r einzelnen.

«Vom Rückzug ins Altenteil keine Spur.»

Auch im Pensionsalter ist Engagement selbstverständlich.

© Kalkbreite

Welche Lernprozesse gab es in der Genossenschaft Kalkbreite? Die Genossenschaft Kalkbreite hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, nicht traditionelle Wohnformen zu fördern, das heisst, auch Wohnraum für Grossfamilien und Wohngemeinschaften zur Verfügung zu stellen. Im Wohn- und Gewerbebau

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Kalkbreite hat sie drei Cluster à je neun Einzimmerwohnungen erstellt, die zusätzlich zur privaten Kochnische über eine gemeinsame Wohnküche verfügen. Dies ist eine Wohnform, die von älteren Personen sehr gut aufgenommen wurde. Sie schätzen es sehr, autonom und gleichzeitig vernetzt in einer überschaubaren altersdurchmischten Gruppe zu wohnen, die im Alltag keine grossen Ansprüche an sie stellt und weitgehend auf Freiwilligkeit beruht. Auch das Angebot des Grosshaushalts, der unter der Woche ein Abendessen anbietet, wird von einigen Seniorinnen und Senioren gut aufgenommen. Im Zollhaus, unserer zweiten Siedlung, wollten wir neu auch ältere Menschen ansprechen, die in einer Wohngemeinschaft leben möchten. Uns war bewusst, dass eine solche Entscheidung etwas mehr Vorlaufzeit und eine gewisse Begleitung bei der Findung braucht. Deshalb haben wir ein eigenes Projekt rund um die Vergabe von Wohngemeinschaftswohnungen an Ü60 initiiert. An zahlreichen Veranstaltungen und in Arbeitsgruppen hatten Interessierte die Möglichkeit, dieser Vision nachzuspüren und Gleichgesinnte zu finden. Bei den drei nun entstehenden Wohngemeinschaften Ü60 handelt es sich aber nicht um Pflegewohnungen, sondern um ein neues Modell des vernetzten Zusammenlebens. Wir sind sehr gespannt, wie sich diese Wohnform über die Jahre etablieren und ob sie das gemeinschaftliche

Zusammenspiel in der Siedlung neu prägen wird. Wir sind begeistert, wie viele Menschen im Pensionsalter mit grossem Elan neue Wege beschreiten und aktiv die Genossenschaft mitgestalten möchten. Vom Rückzug ins Altenteil keine Spur. Solche Modelle sind bislang eine gesellschaftliche Nische. Was braucht es, damit es Mainstream wird? Im Bereich der Altenversorgung werden aktuell viele neue Angebote geschaffen. Viele werden über die Köpfe der älter werdenden Generation hinweg von sogenannten Expertinnen und Experten entwickelt. Sie haben das Ziel, die Altersversorgung zu rationalisieren. Entscheidend scheint mir deshalb die Offenheit und Empathie mit der Zielgruppe. Sie muss in die Gestaltung der Projekte einbezogen werden. Das partizipative Modell allerdings verträgt sich schlecht mit einer effizienzorientierten Planung. Neue Visionen brauchen Zeit, Geld und Engagement seitens der Bauträger.

NINA SCHNEIDER ist Projektleiterin Nutzung, Partizipation und Betrieb für den Neubau Zollhaus im Rahmen der Genossenschaft Kalkbreite. www.kalkbreite.net


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Der zentrale Rahmen sollte nicht die Versorgung, sondern der Alltag sein.

ICH WOHNE, ALSO BIN ICH ALTERNATIVE WOHNFORMEN FÜR INTEGRIERTES ALTERN von Sandra Remund

Mit fortschreitendem Alter kann das Thema «Pflegeheim» aufs Tapet kommen. Vielen graut davor, sind doch viele Institutionen mehr funktionell als wohnlich gebaut. Es geht aber auch anders. Der folgende Beitrag der Architektin Sandra Remund beleuchtet die Situation.1

I

n einem Artikel war kürzlich zu lesen, wie sich Architekten mit der Bauaufgabe eines sehr schönen Pflegeheims auseinandergesetzt haben. Sie haben sich dafür engagiert, dass das Heim nicht als Klinik in Erscheinung tritt, sondern dass dieses einem lebendigen Dorf ähnlich konzipiert wird. Ein Ort, an welchem die Bewohner / innen gerne zu Hause sind. Sämtliche Entscheide, welche es für die Entwicklung des Bauprojektes zu fällen gab, stellten die Architekten in diesen Kontext. Was steckt hinter dem Wunsch, ein Pflegeheim einem Dorf oder einem Quartier ähnlich zu entwickeln?

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Was macht ein Dorf lebendig? Und warum fühlen wir uns an einem bestimmten Ort zu Hause?

WOHNEN IM ZENTRUM Mit dem Austritt aus dem Erwerbsleben und mit zunehmender Fragilität gewinnen das direkte Wohnumfeld und die Wohnsituation an Bedeutung. Das Dorf oder das Quartier werden zunehmend zum Lebensmittelpunkt. Die natürliche Lebendigkeit eines Dorfes wie das Nebeneinander von Wohnen und Infrastruktur, von Jung und Alt, von Laut und Leise oder von Öffentlichkeit und

Privatem prägen die Welt in einem immer kleiner werdenden Radius. Verbundenheit, Zugehörigkeit, Autonomie, Sicherheit und soziale Kontakte sind ausschlaggebend dafür, ob wir uns «daheim» fühlen können. Die Architektur kann sehr wohl ihren Beitrag leisten, beeinflusst unser Empfinden gegenüber dem gelebten Raum und berührt uns emotional. Ein Zuhause lässt sich aber nicht nur mit der Konzeption des Raumes gestalten. Es geht auch um die Bedeutung des Raumes über die eigenen vier Wände hinaus. Es geht um die Bedeutung des Zusammenlebens, um die Bedeutung von


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Alltag und Normalität mit all ihren schönen und beschwerlichen Seiten. Es geht also um die Bedeutung des Wohnens im erweiterten Sinn, um das Leben im gewohnten Kontext, zum Beispiel im Dorf. Die Reduktion unseres Daseins auf ein schönes Zimmer in einem wohnlich gestalteten Pflegeheim, in welchem zahlreiche solche Zimmer untergebracht sind, die allesamt von Menschen aus derselben Generation bewohnt sind, hat wenig mit dem Leben in einem Dorf zu tun. Wir werden aller häuslichen Aufgaben und Pflichten entbunden mit dem Ziel, unseren Lebensabend umsorgt geniessen zu können. Dies hat auch nur wenig mit dem Wohnen zu tun, welches wir ein Leben lang gekannt haben. Es ist daher kaum erstaunlich, dass sich viele Menschen den Umzug in ein klassisches Pflegeheim nicht vorstellen können; die Zäsur zu ihrem bisherigen Leben ist einfach zu gross. Dabei wäre Kontinuität gewünscht!

BEDÜRFNIS NACH SELBSTBESTIMMUNG Die «neue» ältere Generation hat gelernt, für ihre Wünsche und Bedürfnisse einzustehen und über die eigene Wohn- und Lebensform selber zu bestimmen. Sie fordert dies jetzt auch für den letzten Lebensabschnitt ein. Wo sich die «alte» ältere Generation eher gewohnt war, sich in ihr Schicksal zu fügen, sind heute Selbstbestimmung und Wahlfreiheit ein grosses Thema. Die Haltung hinter der Konzeption von stationären Wohn- und Betreuungsangeboten für älter werdende Menschen ist darum zu hinterfragen. Der ambulante Bereich reagierte mit organisierten Wohnformen auf die gesellschaftlichen Veränderungen. Etwa mit betreutem Wohnen oder dem Wohnen mit Dienstleistungen. Selbstständiges Wohnen, möglichst im Dorfzentrum und mit Unterstützung bei Bedarf sind das Ziel. Diese Modelle zeugen von Vielfalt, und die entsprechenden Angebote stehen ganz im Sinne der gewünschten Selbstbestimmtheit und Wahlfreiheit von zukünftigen Senioren. Zentral dabei: Alle diese organisierten Wohnmodelle gehen vom Wohnungsbau aus und orientieren sich sowohl betreffend Standort, Erscheinung, Grundriss als auch Innenraumgestaltung am Wohnen. Im Gegensatz dazu ist die Haltung bei der Entwicklung von stationären Angeboten wie Pflegeheimen noch sehr institutionell

Die Wohnsituation gewinnt nach der Pensionierung an Bedeutung.

geprägt. Die Bedürfnisse der älter werdenden Menschen rund ums Wohnen werden dabei immer noch grösstenteils der betrieblichen Organisation unterstellt. Strukturell hat sich in den letzten Jahrzehnten zum Glück vieles verändert. Das Heim wird kaum noch als Klinik interpretiert, sondern erinnert zunehmend an eine wohnlich gestaltete Hotelstruktur. Die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Wohnen findet jedoch selten statt. Die Wohnform Pflegeheim wird darum trotz gestalterischer Bemühungen in erster Linie als Institution erlebt und ist den meisten Menschen fremd.

ALTERNATIVEN SIND GEFRAGT Als Ausnahme ist hier die Wohnform Pflegewohngruppe zu nennen. Solche gibt es in der Schweiz seit den 1980er-Jahren und sind der Beweis dafür, dass auch im stationären Bereich Konzepte mit dem Fokus Wohnen möglich sind. Diese Wohnform unterscheidet sich vom Pflegeheim durch die Ausrichtung an der «Normalität». Sie stellt das Wohnen ins Zentrum, und der Betrieb nimmt sich zurück. Die Bewohner leben in Gruppen von acht bis zwölf Personen in einer Grosswohnung. Durch die Wohnungstypologie kann eine Pflegewohngruppe in ein normales Wohnhaus in einer Wohnüberbauung integriert werden. Der Ausbau der Wohnung hat Wohnungscharakter und ist entsprechend gestaltet und materialisiert. Der 24-Stunden-Betrieb orientiert sich nicht an der Versorgung, sondern am gewohnten Alltag der Bewohner.

Die häuslichen Tätigkeiten wie Kochen, Waschen oder Putzen sind in den Tagesablauf integriert, und die Bewohner haben die Möglichkeit, sich zu beteiligen, wenn sie dies wünschen. Diese Wohnform strebt die Nähe zum gewohnten Leben im gewohnten Umfeld mit der Verrichtung von gewohnten Alltagsaktivitäten an. Alternativ zum klassischen Pflegeheim ist die Pflegewohngruppe also eine stationäre Wohnform für Menschen, welche die Kontinuität im Wohnen wünschen. In Kombination mit ambulanten Wohnformen und der Vernetzung mit weiteren Ressourcen und Dienstleistungen kann damit eine Angebotsstruktur entwickelt werden, welche sich bedürfnisgerecht und wohnungsnah ins Dorf integrieren lässt. Nicht «wie in einem Dorf leben», sondern «im Dorf bleiben» muss das Ziel sein! Die Auseinandersetzung mit dem Wohnen im erweiterten Sinn ist der Schlüssel zu diesem Ziel. ANMERKUNG 1) Der Text ist eine Zweitverwertung des Verbandes CasaFair

SANDRA REMUND arbeitet bei der Metron Raumentwicklung AG mit Fachschwerpunkt Wohnund Lebensräume im Alter. www.metron.ch

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Im SVN-Flex fungieren die Beschläge und die Zylinder als Updater im virtuellen Netzwerk.

DAS KABEL HAT AUSGEDIENT KABELLOSE UND VIRTUELLE VERNETZUNG BEI DER ZUTRITTSKONTROLLE von Manuela Olgiati

Die Salto Systems AG bietet eine Neuentwicklung an, die virtuell vernetzte Zutrittslösungen ermöglicht, in denen funkvernetzte elektronische Beschläge und Zylinder als kabellose Updater wirksam sind. Dies führt zu mehr Sicherheit, Komfort und Effizienz.

Dabei können nicht nur die verkabelten Online-Wandleser, sondern auch funkvernetzte (Wireless-)Beschläge und Zylinder Zutrittsrechte aktualisieren. Somit erfolgt die Aktualisierung dort, wo sie gebraucht wird: direkt an der Tür. Die neue Methode erreicht dank der Funkvernetzung einzelner Türen nicht nur mehr Sicherheit an diesen Zutrittspunkten, sondern auch an den vielen weiterhin klassisch virtuell vernetzten Türen dahinter. Und das ohne teure Verkabelung oder Wireless-Infrastruktur für die gesamte Anlage.

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VERNETZTE KOMPONENTEN Mit der neuen Systemarchitektur werden die Kosten für zusätzliche Update-Punkte innerhalb von Gebäuden drastisch sinken. Da Endanwender keine verkabelten Komponenten wie Wandleser oder Steuerungen für die Aktualisierung benötigen, reduzieren sich die Ausgaben für Hardware und Installation. Gleichzeitig bleibt die kosteneffiziente Architektur der virtuell vernetzten Komponenten erhalten, da nur einzelne Türen als funkvernetzte Updater definiert werden. In der Vergangenheit war es wegen der Kosten oder der Installationshemmnisse unter Umständen schwierig und teuer, mehrere Aktualisierungspunkte in einem Gebäude bereitzustellen. Mit den Updates an funkvernetzten Beschlägen und Zylindern ergeben sich jetzt vielfältige Möglichkeiten: Notausgänge, Flurtüren, Tore, Gästezimmer – jede dieser Türen kann ab

© SALTO Systems

Z

utrittslösungen auf Basis von virtuellen Netzwerken haben sich mittlerweile als gleichzeitig sicherer und effizienter Standard für gewerbliche Objekte durchgesetzt. Sie verbinden eine OnlineZutrittskontrolle an den Aussentüren mit offline vernetzten kabellosen Türkomponenten an Innentüren. Das bedeutet mehr Flexibilität und Sicherheit als Mechanik.

Die elektronischen Türkomponenten nutzen den gleichen Bluetooth-Chip für Mobile Access und die Funkvernetzung.

sofort zu einem mehr als erschwinglichen Preis als Aktualisierungspunkt dienen.

SICHER UND BENUTZERFREUNDLICH Zugleich erhöht ein System mit dem neuen Konzept die Sicherheit, da die Türen mit Updatern per Wireless-Technologie in Echtzeit funkvernetzt sind und der Datenfluss


zu den dahinterliegenden Offline-Türen viel schneller vonstatten geht. Das heisst, kritische Informationen wie Blacklists sowie Batteriestatus werden nun rascher von den Offline-Türen an den Server und zurück übertragen und Zutrittsrechte öfter aktualisiert. «Wir sehen, dass sich immer mehr Anwender der Belastung durch mechanische Schliesssysteme bewusst werden – sowohl finanziell als auch organisatorisch. Praktisch alle unsere Kunden sind nur zu gerne bereit, sich von dem Zeitaufwand, den Umständen und der Unsicherheit mechanischer Systeme zu befreien. Mit der neuen Technologie können sie jetzt schneller und flexibler denn je Mechanik durch intelligente Sicherheit ersetzen», erklärt Roger Isler, Geschäftsleiter von SALTO Systems Schweiz. Neben den genannten Vorteilen bietet die Weiterentwicklung auch eine Menge Komfort für die Nutzer des Systems. Denn sie müssen nun nicht mehr zu bestimmten Türen oder Stellen gehen, um ihre Karten zu aktualisieren – was bislang insbesondere bei grossen Anlagen vorkommen kann. Jetzt vermögen sie ihre Zutrittsrechte jederzeit kabellos zu aktualisieren, da jede Tür als Updater aktiviert werden kann.

KLASSISCH VIRTUELL UND FUNKVERNETZT Die neue virtuelle Vernetzung mit funkbasierten Updatern verwendet zwei Kerntechnologien: ein klassisches virtuelles Netzwerk mit Data-on-Card-Technologie und bidirektionaler verschlüsselter Datenübertragung sowie eine Funkvernetzung. «Dank seiner Eigenschaften eignet sich Bluetooth besser für die Übertragung von grösseren Datenmengen als andere Funktechnologien. Damit ist es möglich, auch klassische Zutrittsdaten wie Zutrittsrechte, Blacklists, Tür- und Batteriestatus zuverlässig zu übermitteln – und das bidirektional. Zugleich ist die Kommunikation stabiler, denn die Chips wählen permanent die besten Übertragungskanäle, abhängig von den Umgebungsbedingungen und der Belegung (Frequency Hopping)», betont Isler weiter. Das neue Konzept wird erst dadurch rund, weil die zugehörige Hardware von Haus aus mit Bluetooth an Bord für Mobile Access ausgestattet ist und der gleiche Chip auch für die Funktechnologie verwendet wird. Dadurch bedarf es lediglich eines Klicks in der Software für die Konfiguration von funkvernetzten Beschlägen und Zylindern, ohne an der Hardware Änderungen vornehmen zu müssen.

HAUPTVORTEILE VIRTUELLER NETZWERKE MIT FUNKVERNETZTEN UPDATERN • Kabellose Updates an jeder Tür möglich • Keine verkabelten Wandleser im Gebäude nötig • Mehr Flexibilität dank freier Wahl der Update-Punkte • Höhere Sicherheit für funkvernetzte und virtuell vernetzte Türen

• Mehr Komfort dank Updates ohne Umwege • Effiziente Systemarchitektur ohne Verkabelung oder Funkvernetzung der gesamten Anlage

SALTO Systems AG | CH-8360 Eschlikon | Tel. +41 (0) 71 973 72 72 | info.ch@saltosystems.com | www.saltosystems.ch

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© Sedus Stoll AG

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Der Boden unterstützt bei Sedus eine angenehme Akustik trotz offener Flächen.

INDIVIDUELLES ARBEITEN DAS «SMART OFFICE» ALS BÜRO DER ZUKUNFT von Thomas Zimmermann

Kautschuk und Teppichfliesen für ein positives Büroumfeld: Mit der neuen Firmenzentrale schafft die Firma Sedus, der Komplettanbieter für Arbeitsplatzkonzepte, ein Vorzeigebeispiel für seine Ideen.

F

ür Bürostühle, Schreibtische und etwas Aktenschränke zu sorgen, reicht längst nicht mehr aus, wenn es um die Neukonzeption eines Büros geht. Natürlich braucht es eine ergonomisch ­perfekte Ausstattung. Doch nur ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren führt zum Büro der Zukunft. Dazu zählen Natur, Architektur, Licht, Akustik und Farben, genauso wie Technologie. Bei solchen Konzepten werden konsequent die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt gestellt, die das Gebäude nutzen sollen – in diesem Fall die Mitarbeitenden. Mit seiner

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neuen Firmenzentrale hat der Büroeinrichter Sedus im baden-württembergischen Dogern die wichtigsten Prinzipien der ­Human Centred Architecture (HCA) und des Human Centred Design (HCD) umgesetzt. Der Neubau unterstützt durch Einrichtung und Baumaterialien die vier wesentlichen Arbeitsprozesse Kommunikation, Kooperation, Konzentration und Kontemplation.

KAUTSCHUK UND MODULARE BODENBELÄGE Für jede Arbeitsanforderung braucht es das passende Umfeld. Einen wesentlichen Beitrag zur mitarbeiterfreundlichen Umgebung im «Smart Office» leistet der Boden-

belag aus dem Hause Interface. Die Architekten und Nutzer entschieden sich für eine Kombination von nora-Kautschukbelägen und modularen Teppichbelägen. Dadurch wird ein harmonisches Gestaltungsensemble geschaffen. Das von Moser Architekten Lörrach entworfene und im April 2019 bezogene «Smart Office» gilt als Kompetenzzentrum, Testlabor und Vorzeigeobjekt für die internationalen Kunden, die aus aller Welt an den Hochrhein reisen. Das Farbkonzept des neuen Gebäudes folgt dem «Sedus Colour Cookbook» und ist geprägt durch viel Weiss und moderne Pastelltöne. Rund


© Sedus Stoll AG

© Sedus Stoll AG

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100 Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen sowie der Vorstand arbeiten hier unter einem Dach – das heisst in diesem Fall auch: in einem einzigen Raum. Dieser bietet mit Vollgeschoss und Galerie auf fast 3 000 Quadratmetern ein grosszügiges, lichtdurchflutetes Ambiente.

MITARBEITER BESTIMMTEN MIT Das «Smart Office», in dessen Gestaltung die Mitarbeitenden von Anfang an miteinbezogen waren, überzeugt durch eine Mischung aus Offenheit und Geborgenheit, festen und flexiblen Arbeitsplätzen. «Es gibt drei kreisförmig angeordnete Zonen: die äussere mit dem ‹Me-Space› für konzentriertes Arbeiten und Rückzug, die mittlere mit dem ‹We-Space› für Treffen in informellen Kleingruppen und die innere mit dem ‹All-Space› für zwanglose Begegnungen ohne feste Termine», sagt Projektleiter Mathias Grether von Moser Architekten. Die Bodenbeläge wurden so ausgewählt, dass sie die einzelnen Funktionsbereiche

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WOHNLICHE ATMOSPHÄRE IN MATERIAL UND FARBGEBUNG Der im «Smart Office» verlegte sandfarbene Bodenbelag mit seinen Ton-in-Ton Granulaten passt sich optimal den in Rosé gehaltenen Sitzgruppen und den weissen Schreibtischen an. Auch im Vorgängergebäude, dem Entwicklungs- und Innovationszentrum in Dogern, haben sich die Kautschukbeläge schon mehr als zehn Jahre lang bewährt. Im Gegenzug wurden in den Me-Spaces und den Sitzgruppen der Kommunikationsbereiche Teppichfliesen der Kollektion

© Sedus Stoll AG

im Open-Space-Office zonieren. Der Wechsel in der Materialität signalisiert den Übergang von einer zur anderen Arbeitssituation. So wurden die Galerie und Bewegungsflächen, also We-Space und All-Space, mit noraplan sentica ausgestattet. «Wir setzen die Kautschukböden schon seit vielen Jahren in diversen Objekten ein und haben gute Langzeiterfahrungen gemacht – die Beläge sind attraktiv und bieten farblich und in den unterschiedlichen Designs viel Gestaltungsspielraum», unterstreicht der Architekt. Gerade deshalb sind sie wegen ihrer hohen Robustheit und Langlebigkeit auch funktional eine gute Wahl.

Composure eingesetzt. Dort schaffen sie mit ihrem harmonischen, an die Natur angelehnten Design in drei verschiedenen Braun- und Beigetönen eine wohnliche Atmosphäre.

KONZEPT FÜR PERFEKTE ­A KUSTIK BERECHNET Gerade in Grossraumbüros ist eine gute Akustik entscheidend für das Wohlbefinden der Mitarbeitenden und das entspannte Arbeiten. Das «Smart Office» ist mit Schallabsorber-Elementen an Wänden und Decken ausgestattet, die für einen angenehmen Geräuschpegel sorgen. Für besonders konzentrierte Arbeit oder vertrauliche Gespräche können sieben Cubes mit unterschiedlichen Ausstattungen genutzt werden. Besonders der Bodenbelag leistet einen Beitrag zur «leisen» Umgebung: «Um die Nachhallzeiten im Open-Space-Office zu verringern, brauchten wir akustisch wirksame Böden», sagt Grether. Ein Akustikbüro errechnete das ideale Verhältnis aus Kautschukböden und Teppichfliesen – mit überzeugendem Ergebnis. «Im ‹Smart Office› herrscht eine fantastische Akustik, trotz der grossen Fläche und der vielen Personen ist es sehr ruhig», freut sich der Architekt.

THOMAS ZIMMERMANN ist Verkaufsleiter Süd bei der nora systems GmbH. www.interface.com www.nora.com

© Sedus Stoll AG

Jeder einzelne Arbeitsplatz hat seine eigene Farbgestaltung.

Es gibt eine durchgängige offene Bürolandschaft, aber auch verglaste Einheiten.

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AUS DEM HERZEN DER SCHWEIZER ALPEN Im wunderschönen Simmental ist das Schreinerhandwerk noch ein traditionelles Handwerk. Der Stolz auf unsere Arbeit zeigt sich in jeder von uns individuell angefertigten Küche. Die raue Landschaft, die majestätischen Berge und die unberührte Natur inspirieren dabei unsere Arbeit. Ob Penthouse-Besitzer oder Chalet-Liebhaber, sie alle teilen die Leidenschaft mit uns, die uns dazu motiviert, die exklusiven Küchenträume unserer Kunden wahr werden zu lassen. Die Zbären Küchen werden dabei mit hochwertigsten Materialien in feinster Handarbeit und mit hochmodernen Maschinen gefertigt. Von der kleinen Manufaktur im Herzen der Schweizer Alpen liefern wir die massgefertigten Küchen in die ganze Welt.

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MOVE D2W eingebaut mit der neusten dim-to-warm Technologie.

KOMPLEXE ANFORDERUNGEN MEISTERN LICHT KANN SEHR FLEXIBEL SEIN von Anna Meister

Aktuelle Lichtlösungen passen sich heute sehr genau den unterschiedlichen Bedürfnissen und Einsatzzwecken an. Es kann praktisch kalt und atmosphärisch wohlig warm ausgerichtet sein.

H

eutige LED-Beleuchtungen sind effizient, langlebig und vielseitig einsetzbar und ihr Licht hat die Kraft, Menschen zu berühren und zu inspirieren. Durch ihre langjährige Erfahrung weiss die Max Hauri AG, dass verschiedenartige Objekte auch mannigfaltige Anforderungen an Materialien, Designs und an die Lichttechnik stellen. Damit sich jedes Produkt im besten Licht zeigen kann und Planung und Installation einfach und schnell umgesetzt werden können, entwickelt die Max Hauri AG immer wieder neue und innovative Produkte. Das attraktive LEDLeuchtensortiment maxLUCE erhält mit

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den neusten Produkten Zuwachs, welche für spezielle Einsatzgebiete entwickelt wurden und somit die optimalen Lösungen für Ihre Kunden sind.

FÜR GEMÜTLICHES AMBIENTE Der erste Spot mit dem Namen MOVE D2W verhält sich beim Dimmen wie eine Glühoder Halogenlampe. Durch das Dimmen der Lampe verändert sich nicht nur die Lichtstärke, sondern auch die Farbtemperatur. Die Ansteuerung erfolgt durch handelsübliche Phasenabschnitt-Dimmer. Bei 100 Prozent Lichtintensität strahlt die Lichtquelle warmweisses Licht, mit einer

Farbtemperatur von 3 000 Kelvin ab. Bei zehn Prozent Lichtintensität liegt die Farbtemperatur bei sehr warmen 2 100 Kelvin. Der MOVE D2W eignet sich deshalb überall, wo zeitweise ein gemütliches Ambiente gewünscht wird.

ALLROUNDER UNTER DEN SPOTS Dank der neusten Technologie kann der SOLV-Spot direkt in die Dämmung oder Isolation mit Dampfsperre eingebaut werden, da mittels Distanzhalter die nötige Luftzirkulation und Kühlung des LED-Chips sichergestellt wird. Weder Einbaudose


INNENARCHITEKTUR

Die ROUND 230 benötigt keine Einbetonierbüchse

noch zusätzlicher Raum für die Kühlung sind dafür notwendig. In Objekten mit niedrigen Decken und ohne direkten Kontakt mit Isolationsmaterial kann das rote Cover werkzeuglos entfernt werden. Somit reduziert sich die Einbautiefe auf 41 Millimeter. Auch ist der Einsatz in Feuchträumen, wie zum Beispiel Dusche oder Waschraum, bedenkenlos, da der SOLV mit Silikondichtungen bestückt ist und den Schutzgrad IP44 erfüllt.

BLENDFREIER EINBAUSPOT Dank des um 50 Millimeter zurückversetzten Lichtpunktes verursacht der ATMO keine seitliche Blendung, und dies ohne Lichtverlust. Der ATMO ist mit kantenlosen Blattfedern bestückt, welche das Blockieren oder Einschneiden beim Einsetzen, als auch beim Demontieren, verhindern. Dank dieser neuen Blattfedern eignet sich der ATMO für den Einsatz in schmalen Einbetonierbüchsen und in Massivholz. Die hohe Lichtleistung und vorzügliche Farbwiedergabe begeisterten auch anspruchsvolle Kunden.

So sieht der SOLV-Spot aus, wenn er installiert ist.

integrierten Betriebsgerät sind Trafotunnels bei Einbetonierbüchsen überflüssig. Mit den zwei formschönen DISC 230 und ROUND 230, kann nun bei solchen Anwendungen hochwertige LED-Technik eingesetzt werden. Dank der dreipoligen Hebelklemmen wird auch die Installationszeit auf ein Minimum reduziert.

NEU ENTWICKELTE ­SPANNFEDERN Um das Thermomanagement, aufgrund der Optimierung der maximalen Kontaktfläche zum Beton, zu verbessern, haben Hersteller von Beton-Einbetoniergehäusen

neu Gehäuse entwickelt, die dies unterstützten. Dies hat oft zur Folge, dass der lichte Innendurchmesser kleiner wird und herkömmliche Spannfedern von LED-­ Einbauspots nicht mehr bestimmungsgemäss funktionieren und an den Gehäusewänden anstehen. Die Max Hauri AG hat deshalb kurze, gebogene Spannfedern entwickelt, welche die Einbauspots in Einbetonierbüchsen als auch bei allen anderen Anwendungsgebieten optimal gegen die Decke spannen. Diese neuen Federn werden ab Produktionsdatum 2020 bei allen LED-Einbauspots mit Lochdurchmesser 68 Millimeter eingesetzt.

FORMSCHÖN UND PRAKTISCH In vielen Objekten wurden früher HochvoltHalogenlampen verwendet. Da diese keine Betriebsgeräte benötigten, wurden günstigere Einbetoniergehäuse ohne Trafotunnels verbaut. Auch heute werden bei Überbauungen von Mietwohnungen aus preislichen Gründen oft Retrofit-Lampen, zusammen mit Einbetoniergehäusen ohne Trafotunnels, eingesetzt. Dank der Technologie mit dem

Der ATMO besitzt einen dimmbaren Treiber.

Max Hauri AG | Weidstrasse 16 | CH-9220 Bischofszell | Tel. +41 (0) 71 424 25 25 | info@maxhauri.ch | www.maxhauri.ch

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INNENARCHITEKTUR

UNTER EINEM DACH NEUE WOHNKONZEPTE FÜR NEUE GESELLSCHAFTLICHE ENTWICKLUNGEN Interview mit Dr. Alain Benz von Georg Lutz

Die Anforderungen an den Wohnungsbau verändern sich. Zum Beispiel werden wir älter und leben auch nicht mehr alle in der klassischen Kleinfamilie. Auch aus diesem Grund ist die Entwicklung und Realisierung von Wohnimmobilien ein komplexes Geschäftsmodell geworden. Dazu kommen noch die Megatrends Nachhaltigkeit und vernetztes Wohnen. Die bonainvest Holding AG bringt die Herausforderungen unter einen Hut.

Wohnungen für unterschiedliche Altersgruppen realisieren, in denen auch digitale Lösungen eine zentrale Rolle spielen.

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INNENARCHITEKTUR

W

ir leben in Krisenzeiten. Es ist noch nicht absehbar, was die COVID-19-­Krise mit unserer Gesellschaft macht. Einen Punkt können wir aber, glaube ich, heute schon festhalten: Die Möglichkeit im Home Office zu arbeiten, ist wichtiger geworden. Die Digitalisierungen der Arbeitswelten schreiten voran. Sind Wohnungen Ihres Hauses darauf vorbereitet? Zwei Faktoren sind für eine angenehme und produktive Arbeit im Home Office

entscheidend. Einerseits die digitale Infrastruktur auf Seite des Arbeitgebers respektive die Ausstattung, die er den Mitarbeitenden zur Verfügung stellt wie etwa das Notebook mit cloudbasiertem Zugang zu Dokumenten und mit Video-Conferencing-­ Tools. Andererseits die Rahmenbedingungen, die die Wohnung setzt. Diese werden durch flexible Grundrisse, eine gute Anbindung an das Internet, zum Beispiel mit ­einer Netzwerkverkabelung in allen Räumen und einer wohnlichen Ausstattung und Einrichtung verbessert. Können Sie diese These am Beispiel der Smart-Living-Lösungen Ihrer Wohnungen verdeutlichen? Wir kombinieren nachhaltig gebaute Wohnungen, mit Sicherheit und Service. Zudem gehört die Ausstattung der Wohnungen als Smart Home zu unserem Konzept, wir fördern aber auch die soziale Vernetzung. Konkret bedeutet dies, dass in der aktuellen Situation, wir unseren Mieterinnen und Mietern mit unseren Concierge-, Reinigungs- und Lieferservices von bonacasa zur Seite stehen. Das Smart Home trägt zu einer besseren Arbeitsumgebung bei, so lassen sich die Storen und Lichter, zum Beispiel durch Dimmen, optimal auf die Erfordernisse eines guten Home-OfficeArbeitsplatzes ausrichten und leicht vom Schreibtisch aus bedienen. Der digitale Wandel ist aber kein technisches Naturgesetz. Wir können so vorgehen wie China, wo es inzwischen eine schon fast geschlossene soziale Kontrolle gibt, oder Lösungen für offenere Gesellschaften zu finden. Wie sind Ihre betriebswirtschaftlichen Lösungen hier aufgestellt? Konkret gefragt, wer hat die Kontrolle über die Verwertung der Daten? Wir erhalten keine Daten aus den SmartHome-Systemen, die wir in den Wohnungen verbaut haben. Die bleiben geschlossen in der Wohnung, die ja nicht nach aussen zu uns als Immobilieneigentümer vernetzt sind. Unser Tochterunternehmen bonacasa speichert dort Daten, wo diese vom Nutzer explizit freigegeben werden, sicher ab. Dazu gehören etwa Daten im Zusammenhang mit dem 24 / 7-Notrufservice. Somit hat der Nutzer bei uns die Kontrolle. Generell ist die Situation aus meiner Sicht befremdlich oder gar skurril: Wer nach Privatheit verlangt, möge auf Google Dashboard prüfen, was Google bereits über ihn weiss. Des Weiteren möge jeder

Dr. Alain Benz ist Leiter Unternehmensentwicklung und Marketing der bonainvest Holding AG.

überlegen, wer in seinem Bekanntenkreis die Dienste wie Google Maps, WhatsApp, Facebook, LinkedIn und Co. nutzt und wer bei diesen Diensten die Datenaufzeichnung und -nutzung explizit eingeschränkt hat.

«Wir haben als Immobilienanbieter wie auch als Gesellschaft keine andere Wahl ... » Ja, da haben viele von uns noch viel Luft nach oben, was die Hoheit über die privaten Daten betrifft. Kommen wir zum Thema der unterschiedlichen Generationen. Einer Ihrer zentralen Geschäftsbereiche lautet «Entwicklung und Bau von Immobilien nach eigenen Standards». Inwieweit berücksichtigen diese Standards die Tatsache, dass unsere Gesellschaft immer älter wird? Sie berücksichtigen diese Tatsache nicht nur, sondern standen als Initialgeber für unsere Überlegungen. Ivo Bracher, CEO und VRP, beschäftigt sich mit dem Thema seit 30 Jahren und stellt sich seit Beginn seiner Tätigkeit die Frage: Was macht eine gute Wohnung aus, die auch im Alter gut

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INNENARCHITEKTUR

Mitten im Zentrum von Utzenstorf wurden in vier Neubauten und einem komplett sanierten Bauernhaus insgesamt 53 Miet- und Eigentumswohnungen erstellt.

f­unktioniert? Zentral ist die durchgängig schwellenfreie Bauweise, aber auch die Verfügbarkeit von Services für mehr Sicherheit und Komfort beim Wohnen. Unser Modell ist heute generationendurchmischt ausgerichtet, aber nach wie vor bieten unsere Wohnungen die Möglichkeit, auch bei eintretenden Einschränkungen noch lange in den eigenen vier Wänden leben zu können. Können Sie auch hier zwei, drei Beispiele benennen, um die praktische Relevanz zu verdeutlichen? Gute, nachhaltige und schwellenfreie Architektur und Wohnungen, die flexibel und ohne grosse Kosten, dank weitsichtiger Vorinvestitionen seitens der Bauherrschaft, an die sich verändernden Lebenssituationen angepasst werden können: Gerne erwähne ich hier das Beispiel der Haltegriffe, die dank einer stabilen Wandkonstruktion in unseren Badezimmern ohne grossen Aufwand nachgerüstet werden können und auch solide halten. Das zweite

Thema ist eine gute Wohngemeinschaft und die ­Verfügbarkeit optionaler Dienstleistungen, etwas 24 / 7-Notrufservice oder die Concierge- und Reinigungsleistungen, wenn die körperlichen Möglichkeiten nachlassen. Jetzt können wir unsere urbanen Räume weiter mit Altersheimen-, Seniorenresidenzen und Pflegeheimen vollstellen. So ist die alte Generation unter sich und kann gepflegt werden. Es hat aber ohne Frage Vorteile, wenn mehrere Generationen unter einem Dach leben. Nur die klassische Grossfamilie gibt es nicht mehr. Wie sind Sie hier aufgestellt? Unserer Erfahrung nach möchte der ältere Mensch erstens möglich lange zu Hause leben und zweitens in generationendurchmischten Überbauungen, also Jung und Alt zusammen. Alters- und Pflegeheime braucht es nach wie vor, aber die Devise heute lautet, ambulant vor stationär, und dies so lange wie möglich. Die Technik – jetzt sind wir wieder beim Thema Smart Home – kann in diesem Bereich unterstützen, etwa indem

sie Alarm schlagen kann, wenn jemand über längere Zeit hinweg keine Aktivität zeigt. Es gibt in der Schweiz aus meiner Sicht nur einige Genossenschaften, die das Thema gemeinsames Wohnen von mehreren Generationen unter einem Dach nachhaltig aufgegriffen haben. Das ist aber noch eine Nische. Wie kann es zum Mainstream werden? Wir haben als Immobilienanbieter wie auch als Gesellschaft keine andere Wahl, wenn wir auf die demografische Veränderung blicken. Wir bauen ja nicht aus kurzfristiger Trendsicht Wohnungen, die für ältere Menschen genau so funktionieren wie für junge Menschen, sondern weil zwei Gruppen die Nachfrage in Zukunft dominieren werden: die Millennials und die Senioren. Unsere Wohnungen funktionieren für beide Altersgruppen gut und somit ist es ja nicht eine «Entweder-oder-Entscheidung», sondern unser Konzept zeigt, dass es allen Altersgruppen mit ihren individuellen Wohnbedürfnissen Mehrwerte bieten kann.

bonainvest Holding AG | Weissensteinstrasse 15 | CH-4503 Solothurn | Tel. +41 (0) 32 625 95 95 | info@bonainvest.ch | www.bonainvest.ch

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ES GEHT MIR GUT LEBENSQUALITÄT DURCH STEUERUNG DER WOHNRAUMLÜFTUNG von Georg Lutz

In unserer Wohnung wollen wir uns wohlfühlen. Dazu gehört auch eine gute Luftqualität. Gerade in Zeiten, in denen wir unsere Gebäudehüllen immer besser dämmen, braucht es dazu eine Lüftungslösung. Die Haustechnik spielt dabei eine immer grössere Rolle. Neue Steuerplatinen und überarbeitete Lüftungsanlagen und die erweiterten Möglichkeiten der Wohnraumlüftung im Smart Home ermöglichen eine neue Qualität des Wohnens. Inzwischen ist es möglich, dezentrale Wohnraumlüftungsgeräte, die sich bequem vom Sofa aus per App auf dem Tablet oder Smartphone steuern lassen, einzusetzen.

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UMWELT & TECHNIK

Gute Luft bekommen wir heute über smarte Steuerungsmöglichkeiten.

DAS ANGENEHME MIT DEM NÜTZLICHEN VERBINDEN

VERNETZTE LÖSUNGEN UND KONTROLLE DER WOHNRAUMLÜFTUNG von Andrea Schütz

In den vergangenen Jahren rückte die Vernetzung der Haustechnik zunehmend auch in den Blickpunkt von Lüftungsgeräteherstellern. Ein Beispiel sind neue Steuerplatinen und überarbeitete Lüftungsanlagen, die erweiterte Möglichkeiten der Wohnraumlüftung im Smart Home ermöglichen. Seite 108 // bauRUNDSCHAU


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nzwischen ist es möglich, dezentrale Wohnraumlüftungsgeräte, die sich bequem vom Sofa aus per App auf dem Tablet oder Smartphone steuern lassen, einzusetzen. Bisher mussten Nutzer noch Einschränkungen bei der Bedienbarkeit hinnehmen. Das ist nun Vergangenheit. «Durch die DIN 1946-6 sind Planer und Architekten eigentlich dazu verpflichtet, bei Neubauten oder Sanierungsprojekten schon frühzeitig ein Konzept zur nutzerunabhängigen Lüftung zu erstellen», erklärt Martin Edler von Dall’Armi, Geschäftsführer der Blauberg Ventilatoren GmbH aus

München. «Trotzdem wird die Lüftungsplanung noch immer eher stiefmütterlich behandelt.» Immerhin zeigen Haus- und Wohnungsbesitzer mittlerweile ein vermehrtes Interesse an der Vernetzung und zentralen Steuerung von haustechnischen Anlagen wie Heizung und Licht. Die Möglichkeit, alle Anlagen von einem zentralen Bedienpanel oder einem mobilen Endgerät aus bequem und individuell zu steuern, schafft beim Anwender ein besonderes Nutzererlebnis. Um Bewohner, Installateure sowie Planer und Architekten gleichfalls stärker auf die

Vorteile von einem gut geplanten Lüftungskonzept aufmerksam zu machen, legen Hersteller ihren Fokus deshalb zunehmend auf die Entwicklung energieeffizienter und gleichzeitig einfach zu installierender und bedienender Lüftungsgeräte. Das Angenehme – die bequeme vielfältige Steuerung entweder per Bedienpanel, mobilem Gerät oder via Cloudserver – wird mit dem Nützlichen verbunden: frische Luft auf Knopfdruck oder Touch, welche die Gesundheit und die Bausubstanz schont. Die Neuheiten aus dem Produktportfolio von Blauberg beinhalten genau dieses Konzept: Während das überarbeitete dezentrale Lüftungsgerät

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UMWELT & TECHNIK

INDIVIDUELLE ANPASSUNG

Die überarbeitete Version lässt die Integration von beliebig vielen Geräten in das Heimnetz zu, sodass die gewünschte Einstellung der gesamten Lüftungsanlage über einen einzigen Steuerbefehl per Tablet oder Smartphone möglich ist. Weitere Vorteile ergeben sich im Betrieb selbst: Mittels App können Nutzer einen detaillierten Wochenplan erstellen, wodurch für jede Tageszeit die passende Lüftungsstufe einstellbar ist. Sollen die Einstellungen ausser Haus erfolgen, ist dies auch weltweit über einen Cloud-Server möglich. Ebenso wird ein notwendiger Filterwechsel rechtzeitig von der App angekündigt. Durch die Wärmerückgewinnung mit einem Wärmerückgewinnungsgrad von bis zu 93 Prozent und den jahreszeitabhängigen Betriebsmodi gewährleistet der Vento Expert A 50-1 S10 W V.2 einen energiesparenden und an die individuellen Bedürfnisse angepassten Betrieb. Auf diese Weise lassen sich die Kosten für Heizung und Klimaanlagen deutlich reduzieren.

Martin Edler von Dall’Armi ist Geschäftsführer der Blauberg Ventilatoren GmbH.

APP STATT BEDIENPANEL Neben zahlreichen dezentralen Lösungen bietet Blauberg auch zentrale Geräte an. Dazu zählt unter anderem die Lüftungsanlage Komfort EC D5B180 mit einer maximalen Förderleistung von 220 Kubikmetern pro Stunde, deren Einsatz sich besonders in Wohnungen und Häusern bis circa 140 Quadratmeter bewährt hat. Da die Geräte aus Polypropylen-Schaum gefertigt werden, zeichnen sie sich durch ein sehr geringes Gewicht von lediglich 14 Kilogramm aus, was die Montage deutlich erleichtert. Die Steuerung war dagegen bisher nur über ein

© Blauberg Ventilatoren GmbH

Bei der Überarbeitung der dezentralen Lüftungsanlagen standen zwei Funktionen im Mittelpunkt: «Zum einen war uns wichtig, die Einrichtung des Systems zu erleichtern», berichtet von Dall’Armi. «Zum anderen sollten sich die Einstellungen anhand des integrierten Wochenplans noch individueller an den Nutzer anpassen lassen.» Die Geräte der Vento-Expert-Reihe arbeiten mit einem Master- / Slave-System, was bedeutet, dass in der Regel mehrere SlaveGeräte mit einem Master-Gerät vernetzt und gesteuert werden können. Das Master-Gerät wiederum erhält die Befehle über WLAN von einem mobilen Endgerät. Bei der Inbetriebnahme wird für jedes Gerät zunächst bestimmt, ob es als Master- oder als Slave-Gerät auftritt. Die Konfiguration war bisher nur durch den Anschluss der Lüftungsanlagen an einen PC oder an ein Notebook möglich, was einen deutlich höheren zeitlichen Aufwand bedeutete. Dieser Schritt wird beim überarbeiteten Modell dagegen deutlich verkürzt: Für die

Bestimmung des Master- / Slave-Modus können die notwendigen Einstellungen nun bequem über den «DIP-Schalter» im Innern des Lüftungsgeräts vorgenommen werden. Ein weiterer Tastendruck im integrierten Bedienfeld der Innenblende reicht aus, damit die Slave-Geräte nach dem Master-Gerät suchen.

© Blauberg Ventilatoren GmbH

Vento Expert A 50-1 S10 W V.2 mit einer einfacheren nutzerfreundlichen Bedienung, sowohl beim Einbau als auch bei der Endnutzung, aufwartet, werden die zentralen Komfort-EC-Geräte durch die neue Steuerplatine S21 erstmals überhaupt WLANund Smart-Home-fähig.

Die überarbeitete Einzelraumlüftungsanlage Vento Expert A50-1 S10 W V.2 zeichnet sich durch einen hohen Wärmerückgewinnungsgrad von 93 Prozent aus.

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© Blauberg Ventilatoren GmbH

UMWELT & TECHNIK

© Blauberg Ventilatoren GmbH

Die Lüftungsanlagen lassen sich ohne grossen Aufwand über WLAN in das Smart-Home-Netzwerk einbinden oder an ein Gebäudeleitsystem anschliessen.

Über einen Cloud-Server kann die heimische Lüftungsanlage auch von jedem Ort der Welt aus gesteuert werden

fest installiertes Touch-Bedienfeld möglich, welches wenige Einstellmöglichkeiten zuliess. Um den Komfort bei der Inbetriebnahme und für die Bewohner zu erhöhen, entwickelte Blauberg eine neue Steuerplatine: Die S21 ermöglicht es, das zentrale Lüftungsgerät über WLAN ebenfalls per App zu kontrollieren und verschiedene Einstellungen direkt vom Sofa aus vorzunehmen. Ebenso wie bei den dezentralen

Lüftungsgeräten ist ein zeitgesteuerter Wochenmodus möglich. Die Anlage passt sich zudem automatisch an die äusseren Bedingungen an. Dabei hilft auch der eingebaute Bypass, der im Sommer über Nacht kühle Aussenluft in den Raum transportiert und so zusätzlich die Klimaanlagen entlastet. Sollte eine Störmeldung auftreten, kann diese vollständig in der App angezeigt und beschrieben werden. Ein

Modbus-Protokoll erleichtert die Einbindung in Smart-Home-Systeme. Die neue Steuerung ermöglicht zum Beispiel die Kontrolle der Mindestzulufttemperatur sowie die VOC- und PM2.5-Kontrolle, was bei den Komfort-EC-Modellen ohne S21 nicht möglich war. Auch notwendige Filterwechsel werden prompt kommuniziert; sie werden rechtzeitig per Smartphone oder Tablet angekündigt. Gesamt betrachtet lassen sich nun alle nötigen Schritte von der Montage über die Installation bis hin zur Inbetriebnahme und regelmässigen Wartung innerhalb kurzer Zeit erledigen und werden durch die neue Steuerplatine und die intuitive Bedienung per App unterstützt. Auf diese Weise sorgen die Neuerungen für anhaltend hohen Wohnkomfort und eine energieeffiziente ressourcenschonende Nutzung.

ANDREA SCHÜTZ arbeitet bei dem ABOPR Pressedienst B.V. in München. www.blaubergventilatoren.de

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© Stadt Lenzburg

Es grünt im Beton-Dschungel: das Quartier «Im Lenz» in Lenzburg.

GLEICH VIEL ENERGIE FÜR ALLE 2 000-WATT-AREAL «IM LENZ» UND SMART CITY LENZBURG von Béatrice Taubert und André Golliéz

Decken 2 000 Watt wirklich die persönlichen Energieressourcen ab? Die Bewohner des 2 000-Watt-Areals in Lenzburg sagen klar: Ja! Die ersten Schritte in eine 2 000-Watt-Gesellschaft sind getan. Doch wie entwickelt sich Lenzburg weiter?

S

eit 2014 ist Lenzburg Energiestadt und hat in den letzten Jahren verschiedene energiepolitische Vorzeigeprojekte erfolgreich durchgeführt. Das als «2000-Watt-Areal» zertifizierte Quartier «Im Lenz» in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof Lenzburg steht für einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen für die Erstellung der Gebäude, ihren Betrieb und ihre Erneuerung. Vom 2000-Watt-Areal ist der Sprung nicht weit zur 2000-Watt-Gesellschaft, einer zukunftsorientierten und gerechten Gesellschaft. Jeder heute und in der Zukunft lebende Mensch hat Anrecht auf gleich viel Energie. Ungefähr 2 000 Watt Dauerleistung auf Primärenergiestufe pro Person stehen

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weltweit nachhaltig zur Verfügung. Die damit verbundenen CO2-Emissionen sollten eine Tonne pro Person und Jahr nicht übersteigen, weil sich sonst das Klima drastisch verändert. In einem intelligent aufgebauten Energieversorgungsystem und mit dem ­nötigen Bewusstsein reichen 2 000 Watt Dauerleistung pro Person aus, um in Wohlstand und mit hoher Qualität zu leben. Lag die beanspruchte Dauerleistung um die Jahrtausendwende noch bei klar über 6 000 Watt pro Einwohner, so sank sie 2013 bereits auf unter 5 500 Watt. Seither ist der Verbrauch pro Person abermals gesunken. Der Wendepunkt ist geschafft und die Schweiz hat den Weg in Richtung

2000-Watt-Gesellschaft eingeschlagen. Sicherlich haben hierfür die diversen energiepolitischen, regulatorischen und konkret baulichen Massnahmen in den letzten Jahren ihre positiven Spuren hinterlassen. Doch Lenzburg will nicht auf diesen Lorbeeren ausruhen, sondern sich in allen Lebensbereichen zu einer «Smart City» weiterentwickeln. Im Zentrum dieser Entwicklung stehen die Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt Lenzburg, die «Smart Citizens» mit ihren Anliegen und Ideen. Um diese in die Gestaltung der Zukunft der Stadt aktiv mit einzubeziehen, wird Lenzburg erstmals ein «Smart City Lab» durchführen.


© Stadt Lenzburg

© Stadt Lenzburg

Im Aabachpark wurde ein altes Klärbecken umfunktioniert.

Eine Rutschbahn und ein Picknickplatz laden zum Verweilen ein.

SMART CITY LAB Das Smart City Lab ist eine für alle Interessierten offene zweitägige Veranstaltung, an welcher kreative Ideen für die Zukunft Lenzburgs entwickelt und ausgetestet ­werden können. Zu diesem Zweck stellt die Stadt geeignete Räumlich-keiten wie die Aula des Schulhauses Bleicherain und technische Infrastruktur wie zum Beispiel Schreibmaterial, WLAN, Strom zur Verfügung und sorgt für die Verpflegung der Teilnehmenden. Im Vorfeld des Smart City Lab erarbeiten interessierte Einwohnerinnen und Einwohner sowie Vertreter ortsansässiger Unternehmen, der Stadtverwaltung und zivilgesellschaftlicher Organisationen Problemstellungen, sogenannte Challenges, in Zusammenhang mit der zukünftigen Gestaltung Lenzburgs. Zu Beginn der Veranstaltung werden die Challenges kurz vorgestellt. Anschliessend hat jeder Teilnehmende die freie Wahl, sich einem «Experiment» des Smart City Lab respektive dem entsprechenden Team anzuschliessen. Die Teams haben dann bis am frühen Nachmittag des Folgetages Zeit, ihre Ideen, Konzepte und Prototypen zu entwickeln und anschliessend allen Teilnehmenden und Interessierten zu präsentieren. Alle Ergebnisse der Experimente werden anschliessend auf der Website des Smart City Lab publiziert und können für weiterführende Projekte genutzt werden. Die Themen des Smart City Lab sind so vielfältig wie die Stadt Lenzburg selber. Nebst Infrastrukturthemen wie Energieproduktion und -verbrauch, öffentlicher und privater Verkehr oder Abfallentsorgung geht es auch um die Belebung bestimmter Quartiere oder möglicher Treffpunkte, den sozialen und kulturellen Austausch innerhalb der Stadt oder die Beziehung zwischen Einwohnerinnen und Einwohnern und den

städtischen Behörden. Im Kontext der Corona-Pandemie ist das Thema Nachbarschaftshilfe besonders aktuell. Das Smart City Lab macht keine thematischen Einschränkungen. Jede Problemstellung zur Zukunft der Stadt Lenzburg ist grundsätzlich willkommen. Es liegt einzig an den Teilnehmenden, ob und in welcher Form ein bestimmtes Smart-City-Experiment durchgeführt wird. Offene Daten sind eine wichtige Ressource, um viele Problemstellungen in Zusammenhang mit der künftigen Gestaltung der Stadt zu bearbeiten. In den Daten der Verwaltung und der öffentlichen Betriebe, aber auch der privaten Unternehmen und der sozialen Medien liegt das Wissen über eine Stadt verborgen. Smarte Citizens benötigen daher möglichst viele Daten über ihre Stadt, um Antworten auf ihre Fragen zu finden oder zukünftige Entwicklungen zu entwer-fen. Dazu gehören Geo- und Vermessungsdaten, diverse Statistiken, Gebäude- und Wohnungsregister, Angaben zu den Einwohnerinnen und Einwohnern und so weiter. Aus diesem Grund werden im Vorfeld des Smart City Lab nicht nur Problemstellungen, sondern auch Daten gesammelt, welche bei den Experimenten behilflich sein können. Diese Daten sollen offen und uneingeschränkt nutzbar sein. Und natürlich ohne jeden Bezug zu einzelnen Personen. Der Datenschutz und der Schutz der Privatsphäre ihrer Einwohnerinnen und Einwohner ist für eine Smart  City eine Selbstverständlichkeit und hat stets höchste Priorität.

DIE ZEIT DANACH Tools und Apps ermöglichen die Nutzung und Visualisierung der Daten. Digitale Bilder und räumliche Darstellungen in 3-D erlauben die Simulation künftiger Szenarien

für die Stadtentwicklung. Daher stellt das Smart City Lab auch solche digitalen Hilfsmittel zur Verfügung und unterstützt die Teilnehmenden bei deren Nutzung. Kenntnisse in Softwareentwicklung sind aber keine Bedingung für die Teilnahme. Sie schaden aber auch nicht. Technisch versierte Einwohnerinnen und Einwohner können für die Entwicklung einer Smart City wichtige Aufgaben übernehmen und insbesondere Mitbürgerinnen und Mitbürger unterstützen, die digital vielleicht noch nicht ganz so fit sind. Was geschieht nach dem Smart City Lab? Da die Ergebnisse der Experimente ohne Ausnahme öffentlich zur Verfügung stehen, können sie von allen Interessierten weitergenutzt werden. Die Veranstalter (die Stadt Lenzburg, der Verein Opendata.ch und die Initiative CITELLIGENT) werden sich zusammen mit den Sponsoren (Bundesamt für Energie BFE, Stadtwerke Lenzburg SWL, Hypothekarbank Lenzburg, Firma Onedigit) dafür einsetzen, dass sich die Experimente des Smart City Lab zu erfolgreichen Projekten der Smart City Lenzburg weiterentwickeln. ANMERKUNG 1) Ursprünglich war die Durchführung des Smart City Lab ­Lenzburg für den 24. und 25. April 2020 geplant. Leider hat auch hier das Coronavirus einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das Smart City Lab wird daher im Herbst oder ­allenfalls erst im kommenden Frühjahr durchgeführt.

ANDRÉ GOLLIEZ ist Founding Partner bei Zetamind AG und Projektkoordinator Smart City Lab Lenzburg.

BÉATRICE TAUBERT ist Energiestadt-Koordinatorin der Stadt Lenzburg. www.lenzburg.ch

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UMWELT & TECHNIK

DIGITALE DOPPELGÄNGER DIE GLOBALEN VERÄNDERUNGEN IN DER BAUBRANCHE von Andrew McCloskey

Immer mehr Bauunternehmen nutzen einen Digitalen Zwilling. Bauprojekte können so virtuell geplant und getestet werden. Auch im Betrieb kann das Gebäude kontinuierlich überwacht und verbessert werden dank Predictive Maintenance.

D

er Bausektor ist weltweit bereits eine der grössten Industrien – und er wird noch weiterwachsen. Der «Global Construction Report 2030» von PwC prognostiziert, dass die Baubranche bis 2030 um 85 Prozent wachsen wird. Das entspricht einem Volumen von 15.3 Billionen Dollar. Bis dahin muss die Baubranche jedoch noch vier Herausforderungen bewältigen: Produktivität und Profitabilität steigern, Timing und Budget-Management in der Projekt-Performance verbessern, geeignete Fachkräfte finden sowie die Nachhaltigkeit im Bau erhöhen.

Die Technologie des Digitalen Zwillings hilft, diese Herausforderungen zu bewältigen. Mit einem Digitalen Zwilling können Ingenieure / -innen ein virtuelles Abbild geplanter und bereits bestehender Bauprojekte und Assets erstellen – das umfasst das Gebäude, Konstruktions- und Bauprozesse, Personaleinsatz, Bauplätze und den Werkzeugeinsatz.

Verfahren testen, mögliche Probleme simulieren und Mitarbeiter / innen schulen. Da Nachhaltigkeit im Baugewerbe immer relevanter wird, können Ingenieure / -innen in der Simulation auch überprüfen, ob Nachhaltigkeitsziele und andere gesetzliche Vorgaben eingehalten werden. Der Zwilling macht sogar Vorschläge, wie diese Ausfälle in Zukunft verhindert werden können.

Einige Unternehmen nutzen den Digitalen Zwilling bereits, um neue Anlagen und Verfahren zu testen, bevor der Bau beginnt. An einem Digitalen Zwilling können sie neue

DAS INTERNET OF THINGS BRAUCHT UNTERSTÜTZUNG Die digitale Transformation betrifft immer mehr Bereiche: Häuser und ganze Städte

Darstellung einer Anlage mithilfe eines Digitalen Zwillings.

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UMWELT & TECHNIK

werden smart dank der Analyse grosser Datenmengen. Das Marktforschungsunternehmen Gartner schätzt, dass es bis 2021 mehr als 25 Milliarden Internet of Things (IoT) Endpoints für verschiedenste Szenarien ­geben wird. Der Digitale Zwilling wird essenziell, um das Internet of Things (IoT) umzusetzen. Neben Sicherheit, Praktikabilität und Nachhaltigkeit können auch kreative Ideen in der Simulation getestet werden. Die Simulation enthält alle notwendigen Faktoren, wie etwa Massstab, Schwerkraft und Wettereinflüsse. Deswegen ist das Feedback der Simulation ebenso akkurat wie bei einem realen Test. Konstruktionen können mit einem Digitalen Zwilling 100 Mal schneller getestet und bestätigt werden.

© AVEVA

Energiekosten betragen rund 19 Prozent der gesamten Baukosten für ein durchschnittliches Gebäude. Durch ein proaktives, datengetriebenes Energiemanagement können Betreiber / innen Kosten einsparen und dadurch einen positiven Einfluss auf die Umwelt haben.

Schon jetzt investieren viele IoT-Anbieter und Datenanalysten in die Technologie des Digitalen Zwillings. Sie können damit ein besseres Nutzererlebnis anbieten und sich von Wettbewerbern abheben.

und vieles mehr im Bau optimiert werden. Dies steigert die Effizienz der Mitarbeiter um 25 Prozent und lässt eine 90 Prozent schnellere Umsetzung von Anlagestrategien zu.

IN DREI SCHRITTEN ZU MEHR DATENKONTROLLE

ZUKUNFTSFÄHIGKEIT IST DAS ZIEL

Digitalisierte Datenübertragung und die Integration von verschiedenen Prozessen in einen einheitlichen Workflow ist in den meisten Bauprojekten noch Zukunftsmusik. Durch eine starke Fragmentierung innerhalb der Projekte in verschiedene Zuständigkeiten, Ziele, Softwarelösungen und Methoden kann es zu teilweise kostspieligen Fehlern im Bau kommen.

Im Rahmen der Digitalisierung bietet der Digitale Zwilling einen weiteren grossen Vorteil: Es wird eine horizontale Integration möglich gemacht, die in einem solchen Mass zuvor nicht existiert hat. Das bedeutet konkret, dass der Digitale Zwilling nicht nur in der Planungs- und Bauphase eines Objektes Vorteile bringt, sondern auch über die gesamte Lebensdauer ein effektives Tool zur Wartung, Verbesserung und Kostenoptimierung darstellt.

Diese Probleme, ausgelöst durch fehlende oder falsche Informationsweitergabe und dezentrale Datenspeicherung in verschiedensten Formaten und Dokumenten, können durch ein sogenanntes Building Information Modeling (BIM) bewältigt werden. Richtig implementiert bietet ein Building Information Model eine effiziente und vollständig digitalisierte Wertschöpfungskette und ein einheitliches LifecycleManagement im und nach dem Bau. Das BIM behebt diese Probleme im Datenmanagement in drei Schritten: • Alle Daten werden in einer Anwendung standardisiert zusammengeführt und so für jeden Akteur im Bauprozess ohne die Hürden verschiedener Datenformate und Plattformen zugänglich gemacht. • Die Anwendung ist zentralisiert: Alle Akteure haben zu jeder Zeit Zugriff auf identische Daten in einer einzigen ­Anwendung. Änderungen dieser Daten bleiben nachverfolgbar. • Ein einziger, zentraler und abgesicherter Cloud-Datenspeicher. Durch die so geschaffene vertikale Integration mithilfe des BIMs, die die Verfügbarkeit und Auswertung der Daten vereinfacht, kann innerhalb von nur drei Minuten durch alle Akteure auf alle relevanten Daten des Gebäudes zugegriffen werden.

Wird ein Gebäude oder ein Asset kommissioniert oder in Betrieb genommen, sollte auch der Digitale Zwilling in die neue Phase übernommen und an die Betreiber übergeben werden. Im laufenden Betrieb wird der Digitale Zwilling dann kontinuierlich und automatisch mit aktuellen Betriebs- und ­Prozessdaten aktualisiert. Dazu gehören Daten von Sensoren sowie aus Performance und Maintenance. Der Zwilling speichert ausserdem automatisch Informationen zu Abweichungen im optimalen Betriebsablauf. Diese detaillierte Übersicht über den Zustand eines Gebäudes kann in Zukunft sogar zu einer Wertsteigerung der jeweiligen Immobilie führen, da so potenzielle Käufer einen umfassenden Eindruck über die Stärken und Schwächen eines Objektes erhalten. Daten aggregieren und auswerten zu können, ist ein bedeutender Vorteil in der heutigen Wirtschaft. Der Digitale Zwilling zeigt den aktuellen Zustand des Assets und berechnet, wie das Asset auf interne oder externe Änderungen reagieren wird. Bei Bauprojekten können veränderte Normen oder gestiegene Umweltanforderungen schnell eingearbeitet werden.

Auch mobil kann auf die Daten zugegriffen und diese auf verschiedensten Endgeräten genutzt werden. So bleibt man ebenfalls nicht an veraltete Hardware gebunden.

Ausserdem kann der Digitale Zwilling Predictive Maintenance anwenden und proaktiv mögliche Ausfälle des Assets identifizieren, bevor sie auftreten. Das Modell kann sogar Massnahmen vorschlagen, um diese Ausfälle zu verhindern.

Durch diese nahtlose Kommunikation der Asset-Daten können wiederum die Projektplanung, der Werkzeug- und P ­ ersonaleinsatz

So kann die Verfügbarkeit der Anlagen innerhalb des Bauprojektes um 15 Prozent gesteigert werden, während der

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UMWELT & TECHNIK

© AVEVA

­ artungsaufwand durchschnittlich um W 30 Prozent sinkt. Dies bedeutet insgesamt eine Senkung der Wartungskosten um bis zu 50 Prozent. Energiekosten betragen rund 19 Prozent der gesamten Baukosten für ein durchschnittliches Gebäude. Durch ein proaktives, datengetriebenes Energiemanagement können Betreiber / innen Kosten einsparen und dadurch sogar einen positiven Einfluss auf die Umwelt haben.

INTELLIGENTE WARTUNG Wird ein Gebäude oder ein Asset kommissioniert oder in Betrieb genommen, sollte auch der Digitale Zwilling in die neue Phase übernommen und an die Betreiber übergeben werden. Im laufenden Betrieb wird der Digitale Zwilling dann kontinuierlich und automatisch mit aktuellen Betriebs- und Prozessdaten aktualisiert. Dazu gehören Daten von Sensoren sowie aus Performance und Maintenance. Der Zwilling speichert zudem automatisch Informationen zu Abweichungen im optimalen Betriebsablauf. Dank dieser Informationen kann der Digitale Zwilling Predictive Maintenance anwenden und proaktiv mögliche Ausfälle des Assets identifizieren, bevor sie auftreten. Das Modell kann sogar Massnahmen vorschlagen, um diese Ausfälle zu verhindern. Mit anderen Worten: Der Digitale Zwilling kann vorhersagen, wann sein physisches Gegenstück kaputt geht, lange bevor das passiert. Der virtuelle Doppelgänger nutzt Künstliche Intelligenz, fortschrittliche Prozesssteuerung, Control Strategy Design und Prozessoptimierung. Mit diesen Werkzeugen können die Unterschiede zwischen dem Prozess- und Asset-Design sowie Engineering und Prozesssteuerung integriert werden. So entstehen eine effiziente und vollständig digitalisierte Wertschöpfungskette und ein einheitliches LifecycleManagement. Unternehmen können damit Ineffizienzen und Verbesserungsmöglichkeiten erkennen und im laufenden Betrieb in Echtzeit umsetzen.

UMFASSENDE DIGITAL-STRATEGIE Die digitale Transformation verbindet die neuesten Tools und Prozesse mit der Expertise der Ingenieurinnen und Ingenieure oder Betreiberinnen und Betreiber. Neue und bestehende Daten können so leicht kontextualisiert werden – daraus entstehen

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Darstellung der Unified Engineering Plattform mit dem Digitalen Zwilling.

völlig neue Erkenntnisse. Unternehmen können diese Erkenntnisse dann umsetzen und Prozesse damit kontinuierlich verbessern.

Roadmap vereinbart werden, die eine Programm- und Projektplanung innerhalb der digitalen Transformation ermöglicht.

Damit das jedoch möglich ist, braucht es eine umfassende Digital-Strategie. Unternehmen müssen verstehen, dass Daten zu einem strategischen und wertvollen Vermögenswert für ihre Geschäfte geworden sind.

Daten aggregieren und auswerten zu können, ist ein bedeutender Vorteil in der heutigen Wirtschaft. Der Digitale Zwilling zeigt den aktuellen Zustand des Assets und berechnet, wie das Asset auf interne oder externe Änderungen reagieren wird. Bei Bauprojekten können veränderte Normen oder gestiegene Umweltanforderungen schnell eingearbeitet werden.

Die digitale Strategie sollte genau auf das Asset angepasst werden: Jedes Asset benötigt andere Datendienste. Es besteht aus anderen Stammdaten. Zusätzlich braucht es effektive Tools zur Visualisierung sowie zum Workflow und zur Kooperation. Der Digitale Zwilling sollte auf präzisen Datenfeeds basieren. Damit kann die Simulation die Produkt- und Betriebsleistung präzise abbilden – kritische Kontrollpunkte können nun leicht angepasst werden. Nur 18 Prozent von Asset-Fehlern basieren auf einem Muster wie funktionsbedingter Abnutzung. Dies fand die ARC Advisory Group im Auftrag von AVEVA heraus. Es ist daher essenziell, dass Ingenieure / innen genau überlegen, an welchen Stellen der Digitale Zwilling und die Predictive Maintenance sinnvoll eingesetzt werden können. Gute Einsatzmöglichkeiten sind etwa bei der Verbesserung von Betriebsabläufen und Prozessen oder bei der Reduzierung von Kosten oder Risiken. Vorab sollte eine

Ein Digitaler Zwilling bietet wertvolle Vorteile für die Baubranche: Mit der Simulation können Prozessänderungen getestet werden, bevor sie in der realen Welt umgesetzt werden. Ingenieure / innen können auf Grundlage der Daten präzisere Entscheidungen treffen. So wird nicht nur die Effizienz der Anlage erhöht, auch die Sicherheit wird verbessert. Schliesslich können Kosten eingespart werden – das kann letztendlich einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil bedeuten.

ANDREW MCCLOSKEY ist CTO / EVP R&D bei AVEVA. www.aveva.com


GEMEINSCHAFTSGARAGEN MÜSSEN FÜR DAS LADEN VON ELEKTROAUTOS GERÜSTET SEIN

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UMWELT & TECHNIK

Abläufe, Termine und Kosten schnell im Blick haben.

BIM SEI DANK AUTOMATISIERTER WOHNUNGSBAU von Anna Meister

Digitale Baudokumentation, Projektmanagement und Visualisierung über Building Information Modeling (BIM) ermöglicht agiles Arbeiten zwischen Bauunternehmern, Gewerken und Käufern. Inzwischen sind einige junge und agile Anbieter im Markt. Wir stellen eines vor.

D

ie Baubranche verzeichnet aktuell so viele Aufträge wie noch nie. Gleichzeitig befindet sich das Land in einem Baustau, 60 Prozent aller Projekte werden zu spät oder mit erheblichen Mängeln fertig. Im Schnitt benötigt ein Bauunternehmen für die Bemusterung und die Planung von Sonderwünschen 50 Stunden pro Wohnung. Das liegt unter anderem an den ineffizienten Prozessabläufen. Die Gründer Linda Mayr, Sascha Schütz und Alexander Koslowski und bringen mit Planstack agiles Arbeiten auf die Baustelle: In der webbasierten Anwendung werden alle Projektbeteiligten auf einer zentralen Plattform zusammengeführt. Alle Aufgaben von der Bemusterung über das Sonderwunsch- und Mängelmanagement bis

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UMWELT & TECHNIK

hin zur Schlüsselübergabe werden in der Software koordiniert.

ZUGANG FÜR KUNDEN Käufer erhalten einen eigenen Zugang zur Anwendung und können ihre Bemusterung und Sonderwünsche online planen. Das Bauunternehmen erhält alle Informationen zur gewünschten Ausstattung und bearbeitet die Aufgaben im digitalen Projektmanagement-Tool – auch Nachunternehmer und Gewerke können direkt in Planstack beauftragt werden. Die Kommunikation läuft über einen Echtzeit-Messenger. Zum Soll-Ist-Abgleich können BIM-Modelle in der Anwendung visualisiert werden.

DIGITALE BEMUSTERUNG Planstack setzt bei der Bemusterung auf Building Information Modeling (BIM). Das Bauprojekt wird digital geplant und anschliessend real gebaut. Der Vorteil von BIM steckt in der Vielzahl der vorhandenen Informationen. Denn es werden nicht nur 2-D- oder 3-D-Zeichnungen geliefert, sondern auch Daten wie Herstellerangaben, Material, Kosten und Zeitpunkt des Einbaus

Bauobjekte können nun digital bemustert und geplant werden.

übermittelt. So können Abläufe, Termine und Kosten geplant und abgestimmt werden. Durch die Aufgabenplanung und Zuweisung an alle Projektbeteiligten werden Engpässe und Baumängel frühzeitig erkannt und können behoben werden.

ANNA MEISTER ist Redaktorin bei bauRUNDSCHAU. www.planstack.de

Hygiene – Energieeffizienz – Komfort Vollelektronische Wohnungsstation Combi Port E Erstmalig auf der Swissbau präsentierte KaMo die vollelektronische Wohnungsstation Combi Port E, die sich eingliedert in das Produktsortiment der dezentralen Wohnungsstationen. Diese Erweiterung der Combi-Port-Pro-Stationen bietet hohen Komfort durch eine selbstlernende, sich dem Nutzerverhalten anpassende Funktionsweise. Mit dem System des adaptiven Heizens wird Energie eingespart und durch entsprechendes Monitoring die Transparenz erhöht. Da Kaltwasser und Heizungsseite thermisch getrennt sind, wird das Legionellenrisiko im Trinkwasser signifikant gesenkt.

Verteilerstationen mit vollautomatischem hydraulischen Abgleich und damit höheren Komfort und Kostenerparnis

Die KaMo Verteilerstation ist mit elektrothermischen EGO-Stellantrieben ausgestattet. Das Funktionsprinzip dieser Stellantriebe beruht auf der Erfassung der Vor- und Rücklauftemperaturen der einzelnen Fußboden-Heizkreise. Ein integrierter Mikrochip im Antrieb errechnet auf dieser Grundlage die optimale Temperaturspreizung und stellt die entsprechende Ventilposition ein. Die Solltemperatur-Spreizungen sind dabei variabel. Der neue Lösungsansatz grenzt sich ab von den bisherigen manuellen Einstellungen und führt hin zu einem vollautomatischen hydraulischen Abgleich. Gegenüber herkömmlichen Lösungen wird dadurch auch der Teillastbetrieb optimal abgeglichen. Das System punktet insbesondere durch Energieeinsparung, denn im alltäglichen Heizbetrieb, das sind im Jahr so rund 90 % im Teillastbereich, ist die Heizkreishydraulik jederzeit optimal eingestellt und die Druckverluste sind kleinstmöglich, wodurch Strom für die Pumpe gespart wird. Weitere Informationen: KaMo GmbH Max-Planck-Strasse 11, DE-89584 Ehingen Tel. +49 7391 70 07 0, Fax +49 7391 5 43 15 www.kamo.de, info@kamo.de

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UMWELT & TECHNIK

Hoval zählt zu den weltweit führenden Unternehmen der Raumklimabranche.

RAUMWÄRME SCHÖN VERPACKT VERANTWORTUNG FÜR ENERGIE UND UMWELT von Ivan Widmer

Die Marke Hoval ist international führend für Heiz- und Raumklima-Lösungen. Die Wärmepumpe UltraSource® bezieht die Wärme entweder aus der Luft, aus dem Erdreich oder dem Wasser. Gerade im Zuge der Schweizer Energiestrategie 2050, zeigt Hoval gezielt vor, welche WärmeerzeugerTypen bei einer Heizungssanierung ab 2020 verbaut werden dürfen, um die nationalen Klimaschutzziele zu erreichen.

H

eizanlagen von Hoval zeichnen sich durch eine besonders hohe Energieeffizienz aus. Das Unternehmen positioniert sich als Komplettanbieter für alle verfügbaren Energieträger in der Heiztechnik für kleine bis sehr grosse Anlagen. Mit mehr als 70 Jahren Erfahrung und einer familiär geprägten Teamkultur überzeugt Hoval mit aussergewöhnlichen Lösungen und technisch überlegenen Entwicklungen. Jede Lösung nimmt ein Stück mehr Verantwortung für Energie und Umwelt wahr. Und hier setzt Hoval mit einer persönlichen Beratung und einem umfassenden Kundenservice an. Zum Beispiel mit dem digitalen MuKEn Wegweiser. Im Zuge der Schweizer Energiestrategie 2050 definierte der Bund die sogenannten MuKEn: Die «Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich» legen in sogenannten Standardlösungen fest, welche Wärmeerzeuger-Typen bei einer Heizungssanierung ab 2020 verbaut werden dürfen, um die nationalen Klimaschutzziele zu erreichen. Sie regeln auf kantonaler Ebene die energierechtlichen

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Vorschriften im G ­ ebäudebereich. Hoval führt durch den Dschungel dieser Vorschriften mit einem Konzentrat an wesentlichen Informationen. In nur wenigen Klicks finden Immobilienbesitzer und -Interessierte im digitalen MuKEn Wegweiser Standardlösungen für Ihr Wohneigentum.

EXPERTE UND STARKER PARTNER Mit seiner breiten Produktepalette deckt Hoval Pelletskessel, Wärmepumpen und Solarsysteme ab und bietet zudem ein umfassendes Sortiment an Gas- und Öl-Brennwert-Kesseln. Ferner bietet dieser starke Partner Lösungen für kontrollierte Wohnraumlüftungen, Hallenklima-Systeme und Wärmerückgewinnung an. Von der Planung bis zur Umsetzung und dem anschliessenden Service hält Hoval alles aus einer Hand bereit. Genau hier profitieren Nutzer vom Wissen und Know-how der Experten. 1975 hat Hoval seine erste Wärmepumpe installiert. Die neue Wärmepumpe Hoval UltraSource ® widerspiegelt diese mehr als 40-jährige Erfahrung. Die hocheffiziente

Wärmepumpe für Einfamilienhäuser ist jetzt noch kleiner und zudem schön verpackt. Mit rund 1 800 Mitarbeitenden in 17 Gruppengesellschaften weltweit und einem internationalen Vertriebsnetz von rund 50 Partnern versteht sich die Hoval Gruppe nicht als Konzern, sondern als eine grosse, globaldenkende Familie. Hoval Raumklima-Lösungen werden heute in über 50 Länder exportiert.

GRUNDSTEIN DES ERFOLGS Den Grundstein des Erfolgs legte 1897 Gustav Ospelt senior mit einer Schlosserei in Vaduz, im Fürstentum Liechtenstein. Die Marke Hoval ist seit 1945 eingetragen. Die Internationalisierung nahm 1955 durch einen Lizenzvertrag mit der Firma Friedrich Krupp GmbH für die Produktion von Stahlkesseln in Deutschland ihren Anfang. Der Name Hoval entwickelte sich innerhalb der Heizungsbranche rasch zu einem Qualitätsbegriff. Die Firma versteht es bis heute, den Markt immer wieder durch innovative Pionierleistungen zu ­bereichern,


UMWELT & TECHNIK

die in den 1970er-Jahren mit Entwicklungen in der Klimatechnik und Prozesswärme ergänzt wurden.

Inneneinheiten sind extrem leise. Sie passen ihre Leistung stets genau dem aktuellen Wärmebedarf an – der Fachmann nennt das «modulierend».

ULTRASOURCE® FÜR EIN OPTIMALES RAUMKLIMA

Kurz: Die UltraSource® ist so geräuscharm, dass sie nicht einmal in den Keller muss. Sie darf sogar im Hobbyraum oder in der Waschküche stehen. Auch bei schmalen Treppen und engen Korridoren passt UltraSource® hindurch, weil sie so kompakt gebaut ist wie ein kleiner Schrank. Deshalb braucht sie so wenig Platz. Ist der Speicher für das Warmwasser in die Wärmepumpe integriert, spart das nochmals Platz, denn ein externer Speicher ist nicht mehr nötig. Das Gerät lässt sich sogar direkt in eine Ecke stellen, weil die Anschlüsse entsprechend platziert sind und sie der Installateur flexibel handhaben kann.

Dass die Experten den Teil- oder Vollservice in den folgenden Bereichen anbieten ist kein Zufall: Solarenergie, Wärmepumpen, Biomasse, Fernwärme, Öl, Gas und Wassererwärmung: Hoval zeigt hier technologisch überlegene Raumklima-Lösungen. Die Wärmepumpe UltraSource® bezieht die Wärme entweder aus der Luft, aus dem Erdreich oder dem Wasser. Kommt die Energie aus der Luft, braucht die UltraSource® zusätzlich zur Inneneinheit eine Ausseneinheit, die in der Regel im Garten aufgestellt wird. Dort zieht ein Ventilator die Luft als Energieträgerin ein.

EXTREM LEISE

Die beeindruckende Effizienz der Wärmepumpe Ultra-Source® gehört in ihrer Leistungsklasse zu den höchsten. Das Geheimnis liegt in der ausgereiften Hoval Technik, die sich über die Jahre stetig weiterentwickelt hat. Auch die Inneneinheit sieht fast wie ein Wohnelement aus. Die Ausseneinheit der Luft / Wasser Wärmepumpe punktet

Die UltraSource® räumt definitiv mit dem Vorurteil auf, Wärmepumpen würden viel Lärm verursachen. Hoval hat den Schall von Ausseneinheiten verschiedener Luft / Wasser Wärmepumpen verglichen: Der Geräuschpegel der UltraSource® ist innerhalb ihrer Leistungsklasse einer der tiefsten. Auch die

erst recht mit ihrem Aussehen: Sie gleicht mit ihren Lamellen eher einem modernen Gartenmöbel oder einem Fassadenelement.

Systemregelung für eine ausgereifte Hoval Technik.

CLEVERE REGELUNG SENKT KOSTEN Die Systemregelung der UltraSource® funktioniert so clever, dass sie die Betriebskosten senkt. In diese Regelung lassen sich weitere Hoval Produkte einbinden, etwa thermische Solarkollektoren und eine Komfortlüftung. Auch Photovoltaik kann integriert werden, die UltraSource® Solarstrom nutzt. Die Systemregelung führt geradewegs zur Systemlösung, in der alle Komponenten zu Gunsten hoher Energieeffizienz perfekt ineinandergreifen und sich gegenseitig ergänzen. Es ist ganz einfach, komfortabel warme Räume zu erhalten und zugleich die Umwelt und den eigenen Geldbeutel zu schonen. Konfigurieren Sie Ihr neues UltrasourceHeizungssystem mit dem Wegweiser: www.muken-wegweiser.ch

PASSENDE RAUMKLIMALÖSUNGEN

Bei UltraSource® kommt die Energie aus der Luft.

Die Marke Hoval zählt zu den weltweit führenden Unternehmen der Raumklimabranche. Mit mehr als 70 Jahren Erfahrung gelingt es Hoval immer wieder, mit aussergewöhnlichen Lösungen und technisch überlegenen Entwicklungen zu begeistern. Jede Lösung folgt dabei der Überzeugung, Verantwortung für Energie und Umwelt zu übernehmen. Hoval zeichnet sich zudem durch persönliche Beratung und einen umfassenden Kundenservice aus.

Hoval AG | CH-8706 Feldmeilen | Tel. +41 (0) 44 925 61 11 | info@hoval.com | www.hoval.ch

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© Green City Solutions

CityTrees an der klassischen Einkaufsmeile, dem Kurfürstendamm in Berlin.

BESSERE LUFT VERBESSERUNG DER LUFTQUALITÄT IN DEN STÄDTEN von Lone K. Halvorsen

Das Start-up-Unternehmen und GreenTech-Pionier Green City Solutions hat vor der Concept Shopping Mall BIKINI Berlin die neue Produktgeneration des CityTree vorgestellt. Der weltweit erste serienreife BioTech-Luftfilter vereint die natürliche Fähigkeit, von Moosen Feinstaub zu binden, und Internet-of-ThingsTechnologie. So entlastet der CityTree die Luft um bis zu 80 Prozent von Feinstaub. Seite 122 // bauRUNDSCHAU


© Green City Solutions

CityTrees am Einkaufstempel BIKINI in Berlin.

U

rbane Lebensräume sehen sich in immer stärkeren Masse Umweltbelastungen ausgesetzt. Angetrieben vom Wunsch, einen wertvollen Beitrag für nachhaltige positive Lebensbedingungen in Städten zu leisten, verfolgt das Start-upUnternehmen Green City Solutions GmbH mit Sitz in Berlin und Bestensee das konkrete Ziel, eine bessere Luftqualität in den Städten zu schaffen.

VERBESSERTE LUFTQUALITÄT IN URBANEN RÄUMEN Mit dem CityTree wurde die weltweit erste intelligente BioTech-Filterlösung zur nachweisbaren Verbesserung der Luftqualität in urbanen Räumen entwickelt. Dafür kombiniert das Unternehmen die natürlichen Luftfilterfähigkeiten von Moosen mit modernster Internet-of-Things-Technologie. Mit dem Pilotprojekt in Berlin verfolgt das Unternehmen die Vision, wieder ein Stück Natur in urbane Lebensräume zu bringen und für Menschen in Städten eine bessere Luftqualität zu schaffen. Das Vorhaben wird von Horizon 2020, dem EU-Förderprogramm für Forschung und Innovation, unterstützt und unter anderem von Bettair Cities, Anbieter für Luftqualitätssensoren, gesponsert. Im Laufe des Jahres werden CityTrees der Generation 2020 an hoch frequentierten Strassen und Plätzen Berlins installiert.

DIE PERFEKTE SYMBIOSE AUS NATUR UND TECHNOLOGIE Moose verfügen über antibakterielle Eigenschaften, kühlen und reinigen die Luft, die wir tagtäglich einatmen. Um die bestmögliche Luftfilterfähigkeit zu gewährleisten, hat das Team von Green City Solutions über Jahre hinweg den perfekten Moosmix erforscht. Renommierte Forschungspartner wie das Leibniz Institut für Troposphärenforschung Leipzig (TROPOS) und das Institut für Luft- und Kältetechnik Dresden (ILK) sind unterstützend dabei gewesen, um die Wirkung der CityTrees zu evaluieren. Dank der eingebauten Umweltsensorik kann die Filterleistung online in Echtzeit abgebildet werden. Des Weiteren bietet der BioTechFilter physischen Raum und Schnittstellen für weitere nützliche Services: Von Netzwerktechnik über Outdoor-Screens bis zu zahllosen Sensoren und Messtechnik ist alles möglich. Perspektivisch sind auch integrierte Ladeinfrastrukturen sowohl für mobile Geräte als auch Elektromobilität vorgesehen. «Wir sind sehr stolz, den neuen CityTree gemeinsam mit dem BIKINI Berlin in der Hauptstadt zu präsentieren. Wir freuen uns nach vielen Monaten harter Arbeit sehr über diesen wichtigen Meilenstein – nicht nur für Green City Solutions, sondern vor allem für alle Stadtbewohner. Mit dem ­CityTree 2020 kommen wir unserem Ziel,

allen Menschen das grundlegende Bedürfnis nach frischer und sauberer Luft zu erfüllen, ein kleines Stück näher. Das Pilotprojekt ist eine grossartige Chance und ein wesentlicher Schritt in die richtige Richtung», so Peter Sänger, Moos-Experte und Co-Founder von Green City Solutions. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, ­Michael Müller, unterstützt dieses Vorhaben bereits seit Beginn: «Berlin ist der richtige Ort für innovative Lösungen der drängenden Herausforderungen besonders beim Klimaschutz. Das Berliner Unternehmen Green City Solutions hat im Rahmen des europaweiten Förderprogramms Horizon 2020 einen überzeugenden Erfolg erzielt. Dazu gratuliere ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Das erfolgreiche Kreativ-Projekt hat das Potenzial für die Lösung stadtklimatischer Problemlagen, die in zunehmendem Masse auf unsere urbanen Räume zukommen. Ich wünsche dem Berliner Unternehmen auch Erfolg bei der jetzt bevorstehenden Umsetzung seines Projekts.»

LONE K. HALVORSEN ist Redaktorin von bauRUNDSCHAU. www.greencitysolutions.de

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Die Kombination von Wind-, Solar- und Speichermodulen eröffnet neue Möglichkeiten.

KLEIN, ABER WICHTIG KLEINWINDKRAFT FÜR DIE ENERGIEVERSORGUNG DER ZUKUNFT von Martin Pfränger

Das Interesse an der Technologie der Kleinwindkraft nimmt aufgrund steigender Strompreise und der politisch wie gesellschaftlich eingeschlagenen Richtung, künftig mehr auf erneuerbare Energien zu setzen, stark zu. Um über das ganze Jahr hinweg gleichmässig Strom produzieren zu können, ist die Kombination von Kleinwindkraft, Photovoltaik und Speichern besonders interessant. Auch zur CO2-Neutralität in Unternehmen kann die Verbindung der Technologien beitragen. Der folgende Beitrag beleuchtet die Situation in Deutschland, die vom Grundsatz her aber auch für die Schweiz gilt. Seite 124 // bauRUNDSCHAU


UMWELT & TECHNIK

Voraussetzung ist eine ausreichende Windkraft.

K

leinwindkraft, als ergänzende erneuerbare Energie, ist in Verbindung mit Photovoltaik (PV) und Speichern besonders sinnvoll. Zur Stromversorgung von Gewerbe- und landwirtschaftlichen Betrieben sowie Privatgebäuden ist sie besonders geeignet, Zeiten auszugleichen, in denen aufgrund von fehlender Sonneneinstrahlung nur wenig Strom aus Photovoltaik erzeugt wird. «Der strategische Vorteil der Kleinwindkraft ist sauberer Strom im Herbst und Winter. Wer maximale Energieautarkie für Gebäude oder Gewerbe will, nutzt neben Photovoltaik und Stromspeichern den Wind auf dem eigenen Grundstück, damit genug Eigenstrom für Heizungstechnik wie zum Beispiel die Wärmepumpe erzeugt werden kann. Jeder sollte allerdings vorab prüfen, ob sein Grundstück und damit die Lage der Kleinwindkraftanlagen windstark genug ist», empfiehlt Patrick Jüttermann, Sprecher der Regionalgruppe West des Bundesverbandes Kleinwindanlagen e.V. (BVKW) aus Deutschland.

Verbraucher des Windstroms ist. Eine allgemein anerkannte Abgrenzung zur Grosswindanlage ist bislang noch nicht definiert, in der Praxis zeigen sich die Unterschiede aber meist deutlich. Das häufigste Kriterium ist die Leistung der Anlage mit dem Grenzwert von 100 Kilowatt (kW). Auch die Anlagenhöhe kann als Kriterium herangezogen werden, um Kleinwindkraftanlagen abzugrenzen. Das Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) macht das für Grossanlagen notwendige immissionsschutzrechtliche Genehmigungsverfahren ab 50 Metern Anlagenhöhe fest. Eine Anlage mit einer Höhe unter 50 Metern und einer Leistung kleiner als 100 kW lässt sich damit als Kleinwindanlage bezeichnen. Typische Betreiber sind Besitzer von Gewerbe, Immobilien- und Landwirtschaft mit hohem Stromverbrauch. Aber auch private Hausbesitzer zeigen Interesse an Kleinwindkraftanlagen.

ABGRENZUNG ZU GROSSWINDANLAGEN

In der Verbindung mit Photovoltaik und Speichertechnologie liegt eindeutig die Zukunft in der Kleinwindanlage. Sonne und Wind ergänzen sich optimal. Mit einem Speicher kann der erzeugte Strom immer dann abgerufen werden, wenn er

Kleinwindkraftanlagen sind aufgrund der geringen Höhe optisch unauffällig und werden in unmittelbarer Nähe des Betreibers aufgestellt, der gleichzeitig der

INTEGRALER BEITRAG IN DER LOGIK DER SEKTORKOPPLUNG

gebraucht wird. «Die Zeichen stehen auf Sturm. Nahezu täglich bekommt der Bundesverband-Kleinwindanlagen Anfragen zur kombinierten Nutzung von dezentraler Windenergie als Ergänzung zur Photovoltaikanlage und für den wirtschaftlichen Einsatz von Speichern zur Erhöhung der Eigenverbrauchsquote in Privathäusern, Gewerbebetrieben und an öffentlichen Gebäuden», fasst S ­ tephan Schwartzkopff, Erster Vorsitzender des Bundesverbandes Kleinwindkraftanlagen e.V. (BVKW), den aktuellen Aufwind in der Kleinwindkraft zusammen. Wer beispielsweise Elektromobilität mit selbst erzeugter Energie nutzen will, wird diese Kombination ebenso ins Auge fassen: «Immer wieder kommt in Gesprächen die Zusatzfrage: «Und wie kombiniert sich alles zu einer nachhaltig gespeisten, Speicher-gepufferten Ladeeinrichtung für Elektro- und Hybridfahrzeuge?» Die Ladepunkt-Frage ist bringt es auf den Punkt: Energiewende, Verkehrswende und die Wende der «Denke» laufen nun zusammen. Ein Trend hat begonnen, spürbar und zählbar zu wachsen. Jetzt fehlt nur noch, dass eine Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes bewirken wird, dass dezentrale, kooperative, Blockchain-gesteuerte nachbarschaftliche Nutzung von dezentraler Energieumwandlung gefördert und nicht wie bisher teils behindert wird», zeigt sich Schwartzkopff hoffnungsvoll.

ANMERKUNG 1) Veranstalter der EM-Power sind die Solar Promotion GmbH, Pforzheim und die Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe GmbH & Co. KG (FWTM).

WEITERE HINWEISE Zu dem Thema Kleinwindkraft fand Ende März 2020 ein Webinar statt. Schulungsunterlagen und Präsentationsmaterial zum Webinar «Kleinwindkraft – Hybride Systeme mit Zukunft» finden Interessierte unter folgendem Link www.em-power.eu/de/news-presse/ neuigkeiten/webinare-videos

MARTIN PFRÄNGER ist Projektleiter der EM-Power. www.EM-Power.eu

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UMWELT & TECHNIK

Den ökologischen Fussabdruck jedes einzelnen Unternehmens zu berechnen, braucht die richtigen Werkzeuge und Grundlagen.

KOHLENDIOXID PRO MITARBEITER DIE ERRECHNUNG DES ÖKOLOGISCHEN FUSSABDRUCKS von Kai Oppel

Energieverbrauch, benutzte Technik, Druck, Verpflegung und Mobilität fliessen in das komplexe Berechnungssystem des ökologischen Fussabdrucks mit hinein. Ob vom Arbeitsweg über die tägliche Tasse Kaffee bis zum Ausdruck von Arbeitsmaterial: Im Zuge der aktuellen Klimadebatte wollte das Münchner Architektur- und Consultingbüro CSMM wissen, wie eigentlich die Kohlendioxid-Bilanz des eigenen Unternehmens aussieht.

U

m dies herauszufinden, hat das Unternehmen zusammen mit der Umweltschutzorganisation Wilderness International umfangreiche Berechnungen angestellt. Die Summe der Treibhausgasemissionen beträgt für das Unternehmen CSMM demnach pro Jahr rund 293 Tonnen Kohlendioxid. Das entspricht rund 4.9 Tonnen pro Mitarbeiter. Timo Brehme, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von CSMM – architecture matters: «Klimaschutz geht uns alle an und weit über das Bekenntnis oder die Teilnahme am Klimastreik hinaus. Wir haben uns daher entschlossen, Verantwortung für unseren Naturverbrauch zu übernehmen.» Um die 293 Tonnen auszugleichen, helfen die Münchner Architekten, intakte Naturräume zu bewahren und unterstützen Aufforstungsprojekte.

DIE ZUKUNFT UNSERES PLANETEN Der weitestgehende Verzicht auf Flugreisen, sparsamer Papierverbrauch oder Ökostrom waren dem Münchner Unternehmen, das sich auf die Kreation von New-Work-

Seite 126 // bauRUNDSCHAU

Arbeitswelten spezialisiert hat, nicht genug. Deswegen hat es sich entschlossen, seinen konkreten Naturverbrauch zu eruieren. «Wir beschäftigen uns von Berufs wegen mit der Frage, wie wir morgen arbeiten werden. Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus? Die Frage, die sich aber immer dringlicher stellt: Hat unser Planet überhaupt eine Zukunft, wenn wir den Klimaschutz nicht ernster nehmen?», erläutert Brehme, der mit seinem Unternehmen im Münchner Werksviertel Quartier bezogen hat. Anhand eines komplexen Berechnungsverfahrens hat das Unternehmen daher über alle vier Standorte hinweg jeden einzelnen Bereich des Unternehmens bis ins kleinste Detail auf seinen Treibhausgasausstoss durchleuchten lassen. Das Ergebnis: Auf den Komplex Mobilität entfällt mit 38 Prozent der grösste Teil der Emissionen, gefolgt von Inventar und Bestand mit 30 Prozent. Brehme: «Als aktives Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) war es für unsere Geschäftsführung logisch, die Klimaproblematik am eigenen Unternehmen anzugehen und den ökologischen Fussabdruck zu errechnen.»

Dieser erfasst alle Ressourcen, die für den Alltag benötigt werden – inklusive deren Auswirkungen auf Klima und Umwelt.

DER SCHUTZ LEBENDER BIOMASSE Zur Berechnung setzt die Stiftung und Umweltschutzorganisation Wilderness International auf das anerkannte System der Emissionsfaktoren. Mit diesen lässt sich auf Grundlage gegebener Verbrauchswerte, wie zum Beispiel dem Stromverbrauch in Kilowattstunden, die Menge der Treibhausgase in Kohlendioxid-Äquivalenten (CO2e) herausfinden. Dazu ermittelten alle Mitarbeiter für die vier Standorte die Daten zu Wärme und Strom, zum Geräte-Inventar, Druck und Versand sowie Verpflegung und Veranstaltungen. Jeder einzelne brachte neben den Dienstreisen auch seine jeweiligen Arbeitswege mit ein. Wilderness International k­ alkulierte daraus präzise den tatsächlichen Naturverbrauch. «Wir waren positiv überrascht, dass wir insbesondere beim Strom-, Wärme- und Kälteverbrauch sehr gut abschneiden im Vergleich zu


UMWELT & TECHNIK

­ nderen Unternehmen unserer Grösse. Nun a arbeiten wir unser bestehendes Konzept dahingehend weiter aus, wie wir noch besser werden können.» Basierend auf den Ergebnissen weiss CSMM nun, wie es seinen Kohlendioxid-Ausstoss (CO2-) ausgleichen kann – und zwar durch den Schutz lebender Biomasse in den von Wilderness International erworbenen Waldflächen. Zusätzlich engagiert sich das Unternehmen beim Aufforsten, da es nur mit dem Schützen der vorhandenen Urwälder noch nicht zu einer Abkühlung des Klimas kommen würde.

WER ARBEITET, PRODUZIERT EMISSIONEN Nun hoffen die Münchner auf Nachahmer. «Wir wollen zeigen, dass Umweltschutz und Wirtschaft miteinander vereinbar sind. Nicht alle Emissionen sind vermeidbar, aber sie lassen sich kompensieren, indem man unter anderem noch intakte Naturräume bewahrt. Beispielsweise ist das mit einer Waldpatenschaft möglich. Wir verfolgen diesen Ansatz bereits seit 2016 in Kooperation mit Wilderness International», erklärt Brehme weiter. Die Stiftung engagiert sich für den

Schutz besonders wertvoller, bedrohter Wildnisgebiete und kauft aktuell alten temperierten Regenwald im Toba Valley an der Westküste Kanadas zum Naturschutz auf. Dieser ist nicht nur der artenreichste Wald der Nordhalbkugel, sondern weist auch eine der höchsten CO2-­Speicherkapazitäten weltweit auf: Wissenschaftliche Untersuchungen in Zusammenarbeit mit dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig haben ergeben, dass der temperierte Regenwald auf einer Fläche von 128 Quadratmetern in den Schutzgebieten 13 Tonnen CO2-bindet. Damit ist der temperierte Regenwald mit seinen riesigen Urwaldbäumen und seinen Aufsitzerpflanzen Weltmeister darin, CO2-zu binden und zu senken. Ansonsten braucht es im Normalfall 80 ausgewachsene Bäume, um eine Tonne CO2 zu binden. Im Falle der Münchner CSMM GmbH wären dies gut 23’000 Bäume. Timo Brehme: ­«Diesen Zahlen nach kompensieren wir nicht nur unsere Emissionen – arbeiten sozusagen klimaneutral –, sondern leisten über dies hinaus einen konkreten Beitrag, um weitere Umweltauswirkungen auszugleichen.»

DER WALD SICHERT DIE LEBENSGRUNDLAGE Bäume produzieren weltweit betrachtet den Grossteil des lebenswichtigen Sauerstoffs und sie sichern somit die Lebensgrundlage des Menschen. Ausserdem filtern Wälder den Grossteil des Feinstaubes aus Industrie- und Autoabgasen aus der Atmosphäre, sie reinigen das Wasser in den Bächen und Flüssen. Innerhalb der vergangenen 120 Jahre wurden weltweit mehr als 80 Prozent der temperierten Regenwälder abgeholzt, wobei das gespeicherte CO2 in die Atmosphäre freigesetzt und die biodiversen Lebensräume zerstört wurden. Durch den Kauf dieser temperierten Regenwälder werden sie rechtssicher geschützt und langfristig vor der Abholzung bewahrt.

KAI OPPEL ist Inhaber von SCRIVO Public Relations in München. www.cs-mm.com

Persönlich, nachhaltig, gesetzeskonForm

Für intelligente entsorgung

Die Sammlung und Verwertung von Sonderabfallstoffen ist unsere Leidenschaft: Von der sicheren Abholung vor Ort bis hin zur Aufbereitung kümmern wir uns um alles. Zuverlässig und flexibel. Mit kompetenter Beratung, intelligenten Lösungen und überzeugender Logistik. Ein umfassender Service für individuelle Bedürfnisse – das ist Altola. www.altola.ch

Ausgabe 02/2020 // Seite 127


VORSCHAU &  IMPRESSUM

VORSCHAU DIE NÄCHSTE AUSGABE ERSCHEINT IM AUGUST 2020 Folgende Schwerpunkte stehen auf unserer Agenda:

Wohlfühlfaktor erhöhen Raumerweiterung durch Balkone und Terrassen

Mehr als öffnen und schliessen Intelligente Lösungen bei Fenster und Türen

Andere Modelle Einkaufscenter im Zeichen des Onlineshopping

Hingucker Träume in Küche und Bad

Auf der Höhe der Zeit Moderne Fassaden können mehr

Bremsspuren Corona und die Auswirkungen

Dicht halten Dämmen und Brandschutz

Leuchttürme Wegweisende Architekturlösungen

Es geht effizienter BIM Projektabwicklungsplanung

Herausgeber rundschauMEDIEN AG St. Jakob-Strasse 84 CH-4132 Muttenz / Basel Telefon +41 61 335 60 80 Telefax +41 61 335 60 88 info@rundschaumedien.ch www.rundschaumedien.ch Mitglied der Geschäftsleitung Tibor Müller t.mueller@rundschaumedien.ch Boris Jaeggi b.jaeggi@rundschaumedien.ch Projektleitung Michele Zito m.zito@rundschaumedien.ch Verkauf & Marketing Alban Mulaj a.mulaj@rundschaumedien.ch Chefredaktion Georg Lutz g.lutz@rundschaumedien.ch

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Redaktion Anna Meister a.meister@rundchaumedien.ch Leitung Produktion & Grafik Melanie Moret m.moret@rundschaumedien.ch Korrektorat / Lektorat Brigitte Battaglia Aboservice info@rundschaumedien.ch Autoren Marc Allenbach Christelle Benetau Johann Binder Maja Dzakulin Jacqueline Fehr Bertram Fleischer André Golliez Lone K. Halvorsen Johannes Heinrich Daniel Hügli Andrew McCloskey Roger Nordmann Manuela Olgiati Kai Oppel

Martin Pfränger Sandra Remund Dr. Gerhard Rimpler Esther Schmid Andrea Schütz David Stickelberger Béatrice Taubert Andrea Trapp Jens Vollmar Ivan Widmer Thomas Zimmermann Werner Ziegelmeyer Interview Dr. Alain Benz Klaus Burmeister Caspar Schmitz-Morkamer Nina Schneider

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bauRUNDSCHAU 02/2020  

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