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ENERGIEWENDE

SWISS INNOVATION LAB ON TOUR | SOLARBRANCHE BRAUCHT AUFWIND | BIM IN DER PRAXIS AUSGABE 04/ 2022 IN DIESER AUSGABE
GESTALTEN DIE STRATEGIEN DER AXPO INTERVIEW MIT CHRISTOPH BRAND

LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,

Solarenergie und andere regenerative Energien sind nicht nur aus Gründen des Klima- und Artenschutzes oder anderer ökologischer Themen wichtig. Seit Ende Februar treten Sicherheitsthemen hinzu. Wollen wir weiter von Russland oder auch Saudi-Arabien abhängig sein? Inzwischen spriessen die Wärmepumpen an der Goldküste in Zürich in den Vorgärten, und die oberste Etage der Schweizer Architektur mit Herzog & de Meuron baut nachhaltige Gebäude, wie das Pro jekt HORTUS, beschäftigt sich mit Kreislaufwirtschaft und hat einen Nach haltigkeitsbeauftragten eingestellt. Das wäre vor einigen Jahren noch nicht vorstellbar gewesen.

Solarenergie ist nicht mehr Nische, sondern im Mainstream angekommen. Das war der Rahmen für das 4. Symposium Solares Bauen, welches Mitte September in Basel stattfand. Wir waren vor Ort und baten einige Referenten, ihre Keynotes zu verschriftlichen. In unserem Schwerpunkt präsentiert sich die Schweizer Solar branche mit gesteigertem Selbstbewusstsein.

Das Thema Digitalisierung in der Baubranche lässt uns nicht los. Auf der letzten Swissbau tauchten wir in die digitalen Welten im Innovation Lab ein. Schon damals gab es die Idee, sich auch zwischen den Messeterminen zu treffen, um die inter disziplinäre Plattform für die digitale Transformation der Planungs-, Bau- und Im mobilienwirtschaft in der Schweiz am Laufen zu halten und gemeinsam an einer Zukunftsvision für die Branche zu arbeiten. Am Donnerstag, 17. November 2022, geht das Swissbau Innovation Lab «on tour» und bringt die Digital Leaders im Kompetenzzentrum uptownBasel in Arlesheim / BL zusammen. Wir präsentieren in einem Schwerpunkt schon einige Themen und Köpfe, die dort präsent sind. Wir sind auch hier vor Ort und gespannt auf die Lösungen, die die Baubranche der Schweiz weiterbringen.

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INHALT

ENERGIEWENDE AUFGLEISEN

Die Axpo ist die grösste Stromanbieterin der Schweiz und steht angesichts der aktuellen Krise vor grossen Herausforderungen. Was Unternehmen tun können, um Strom zu sparen, warum die Energiewende in der Schweiz stagniert und wie die Energiezukunft aussehen sollte, erklärt Axpo-CEO Christoph Brand im Interview.

TRANSFORMATION IST DIE AUFGABE

Unter welchen Bedingungen gelingt die Transformation unserer Gesellschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit? Und was muss die Bauwirtschaft tun, um auch künftig erfolgreich zu sein? Das Interview zum Thema Transformation mit Dr. Björn Müller, Dozent an der Universität St. Gallen und Mitgründer von Meso, einer Allianz für systemische Innovation, beantwortet nicht nur diese beiden Fragen. Dr. Björn Müller ist auch Referent am Innovation Lab on Tour.

VORFAHRT FÜR SOLARLÖSUNGEN

Wir waren am 4. Symposium Solares Bauen im September in der Markthalle Basel und haben aus den Key Notes einen Schwerpunkt zusammengestellt. Wir stellen auch schon Lösungen vor. Auf dem BaseLink-Areal in Allschwil entwickelt unter anderem Herzog & de Meuron ein Bürogebäude, welches nicht nur mehr Effizienz, sondern auch mehr Suffizienz zum Ziel hat. Daher geht es nicht nur um einzelne Lösungen wie Solarpaneele, sondern um kreislaufwirtschaftliche Ansätze, die sich auf das gesamte Gebäude beziehen.

KÜCHENTHEKEN UND KOMMUNIKATION

Die Küche ist heute nicht mehr nur ein Funktionsort, sondern ein Begegnungsraum. Küchentheken sind der perfekte Platz für eine ungezwungene Zusammenkunft, für einen kleinen Mittagsimbiss oder für ein Kaffeepäuschen. Wir stellen einige Beispiele vor.

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32 © 2022, Herzog & de Meuron Basel © Solar Agentur Schweiz

INHALT

RUBRIKEN

VERANTWORTUNG FÜR OPTIMIERUNG

Energie

bei Verantwortungsträgern

Unternehmen ganz oben auf der Agenda. Kein Wunder, die Preise steigen. Trotzdem gibt es immer noch viele, auch neue Gebäude, die mehr Energie verbrauchen, als eigentlich geplant war, und sich damit bei den anderen Gebäuden einreihen, die unsere Umwelt zu stark mit CO2 belasten

BIM IN DER PRAXIS

Die Werkbank IT GmbH entwickelte zusammen mit der EPEA GmbH den ersten BIM-basierten Building Circularity Passport ® (BCP). Er gibt Planern, Bauherren und Investoren unmittelbar Auskunft über den CO2-Fussabdruck, die Recyclingfähigkeit oder den verbauten Rohstoffrestwert des Gebäudes. Das ist BIM in der Praxis.

WIEDER VOR ORT

können

wieder

einem

IM WEB

Wir halten

zwischen

Ausgaben mit aktuellen News, Foto strecken, Kolumnen und Analysebeiträgen auf dem Laufenden.

sind gerne eingeladen, sich crossmedial zu beteiligen. Zum Beispiel mit News: 1 000 Zeichen, Bild und URL.

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Editorial 1 Highlight 6 Bauen 10 Architektur 32 Innenarchitektur 42 Umwelt & Technik 46 Kolumnen 5, 14, 15, 53, 63 Impressum 128
Wir
uns
analog treffen. Zum Beispiel sind wir am Innovation Lab on Tour und
Firmenevent der TRILUX AG
Das Thema
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WILLST DU MÜSSEN?

Was soll diese Frage? Natürlich will ich wollen und nicht müssen. Ich will selbst entscheiden und nicht von den Umständen getrieben sein. Soviel zur Theorie. In der Praxis läuft es jedoch des Öftern so ab: Wer nicht will, der war tet, bis er muss, und dann kann er nicht.

Ein Beispiel aus dem echten Leben gefällig? Da wäre etwa das Thema Ernährung. Wir alle wissen, dass eine energetisch aus gewogene Ernährung mit wenig Zucker, Fett und Alkohol in Kombination mit ausreichend sportlicher Betätigung für den Ot tonormalverbrenner ein bewährtes Re zept ist, um ein gesundes Körpergewicht zu halten. Eigentlich ganz simpel, möchte man meinen. Trotzdem sind gemäss Bun desamt für Gesundheit 42 Prozent der Er wachsenen in der Schweiz übergewichtig. Was ist der Grund? Es gilt das oben be schriebene Prinzip: Wir wollen nicht auf unsere lieb gewonnene, aber falsche Er nährung verzichten, obwohl sich erste Anzeichen einer Gewichtszunahme ein stellen. Was soll’s? Die paar Kilos bekom men wir dann schon weg und eigentlich sind wir noch ganz gut in Schuss. Also machen wir erst einmal so weiter, weil es so schön bequem ist. Eine Weile lang geht das gut. Allerdings ist es nur eine Frage der Zeit, bis klare Zeichen uns da rauf aufmerksam machen, dass wir so nicht weiter machen sollten. Spätestens jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir etwas tun müssen, eventuell aber nicht mehr können. Zu schwer fallen die nötige Umstellung der Ernährung und das konsequente Umset zen eines Fitnessprogramms.

Wenn Sie sich jetzt fragen, was das alles mit Management zu tun hat, dann schauen wir uns kurz den Fall Kodak an. 1892 gegründet und mit einer genialen «Razer and Blades»-Strategie emporgestie gen, war Kodak jahrzehntelang der unangefochtene Weltmarkt führer in der Film- und Kamera-Industrie. Den Rest der Geschichte kennen Sie. Das Businessmodell Kodak wurde durch die digitale Fotografie verdrängt und Kodak musste 2012 Konkurs anmelden. Aber jetzt kommt der Hammer: Die erste Digitalkamera wurde Jahre zuvor von Steve Sasson, einem Elektroingenieur, erfunden. Raten Sie mal, bei wem er angestellt war. Ja genau, bei Kodak! Als Sasson dem Management seine Erfindung vorstellte, wurde er angewiesen, diese für sich zu behalten und niemandem davon zu erzählen. Man hatte sofort erkannt, dass diese Innovation eine Gefahr für das etablierte Erfolgsmodell war, weil sie Filme und

Entwicklungspapier überflüssig machen würde. In den Achtziger jahren unternahm Kodak unter neuer Führung den Versuch, eine Leader-Rolle im Markt der Digitalkameras zu übernehmen. Zu halb herzig und zu spät, wie sich zeigte. Fujifilm, Canon, Sony, Nikon und Co. setzten voll auf die neue Technologie und waren bald nicht mehr einzuholen. Und da haben wir es wieder: Wer nicht will, der wartet, bis er muss, und dann kann er nicht mehr.

Was man vom Aufstieg und Fall von Kodak über Strategie und Unternehmensführung lernen kann – darüber wurden buchstäblich Bücher geschrieben. Kein Geringerer als John P. Kotter hat eine Abhandlung darü ber verfasst, also will ich es gar nicht erst versuchen. Darum zurück zur eingangs ge stellten Frage: «Willst du müssen?» Wenn Ihre Antwort auf diese Frage ein Nein ist, dann kann der Umkehrschluss der oben erwähnten Feststellung nur lauten: Wer nicht müssen will, der muss wollen.

Was im ersten Moment etwas verwirrend klingt, birgt eine tiefe Wahrheit. Am An fang steht der Wille. Wer es wirklich will, kann gesund leben. Genauso kann jede Unternehmung erfolgreich bleiben und sich neuen Markttrends anpassen, wenn der Wille der Verantwortlichen dazu da ist, neue Wege zu beschreiten. Darüber hinaus braucht es natürlich die Weit sicht, Trends frühzeitig zu erkennen, und den Mut, mit der gewonnenen Erkenntnis das Richtige anzu fangen. Auch dann, wenn es bedeuten kann, sich selbst neu zu erfinden. Viele Jahre vor Facebook machte Kodak einen über raschenden Geschäftszug und erwarb 2001 eine Foto-SharingWebsite namens Ofoto. Leider ging Kodak nicht den Weg von Instagram, sondern nutzte Ofoto, um mehr Menschen dazu zu bringen, digitale Bilder zu drucken und so zum altbekannten, erfolgreichen Geschäftsmodell zurückzukehren. Die letzte Chance, etwas wirklich Neues und Bedeutendes zu erschaffen, war vertan. Nicht, weil Kodak es nicht konnte, sondern weil das Management es nicht wirklich wollte. ist CEO der Hörmann Schweiz AG.

ANDREAS BRESCHAN

www.hoermann.ch

Ausgabe 04/2022 // Seite 5 KOLUMNE

AMBITIONIERTE ZIELE

HERAUSFORDERUNGEN BEI DER ENERGIEWENDE

Die Axpo ist die grösste Stromanbieterin der Schweiz und steht angesichts der aktuellen Krise vor grossen Herausforderungen. Was Unternehmen tun können, um Strom zu sparen, warum die Energiewende in der Schweiz stagniert und wie die Energiezukunft aussehen sollte, erklärt Axpo-CEO Christoph Brand im Interview.

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Interview mit Christoph Brand von Isabelle Riederer
Auch Leuchtturmprojekte können die Blockierung der politischen Ebene nicht verhindern. Mit der Erweiterung und Sanierung ist aus dem Mehrzweckgebäude von Fläsch ein architektonisches und energetisches Bijou geworden. Gewinner des Schweizer Solarpreises von 2021.
© Solar
Agentur
Schweiz

Herr Brand, das KMU Swiss Sym posium steht unter dem Motto «Grenzen erfahren». Wie adaptieren Sie dieses Motto auf die Axpo?

Alle – Unternehmen und Menschen – sto ssen immer wieder an Grenzen. Entschei dend ist, wie man damit umgeht. Für mich heisst «Grenzen erfahren» immer auch, diese zu verschieben oder gleich ganz zu überwinden. Unsere rund 5 000 Mitarbei tenden machen das jeden Tag. Sie arbeiten

über Landesgrenzen hinweg zusammen, da Axpo in über 30 Ländern aktiv ist. Sie holen für unsere Kunden das Beste heraus, indem sie über Disziplingrenzen hinweg zusammenarbeiten. Sie bieten massge schneiderte Energielösungen an, indem sie Stromproduktion, Stromhandel und Strom vertrieb kombinieren. Ich bin beeindruckt, wie sie immer wieder die sprichwörtliche Extrameile gehen und – vermeintliche –Grenzen überwinden.

Darf oder sollte man sich als Unterneh men mit Grenzen auseinandersetzen? Oder sollte man eher über die Grenzen hinwegschauen?

Gerade auch in der Energieversorgung gilt es, Grenzen zu überwinden – geografische, technologische und ideologische. Es gibt nicht DIE Technologie, welche uns Versor gungssicherheit bringt. Wasserkraft und Photovoltaik (PV) müssen in der Schweiz eine zentrale Rolle spielen, ergänzt mit

Ausgabe 04/2022 // Seite 7 HIGHLIGHT

CO2-neutralen Gaskraftwerken, Wind und Biomasse. Die Kernkraftwerke sollten so lange betrieben werden, wie sie sicher sind. Und es braucht gewisse Importe, da die Schweiz keine Insel ist und Autarkie unbe zahlbar wäre. Deshalb müssen wir das Ver hältnis zur EU regeln und über die eigenen Landesgrenzen hinwegschauen.

Aktuell ist das Thema Strom und vor al lem die Stromknappheit in aller Munde. Wird die Schweiz im Winter bezüglich Strom an ihre Grenzen kommen?

Für den kommenden Winter haben die Ri siken in den letzten Monaten tatsächlich zugenommen. Stillstehende Kernkraft werke in Frankreich, absehbar tiefere Füll stände der Schweizer Speicherseen und natürlich die Gasknappheit aufgrund von Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine zählen zu den Gründen, warum es knapp werden könnte. Abhilfe sollen verschie dene kurzfristige Massnahmen schaffen. Dazu zählt etwa die Wasserspeicherre serve, in deren Rahmen ein Teil des Was sers in Speicherseen für Notfälle zurück behalten werden soll.

Was können Schweizer Unternehmen tun, um sich – auch im Hinblick auf stei gende Kosten – auf mögliche Strom engpässe vorzubereiten?

Gerade auf Unternehmen haben Strom engpässe tiefgreifende Auswirkungen. Die Ostral, die Organisation für Stromver sorgung in ausserordentlichen Lagen des Bundes, gibt dazu verschiedene Empfeh lungen. Zentral dabei ist die Frage, welche Optionen ein Unternehmen hat, um den Stromverbrauch vorübergehend oder dau

erhaft zu verringern. Zum Beispiel: Welche Tätigkeiten können reduziert betrieben oder temporär eingestellt werden und wel che Vorbereitungen braucht es dazu? Oder: Gibt es kritische Geschäftsprozesse, die zwingend weitergeführt werden müssen?

Dann kann sich eine Notstromversorgung lohnen. Je nach Unternehmen ergibt sich ein anderes Bild. Zentral für alle Unterneh men aber ist, frühzeitig mit den Vorberei tungen zu beginnen.

Die Axpo ist die grösste Stromanbieterin der Schweiz. Wie geht es weiter mit der Axpo? Wo wollen Sie hin und was sind Ihre Ziele?

Wir haben die Ambition, der Gesellschaft mit innovativen Energielösungen eine nach haltige Zukunft zu ermöglichen. Dabei ver folgen wir eine klare Wachstumsstrategie. International fokussieren wir uns auf den Ausbau der erneuerbaren Energien sowie das Grosskunden- und Handelsgeschäft.

In der Schweiz stärken wir unsere füh rende Rolle beim Übergang in eine CO2 freie Energiezukunft. Neben Wasserkraft, Wind- und Solarenergie investieren wir auch in Batteriespeicher und Wasserstoff. Dabei setzen wir auf modernste Techno logien und schaffen so massgeschnei

derte Energielösungen. Unsere Ziele sind ambitioniert: International wollen wir bis 2030 rund zehn Gigawatt Photovoltaik und drei Gigawatt Windkraft zubauen. Und in der Schweiz werden wir über unsere Toch tergesellschaft CKW bis 2030 rund eine Milliarde Franken in Photovoltaik, Wind kraft, Biomasse, Wasserkraft und weitere Technologien investieren.

Für welche Werte steht die Axpo? Unsere Unternehmenswerte sind Zuver lässigkeit, Nachhaltigkeit und Innovation. Daneben stehen wir für einen offenen, partnerschaftlichen Dialog mit allen An spruchsgruppen ein.

Nachhaltigkeit spielt heute eine wich tige Rolle. Wie setzt sich die Axpo mit diesem Thema auseinander?

Wer als Unternehmen nicht nachhaltig wirt schaftet, wird keinen Erfolg haben. Denn wir alle stehen vor globalen Herausforderungen, die wir nur mit nachhaltigen Lösungen be wältigen können. Gerade das Energiesystem verändert sich fundamental. Digitalisierung, Dekarbonisierung und Dezentralisierung sind zentrale Megatrends. In dieser tiefgrei fenden Transformation wollen wir den lang fristigen Unternehmenserfolg sichern. Nach

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Die Energiedienstleister Axpo und IWB verwandeln die Staumauer am Muttsee in die grösste alpine Solaranlage der Schweiz Das Ziel ist eine CO2-freie Energiezukunft.

haltige Lösungen sind dabei unser Kompass. Wirtschaftlich haben wir eine starke Basis, davon können wir gerade in so turbulenten Zeiten wie diesen profitieren. Bei den erneu erbaren Energien wachsen wir stetig weiter und stärken so die ökologische Nachhaltig keit des Unternehmens. Und als relevantes Unternehmen für die Energieversorgung und als verantwortungsvolle Arbeitgeberin nehmen wir eine wichtige gesellschaftliche Verantwortung wahr.

«Der Ausbau der erneuerbaren Energien

ist blockiert»

Die Energiewende kommt, doch wie geht es voran in der Schweiz?

Leider viel zu langsam. Der notwendige Ausbau der erneuerbaren Energien ist blo ckiert. Das hat zwei Gründe: Erstens be kommt man kaum Bewilligungen für den Bau von Anlagen und wenn, dann erst nach

teilweise jahrzehntelangen Rechtsstreiten und zähen Bewilligungsprozessen. Zwei tens lohnt es sich nicht, in der Schweiz zu investieren, weil die Schweiz einerseits sehr hohe Kosten hat, andererseits aber im Ge gensatz zu allen anderen modernen Volks wirtschaften den Ausbau wenig fördert.

Sie sind neu im Verwaltungsrat der AMAG, eines Unternehmens, das den Mobilitätswandel in der Schweiz aktiv mitgestaltet und vorantreibt. Arbeiten Sie zusammen auch an Grossprojekten oder Ähnlichem?

Energieversorgung und Mobilitätswandel haben tatsächlich Gemeinsamkeiten. The men wie E-Mobilität, Speichertechnologien, Netzausbau oder Wasserstoff sind für beide bedeutsam. Sollten sich hier gemeinsame Themen oder Synergien ergeben, könnte ich mir eine Zusammenarbeit unserer Un ternehmen durchaus vorstellen.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Ausbau an PV-Anlagen?

Auch bei den PV-Anlagen geht es viel zu langsam. Für Grossanlagen fehlen teil weise die gesetzlichen Grundlagen. Wir konnten unsere Pionieranlage AlpinSolar nur realisieren, weil sie auf einem beste henden Staudamm erstellt wurde. Grosse Freiflächenanlagen sind aktuell gesetzlich nicht vorgesehen – und die jüngst ange kündigten Projekte im Wallis stehen bereits in starkem Gegenwind. Zudem bietet der aktuelle Förderrahmen fast nur Anreize zum Bau von kleinen Anlagen, die nicht das ganze Dach abdecken. Hausbesitzer decken damit nur ihren Eigenbedarf, denn nur das rentiert sich. Was sich kaum ren tiert: überschüssigen, eigenproduzieren PV-Strom ins Netz einzuspeisen.

Braucht die Schweiz für ihre Stromver sorgung nicht auch mehr Wasserkraftwerke und zum Beispiel Windturbinen? Es braucht einen Mix von sich ergänzen den Kraftwerksarten. Grundlage bleibt hier zulande die Wasserkraft, auch wenn ihr Anteil aufgrund von Umweltauflagen eher zurückgehen wird. Das ist wichtig: Wasser kraft hat in der Schweiz kein relevantes Ausbaupotenzial mehr, daher ist die ein seitige Debatte nur über Wasserkraft nicht zielführend. Der zweite grosse Pfeiler wird Photovoltaik werden, und zwar sowohl auf den Dächern und an Fassaden als auch im Rahmen von sehr grossen Anlagen in der Fläche, idealerweise auch im alpinen Raum, wo die Sonne insbesondere im Winter mehr scheint. Weil Photovoltaik im Winter aber nur ein Viertel bis ein Drittel der Sommerproduk tion liefert, braucht es für den Winter noch weitere Ergänzungen, und da kommen Windkraft und Biomasse ins Spiel. Und: Weil wir auch einen Teil der Energie völlig unab hängig vom Wetter zur Sicherung und Steu erung haben müssen, werden wir nicht um sogenannte Bandenergiequellen herum kommen. Die offensichtliche Lösung sind Gaskraftwerke, die aber ab den Vierziger jahren nicht mit russischem Erdgas, son dern vielmehr mit CO2-neutralen anderen Gasen betrieben werden, beispielsweise mit Wasserstoff. So wäre die Energiewende machbar – sofern der nötige Ausbau end lich schnell genug erfolgen kann.

CHRISTOPH BRAND

ist CEO bei Axpo.

www.axpo.com

Ausgabe 04/2022 // Seite 9 HIGHLIGHT
Der Novartis Pavillon in Basel ist ein weiteres Beispiel für die Leistungsfähigkeit von Solarlösungen in der Schweiz. Man muss es nur politisch wollen.

NICHT

Seite 10 // bauRUNDSCHAU BAUEN ES BLEIBT
VIEL ZEIT UMBAU IN RICHTUNG NACHHALTIGKEIT UND DIE ROLLE DER BAUWIRTSCHAFT Interview mit Dr. Björn Müller von Sandra Aeberhard Unter welchen Bedingungen gelingt die Transformation unserer Gesellschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit? Und was muss die Bauwirtschaft tun, um auch künftig erfolgreich zu sein? Das folgende Interview mit Dr. Björn Müller, Dozent an der Universität St.Gallen und Keynote-Speaker am Swissbau Innovation Lab on Tour vom 17. November 2022, beantwortet nicht nur diese beiden Fragen. Der «Earth Overshoot Day» war am 28. Juli.

Welches sind die grössten Herausforderungen, die in den nächsten Jahren auf unsere Gesellschaft zukommen werden?

Schon heute haben wir mit den riesigen Baustellen der fünf «D» zu tun: Dekarbo nisierung, (Bio-)Diversität, Digitalisierung, Demokratie, Demografie. Dazu kommt ein die Weltordnung bedrohender Krieg in un serer Nachbarschaft mit Potenzial für einen Flächenbrand. Von der Pandemie ganz zu schweigen. Es sind grosse Themen, und sie sind in vielem miteinander verbunden. Das macht es nicht einfacher.

In wenigen Sätzen: Was muss man sich unter gesellschaftlicher Transformation vorstellen?

G esellschaftliche Transformation meint den bewussten und gewollten Wandel von alltäglichen, meist gewohnheitsmässigen Arten und Weisen, wie wir zum Beispiel bauen, wohnen, reisen, Nahrungsmittel erzeugen oder essen. Wieso? Weil wir so nicht weitermachen können. Unsere Art zu leben gefährdet inzwischen nach nur zwei bis drei Generationen, also gut 150 bis 200 Jahren, die Lebensgrundlage der gesamten Menschheit. Es geht also um die Frage, wie ganze Gesellschaften auf demokratische Art und Weise den Wandel hin zu einer klimagerechten Lebens- und Arbeitsweise gestalten können. Ob dies überhaupt gelingen kann, ist unsicher. Eine solche Herausforderung gab es bislang noch nie. Das Problem dabei: «Die Mensch heit» oder «die Gesellschaft» ist kein hand lungsfähiges Subjekt. Also sind wir alle gefragt, wie wir dazu beitragen können, dass es für uns, unsere Kinder und mög lichst alle Menschen die Chance auf ein gutes und gerechtes Leben im Rahmen planetarer Grenzen geben wird.

In welche Richtung muss sich denn un sere Gesellschaft verändern?

Wir sind mitten in einer Zeitenwende. Ein Teil davon ist «natürlicher Wandel». Viel leicht könnte man sagen, dass mit dem Tod der Queen, die wie niemand sonst über die letzten 70 Jahre eine Konstanz verkörpert hat, die ab den 1980er-Jahren zunehmend instabilere Nachkriegsepoche zu einem Ende kommt. Dazu kommen zwei fundamentale Bedrohungen: Neue Impe rialismen recken ihre Häupter und stellen die Welt(wirtschafts)ordnung infrage. Schon im Rahmen der Pandemie war spürbar, dass Abhängigkeiten von globalen Liefer ketten und fossilen Energieträgern wirt

schaftlich und politisch gefährlich sind. Dazu bröckelt eine Säule unserer Demokratien: Demokratische Gesellschaften funktionieren durch den Glauben an Fortschritt und ein Wachstum, das vor allem durch technische Innovationen für immer mehr Menschen ein immer besseres Leben verspricht. Doch die Energiekrise und der Klimawandel lassen keinen Zweifel, dass unsere auf fossile Energie gestützte Lebens- und Wirtschafts weise nicht zukunftsfähig ist. Die Richtung der Transformation ist teilweise durch wis senschaftlich fundiertes, politisch legiti miertes und quantifizierbares Zielwissen –beispielsweise durch das internationale 1.5-Grad-Ziel sowie nationale oder regio nale Klimaziele – vorgegeben. Teilweise ist aber nicht nur der Weg, sondern auch das Ziel selbst noch Aushandlungssache, bei spielsweise bei Themen wie der Digitalisie rung und Automatisierung oder der altern den Gesellschaft.

Transformation bedingt, dass wir unsere Verhaltensweisen ändern. Der Mensch ist aber ein Gewohnheitstier. Wie geht das zusammen?

Genau hier liegt das Problem – und vielleicht auch ein Teil der Lösung. Nicht das individu elle Verhalten, sondern eben alltägliche Ge wohnheiten, sogenannte soziale Praktiken, stehen im Mittelpunkt der Transformations bemühungen. Als Beispiel erzähle ich gerne, wie in Bogota / Kolumbien Fahrradfahren als neue soziale Gewohnheit entstanden ist. Vor 20 Jahren fuhr kein Mensch dort Fahr rad. Als sich die Stadtregierung entschloss, aktiv zu werden, startete man klassisch mit Aufklärungskampagnen. Schnell war klar, dass es dazu Infrastrukturmassnahmen in Form von Velowegen brauchte. Dann er kannte man, dass kaum jemand Velo fahren kann, weil es die Wenigsten als Kind gelernt hatten. Also musste man Trainingsmöglich keiten und Verleihstationen anbieten.

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Noch immer war das Resultat mager. Es wurden Influencer mobilisiert, um für das Velofahren zu werben. Als dann an Wo chenenden attraktive Teile der Innenstadt nur für Fussgänger und Velofahrer zugäng lich waren, kam Bewegung in die Sache.

Gesellschaftliche Transformation bedeutet also vor allem, dass sich die oft unsicht baren Voraussetzungen und Bedingungen für unsere nicht nachhaltigen Gewohnheiten verändern. Dabei hat sich gezeigt, dass Wissen eben nur eine geringe Rolle spielt, es aber umso bedeutsamer ist, wie sich über die Veränderung von Standards und (technologischer) Infrastruktur die Grund bedingungen verändern lassen, wie durch neue Narrative, positive Vorbilder und schliesslich auch relevante Anreize, bei spielsweise finanzieller Art, wichtige Moti vationen für eine Veränderung geschaffen werden und wie Menschen durch ganz konkrete Skills-Vermittlung befähigt werden können, Dinge im Alltag anders zu tun. Es braucht, was meine Kollegen und ich den Zukunftsdeal nennen: das Zusammenspiel von Anstrengungen und Massnahmen im Bereich Design (Infrastruktur), Empower ment (Training), Awareness (Wissen und Ein stellungen) und Legitimierung (neue Ge setze, Standards und Normen).

A ngesichts des Klimawandels und sei ner Folgen ist klar, dass wir künftig nachhaltiger leben müssen. Wo muss man ansetzen, damit hier eine Transformation stattfindet?

A n diesem Punkt geht es aus Transformati onssicht um die Verbindung von «oben» und «unten» sowie «vorne» und «hinten»: «Oben» meint die Ebene von Politik, Gesetz und Po pulärkultur. In der Wirtschaft genauso wie für uns Bürger*innen braucht es gesetzliche Grundlagen und Anreize für nachhaltige Ar beits- und Lebensweisen. Rechtlich sollten wir die Natur besser schützen und, wie in anderen Ländern zum Teil inzwischen mög lich, für ihre «juristische Waffengleichheit» sorgen. Warum soll der Aletschgletscher ju ristisch schlechter gestellt sein als eine Ak tiengesellschaft, die eine juristische Person ist? Weiter müssten staatliche Investitionen, das Beschaffungswesen und zum Beispiel auch Pensionskassen an nachhaltigen Kri terien ausgerichtet werden. Aus popkultu reller und künstlerischer Sicht gilt es, positive Erzählungen über Nachhaltigkeit zu entwi ckeln. Vielleicht muss der oft technische und sperrige Begriff der Nachhaltigkeit wie einst «die Freiheit» erst noch als Sehnsuchtsbe

griff aufgeladen werden. «Unten» bedeutet dann das Zeigen, Bewerten und Fördern von Pionier*innen. Es gibt schon so viele gute Ansätze und Vorzeigeprojekte, wir müssen aber noch besser aufzeigen, auch durch Begleitforschung und entsprechende Daten, wie nachhaltige Lebens- und Arbeitsweisen funktionieren. «Hinten» meint die grosse Be deutung der Produktionsseite: Nachhaltige Liefer- und zirkuläre Wertschöpfungsket ten müssen gefördert und gefordert wer den, und zwar von «oben», der Politik, und von «vorne», das heisst von den Konsument*innen, die durch ihre Kauf entscheidungen einen kleinen Einfluss ha ben. Jeder und jede hat darüber hinaus die Möglichkeit, über bewusste Entschei dungen in den Bereichen Essen, Fashion, Mobilität, Wohnen und Investment nach haltigere Optionen zu wählen und den ei genen Fussabdruck zu minimieren.

Was bedeutet das für jedes Individuum? Verzicht?

Das kann ich nicht für alle sagen. Für mich und viele Menschen, die ich kenne, ist dies zunächst eine Frage des Realismus. Wenn ich der unbequemen Wahrheit ins Auge schaue, sehe ich, dass unsere derzeitige Lebens- und Wirtschaftsweise unrealis tisch ist. Die planetaren Belastungsgren zen sind auf vielen Ebenen schon längst überschritten. Ist es Verzicht, wenn ich nicht mehr mitmachen möchte, wie wir, bildlich gesprochen, kollektiv und fortlau fend «die Bank plündern»? Der «Earth Overshoot Day» bewegt sich weltweit seit

der Einführung nach hinten, in diesem Jahr war es der 28. Juli, an dem die Ressour cen für den Rest des Jahres aufgebraucht waren. Die Menschheit verbraucht 75 Pro zent mehr Ressourcen, als die Ökosysteme regenerieren können. Wenn alle Menschen wie wir in der Schweiz leben würden, dann bräuchten wir 2.8 Planeten.

M einer Meinung nach braucht es einen neuen Realismus, und der ist damit verbun den, sich die Krise anzueignen. In den letz ten 300 Jahren haben wir unseren Reichtum auf Kosten anderer erschaffen, doch diese «anderen», ob Ökosysteme oder auch an dere Menschen, sind nicht mehr länger stumm oder unsichtbar. Einigen steht das Wasser bis zum Hals, anderen versiegt es langsam. Jetzt ist es wichtig, dass es nicht (ganz) katastrophal und traumatisch wird. Und gleichzeitig, dass wir die enormen Chancen der notwendigen Veränderungen sehen. Überdies brauchen wir Ideen und Vorbilder für einen neuen Reichtum, der mit einer ökologisch, sozial und wirtschaftlich nachhaltigen Lebens- und Arbeitsweise ein hergehen kann – vielleicht ein Zeitreichtum, ein Reichtum an lebendigen Beziehungen, ein Sinnreichtum. Dies ist kein neuer Ge danke. Fortschritt und die Entfesselung der menschlichen Produktivität waren für viele

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«Wenn ich der unbequemen Wahrheit ins Auge schaue, sehe ich, dass unsere derzeitige Lebens- und Wirtschaftsweise unrealistisch ist.»

Welche Chancen bieten sich der Bauwirtschaft durch die Digitalisierung und ressourcenschonenderes Bauen?

Riesige Chancen. Von der wirtschaftlichen Seite her geht es um effizientere Prozesse und neue Möglichkeiten der Zusammen arbeit und Wertschöpfung entlang des kompletten Lebenszyklus eines Gebäudes. Dies sind gesamtgesellschaftlich und ver antwortungsseitig wiederum Grundlagen, um «Teil der Lösung» zu werden.

Was schätzen Sie, wie lange wird es dauern, bis unsere Gesellschaft einen ressourcenschonenderen Lebensstil verinnerlicht hat?

Das hängt meiner Meinung nach von der Geschwindigkeit und Heftigkeit der sich ku mulierenden Krisen ab. Wenn es bei uns noch länger relativ ruhig bleibt, dann kann es Jahrzehnte dauern. Die Wissenschaft sagt uns, dass wir für die Klimafrage nicht viel Zeit haben. Manche reden von zehn Jah ren. Das sind, wenn man Urlaub und Krank heit abzieht, etwa 450 Arbeitswochen. Nicht viel Zeit … packen wir es an!

bedeutende bürgerliche Ökonomen des 19. Jahrhunderts bis zum grossen John Maynard Keynes nie ein Selbstzweck, son dern ein Mittel, um uns mehr Lebenszeit zu ermöglichen und uns freizusetzen für höhere Tätigkeiten, für menschliche Begegnungen, Spiel, Naturgenuss, Kontemplation.

Welches sind Ihrer Meinung nach die grössten künftigen Herausforderungen für die Baubranche?

Steigende Energiepreise, schwindende Mar gen, Silodenken und ausgeprägte diszipli näre Logiken im standardisierten, sequenzi ellen Bauprozess, ein unsicheres politisches Umfeld und ein unklares Kundenumfeld.

Aus Transformationssicht gilt für die Bau branche Ähnliches wie für andere Branchen:

• Hebel: Welche Bereiche der Baubranche haben für die Energie- und Ressourcen frage den potenziell grössten Impact und Hebel? Hier geht es dann schnell um Material-, Prozess-, und Recycling fragen. Insight: Wie finden wir heraus, worauf Kunden jetzt schon und dann in Zukunft besonderen Wert legen respektive worauf sie (nicht) bereit wären zu verzichten?

• «Professionelle Schizophrenie»: Wir müssen das Spannungsverhältnis

von Konkurrenz und Kollaboration professionalisieren. Auf der einen Seite gilt es, die Effizienzschraube weiter zu drehen, etwa bei den Materialien, vor allem aber durch digitale Transformation. Auf der anderen Seite gilt es, branchenübergreifend Raum und Ressourcen für die Innovations- und Transformationsarbeit an gemeinsamen Herausforderungen zu schaffen und gemeinsam zu lernen, etwa durch Pilotprojekte, Reallabore und Ähnliches.

• Gesetzlicher Rahmen: Die Branche braucht von der Politik verlässliche gesetzliche Rahmen, Vorgaben und Anreize und muss diese möglicher weise selbst noch stärker einfordern, teilweise auch nach dem Motto «Protect us from what we want».

R eicht allein eine Verhaltensände rung? Braucht es nicht auch neue Technologien U nbedingt. Automatisierung wird noch wichtiger werden für die Effizienzfrage. Smart Building braucht eine entsprechende technologische Infrastruktur und Kompe tenzen. Dezentralisierung und gleichzeitige Vernetzung (durch das Internet der Dinge) werden wichtig für Kreislaufsysteme und transparente Lieferketten.

SWISSBAU INNOVATION LAB ON TOUR

Björn Müller ist Keynote-Speaker beim Swissbau Innovation Lab on Tour, das am 17. November 2022 im internationalen Kompetenzzentrum uptownBasel in Arlesheim stattfindet.

Wie können wir dazu beitragen, dass es für uns und unsere Nachkommen ein gutes und gerechtes Leben im Rahmen planetarer Grenzen gibt? Dieser Frage geht der Transformationspsychologe in seinem Keynote-Referat beim Swissbau Innovation Lab on Tour nach.

Weitere Informationen zum Programm erhalten Sie hier: www.swissbau.ch

BJÖRN MÜLLER, PHD

ist Transformationspsychologe und Geschäftsführer bei Meso, einem Netzwerk innovativer Organisationen. www.swissbau.ch

Ausgabe 04/2022 // Seite 13 BAUEN
Es geht um mehr als Effizienz, es geht um Suffizienz und in der Praxis um kreislaufwirtschaftliche Ansätze.

EFFIZIENTE NUTZUNG VON RÄUMEN UND ENERGIE

Siemens erweitert sein Portfolio für digitale Gebäude mit dem Erwerb des Unternehmens Ecodomus. Mithilfe von Ecodomus und der dazugehörigen Digital Twin-Gebäu desoftware erhalten Kund*innen einen besseren Echtzeit-Einblick in ihre Gebäude und können so Räume und Energie effizienter nutzen. Die Software von Ecodomus erstellt, pflegt und visuali siert BIM-basierte (Building Information Modeling), digitale Ge bäudezwillinge und macht Modelldaten für den Betrieb verfügbar. Ecodomus erweitert mit ihrer offenen web basierten Plattform somit das klassische CAFM mit einem plattformübergreifenden Common Data Environment (CDE). Da durch lassen sich digitale Abbildungen von Gebäuden und Anlagen erstellen, um so eine gemeinsame Datenumgebung zu schaffen, die BIM, Gebäudemanagement Systeme (BMS), computergestützte War tungsmanagement-Systeme (CMMS) und das Internet of Things (IoT) integriert.

Mit Ecodomus bietet Siemens seinen Kund*innen sämtliche Vorteile eines BIM basierten Gebäudebetriebs. Dadurch kön nen frei definierbare Anwendungsfälle der verbesserten Prozessabläufe in der Be triebs- und Wartungsphase generiert wer den. Dies ist von entscheidender Bedeu tung, da hier 80 Prozent der gesamten Lebenszykluskosten eines Gebäudes anfallen. Die Funktionen von Ecodomus bringen der Kundschaft neue Funktionalitäten im CDE sowie ein neues, web basiertes User-Interface in 2D/3D. Ausserdem wird die User Ex perience optimiert, da die Analyse der Objekte im digitalen Zwilling live genutzt werden kann. Wahlweise kann Ecodomus auch auf einem mobilen Endgerät genutzt werden, was schnelle Zugriffe auf wartungsrelevante Informationen ermöglicht. Mit Facility Ma nagement-Funktionen wie Ticketing und Meldungen können die Leistung des Gebäudes gesteigert und Probleme einfacher iden tifiziert und gelöst werden. Ecodomus kann jegliche BIM-Modelle eines Gebäudes visualisieren, so dass im Betrieb auch Use Cases der Reinigung und Wartung behandelt werden. Folglich macht die Integration von BIM-gestützten Prozessen, ein auf dem digitalen Zwilling basierendes Lebenszyklusmanagement aus Ecodomus eine herausragende Software für jede erdenkliche Gebäudeplanung. Unsere Arbeitsschwerpunkte in der digitalen Planung nutzen das BIM-Modell und unterstützen den Betrieb und das Facilitymanage ment durch definierte Anwendungsfälle mit Ecodomus. Individuelle

Anwendungsfälle ermöglichen dem Facility Manager (FM) ein inno vatives Arbeitsumfeld. Konkrete Anwendungsfälle für den FM kön nen wie folgt aussehen: Der Facility Manager FM erhält eine Be nachrichtigung und wählt sich in die Plattform des digitalen Zwillings ein. Der Alarm des BMS ist direkt mit der Komponente im BIM-Mo dell verbunden. Dadurch sieht der FM im BIM-Modell, wo sich die Brandschutzklappe im Gebäude befindet. Weiter sind alle Doku mente wie das Datenblatt, das Elektroschema und die Installations unterlagen mit der Komponente verbunden, sodass keine Zeit verloren geht, um diese zu suchen. Für eine schnelle Intervention sind alle relevanten Attributinformationen aus dem CAFM synchronisiert. Bereits mit einer Leiter ausgerüstet und einer neuen Klappe in der Hand, kann der FM vor Ort in wenigen Minuten die Störung beheben. Vorab konn ten noch alle betroffenen Mieter*innen in formiert werden. Nach dem Austausch der Klappe kann im digitalen Zwilling die Alarmmeldung quittiert, der neue Klappen typ eingepflegt und das passende Daten blatt abgelegt werden. Dies zeigt auf, dass Mitarbeitende ideal vorbereitet sind und viel Zeit eingespart wird.

Zukunftsweisende, digitale Plattformen wie Ecodomus von Siemens ermöglichen diesen Schritt durch die Verschmelzung der IoT-Live-Daten und der betrieblichen Daten aus dem FM, unter Verwendung eines BIM-Modells als kleinster gemeinsamer Nenner. Dies schafft in novative Möglichkeiten, Prozesse über den ganzen Lebenszyklus neu zu gestalten und dabei Zeit und Kosten einzusparen. Der di gitale Zwilling endet nicht mit einem Gebäude, vielmehr lässt sich dieser für ganze Areale, inklusive Umgebungsarbeiten etablieren, um damit eine effiziente Lösung für das ganze Immobilienportfo lio aufzubauen. Die Zukunft liegt in den Daten. Mit einer zentra len, offenen Datenablage ist der Weg frei für Anwendungen der nächsten Generation mit künstlicher Intelligenz wie zum Beispiel Predictive Maintenance.

www.siemens.ch

Seite 14 // bauRUNDSCHAU KOLUMNE
Head National Accounts & BIM Schweiz bei Siemens Schweiz.

IM VORWÄRTSGANG

Es begann vor mehr als 40 Jahren vor den Toren der Stadt Basel: In Kaiseraugst war ein Atomkraftwerk geplant. Der Widerstand gegen das Vorhaben war in der Region Basel sehr gross. Das AKW wurde nicht gebaut.

Aber Nein sagen zu Atomkraft genügt nicht: Seither betreibt unser Kanton eine ambitionierte Energiepolitik – wir setzen auf erneuerbare Energie und fördern diese gezielt. Seit 2009 wird der in Basel-Stadt verbrauchte Strom zu 100 Prozent erneuerbar produziert, zum gröss ten Teil aus Wasserkraft. Auch Photovoltaik (PV) macht Fortschritte. Für Neubauten auf dem Kantonsgebiet gibt es eine Solardachpflicht. PV-Anlagen werden nicht nur mit Förderbeiträgen des Bundes un terstützt, sondern zusätzlich vom Kanton: Wer gleichzeitig mit dem Bau einer PV-Anlage sein Dach energetisch saniert, bekommt dop pelte Förderbeiträge. Auch gehört der Einspeisetarif von 14 Rappen pro Kilowattstunde (kWh) zu den höchsten im Land. Seit zehn Jahren steigt die Zubaurate von PV-Anlagen deutlich: Wurden zwischen 2000 und 2011 nur bis 30 Anlagen jährlich gebaut, wa ren es zwischen 2012 und 2021 bereits 75 bis 150. Ende 2021 waren 1 130 PV-Anlagen mit einer installierten Leistung von rund 31 Megawatt Peak (MWP) in Betrieb. Es geht also voran, aber das Tempo muss noch gesteigert werden. Der Regierungsrat er arbeitet zurzeit die Solaroffensive. Mit ihr wollen wir ab 2023 die PV-Nutzung bei öffentlichen und privaten Gebäuden und Infra strukturen markant ausbauen.

Basel hat viele historische Bauten. Der Zielkonflikt zwischen Ästhe tik und Klimaschutz macht den Bau von PV-Anlagen zu einer Her ausforderung. Neue Möglichkeiten wie PV-Anlagen an Häuserfas saden beleben diese Diskussion positiv. Wir haben in Basel zwar erst wenige Beispiele von fassadenintegrierten Anlagen. Aber diese überzeugen mit ihrer unterschiedlichen Gestaltung von Farbe und Form. Ein Beispiel steht direkt in der Innenstadt: der Neubau des Amts für Umwelt und Energie. Dank fassadenintegrierten PV-Anla gen wird sich Ästhetik und Energiegewinnung besser verbinden las sen. Die technische Weiterentwicklung wird die Stromproduktion an und auf Gebäuden selbstverständlich machen. Sie wird helfen, den Zielkonflikt aufzulösen – zusammen mit guter Architektur.

KASPAR SUTTER

ist Regierungsrat und Vorsteher des Departements für Wirtschaft, Soziales und Umwelt

www.regierungsrat.bs.ch

Ausgabe 04/2022 // Seite 15 KOLUMNE
©Matthias Willi

BAUEN OHNE LAND – MIT HOLZ

Seite 16 // bauRUNDSCHAU
INVESTIEREN FÜR DIE NÄCHSTE GENERATION von Michael Meuter Mit cleveren Umbauten wie Aufstockungen wird der knappe Boden in der Schweiz – im Sinne der Verdichtung nach innen – immer intensiver genutzt. Die Holzbauweise schafft dabei nicht nur baulichen Mehrwert in Form von neuem Wohnraum im Bestand, sondern senkt auch die Energiekosten und hilft als natürlicher CO2-Speicher dem Klima.
©
Willy Jost für die Hector Egger Holzbau AG, Langenthal. Aufstockung in Zürich-Wollishofen mit zweigeschossiger Attikawohnung.

Im Schweizer Wohnareal zeigen sich An zeichen für eine allmählich sparsamere Bodennutzung. Im Jahr 2000 wurden noch 43 Prozent der Neubau-Wohneinheiten in Einfamilienhäusern erstellt. 2020 waren es nur noch knapp elf Prozent, wie der Raiffeisen- Immobilienbericht im vierten Quartal 2021 festhielt. Stattdessen werden immer mehr vergleichsweise platzsparende Etagenwohnungen in immer grösseren und höheren Mehrfamilienhäusern gebaut. 2005 wurden durchschnittlich noch 5.7 Woh nungen pro Mehrfamilienhaus erstellt, 2019 waren es bereits 7.5 Wohnungen.

UMBAU TRÄGT ZUR VERDICHTUNG BEI

Nicht nur im Neubau zeigen sich Verdich tungstendenzen. Der Anteil der Wohnun gen, der durch Aufstockungen, Erweiterun gen und andere Umbauten neu entstanden ist, hat sich gemäss Raiffeisen innerhalb von zehn Jahren von rund sieben Prozent auf 13 Prozent fast verdoppelt.

Verdichten ist in erster Linie dort von Inter esse, wo neues Bauland ohnehin rar ist: in den Städten. In der Stadt Zürich zum Bei spiel wurde zwischen 2017 und 2021 eine von sechs zusätzlichen Wohnungen im Rah men eines Umbauprojektes geschaffen. Seit 2014 beträgt der positive Umbausaldo je weils um die 200 Wohnungen pro Jahr.

Zugleich werden aber auch immer mehr alte Wohnungen komplett abgerissen, um Platz für Ersatzneubauten zu schaffen. Noch ein mal Zürich: Hier haben sich die Abbrüche von Wohnungen seit den Neunzigerjahren vervielfacht. Damit einher geht eine klare Verdichtung der Bausubstanz. Im Durch schnitt der Jahre 2015 bis 2019 wurde in der Limmatstadt jede abgebrochene Wohnung durch 1.7 Neuwohnungen ersetzt.

A LLE OPTIONEN FÜR

EIN PROJEKT PRÜFEN

Ersatzneubau wird nicht nur gern mit der Verdichtungswirkung begründet, sondern auch oft mit dem Argument, moderne Neubauten schnitten energetisch viel bes ser ab als der damit verdrängte Bestand. Aussen vor bleibt in dieser Betrachtung al lerdings die Bilanz von Grauenergie und grauen Treibhausgasemissionen. Ein nach haltiger Gebäudepark sollte vor allem mög lichst langlebig sein, um klimatauglich zu sein. Das spricht grundsätzlich für Weiter bauen und Sanieren des Bestandes, wo immer möglich.

Natürlich gilt es aber immer eine Auslege ordnung zu machen, bevor ein Entscheid für ein konkretes Vorgehen gefällt wird. Die Möglichkeiten aus Baurecht und Ausnut zung gehören ebenso in die Gesamtschau wie der Zustand und die Entwicklungs möglichkeiten der vorhandenen Bausub stanz einschliesslich der Gebäudetechnik. Smarte Start-ups wie etwa die St. Galler Raumpioniere helfen dabei, Potenziale für das Bauen ohne Land rasch zu erkennen.

Wenn sich am Ende doch ein Ersatzneu bau als richtige Lösung herausstellt, ist die Wahl von Holz als Baumaterial sinnvoll. Denn das Bauen muss sich in der Schweiz entschieden in Richtung Klimaneutralität bewegen. Dabei ist der Baustoff Holz mit seiner sehr tiefen Grauenergie und seiner Fähigkeit, CO2 langfristig zu speichern, ein entscheidender Faktor.

M IT HOLZ WEITERBAUEN

H olz eignet sich aber auch für das Wei terbauen im Bestand in ausgezeichneter Weise. Unabhängig von der Nutzung bie tet der Holzbau gerade beim Erweitern vielfältige Vorteile: zum Beispiel einen äu sserst geringen Zeitbedarf für die Mon tage, die trockene Bauweise und eine schlanke Baustellenlogistik. Die Nutzung der bestehenden Substanz erfährt nur eine geringe Beeinträchtigung, zum Teil geht es sogar ohne Unterbrechungen. Da rum ist Holz für An- und Aufbauten aller Grössenordnungen sehr beliebt.

Wenn es darum geht, mit einer Aufsto ckung Platz nach oben zu schaffen, über zeugt das Material ganz besonders. Holz ist leicht – es belastet deshalb die beste hende Bausubstanz viel weniger als eine massive Bauweise. Darum können Aufsto ckungen mit Holz oft auch über mehrere Geschosse realisiert werden, ohne dass der Bestand Verstärkungen braucht. Die hochpräzise Vorfertigung in der Werkhalle sorgt dabei für beste bauliche Qualität.

N UTZEN FÜR ENERGIE UND KLIMA

Auch in diesen Anwendungen entfaltet Holz seine klimatisch positive Wirkung als natür licher CO2-Speicher. Mit Holz ist man aber auch auf der sicheren Seite, was die Ener gieeffizienz angeht. Wandkonstruktionen in Rahmenbauweise können in ihrem Innern eine Wärmedämmung aufnehmen, die bei einer massiven Bauweise noch zusätzlich aussen aufgebracht werden müsste. So er reichen schlanke Bauteile aus Holz sehr gute Wärmedämmwerte. Das wiederum ermög licht ansehnliche Flächengewinne im Innern.

Raumgewinn und Energieeffizienz lassen sich zudem bei Aufstockungen auch über die neu erstellten Geschosse hinaus her vorragend kombinieren, indem eine Erneu erung der ganzen Gebäudehülle erfolgt. Bei den mittlerweile erreichten Energiepreisen und angesichts laufend verschärfter ge setzlicher Anforderungen lohnt sich das Nachdenken über eine solche Lösung

Ausgabe 04/2022 // Seite 17 BAUEN
Licht von allen Seiten: Blick in die aufgestockte Attikawohnung in Zürich-Wollishofen. © Willy Jost für die Hector Egger Holzbau AG, Langenthal.

allemal. Ein noch ungenügend gedämmter Massivbau kann zum Beispiel mit einer Aussenhaut aus vorgefertigten Holzele menten ummantelt werden, oder eine un genügend gedämmte vorgehängte Fas sade lässt sich damit ersetzen.

W ERTZUWACHS AN BESTER LAGE

Aufstockungen an bester Lage schaffen be sonders hohe Werte – so zum Beispiel an der Münchhaldenstrasse im angesagten Zürcher Seefeld-Quartier, wo die Architekten der Wanner + Fankhauser AG (Zürich) 2020 für die INVOR Vorsorgeeinrichtung Industrie ein Mehrfamilienhaus aus den 1930er-Jah ren rundum saniert und eingeschossig auf gestockt haben. Nur einen Monat dauerte es, die Aufstockung mit gleich vier zusätzli chen Wohnungen von zweieinhalb bis vier einhalb Zimmern in Holzbauweise zu errich

ten. Für das gesamte Holzbau-Engineering und den Holzbau selbst zeichnete die Renggli AG (Sursee) verantwortlich.

Die Winterthurer Auwiesen Immobilien AG ist für das Portfoliomanagement der INVORImmobilien zuständig. Dessen Leiter Christian Tribelhorn zeigt sich zufrieden mit dem erreichten Resultat: «Bezüglich der Aufstockung konnten wir als Eigentü mervertreterin die Vorteile des Holzbaus bezüglich der Geschwindigkeit des Auf baus und der Statik voll ausnutzen, was eine gute Renditebetrachtung ergab.»

NEUER WOHNRAUM MIT SYSTEM

Ein zweites gelungenes Beispiel aus der Limmatstadt: Mit dem Aufbau eines Vollund eines Attikageschosses auf ein beste hendes Gebäude aus den 1950er-Jahren in Zürich-Wollishofen hat die Holzbaufirma

Häring AG aus Eiken als Totalunterneh merin zusammen mit Mainberger + Spahr Dipl. Architekten ETH (Zürich) letztes Jahr drei zusätzliche Wohneinheiten geschaf fen. Zum Zug kam bei diesem Projekt das Häring-Aufstockungssystem «Attico».

Zeitgleich mit der Gebäudeaufstockung liess die Bauherrin Osterwalder Immobilien Zürich AG die bestehenden fünf Wohnungen in den Grundrissen modernisieren und totalsanie ren. Die Neuausstattung der Liegenschaft mit einem Bodenheizsystem erhöht den Wohnkomfort zusätzlich. Auf der Rückseite des Gebäudes erfolgte der Anbau grosser Balkone. Das ganze Gebäude wurde mit einer verputzten Aussenwärmedämmung energetisch vollständig saniert. Zusätzlich wurde im Zuge der Bauarbeiten eine Foto voltaik-Anlage auf dem neu erstellten Attika dach installiert.

Seite 18 // bauRUNDSCHAU
Neuer Wohnraum an bester Lage: Hier entstehen mit einer Aufstockung im Zürcher Seefeld in kürzester Zeit gleich vier neue Wohnungen auf einem Mehrfamilienhaus aus den 1930er-Jahren. Aufstockung im Zürcher Seefeld: So zeigt sich das neue Ensemble im fertigen Zustand.
© Dideco AG © Dideco AG

S ANIEREN UND AUFSTOCKEN IN EINEM ZUG

Und noch ein drittes aktuelles Beispiel aus Zürich: ks architecture (Zürich) hat eben falls in Zürich-Wollishofen für eine private Bauherrschaft ein Mehrfamilienhaus um eine zweigeschossige Attikawohnung im Holzbau ergänzt, die höchsten Energieef fizienzstandards genügt. Ausgeführt hat die wertvermehrende Baumassnahme Hector Egger Holzbau (Langenthal). Zu gleich mit der Aufstockung brachten eine Dämmung der Backsteinmauern und neue Fenster die alte Bausubstanz energetisch auf Vordermann, die wie im ersten Beispiel aus den 1930er-Jahren stammte. «Um die alten und neuen Gebäudeteile zu einem architektonisch stimmigen Ganzen zu ver einen, haben wir sowohl am neuen als auch am alten Teil eine hinterlüftete Fas sade mit Holzunterkonstruktion eingesetzt», betont Architekt Andrei Koshelev. Und wei ter führt er aus: «Tatsächlich ermöglichte gerade die Holzkonstruktion der oberen beiden Stockwerke die gesamte energie effiziente Kombination von Alt und Neu: Jede andere Konstruktion wäre zu schwer und zu teuer gewesen. Die beiden neuen Stockwerke waren übrigens innerhalb von nur zwei Tagen aufgebaut. Mit dem Holz bau verfügt man bei Hausaufstockungen und -sanierungen wirklich über ein sehr starkes Instrument.»

ist Verantwortlicher für Information bei Lignum – Holzwirtschaft Schweiz, Zürich.

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So sah das Haus
mit der
Tankstelle
im Erdgeschoss vor der Sanierung und Aufstockung aus. Drei zusätzliche Wohnungen sind hier mit einer Holz-Aufstockung entstanden.
© Häring AG, Eiken © D&R Dürr

WIRTSCHAFTLICHE LÖSUNGEN MIT HOHEM ANSPRUCH

SONDERSCHALUNG UND SICHTBETON von

Seite 20 // bauRUNDSCHAU
Heike Hübner Mit praktischen und wirtschaftlichen Lösungen lassen sich durchaus hohe qualitative Ansprüche erfüllen. Das beweist die Erweiterung eines Schulzentrums in der Schweiz. Mit gemieteten AluStar-Elementen wurde das Treppenhaus betoniert.

Öffentliche Gebäude werden von ihrem Umfeld intensiv wahrge nommen – nicht zuletzt, da ihr Bau durch Steuergelder finanziert wird. Wirtschaftlichkeit und Funktionalität müssen stimmen, Architektur und das Gesamtbild dürfen aber durchaus an sprechend sein. Diesen vermeintlichen Spagat enthielt auch das Anforderungs profil für die Erweiterung eines Schulzen trums in Lyss, einer Schweizer Gemeinde nahe Bern.

SONDERLÖSUNG

FÜR STÜTZMAUER

Die Brogini AG war unter anderem für den Bau einer Stützmauer und eines Treppen hauskerns in Sichtbetonqualität verantwort lich. Für einen abgerundeten Teilbereich der Mauer, 3.20 bis 3.80 Meter hoch, nutzte das Team um Bauführer Igor Petrovic zwei Sonderkonstruktionselemente mit unterschiedlich kleinen Radien. Der Teil bereich sollte sich optisch exakt ins Ge samtbild der Stützmauer integrieren. Die

Holzmaserung der stehenden Latten wurde bewusst in den Blickpunkt ge rückt. Um die Nutzung identischen Holz materials zu gewährleisten sowie abwei chende Maserungen und differierende Verfärbungen zu verhindern, erfolgte die Beplankung der Schalungskonstruktion durch Brogini.

SICHTBETON-TREPPENHAUS

Die Wandschalung für das Treppenhaus und die Sonderkonstruktion wurden von MEVA nach Vorgabe des Architekten geplant und mit Schaltafeln belegt. Mit gemieteten AluStar- und StarTec-Elementen betonierte Brogini das Treppenhaus und hatte dank MietePlus Kalkulationssicher heit von Anfang an und bis zur Rückgabe der Schalung.

KURZINFO

Projekt: Erweiterung Schulzentrum im Grentschel, Lyss (CH)

Bauunternehmen: Brogini AG, Lyss (CH)

ÜBER MEVA

Die MEVA Schalungs-Systeme GmbH ist ein mittelständischer, familiengeführter und international tätiger Schalungshersteller. Stammsitz ist Haiterbach im Nordschwarzwald. Seit 1970 ist MEVA Pionier und Impulsgeber der Schalungsbranche. Daher ist es für das Unternehmen Motivation und Verpflichtung, mit innovativen und qualitativ hochwertigen Produkten sowie umfassenden Dienstleistungen Bauunternehmen von Klein bis Gross bei ihren Projekten zu unterstützen. Das Produktportfolio reicht von Wand- und Deckenschalungen, Traggerüsten und Zubehör bis hin zu Kletter- und Sicherheitssystemen sowie Sonderschalungen und digitalen Lösungen. Mit circa 600 Mitarbeitenden an 40 Standorten in mehr als 30 Ländern auf fünf Kontinenten ist MEVA weltweit als Ansprechpartner vor Ort und erreicht eine Jahresgesamt leistung von mehr als 130 Millionen Euro.

Ausgabe 04/2022 // Seite 21 BAUEN
Die
Holzmaserung der stehenden Latten wurde bewusst in den Blickpunkt gerückt. Zwei Sonderkonstruktionselemente mit unterschiedlich kleinen Radien wurden für den abgerundeten Mauerbereich genutzt. MEVA Schalungs-Systeme AG | Birren 24 | CH-5703 Seon AG | Tel. +41 (0) 80 62 769 71 00 | schweiz@meva.net | www.meva.net/ch

DAS ZIEL IST KREISLAUFWIRTSCHAFT

Die Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik FHNW hat im Park der Fachhochschule am Campus in Muttenz einen Pavillon errichtet, der durch Studierende konzipiert wurde, die das Ziel hatten, Bauteile wiederzuverwerten. Dieser ist als Aufenthaltsort für Hochschule und Anwohnende gleichermassen gedacht.

Ganz im Sinne des Jahresthemas von 2022 «Constructive Futures –Beyond Concrete» haben sich die Studierenden des dritten Jahreskurses des Bachelor-Studiengangs Architektur unter der Leitung der Professorinnen Ur sula Hürzeler und Shadi Rahbaran mit der Wiederverwendung von Bauteilen ausei nandergesetzt. Ausgangslage dafür war die geschosshohe Holzrampe, welche als urbane Intervention im Zuge der Ausstel lung «Access for All – Architektonische In frastrukturbauten São Paulo» 2021 an der Frontfassade des Schweizerischen Archi tekturmuseums S AM angebracht war. Diese Rampe wurde nach Ende der Aus stellung wieder abgebaut und die Bauteile

sollten nun einem neuen Verwendungs zweck zugeführt werden.

ARCHITEKTURWETTBEWERB FÜR STUDIERENDE

Hierfür wurde im Herbstsemester 2021 ein Architekturwettbewerb unter den Studie renden veranstaltet. Die Aufgabe bestand darin, einen vor Wind und Sonne ge schützten Aufenthaltsort im Park zur Nut zung und freien Bespielung für Hoch schule und Quartier zu entwerfen. Das aus dem Wettbewerb hervorgegangene Ge winnerprojekt «Silvestris» wurde zur Wei terentwicklung und Umsetzung ausge wählt. In der Folge haben die Studierenden die Entwurfsidee gemeinsam weiterentwi

ckelt und im Frühlingssemester 2022 die Details innerhalb eines fachübergreifenden Wahlpflichtfachkurses weiter vertieft. Pa rallel dazu erfolgten der strukturelle Ent wurf, die statische Dimensionierung, die Entwicklung der Knotenanschlüsse sowie die Ausführungsplanung durch das Institut Bauingenieurwesen unter der Leitung von Prof. Dr. Simon Zweidler, Leiter des Baula bors. Dabei kam vom Konstruieren bis zur Fertigung aller Stahlknoten zukunftswei send die digitale Fabrikation zum Einsatz: Nach der vollständigen 3-D-Modellierung sind die für die Abkantung benötigten Flä chen per Software berechnet worden und die abgewickelte Fläche wurde per Laser aus dem Vollblech geschnitten. Die nach

Seite 22 // bauRUNDSCHAU BAUEN
Vorher: Rampe zur Ausstellung «Access for All – Architektonische Infrastrukturbauten São Paulo» 2021 im S AM.
© Tom Bisig

gelagerte dreidimensionale Abkantung er folgte ebenfalls vollautomatisch.

STATISCHE

HERAUSFORDERUNGEN

Im Verlauf dieser detaillierten Planung galt es, verschiedene konstruktive und stati sche Herausforderungen zu meistern. Auch zeigten sich die Grenzen der Wie derverwendbarkeit von Bauteilen: In die sem konkreten Fall hatte das Altholz nicht die notwendige Festigkeit, welche für die neue Arena und die geplante intensive Nutzung und Dauer erforderlich war. Dies führte zum Entscheid, die statisch relevan ten Bauteile mit dafür vorgesehenem Kon struktionsholz mit entsprechender Festig

keit auszuführen und das Altholz teilweise für sekundäre Bauteile zu verwenden. Da raus resultierte ein wertvoller Lernprozess in Hinblick auf die Komplexität und die He rausforderungen der Wiederverwendung von Bauteilen. Die ursprüngliche Struktur der Rampe spiegelt sich jedoch nach wie vor in den Abmessungen der Elemente und der Gestalt der neuen Arena wider.

Die so geschaffene Arena soll diverse Nut zungsmöglichkeiten bieten. Durch das Dach aus leichtem Gewebe entsteht ein schattiger Aufenthaltsort, welcher nicht nur der Lehre und dem Unterricht der Hoch schule dienen kann, sondern auch Platz für Darbietungen gibt und die Anwohnenden

im Quartier zur Nutzung und Mitgestaltung einlädt. Das Siegerprojekt sowie alle ande ren durch die Studierenden entwickelten Projektvorschläge sind zudem in einer Aus stellung im Windfang des Campusgebäu des öffentlich ausgestellt.

ist Leiterin Marketing und Kommunikation der Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW.

www.fhnw.ch/habg

Ausgabe 04/2022 // Seite 23
Nachher: «Arena Zirkulär» auf dem FHNW Campus Muttenz. Lernen in der Praxis – FHNW Campus Muttenz. Rezykliertes Holz als nachhaltige Alternative. © Julian Salinas, FHNW © Julian Salinas, FHNW © Julian Salinas, FHNW

MIT DER RICHTIGEN LÜFTUNG

KAUM ENERGIE UND HOHER RAUMKOMFORT

Gebäude sind so unterschiedlich wie deren Bewohnende und müssen daher bei der Planung von Neubauten sowie der Sanierung von Bestandsbauten individuell angeschaut werden. Zwei neue Studien geben Orientierung dazu, welche Lüftungssysteme die Behaglichkeit, Gesundheit und Ökologie optimal berücksichtigen.

Minergie-Gebäude

gewährleisten gute Raumluft dank einer automa tischen Frischluftzufuhr. Die meis ten Lüftungen haben eine Wärmerückge winnung, weshalb beim automatischen Lüften kaum Wärme – und somit Energie –verloren geht. Neue Studien vergleichen verschiedene Lüftungssysteme – auch auf Komfort und Gesundheit.

PASSENDES LÜFTUNGSSYSTEM

Um Stärken und Schwächen verschiedener Lüftungssysteme abschätzen zu können, beurteilt die Studie «Vergleich von Lüftungs konzepten für Wohnbauten» nicht nur die technischen und finanziellen Aspekte, son dern auch den ökologischen Fussabdruck, Komfort und gesundheitliche Aspekte. Un tersucht wurden Komfortlüftungen, Abluft

anlagen und Einzelraumlüftungsgeräte. Von insgesamt zwölf Parametern betreffen sechs die Technik und Wirtschaftlichkeit und sechs nutzungs- und gesundheitsre levante Aspekte. Zum Vergleich wurde auch eine Fensterlüftung mit einfachem Badab luftventilator beurteilt.

In einer anderen Studienreihe wurden Kom fortlüftungen (Einzel- und Mehrwohnungs anlagen) sowie Abluftanlagen mit ALD und Einzelraumlüftungsgeräte im laufenden Be trieb untersucht. Die erste Studie stammt aus dem Jahr 2018: «Abluftanlagen und Einzelraumlüftungen im Vollzug Energie», die zweite aus dem Jahr 2021: «Komfortlüftung im Vollzug Energie: Praxisunter suchung von einfachen Lüftungsanlagen (Einzel wohnungsanlagen) bezüglich Funktion,

Energie und hygienischem Zustand». Die untersuchten Komfortlüftungen waren im Betrieb robuster und stabiler als die ande ren Systeme. Im Vergleich mit den Einzel raumlüftungsgeräten war damit auch die Energieeffizienz besser. Bei einer klaren Mehrzahl der untersuchten Komfortlüftun gen waren die von der Norm geforderten Luftvolumenströme im angetroffenen und gereinigten Zustand erfüllt.

Bei den analysierten Abluftanlagen und Einzelraumlüftungsgeräten wurden die von der Norm geforderten Luftvolumenströme mehrheitlich nicht erreicht. Die Anlagen waren tendenziell unterdimensioniert, zu dem gab es teils erhebliche Reduktionen durch Verschmutzungen. Abluftanlagen mit ALD und Einzelraumlüftungsgeräte re

Seite 24 // bauRUNDSCHAU
Qualitativ hochwertige Raumluft ist Grundlage für guten Komfort.
© Minergie

agieren empfindlich auf Verschmutzungen.

Im Wesentlichen gelangten die Studien zu folgendem Fazit:

• Gut geplante Komfortlüftungen mit Wärmerückgewinnung schneiden in Bezug auf Komfort und Gesundheit insgesamt deutlich besser ab als die anderen Systeme.

• Besser sind die Raumluftqualität, Raumluftfeuchte, thermische Behaglichkeit, Gesamtenergiebilanz und Robustheit.

• Abluftanlagen erhalten wegen des systembedingten Unterdrucks in der Wohnung, der fehlenden AussenluftVorwärmung, des Überhitzungsrisikos und der geringeren Robustheit im Betrieb schlechtere Bewertungen bei den nutzungs- und gesundheits relevanten Aspekten. Nur in puncto des ökologischen Fussabdrucks und der finanziellen Aspekte zeigen sie Vorteile.

FLEXIBILITÄT BEI BESTANDSBAUTEN

Vor allem eine energetische Modernisierung braucht ein professionelles Fingerspitzen gefühl, wenn es um ein passendes Lüf tungssystem geht. Die bei Minergie-Mo dernisierungen seit 2019 zugelassene Grundlüftung soll den Eigentümer*innen und Architekt*innen mehr Flexibilität ge ben, um bei anspruchsvollen Modernisie rungen eine Lüftung einzubauen. Bei der Grundlüftung wird die Luft nur über offene Türen in den Wohneinheiten verteilt, statt wie bei den Verbundlüftern über Ventilatoren oder über Kanäle einer KWL. Das ist deut lich einfacher und kostengünstiger, bietet dank Vorwärmung der Zuluft einen höheren Komfort als Abluftanlagen, aber bei ge schlossenen Türen eine deutliche Einschrän kung im Vergleich zur Komfortlüftung.

Die Hochschule Luzern hat nun in der «Analyse vereinfachter Lüftungskonzepte» aufgezeigt, dass eine Grundlüftung nach weislich dann funktioniert, wenn die Nut zenden mitspielen. Lösungen sind offene Türen (>20 Zentimeter), grosse Überström öffnungen oder aktive Überströmer. So bald die Türen geschlossen werden, wird es kritisch. Die Messungen in realen Ob jekten haben regelmässige CO2-Pegel von über 4 000 Parts per million (ppm) erge ben. Mit einer genügend grossen Über

strömöffnung oben und unten an den Türen wäre der Luftaustausch gewährleistet –leider ist dies aber kaum realisierbar. Die Nutzenden müssen demnach sehr gut instruiert werden. Alternativ sollten die Schlafzimmer mit einer unterstützenden Massnahme (zum Beispiel einem aktiven Überströmer) ausgestattet werden. Das Gute an der Grundlüftung ist, dass nicht jeder Raum damit ausgerüstet werden muss. Als noch bessere Lösung bietet sich die Komfortlüftung an.

FRISCHE LUFT

GLEICH VIEL ENERGIE?

Klar: Das Lüftungsgerät benötigt für den Be trieb Strom. Im Vergleich zu den gesamten Energie-Einsparungen, die ein MinergieGebäude bringt, ist diese Menge aber klein. Zudem verbraucht die Komfortlüftung dank Wärmerückgewinnung weniger Energie als

eine Fensterlüftung, wenn die Qualität der Innenraumluft auf einem gesunden Niveau bleiben soll.

Ein Minergie-zertifiziertes Gebäude benötigt im Betrieb 20 Prozent weniger Energie als in der MuKEn14 (in den meisten Kantonen vorgeschrieben) gefordert wird. Baut man nach Minergie-P, sind es 25 Prozent – und nach Minergie-A sogar 50 Prozent. Bei stei genden Energiekosten steigt die Nebenkos tenrechnung der Minergie-Besitzer*innen und Mieter*innen also weniger stark an als in einem Durchschnittsgebäude. Denn beispielsweise dank der guten Dämmung muss weniger geheizt werden.

ANMERKUNG

Studien und weitere Informationen - Studien: www.minergie.ch/de/downloads/studien - Gute Raumluft: www.minergie.ch/gute-raumluft

Minergie

Ausgabe 04/2022 // Seite 25 BAUEN
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IM 3-KLANG MIT PLANERN, AUFSTELLERN UND NUTZERN

Gerüstkompetenz

Schweiz ist als Verein organisiert und unterstützt als neutrale Organisation alle am Bau Beteiligte rund um den Gerüstbau. Die Macher haben alle im Schnitt um die 30 Jahre Gerüstbauerfahrung. Baufach wissen, praktische Erfahrung und Sach kenntnis, dies erlaubt ein fachgerechtes Umsetzen, von der Planung bis zur Nutzung, von qualitativ guten Gerüsten.

Das Ziel von Gerüstkompetenz Schweiz ist, dass Planer, Aufsteller und Nutzer von Anfang an ihre Vorstellungen zum Umsetzen des Bauwerkes zusammentragen und einen gemeinsamen Konsens finden, da mit die Baustellen sicherer werden und Leid verhindert wird.

Auch hohe Kosten können, durch rechtzeiti ges Auseinandersetzen mit dem Gerüst, ein gespart werden. Die Schwerpunkte liegen im Planen und im Berechnen der Gerüste und dem Unterstützen der Beteiligten bei Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz

Die Experten von Gerüstkompetenz Schweiz helfen bei der Ausarbeitung von Gutachten,

den nötigen Interpretationen und deren Chancen bei Streitigkeiten und Gerichts fällen aller Art. Gerüstkompetenz Schweiz ist es wichtig, den 3-Klang PLANER / AUFSTELLER / NUTZER zu fördern, sowie neue Ideen und Innovationen zu unterstützen.

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KOMPETENZEN

Martin Angele - 30 Jahre Gerüstbauerfahrung Dipl. Bauingenieur FH, Dipl. Coach SCA, Dipl. Verhaltenstrainer SKC, 10 Jahre Vorstand SGUV, 10 Jahre Präsident PBK Gerüstbau, Gründungsmitglied / Ehren präsident UEG (Union Europäischer Ge rüstbaubetriebe)

Hermann Blaser – 30 Jahre Gerüstbauerfahrung Dipl. Bauingenieur FH im allg. Hochbau, Grossprojekte in Stahl-, Holz- und Mas sivbau, viele Jahre für SGUV, Polybau als Dozent «Statik für Chefmonteure» und diverse Gerüstbaufirmen tätig.

Pascal Riedo – 30 Jahre in Arbeits- und Werkvertragsrecht Advokat seit 1994 und als selbständiger An walt tätig, unter anderem mit Schwerpunkt Bau- und Planungsrecht / KMU-Beratung. An waltssprachen: Deutsch, Französich, Englisch

Edi Roth – 30 Jahre Gerüstbau erfahrung

Dipl. Baubetriebsmanager NDS HF, EKAS Sicherheitsfachmann (ASA Spezi alist), Höhenarbeiter Level 3, Erwachse nenbildner (DIK 2), Mitglied Sicherheits ausschuss UEG (Union Europäischer Gerüstbaubetriebe)

Patrick Simone – selbständiger Linked-In Spezialist

Dipl. Speditionsfachmann HF, digitaler Verkaufsexperte, Unternehmer, Speaker, Coach, Trainer und Buchautor

Gerüstkompetenz Schweiz | Hofackerstrasse 1 | 4132 Muttenz | Tel.: +41 (0) 61 461 63 79 admin@geruestkompetenz.ch | www.geruestkompetenz.ch

Ausgabe 04/2022 // Seite 27 BAUEN
Die Verantwortlichen von Gerüstkompetenz Schweiz (von links nach rechts): Martin Angele (Technik), Hermann Blaser (Planung/Statik), Patrick Simone (Bildung), Edi Roth (Sicherheit) Was wirr aussieht, ist das Resultat einer hochkomplexen Statik. Pascal Riedo (Recht)

LOVECCHIO AG

EIN WACHSENDER FAMILIENBETRIEB

Der Zweck der Lovecchio AG ist die Erbringung von Gerüstbau in Industrie- sowie Fassadengerüste, insbesondere im Bereich Beratung und Vermietung von Gerüstmaterial sowie Montage und Demontage von Gerüsten.

DieLovecchio AG ist ein wachsender Familienbetrieb, der in den Bran chen des Gerüstbaus tätig ist.

Die Lovecchio AG besteht mittlerweile seit 39 Jahren und wurde von Cosimo Lovecchio gegründet. Er kam einst als Gastarbeiter nach Freiburg (Deutschland) und arbeitete dort als Gerüstbauer.

Die Entstehung der Firma war eine Ver knüpfung von Zufällen: Cosimo Lovecchio kam an einem Wochenende mit seinen Freunden nach Basel. Als sie in einer Bar am Barfüsserplatz sassen, entdeckte er eine Agenda auf dem Tisch neben sich. Er schlug die Agenda mit einer Hand auf, da erschien ein Aufkleber mit drei grossen Turmkranen. Darauf stand eine Festnetz

nummer des Bauunternehmens. Lovecchio sagte zu seinen Freunden, dass er dort mal anrufe, um zu fragen, ob sie eventuell Ge rüstbauer suchen. Dies tat er dann und es veränderte sein Leben komplett. Nach die sem Telefonat arbeitete Lovecchio als Ak kordant bei der Firma Stocker AG. Diese musste dann während der SchwarzenbachKrise 1975 Konkurs anmelden. Cosimo

Seite 28 // bauRUNDSCHAU BAUEN

Lovecchio versuchte zuerst sein Glück mit Schalungen. Leider musste er dort einen tiefen Rückschlag einstecken und verlor eine Geldsumme in siebenstelliger Höhe. Nach diesem Ereignis hörte er von einem Tag auf den anderen mit Schalungen auf und konzentrierte sich nur noch auf den Gerüstbau. Er kaufte sämtliches Gerüstma terial der Firma Stocker ab und konnte sich so selbstständig machen. Heute beschäf tigt die Lovecchio AG in der Hochsaison circa 110 Mitarbeitende.

Sein Unternehmen ist ein Mischbetrieb und in der Gerüstbaubranche tätig. Haupt sächlich werden Gerüstarbeiten für die In dustrie sowie Fassadengerüste aller Art angeboten. Nicht im Angebot ist der Brü

ckenbau – dies aus dem Grund, da hierzu die Erfahrung und das passende Personal fehlen. Das Einzugsgebiet ist mehrheitlich die Deutschschweiz: Basel als Hauptsitz, gefolgt von der Niederlassung Zürich, die im Februar 2021 eröffnet wurde. Im Sep tember 2022 kam die Übernahme der Conrad Kern AG Gerüstbau in Sursee dazu. Damit hat die Lovecchio AG mittler weile drei Niederlassungen – und ein Ge rüstvolumen von rund 550’000 Quadrat metern Gerüste, dazu 43 Lieferwagen mit zwölf Anhängern.

Die Lovecchio AG ist mit ihrer Entste hungsgeschichte und ihrer Entwicklung ein typisch traditionelles italienisches Fa milienunternehmen.

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Lovecchio AG | J.J.Balmer-Strasse 3 | CH-4053 Basel | Tel. +41 (0) 61 361 73 33 | info@lovecchioag.ch | www.lovecchioag.ch

DAS IST PRAKTISCH UND SIEHT GUT AUS ÄSTHETISCHER BRANDSCHUTZ AUS GLAS von Lone K. Halvorsen

Rohrrahmentüren erfreuen sich dank grosszügiger Glasflächen zunehmender Beliebtheit. Die ästhetischen und zugleich filigranen Türen sorgen nicht nur für eine erhöhte Sicherheit, sondern auch für mehr Transparenz. Ohne festes Breitenraster sind sie für alle Raumhöhen anpassbar und erfüllen alle Anforderungen an Schall-, Brand- und Rauchschutz.

Brandschutzanforderungen werden dann am besten erfüllt, wenn die dafür vorgesehenen baulichen Kon struktionen auch ein gewisses gestalteri sches Niveau aufweisen. Und bekanntlich erfreuen sich Architekten und Bauherren im Objektbau über breit aufgestellte Pro gramme, bei denen die einzelnen Elemente im Design aufeinander abgestimmt sind. Mit den Rohrrahmentüren des Unterneh mens Novoferm wurde ein universelles System geschaffen, das im Bereich von Türen und Verglasungen genau diese Vor aussetzungen erfüllt. Die raumabschlie ssenden Wandelemente mit Sprossen sind in unbegrenzter Breite zugelassen und bei Rauchschutz-Wandelementen kann auch

die Höhe beliebig gewählt werden. Einem zeitgemässen architektonischen Trend wird zudem mit der neuen Oberfläche «Edel stahl-Finish» gefolgt. Die Profilrahmenkon struktionen schaffen somit Raumerlebnisse aus Glas und Metall. Wahlweise in Alumi nium oder Stahl ausgeführt, sorgen sie mit grosszügigen Glasflächen für die beson ders im Innenbereich begehrten transpa renten Strukturen. Zeitgemässe Architektur erhält damit ihre besondere Note.

SICHERHEIT UND SONDERAUSSTATTUNGEN

Das Unternehmen Novoferm bietet ein uni verselles System an Rohrrahmentüren, wel ches die gefragte Ästhetik aus Glasflächen

in Metallprofilen realisiert. Speziell mit der NovoFire®-Produktreihe werden sämtliche Anforderungen an den Brandschutz erfüllt. Sowohl die Profile als auch die Verglasung leisten Feuerwiderstandszeiten von 30 Mi nuten (gekennzeichnet mit El 30 und zer tifiziert durch VKF), die Produktreihe der Rohrahmentüren aus Stahl ist in EI 30 und EI 90 erhältlich. Die Profilrahmensysteme erfüllen somit nicht nur die Sicherheitsan forderungen, sondern sind wie geschaffen für den modernen Objektbau. Mit elegan ten Oberflächen, zeitlosem Design und zahlreichen Varianten bieten sie dem am bitionierten Architekten und Planer schier unbegrenzte Möglichkeiten bei der Gestal tung von transparenten Feuer- und Rauch

Seite 30 // bauRUNDSCHAU BAUEN
Entdecken Sie das Rohrrahmentüren Programm von Novoferm.

schutzabschlüssen im Innenbereich. Dabei sind ein- und zweiflügelige Türen mit Ober lichtern und Seitenteilen überaus vielfältig miteinander kombinierbar. Die Aluminium varianten sind mit ihrer Profilwandstärke von vier Millimetern besonders stabil und mit nur einem mittig verankerten Brand schutzkern äusserst kompakt konstruiert. Geprüfter Rauch- und Brandschutz ist die Basis, aber Sonderausstattungen prägen das Design. Bei dieser Serie besteht dies bezüglich eine Vielzahl an Möglichkeiten. Ob Holzdekor und -haptik oder getöntes Glas in verschiedenen Farben, mit einer individuellen Konfiguration lässt sich das System in jedes architektonische Konzept integrieren. Bei den Beschlägen sind Ein fallenschloss, vorgerichtet für Rund- oder Profilzylinder, Drücker oder Wechselgar nituren mit Ovalrosette in Aluminium, Edel stahl oder Kunststoff möglich.

BRANDSCHUTZ, DEN MAN NICHT ERKENNT

Mit dem Ganzglassystem NovoFire® Glass wird maximale Lichtdurchlässigkeit und Transparenz von Raum zu Raum garan tiert. Es sind keine vertikalen Profile erfor derlich, die einzelnen Scheiben werden nur durch minimale Silikonfugen miteinan der verbunden. Das verwendete Brand schutzglas erfüllt Sicherheitseigenschaf ten auf beiden Seiten und gewährt ohne Zusatzscheiben eine UV-Stabilität. Das

Ganzglassystem ist als designorientiertes Trennwandsystem für eine Feuerwider standsdauer von 30 Minuten entwickelt wor den. Es lassen sich im Innenbereich gross zügige Glasabmessungen mit Scheiben von 1 800 mal 3 500 Millimeter realisieren. Zudem ist es mit dem bewährten und stabilen Tür system NovoFire ® Alu kombinierbar und bietet somit eine Vielzahl an Gestaltungsund Einsatzmöglichkeiten. Das Rahmen material besteht aus einem AluminiumEinkammer-Hohlprofil, gefüllt mit einem mittig verankerten Brandschutzkern. Die Profile haben eine Wandstärke von vier Millimetern, was eine in sich sehr stabile und kompakte Konstruktion ergibt, und das verwendete Brandschutzglas hat die Feuerwiderstandsklasse EI30.

Doch das Ganzglassystem funktioniert nicht nur als Trennwandsystem oder in Kombina tion mit dem Türensystem, sondern auch als eigenständiges Verglasungselement für die Innenraumgestaltung: Durchblickfenster kommen modernen Architekturkonzepten entgegen, die auf Offenheit setzen, alte Grenzen auflösen und die Räumlichkeiten mit Tageslicht fluten. Aufgrund der guten Brandschutzeigenschaften eignet es sich als Durchblickfenster für verschiedene Ein satzbereiche wie Wohnung, Büro, Industrie oder das Bildungs- oder Gesundheitswe sen. Auch die sehr grossen und flexibel wählbaren Masse tragen dazu bei, dass

sich die Durchblickfenster für zahlreiche Anwendungssituationen eignen.

THERMOSCHUTZ FÜR

DEN AUSSENBEREICH

Für den Aussenbereich bietet das System NovoFire ® Thermo optimale Feuerschutz abschlüsse. Das System hat eine stabile Rahmen-Flügel-Kombination mit vier Mil limeter Wandstärke und einer Bautiefe von 90 Millimetern, geeignet auch für grosszü gige lichte Durchgangsmasse. Die 30-mi nütige Feuerwiderstandszeit und die hoch wärmedämmenden Eigenschaften der Konstruktion werden durch das Einbrin gen eines entwickelten Brandschutz-Iso lators erreicht. Durch die Zusammenstel lung von Ausstattungskomponenten lassen sich massgeschneiderte Anforderungen an die Gebäudesicherheit realisieren. Bei den Beschlägen besteht maximale Flexibilität und Kompatibilität. Es können der Anwen dung entsprechende Komponente ausge wählt werden. Die stabilen zweiteiligen Auf schraubbänder sind in unterschiedlichen Farben erhältlich – nach Wahl und in Edel stahloptik. Die barrierefreie Schwellenvari ante mit 19 Millimeter Einbauhöhe und ver deckt liegender Befestigung sorgt zudem für einen optisch fliessenden Übergang von aussen nach innen und kann durch ein spe zielles Basisprofil in Alt- und Neubauten eingesetzt werden.

Ausgabe 04/2022 // Seite 31 BAUEN
Novoferm Schweiz AG | Höchmatt 3 | CH-4616 Kappel SO | Tel.: +41 (0) 62 209 66 77 | info@novoferm.ch | www.novoferm.ch Maximale Transparenz mit dem Ganzglassystem – hier im Jacob Burckhardt Haus in Basel.

NEUE STANDARDS

ENERGIE ZUKÜNFTIGEN GENERATIONEN ZURÜCKGEBEN

Auf dem BaseLink-Areal in Allschwil bei Basel entwickelt SENN, Herzog & de Meuron und ZPF Ingenieure gemeinsam ein Bürogebäude, welches nicht nur mehr Effizienz, sondern auch mehr Suffizienz zum Ziel hat. Daher geht es nicht nur um einzelne Lösungen wie Solarpaneele, sondern um kreislaufwirtschaftliche Ansätze, die sich auf das gesamte Gebäude beziehen. Das Bauwerk setzt einen neuen Standard für Nachhaltigkeit: Es zahlt die graue Bauenergie zurück und ist bereits nach rund 30 Jahren energiepositiv. Dazu wird es aus einem ungewöhnlichen Mix aus Naturmaterialien konstruiert.

Das fordert alle Verantwortungsträger.

Seite 32 // bauRUNDSCHAU ARCHITEKTUR
von
Hortus ist ein Leuchtturmprojekt, welches neue Standards im ökologischen Bauen setzen will.
©
2022, Herzog & de Meuron
Basel

Auf dem ehemaligen Gewerbegebiet westlich des Hegenheimermattwegs in Allschwil ist das BaseLink entstan den, ein globaler Standort für innovative Un ternehmen aus dem Life-Science-Bereich.

Das nachhaltig konzipierte Bürogebäude HORTUS liegt auf dem Areal ehemaliger Schrebergärten und schliesst an den beste henden Technologiepark an. Umgeben von Sportanlagen, einem Naherholungsgebiet und einem Wohnviertel schafft der Bau eine moderne, kommunikative und flexible Ar beitswelt für eine neue Generation von Tech nologiefirmen mit ökologischem Bewusst sein, die sich hier zukünftig ansiedeln sollen.

Das Gebäude erschliesst sich über einen breiten Durchgang in das Atrium, das grüne Herz des Entwurfs. Über einen Lauben gang hin öffnen sich hierzu im Erdgeschoss öffentlich nutzbare Räume und man er reicht so die ringförmig angelegten, circa 10’000 Quadratmeter grossen Büronutz flächen in den Obergeschossen. Regen wasser wird für das Biotop im Atrium ver wendet und es entsteht eine grüne Oase mit Mikroklima, die Lebensraum für Pflanzen und Tiere schafft. Dank seiner hohen Auf enthaltsqualität dient das Atrium zusätzlich als Erholungsort für die Mitarbeitenden und ein Wintergarten lädt im hinteren Be

reich zum Arbeiten ein. Das Erdgeschoss ist ein belebter Ort, der zugänglich für alle ist. Die vertikal berankten Innenhoffassa den filtern CO2 und andere Schadstoffe und sorgen so für ein angenehmes Raum klima und Wohlbefinden.

FLEXIBLE NUTZUNG

Der Entwurf greift das Thema des innovati ven und produktiven Gedankenaustauschs auf und bezieht seine offenen Grundrisse aus Ideen zu modernen Büroarbeitsplätzen, die ein grosses Mass an Flexibilität und un terschiedliche Nutzungsweisen ermögli chen. Zugleich werden einige Bereiche von den Nutzern geteilt. Jedes Stockwerk ver fügt über gemeinschaftlich nutzbare Aufent haltsräume für die Mitarbeitenden. Das Erd geschoss wird mit einem gastronomischen Angebot öffentlich genutzt und nach Süden öffnet sich das Gebäude mit einer Terrasse zu einem vorgelagerten Park.

MATERIALKREISLÄUFE

HORTUS steht für House of Research, Technology, Utopia and Sustainability und setzt den Fokus auf innovative und am bitionierte Nachhaltigkeitskonzepte. So unterlag der Entwurfsprozess einer aus geprägten analytisch-akademischen Ma terialanalyse, bei der Baumaterialien auf ihre ökologischen und physikalischen Ei genschaften geprüft und verglichen wur den. Ein Hauptkriterium dabei war, dass der Ursprung möglichst natürlich und aus nachwachsenden Rohstoffen sein sollte. Ganz im Sinne des Cradle-to-CradlePrinzips sollen alle verwendeten Bauteile katalogisiert und im ökologischen Kreis laufsystem für eine Wiederverwertung zur Verfügung stehen.

Eine reduzierte Palette aus erneuerbaren Materialien wie Holz, Lehm und Zellulose sowie Glas für Fenster und Solarpaneele unterstreichen den ökologischen Grund gedanken des mehrgeschossigen Holz rahmenbaus. Das Raster ist modular und Holzverbindungen werden gesteckt, um auf Metallverbindungen zu verzichten und am Ende der Nutzungszeit wieder leicht demontierbar und wiederverwertbar zu sein. Die Räume sind natürlich belüftet und Stampflehm an Decken und Brüstungen sorgt für ein behagliches und gesundes Raumklima. Lehm reguliert die Luftfeuch tigkeit, zudem speichert er überschüssige Wärme, die im Sommer über öffenbare Fenster in der Nacht wieder nach draussen abgegeben werden.

Ausgabe 04/2022 // Seite 33 ARCHITEKTUR

SAUBERE ENERGIE

Der Entwurf zielt auf eine drastische Mini mierung des CO2-Fussabdrucks ab und setzt auf ein ganzheitliches Nachhaltig keitskonzept. Dabei sollen Empfehlungen für ökologisches Bauen wie der SIA 2040 noch weit übertroffen werden. Die kom pakte Gebäudeform reduziert Energiever luste und auf ein Kellergeschoss aus Beton wird verzichtet, wodurch der Aushub mi nimal bleibt und der Bau geradezu über der Landschaft schwebt. Die Luft unter dem Gebäude ist im Sommer kühl und im Winter warm. Dieser energetische Vorteil wird gemeinsam mit Geothermie, die das Haus mit Energie zum Heizen und Kühlen versorgt, zur Temperaturregulierung im Gebäude genutzt. Eine Photovoltaik-Fläche von circa 5 000 Quadratmetern auf dem Dach und entlang der externen Brüstungen sorgt für eine unabhängige Versorgung mit erneuerbarer und ressourcenschonender Solarenergie und schafft gleichzeitig so

viel Überschuss, dass die graue Energie, die für den Bau des Gebäudes benötigt wurde, innerhalb von 30 Jahren wieder auf null abgebaut wird. Nach einer Gene ration ist HORTUS somit ein energiepo sitives Gebäude.

NACHHALTIGKEIT IN DER FIRMENPHILOSOPHIE

Herzog & de Meuron versteht Nachhaltig keit als wichtiges Qualitätsmerkmal und fundamentalen Wert des Unternehmens. Nachhaltig soll nicht nur gebaut, sondern auch gelebt werden, mit dem Fokus auf einen ganzheitlichen Ansatz – weg von all umfassenden Statements hin zum Han deln. Bei der Entwicklung und Realisierung von Projekten ist das Ziel, eine Balance der ökologischen, ökonomischen und so ziokulturellen Bedingungen zu schaffen, die den Projekten Relevanz verleiht.

Der Gebäudesektor ist laut Studien der Internationalen Energieagentur (IEA) und des World Economic Forum (WEF) verant wortlich für den Verbrauch von circa 40 Prozent aller Rohstoffe und Energie und gleichzeitig einer der Hauptverursacher des weltweiten CO2-Ausstosses. Die Ar chitekten von Herzog & de Meuron sehen es als ihre Aufgabe an, auf diese Schnitt stelle Einfluss zu nehmen. Die Frage, wie man ein klimaneutrales Gebäude plant, ist eine architektonische Herausforderung, die nicht nur den Einsatz ökologischer Bauprinzipien erfordert, sondern als tief gehender fortwährender Prozess betrach tet werden soll, bei dem es darum geht, für jede individuelle Situation den best möglichen Ansatz zu finden. Dies erfordert ein hohes Mass an Innovation und lö sungsorientiertem Design, massgeschnei dert für den jeweiligen städtebaulichen, geographischen und kulturellen Kontext.

Am Beispiel von HORTUS soll gezeigt wer den, dass Zukunftsarchitektur zugleich äs thetisch, gesund und nützlich für Gesell schaft, Umwelt und Wirtschaft sein soll und als lokale Energie- und Rohstoffquelle agieren kann.

HERZOG & DE MEURON

ist ein internationales Architekturbüro mit Sitz in Basel.

www.herzogdemeuron.com

Seite 34 // bauRUNDSCHAU ARCHITEKTUR
Die Holz-Lehm-Konstruktion ist auch im zukünftigen Restaurant erkennbar.
Der modulare Aufbau ermöglicht Lösungen im Rahmen der Kreislaufwirtschaft.
© 2022, Herzog & de Meuron Basel © 2022, Herzog & de Meuron Basel © 2022, Herzog & de Meuron Basel

WANN, WENN NICHT JETZT

Politik und Medien sind zurzeit fasziniert von der Idee, unsere Energieversorgungsprobleme mit Solarenergie aus den Bergen lösen zu können. Fast im Wochentakt tauchen neue, immer noch grössere Projekte auf. Alpinsolar wird zweifellos einen Beitrag zur zukünftigen Stromversorgung leisten können und müs sen, nicht zuletzt wegen der hohen Erträge im Winter dank Nebel freiheit und Schneereflexion. Das Par lament hat deshalb in ungeahntem Tempo die Bewilligungsverfahren für solche Anlagen vereinfacht.

Der grosse Nachteil von Alpinsolar ist, dass die Produktion weit weg vom Verbrauch erfolgt und somit zusätzli che Stromleitungen erstellt werden müssen. Aus diesem naheliegenden Grund muss der grösste Teil des so laren Zubaus auf den Gebäuden ins talliert werden – dort, wo rund 45 Pro zent unserer Energie verbraucht wird. Und das Schöne ist: Auf den beson ders gut geeigneten Dächern könnten jährlich rund 53 Terawattstunden So larstrom erzeugt werden, auf den Fas saden nochmals 17 Terawattstunden. Zusammen also mehr, als wir heute insgesamt an Strom verbrauchen.

Leider harzt es immer noch mit der Nutzung dieses riesigen Potenzials. Eigentlich müsste es eine Selbstverständlichkeit sein, dass neue und sanierte Dächer mit Solaranlagen ausgestattet werden – ist es aber nicht. Und wenn Anlagen gebaut werden, decken sie oft nur einen Teil der geeigneten Fläche ab. Und Solarfassaden sind immer noch eine Ausnahmeerscheinung. Ein möglicher Ansatzpunkt liegt in der Pflicht, Solarenergie zu nutzen. Bereits heute kennen 19 Kantone eine Eigenstrompflicht für Neubauten. Nun wollen die kantonalen Energiedirektoren einen Schritt weitergehen und eine Solarpflicht für alle Gebäude einführen. In Baselstadt ist dies bereits im Grundsatz beschlossen, in Zürich fordert dies eine Mitte-links-Allianz.

SVP und Hauseigentümerverband empören sich, obwohl heute Solaranlagen mit Förderbeiträgen grosszügig unterstützt wer den und sich die Investition meist nach wenigen Jahren aus zahlt. Natürlich kann man sich fragen, weshalb es unter diesen

Umständen eine Pflicht braucht. Meine Meinung: Wir werden nicht darum herumkommen, denn der Solarausbau wurde jah relang von der bürgerlichen Mehrheit ausgebremst, und jetzt müssen wir in kürzester Zeit den Ersatz des Atomstroms und der fossilen Energien bewältigen. Da können wir uns nicht allein auf den Goodwill der einzelnen Hausbesitzer verlassen. Es braucht eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung und diese braucht klare Rahmenbedingungen mit gesetzli chen Vorgaben.

Die Erfahrung mit dem Glühbirnenver bot vor zehn Jahren zeigt auch, dass solche harten Massnahmen klare Markt signale schaffen und die Innovation för dern – kurz danach kam ein grosses Sortiment gutaussehender Leucht mittel, in erster Linie LED, auf den Markt. Einen ähnlichen Innovations schub würde wohl auch eine Solar pflicht auslösen. Die Basis dafür ist hervorragend: Bereits heute gibt es eine grosse Vielfalt an PhotovoltaikModulen für Dächer und Fassaden in verschiedenen Farben und Grössen. Schweizer Hersteller stehen dabei weltweit an vorderster Front, und im mer mehr Architekt*innen entdecken die Möglichkeit, solaraktive Elemente als Gestaltungsmittel einzusetzen. In guter Erinnerung bleibt mir der Architekt, der von seiner Bauherrschaft gegen seinen Willen zu einer Solarfassade verknurrt wurde, und jetzt, nach Vollendung des Mehrfamilienhauses, ganz begeistert davon ist. Er merkte, dass das gar nicht so kompliziert ist, wie er dachte, und erst noch gut aussieht.

Manchmal braucht es einfach einen Schubs, neudeutsch Nudge. Die Solarpflicht könnte es sein. ist Geschäftsführer bei Swissolar.

www.swisssolar.ch

Ausgabe 04/2022 // Seite 35 KOLUMNE

HERAUSFORDERUNGEN MEISTERN

SOLARFASSADEN IM ALPINEN RAUM – EINSATZ BEI GEBÄUDEERNEUERUNGEN

von Prof. Daniel A. Walser

Während Photovoltaikanlagen auf Dächern inzwischen weit verbreitet sind und bei Neubauten Photovoltaik sowohl auf Dächern als auch an den Fassaden eingesetzt wird, gibt es bis heute nur einen geringen Anteil an Beispielen von integrierter Photovoltaik in der Gebäudefassade bei bestehenden Gebäuden. Insbesondere bei Bauwerken, die nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet wurden, fehlt bis anhin eine kreative Methodik.

Die

Nutzung von Solarenergie wird auf grund der Ressourcenknappheit und der Klimaerwärmung immer wichti ger. Auch Gemeinden sind immer mehr im Zugzwang. Die Schweizer Regierung hat mit der Energiestrategie 2050 beschlos sen, die Förderung von Elektrizität aus Photovoltaikanlagen zu verstärken. 22 Pro zent des Strombedarfs werden wohl bis 2050 aus Photovoltaikanlagen gewonnen werden.1 Damit ist Photovoltaik ein wesent licher Grundpfeiler des AKW-Ersatzes. Im Zusammenspiel mit Speichermöglichkei ten wie Batterien, Wasserstoff oder Me thanol lässt sich mit der Photovoltaik eine autarke Strom- beziehungsweise Energie versorgung erzielen. Im Jahr 2020 lag der Anteil an Solarenergie gemessen am ge

samten in der Schweiz verbrauchten Strom lediglich bei 4.66 Prozent.2

Das schweizerische Bundesamt für Kultur (BAK) hat 2018 die europäisch abgestützte Initiative zur Förderung der Baukultur indi ziert und Qualität im Bauen eingefordert. Sie sucht auch aufgrund der zukünftigen Her ausforderungen, «die kulturellen Aspekte des Bewahrens, Planens und Bauens anzu erkennen und eine hohe Baukultur als vor rangiges politisches Ziel» zu etablieren.3 Die Erklärung von Davos versteht sich nicht als bewahrendes Instrument, sondern als eines, durch das sich die Architektur und die Ge sellschaft stetig weiterentwickeln und verän dern können.4 Gerade in der Schweiz, mit ihrer vielfältigen und lebhaft hohen Baukul

turen und den vielen Besonderheiten in den Gemeinden, ist ein sorgfältige Planung es senziell. Die Gemeinden sind heute im Zug zwang, Photovoltaikanlagen in jedem Fall zu genehmigen. Die hohen Energiepreise ha ben diesen Druck weiter erhöht.

PHOTOVOLTAIKANLAGE BEI BESTEHENDEN GEBÄUDEN

Technisch sind die eingesetzten Produkte ausgereift und die Lösungen marktfähig. Überzeugende architektonische Resultate sind für Neubauten vorhanden. Die wenigen existierenden Beispiele von Solarfassaden bei Umbauten und Sanierungen wurden aufgrund von schlechter Gestaltung oft negativ aufgenommen. Erst recht, wenn der ursprüngliche Bau architektonische

Seite 36 // bauRUNDSCHAU ARCHITEKTUR
Neue Fassade für das Haus Seewiesen, Bahnhofstrasse 10, Davos Dorf. Studentin: Adriana Margreth, FHGR.

Öffnungsmechanismus

Halterungsrahmen

Rahmengerüst

Kunststoffdichtung

Vergleich Holz- und Stahlkonstruktion

Rahmengerüst

Kunststoffdichtung

Konstruktionsprinzip Hülle 1:20

Elemente drehen durch Bewegungkraft der Bahn

Elemente

Öffnungsmechanismus

Vergleich Holz- und Stahlkonstruktion

Schema Holzbau: stärkere Rahmen und kleinere Achsabstände

Schema Holzbau: stärkere Rahmen und kleinere Achsabstände

Schema Stahlbau: schmalere Rahmen und grössere Achsabstände

ÖE (Rohölaquivalente) / Kg Baustoff Bewehrungsstahl: Holz gehobelt:

Schema Stahlbau: schmalere Rahmen und grössere Achsabstände

Gewicht / lm Holzkonstruktion: Stahlkonstruktion: Stahl hat einen um Faktor 5.15 grösseren "Energieverbrauch" Holzkonstruktion: Stahlkonstruktion:

ÖE (Rohölaquivalente) / Kg Baustoff Bewehrungsstahl: Holz gehobelt: Gewicht / lm Holzkonstruktion: Stahlkonstruktion: Stahl hat einen um Faktor 5.15 grösseren "Energieverbrauch" Holzkonstruktion: Stahlkonstruktion:

Der Leuchtturm Parsennbahn wird mit Photovoltaik umhüllt. Wenn die Bahn durch den Tunnel fährt, öffnet sich die Photovoltaik dort, wo sich der Zug befindet, um Aussicht zu gewähren. Studierende: Daniel Gander und Jan Feldmann, FHGR.

Qualitäten aufweist, sich die Bauten in his torischem Kontext befinden oder das Dorf bild durch das Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz ISOS-geschützt ist. Daher existieren von verschiedenen Seiten berechtigte ästhetische, aber auch funktio nale Vorbehalte gegenüber Sanierungslö sungen mit Solarfassaden. Gerade im alpi nen Raum sind viele historische Dorfzentren durch das ISOS geschützt und die grosse Anzahl von schützenswerten historischen Bauwerken sollen ihren gesellschaftlichen und architektonischen Wert nicht verlieren.

Die Anwendung von Photovoltaik ist bei kleinen Einzelbauten und ihren jeweils spe zifischen Lösungen eher teuer. Bei einer ganzen Siedlung oder grossen Dachflä

chen wird die Installation effektiver, da Lö sungen wiederholt werden können und eine grössere Gesamtfläche installiert wer den kann. Hier kann mit einem einheitli chen System agiert werden, was auch fi nanziell Sinn macht.5 In der Schweiz würde es genügen, wenn circa 40 Prozent der verfügbaren Dachflächen mit Solarpanelen belegt werden, um den zusätzlich benöti gen Strom zu produzieren.6

METHODIK MIT BEISPIELEN AUS DAVOS

In einem Forschungsprojekt der Fachhoch schule Graubünden wird die Umsetzung von Solarfassaden an der bestehenden Bau substanz überprüft und gestalterisch wei terentwickelt. Anhand von Projektarbeiten

an konkreten Beispielen entwickelten die Architekturstudierenden im Herbstsemester 2021 mögliche Strategien, wie mit Solarfas saden bei einer Sanierung in der Gemeinde Davos umgegangen werden könnte. Die Projekte beschäftigen sich vor allem mit der noch nicht thermisch sanierten Bau substanz nach dem Zweiten Weltkrieg.

KLARE ERGEBNISSE

Ein riesiges Potenzial besteht bei der be stehenden Bausubstanz, die rund um die historischen Kerne entstanden ist, also meist in der Agglomeration steht. Hier besteht der grösste Spielraum bei einer Sanierung mit Solarfassaden. Zentral ist aber, dass die ur sprüngliche Idee eines Baus nicht vollends durch den Einsatz der neuen Technik

Ausgabe 04/2022 // Seite 37 ARCHITEKTUR
Element PVModul
Halterungsrahmen
Drehbolzen
drehen durch Bewegungkraft der Bahn Konstruktionsprinzip Hülle 1:20
Element
Drehbolzen

verloren geht, sondern weiterentwickelt wird und dadurch der Bau insgesamt an Kraft und Ausdruck gewinnt. Eine Solaranlage muss heute nicht einfach eine schwarze Flä che sein. Da ist viel mehr möglich.

Im historischen Kontext und im Bereich des ISOS kann nur mit sehr viel Fingerspitzen gefühl agiert werden. Der mögliche Verlust an bestehenden architektonischen Quali täten darf nicht unterschätzt werden. Diese Gebäude bestehen oft seit Jahrhunderten und haben allein schon durch ihr langes Bestehen eine sehr positive Energiebilanz.

Der Einsatz von Photovoltaik verändert be stehende Gebäude. Gebäude, die eine hohe baukulturelle Bedeutung haben, kön nen je nach Situation weiterentwickelt wer den, doch gibt es auch Grenzen, wenn ein hochwertiger Bau in seinem bestehenden kulturellen Wert Schaden nimmt. Bauten müssen nach einem Eingriff nicht nur tech nisch, sondern auch in ihrer baukulturellen Bedeutung stärker sein als vorher. Es gibt Bauwerke, aber auch ganze Dorfzentren, die beispielsweise unter dem Schutz des ISOS stehen und bei denen es keinen Sinn macht, Photovoltaik forciert einzusetzen.

Es existieren auch andernorts Flächen, aber auch andere Energieformen, die zur Energiegewinnung genutzt werden können.

Die «Speckgürtel» rund um die dörflichen, aber auch städtischen Zentren sind oft nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden und nicht unbedingt von allzu hoher bau kultureller Qualität geprägt. Gerade hier gibt es viel Potenzial für die innovative An wendung von Photovoltaik. An allen von den Architekturstudierenden der FHGR bearbeiten Bauten in Davos war die Inte gration durchaus möglich, doch konnte Photovoltaik nicht einfach montiert wer den, sondern der Bau musste neu gedacht und interpretiert werden. Eine Sanierung einer Fassade kann so dazu führen, dass die Chance ergriffen wird, den Bau auch in seinen Grundrissen auf den heutigen Stand zu bringen.

Neue Anwendungsmöglichkeiten von Pho tovoltaik eröffnen den Planern neue ge stalterische Möglichkeiten, die es auch zu nutzen gilt. So plant die Studentin Nadja Schürmann eine Solarfassade am Hotel Waldhaus Davos aus beweglichen, ver schiedenfarbigen Paraventelementen, um Schatten zu spenden.

Die Studentin Norma Müller kleidete den von Gigon Guyer errichteten Werkhof der Gemeinde Davos ganz in eine Photovoltaik fassade ein. Dieser Wechsel von einem Holzbau zu einem technischen Bauwerk ist sicherlich schlüssig und sinnvoll. Schwieriger

Seite 38 // bauRUNDSCHAU ARCHITEKTUR
Solarfassade am Hotel Waldhaus Davos aus beweglichen Paraventelementen, um Schatten zu spenden. Studentin: Nadia Schürmann, FHGR.

PROJEKTTEAM

• Prof. Daniel A. Walser, wissenschaftliche Bearbeitung

• Prof. Christian Auer

• Dozent Norbert Mathis

• Noëlle Bottoni, Assistenz

• Madlaina Sutter, Architektin Davos

• Jürg Grassel, Architekt Davos

• Cornelia Deragisch, Gemeinde Davos Hochbauamt

wird es bei prägnanten Bauwerken. Neu interpretationen sind hier nur möglich, wenn ein Bau vollkommen neu gedacht wird. Die Bahntrasse der Parsennbahn wird von den Studierenden Daniel Gander und Jan Feldmann mit Photovoltaik umhüllt. Wenn die Bahn durch den Tunnel fährt, öffnet sich die Photovoltaik dort, wo sich der Zug befindet, um Aussicht zu gewähren. Eine solche Neuinterpretation verändert ei nen Bau stark. Bei baulichen Leuchttürmen ist eine Neuinterpretation der baukulturell hochwertigen Bauten eher schwierig, ohne auch einen grossen Verlust zu erzeugen.

Generell ist es wichtig nicht auf eine einzige Massnahme zu setzen, sondern ein integra les Konzept zu entwickeln, das Nachhaltig keit mehrschichtig und aus verschiedenen Blickwinkeln (Architektur, Nutzung, Technik, Ort) behandelt. Nur so können für spezifische Situationen auch individuelle Lösungen ent wickelt werden. Und diese Lösungen sind nie rein technischer Natur und müssen den spezifischen Situationen angepasst werden.

BAUKULTUR ERNST NEHMEN

Gemeinden sind oft überfordert mit den Bewilligungen für Solaranlagen. Sie sind bestrebt, Solarenergie zu fördern, doch fehlen ihnen oft die Werkzeuge, um qua litative Entscheide zu treffen. Für die Ge meinde Davos wird von der Fachhoch schule Graubünden derzeit ein Leitfaden entwickelt, wie sie mit Gesuchen für Pho tovoltaikfassaden umgehen soll. Die FHGR unterstützt auch andere Gemeinden bei der Entwicklung von spezifischen Leitfä den analog zu demjenigen für Davos.

Baukultur und Solarenergie sind keine Kon trahenten. Es liegt an den Planern, nicht nur

technische, sondern auch baukulturell sinn volle Lösungen zu erarbeiten.

ANMERKUNGEN

1) www.bfe.admin.ch/bfe/de/home/versorgung/erneuerbareenergien/solarenergie.html, aufgerufen 25. Januar 2022

2) https://pubdb.bfe.admin.ch/de/suche?keywords=395/, aufgerufen 25. Januar 2022, Statistik Sonnenenergie. Referenzjahr 2020, Seite 7

3) www.bak.admin.ch/bak/de/home/baukultur/konzeptbaukultur/erklaerung-von-davos-und-davos-prozess.html, aufgerufen 25. Januar 2022

4) www.bak.admin.ch/bak/de/home/baukultur/qualitaet/ davos-qualitaetssystem-baukultur.html, aufgerufen 25. Januar 2022

5)Anderegg D., Strebel S., Rohrer J. (2022): Photovoltaik –Potenzial auf Dachflächen in der Schweiz – Synthese aus Sonnendach.ch und einer repräsentativen Stichprobe an Dachbelegungen. ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, IUNR Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen. 15. Oktober 2022, https://doi.org/10.21256/ zhaw-2425

6) Paganini Manuela, Oesch Jonas, Grautstück Michel, Jochem Cian: Muss bald jedes Dach ein Solardach sein?

In: Neue Zürcher Zeitung, 8. September 2022

PROF. DANIEL A. WALSER

ist Dipl. arch. ETH SIA und Dozent an der Fachhochschule Graubünden, Chur. www.fhgr.ch

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Ausgabe 04/2022 // Seite 39 ARCHITEKTUR

SPANNENDE LÖSUNG

In einem Mehrgenerationenhaus im Kanton Aargau wird der Photovoltaikertrag des Sommers in den Winter mitgenommen – mit einem 100’000 Liter fassenden Warmwasserspeicher. Der folgende Beitrag stellt die Lösung vor.

Das erste autarkiefähige Mehrgene rationenhaus der Schweiz zu wer den – das klingt nach einem am bitionierten Ziel. Doch genau das ist im Schweizer Kanton Aargau in einem kleinen Dorf umgesetzt worden.

Das 921 Quadratmeter Wohnfläche um fassende Gebäude, das zum Teil ein sa nierter Altbau und zum Teil eine neu ge baute Erweiterung ist, hat viel Photovoltaik am Dach und in der Fassade integriert. Auf insgesamt acht Seiten des Gebäudes, nimmt man die Dachflächen dazu, sind

144 Kilowattpeak (kWp) installiert. Das sind schon markante Kennzahlen. Aber mit dem Innenleben des Mehrparteienhauses hat es noch mehr auf sich: Immerhin ein 100’000 Liter fassender Warmwasser speicher, der vier Meter Durchmesser und zwölf Meter Höhe aufweist, speichert die Sonnenenergie der wärmeren Jahreszei ten auch für die Wintermonate.

DEN EIGENVERBRAUCH ERHÖHEN

Der Bauherr Markus Ursprung wollte gerne, dass der Netzanschluss des Hauses nicht zu stark mit der eigenen Einspeisung durch

die 144-kWp-Photovoltaikanlage belastet wird. Daher war der Weg frei für einen hö heren Eigenverbrauch des Photovoltaik stroms. Den höheren Eigenverbrauch er reicht der Bauherr damit, dass er fünf AC•THOR 9s in seinem Mehrparteienhaus installiert hat, womit die Einspeisung ge senkt und die Energie direkt am «Produk tionsort» gespeichert beziehungsweise verwendet wird. Denn der AC•THOR 9s erhitzt durch sekündlich ausgeregelte Leistung immer nur mit dem Überschuss strom von der Photovoltaikanlage den Warmwasserspeicher – also untertags,

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© Synergieplus
Auf Dach und Fassade– auf der ganzen Gebäudehülle die Kraft der Sonne tanken.

wenn ohnehin zu viel Strom für das eigene Haus beziehungsweise die Hausverbrau cher zur Verfügung steht. Dabei ist es dem AC•THOR 9s egal, wie hoch die Tempera tur gehoben werden soll. Der Bauherr wollte gerne kochendes, also circa 95 Grad Cel sius heisses Wasser im Wasserspeicher haben. Das schafft eine Wärmepumpe nicht, weil der Temperaturhub hier bei hö heren Wassertemperaturen nicht mehr er reicht werden kann.

VOM SOMMER IN DEN WINTER

«Wir speichern im Sommer die Energie für den Winter, weil wir damit im Winter nicht mehr Energie benötigen als im Sommer», erklärt Markus Ursprung die Idee hinter der Anlage. Daher auch die überdimensi onal erscheinende Warmwasserspeicher auslegung – mit 100’000 Liter wahrschein lich der grösste Warmwasserspeicher, der derzeit mit my-PV-Produkten im Einsatz ist. Selbst bei zwölf Personen, die in die sem Mehrgenerationenhaus wohnen, wird so der Jahreszeitenspeicher nie entleert.

GRÜNDE FÜR DIE GEWÄHLTE LÖSUNG

Nach mittlerweile über einem Jahr an Be triebserfahrung fasst der Bauherr Markus Ursprung diese mit folgendem Zitat zusam men: «Damit ich den genauen Energieinhalt des Wassertanks berechnen kann, messe ich auf jeder Höhe die Temperatur. An je den AC•THOR 9s habe ich vier Tempera turfühler angeschlossen. Die PV-Leistung schwankt oft zwischen 20 Kilowatt (kW) und 60 kW, und genau diese Schwankungen

kann der AC•THOR 9s übernehmen. Wel cher andere Verbraucher kann mit solchen Leistungsschwankungen umgehen?»

HINDERNISSE UND BESONDERHEITEN

Die Dimensionen und die Komplexität, ein Mehrgenerationenhaus mit einer beispiels weise 250 Quadratmeter fassenden gemein samen Wohnfläche, zwei Küchenbereichen sowie den unterschiedlichen privaten Zim mern mit ausreichend Wärme zu versorgen, erforderte eine genaue und gut durchdachte Abstimmung hinsichtlich der technischen Auslegung. Die Komplexität war dabei sehr gross und somit der Support sehr wichtig. Der Hersteller musste genaue An gaben liefern können. Dies zeigt und zeigte sich als grösste, aber meisterbare Heraus forderung für my-PV.

PERSONEN IM HAUSHALT

Die zwölf Personen, die das barrierefreie und altersgerechte Mehrgenerationenhaus bewohnen, bewirtschaften den Garten ge meinsam, nutzen viele Bereiche miteinander und sind vom Alter her auch sehr unter schiedlich. Mit dem grossen Warmwasser speicher und der Kraft der Sonne, die über die AC•THOR 9s in den Speicher geleitet wird, steht den zwölf Bewohnern des Hau ses im Kanton Aargau zu jeder Zeit genü gend Warmwasser zur Verfügung.

ÜBERSCHUSS NUTZEN

Die potenziell verfügbare Warmwassersi cherstellung, die mit den Geräten von myPV an Tagen mit geringer Sonneneinstrah

lung immer aktiviert werden kann, wurde in diesem Fall nicht aktiviert.

Im Gegensatz zu einer Wärmepumpe, die für eine lange Lebenszeit auch eine lange beziehungsweise möglichst durchgängige Laufzeit aufweisen soll, kann der AC•THOR 9s schnell und je nach Überschussleistung aktiviert werden. So sind auch kurzfristige Erträge, die durch unterschiedliche Wolken gebilde beziehungsweise die Sonnenschein dauer zustande kommen, jederzeit präzise im Warmwasser durch den AC•THOR 9s abbildbar. Das heisst, dass sie für die Erwär mung des Wassers zur Verfügung stehen. So sind nicht nur die grossen Schwankungs spitzen im Haus selbst immer effizient ge nutzt, sondern es werden dadurch auch die Einspeisespitzen reduziert, da der Über schuss direkt im Haus verwendet wird –oder wie es der Bauherr zusammenfasst: «Ich kann Überschuss sinnvoll nutzen!»

TOBIAS FUCHSLECHNER

ist verantwortlich für die PR und das Digital Marketing bei my-PV.

www.my-pv.com/de

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© Synergieplus ©
Synergieplus

BITTE PLATZ NEHMEN!

UND FUNKTIONAL – KÜCHENTHEKEN

Die Küche ist heute nicht mehr nur ein Funktionsort, sondern ein Begegnungsraum. Küchentheken sind der perfekte Platz für eine ungezwungene Zusammenkunft, für einen kleinen Mittagsimbiss oder für ein Kaffeepäuschen. Wir stellen einige Beispiele vor.

sehen toll aus und sind überaus

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STYLISH
von Pascal
Kommunikatives Zentrum, Arbeitsfläche, Bar-Feeling – Küchentheken
praktisch. © SCHMIDT Küchen

Früher waren die Lebensbereiche im Haus streng aufgeteilt. Da gab es den Wohnraum und eventuell ein Esszimmer. Und strikt davon getrennt war da noch ein kleiner Arbeitsraum: die Küche. Heute dagegen sind Flexibilität, Transpa renz und Multifunktionalität angesagt. Die Küche hat sich geöffnet – in der Architektur, aber auch für das soziale Miteinander. Hier ist Platz für alle und Raum für Ideen, Ge meinschaft, Genuss. In der Küche startet man gerne in den Tag, am besten mit ei nem kleinen Frühstück. Aber nicht bloss zwischen Tür und Angel und so halb über der Spüle hängend … nein, in aller Ruhe und am liebsten gemütlich im Sitzen.

Allerdings verliert der klassische Esstisch zunehmend an Bedeutung. Er wird durch praktische Theken-Variationen ersetzt. Sie sind eine sehr flexible und vielseitig ein setzbare Bereicherung. Insbesondere für kleine Küchen sind sie oft die einzige Mög lichkeit, eine gesellige und behagliche Atmosphäre zu erschaffen. «Ob über Eck ausgerichtet oder als gerade Verlängerung konzipiert: Unsere Massanfertigungen ha ben hier natürlich einen unschätzbaren Vorteil, denn mit ihnen lässt sich die vor handene Fläche optimal nutzen», weiss Jean-Michel Jaeglé, der Produktentwickler von SCHMIDT.

EIN ZENTRALER VIELZWECKPLATZ

Küchentheken sind der perfekte Platz für eine ungezwungene Zusammenkunft, für einen kleinen Mittagsimbiss, für ein Kaffee päuschen oder um den Gastgebern am Herd bei einem Glas Wein Gesellschaft zu leisten. Sie erfreuen sich auch deswegen einer wachsenden Beliebtheit, weil sie ex trem wandlungsfähig sind und es bei der Gestaltung kaum Grenzen gibt. Neben der freistehenden Variante ist eine einfache, aber dennoch ansprechende Lösung die Verlängerung von bereits existierenden Ar beitsflächen. Eine andere Möglichkeit sind Aufsatztheken, die sich meist von der Ar beitsplatte abgrenzen. Oft liegen sie etwas höher und eignen sich so wunderbar für die Benutzung von Barhockern. Eine weitere Spielart ist, dass die Tresentische losgelöst vom Küchenblock direkt an der Wand an gebracht werden.

Auch in puncto Form, Farbe und Material auswahl sind die Optionen beim deutschfranzösischen Traditionsunternehmen na hezu unendlich. Nach Wunsch kann man

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sowohl hier die Farbtöne als auch das De sign der Küche weiterführen. So können die Tresen etwa passend zur Arbeitsober fläche gewählt werden oder man entschei det sich bewusst für ein anderes Dekor, um einen schönen Kontrast zu schaffen. «Dadurch entstehen absolute Hingucker –zumal wir als Ausstatter des gesamten Wohnraums sogar die optisch perfekt da rauf abgestimmten Barhocker und Sitz möbel gleich mit anbieten», erklärt Jaeglé. Die Küche mit Theke bietet nicht nur viele Gestaltungsoptionen, sondern auch zu sätzlichen Stauraum. Wer auf der Suche

nach dem richtigen Platz für Eierkocher, Toaster oder das zu selten genutzte Waf feleisen ist: bitteschön! In den Schränken, Schubladen und offenen Nischen unter der Thekenplatte ist der perfekte Ort.

EIN WAHRES MULTITALENT

Kommunikatives Zentrum, Arbeitsfläche, Bar-Feeling – Theken sehen gut aus und sind irre praktisch. Denn sie sind richtige Allrounder und lassen sich in nahezu allen Küchen sinnvoll integrieren. Für beengte Räume ist der chillige Tresen-Charakter geradezu ideal.

Selbst in der kleinsten Singleküche lässt sich so ein Fixpunkt für das gesellige Bei sammensein attraktiv in Szene setzen. In weitläufigen Küchen hingegen dient die Theke vor allem als Stilelement, denn der moderne «Bar-Look» versprüht seinen ei genen Charme und besitzt eine starke An ziehungskraft. Ausserdem fungieren The ken einerseits als Bindeglied zwischen Koch- und Wohnbereich, wobei sie die ehemals eigenständige Zimmer elegant ineinander übergehen lassen. Anderer seits wirken sie als optische Raumteiler –mit dem grossen Vorteil, dass sie einen

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Auf die Plätze, fertig … Küchentheken sind eine flexible und vielseitig einsetzbare Bereicherung. © SCHMIDT Küchen © SCHMIDT Küchen © SCHMIDT Küchen

VIELSEITIGE ZUTRITTSLÖSUNGEN

FÜR JEDEN ZUTRITTSPUNKT

Vielfältige Beschläge, Schlösser, Zylinder und Wandleser für Türen aller Art sowie Aufzüge, Zufahrten, Tore, Möbel u.v.m.

FÜR MASSGESCHNEIDERTE SYSTEME

Flexible Kombination von virtueller Ver netzung, Funkvernetzung, Mobile Access, Online- und Cloud-Systemen.

FÜR EFFIZIENTEN BETRIEB

Optimierte digitale Prozesse durch Integra tion mit Drittsystemen sowie Einbindung in die vorhandene IT- und Systemlandschaft freien Blick gewähren und trotzdem verschiedene Areale von einander abgrenzen.

Ein wesentlicher Trumpf ist zudem die Nähe zu allen wichtigen Vorräten, zur Spülmaschine und zum Spülbecken. Zudem: Was hier verzehrt wird, ist im Handumdrehen wieder aufgeräumt. JeanMichel Jaeglé: «Die Küche ist in vielen Wohnungen der erste An laufpunkt für Familie und Freunde. Mit der Theke schafft man sich den perfekten Ort für lockere Gespräche, der darüber hinaus eine ungemeine Lebendigkeit versprüht.» Ein Platz mitten im Gesche hen. Einer, der Leben in die Bude bringen möchte.

PASCAL BLUM

arbeitet bei Blum PR-Agentur & Redaktionsbüro. www.home-design.schmidt

SALTO Systems AG www.saltosystems.ch

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Mit einer Theke und den passenden Barhockern schafft SCHMIDT den perfekten Ort für lockere Gespräche und eine angenehme Atmosphäre.
© SCHMIDT Küchen

STARTSCHUSS ZUR ENERGIEREVOLUTION

DAS SCHWEIZER ETH-SPIN-OFF SYNHELION SETZT ZUM KLIMA-HÖHENFLUG AN

Alles begann mit einer verrückten Idee an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich: Wie wäre es, wenn sich die Verbrennung von Treibstoffen umkehren liesse? Die Idee funktionierte –zunächst auf dem Papier, dann im Labor und schliesslich unter Realbedingungen. Geboren war ein synthetischer Treibstoff, der sich prinzipiell an jedem sonnigen Plätzchen der Welt aus Wasser und Kohlendioxid herstellen lässt und jeden beliebigen Brennstoff von Rohöl über Benzin und Kerosin bis zu Methanol ersetzt. Mittlerweile zählt das ETH-Spin-off Synhelion zu den weltweit wichtigsten Klimarettern. Im November 2021 sicherte sich das Unternehmen in einer Finanzierungsrunde 16 Millionen Franken –mit dabei auch die AMAG. Demnächst geht die erste kommerzielle Anlage in Betrieb.

Die ersten Lieferungen hat sich bereits die SWISS gesichert.

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Treibstoff aus CO2 und Sonnenlicht?

Klingt nach Science-Fiction, funk tioniert aber. Ganz vorne mit dabei in der aktuellen Entwicklung sind die bei den Schweizer Technologie-Unternehmen Synhelion und Climeworks. Die beiden ETH-Spin-offs wenden Verfahren an, die es möglich machen, CO2 aus der Luft ab zuspalten und dieses mit Sonnenlicht und Wasser in ein synthetisches Gas zu über führen. Das Gas lässt sich danach zu Treibstoff weiterverarbeiten, der in nor malen Motoren verbrannt werden kann.

C O2-NEUTRALER TREIBSTOFF

AUS LUFT UND SONNENLICHT

Synhelion sorgte erstmals für weltweite Auf merksamkeit, als die Gründer Gianluca Am brosetti und Philipp Furler zusammen mit dem ETH-Professor Aldo Steinfeld auf dem Dach der ETH in Zürich mithilfe einer MiniRaffinerie den Beweis erbrachten, dass die Produktionskette von solaren Treibstoffen funktionierte. Die Prozesskette der Pilotan lage integriert drei thermochemische Um wandlungsprozesse: erstens die Abschei dung von CO2 und Wasser aus der Luft,

zweitens die solar-thermochemische Spal tung von CO2 und Wasser und drittens die anschliessende Verflüssigung in Kohlenwas serstoffe. Durch einen Adsorption-Desorp tion-Prozess werden CO2 und Wasser direkt aus der Umgebungsluft entnommen. Beides wird dem Solarreaktor im Fokus eines Pa

rabolspiegels zugeführt. Die Solarstrahlung wird durch den Parabolspiegel 3000-mal konzentriert, im Innern des Reaktors einge fangen und in Prozesswärme mit einer Tem peratur von 1 500 Grad Celsius umgewan delt. Im Herzen des Reaktors befindet sich eine spezielle keramische Struktur aus

Gutes Raumklima. Besseres Arbeitsklima.

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UMWELT & TECHNIK

Ceriumoxid. Dort werden in einer zweistu figen Reaktion – dem sogenannten RedoxZyklus –Wasser und CO2 gespalten und Syngas hergestellt. Die Mischung aus Was serstoff und Kohlenmonoxid kann mittels konventioneller Methanol- oder FischerTropsch-Synthese in flüssige Treibstoffe weiterverarbeitet werden. Einfacher gesagt: Luft und Sonnenlicht kommen vorne rein und hinten kommt CO2-neutraler Treibstoff wieder raus.

A b 2023 bis zu 10’000 Liter Solartreibstoff Mit dem revolutionären Beweis zur Her stellung von Solartreibstoffen in der MiniRaffinerie über den Dächern von Zürich folgte schnell der Ruf nach grösseren Anla

gen. Dank der 16 Milliarden Franken Förder gelder, welche sich Synhelion in einer Finan zierungsrunde im November 2021 sicherte, steht die weltweit erste industrielle Anlage zu Herstellung von Solartreibstoffen im Deut schen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Jülich kurz davor, ihren kommerziellen Be trieb aufzunehmen. Das Zentrum bietet dem Schweizer ETH-Spin-off eine umfangreiche Infrastruktur. Synhelion wird auch vom deut schen Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) finanziell unterstützt. Seit Anfang 2022 laufen die ersten Testpha sen, ab 2023 sollen in der Jülicher Anlage 10’000 Liter Solartreibstoff pro Jahr pro duziert werden. Der nächste Schritt wird der Bau einer noch grösseren kommerzi

ellen Anlage in Spanien sein. Denn im Ge gensatz zu Deutschland gibt es auf der iberischen Halbinsel mehr Sonnentage, die eine intensivere Auslastung der Anlage sichern. Diese neue Anlage kann dadurch kontinuierlich betrieben werden, um grö ssere Mengen an Treibstoff herzustellen und die Produktionskosten zu senken. Für 2030 sieht Synhelion bereits ein Produkti onsziel von 875 Millionen Litern pro Jahr vor.

Die solaren Treibstoffe von Synhelion sollen in erster Linie im Langstreckentransport ein gesetzt werden. In der Schiff- und Luftfahrt seien Energieträger mit einer sehr hohen Energiedichte nötig, die mit Batterietechno logie nicht erreicht werden könnten, erklärt das Unternehmen. Flüssige synthetische Treibstoffe könnten diese Anforderung hin gegen erfüllen. Im März 2022 haben die SWISS und die Lufthansa Group mit Syn helion eine strategische Zusammenarbeit zur Markteinführung von solarem Treibstoff vereinbart. Damit wird SWISS die weltweit erste Fluggesellschaft, die sogenannten Sun-to-Liquid-Treibstoff nutzt. SWISS und Synhelion nehmen damit eine Vorreiterrolle bei der Produktion und Nutzung von nach haltigen Treibstoffen ein.

K REISLAUF FÜR NACHHALTIGE TREIBSTOFFE SCHLIESSEN

M it dem Ersatz fossiler Treibstoffe durch kohlenstoffneutrale Solartreibstoffe will Synhelion langfristig zu einem emissions freien Verkehrssektor beitragen. Die AMAG Gruppe investierte im Jahr 2021 direkt in Synhelion. Zusammen mit dem Engage ment bei Climeworks will die AMAG da durch den Kreislauf für nachhaltige syn thetische Treibstoffe vollständig schliessen: Das CO2 von Verbrennungsmotoren kann mit der Technologie von Climeworks aus der Luft gefiltert und mit der Technologie von Synhelion wieder zu nachhaltigen syn thetischen Treibstoffen umgewandelt wer den. Damit will die AMAG Besitzerinnen und Besitzern der rund 200’000 Classic Cars in Zukunft ermöglichen, ihren gelieb ten Young- oder Oldtimer nachhaltig und klimaneutral auszufahren.

ISABELLE RIEDERER

ist Chefredaktorin von PRESTIGE BUSINESS.

www.prestige-business.ch

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MOBILITY Helmut Ruhl, CEO AMAG, und die Zukunft der Mobilität ADRIAN VAN HOOYDONK, DESIGNCHEF BMW GROUP CHARAKTERSTARK UND RADIKAL CHRISTINE STUCKI, INHABERIN KURZ 1948 EIN SCHMUCKES TRADITIONSHAUS BELINDA GÜNTHER, MERCEDES-BENZ DAS HAUTE-VOITURE VON MERCEDES-MAYBACH UNTERNEHMER BERNHARD BURGENER WILLKOMMEN IN DER ZUKUNFT! AUSGABE 03 / 2022 AB SOFORT ERSCHEINT 4-MAL-JÄHRLICH WWW.PRESTIGE-BUSINESS.CH PRESTIGE BUSINESS STEHT FÜR AUFREGENDE HINTERGRUNDSTORIES, PORTRAITS UND ANALYSEN AUS DER WIRTSCHAFTSWELT DER FÜHRENDEN UNTERNEHMEN IN DER SCHWEIZ.

EFFIZIENT UND SCHNELL

FLEXIBILITÄT VON ELEKTRONISCHEN ZUTRITTSLÖSUNGEN

In der heutigen Arbeitswelt unterliegt die Raumnutzung häufigen Veränderungen. Entsprechend müssen Zutrittsrechte neu vergeben oder angepasst werden. Elektronische Zutrittslösungen bewältigen das mit wenigen Mausklicks und tragen so zu effizienten Prozessen in Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen bei. Roger Isler, Geschäftsleiter bei der SALTO Systems AG, beleuchtet die Situation.

Unternehmen

fusionieren, Abteilungen ziehen um, Arbeitsplätze werden um gestaltet, Mitarbeiter übernehmen neue Aufgaben – es gibt viele Gründe, wa rum sich die Nutzung von Büros, Bespre chungsräumen oder ganzen Etagen und Gebäuden in Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen wandelt.

Ein aktuelles Beispiel verdeutlicht das Thema: Aufgrund der Corona-Pandemie mussten Krankenhäuser kurzfristig ihre Ab teilungen für Intensivmedizin ausbauen und zugleich sicherstellen, dass nur Berechtigte in diese Bereiche gelangen, sowie jederzeit nachvollziehen können, wer sich wo aufhält. Das betraf nicht nur die Türen zu einzelnen Räumen, sondern gleichsam die Wege dort

hin – zum Beispiel Aussentüren, Flurtüren, Aufzüge oder Treppenzugänge, ferner Mö bel wie Spinde oder Dokumentenschränke. Ein Unding mit mechanischen Schliesssys temen, wenige Mausklicks mit elektroni schen Zutrittslösungen!

TEURE UND UNSICHERE MECHANIK

In Gebäuden mit mechanischen Schliess systemen können diese Modifizierungen ganz schnell zu einem Albtraum werden. Denn es geht dann nicht nur um den Aus tausch einzelner Schlüssel, sondern gleich zeitig um die Neuordnung der Struktur von Schlüsselgruppen und -hauptgruppen mit Wechsel der Schliesszylinder, Einsammeln der alten Schlüssel und Ausgabe der neuen

Schlüssel. In der Praxis kommt normaler weise noch hinzu, dass etliche Schlüssel nicht mehr auffindbar sind.

Viele Anwender haben daher aufgrund von Nutzungsänderungen und verlorenen Schlüsseln bereits nach wenigen Mona ten den Überblick verloren, wer welche Schlüssel besitzt und wo diese überhaupt schliessen. Das beeinträchtigt die Sicherheit und Integrität der Schliessanlage massiv. Wenn Teile oder die gesamte Anlage auf grund von Schlüsselverlusten oder Um nutzungen ergänzt oder ersetzt werden müssen, wird es überdies noch richtig teuer. Denn Nachbestellungen kosten deut lich mehr als Neuanschaffungen und werden immer teurer, je länger man ein Schliess

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Ein vielseitiges Hardwareportfolio ist die Voraussetzung, um die Vielzahl von Türsituation in Gebäuden abdecken zu können.
©
SALTO Systems

system verwendet. Mechanische Schliess systeme geben folglich das Paradebeispiel für systemimmanente Inflexibilität und ein teures Sicherheitsrisiko ab.

MIT ELEKTRONIK FLEXIBLER UND GÜNSTIGER

Für das Umschiffen dieser Probleme setzen Anwender heute auf elektronische Zutritts lösungen. Diese bieten nicht nur die nötige Flexibilität bei der Vergabe und Anpassung von Zutrittsrechten, sondern sind obendrein über den Lebenszyklus betrachtet auch noch günstiger als Mechanik, denn die Be triebs- und Folgekosten sind minimal.

Moderne Zutrittssysteme nutzen für das Rechtemanagement Zutrittsgruppen. Diese bündeln alle Personen, die bestimmte Posi tionen innehaben oder der gleichen Abtei lung angehören. Parallel sind den Zutritts gruppen alle Türen zugeordnet, zu denen diese Personen Zutritt haben müssen. Wechselt nun ein Mitarbeiter die Abteilung, wird ihm mit wenigen Mausklicks einfach eine andere, passende Zutrittsgruppe zu gewiesen. Auf diese Weise erhält er im Handumdrehen Zutritt zu den neuen Türen und seine Berechtigungen für die bisheri gen Türen erlöschen. Zieht zum Beispiel eine gesamte Abteilung um, muss der Ad ministrator lediglich die neuen Türen zu ordnen und die alten Türen aus der Gruppe entfernen. Und schon sind die Personen nicht nur physisch umgezogen, sondern erhalten zugleich die neuen Zutrittsrechte. Das läuft ausschliesslich in der Software ab, ohne die Türhardware umprogrammie ren zu müssen.

INTEGRATION MIT IT-SYSTEMEN

Idealerweise lassen sich diese Vorgänge noch mit Drittsystemen verknüpfen, um Prozesse zu automatisieren. Das steigert die Effizienz und reduziert Fehler. Bei spielsweise lassen sich die Stammdaten mit dem ERP-System synchronisieren, um sie in der Zutrittssoftware nicht doppelt eintragen zu müssen und sie immer auf dem aktuellen Stand zu halten. Dabei kann man weitere Parameter berücksichtigen, um zum Beispiel bei einem Funktions wechsel die Personen automatisch einer neuen Zutrittsgruppe hinzuzufügen.

Um die Struktur der Berechtigungsgruppen nicht komplett neu erarbeiten zu müssen, bietet sich ausserdem eine Verknüpfung mit dem Active Directory an. Dadurch spart man nicht nur viel Zeit, sondern erreicht

zudem eine homogene Berechtigungs struktur über unterschiedliche interne Systeme hinweg. Die neuen Zutrittsrechte stehen an online verkabelten Wandlesern in Echtzeit zur Verfügung. Von dort – oder ent sprechend aktivierten funkvernetzten elek tronischen Beschlägen oder Zylindern –gelangen die neuen Zutrittsrechte auf die Badges der Mitarbeiter. Das heisst, sie müssen lediglich einmal ihren Badge vor halten und haben dann Zutritt zu den neu zugewiesenen Türen. In vielen Anwendun

gen erfolgt das beim morgendlichen Eintref fen am Haupteingang, sodass nicht einmal zusätzliche Wege erforderlich sind.

VIRTUELLES NETZWERK REDUZIERT AUFWAND

Die Zutrittsrechte selbst sind verschlüsselt auf den Badges gespeichert – und nicht in der Türhardware. Die kabellosen elektroni schen Beschläge und Zylinder prüfen ledig lich, ob der Badge an ihrer Tür und zum ak tuellen Zeitpunkt berechtigt ist. Ist dies der

Funkvernetzung eignet sich für Zutrittspunkte, an denen eine Echtzeit-Zutrittskontrolle gewünscht ist, aber keine Kabel verlegt werden sollen.

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Flexibles Berechtigungsmanagement auf Basis von Zutrittsgruppen sowie Integration mit Drittsystem sind die Grundanforderungen an eine Zutrittsmanagementsoftware.
© SALTO Systems © SALTO Systems

Fall, geben sie die Tür frei, wenn nicht, bleibt sie geschlossen. Das ist auch der Grund, weshalb bei Berechtigungsänderungen keine Anpassungen an den Türen nötig sind, weil dort keine Zutrittsrechte hinterlegt sind.

Dies trägt wesentlich dazu bei, dass die Ver waltung von elektronischen Zutrittslösungen mit wenig Aufwand verbunden ist, da die einzelnen Türen eben nicht abgelaufen wer den müssen. Diese Art der Technologie nennt man virtuelles Netzwerk, dessen Funktionen damit nicht enden. Denn bei der Prüfung der Zutrittsrechte werden zugleich relevante Systemdaten aus der Türhardware ausgelesen beziehungsweise an sie über tragen. Dazu zählen unter anderem der Bat teriestand, die Sperrliste (Badges, die im gesamten System nicht mehr zutrittsberech tigt sind) und – sofern aktiviert – Protokoll daten. Diese Daten werden beim nächsten Zutritt über einen Online-Wandleser an die Managementsoftware übertragen. Somit stehen dem Administrator immer auch ak tuelle Wartungsinformationen zur Verfügung.

NAHTLOSES ZUSAMMENSPIEL MEHRERER TECHNOLOGIEN

Flexibilität bedeutet in der Zutrittskontrolle aber nicht nur, dass Zutrittsrechte rasch und revisionssicher modifiziert werden können.

Sie bedeutet überdies, dass man die ver schiedenen Bereiche eines Gebäudes ge mäss den Sicherheitsanforderungen mit mehreren, nahtlos miteinander arbeitenden Technologien ausstatten kann. Dafür wird das virtuelle Netzwerk, welches sich für die meisten Innentüren ideal eignet, üblicher weise um Funkvernetzung (Wireless) und Mobile Access ergänzt. Funkvernetzung findet häufig ihren Einsatz, wenn eine Echt zeit-Überwachung von Türen nötig, aber keine Verkabelung möglich oder gewünscht ist – zum Beispiel in denkmalgeschützten Gebäuden, baulich schwierigen Situationen oder aus Kostengründen. Dank seiner Ei genschaften eignet sich Bluetooth hierfür als perfekte Basistechnologie. Denn damit kann man klassische Zutrittsdaten wie Be rechtigungen, Sperrlisten, Türstatus, Bat teriestand et cetera übermitteln. Bluetooth gewährleistet in erster Linie eine stabile Kommunikation zwischen der Hardware, eine hohe Übertragungsgeschwindigkeit, grosse Datenraten und geringe Latenz. Da rüber hinaus stellt die Technologie etliche Sicherheitsmechanismen bereit.

TÜREN MIT DEM SMARTPHONE ÖFFNEN

Mobile Access wiederum ermöglicht den Zutritt mit dem Smartphone. In mobilen Zutrittslösungen werden die Berechtigungen in der Zutrittsmanagementsoftware verge ben und «over the air» (OTA) an das zuvor registrierte Smartphone verschickt. Die zum System gehörende App überträgt dann die Daten verschlüsselt über die BLE- oder NFC-Schnittstelle an die Türhardware zur Berechtigungsprüfung. Mobile Zutrittslösun gen verbessern insbesondere die Flexibilität bei der Berechtigungsvergabe. Denn die di gitalen Schlüssel werden in Echtzeit verge ben oder entzogen – unabhängig davon, wo sich der Nutzer gerade aufhält.

VIELSEITIGE HARDWARE FÜR KOMPLEXE TÜRSITUATIONEN

Die Flexibilität spannt sich aber noch wei ter: Denn neben den Leistungsmerkmalen der Software und den Technologien spielt auch die Vielseitigkeit der Hardware eine entscheidende Rolle für ein gelungenes

Zutrittsprojekt. In den meisten Fällen fin den sich in Gebäuden eine Vielzahl von Türsituationen. Das betrifft die Art von Tü ren (zum Beispiel Vollblatt oder Rohrrah men), das Material (Holz, Kunststoff, Metall oder Glas), ihre Funktion (zum Beispiel als Feuer- und Rauchschutztür oder als Teil von Fluchtwegen), ihre Stärke (zum Beispiel aufgrund von Schallschutz- oder Sicher heitsanforderungen) und ihre technische Ausstattung (zum Beispiel als Dreh- oder Schiebetür). Hier erreicht man nur dann eine massgeschneiderte Lösung für den Anwender, wenn der Hersteller der Zutritts kontrolle über ein breites Hardwareport folio mit Modellen für jede Türsituation aufwarten kann. Und diese Hardware sollte dann natürlich die oben genannten Technologien unterstützen – erst dann können Anwender von den reichhaltigen Vorteilen einer elektronischen Zutrittslö sung profitieren und die Zeit und Kosten, die sie für mechanische Schliesssysteme verschwenden, für produktivere Aufga ben nutzen.

www.saltosystems.ch

Seite 52 // bauRUNDSCHAU UMWELT & TECHNIK
SALTO Systems AG | Werkhofstrasse 2 | CH-8360 Eschlikon | Tel.: +41 (0) 71 9737272 | info.ch@saltosystems.com |
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© SALTO Systems © SALTO Systems

NETTO-NULL-TREIBHAUSGASEMISSIONEN UND PHOTOVOLTAIK!

Photovoltaik spielt in der Energiestrategie des Bundes eine tragende Rolle. Da stellt sich die Frage, ob Photovoltaik auch für das Ziel von Netto-Null-Treibhausgasemissionen eine Rolle spielen kann – und wenn ja, welche. Widmen wir uns zunächst dem CO2-Fussabdruck von Solarstrom. Aus jüngsten Publikationen der Arbeitsgruppe «Ökobilanzen Photovoltaik» der Internationalen Energieagentur zur Umweltbilanz von Strom aus Photovoltaikanlagen aus dem Jahr 2021 kann entnommen werden, dass die Treib hausgasemissionen pro Kilowattstunde Strom aus optimal ausgerichteten Photo voltaikanlagen in der Schweiz heute bei zwischen 26 und 43 Gramm CO2-eq liegen.

Die Herstellung der Panels sowie die sich meist in China und weiteren asiatischen Ländern befindlichen Lieferketten der kris tallinen Solarzellen tragen am meisten zum Fussabdruck bei. In den letzten zehn bis 15 Jahren konnten die spezifischen Emissi onen mehr als halbiert werden – und dies trotz der Tatsache, dass in dieser Zeit ein Grossteil der Produktion und der Lieferket ten nach China und in weitere asiatische Länder abgewandert ist.

Welche Rolle können gebäudeintegrierte Photovoltaiksysteme bei sogenannten Netto-Null-Gebäuden spielen, also bei Gebäuden, die in Erstellung und Betrieb ge nauso viel CO2 aus der Atmosphäre entnehmen, wie sie Treib hausgasemissionen verursachen. In einem vom Bundesamt für Energie, Bundesamt für Umwelt und dem Amt für Hochbauten der Stadt Zürich finanzierten Forschungsprojekt wurden Öko bilanzen von gebäudeintegrierten Photovoltaiksystemen unter sucht. Die Ergebnisse sind klar: Gebäudeintegrierte Solaranla gen können den CO2-Fussabdruck von Gebäuden zwar senken helfen, aber die Treibhausgasemissionen der Erstellung und des Betriebs des Gebäudes nicht ausgleichen. Solaranlagen entziehen der Atmosphäre kein CO2. Für Gebäude mit NettoNull-Treibhausgasemissionen sind aber CO2-Entnahmen im Aus mass der durch Erstellung und Betrieb emittierten Mengen an Treibhausgasen erforderlich. CO2-Entnahmen aus der Atmo sphäre werden durch Negativemissionstechnologien erreicht. Im Bauwerk können Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen verbaut werden. Damit die CO2-Entnahme klimawirksam ist, braucht es für den in diesen Baustoffen enthaltenen biogenen Kohlenstoff eine rechtlich verbindliche Zusicherung, dass der

Kohlenstoff während mehrerer 1 000 Jahre nicht wieder in die At mosphäre emittiert wird. Auch das Verbauen von mineralischen Baustoffen mit forciert recarbonatisierten Zuschlagstoffen kann helfen, einen Teil der Treibhausgasemissionen auszugleichen. Erste Abschätzungen zeigen, dass Massnahmen am Gebäude in den seltensten Fällen ausreichen, um alle Treibhausgasemissionen auszugleichen und damit Netto-Null-Emissionen zu erreichen. So bleibt der Einkauf von Zertifikaten, die für die Entnahme und das permanente End lagern von CO2 aus der Atmosphäre aus gestellt wurden (und nicht wie heute üblich für CO2-Emissionsreduktionen oder tem poräres Speichern durch Aufforsten).

Welche Aufgaben verbleiben der Solar industrie? Gebäudeintegrierte Photovol taiksysteme können und sollen weiter op timiert werden, um die Menge der durch Negativemissionstechnologien auszuglei chenden Treibhausgasemissionen auf ein Minimum zu beschränken. Einerseits gilt es zu klären, wie viel Ertragsverlust aus Gründen der Ästhetik toleriert werden soll. Ästhetische Massnahmen wie Ein färben oder Montage auch auf der Nord seite und unter Erkern und Balkonen wir ken sich negativ auf den Ertrag aus und vergrössern damit die Fussabdrücke pro Kilowattstunde erzeugter Strom. Anderseits gilt es, den CO 2-Fussabdruck wie auch den Umweltfussab druck von Photovoltaikpanels und ihren Lieferketten weiter zu senken, und zwar aller Photovoltaiksysteme, nicht nur der ge bäudeintegrierten. Auch gilt zu beachten, dass neben dem Umweltfussabdruck auch dem Landschaftsschutz Beachtung zu schenken ist. Gebäude- und bauwerkintegrierte Solaranla gen (an Staumauern und an Lawinenverbauungen im alpinen Raum) sind die geeignete Alternative zum Bau grosser Solar kraftwerke auf unberührten Alpwiesen.

arbeitet bei treeze Ltd. und prägt seit über 30 Jahren die Ökobilanzierung in der Schweiz.

www.treeze.ch

Ausgabe 04/2022 // Seite 53 KOLUMNE

NIEMAND IST ZUSTÄNDIG

Das Thema Energie ist bei Verantwortungsträgern in Unternehmen ganz oben auf der Agenda.

Kein Wunder, die Preise steigen. Trotzdem gibt es immer noch viele, auch neue Gebäude, die mehr Energie verbrauchen, als eigentlich geplant war, und sich damit bei den anderen Gebäuden einreihen, die unsere Umwelt zu stark mit CO2 belasten.

Aber wie kommt es überhaupt zu die ser Situation? Wenn wir von grösse ren Bauprojekten, Gewerbe- und Industriebauten sprechen, dann sind pro fessionelle Bauherren, qualifizierte Fach planer und grossartige Unternehmer am Bauprojekt beteiligt. Das Projekt wird nach unterschiedlichen Labeln gebaut – oder zumindest orientiert man sich daran. Die besten Voraussetzungen für ein zeitge mässes und nachhaltiges Gebäude sind also gegeben.

UNTERSCHIEDLICHE ZEITDIMENSIONEN

Warum ist eine Betriebsoptimierung trotz dem notwendig? Weil ein soeben fertig

gestelltes Gebäude, bevor es in den re gulären Betrieb übergeht, abgenommen und dem Bauherrn überreicht wird. Zu diesem Zeitpunkt sind weder sämtliche Möbel platziert, noch werden die Büros oder Wohnungen durch Personen tat sächlich genutzt. Es kann somit auch da von ausgegangen werden, dass die tech nischen Systeme nicht unter den realen Bedingungen funktionieren. Des Weiteren gibt es unterschiedliche Jahreszeiten und somit klimatische Bedingungen, die auf das Gebäude einwirken, und die einge bauten Systeme müssen entsprechend darauf reagieren respektive eingeregelt werden. Heutzutage ist ein Gebäude schnell gebaut, die Nutzungsdauer ist

aber mit einigen Jahrzehnten viel länger. In dieser Zeit gibt es oft Änderungen in der Verwendung oder an den verschie denen technischen Anlagen. Laufen die Systeme noch so, wie ursprünglich am Bürotisch geplant?

FEHLENDER FOKUS

Bei der Planung und den Gesprächen zwischen Bauherrn und Fachplaner oder Generalplaner und Fachplaner geht es in der Regel um die grundlegenden funkti onalen Ansprüche. Verständlicherweise ist das Fachwissen dieser Stakeholder unterschiedlich, weshalb auch das ge genseitige Verständnis oft fehlt. Aus die sem Grund kommt der Betriebsoptimie

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DAS FEHLEN DER VERANTWORTUNG FÜR DIE BETRIEBSOPTIMIERUNG
Raumbediengerät
mit ePaper-Touch-Display.

rung, die sowieso erst nach der Abnahme und irgendwann später im Betrieb an Re levanz gewinnen wird, zu kurz oder gar nicht zur Sprache. Dieses kommende Op timierungsbedürfnis scheint im aktuellen Investitionsprojekt gar nicht in den Fokus zu passen und würde einen unnö tigen, zeitraubenden Neben schauplatz auftun. Oder aus Kostensicht betrach tet, betrifft es am Ende eine andere Kasse, ein anderes Budget als das Investitionsbudget selbst, was die Pro jektleitung ebenfalls be einflussen kann, diesem Punkt wenig bis kein Ge wicht zu schenken.

Diese Situation ist suboptimal. Damit der Betrieb effektiv optimiert werden kann, also Massnahmen ergriffen werden kön nen, die den Stromverbrauch reduzieren und den Komfort verbessern, müssen die Systeme von Anfang an, also bereits im Investitionsprojekt entsprechend geplant

und ausgeschrieben werden. Denn damit eine Fachperson eine Betriebsoptimie rung in Betracht ziehen kann, braucht es zum einen Daten aus dem laufenden Sys tem, also Transparenz, und zum anderen ein System respektive Komponenten, die eine Betriebsoptimierung über haupt zulassen.

KOLLABORATIVER ANSATZ

Wahrscheinlich ist es an der Zeit, moderne und zukunftsorientierte Modelle genauer anzu schauen, die durch kolla borative Bauprozesse ge prägt sind. So gibt es die integrierte Projektabwicklung, bei der Werkgruppen im Phasenmodell integ riert zusammenarbeiten – oder das Modell Integrated Project Delivery (IPD), das eben falls auf dem kollaborativen Ansatz aufbaut und gleich wie beim Werkgruppenmodell frühzeitig Hersteller und ausführende Unter nehmen hinzuzieht, um vom breiten Fach wissen zu profitieren. So können die am

UNTERNEHMENSINFORMATIONEN

Die BELIMO Automation AG setzt jährlich sieben bis acht Prozent des Umsatzes für Forschung und Entwicklung ein. So ermöglichen die von Belimo hergestellten Komponenten und Lösungen bei HLK-Anlagen in Gebäuden messbare und nachhaltige Energieeinsparungen. Gerne unterstützt Belimo Vorhaben bereits in frühen Projektphasen, damit die Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagen modern und zukunftsorientiert gebaut werden.

Projekt Beteiligten unterschiedlichste As pekte aus der Praxis gemeinsam betrach ten und diskutieren. Das können Themen bezüglich Installation, Betrieb oder In standhaltung sein, aber auch Themen wie Innovation und moderne Lösungen von Herstellern.

Anstatt Einzelteile eine vorgefertigte Lösung (druckunabhängiger Sechs-Wege-Regelkugelhahn).

Ausgabe 04/2022 // Seite 55 UMWELT & TECHNIK Belimo Automation AG | Brunnenbachstrasse 1 | CH-8340 Hinwil | Tel.: +41 (0) 43 843 62 12 | verkauf@belimo.ch | www.belimo.ch
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URBAN

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SOUL VOM BONNER LOCH ZUM ARCHITEKTONISCHEN AUSHÄNGESCHILD von Sophie Kesy Das architektonische Highlight Urban Soul punktet mit energieeffizienter und technisch innovativer Gebäudeautomation. Die Bereiche der Bonner Innenstadt, die in der Nähe des Bahnhofs liegen, waren bislang kein städtebauliches Highlight. Jetzt erleben sie eine Aufwertung. Die fast 150 Meter lange Schaufensterfront des Lifestyle House belebt den Bahnhofsbereich. © die developer

Indirekter Nachbarschaft zum Bonner Hauptbahnhof ist das Gebäudeensemble Urban Soul entstanden. Über eine neu ge staltete Piazza erstrecken sich das Büroge bäude City Office, ein repräsentatives Hotel und das sogenannte Lifestyle House mit Wohnungen, Arztpraxen, Shops sowie Gas tronomiebetrieben. Das Quartier soll durch ein hohes Mass an Nutzerkomfort und Qua lität sowie den effizienten Einsatz von Res sourcen zu einem neuen Zentrum des städ tischen Lebens in der ehemaligen deutschen Bundeshauptstadt werden. Die Kölner Ge bäudetechnik- und Facility-ManagementExperten der Pandomus GmbH spielen hierfür eine zentrale Rolle. Sie sind unter anderem für die technische Gebäude ausrüstung der Bauten zuständig und erstellten alle Lüftungsanlagen sowie die gesamte Kälteerzeugung. Bei der MSRTechnik griff Pandomus auf hochwertige Komponenten des Freiburger Spezialis ten SAUTER zurück. Auch das Gebäu demanagementsystem SAUTER Vision Center ist im Einsatz. Mit Funktionalitä ten wie einer wettervorhersagebasierten Klimaregelung sowie einer Moving-WallFunktion für Umnutzungen leistet es ei nen wesentlichen Beitrag zum nachhal tigen Gebäudebetrieb.

Das Urban-Soul-Areal in Hauptbahnhofnähe empfängt als neues, einladendes Eingangs tor und Aushängeschild der Bonner Innen stadt Reisende, Besucher und Einwohner. Insgesamt besteht es aus drei Gebäuden. Dazu zählt das Lifestyle House, das auf 6 400 Quadratmetern Fläche neben unter schiedlichsten Gastronomiebereichen und Wohnungen vor allem Platz für Shops bietet.

TECHNISCHE GRUNDLAGEN

Wesentlich für den Komfort in den Neubau ten ist die TGA (technische Gebäudeausrüs tung), die die Bereiche Elektro-, Lüftungs-, Klima-, Heiz-, Sanitär- sowie Umwelttechnik umfasst und auf die verschiedenen Nutzun gen der Gebäude angepasst wurde. So be nötigte das City Office im Bereich Raumluft technik 80’000 Kubikmeter pro Stunde (m3 / h) Luft- und 350 Kilowatt (kW) Kälteleistung. Beim Hotel belaufen sich diese Werte auf 96’000 m3 / h sowie 380 kW und beim Life style House auf 140’000 m3 / h und 800 kW. Um dies zu gewährleisten, wurden zwölf raumlufttechnische Anlagen (RLT-Anlagen) installiert, die den Temperaturunterschied zwischen der angesaugten Aussenluft und der aus dem Gebäude entnommenen Abluft zur Wärmerückgewinnung nutzen. Der

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Energiebedarf des Urban-Soul-Ensembles, der zum Erwärmen oder Kühlen der Luft in den verschiedenen Räumlichkeiten erzeugt werden muss, lässt sich auf diese Weise deutlich verringern. «Die Wärmerückgewin nung ist nicht nur hier, sondern bei allen in stallierten Anlagen im Rahmen dieses Pro jekts ein zentraler Faktor», so Peter Münch, Geschäftsführer der Pandomus GmbH, die die komplette technische Gebäudeausrüs tung der Bauten übernahm.

WETTERVORHERSAGEBASIERTE KLIMATISIERUNG

Die Klimatisierung der Gebäude im UrbanSoul-Quartier ist für die Energieeffizienz der Liegenschaft besonders relevant und

UNTERNEHMENSPORTRAIT

SAUTER Deutschland ist mit insgesamt 34 Büros in ganz Deutschland vertreten und erwirtschaftete 2021 einen Jahres umsatz von 291 Millionen Euro. Die Sauter-Cumulus GmbH entwickelt und fertigt Produkte, die im Raum- und Gebäudemanagement zum Einsatz kommen. Dazu zählen beispielsweise Automations- und Raumautomations systeme sowie Sensoren und Aktoren für die gesamte HLK- und Raum automationstechnik, die als Einzel komponenten oder im Systemverbund sowohl in Neubauten als auch im Rahmen von Modernisierungsmass nahmen eingesetzt werden. Ergänzt werden die Produkte durch spezielle Softwarelösungen. Die Sauter FM GmbH, ein Schwesterunternehmen der Sauter-Cumulus GmbH, hat sich auf Dienstleistungen im Bereich FacilityManagement spezialisiert. Dazu gehören die Wartung und Instandsetzung jeglicher technischen Gewerke einer Immobilie ebenso wie der reibungslose und energieeffiziente Betrieb der Objekte. Das Unternehmen beschäftigt in Deutschland 1 407 Mitarbeiter.

Die Pandomus GmbH, ein Tochter unternehmen der Sauter FM GmbH, ist ein Full-Service-Anbieter für Gebäude technik und Facility-Management mit Hauptsitz in Köln. Seit 40 Jahren sorgt das Unternehmen für den langfristigen Erhalt sowie die Erhöhung des Vermögenswerts von Bauten und bietet dabei alles aus einer Hand – von der Instandsetzung über die Planung bis hin zur Wartung und Modernisierung.

erfolgt über zwei Hauptkomponenten: Ne ben den RLT-Anlagen sind auch Umluft heiz- und Umluftkühlkonvektoren (ULK) für die individuelle und schnelle Anpassung der Raumtemperatur vorhanden. Um die flinken, gleichzeitig aber auch kostenin tensiveren Heiz- und Kühlsysteme mög lichst wenig nutzen zu müssen, wird das trägere System zudem auf Basis der Wettervorhersage geregelt. Da sich Än derungen im Bereich der Grundtempe rierung erst acht bis zehn Stunden spä ter auf den Raum auswirken, wird die geeignete Temperatur auf Grundlage der Vorhersagedaten bereits am Vorabend für den Folgetag berechnet und über Nacht konditioniert. Im Idealfall sind die vorge nommenen Einstellungen so genau, dass über die ULK nur noch sehr geringe Ände rungen am Raumklima vorgenommen wer den müssen. Dies reduziert auch den Ener gieverbrauch insgesamt.

Durch Präsenztaster, die sich sowohl auf die Lüftung als auch die Heizung auswir ken, kann sich der Nutzer zudem abmel den, sobald er den Raum vorzeitig ver

© die developer

lässt. Das System wechselt dann deutlich früher in den Absenkbetrieb. Über die Präsenztaster kann auch am Wochen ende Luft je nach Bedarf angefordert werden. Auf diese Weise sind die Anlagen nur dann in Betrieb, wenn sie tatsächlich benötigt werden.

ERLEICHTERTE UMNUTZUNG

Auch das Gebäudemanagementsystem SAUTER Vision Center trägt zur Nachhal tigkeit des Urban-Soul-Quartiers bei, da es eine flexible Nutzung der jetzigen Büro-, Wohn-, Hotel- und Gastronomiebereiche begünstigt. Die Software umfasst bei spielsweise eine sogenannte Moving-WallFunktion, die den Aufwand für Umbauten in den Gebäuden reduziert. Wird die räum liche Aufteilung baulich verändert, müssen lediglich das Raumbediengerät, Präsenz-, Helligkeits- und Temperaturfühler sowie Komponenten der Schwachstromtechnik angepasst werden.

Auf diese Weise konnten die Mieter die Wände nach eigenen Vorlieben beziehungs weise entsprechend der zu Mietbeginn an

Komplettiert wird das neue Quartier durch eine Piazza, die Besucher zum Verweilen einlädt.

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visierten Raumnutzung einbauen lassen. Denn die Möglichkeit, sie innerhalb kurzer Zeit wieder zu verschieben, bleibt langfristig erhalten. Somit können auch Hotelzimmer oder die Gastronomiebereiche des UrbanSoul-Ensembles später leichter umgestaltet werden. Die Anpassung ist im laufenden Betrieb möglich und Klimatisierung, Be schattung sowie Licht sind im Anschluss direkt wieder einsatzbereit. Da keine bau liche Veränderung der Hardware innerhalb der Mietfläche notwendig ist, wird viel Zeitund Kostenaufwand gespart.

Die Pandomus GmbH ist nach der Fertig stellung aktuell für die Wartung und das Facility-Management des Urban-Soul-En sembles zuständig.

SOPHIE KESY

arbeitet bei ABOPR Pressedienst B.V. www.sauter-cumulus.de www.pandomus.de

Bei der Planung aller Gebäude des Quartiers ging es von Anfang an um einen hohen Wert an Nutzerkomfort und Qualität.

UMWELT & TECHNIK
© die developer

AUF KNOPFDRUCK

BIM-BASIERTER BUILDING CIRCULARITY PASSPORT®

Sag mir, was Du bauen willst – und ich sage Dir deinen ökologischen Wert: Erstmals lassen sich ImmobilienÖkobilanzen durch automatisierte Datenverarbeitung berechnen. Die Werkbank IT GmbH entwickelte zusammen mit der EPEA GmbH den ersten BIM-basierten Building Circularity Passport® (BCP). Er gibt Planern, Bauherren und Investoren unmittelbar Auskunft über den CO2-Fussabdruck, die Recyclingfähigkeit oder den verbauten Rohstoffrestwert des Gebäudes. Mit dem BCP lässt sich bereits in der Planungsphase eines Gebäudes in wenigen Sekunden herausfinden, wie sich die verwendeten Baustoffe auf die Ökobilanz auswirken. Bisher waren dafür aufwendige Berechnungen nötig. Doch nun stellt die EPEA Daten und Algorithmen für den digitalen Abgleich in den CAD-Programmen bereit.

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Baustoffkreisläufe durch digitale Lösungen ermöglichen.

Das Ziel ist klar: Es gilt, den Lebens zyklus einer Immobilie von Anfang an digital zu verstehen. Der Schlüs sel dafür, der in die digitale grüne Zukunft führt, liegt in der Kombination aus Tech nik, Daten und Nachhaltigkeitskriterien. Die EPEA (Environmental Protection Encou ragement Agency) verfügt über langjährige Erfahrung in der Bewertung von Produkten nach dem Cradle-to-Cradle®-Prinzip und nach der Life-Cycle-Assessment-Methode (LCA). Zudem hat das Umweltinstitut fun diertes Wissen über die Kreislauffähigkeit von Baustoffen und -produkten und deren ökologischen Fussabdruck gesammelt. Die Werkbank IT GmbH stellt mit ihrer BIM-

Infrastruktur BIM & More die Technologie, durch die sich diese Produktinformationen in einen Digital Twin (digitalen Zwilling) über tragen und auswerten lassen. Durch die Kombination der beiden Kompetenzen kön nen sich Architekten und Fachplaner nun per Mausklick in CAD einen Building Circu larity Passport® ihres Digital Twins ausstel len lassen und die Produktstruktur anpas sen, um das Ergebnis zu verbessern.

D ie CO2-Emissionen aus der Betriebs phase machen bei heutigen Neubauten Schätzungen zufolge nur noch weniger als 60 Prozent der gesamten Ökobilanz eines Gebäudes aus. «Herstellung, Errichtung,

Entsorgung beziehungsweise Recycling sind bisher im Energieausweis (GEG) un berücksichtigt. Diesen verengten Blick wollen wir aufbrechen, indem wir den ge samten Lebenszyklus der verwendeten Materialien in den Planungsprozess auf nehmen», erklärt Dr. Peter Mösle, Ge schäftsführer bei EPEA.

B ILANZWERTE VERBESSERN

Geringe CO2-Emissionen und kreislauffähige Materialverwendungen sind inzwischen wesentliche Faktoren für die Sicherheit von Investments – vor allem, weil der EU Green Deal dies an vielen Stellen einfordert. Um die Transparenz in Bezug auf den kompletten Lebenszyklus zu ermöglichen, sind valide Daten und einfache Tools essenziell. Mösle: «Je früher aufbereitete Umweltdaten in der Planung verfügbar sind, desto besser. Denn: In frühen Leistungsphasen können Architek ten und Fachplaner noch Variantenverglei che zur Bauweise und zum Materialeinsatz durchführen – dies muss für den Anwender jedoch sehr einfach sein.» Damit kann der

ÜBER DIE WERKBANK IT GMBH

Das IT-Unternehmen Die Werkbank IT GmbH wurde 1998 von Matthias Uhl gegründet. Mit BIM & More Orchestra –der BIM-Infrastruktur für Hersteller aus der Baubranche – hat das Unternehmen eine komplette Toolchain für die Baustoff- und Bauprodukt industrie entwickelt, die effizient das gesamte Produktportfolio in hersteller spezifischen BIM-Content aufbereitet. Der zugrunde liegende Ansatz heisst Real Single Sourcing: BIM & More Orchestra wird direkt an das Master Data Management (MDM) des Herstellers angebunden. Die Industrie ändert und pflegt Daten weiterhin nur im eigenen PIM- oder ERP-System. Das BIM Cockpit ist das Herzstück von BIM & More Orchestra. Mit dem BIM Cockpit können Hersteller direkt mit Architekten und Planern zusammen arbeiten – in Echtzeit. BIM & More Orchestra bietet mit seinen Plug-ins und BIM-Kanälen (REST API) Schnitt stellen für alle Arten von Bauprodukten in gängige CAD-Systeme. Grössere Planungsbüros, GUs und GÜs nutzen die Plug-ins von BIM & More Orchestra zudem für modellbasierte Mengen- und Kostenermittlungen in verschiedenen Projektphasen.

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ökologische Fussabdruck mit LCA-Analysen immens reduziert werden. Gleichzeitig wird der finanzielle Rohstoffrestwert durch das Cradle-to-Cradle® Designprinzip optimiert, indem zum Beispiel auf trennbare Fügetech niken oder die Wiederverwertbarkeit von gewählten Bauprodukten geachtet wird. Hierbei ist entscheidend, dass sowohl ge nerische als auch produktspezifische Da ten für den Hersteller zu jeder Zeit für den Architekten verfügbar sind. Deshalb haben die Unternehmensverantwortlichen einen Vertrag mit Die Werkbank IT GmbH ge schlossen, die es mit dem BIM & More Plu gin möglich macht, den praxiserprobten Building Circularity Passport® nun auch im BIM-Modell für alle Architekten und Planer verfügbar zu machen.

R ELEVANZ SICHTBAR MACHEN

Es gilt, Nachhaltigkeits-Know-how und Technologiekompetenz in Einklang zu brin gen. «Die EPEA erstellt bereits seit 2015 Building Circularity Passports® und verfügt über eine riesige produktneutrale Daten bank sowie über relevante Algorithmen,

ÜBER EPEA – PART OF DREES & SOMMER

Als Innovationspartner für umweltver trägliche und kreislauffähige Industrie produkte, Gebäude und Stadtquartiere entwickelt EPEA Lösungen für die Circular Economy. Die Methode dazu ist das von EPEA mitentwickelte Cradle-to-Cradle®-Designprinzip: Für zukunftsfähige Lebensräume braucht es Gebäude und Produkte, deren Materialien und Chemikalien gesund für Mensch und Umwelt sind. Mit 30-jähriger Expertise und dem Wissen aus der Chemie und Biologie sowie den Umwelt- und Ingenieurswissen schaften optimiert das interdisziplinäre Team Prozesse für die Immobilien wirtschaft und Produkte für die Bau-, Textil-, Verpackungs-, Automobil-, Verbrauchsgüter- und Kosmetikindustrie. Als akkreditierter Assessment Body begleitet EPEA zudem Unternehmen bei der Zertifizierung ihrer Produkte nach dem Cradle-to-Cradle-Certified™ Produktstandard. Das Ziel ist es nicht, weniger schlecht zu sein, sondern positive Mehrwerte für Mensch, Umwelt und Unternehmen zu schaffen – in einer Circular Economy basierend auf Cradle to Cradle®.

etwa für die Cradle-to-Cradle®-Bewertung. Bisher war noch keine Kalkulation in CADPlanungsprogrammen möglich und der Berechnungsprozess hat viel Zeit in An spruch genommen, da er nicht automati siert war», erklärt Matthias Uhl. Der Ge schäftsführer des BIM-Unternehmens Die Werkbank IT GmbH, das mit der SaaSAnwendung BIM & More Orchestra die BIM-Transformation in der Baustoffindu strie forcieren will, sieht klare Innovations möglichkeiten. Im Zuge der Kooperation mit EPEA werden die ökologisch relevanten Daten zusammen mit Produktinformationen der Datenbank BIM & More Harmony über ein Plug-in in der digitalen Planungsumge bung zugänglich gemacht. «Dadurch kön nen wir den Building Circularity Passport ® zum ersten Mal vollends skalieren», be tont Uhl.

M ATERIALWERTE SICHTBAR MACHEN

Der Building Circularity Passport® dient als Planungs- und Dokumentationsinstrument, um gemeinsam mit Architekten, Fachpla

nern, ausführenden Firmen und Herstellern die Kreislauffähigkeit von Immobilien und damit den Ressourceneinsatz zu bewer ten. Bei abgeschlossenen Bauprojekten liefert der Building Circularity Passport® zusätzlich detaillierte Informationen darü ber, welche verwendeten Materialien sich einfach trennen lassen und welche che mische Zusammensetzung die verbauten Produkte besitzen. Auch die monetären Werte der verbauten Konstruktionen in den Gebäuden lassen sich damit ermitteln. «Diese Informationen liefern einen enor men Mehrwert für die Finanzierung unter Risikogesichtspunkten, die Wertermittlung und den anstehenden Betrieb der Ge bäude», erläutert Uhl.

TRISTAN THALLER

ist PR-Berater bei SCRIVO Public Relations. www.bim-more.com www.epea.com

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Der ökologische Fussabdruck wird transparenter.

NACHHALTIGKEIT AUF DEM PRÜFSTAND – FOLGE 6

Kreisläufe sind bei Nachhaltigkeit und Digitalisierung zentral, habe ich in Teil fünf meiner Kolumnenserie aufgezeigt. Die Analogien, sprich Ähnlichkeiten und Entsprechungen, gehen viel weiter, wobei sich Nachhaltigkeit und Digitalisierung gegenseitig voraussetzen und unterstützen.

D a die Digitalisierung viele Facetten hat und ich nicht alle be rücksichtigen kann, baue ich auf dem «Computational Thinking» auf, einem Be griff, den Jeannette M. Wing (geboren 1956), Professorin für Informatik an der Carnegie Mellon University, geprägt hat.

Wings Ausführungen können auf die vier Schlüsselwörter «Abstraktion», «Zerle gung», «Mustererkennung» und «Algo rithmen-Design» zurückgeführt werden.

Auf Abstraktion, also aus dem Besonde ren das Allgemeine entnehmen, wie der Duden erklärt, hat schon von Carlowitz seine Überlegungen zur beständigen, im merwährenden, kontinuierlichen und da mit nachhaltenden Nutzung aufgebaut. Seine umfassenden Beobachtungen zum Holz als Bestandteil der Natur lassen sich heute auf das Zusammenspiel von vielen Systemen anwenden, so zum Beispiel bei den ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) für nachhaltige Investitionen. Auch die Digitalisierung erfordert eine Abstraktion bei der Modellbildung, denn die Aspekte aus der realen Welt müssen adäquat in Daten abgebildet werden.

I m Gegensatz zum Computer kann der Mensch ein Gesamtes in seine Einzelteile zerlegen, was zur Lösung diverser Herausfor derungen notwendig ist. Ohne Zerlegung von Materialien in seine Grundbestandteile ist eine nachhaltige Wirtschaft nicht möglich. Viele Verbundwerkstoffe, die zwar unter optimiertem Materialver brauch einen Gebrauchszyklus ermöglichen, lassen sich nur auf wendig oder überhaupt nicht mehr zerlegen und damit wieder verwenden. Hier sind im Voraus Überlegungen gefragt.

A lle Facetten eines Problems in einem Schritt zu überblicken und die optimale Lösung zu finden, ist selten möglich. Muster, also Kombinationen von sich in einer bestimmten Art und Weise wiederholenden Sachverhalten oder Zeichenfolgen, sind zu er kennen und zu analysieren. Im Digitalen baut die künstliche In telligenz darauf auf, in der Nachhaltigkeit unter anderem die

Weiterentwicklung der Ressourcenrückgewinnung. So konnte der Anteil von wiederverwendeten Ressourcen, dank schritt weisem Vorgehen und ständigem Erkennen und Interpretieren der Qualitätsmuster der Endprodukte, erhöht werden – beim PET-Flaschen-Recycling auf 100 Prozent.

E in Algorithmus sei «a list of instructions for solving a problem», meint der Cambridge Dictionary. Sowohl Nachhaltigkeit als auch die Digitalisierung benötigt solche von individuellen Eingabe werten abhängige Regelwerke, um konti nuierlich und situationsabhängig agieren zu können. Damit das gelingt, sind die drei vorgenannten Begriffe Voraussetzung.

N achhaltige Überlegungen sind schon 1954 im Fazit aus fünf Jahren Anwendungs erfahrung mit dem Computer Zuse Z4 von Computer-Pionier und ETH-Professor Edu ard Stiefel enthalten. Er meint: «Automaten können teilweise kostspielige Versuchsan ordnungen ersetzen.» Auch die «feinere Be rechnung des Kräftespiels spart Material und Bauzeit für ein technisches Objekt.»

Den Beweis hat er mit der Berechnung der Staumauer Grande Dixence (Bauzeit 1951 bis 1965) angetreten. Auch seinen Mitar beitenden wollte er nachhaltigere und damit attraktivere Stellen bieten, denn es «müssen nicht mehr qualifizierte Mitarbeiter für längere numerische Rechnungen eingesetzt werden.» Und dass wir heute die Digitalisierung als kontinuierliche Weiterentwicklung in der Kommunikation benut zen, hat er vorausgesehen: «Elektronische und magnetische Kom ponenten von Rechenautomaten lassen sich auch anderswo in der Nachrichten- und Servotechnik verwenden.» In diesem Sinne ist sowohl eine nachhaltige Digitalisierung als auch eine digital unterstützte Nachhaltigkeit anzustreben.

ist Dipl. Bau-Ing. ETH/SAI und Leiter des Fachbereichs «Digitale Prozesse» der Geschäftsstelle des Schweizerischen Ingenieurund Architektenvereins SIA.

www.sia.ch

Ausgabe 04/2022 // Seite 63 KOLUMNE

ES MUSS NICHT IMMER EINE TEURE GESAMTERNEUERUNG SEIN

FORSCHUNGSPROJEKT ZU LOW-INVEST-COST-SANIERUNGEN

Viele Gebäudeeigentümer stehen vor der Frage, in welchen Schritten sie die energetische Erneuerung ihrer Immobilie anpacken sollen. Gemäss einer neuen Studie lassen sich auch mit relativ geringen Investitionen Ergebnisse erzielen, die wirksam Energie sparen und erneuerbaren Energien zum Durchbruch verhelfen. So wünschbar eine Gesamtsanierung unter Einbezug der Gebäudehülle ist, so lässt sich beispielsweise schon mit der Isolierung der Kellerdecke ein wirksamer Effekt erzielen. Wichtig ist, energetisch und klimapolitisch relevante Massnahmen zu erkennen, welche relativ günstig umgesetzt werden können und schneller amortisiert sind.

Gesamtsanierungen

unter Einbezug der Gebäudehülle ermöglichen satte Einsparungen an Energie und CO2-Emissionen bei Wohn- und Geschäfts immobilien. Trotzdem zögern viele Gebäu deeigentümer, ihren Altbau mit einer neuen

Fassadendämmung zu versehen, unter an derem weil sie hohe Investitionskosten, einen aufwändigen Bauprozess und Folgekosten (wie z.B. Ersatz des Sonnenschutzes, Wie derinstandsetzung von Wegen, Rabatten und Umgebungsflächen) fürchten. Hinzu

kommt, dass die gesetzlichen Vorgaben bei einer Sanierung so streng sind, dass sie oft keine Zwischenlösung erlauben. Gebäude eigentümer stehen dann etwa vor dem Entscheid, eine kostenintensive Dämmung gemäss Neubaustandard zu realisieren –

Seite 64 // bauRUNDSCHAU
Muss ein Gebäude erneuert werden, lassen sich auch mit begrenzten finanziellen Mitteln schon wirkungsvolle Lösungen finden. Foto: B. Vogel

Fallstudien an

Gesamterneuerung der Gebäudehülle verzichtet und nur das

liegen Investitionskosten und Jahreskosten (Summe

wenn

Gebäudehülle teilweise

erneuert

Fallstudien

oder gar nichts zu tun. Die energetische Sa nierung des Gebäudes wird dann gern auf unbestimmt verschoben, oder es bleibt bei Instandsetzungen (zum Beispiel Fassaden anstrich) oder bei punktuellen, mitunter ener getisch wenig wirksamen Retouchen.

Dr. Martin Jakob, Geschäftsführer der Zür cher Forschungs- und Beratungsfirma TEP Energy, kennt die Problematik: «Seit den 1990er Jahren werden Gebäudeeigentümer dazu angehalten, erst die Gebäudehülle zu sanieren, bevor sie später auch auf erneu erbare Energien umsteigen. Dieser Weg ist aber gerade für ältere Eigentümer unrealis tisch, denn er erfordert grosse Investitionen,

die sich nur langfristig amortisieren lassen. Zudem haben wir aus Sicht des Klima schutzes nicht mehr die Zeit, zuerst alle Ge bäudehüllen zu sanieren und dann erneuer bare Energie einzusetzen. In dieser Situation muss man Kompromisse eingehen und ein abgespecktes Sanierungsprojekt umsetzen, das trotzdem eine gute Wirkung erzielt.»

FOKUS AUF HEIZUNGSANLAGE

Eine Studie von TEP Energy und zwei wei teren Zürcher Beratungsfirmen (Low-Tech Lab, Studio Durable) zeigt umweltbewuss ten Gebäudebesitzern nun Wege auf, wie sie auch mit einem tragbaren finanziellen Engagement einen wirksamen Beitrag zum

Klimaschutz, zur Nutzung erneuerbarer Energien und zum Energiesparen leisten. Gesucht wurde nach Möglichkeiten, die energetische Erneuerung von Bestands bauten mit investitionsgünstigen Lösungen voranzubringen. Bei solchen Low-InvestCost-Sanierungen (kurz: LICS) betragen die Investitionskosten pro Quadratmeter Ener giebezugsfläche rund 200 bis 300 Schweizer Franken, für eine 100-Quadratmeter-Woh nung mit einer Energiebezugsfläche von rund 125 Quadratmetern also etwa 25’000 bis 38’000 Schweizer Franken Die Studie wurde vom BFE, dem Elektrizitätswerk der Stadt Zürich sowie den Städten Zürich und Winterthur unterstützt.

Ausgabe 04/2022 // Seite 65
elf Gebäuden zeigen: Wird im Zuge der LICS-Strategie auf eine
Heizsystem auf Luft-Wasser-Wärmepumpe als primäres Heizsystem umgestellt (Strategien 4 und 5),
aus Kapital-, Energie- und Betriebskosten, annualisiert) tendenziell tiefer, als
die
energetisch
wird (Strategien 1, 2 und 3). Grafik: LICS-Schlussbericht/bearbeitet B. Vogel
an elf Gebäuden zeigen, dass es hinsichtlich des Endenergieverbrauchs und der CO2-Emissionen vorteilhafter ist, eine nicht-fossile Heizung einzubauen, als die Fassade zu dämmen (ersichtlich aus dem Vergleich der Strategien 5 und 1). Grafik: LICS-Schlussbericht/bearbeitet B. Vogel

Eckwerte der elf Gebäude, die in den Fallstudien berücksichtigt wurden. Tabelle: LICS-Schlussbericht/bearbeitet B. Vogel

Wie aber saniert man kostengünstig? Indem man seine Massnahmen auf einen wesentlichen Teil beschränkt, lautet die Antwort der LICS-Studie. Konkret rät sie, auf die umfassende Erneuerung der Ge bäudehülle zu verzichten und die finan ziellen Mittel stattdessen in ein neues System zur Erzeugung von Heizwärme und Warmwasser zu stecken, ergänzt um punktuelle, zielgerichtete Effizienz massnahmen.

GÜNSTIGER DURCH NUTZUNG

VON ZWEI ENERGIETRÄGERN

Als bevorzugtes Heizsystem propagieren die Autorinnen und Autoren Luft / WasserWärmepumpen, die Wärme aus Umge bungsluft gewinnen und unter Zuführung von Strom Heizwärme und Warmwasser erzeugen. Sie raten, Heizsysteme mit über 30 bis 40 Kilowatt Leistung für mitt lere und grössere Mehrfamilienhäuser und Bürogebäude bivalent auszulegen.

Dabei deckt die Wärmepumpe etwa die Hälfte der Leistung und etwa 80 Prozent bis 90 Prozent der Energie ab. Der Rest wird bei der bivalenten Konfiguration durch Biogas, synthetisches hergestelltes Methan oder Holz gedeckt.

Alternativ kann eine LICS-Lösung aber auch aus einer Holzheizung oder dem Anschluss an ein Fernwärmenetz mit hohem Anteil erneuerbarer Energien be stehen. Ohne umfassende Sanierung der Gebäudehülle haben die Gebäude zwar weiterhin einen mittelhohen Verbrauch, die ser kann mit LICS-Lösungen aber mit deut lich weniger Primärenergie und CO2-Emis sionen gedeckt werden. «LICS-Lösungen erlauben einen grossen Schritt in Rich tung erneuerbar und fossilarm betriebener Gebäude», sagt Martin Jakob. «Zwar bleiben gewisse Restemissionen, aber in der Regel sind es weniger als jene 6 Kilogramm CO2 pro Quadratmeter EBF

und Jahr, die vom Schweizerischen In genieur- und Architektenverein (SIA) als Richtwert für Wohngebäude genannt werden (siehe SIA-Effizienzpfad 2040).»

LICS-Lösungen seien je nach Situation nicht wegen der Kosten, sondern v.a. wegen ihrer weiteren Vorteile vorzuzie hen, darunter weniger Lärm, weniger An schlussleistung, weniger Platzbedarf. Sie ermöglichten damit oft überhaupt eine Integration von erneuerbaren Energien in nicht oder nur teilweise sanierte Be standsbauten.

UNTERSTÜTZENDE MASSNAHMEN

Damit Wärmepumpen und ergänzende Heizsysteme mit möglichst wenig Energie auskommen, propagieren die Autorinnen und Autoren der LICS-Studie eine Reihe unterstützender Massnahmen. Dazu zählen

• Bedarfsreduktion durch Dämmung von Estrichboden und Kellerdecke;

• Senkung der Vorlauftemperatur durch wärmeverteilungs- und abgabeseitige Massnahmen wie Anpassen von Einstellungen wie Heizkurve, Raum temperatur, Nachtabsenkung sowie hydraulischer Abgleich;

• Lüftungskonzepte, die günstiger sind als Zu- und Abluftanlagen mit Wärmerückgewinnung – so Abluftanlagen, automatische bzw. gesteuerte Fensteröffnung, in den Fenstern integrierte Wärmetauscher;

HINWEISE

Der Schlussbericht zum Projekt ‹Potenziale und Limitationen von bestehenden und neuen Lösungen für Low-Invest-Cost-Sanierungen zur Erreichung eines tiefen CO2-Grenz werts bei Bestandesbauten› ist abrufbar unter: www.aramis.admin.ch/ Texte/?ProjectID=44742

Auskünfte zu dem Projekt erteilen Nadège Vetterli (nadege.vetterli@anex.ch), externe Leiterin des BFE-Forschungs programms Gebäude und Städte, und Projektleiter Dr. Martin Jakob (martin. jakob@tep-energy.ch).

Weitere Fachbeiträge über For schungs-, Pilot-, Demonstrations- und Leuchtturmprojekte im Bereich Gebäude und Städte finden Sie unter www.bfe.admin.ch/ec-gebaeude.

Seite 66 // bauRUNDSCHAU

• Warmwasser einsparen durch Einbau einer Duschrinne mit Wärme rückgewinnung;

• sorgfältige Dimensionierung, Inbetrieb nahme und laufende energetische Be triebsoptimierung gemäss SIA-Methodik.

Das Autorenteam der LICS-Studie sieht in bivalenten Heizsystemen mit Luft / WasserWärmepumpen ein fortschrittliches Heiz system, das insbesondere in Aussenquar tieren von Städten eingesetzt werden kann, wo die Verlegung von Erdwärme sonden kaum flächendeckend möglich ist.

Die Expertinnen und Experten gehen da von aus, dass in Städten 60 bis 65 Pro zent der Gebäude mit einer Wärmepumpe unterschiedlicher Bauart ausgestattet wer den können, auf dem Land 80 bis 85 Pro zent. Um die Lärmbelästigung in den Griff zu bekommen, schlagen sie gezielte Massnahmen vor, die zumindest teilweise ‹low-cost› sind. So kann man beispiels weise den Aufstellungsort geschickt wäh len, die Grösse der Wärmetauscher und der Luftkanäle anpassen, um Geräusch entwicklung und die Strömungsgeschwin digkeit zu reduzieren, oder Schallhauben montieren. Zudem sei zu prüfen, ob ge setzliche Anpassungen vorgenommen werden sollten (vgl. Textbox «Handlungs empfehlungen»).

FALLSTUDIEN MIT ELF GEBÄUDEN

Bei der Abschätzung der finanziellen und ökologischen Auswirkungen verschiede ner Sanierungsstrategien stützt sich das LICS-Autorenteam auf elf Fallstudien mit Ein- und Mehrfamilienhäusern sowie Bü rogebäuden aus älteren Bauperioden vor 1990. Für die Gebäude wurden mit einem Simulationstool (INSPIRE) für zwei Refe renzfälle und fünf Sanierungsstrategien die Kosten (Investitions- und annualisierte Ge samtkosten), der Endenergieverbrauch und die direkten und die indirekten CO2 Emissionen berechnet (vgl. Grafiken 01 und 02). Bei den Strategien 1 bis 3 wird die Gebäudehülle energetisch teilweise erneu ert, nicht aber bei den Strategien 4 und 5. Bei den Strategien 5, 4 und 3 kommt eine LICS-Heizung (Luft-Wasser-Wärme pumpe mit Gas oder Ölkessel für Last spitzen) zum Einsatz.

Aus ihren Simulationsrechnungen zie hen die Autorinnen und Autoren fol gende Schlussfolgerungen: «Die Resul tate zeigen, dass die Investitionskosten

bei den analysierten Gebäuden für die Strategien mit LICS-Lösung (S3 bis S5) in einem überschaubaren Rahmen ge halten werden können. Für Strategie S3 fallen sowohl die Investitionskosten als auch die totalen Jahreskosten in der Regel nur leicht höher aus als bei der fossilen Lösung (S1), dies bei deutlich geringeren Emissionen. Wenn keine oder nur sogenannte LICS-spezifische Ge bäudehüllenmassnahmen ergriffen wer den, liegen die Investitionskosten sogar tiefer als bei fossilen Lösungen. Bei die sen Strategien (S4 und S5) sinken die Emissionen zwar nicht ganz so tief wie bei S3, können aber trotzdem deutlich reduziert werden, womit in der Regel auch die Einhaltung des Richtwerts ge mäss SIA 2040 möglich ist.»

HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN ZUR STÄRKUNG VON LICS-LÖSUNGEN

Das Autorenteam der LICS-Studie hat Handlungsempfehlungen formuliert, welche die Umsetzung von LowInvest-Cost-Sanierungslösungen unter stützen. Die Empfehlungen werden hier stark gekürzt wiedergegeben:

Privaten wie institutionellen Gebäude eigentümern wird die Erstellung einer Erneuerungs- und Dekarbonisierungs strategie empfohlen, welche zeitlich gestaffelt die geplanten Massnahmen und ihre Wirkung auf Energieverbrauch und Emissionen ebenso aufzeigt wie Investitionskosten und Wirtschaftlich keit. Unterstützung leistet hierfür z.B. das INSPIRE-Tool. Die Strategien sollen zwischen Ein- und kleinen Mehrfami lienhäusern auf der einen Seite und grösseren Mehrfamilienhäusern und Nichtwohngebäuden auf der anderen Seite unterscheiden, weil bivalente LICS-Lösungen (zwei Energieträger) v.a. für letztere relevant sind.

Gebäudeeigentümer- und Immobilien verbände sollen ihre Mitglieder bei der Dekarbonisierung ihrer Gebäude und ihrer Immobilienportfolios unterstützen, u.a. durch Bereitstellung von Vorlagen und Best-practice-Beispielen.

In der Gebäudetechnikbranche sind die Installateure aufgefordert, Vorteile vom LICS-Lösungen aufzuzeigen. Hersteller

PRAKTIKABEL UND SCHNELL

Der neue Ansatz ist nach Auskunft der Fachleute auch deshalb praktikabel, weil heute Wärmepumpen zur Verfügung ste hen, die jene Vorlauftemperaturen liefern, die bei nicht top-sanierten Gebäuden benötigt werden (bis zu 65 Grad Celsius). Ein schneller Heizungsersatz sei auch angezeigt, weil sonst die Energieziele nicht rechtzeitig erreichbar seien. Der geringere Investitions- und Finanzbedarf von Low-Invst-Cost-Sanierungen werde zu «schnelleren Fortschritten bei der Re duktion der landesweiten Treibhausga semissionen (zwei bis fünf Prozent pro Jahr statt weniger als ein Prozent pro Jahr) führen», schreibt das Autorenteam im Projektschlussbericht mit Bezug auf eigene Berechungen.

von Heizanlagen sollen bivalente Anlagen weiterentwickeln mit dem Ziel, diese einfacher und (bei Anschaffung und Betrieb) günstiger zu machen.

Unternehmen der Energiebranche sollen ihre Kunden auch mit bivalenten LICSLösungen bei der Dekarbonisierung ihrer Gebäude unterstützen. Diese sind in der Regel als Übergangslösung zu konzipieren und können beim Aufbau von thermischen Netzen eine entschei dende strategische Rolle spielen.

Der Bund soll die Realisierungschancen durch Förderung, Emissionsvorschrif ten, Forschungsarbeiten verbessern. Zu prüfen ist auch ein Anpassen der Lärmschutzvorschriften, indem zur Lärmvermeidung auch betriebliche Massnahmen ermöglicht werden (z.B. die Berücksichtigung einer abgestuften Betriebsweise). Angesprochen sind auch Kantone und Gemeinden: Letztere sollen in ihrer Energieplanung aufzeigen, wo die Möglichkeiten und Grenzen von dezentralen Systemen sind, namentlich solchen, die auf Luft / Wasser-Wärme pumpen beruhen, und wo eher leitungs gebundene Systeme zur Anwendung kommen sollen. Dies kann beispielsweise mit GIS-basierten Analysen erfolgen, welche die Eignung dieser Systeme kategorisiert (beispielsweise mit einem Ampelsystem). Bewilligungsverfahren sollen vereinfacht und dynamisiert wer den, z.B. durch das Gewähren (oder gar Fördern) von Übergangslösungen.

Ausgabe 04/2022 // Seite 67 UMWELT & TECHNIK

KRISENFEST DURCH NACHHALTIGE LÖSUNGEN

STATUS-SEMINAR DES NACHHALTIGKEITS-NETZWERKS BRENET

Die Sorge um eine ausreichende Versorgung der Schweiz mit Energie in diesem Winter hat das öffentliche Bewusstsein für nachhaltige Lösungen im Gebäudesektor geschärft. Vor diesem Hintergrund lud der Verein ‹Building and Renewable Energies Network of Technology (brenet) im September zum traditionellen Status-Seminar nach Aarau. Unter dem Titel ‹SustainDesign diskutierten Expertinnen und Experten aus Forschung, Industrie und Verwaltung nutzerfreundliche und resiliente Gestaltungsansätze für einen nachhaltigen Schweizer Gebäudepark.

2001

haben sich Institute von Fach hochschulen, Empa und unabhängi gen privaten Organisationen zum Na tionalen Kompetenznetzwerk im Bereich Gebäudetechnik und Erneuerbare Energien (brenet) zusammengeschlossen, um Lö sungen für eine nachhaltige Zukunft des Schweizer Gebäudeparks zu erforschen. Die jüngste Ausgabe des zweitägigen brenetStatus-Seminars fand in diesem September unter besonderen Vorzeichen statt: Die Schweizer Bevölkerung ist in der ungemüt lichen Lage, dass die Versorgungssicherheit

insbesondere mit Gas und Strom nicht mehr selbstverständlich gewährleistet ist wie in den Jahrzehnten zuvor. Ein Grund, wieso sich viele Menschen Gedanken machen, wie sie persönlich ihren Energieverbrauch drosseln bzw. nachhaltig gestalten können.

KURZ-, MITTEL- UND LANGFRISTIGE PERSPEKTIVE

Auf diesen Kontext bezog sich Dr. Jörg Spicker, Senior Strategic Advisor bei der nationalen Netzgesellschaft Swissgrid, in seinem Keynote-Referat am Status-Seminar.

Die drohende Mangellage sei nicht nur Folge der russischen Exportpolitik der letzten Monate, sondern auch von Versäumnissen in der Vergangenheit, sagte Spicker. Zu den Gründen gehörten der mangelnde Ausbau von Produktions- und Netzkapazitäten und die Blockade beim Stromabkommen mit der EU. Mit Blick auf die inländische Strompro duktion meinte Spicker, die Verfügbarkeit der Kernkraftwerke sei aktuell gut, während im Bereich der Wasserkraft sowohl die Füll stände der Speicherseen als auch die Pro duktion der Laufwasserkraftwerke aufgrund

Seite 68 // bauRUNDSCHAU UMWELT & TECHNIK
Der Baustoff Holz leistet einen Beitrag zur Erreichung des Netto-Null-Ziels, wie Simon Ammann (Baudirektion Kanton Zürich) am Status-Seminar ausführte. Bild: Schulhaus in Fällanden (ZH) aus vorgefertigten Holzmodulen. Foto: Primin Jung Schweiz AG

der Trockenheit in den letzten Monaten un ter dem mehrjährigen Mittel liegen würden.

Die gut 100 Fachpersonen aus dem Gebäu desektor, die sich im Kultur- & Kongress haus von Aarau zum brenet-Status-Seminar trafen, waren sich bewusst, dass sie mit ihrem Einsatz für eine nachhaltige Energie versorgung des Schweizer Gebäudeparks kaum zur kurzfristigen Verbesserung der Lage beitragen können. Um so wichtiger ist ihr Einfluss mittel- und langfristig. Rund ein Drittel der Treibhausgas-Emissionen in der Schweiz entfallen auf den Gebäude sektor. Da zählt eine Bauweise, die Gebäu detechnik und architektonische Gestaltung so in Einklang bringt, dass bei einem mini malen Einsatz von Ressourcen ein maxi maler Nutzen resultiert. Dazu muss zum Beispiel ein Gebäude in einer Weise gebaut werden, dass sich über die Jahre än dernde Nutzungsansprüche möglichst ohne aufwändige Neu- oder Umbauten realisieren lassen. Die Veranstalter stellten die Tagung denn auch unter den Leitbe griff «SustainDesign», der dieses Anliegen prägnant zusammenfasst. «SustainDesign», «Netto Null und graue Energie» sowie «Strategische Energieplanung» waren die Fokusthemen des ersten Tages, während der zweite Tag im Zeichen der angewand ten Forschung im Bereich des nachhalti gen Bauens stand.

VON DER BAUGRUBE BIS ZUM DACHAUFBAU

Prof. Matthias Sulzer berichtete in Aarau über die Ergebnisse einer Studie des ‹Urban Energy Systems Laboratory› an der Eid genössischen Materialprüfungs- und For schungsanstalt Empa. Die Forschenden untersuchten die Frage, wie sich der Heiz energieverbrauch des Schweizer Gebäude bestands von 65 Terawattstunden (TWh) (2019) bis im Jahr 2050 um 20 TWh senken lässt, um das politisch vorgegebene NettoNull-Ziel – also die weitgehende Vermeidung von Treibhausgas-Emissionen – zu errei chen. «Die Ergebnisse haben gezeigt, dass

die gängigsten energetischen Sanierungen (Fenster, Dach) zusammen mit einer heuti gen Sanierungsrate von rund 1 Prozent des Gebäudebestands pro Jahr nicht ausrei chen, um die angestrebte Reduktion zu erreichen», sagte Sulzer. «Werden tiefer gehende energetische Sanierungen be rücksichtigt (z.B. Fenster-Wand-Dach und Vollsanierungen), kann die angestrebte Re duktion mit einer Sanierungsrate von rund 2.4 Prozent erreicht werden.» Würden die Gebäude mit der grössten Einsparwirkung zuerst saniert, könnte die Sanierungsrate auf 1.1 Prozent gesenkt werden. Die Forschen den wollen jetzt klären, wie die Gebäude

Ausgabe 04/2022 // Seite 69 UMWELT & TECHNIK
Stefan Schneider und Pauline Brischoux (Université de Genève) haben ein Neubaugebiet in Meyrin bei Genf im Minergie A/P-Standard mit 1 350 Wohnungen untersucht, das über ein Niedertemperaturnetz mit Wärme versorgt wird. Die Wärme wird durch eine grosse zentrale Sole/Wasser-Wärmepumpe mit einer Leistung von 5 Megawatt thermisch (MWth) erzeugt. Ein Hauptergebnis: Die Treibhausgas-Emissionen liegen 1.5 mal tiefer als bei einer Versorgung durch das Genfer Fernwärmenetz und 2 mal tiefer als mit konventionellen Gasheizkesseln. Illustration: unige Das brenet-Status-Seminar informierte im September 2022 in Aarau über die neusten Trends rund um nachhaltiges Bauen. Foto: brenet / Ökozentrum

mit dem grössten Sanierungspotential identifiziert und zur Sanierung gebracht werden können.

Weitere wissenschaftliche Arbeiten der jüngsten Vergangenheit fokussierten auf bestimmte Aspekte des Bauprozesses bzw. der Gebäude. Basil Hertweck (Intep, Zürich) richtete ein Augenmerk auf ‹E-Baustellen›, also Baustellen, auf der Baumaschinen mit Elektroantrieben statt fossilen Motoren ein gesetzt werden. «Mit elektrischem Antrieb können ca. 60 Prozent der Treibhausgas-

Emissionen aus Baumaschinen eingespart werden. Im Vergleich zu den totalen Lebens zyklus-Emissionen eines Gebäudes ist der Anteil der Baustelle jedoch gering. Für die Erreichung des Netto-Null Ziels ist dieser Beitrag dennoch wertvoll», sagte Hertweck. Alexandra Kuhn fokussierte auf die Treib hausgas-Emissionen, die bei der Erstellung von Untergeschossen für Hochbauten ent stehen. Die Emissionen werden u.a. durch Gebäudegeometrie, Untergrund und Platz verhältnisse auf der Parzelle beeinflusst. Eine wichtige Erkenntnis: Tendenziell sollten

Baugruben wenn immer möglich geböscht werden, denn aufwändige Baugruben sicherungsarten und Pfähle sind grosse Verursacher von CO 2-Emissionen. Auch geringere Einbautiefen können zu redu zierten Emissionen führen. Eine Studie unter der Leitung von Prof. Daia Zwicky (Hoch schule für Technik und Architektur Fribourg) untersuchte die grauen CO2-Emissionen und Baukosten, die bei Aufstockungen be stehender Gebäude anfallen. «Es besteht ein gewisser Zielkonflikt in der Optimierung von zusätzlichem Gebäudegewicht, Bau kosten und grauen CO2-Emissionen», so Zwicky. «Die gegenwärtige Praxis mit Leichtbauweisen in Holz oder kaltverform ten Stahlprofilen macht die Sache schon ganz gut.»

BREITENWIRKUNG ERZIELEN

Nicht zu unterschätzen sind die graue Energie und Treibhausgas-Emissionen von Baumaterialien. Auf diesen Aspekt ging in Aarau unter anderem Dr. Niko Heeren (Amt für Hochbauten der Stadt Zürich) ein. Er be richtete über die Herausforderung des NettoNull-Ziels der Stadt Zürich. Insbesondere die materialbedingten Treibhausgas-Emissionen seien aktuell nur schwer zu reduzieren. Ent lang eines Absenkpfads sollen die Emis sionen der stadteigenen Gebäude schritt

Auswirkung verschiedener Sanierungsmassnahmen auf den spezifischen Heizenergiebedarf gemäss der Empa-Studie, die Prof. Matthias Sulzer in Aarau präsentierte. Der obere der beiden Zahlenwerte zeigt die Reduktion bezogen auf alle Gebäude aus derselben Bauperiode. Der untere Wert (in Klammern) zeigt, wie viel die Gebäude dieser Bauperiode zu den Einsparungen beitragen, die mit den jeweiligen Sanierungsmassnahmen im gesamten Schweizer Gebäudepark erzielt werden. Grafik: Empa

Seite 70 // bauRUNDSCHAU UMWELT & TECHNIK
brenet-Präsident Prof. Jürg Bichsel eröffnet das Status-Seminar im Kultur- und Kongresshaus Aarau. Foto: brenet / Ökozentrum

weise gesenkt werden. Wichtige Beiträge hierzu leisten u.a. eine erhöhte Materialeffi zienz, Holzbau oder alternative Baumateri alien mit geringer Treibhausgas-Intensität. Niko Heerens Fazit: «Alle am Bauen Betei ligten müssen zusammenwirken. Materialef fizienz kann bereits heute effektiv umgesetzt werden, während die Dekarbonisierung in

der Materialherstellung nur langsam voran schreitet.» Gemeinsam mit Simon Ammann (Baudirektion Kanton Zürich) sprach Niko Heeren über die Bedeutung des Baustoffs Holz zur Erreichung des Netto-Null-Ziels im Kanton Zürich: «Bei einem realistischen Szenario können mit einem höheren Anteil an Holzbauten 4 Prozent der kumulierten

Treibhausgasemissionen bis 2050 aus der Erstellung des zukünftigen Gebäudeparks eingespart werden», sagte Heeren. «Berück sichtigt man zudem die Speicherleistung des Holzes, ergibt sich ein zusätzliches theore tisches Potential von ca. 18 Prozent.» Die Wirkung der Kohlenstoffeinspeicherung von Holz und anderen Baustoffen und deren

Ernst Gisin (CEO Stahlton Bauteile AG, Frick / AG) stellte beim Status-Seminar das neu entwickelte Fassadenbauteilsystem «Ecomur flex solar» aus Glasfaserbeton mit vollintegrierten monokristallinen PV-Modulen vor. Die Module können farblich auf das Bauteil abgestimmt werden. Das System bietet Architekten grossen Gestaltungsfreiraum, allerdings mit gewissen Abstrichen beim Stromertrag, sofern die Module farblich angepasst werden (je nach Farbe Einbussen von 11 oder mehr Prozent gegenüber einem klassischen PV-Modul). Foto: Stahlton Bauteile AG

Absenkpfad der Treibhausgas-Emissionen im Kanton Zürich nach Klimastrategie bis 2040, extrapoliert bis 2050. Die CO2-Speicherwirkung des Holzes (orange) liefert einen wachsenden Beitrag zu den Negativemissionen (grau), wie Simon Ammann (Baudirektion Kanton Zürich) und Dr. Niko Heeren (Stadt Zürich) am brenet-Status-Seminar darlegten. Grafik: Baudirektion Kanton Zürich/ergänzt S. Ammann

Ausgabe 04/2022 // Seite 71 UMWELT & TECHNIK

Anrechnung bei der Erreichung des NettoNull-Ziels sind unter Fachleuten allerdings umstritten. Kritiker argumentieren, diese Einspeicherung könne nicht mit den Ge bäudeemissionen gegengerechnet werden, denn nur langfristig garantierte Kohlenstoff speicherung und -stilllegung erziele einen positiven Effekt für das Klima.

Ansätze für nachhaltiges Bauen gibt es viele, und doch stellt sich immer wieder die Frage, wie wirkungsvolle Ansätze einen möglichst breiten Impact entfalten. Einen wichtigen Hebel haben Immobilienfirmen, die grosse Wohnungsbestände verwalten. «Die Bauund Immobilienbranche kann einen Paradig menwechsel im Kontext der Nachhaltigkeit und weiterer Megatrends bewirken», betonte Marc Eschler von der bonacasa AG (Oen singen / SO) in seinem Keynote-Referat. Das Unternehmen hat Standards entwickelt, die eine nachhaltige Bauweise mit intelligenter Haustechnik und Concièrge-Dienstleistun gen verbindet. Unterdessen sind landesweit über 10'000 Wohnungen mit Smart-LivingLösungen unter Vertrag. Auf Breitenwirkung hat es auch ein Projekt von Prof. Lionel Rin quet (Haute école du paysage, d'ingénierie et architecture de Genève / hepia) angelegt: Er berichtete am Status-Seminar über Inst rumente, die den Gemeinden des Kantons Genf helfen, Eigentümer von sanierungsbe dürftigen Gebäuden anzusprechen.

INNOVATION IM HLK-BEREICH

Das brenet-Status-Seminar leistet einen Beitrag zum Wissenstransfer an der Schnitt stelle zwischen Forschung und Industrie. Die Firma Belimo (Hinwil/ZH) ist eine weltweit tätige Anbieterin für elektrische Antriebslö sungen und Sensoren in der Heizungs-, Lüftungs- und Klimatechnik. Durch den star ken Technologiebezug seiner Produkte sind Forschung und Innovation für das Unterneh men von strategischer Bedeutung. So war es interessant zu hören, wie Belimo-For schungschef Dr. Roman Kappeler in seinem Keynote-Referat die Forschungskooperati onen zwischen Industrie und Hochschulen beurteilte. Zwar sind laut Kappeler in der Schweiz ausgewiesene Forschende zu finden, aber die Zusammenarbeit scheitere mitunter an unterschiedlichen Auffassungen über das geistige Eigentum. Dieses «muss klar den Firmen gehören», sagte Kappeler und sprach sich für eine gesamtschweizeri sche Regelung in diesem Bereich aus.

Für Belimo ist es entscheidend, an Hoch schulen Partner für schnelle Innovationen zu

spezialisierten Fragestellungen zu finden, beispielsweise eine Anwendung von Artificial Intelligence im HLK-Bereich. Dazu eine qua lifizierte Forschergruppe zu eruieren und ein gemeinsames Projekt aufzugleisen, sei heute schwierig, meinte Kappeler. Er verwies auf die USA, wo es ein universitäres For schungsprogramm für die Entwicklung und Bewertung von Hochleistungstechnologien für Gebäude gibt. Das Institut versammelt acht Professoren und 20 Industriepartner, die die industrienahe Forschungseinrichtung jährlich mit einer Million US-Dollar alimentie ren. «Man kann das in der viel kleineren Schweiz so nicht 1zu1 umsetzen, aber viel leicht ist das Inspiration für eine andere Lö sung», meinte Roman Kappeler.

HINWEISE

Dokumentation des 22. brenet-StatusSeminars mit dem Schwerpunktthema «SustainDesign – user friendly and resilient design with appropriate technology» unter www.brenet.ch/status-seminar

Auskünfte erteilt Nadège Vetterli (nadege.vetterli@anex.ch), externe Leiterin des BFE-Forschungsprogramms Gebäude und Städte.

Weitere Fachbeiträge über Forschungs-, Pilot-, Demonstrations- und Leuchtturmpro jekte im Bereich Gebäude und Städte finden Sie unter www.bfe.admin.ch/ec-gebaeude.

Im Projekt ‹Sorption-based Seasonal Heat Storage› untersuchen Empa und Hochschule Luzern das Potenzial der saisonalen Wärmespeicherung in verschiedenen Gebäudetypen mithilfe eines Sorptionsspeichers. Dieser speichert Wärme unter Zuhilfenahme von Natronlauge (NaOH). Die Forschenden haben einen Prototyp mit einer Leistung von 120 Watt gebaut (Bild). Das Gerät wurde systematisch ausgemessen und diente als Grundlage für das Simulationsmodell der Potenzialstudie. Gemäss Empa-Wissenschaftler Robert Weber reduzieren tiefe Rücklauftemperaturen die Kosten dieser Speicherlösung und erhöhen den solaren Deckungsgrad, sofern der Speicher mit Solarwärme arbeitet. Foto: Empa

Seite 72 // bauRUNDSCHAU UMWELT & TECHNIK
AUSGABE 02 /2022 GAS | FERNWÄRME | SOLAR | NOTSTROM | SICHERHEIT WIE BIOGAS ZUR ENERGIEWENDE BEITRÄGT DETAILLIERTER BLICK INS FERNWÄRMENETZ UNSERE VERSORGUNGSSICHERHEIT DER ZUKUNFT

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Sind die Risiken für Stromnetze im Winter wirklich so gross? Reklamen funkeln nicht mehr, Ampeln auf Kreuzungen zucken auch nur noch, Nebenstrassen sind gedämmt, Wohnun gen auf Sparflamme. Die Weihnachtsbeleuchtung wird eventuell über LED-Licht zu regu lierten Zeiten brennen und die Schaufenster in den Einkaufsmeilen werden eine düstere Vorweihnachtszeit erleben. Velofahrer ohne Licht und einäugige Autofahrer haben jetzt doch Hochsaison und Ausreden, welche sicherlich auch noch akzeptiert werden!

Für einen «Blackout», also ein Stromausfall oder Geisterstunden im kommenden Winter, ist laut Experten eher unwahrscheinlich und einer möglichen höheren Belastung standhalten wird. Die Risiken für die Stromversorgung könnten aber durch mehrere denkbare Entwick lungen steigen.

Eine "Dunkelflaute", in der mehrere Tage mit wenig Strom gelebt werden muss, sollte auch in Betracht gezogen werden. Die Lage ist angespannt. Aber grundsätzlich in einem nor malen Winter beherrschbar. Nach den bisherigen Analysen ist es durchaus möglich, dass es in der kalten Jahreszeit für einigen Stunden knapp werden könnte.

Heizlüfter als Netzkiller? Nicht zuletzt spielt laut den Experten auch das Verhalten der Ver braucher bei der Belastung des Stromnetzes in der kalten Jahreszeit eine wichtige Rolle. Sollten diese vermehrt mit Strom heizen, um etwa Gas einzusparen, stelle dies eine Belas tung dar. In den vergangenen Wochen haben sich viele Schweizer bereits mit Heizlüftern oder Konvektoren eingedeckt. Würde wirklich in grossem Umfang damit geheizt werden, könnte das die Stromnetze in die Knie zwingen.

Der Preis für europäisches Erdgas fällt auf tiefsten Stand seit Juni 2022. Der TTF-Kontrakt (Title Transfer Facility) notierte damit auf dem niedrigsten Stand seit Ende Juni. Er gilt als Indikator für das allgemeine Preisniveau am europäischen Erdgasmarkt. Am Gasmarkt hat sich die grundsätzlich angespannte Situation in den vergangenen Wochen etwas ge bessert. Hintergrund sind politische Bemühungen, um Europa aus der hohen Abhän gigkeit von russischem Erdgas zu lösen. Auch sind die Erdgasspeicher mittlerweile gut gefüllt, so dass die Energierisiken mit Blick auf die Wintermonate etwas verringert wurden. Darüber hinaus gibt es viele Initiativen zur Dämpfung des Erdgasverbrauchs. Allerdings kostet Erdgas immer noch wesentlich mehr als vor Beginn des Ukraine-Kriegs.

Rücken wir mehr zusammen und kuscheln, zünden eine Kerze an, für die Hilfe eines strom reichen Jahres-Finale.

Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre, halten Sie sich warm und bleiben Sie gesund. Herzlichst Ihr Roland Baer und Team

EDITORIAL

TITELSTORY

ENERGIEMANAGEMENT

Servicebausteine

FERNWÄRME

Seite 74 // energieRUNDSCHAU
73
78 Wie Biogas zur Energiewende beiträgt 78 GAS 82 Wärme und Strom aus erneuerbarem Gas 82 Dekarbonisierung verlangt Weiterentwicklung des Schweizer Gasmarkts 90
92
unterstützen gezielt beim Betrieb von Hochspannungskabelsystemen 92
96 Detaillierter Blick ins Fernwärmenetz 96 MOBILITÄT 98 SYMALIT Power-Charger-Box 98 SOLAR 100 Wer hat Angst vor dem ZEV? 100 30 Jahre Fronius Solar Energy 105 SICHERHEIT 107 Unsere Versorgungssicherheit der Zukunft 107 «Hacker» im Einsatz für Smarte Lösungen 110 WASSERKRAFT 114 Unterstützung der Schweizer Energiestrategie durch importierte Wasserkraft 114 INHALT 114 92 105 78

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WIE BIOGAS ZUR ENERGIEWENDE BEITRÄGT

Bis 2050 will sich die Schweiz CO2-neutral mit Energie versorgen. Einen wesentlichen Beitrag dazu kann Biogas leisten: Es ist klimaschonend, lässt sich speichern und flexibel für verschiedene Anwendungen nutzen.

Seite 78 // energieRUNDSCHAU TITELSTORY

DieZukunft der Energieversorgung ist klimaneutral. Für die Versorgungs sicherheit und das Erreichen der Kli maziele spielen Gas und seine Infrastruktur eine wichtige Rolle. Die Schweizer Gaswirt schaft arbeitet daran, die Gasversorgung zu dekarbonisieren. Auf diese Weise leistet sie einen wichtigen Beitrag, damit die Schweiz die Klimaziele erreichen kann.

CO2-NEUTRAL UND FLEXIBEL EINSETZBAR

Anstelle von Atomkraft und fossilen Ener gieträgern wird die Schweiz künftig haupt sächlich erneuerbare Energien nutzen. Diese Umstellung bringt jedoch auch ei nige Herausforderungen mit sich. Eine gro sse Knacknuss ist die Energieversorgung im Winter, wenn die Stromproduktion aus Solar- und Wasserkraft reduziert, der Be darf aber hoch ist. Der zunehmende Einsatz von elektrisch angetriebenen Wärmepum pen und die Elektrifizierung der Mobilität erhöhen die Winterstromlücke zusätzlich. Gefragt sind also Alternativen, die klimaneu tral, von der Jahreszeit unabhängig und flexibel einsetzbar sind.

Biogas erfüllt diese Kriterien. Über den ge samten Lebensweg betrachtet führt Biogas zu sehr geringen CO2-Emissionen. Zudem wird es schon seit mehr als drei Jahrzehnten zusammen mit dem Erdgas über das 20 000 Kilometer lange Schweizer Gasnetz ver teilt. Es lässt sich genauso flexibel einsetzen wie Erdgas: Als Treibstoff für Fahrzeuge bei spielsweise bildet es eine willkommene Al ternative zum Elektroantrieb. In Produktions anlagen kann es überall verwendet werden, wo die Prozesse hohe Temperaturen erfor dern – beispielsweise in der Metallverarbei tung. Dort gibt es zum Gas oft gar keine Al ternativen, die technisch und wirtschaftlich realisierbar wären. Schliesslich lässt sich Biogas auch speichern und bei Bedarf via Wärme-Kraft-Kopplungsanlagen in Strom und Wärme umwandeln.

ENERGIE AUS ABFÄLLEN

Biogas wird durch die Vergärung von or ganischen Reststoffen, also von pflanzli chem oder tierischem Material, hergestellt. Bei diesem Prozess werden die in den Ausgangsmaterialien enthaltenen Inhalts stoffe wie Kohlenhydrate oder Fette haupt sächlich in Methan (CH4) und Kohlendioxid (CO2) umgewandelt. Typischerweise besteht das ungereinigte Rohgas zu etwa 60 Prozent aus Methan und zu 40 Prozent aus Kohlen dioxid. Letzteres wird zusammen mit wei teren unerwünschten Begleitstoffen vor

Ausgabe 02/2022 // Seite 79 TITELSTORY

dem Einspeisen ins Netz entfernt. Das hierbei anfallende Kohlendioxid ist aber klimaneutral, weil es zuvor von den Pflan zen der Atmosphäre entnommen wurde.

Bereits 1997 ging die erste Schweizer An lage in Betrieb, die Biogas ins Netz ein speist. Mittlerweile sind bereits 38 solcher Anlagen in Betrieb, viele weitere befinden sich in Planung. Als Ausgangsmaterial nut zen sie unter anderem Gülle und Ernteab fälle aus der Landwirtschaft, Klärschlamm aus Abwasserreinigungsanlagen, Abfälle aus der Nahrungsmittelindustrie oder se parat gesammelte Grünabfälle aus den Haushalten. In der Schweiz ist streng ge regelt, welche Materialien zur Biogaspro duktion eingesetzt werden dürfen. Um keine Konkurrenz zur Herstellung von Nah rungs- oder Futtermitteln zu schaffen, ver wendet man hierzulande ausschliesslich Rest- und Abfallstoffe.

POTENZIAL NOCH NICHT AUSGESCHÖPFT

Eine 2017 publizierte Studie der Eidgenös sischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) bezifferte das nach haltig nutzbare Biogaspotenzial der Schweiz mit rund 5 TWh pro Jahr. Dies entspricht etwa 15 Prozent des heute eingesetzten Erdgases. Zum Vergleich: 2021 wurden et

Seite 80 // energieRUNDSCHAU TITELSTORY

Erzeugung

Flüssigvergärung

Kläranlage

BiogasAufbereitung

was mehr als 0.4 TWh Biogas aus Schweizer Produktion ins Gasnetz eingespeist.

Gemäss einer Studie von E-Cube Consul tants aus dem Jahr 2018 werden zusätzlich rund 1.3 TWh Biogas produziert, aber nicht ins Netz eingespeist, weil es vor Ort ver wertet wird. Insgesamt wird von den 5 TWh Potenzial zurzeit also noch nicht die Hälfte ausgeschöpft. Hinzu kommt, dass das ins gesamt vorhandene Potenzial für die Bio gasproduktion («theoretisches Potenzial» gemäss WSL-Studie) bei rund 10 TWh liegt.

CO2-NEUTRALE GASVERSORGUNG BIS 2050

Der Biogas-Anteil im Schweizer Netz lässt sich also noch deutlich steigern. Hierfür ha

die Schweizer Gasversorger einen ambitionierten Plan aufgestellt: Bis 2030 wollen sie im gesamten Gasabsatz einen erneuerbaren Anteil von 15 Prozent errei chen. Bis 2040 soll der Anteil auf 50 Prozent erhöht werden. Analog zu den Schweizer Klimazielen will die Gaswirtschaft 2050 schliesslich eine komplett CO2-neutrale Versorgung anbieten.

Wegen der limitierten Mengen an geeig neten organisch Abfällen wird inländisch produziertes Biogas das Erdgas nicht vollständig ersetzen können. Die Schweiz kann aber auch Biogas importieren, was heute bereits in beträchtlichem Umfang geschieht: 2021 waren es rund 1.8 TWh. Dank Herkunftszertifikaten lässt sich der

Produktionsprozess im Ausland jederzeit nachverfolgen.

EIN ASS IM ÄRMEL

Wenn das Potenzial für Biogas ausge schöpft ist, besteht mit erneuerbar herge stelltem Methan eine weitere Quelle für CO2-neutrales Gas. Es wird über einen als «Power-to-Gas» bezeichneten Prozess pro duziert. Wie Biogas ist erneuerbares Methan klimaneutral, weil für seine Herstellung gleich viel Kohlendioxid verwendet wird, wie bei der Verbrennung wieder entsteht. Ein wei terer Vorteil: Erneuerbares Methan kann mit überschüssigem Sommerstrom produziert werden und macht diesen so speicherbar.

Mit dem stetig steigenden Anteil an Bio gas trägt die Schweizer Gaswirtschaft schon heute zum Umbau des Energie systems bei. Das Biogas ergänzt andere erneuerbare Energien und ist mit seiner Flexibilität ein wertvoller Trumpf bei der Bewältigung der anstehenden Herausfor derungen – gerade auch punkto Strom versorgung im Winter.

KONTAKT

VSG

Verband der Schweizerischen Gasindustrie Grütlistrasse 44 CH-8027 Zürich

Telefon: +41 (0) 44 288 31 31 vsg@gazenergie.ch www.gazenergie.ch

Ausgabe 02/2022 // Seite 81
CO2
Einspeisung von aufbereitetem Biogas ins Gasnetz Q uelle: © V S G / A S IG 0 4/ 2 0 22 3 Abscheidung von CO2 für Power to-Gas und/oder für andere Nutzungen 2 Aufbereitung zu Erdgas Qualität: > 96 % Methan 1 1 2
3
von Biogas Gasnetz Biog a s 60 % M e t han / 40 % C O 2 ben

WÄRME UND STROM AUS ERNEUERBAREM GAS

Erneuerbare Energien aus Solar-, Wasser- und Windkraftwerken spielen eine zentrale Rolle für die künftige Energieversorgung. Darüber hinaus können mit biogenen Brennstoffen betriebene Blockheizkraftwerke einen Beitrag zu einer CO2-armen Energieversorgung des Schweizer Wohn- und Mobilitätssektors leisten. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ), die ein Simulationstool entwickelt hat, mit dem sich die Energieversorgung mit dezentralen Produktions- und Speichereinheiten abhängig von den aktuellen Rahmenbedingungen beschreiben lässt.

In der Energieversorgung der Schweiz spie len dezentrale Produktion und Speiche rung eine immer grössere Rolle. Dezentrale Energie-Hubs nutzen verschiedene Energie träger und Energiewandler zur Bereitstellung von Strom, Heizwärme, Warmwasser und Kühlenergie. Wissenschaftler des Labors für Aerothermochemie und Verbrennungssys teme der ETHZ haben nun ein Simulations werkzeug entwickelt, das aufzeigt, welchen Beitrag diese Energie-Hubs für eine nach haltige und wirtschaftliche Energieversor gung der Schweiz unter Berücksichtigung der Versorgungssicherheit leisten können.

ENERGIE FÜR WOHNGEBÄUDE UND INDIVIDUALVERKEHR

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der ETH Zürich haben in einer früheren

Studie gezeigt, dass dezentrale WärmeKraft-Kopplungs-Anlagen (WKK-Anlagen) 10 Prozent des Wärmebedarfs und 12 Pro zent des Strombedarfs der Schweiz mit erneuerbarer Energie decken könnten, wenn das landesweite Biomasse-Potenzial konsequent genutzt würde (durch Um wandlung von Holz und biogenen Abfällen in Methan, das anschliessend zur Produk tion von Wärme und Strom genutzt wird). 2020 wurden 1.1 Prozent des Stroms in der Schweiz aus Holz und Biogas erzeugt. Es gibt somit noch ein grosses ungenutz tes Potential.

Das aktuelle ETH-Projekt hat das Konzept der mit Biomasse betrieben WKK-Anlagen zur Unterstützung der Stromproduktion auf gegriffen, diese als Komponente in Energie-

Hubs integriert und neben dem Gebäude energiebedarf auch den Strombedarf für die E-Mobilität mit einbezogen. Es umfasst so mit den gesamten Energiebedarf für Wärme und Strom im Wohnbereich einschliesslich des Individualverkehrs. Der ETH-Forscher Dr. Moritz Mittelviefhaus hat im Rahmen sei ner Doktorarbeit ein Simulationstool entwi ckelt, mit dem sich die Investitions- und Betriebskosten sowie die Treibhausgas (THG)-Emissionen von Energie-Hubs be rechnen lassen. In den Energie-Hubs steht ein Vielzahl unterschiedlicher Energiesys teme wie Wärmepumpen, Photovoltaik, Heizkessel und eben auch WKK-Anlagen zur Verfügung, die mit dem Simulationstool ausgewählt und kombiniert werden kön nen. Auf der Verbraucherseite werden Ge bäude unterschiedlicher Grösse sowie

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Dr. Benedikt Vogel, im Auftrag des Bundesamts für Energie (BFE) Gas aus Biogasfermentern (Foto) ermöglicht die Produktion von Wärme und Strom aus einem CO2-neutralen Energieträger.

Wohnbereich und Individualverkehr sind für rund 40 Prozent der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Laut ETH-Studie liessen sich gut die Hälfte der Emissionen durch Modernisierung der Anlagen (Photovoltaik, Wärmepumpen und Biogas anstelle von Erdgas) und Elektrofahrzeuge einsparen, ohne die Energieerzeugung zu verteuern (über den Lebenszyklus hinweg betrachtet). Dabei entfallen laut den ETH-Forschern rund zwei Drittel der THG-Einsparungen auf den Gebäudesektor, etwa ein Drittel auf den Mobilitätssektor. Grafik: BAFU/bearbeitet

Schematische Darstellung der Produktions-, Umwandlungs- und Speichereinheiten der Energieplattformen (‹Energie-Hubs›), die in der ETH-Studie untersucht wurden. LW-WP steht für Luft-Wasser-Wärmepumpe, SW-WP für Sole-Wasser-Wärmepumpe, BEV für Elektromobil und ICEV für Auto mit Verbrennungsmotor.

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EINE SIMULATION BILDET DEN SCHWEIZER ENERGIEBEDARF NACH

Moritz Mittelviefhaus hat in seiner Doktorarbeit an der ETH Zürich ein SoftwareSimulationstool entwickelt, mit dem sich für die Kombination verschiedener Energiesysteme berechnen lässt, welche Kosten die Wärme- und Stromerzeugung verursacht und wie viel Treibhausgas-Emissionen dabei entstehen. Das Simula tionstool umfasst den Wohnbereich und die individuelle Mobilität. Grundlage der Simulation bildet der Energiebedarf für Wohnen und Mobilität von gut 600 Perso nen in 83 Gebäuden, die repräsentativ sind für die Gesamtheit aller Gebäude der Stadt St. Gallen. Diese Stichprobe wurde anschliessend auf die ganze Schweiz hochgerechnet. Mit dem Simulationstool lässt sich errechnen, mit welcher Kombi nation aus Energiesystemen sich der Treibhausgas-Ausstoss am stärksten senken lässt bzw. mit welchen Systemen sich die erforderliche Energie am günstigsten erzeugen lässt (Kosten für Investition und 20-jährige Betriebsdauer). Ein Simulationstool kommt nicht umhin, die Wirklichkeit zu vereinfachen. So wurde für die Berechnung der THG-Emissionen beim Bau von Elektroautos einbezogen, nicht aber jene beim Bau neuer Häuser (die Studie beschränkt sich auf die Optimierung der Anlagen in Bestandsbauten). Die Studie erfasst die THG-Emissi onen, die durch den Ersatz von Energiesystemen eingespart werden können, nicht aber den Spareffekt durch Gebäudeerneuerungen.

Zur Berechnung der Energiekosten muss die Studie eine Reihe von Annahmen treffen. Für die im Haupttext präsentierten Projektergebnisse wurde ein Gaspreis von ca. 8 Rp./kWh (Erdgas) bzw. 13.8 Rp./kWh (Biogas) zugrunde gelegt, was zum Zeitpunkt der Studie realitätsnah war. Das Simulationstool kann auf wechselnde Rahmenbedingungen (z.B. höhere Strom- und Gaspreise) angepasst werden. In diesem Fall wird es mitunter andere Resultate hervorbringen, als sie im Haupttext dargestellt sind. BV

konventionelle und Elektro-Fahrzeuge ein gesetzt. (vgl. Grafik 02).

Dank des Simulationswerkzeugs können die Forschenden die annualisierten Gesamt kosten und die THG-Emissionen ausge wählter Energiesysteme über den Lebens zyklus hinweg vergleichen. Pointiert ausgedrückt: Sie konnten errechnen, mit welchen Energiesystemen sich möglichst kostengünstig möglichst viel CO2 einsparen lässt. Moritz Mittelviefhaus hat das Tool nicht nur konzipiert, sondern für konkrete Berechnungen herangezogen. Er stellte dafür auf die Rahmenbedingungen vor der Ukraine-Krise ab. Die ausserordentliche Entwicklung der Energiepreise im Frühjahr 2022 ist in den nachfolgend präsentierten Resultaten somit nicht berücksichtigt. Das Tool ermöglicht jedoch die Simula tionen auch mit veränderten Rahmenbe dingungen durchzuführen.

M ASSIV WENIGER TREIBHAUS GAS-EMISSIONEN

Ein Hauptergebnis der Studie: Durch die Elektrifizierung des privaten Wohn- und Mo bilitätssektors können die Treibhausgas-

Seite 84 // energieRUNDSCHAU GAS
Die Stadtwerke St. Gallen wollen die Stromproduktion aus Wärme-Kraft-Kopplungs-Anlagen in den nächsten Jahren stark ausbauen.

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Wir entwickeln das Energiesystem der Welt weiter, um es nachhaltiger, flexibler und sicherer zu machen. Gemeinsam mit Kunden und Partnern schaffen wir wegweisende Technologien und ermöglichen die digitale Transformation, die erforderlich ist, um die Energiewende hin zu einer klimaneutralen Zukunft zu beschleunigen.

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Die Grafik zeigt, mit welcher Kombination aus Energieerzeugungssystemen sich der Energiebedarffür Wohnen und Mobilität gemäss ETH-Studie optimal decken lässt, wenn man eine möglichst CO2-arme Energieversorgung anstrebt. Dieses Ziel erreicht man, wenn man Strom aus dem Netz bezieht und für die Wärmeproduktion eine Sole-Wasser-Wärmepumpe einsetzt. Hierbei wird ein dem Endkonsumenten unbegrenzt verfügbares Stromnetz in heutiger Güte (aktueller CO2-Emissionsfaktor des Strommixes im Schweizer Versorgungsnetz) vorausgesetzt, welches leicht niedrigere Emissionen als die hauseigene Stromproduktion aus Solaranlagen aufweist. Abgesehen vom gezeigten Extremfall sind hauseigene Solaranlagen in der Studie durch die Bank sehr lohnenswert, um die existierende Stromversorgung durch mehr Eigenproduktion zu entlasten und sollten wo immer möglich installiert werden, wie die Studienautoren betonen.

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Die Grafik zeigt, mit welcher Kombination aus Energieerzeugungssystemen sich der Energiebedarf für Wohnen und Mobilität gemäss ETH-Studie optimal decken lässt, wenn man eine möglichst kosten-günstige Energieversorgung anstrebt. Das gelingt zumeist, wenn Strom aus dem Netz und Strom aus der eigenen Photovoltaik-Anlage genutzt werden. Für kleine Gebäude empfiehlt sich zudem einGaskessel, für mittelgrosse Gebäude eine Luft-Wasser-Wärmepumpe und für grosse Gebäude (zumindest teilweise) der Anschluss an ein Blockheizkraftwerk.

Emissionen dieses Bereichs stark ver mindert werden, «im besten Fall bis zu knapp 70 Prozent, und dies bei ver gleichbaren und teils sogar leicht redu zierten Gesamtkosten», sagt Co-Autor Moritz Mittelviefhaus. Die Forschenden gehen in diesem ersten Szenario davon aus, dass der Strom aus dem Netz ohne Einschränkungen verfügbar ist. Sie haben berechnet, dass sich mit dieser Umstel lung in einem durchschnittlichen Wohnge bäude mit acht Bewohnern der THG-Aus stoss von rund 25 Tonnen CO2eq / Jahr auf rund 7 Tonnen CO2eq / Jahr vermindern lässt, die Gesamtkosten für die Energie versorgung von ca. 30’000 Schweizer Fran ken pro Jahr auf rund 27’000 Schweizer Franken pro Jahr (die Zahlen enthalten die Gesamtkosten der Wärme-, Strom- und Mobilitätsversorgung inkl. Anschaffungs kosten für PKW). Dass die TreibhausgasEmissionen nicht über die erwähnten 70 Prozent hinaus gesenkt werden kön nen, liegt primär an der grauen Energie, die in Heizanlagen, Kraftwerken und Fahr zeugen unweigerlich enthalten ist.

Die Dekarbonisierung der Energieversor gung gelingt gemäss der ETH-Studie dank

der «Kerntechnologien», die seit Jahren im Trend liegen: Wärmepumpen ersetzen Ölund Gasheizungen, Elektroautos lösen Verbrenner ab. Hinzu kommen dezentrale Photovoltaik-Anlagen, die mit stationären Stromspeichern oder Batterien in Elektro autos ergänzt werden. Solaranlagen, so die Annahme der Studie, werden wie heute üblich mit Einmalzahlungen staatlich gefördert. Weitere Fördermittel würden helfen, den von der Studie vorgezeichne ten Wandel der Energielandschaft zu be schleunigen, ist ETH-Forscher Mittelvief haus überzeugt: «Das Potenzial zur Reduktion der Treibhausgase wird bisher (noch) nicht ausgeschöpft, weil dafür hohe Investitionen für Anlagen aber auch für EFahrzeuge getätigt werden müssen.»

W KK-ANLAGEN FÜR ENGPÄSSE

IM WINTER

Z u einem anderen Ergebnis gelangt die Studie für den Fall, dass eine möglichst kostengünstige Energieversorgung an gestrebt wird. In diesem Szenario wird der Energieträger Gas weiterhin benö tigt, wie ETH-Forscher Mittelviefhaus ausführt: «Besonders bei kleinen Gebäu den können Gaskessel ökonomische Lö

sungen darstellen und bei grossen Ge bäuden auch BHKW, die durch Verbrennung von Gas Wärme und Strom erzeugen.» (vgl. Grafik 03) WKK-Anlagen sind auch deshalb nötig, weil der stark wachsende Strombedarf für Wärme pumpen und Elektroautos nach Ein schätzung der ETH-Forschenden nicht nur durch erneuerbaren Strom gedeckt werden kann, auch deshalb nicht, weil im Winterhalbjahr der erforderliche PVStrom nicht in genügender Menge ver fügbar ist. Hier böten BHKW, die mit Erd gas oder Biogas betrieben werden, «attraktive Lösungen, um die Stromver sorgung im Winter sicherzustellen.» Wis senschaftler Mittelviefhaus ergänzt: «Die dauerhafte Nutzung von Gaskesseln und WKK-Anlagen mit Erdgas ist nur dann zu empfehlen, wenn es wirklich auf den letz ten Rappen ankommt. Ökonomisch und klimapolitisch sinnvoll sind aber mit Bio gas betriebene WKK-Anlagen, mit denen Stromengpässe primär im Winter über brückt werden.» Diese Anlagen seien gro ssen Gaskraftwerken (Gas- und DampfKombikraftwerke) vorzuziehen, sind die Studienautoren überzeugt. «Bei Szena rien mit minimalem CO2 als Zielgrösse

GAS
Stromausfälle sind romantisch. Falls Sie das nicht so sehen: Vertrauen Sie auf Bimex-Notstromsysteme. Mit USV-Anlagen von Piller für den Schutz kritischer Infrastruktur. www.notstrom.ch

erwiesen sich WKK-Anlagen kurzfristig mit Biogas, längerfristig mit grünem Was serstoff als überlegen gegenüber zentralen Gaskraftwerken mit Carbon Capture and Storage (CCS)», sagt der vor kurzem eme ritierte ETH-Professor Konstantinos Boulou chos, der die Studie betreut hat. Ein zweiter Pfeiler zur Entschärfung der Auslandabhän gigkeit sind laut Studie neben den WKKAnlagen grosse Solaranlagen mit einer landesweiten Gesamtleistung von 9 bis 26 Gigawatt (installierte PV-Leistung Ende 2020: 3 Gigawatt). Die konkrete Umsetzung dieser Idee (Standortsuche, Netzeinbindung, Speicherung für Ausgleich Sommer/Winter usw.) hat die Studie nicht untersucht.

ST. GALLEN SETZT AUF BHKW

D ie ETH-Forscher haben für ihre Simu lation des Energieverbrauchs die Gege

benheiten der Stadt St. Gallen herange zogen. Gleichzeitig fallen ihre Ideen in dieser Stadt auf fruchtbaren Boden, wie Marco Letta, Unternehmensleiter der St. Galler Stadtwerke, sagt: «Die ETHStudie zeigt sehr eindrücklich auf, dass das Energiekonzept 2050 der Stadt St. Gallen mit der Kopplung der Sektoren Strom, Wärme und Gas der einzig richtige Weg zur Dekarbonisierung ist. Nahwär meverbünde mit leistungsfähigen Block heizkraftwerken in den Energiezentralen leisten im Winter nicht nur als BandlastStromproduktion einen wertvollen Beitrag zur lokalen Versorgung, sondern entlas ten auch in den entsprechenden Quartie ren das Stromnetz.» St. Gallen will die Stromproduktion aus Blockheizkraftwer ken (BHKW) in den nächsten Jahren denn auch kräftig ausbauen, von heute 1,3 Me

gawatt elektrisch (MWel ) auf 40 MWel im Jahr 2050. Die Anlagen sollen dann rund 20 Prozent des städtischen Strombedarfs decken.

Marco Letta weist darauf hin, dass Erdgas in den kommenden 10 bis 15 Jahren als Medium für die BHKW dienen muss, bis die weltweite Produktion von Biogas, Was serstoff und synthetischen Gasen herauf gefahren werde. «Wir ersetzen aber bereits heute mit den BHKW-Nahwärmeverbün den viele Ölheizungen und senken da durch die Treibhausgas-Emissionen. Die heutigen, noch fossil befeuerten WKKSysteme werden dann beim nächsten Er neuerungszyklus durch BHKW ersetzt, welche ‹H2-ready› sind oder zu 100 Pro zent mit Biogas bzw. synthetischem Gas betrieben werden können.»

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Die Stadt St. Gallen setzt Erdgas-befeuerte Blockheizkraftwerke ein, um Ölheizungen zu ersetzen und damit den Ausstoss von Treibhausgasen zu senken. Im Bild: eines der beiden Blockheizkraftwerke der neuen Fernwärmezentrale Lukasmühle mit 2 MW Leistung zur Wärme- und Stromproduktion.
RUBRIK iimt – international institute of management in technology - University of Fribourg Bd de Pérolles 90 - 1700 Fribourg - Phone +41 26 300 84 30 - iimt@unifr.ch - www.iimt.ch Be a game-changer www.iimt.ch Executive MBA Management in Technology Executive Diploma Management Excellence Executive Diploma Digital Leadership Executive CAS Leadership & HR Management Executive CAS Project Excellence Executive CAS Innovation Management & Intrapreneurship

DEKARBONISIERUNG VERLANGT WEITERENTWICKLUNG DES SCHWEIZER GASMARKTS

Bis 2030 sollen in der Schweiz die CO2-Emissionen um 30 Prozent gesenkt werden. Das Ziel ist klar. Doch der Einsatz der unterschiedlichen Instrumente, mit denen man den Markt grüner stellen kann, bedarf der Justierung. Ein Baustein ist die Weiterentwicklung des Gasmarktes: Die Schweizer Gasindustrie will bis 2030 einen 30-prozentigen Anteil des auf dem Schweizer Wärmemarkt eingesetzten Erdgases durch «grüne Gase», wie Bioerdgas und Wasserstoff, ersetzen.

Uniper ist in Deutschland Vorreiter in Sachen Power-to-Gas-Technologie und kennt schon heute die Wasser stoff-Wertschöpfungskette aus der prakti schen Anwendung. Doch die bisher errich teten Elektrolyseanlagen sind nur ein Anfang. Weitere Projekte werden vorangetrieben und bahnen den Weg für die Zukunft. So koope riert Uniper etwa mit dem Hafenbetrieb Rot terdam bei der Produktion grünen Wasser

stoffs und baut in Wilhelmshaven an der deutschen Nordseeküste einen zentralen Hub für klimafreundlichen Wasserstoff.

Wie ernst es Uniper mit dem Vorantreiben der Entwicklung von grün erzeugtem Was serstoff als Energieträger ist, zeigen auch die Pläne des Unternehmens bis 2025 ein Gigawatt an Solar- und Windenergie auf zubauen und weitere drei Gigawatt in den

dann folgenden Jahren. Damit legt Uniper unter anderem die Basis, um auch beim grünen Wasserstoff zu wachsen und diesen perspektivisch ihren Kunden zu wettbe werbsfähigen Preisen anbieten zu können. Dabei strebt Uniper auch Kooperationen mit Schweizer Partnern in Sachen Wasserstoff produktion an: Gemeinsame Projekte wer den initiiert, durch die sich zum einen die Verfügbarkeit von Wasserstoff erhöht und

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Power-to-Gas-Anlage in Falkenhagen (Sachsen, Deutschland)

durch die zum anderen die Projektpartner an Original-Produktionspreisen partizipie ren können.

B IOERDGAS EIN BAUSTEIN ZUR UMSETZUNG DER SCHWEIZER ENERGIESTRATEGIE

Bereits heute ist Bioerdgas eine Möglichkeit mit viel Potenzial für die Grünstellung der Gasversorgung in der Schweiz. Als erneu erbarer und CO2-armer Energieträger liegen seine grossen Stärken vor allem in den Sy nergien mit anderen Bereichen, wie der Landwirtschaft oder der Abfallverwertung. Letztere rückt als Grundstoff immer stärker in den Fokus: Denn anstatt Abfälle zu ver brennen, könnte man diese in Biogas und weiter veredelt in Bioerdgas umwandeln.

Weitere Pluspunkte von Bioerdgas sind sein im Vergleich zum herkömmlichen Erd gas über die gesamte Produktions- und Verbrauchskette deutlich geringerer Emis sionswert sowie seine Flexibilität bei der Bereitstellung. So kann Bioerdgas nicht nur einen signifikanten Beitrag zur Errei chung der energie- und klimapolitischen Ziele, sondern auch zur Versorgungssi cherheit der Schweiz leisten.

E UROPÄISCHE BIOERDGASZERTIFIKATE EINE PRAKTISCHE LÖSUNG

Auch wenn die Produktion von Bioerdgas in der Schweiz in den letzten Jahren stetig zugenommen hat, so ist das Potenzial doch beschränkt. Es wird auf eine Kapazität von max. 5.7 TWh/a geschätzt. Der heutige Erd gasverbrauch der Schweiz wird daher nicht vollständig mit einheimischem Bioerdgas gedeckt werden können.

U m dennoch den Einsatz von Erdgas zunehmend durch «grüne Gase» zu er setzen, bietet es sich an, auf den Import ausländischer Bioerdgaszertifikate zu rückzugreifen. Diese müssen allerdings

den strengen Schweizer Standards und Regularien entsprechen. Dies kann Uni per gewährleisten: Bereits heute stam men 25 Prozent der Schweizer Importe deutscher Bioerdgaszertifikate von Uni per. Und Tendenz steigend.

Das Unternehmen arbeitet dabei eng mit ih ren Schweizer Partnern zusammen. Ziel ist es, gemeinsame Dekarbonisierungspläne zu entwickeln und umzusetzen sowie eine zunehmende Versorgung mit «grünen Ga sen», wie etwa aus biogenen Abfällen ge wonnenem Bioerdgas aus deutschen und anderen europäischen Produktionsanlagen, zu ermöglichen.

Bioerdgas und Wasserstoff – zwei Gase deren Bedeutung in den nächsten Jahren weiterwachsen wird. Und auch wenn der flächendeckende Einsatz teilweise noch Zukunftsmusik ist, so werden die Weichen doch bereits heute gestellt.

KONTAKT

Uniper Energy Sales Holzstrasse 6 D-40221 Düsseldorf

Telefon: +49 (0) 211 73275–0 info@uniper.energy decarbsolutions.uniper.energy/biomethan

Ausgabe 02/2022 // Seite 91 GAS

SERVICEBAUSTEINE UNTERSTÜTZEN GEZIELT BEIM BETRIEB VON HOCHSPANNUNGSKABELSYSTEMEN

Die Brugg Kabel AG ist ein produzierendes Unternehmen mit langer Tradition. 1896 eröffnete Gottlieb Suhner eine Kabelfabrik. Über die vergangenen Jahrzehnte entwickelte sich Brugg Cables zu einem international erfolgreichen Kabelhersteller im Bereich der Energieübertragung und -versorgung.

Für

die Kunden von Brugg Cables wurde neben der Herstellung von Kabeln ein ergänzendes Angebot von Service leistungen immer wichtiger. Stadtwerke und Verteilnetzbetreiber nutzen schon seit langem die Unterstützung bei der Pro jektplanung sowie Bau und Montage der Kabelstrecken durch Brugg.

In jüngster Zeit wurde der Service neu strukturiert und erweitert. Es wurden Ser vicepakete definiert, die die Kunden noch besser beim Betrieb ihrer Kabelsysteme unterstützen. Der Grund: die Kabelsysteme stellen für den Kunden – Verteilnetzbetrei ber / Stadtwerke, Übertragungsnetzbetreiber

und Industrie – wesentliche Assets dar. Also Anlagegüter, die lange in Betrieb sind und einen erheblichen wirtschaftlichen Wert besitzen. Die Unternehmen sind auf grund der DIN Norm 55’000 beziehungs weise entsprechender Cigre Normen und ihrer eigenen angehalten, ein Asset Ma nagement umzusetzen. Hier unterstützt Brugg Cables mit seinem Angebot und seiner Expertise.

Speziell für die Anforderungen der Energie versorger, Übertragungsnetzbetreiber und Stromkunden im Hoch- und Höchstspan nungssegment bietet sich das Servicepaket Asset Management & Services an. Es um

fasst verschiedene Serviceleistungen, die Planung und Bau, Betrieb sowie Wartung der Hochspannungskabelsysteme sicher, effizient und kostenoptimal machen.

Das Serviceportfolio umfasst fünf Bau steine. Die jeweils einen bestimmten Fokus haben und von Kunden individuell genutzt und kombiniert werden können:

EMERGENCY RESPONSE SOLUTIONS

Mit der Emergency Response Solution stellt der Kunde eine schnelle und effektive Reparatur akuter Störfälle sicher – und das weltweit!

Seite 92 // energieRUNDSCHAU

Brugg Cables übernimmt die Notfall- und Krisenintervention bei Netzproblemen oder Ausfällen. Es umfasst die kurzfristige SofortAufnahme durch die Experten mit an schliessender Reparatur sowie bei Bedarf die Bereitstellung der relevanten Ersatzteile.

ENGINEERING SERVICES

Ziel des Engineering Services ist ein massgeschneidertes Kabelsystem, das den störungsfreien Betrieb über die ge wünschte Lebensdauer gewährleistet. Ob Installationskonzepte, speziell ange passtes Kabeldesign, Verlustberechnun gen oder Kurzschlussstromberechnun gen – alle Aspekte werden im Rahmen des Brugg Cables Engineering Service berücksichtigt.

SPARE PARTS SERVICES

Der Ersatzteil Service beinhaltet die Lie ferung von Ersatzteilen, die Übernahme des Ersatzteilmanagement (Bestandsführung und Verfügbarkeit), die Bestandsprüfung (Qualität, Norm, Alter) vor Ort und bei Bedarf, die Übernahme der Bestände und Lager haltung (Opex) im Kundenauftrag.

PREVENTIVE MAINTENANCE

Preventive Maintenance ist die vorbeugende Instandhaltung für Kabelsysteme – also

die Identifikation und Behebung von Risiken bevor es zu einem Ausfall kommt.

Dafür erstellt Brugg Cables für die Energie anlage bzw. das Kabelsystem einen indi viduellen Instandhaltungsplan aus dem entsprechende Instandhaltungsintervalle sowie die Bedarfe für Ersatzteile und deren Lagerhaltung abgeleitet werden.

Je nach Anlagentyp, Alter und Kunden wunsch wird aus den generellen Optionen Condition Based Maintenance (zustand sorientierte Instandhaltung), Reliability Centered Maintenance (zuverlässigkeits orientierte Instandhaltung) oder Time Based Maintenance (zeitabhängige Instandhaltung) eine kundenindividuelle Lösung für Ihre Anlage definiert und systematisch umge setzt. Basis dafür sind umfangreiche Kabel system-, Temperatur- und Materialanalysen.

RETROFIT

Retrofitprojekte ertüchtigen bestehende Kabelsysteme, die am Ende Ihrer Lebens dauer angelangt sind oder deren Kapazi täten nicht mehr ausreichen.

Brugg Cables analysiert dafür die Anla gen und Komponenten, stellt den Moder nisierungsbedarf fest, plant das Vorhaben

und führt dieses auch aus. Dabei wird kritisch abgewogen, ob ein Umbau –wenn möglich im laufenden Betrieb

BRUGG KABEL AG

Brugg Cables ist der innovative Schweizer Kabel- und Garniturenhersteller mit umfangreichem Dienstleistungsangebot in der Energieübertragung und -verteilung. Unsere 390 Mitarbeitenden entwickeln, fertigen, installieren und warten Kabel, Zubehör und System lösungen für die Energieübertragung und -verteilung bei Kraftwerksbetreibern, Energieverteilungsunternehmen und in der Industrie. Unser Lösungsansatz ist ein ganzheitlicher – wir bieten unseren Kunden «alles aus einer Hand».

Die Produkte aus Brugg zeichnen sich durch technologi¬schen Vorsprung und die Erfüllung höchster Qualitäts ansprüche aus. So ist Brugg Cables als einer der weltweit wenigen Kabel hersteller in der Lage, Kabelsysteme und Zubehör für die momentan höchste Spannungsebene von 550 kV herzustellen. www.bruggcables.com

Ausgabe 02/2022 // Seite 93 ENERGIEMANAGEMENT

(Bypass Lösung) – oder ein Neubau die sinnvollere Variante ist.

Die Experten von Brugg Cables bewerten und managen die Projekte im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Tragbarkeit, tech nischer Machbarkeit und Rechtskonformität (z. B. Materialien, Umwelt). Die Projekte reichen vom Austausch einzelner Kompo nenten bis zu komplexen Turn-Key-Projekten.

TERNA

Die Terna S.p.A. (Trasmissione Elettricità Rete Nazionale) mit Hauptsitz in Rom ist der grösste Stromnetzbetreiber Europas. Mit 4 300 Mitarbeitenden und einem Umsatz von 2.3 Milliarden Euro arbeitet Terna erfolgreich im Hoch- und Höchstspannungsnetz in Italien, Europa und teilweise auch in Übersee. Terna managt rund 75'000 Kilo meter Hochspannungsleitungen und spielt eine zentrale Rolle bei der Umgestaltung des Strommarktes hin zur Nutzung umweltverträglicher Quellen.

www.terna.it/en

PRAXISBEISPIEL – CASE STUDY

Emergency Response Solutions – Nach haltige Störfallbehebung bei Uniper

UNTERNEHMEN UND HERAUSFORDERUNG

Uniper ist einer der grössten Energieer zeuger Deutschlands mit zahlreichen Kraftwerksstandorten. Der Standort Ir sching gehört zu den modernsten und effizientesten Gas- und Dampf-KombiKraftwerken.

Dort kam es zu einem schwerwiegenden Fehler in einer Kabelabschlusseinrichtung an der Kopfarmatur. Die am Standort be findlichen Ersatzteile waren aufgrund nicht adäquater Lagerung jedoch untauglich für den Ersatz.

LÖSUNGSANSATZ

BRUGG CABLES

Brugg Cables unterstützte mit fachmän nischer Expertise vor Ort und untersuchte die Anlage sowie die vorhandenen Ersatz teile. Eine anforderungsgerechte Problem lösung wurde entwickelt, die benötigten Ersatzteile bereitgestellt und im Rahmen eines Turn-Key-Services fachmännisch ausgetauscht.

HARDWARE UND EQUIPMENT

Zum Einsatz kam ein neues 380 kV XLPEKabel, das über eine Muffe an das beste hende Kabel angeschlossen wurde. Die neue Kabelverbindung wurde wiederum an einen neuen Freiluftendverschluss fach männisch montiert, das System getestet, abgenommen und in Betrieb gesetzt.

Brugg Cables ist der innovative, Schweizer Kabelhersteller mit umfangreichem Dienst leistungsangebot in der Energieübertragung und -versorgung. Speziell für die Anforde rungen im Mittel- und Hochspannungs segment bietet das Unternehmen qualitativ hochwertige Stromkabelsysteme, Ersatzteile sowie das Servicepaket Asset Manage ment & Services an. Es umfasst verschie dene Serviceleistungen, die den Betrieb der Kabelanlagen sicher, effizient und kostenoptimal machen.

KONTAKT

Marketing- und Communications-Team Brugg Cables

Telefon +41 (0) 56 201 37 77 marketing.bkag@bruggcables.com

Seite 94 // energieRUNDSCHAU ENERGIEMANAGEMENT
Ausgabe 02/2022 // RUBRIK

DETAILLIERTER BLICK INS FERNWÄRMENETZ

IBC ENERGIE WASSER CHUR

Die IBC Energie Wasser Chur setzt bei der Optimierung ihres Fernwärmenetzes auf die Vielseitigkeit des PFC200-Controllers von Wago. Mit dem Kommunikationsprofi bringt sie nicht nur die Daten ihrer Wärmeerzeuger und Stelleinrichtungen aufs Leitsystem, sondern spielt diese zugleich in ihr Verrechnungssystem ein.

Die IBC Energie Wasser Chur speist ihr Fernwärmenetz aus diversen Energiequellen in und um Chur. Zu diesen gehören unter anderem ein Block heizkraftwerk, mehrere kleine HolzKraftheizwerke und eine Kehrrichtverbren nungsanlage, deren Abwärme in Churer Wohnungen, Büros und Ladenzeilen für angenehme Behaglichkeit sorgt.

Obwohl sich das Fernwärmenetz aus di versen Energiequellen zusammensetzt, wussten die Verantwortlichen bei der IBC Chur bisher nur wenig über dieses. «Bis anhin hatten wir nur die Zentrale auf dem

Leitsystem, während uns die Daten fürs Fernwärmenetz fehlten», sagt Reto Werro. Doch genau diese Werte brauche es, so der Verantwortliche Fernwirksysteme, um regelnd einzugreifen und so das Fernwärme netz optimieren zu können. Diese fehlende Transparenz schloss der Energieversorger nun mit einem entsprechenden Projekt.

LAUFFÄHIGES PROJEKT NACH WORKSHOP

Bei der Definition der Projektparameter rückten Reto Werro und seine Kollegen zwei Punkte in den Fokus. Der erste Punkt war das Auslesen von Daten und Fehlern

direkt in den Übergabestationen beim Kunden sowie deren Darstellung auf dem Leitsystem, der zweite Punkt ein direkter Reglerzugriff, um bei neuen Projekten ins Fernwärmenetz eingreifen zu können. Wichtig war hierbei die Programmiermög lichkeit, um auf die spezifischen Anforde rungen der einzelnen, unterschiedlichen Wärmeübergabestellen einzugehen.

Bei der Evaluation einer geeigneten Steu erung machte der PFC200-Controller von Wago das Rennen. Dieser beherrscht nicht nur diverse Protokolle wie FTP oder Modbus RTU / TCP, sondern lässt sich

Seite 96 // energieRUNDSCHAU
FERNWÄRME
Die zentrale Leitstelle der IBC Energie Wasser Chur.
© Quelle: IBC Chur

individuell in Betrieb nehmen. Entweder wird dieser mit einer parametrierbaren Lösung wie Grid Gateway oder mit einer auf Codesys basierenden Applikations software passgenau auf die jeweilige Anforderung angepasst.

Basis für das spezifische Programmieren war ein dreitägiger Workshop mit Wago, in dem Reto Werro das Produkt und dessen vielseitige Einsatzmöglichkeiten anhand verschiedener Beispiele kennenlernte: «Da rauf bauten wir auf und entwickelten das Programm weiter. Am Ende des Workshop hatten wir bereits ein lauffähiges Projekt.» Zwar brauchte es hinterher noch zwei bis drei Telefonate, da er das Produkt nicht kannte, doch im Dialog liessen sich diese Probleme schnell ausräumen.

CONTROLLER FÜTTERT LEITUND VERRECHNUNGSSYSTEM

Als grösste Herausforderung bei diesem Projekt bezeichnet Reto Werro rückblickend die Segmentierung der aufgezeichneten Daten. Während die Wärmezählerdaten für die Optimierung des Fernwärmenetzes in das Leitsystem und das Verrechnungs system fliessen müssen, sollen die Reg lerdaten nur auf dem Leitsystem auflaufen. Was so zunächst nicht kompliziert klingt, erweist sich in der Praxis als knifflig –schliesslich kommen diese Daten aus einer Steuerung, weshalb diese separiert werden müssen.

Doch die Beteiligten konnten auch diese Herausforderung lösen und schufen damit die Voraussetzung, um regulierend ins

Netz einzugreifen. Wieso es das braucht, erklärt Reto Werro so: «Wenn irgendwo die Rücklauftemperatur zu hoch ist, schliessen wir nun einfach das entspre chende Ventil. Ausserdem können wir nachts bei gewissen Boilern Zwangsla dungen auslösen und so die Spitze bre chen, so dass frühmorgens, wenn alle Boiler laden, das Netz nicht kollabiert.»

Das Laden des Boilers ist dabei ein Befehl, der auf der Sekundärseite des Kunden ausgegeben wird.

WEB-BROWSER ERÜBRIGT TEURES DISPLAY

Bevor Reto Werro bei der IBC Chur anfing, war er in der Kraftwerksautomation tätig, weshalb er diverse Steuerungslösungen kennt. Beim PFC200-Controller fielen ihm verschiedene Möglichkeiten auf, die er zuvor so nicht kannte. Neben der einfachen Handhabung («Wenn man sich reingear beitet hat, ist es relativ einfach und man kann zügig etwas umsetzen.») ist es der integrierte Web-Server, der es ihm ange tan hat. «Der ist für uns Gold wert», sagt er und liefert gleich die Erklärung nach: «Wir haben bei den Kunden keine Mög lichkeit zu bedienen beziehungsweise ein teures Display einzubauen. Mit dem Wago-Controller loggen wir uns nun über den Web-Browser ein und steuern einfach über diesen unsere Anlagen.»

Die Fähigkeit des Fernwirkens nach EN 60870 nutzt die IBC Chur übrigens nicht nur für die Optimierung und Regelung ihres Fernwärmenetzes. Das integrierte Modem setzt sie ausserdem dazu ein, um provi sorische Trafo- oder Wasserstationen schnell und einfach aus der Ferne zu überwachen.

Die Vorzüge im Detail:

• Steuerung des Fernwärmenetzes über den Web-Browser

• Visualisierung und Rechnungsstellung mit nur einem Controller

• Flexibler Fernzugriff auf provisorische Trafo- und Wasserstationen

KONTAKT

Wago Contact SA Route de l'Industrie 19 CH-1564 Domdidier Telefon +41 (0) 26 676 74 06

Ulrich.Schlaepfer@wago.com www.wago.com

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FERNWÄRME Die Fernwärmeleitungen in der Zentrale der IBC Chur.
© Quelle: IBC Chur

Soerstaunt es denn nicht, dass mit der neu konzipierten Power-Char ger-Box, einem Kombi-Artikel aus Schacht, Deckel und Betonsockel, der Zeitgeist im Bereich der Elektromobilität voll getroffen wird und die SYMALIT AG

ihren Teil zu einer intakten Infrastruktur der E-Mobility beiträgt.

Die Verkaufszahlen im Bereich der Elektro fahrzeuge nehmen rasant zu und manch ein Autokäufer macht sich, nebst ökonomischen

Überlegungen, auch vermehrt ideologische und ökologische Gedanken, denn in den ver schiedenen relevanten Entscheidungsfakto ren wie Investitionskosten, Angebotsvielfalt, Infrastrukturnetz, Aufladezeiten und so weiter wurden allseits massive Fortschritte erzielt.

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SYMALIT POWER-CHARGER-BOX UNSER BEITRAG ZUR ELEKTROMOBILITÄT von Symalit Dass Innovation und Tradition keine Widersprüche darstellen, beweist die im aargauischen Lenzburg ansässige SYMALIT AG, welche sich seit 70 Jahren erfolgreich im Kabelschutzrohr-Bereich und deren vielfältigen Komplettlösungen etabliert hat.

Verantwortungsbewusstsein für die Umwelt ist eben nicht mehr bloss für einen kleinen Kreis unserer Konsum-Gesellschaft ein re levantes Thema.

INNOVATIVE LADESTATION

Vor gut drei Jahren wurden erste Proto typen von Kabelschächten aus glasfaser verstärktem, rezykliertem Polyethylen produziert. Erste mögliche Kunden wur den bereits in der Planungsphase früh miteinbezogen und es entstand ein Ge meinschaftswerk aus einem zweiteiligen Schacht: Ein Teil dient als Kabelschacht und wird mittels Gussdeckel ebenerdig verschlossen, auf den zweiten Teil kommt der teilweise sichtbare Betonsockel als Fundament für die Ladestation.

Ein entscheidender Vorteil dieser Ladesta tion ist die unkomplizierte, schnelle und dadurch kostengünstige Installation. Auf grund des Unterbaus kann auf eine Scha lung verzichtet werden und die notwendigen Einführungslöcher lassen sich problemlos mittels Kronenbohrer vor Ort praktisch und punktgenau auf diesen äusserst leichten Schacht setzen. Natürlich ist der Beton

sockel mit dem notwendigen Einführungs loch für die Elektro-Einspeisung ebenfalls schon vorbereitet. Diese Vorgehensweise erlaubt eine Installation auf einem stark frequentierten Parkplatz (zum Beispiel bei Bahnhöfen, Poststellen, Einkaufszentren, Sport- und Freizeitstadien) in knapp einem Tag – und dadurch kann, zum Wohl des Kunden, die Anlage schnellstmöglich in Betrieb genommen werden.

Die Power-Charger-Box entspricht somit klar dem Kaiteki-Gedanken unseres Mutterhauses, unser Verhalten möglichst nachhaltig und ressourcenschonend stets zu hinter fragen und zu optimieren.

KONTAKT

MCAM Symalit AG Hardstrasse 5 CH-5600 Lenzburg Telefon +41 (0) 62 885 83 80

verkauf@symalit.ch www.symalit.ch

MOBILITÄT

WER HAT ANGST VOR DEM ZEV?

Werden in einer Überbauung grosse Mengen Solarstrom produziert, können sich die Haus- und Wohnungseigentümer in eigener Verantwortung um ihre Stromversorgung kümmern. Sie bilden dafür einen Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV) mit dem Ziel, den vor Ort produzierten Strom soweit wie möglich selber zu nutzen. Solche Eigenverbrauchs-Gemeinschaften sind eine Chance nicht nur für die ZEV-Haushalte, sondern auch für den lokalen Stromversorger. Das zeigt ein Pilotprojekt nördlich von Lugano.

Grosse Unternehmen haben gemein hin die Mittel, um mit Forschung innovative Produkte und Dienst leistungen zu entwickeln. Das gilt für die Energiebranche ebenso wie für andere Wirt schaftsbereiche. Nicht selten sind es aber gerade die kleineren Unternehmen, die mu tig vorangehen und neuartige Lösungen vorantreiben. Ein Beispiel ist das Tessiner Stromunternehmen AEM: Die Azienda Elet trica di Massagno versorgt nördlich von Lu gano 9 000 Haushalte in den Gemeinden Massagno, Capriasca und Isone mit Strom. AEM hat ihre Infrastruktur so ausgebaut, dass sie innovative Lösungen erproben und anbieten kann. So ist das Versorgungsgebiet flächendeckend mit intelligenten Stromzäh lern (Smart Meter) ausgerüstet, die alle 15 Mi nuten die Verbrauchsdaten an einen zentra len Server übermitteln. Zudem wurde in die Digitalisierung des Unternehmens investiert.

«Wir wollen unsere schweizweit wohl einzig artige Netzinfrastruktur nutzen, um zukunfts weisende Dienstleistungen zu entwickeln»,

sagt Dr. Daniele Farrace, Chief Innovation Officer bei der AEM. Unterstützt von Bun desamt für Energie, Innosuisse, dem Tes siner Energieforschungsfonds und der Re gionalentwicklungsstelle ERSL realisierte das Unternehmen in den letzten Jahren eine Reihe von Forschungsprojekten. «Wir verkaufen weiterhin Strom, aber im heuti gen, sich radikal verändernden Energie sektor ist dies kein ausreichendes Ge schäftsmodell mehr», sagt Farrace zur Begründung. «Darüber hinaus brauchen wir Innovation, um zusätzliche Wertschöp fung für die Gesellschaft zu erzielen. Die AEM ist dafür prädestiniert, da wir klein, agil und stark digitalisiert sind.»

STROMVERSORGER RICHTET ZEV EIN

In einem aktuellen Projekt hat die AEM zu Forschungszwecken eine EigenverbrauchsGemeinschaft eingerichtet, auch bekannt unter dem Kürzel ZEV (für: Zusammen schluss zum Eigenverbrauch). Ein ZEV ist ein Verbund aus benachbarten Haushalten,

die durch ein separates Stromnetz verbunden sind. Die Gemeinschaft regelt ihre Stromver sorgung weitgehend selbständig und ver sucht, den lokal produzierten PV-Strom weit gehend vor Ort zu verbrauchen. Hauptziel ist eine günstige Versorgung mit erneuerbarem Strom. In der Schweiz gibt es bislang nur we nige ZEV, da diese erst mit dem Energiege setz von 2018 klar geregelt wurden.

Dass ein Stromversorger wie die AEM ei nen ZEV selber initiiert, ist ungewöhnlich. Denn ein ZEV hat für den lokalen Versor ger wirtschaftliche Nachteile. Er kann we niger Strom verkaufen, ihm entgehen so mit Umsatz und Gewinn. Zudem beteiligt sich der ZEV weniger an den Kosten der Netzinfrastruktur, obwohl ihm diese ge nauso zur Verfügung steht, wenn die Sonne nicht scheint resp. die Batterie leer ist. Trotz dieser Umstände hat die AEM in ihrem Versorgungsgebiet einen ZEV ins Leben gerufen. Ziel ist, die Auswirkungen der Eigenverbrauchs-Gemeinschaften auf die Stromversorgung genauer zu untersu

Seite 100 // energieRUNDSCHAU
Im Tessiner Dorf Lugaggia haben sich 18 Einfamilienhaus-Besitzer und ein Kindergarten an einer Eigenverbrauchs-Gemeinschaft (ZEV) beteiligt, die durch den lokalen Stromversorger AEM im Rahmen eines Forschungsprojekts eingerichtet wurde.

ZENTRALER VS. DEZENTRALER DATENAUSTAUSCH

Im Rahmen des LIC-Projekts wurde für das System aus PV-Anlagen, Batterie speicher und steuerbaren Lasten (Wärmepumpen, Elektroboiler) eine zentrale und eine dezentrale Steuerung getestet. Bei der zentralen Variante gelangen alle Daten aus Smart Metern und den weiteren Systemkomponenten in einen zentralen Server, wo ein Algorithmus die Steuerungssignale zur Maximierung des Eigenverbrauchs generiert.

Die dezentrale Variante kommt ohne zentralen Server aus. Dessen Aufgabe über nehmen Minicomputer, die in den Haushalten neben den Smart Metern installiert werden (vgl. Foto 01: links das Smart Meter, rechts der Minicomputer). Der Datenverkehr wird in einer Blockchain aufgezeichnet. Das hat den Vorteil, dass allfällige Energie-Transaktionen zwischen den ZEV-Haushalten ohne zentrale Instanz abgewickelt werden könnten. Die Blockchain arbeitet mit dem Proofof-Authority-Mechanismus und braucht somit nicht so viel Energie wie der Proof-of-Work-Mechanismus, wie er beispielsweise von der Digitalwährung Bitcoin genutzt wird. BV

chen und dabei auch mögliche Vorteile für die Energieversorger zu beleuchten: Da ein ZEV den dezentral produzierten Strom lokal verbraucht, speist er weniger Strom ins Netz ein und entlastet so das Verteil netz. Dies könnte Verteilnetzbetreibern wie der AEM mittelfristig helfen, hohe Investi tionen in Netzverstärkungen einzusparen,

wenn die dezentrale Stromproduktion mit Photovoltaik stark ausgebaut wird.

Der ZEV der AEM wurde 2019 in der Tessiner Ortschaft Lugaggia (Gemeinde Capriasca) eingerichtet. Zum Verbund mit dem Namen ‹Lugaggia Innovation Com munity› (LIC) gehören 18 Einfamilienhäuser,

ein Kindergarten und sechs PV-Anlagen mit einer Gesamtleistung von 72 Kilowatt-Peak (kWp), ergänzt um eine gemeinsam genutzte Batterie im Quartier (60 Kilowattstunden). Als wissenschaftliche Partnerin zur Erforschung von technischen, wirtschaftlichen und sozi alen Fragestellungen rund um den ZEV fun gierte die Tessiner Fachhochschule SUPSI. In zwei Vorgängerprojekten hatte die Hoch schule Marktdesigns für die lokale Integra tion der erneuerbaren Energien in einem Blockchain-basierten Markt und dezentrale Steuerungsstrategien entwickelt. Das LICProjekt wurde vom BFE im Rahmen seines Pilot- und Demonstrationsprogramms un terstützt und von weiteren Finanzierungsund Technologiepartnern begleitet.

ZEV ENTLASTET VERTEILNETZ

Für die technische Umsetzung des ZEV in Lugaggia ziehen die Projektverantwortlichen eine positive Bilanz. Der Eigenverbrauch konnte deutlich gesteigert werden. Das be legt ein Blick auf jenen Teil der ZEV-internen PV-Produktion (rund 70 bis 80 Prozent), der nicht direkt von den einzelnen Haushalten und dem Kindergarten verbraucht wird. Dank Einsatz einer Batterie und dank

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Ausgabe 02/2022 // Seite 101 SOLAR

Bandbreite der Einsparungen, die sich im ZEV Lugaggia ohne Batterie (links), mit der aktuell genutzten Batterie (Mitte) und einer künftigen idealen Batterie (rechts) erzielen lassen: Teilnehmer des ZEV sparen dank des ZEV durchschnittlich 5 Prozent an Stromkosten. Die Einsparungen ergeben sich daraus, dass der ZEV-eigene Solarstrom nur 16 Rp./kWh kostet, fünf Rappen günstiger als der Strom des lokalen Stromversorgers. Besitzer von PV-Anlagen erhalten den Strom im ZEV sogar bis zu 15 Prozent günstiger, weil sie vom ZEV für ihren Strom mit 9 Rp. einen höheren Preis erhalten als die Einspeisevergütung des lokalen Stromversorgers (6 Rp.). Dafür, dass die Einsparung aufgrund der Batterie relativ gering ausfällt, gibt es mehrere Gründe: Erstens wird bis zu 70 Prozent der überschüssigen (also nicht direkt verbrauchten) PV-Produktion auch ohne Einsatz der Batterie im ZEV verbraucht. Zweitens kann die Batterie während längerer Zeiträume des Jahres nicht genutzt werden, weil keine PV-Überschüsse vorhanden sind. Nur ein stärkerer PV-Ausbau würde den Betrieb der Batterie finanziell attraktiver machen. Gemäss Schätzungen der SUPSI müsste der Preis der Speicherbatterie unter 400 CHF/kWh fallen, damit sie bei heutigen Tarifen rentabel wäre.

Allein durch Steuerung der Lasten lässt sich die in einem Monat bezogene Maximalleistung des ZEV (‹Lastspitze›) um bis zu 30 Prozent verringern. Nutzt man zusätzlich eine Batterie, kann die Maximalleistung um zusätzliche 40 Prozent reduziert werden, also insgesamt um 70 Prozent. Wird die Systemsteuerung so ausgelegt, dass die Batterie nur mit eigenen PV-Strom, nicht aber mit Netzstrom geladen werden darf, lassen sich die Lastspitzen in den Wintermonaten durch die Batterie nicht um 40 Prozent, sondern lediglich um 2 Prozent senken, haben SUPSI-Berechnungen ergeben. Die Reduktion von Lastspitzen ist für einen ZEV wichtig, da hohe Lastspitzen den Leistungspreis des Netzstroms in die Höhe treiben.

Seite 102 // energieRUNDSCHAU SOLAR

Der Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV) verfügt über ein eigenes Stromnetz, das über einen einzigen Netzanschlusspunkt mit dem Netz des lokalen Stromversorgers verbunden ist. Über diesen Anschluss kann der ZEV überschüssigen Solarstrom ins lokale Netz einspeisen oder von dort Strom beziehen, wenn der Bedarf der ZEV-Haushalte nicht durch PV-Anlagen und Batteriespeicher gedeckt werden kann.

dem zeitlich optimierten Betrieb von Wär mepumpen und Elektroboilern (Lastver schiebung) kann 94 Prozent dieser über schüssigen (also nicht direkt genutzten) Energie nun ebenfalls innerhalb des ZEV genutzt werden. Ohne Batterie wären im merhin 70 Prozent der überschüssigen Energie im ZEV verbraucht worden. Ohne ZEV wäre womöglich alle überschüssige Energie zu einem tiefen Rücknahmetarif ins Verteilnetz zurückgeflossen. Der ZEV ver bessert somit die Eigennutzung des Solar stroms. «Dank ZEV und dem Einsatz von Batterie und Laststeuerung lässt sich der Eigenverbrauch erhöhen und so das lokale Verteilnetz entlasten», sagt Prof. Vasco Me dici, der das Projekt vonseiten SUPSI ver antwortlich betreut hat. Die PV-Produktion in dem ZEV könnte laut Medici noch merk lich ausgebaut und so der Batteriespeicher noch besser ausgenützt werden.

Eine Besonderheit des LIC-Projektes: Die Steuerung von Batterie und elektrischen Lasten (Wärmepumpen, Elektroboiler) er folgte im Rahmen des Projektes alternativ mit einer zentralen oder einer dezentralen Steuerung (vgl. Textbox 1). Für die dezent rale Steuerung mussten die Smart Meter

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Zum ZEV in Lugaggia gehören sechs PV-Anlagen (Sonnen-Symbol), eine davon auf dem lokalen Kindergarten (oben). Dazu kommt ein Batteriespeicher. durch den lokalen Stromversorger AEM im Rahmen eines Forschungsprojekts eingerichtet wurde.
SOLAR

PILOT- UND DEMONSTRATI ONSPROJEKTE DES BFE

Das im Haupttext vorgestellte Projekt wurde vom Pilot- und Demonstrationsprogramm des Bundesamts für Energie (BFE) unterstützt. Mit dem Programm fördert das BFE die Entwicklung und Erprobung von innovativen Technologien, Lösungen und Ansätzen, die einen wesentlichen Beitrag zur Energieeffizienz oder der Nutzung erneuerbarer Energien leisten. Gesuche um Finanzhilfe können jederzeit einge reicht werden.

www.bfe.admin.ch/pilotdemonstration

allerdings um Minicomputer ergänzt werden. Die beiden Steuerungsarten wurden unter anderem mit Blick auf künftige neue Formen des Stromhandels untersucht. «Die dezen trale Steuerung eröffnet zwar die Möglichkeit eines anonymisierten Stromhandels, aller dings ist es fraglich, ob sich für einen ZEV der zusätzliche Aufwand an Hardware rech net», gibt SUPSI-Institutsleiter Dr. Roman Rudel zu bedenken, der das LIC-Projekt mitinitiiert hat.

TEURER BATTERIESPEICHER

HINWEIS

Weiter Informationen zum ZEV ‹Lugaggia Innovation Community› auf Italienisch und Englisch finden Sie unter: www.lic.energy

Der Schlussbericht zum BFE-Projekt ‹LIC – Lugaggia Innovation Community› ist abrufbar unter: www.aramis.admin.ch/ Texte/?ProjectID=43209

Im Rahmen des LIC-Projekts wurde ein WebPortal entwickelt, über das die ZEV-Teilnehmer Stromproduktion und -verbrauch von sich selber und von der ganzen Gemeinschaft mit einer Verzögerung von maximal 60 Minuten ablesen können. Weitere Informationen betreffen den Ladezustand der Batterie und die Energiepreise innerhalb des ZEV, die auf Grundlage der (von den eigenen PVProduzenten bzw. aus dem Netz) bezogenen und der konsumierten Energiemenge laufend neu errechnet werden.I

Das Projekt ermöglichte auch interessante wirtschaftliche Erkenntnisse. Die Nutzung von eigenem Solarstrom ist für die ZEVTeilnehmer grundsätzlich zwar lukrativ. Die ZEV-Haushalte bekommen den Strom für durchschnittlich 16 Rp. / kWh (im Vergleich zu 21 Rp. / kWh ausserhalb des ZEV) und sparen damit im Jahr ca. 50 bis 150 Fran ken. Die Betreiber von PV-Anlagen inner halb des ZEV können ihren Strom zudem innerhalb des ZEV zu besseren Preisen verkaufen als gegenüber dem lokalen Elektrizitätswerk. Der ZEV in Lugaggia pro fitiert allerdings davon, dass AEM den Quartierspeicher im Rahmen des Pilotpro jekts finanziert hat. Hätte der ZEV selber für diesen aufkommen müssen, sähe die Kalkulation ungünstiger aus: Bei Kosten von 45'000 Schweizer Franken und einer angenommenen Nutzungsdauer von zehn Jahren belastet der Batteriespeicher jede daraus bezogene Kilowattstunde zusätz lich mit 30 bis 40 Rappen. Es wäre dann günstiger, den Strom aus dem Netz zu be ziehen statt aus der Batterie.

Für den Stromversorger AEM rechnet sich ein ZEV wie in Lugaggia nicht, trotz Ein sparungen beim Ausbau des Stromnetzes, die sich mittelfristig einstellen dürften. Kurzfristig nimmt AEM nämlich aus dem Stromverkauf im Jahr rund 2 000 Schweizer

Auskünfte erteilen Prof. Vasco Medici (vasco.medici@supsi.ch), Wissenschaftler an der Tessiner Fachhochschule SUPSI, und Dr. Michael Moser (michael.moser@ bfe.admin.ch), Leiter des BFE-Forschungsprogramms Netze.

Weitere Fachbeiträge über Forschungs-, Pilot-, Demonstrations- und Leuchtturm projekte im Bereich Netze finden Sie unter www.bfe.admin.ch/ec-strom

Franken weniger ein. Trotzdem plant die Tessiner Stromversorgerin, in Zukunft wei tere ZEV in ihrem Versorgungsgebiet aufzu bauen und – zum Beispiel über eine Toch tergesellschaft – auch selber zu betreiben. «Das wird uns helfen, dass unser Verteilnetz einem fortschreitenden Ausbau der dezen tralen PV-Produktion standhält. Zudem ist es ein Weg, um mit innovativen Dienstleis tungen neue Geschäftsfelder und damit Ein nahmequellen zu erkunden», sagt Daniele Farrace. Ein solcher Ansatz besteht darin, in einem ZEV für die Zwischenspeicherung des Stroms Elektroauto-Batterien einzusetzen, die bidirektional ge- und entladen werden können. Wie das gelingt, untersucht die Mobility Genossenschaft gegenwärtig im sogenannten V2XSuisse-Projekt. AEM ist als Projektpartner verantwortlich für die Un tersuchung des Potenzials von ElektroautoBatterien innerhalb eines ZEV.

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30 JAHRE FRONIUS SOLAR ENERGY

VON EINER NACHHALTIGEN VISION ZUM GRÖSSTEN GESCHÄFTSBEREICH

Anfang der 90er Jahre setzt Fronius erstmals auf das Zukunftsthema Sonnenenergie. Damals noch belächelt, hat sich dieser Geschäftsbereich bis heute zum grössten Standbein des Familienunternehmens entwickelt. Da die Wertschöpfung auch weiterhin in Europa verbleiben soll, schlägt sich das Wachstum speziell am Fertigungsstandort in Sattledt (Oberösterreich) nieder.

Dasoberösterreichische Familienun ternehmen Fronius wird häufig mit der boomenden Photovoltaik-Bran che in Verbindung gebracht. Das war nicht immer so: Blickt man auf die erst 30-jährige Geschichte des jüngsten Geschäftsbe reichs «Solar Energy» zurück, so hat sich dieser Zweig erst in den letzten Jahren zum neuen Zugpferd von Fronius entwickelt.

DIE GEBURTSSTUNDE DER SOLAR ENERGY

Ab 1950 baut Fronius neben der Batterie ladetechnik den Schweisstechnik-Zweig auf und feiert damit ab den 60er Jahren erste grössere Erfolge, die 1981 mit der Einführung eines noch nie dagewesenen Schweissgeräts in einem Meilenstein gip feln. «Wir sind uns allerdings mehr und mehr wie Stromräuber vorgekommen»,

erinnert sich Geschäftsführerin Elisabeth Engelbrechtsmüller-Strauss. «Man muss sich vorstellen, dass die Schweisstechnik zur damaligen Zeit Unmengen an Energie benötigt hat. Wir wollten einen Teil dieses Stroms wieder ‹zurückliefern› und haben erste Versuche mit Photovoltaik-Modulen gestartet. Es war die Geburtsstunde der Business Unit Solar Energy.»

30 Jahre später scheint kein Weg mehr an der grünen Stromerzeugung mittels Son nenenergie vorbeizuführen. Der jetzige Erfolg war aber lange Zeit nicht absehbar, wie Engelbrechtsmüller-Strauss weiter ausführt: «Wir sind in der Anfangsphase häufig als die grünen Spinner dargestellt worden und hatten grosse Schwierigkei ten, unsere Geräte am Markt unterzubrin gen. Man muss sich vorstellen, dass wir

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Wechselrichter-Fertigung in Sattledt Der «Sunrise» war der erste Wechselrichter von Fronius.

damals pro Woche nur rund ein bis zwei Wechselrichter gefertigt haben.»

DIE ENERGIEVERSORGUNG EUROPAS IM FOKUS

Wie stark sich das seither gewandelt hat, untermauern die aktuellen Zahlen: Mit einem geplanten Output von 510’000 Wechselrich tern in diesem Jahr ist Fronius der grösste Hersteller von Prosumer-Lösungen in Eu ropa. Global sind bereits 3.4 Millionen. Wechselrichter von Fronius in Betrieb. Diese erzeugen jährlich 35.1 TWh an sauberer Sonnenenergie. Das entspricht der Energie aus 33 Donaukraftwerken. Die Energiever sorgung wird mehr und mehr dezentralisiert, indem die Kund/-innen selbst zu Produ zent / -innen werden – sie erzeugen ihren eigenen Strom, verbrauchen diesen lokal und geben den Überschuss an andere Verbraucher/-innen weiter. Externe Umwelt faktoren wie hohe Energiepreise und die künftige Eigenversorgung Europas verstär ken diese Entwicklung zusehends.

«Im Fokus steht dabei immer die hohe Re levanz einer europäischen Wertschöpfung. Speziell aufgrund der jüngsten Liefereng pässe strebt Europa eine reduzierte Abhän gigkeit von anderen Märkten an», verrät Martin Hackl, Global Director Marketing and Sales, Business Unit Solar Energy, Fronius International GmbH. «Wir können das bei Fronius nur unterstützen. Für uns sind nach haltige Lösungen von höchster Bedeutung und diese schaffen wir am besten durch die Bündelung unserer Fertigungsaktivität in Österreich und Tschechien.»

DER AUSBAU IN SATTLEDT IN ZAHLEN

Aus diesem Grund hat Fronius seine Produktionswerke in Österreich und in Tschechien angesiedelt und denkt seit je her nicht an Outsourcing. Bestes Beispiel ist der grosse Fertigungs- und Logistik standort im oberösterreichischen Satt ledt. Hier wird die Nutzfläche von derzeit 41’000 Quadratmeter um weitere 28’000 Quadratmeter ergänzt. Die Gesamtfertig stellung wird bereits Ende Juli 2022 abge schlossen sein, danach erfolgt die schritt weise Besiedelung der neuen Flächen.

Zu den Highlights der sogenannten Nor derweiterung zählt unter anderem das vollautomatisierte Hochregallager. Es ist die künftige Umschlagstelle des Waren ausgangs und bietet Platz für 7 000 Palet ten und 12’500 Kleinteile-Behälter. Einzigar tig sind ausserdem die zwei neu installierten

MAS IN ENERGIEWIRTSCHAFT

Die 1992 gegründete Fronius Business Unit (BU) Solar Energy feiert dieses Jahr ihr 30-jähriges Bestehen. Unter dem Motto «Energize your life.» entwickeln wir innovative Lösungen, mit denen sich Sonnenenergie kosteneffizient und intelligent erzeugen, speichern, verteilen und verbrauchen lässt. Fronius Solar Energy macht es möglich, 24 Stunden Sonne zu nutzen, und ist so Wegbereiter einer lebenswerten Zukunft, in der erneuerbare Energien zu 100 Prozent den weltweiten Energiebedarf decken. Nachhaltig entwickelt und produziert werden unsere Lösungen komplett in Europa – überwiegend in Österreich. Weltweit ist Fronius Solar Energy mit 26 Niederlassungen vertreten und kann bis dato auf eine Gesamtleistung von mehr als 25 Gigawatt installierter Wechselrichter verweisen. Der Vertrieb erfolgt über ein globales Kompetenznetzwerk aus Installations-, Service- und Vertriebspartnern.

ÜBER DIE FRONIUS SCHWEIZ AG

Die Fronius Schweiz AG mit Sitz in Rümlang ist eine Tochtergesellschaft der Fronius International. Fronius International ist ein österreichisches Familienunter nehmen mit Firmensitz in Pettenbach und weiteren Standorten in Wels, Thalheim, Steinhaus und Sattledt. 1945 als regionaler Einmannbetrieb gegründet, ist Fronius heute ein Global Player mit weltweit mehr als 5 660 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, der in den Bereichen Schweisstechnik, Photovoltaik und Batterielade technik tätig ist. Der Exportanteil beträgt 92 Prozent und wird mit 36 internationalen Fronius-Gesellschaften sowie Vertriebspartnerinnen und -partnern in mehr als 60 Ländern erreicht. Mit innovativen Produkten und Dienstleistungen sowie 1 321 aktiven Patenten ist Fronius einer der Innovationsführer am Weltmarkt.

Eisspeicher, die aktuell grösste Anlage ihrer Art in Europa. Vereinfacht erklärt nutzt ein Eisspeicher die Kristallisations energie, die frei wird, wenn Wasser zu Eis gefriert. Mithilfe von Wärmetauschern kann diese Energie in der kalten Jahreszeit zur Beheizung und im Sommer zum Küh len und Klimatisieren des Gebäudes ver wendet werden. Und ganz im Sinne der Fronius Werte wird der Neubau auch bald ganzflächig mit einer Photovoltaik-Anlage ausgestattet, die den Bestand von 930 Ki lowattpeak um ein weiteres Megawattpeak Leistung aufstockt.

DER WEG AUS DER KRISE

«Wir setzen mit dem Neubau in Sattledt gleich mehrere Zeichen», meint Elisabeth Engelbrechtsmüller-Strauss. «Wir möchten einerseits den Standort stärken und si

chern sowie andererseits als zukunfts trächtiger Arbeitgeber wahrgenommen werden. Allein heuer investieren wir bei Fronius 187 Millionen Euro in die Zukunft. Wir leben als Familienunternehmen die Kontinuität und denken weit nach vorne. Wir wachsen dabei aber nicht um jeden Preis, sondern immer nur dann, wenn wir es uns leisten können.»

KONTAKT

Fronius Schweiz AG Oberglatterstrasse 11 CH-8153 Rümlang

Telefon: +41 (0) 848 376 64 87

pv-sales-swiss@fronius.com www.fronius.ch

Seite 106 // energieRUNDSCHAU SOLAR
Fronius Geschäftsführerin Elisabeth Engelbrechtsmüller-Strauss Martin Hackl, Global Director Marketing and Sales, Business Unit Solar Energy, Fronius International GmbH

UNSERE VERSORGUNGSSICHERHEIT DER ZUKUNFT

HERAUSFORDERUNGEN UND WICHTIGE WEICHENSTELLUNGEN

Die heutige Stromversorgung stellt elektrische Energie rund um die Uhr und in genügender Menge, Leistung und Qualität bereit. Versorgungssicherheit beim Strom ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Diese bedingt einerseits genügend Energieproduktion und -verfügbarkeit zu jedem Zeitpunkt, andererseits auch ein genügend gut ausgebautes und betriebenes Stromnetz. Eine zu 100 Prozent erneuerbare Stromversorgung ist vor allem aus Sicht der Wahrung der Versorgungssicherheit eine grosse Herausforderung. Gleichzeitig werden die Märkte in Europa und in der Schweiz liberalisiert, begleitet von einer strengen Regulierung des Netzbereiches mit Kostenkontrolle und Effizienzvorgaben. Und schliesslich verändert sich auch die Verbrauchsseite radikal. Der Verkehr wird elektrifiziert und die fossilen Heizungen werden durch mit Strom betriebene Wärmepumpen ersetzt

Die bisherige Stromproduktion aus Kohlekraftwerken ist stark CO2-be lastet. In den letzten Jahren wurden daher erdgasbasierte Kraftwerke favorisiert. Hierbei hat man sich in Mittel und OstEuropa in eine starke Abhängigkeit von Russland begeben. Die politische und wirt schaftliche Dimension wurde nun mit der Ukrainekrise deutlich.

Die zukünftige Stromversorgung basiert auf stochastischer Einspeisung von Sonne,

Wind und Wasser. Versorgungssicherheit lässt sich entweder durch Überkapazitä ten oder Energiespeicherung gewährleisten. Die Stromeinspeisung durch Photovoltaik wird an sonnenreichen Stunden eine Leis tung aufweisen, die fünfmal grösser sein wird als der gleichzeitige schweizerische Strom bedarf. Es ist anzunehmen, dass die kurz fristige Energiespeicherung Tag – Nacht über Batteriespeicher und Verbrauchssteu erung erfolgt. Wesentlich aufwändiger wird der saisonale Ausgleich von Angebot und

Nachfrage sein. Der Weg der Stromspeiche rung über synthetische flüssige oder gasför mige Energieträger ist zwar aufwändig und verlustreich. Hohe Umwandlungsverluste lassen sich allerdings angesichts des enor men Angebots an günstiger regenerativer Energie in Europa oder anderen sonnenrei chen Regionen der Welt durch zusätzliche Energiegewinnung kompensieren.

Im Gleichschritt mit der Umstellung der Stromerzeugung auf regenerative Energie-

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Energiesystem der Zukunft mit Wasserstoff
© Quelle: Elektrische Energieversorgung Bd.2 Crastan/Höckel)

träger werden sich neue Endenergieträger und neue Technologien, wie Brennstoff zellen, Elektrolyseure und Wasserstoffspei cher etablieren. Die Energietransport- und -verteilsysteme werden stärker zusammen wachsen (Konvergenz).

Ein gut ausgebautes transeuropäisches Stromnetz, welches die Verschachtelung der stochastischen Produktion ermöglicht, hilft den Bedarf an Energiespeichern so klein wie möglich zu halten.

NETZE

Zwar wurde die Stromübertragung bereits im 19. Jahrhundert entwickelt, aber erst mit dem Zusammenschluss zum europäischen Verbundnetz ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die heutige Versorgungssicherheit möglich. Dabei übernimmt das europäische Höchstspannungsnetz das Rückgrat des Stromsystems. Aufwendiger in Erstellung und Betrieb ist aber die Verteilung der Ener gie bis zum einzelnen Haushalt. Das Verteil netz lässt sich mit dem weitverästelten Ader netz in unserem Körper vergleichen, von der Aorta bis hin zu den Kapillaren, welche jede einzelne Zelle dauernd mit genügend Sau erstoff und Nährstoffen versorgen. Das Stromnetz besteht aus Spannungsumfor mern, Schaltanlagen, Frei- und Kabelleitun gen. Über 200’000 Kilometer Länge misst das gesamte Leitungsnetz in der Schweiz. Netzanlagen sind kostenintensiv. Sie können über eine mittlere Lebensdauer von rund 40 Jahren genutzt werden. Heute werden dauernd Teile des Netzes erneuert, ver stärkt und ausgebaut. Dabei muss der Netzbetreiber sich auf den Bedarf der nächsten 40 Jahre ausrichten. Doch wie

sieht dieser Bedarf aus? Die neuen dezen tralen Produktionsanlagen, aber auch neue Anwendungen wie die Elektromobilität be anspruchen eine Leistung aus dem Netz, die um Faktoren höher ist als der heutige Leistungsbedarf. Auch die Stromflüsse än dern sich, was die Spannung aus ihrem Normbereich bringen kann. Mit dem Wech sel von zentraler, steuerbarer Produktion hin zu mehr dezentraler, nicht steuerbarer Pro duktion kann nicht mehr gewährleistet wer den, dass der Strom dann produziert wird, wenn er benötigt wird. Das bedeutet, dass vermehrt der Verbrauch an die Verfügbarkeit der Stromproduktion, aber auch an die

Netzverfügbarkeit angepasst werden muss. «Smart Grid» ist das Schlagwort, das die Lösung schaffen soll. Dabei sind es nicht primär die Netze, die intelligenter werden müssen, sondern vor allem die Verbraucher.

Die Netzbetreiber müssen bei den Kunden vermehrt Akzeptanz für die Steuerung ihrer Anwendungen schaffen.

REGULIERUNG

Getrieben durch die europaweit voranschrei tende Liberalisierung des Strommarktes wird der Netzbetreiber, ausgerechnet in die ser Zeit, in der eine sichere Stromversorgung zur grössten technischen und gesellschaft

Seite 108 // energieRUNDSCHAU SICHERHEIT

lichen Herausforderung erwächst, durch zu sätzliche neue gesetzliche Vorgaben und Pflichten in seinen Handlungsfreiräumen eingeschränkt. Die mehrheitlich in öffent licher Hand befindlichen Stromversor gungsunternehmen müssen den Netzbe

MAS IN ENERGIEWIRTSCHAFT

Der MAS in Energiewirtschaft der Fachhochschule Graubünden ist seit 12 Jahren eine etablierte Grösse in der schweizerischen Weiterbildungsland schaft der Versorgungsindustrie und ist bei angehenden Führungskräften sehr beliebt. Er bietet ein anspruchsvolles Curriculum über alle oben genannten Bereiche. Mit Expertinnen und Experten – wie die beiden Autoren dieses Artikels - aus Praxis und Forschung werden die technischen, rechtlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Aspekte des Energie systems vertieft. Der Fokus liegt dabei auf der Schweiz, wobei der internationale Bezug ebenfalls sichergestellt wird, da die Energiemärkte letztlich global funktionieren.

trieb buchhalterisch und informatorisch trennen von übrigen Tätigkeiten. Die Netz betreiber sind in der Pflicht, ein sicheres und leistungsfähiges Netz bereitzustellen, und dies mit minimalem Kostenaufwand. Dazu rapportiert der Netzbetreiber jährlich der eidgenössischen Elektrizitätskommis sion (ElCom) seine Kosten und Tarife und Kennzahlen zur Versorgungsqualität. Wei tere Pflichten des Netzbetreibers resultieren aus der Energiestrategie 2050, darunter bei spielsweise die Ermöglichung von Zusam menschlüssen zum Eigenverbrauch, die Ab nahme und Vergütung von überschüssigem PV-Strom oder die Einführung von intelligen ten Mess- und Steuersystemen.

RESUMÉE

Diese impulsgebenden Ausführungen ma chen deutlich, dass die Stromversorgung vor den grössten Herausforderungen steht.

Um das Ziel einer sicheren und erneuerba ren Stromversorgung zu erreichen, braucht es fähige und innovative Fachleute in allen Bereichen:

• im technischen Bereich für Planung, Bau und Betrieb von neuen erneuerbaren Produktionsanlagen, Speicheranlagen und Verteilnetze,

• im wirtschaftlichen Bereich, zur optimierten Bewirtschaftung der Anlagen für nachhaltige und effiziente Mittelverwendung, Aufbau zielführender Geschäftsmodelle,

• im Bereich der Abläufe und der Digitalisierung, wenn es darum geht, regulatorische Vorgaben nicht nur zu erfüllen, sondern innovative Ideen umzusetzen, so dass die Kunden mit ihrer Zustimmung in ein intelligentes Steuer- und Regelsystem eingebunden werden können und so die Versorgungssicherheit in einer erneuerbaren Stromversorgung der Zukunft mit gewährleisten können.

KONTAKT

Studienleitung: Prof. Dr. Karin Eggert

Fachhochschule Graubünden Comercialstrasse 22 CH-7000 Chur Telefon: +41 81 286 24 32

management-weiterbildung@fhgr.ch www.fhgr.ch/energiemaster

FRONIUS GEN24

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im Eigenheim. www.fronius.ch/gen24plus

SICHERHEIT
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Fronius GEN24 Plus ist die Lösung der solaren Energieversorgung. Ob Photovoltaik, Speicher, Notstrom, Wärme oder E-Mobilität, der Fronius GEN24 Plus bietet eine einzigartige Lösungsvielfalt und wird so zum Meilenstein der Energiewende

«HACKER» IM EINSATZ FÜR SMARTE LÖSUNGEN

VIERTER ENERGIE-HACKATHON DES HIGHTECH ZENTRUMS AARGAU, DER ZUKUNFTSREGION ARGOVIA und OPENDATA.CH

Digitale Tools werden für die Gestaltung der Schweizer Energiezukunft immer wichtiger. Die Suche nach datenbasierten innovativen Lösungen stand im Zentrum der Energy Data Hackdays 2022 im Technopark Aargau. Mehr als ein Dutzend «Challenges» wurden an dieser gut besuchten, offenen Veranstaltung bearbeitet.

Energietechnologien und Ressour ceneffizienz bilden einen themati schen Schwerpunkt des Hightech Zentrums Aargau (HTZ) in Brugg. Zusätz lich zur Förderung von Innovationsprojek ten von Aargauer Unternehmen ist dieser HTZ-Schwerpunkt bei einer Reihe von Di gitalisierungsanlässen federführend. Dazu gehört auch ein energiespezifischer Ha ckathon: die Energy Data Hackdays. Diese wurden dieses Jahr bereits zum vierten Mal vom HTZ durchgeführt, gemeinsam mit der Zukunftsregion Argovia (ZURA)

und dem Verein Opendata.ch. Getragen wird dieser Event von weiteren Sponsoren, Datenpartnern sowie Forschungs- und Hochschulpartnern. Zwei grössere Unter nehmen und die Universität Genf sind 2022 neu zu diesem Kreis gestossen.

PRAXISBEZOGENE AUFGABEN

Zu Beginn der eineinhalbtägigen Veran staltung wurden die Aufgabenstellungen («Challenges») präsentiert, die im Vorfeld von Partnern («Owner») ausgearbeitet wor den waren: Praxisbezogene Probleme oder

Fragestellungen, welche die ganze Wert schöpfungskette des Energiesektors ab decken: Von der Produktion und Bereit stellung, über die Verteilung bis zur Nutzung und Speicherung. Das Ziel sind Software-Prototypen oder mindestens erfolgversprechende Lösungsansätze, die sich später in Richtung Pilotprojekt weiterbearbeiten lassen.

ERFREULICHES ENGAGEMENT

An den Energy Data Hackdays 2022 en gagierten sich mehr als 100 «Hacker» und

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In Aktion: Gut 30 Stunden standen den «Hackern» zur Verfügung.

«Challenge-Owner». Zur Gruppe der Ha cker gehören Forscher und Datenwissen schaftler, Programmierer und Ingenieure, Unternehmerinnen und Studierende aus allen Landesteilen. Erstmals beteiligte sich die Universität München mit zwei ihrer Fachkräfte. Zwei Drittel aller Teilnehmen den nahmen zum ersten Mal teil. «Uns Organisatoren freut es natürlich, dass dieser Hackathon auf so grosses Interesse stösst und dass sich jedes Jahr zusätzli che Partner und auch mehr aktive Teilneh mer dafür interessieren», sagt Matthias Eifert, Geschäftsführer der ZURA. Für Unternehmen biete eine Teilnahme an Hackathons eine Reihe von spezifischen Vorteilen: «Neben der Lösung der gestell

ten Aufgabe eröffnen sich Chancen im Personalmarketing und Personalrecruiting, in der Sensibilisierung der Mitarbeiter, ebenso bezüglich Networking und der Visibilität des Unternehmens.»

PRINZIP «OPEN INNOVATION»

Die interdisziplinär zusammengesetzten Teams hatten 32 Stunden Zeit. Von 16 an gebotenen Challenges wurden 13 bearbei tet. Das methodische Prinzip heisst «Open Innovation» und «Co-Creation». Die Hacker erhalten Zugriff auf branchenrelevante Da tensätze. Gewisse Daten sind offen zugäng lich, andere wurden speziell aufbereitet und zur Verfügung gestellt. Die Ergebnisse wer den jeweils vom HTZ und vom Bundesamt

für Energie (BFE) publiziert. Das BFE nimmt auch eine Auswertung der Teilnehmer-Feed backs vor. «Auch in diesem Jahr konnten wir feststellen, dass die Qualität der Challenges sehr hoch war», resümiert Dr. Peter Morf, Leiter des HTZ-Schwerpunkts Energietech nologien und Ressourceneffizienz. Er er gänzt: «Einige Organisationen kündigten bereits zu Beginn an, dass die erwarteten Resultate direkt weiterverwendet werden. Dies zeigt, dass auch die Teams eine hohe Qualität aufwiesen.»

BEISPIELE FÜR CHALLENGES

• Nationale Smart-Meter-Lösung: Dieses Thema wurde bei der HackathonPremiere 2019 erstmals eingebracht und wird seither weiterbearbeitet. Kom munikationsfähige digitale Messgeräte (zum Beispiel Stromzähler) spielen im Rahmen der Energiestrategie 2050 eine wichtige Rolle. Bereits bis 2027 sollen 80 Prozent der installierten Stromzähler ersetzt werden. Die rund 650 Energie versorger in der Schweiz setzen heute Typen mit unterschiedlichen Schnitt stellen (Consumer Information Interface, CII) ein. Angestrebt wird eine nationale Branchenlösung.

• Energiebedarfs-Modelle: Die Raum beheizung macht rund 70 Prozent des gesamten Energieverbrauchs von Privathaushalten aus (Stand 2017). Die Stadt St.Gallen will den Wärmebedarf sämtlicher Gebäude visualisieren und präziser planen können. Nun sollen die existierenden «handgestrickten» Prognosemodelle – basierend auf Daten aus 20 Jahren – durch ein digitales Modell ersetzt werden. Zu diesem Zweck wird Künstliche Intelligenz (Machine Learning) eingesetzt. Ähnlich gelagert war die Challenge der Universität Genf: Sie will den Algorithmus für ihre bestehende Lösung «Tessa» weiter verbessern. In beiden Fällen spielen Gebäudeinformationen die Schlüsselrolle.

• Effiziente «Windfarmen»: Hinter rotierenden Windturbinen entstehen sogenannte Verwirbelungen («wake interactions»). Dadurch beeinflussen sich in einer grossen Windfarm die Turbinen in ihrer Energieproduktion. Nun will die OST Ostschweizer Fachhochschule den Energie-Output jeder einzelnen Turbine mit einem datenbasierten Modell sichtbar machen. Der Ertrag der gesamten Windfarm wird maximiert, indem nur einzelne Turbinen angepasst werden.

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Nationale Ausstrahlung: Mehr als 100 Teilnehmende aus allen Landesteilen. Etabliertes Format: Matthias Eifert, ZURA-Geschäftsführer, begrüsste zum vierten Energie-Hackathon.

• Transparente Solarstromproduktion: Echtzeitdaten zum Zustand der Energie versorgung im nationalen Rahmen bil den die Grundlage für Energieeffizienz und für die Verbesserung des CO2 Fussabdrucks. Photovoltaik (PV) ist ein Element hiervon. Das Start-up aliunid AG aus Brugg will seine bereits

verfügbaren Echtzeitdaten dazu nutzen, die gesamte Solarstromproduktion aller registrierter PV-Anlagen in Echtzeit abzuschätzen und auch abzubilden.

• Schutz vor Strahlen: In dicht besiedelten Gebieten befinden sich HochspannungsÜbertragungsnetze oft in der Nähe von bestehenden Gebäuden. Es gilt,

die Bewohner vor nicht-ionisierender Bestrahlung (NIS) zu schützen. Die Axpo Grid AG peilt die Klassifizierung aller relevanten Gebäude («non conforming constructions») an. Damit verbunden wird die Identifizierung von Immobilien mit besonderem Schutz bedarf. Der Weg zum Ziel besteht in der komplexen Verknüpfung von Daten. Einbezogen werden auch Daten, die mit einer besonderen Methode zur Umfelderfassung (LiDAR) erhoben wurden.

• Optimierung der Strombeschaffung: Eine effiziente Strombeschaffung erfor dert hinreichend präzise Prognosen hinsichtlich der Übertragungsverluste. Netzbetreiber müssen die erwarteten Einbussen im «Day Ahead Markt» durch Zukäufe kompensieren. Die Swissgrid AG strebt ein verbessertes Prognosemodell an, um die Vorhersage auf der Grundlage diverser Modelle zu optimieren. Auf diese Weise lassen sich die Risiken für das ganze System und auch der finanzielle Aufwand minimie ren. Basierend auf den Modellresultaten soll ein entsprechender Algorithmus entwickelt werden.

• Regionale Energieversorgung: Auf nationaler Ebene sind die energie politischen Ziele grundsätzlich bekannt. Aber wie präsentiert sich die Ausgangslage im regionalen Rahmen? Das Software-Start-up Geoimpact AG hat vom Bundesamt für Energie (BFE) den Auftrag, den bestehenden

• «Energie Reporter» weiterzuentwickeln, um die Transparenz zu steigern. Der «Energie Reporter» fokussiert auf Daten über Gemeinden und Städten, um deren Energiestrategie anhand dreier Kriterien zu erfassen: Anzahl Elektro mobile, Solarstromproduktion und «erneuerbare Heizungen». Diese Datenbasis soll laufend verbessert und mit öffentlich verfügbaren Daten aktualisiert werden. Die Geoimpact AG hat am jüngsten Energie-Hackathon eine entsprechende Challenge eingebracht.

VORMERKEN: ENERGIEZUKUNFT UND DAS HTZ

Herausforderungen und Lösungsansätze im Zusammenhang mit der Schweizer Energiezukunft stehen auch im Zentrum des nächsten Grossanlasses des Hightech Zentrums Aargau: Am 25. Oktober 2022 vermittelt der Event im Technopark Aargau in Brugg zunächst einen fundierten Überblick. Anschliessend werden praxisnahe Lösungen oder Lösungsvorschläge für verschiedenste Bereiche präsentiert. Der traditionelle Anlass bietet zudem erstklassige Chancen zum Netzwerken.

Anmelden unter: www.htz.ch/e-2022

KONTAKT

Hightech Zentrum Aargau AG Badenerstrasse 13 CH-5200 Brugg

Telefon: +41 (0) 56 560 50 55

www.hightechzentrum.ch

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Ausschliesslich datenbasierte Lösungen: Insgesamt 13 «Challenges» wurden bearbeitet. Event mit hoher Qualität: Dr. Peter Morf, Hightech Zentrum Aargau.
www.bundesrundschau.ch « DAS NACHSCHLAGEWERK FÜR DAS BESCHAFFUNGSWESEN. »

UNTERSTÜTZUNG DER SCHWEIZER ENERGIESTRATEGIE DURCH IMPORTIERTE WASSERKRAFT

Die Umsetzung der Schweizer Energiestrategie stellt weiterhin alle Akteure vor eine grosse Herausforderung und setzt Fragezeichen hinsichtlich der Versorgungssicherheit und der Stromlücke im Winter. Bereits jetzt ist die Schweiz ein grosser Strom-Netto-Importeur. Rund zehn Prozent ihres Stromverbrauchs werden im importiert; im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist dies viel.

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Indiesem Umfeld legt die Schweizer Energiestrategie fest, dass die Bedeu tung der Wasserkraft in der Schweiz wei ter zunehmen muss. Ist sie bereits heute mit einem Anteil von fast 60 Prozent bei Weitem die wichtigste Quelle von erneu erbarem Strom, soll sie bis 2050 weiter signifikant ausgebaut werden – auch, um den fehlenden Strom aus den perspekti visch abzuschaltenden Schweizer Kern kraftwerken zu ersetzen. Die Schweiz wird also noch stärker auf Wasserkraft setzen müssen. Das Potenzial und auch der Wille sind da. Doch beim Ausbau der Wasser kraft gibt es viele Konflikte zwischen Strom produktion und Landschaftsschutz sowie ökonomischen und regionalpolitischen Zie len. Und vor allem: Der Neubau von Was serkraftwerken benötigt Zeit. Zudem gibt es aufgrund der Topografie auch Grenzen. Der Klimawandel tut sein Übriges, was die Verfügbarkeit von Wassermengen angeht. Der Wille und die Notwendigkeit sind da, aber die Zeit wird immer knapper

Z USÄTZLICHE WASSERKRAFT AUS DEUTSCHLAND GEGEN SCHWEIZER STROMLÜCKE

Der Druck auf die Schweizer Stromversor ger ist gross. Schliesslich wird auch vor dem Hintergrund des Atomausstiegs die Bedeu tung der erneuerbaren Energien und beson ders der der Wasserkraft mittel- bis lang fristig weiter zunehmen. Eine Möglichkeit, diesen Herausforderungen zu begegnen, ist fehlende inländische Wasserkraft aus an grenzenden Nachbarländern hinzuzukaufen. Leider noch immer wenig bekannt in der Schweiz ist, dass Uniper einer der grössten Wasserkraftwerksbetreiber Europas ist, auch wenn Uniper die Schweiz als traditio nell sehr wichtigen Markt für sich bezeichnet, in dem es seit vielen Jahrzehnten gute Ge schäftsbeziehungen pflegt. Doch durch häu fige Namenswechsel ist die Marke Uniper in der Öffentlichkeit trotz dieser guten Verdrah tung in der Schweizer Energiewirtschaft we nig bekannt. Ursprünglich basierten die ge meinsamen Verbindungen vornehmlich auf Geschäfte im Gasbereich. Doch das ändert sich aktuell, denn in der Schweiz nimmt das Thema Strom immer mehr an Bedeutung zu. Eine Commodity, die Uniper liefern kann: Allein in Deutschland betreibt das Unterneh men mehr als 100 Wasserkraftwerke, die entlang der Flüsse Lech, Isar, Donau, Main und einiger Seen emissionsfrei Energie pro duzieren. Mit insgesamt zwei Gigawatt ins tallierter Leistung ist Uniper damit einer der grössten Betreiber von Wasserkraftwerken in Deutschland.

HERKUNFTSNACHWEISE GARANTIEREN CO2-FREIE ERZEUGUNG

Über das Uniper-Portfolio können Schweizer Energieversorger ihren Anteil CO2-frei er zeugter Energie aus Wasserkraft erhöhen. Uniper überträgt im Rahmen der grünen Stromversorgung Herkunftsnachweise aus Wasserkraft an die Energieversorger. So können sie Strom beziehen, bei dessen Er zeugung nicht auch nur ein Gramm CO2 pro Kilowattstunde anfällt. Denn: Beim Betrieb der Anlagen kommt es weder zu CO2-Aus stoss noch zu Lärm oder Abgasen und durch ihre Herkunftsnachweise weist Uniper transparent nach, dass der gelieferte Strom tatsächlich aus ihrer Wasserkraft stammt.

D er Zukauf von Wasserkraft über Her kunftsnachweise gibt dem Schweizer

Energiemarkt Planungssicherheit und Stabilität und bietet Versorgungssicher heit auch bei einem weiter steigenden Anteil erneuerbaren Energien am Strom mix. Auch im Winter! So leistet Uniper einen signifikanten Beitrag dazu, mög liche Stromlücken in der Schweiz zu schliessen.

KONTAKT

Uniper Energy Sales Holzstrasse 6 D-40221 Düsseldorf Telefon: +49 (0) 211 73275–0 info@uniper.energy decarbsolutions.uniper.energy/wasserkraft

Ausgabe 02/2022 // Seite 115 WASSERKRAFT

DAS

LEUCHTSTOFFLAMPENVERBOT 2023

Das Jahr 2021 markierte einen Meilenstein in der EU-Gesetzgebung für die Beleuchtungsindustrie: Die nächste Phase der Ökodesign-Richtlinie, auch Single Lighting Regulation (SLR) genannt, und die neue Energy Labeling Regulation (ELR) wurden im September 2021 wirksam. Dies bedeutete höhere MindestEnergieeffizienzanforderungen für LED-Produkte, eine Neuskalierung des EU-Energielabels für Lichtquellen und bessere Transparenz in den Produktstammdaten, die in der sogenannten EPREL-Datenbank gelistet werden müssen. Die Compliance mit den EU-Standards wurde damit weiter forciert.

Das viel entscheidendere Jahr wird jedoch 2023 sein. Mittlerweile wis sen wir, dass alle wichtigen Leucht stofflampen im Laufe des Jahres 2023 ver

boten werden. Und zwar nicht nur die T8 Lampen aufgrund der SLR, sondern jetzt eben auch alle anderen (T5, Kompaktlam pen mit Stiftsockel, etc.), da die Quecksil berausnahmen der RoHS-Richtlinie nicht weiter verlängert wurden.

Das Ergebnis digitaler Beleuchtungssysteme ist eine smarte Sensorsteuerung, die die Beleuchtung an die jeweilige Situation anpasst und den Energieverbrauch zusätzlich deutlich reduziert.

Dies resultiert aus den ehrgeizigen Klima zielen, denn die sind hoch gesteckt: Die langfristige Klimastrategie zeigt, dass die Schweiz ihre Emissionen in den Bereichen Verkehr, Gebäude und Industrie bis 2050 um knapp 90 Prozent vermindern kann. Der Gebäudesektor und der Verkehr kön nen bis 2050 emissionsfrei werden, und auch in der Industrie lassen sich die Emis sionen aus dem Energieverbrauch prak tisch vollständig beseitigen. «In der Schweiz werden jährlich 8 Milliarden Franken für elektrische Energie ausgegeben. Rund 12 Prozent davon für Beleuchtung, das ent spricht sieben Milliarden Kilowattstunden. Mit geeigneten Massnahmen können

3.5 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr eingespart werden» (Quelle SLG). Licht soll also nicht nur, sondern kann auch einen wesentlichen Beitrag zum Erreichen dieser Ziele leisten, was jedoch die Lichtindustrie vor eine enorme Herausforderung stellt. Laut der neuen EU-Richtlinie ROHS ist der Ein satz von Quecksilber in Leuchtmitteln ver boten. Für die jüngste Anpassung wird das Bundesamt für Umwelt bis Ende 2022 diese Änderungen in der ChemRRV aufnehmen, damit in der Schweiz der Ablauf beziehungs weise die Verlängerung der Ausnahmen zeit gleich, wie in der EU gelten kann.

Konkret bedeutet das, dass die betroffenen Produkte nicht mehr die Anforderungen der EU erfüllen und somit herkömmliche Kom paktleuchtstofflampen mit Stecksockel (CFLni) ab Februar 2023 und T5- und T8Leuchtstofflampen ab August 2023 nicht mehr in die Schweiz importiert beziehungs weise neu in den Handel gebracht werden

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In der Schweiz werden jährlich acht Milliarden Franken für elektrische Energie ausgegeben. Rund 12 Prozent davon für Beleuchtung, das entspricht sieben Milliarden Kilowattstunden. Mit geeigneten Massnahmen können 3.5 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr eingespart werden.

dürfen. Noch vorhandene Restbestände dürfen bis zu einem definierten Stichtag weiterhin abverkauft werden.

DIE EINSPARPOTENZIALE SIND ENORM

Die Anpassungen zielen nicht nur darauf ab, bestimmte Beleuchtungsprodukte zu verbieten. Sie fördern gezielt die Entwicklung von energiesparenden und nachhaltigen Lichtlösungen, die Stärkung der Kreislauf wirtschaft und die transparente, klare und einheitliche Information der Verbraucher. Doch so oder so haben die Anpassungen erhebliche Auswirkungen auf die Betreiber der Beleuchtungsanlagen und Anbieter, die diese Produkte einsetzen. Ein hoher Sanierungs- und Umrüstungsbedarf steht an. Es müssen konventionelle Leuchtstoff lampen mit modernen LED-Lampen oder Leuchten, aber auch insbesondere ver netzte Systeme, die fachmännisch ersetzt werden müssen.

Dabei ist wichtig zu verstehen, dass Leucht stofflampen eben nicht in jedem Fall einfach mit 1:1 LED-Alternativen zu ersetzen sind wie in der Vergangenheit die Glühlampen oder Halogenspotlampen. Die Kompatibilität zu den bestehenden Vorschaltgeräten muss sichergestellt oder notfalls eine komplette Neuplanung der Beleuchtung durchgeführt werden. Dazu kommt, dass die Anwendung zum grössten Teil im professionellen Bereich stattfindet und daher an Normvorgaben an gepasst ist (zum Beispiel die DIN EN 12464-1 zur Beleuchtung von Arbeitsstätten in In nenräumen). Insofern muss auch sicherge stellt sein, dass das Beleuchtungssystem anschliessend die Beleuchtungsvorgaben wieder erfüllt.

Diese Mammutaufgabe muss die Industrie gemeinsam angehen. Entlang des dreistu figen Vertriebs müssen alle Partner aufge schlaut und effektive Lösungen gefunden werden. Am Ende steht ein grösserer In vestitionsbedarf an, wenn man konventi onelle Leuchtstofflampen mit modernen LED-Lampen oder Leuchten oder vernetz ten Systemen ersetzen muss, wobei die Amortisationszeit durch Energieeinspa rung und verlängerte Lebensdauer gerade bei LED-Röhren sehr kurz sein wird.

Ein direkter Ersatz mit LED-Produkten ist beispielsweise möglich durch die neuen EU-konformen LED TUBES von LEDVANCE. Entweder als Konversions- (Umverdrah tungs-) oder als echte Retrofit-Lösung bietet das umfassende LED TUBE-Sortiment für

fast jede Anwendung die passenden LEDRöhren – energieeffizient und langlebig, flimmerarm und mit bruchsicherem Glas körper, vor allem aber konform der Gesetz gebung und damit zukunftssicher. Weiterer Pluspunkt: Die Einsparpotenziale sind enorm. Insgesamt bis zu 72 Prozent CO2 Einsparung, Energieeinsparungen von bis zu 98‘131 kWh und Kosteneinsparungen für Strom von bis zu 72 Prozent leisten ei nen wichtigen Beitrag zum Umweltschutz und erhöhen die Profitabilität.

VERNETZTE

BELEUCHTUNGSSYSTEME

Neben der hohen Energieeinsparung ist der eigentliche Charme von LED-Technik, dass sie «digital» ist und damit digitale Be leuchtungssysteme aufgebaut werden, bei denen nicht nur Komfort-Aspekte wie das Dimmen des Lichtstroms oder die Wahl der Farbtemperatur eingestellt werden können. Vielmehr bietet es sich an mit Sensorik Lichtszenen zu verändern und automatisiert zusätzlich Energie einzuspa ren (zum Beispiel Präsenz- oder Tages lichtsteuerung). So können beispielsweise herkömmliche Leuchtstofflampen durch hocheffiziente, dimmbare LED-Röhren er setzt werden, die mit dem LEDVANCE Sensor über Zigbee 3.0 gekoppelt werden. Das Ergebnis ist eine smarte Sensorsteu erung, die die Beleuchtung an die jeweilige Situation anpasst und den Energiever brauch zusätzlich deutlich reduziert. Die ses einfach zu installierende System eignet sich genauso für Nachrüstungen wie auch für Neubauten.

LEDVANCE – WIR ENTWICKELN LICHT WEITER.

LEDVANCE ist einer der weltweit führenden Anbieter in der Allgemein beleuchtung für professionelle Lichtanwender und Endverbraucher mit einem umfassenden Portfolio an LED-Leuchten, fortschrittlichen LED-Lampen, intelligenten und vernetzten Lösungen in den Bereichen Smart Home und Smart Building sowie traditionellen Leuchtmitteln.

Hervorgegangen aus der Allgemeinbe leuchtungssparte von OSRAM befindet sich das Unternehmen jetzt im Besitz des chinesischen Lichtunternehmens MLS Co., LTD. Mit Niederlassungen in mehr als 50 Ländern und Geschäfts aktivitäten in über 140 Ländern verfügt LEDVANCE über einen hervor ragenden globalen Markt zugang auf der Basis vertrauensvoller, jahr zehntelang gewachsener Kundenbezie hungen und einem leistungsstarken Vertriebsnetz.

KONTAKT

LEDVANCE AG

In der Au 6 CH-8406 Winterthur Telefon: +41 (0) 76 248 54 28

t.kropf@ledvance.com www.ledvance.ch

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Chance beim Wechsel zu LED: Insgesamt bis zu 72 Prozent CO2 Einsparung, Energieeinsparungen von bis zu 98‘131 kWh und Kosteneinsparungen für Strom von bis zu 72 Prozent leisten einen wichtigen Beitrag zum Umweltschutz und erhöhen die Profitabilität.

GERÜSTET FÜR EINE STROMMANGELLAGE

Nach den Warnungen des Bundes vor einem Strommangel ziehen manche Unternehmen eine Notstromversorgung in Betracht. Was ist grundsätzlich vorzukehren?

Und welche Möglichkeiten stehen zur Auswahl?

ImHerbst 2021 gab die Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom bekannt, dass ab 2025 in der Schweiz der Strom knapp werden könnte. Gleichzeitig forderte OSTRAL – die Organisation für Stromver sorgung in ausserordentlichen Lagen –Zehntausende von Grossverbrauchern auf, sich auf etwaige Stromspar-Dekrete des Bundes vorzubereiten.

THEMA ZEITIG ANGEHEN

«Eine Strommangellage steht zwar nicht unmittelbar vor der Tür», sagt Beat Mül ler, Geschäftsleiter der Bimex Energy AG im bernischen Uetendorf. «Akuter ist der zeit die Gefahr von Stromausfällen – oder gar von Blackouts, deren Folgen weit

gravierender sein können als die Folgen einer Strommangellage.» Viele Unterneh men verfügen deshalb schon heute über ein Notstromsystem, das Kurzunterbrü che und tagelange Netzausfälle kompen siert. Dennoch mahnt Beat Müller eine gewisse Eile an: «Firmen sollten bald klä ren, ob sie mit Blick auf eine Mangellage eine Notstromlösung benötigen respek tive ob bestehende Notstromkonzepte auch in einer Mangellage greifen wür den.» Der Grund für den Zeitdruck: «Die Nachfrage nach Stromaggregaten steigt deutlich und führt zu Lieferengpässen.» Ein weiterer Grund für die verlängerten Lieferfristen sind gemäss Beat Müller Unterbrüche in den Lieferketten.

SITUATION ANALYSIEREN

Beat Müller empfiehlt, eine Risikoanalyse vorzunehmen: Könnte die Firma während Wochen oder Monaten mit weniger Strom (Energie) auskommen? Wenn nicht, was wären die Folgen? Welche Prozesse müs sen unbedingt aufrechterhalten werden? Könnten die Lieferanten noch liefern? Könn ten die Kunden die Ware noch abnehmen und weiterverarbeiten? Was würde passie ren, wenn das Elektrizitätswerk temporär das ganze Versorgungsgebiet abschalten müsste? Eine Analyse bringt Licht ins Dun kel, bleibt aber bis zu einem gewissen Grad spekulativ. Denn erstens ist unbe kannt, wie sich politische Initiativen – zum Beispiel der Bau von Gaskraftwerken – auf

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NOTSTROM

die Versorgungslage auswirken würden. Zweitens konkretisieren sich Sparmass nahmen erst, wenn tatsächlich ein Strom mangel da ist und der Bund entsprechende Bewirtschaftungsverordnungen erlässt. Ein Beispiel: In einer Mangellage kann der Bund den Strombezug von Grossverbrauchern kontingentieren. Gemeint sind Firmen, die jährlich 100’000 Kilowattstunden und mehr verbrauchen. Dennoch müssen gemäss OSTRAL auch kleinere Verbraucher mit Einschränkungen rechnen – unter ande rem deshalb, weil immer mehr lastgang fähige Stromzähler, die «Smart Meter», im Einsatz sind. Sie ermöglichen es, jede Firma zu kontingentieren, die damit ausgerüstet ist. Wer zum Schluss kommt, dass sein Un ternehmen eine minimale oder eine um fangreichere Notstromversorgung braucht, kann folgende Varianten in Betracht ziehen.

STATIONÄRE

NOTSTROMANLAGEN

Stationäre Notstromanlagen sind entweder im Gebäude installiert oder stehen fix montiert im Freien – in einer schallge dämpften und wetterfesten Hülle. Die Bimex Energy AG plant die Anlagen von A bis Z, inklusive Aggregat, Kühlung, Lüf tung, Brennstoffversorgung, Abgasanlage und Abgasreinigung. Es werden Dieselag gregate der neuen Abgasstufe 5 verwen det. Die Aggregate stammen ausschliess lich von europäischen Qualitätsherstellern.

NOTSTROMSYSTEME MIT USV

USV-Systeme gewährleisten das unterbre chungsfreie Umschalten auf Notstrom, schützen also kritische Infrastrukturen wie Banken, Versicherungen, Telekomanbie ter, Spitäler, Rechencenter, Flughäfen oder Industriebetriebe mit heiklen Produktions prozessen. Die Bimex Energy AG setzt dabei auf USV-Anlagen der deutschen Pil ler Group – sie produziert als einzige Firma der Welt sowohl rotierende als auch stati sche USV-Technologien mit kinetischen Energiespeichern oder Batterien. Kineti sche Speicher haben nebst der Batteriefrei heit den Vorteil, dass sie Leistungsschwan kungen entgegenwirken, die beim Einsatz von Wind- und Solarstrom auftreten.

MOBILE AGGREGATE

Mobile Dieselaggregate werden auf Anhän ger oder Lastwagen gebaut. Jedes mobile Notstromaggregat wird von einem abgas normierten, wirtschaftlichen Dieselmotor der Abgasstufe 5 angetrieben. Die Bimex Energy AG konzipiert mobile Aggregate häufig als Spezialaggregate für hochspezi

fische Anwendungen – etwa für Elektrizi tätswerke, Wasserversorger, Industrie, Ar mee, Zivilschutz, Polizei oder Bahnbetriebe.

HYBRIDE AGGREGATE

Für den ortsunabhängigen Einsatz sind oft auch hybride Aggregate geeignet. Diese sind mit Hochleistungsbatterien ausge stattet und kaum hörbar, sie können ent weder als Energiespeicher genutzt werden oder fungieren als intelligente Lastmana ger im Verbund mit Solarmodulen, Diese laggregaten oder Netzstrom. Hybride Ag gregate eignen sich unter anderem zum Betanken von Elektrofahrzeugen.

KLEINSTROMERZEUGER

Die handlichste Form, um selbst ein Mi nimum an Strom zu produzieren, sind benzin- oder dieselbetriebene Klein

stromerzeuger und Traktorgeneratoren. Die Bimex Energy AG ist Generalvertre terin für die hochwertigen EisemannStromerzeuger in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein.

KONTAKT

Bimex Energy AG Glütschbachstrasse 32 CH-3661 Uetendorf Telefon: +41 33 334 55 66

Zürichstrasse 55 CH-8340 Hinwil ZH Telefon: +41 43 843 24 24 info@bimex.ch www.bimex.ch

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INDIVIDUELLE MIETKÄLTELÖSUNGEN VOM SCHWEIZER PROFI

MOBIL IN TIME SORGT BEI SEINEN KUNDEN KOMPETENT FÜR EINEN KÜHLEN KOPF

Individuelle Mietkälte-Lösungen und massgeschneiderte Service-Pakete. Vom kleinen fünf Kilowatt-Gerät bis zum Kaltwassersatz im Megawattbereich. Mobil in Time ist kompetenter Mietkälteprofi in der Schweiz und hat sich in den letzten Jahren als klarer Marktführer etabliert. Ein perfekt strukturiertes Team aus Kälte-Fachexperten steht den Kunden mit Rat und Tat zur Seite.

Vielen ist Mobil in Time ein Begriff, wenn es um mobile Lösungen im Bereich der Wärme geht. Die Ölund Pellet-Heizzentralen erfreuen sich aufgrund ihrer Zuverlässigkeit seit Jahren grosser Beliebtheit. Doch nicht nur im Wärme-Bereich hat sich Mobil in Time als Marktführer in der Schweiz etabliert – auch

in der mobilen Kälte kann das Unterneh men inzwischen eine klare Marktführer schaft verzeichnen.

Das Kälte-Sortiment ist vielfältig und bietet neben Klimageräten auch Rückkühler, Lüftungsgeräte, Wärmepumpen und das dazugehörige Zubehör. Den Grossteil ma

chen jedoch die über 90 Kaltwassersätze zwischen fünf Kilowatt und 1 400 Kilowatt aus. Der sehr grosse und moderne Miet kälte-Anlagenpark garantiert dem Kunden höchste Ausfallsicherheit. Dazu ist der Grossteil der Anlagen inzwischen digitali siert und somit auch aus der Ferne steuerund kontrollierbar. «Unser Digital Control

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Die Kälteanlagen im Gotthard Basistunnel können mit Hilfe des Digital Control Systems auch aus der Ferne überwacht werden. © Mobil
in Time

System (DCS) meldet im Fall der Fälle jede Störung direkt in unsere Zentrale. In den meisten Fällen lassen sich die Fehler über das DCS beheben. «Unser schnell einsetz bares, flexibles Service-Team ermöglicht zudem eine schnelle Behebung des Prob lems vor Ort, wenn es einmal nötig sein sollte» erklärt Stephan Marty, Bereichsleiter Kälte. «Auch ermöglicht das DCS ein Ein greifen, bevor es überhaupt zu einem Aus fall kommen könnte. Das macht uns schnel ler und besser und bringt uns näher an den Kunden. Der wiederum weiss, dass seine Mietkälteanlagen in kompetenten Händen sind, und kann sich somit weiterhin auf sein Kerngeschäft konzentrieren.»

Dass es aber nicht nur auf Quantität im Mietanlagenpark, sondern auch auf Qua lität der Serviceleistung ankommt, weiss man bei Mobil in Time schon lange. «Wir wissen, jeder Anwendungsfall ist anders. Über 90 Prozent unserer Projekte basieren heutzutage bereits auf massgeschneiderten Lösungen» erklärt Stefan Moll-Thissen, CEO von Mobil in Time. «Mit unserem KälteTeam setzen wir schweizweit ganz klar den Benchmark: exzellentes technisches Fach-Know-how, schnelle Reaktionszeiten sowie überdurchschnittliche Serviceleis tungen bei der Vorbereitung, Ausführung und Betreuung des Kunden. Bei jedem unserer Projekte steht unser Kunde an erster Stelle.»

Ein weiterer grosser Schritt für den KälteBereich von Mobil in Time war der Start in die Partnerschaft mit dem Schweizer

Haustechnik-Giganten Meier Tobler. In der Haustechnik-Branche sind Meier Tobler und Mobil in Time bei Installateuren, Ge bäudetechnikern und Planern seit Jahren bekannt. Beide stehen für hohe Qualität, innovative Dienstleistungen und nachhaltige Lösungen. Als Partner hat Mobil in Time das Mietkälte-Geschäft in der Deutsch schweiz und im Tessin für die Kunden von Meier Tobler übernommen. Der Verkauf von Kälte-Anlagen wie auch von allen wei teren Klima- und Kältesystemlösungen erfolgt weiterhin über Meier Tobler. Konkret sieht das Angebot vor, dass bei interimis tischem oder dringlichem Kälte- / Klimati sierungsbedarf, Mobil in Time mit seinen Anlagen die Lösung bietet.

«Die Partnerschaft mit Meier Tobler macht uns sehr stolz und bestätigt uns in unserem Bestreben, ein qualitativ hochwertiger und verlässlicher Partner im Bereich der mobilen Kälte zu sein», erklärt Stefan Moll-Thissen. «Seit vielen Jahren schon arbeiten wir im Bereich der Wärme eng mit Meier Tobler zusammen und schätzen dies sehr. Unsere Unternehmen verbindet ein hoher Qualitäts anspruch und wir ergänzen uns in den Kernkompetenzen ideal. Wir sind stolz, auch im Bereich der Miet-Kälte mit einem so be kannten Anbieter wie der Meier Tobler AG zusammenarbeiten zu dürfen.»

Auch auf die Nachhaltigkeit legt Mobil in Time einen hohen Wert und fokussiert sich in der mobilen Kälte dabei auf die Anschaf fung neuer Kälteanlagen, die mit umwelt freundlichen Kältemitteln betrieben werden.

Dieser Trend entspricht den Vorschriften der Behörden, künftig ausschliesslich Kälte mittel einzusetzen, die ein niedriges GWP (Global Warming Potential) aufweisen. «Bei uns werden bereits in vielen Anlagen die Kältemittel HFO und R32 eingesetzt» ergänzt Stephan Marty und begründet: «R32 bietet eine sehr gute volumetrische Kälteleistung und wird bei uns für Anlagen bis zu 200 Kilowatt verwendet, während HFO in höheren Leistungsbereichen zum Einsatz kommt und besonders umwelt freundlich ist».

In einem Marktumfeld, das geprägt ist von Lieferengpässen, wachsendem Klimati sierungsbedarf oder einer zunehmenden Attraktivität von Mietlösungen gegenüber bindenden Investitionen, fühlt sich das Unternehmen Mobil in Time für die Zukunft gut gerüstet. Stefan Moll-Thissen freut sich darauf: «Die Kombination aus unseren über 25 Jahren Erfahrung und unserem konsequenten Bestreben nach Innovation und Qualität hilft uns dabei, auch in Zu kunft die mobile Kältebranche mitzuge stalten und für jeden Kunden eine ideale Mietkälte-Lösung zu finden.»

KONTAKT

Mobil in Time AG Mattenstrasse 3 CH-8253 Diessenhofen Telefon: +41 (0) 44 806 13 00 info@mobilintime.com www.mobilintime.com

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Der Kaltwassersatz KM Cool 500 DN-HFO gehört zu den Anlagen der neuesten Generation, die mit dem umweltschonenden Kältemittel HFO betrieben werden können. Über das Handy kann die Anlage gesteuert werden.
© Mobil in Time © Mobil in Time

EVU STELLEN SICH DER DIGITALISIERUNG

ONLINE-BERATUNGSTOOL «DIGITAL4EVU» DER FACHHOCHSCHULE NORDWESTSCHWEIZ von Dr. Benedikt Vogel, im Auftrag des Bundesamts für Energie (BFE)

Digitale Technologien durchdringen mehr und mehr unseren Alltag. Das spüren auch die rund 600 Elektrizitätsversorgungsunternehmen (EVU) der Schweiz. Bei ihnen berührt die Digitalisierung strategische und operative Fragen, betroffen sind alle Geschäftsbereiche von der Produktion bis zur Kundenbetreuung. Die Fachhochschule Nordwestschweiz hat mit Unterstützung des Bundesamts für Energie (BFE) einen digitalen Berater für EVU entwickelt. Er hilft den Stromversorgern, ihren Digitalisierungsgrad mit einem beschränkten finanziellen und zeitlichen Aufwand zu erheben und Prioritäten bei der Anwendung digitaler Technologien zu setzen.

DerKanton Uri zählt gut 36’000 Ein wohnerinnen und Einwohner sowie zahlreiche Industrie-, Gewerbeund Dienstleistungsbetriebe. Die meisten von ihnen werden von der EWA-energie Uri AG (Altdorf) mit Strom («URstrom») beliefert. Der Urner Energiedienstleister gehört mit 360 Mitarbeiterinnen und Mit

arbeitern zu den mittelgrossen Stromver sorgern der Schweiz. «Wir befassen uns seit mehreren Jahren mit der Digitalisie rung und haben hierfür auch eine spezifi sche Digitalisierungsstrategie entwickelt», sagt Werner Jauch, Vorsitzender der Ge schäftsleitung der EWA-energieUri AG. Das Unternehmen hat dafür auch die Ex

pertise externer Expertinnen und Exper ten genutzt und verschiedene Branchen vergleiche (Benchmarks) durch geführt. «Die Umsetzung der Digi talisierungs strategie ist ein langfristig angelegter Pro zess, da sind Benchmark-Vergleiche und Einschätzungen von aussen stets willkom men», sagt Jauch.

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© EWA-energieUri
Ausgabe 02/2022 // Seite 123 DIGITALISIERUNG

BERATUNGSTOOL DER FHNW

Diesem Zweck dient seit Neuestem auch ein Online-Beratungstool mit dem Namen «Digital4EVU», das die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) mit Unterstüt zung des Bundesamts für Energie entwickelt hat. «Mit dem Online-Beratungstool geben wir den KMU im Energiesektor ein Instru ment an die Hand, mit dem sie schnell und mit überschaubarem Aufwand wissen, wo sie bei der Digitalisierung stehen und wie sie gezielt Massnahmen ergreifen können», sagt Stella Gatziu Grivas, die seit 2007 als Pro fessorin an der Hochschule für Wirtschaft der FHNW forscht und lehrt. Als Expertin für digitale Transformation hat sie das Bera tungstool gemeinsam mit einem Team der FHNW entwickelt. «Digital4EVU» nutzt eine webbasierte Plattform von «abiliCor», einem FHNW-Spin-off, an dessen Gründung Gat ziu Grivas 2017 beteiligt war.

«Digital4EVU» ist so konzipiert, dass Un ternehmen es im ersten Schritt ohne fremde Hilfe nutzen können: Nachdem sich ein EVU bei dem Portal angemeldet

hat, werden mehrere Unternehmensver treter mit unterschiedlichen Verantwort lichkeiten eingeladen, einen Online-Frage bogen auszufüllen. Insgesamt 52 Fragen decken 15 für die digitale Transformation relevante Bereiche ab, gruppiert um die Schwerpunkte Kundenbeziehung, Ge schäftsmodell, operatives Management und Organisation. Hauptziel ist, den IstZustand der Digitalisierung zu erfassen, dies unter Berücksichtigung der verschie denen Perspektiven der teilnehmenden Unternehmensvertreter. Liegen die Ant worten vor, werden diese durch «Digita l4EVU» automatisch ausgewertet und die Analyseergebnisse auf dem Dashboard angezeigt (und dabei auch die Antworten der Unternehmensvertreter einander ge genübergestellt). Die EVU bekommen dabei Informationen zu Stand und Handlungsbe darf bezüglich Digitalisierung. Dieses Er gebnis ist die Grundlage, auf der das EVU in einem zweiten Schritt unter Beizug ei nes / einer branchenkundigen Beraters / Beraterin gezielt Massnahmen diskutiert und umsetzt.

ERFAHRUNGEN AUS ANDEREN BRANCHEN

Nachdem das Pilotprojekt abgeschlossen ist, steht «Digital4EVU» nach Auskunft von Stella Gatziu Grivas für den kommerziellen Einsatz bereit. Mit dem Beratungstool könn ten Unternehmen Digitalisierungsschritte innerhalb weniger Wochen planen und an gehen. Aufgrund der automatisierten Da tenerhebung und -auswertung sei die Dienstleistung günstiger als klassische Be ratungsangebote, verspricht Gatziu Grivas.

Das Online-Beratungstool war im Rah men eines Innotourprojekts des Staats sekretariats für Wirtschaft (SECO) zusam men mit der FHNW für die Hotellerie entwickelt worden. Seit 2019 wurde es in mehreren Branchen in Pilots getestet und im Rahmen von Beratungspaketen ange boten. Alle Beratungswerkzeuge sind ähnlich aufgebaut, haben jedoch bran chenspezifische Ausprägungen. Neben Hotelleriesuisse und dem Schweizerischen Baumeisterverband setzt auch EXPERT suisse, der Verband für Wirtschaftsprü

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DIGITALISIERUNG

fung, Steuern und Treuhand, auf das Be ratungstool. Seit 2019 nahmen rund 40 Firmen das Angebot in Anspruch. «Das Tool ermöglicht den Unternehmensver tretern, niederschwellig zu erfahren, wel che Facetten das Thema der digitalen Transformation umfasst und worin die grössten Herausforderungen für das ei gene Unternehmen liegen», sagt Luzia Hafen, verantwortlich für Business-Trans formation bei EXPERTsuisse.

NÜTZLICH UND BEDIENUNGSFREUNDLICH

Künftig soll das Beratungsangebot nun auch Energieversorgern zur Verfügung stehen. Die EWA-energieUri-Gruppe war eines von fünf Unternehmen, die «Digital4EVU» in den letz ten Monaten im Rahmen eines Pilots nutzten und auf seine Praxistauglichkeit testeten. Dies geschah anlässlich von zwei Work shops mit Projektteam und Unternehmens vertretern. Bei dem Pilot habe sich das Digitalisierungswerkzeug als nützlich und soweit bedienungsfreundlich erwiesen, sagt Werner Jauch, CEO der EWA-ener gieUri AG. «Das Beratungstool hat uns bestätigt, dass wir in unserer früher erar beiteten Digitalisierungsstrategie alle re levanten Handlungsfelder adressiert und teilweise bereits umgesetzt haben, und es hat uns weitere interessante Anregun gen gegeben.»

Dazu gehören laut Jauch zum Beispiel neue Ansätze zur Kundeninteraktion mit tels einer stärkeren Beachtung des Com munity-Gedankens. Das heisst praktisch etwa, Prosumer – also Kunden, die selbst auch Strom produzieren – mit speziellen digitalen Angeboten als eigene Gruppe anzusprechen. Die Auseinandersetzung mit «Digital4EVU» gab den Verantwort lichen des Energiedienstleisters Anstösse, die digitalen Meldeprozesse mit Kunden beteiligung kontinuierlich weiterzuent wickeln. «Die Diskussion hat uns auch auf gezeigt, dass wir schon gut unterwegs sind und viel umgesetzt haben, dass wir aber bei unseren Digitalisierungsbestre bungen den Schlitten nicht überladen dür fen, da wir letztlich nur begrenzte Ressour cen haben», sagt Jauch.

VERBESSERUNGEN AUS DER PILOTANWENDUNG

Nützlich war diese Pilotanwendung auch für das Projektteam. Dank der Rückmel dungen von EWA-energieUri konnte das Team nochmals an den Fragen des Be ratungstools feilen, damit diese richtig verstanden werden und zielgenaue Ant worten erlauben. Ein anderes Feedback war, dass die Auswertung des Tools nicht in jedem Fall selbsterklärend war. Hier streben die Projektverantwortlichen weitere Optimierungen an: Ein Chat

bot, der gegenwärtig entwickelt wird, soll die Auswertungsergebnisse zusätz lich erläutern.

Wie das Online-Beratungstool «Digital4EVU» von den Elektrizitätsversorgern ange nommen wird, wird sich zeigen. Eine An wendung mag darin bestehen, eine schnelle Rückmeldung zum Stand der Digitalisierung im eigenen Unternehmen zu bekommen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass das Thema Digitalisierung vielschichtig ist, sodass mit einigen Klicks auf einem Online-Tool noch nicht viel gewonnen ist, und Digitalisierung vielmehr eine vertiefte Beschäftigung erfor dert. «Digital4EVU» kann diese vertiefte Be schäftigung nicht ersetzen, EVU aber bei einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema Digitalisierung begleiten.

HINWEIS

Auskünfte zum Projekt erteilt Annina Faes (annina.faes@bfe.admin.ch), Leiterin des BFE-Programms Wissensund Technologietransfer.

Weitere Fachbeiträge aus dem Bereich Wissens- und Technologie transfer finden Sie unter www.bfe.admin.ch/ec-ewg.

Ausgabe 02/2022 // Seite 125
© B. Vogel DIGITALISIERUNG

SOCIETY 5.0 – RISIKEN UND BEDROHUNGEN EINER ZUKÜNFTIGEN GESELLSCHAFT

Aus der Entwicklung der Menschheit ergibt sich konsequenterweise die Transformation der Gesellschaftsformen, beginnend mit der Gesellschaft der Jäger und Sammler (Gesellschaft 1.0), gefolgt von der Agrargesellschaft (Gesellschaft 2.0), hin zur Industriegesellschaft (Gesellschaft 3.0) und schliesslich der Informationsgesellschaft (Gesellschaft 4.0). Der nächste Schritt den wir gehen werden, führt hin zur sogenannten Super-Smart-Gesellschaft (Society 5.0). Das Konzept der Gesellschaft 5.0 wurde erstmals im 5. Wissenschafts- und Technologie-Grundlagenplan (2016-2020) der japanischen Regierung als eine zukünftige Gesellschaftsform vorgeschlagen, die Japan anstreben sollte.

AUS- UND WEITERBILDUNG

Die Gesellschaft 5.0 zielt darauf ab, Lösungen für die unterschiedlichen sozialen Herausforderungen zu finden, die sich unter anderem auf Grund von Demographie, technologischer Innova tionen und eben auch dem Bemühen um die Erhaltung der natürlichen Lebensgrund lagen der Menschheit ergeben. Dabei sollen Innovationen beispielsweise aus den Berei chen Internet der Dinge, Robotik, Künstliche Intelligenz (KI) und Big Data in alle Branchen

FLEXIBLE & MASSGESCHNEI

DERTE LEHRGÄNGE

• Executive MBA Management in Technology

• Executive Diploma Management Excellence

• Executive Diploma Digital Leadership

• Executive CAS Strategies & Innovation

• Executive CAS Leadership in a diverse world

• Executive CAS Leadership & HR Management

• Executive CAS Financial Decision Making

• Executive CAS Digital Excellence

• Executive CAS Project Excellence

• Executive CAS Innovation Management & Intrapreneurship

Anmeldung und weitere Informationen unter www.iimt.ch

sowie sozialen Aktivitäten integriert werden, und zwar immer als „Human Centric“ Ansatz. Statt einer Zukunft, die von KI und Algorithmen kontrolliert und überwacht wird, soll die Technologie genutzt werden, um eine auf den Menschen ausgerichtete Ge sellschaft zu schaffen, in welcher jeder und jede Einzelne ein aktives und erfülltes Leben führen kann. Offensichtlich ist, dass durch den massiven Einsatz neuer Technologien sich verstärkt Sicherheitsprobleme ergeben werden – nicht nur beispielsweise durch Cy ber-Attacken unberechenbarer Despoten, sondern auch den Machthunger von einzel nen Hyper-Milliardären oder Konzernen.

Jede Phase der gesellschaftlichen Ent wicklung hat in Bezug auf die Sicherheit ihre Eigenheiten und Spezialisierungen. In der aktuellen Forschung ist klar, dass der Schwerpunkt bei der Betrachtung von Sicherheitsfragen nicht nur auf techno logischen Aspekten liegen kann. Der Mensch als Individuum, in der Gruppe so wie in der Gesellschaft muss aus einer anderen Perspektive betrachtet werden und im Sinne des Human-Centric Ansatzes ins Zentrum von Sicherheitsbetrachtungen gestellt werden. Vor diesem Hintergrund hat das Forschungsteam am iimt ein neues Konzept entwickelt: Smart Sovereignty. Die ses zielt darauf ab, die Machtposition weg von Regierungen und insbesondere auch Grossunternehmen zu verlagern und die In dividuen direkt und indirekt zu befähigen,

den Wandel durch neue Organisationen, zu kontrollieren und anzuführen. Dies wiederrum öffnet die Türen für weitere in terdisziplinäre Forschung.

IIMT – KOMPETENZZENTRUM IM BEREICH MANAGEMENT DER TECHNOLOGIE

Das iimt ist ein Kompetenzzentrum im Bereich Management der Technologie und bietet nicht nur innovative Forschung, sondern seit mehr als 25 Jahren exzellente Weiterbildung an. Es entwickelt zukünftige «Game-Changer», welche einen entschei denden Einfluss auf die Gesellschaft haben, technologiegetriebenen Herausforderungen begegnen und Lösungen für zukünftige Problemstellungen in einem globalen Geschäftsumfeld liefern. Das iimt bietet ein inspirierendes Umfeld für exzellente Weiterbildung und Spitzenforschung.

Wir beraten Sie gerne und würden uns freuen, Sie am iimt zu begrüssen.

KONTAKT

iimt Universität Fribourg Bd de Pérolles 90 CH-1700 Fribourg iimt@unifr.ch www.iimt.ch

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2023

Folgende Schwerpunkte stehen auf unserer Agenda:

Verantwortung gegenüber dem Bestand

Licht und die Formsprache der Architektur

Unternehmenszentralen als Aushängeschild Mehr Grün auf und an Gebäudehüllen

Energielösungen Aus- und Weiterbildung Mobilität Sicherheit

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