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Die Zeitung für Medizinstudenten und junge Ärzte

ZEITUNG

Digitaler Nachschlag der Ausgabe 05/13 · November/Dezember 2013 · In Kooperation mit dem Georg Thieme Verlag · www.medi-learn.de

Digitaler Nachschlag

Nebenwirkungen inklusive

Ganz in weiß

Technik trifft Gewebe

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Jedes Medikament bringt sorgt neben Bekämpfung der eigentlich Ursache für weitere biochemische Reaktionen. Ein Grund warum es so schwer fällt die Nebenwirkungen für Medikamente zu definieren.

Die ersten Tage im weißen Kittel – Dr. Olga Kogan erzählt in Ihrem Erfahrungsbericht von den ersten Tagen in der Klinik und dem Dasein als Arzt. Hier findest du die Fortsetzung aus der MEDI-LEARN Zeitung.

Schnittstellen bei Herzschrittmachern oder Prothesen zwischen Technik und Gewebe sind meist kritische Punkte. Jan Hansmann möchte diese Integration in den kommenden Jahren optimieren.

Infektionen schneller und gezielter Bekämpfen Biomarkern ermöglichen innovative Wege in der Vorbeugung, Diagnose und Therapie Anita Schneider (idw-Autoren)

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nfektionen mit Viren, Bakterien, Pilzen oder Parasiten sind laut Weltgesundheitsorganisation in Mitteleuropa die dritthäufigste Todesursache, in ärmeren Regionen sogar die häufigste. Darüber hinaus scheinen sie an der Entstehung von Tumoren beteiligt zu sein sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie etwa Herzmuskelentzündungen auszulösen. Die

1,8 Mio. Euro von der Bayerischen Forschungsstiftung, um mithilfe von Biomarkern eine effiziente Diagnose sowie wirkungsvolle Präventions- und Therapieformen zu ermöglichen. „Je schneller der behandelnde Arzt eine Infektion als Ursache für eine Erkrankung diagnostiziert und je früher er den Erreger identifiziert, umso effizienter kann er

Als Indikatoren für Infektionskrankheiten sowie zur Feintypisierung und Verlaufskontrolle dienen

Behandlung ist jedoch schwierig, unter anderem weil viele Erreger wandlungsfähig sind und Resistenzen etwa gegen Antibiotika entwickeln können. Der heute gestartete Bayerische Forschungsverbund ForBIMed („Biomarker in der Infektionsmedizin“) erhält in den kommenden drei Jahren rund

dessen Ausbreitung und Auswirkungen auf das Herz-KreislaufSystem verhindern; je genauer er den Erreger und das Maß der Ausbreitung kennt, umso gezielter kann er die Therapie konzipieren“, erläutert Professor Dr. Ralf Wagner von der Universität Regensburg die Zielrichtung von ForBIMed. Er

den Forschern sogenannte Biomarker, Eigenschaften bzw. Produkte von Organismen im Körper, die Rückschlüsse auf Erkrankungen zulassen. Welche Marker sich hierfür eignen und wie sie sich einsetzen lassen, wollen die Verbundpartner nun herausfinden. Unter anderem sollen die Biomarker helfen, schnell

koordiniert den Verbund, der sich aus sieben bayerischen Lehrstühlen und zehn Unternehmen zusammensetzt.

Biomarker helfen Bei diaGnose...

zwischen einer bakteriellen und einer viralen Infektion zu unterscheiden und so aufwendige, langwierige Untersuchungen ersetzen. Auch die Unterscheidung zwischen verwandten Erregern wollen die Forscher verbessern, sodass der Arzt spezifischere Medikamente einsetzen kann. Daneben stellt die Resistenzbestimmung von Bakterien und Pilzen eine wichtige Aufgabe dar. „Herkömmliche

Verfahren sind an das Wachstum des zu testenden Organismus gebunden, Ergebnisse oft erst nach langen Inkubationszeiten verfügbar“, so Wagner. ForBIMed setzt daher auf die MALDI-TOF-Massenspektrometrie, eine Laser-Technologie, die schnelle Fortsetzung auf Seite 2


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Biomarkern ermöglichen innovative Wege Fortsetzung von Seite 1 Rückschlüsse erlaubt. Auf diese Weise will der Verbund erstmals im Reagenzglas (in vitro) Antibiotika-Resistenzen von Bakterien identifizieren und ein schnelles Testen von Arzneimitteln bei Sprossund Schimmelpilzen ermöglichen sowie bakterielle Resistenzen unmittelbar im Körper (in vivo) im Lauf der Behandlung überprüfen.

...sowie Prävention und Therapie Auf die Diagnose mit Biomarkern aufbauend ist die Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten ein Hauptanliegen von ForBIMed. Unter anderem untersuchen die Wissenschaftler die

Frage, inwieweit diese mit dem Immunsystem zusammenwirken und welche dieser Arzneimittel auch bei Risikogruppen – beispielsweise Transplantationspatienten oder älteren Menschen – gefahrlos eingesetzt werden können. Bei der Bekämpfung von Infektionserkrankungen wie z. B. AIDS oder Dengue-Fieber oder zur Vermeidung von Virus-Reaktionen bei Transplantationen, gegen die bislang weder vorbeugend noch behandelnd geimpft werden kann, machen sich die Verbundpartner ihrerseits die Funktionsweise von Viren zunutze. Mithilfe sogenannter viraler Vektoren präsentieren sie dem Immunsystem ausgewählte Ziele der zellver-

mittelten und antikörperbasierten Immunantwort, um Infektionen entweder komplett zu verhindern oder zumindest so zu kontrollieren, dass die Krankheit nicht zum Ausbruch kommt. Im Rahmen der Forschungsarbeiten sollen mithilfe der gewonnenen Erkenntnisse über Biomarker neue oder verbesserte virale Vektoren entwickelt werden. Um die gesteckten Ziele zu erreichen und eine große Anwendungsnähe zu garantieren, arbeiten die universitären Wissenschaftler in ForBIMed eng mit Partnern aus der Wirtschaft zusammen. Das Gesamtvolumen des Verbundes beträgt 3,4 Mio. Euro. Die Bayerische Forschungsstiftung fördert ForBIMed über drei Jahre mit

1,8 Mio. Euro; den Rest steuern die zehn Industriepartner bei. Auf universitärer Seite sind Lehrstühle der Universität Regensburg, der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, der LudwigMaximilians-Universität München und der Technischen Universität München beteiligt. Der breiten Öffentlichkeit stellt sich ForBIMed erstmals am 19. Oktober im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften am Stand der Bayerischen Forschungsallianz in der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm vor.

Den Nebenwirkungen von Medikamenten auf der Spur Jedes Medikament löst im Körper komplexe biochemische Reaktionen aus Claudia Hilbert (idw-Autoren)

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gal, ob eine Kopfschmerztablette aus der Hausapotheke oder Antibiotika zur Behandlung einer Lungenentzündung: Jedes Medikament löst im Körper komplexe biochemische Reaktionen aus. Und gerade hier liegt das Problem: Denn bisher können Pharmakologen zwar für einzelne Stoffe testen, wie der Körper darauf reagiert und welche Nebenwirkungen auftreten können. Eine vollständige Entschlüsselung der Effekte von Neben- und Zwischenprodukten innerhalb der biochemischen Reaktionskette ist derzeit jedoch nicht möglich.

Analyse der komplexen Effekte von Wirk- und Giftstoffen Wissenschaftler des Kompetenzdreiecks Optische Mikrosysteme (KD OptiMi), an dem u. a. die Friedrich-Schiller-Universität Jena beteiligt ist, haben ein hochintegriertes optisches Mikrosystem entwickelt, das die komplexen Effekte von Wirk- und Giftstoffen auf Lebewesen aufschlüsselt und damit

vielfältige Anwendungen in Pharmazie und Umweltanalytik eröffnet. Einen ersten Prototyp des Bioreaktors stellen die Forscher auf der größten Fachmesse für Biotechnologie, Life Sciences und Labortechnik in Europa „Biotechnica“ vor. „Das System besteht aus mikrofluidischen, mikrooptischen und mikromechanischen Komponenten, so dass mehrere Parameter gleichzeitig gemessen werden können“, erklärt Ira Winkler vom Institut für Angewandte Physik. „Damit ist es effizienter, schneller und kostengünstiger als bisherige Verfahren“, so die Projektkoordinatorin. Neben Schnelltests ermöglicht der neue Bioreaktor die Analyse von Stoffmischungen auch in niedrigen Konzentrationen sowie die dreidimensionale Kultivierung von Zellaggregaten. „Konventionelle zweidimensionale Proben auf einem Glas- oder Plastikträger bestehen aus nur einer Zellschicht“, erläutert Ira Winkler. „Dreidimensionale Proben hingegen imitieren die reale Situation im menschlichen Körper besser und es lassen sich auch die Interaktionen zwischen den Zellen untersuchen.“

Auf der Biotechnica präsentiert das KD OptiMi-Team zudem Technologien und Systemteile für ein mikrooptisches Akkommodationssystem, das Menschen mit Grauem Star oder Alterssichtigkeit helfen soll, Objekte in unterschiedlicher Entfernung wieder scharf zu sehen. Das KD OptiMi wird vom Freistaat Thüringen und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Innovatives Verfahren zur Biomarker-Suche Darüber hinaus ist auf der Messe auch das Forscherteam um PD Dr. Heidrun Rhode vom Institut für Biochemie I des Jenaer Universitätsklinikums vertreten. Die Wissenschaftler präsentieren ein automatisiertes Verfahren sowie entsprechende Gerätetechnik zur Bestimmung sämtlicher Eiweiße, dem sogenannten Proteom, in Körpersäften, wie etwa Blut und Gehirnflüssigkeit. Der auf der Messe vorgestellte Prototyp wurde in einem erst in der vergangenen Woche abgeschlos-

senen Verbundprojekt mit dem Universitätsklinikum Jena, der Jenaer CyBio AG und der Ilmenauer X-CASE GmbH entwickelt. „Das Besondere ist, dass die Methode sehr robust und präzise ist und das gesamte Proteom erfasst“, sagt Heidrun Rhode. Damit eignet sich das Verfahren, um charakteristische biologische Merkmale für Erkrankungen zu identifizieren – sogenannte Biomarker. Bisher haben sich die Forscher auf Nierenerkrankungen und schwere Entzündungen konzentriert. Jetzt werden damit Biomarker zur Erkennung von Komplikationen bei Schuppenflechte und der Nervenerkrankung Amyotrophe Lateralsklerose gesucht. In Kooperation mit dem neuen Forschungscampus "InfectoGnostics" wollen sie zukünftig auch Biomarker bei Infektionskrankheiten aufspüren. Darüber hinaus ist das innovative Verfahren der Jenaer Wissenschaftler für die forschende Pharmaindustrie interessant, die damit die Wirkung von Arzneistoffen analysieren kann.


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Wenn es nach dem Studium im weißen Kittel durch die Klinik geht Fortsetzung aus der MEDI-LEARN Zeitung 05/2013

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ch war froh, die Patientin nicht gut zu kennen, denn hätte ich bereits eine Beziehung zu ihr aufgebaut, könnte ich die Situation nur mit größter Mühe bewältigen. Und ich musste mich schützen. Ich durfte keinen Schmerz zulassen. Ich musste lernen, professionell und rational zu denken. Kühle und Sicherheit ausstrahlen, aber die Empathie nicht vergessen. Eine nahezu unmögliche Aufgabe. Ich wollte diesen Tod nicht sehen. Ich hatte Angst davor. Ich verließ das Zimmer und beschloss, nicht mehr herein zu gehen. Am dritten Tag bei der Visite waren ihre Augen trüb, die Hornhaut glänzte nicht mehr mit Tränenfilm des Lebens. Die Gesichtszüge wurden spitzer. Sie reagierte nun gar nicht mehr auf Ansprache. Nur der Mund schnappte wie bei einem aufs Festland geworfenen Fisch nach Luft. Es waren tote Augen, die ich da sah. Ihr Körper wurde langsam von der Urämie vergiftet. Komischerweise waren ihre Beine schlank. Das Wasser hatte sich in den Armen eingelagert. Sie nahmen stündlich an Volumen zu. Das Atmen fiel ihr unglaublich schwer. Wie hieß noch mal diese Atmung auf schlau? Ich wusste es nicht mehr. Es war nicht der richtige Ort und Zeitpunkt zum akademischen Gedankenschwingen. Beim Anblick dieser Augen fiel mir sofort der Präpkurs ein. Ich wollte nicht daran denken. Ich gehe nicht mehr darein! Trotzdem blieb ich stehen und spürte ein Brennen in den Augen, kleine Sandkörnchen auf meiner Hornhaut, ein Zwicken in den Augenwinkeln. Ich fühlte mich so klein und schwach. Hilflos. Ich konnte nichts gegen die Natur verrichten. Ihre Zeit war abgelaufen. Die Schwestern hatten sie gewaschen und zurecht gemacht. Das Bett war Richtung Fenster gedreht. Zum Licht. In der Hand hielt sie ein kleines Kuscheltier. Zumindest hatte jemand es in ihre Hand hineingelegt und die Finger darüber verschlossen. Was war es nochmal

– ein Känguru? Ein Hase? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, dass die Hand warm war. Über ihrem Kopf hing ein Plüschherz. Ein rosa Herz in einem mit hellem Licht geflutetem Raum. Ein blasses Gesicht mit weißen Haaren auf einem weißem Kissen und eine in die Luft ragende spitze Nase. Stille, die nur durch unregelmäßige tiefe Atemzüge unterbrochen wurde. Die Tür ihres Zimmers blieb offen und obwohl ich mir vorgenommen hatte, nicht mehr dahin zu gehen, ertappte ich mich doch jedes Mal dabei, wie ich vor dem Eingang stehen blieb und hinein spähte. Ich hielt die Luft an und wartete. Wartete auf das nächste Schnappen. Dann ging ich beruhigt weiter. Sie lebte noch. Einerseits wollte ich ihren Tod nicht miterleben. Ich betete, dass er noch etwas warten möge, bis ich dienstfrei hätte. Aber andererseits wollte ich den Prozess auch sehen, miterleben, obwohl ich so eine Angst davor hatte. Die Neugierde war stärker. Paradox war das Ganze. Nie hört der Mensch auf, sich nach neuen Erlebnissen, nach neuen Sinneseindrücken zu sehnen. Als ich sie so ansah, versuchte ich mir vorzustellen, was sie empfand als sie sich mit großen Schritten gen Jenseits bewegte. Sie hatte ihre letzte Reise angetreten und ich wollte sie begleiten. Was spürte sie, was dachte sie? Hatte sie Angst oder war es eine Erlösung? Hatte sie Bilder ihrer Kinder, ihrer Jugend vor Augen oder sah sie schon ein weißes Licht? Oder war ihr einfach alles gleichgültig und sie versank in einem dunklen, stillen, warmen, allumfassenden Nichts während sie eins mit dem Universum wurde? Ich stellte mir vor, meine Mutter würde hier liegen und bekam keine Luft mehr. Der Schmerz explodierte in meinem Kopf. Nein, daran durfte ich nicht denken. Diese Vorstellung war mir unerträglich. Dann dachte ich daran, dass ich irgendwann auch mal so liegen würde. Dieser Gedanke war nicht so schlimm wie der vorherige, aber ich wehrte

mich mit meinem ganzen Wesen dagegen. Ich wollte leben. Es war noch zu früh. Wer würde mich begleiten?

Nein, bloss raus. Sie starb nicht in meinem Dienst. Vielleicht hatte sie Mitleid mit mir.

Chaos im Kopf Es ist so schwer, an alles gleichzeitig zu denken. Ein Patient liegt im Sterben und alle anderen müssen gesund werden und weiter leben. Im Nachbarzimmer war ein 83-jähriger Herr, der mit Atemnot und Druck auf der Brust kam. Eine Herzkatheteruntersuchung lehnte er ab. Die Kollegen drängten ihn nicht dazu, er war schließlich schon alt. Als ich sein EKG und die Echokardiographie-Befunde sah, schrie eine innere Stimme in meinem Kopf auf. Die Intuition sagte mir ganz deutlich, dass er nicht gehen durfte. Beim Gedanken an eine Entlassung spürte ich eine beklemmende Bitterkeit unter der Zunge. Ich war mir sicher, dass er verstopfte Koronargefäße hatte. Er konnte einen Herzinfarkt kriegen. Und er war fit. Er durfte noch nicht sterben. Bei der Visite teilte ich ihm meine

Entscheidung nach einer schlaflosen Nacht mehr, mit. Ich wollte, dass man eine Koronarangiographie bei ihm durchführte. Er weigerte sich trotzdem. Alle meine Argumente halfen nichts. Er hatte Angst, nicht mehr aus der Untersuchung aufzuwachen. Schließlich fragte er mich: „Frau Doktor, würden Sie es bei sich machen lassen?“ Ich dachte

kurz nach und sagte dann mit Bestimmtheit „ja“. „Warum?“ „Weil ich leben will.“ antwortete ich. „Ich auch!“ schrie der Patient auf. Dann versprach er mir, darüber nachzudenken. Fünf Minuten später kam er wie ein Junge, der unartig war, mit gesenktem Kopf zu mir ins Arztzimmer und sagte, er würde alles machen, was ich ihm raten würde. „Sie möchten mir ja nichts Böses, oder?“ Ich war überglücklich. Einige Minuten später hielt ich seine unterschriebene Aufklärung in der Hand. Die durchgeführte Herzkatheteruntersuchung zeigte mehrere Engstellen, die mit einem Stent versorgt worden waren. Wer weiß, was mit ihm passiert wäre, hätte er nicht unterschrieben. Der Oberarzt klopfte mir auf die Schulter. „Gut gemacht!“. In solchen Momenten bin ich glücklich und weiß, dass es alles nicht umsonst war und sage mir auf die Frage, ob ich es jemals schaffen werde – ja – und zwar mit Ausrufezeichen. Meine ersten Schritte führen in die richtige Richtung.


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Wo Mensch und Maschine aufeinander treffen Schnittstellen von Technik und Gewebe häufig kritische Punkte Gunnar Bartsch (idw-Autoren)

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ei Herzschrittmachern, bei der tiefen Hirnstimulation, bei Prothesen sind die Schnittstellen von Technik und Gewebe häufig kritische Punkte. An einer optimalen Integration dieser Schnittstellen arbeitet Jan Hansmann in den kommenden Jahren. Dafür ist er von Stuttgart nach Würzburg gewechselt. Wer heute einen Herzschrittmacher erhält, weiß, dass ihm in etwa sieben bis zehn Jahren erneut ein Eingriff bevorsteht. Dann muss die Batterie gewechselt werden, damit das Gerät weiterhin seine Arbeit verrichten kann. Dabei setzt ein Schrittmacher gerade mal ein Prozent seiner gespeicherten Energie dafür ein, die Herzmuskelzellen regelmäßig zu stimulieren. Mehr als die Hälfte der Energie geht verloren, entweder durch Leckströme oder durch Verluste an den Grenzflächen von Elektrode und Herzmuskel. Wenn es gelänge, diese Verluste zu verringern, könnten Herzschrittmacher deutlich länger laufen oder sehr viel kleiner sein.

1,4 Millionen Euro für die Nachwuchsgruppe Der Ingenieur Dr. Jan Hansmann arbeitet in den kommenden Jahren daran, den Energieverbrauch von Herzschrittmachern zu senken. Am Lehrstuhl für Tissue Engineering und Regenerative Medizin der Professorin Heike Walles baut er zu diesem Zweck gerade eine neue Nachwuchsgruppe auf. Das Bundesforschungsministerium und der Verband Deutscher Ingenieure unterstützen sein Projekt in den kommenden vier Jahren mit rund 1,4 Millionen Euro. „Die Elektroden eines Herzschrittmachers werden vom menschlichen Gewebe als Fremdkörper erkannt und in der Folge mit Narbengewebe eingekapselt. An dieser Schicht geht ein großer Teil der eingesetzten Energie verloren“, schildert Hansmann das Problem. Abhilfe könnte ein System schaffen, das Körper und Technik eng miteinander verzahnt und somit

eine Vernarbung verhindert. Gesucht ist eine Schnittstelle, die sich nahtlos in das sie umgebende Gewebe integriert.

Mit Nanotechnik direkt in die Zelle Drei Angriffspunkte sieht der 34-Jährige für die Entwicklung solcher Elektroden: Neue Materialien, eine spezielle Oberflächenstruktur und eine Funktionalisierung der Oberfläche sollen dafür sorgen, in Zukunft möglichst effizient Signale an Zellen zu übertragen. Eine Möglichkeit: Winzige Nanodrähte durchbohren die Zellwand und stimulieren die Zelle im Inneren. Diese Nanodrähte wiederum sind in eine Struktur eingebettet, welche eine optimale Verankerung der Zellen erlaubt und die Kapselbildung verhindert. Eine andere Variante sieht vor, dass die Elektroden an ihrem Ende nicht mehr flach auslaufen, sondern ein dreidimensionales Netz bilden. Hansmann ist jedenfalls zuversichtlich, dass er mit einer Kombination aus allen drei Faktoren die Effizienz von Herzschrittmachern deutlich verbessern kann. „Sonst hätte ich das Projekt nicht gestartet“, sagt er. Jan Hansmann ist Ingenieur; an der Universität Stuttgart hat er Technische Kybernetik studiert. Für seine Diplomarbeit war Hansmann an das Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik in Stuttgart gegangen; in der Arbeitsgruppe von Heike Walles hat er einen Bioreaktor entwickelt, in dem Gewebe mit eigenem Blutgefäßsystem heranwachsen kann. Dafür simuliert der Reaktor die natürliche Umgebung des Körpers möglichst exakt, angefangen beim Druck in den Gefäßen über den Sauerstoffgehalt der Umgebung bis zur Temperatur.

Gewebeproben aus dem Bioreaktor Solche Bioreaktoren wird Hansmann auch in Würzburg einsetzen

bei seiner Suche nach besseren Elektroden. In ihnen will er mit seinem Team aus menschlichen Zellen Gewebe herstellen, an denen sich standardisierte Tests und Messungen durchführen lassen. Bindegewebe, das Makrophagen und Fibroblasten enthält, soll Auskunft über die Fremdkörperreaktion geben. Ganze Komplexe aus Muskel-, Nerven- und Bindegewebe ermöglichen Rückschlüsse auf das Funktionieren im menschlichen Körper. „Das ist einer der Vorteile des Tissue Engineerings: Wir können mit menschlichem Gewebe arbeiten und müssen in unseren Experimenten nicht auf Versuchstiere zurückgreifen, bei denen die Prozesse dann doch nicht absolut identisch sind mit denen beim Menschen“, sagt Hansmann. Für die Produktion der Elektroden arbeiten die Wissenschaftler mit Partnern aus der Industrie und Forschung zusammen. Einer davon ist die Firma Biolab Technology in Berlin. Diese verfügt über das Know-how zur Herstellung von Elektroden aus biokompatiblen Materialien. Sie wird die Entwicklung neuer Herzschritt-

macher-Elektroden in den kommenden Jahren intensiv begleiten. Effizientere Herzschrittmacher sind allerdings nur ein Ziel von Hansmanns Arbeit. „Etface – Electronic Tissue Interface“: Der Name seines Forschungsprojekts zeigt, wohin der Weg führen könnte. Denn solche MenschMaschine-Schnittstellen finden sich nicht nur im Herzen. Auch bei der tiefen Hirnstimulation, die heutzutage immer häufiger zur Behandlung von Parkinson, Schmerz, Depression und Epilepsie eingesetzt wird, kommen Elektroden zum Einsatz. Diese senden permanent elektrischen Strom in das Gehirn und schalten dort gezielt krank machende Areale aus. Auch hier sind Verbesserungen möglich. Oder im Bereich der Prothetik. Dort arbeiten Wissenschaftler intensiv daran, eine Verbindung zwischen der Prothese und den Nerven des Patienten zu schaffen, die es den Betroffenen ermöglicht, die künstliche Hand oder das Bein kraft ihrer Gedanken zu steuern. Auch hier sind optimal funktionierende Schnittstellen von zentraler Bedeutung.

IMPRESSUM Herausgeber: MEDI-LEARN Verlag GbR, ISSN 1860-8590 Elisabethstraße 9, 35037 Marburg/Lahn Tel: 04 31/780 25-0, Fax: 04 31/780 25-262 E-Mail: redaktion@medi-learn.de, www.medi-learn.de Redaktion: Christian Weier (V.i.S.d.P.), Jens Plasger, Ines Hansen, Dipl.-Päd. Kare Ahlschwede (Chef vom Dienst), Dr. med. Marlies Weier, Dr. med. Dipl.-Psych. Bringfried Müller, Thomas Brockfeld Layout & Graphik: Kristina Junghans Bildnachweis: www.photocase.com, www.istockphoto.com, www. sxc.hu, www.pixelquelle.de, Artikelautoren, www.flickr.com Der digitale Nachschlag erscheint zu jeder MEDI-LEARN Zeitung als Ergänzung, die du dir als PDF auf der MEDI-LEARN Seite herunterladen oder online anschauen kannst. Er beinhaltet Fortsetzungen von Artikeln aus der aktuellen Zeitung sowie weitere interessante Artikel und Berichte rund um die Medizin. Dein Artikel bei MEDI-LEARN? Wir freuen uns über die Zusendung von Erfahrungs­berichten und anderen Artikeln und belohnen die Autoren mit Fachbüchern. Alle weiteren Infos findest du unter www. medi-learn.de/artikel. Dieser Digitale Nachschlag ist Teil der MEDI-LEARN Zeitung. Die bisherigen Ausgaben findest Du unter: www.medi-learn.de/mlz

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