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INN OVA TION

KO O P E R AT I O N . F O R T S C H R I T T . Z U K U N F T

Ausgabe Nr. 13 | Dezember 2020 P.b.b. Verlagspostamt 6020 Innsbruck ZNr. GZ 02Z030672 M | Euro 3.00


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DER WERT DES GEMEINSAMEN Talent gewinnt Spiele, aber Teamwork gewinnt Meisterschaften.

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usammenkunft ist ein Anfang. Zusammenhalt ist ein Fortschritt. Zusammenarbeit ist ein Erfolg. Das wusste dereinst schon Henry Ford und gerade in einer Zeit, die voll ist von Meistern ihrer Fächer und Spezialistentum braucht es Kooperation und noch viel mehr Kollaboration. Was der Unterschied zwischen den oft synoym verwendeten Begrifflichkeiten ist? Ein großer. Denn zusammen heißt nicht unbedingt gemeinsam. Man kann auch in der Gruppe ganz schön einsam sein. In der Medizin ist interdisziplinäres Arbeiten schon längst Normalität, weil man erkannt hat, dass die Organe des Menschen nicht losgelöst voneinander funktionieren. In der Wirtschaft tun wir uns mit diesem Denken noch schwer(er). Sein Wissen mit anderen zu teilen und gemeinsam zur besten Lösung für den Kunden zu kommen, ist vielfach immer noch ein No-Go. Auch das Wissen, das an den Hochschulen dieses Landes über viele Jahrzehnte angesammelt, er- und beforscht wurde, schlummerte lange in der geschützten Umgebung der Campusse. In den letzten Jahren hat man vermehrt begonnen, sich offensiv in Richtung Wirtschaft zu öffnen, Wissen zu teilen und zu tauschen und befruchtende Kooperationen anzustoßen. Denn eine theoretische Lösung, die keine Anwendung findet, ist keine Lösung. Auf der anderen Seite braucht (Weiter-)Entwicklung Grundlagen, auf denen sie aufbauen kann, und diese kommen in der Regel aus universitärer Forschung. Aus vielen spannenden Spin-offs aus dem Hochschulumfeld sind mittlerweile profitable Unternehmen geworden – teils dank Partnern aus der Wirtschaft. Weil man erfolgreich eben nur gemeinsam ist. Ihre Redaktion der eco.nova

E C O . I N H A LT 04 WISSENSTRANSFER

 er Wissenstransfer ist eine zunehmend wichtigere D Aufgabe der Hochschulen. In Tirol ist diese sogenannte Third Mission neben Lehre und Forschung in unterschiedlichen Formaten bereits verwirklicht.

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VON DER UNI IN DIE WIRTSCHAFT

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INNOVATIONSJAHR 2020

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SHARING IS CARING

Wenn universitäre Spin-offs beginnen, sich aus ihrem geschützten Umfeld hinauszuentwickeln, gelten auch für sie die Kräfte des freien Marktes. Vier Beispiele, bei denen der Sprung funktioniert hat.

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I n den vergangenen Monaten hat sich in der Tiroler Industrie viel getan. Der Blick in die Zukunft und die aktuellen Herausforderungen haben zu zahlreichen Innovationen und Neuerungen geführt. I nformationsvorsprung durch die Nutzung externer Datenquellen: praktische und rechtliche Aspekte. INNOVATIONEN FÖRDERN

 er aufhört, innovativ zu sein, bleibt stehen. Das W ist für einen Wirtschaftsstandort, der international konkurrenzfähig sein muss, keine Option. Innovationen brauchen aber nicht nur Ideen, sondern kosten auch Geld. Wir zeigen, wo es Förderungen zu holen gibt. KOOPERATION UND KOLLABORATION

 as wir von der Natur lernen können – und W voneinander.

HER AUSGEBER & MEDIENINHABER: eco.nova corporate publishing – Senn &

Partner KG, Hunoldstraße 20, 6020 Innsbruck, 0512/290088, redaktion@econova.at, www.econova.at CHEFREDAK TION: Marina Bernardi AUTOREN DIESER AUSGABE: Marian Kröll, Doris Helweg ANZEIGENVERK AUF: Ing. Christian Senn L AYOUT: Conny Wechselberger DRUCK: Radin-Berger-Print GmbH Die Herstellung, der Verlag und der Vertrieb von Drucksorten aller Art, insbesondere der Zeitschrift eco.nova. GRUNDLEGENDE RICHT UNG: Unabhängiges österreichweites Magazin, das sich mit der Berichterstattung über Trends in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Architektur, Gesundheit & Well­ness, Steuern, Recht, Kulinarium und Life­s tyle beschäftigt. Der Nachdruck, auch auszugsweise, sowie anderwertige Vervielfältigung sind nur mit vorheriger Zustimmung des Herausgebers gestattet. Für die Rücksendung von unverlangt eingesandten Manuskripten und Bildmaterial wird keine Gewähr übernommen. Namentlich gekennzeichnete Beiträge stellen nicht unbedingt die Meinung der Redaktion dar. JAHRE S ABO: EUR 25,00 (14 Ausgaben) UNTERNEHMENS GEGENS TAND:

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WISSENS(CHAFTS)VERMITTLUNG ALS MISSION Der Wissenstransfer ist eine zunehmend wichtigere Aufgabe der Hochschulen und erstreckt sich gesamthaft auf die Kommunikation mit der Gesellschaft. In Tirol ist diese sogenannte Third Mission neben Lehre und Forschung in unterschiedlichen Formaten bereits verwirklicht. Dennoch sollten sich Hochschule und Gesellschaft noch ein Stück weit aufeinander zubewegen. TEXT: MARIAN KRÖLL

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bgeschieden und unberührt von der Welt, ein Ort für hochvergeistigte Menschen. So lautet das nach wie vor gängige und schwer auszuräumende Klischee vom Elfenbeinturm, das der universitären Sphäre bis heute hartnäckig anhaftet. Fachhochschulen sind erst sehr viel später auf- und angetreten, um der unterstellten Entrücktheit der Universitäten ein Konzept entgegenzusetzen, das von A bis Z auf Employability getrimmt war. Und dementsprechend auch nicht müde wird, mit dem starken Praxisbezug hausieren zu gehen. Vereinzelt gibt es sicherlich noch den Stereotyp des Wissenschaftlers im Elfenbeinturm, der erst im Zuge der Studentenbewegung der späten 1960er in Verruf geraten ist. Zu dessen Ehrenrettung darf erwähnt werden, dass es keineswegs nur schlecht ist, wenn manche Forscher nicht den Dialog mit der „Außenwelt“ suchen, sondern sich ganz und gar ihrer akademischen Arbeit widmen. Der Professor, der sich ganz seiner Forschung hingeben kann, ist aber ohnehin ein Zerrbild, da die akademische Selbstverwaltung ein unnötiger, die Lehre und Betreuung von Studierenden ein notwendiger Hemmschuh sind. Und ganz ehrlich: Die Welt verträgt nur eine begrenzte Anzahl an Public Intellectuals, zumal gerade bei den sogenannten Medienintellektuellen eine rasche Sättigung eintritt. Der französische Intellektuelle Règis Debray hat den Typus des Medienintellektuellen einmal als

„intellectuel terminal“ bezeichnet, der nur noch eine Parodie des klassischen Intellektuellen sei. Man merkt, auch bei der allzu öffentlich zur Schau gestellten Intellektualität kommt es auf die Dosierung an. Das tut der zunehmenden Notwendigkeit, den Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft – freilich ist Erstere auch Bestandteil der Letzteren – in höherer Frequenz zu verstetigen, keinen Abbruch.

PUBLISH OR PERISH

Der enorme Publikationsdruck in der Wissenschaft bürgt nicht unbedingt dafür, dass nur qualitativ Wertvolles publiziert wird. Der Hirsch-Faktor mag zwar innerhalb der akademischen Welt eine gewichtige Rolle spielen, außerhalb interessiert er fast niemanden. Dieser Faktor gibt Aufschluss darüber, wie viel jemand in anerkannten Zeitschriften veröffentlicht hat und wie oft diese Publikationen von anderen Wissenschaftlern zitiert werden. Publish or perish – veröffentliche oder gehe unter – ist für junge Wissenschaftler ein Problem, weil der publizistische Profilierungsdruck wenig Raum für anderes lässt. Es ist – zumindest was das berufliche Fortkommen in der Academia betrifft – derzeit noch Zeitverschwendung, den Kontakt mit der Gesellschaft zu suchen und dort das Verständnis von und die Akzeptanz für Forschung und die Generierung von Wissen anzutreiben. Insofern wäre die nachhaltige Abkehr vom

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„ A L L E MENS C HEN S IND IN T EL L EK T UEL L E […], A BER NIC H T ALLE MENSCHEN HABEN IN DER GESELL SCHAF T D I E F U N K T I O N V O N I N T E L L E K T U E L L E N .“ ANTONIO GRAMSCI

Prinzip „Masse statt Klasse“ wünschenswert, weil sie neue Spielräume eröffnen würde, sich der Gesellschaft mitzuteilen, sich stärker einzubringen und auch dafür zu streiten, die wissenschaftliche Methode stärker als Diskurs-Leitlinie zu etablieren. Diese erlaubt jedem Teilnehmer zwar eine eigene Meinung, eigene oder gar „alternative“ Fakten gestattet sie dagegen nicht.

NEUE MISSION

Der Tiroler Hochschullandschaft ist längst klar geworden, dass der sogenannten Third Mission neben Forschung und Lehre, nämlich der Bereitstellung von Wissen und dem Wissenstransfer nach außen, immer größere Bedeutung beigemessen wird. „Neben dem Forschen und Lehren, den ersten beiden Missionen von Hochschulen, sehen sich Universitäten zunehmend gefordert, durch soziale Aktivitäten, Wissens- oder Technologietransfer aktiv an der Entwick-

lung der Gesellschaft mitzuarbeiten“, sagte Bernhard Keppler, Präsident des Österreichischen ProfessorInnenverbandes (UPV) und Dekan der Fakultät für Chemie der Universität Wien, anlässlich einer Tagung der Hochschulverbände des deutschsprachigen Raums im Oktober 2019. „Wissens- und Technologietransfer hat unsere Forschung und Lehre wohl immer begleitet – aber durch das zunehmende Bewusstsein für Third Mission entstehen neue Möglichkeiten für die Universitäten: Forschung und Lehre können noch stärker als Basis zur Bewältigung vieler aktueller Herausforderungen verankert werden“, so Keppler. Daran, dass das Hochschulwissen so richtig schön zur Gesellschaft hin ausrinnt, arbeitet auch das Wissenstransferzentrum West, das von sechs Universitäten (darunter die Universität Innsbruck und die Medizinische Universität Innsbruck) und fünf (Fach-) Hochschulen getragen wird (darunter die

FH Kufstein und das MCI) getragen wird. Das WTZ hat es sich zur Aufgabe gemacht, „sowohl die Zusammenarbeit der Universitäten und Fachhochschulen als auch die Schnittstellen zu Wirtschaft und Gesellschaft zu optimieren“. So weit, so gut.

UMSCHLAGPLATZ FÜR DIGITALE INNOVATION

Noch etwas konkreter ist der heuer geschaffene Digital Innovation Hub West in seiner Mission, kleinen und mittleren Unternehmen in Tirol, Salzburg und Vorarlberg Zugang zum Know-how der Forschungseinrichtungen und damit digitalen Marktvorsprung zu verschaffen. Die Koordination des DIH West obliegt der Universität Innsbruck. Die Digitalisierung habe, betonte Rektor Tilmann Märk bei dessen Präsentation, alle Bereiche der Gesellschaft erfasst und die Universitäten befänden sich selbst in einem digitalen Transformationsprozess. „Dabei sind


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tragsreihen im deutschsprachigen Raum initiiert, die explizit dem Wissens- und Erfahrungsaustausch bzw. -transfer gewidmet ist und konsequent mit hochkarätigen Vortragenden aufzuwarten weiß. Konsequent war es auch, angesichts der aktuellen Umstände die Reihe von der Präsenzveranstaltung in die Onlinesphäre zu überführen, was der Qualität nicht geschadet hat. Das alles kann den Eindruck erwecken, dass das MCI schon recht früh verstanden hat, wie nicht nur Exzellenz in der Lehre herzustellen ist, sondern wie auch exzellent über diese Exzellenz zu kommunizieren ist.

PRODUKTIVER WISSENSAUSTAUSCH Es ist sattsam bekannt, dass wir in einer Wissensgesellschaft leben, selbst wenn manche einwenden mögen, es handle sich eher um

eine Informationsgesellschaft. Eines steht außer Streit: Wissen ist eine Ressource, die zum gesamtgesellschaftlichen und nicht zuletzt ökonomischen Wohle richtig bewirtschaftet werden will. Und an den Hochschulen des Landes ist dieses Wissen reichlich vorhanden. Eine offene Wissenschaft will dieses Wissen weitergeben, aber nicht schulmeisternd und von oben herab, sondern auf Augenhöhe. So können die in einer Demokratie notwendigen gesellschaftlichen Diskurse informierter – und vielleicht sogar ein wenig zivilisierter – stattfinden. Die Hochschulen haben die dritte Mission mit den damit verbundenen Kommunikationszielen Aufklärung, Beratung, Legitimation und nicht zuletzt Marketing angenommen, nun ist zunehmend die Gesellschaft gefordert, das universitäre Wissen auch abzuholen.

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Das MCI wird als international ausgerichtete Hochschule im ersten Vierteljahrhundert ihres Bestehens ihrem Namenszusatz „Die Unternehmerische Hochschule“ bzw. „The Entrepreneurial School“ durchaus gerecht. Wie viele Erfolgsgeschichten nahm auch das MCI sehr bescheidene Anfänge in einem kleinen Büro mit ausgemusterten Möbeln, die man aus dem Keller der Universität Innsbruck ausgeliehen hatte. Vom Keller aus ging es zwischenzeitlich in diversen Hochschul-Rankings in lichte Höhen. Heute beschäftigt das MCI 400 Mitarbeiter, hat 12.000 Alumni, betreut mit etwa 1.000 externen Lehrenden rund 3.500 Studierende und verfügt außerdem über ein beachtliches Netzwerk von rund 300 Partneruniversitäten. Hinzu kommt, dass sich auch die dortige Forschung sehen lassen kann. Mit Andreas Altmann steht dem MCI zudem ein rühriger und innovativer Netzwerker als einstiger Gründungsgeschäftsführer und heutiger Rektor gleichermaßen wie Spiritus Rector vor, der dezidiert Wert darauf legt, dass das MCI keine Fachhochschule ist, sondern eine Hochschule mit breitem Portfolio, zu dem unter anderem auch Fachhochschul-Studiengänge gehören. In Sachen Spin-offs hat das MCI innovative Unternehmen wie More than Metrics und Syncraft geboren. Erst im November konnte man überdies die Einrichtung des ersten Josef Ressel Zentrums zur Erforschung der Produktion von Pulveraktivkohle aus kommunalen Reststoffen vermelden. In Josef Ressel Zentren wird in Kooperation mit innovativen Unternehmen anwendungsorientierte Forschung auf hohem Niveau betrieben. Für sie ist – analog zu den universitären Christian Doppler Labors – die Christian Doppler Forschungsgesellschaft zuständig. Mit den Distinguished Guest Lectures hat das MCI zudem eine der wohl besten akademischen Vor-

DANIEL MÜHLEMANN

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EMIUM

© Stubaier Gletscher

EIN EXZELLENTES VIERTEL ­ JAHRHUNDERT

„W I S S E N Z U B E S I T Z E N I S T G U T, W I S S E N Z U V E R M I T T E L N B E S S E R .“

TUTIONAL S STI TR IN

die Hochschulen in der Region einerseits Motor für die Entwicklung neuer Methoden und Technologien und bilden darüber hinaus die junge Generation in digitalen Methoden aus und fördern die Anwendungen in allen Disziplinen. Sie tragen dann auch dieses ‚digitale Wissen‘ in die Wirtschaft. Aber auch der direkte Wissensaustausch mit der regionalen Wirtschaft gehört zu unseren Aufgaben, und der Digital Innovation Hub bietet eine wichtige Plattform dafür“, erläutert Märk.

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FORSCHEN, LEHREN, MEDIZIN ERKLÄREN Die Aufgaben der Medizinischen Universität haben sich im Zeitalter der sozialen Medien erweitert. Neben Lehre und Forschung, für die in der Bevölkerung weitgehend die Begeisterung fehle, würden gute Wissenschaftskommunikation und Aufklärung zunehmend wichtiger, wie Vizerektorin Christine Bandtlow ausführt. Die Forschungskooperation mit der Industrie – etwa in den Christian Doppler Labors – bezeichnet sie als vorbildlich. INTERVIEW: MARIAN KRÖLL

Wie würden Sie die neben Forschung und Lehre dritte Aufgabe einer Universität knapp beschreiben? C H R I S T I N E B A N DT LOW: Wir sehen darin im Wesentlichen die Aufgabe, wissenschaftliche Erkenntnisse aus Forschung und Lehre in Gesellschaft und Wirtschaft einzubringen, aber auch Engagement für und mit der Gesellschaft, zum Beispiel durch Einbeziehung des einzelnen Bürgers in Forschungsprojekte, in Citizen Science. E C O . N O VA :

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Es entsteht der Eindruck, dass der Bürger, der Steuerzahler, der die Hochschulen finanziert, dem universitären Raum kritisch und zugleich distanziert gegenübersteht. Ist das so? Das ist leider nach wie vor so. Es gibt Studien dazu, dass gerade in Österreich der Durchschnittsbürger sich wenig für Forschung interessiert. Man kennt die universitäre Lehre, Forschung ist für die meisten dann wohl eher schon zweitrangig. Man interessiert sich zu wenig dafür, wie Forschung zustande kommt, wie Projekte definiert werden und woher das Geld dafür kommt. In Krisenzeiten wie jetzt durch Covid ist die medizinische Forschung besonders gefordert. Wenn wir als Medizinuniversität sagen, dass wir mehr Geld brauchen, um entsprechende Forschungsprojekte voranzutreiben, damit eben der Wissenserwerb und damit der Erkenntnisgewinn im besten Fall zu einer verbesserten Patientenversorgung führen, interessiert das offenbar die wenigsten. Stichwort Covid-19. Hat sich der „Koste-es-was-es-wolle“-Ansatz, der von der Politik ausgegeben wurde, auch im medizinischen Bereich manifestiert? Gibt


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es neue Mittel für die Forschung an einer Linderung des Problems? Nein, zumindest nicht von der Bundesregierung. Es gibt nach wie vor zu wenig Forschungsmittel. „Koste es, was es wolle“ gilt vielleicht, wenn es darum geht, das Gesundheitssystem nicht kollabieren zu lassen und die Wirtschaft zu erhalten, aber nicht, um mehr Forschung betreiben zu können.

Und für einschlägige Projekte, die sich explizit auf Covid-19 beziehen? Der Wissenschaftsfonds FWF hat zwar mit Covid Akut ein spezifisches Programm aufgelegt, aber im Gegensatz zu anderen Ländern, in denen neues Geld zur Unterstützung und Beschleunigung der Covid-Forschung zur Verfügung gestellt wurde, gibt es beim FWF kein neues Geld, sondern eine Beschleunigung der Entscheidungsfindungsprozesse. Da ist Österreich nicht vorbildlich. Als Medizinuniversität haben wir die Landesregierung angesprochen, was letztlich in Tirol sehr gut funktioniert hat. Es wurden zusätzliche Mittel für klinische Projekte zur Verfügung gestellt, weniger für Grundlagenforschung. Hier hat die Landesregierung in erster Linie auf den Bund verwiesen.

Ist es im Kontext einer Medizinuniversität, in der zeitgemäße Lehre und Therapie in hohem Maße von einer zeitgemäßen Forschung abhängen, nicht geradezu paradox, die Forschung geringzuschätzen, von der im Grunde alles abhängt? Es heißt ja forschungsgeleitete Lehre. Es ist unsere Aufgabe als Universität, neueste Erkenntnisse auch in der Lehre, insbesondere in der Ausbildung von angehenden Ärzten und Ärztinnen einzubringen, aber ebenso wichtig ist der Wissenstransfer in die Gesellschaft und der gezielte Austausch mit Stakeholdern. Das ist ein Prozess, der in Großbritannien oder in den Niederlanden einen ganz anderen Stellenwert hat. Vielleicht hat deswegen das Thema Forschung in diesen Ländern auch ein anderes Gewicht, sowohl bei Politikern als auch Bürgern. Die sogenannte Third Mission neben Lehre und Forschung ist ein weites Feld. Können Sie das ein wenig eingrenzen? Einerseits gehört dazu, dass sich unsere Experten für gewisse Themenbereiche ganz aktiv einsetzen. Es gibt verschiedene Projekte, zum Beispiel das MINI-Med-Studium oder die „Woche des Gehirns“, in deren Rahmen Vorträge gehalFOTOS: © TOM BAUSE

„ M A N C H M A L F E H LT E S D E R GESELLSCHAF T AN MUT ODER Z U M I N D E S T D E R Z U V E R S I C H T, DASS DER NUTZEN NEUER TECHNIKEN ÜBERWIEGT UND DIE RISIKEN, WENN ES SIE DENN G I B T, KO N T R O L L I E R B A R S I N D .“ CHRISTINE BANDTLOW

ten werden und manchmal auch Mythen ein Ende gesetzt wird.

Welche Mythen? Zum Beispiel Aufklärung über Homöopathie oder auch Mythen wie „Spinat macht stark, weil es viel Eisen enthält“ oder „Zucker macht hyperaktiv“. Ich bin bei diesen Vorlesungsreihen selbst aktiv dabei und finde sie sehr wichtig. Anhand der behandelten Fragen wird deutlich, wie wenig – manchmal – die breite Bevölkerung über manche Dinge aufgeklärt ist. Die klassischen Volkskrankheiten gibt es immer noch, dazu kommt eine zunehmend überalterte Bevölkerung. Schlaganfall, Krebserkrankungen und Demenzerkrankungen werden zukünftig eine noch zentralere Rolle spielen. Eingeschränkte Bewegung und schlechte Ernährung haben Auswirkungen. Das sind Dinge, die transportiert werden müssen. Dann kann jeder Einzelne präventiv dazu beitragen, für die eigene Gesundheit zu sorgen. Das klarzumachen ist genauso unsere Aufgabe wie die Spitzenforschung und die translationale Forschung, die möglichst schnell in klinische Forschung und verbesserte Therapie umgesetzt werden kann.

Sie sehen also auch einen gewissen volkspädagogischen Auftrag, den die Medizinuniversität zu erfüllen hat? Ja. Je aufgeklärter die Leute sind, desto besser können sie inmitten dieser unglaublichen Datenflut, die auf sie einprasselt, unterscheiden, was wichtig ist und was nicht. Es gehört zu unseren Aufgaben, komplexe Sachverhalte herunterzubrechen, damit sie allgemein verständlicher werden. Das ist auch gerade bei Covid-19 wichtig, um von diesen Fake News wegzukommen. Die Zunahme dieser Falschinformationen ist besorgniserregend. Aufklärungsarbeit ist eine zentrale universitäre Aufgabe geworden.

Was ist noch von dieser Third Mission umfasst? Die Interaktion mit der Industrie. Christian Doppler Labors – an der Medizinischen Universität Innsbruck gibt es mittlerweile sieben davon – sind dafür ideale Beispiele. Diese Kooperationen sind sehr gut und Österreich ist da auch wirklich vorbildhaft. Die Wissenschaft muss Industriepartner an Bord holen. Dazu muss man zu einer gemeinsamen Sprache finden, damit die zur Kooperation notwendige Kommunikation gut funktioniert. Die Wissenschaftler müssen lernen, wo bei Unternehmen, gerade auch kleineren und mittelgroßen, der Schuh drückt. Müssen die medizinischen Forscher betriebswirtschaftlich fitter werden, um nachvollziehen zu können, worum es der Wirtschaft geht? In den Christian Doppler Labors ist das noch nicht so wichtig, aber später sehr wohl, wenn es in Richtung Spin-off gehen kann. Viele haben als Forscher Vorstellungen und wollen – weil das gerade en vogue ist – diese in ein Spin-off überführen und sehen sich dann als Unternehmer. Es gibt dafür Gründungsgesellschaften wie STARTUP.TIROL, wo wir auch beteiligt sind. Die Schwierigkeit ist sehr häufig, dass Forscher nicht unbedingt gelernt haben, betriebswirtschaftlich zu denken. Ab wann lohnt sich die Ausgründung, was brauche ich dazu, wie gut ist meine Idee, wie lange halte ich durch, was muss nach drei Jahren bzw. Auslaufen der Förderungen da sein, damit das keine Eintagsfliege wird? Dafür braucht es Experten, die Forscher entsprechend beraten und Hilfeleistung geben, damit diese Wertschöpfungskette nicht leerläuft. Das Wissen, das diese Spin-offs monetarisieren, wurde mit Steuergeld und Drittmitteln geschaffen. Inwiefern hat

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„ J E A U F G E K L Ä R T E R D I E L E U T E S I N D , D E S T O B E S S E R KÖ N N E N S I E I N M I T T E N D I E S E R U N G L A U B L I C H E N D AT E N F L U T, D I E A U F S I E E I N P R A S S E LT, U N T E R S C H E I D E N , WA S W I C H T I G I S T U N D WA S N I C H T. E S G E H Ö R T Z U U N S E R E N A U F G A B E N , KO M P L E X E S A C H V E R H A LT E H E R U N T E R Z U B R E C H E N , D A M I T S I E A L L G E M E I N V E R S TÄ N D L I C H E R W E R D E N .“ CHRISTINE BANDTLOW

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die Universität etwas von erfolgreichen Ausgründungen? In manchen Bereichen ist es so, dass sich Universitäten an den Ausgründungen beteiligen. Wir sind hier relativ konservativ und haben das bis dato noch nicht gemacht. Wir sind aber als Gesellschafter an K1-Zentren wie VASCage beteiligt, die von Bund und Industrie mitfinanziert werden. Ist es für Sie eine Option, sich auch an Spin-offs zu beteiligen, und gibt es die Möglichkeiten dazu? Als staatliches Unternehmen dürfen wir uns natürlich nicht bereichern, aber die rechtlichen Grundlagen sind an und für sich gegeben. Diese Entscheidung, sich zu beteiligen, hängt wesentlich davon ab, wie hoch das Risiko ist. Bislang hat es sich bei den Ausgründungen noch nie ergeben, dass wir uns irgendwo beteiligen wollten. Wir unterstützen unsere Spin-offs, machen aber auch ganz klar, dass nach einer Übergangsphase die Entscheidung getroffen werden muss, ob man hier an der Universität bleibt oder in die Privatwirtschaft wechselt. Beides zugleich geht nicht. Fließt gerade bei klinisch relevanten Themen Wissen aus diesen Ausgründungen an die Universität zurück? Ja, es gibt einige Unternehmen, die für die Klinik irgendwann relevant werden können. Das Feedback und der direkte Bezug zu den Ausgründungen funktioniert sehr gut, auch wenn sie nicht mehr direkt unter der Obhut

der Universität sind. ViraT ist so ein Beispiel. Wir haben mit diesem Spin-off noch enge Forschungskooperationen, in denen es um die Weiterentwicklung onkolytischer Viren geht. Da werden wir als klinischer Partner gebraucht.

Sie haben die Datenflut angesprochen, die im Zusammenhang mit Covid auf die Menschen einprasseln würde. Wie verhält es sich damit im medizinisch-universitären Bereich? Daten spielen heute, wo jeder ein Selbstoptimierer, ein Selbstvermesser ist, eine besonders große Rolle. Im Rahmen von Covid haben wir ein Projekt aufgelegt, das Covid-Patienten mit kardiovaskulärer Vorerkrankung, die besonders engmaschig betreut werden müssen, sobald sie aus dem Krankenhaus entlassen werden oder auch wenn sie nicht stationär aufgenommen werden müssen, mit einem Tablet ausstattet. Mittels App können sie permanent ihre Daten eintragen, die an der Uniklinik in Echtzeit verarbeitet werden. So kann frühzeitig erkannt werden, ob sich relevante Parameter zum Schlechteren verändern und schnell gehandelt werden muss.

Sind hier Algorithmen am Werk? Ja. Ein ähnliches Monitoring gibt es für Diabetespatienten. Diese Dinge sind wichtig, weil sie das System im Krankenhaus entlasten, andererseits erzeugen sie eine Flut an Daten. Und für die interessieren sich die großen IT-Konzerne, deren Geschäftsmo-

dell letztlich Daten sind. Sie brauchen dafür aber die Universitäten, die Kohortenstudien durchführen können, aus denen sich mit künstlicher Intelligenz ein Muster erkennen lässt. Da stellt sich die Frage, ob wir da mitmachen wollen und was wir davon haben. Wir geben keine Daten heraus, bloß damit ein Konzern zukünftig damit viel Geld verdient. Es muss einen Gewinn für die Wissenschaft geben. Wer als Wissenschaftler Daten einspeist, muss auch an diesem Datenpool partizipieren können. Das ist nicht immer ganz einfach. Durch die unglaubliche Marktmacht dieser Konzerne ist der Wissenschaftsbetrieb wohl in keiner Position der Stärke. Nicht unbedingt, aber es stellen sich oftmals ethische und rechtliche Fragen. Darum, wem Forschungsdaten gehören und wem sie zugänglich gemacht werden können. Manche Universitäten haben beispielsweise mit Google große, millionenschwere Forschungsprojekte vereinbart und wurden dafür heftigst kritisiert.

Ist das für Sie ambivalent oder eher negativ, wenn sich heute jeder via Social Media ganz einfach zu Wort melden kann, weil die Qualität des Diskurses mit der Zahl der Teilnehmer nicht automatisch besser wird? Ich sehe es an und für sich eher positiv. Aber es zeigt sich auch, dass Wissenschaftler, was die Kommunikation nach außen betrifft, auch mit


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Medien inklusive Social Media, nicht wirklich ausgebildet sind. Nicht jedem liegt das, obwohl Wissenschaftskommunikation immer wichtiger geworden ist.

Naturtalente gibt es wie in jedem Bereich auch in der Wissenschaftskommunikation, was in Krisenzeiten nicht heißt, dass diese vor Polemik und Angriffen gefeit sind. Der Virologe Christian Drosten etwa, der in den Medien herumgereicht wird, ist ein sehr guter Kommunikator, der dennoch vielfach kritisch gesehen wird. Komplexe medizinische Zusammenhänge gut erklären zu können, dafür braucht es nicht nur Talent, sondern ein bisschen Unterstützung.

Das in die Gesellschaft hineingehen und die Gesellschaft in den universitären Raum hereinholen gehört zur Third Mission. Findet sich die Schlüsselkompetenz Kommunikation über komplexe medizinische Sachverhalte, die zielgruppengerechte Ansprache, irgendwie in den Curricula wieder? Ja, analog zur Entrepreneurship passiert im universitären Bereich mittlerweile einiges. Bei uns ist das derzeit sicher noch ausbaufähig. Persönlich würde ich mir wünschen, dass das komplexe, aber sehr zentrale Gebiet Bioethik in der Medizin noch stärker verankert würde. Was meinen Sie damit konkret? Es gibt Fragen, die gerade im Rahmen von Wissenschaftsveranstaltungen immer wieder aufgeworfen werden. Da geht es darum, was ethisch und rechtlich überhaupt möglich ist. Zum Beispiel das Thema Stammzellen, Stammzelltherapie. Es geht um den Diskurs, was man als Gesellschaft eigentlich will. Dafür braucht es aufgeklärte Diskursteilnehmer. Die Wissenschaft ist gefordert, weil vieles, und ganz besonders der biomedizinische Bereich, interdisziplinärer geworden ist. Man ist weg vom Elfenbeinturmdasein. Wir arbeiten in interdisziplinären Teams. Es gibt Themenfelder wie die Alzheimerforschung, in der man sich auch die Frage nach dem Umgang mit unseren älter werdenden Patienten stellt. Oder schwierige, aber ganz zentrale Fragen wie: Wann ist ein Leben noch lebenswert? Drängt sich dabei die Frage auf, ob man auch bei hochbetagten Patienten immer alles Medizinische tun muss, FOTOS: © TOM BAUSE

„W I R U N T E R S T Ü T Z E N U N S E R E S P I N - O F F S , MACHEN ABER AUCH GANZ KL AR, DASS NACH EINER ÜBERGANGSPHASE DIE ENTSCHEIDUNG GE TROFFEN WERDEN MUSS, OB MAN HIER A N D E R U N I V E R S I TÄT B L E I B T O D E R I N D I E P R I VAT W I R T S C H A F T W E C H S E LT.“ CHRISTINE BANDTLOW

was man tun kann? Das sind unglaublich komplexe Themen, zu denen die Medizin einen Beitrag leisten kann und auch muss. Muss der terminal krebskranke über 90-jährige Patient tatsächlich noch mit allem therapiert werden, was die Medizin zur Verfügung hat? Oder auch Fragen wie beispielsweise der Eingriff in das menschliche Genom mittels CRISPR/Cas9, womit neue Gentherapien ermöglicht werden. Das ist ein ungemein spannendes Thema, das jedoch sehr viele Ängste und Bedenken auslöst.

Ist die Gesellschaft damit nicht überfordert? Es steht noch nicht einmal die grüne Gentechnik außer Streit. Umso wichtiger ist es, aufzuklären. Es fehlt nicht an tollen Ideen der Forscher oder an finanzieller Unterstützung in den ersten Entwicklungsschritten für die Umsetzung neuer Ideen, aber manchmal fehlt es der Gesellschaft an Mut oder zumindest der Zuversicht, dass der Nutzen neuer Techniken überwiegt und die Risiken, wenn es sie denn gibt, kontrollierbar sind.

CHRISTIAN DOPPLER LABORS Die Christian Doppler Forschungsgesellschaft (CDG) fördert die Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft. Konkret geschieht dies in eigens eingerichteten Forschungseinheiten mit fixen Laufzeiten, in denen anwendungsorientierte Grundlagenforschung betrieben wird. Christian Doppler Labors werden von der öffentlichen Hand und den beteiligten Unternehmen gemeinsam finanziert. Unter der Leitung von hoch qualifizierten WissenschafterInnen arbeiten Forschungsgruppen in engem Kontakt zu Unternehmenspartnern an innovativen Antworten auf unternehmerische Forschungsfragen. Die CD-Labors gelten international als Best-Practice-Beispiel. An der Medizinischen Universität Innsbruck gibt es derzeit sieben: CD-Labor für Insulinresistenz, CD-Labor für invasive Pilzinfektionen, CD-Labor für Krebsimmuntherapie mit pharmakologischem NR2F6-Inhibitor, CD-Labor für Mukosale Immunologie, CD-Labor für Virale Immuntherapie von Krebs, CD-Labor für Eisenmetabolismus und Anämieforschung, CD-Labor für Eisen- und Phosphatbiologie.

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eco.innovativ Dr. Sara Matt ist Leiterin der Transferstelle Wissenschaft – Wirtschaft – Gesellschaft.

TRANSFERSTELLE WISSENSCHAFT – WIRTSCHAFT – GESELLSCHAFT 12

Ziel der Transferstelle Wissenschaft – Wirtschaft – Gesellschaft ist es, die Bedeutung der Universität Innsbruck als Impulsgeberin für die Region, als Partnerin für die Wirtschaft und als Wissenspool für die Gesellschaft zu stärken. Ideengeber und Interessenten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft sind aufgerufen, sich an diese zentrale Serviceeinrichtung und Schnittstelle der Universität Innsbruck zu wenden. Die Mitarbeiter der Transferstelle verfügen über großes Know-how in den Bereichen Kooperationen, Projektentwicklung, Entrepreneurship und Unternehmensgründung, bieten Alumni- und CareerServices für Studierende und Unternehmen, unterstützen neue Mitarbeiter durch ein Welcome & Dual Career Service und können in all diesen Bereichen auf ein regionales, nationales und internationales Netzwerk zurückgreifen.


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ECO.NOVA: Es war nicht von Anfang an abgemacht, dass eine Universität neben der Forschung und Lehre auch den Auftrag haben würde, direkt in Wirtschaft und Gesellschaft hineinzuwirken und dort Verantwortung zu übernehmen. Wie hat sich diese Aufgabe, oft mit Third Mission überschrieben, ergeben? SARA MATT: Im Universitätsgesetz 2002 wurde das erstmals als explizite Aufgabe erwähnt. Unter dem Schlagwort „Third Mission“ geht es um den Transfer von Wissen in Wirtschaft und Gesellschaft. Die Universitäten sollten sich auch darum kümmern, das dort produzierte Wissen bestmöglich einer Verwertung zuzuführen. Anfangs hatte man vor allem im Sinn, dass Erfindungen gemeldet, Patente angemeldet und in Folge Lizenzen vergeben oder auch Firmen gegründet werden. Das war der ursprüngliche Hauptgedanke.

Es ging also primär darum, universitäres Know-how zu Geld zu machen? Das hat man zu Beginn zumindest gehofft und das dürfte auch die Motivation gewesen sein, diese Third Mission im Gesetz zu verankern. Man wusste, dass viele Forscher an den heimischen Universitäten Erfindungen machen. Diese wurden zwar dem Bund als Arbeitgeber der Forscher gemeldet, dieser hat es jedoch aus Mangel an Nähe zum Forscher und Ressourcen den Forschern überlassen, damit zu tun, was ihnen beliebt. Manche haben Firmen gegründet und teilweise Erfolg damit gehabt, ohne dass die Universitäten oder der Bund als Geldgeber etwas davon gehabt hätten, anderen war das zu aufwändig, zu teuer und zeitintensiv. Manche Erfindungen wurden zwar irgendwo publiziert, wieder andere vergessen. Da ist ein riesiges Potenzial brachgelegen. Beide Varianten waren aus universitärer Sicht unbefriedigend. Die Gesetzesnovelle hat die Universitäten autonom gemacht, sie wurden als Rechtsperson damit zu Eigentümern des geistigen Eigentums, auch Intellectual Property genannt, und es wurden Erfinderberaterstellen geschaffen. Dort werden Erfindungen unter anderem evaluiert und auf ihr wirtschaftliches Potenzial abgeklopft. Macht die Universität von ihrem Recht Gebrauch, die Erfindung zu verwerten,

FLAGGE ZEIGEN Sara Matt leitet die Transferstelle Wissenschaft – Wirtschaft – Gesellschaft an der Universität Innsbruck und erläutert, warum Unternehmensbeteiligungen aus universitärer Sicht sinnvoll sind und dass es karrieretechnisch nicht länger bestraft werden darf, wenn sich Wissenschaftler in der Gesellschaft stärker einbringen und den Elfenbeinturm schleifen. INTERVIEW UND FOTOS: MARIAN KRÖLL

geht sie zugleich die Verpflichtung ein, das bestmöglich zu machen. Dafür gibt es verschiedene Optionen. Das kann beispielsweise die Anmeldung und dann Lizenzierung eines Patents, die Gründung einer Firma oder eine Kooperation zur Weiterentwicklung sein.

Musste das zur Verwertung von Erfindungen notwendige Wissen damals erst aufgebaut werden? Großteils ja. Im Prinzip war es bis dahin nicht notwendig, sich in diesen Dingen auszukennen. Es ist nicht die Aufgabe des Forschers, sich im Detail mit Patentschutz zu beschäftigen. Deshalb wurde an den Unis entsprechendes Personal aufgebaut. Die Aufgabe dieser Patentberater, wie sie damals genannt wurden, war es auch, sich den Markt anzusehen. Es kann etwas einzigartig und völlig neu sein und trotzdem keinen Markt haben. Dann braucht es auch kein Patent, das nur Kosten verursacht. Am Anfang haben wir solche Fehler tatsächlich gemacht, weil uns die Erfahrung gefehlt hat. Man muss von Fall zu Fall entscheiden, heute sind wir hier sehr gut aufgestellt. Gibt es eine Bilanz darüber, was es der Universität finanziell gebracht hat, sich privatwirtschaftlich zu engagieren? Die Universität Innsbruck hat zahlreiche Erfindungen patentiert und Lizenzeinnahmen generiert und kann auf ein Portfolio von rund 20 Spin-offs verweisen – kommerzielle Ausgründungen aus der Wissenschaft, an denen wir beteiligt sind. Wir sind eine der ganz wenigen Universitäten, die sich aktiv an Firmen beteiligen und nicht nur

die Gründung unterstützen. Wir sind auch Gesellschafter. Was ist das Ziel dieser Unternehmensbeteiligungen? Grundsätzlich möchten wir, dass viel gegründet wird, wenn es sinnvoll ist. In einem Bereich, wo es drei dominante Player am Weltmarkt gibt, macht es vermutlich keinen Sinn, mit einem Start-up mitmischen zu wollen. In so einem Fall ist es klüger, Lizenzen zu vergeben. Es gibt jedoch viele Bereiche, in denen es so aussieht, dass wir etwas nur selbst mit Hilfe der Forscher auf den Markt bringen können. Dann unterstützen wir die Gründer in allen relevanten Bereichen und leisten sehr viel Vorarbeit. Wir wollen deshalb nicht an der Stelle, an der die eigentliche Gründung geschieht, draußen sein. Es ist kein Geheimnis, dass wir – falls das Spin-off funktioniert – auch an der Wertschöpfung teilhaben wollen. Das ist ja ein legitimes Interesse der Universität. Das finden wir auch. Wir wollen keinen großen Anteil, sondern einfach nur dabei sein und im Erfolgsfall mitprofitieren. Das ist aber nur ein Aspekt. Der Hauptgrund, warum wir dabeibleiben wollen, ist der, dass wir dadurch vor allem zu Anfang viel schneller lernen und Kompetenzen aufbauen konnten. Ist man Teil der Gründung, bekommt man Einblicke, die man andernfalls nicht hat. Wir können den Gründern so auch besser helfen, indem wir für unsere Beteiligungen beispielsweise hochklassige Seminare und Fortbildungen organisieren, die sich ein einzelnes Unternehmen nicht leisten könnte oder wollte.

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Außerdem treiben wir die Vernetzung und den Austausch der Unternehmen voran, an denen wir beteiligt sind. Daraus ergeben sich Synergien. Als Gesellschafter haben wir Rechte, die den Gründern helfen. Wir können zum Beispiel Verträge mit Dritten prüfen, kümmern uns um das Einhalten von Beihilfenund Wettbewerbsrecht, helfen dabei, Infrastruktur zu finden, und vieles mehr. Es gibt tatsächlich viele praktische Gründe, die für eine Beteiligung sprechen.

In welchem Ausmaß beteiligt sich die Universität? Wir reden von zehn bis 20 Prozent, in Ausnahmefällen kann es weniger, aber auch etwas mehr sein.

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Sie bieten eine Art Rundumbetreuung für Gründer. Ja. Doch nicht alle Gründer brauchen das, manche können sich auch bevormundet fühlen. Die meisten sehen aber, dass wir in erster Linie dabei helfen wollen, dass keine gravierenden Fehler passieren. Manche kommen nur zur vorgeschriebenen Berichtslegung vorbei, mit anderen telefoniert man dreimal pro Woche. Die Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich. Es ist nicht unsere Rolle, den Gründern die Verantwortung abzunehmen oder in ihr Alltagsgeschäft reinzureden, sondern zu helfen und unterstützend dabei zu sein.

Was gehört sonst noch zur universitären Third Mission? Ich habe zunächst die wahrscheinlich ursprüngliche politische Intention – Einnahmen zu generieren – und ihre Auswirkungen erläutert. Manche haben tatsächlich gemeint, das wird eine neue Finanzierungsquelle. In der Realität steuern diese Erlöse freilich einen äußerst geringen Teil zum Budget bei, und zwar nicht nur bei uns, sondern bei Universitäten auf der ganzen Welt – auch bei den besten Unis! Es sollte und kann keinesfalls das Ziel sein, die Forschung in Richtung Einnahmenmaximierung zu lenken. Es zeigt sich immer wieder, so zumindest mein Eindruck, dass die Bevölkerung den Nutzen der Universitäten nicht so sehr sieht. Bildung wird von manchen als Luxusgut gesehen und die Universität als Institution, an der Menschen ihren Hobbys nachgehen und irgendwelche exotischen Dinge erforschen. „Inwiefern nützt mir das?“, fragen sich folglich viele Menschen.

Es gibt den schönen Begriff des Orchideenfachs (ein sehr ausgefallenes, ungewöhnliches, seltenes Studienfach), dessen Legitimität allein schon von diesem Ausdruck in Frage gestellt wird. Ist es aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive nicht sehr kurzsichtig, in der (Aus-)

„W I R M Ü S S E N Z E I G E N , D A S S W I R N I C H T D E R E L F E N B E I N T U R M S I N D , I N D E M A LT E MÄNNER IN WEISSEN MÄNTELN LEHREN, S O N D E R N D A S S W I R F Ü R A L L E D A S I N D .“ S A R A M AT T

Bildung nur auf die Employability zu schielen? Natürlich. Diese Tendenz ist aber leider erkennbar. Die Universitäten werden überspitzt formuliert als wahnsinnig teuer wahrgenommen und produzieren in den Augen mancher Menschen Absolventen, die niemand brauchen kann. Deshalb gab es die Bestrebung, vermehrt Fachhochschulen zu gründen. Man hat dabei vergessen, dass auch Menschen, die in einem sogenannten Orchideenfach arbeiten, unglaubliche Kompetenzen brauchen, um dort forschen zu können. Dabei fällt ganz viel Wissen an, das der Gesellschaft immer nützt, auch wenn man es nicht einfach in Geld ausdrücken und ökonomisch verwerten kann. Deshalb hat man begonnen, Ergebnisse von Forschung nicht mehr nur in Geld zu messen, sondern an ihrem Impact festzumachen.

Was meint Impact in diesem Zusammenhang? Fächer, deren Output nicht einfach geldmäßig erfasst werden kann, können riesige Auswirkungen auf die Gesellschaft haben. Viele sehen das nicht, wenn man es ihnen nicht zeigt. Deshalb heißt Third Mission auch, den Menschen da draußen – besonders den Steuerzahlern – zu zeigen, was an Universitäten alles Brauchbares gemacht wird. Wir haben uns 2016 ganz explizit als Transferstelle Wissenschaft – Wirtschaft – Gesellschaft konstituiert, weil es darum geht, den unglaublichen Wissenspool, den die über 3.500 Forscher befüllen, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das geschieht beispielsweise dann, wenn in der Coronakrise unsere Experten auftreten und darauf hinweisen, dass man auch die psychologischen Folgen der Maßnahmen mitdenken muss. Forschung stiftet Nutzen und hat einen gesamtgesellschaftlichen Impact. Deshalb tragen wir die Gesellschaft im Namen.

Ist mit der erweiterten Third Mission auch eine gewisse Öffnung der Universität in Richtung Gesellschaft einhergegangen? Es gibt ein gewisses Ressentiment, diese Erzählung vom Elfenbeinturm. Ist der Hochschulraum zugänglicher geworden? Das ist mitunter ein ganz mühsamer Prozess, weil dieses Empfinden so verbreitet ist. Es wird entweder angenommen, dass das Problem, das etwa Wirtschaftstreibende haben, zu klein für die Uni ist oder dass sie so praxisfern ist, dass keine praktikablen Lösungen zu erwarten sind. Natürlich können wir uns nicht um alle Anliegen kümmern, weil wir überspitzt gesagt kein Vermieter oder Co-


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„W E N N V O N W I S S E N S C H A F T L E R N M E H R E N G A G E M E N T F Ü R D I E G E S E L L S C H A F T E R WA R T E T U N D V E R L A N G T W I R D , M U S S D A S A U C H H O N O R I E R T W E R D E N , U N D Z WA R A U F E I N E A R T, D I E A U C H I H R E R K A R R I E R E D I E N L I C H I S T.“ S A R A M AT T

pyshop sind und auch nicht Leistungen anbieten dürfen, die es am freien Markt gibt. Wir dürfen für niemanden arbeiten, wenn es etablierte Services dafür gibt. Hat ein Anliegen, das von außen an uns herangetragen wird, Forschungscharakter, dann ist das natürlich etwas anderes. Wir versuchen, Ressentiments abzubauen, indem wir mit vielen Leuten reden. Hier ist zum Beispiel die Lange Nacht der Forschung sehr hilfreich. Wir gehen aber auch hinaus und halten Vorträge, damit die Menschen ein besseres Gefühl dafür bekommen, was an der Uni gemacht wird. Mit unserem Wimmelbuch sollen auch Jüngere mitbekommen, dass die Universität ein bunter, vielfältiger und interessanter Ort ist. Unser Ziel ist es, dass Kinder aus allen Bildungsschichten wissen, dass es uns gibt. Wir haben das Wimmelbuch deshalb an 500 Kindergärten in ganz Tirol verschickt und Lesungen angeboten, um mit den Kindern in Kontakt zu kommen. Wir müssen zeigen, dass wir nicht der Elfenbeinturm sind, in dem alte Männer in weißen Mänteln lehren, sondern dass wir für alle da sind. Wir wollen präsenter, sichtbarer werden und aufzeigen, warum es wichtig ist, gute Universitäten zu haben. Das dient nicht unserem Ego, sondern ist für die gesamte Gesellschaft wichtig. Welchen akademischen Hintergrund haben Sie? Ich bin Physikerin. Während meines Studiums war mir gar nicht bewusst, was die wichtigste Kompetenz ist, die mir vermittelt wurde. Heute würde ich sagen, es ist die, ein Problem zu erkennen, Muster zu erkennen und alles Irrelevante wegzulassen. Derartige Skills werden in allen

akademischen Richtungen vermittelt und bringen die gesamte Gesellschaft weiter. Die Universität ist nicht Ausbildungsstätte für einen Beruf, sondern für eine Geisteshaltung. Wer beispielsweise gelernt hat, zu recherchieren, hinterfragt vielleicht auch die eine oder andere Facebook-Meldung. Wir müssen zeigen, inwiefern eine Universität der Gesellschaft nützt, und nicht nur irgendwelche Kennzahlen produzieren. Die Forscher selbst haben wenig Zeit, sich der Third Mission zu widmen, weil sie an anderen Faktoren, an Publikationen und Drittmitteln gemessen werden.

Das ist der springende Punkt. Es gibt eine Publikationsschwemme, die nicht länger allein den Ausschlag dafür geben kann, wie wertvoll ein Forscher ist. Viele der etablierten Kennzahlen wie beispielsweise der Hirschfaktor sind prinzipiell schlüssig. Wenn von Wissenschaftlern aber mehr Engagement für die Gesellschaft erwartet und verlangt wird, muss das honoriert werden, und zwar auf eine Art, die auch ihrer Karriere dienlich ist. Oder zumindest nicht abträglich. Genau. Wenn man als junger Forscher noch keine fixe Stelle hat, aber viele öffentliche Vorträge hält, dann ist das nett, aber nicht mehr. Wir wissen alle, wie wichtig eine stärkere Öffnung hin zur Gesellschaft ist, bewerten aber nur die harten Faktoren wie Publikationen und eingeworbene Drittmittel. Das ist unfair. Der Publikationsdruck ist global sehr hoch, weshalb man sich dem nicht

leicht entziehen wird können. Gibt es Bestrebungen, es zu honorieren, wenn ein junger Wissenschaftler in der Gesellschaft Flagge zeigt? Ja. In England wurde bereits 2014 erstmals versucht, den Impact von Forschung zu messen. Dieses Instrumentarium wurde mit der Zeit verfeinert. Dort muss nun jede Universität Impact-Berichte liefern, die dann von einer unabhängigen Kommission anhand von rund 30 Parametern bewertet werden. Ein Drittel der Budgets hängt mittlerweile vom Impact ab. Die großen Impact-Gewinner in England, Exeter gehört dazu, haben 30 Prozent mehr Budget als früher. In Österreich hat die Universitätenkonferenz uniko mit den 22 heimischen Universitäten und dem FWF (= Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) das Projekt „UNInteressant?“ ins Leben gerufen, das zeigen soll, wie sich Forschungsarbeit auf konkrete Bereiche unseres Lebens auswirkt. Die Entwicklung läuft also auch bei uns in die richtige Richtung. Wissenschaftskommunikation bzw. das Reden über Wissenschaft sollte entsprechend stärker professionalisiert werden? Ja, denn es geht darum, stärkere Akzeptanz in der Bevölkerung, unter den Steuerzahlern, herzustellen. Da haben sich die Universitäten früher sicher zu wenig engagiert. Die Unis sollten viel öfter medial mit konkreten Forschungsgeschichten in Erscheinung treten und weniger mit Preisverleihungen an unsere Wissenschafter. Ob man all das unterm Strich als Third Mission, Outreach oder Impact bezeichnet, ist eigentlich egal, Hauptsache es passiert. 

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AKTIVER ANSTOSS ZUM NETZWERKEN

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Günther Botschen und Maximilian Reitmeir haben festgestellt, dass es für viele kleine und mittelgroße Unternehmen eine Hemmschwelle gibt, beim Networking nachhaltig auf Tuchfühlung zu gehen, so dass Innovatives entstehen kann. Mit dem „Marktplatz für Innovationen Tirol“ haben sie einen ebenso informativen wie zwanglosen Rahmen geschaffen, der den Austausch erleichtern soll. TEXT: MARIAN KRÖLL

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nser Ziel mit dem Markplatz für Innovationen Tirol (MfIT) ist es, dass KMU optimal vernetzt werden, um ihre Innovationspotenziale zu erkennen und intensiver auszuschöpfen“, lautet das Mission Statement von Günther Botschen, der gemeinsam mit Maximilian Reitmeir den MfIT ins Leben gerufen hat. Botschen leitet das sogenannte Retail Lab, kurz für Retail Management Education and Research Laboratory, am Institut für Strategisches Management, Marketing und Tourismus an der Fakultät für Betriebswirtschaft der Universität Innsbruck, das qua Selbstdefinition eine prob-

lem- und praxisorientierte Bildungs- und Forschungseinrichtung im Bereich „Markenorientierter Führung und Entwicklung von Handelsorganisationen und Markenartiklern“ ist. Entstanden ist der MfIT unter anderem deshalb, weil die Initiatoren bei bestehenden Veranstaltungsformaten häufig den Tiefgang vermisst haben. Dort wurden – bezeichnenderweise meist rund ums Buffet – zwar oberflächliche Gespräche geführt und pflichtschuldig Visitenkarten ausgetauscht, nachhaltig und dadurch produktiv sind die derart geknüpften Kontakte in der Regel aber nicht gewesen. Smalltalk

bei tollem Buffet ist zu wenig, meint Botschen, und auch im Rahmen von Symposien werde Networking in der Regel nicht aktiv angestoßen.

NEUE IMPULSE

Networking muss nicht immer Zufall sein. Bereits im Zuge der Auftaktveranstaltung des MfIT sind Botschen und Reitmeir dazu übergegangen, die Teilnehmer in gewisser Weise zu ihrem Glück – aufeinander zuzugehen, einander kennenzulernen, sich auszutauschen – zu zwingen. Sanft zwar, aber doch bestimmt. Es gab aber noch eine weitere Motivation, Neues zu versuchen, die


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aus folgender Beobachtung resultiert: „Es gibt einen sehr starken Fokus auf Start-ups und Großbetriebe. Letztere bedienen sich und nehmen Leistungen gewisser Institutionen selbstverständlicher in Anspruch. Dazwischen gibt es mit den KMU ein riesengroßes Segment, die sich – mit Ausnahme einiger Hidden Champions, um die man sich nicht großartig kümmern muss – nicht so recht trauen. Und diese Unternehmen brauchen einen Push, einen Impuls“, erklärt Botschen. Der MfIT bietet nunmehr eine geeignete Plattform der etwas anderen Art. „Innovation entsteht in Tirol in der Regel dann, wenn es Förderungen gibt. Es gibt Institutionen, die Innovation befördern, wie die Standortagentur oder die Wirtschaftskammer, und es gibt etablierte Kreise wie die Adlerrunde. Darüber hinaus gibt es … nichts. Deshalb haben wir ein offenes Format etabliert, das neue Impulse geben soll. Keinen steifen Kongress, sondern eine Veranstaltung mit ein paar kurzen, knackigen Vorträgen und viel Raum für Vertiefung, Austausch, Diskussionen in der Gruppe und später Networking bei einem entspannten Essen“, erläutert Reitmeir, SIT-Austria-Geschäftsführer und weitgereister Innovationsexperte. Eine Schlüsselrolle kommt im Konzept des MfIT dem Veranstaltungsort zu. Der Genius Loci soll auf die Teilnehmer im besten Sinne des Wortes abfärben. Deshalb sind allzu formelle, beinahe sterile Orte, wie sie manchmal bewusst für Tagungen, Vorträge und Symposien gewählt werden, für Botschen und Reitmeir fast tabu. Das hat den zusätzlichen positiven Nebeneffekt, dass die vor allem unter KMU verbreitete „Hemmschwelle, die zur Universität hin genauso da ist wie zur Wirtschaftskammer“ nicht zum Tragen kommt. Zur Wahrnehmung des Universitären meint Botschen: „Es herrscht wohl bei vielen unternehmerisch tätigen Menschen der Eindruck vor, da sitzen die Intellektuellen, die sowieso nicht wissen, was die Unternehmen konkret brauchen. Und um diese Einschätzung aufzubrechen, brauche ich einen anderen Begegnungsraum als den üblichen.“ Einen Raum, der die wechselseitige Attraktivität zwischen Innovationswilligen befördert, atmosphärisch etwas hermacht und auch unterschwellig dazu einlädt, den Austausch zu pflegen. Als Referenten

suchen Reitmeir und Botschen unter anderem bevorzugt nach erfolgreichen Mittelständlern, die bei den Veranstaltungen des MfIT erzählen können, wie sie es unternehmerisch angelegt haben, um zum Erfolg zu kommen und erfolgreich zu bleiben. Beim Marktplatz für Innovationen herrscht generell ein etwas anderer Geist als im zumindest anfangs relativ geschützten Start-up-Sektor, in dem die betriebs- und marktwirtschaftliche Feuerprobe in der Regel erst nach dem Austrocknen diverser Fördertöpfe ansteht. Die Unternehmer, die sich dort treffen, sind schon etwas länger im Geschäft. „Es zeigt sich immer mehr, dass Innovationen gerade in Netzwerken sehr gut gedeihen können”, weiß Reitmeir, der betont, dass trotz des lockeren Rahmens alles, was im MfIT gemacht werde, eine methodische Basis habe. Es mag sich wie ein schöner Zufall anfühlen, im Hintergrund führt dennoch die Wissenschaft Regie, aber eben nicht so offensichtlich. „Für viele große Konzerne ist der österreichische Markt ein idealer Testballon. Daran sollten sich auch kleine und mittlere Unternehmen ein Beispiel nehmen und in der Einführung von nach eigenem Dafürhalten noch nicht ganz fertigen Innovationen mutiger sein als in der Vergangenheit“, regt Reitmeir an. Der MfIT hat es sich überdies zur Aufgabe gemacht, die Angst vor der Innovation zu nehmen, ihr etwas von ihrem hochtrabenden, einschüchternden Erscheinungsbild zu nehmen. „Es ist ein verbreiteter Irrglaube, dass Innovation nur dann entstehen kann, wenn eine spezifische Förderung in Anspruch genommen wurde. Das stimmt gar nicht“, erklärt Reitmeir. Innovation ist für jedermann. Innovation ist ein Spektrum, das von der minimalen Verbesserung bis zur disruptiven Erfindung reichen kann. Mit der Brille des Innovators betrachtet hat selbst die gegenwärtige Krise nicht nur Schattenseiten, wie Maximilian Reitmeir ausführt: „Verknappung ist immer ein Innovationstreiber. Wäre jetzt nicht Krise, gäbe es einige interessante Innovationen gar nicht.“ Botschen ergänzt: „Die Unzufriedenheit mit dem Status quo zwingt dazu, andere Dinge zu denken.“ Der Leidensdruck ist in Zeiten der Wirtschaftskrise natürlich höher als in

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Klaus Hilber

Zukunftstauglich Die aktuelle Coronasituation und was sie im Bereich der Fortbildung verändert. Weil Steuerberater und Wirtschaftsprüfer für ihre Klienten stets auf dem Laufenden sein müssen, was Neuerungen im Steuerund Unternehmensrecht anlangt, und aktuell natürlich auch mit den unzähligen Verordnungen im Zusammenhang mit Corona-Hilfspaketen, besteht für den Berufsstand eine umfassende Fortbildungsverpflichtung. Die derzeitige Pandemie hat aufgezeigt, dass bisher gewohnte Weiterbildungsformate nicht mehr in Präsenz angeboten werden können. Ein idealer Weg, möglichst viele Interessierte an einer Veranstaltung teilhaben zu lassen, ist die hybride Form: live und digital dabei sein. Bei hybriden Events werden Live-Veranstaltungen mit digitalen Komponenten ergänzt und so – allen Personenbeschränkungen vor Ort zum Trotz – für viele zugänglich.

Während die einen zögerlich abwarten, gibt es mutige Vorreiter, die neue Konzepte bereits zukunftstauglich umgesetzt haben. Als solcher Vorreiter darf die Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer in Tirol genannt werden. Die Fortbildungsschiene „Steuersprechtag“, bei der namhafte Experten zu für den Berufsstand relevanten Themen referieren, ist bereits auf hybrid umgestellt – und das mit großem Erfolg. In diesem Punkt ist die Krise auch eine Chance, längst nötige Veränderungen voranzubringen. Innovative Onlinelösungen gehören in den Fokus gerückt – während und nach der Pandemie. Denn Fortbildung verträgt keinen Stillstand.

KLAUS HILBER

Klaus Hilber, Präsident der Landesstelle Tirol, Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer

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der Zeit des Wirtschaftsbooms, in der die Auslastung hoch ist, auch wenn man sich gar nichts Neues einfallen lässt. „Wie viel Zeit hat man denn, über grundlegende Verbesserungen des eigenen Geschäftsmodells nachzudenken, wenn man mit dem Tagesgeschäft ausgelastet ist?“, gibt Reitmeir zu bedenken. Wenn sich der Markt dagegen – sei es durch staatliche Intervention oder Marktkräfte – von heute auf morgen rapide verändert, geht auch die Innovation entsprechend schneller. Der Marktplatz für Innovationen soll, geht es nach dessen Schöpfern, auch als zwanglose Recruiting-Plattform eine Rolle spielen. Und zwar einfach deshalb, weil die Veranstaltungen fallweise von HTL-Absolventen und Studierenden besucht werden, die dort mit Unternehmern, die – Corona hin oder her – häufig qualifiziertes Personal suchen, ins Gespräch kommen und einander abtasten können.

NO NA NET(WORKING)

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Der gemütliche gemeinsame Rahmen geht selbstverständlich bei Onlineveranstaltungen verloren. Derzeit sind solche aber aus bekannten Gründen unumgänglich. „Die besondere Kraft liegt in der ersten persönlichen Begegnung“, ist Günther Botschen bewusst. Ist erst einmal der persönliche Grundstein von Angesicht zu Angesicht gelegt, kann man nach Herzenslust zoomen, skypen oder wie auch immer. „Ist dieser erste persönliche Kontakt nicht da, und es fehlt das Persönliche, das Sensorische, dann ist es schwer.“ Wobei Botschen nicht ausschließen möchte, dass auch das eine Generationenfrage sein könnte und es den jungen Leuten, die mit dem Smartphone aufgewachsen sind, leichter fallen könnte, auch virtuell tiefschürfende Kontakte zu knüpfen. Auch Reitmeir konstatiert, dass es bei den Technologien noch Defizite gebe und sich der persönliche Kontakt, die Begegnung auf Augenhöhe, nicht wirklich gleichwertig ersetzen lässt. Zumindest derzeit nicht. Bei Veranstaltungen, bei denen Teilnehmer physisch anwesend sind, können sich etwa einzelne Teilnehmer aus Vorträgen ausklinken, um ein wenig abseits das für sie besonders Relevante sofort zu vertiefen. Online kann man sich dagegen kaum jemanden zur Seite nehmen, um augenblicklich Näheres zu erläutern. Ähnliche Reibungsverluste sieht Günther Botschen in der Lehre. Das „virtuelle“ Sommersemester sei zwar in Ordnung gewesen, aber: „Es geht in der Betreuungsqualität, der Inten-

GÜNTHER BOTSCHEN Der Leiter des privatwirtschaftlich finanzierten „Retail Management Education and Research Laboratory“, kurz „RetailLab“ an der Universität Innsbruck ist seit 1984 in Lehre und Forschung zu den Themen Retail und Marketing in Tirol und international tätig. Neben seiner universitären Arbeit zählt Günther Botschen unter anderem zu den Gründern des Markenberatungsunternehmens Institute of Brand Logic und berät Unternehmen weit über Tirols Grenzen hinaus rund um Fragen der markenorientierten Unternehmensentwicklung.

MAXIMILIAN REITMEIR Als Geschäftsführer der SIT Austria leitet und begleitet Maximilian Reitmeir internationale Wachstumsprojekte durch ultimativ innovative Lösungen in verschiedensten Branchen. Zudem ist er Lehrbeauftragter an der Uni Innsbruck für Strategisches Management, Marketing und Handel. Vor seiner Tätigkeit bei SIT war der studierte Maschinenbauer über zehn Jahre bei der BMW Group in wechselnden Funktionen mit immer stärkerem Schwerpunkt auf Innovation tätig.

sität der Auseinandersetzung, im Coaching etwas verloren.“ In der „echten“ Welt wird der MfIT voraussichtlich Anfang 2021 wieder seine Pforten öffnen und im Rahmen von Donnerstagabend-Treffen zum Gedankenaustausch und Netzwerken laden. Jedenfalls verfolgt der MfIT einen durchaus erfrischenden Zu-

gang zum Thema Innovation und Wissenstransfer, bei dem Teilnehmer statt einer Visitenkarte einen bleibenden Eindruck hinterlassen können, der wiederum dazu anregen soll, mehr Neues zu wagen. Aktuelle Informationen zu Veranstaltungen des MfIT finden Sie unter www.marktplatz-fuer-innovationen.net.


UNICREDIT BANK AUSTRIA eco.innovativ

INVESTITIONEN ANKURBELN Die UniCredit Bank Austria ist die erste Anlaufstelle für ihre Kundinnen und Kunden, wenn sie sich einen Überblick über die aktuellen Fördermöglichkeiten verschaffen wollen, und bietet umfassende Beratung. In Tirol gibt es – wie für jede Region – einen eigenen Experten für regionale Förderungen. Markus Sappl, Landesdirektor Firmenkunden Tirol, im Interview.

© T. STEINLECHNER

ECO.NOVA: Die UniCredit Bank Austria ist

die führende Unternehmerbank1) in Österreich. Welche Bedeutung haben geförderte Finanzierungen? MARKUS SAPPL: Gerade in der jetzigen Coronakrise ist ein aktives Liquiditätsmanagement besonders wichtig. Wir unterstützen Unternehmen, die Liquidität zu sichern und den Zugang zu möglichen Förderungen zu ebnen. Bereits seit Beginn der Coronakrise stehen wir in einem regelmäßigen und intensiven Austausch mit unseren Kunden und informieren die Unternehmen laufend über die aktuellen Fördermöglichkeiten.

Haben Sie auch Förderungen auf europäischer Ebene? Wie können Tiroler Unternehmen davon profitieren? Wir sind die einzige Geschäftsbank in Österreich, die ihre Kundinnen und Kunden bei Krediten mit einer Garantie des European Investment Fund (EIF) unterstützen kann. Wir konnten Ende 2019 unser Garantieabkommen mit dem EIF deutlich aufstocken. Damit können wir den großen Erfolg unserer InnovFin-KMU-Vereinbarung fortsetzen. Die InnovFin-Initiative ermöglicht es uns, innovations- und forschungsorientierten Klein- und Mittelbetrieben in Österreich Kredite in der Höhe von weiteren 300 Millionen Euro zu günstigen Konditionen zur Verfügung zu stellen. KMU haben damit zwei große Vorteile: Sie erhalten durch den EIF eine preisgünstige zusätzliche Besicherung und zweitens noch attraktive Konditionen, da wir die Kostenvorteile aus der Garantie eins zu eins an unsere Kunden weitergeben.

Wir beobachten, dass die Unternehmen nun wiederum langsam zu investieren 1) Nach Unternehmenskredit- und Einlagenvolumen in Österreich auf Einzelbasis (Quelle: OeNB 2019)

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Markus Sappl, Landesdirektor Firmenkunden Tirol der UniCredit Bank Austria

beginnen. Welche Förderinstrumente sind hier aktuell möglich? Hervorheben möchte ich die aws und die OeKB. Beide können Unternehmen, die vor dem nächsten großen Wachstumsschritt im In- oder Ausland stehen, gemeinsam mit der UniCredit Bank Austria unterstützen. Die aws und die OeKB als Beauftragte der Republik Österreich und die UniCredit Bank Austria teilen sich dabei das Risiko und stellen den Kredit

über die gewünschte Laufzeit zu attraktiven Konditionen bereit. Aktuell gibt die aws-Investitionsprämie einen zusätzlichen interessanten Impuls. Unternehmen erhalten von der aws einen Zuschuss für Neuinvestitionen in der Höhe von 7 Prozent. Wenn in Ökologisierung, Digitalisierung oder Gesundheit investiert wird, verdoppelt sich der Zuschuss auf 14 Prozent. Das Thema „nachhaltige Finanzierung“ wird generell immer wichtiger, da vermitteln wir unter anderem die „Exportinvest Green“-Garantie der OeKB für nachhaltig agierende Tiroler Exporteure.

Wie bekommt man am besten einen Überblick über die breite Palette an geförderten Finanzierungen? Tatsächlich gibt es eine Vielzahl von Förderstellen mit unterschiedlichsten Förderungen. Mit unserem Online-Förderfinder (foerderfinder.bankaustria.at) finden Unternehmen auf Knopfdruck die wichtigsten Förderungen, die zu ihrem Vorhaben passen könnten. Das Ergebnis dient dann als Grundlage für die persönliche Beratung: Wie die in Frage kommenden Förderungen optimal für das geplante Vorhaben kombiniert werden können, darüber informieren wir gerne in einem umfassenden Beratungsgespräch.

NÄHERE INFORMATIONEN Markus Sappl, Landesdirektor Firmenkunden Tirol Tel.: +43 (0)5 05 05-95182

www.unternehmerbank.at foerderfinder.bankaustria.at

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WIE EINE SPINNE DIE MEDIZIN REVOLUTIONIERT Forschung im medizinischen Bereich braucht einen langen Atem. Mit der Erfindung des „Rhinospider“ ist Wissenschaftler Wolfgang Freysinger nun kurz vor der Marktreife einer revolutionären Operationstechnik im Kopfbereich. T E X T E : D O R I S H E LW E G

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ut Ding braucht bekanntlich Weile. Und weil in der medizinischen Forschung alles seinen gewohnten und sicherheitsrechtlichen Gang gehen muss, braucht es auch eine große Portion Geduld, um eine Erfindung auf den Markt zu bringen. Es war bereits im Jahr 2008, als ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. rer. nat. Wolfgang Freysinger und Dozent Dr. Florian Kral eine Erfindung machten. Eine Erfindung, die Operationen im Hals-Nasen-Ohren (HNO)- und vorderen Schädelbereich wesentlich sicherer, genauer und schneller machen kann. Denn je präziser und schneller ein operativer Eingriff erfolgen kann, desto sicherer ist das für den Patienten und für den Chirurgen. Wolfgang Freysinger ist Wissenschaftler, genauer gesagt Physiker an der Medizinischen Universität Innsbruck am Department Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde und Hör-, Stimm- und Sprachstörungen. Schon im Jahr 1994 hat er begonnen, computergestützte Chirurgie an der HNO-Klinik einzuführen. Mittlerweile verfügt die Klinik über das vierte klinisch zugelassene Navigationssystem, das millimetergenaue Anwendungen bei endoskopischen Eingriffen an der vorderen Schädelbasis und bei mikroskopischen Eingriffen an der seitlichen Schädelbasis gestattet.

NAVIGATION IM SCHÄDEL

Es geht also um Navigation im Kopf und um die möglichst genaue Erfassung und Ortung der Stelle, an der vom Chirurgen operiert werden soll. Das kann nun ein schwer zugänglicher Tumor oder ein Hörimplantat sein, das an einer genau definierten Stelle positioniert werden soll. „Man kann sich das vorstellen wie bei einem Navigationssystem im Auto. Man benötigt einen präoperativen Datensatz vom Patienten und die präoperative Bildgebung. Diese müssen dann zueinander registriert werden, um eine Stelle möglichst genau darstellen und finden zu können“, erklärt Freysinger das hochkomplizierte Geschehen.


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„Hier passiert die Materialisation von Mathematik“, ergänzt er. „Für Laien ist das etwas schwer zu verstehen. Oft ist die präoperative Bildgebung unübersichtlich – weil die Pathologie so groß oder die Anatomie extrem verändert ist. Deshalb ist es umso wichtiger, genaue Positionen mit dem Rhinospider messen zu können.“

„W I R H A B E N D I E I D E E FA S T B I S Z U M FERTIGEN PRODUKT G E B R A C H T, J E T Z T B E G I N N T D E R S PA N NENDE PROZESS, WO DIESE INTENSIVE F O R S C H U N G S TÄT I G K E I T A U C H TAT S Ä C H L I C H Z U M E I N S AT Z KO M M E N W I R D .“

FUNKTION DES RHINOSPIDER

Vereinfacht dargestellt funktioniert der Rhinospider so: Das kleine technische Gerät, das optisch einer Spinne oder auch einem kleinen Playmobil-Blumenstrauß ähnelt, wird vor der Operation über die Nase bis über den weichen Gaumen eingeführt – dieser Vorgang ist einfach, schmerzlos und dauert nur sehr kurz. Anhand von kleinen Spulen, die an den „aufgespreizten vier Enden“ des Rhinospider eingearbeitet sind, kann die Position wie in einem Koordinatensystem genau ausgemessen werden. Diese Daten werden mit der präoperativen Bildgebung zusammengeführt und ergeben Positionsmessungen, die es dem Chirurgen ermöglichen, millimetergenau mit seinen Geräten im Operationsgebiet zu navigieren. Operationen im HNO-Bereich, besonders im vorderen oder seitlichen Schädelbereich, können so wesentlich schneller und somit auch sicherer durchgeführt werden. Zeitersparnis und Genauigkeit sind demnach die großen Vorteile, die der Rhinospider dem Patienten und dem Chirurgen bringen. Denn Zeit ist vor allem im OP-Bereich auch Geld. Sicherheit für Patienten und der Erfolg von Operationen sind jedoch das Wichtigste.

WOLFANG FRE YSINGER

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VON DER ERFINDUNG ZUM PRODUKT

Nach jahrelanger Forschung und mehreren geförderten Forschungsprojekten wird es im kommenden Jahr so weit sein, das „Produkt“ auszurollen. Derzeit laufen Versuche und Auswertungen, über die Technologien und das Operationsverfahren hinaus sind noch viele Voraussetzungen für eine erfolgreiche Markteinführung nachzuweisen und zu erfüllen. „Nachdem wir drei Jahre lang ein gemeinsames Forschungsprojekt mit dem größten europäischen Anbieter von Cochlea-Implantaten hatten, bei dem es um eine Positionierungshilfe für Hirnstammimplantate ging, ist es naheliegend, weitere Gespräche über Anwendung und Vermarktung zu führen“, erklärt Freysinger. Auch von Seiten namhafter Chirurgen hat der „Rhinospider“ begeistertes Feedback erhalten. „Wir möchten jetzt nicht den Fehler machen, zu schnell ein Unternehmen zu gründen, ohne genau zu wissen, wo die Reise hingehen soll. Wir haben auf dem Weg von der Idee bis zum fast fertigen Produkt einen hohen technologischen Reifegrad erreicht. Jetzt beginnt der spannende Prozess, diese Forschungsergebnisse auch tatsächlich zum klinischen Einsatz am Patienten zu bringen.“ FOTOS © ANDREAS FRIEDLE

DR. WOLFGANG FREYSINGER Nach seinem Studium der Physik war ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. rer. nat. Wolfgang Freysinger mehrere Jahre Assistent am Institut für Ionenphysik der Universität Innsbruck. Anfang der 1990er-Jahre verbrachte er knapp zwei Jahre am Department of Chemistry an der University of Utah in den USA. Seit 1994 ist er an der Innsbrucker Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde tätig und hat dort die computergestützte Chirurgie in diesem Bereich wesentlich vorangetrieben. 2008 haben er und Dozent Florian Kral den sogenannten „Rhinospider“ erfunden. In die Forschungen wurden seitdem etwa zwei Millionen Euro an Forschungsförderung investiert. Rhinospider hat das Potenzial, die Chirurgie im HNO- sowie im vorderen und seitlichen Schädelbereich maßgeblich zu verbessern. Wolfang Freysinger hat bereits 1994 mit der Einführung computerunterstützter Chirurgie an der Innsbrucker Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde begonnen. In der Arbeitsgruppe 4D Visualisierung arbeiten er und sein Team an Verfahren zur Qualitätssicherung klinischer Navigation sowie an intuitiven visuellen Darstellungen von zuverlässiger intraoperativer Information für Chirurgen. Im klinischen Tätigkeitsfeld arbeitet Freysinger intensiv mit den HNO-Chirurgen, insbesondere mit Prof. Herbert Riechelmann und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, zusammen.


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KUNDENERLEBNISSE GREIFBAR MACHEN Service Design fängt beim Kunden an. Mit diesem Grundverständnis sind die Gründer von More than Metrics ans Werk gegangen und haben Softwareanwendungen entwickelt, die weltweit zum Einsatz kommen. T E X T : D O R I S H E LW E G

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ienstleistungen müssen genau so gestaltet werden wie physische Produkte auch“, ist sich Marc Stickdorn, Mitbegründer und Geschäftsführer von More than Metrics, sicher. Als Autor der weltweiten Bestseller „This is Service Design Thinking“, „This is Service Design Methods“ und „This is Service Design Doing” – die Trilogie wurde weltweit in zehn Sprachen übersetzt und bislang über

150.000-mal verkauft – weiß Stickdorn, wovon er spricht. „Service Design fängt immer beim Kunden an. Erst wenn ich das Bedürfnis des Kunden verstanden habe, kann ich den Designprozess starten.“ Als Dienstleister müsse man sich die Frage stellen: Wie sieht das Kundenerlebnis aus und wie kann ich diese Prozesse auch darstellen? Genau hier kommen die Softwareanwendungen von More than Metrics ins Spiel.

Mit den beiden Softwareprodukten ExperienceFellow und Smaply haben die Gründer Marc Stickdorn, Klaus Schwarzenberger und Jakob Schneider Anwendungen entwickelt, die für Service-Design-Prozesse wesentliche Erleichterungen bereitstellen.

SERVICE DESIGN

ExperienceFellow ist eine Software zur effizienten Erforschung von Kundenerlebnis-


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„ S E R V I C E D E S I G N FÄ N G T B E I M KUNDEN AN. ERST WENN ICH DAS BEDÜRFNIS DES KUNDEN V E R S TA N D E N H A B E , K A N N I C H D E N D E S I G N P R O Z E S S S TA R T E N .“ MARK STICKDORN

sen mithilfe mobiler Ethnographie. In seiner Forschung entwickelte Marc Stickdorn den innovativen Forschungsansatz der mobilen Ethnographie unter Verwendung von Smartphones, um echte Daten von Kunden zu sammeln. Eine Kombination aus mobilen Apps und webbasierter Software zur Erforschung des Kundenerlebnisses mithilfe mobiler Ethnographie. Der Kunde kann zum Beispiel auf einer Reise all seine Erlebnisse einfach und schnell bewerten und beschreiben und liefert dem Serviceanbieter damit wertvolles Feedback. Diese Anwendung läuft auf mobilen Endgeräten und kann überall – selbst offline – verwendet werden. Smaply nennt sich die Software zur Verwendung grundlegender Service-Design-Tools. Der Prozess des Service Designs lässt sich in der Regel nach Stickdorn und Schneider in vier Phasen unterteilen: In der Forschungsphase werden Mikro- und Makroumfeld, Stakeholder und Ziele der Dienstleistung definiert und bewertet. Dazu werden oftmals auch klassische Forschungsmethoden herangezogen. Ein Fokus liegt darauf, Probleme und Möglichkeiten aus Kundensicht darzustellen. Zu den etabliertesten Ansätzen in dieser Phase gehören die Entwicklung von Personas, eine alternative Sichtweise auf Zielgruppen sowie Customer-Journey-Maps, also die Darstellung von Kundenerlebnissen in schrittweisen Sequenzen. Auch Stakeholder-Maps werden oftmals verwendet, um das gesamte Ecosystem einer Dienstleistung zu betrachten. Für die Erstellung von Customer-Journey-Maps kommt die Software Smaply zur Anwendung. In der Phase der Ideenfindung und -auswahl werden verschiedene Wege zur Lösung der vorher definierten Probleme bzw. der Nutzung von Chancen erarbeitet, dessen Ideen dann in der Entwicklungsphase zu Prototypen umgewandelt werden, um festzustellen, ob sie tatsächlich umsetzbar sind und funktionieren, FOTOS: © ANDREAS FRIEDLE

wie es erwartet wird bzw. wurde. Schließlich werden in der Implementierungsphase die Prototypen fertig entwickelt und in den Service mit eingebunden. In der Implementierungsphase werden die Prototypen umgesetzt, ihre erwartete Wirkung in der Praxis im zeitlichen Verlauf überprüft und optimiert. Service-Design-Sprints laufen nicht unbedingt zirkulär, sondern können in Sprüngen oder mit einem Schritt nach hinten stattfinden. Wenn beispielsweise durch den Prototypen festgestellt wird, dass eine Dienstleistung in der Praxis nicht angeboten werden kann wie angedacht, ist der nächste Schritt nicht etwa nach vorne in die Implementierung, sondern zurück in die Ideenfindung. Im Idealfall entsteht auf diese Weise ein System, mit dessen Hilfe beinahe jede Situation in einem bestimmten Serviceumfeld gelöst werden kann.

VOM WISSENSCHAFTLER ZUM UNTERNEHMER

„Wir wollen organisch wachsen“, sagt Marc Stickdorn über More than Metrics, das mittlerweile 26 Mitarbeiter beschäftigt. Begonnen hat die unternehmerische Reise 2012, als er mit zwei Freunden die Smaply GmbH gegründet hat und 2013 mit ExperienceFellow als Academic-Spin-off gleich das nächste Start-up. 2016 haben die drei Gründer Klaus Schwarzenberger, Jakob Schneider und Marc Stickdorn die beiden Unternehmen in der More than Metrics GmbH verschmolzen und erstmals mit Hermann Hauser und mohemian ventures Investoren mit ins Boot geholt. „Seitdem läuft es gut“, freut sich der international nachgefragte Experte für Service Design. „Jeden Euro, den wir verdienen, stecken wir gleich wieder in Marketingmaßnahmen und in hochqualifizierte Mitarbeiter.“ Diese kommen bei More than Metrics aus aller Welt, deshalb wird im Unternehmen Englisch gesprochen. Die Software ist ebenso auf

der ganzen Welt nachgefragt, von den USA über Brasilien bis nach Australien, der Umsatzanteil in Österreich liegt unter mageren zwei Prozent. Die größte Herausforderung für den Standort Innsbruck sieht Stickdorn darin, Mitarbeiter zu finden. Der nächste neue Mitarbeiter zum Beispiel kommt aus Indien. „Bei uns zählt die Leistung, nicht die Anwesenheit. Wir als junges Unternehmen wollen etwas bewegen“, erklärt der Start-upper und will mit More than Metrics weiterwachsen. In das Unternehmertum haben die drei Gründer Stück für Stück hineingefunden. „Die Zeit der Gründung war hartes Multitasking“, erinnert sich Stickdorn. „Das Spannendste war die Einstellung des ersten Mitarbeiters.“ Mittlerweile sind für diese Bereiche eigene Experten angestellt. Mit über 20.000 aktiven Nutzern pro Monat und Kunden in mehr als 100 Ländern der Welt erzielt das junge Unternehmen aktuell einen Umsatz von etwa 1,7 Millionen Euro. Möge die Erfolgsstory weitergehen.

MARC STICKDORN

ist 2008 nach Innsbruck gekommen und hat am MCI Tourismus begonnen zu arbeiten. Heute berät er als international renommierter Experte Unternehmen bei der Integration von Service Design in Unternehmensstrukturen und -prozessen. Zudem ist er Gastprofessor für Service Design an mehreren Universitäten und brachte 2010 mit Jakob Schneider den Bestseller „This is Service Design Thinking“ heraus. 2012 gründete er gemeinsam mit Jakob Schneider und Klaus Schwarzenberger das erste Start-up „Smaply“ und 2013 „ExperienceFellow“. 2016 wurden die beiden Unternehmen zu „More than Metrics“ zusammengeführt und dieses erhielt erstmals Investments von Hermann Hauser. Zudem sind über ExperienceFellow als Academic Spin-off auch mohemian ventures und das MCI am Unternehmen beteiligt.

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Mehr als hunderttausend Cloud-Dienste und hunderte von Regeln zur Bewertung der Cloud-Bereitschaft hilft die intelligente Txture Cloud Knowledge Engine Unternehmen, die optimalen Entscheidungen für die Cloud-Transformation zu treffen.

BORN TO TRANSFORM Mit einer Software, die den Wechsel von großunternehmerischen ITSystemen in die Cloud erleichtert, ist das 2017 gegründete Start-up Txture dabei, den Weltmarkt zu erobern. T E X T : D O R I S H E LW E G

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xture.io ist ein beeindruckendes Beispiel eines gelungenen Wissenstransfers von der Universität in die Wirtschaft. Matthias Farwick und Thomas Trojer begannen 2003 bzw. 2004 ihr Informatikstudium an der Universität Innsbruck. Relativ früh starteten sie mit Projekten mit Univ.-Prof. Dr. Ruth Breu in der Forschungsgruppe Quality Engineering. „Diese Forschungsprojekte waren sehr nahe an der Praxis, also nahe an dem, was Unternehmen brauchen. Das ist nicht bei jeder Forschung so und hat uns die Möglichkeit geboten, mit Firmen wie Infineon zusammenzuarbeiten und zu erfahren, wo die Probleme in der Pra-

xis liegen“, so Dr. Matthias Farwick. 2012 erhielten sie eine Forschungsprämie und gründeten gemeinsam mit Ruth Breu im Frühjahr 2017 ein Spin-off, an dem ursprünglich auch die Universität beteiligt war. Auf der Suche nach Venture Capital haben sie ihr Netz relativ breit im deutschsprachigen Raum ausgeworfen und stießen auf einem Pitch-Event auf red stars. com-AG-Gründer Thomas Streimelweger. „Als wir Matthias und Thomas zum ersten Mal trafen, konnten wir kaum glauben, dass uns diese einmalige Gelegenheit geboten wurde, mit einem so wertvollen und tiefen Wissens- und Teampool zusammenzuarbeiten. Txture ebnet den Weg in die

Cloud für die etabliertesten Branchen und arbeitet mit den größten IT-Beratungsunternehmen der Welt zusammen“, war Streimelweger vom Fleck weg von dem jungen Unternehmen überzeugt.

DER WEG IN DIE CLOUD

Unzählige Unternehmen weltweit stehen vor der Herausforderung, ihre teils sehr große und komplexe IT-Landschaft in die Cloud zu transferieren, um sich an die rasanten digitalen Neuerungen anzupassen und konkurrenzfähig zu bleiben. „Wir ermöglichen Unternehmen, schnell und zuverlässig in die Cloud zu wechseln und ihre Multi-Cloud-Anwendungslandschaft


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zu optimieren, indem wir beispiellose Cloud-Transformations- und Optimierungstechnologien bereitstellen“, erklärt Farwick. Was so einfach klingt, ist ein umfassender Prozess. „Unsere Software unterstützt dabei, die in einem Unternehmen bestehende Software zu analysieren und die Transformation in die Cloud einfacher, kostengünstiger und auch risikoärmer zu gestalten“, so der Experte. „Mit mehr als 100.000 Clouddiensten und hunderten von Regeln zur Bewertung der Cloud-Bereitschaft hilft unsere intelligente Cloud Knowledge Engine unseren Unternehmenskunden, die optimalen Entscheidungen für die Cloud-Transformation zu treffen“, erklärt Dr. Thomas Trojer. Es sind aber nicht nur die Unternehmenskunden, die die ausgeklügelte Software von Txture nutzen, sondern vor allem Unternehmensberater, die Firmen und Konzerne im Zuge ihrer Umstellung beraten und begleiten. „Wir bei Txture konzentrieren uns darauf, ein Softwareprodukt von höchster Qualität zu entwickeln, um Unternehmen zu transformieren und für die Cloud vorzubereiten. Für die ergänzende Beratung arbeiten wir häufig mit unserem globalen Netzwerk von Beratungspartnern zusammen, die mit uns ihr Angebot im Bereich Cloud-Transformation und Enterprise-Architecture-Management erweitern“, so die Experten. Dazu zählen namhafte Partner wie Accenture. „Der große Vorteil für diese Beratungsunternehmen ist, dass sie viele ihrer Prozesse automatisieren und beschleunigen können, gleichzeitig aber auch das Risiko minimiert wird. Rund zwei Drittel unseres Umsatzes lukrieren wir mittlerweile mit Beratungsunternehmen“, so Farwick.

„W I R E R M Ö G L I C H E N U N T E R N E H M E N , SCHNELL UND ZUVERL ÄSSIG IN DIE C L O U D Z U W E C H S E L N U N D I H R E M U LT I CLOUD-ANWENDUNGSL ANDSCHAF T ZU OP TIMIEREN, INDEM WIR BEISPIELLOSE C L O U D - T R A N S F O R M AT I O N S - U N D OP TIMIERUNGSTECHNOLOGIEN B E R E I T S T E L L E N .“ M AT T HI A S FA R W IC K (RE .) UND T HOM A S T R O JER

25 DER WEG AN DIE WELTSPITZE 2017 gegründet, beschäftigt Txture mittlerweile 15 Mitarbeiter, „mehr als die Hälfte davon kommt noch aus den Uni-Connections“, so Farwick. „Um unsere Marktposition weiter auszubauen, sind wir auf der Suche nach neuen Mitarbeitern, die Branche, Kunden und den Markt kennen. Es ist wichtig, Dinge gemeinsam voranzutreiben, schnell zu reagieren und den gemeinsamen Spirit mitzutragen. Wir haben – auch verstärkt durch die Corona-Pandemie – alle

realisiert, dass wir auf dem Weg zu einer virtuellen Firma sind, dass es egal ist, von wo aus wir arbeiten und unsere Mitarbeiter sitzen. Schon jetzt haben wir Kollegen in Vorarlberg, Wien und Frankfurt und das funktioniert einwandfrei.“ Selbst wenn die Corona-Pandemie kurzbis mittelfristig das Wachstum ein wenig gebremst hat, geht die Entwicklung weltweit eindeutig in Richtung Cloud-Computing. Auf längere Sicht wird die Pandemie diese noch beflügeln. „Denn in eigenen Rechenzentren müssen immer Menschen vor Ort sein, was bei Cloud-basierten Lösungen nicht der Fall ist“, weiß Farwick. Das große Ziel für das Jahr 2021 ist es jedenfalls, die weltweite Marktführerschaft im Bereich von Software für Cloud-Transformationen zu übernehmen. Ein Ziel, das auch Mitbegründerin und Leiterin des Fachbereichs Informatik an der Universität Innsbruck freut: „Ich bin stolz darauf, dass Txture als akademisches Spinoff durch den Einsatz forschungsbasierter Methoden ein neues Maß an Effizienz und Kosteneffizienz für die Cloud-Transformation in großem Maßstab erreicht hat.“

Das Team aus derzeit 15 hochmotivierten Persönlichkeiten hat ein klares Ziel vor Augen: mit der Enterprise-Cloud-TransformationPlattform weltweit führend zu werden.


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ECHTZEITLÖSUNGEN Mit einer Software, die Daten aus Kameras in Echtzeit analysieren kann, ist das Start-up Swarm Analytics 2018 an den Start gegangen. T E X T : D O R I S H E LW E G

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uf das Thema der Datenanalyse in Echtzeit stießen die beiden Studienkollegen während eines Kurses an der Fachhochschule Kufstein. Georg Westner und Michael Bredehorn haben 2018 Swarm Analytics gegründet und damit den Zugang zu einem komplexen Themenbereich verändert. Als Zweimann-Start-up hatten sie den Luxus, sich selbst auszuprobieren, Grenzen auszuloten und Dinge einfach zu versuchen. „Es gab keine Vorgaben, wie wir an unser Ziel kommen. Es war völlig egal. Wir hatten nichts und haben aus dem etwas gemacht“, beschreibt Bredehorn. Diese Flexibilität hat den Vorsprung gebracht.

„W E N N M A N E I N E L Ö S U N G E N T W I C K E LT, D I E K E I N E R K A U F T O D E R V E R W E N D E T, I S T E S K E I N E L Ö S U N G .“ MICHAEL BREDEHORN

EINE INTELLIGENTE SOFTWARE FÜR KAMERAS

Swarm Analytics entwickelt eine revolutionäre KI-Technologie zur Umwandlung von Kameras in intelligente Sensoren. Die Anwendung ist ursprünglich für Verkehrszählungen, Parkplatzüberwachungen oder in Einkaufszentren entwickelt worden, kommt aber auch in anderen Bereichen zum Einsatz, wie derzeit für die Lenkung von Personenströmen auf Christkindlmärkten. Mit seiner Technik löst Swarm Analytics einerseits Datenschutzprobleme bei der Verarbeitung von Bilddaten, weil nur die Ergebnisse bzw. Interpretationen der Auswertungen übertragen werden, andererseits werden die Riesen-Datenmengen, die täglich auf Überwachungskameras anfallen, direkt auf der Kamera verarbeitet bzw. ausgewertet. So spart man sich große Server und Speichermedien. Für ihre Idee wurden die Gründer Georg Westner und Michael Bredehorn bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet und konnten mit dem Tiroler Company-Builder MAD einen Investor gewinnen, der bereits seit der Gründung mit an Bord ist. Kürzlich hat auch Primecrowd in das Start-up investiert.

Swarm Analytics wurde 2018 von den Studienkollegen Georg Westner und Michael Bredehorn gegründet.

VERKEHRSZÄHLUNGEN UND MEHR Konkret hat Swarm Analytics eine Software entwickelt, die Daten aus Überwachungskameras analysieren und aus denen man konkrete Handlungsempfehlungen ableiten kann – in Echtzeit und ohne die Notwendigkeit, Daten dafür aufwendig speichern zu müssen. Somit ist auch der Datenschutz kein Thema, weil die Bilder bzw. Videos erst gar nicht aufgezeichnet oder gespeichert werden. Qualität statt Quantität eben. „Wir machen eigentlich nichts, was andere Tools nicht schon können. Unser Fokus liegt auf der Effizienz“, sagt Bredehorn. Letztlich arbeitet man bei Swarm Analytics daran, Dinge, die der Mensch zwar

selbst könnte, einer Maschine zu überlassen, die dies schneller und ökonomischer kann. Erwähnte Verkehrszählung zum Beispiel. Das geht natürlich händisch mittels Strichliste. Mit einer Kamera geht es um ein Vielfaches schneller. Sind nun entsprechend viele Kameras über eine Stadt verteilt, deren Daten sofort ausgewertet werden, lassen sich zum Beispiel Verkehrsampeln entsprechend steuern. Daten können permanent und flächendeckend generiert und Handlungen unmittelbar gesetzt werden. In Zeiten, in denen Citys immer smarter werden, ein großer Benefit. „Es geht nicht mehr nur darum, Daten einfach zu sammeln und auf einem Server abzulegen. Es wird granu-


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Swarm Analytics entwickelt eine revolutionäre KI-Technologie zur Umwandlung von Kameras in intelligente Sensoren. Diese Technik ist vor allem bei Verkehrszählungen und für Einkaufszentren gedacht, kommt derzeit jedoch auch für Corona-bedingte Personenzählungen zum Einsatz.

larer. Es gibt immer noch mehr Daten, zu viele davon, und man muss beginnen, sie zu filtern. Genau das machen wir. Unser System wandelt Daten in konkrete Informationen um, die sofort einen Abnehmer finden“, erklärt Bredehorn. Bisherige Lösungen seien entweder sehr langsam oder sehr kostspielig, sagt der Start-upper. Für die Masse also ungeeignet. Die Software von Swarm Analytics läuft bis zu zehnmal schneller auf Kleinstcomputern und erlaubt es, Probleme zu lösen, die bisher als völlig unlösbar galten. Standardkameras werden in intelligente Sensoren verwandelt. Zu den Referenzkunden zählen Betriebe, die diese Technik in ihre Lösungen integrieren, wie Swarco, die Bernard Gruppe, Fiegl+Spielberger, Intermaps, Feratel, systems GmbH oder Status kwo. „Kapazitätsmessung ist gerade ein großes Thema. Wir kennen alle die Bilder vom Saisonauftakt in den Skigebieten. Dort ist es natürlich möglich, durch die Analyse und entsprechende Maßnahmen auf Warteschlangen zu reagieren“, erklärt Bredehorn. Das mag nun auf den ersten Blick banal klingen, für Menschen wäre es ein Leichtes, den Kassenbereich auf einer Kamera zu beobachten und entsprechende Meldungen zu machen. Für einen Computer ist dies ein sehr komplexer Vorgang, der im Alltag jedoch zu unglaublichen Effizienzsteigerungen führt.

RASCHES WACHSTUM Mittlerweile sind bei Swarm Analytics 14 Leute angestellt. Vor einem Jahr waren es gerade halb so viele. „Wir möchten ein großes Unternehmen werden“, gibt Bredehorn die Richtung vor. „Wie möchten erster Ansprechpartner in diesem Bereich werden und das möglichst schnell. Die Konkurrenz schläft nicht. Schnelligkeit ist die einzige Möglichkeit, auf diesem Markt zu bestehen. Wir möchten keine kleine Firma bleiben, die in der Technologie schwelgt und schaut, was möglich sein könnte. Wir wollen Produkte auf den Markt bringen, die wirklich gebraucht werden und vielen Kunden nützen.“ Dafür ist es notwendig, dass das System leicht integrierbar ist, einfach zu bedienen und preislich im

Das Team von Swarm Analytics hat sich zahlenmäßig im letzten Jahr quasi verdoppelt.

Rahmen. „Für viele ist unsere Technologie sehr abstrakt, doch wir können damit sehr viele Dinge lösen“, sagt Bredehorn. Vieles war technisch vor einigen Jahren noch nicht möglich oder in der Anschaffung nicht leistbar. Manches ist mittlerweile zur Normalität geworden, an anderem wird noch gearbeitet. Swarm Analytics möchte Lösungen bieten, die am Markt bestehen. „Wenn man eine Lösung entwickelt, die keiner kauft oder verwendet, ist es keine Lösung“, ist er überzeugt und rechnet: „Gelöst ist ein Problem erst dann, wenn man ein Produkt mit Value X zum Preis Y, der in meinem Budget liegt, in entsprechender Menge kaufen kann.“ Swarm Analytics bietet diese Lösungen. Ganz, nicht nur ein bisschen.

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INNOVATION KANN EINFACH SEIN Innovation ist vielerorts ein gefürchtetes Thema. So schwierig, wie manche denken, ist es aber nicht, innovativ zu sein.

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VON SIEGFRIED LETTMANN

WIR HABEN KEINE IDEEN.

Das stimmt in den seltensten Fällen. Üblicherweise ist nicht das Problem, dass es keine Ideen geben würde, sondern dass es kein gutes Ideenmanagement gibt. Dann kommen Ideen ausschließlich von der Führungsriege – und die hat üblicherweise viel um die Ohren. Oft übersieht man den ungeheuren Ideenpool, den man in der Belegschaft hat. Innovationsmanagement beginnt beim Ideenmanagement. Und dafür gibt es heute wesentlich erweiterte Möglichkeiten. Nötig dafür ist einerseits eine entsprechende Einstellung der Mitarbeiter – die Vorbildwirkung der Führungspersonen ist hier entscheidend – und eine Organisation, die fähig ist, die Anregungen tatsächlich systematisch abzuarbeiten.

WIR KENNEN UNSERE KUNDEN.

Viele Unternehmen glauben, ihre Kunden so gut zu kennen, dass sie schon lange aufgehört haben, Fragen zu stellen. Eine systematische Erhebung des Kundenbedarfs findet deshalb weitaus zu selten statt. Fakt ist: In einer dynamischen Umgebung kennt man seine Kunden nie gut genug. Bei der Outcome-driven-Innovation etwa kann man die „Jobs-to-be-done“ analysieren, also die Aufgaben, die mit dem eigenen Angebot erledigt werden. Im Anschluss werden einzelne Kriterien nach ihrer Wichtigkeit für die Kunden gewichtet. Innovationspotenzial bietet sich vor allem, wenn Faktoren die Kundenbedarfe so übererfüllen, dass man sie eigentlich einsparen könnte, oder natürlich, wenn Bedarfe nicht ausreichend erfüllt werden. Zu bedenken ist hierbei auch: Eine ganzheitliche Kundenlösung hört nicht beim Produkt auf, sondern kann etwa auch seine Bereitstellung betreffen.

DIE DIGITALISIERUNG BETRIFFT UNS NICHT. Studien zeigen interessanterweise, dass viele Unternehmen davon ausgehen, dass die Digitalisierung ihre Branche verändern wird, gleichzeitig aber nicht vorhaben, die eigenen Geschäftsmodelle zu überdenken. Dabei gilt für so gut wie alle Branchen: Wenigstens ein Faktor wird mit Sicherheit digital – die Kunden. Die wahrgenommene Verunsicherung in Sachen Geschäftsmodelle ist dabei unangebracht. Auch ein Geschäftsmodell lässt sich zielführend entwickeln, wenn das nötige Know-how an Bord ist. Das betrifft auch die letztliche Markteinführung: Neue Geschäftsmodelle kann man ausführlich testen, bevor man sie in der Praxis ausprobiert. Auch dafür gibt es konkrete Methoden, die man oft relativ einfach und rasch erlernen kann. Die Zurückhaltung in diesem Bereich könnte sich rächen. Spätestens, sobald ein Mitbewerber mit einer Leistungserbringungslogik an den Markt geht, die besser, billiger oder praktischer ist als das eigene Angebot. 

ZUR PERSON

Der Executive Interim Manager Siegfried Lettmann ist spezialisiert auf die (digitale) Transformation in Vertrieb und Marketing. In seinen Mandaten fungiert er als Leiter in den Bereichen Vertrieb, Marketing und Produktmanagement oder übernimmt auf Zeit die Unternehmensführung. Für seine Arbeit wurde er bereits mehrmals ausgezeichnet. Lettmann ist fünffacher Constantinus-Preisträger, Interim Manager des Jahres, Träger des Interim Management Excellence Awards und Innovator des Jahres 2020. An der European Business School ist er außerdem Studienleiter des Interim Executives Programme, der einzigen universitären Weiterbildung für Interim Manager im deutschen Sprachraum.

www.lettmann-interim.com


SYNCRAFT

KRAFTWERKE FÜR DEN KLIMASCHUTZ Das erste klimapositive Kraftwerk, das den CO2-Fußabdruck nicht nur verringert, sondern sogar umkehrt, stammt aus Tirol. © KWS ÖKOKRAFTWERK

EINE „AUSGEZEICHNETE“ TECHNOLOGIE

VON TIROL AUS IN DIE WELT

Angefangen hat alles vor über zehn Jahren als anfängliche Idee von drei Pionieren. Heute beschäftigt SynCraft 22 Mitarbeiter. Auf diesem Weg war die Standortagentur Tirol stete Wegbegleiterin, etwa bei der Beratung zu geeigneten Förderungen, der Zusammenarbeit im Smart-City-Projekt „Sinfonia“ (siehe Seite 41), wo SynCraft mithalf, aus dem Klärwerk in der Innsbrucker Rossau ein Kraftwerk zu machen, bis zur Innovationsarbeit in den Clustern der Standortagentur Tirol. „Große Ideen wachsen oft im Kleinen. Und müssen dann groß herauskommen. Quasi von Tirol aus in die Welt. Und wir sind stolz, wenn wir dabei einen Beitrag leisten können“, meint Marcus Hofer, Geschäftsführer der Standortagentur Tirol. www.syncraft.at

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ohin mit dem ganzen Kohlenstoff, den wir täglich produzieren oder der bereits in der Atmosphäre ist? Das ist eine der zentralen Fragen, wenn es um die Erreichung von Klimazielen und die Begrenzung der Erderwärmung geht. Die Photosynthese der Pflanzen gilt dem Schwazer Unternehmen SynCraft als Vorbild: Pflanzen entnehmen der Luft Kohlenstoffdioxid und speichern es. Am Lebensende der Pflanzen gelangt der Kohlenstoff entweder in die Atmosphäre, oder er wird, etwa bei einem Waldbrand, zumindest zu Teilen in der entstandenen Holzkohle gebunden und somit für Jahrhunderte gespeichert.

Die Kraftwerke von SynCraft funktionieren nach diesem Muster. Aus Holz wird ein gasförmiger Brennstoff gewonnen und aus diesem wiederum Strom und Wärme. Die dabei entstehende Holzkohle speichert das aus diesem Prozess resultierende Kohlendioxid – pro bereitgestellter Kilowattstunde rund 36 Gramm CO2. Das Kraftwerk wird damit nicht nur klimaneutral, sondern sogar klimapositiv. Zudem wird der anfallende reine Kohlenstoff nicht nur nicht freigesetzt, sondern kann als Wertstoff eingesetzt werden, etwa als Bodenverbesserer zur Herstellung fruchtbarer Schwarzerde.

Mit dieser Technologie kann ein Holzkraftwerk von SynCraft zwischen 400 und 4.000 Haushalte mit erneuerbarer Wärme und Strom versorgen, mit Holz wird ein nachwachsender Rohstoff verwendet. „Die patentierte Schwebefestbett-Technologie von SynCraft sorgt dafür, dass dies sowohl hocheffizient, feinstaubfrei als auch mit günstigem Waldrestholz gelingt. Neben der Produktion von Strom und Wärme fällt noch ein drittes Produkt an: hochwertige Holzkohle. Diese Kohle bindet CO2 und erfreut sich bereits großer Nachfrage, etwa als Hilfsstoff bei der Bodendüngung, als Tierfutterzusatz oder mittlerweile auch schon als Zusatz zur Herstellung von grünem Asphalt“, so SynCraft-Geschäftsführer Marcel Huber. Die klimapositiven Holzkraftwerke „made in Tirol“ werden mittlerweile nicht nur in Österreich verwendet, sondern nach Deutschland, in die Schweiz, nach Kroatien und bis nach Japan exportiert. Die Wertschöpfung bleibt dabei in Tirol erhalten – SynCraft arbeitet mit regionalen Firmen und Lieferanten zusammen und versteht sich zu 100 Prozent als Tiroler Betrieb. Für das „Rückwärtskraftwerk“ – weil es eben den gängigen Ablauf des CO2-Ausstoßes umkehrt – wurde SynCraft allein 2020 mehrfach mit Preisen ausgezeichnet: ob mit dem Energy Globe Award for Sustainability, dem Trigos oder dem Euregio Innovationspreis. „Unsere größte Motivation ist, dem Klimawandel entgegenzuwirken. Wir möchten unseren Beitrag leisten, damit auch die Generation von morgen in eine lebenswerte Zukunft blicken kann“, beschreibt Marcel Huber, was ihn und seine Mitarbeiter antreibt. PR

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LÖSUNGSORIENTIERT Getreu dem neuen Firmenslogan „Think electric“ hält das Innsbrucker Elektrotechnikunternehmen Fiegl+Spielberger stets innovative Gesamtlösungen für seine Kunden bereit. Für die Pandemiezeit wurden intelligente Lösungen gegen Covid-19 entwickelt. T E X T : D O R I S H E LW E G

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eil Fortschritt bei Fiegl+ Spielberger keinen Widerstand duldet, ist das Unternehmen natürlich auch in Krisenzeiten nicht untätig. Ganz im Gegenteil. Nach nur kurz dauernder Kurzarbeit ist das Elektrotechnikunternehmen schnell wieder für seine Kunden aktiv geworden und nicht nur das: Seit Beginn der Krise wurden sogar mehr als 40 Mitarbeiter neu

eingestellt. „Die Corona-Pandemie stellt uns alle vor neue Herausforderungen und Betriebe brauchen neue Sicherheitslösungen. Das Forschungs- und Entwicklungsteam eruierte, wo der Bedarf der Kunden liegt, und konnte schnell Lösungen entwickeln. Hotellerie, Betriebe, Veranstalter oder Bergbahnen benötigen Lösungen, um die Pandemieeindämmung im Alltag zu bewerkstelligen. Die wichtigsten Vorsichts-

maßnahmen sind nach wie vor: Abstand halten, Maske tragen und vor allem auch das Achten auf die eigene Gesundheit. Um Kunden und Mitarbeiter zu schützen und gleichzeitig die Öffnung der Betriebe zu gewährleisten, bieten wir nahezu nahtlos in den Alltag integrierbare Lösungen zur Körpertemperaturmessung, Personenzählung und Maskendetektion an“, sagt Marco Bartl, Abteilungsleiter Sicherheitstechnik.


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„ D I E C O R O N A - PA N D E M I E S T E L LT U N S A L L E V O R NEUE HER AUSFORDERUNGEN UND BE TRIEBE BRAUCHEN NEUE SICHERHEITSLÖSUNGEN. UM K U N D E N U N D M I TA R B E I T E R Z U S C H Ü T Z E N U N D GLEICHZEITIG DIE ÖFFNUNG DER BE TRIEBE Z U G E WÄ H R L E I S T E N , B I E T E N W I R N A H E Z U N A H T L O S I N D E N A L LTA G I N T E G R I E R B A R E L Ö S U N G E N Z U R KÖ R P E R T E M P E R AT U R M E S S U N G , P E R S O N E N Z Ä H L U N G U N D M A S K E N D E T E K T I O N A N .“ MARCO BARTL, ABTEILUNGSLEITER SICHERHEITSTECHNIK BEI FIEGL+SPIELBERGER

CORONA -TERMINAL Mobile Terminals in Form von Säulen ermöglichen auf einfache Weise die Körpertemperatur von Personen zu prüfen, die einen öffentlichen oder privaten Bereich betreten wollen. „Das Temperatur-Messgerät kann praktisch bei jedem Eingang aufgestellt werden“, erklärt Bartl. „Wenn sich die Person im Erfassungsbereich des Terminals befindet, wird automatisch die Temperatur gemessen. Ist das Ergebnis positiv und liegt keine erhöhte Körpertemperatur vor, wird zum Beispiel der Zugang gewährt oder es erscheint ein optisches Signal. Dieser mobile Terminal ermöglicht eine effektive Zugangskontrolle für alle möglichen Bereiche, von Unternehmen über Kulturbis hin zu Sporteinrichtungen. Auch in der Hotellerie ist der Corona-Terminal für die Mitarbeiter und als freiwillige Messung für die Gäste stark nachgefragt“, weiß der Sicherheitsexperte. Der Corona-Terminal ist natürlich auch mit anderen Systemen kombinierbar und integrierbar.

MASKENDETEKTION

Durch die intelligente Erkennung definierter Schutzbekleidung erreicht Fiegl+Spielberger eine lückenlose Sicherstellung und Einhaltung von Schutzmaßnahmen in den Betrieben. Eine Zugangsfreigabe erfolgt somit nur mit Identifizierung eines entsprechenden Kleidungsstückes wie dem Mund-Nasen-Schutz. Trägt eine Person keine entsprechende Schutzkleidung, wird der Nutzer durch einen Alarm in Kenntnis gesetzt. So wird ein sicherer und zielgenauer Personaleinsatz sichergestellt. Diese FOTOS: © ANDREAS FRIEDLE

KI-basierte Detektion von Schutzbekleidung kommt vor allem in der Lebensmittelindustrie zur Anwendung, ist jedoch auch in öffentlichen Bereichen möglich.

VIDEOBASIERTE ZÄHLUNG VON ZUTRITTEN

„Die effektivste Maßnahme zur Einhaltung von behördlich vorgegebenen Besucherzahlen ist die videobasierte Zählung“, ist Bartl überzeugt. „Unabsichtliche Verstöße auf Grund menschlicher Fehler können so vermieden werden und gleichzeitig entstehen Videobelege für maßnahmenkonformes Öffnen des Unternehmens. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Zugangskontrolle von stark frequentierten Bereichen so ohne hohen Personalaufwand oder risikoreiche Kontakte erfolgt.“ So können in weiterer Folge Personenströme analysiert und wenn nötig auch umgeleitet werden. Die Anwendung funktioniert in der Form, dass technisch eine Zone hinterlegt wird, die besagt, wie viele Leute sich in diesem Bereich befinden. So wird eine Befüllung pro Zone gemessen, sollte der Wert überschritten sein, wird eine Überfüllung festgestellt, was gleichermaßen zu wenig Abstand zwischen den Personen bedeutet. Diese kamerabasierte Zutrittskontrolle wird fortan auch in Ischgl zur Anwendung kommen. „Besonders interessant sind diese Systeme für Skigebiete. Vor Antritt der Mitarbeiter erfolgt ein Temperaturscreening, um die Gesundheit der Mitarbeiter sicherzustellen. Wenn die Lifte aufgehen, ist das größte Problem die Anstellphase bis zum Drehkreuz. Mit der Personenzählung der

Warteschlangen können die Wartezeiten der unterschiedlichen Lifte errechnet und angezeigt werden. Der Kunde kann dann persönlich entscheiden, welchen Lift er nutzen möchte. Zudem können Warnhinweise eingeblendet werden“, erklärt Bartl anhand des Beispiels Skigebiet.

INTELLIGENTER SCHUTZ

Es gibt also verschiedene Möglichkeiten, den Schutz und die Sicherheit von Mitarbeitern, Gästen und Kunden zu erhöhen. Alle Anwendungen sind miteinander kombinierbar und in die unterschiedlichsten schon bestehenden Sicherheitssysteme integrierbar. „Wie rasch sich diese Systeme implementieren lassen, hängt von den bereits vorhandenen Gegebenheiten ab, etwa ob bereits Kameras installiert sind, der Betrieb mit unseren Systemen arbeitet oder ob die Produkte verfügbar sind“, so Bartl.

FIEGL+SPIELBERGER Das 1927 gegründete Elektrotechnikunternehmen sieht sich im Dienst des menschlichen Fortschritts und bietet seinen Kunden Gesamtlösungen, die das Leben angenehmer, bequemer, einfacher und sicherer machen sollen. Dazu zählen neben der Elektrotechnik vor allem Automatiktüren, Sicherheitstechnik, Audio- und Videosysteme, Brandmelde- und Brandschutztechnik, ComSystems, Hotel-EDV/KeyCards, Kassen- und Schanksysteme sowie Photovoltaik. Damit schafft Fiegl+Spielberger praktikable Lösungen, um mit smarten Produkten die Krise zu meistern.

www.fiegl.co.at

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INNO VAT I O NSJAHR 2020

VIEL BEWEGUNG IN DER TIROLER INDUSTRIE In den vergangenen Monaten hat sich in der Tiroler Industrie viel getan. Der Blick in die Zukunft und die aktuellen Herausforderungen haben zu zahlreichen Innovationen und Neuerungen gefĂźhrt. Trotz schwierigem Balanceakt zwischen Gesundheit und Wirtschaft haben die Unternehmen weitergearbeitet und die Versorgung gesichert. T E X T : D O R I S H E LW E G

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ür die Industrie ist die Aufrechterhaltung von Lieferketten und die Sicherstellung eines freien Güter- und Personalverkehrs über Grenzen hinweg von zentraler Bedeutung. Die Betriebe brauchen in der Produktion ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort in den Unternehmen, wenn das Rad der Versorgung weiterlaufen soll. Homeoffice hat sich dank Digitalisierung bewährt und kann zum Teil die Anwesenheit am Arbeitsplatz ersetzen. Die Tiroler Industrie beweist in diesen schwierigen Zeiten, dass sie auch unter herausforderndsten Bedingungen Erfolge erzielt. Das wird – unter den erforderlichen Präventions- und Sicherheitsmaßnahmen – auch weiterhin geschehen. Die Leistungen und Ideen der folgenden Unternehmen können sich sehen lassen und machen Mut.

WASSERSTOFF HAT ZUKUNFT Wasserstoff eignet sich nicht nur im Bereich Verkehr, sondern kann auch hervorragend industriell genutzt werden. VON WOLFGANG MAIR, GESCHÄFTSFÜHRER VON THÖNI H2 ENERGY

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enn wir für Klimaschutz eintreten und den nächsten Generationen eine funktionierende Welt hinterlassen wollen, müssen wir heute etwas verändern. Am schnellsten lässt sich das mit Wasserstofftechnologien umsetzen. Wir haben ein Team von internationalen Experten vernetzt, das sich intensiv mit diesem Spezialthema beschäftigte und so die Entwicklungen für die Zukunft vorantreibt. Die Grundlage für eine wirtschaftliche Produktion von Wasserstoff sind starke Partner aus der Energiewirtschaft. Diese Voraussetzung und die Bereitschaft, intensiv in die Zukunft Wasserstoff zu investieren, sind im Alpenraum ganz hervorragend gegeben. Die Thöni-Standorte in Kempten und Telfs, aber auch Italien liegen geografisch hervorragend für dezentrale Wasserstoffproduktionsanlagen. Wir planen die Errichtung von Wasserstoffzentren und sind mit unseren Partnern bereits weit fortgeschritten. Diese Zentren sollen nicht nur Wasserstoff produzieren und speichern, sondern auch für Forschung und Entwicklung zur Verfügung stehen. Im Bereich der Elektromobilität und der Wasserstofffahrzeuge sehen wir die weltweite Zukunft. Wasserstoff-PKW werden bereits serienmäßig produziert, jedoch sind diese in der Anschaffung leider noch recht teuer. Auch Wasserstoffbusse sind schon am Markt erhältlich. In diesem Bereich sehen wir künftig durchaus interessante Geschäftsmodelle. Man darf nicht vergessen, was das für unser Land bedeuten würde, wenn wir plötzlich einen Großteil der Wertschöpfung in unser Land verschieben könnten und unabhängig von den großen erdölexportierenden Ländern wären. Die EU stellt mit dem „green deal“ 1.000 Milliarden Euro Fördergelder für die Klimaneutralität zur Verfügung. Wenn Österreich und insbesondere der Alpenraum es nicht schafft, Fördergelder abzuholen, werden es andere machen. Österreich bietet hervorragende Voraussetzungen, um grünen Wasserstoff produzieren zu können. Alleine die Möglichkeit, die Wasserkraft in unserem Land für die Wasserstoffproduktion einzusetzen, ist ein enormer Wettbewerbsvorteil. Die Anwendungsmöglichkeiten von Wasserstoff sind unglaublich vielseitig und ermöglichen unglaubliche Chancen für unser Land. www.thoeni.com

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AUF DEM WEG IN EINE KLIMANEUTRALE ENERGIEZUKUNFT

LÖSUNGEN FÜR DIE WELT VON MORGEN

Bei INNIO Jenbacher stehen die Weichen auf „grünem“ Wasserstoff.

ematric Automatisierungstechnik hat die Zeit genutzt, um die Welt von morgen noch einfacher, effizienter und erfolgreicher zu machen, und zwar gleich auf mehreren Ebenen.

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VON ING. RAINER HAAG,

V O N D R . T E C H N . D I P L . - I­ N G . S T E P H A N

G E S C H Ä F T S F Ü H R E R V O N E M AT R I C

LAIMINGER, CHIEF TECHNOLOGIST BEI

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ir haben die Zeit seit dem ersten Lockdown recht intensiv genutzt, um uns mit Themen zu beschäftigen, die schon länger unser Interesse geweckt haben und sonst liegen geblieben wären. Und das gleich auf mehreren Ebenen. Zum einen haben wir an Bildgebungsverfahren für die Industrie gearbeitet, die anhand verschiedener Qualitätsmerkmale wie Oberflächenbeschaffenheit, Farbe oder Einschlüsse Produkte und deren Positionen erkennen, die in weiterer Folge mit neu entwickelten Greifsystemen wie Greifarme oder Sauger ein vereinfachendes und effizienteres Produktionshandling ermöglichen. Zum anderen haben wir an industriellen Lösungen für Echtzeittracking mittels UWB (Ultra-Wideband) gearbeitet, was einen weiteren Schritt in der Digitalisierung von Produktionssystemen ermöglicht. Über das System weiß man zu jedem Zeitpunkt, wo sich Produkte, Behälter oder Fahrzeuge befinden. Eine weitere Entwicklung, die sich bereits in Umsetzung befindet, ist die neue Generation von Wiegeterminals für Gemeindemüllhöfe, wo sich der Kunde beim Terminal mittels Bürgerkarte einloggt, sein Müll nach dem Einwurf im Müllcontainer automatisch verwogen wird, das Gewicht über eine Datenbank gespeichert und in weiterer Folge verrechnet wird. Außerdem sind wir seit der Pandemie verstärkt bei lokalen Unternehmen aus der Lebensmittelindustrie, der chemischen Industrie als auch der Holzindustrie an der Entwicklung von neuen Maschinen, mechatronischen Anlagen, Automatisierung und Digitalisierungslösungen tätig. Das ist besonders erfreulich, da sich so manche internationalen Baustellen in Europa, Nordamerika oder Asien wegen Corona erheblich verzögern bzw. teilweise stillstehen. So haben wir in dieser Zeit gleichzeitig auf mehrere Entwicklungen gesetzt. Denn die Technologisierung hat Zukunft und wir arbeiten daran, nach dieser Durststrecke mit neuen Errungenschaften wieder voll durchstarten zu können. www.ematric.com

INNIO JENBACHER GMBH & CO OG

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uropa hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu sein, Österreich möchte das sogar schon bis 2040. Kern dieser Strategie ist die Ablöse des bisherigen, weitgehend auf fossilen Brennstoffen beruhenden Energiesystems durch die breite Nutzung erneuerbarer Energiequellen wie Wind und Sonne. Deshalb arbeiten wir bei INNIO seit Jahren intensiv an der Entwicklung von Energieerzeugungslösungen, die mit alternativen Gasen betrieben werden können. Erneuerbare Energien sind volatil, daher braucht es flexible Lösungen, mit denen die Netzstabilität gesichert und ausreichend Reservekapazität bereitgestellt werden kann, wenn gerade kein Windund Sonnenstrom zur Verfügung steht. Ein weiterer Schlüsselfaktor auf dem Weg zur klimaneutralen Energiezukunft ist die Speichermöglichkeit von Strom, um die täglichen Schwankungen von Windund Sonnenenergie mit dem tatsächlichen Bedarf abzugleichen. Wir haben ein Konzept entwickelt, wie „grüner“ Wasserstoff in Gasmotoren wieder rückverstromt werden kann: Grüner Wasserstoff wird mithilfe von Ökostrom durch Elektrolyse aus Wasser erzeugt und kann auch über längere Zeiträume und in großen Mengen gespeichert werden. Das Besondere an diesem Konzept ist die Möglichkeit, ein bestehendes Blockheizkraftwerk auf den Wasserstoff- bzw. Wasserstoff-Erdgas-Mischbetrieb umzubauen. Dadurch sind Investitionen in ein mit Erdgas betriebenes Blockheizkraftwerk gute Investitionen in die grüne Energiezukunft. www.innio.com


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ARBEITSPROZESSE OPTIMIEREN LICHT KANN MEHR

Juniorchef David Lindner über Innovationen vom stufenlosen Lintrac 130 bis zur Blockchain-Technologie.

Wie Lichtdesinfektion bei Einkaufswägen und verschiedensten anderen Anwendungen innovativ zum Einsatz kommt. V O N F E L I C I TA S K O H L E R , GESCHÄFTSFÜHRERIN VON PLANLICHT

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ls im März 2020 das Thema Covid aufkam, haben wir uns hingesetzt und überlegt, was wir machen können. Denn eines war sicher, diese Zeit wird Spuren hinterlassen, zumal wir über 80 Prozent unseres Umsatzes im Export lukrieren. Unser Ziel war jedoch klar: Was auch immer wir auf den Markt bringen, es muss nachhaltig sein. Mit dem Wissen „Licht kann mehr“ haben wir angesichts Fähigkeit des UV-C-Lichts, Oberflächen ohne chemische Mittel in kürzester Zeit keim- und virenfrei zu machen, in einer Kooperation mit dem MCI und dem vom Land geförderten Projekt mit dem Institut für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der Medizinischen Universität Innsbruck die Wirksamkeit der Desinfektion untersucht. Mit Erfolg. Binnen sieben Wochen hatten wir den ersten Prototypen „seCUBE“ entwickelt, der dann eine Woche lang bei einem SPAR-Supermarkt in Wattens erfolgreich getestet wurde. Das Interesse von Seiten des Handels als auch in der Bevölkerung ist sehr groß und mittlerweile wurde die erste Anlage zur UV-C-Lichtdesinfektion beim SPAR-Markt in Zirl in Betrieb genommen. Basierend auf kurzwelligem LED-UV-C-Licht werden die Einkaufswägen in maximal 15 Minuten ohne Ozonrückstände in sogenannten Desinfektionstunneln schnell und rückstandsfrei von unterschiedlichsten Keimen befreit und den Kunden stehen desinfizierte Einkaufsrollis zur Verfügung. Der große Vorteil gegenüber der Verwendung von Desinfektionsmitteln ist einerseits die rückstandslose Anwendung und andererseits die große Breitenwirkung gegen alle Keime, egal ob Corona-, Grippe- oder Norovirus, Bakterien oder Pilze. Die Resonanzen sind bislang sehr positiv und die Anwendungsbereiche bieten viele Möglichkeiten, angefangen von der schnellen und rückstandslosen Desinfektion im medizinischen Bereich, dem gesamten Tourismus oder Alters- und Pflegeheimen. Die Innovation ist nicht das UV-C-Licht selbst, sondern dass wir daraus mittlerweile mehrere Produkte, für verschiedenste Anwendungen entwickelt haben. Gemeinsam mit dem MCI haben wir deshalb ein Joint Venture namens CARE BY LIGHT gegründet, das die Produktion und den Vertrieb der verschiedensten Produkte für die rückstandsfreie Desinfektion übernimmt. www.planlicht.com 

VO N M A G . DAV I D L I N D N E R , TRAKTORENWERK LINDNER

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ls Nischenanbieter ist es für uns besonders wichtig, regelmäßig innovative Produkte auf den Markt zu bringen. Ein Highlight im Innovationsjahr 2020 ist sicherlich der stufenlose Traktor Lintrac 130, der zur Maschine des Jahres gewählt wurde. Der Produktionsstart erfolgte im Mai 2020. Außerdem haben wir die neuen Lintrac-LS-Modelle mit Lastschaltung präsentiert. Sie sind die würdigen Nachfolger der Geotrac-Serie, von der wir in den vergangenen 25 Jahren über 25.000 Fahrzeuge gebaut haben. Mit unseren Innovationen wollen wir die Arbeit unserer Kunden erleichtern und Arbeitsprozesse optimieren. Aus diesem Grund haben wir das TracLink-System entwickelt, das Anbaugeräte automatisch erkennt und einstellt sowie alle Einsätze dokumentiert. Mit dem TracLink-Mobile haben wir eine Telematiklösung für die Hosentasche im Programm. Die Lintrac-Serie ist TracLink Pilot ready und damit für die Einsätze mit ganz genauen Lenksystemen maßgeschneidert. Ein besonders innovatives Projekt haben wir 2020 mit dem deutschen Unternehmen CashOnLedger auf den Weg gebracht. Die Vermietung unserer Traktoren und Transporter soll künftig automatisiert über die Blockchain-Technologie erfolgen. Kunden profitieren von Transparenz und einfacher Abwicklung. Wir wollen die Vermietungen künftig komplett online abwickeln: von der Wahl des Fahrzeugs bis zur Versicherung. Kunden laden den Startbetrag in das System von CashOnLedger, die Beträge werden dann in Echtzeit abgebucht. Ist das Guthaben erschöpft, kann dieses jederzeit wieder aufgefüllt werden. Das gibt dem Kunden umfassende Kostenkontrolle. www.lindner-traktoren.at 

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ENERGIE CLEVER NUTZEN Mit dem smartBoiler made in Tirol hat World Direct in Kooperation mit A1 Telekom Austria, Austria Email und der TIWAG eine innovative Lösung entwickelt, um Energie genau dann bereitzustellen, wenn sie gebraucht wird.

MARIO RAUNIG, HEAD OF MARKETING

REDUKTION DER VIRENLAST Durst, Hersteller von zukunftsweisenden digitalen Druck- und Produktionstechnologien, ist für seine Innovationskraft bekannt. Auch in der COVID-Pandemie haben die „Durstler“ die Köpfe zusammengesteckt und Initiativen entwickelt, die das Potenzial für Innovation haben.

& I N N O VAT I O N S B E I W O R L D D I R E C T

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er Ausbau erneuerbarer Energiequellen schafft zahlreiche neue Erzeuger. Dadurch entstehen starke Produktionsschwankungen. Während günstige Windlagen oder hohe Sonneneinstrahlungen übermäßig viel Strom erzeugen, der nicht genutzt wird, müssen an schlechteren Tagen andere Energiequellen die Versorgung ausgleichen. Dabei lässt sich Energie auch nachhaltiger nutzen. Mit dem smartBoiler hat World Direct genau diese einzigartige Lösung entwickelt: Sobald ein Überschuss aus den Photovoltaik- und Windanlagen besteht, bekommt der smartBoiler die Information, aufzuheizen. So verhindern die intelligenten Geräte eine zu hohe Netzbelastung und gleichzeitig ist weniger Ausgleichsenergie notwendig. Möglich ist das Ganze dank der sogenannten IoT-Technologie, mit der die Haushaltshängespeicher ausgestattet sind. Sie sorgt dafür, dass der Boiler eigenständig energie- und kostensparend agiert. Dieser Ansatz ist sowohl innovativ als auch nachhaltig: Heimische CO2-neutrale Energie wird effizienter eingesetzt, weil sie immer dann genutzt wird, wenn sie in hohem Maße vorhanden und deshalb günstiger ist. Der Nutzer hat also immer warmes Wasser zu einem niedrigen Preis und trägt gleichzeitig selbst einen wichtigen Teil zur Energiewende bei. Bei der Entwicklung der smartBoiler hat sich ein wahrlich energiegeladenes Quartett zusammengefunden. Um die Idee in die Tat umzusetzen, konnte das Tiroler Entwicklerteam von World Direct auf die Informationstechnologie des Kommunikationsunternehmens A1 Telekom Austria zurückgreifen. Die Informationen zu überschüssiger Energie erhält der smartBoiler wiederum vom Netzbetreiber und Kooperationspartner TIWAG – Tiroler Wasserkraft AG. Gebaut werden die Boiler von Austria Email, dem Marktführer bei Warmwasserspeichern. Innovation made in Austria. Und damit bleibt auch die Wertschöpfung in Österreich. www.world-direct.at

VON CHRISTOPH GAMPER, CEO VON DURST

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ereits im April, während des Lockdowns, hatten wir auf den Textildruck- und Weiterverarbeitungsanlagen, die sich im Democenter in Brixen für Kundenvorführungen befinden, mit der Produktion von Community-Masken begonnen. Diese und weitere Maßnahmen führten dazu, dass wir und Durst-Kunden früher als andere Unternehmen die Produktion wieder aufnehmen konnten. Im Oktober legte Durst nach und stellte mit dem Durst-UVC-R-Luftdesinfektionssystem eine innovative und effiziente Lösung zur Reduktion der Virenlast in Innenräumen vor. Für diese Entwicklung führten wir in den letzten Monaten unsere Kompetenzen im Labor, in der Fertigung, in der UV-Technologie, in der Strömungssimulation und in den Sicherheitsrichtlinien zusammen, um mit dem Durst-UVC-R-Luftdesinfektionssystem der neuen Normalität ein Stück Lebensqualität zurückzugeben. Diese Art der Flexibilität hat ihre Entstehung in einem Changeprozess, den ich als neuer CEO im Jahr 2014 in Gang gesetzt hatte. Mittlerweile ist das Unternehmen ein echter Global Player, mit starken Joint-Venture-Partnern, vernetzten Teams, digitalen Kommunikationskanälen, automatisierten Prozessen und Kunden von Australien bis nach Südamerika. Der Changeprozess und das Collaborative Leadership zahlten sich für das Unternehmen gerade in der Krisensituation aus. Themen wie Smart- orking und Homeoffice konnten innerhalb kürzester Zeit umgesetzt werden und der Vorteil von flachen Entscheidungsebenen und der offenen Kommunikation zeigt sich in der beschriebenen Kollektivleistung. www.durst-group.com


INDUSTRIE IN TIROL eco.innovativ

So stark ist die Tiroler Industrie. Durch die Coronakrise erleben wir derzeit einen Rückschlag. Die Unternehmen mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern tun alles, um die Industrieproduktion möglichst bald wieder auf Normalbetrieb hochzufahren.

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€ 11,7 Mrd.

€ 523,8 Mio.

Produktionswert der Tiroler Industrie 2019. Dieser hat damit um knapp 6 % zugelegt.

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Für Forschung und Entwicklung (F&E) haben die Tiroler Unternehmen ihre Ausgaben von 477,2 (2015) auf 523,8 (2017) Millionen Euro gesteigert (aktuellste Zahlen).

28 %

der Tiroler Bruttowertschöpfung werden von produzierenden Betrieben (mit Bauwirtschaft) erbracht.

42.759

Tiroler Industriebetriebe

€ 41.070

Das durchschnittliche Gehalt von Industriebeschäftigten liegt bei 41.070 Euro und damit weitaus höher als in fast allen anderen Branchen der Tiroler Wirtschaft.

€ 6,8 Mrd. Direktexporte

Industrie-Mitarbeiter

1,2 Mrd.

Mehr als 1,2 Milliarden Steuer-Euros zahlten Unternehmen 2019 dem Fiskus. Das ist um 9 % mehr als im Vorjahr. • Die Körperschaftsteuer (KöSt) betrug 648 Mio. Euro (plus 7,9 %). • Die Einkommensteuer stieg auf 585 Mio. Euro (plus 10,54 %).

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Lehrbetriebe bilden über 1.333 Lehrlinge aus – in über 60 verschiedenen Lehrberufen.


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SHARING IS CARING Informationsvorsprung durch die Nutzung externer Datenquellen: praktische und rechtliche Aspekte. T E X T : S T E FA N WA R B E K

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ie weltweit generierte Datenmenge nimmt ständig zu. Viele Branchen nutzen Daten fokussiert für Innovationen und fördern damit ihre Produktivität. So ist die Digitalisierung zu einem Trend geworden, der bereits heute unsere Gesellschaft nachhaltig verändert hat. Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig und reichen von der Prozessgestaltung im Betrieb über einzelne digitale Produkte und Dienstleistungen bis hin zu rein digitalen Geschäftsmodellen.

Digitalisierung ist ein dynamischer Prozess, der oft mit Datenanalysen einhergeht. Denn Daten allein sind kaum nutzbar. Sie müssen erst nutzbar gemacht werden, indem sie zunächst analysiert werden. Mit Datenanalysen wird zielgerichtet erkundet, wie etwa eine Risikominimierung, Umsatzsteigerung (z. B. durch Verbesserung des Marketings, durch neue digitale Produkte oder Dienstleistungen) oder Effizienzsteigerung (z. B. durch Prozessoptimierung) erreicht werden kann. Nach deren Analyse werden die Daten mit einem passenden Algorithmus

quasi „veredelt“ und letztlich in wertvolle Informationen oder werthaltige Produkte umgewandelt. Unternehmen analysieren vor allem intern generierte Daten, allerdings ist mittlerweile auch der Gebrauch externer Datenquellen verbreitet: In der Praxis gefragte externe Daten sind beispielsweise geografische Daten, Wetterdaten, Social-Media-, Weblog- und demographische Daten. Um letztlich Erkenntnisse aus externen Daten ziehen zu können, müssen diese in Verbindung mit internen Daten analysiert werden.


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Insbesondere die Nutzung riesiger Datenarchive – so genannte „Big Data“ – ist ein florierender Bereich, der augenscheinlich enorme wirtschaftliche und technologische Potenziale in sich birgt. Dieser Bereich wird besonders in Wissenschaft und Forschung genutzt, aber auch immer mehr in der Wirtschaft eingesetzt. Wesentliche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Nutzung von „Big Data“ sind – neben der notwendigen Infrastruktur und dem erforderlichen Know-how – die Verfügbarkeit der benötigten Daten und deren Güte (insbesondere deren Aktualität) sowie vor allem die Rechtssicherheit bei deren Verwendung. In der Praxis hat sich gezeigt, dass es in Fragen der Verarbeitung von Daten (angefangen von der Generierung über deren Nutzung bis hin zur Weitergabe) viel rechtliche Unsicherheit gibt, weshalb einer Datenquelle auch in dieser Hinsicht besondere Bedeutung zukommt.

FREI IST NICHT GLEICH KOSTENLOS

„Open Data“ (z. B. Verkehrs- und sonstige Mobilitätsdaten, Wetterdaten) spielen in diesem Zusammenhang eine große Rolle. „Open Data“ sind Daten, die unentgeltlich verfügbar sind und in ihrer Nutzung keinen Einschränkungen unterliegen. Dazu zählen vor allem demographische und räumliche Daten, die von Kommunen, Ländern oder Universitäten zur Verfügung gestellt werden. Beispiele für solche externen Datenquellen mit „Open Data“ sind etwa Open Data Österreich (www.data. gv.at), Open Data Portal Österreich (www. opendataportal.at) oder Europäisches Datenportal (www.europeandataportal.eu/de). Zur Bewältigung von COVID-19 werden offene Datenmärkte sogar als entscheidend erachtet. Creative Commons bietet unter http:// search.creativecommons.org eine Metasuchmaschine, die verschiedene Quellen auf freie Inhalte durchsucht. Allerdings sollte sicherheitshalber immer individuell geprüft werden, ob die Inhalte auch tatsächlich unter einer freien Lizenz stehen bzw. was in den Geschäftsbedingungen konkret unter „freier Lizenz“ verstanden wird. Da es sich um keinen gesetzlich definierten Begriff handelt, treten in der Praxis diesbezüglich häufig Missverständnisse auf, insbesondere bedeutet „frei“ nicht immer „kostenlos“. Weiters sind in diesem Zusammenhang etablierte Datenmarktplätze zu nennen. Datenmärkte bieten eine (un)entgeltliche Nutzung externer Daten. Beispiele sind „Advaneo“ (www.advaneo-datamarketplace.de), „Qlik“ (www.qlik.com) oder „Quandl“ (www. quandl.com/).

Dr. Stefan Warbek

Auch die gemeinschaftliche Nutzung von Daten, das so genannte „Data Sharing“, ist eine Form der Datenakquise. Dabei ist natürlich nicht an illegale Tauschbörsen im Internet zu denken, die so genannte „Filesharing“-Dateien über das Internet zum Herunterladen anbieten (z. B. das zum Inbegriff des illegalen Filesharings gewordene Portal „Napster“), sondern an Daten von Unternehmen, die diese zu bestimmten vertragsgemäßen Bedingungen – wechselseitig – anderen zur Verfügung stellen. Manche Softwarepakete beinhalten selbst Daten bzw. einen Zugang zu bestimmten öffentlich zugänglichen Datenquellen. Der Vorteil aus rechtlicher Sicht liegt auf der Hand, denn in diesen Bereichen werden Daten meist unter klaren rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zur Verfügung gestellt, sodass Zweifel über die Nutzungsbefugnis in der Regel ausbleiben. In Österreich und anderen europäischen Ländern gibt es aus rechtlicher Sicht nämlich kein eigenständiges Eigentum an Daten. Dennoch bilden die bestehenden Gesetze und Regelungen vor allem im Bereich des Datenschutzes, des Geschäftsgeheimnisund Know-how-Schutzes, der geistigen Eigentumsrechte (Intellectual Property) sowie des Kartellrechts, aber auch die individuellen Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) und Verträge einen rechtlichen Rahmen, den alle beteiligten Akteure beachten müssen.

DATEN SIND FÜR ALLE DA?

Aus rechtlicher Sicht sollen Informationen grundsätzlich allen gehören, immerhin sind diese die Basis bzw. der Motor unserer gesamten Entwicklung. Allerdings gibt es di-

TIPPS ZUM SCHMÖKERN Zum Thema Datenmarktplätze

Impulspapier „Datenmarktplätze in Produktionsnetzwerken“ des deutschen Bundesministeriums für Wirtschaft und Industrie. Siehe www.bmwi.de – Menü/ Service/Publikationen/Bereich: Industrie; etwas runterscrollen, die Publikation wurde im Mai 2020 veröffentlicht.

Datenakquise – Filesharing

Talend, www.talend.com/de Informatica, www.informatica.com RapidMiner, www.rapidminer.com Oracle Data Cloud, www.oracle.com/ data-cloud Microsoft Azure ML, https://azure. microsoft.com)

verse Schutz- und Nutzungsrechte, die bei der Verarbeitung von Daten zu berücksichtigen sind – man denke etwa an jene zum Schutz von Geschäftsgeheimnissen oder Datenbanken oder an die DSGVO bezüglich personenbezogener Daten. Aus all dem folgt, dass Daten nicht ohne weiteres immer • gesammelt und gespeichert, • für eigene Zwecke genutzt, • weitergegeben oder – ganz gegenteilig – • anderen vorenthalten werden dürfen (z. B. könnte im Fall eines Missbrauchs von Marktmacht das Teilen spezifischer

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Datensätze bzw. „Data Sharing“ aus kartellrechtlicher Sicht sogar geboten sein). Wer in die Digitalisierung seines Betriebs investiert, möchte die gewonnenen Daten in der Regel auch wirtschaftlich verwerten. Für deren praktische und rechtliche Kontrolle sind geeignete technische, organisatorische und vertragliche Geheimhaltungsmaßnahmen zu ergreifen. Ein „Eigentum an Daten“ ist also keineswegs vom Gesetzgeber vorausgesetzt, wie wir dies bei anderen Dingen kennen. Die Gestaltung von „Data Ownership“ ist vielmehr die Aufgabe des jeweiligen Unternehmers selbst. Den diesbezüglichen rechtlichen Rahmen sollte jeder Unternehmer zumindest in Grundzügen kennen: • Datensätze enthalten häufig Geschäftsgeheimnisse, deren Verrat heute schon sogar auch strafrechtlich verfolgt werden kann. Die europäischen Gesetzeslagen nach der EU-Richtlinie über den Schutz vertraulichen Know-hows und vertraulicher Geschäftsinformationen sowie das Wettbewerbsrecht setzen die Umsetzung bestimmter betrieblicher Maßnahmen voraus, geben dann aber unter anderem zivilrechtliche Unterlassungs- und Schadenersatzansprüche an die Hand. • Datenbanken können durch das Urhe-

berrecht geschützt sein. Auch hier stehen zum Beispiel zivilrechtliche Unterlassungs- und Schadenersatzansprüche zur Verfügung. • In der DSGVO sind die Rechte an personenbezogenen Daten geschützt. Darunter fallen alle Daten, über die Personen identifiziert oder identifizierbar sind. Beim Verarbeiten solcher Daten sind die Grundsätze des Datenschutzes einzuhalten. • Andererseits können sich im Fall des Missbrauchs einer marktbeherrschenden Stellung aus dem Kartellrecht Zugangsansprüche auf die von einem Unternehmen (z. B. auf einer E-Commerce-Plattform) erhobenen Daten ergeben.

Aufgrund der diversen rechtlichen Rahmenbedingungen einerseits und der fehlenden konkreten gesetzlichen Vorgaben zur „Data Ownership“ andererseits ist der Unternehmer vor allem in der vertraglichen Gestaltung besonders gefordert, konkrete Regelungen für seine unternehmerische Tätigkeit selbst zu etablieren. In Verträgen mit Geschäftspartnern, die wichtige Daten erhalten, liefern oder erzeugen, sollte neben den technischen Details insbesondere geregelt werden,

• auf welche Weise Daten zur Verfügung gestellt werden, • für welchen Zweck die Daten verwendet werden dürfen, • wem welche Nutzungsrechte an welchen Daten zustehen, • wie Makrodaten (aggregierte Daten) und Metadaten zu behandeln sind, • wie all dies zu vergüten ist und • wann Daten gelöscht werden müssen. Auch ohne gesetzliches Dateneigentum lässt sich vertraglich regeln, wer welche Nutzungsrechte an Daten und Informationen oder Know-how erhalten soll. Die Aufgabe bei der Gestaltung von Verträgen bzw. AGB ist es, die jeweiligen Rechte abzusichern und Verwertungsmöglichkeiten den Weg zu bereiten. Gleichzeitig kann auch Risiken, die im Zuge einer Datenherausgabe oder eines Datenerwerbs entstehen können, entgegengetreten werden.

WARBEK RECHTSANWÄLTE ist eine auf die Innovations- und Kreativwirtschaft spezialisierte Rechtsanwaltskanzlei.

www.warbek.at


SINFONIA eco.innovativ

SINFONIA = SMART + WIRTSCHAFTLICH

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m Jahr 2014 startete das mit EU-Mitteln geförderte Stadtsanierungsprojekt „Sinfonia“. In Innsbruck und Bozen, den beiden Sinfonia-Pionierstädten, wurden bei anstehenden Sanierungsarbeiten in ausgewählten Stadtteilen Wärmenetze optimiert, hochwertig und kosteneffizient Schul- und Wohngebäude saniert und ein Hybridnetz aufgebaut. Dafür wendeten die Innsbrucker Sinfonia-Partner (Stadt Innsbruck, IKB, Neue Heimat Tirol, Innsbrucker Immobilien Gesellschaft, Universität Innsbruck, Passivhausinstitut Innsbruck und TIGAS sowie ATB Becker, e3 Consult GmbH, alpS und TIWAG und Standortagentur Tirol) inklusive der bisher ausbezahlten EU-Fördermittel von knapp über zehn Millionen Euro insgesamt 70 Millionen Euro auf. Im Auftrag der Standortagentur Tirol wurden nun die wirtschaftlichen Auswirkungen von „Sinfonia“ analysiert: Von 2014 bis Mitte 2020 wurden in Tirol 613 Vollzeitarbeitsplätze gesichert und eine Lohnsumme von 31 Millionen Euro geschaffen. Des Weiteren trug das Projekt 76,9 Millionen Euro zum Tiroler Bruttoregionalprodukt bei.

NACHHALTIG ZAHLT SICH AUS

Ziel von „Sinfonia“ war es, den Energiebedarf in ausgewählten Stadtteilen Innsbrucks um 40 Prozent und den CO2-Ausstoß um 20 Prozent zu reduzieren sowie den Anteil erneuerbarer Energien um 20 Prozent zu steigern. Ein finaler Ergebnisbericht wird Ende des Jahres erwartet, doch es scheint so gut wie sicher, dass diese Ziele erreicht wurden. Und der ökonomische Effekt? Die aktuelle Studie zeigt deutlich, dass Umweltschutz und Wirtschaftlichkeit kein Widerspruch sind. Österreichweit steigerte Sinfonia das BIP sogar um fast 100 Millionen Euro. „80 Prozent des wirtschaftlichen Gesamteffekts sind in Tirol angefallen. Das unterstreicht die Kompetenz der Tiroler Unternehmen im Bereich energieeffizientes Bauen. Nur ein sehr geringer Anteil an Produkten und Dienstleistungen musste zugekauft werden“, bestätigt Marcus Hofer, Ge-

© STANDORTAGENTUR TIROL

Das Smart-City-Projekt „Sinfonia“ sicherte von 2014 bis Mitte 2020 insgesamt 613 Vollzeitarbeitsplätze, schuf eine Lohnsumme von 31 Millionen Euro und trug 76,9 Millionen Euro zum Tiroler Bruttoregionalprodukt bei.

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Sinfonia: ökonomisch und ökologisch ein Erfolg für Tirol

schäftsführer der Standortagentur Tirol. In Tirol initiierte und koordinierte die Standortagentur Tirol als „District Leader“ federführend die Zusammenarbeit aller Partner mit der EU. „Für ein klimafreundliches und erfolgreiches Tirol braucht es die Bündelung der innovativen Kräfte unseres Landes. Das ist der Standortagentur Tirol hier in Innsbruck vorbildlich gelungen und ist beispielgebend“, so Josef Margreiter, Geschäftsführer der Lebensraum Tirol Holding. „Auf diesem Erfolg unserer Tochterunternehmung und den gewonnenen Erfahrungen bauen wir als Unternehmensgruppe auf und leiten einen Wissenstransfer in die Tiroler Bezirke und Regionen für weitere Pilotprojekte ein“, betont Margreiter.

ES GEHT WEITER

Bereits jetzt steht für die Sinfonia-Partner fest, ein Leuchtturmprojekt wie „Sinfonia“ muss weitergehen. Für die kommenden Jahre sind bereits Folgeprojekte angedacht. So wollen – um nur Beispiele zu nennen – die Innsbrucker Kommunalbetriebe klimaneut-

Marcus Hofer, Geschäftsführer der Standortagentur Tirol

ral werden. Auch die Innsbrucker Immobiliengesellschaft hat bereits einen Stufenplan entwickelt, der die Erreichung der Klimaneutralität für den Gesamtbestand der Gebäude bis 2040 ermöglichen soll. Die TIGAS arbeitet weiterhin sukzessive an der Verlängerung und der Verdichtung des Fernwärmenetzes und die Neue Heimat Tirol plant weitere Sanierungsprojekte. PR


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ZUSAMMEN IST MAN WENIGER ALLEIN Ein Standort wie Österreich, wenig gesegnet mit Rohstoffen, lebt von seiner Innovationskraft, von Forschung und Entwicklung. Um voranzukommen, braucht es Kooperation – in vielfältiger Weise.

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m aktuellen Innovationsindex der niederländischen Bank ING zur Entwicklung der Innovationskraft in 19 Ländern der Eurozone schafft es Tirol im Österreichvergleich nach Wien auf Platz 2. Tirol punktet insbesondere mit Flexibilität, vergleichsweise vielen Selbständigen und ist Spitzenreiter bei der Internetversorgung von Haushalten. „Angesichts der guten Platzierung im vorliegenden Innovationsranking wollen wir uns aber nicht auf den Lorbeeren ausruhen, sondern setzen auf zusätzliche Aktionen, um Innovationen anzustoßen“, sagt Patrizia Zoller-Frischauf. Konkret startet im November 2020 die neue Ausschreibung aus dem Förderprogramm

Regionale Kompetenzzentren, kurz K-Regio, für Innovationsprojekte zu den Themenfeldern Green, Umwelt und Klima sowie Gesundheit und Digitalisierung. Außerdem begann mit 1. November die neue Förderaktion digital.tirol KMU-Förderung, mit der betriebliche Digitalisierungsprojekte von kleinen und mittleren Unternehmen gezielt unterstützt werden. Wir sprachen mit der Wirtschaftslandesrätin über Innovation.

Warum sind Innovationen für den Wirtschaftsstandort Tirol so wichtig? PAT R I Z I A Z O L L E R- F R I S C H AU F : Wer aufhört, innovativ zu sein, bleibt stehen. Das ist für einen WirtschaftsstandECO.NOVA:

ort, der international konkurrenzfähig sein muss, keine Option. Tirol ist ein starker und zukunftsträchtiger Standort mit einem guten Mix aus großen Leitbetrieben sowie einem starken Rückgrat an kleineren und mittleren Unternehmen – zumeist in Familienhand. Tirol ist auch Heimat von zahlreichen „Hidden Champions“, die in der Öffentlichkeit oft gar nicht so bekannt sind, aber international mit ihrem Know-how und ihren innovativen Produkten punkten können: Ob ein Holzofen zum Brotbacken in Japan, ein Shisha-Zelt im Irak, Rasierpinsel für Barbershops in den USA oder Sicherheitstechnik für den Schweizer Gotthardtunnel – das alles ist „made in Tirol“.


Welche Rahmenbedingungen braucht ein Standort, um Innovationen voranzutreiben? Es braucht auch eine öffentliche Hand, die bereit ist, Geld in Ideen und Projekte zu investieren und damit auch Projekte möglich zu machen, die ein Unternehmen sonst nicht realisieren könnte. Dazu gehört auch, zu experimentieren. Man muss attraktiv sein für Betriebserweiterungen und Neuansiedlungen. Im Jahr 2019 konnte die landeseigene Standortagentur Tirol insgesamt 33 Unternehmen bei der Ansiedelung in Tirol unterstützen. Die Top fünf Herkunftsländer bei den Betriebsansiedlungen 2019 sind Deutschland, das übrige Österreich, die Schweiz, Großbritannien und Litauen. Je ein Betrieb siedelte sich aus den USA, Russland, Australien und Indien an. Hinzu kommen 15 Unternehmen, denen bei der Erweiterung ihres Betriebs in Tirol unter die Arme gegriffen wurde. Ein Drittel dieser Betriebe (Ansiedlungen und Erweiterungen) betreiben Forschung und Entwicklung – das zeigt auch, dass Tirol es mit seiner ausgeprägten Hochschullandschaft vermag, Wirtschaft und Wissenschaft zu vereinen und eine erfolgreiche Zusammenarbeit anzustoßen. Das internationale Interesse am Standort zeigt die Attraktivität Tirols als Land mit hoher Lebensqualität, politischer Stabilität, Rechtssicherheit und optimalen Rahmenbedingungen für das Zusammenspiel von Wirtschaft und Forschung. Die Tiroler Innovationsförderung zielt auf eine höhere heimische Innovations- und Technologieentwicklungstätigkeit ab. Wie soll das erreicht werden? Ziel der Unterstützung ist eine höhere Innovations- und Technologieentwicklungstätigkeit der kleinstrukturierten Tiroler Wirtschaft. Damit erhöhen wir die Wettbewerbsfähigkeit und sichern das nachhaltige Wachstum der Tiroler Wirtschaft. Die Entwicklung neuer Produkte wie auch neuer Dienstleistungen ist zwangsläufig mit diversen Risiken behaftet. Mit der Tiroler Innovationsförderung wollen wir das finanzielle Risiko für innovative Tiroler Unternehmen minimieren, um somit entsprechende Anreize zu schaffen. Innovation lebt von Kooperation – auch zwischen der Wirtschaft und den Hochschulen. Wie kann dieser Wissenstransfer konkret unterstützt werden? Insgesamt arbeiten in Tirol rund

© AXEL SPRINGER

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„ES BRAUCHT AUCH EINE ÖFFENTLICHE H A N D , D I E B E R E I T I S T, G E L D I N I D E E N UND PROJEK TE ZU INVESTIEREN UND DAMIT AUCH PROJEK TE MÖGLICH ZU MACHEN, DIE EIN UNTERNEHMEN SONST N I C H T R E A L I S I E R E N KÖ N N T E .“ L A NDE S R ÄT IN PAT RIZI A ZOL L ER- F RI S C H AUF

6.000 Personen in der Forschung, die heimischen Forschungspartner investieren knapp eine Milliarde Euro jährlich. Wir forcieren die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft und setzen auch bei der Entwicklung des Standortes auf Kooperationen. Die Standortagentur Tirol ist die zentrale Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und Treiber des Know-how-Transfers. Diese Aufgabe nimmt die Standortagentur mit ihren Innovationsnetzwerken wahr, mit denen gezielt jene Partner zusammengebracht werden, die einander optimal bei deren Entwicklungs- und Innovationsvorhaben ergänzen. Dazu forciert die Standortagentur Tirol aktiv Kooperationen und Wissenstransfer in Projekten wie dem Digital Innovation Hub West. Muss Innovation immer mit der viel zitierten Disruption einhergehen? Nicht zwingend, aber natürlich gibt es gewisse Entwicklungen, Ereignisse und Innovationen, die alles verändern – sogenannte „Game Changer“. Das Internet oder das Smartphone bzw. die Digitalisierung an sich wären solche Beispiele. Das sind Disruptoren, die Möglichkeiten eröffnen, die kurz zuvor einfach nicht denkbar waren. Mit der Tiroler Innovationsförderung wie auch mit unseren Digitalisierungsförderungen greifen wir den Tiroler Unternehmen bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle unter die Arme und ermöglichen ihnen, die

digitale Transformation ihrer Arbeitsprozesse leichter zu bewältigen.

Innovation leitet sich vom lateinischen „innovare“ ab, das so viel heißt wie erneuern oder verändern. Was bedeutet für Sie Innovation bzw. was macht ein innovatives Unternehmen aus? Ein innovatives Unternehmen versteht es einerseits, sich verändernden Entwicklungen geschickt anzupassen, um je nach Gegebenheiten erfolgreich wirtschaften zu können. Es ist dieses „Niemals stehen bleiben“ – ein genereller Wesenszug von innovativen Unternehmerinnen und Unternehmern. Andererseits nutzt ein innovatives Unternehmen das Know-how im Betrieb, um sich laufend weiterzuentwickeln, Abläufe zu perfektionieren und technische Lösungen auf bestehende Probleme zu finden sowie neue, innovative Produkte auf den Markt zu bringen. Die größte Herausforderung ist derzeit, im Zeitalter der Digitalisierung vollumfänglich anzukommen. Welche Errungenschaft halten Sie persönlich für die größte Innovation des 20./21. Jahrhunderts? Die größte Innovation unserer Zeit ist zweifellos die Digitalisierung. Dies eröffnet uns ungeahnte Möglichkeiten und Chancen, verändert die Gesellschaft und unsere Welt allumfassend. Es gilt jetzt, die Vorteile der Digitalisierung für die Wirtschaft und die Gesellschaft zu nutzen. 

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INNOVATION FÖRDERN Die Förderlandschaft entwickelt sich je nach wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Trends und Marktbedürfnissen. Einige Dinge gilt es jedoch immer zu beachten. A N JA N I E DWO R O K , I N N OVAT I O N S E X P E R T I N I N D E R WIRTSCHAFTSKAMMER TIROL

MICHAELA GÜTTLER, LEITERIN DES FÖRDERSERVICE DER WIRTSCHAFTSKAMMER TIROL

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Bei welchen Projekten sollte ich an eine Förderung denken? Es gibt eine Reihe von Projekten, die gerade momentan gefördert werden können. Wichtig ist, dass Sie sich vor Projektbeginn mit dem Thema Förderung auseinandersetzen und einen Förderantrag stellen. Vor dem Tag der Einreichung dürfen noch keine projektbezogenen Kosten angefallen sein – dies betrifft vor allem Bestellungen und Kaufverträge. Wir Förderberater von der Wirtschaftskammer Tirol beraten Sie gerne. Damit wir Ihnen konkrete Fördermöglichkeiten aufzeigen können, benötigen wir folgende Informationen: • Beschreibung des Projekts und des Projektzieles • Grobe Kostenschätzung – Kostenstruktur: Entwicklungskosten / Investitionskosten • Unternehmensdaten (Mitarbeiteranzahl, Umsatz/Bilanzsumme, Unternehmensalter, Verflechtungen mit anderen Unternehmen) • Standort • Finanzierung (bei Fremdfinanzierung Ergebnis des ersten Bankgesprächs) • Geplanter Zeitrahmen und Projektbeginn

Welche Arten von Förderungen gibt es? Meist verbindet man mit dem Begriff „Förderung“ einen nicht zurückzuzahlenden Zuschuss. Tatsächlich umfassen Förderungen aber auch Kredite und Garantien durch den Staat, die eine Projektfinanzierung hebeln können und somit erst eine Realisierbarkeit des Vorhabens ermöglichen. Achtung: Manche Förderprogramme können in Teilbereichen unterschiedliche Anforderungen aufweisen.

Kontakt Förderservice: Michaela Güttler ist zuständig für Investitionen, Beschäftigung, Weiterbildung und Clearing aller allgemeinen Förderanfragen. Tel.: 05 90 90 5-1383, michaela.guettler@wktirol.at

Innovationsförderungen stellen einen zentralen Bestandteil in der Förderlandschaft dar. Doch was ist ein guter Antrag? Dazu gilt es einige Eckdaten bzw. Fragen im Vorhinein abzuklären. Einige der Kriterien, die für einen Innovationsantrag relevant sind, gelten auch für Investitionsförderungen. Ein nachvollziehbares Geschäftsmodell und eine nachhaltige Unternehmensentwicklung sind jedenfalls ein zentraler Bestandteil des Förderantrages. • Wie groß ist der Gesamtmarkt für das Produkt/Verfahren? • Wie hoch sind die voraussichtlichen Herstellkosten und der zu erwartende Marktpreis? • Erhöht das Produkt die Umsätze langfristig? • Wie wird das Produkt/Verfahren vertrieben? Achtung: Ein Zuschuss wird das Projekt niemals zu 100 Prozent finanzieren, wird in der Regel im Vorhinein beantragt und im Nachhinein ausbezahlt. Dementsprechend ist es wichtig, sich auch über die Höhe der Projektkosten, Finanzierung und Liquidität während des Projektes Gedanken zu machen. In der Regel sind zumindest 30 Prozent Eigenkapital notwendig. Die Darstellung in Bezug auf Personalstunden und Anschaffungen muss realistisch und marktkonform erfolgen.

Wann ist ein Projekt innovativ? Innovationsprojekte bedeuten für Unternehmen einen Entwicklungsschritt. Der Innovationsgrad sollte über dem Stand der Technik liegen. Folgende Fragen können dabei einen Anhaltspunkt bieten: • Was sind die Neuigkeiten und Vorteile des Projektes in Bezug zum Stand der Technik? • Wie sehen die Lösungsvorschläge aus? • Benötigt man eine Schutzstrategie, um die Idee vor Nachahmung zu schützen? • Welche technischen Probleme lösen wir im Zuge des Projektes? • Wo liegen die technischen und unternehmerischen Risiken? Schlussendlich entscheiden der Markt und seine Kunden über den Erfolg einer Innovation. Nur wer Kunden und Markt genau kennt, ist mit der Neuentwicklung auch wirtschaftlich erfolgreich. Hilfreiche Fragen sind: • Wer ist meine Zielgruppe? • Welchen Nutzen haben Kunden von dem Produkt/Verfahren? • Wie unterscheidet sich mein Produkt von der Konkurrenz? Kontakt Innovationsförderungen: Mag. Anja Niedworok ist zuständig für Forschung und Entwicklung in Unternehmen, Kooperationen sowie neue Technologien/ Dienstleistungen. Tel.: 05 90 90 5-1522, anja.niedworok@wktirol.at


eco.innovativ

FÖRDERMÖGLICHKEITEN Eine Übersicht über die Maßnahmen des Landes Tirol für die heimische Wirtschaft.

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ANSCHLUSSFÖRDERUNG FÜR AWS/ÖHT- KREDITE Zinszuschuss bis 1,5 %

FÖRDERUNG VON HOMEOFFICEARBEITSPLÄTZEN bis zu 2.500 Euro je Unternehmen

TIROLER CORONAUNTERSTÜTZUNGSFONDS 4.000 Euro für Unternehmen, die keine Unterstützung aus Härtefallfonds oder Fixkostenzuschuss erhalten

TIROLER BERATUNGSFÖRDERUNG Schwerpunkt Corona-Beratungen, 50 % von bis zu 12 Beratungsstunden

KLEINUNTERNEHMERFÖRDERUNG zusätzlicher Konjunkturbonus von bis zu 5 % für Investitionen zwischen 100.000 und 500.000 Euro

IMPULSPAKET TIROL

zusätzlicher Konjunkturbonus von bis zu 5 % für Investitionen zwischen 100.000 und 500.000 Euro

TIROLER TOURISMUSFÖRDERUNG

WACHSTUMSOFFENSIVE FÜR KLEINSTBETRIEBE

zusätzlicher Konjunkturbonus von bis zu 5 % für Investitionen

bis zu 10 % für Investitionen zwischen 5.000 und 100.000 Euro

Unterstützung von Digitalisierungsvorhaben, bis zu 50 % Förderung

TIROLER DIGITALISIERUNGSFÖRDERUNG

Investitionsförderungen des Landes sind mit der Investitionsprämie des Bundes (7 bzw. 14 % Investitionsunterstützung) kombinierbar.


UBIT

WIRTSCHAFTLICHE WEITERENTWICKLUNG © ANDRE SCHÖNHERR

Wie Tiroler IT-Experten Unternehmen bei der Digitalisierung unterstützen.

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at sich Anfang des Jahres noch kaum jemand mit dem Thema Homeoffice beschäftigt, so wurde es durch den Lockdown im Frühjahr quasi über Nacht bei den Tiroler Unternehmen zum Alltag. „Die Umstellung von normalem Bürobetrieb zu Homeoffice hat trotz des massiven Aufwandes innerhalb weniger Tage sehr gut funktioniert. Für die meisten Betriebe verlief dieser Übergang relativ reibungslos. Die Tiroler IT-Unternehmen waren hier entsprechend gefordert und konnten mit ihrem Know-how überzeugen“, zeigt sich Berufsgruppensprecher Clemens Plank zufrieden. Auch Fachgruppenobfrau Mag. Sybille Regensberger gewinnt dem Schritt, dass die Unternehmer nun Homeoffice – wenn auch nicht freiwillig – professionell eingeführt haben, viel Positives ab: „Die Unternehmen haben nun die Chance, sich als Betrieb zeitgemäß und attraktiv für bestehende sowie zukünftige Mitarbeiter zu positionieren.“

ARBEITEN VON ZUHAUSE AUS

Damit die technischen Voraussetzungen für Arbeiten von zu Hause aus erfüllt sind, muss in entsprechende Hardware inves-

tiert werden. Sowohl aus Datenschutz- wie aus Sicherheitsgründen sollten Mitarbeiter auch im Homeoffice auf firmeneigenen Geräten arbeiten. Um möglichem Datenverlust vorzubeugen, sollte jedoch auch auf den Firmengeräten nicht lokal gearbeitet werden, sondern mit einer modernen Server- oder Cloudlösung. Solche Lösungen sorgen für mehr Flexibilität und eine enorme Arbeitserleichterung, natürlich auch für den Außendienst. Eine Produktivitätssteigerung ist die Folge. Was die Datensicherung betrifft, sollte diese bevorzugt in Österreich oder der EU erfolgen. Außerhalb der EU gehostete Lösungen sind laut DSGVO unzulässig. Trotz der schwierigen Situation aufgrund der Pandemie und der Maßnahmen in ganz Europa gilt es zu lernen, mit Corona zu leben. Von wirtschaftlicher Seite her muss alles darangesetzt werden, gestärkt aus der schwierigen Situation herauszukommen und so viele Arbeitsplätze wie möglich zu sichern. Die Politik hat dies erkannt. Das neue Kurzarbeitsmodell ist auf Schiene und wird 2021 noch für viele Unternehmen überlebenswichtig sein.

Berufsgruppensprecher Clemens Plank

Investitionen wurden schon lange nicht mehr so gefördert, wie es derzeit der Fall ist. Speziell Investitionen in Digitalisierung, Ökologisierung und Gesundheit ermöglichen eine Lenkung hin zu Zukunftstechnologien. All diese Themen betreffen direkt die Mitglieder der Fachgruppe UBIT. Hier stehen die UnternehmensberaterInnen, Buchhaltungsberufe sowie die IT-UnternehmerInnen den Betrieben mit ihrem Know-how gerne zur Verfügung, damit deren wirtschaftliche Weiterentwicklung gelingt. PR

FÖRDERMÖGLICHKEITEN

Investitionen in die Digitalisierung werden von Bund und Land gefördert. So gibt es vom Land Tirol eine Homeoffice-Förderung in Höhe von bis zu 2.500 Euro netto. Diese Förderungen können mit dem Investitionszuschuss des Bundes in Höhe von 14 Prozent der Investitionssumme kombiniert werden. Gefördert werden Beratungsleistungen, Einführungskosten, Softwarelizenzen, aber auch Hardware wie die Neuanschaffung von Laptops und Standgeräten.


Entgeltliche Einschaltung Foto: BMF/Adobe Stock

bmf.gv.at/corona

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Lockdown Umsatzersatz Soforthilfe für betroffene Betriebe

Gesundheit schützen, Unternehmen und Arbeitsplätze retten: • 80 Prozent Umsatzersatz für den Zeitraum der Schließung • bis zu 800.000 Euro pro Unternehmen • unbürokratische Beantragung über FinanzOnline Alle Informationen auf bmf.gv.at/corona oder unter 050 233 770


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KOOP ERA TION Weil wir nicht nur über Kooperation schreiben, sondern sie auch selbst leben wollen, haben wir uns für die folgenden Seiten mit „Mit Allen Wassern“ zusammengetan.

Die folgenden mit gekennzeichneten Beiträge stammen aus dem Netzwerk des Beraterkollektivs und beschäftigen sich unter anderem mit einem ganz eigenen Bereich des Wissenstransfers: Mit dem Lernen von der Natur nämlich. www.mitallenwassern.at


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MIT ALLEN WASSERN – DIE PARTNER

T O M S TA D L M E Y R

IST UNTERNEHMER, KREATIVER VORDENKER UND ÜBERZEUGTER ESSENZIALIST. Unter seiner Marke „Auf den Punkt“ beschäftigt er sich mit dem Weglassen von Unnötigem und schafft damit Klarheit, Orientierung und bringt komplexe Themen in eine verständliche Form. Als Mitbegründer von Mit Allen Wassern fördert er sinnstiftende Kooperationen, trägt zum interdisziplinären Austausch bei und bereitet damit den Nährboden für innovative und nachhaltige Projekte. Sein Motto: „Die Reduktion auf das Wesentliche macht den Kopf und neue Wege frei.“

ANTONY KURZ

MARTIN PENZ

IST GENERALIST, STRATEGE UND POTENTIAL - PROFILER.

IST BEGEISTERTER UMSETZUNGS DESIGNER.

Als Sparringpartner und Berater gestaltet und moderiert er Veränderungsprozesse mit und für internationale Führungsteams und deren Organisationen. Als Coach begleitet er Selbstreflexionsprozesse und unterstützt die Entwicklung neuer und wirksamer Handlungsstrategien. Er entwickelt innovative und nachhaltige Businessmodelle, in die er selbst investiert und seine Kompetenzen einbringt.

Mit Blick aufs Ganze und viel Klarheit strukturiert und begleitet er Umsetzungsvorhaben so, dass sie die größtmögliche Aussicht auf wirtschaftlichen und emotionalen Erfolg haben. Martin ist nach vielen Jahren in internationalen Führungsrollen gerade dabei, seine Selbstständigkeit vorzubereiten. Als jüngstes Mitglied von Mit Allen Wassern treibt er durch seine Führungs- und Umsetzungsstärke verschiedene Themen mit interdisziplinären Teams voran.

Sein Motto: „Sinn und Werte sind ein Turbo für vorhandene Potentiale.“

ANDREAS OBERHAMMER

Sein Motto: „Gute Ideen haben viele, aber erst die Umsetzung bringt den Erfolg.“

ANDY STEINDL

IST UNTERNEHMER, BERATER, COACH UND EINGETRAGENER MEDIATOR.

IST UNTERNEHMER, WERBETECHNIKER UND LÖSUNGSENTWICKLER.

Als Mitbegründer des Zentrums für Wirtschaftsmediation beschäftigt er sich vor allem mit dem Thema, welche Chancen Konflikte bieten und wie positiv damit umgegangen werden kann. Um sich noch stärker interdisziplinär austauschen zu können, ist er dem Kollektiv von Mit Allen Wassern beigetreten und teilt seine Erfahrungen und Erkenntnisse in zwei Projektgruppen.

Jahrelange Erfahrungen in der Umsetzung von herausfordernden technischen Lösungen für den Werbebereich haben ihn zu einem innovationsgetriebenen Entwickler reifen lassen. Mit seiner Kombination aus Neugier, technischem Verständnis und kreativen Methoden ist er in der Lage, Projekte zu begleiten, die weit über die Werbetechnik hinausgehen.

Sein Motto: „Konflikte sind Chance, wenn wir richtig damit umgehen.“

Sein Motto: „Wer sich selbst weiterentwickelt, kann alles weiterentwickeln.“

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KOOPERIERST DU NOCH ODER KOLLABORIERST DU SCHON? Wie kann und soll Zusammenarbeit in unserer neuen Arbeitskultur ausschauen? Und was haben Kooperation und Kollaboration damit zu tun?

D

er deutsche Begriff der „Kollaboration“ ist mitunter noch immer negativ besetzt, da dieser in Kriegszeiten die Zusammenarbeit mit dem Feind beschrieb. Im Englischen ist „Collaboration“ wesentlich positiver und meint damit den Prozess und die Teilhabe an der Zusammenarbeit. Bei Mit Allen Wassern trennt man die beiden Begriffe der Kollaboration und Kooperation, die immer noch häufig synonym verwendet werden, rigoros, denn im Netzwerk ist man sich einig, dass Kooperation immer weniger geeignet ist, wenn es darum geht, Projekte nachhaltig zu denken und vor allem umzusetzen. Um ein gemeinsames Verständnis zu schaffen, müssen die Begriffe von Beginn an sauber voneinander getrennt werden.

KOOPERATION: ZUSAMMENWIRKEN, MITWIRKEN

Hier arbeiten einzelne Personen oder Gruppen an unterschiedlichen Teilaufgaben des

Endergebnisses. Jeder wirkt mehr oder weniger mit und Teams wirken zusammen. Sie sind aber nicht an der Produktion aller Ergebnisse beteiligt und haben auch keinen Einblick oder Zugriff darauf. Die Zusammenarbeit erfolgt parallel.

KOLLABORATION: MITEINANDER ARBEITEN

Die einzelnen Personen oder Teams arbeiten gemeinsam an einem Teil des Endergebnisses. Jeder arbeitet miteinander am zu erreichenden Ziel. Alle Personen oder Teams sind in die Produktion involviert und haben uneingeschränkten Zugriff auf alle Ergebnisse. Die Zusammenarbeit erfolgt sequentiell. Wenn wir also mit anderen – freiwillig oder angeordnet – kooperieren, sagt das noch lange nichts über die Qualität des Miteinanders aus. Es wird zwar eine Zusammenarbeit zugesagt, wie effizient oder effektiv diese ist, bleibt aber vorerst eher

hintergründig. Für die Mitstreiter von Mit Allen Wassern hat Kollaboration einen integrativeren Wesenszug. Es geht viel stärker um das aktive, freiwillige und zielgerichtete Miteinander-arbeiten. Es ist im Regelfall an die Verpflichtung der Beteiligten gekoppelt, einen wirklichen Beitrag zu leisten, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Mit Allen Wassern versteht sich als lernende Organisation mit organischer Kollaboration. Das erfordert einen Ansatz, der in folgende Bereiche gegliedert ist.

MINDSET- CHECK

Echte Kollaboration ist nur möglich, wenn die Menschen in diese Art der Kultur passen. Es verlangt nach Persönlichkeiten mit grundoffener Haltung, einer vorwärtsgerichteten Denkweise, mit Eigenverantwortung und Spaß am Miteinander. Sie sollten sich nicht scheuen, Stärken wie Schwächen erkennen zu lassen, und die Bereitschaft mitbringen, zu einem größeren Ganzen beizutragen.


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UM WIRKLICH NEUES ZU DENKEN, M U S S W I S S E N G E T E I LT W E R D E N U N D E I N I N T E R D I S Z I P L I N Ä R E R A U S TA U S C H S TAT T F I N D E N ( KÖ N N E N ) .

RADIKALE TRANSPARENZ Es gibt nichts, was im Verborgenen liegt – sämtliche (Teil-)Ergebnisse sind auf einer Plattform einsehbar und für jeden zugänglich. Das betrifft die gesamte Organisation, die Projektteams und alle Mitglieder. Bei gemeinsamen Aufträgen etwa in der Beratung oder Begleitung von Unternehmen liegt alles offen. So wird die Aufteilung eines gemeinsamen Auftrages nicht nur in Stunden, sondern in Performance gemessen. Dafür wird ein vorher definierter Anteil am Gesamtumsatz im Projektteam hinsichtlich der Performance bewertet. Jedes Teammitglied hat zehn Punkte zur Verfügung, die er an die anderen vergeben kann. Einzige Spielregel: Er muss bei jeder Punktevergabe Feedback zu seiner Entscheidung liefern. Das erzeugt einen offenen und ehrlichen Umgang miteinander und wirkt sich außerdem auf die monetäre Aufteilung aus, da auf Grund der Punktevergabe prozentuell aufgeteilt wird.

SELBSTORGANISIERENDE, EIGENVERANTWORTLICHE TEAMS Statt der klassischen Teamleader-Funktion werden bei der Zusammensetzung die Rollen der einzelnen Teammitglieder gemeinsam festgelegt. Hier wird nicht nur auf die Stärken der Teilnehmer gesetzt, sondern auch die Schwächen besprochen, um diese auszugleichen. Die Feedbackkultur ist dabei besonders entscheidend. Teams bestehen in der Regel aus drei bis fünf Mitgliedern.

KEINE SCHULDZUWEISUNGEN

Fehlerkultur ist ein wichtiger Bestandteil dieser Art des Arbeitens. Entscheidend sind der Austausch untereinander und die Bereitschaft, aus den entstandenen Fehlern zu lernen. Dies gilt nicht nur für den Verursacher, sondern für alle im Team. Fehler werden gemeinsam analysiert, bewertet und dokumentiert. Sie geben jedem Beteiligten die Möglichkeit, seine Lehren daraus zu ziehen und diese zu teilen.

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MITEINANDER ARBEITEN Innovation und Nachhaltigkeit brauchen kollaborative Systeme. Klassische Unternehmen haben hinsichtlich Innovationskraft ein zunehmendes Problem: Die bisher hochgehaltene Abschottung von außen – oft am Hinweisschild „Zutritt für betriebsfremde Personen verboten“ – verhindert offene Kollaboration. Und die braucht es immer mehr, um den Herausforderungen der Zeit gerecht zu werden. Sich abzuschotten, um sein Wissen zu beschützen, zu bewahren und schon gar nicht zu teilen, ist im 21. Jahrhundert so, als würden wir mit einem Textmarker Inhalte am Bildschirm markieren.

Bei Mit Allen Wassern sind die Themen Nachhaltigkeit sowie das Lernen von und mit der Natur in letzter Zeit immer wichtiger geworden. Und als ob es kollaborationsfreudige Menschen da draußen geahnt hätten, fanden mit Elke Bachler und Otto Reisinger zwei davon den Weg zum Kollektiv und füllen mit ihrer Expertise den Wissenspool. Sie wissen, wie Kollaboration gelebt wird, und sind bereits in einem konkreten Projekt mit im Boot. Dabei spielt die Entfernung zwischen Innsbruck, Barcelona und der Steiermark keine wirkliche Rolle.


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DAS WORT ABFALL MUSS AUS UNSEREN KÖPFEN VERSCHWINDEN Warum nachhaltige Innovationen ein kooperatives Umweltverständnis auf Exzellenzniveau benötigen.

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ECO.NOVA: Sie beschäftigen sich intensiv

mit der Verbindung von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt. Können diese Bereiche entkoppelt betrachtet werden? OT TO R E I S I N G E R : Die Antwort ist ein eindeutiges Nein. Ein auf Dauer überlebensfähiges Gesellschafts- und Wirtschaftssystem muss die Umwelt regenerieren, anstatt Müll und Emissionen an sie zurückzugeben. Es kann nicht außerhalb eines gesunden Ökosystems existieren bzw. funktionieren. Es muss jetzt ein Umdenkprozess in Gang gesetzt werden, um sich den aktuellen Umwelt- und Sozialfragen stellen zu können. Dabei geht es um Fragen wie Verbesserung der Lebensqualität für alle, Klimaschutz, Übergang zu erneuerbarer Energie, Wassernutzung, Gefahrguteinsatz, Abfallwirtschaft, Umweltverschmutzung und den Erhalt der Artenvielfalt und natürlicher Ressourcen. Nachhaltigkeit hängt von der Lösung aller dieser miteinander verknüpften Fragestellungen ab. Jede einzelne ist wesentlich für das Leben auf der Erde und Nachhaltigkeit hat somit wirtschaftliche, ökologische und soziale Komponenten. Es kann nicht über Prioritäten gestritten werden, noch kann es Spekulation darüber geben, welche dieser Herausforderungen wir ignorieren und nicht lösen wollen. In der Tat können wir in keinem dieser Bereiche an Boden verlieren.

Was braucht es Ihrer Meinung nach, um sich diesen Herausforderungen zu stellen? Vor allem braucht es visionäre Führung auf institutioneller wie unternehmerischer Ebene. Kooperationen und Innovationen im sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Umfeld können die Nachhaltigkeit dieser Systeme verbessern und wirtschaftlichen Wohlstand für alle schaffen. Es muss die Umweltverantwortung gefördert und auf Designexzellenz gesetzt werden. Das bedeutet aber nicht, in unserer Entwicklung rückwärts zu gehen, sondern wir müssen beginnen, in Kreisläufen zu denken. Circular Economy (Kreislaufwirtschaft) ist die vielversprechendste Antwort darauf. Sie beschreibt eine Wirtschaft, in der der Wert von Materialien und Ressourcen so lange wie möglich in der Wirtschaft erhalten bleibt und die Müllgenerierung minimiert wird. Im Gegensatz zum derzeitigen linearen Wirtschafts- und Industriemodell – nehmen, machen, benützen und wegwerfen – zielt die Kreislaufwirtschaft darauf ab, Wachstum neu zu definieren und positiven gesellschaftsweiten Nutzen zu generieren. Die Wirtschaftstätigkeit wird

dabei stufenweise vom Verbrauch endlicher Ressourcen entkoppelt. Es wird vorwiegend erneuerbare Energie eingesetzt und Müll schlichtweg aus dem System designt. Der Übergang zur Circular Economy bedeutet nicht nur zu versuchen, die negativen Auswirkungen der linearen Wirtschaft zu verringern, vielmehr stellt sie einen systemischen Wandel dar, der Resilienz schafft, wirtschaftliche Chancen bietet sowie ökologischen und gesellschaftlichen Nutzen stiftet. Die digitale Technologie unterstützt durch Virtualisierung, Entmaterialisierung, Transparenz und Feedback-gesteuerte Intelligenz diesen Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft. Abgesehen vom Nutzen für die Natur, wie sehen die wirtschaftlichen Chancen für Unternehmen aus? Haben Sie sich beim Kauf eines Gerätes jemals gefragt, was eigentlich der Zweck des Kaufes war? War es der Wunsch nach dem Besitz des Gerätes oder war es wegen der Funktion, die es erfüllt? Wenn es Ihnen, wie mir, um die Funktion geht, müssen sich Produzenten fragen, warum sie das Gerät und nicht die Funktion verkaufen und welchen Zweck ihr Angebot eigentlich erfüllen soll. Unternehmen, die anstelle verkaufter Einheiten am Kundenwert und der Funktionalität ihrer Produkte interessiert sind, können dabei sehr profitabel sein. Wenn sie ihr Angebot neu auf Service, Resultate, Leistung und Kundenzufriedenheit ausrichten und physische Produkte nur als Mittel zur Erfüllung dieser Dienste bereitstellen. Dann kommen die Geldflüsse eben aus der Vermietung von Geräten mit langer Lebensdauer, kontinuierlicher Wartung und Service, Aktualisierung der Systeme, Verkauf von Ersatzteilen, Schulung und Lizenzierung von Dienstleistern oder nutzungsbasierten Gebühren anstatt aus dem Verkauf von Produkten. Wenn sich ein Unternehmen von der Absatzmaximierung materieller Produkte zum Angebot der Kundenzufriedenheit bewegt, kreiert es Kundenwert und -treue und ihre langfristige Quelle des Wettbewerbsvorteils wird die Fähigkeit sein, den benötigten Service zu bieten. Die Optimierung der Nutzungsdauer und Funktionalität von Produkten und Dienstleistungen kann die Produktivität und Rentabilität der eingesetzten Ressourcen verzehnfachen. Dadurch werden Produktionskosten erheblich reduziert. So ein Ansatz ist demnach nicht nur wesentlich nachhaltiger oder entmaterialisierter als das derzeitige lineare System, sondern ist auch wirtschaftlich sehr attraktiv.

Wie können wir Ressourcen nachhaltiger nutzen? Vorweg, Recycling ist nicht der Schlüssel. Das Schließen des Materialflusses durch Recycling ist nur eine Teillösung. Sie verlangsamt nicht den schnellen und ständig wachsenden Fluss von Materialien und Gütern durch das sozioökonomische System. Ein Schlüssel, der eine notwendige Ergänzung zum Recyceln darstellt, betrifft die Nutzungsdauer und Funktionalität von Produkten und Dienstleistungen. Um diese zu optimieren, braucht es gezielte Serviceinnovationen und biologisches Produktdesign. Neben dem Materialfluss müssen auch Haftungszyklen geschlossen werden, um die Nachfrage nach Energie und Materialien zu senken. Ein weiterer Schlüssel zur Ressourceneffizienz ist also die Rücknahmestrategie. Im aktuellen System endet die Herstellerhaftung für Verpackung im Moment des Verkaufsabschlusses und für die Qualität des Produkts kurz danach, nach Garantieablauf. Der Käufer wird dann für die Verwendung und Entsorgung von Verpackung und Gütern verantwortlich, ohne zu wissen, welche Materialien eingesetzt wurden. Der nächste Schlüssel betrifft die Eigentumshoheit, das Unternehmen bleibt Eigentümer des physischen Produkts. Es ist anzunehmen, dass so ein Unternehmen sein Entwicklungsteam dazu anhalten wird, innovative Produktdesignstrategien zu entwickeln, die darauf abzielen, langlebige und ressourceneffiziente Produkte zu entwerfen. Designer würden dann schwer zu beschädigende bzw. einfach zu reparierende, modulare und multifunktionale Produkte entwerfen. Komponenten würden standardisiert, aktualisierbar und können auf-

OTTO REISINGER ist ein in Barcelona lebender Auslandsösterreicher mit mehr als 20 Jahren Erfahrung im Topmanagement. Seit 2018 stellt er seine Erfahrung, Qualifikation und Leidenschaft als Berater und Coach in den Dienst der Circular Economy. Zurzeit arbeitet er an einem Projekt zur Umsetzung eines digitalen und virtuellen Ökosystems für Nachhaltigkeit.

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„ E I N A U F D A U E R Ü B E R L E B E N S FÄ H I G E S G E S E L L S C H A F T S - U N D W I R T S C H A F T S S Y S T E M M U S S D I E U M W E LT R E G E N E R I E R E N , A N S TAT T M Ü L L U N D E M I S S I O N E N A N S I E Z U R Ü C K Z U G E B E N .“ OTTO REISINGER

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bereitet in neuen Systemen wiederverwendet werden oder dienen zur Neuproduktion. Diese innovativen Prozess-, Service- und Produktdesignstrategien würden erheblich dazu beitragen, die Ziele eines „industriellen Stoffwechsels“ zu erreichen, indem sie die Nachfrage nach neuen Rohstoffen und Energie sowie die Umweltverschmutzung durch die Produktion verringern. Durch diesen Fokus auf die funktionale Dienstleistung würde auch ein weiterer gesellschaftlicher Nutzen generiert. Es würden dezentrale arbeitsintensive Dienstleistungszentren entstehen und viele qualifizierte Arbeitsplätze für Arbeitnehmer geschaffen werden, die derzeit in zentralisierten und automatisierten Produktionseinheiten nicht benötigt werden. Der ökologische Nutzen ist die Reduktion im Einsatz natürlicher Ressourcen und die Müllvermeidung, da die Produkte nicht mehr schnell von der Produktion zum Konsumenten und schlussendlich auf Mülldeponien verlagert werden, sondern die Materialien im Systemkreislauf verbleiben. Wie kann künftig Design für nachhaltige Produkte und Systeme aussehen? Eine derartige innovative Designstrategie ist Cradle-to-Cradle™-Design. Ein biomimetischer Ansatz, in dem Produkte und Systeme wie Gesellschaft oder Industrie nach Prozessen der Natur gestaltet und Materialien als Nährstoffe betrachtet werden. In der Natur wird der Abfall eines Systems zur Nahrung eines anderen. Innovative Produkt- und Systemdesigner, die der Cradle-to-Cradle-Strategie folgen, berücksichtigen also, dass alles eine Ressource für etwas anderes ist. Cradle to cradle unterscheidet zwischen technischen und biologischen Zyklen. Konsum erfolgt nur in biologischen Zyklen, in denen natürliche Materialien wie Lebensmittel, Baumwolle oder Holz durch Prozesse wie Kompostierung und anaerobe Verdauung wieder in die Natur zurückgespeist werden, um dann erneuerbare Ressourcen für die Wirtschaft bereitzustellen. Technische Zyklen verwenden und erneuern in kontinuierlichen Kreisen Produkte, Komponenten und Materialien durch Strategien wie Wiederverwendung, Reparatur, Aktualisierung oder in letzter Instanz Recycling, oh-

ne ihre Integrität oder Qualität zu verlieren. Unter Verwendung von sauberer und erneuerbarer Energie sowie ungiftigen, nicht schädlichen synthetischen Materialien entstehen innovative Produkte und Systeme, die nicht nur effizient, sondern auch im Wesentlichen abfallfrei sind. Cradle to Cradle kann auf fast jedes System in der modernen Gesellschaft angewendet werden. Anstatt zu versuchen, den Schaden, den wir anrichten, zu minimieren, wird Design dabei zur positiven, regenerativen Kraft. Dieser Paradigmenwechsel zeigt Möglichkeiten auf, die Qualität zu verbessern, den Wert zu steigern und Innovationen anzukurbeln. Materialien können auf diese Weise immer wieder verwendet werden, anstatt kontinuierlich an Wert zu verlieren und letztlich zu Abfall zu werden.

Was können wir uns von der Natur abschauen? Die Evolution hat perfekt angepasste Lebensformen geschaffen – wir können uns davon viel „abschauen“. Bionik oder Biomimicry ist ein Innovationsansatz, der nachhaltige Lösungen für unsere täglichen Herausforderungen sucht, indem es die Muster und Strategien der Natur nachahmt. Ziel ist es, Produkte, Prozesse und Strategien zu schaffen, die langfristig besser an das Leben auf der Erde angepasst sind. Bionik lernt aus der Natur und emuliert ihre Formen, Prozesse und Ökosysteme, um nachhaltigere Designs zu schaffen. Während der Mensch lange in technischen Fragen nach Inspiration in der Natur gesucht hat, orientiert sich Biomimicry-Design an lebenden Organismen. Das hilft bei der Erzeugung von Materialien, Produkten und Services und ist auf viele gesellschaftliche Systeme anwendbar – einschließlich Energieerzeugung, Architektur, Transport, Medizin, Kommunikation und Landwirtschaft. Da die Menschheit zunehmenden Bedrohungen durch Klimawandel, Bevölkerungswachstum und Ressourcenerschöpfung ausgesetzt ist, bietet Biomimicry einen Schlüsselansatz zur Steigerung der Nachhaltigkeit lokaler und globaler Gemeinschaften. Wie kann man sich solche Ansätze in der Industrie vorstellen? Um industrielle

Systeme in ein geschlossenes Kreislaufsystem zu bringen, können die Prinzipien der industriellen Ökologie hilfreich sein und nachhaltiges Design und Innovationen inspirieren. Dabei werden Aspekte der Technik, Wirtschaft, Soziologie, Toxikologie und der Naturwissenschaften berücksichtigt. Derzeit laufen Ressourcen- und infrastrukturelle Kapitalinvestitionen durch das System und werden zu Abfall, der im Kreislaufmodell als Ressource für etwas anderes genutzt wird und somit einlädt, durch Kooperation Innovationen anzustoßen. Material- und Energieflüsse, von Rohstoffgewinnung über Herstellung, Transport, Verwendung, Wartung bis hin zur Entsorgung, müssen quantifiziert, dokumentiert, optimiert und angepasst werden. Was man in der Natur Anpassung nennt, ist in der Technik der Innovation gleichzusetzen. Dabei ist ein Lebenszyklusansatz von wesentlicher Bedeutung, um zu vermeiden, dass sich die Umweltauswirkungen von einer Lebenszyklusphase in eine andere verlagern. Man kann zum Beispiel bei der Neugestaltung eines Produkts sein Gewicht reduzieren und dadurch den Ressourcenverbrauch verringern. Es ist aber möglich, dass die verwendeten leichteren Materialien schwieriger zu entsorgen sind. Die in der Produktionsphase gewonnenen positiven Umweltauswirkungen des Produkts werden lediglich auf die Entsorgungsphase verlagert und insgesamt sind die Umweltverbesserungen somit null. Ein gutes Beispiel findet sich in der „Blauen Lagune“ in Island. Die Lagune verwendet heißes Wasser aus einem lokalen Geothermie-Kraftwerk, um mineralreiche Becken zu füllen, die dadurch zu Erholungszentren geworden sind. In diesem Sinne nutzt der industrielle Prozess der Energieerzeugung sein Abwasser, um eine entscheidende Ressource für die abhängige Freizeitindustrie zu schaffen. Ein weiteres Beispiel ist der Industriepark Kalundborg in Dänemark. Dort verwenden Unternehmen gegenseitig ihre Abfälle, die somit zum wertvollen Nebenprodukt werden. So produziert das dort ansässige Kraftwerk Gips als Nebenprodukt des Stromerzeugungsprozesses und dieser Gips wird zu einer Ressource für den Nachbarbetrieb, der Gipskartonplatten herstellt.


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Wie vielfältig kann Nachhaltigkeit sein? Ein nachhaltiges sozioökonomisches System wird nicht entstehen, solange Führungskräfte Skaleneffekte durch standardisierte Produkte erzielen wollen, die in Billiglohnländern erzeugt und weltweit durch Just-in-time-Lieferungen gesichert werden. Der Schlüssel dazu liegt darin, sich vom Kerngeschäft, das auf einer Kernkompetenz basiert, zu einem innovativen Portfolio von Angeboten zu entwickeln. So kann ein Kaffeehaus Einnahmen aus dem Kaffee, seinem Kerngeschäft, generieren und auf dem Kaffeesatz, ein sehr guter Nährboden, zum Beispiel Pilze züchten. Diese müssen dann nicht mehr von weit hergebracht werden, sondern werden lokal verkauft und Einnahmen daraus generiert. Was nach der Ernte der Pilze übrig bleibt, ist ausgezeichnetes Tierfutter oder kann für ein weiteres Produkt wie die Verarbeitung mit Holzspänen zur

„ D I E E V O L U T I O N H AT P E R F E K T A N G E PA S S T E LEBENSFORMEN GESCHAFFEN – WIR KÖ N N E N U N S D AV O N V I E L A B S C H A U E N .“ OTTO REISINGER

Erzeugung eines nachhaltigen Holzersatzes verwendet werden. Das Ein-Umsatz-Modell wird nun in ein Drei-Umsatz-Modell umgewandelt und hilft zusätzlich dabei, die Natur auf ihren evolutionären und symbiotischen Weg zu bringen. Ich kann nur dazu aufrufen, die Vielfalt zu feiern. Wenn wir akzeptieren, dass natürliche Ressourcen begrenzt sind und Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme nur in einem gesunden natürlichen Umfeld überleben können, müssen wir beginnen, in Kreisen zu denken und zu agieren. Wenn wir die Natur als Lehrer und Kooperationspart-

ner verstehen und die Ressourceneffizienz auf allen Ebenen erhöhen, können wir die aktuellen globalen Herausforderungen bewältigen. Das Wort Abfall würde mit dem Ausdruck Nebenprodukt neu definiert, da er dann als Ressource für etwas anderes verstanden werden würde. Durch eine Welle von nachhaltigen Innovationen im sozioökonomischen Kontext kann die Lebensqualität für alle erhöht werden, ohne dabei die Wirtschaftsleistung zu verringern – kurz gesagt: Das Wort Abfall ist tot, lang lebe die Circular Economy!


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EINEN SCHRITT ZURÜCK FÜR EINEN SPRUNG NACH VORN Die Natur ist ein jahrmilliardenaltes Entwicklungslabor. Sie bietet eine Fülle an Lösungen, die wir uns zunutze machen können. Doch auch wenn Bionik mittlerweile in vieler Munde ist, gibt es abseits der Technik weitere Möglichkeiten, um von der Natur zu lernen.

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ir leben in einer Welt komplexer Fragestellungen. Hochtechnologisiert und globalisiert. Nicht zuletzt durch die Veränderungen im Klima wird immer klarer, dass wir Teil eines exquisit verwobenen Systems sind – und die Spielregeln respektieren müssen, wenn wir ein erfolgreicher Teil des Systems bleiben wollen. In isolierten, rein linearen Ursache-Wirkungs-Ketten zu denken, ist daher passé. Kreisläufe und

Netzwerke sind im Kommen. Und das aus gutem Grund. Komplexe Aufgaben verlangen systemorientierte, umsichtige Lösungen – und genau da haben wir einen mehr als erprobten Lehrmeister direkt vor der Haustür: die Natur. Unsere Groß- und Urgroßeltern waren mit der Natur noch sehr vertraut, heute sind Innovationen auf Basis alter Techniken etwa aus der Land- und Forstwirtschaft unter dem Begriff „Retrovationen“ vereint. Darunter finden sich

höchst interessante Lösungen, die früher oft nicht im wissenschaftlichen Sinn verstanden wurden, ihr Nutzen jedoch empirisch erkannt wurde. Fruchtfolge und Fruchtwechsel hatten zu dieser Zeit Tradition, wurden aber im Zuge der Schaffung von Monokulturen ignoriert und erst später als sinnvoll wiederentdeckt. Greift man dieses Wissen auf, analysiert das verwendete Lösungsprinzip und interpretiert es neu, bildet dies eine fundierte Basis für aktuelle Fragestellungen.


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„ N I C H T A L L E S , WA S A L S F O R T S C H R I T T L I C H DEKL ARIERT WIRD, IS T E S AUCH. MANCHMAL G E H T E S N U R U M E I N E A U S G E F E I LT E R E K E U L E . D I E H Ö H L E B L E I B T D I E G L E I C H E . A U S D E R S O L LT E N W I R J E T Z T A B E R E N D L I C H M A L R A U S .“ ELKE BACHLER

Das aktuelle Lernen von der Natur zur Lösung von Aufgaben – im deutschsprachigen Raum als „Bionik“ bezeichnet – ist ein vielversprechender Ansatz, der besonders in den letzten beiden Jahrzehnten an Dynamik gewonnen hat. Leicht ist es nicht, im Gegenteil.

CHALLENGE #1 – SPEZIALISIERUNG VERSUS VERNETZUNG

Wir haben Informationen in klar umrissene Wissensgebiete und Fachdisziplinen eingeteilt. Grundsätzlich eine gute Idee. Spezialisierungen haben ihre Berechtigung – allein deswegen, weil wir uns für unterschiedliche Dinge interessieren, Motivation mitbringen und unsere Stärken ausspielen können. Nachdem wir begannen, Wörter zu verwenden, um Informationen festzuhalten, entstanden fachspezifische, standardisierte Definitionen. Das hat Vorteile; es macht uns schneller im Erfassen von Inhalten. Nimmt man diese Ausdrücke jedoch aus ihrem fachspezifischen Umfeld, birgt das Risiken. Ein Beispiel dafür ist das Wort Redundanz. Verwenden Sie es in der Datenbankprogrammierung, ist es negativ besetzt – etwas ist unnötigerweise doppelt. In der Steuer- und Regeltechnik ist es positiv besetzt – Sie sichern sich durch ein zweites System ab, das einspringen kann. Dieses industrialisierte Vorgehen hat somit eine Schattenseite. Es fällt uns zunehmend schwerer, Wissensbrücken zu schaffen und Zusammenhänge zu erkennen. Wir agieren entkoppelt, isoliert und werden von negativen Auswirkungen oft überrascht. Menschen, die sich in verschiedenen Aufgabengebieten bewegen und unterschiedliche Fachsprachen sprechen können, wurden immer seltener. Das Erkennen von Risiken wurde dadurch nicht nur schwieriger, es wurde oft sogar als technologiefeindlich und rückständig gebrandmarkt. Biologie ist eine dieser Disziplinen mit eigener Fachsprache. Die Informationen wurden von Biolog*innen für Biolog*innen erfasst – das macht es zu einer Herausforderung, dieses Wissen für Technik, Design und

Business nutzbar zu machen. Denken Sie an eine Eidechse. Diese kann bei Gefahr ihren Schwanz abwerfen. In der Technik nennen Sie so etwas eine Sollbruchstelle. Aus Strategiesicht ist es ein Ablenkungsmanöver. In der Biologie heißt das Autotomie. Sehen Sie das Problem? Es braucht einen Übersetzungskatalog, um den Zugang aus unterschiedlichen Fachrichtungen zu erleichtern, ohne dem speziellen Wissen die Fachtiefe zu nehmen – sondern es kombinieren zu können. Denn um tatsächlich von der Natur lernen zu können, braucht es sämtliche Fachdisziplinen. Von Natur- über Ingenieurwissenschaften und Industrial Design hin zu Betriebswissenschaften und Kommunikationslehre. Eine ordentliche Dosis interdisziplinärer Vernetzung. Bionik ausschließlich auf technische Lösungen und die Produktgestaltung zu begrenzen – wie es der deutsche Name andeutet (BIOlogie und MechaNIK bzw. TechNIK) – wird dem Nutzungspotenzial nicht gerecht. Interessant sind biologische Prozesse und Systemmodelle besonders in Hinsicht auf Kreislaufwirtschaft. Der Klassiker: In der Natur gibt es keinen Abfall. Alles ist Ressource (mehr dazu im Interview mit Otto Reisinger).

CHALLENGE #2 – EFFEKTIVITÄTSBESTREBEN VERSUS FEHLERFREUNDLICHKEIT

In unserem Bestreben, Zeit und Kosten zu sparen, agieren wir oft zu Lasten der dritten Komponente im Dreieck – der Qualität. Es mag effektiv sein, etwas schnell und günstig zu erledigen. Effizient ist es deswegen noch nicht. Denn Effizienz definiert sich als „die richtigen Dinge richtig tun“. Dazu muss man wissen, was die richtigen Dinge sind – besonders dann, wenn man Probleme lösen möchte. Ein Aspekt darf dabei nicht übersehen werden: Man kann nicht wissen, was man nicht weiß. Lesen Sie diesen Satz sicherheitshalber bitte nochmal. Der braucht meist etwas. Manchmal fehlen essentielle Informationen, man ist sich dessen aber nicht bewusst. Um das zu vermeiden, hilft die systemische

Betrachtung von Herausforderungen. Warum will ich ein bestimmtes Problem überhaupt lösen? Kenne ich dessen Ursache oder bekämpfe ich ein Symptom? Weiß ich alles, was ich wissen muss, oder benötige ich zusätzliche Informationen? Konzentriere ich mich zu sehr auf ein Detail und übersehe wichtige Zusammenhänge? Die Grundvoraussetzung ist, zu wissen, wo es wirklich hakt, wenn es hakt. Dazu braucht es eine methodisch durchgeführte, objektive und fundierte Diagnose. Dann folgt der Behandlungsvorschlag. Nutzt man dazu den Lösungskatalog der Natur, birgt das enormes Potenzial für nachhaltig positive, zielführende Strategien – da man auf erprobtes Wissen zurückgreift. Hier haben wir Menschen einen entscheidenden Vorteil: Wir können uns bewusst ansehen, warum ein Problem besteht, und es ebenso bewusst lösen. Obwohl wir dazu genau wie in der Evolution Versuch und Irrtum – gewürzt mit etwas glücklichem Zufall – nutzen können, sind wir nicht darauf begrenzt. Hinzu kommt: In der aktiven Lösungsfindung gibt es Spielraum. Diesen auszuloten kostet Zeit, aber sonst nicht viel. Schlägt man einen bestimmten Lösungsweg ein, wird es in der Umsetzung schnell teuer. Hat man auf Basis fehlerhafter oder mangelnder Informationen den falschen Lösungsweg gewählt, oder tritt ein Umstand ein, den man nicht vorhersehen konnte, wird es schnell richtig teuer. Oft auch deswegen, weil man keine realistische Alternative hat. Hier sind wir bei Fehlerfreundlichkeit, eins der Asse im Ärmel unseres Heimatplaneten mit seinen unzähligen in sich verschachtelten Ökosystemen und Regelkreisen. Dabei kommt auch das oft zitierte „Survival of the Fittest“ ins Spiel. Entscheidender Faktor ist Resilienz, also wie man auf unvorhergesehene Änderungen reagieren kann. Sei es durch Anpassung, durch Ausweichen und Nutzen von Alternativen, durch Absicherung auf anderer Ebene und wenn es gar nicht anders geht, durch einen koordinierten Rückzug. Unsere Intelligenz

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© DIANA BACHLER

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ermöglicht es uns, Probleme als solche zu erkennen, bewusst darauf zu reagieren, in Szenarien zu denken und aus Fehlern zu lernen. Das ist Effizienz. Und Fitness.

CHALLENGE #3 – KOPIEREN VERSUS ÜBERSETZEN

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Obwohl besonders der englische Ausdruck „Biomimicry“ das Wort für Nachahmung (to mimic) in sich trägt, geht es meist um eine Übersetzung biologischer Lösungen und nicht um eine reine Kopie. Das ist gerade in der Technik auch von Vorteil. Wenn Sie Ihre Lösung schützen – also patentieren – möchten, werden Sie schnell feststellen, dass Entdeckungen nicht patentierbar sind. Die technische Übersetzung jedoch – das ist Erfindung. Die Herausforderung besteht darin, wirklich zu verstehen, warum die Dinge in der Natur existieren. Es hat alles einen Grund – wenn man sich die Mühe macht, verstehen zu wollen. Nach dem tatsächlichen Verstehen geht es darum, die Lösung übersetzen und umsetzen zu können. In der Technik haben wir dazu zwei wichtige Stützen – Nanotechnologie und 3-D-Druck. Viele Lösungen in der Natur basieren auf Struktur. Farbgebung von Schmetterlingsflügeln. Selbstreinigende Oberflächen von Lotusblättern. Belastbare Aststrukturen. Die Zahl der Beispiele, die sich mittlerweile aufzählen lassen, ist beeindruckend gestiegen, seit man die Natur aus dem Design-Blickwinkel betrachtet. Auch Computersimulationen helfen, da viele biologische Lösungen uns auf den ersten Blick völlig unlogisch erscheinen und man noch nicht für alles die passende mathematische Formel zur Verfügung hat. Mit der Entwicklung schneller Rechner und entsprechender Software ist dies leichter geworden. Diesen Vorgang nennt man Reverse Engineering – die Lösung kennen, aber erst ergründen müssen, warum es funktioniert. Also sozusagen rückwärts gestalten.

THEORETISCH GUT, ABER PRAKTISCH?

Die Krux liegt in dem völlig anderen Vorgehen, als wir es uns im Zeitalter der Industrialisierung antrainiert haben. Klar strukturieren, abgrenzen, standardisieren, skalierbar machen. Nicht, dass das per se verkehrt ist – nur macht auch hier die Dosis das Gift. Was hilfreiche Stütze war, ist mittlerweile ein Korsett. Es ist Zeit für einen erneuten Paradigmenwechsel. Und wir haben das nötige Rüstzeug dazu. Denn Paradigmenwechsel und Entwicklungssprünge sind keine Selbstläufer. Auch nicht trivial. Bei konsequenter Nutz-

ELKE BACHLER beschäftigt sich seit ihrem Studium Innovationsmanagement an der Fachhochschule der Wirtschaft Campus 02 in Graz eingehender mit dem Lernen von der Natur. Sie konzentriert sich verstärkt darauf, den biologischen Informationspool einfacher nutzbar zu machen und entwickelt unter dem alten Namen Biognosis – Erkenntnisse aus der belebten Welt gewinnen – verschiedene Werkzeuge dazu.

barmachung und Anwendung biologischer Erkenntnisse geht man jedoch in Richtung nachhaltige Qualitätsführerschaft. Derartige Qualität gibt es nie umsonst, sie braucht konsequentes Handeln und vielschichtige Expertise. Diversität ist nicht nur in der Natur ein Erfolgsrezept, sie ist es auch bei der Anwendung von Bionik. Retrovation, Reverse Engineering … es ist tatsächlich ein absichtliches Zurückgehen und Wiederbeleben uralten Wissens. Zurück zur Natur bedeutet dabei jedoch nicht zurück in die Höhle. Unsere Umwelt bietet einen umfassenden Lösungskatalog, um auf einem komfortablen Niveau leben zu können, ohne Raubbau, sondern im Einklang. Dazu braucht es das unvoreingenommene, neugierige Vernetzen von Informationen und jedes Gramm Hirnschmalz, das der Mensch

zur Verfügung hat – genau das, was unseren bisherigen Erfolg als Spezies ausmachte. Wir sind fast überall auf diesem Planeten zu finden. So selbstverständlich ist das nicht; es verlangt enorme Adaptionsfähigkeit und Erfindungsgeist. Diesen Vorsprung sollten wir nicht verspielen, sondern tatsächlich wieder nutzen. Es ist wirklich an der Zeit.


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AMT DER TIROLER LANDESREGIERUNG

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Dies ist eine Werbemitteilung. Bitte beachten Sie, dass eine Veranlagung in Wertpapiere neben Chancen auch Risiken birgt und Kapitalverluste möglich sind.

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