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DAS WIRTSCHAFTSMAGAZIN

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Ausgabe Nr. 05 | April 2020 P.b.b. Verlagspostamt 6020 Innsbruck ZNr. GZ 02Z030672 M | Euro 3.00

DAS VIRUS. Zwischen Gesundheit und Ökonomie EPIDEMIEGESETZ. Eine Frage der Verhältnismäßigkeit FORSCHUNG. Die Nadel im Heuhaufen finden GELD. Was kostet die Krise?


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© ANDREAS FRIEDLE

eco.edit

Mag. Sandra Nardin und Christoph Loreck, eco.nova-Herausgeber

MITTENDRIN STATT NUR DABEI Wir hatten die April-Ausgabe redaktionell quasi fertig. Und plötzlich war alles anders.

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ie Wucht der Veränderungen hat uns überrascht, deren Rasanz sowieso. Wir waren mitten in den Vorbereitungen dafür, im Ernstfall auf Homoffice umzustellen. Der Gedanke war noch nicht zu Ende gedacht und plötzlich musste es schnell gehen. Rasch war klar: Die geplante Ausgabe konnte so nicht erscheinen. Wie für viele andere in dieser Zeit hieß es auch für uns, zu improvisieren und dabei professionell zu bleiben. Weitermachen ist eine Gratwanderung, auch finanziell, und doch war und ist Aufgeben keine Option. Vermutlich war unser Auftrag nie so wichtig wie jetzt: zu informieren, genau hinzuschauen, unaufgeregt und mit mehr Ratio als Emotion. Deshalb haben wir beschlossen, eine Print­ausgabe herauszubringen, ein Magazin zum Angreifen in einer Zeit, die sich fast ausschließlich online abspielt. Gemeinsam mit zahlreichen Experten haben wir eine Ausgabe rund um die (Krisen-)Situation zusammengestellt, die nicht das aktuelle Tagesgeschehen beleuchtet, sondern das Drumherum. Sie finden Hintergrundberichte zu Wirtschaft, Finanzen und Gesellschaft und zutiefst menschlichen Befindlichkeiten. Manche Themen wie den Zustand des heimischen Tourismus oder die Analyse der (Hilfs-)Programme der Regierung haben wir uns für einen späteren Zeitpunkt aufgehoben, weil man im Nachhinein nicht nur klüger ist und reale Auswirkungen sehen und beurteilen kann, sondern weil der Kopf freier und die Gedanken klarer sind. Manchmal braucht es ein bisschen Abstand, um Dinge wertfrei betrachten zu können. Diese Zeit nehmen wir uns. Wir hoffen, dann auch zu sehen, dass die derzeitigen Zukunftsprognosen zur nachhaltig positiven Veränderung unser Gesellschaft und hin zu einem achtsameren Wirtschaften tatsächlich eingetroffen sind. Für den Philosophen und Ökonomen David Hume ist es die Gewohnheit, die den Menschen davon ausgehen lässt, dass die Zukunft so sein wird wie die Vergangenheit. Von dieser Gewohnheit werden wir uns wohl verabschieden müssen. Und das ist auch etwas Gutes. Neues macht zwar Angst und führt anfangs zu Irritation, doch wir alle – als Individuum und Gesellschaft – sind stärker und flexibler, als wir denken. Wer tut. was er immer schon getan hat, wird bleiben, was er immer war. Das mag manchen Menschen reichen, für den Großteil ist es aber wenig erstrebenswert. Lassen Sie uns diese Zeit und ihre Umbrüche nutzen und als Chance sehen. Sie kann der Anfang von etwas ganz Wunderbarem sein. Halten Sie durch ... und Abstand – Ihre Redaktion der eco.nova.

TIPP DER AUSGABE: MUTIG BLEIBEN Corona – Nichts wird mehr sein wie es war, Sonja Schiff (Hg.), story.one publishing, 80 Seiten, EUR 14,00 Wir alle brauchen– gerade in nicht so schönen Zeiten – Geschichten, die Mut machen, die berühren, die uns stark machen oder zum Lachen bringen. Jeder kennt so eine Geschichte oder hat eine erlebt. Auf story.one kann man sie erzählen. Hier findet sich eine wunderbare Sammlung an Storys voller Wertschätzung, Empathie und Respekt. In „Corona – Nichts wird mehr sein wie es war“ sind 17 davon in Printform erschienen – wahre Geschichten, die inspirieren und Mut machen: Es geht um die Entdeckung der neuen Langsamkeit, das wiedergefundene Staunen über die Wunder der Natur, um Nachdenken über den Sinn des Lebens und den Unsinn des ungebremsten Konsums, es erzählt ein ehemaliger Sandler aus seinem Leben, ein geplagter Vater von seinem virtuellen Besuch im Kaffeehaus und Uwe Böschemeyer erinnert an den Mut der „Trümmerfrauen“ nach dem Zweiten Weltkrieg.


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E C O .T I T E L 22 EIN WEISSER SCHWAN, UND

NIEMAND SAH IHN KOMMEN

Das Coronavirus hat die Welt auf dem falschen Fuß erwischt und schlagartig das gesellschaftliche Leben und ganze Volkswirtschaften zum Erliegen gebracht. Eine Bestandsaufnahme.

E C O .W I R T S C H A F T 30 IMMER WEITERGEHEN

ECO.ZUKUNFT 58 ANPASSUNGSFÄHIG

Von Distance Learning bis Homeoffice: Wie flexibel wir sind, merken wir erst, wenn wir keine andere Wahl mehr haben.

ANGST FRESSEN RATIO

Zeiten wie diese, in denen es mehr Fragen als Antworten gibt, sind stets ein guter Nährboden für Verschwörungstheoretiker. 66 EMOTIONAL Warum es manchmal gut ist, Angst zu haben. Plus: Hilfe gegen QuarantäneStress. 72 LANGER ATEM In Bezug auf die Pandemie gibt es noch viele Dinge, die ungewiss sind. Auch in medizinischer Hinsicht. 74 DIE NADEL IM HEUHAUFEN Wenn Forschung plötzlich in den Fokus rückt.

ECO.GELD 80 KRISEN DURCH EXTERNE SCHOCKS Die Tücken und Eigenheiten der Finanzwelt. 86 WAS KOSTET DIE KRISE? Die COVID-19-Krise geht mit volkswirtschaftlichen Kosten einher, die mehr und mehr zum Vorschein kommen werden. Erste Zahlen dazu gibt es bereits. Nur, wie sind diese einzuordnen? 88 GELD-FRAGEN Die Krise stellt viele Fragen – an die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Finanzwelt. Wir haben versucht, mit Branchenvertretern die wichtigsten davon zu klären. 06 EDITORIAL 10 KOMMENTAR 12 11¾ FRAGEN 98 ECO.STEUERN 106 ECO.RECHT 110 Z‘SAMMHALTEN

HER AUSGEBER UND MEDIENINHABER: eco.nova Verlags GmbH, Hunoldstraße 20, 6020 Innsbruck,

0512/290088, redaktion@econova.at, www.econova.at GESCHÄF T SLEITUNG: Christoph Loreck, Mag. Sandra Nardin A S SIS TENZ: Martin Weissenbrunner CHEFREDAK TION: Marina Bernardi REDAK TION: eco.wirtschaft: Marian Kröll, Alexandra Keller, MMag. Klaus Schebesta, Barbara Liesener, DI Caterina Molzer-Sauper, Marion Witting, MSc., Stefan D. Haigner // eco.zukunft: Doris Helweg // eco.geld: Dr. Michael Posselt, Michael Kordovsky // eco.kultur: Julia Sparber-Ablinger // eco.mobil: Bruno König // steuer.berater: Dr. Verena Maria Erian // recht.aktuell: RA Mag. Dr. Ivo Rungg // eco.life: Marina Bernardi ANZEIGENVERK AUF: Ing. Christian Senn, Bruno König, Hannelore Weissbacher, Matteo Loreck L AYOUT: Tom Binder LEK TOR AT: Mag. Christoph Slezak DRUCK: Radin-Berger-Print GmbH Die Herstellung, der Verlag und der Vertrieb von Drucksorten aller Art, insbesondere der Zeitschrift eco.nova. GRUNDLEGENDE RICHT UNG: Unabhängiges österreichweites Magazin, das sich mit der Berichterstattung über Trends in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Architektur, Gesundheit & Well­ness, Steuern, Recht, Kulinarium und Life­s tyle beschäftigt. Der Nachdruck, auch auszugsweise, sowie anderwertige Vervielfältigung sind nur mit vorheriger Zustimmung des Herausgebers gestattet. Für die Rücksendung von unverlangt eingesandten Manuskripten und Bildmaterial wird keine Gewähr übernommen. Namentlich gekennzeichnete Beiträge stellen nicht unbedingt die Meinung der Redaktion dar. JAHRE SABO: EUR 25,00 (14 Ausgaben). // Sind Beiträge in dieser Ausgabe in der Kopfzeile mit dem FIRMENNAMEN gekennzeichnet, handelt es sich um BE Z AHLTE ANZEIGEN! UNTERNEHMENS GEGENS TAND:

FACEBOOK.COM/ECO.NOVA.AT

weil du einfach WOW bist, mama ... muttertagsmenü auf den punkt. das grander +43 (0) 52 24 52 6 26 info@das-grander.at das-grander.at

Die Ausbreitung des Coronavirus ist nicht mehr nur ein gesundheit­ liches Problem. Mit der QuasiStilllegung der Wirtschaft wird sie auch zu einem ökonomischen. 34 DIE WELT UND WIR Die aktuelle Situation darf nicht zum Ende der Globalisierung führen, sondern ist der Auftakt zu einer klügeren, widerstandsfähigeren Variante davon. 38 GEMEINSAME NAGELPROBE Im Gedankenspielraum, der sich nach der gemeinsam erlebten Krise auftut, gibt es zwei Tendenzen. Hilflosigkeit, Egoismus und Isolation. Oder Kooperation und Solidarität. 46 EPIDEMIEGESETZ Verwaltungsjurist Peter Bußjäger im Interview über Verhältnis­ mäßigkeit und Grenzen.

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Die große Angst vor dem U Eigentlich ist alles ganz einfach: Wir müssen darauf schauen, dass aus der Corona-Infektionskurve kein spitzes A, sondern ein langgezogenes Aaaaa wird. Und die Konjunktur soll einem V folgen, bloß keinem U. Klingt banal, ist es aber nicht.

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ie Politik muss in dieser Zeit einen besonders heiklen Schnittpunkt treffen. Die eine Kurve gibt das Virus vor. Ist der Anstieg zu steil, geht die Zahl der Krankheitsfälle durch die Decke und zwingt das Gesundheitssystem in die Knie. Es gilt, diese A-Kurve so weit flach zu drücken, dass deren Spitze haarscharf an der Kapazitätsgrenze des Gesundheitssystems schrammt. Warum haarscharf? Weil es eine flache Kurve nicht umsonst gibt. Es ist ein Preis dafür zu zahlen: Je flacher, desto länger dauert es. Die andere Kurve bildet ab, wie gut (oder schlecht) es der Wirtschaft dabei geht. Dass die Konjunktur ins Minus absackt, steht ohnehin fest. Derzeit bemühen sich sämtliche Institute vom WIFO über das IHS bis hin zur Nationalbank um Schätzungen, welche Zahl hinter diesem Minus steht. In Wirklichkeit ist jede dieser Angaben völlig bedeutungslos und könnte mit der gleichen Präzision auch beim Würfelspiel ermittelt werden. Da keiner eine Ahnung hat, wie lange die restriktiven Maßnahmen gelten (müssen), kann keiner auch nur annähernd seriös sagen, wie sich das auswirkt. Aber offenbar sind wir es nicht gewohnt, mit Unwägbarkeiten umzugehen, und greifen dankbar nach jeder Ziffer, auch wenn sie noch so schwachsinnig ist. Die Herkulesaufgabe der Politik ist es nun, das eine gegen das andere abzuwägen. Wie viel Schutz vor dem Virus können wir uns leisten, ohne die Wirtschaft zu ruinieren, lautet die ungeschönte Frage zu dieser Jahrhundertaufgabe. Denn eine ausschließliche Orientierung am maximalen Schutz für die Gesellschaft mag zwar verlockend klingen – bedeutet aber einen kompromisslosen Shutdown der gesamten Wirtschaft für sehr lange Zeit. Das halten die heimischen Betriebe ein paar Wochen, aber sicher nicht viele Monate aus. Mit anderen Worten: Der Konjunkturverlauf in Form einer V-Kurve ist bewältigbar – aber wenn daraus eine U-Kurve wird, bei der die Rezession über viele Monate andauert, wird es kritisch. Eine Gesellschaft hat auch nichts

V O N K L A U S S C H E B E S TA

davon, wenn das komplette Wirtschaftssystem am Boden liegt und zwar das Virus besiegt ist, aber nach diesem Kampf Mega-Arbeitslosigkeit und Hyperinflation folgen. Für die Politik geht es derzeit einzig und allein darum, dass sich die ohnehin stattfindende Rezession zu keiner katastrophalen Depression auswächst. Dazu gehört natürlich auch, je nach Wirksamkeit der Maßnahmen, ein schrittweises Hochfahren einzelner Wirtschaftssektoren zuzulassen. Genau diese täglich neu zu bewertende Gratwanderung (treffende Definition laut Duden: „Vorgehensweise, bei der schon ein kleiner Fehler großes Unheil auslösen kann“) hat die Politik zu gehen. Daran sollten alle denken, die jetzt vom Sofa aus alles bemängeln, was speziell die Bundesregierung in die Wege leitet. Die Landesregierung hat nach der Causa Ischgl ohnehin einen schwarzen Punkt auf der Stirn. Entscheiden ist schwieriger als kommentieren – gerade in einer Situation, für die es keine Erfahrungswerte, keine Patentrezepte und kein Drehbuch gibt. Solange die Forschung weder Impfung noch Heilung bietet, bleibt nichts anderes übrig, als einen harten Weg zu gehen. Alles andere ist jetzt entbehrlich: Oppositionspolitiker, die jede Maßnahme kritisieren, um sich mediale Aufmerksamkeit zu beschaffen; Blogger, die Schuldige für irgendwelche Versäumnisse suchen; Verschwörungstheoretiker, die vor allem in den sozialen Medien Fake-News verbreiten. Für Fragen nach allfälligen Versäumnissen wird es „danach“ genug Gelegenheit zur Aufarbeitung geben. Dann ist die Zeit, um die Vorgänge in Ischgl bis ins letzte Detail zu durchleuchten; die Zeit, um der völlig planlosen EU wieder ein Profil zu geben; und die Zeit, um einige Fehlentwicklungen der letzten Jahre zu korrigieren und die Turbobeschleunigung auf allen Ebenen auf ein verträgliches Maß zu reduzieren. Jetzt aber heißt es, alles Mögliche dazu beizutragen, damit wir halbwegs wohlbehalten am anderen Ende dieses dunklen Tunnels ankommen. Augen zu und durch – das ist das A und U zur Bewältigung der Krise. 


WIR FORDERN:

Impressum: NEOS Landtagsklub, Eduard-Wallnöfer-Platz 3, 2. Stock, A-6020 Innsbruck, neos.landtagsklub@tirol.gv.at, +43 / 0512 / 50 83 120

VERSPROCHENE HILFE FÜR ALLE UNTERNEHMEN UND NICHT NUR FÜR DIE GROSSEN! Wir brauchen maximale Hilfe bei minimaler Bürokratie! Rasches Handeln für die Gesundheit und entschlossenes Anpacken für die Wirtschaft sind kein Widerspruch!

Für Unterstützung, bei Fragen oder Anregungen bin ich gerne für Sie da:

Dominik Oberhofer NEOS-Klubobmann Tourismussprecher 0664 | 88 872 040


eco.porträt

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11 ¾ FRAGEN AN

CHRISTOPH WALSER Wer sind Sie? Ich bin Vater von vier Kindern, Ehemann, Bürgermeister meiner Heimatgemeinde Thaur, Unternehmer und Wirtschaftskammerpräsident – vor allem aber bin ich Tiroler und österreichischer Staatsbürger, der gerne seinen Beitrag am öffentlichen Leben leistet. Es ist mir auch definitiv wichtig, mein eigener Chef zu sein.

ZUR PERSON

1.

Christoph Walser wurde am 10. Feber 1975 in Innsbruck geboren, verheiratet mit Yvonne und Vater von vier Kindern. Im Jahr 2005 gründete er sein Unternehmen CWA Transporte, seit 2016 ist er Bürgermeister der Gemeinde Thaur. Walser war Bezirksobmann Innsbruck-Land der Wirtschaftskammer Tirol, ehe er 2018 Jürgen Bodenseer als deren Präsident nachfolgte. In seiner Jugend hat er Fußball gespielt, heute zählen Laufen und Golf zu seinen Hobbys. Was er als Kind werden wollte? Politiker.

2. Warum, glauben Sie, haben wir Ihnen geschrieben? Weil Sie wissen, dass ich nicht um den Brei herumrede und gerne Klartext spreche.

3. Wie lautet Ihr Lebensmotto? Gestalten und Freude daran haben.

4. Was macht Sie stolz? Wenn Menschen im Team zusammenstehen und gemeinsam etwas erreichen; wenn ich sehe, dass die Lehre wieder in das Zentrum der Wirtschaft rückt; wenn der enorme Zeitaufwand bei Wahlkämpfen – in der Gemeinde oder in der Wirtschaftskammer – mit guten Ergebnissen belohnt wird.

5. Was bedeutet für Sie Luxus? Hier in Tirol leben zu dürfen.

Mit welcher historischen Persönlichkeit würden Sie gerne einen Abend verbringen – warum? Mit Winston Churchill – weil er Europa aus der Geiselhaft des nationalsozialistischen Regimes befreit hat. Ich würde gerne einen historischen Einblick in seine Strategie haben. 6.

7. Was ist das ungewöhnlichste Thema, über das Sie richtig viel wissen? Über das Ende der Monarchie und über das Leben von Kaiserin Sissi. 8. Ihr Leben in Fahrzeugen: Mein erstes Auto – ein Opel Ascona. Meine Heirat – die Hochzeitskutsche. Meine vier Kinder – ihre Kinderwägen. Meine eigene Transportfirma – der erste Lkw.

9. Welche Eigenschaft haben Sie in den vergangenen

Tagen an sich neu entdeckt? Nervosität. Die Corona-Krise ist eine Situation, die wir alle noch nie erlebt haben und die uns alle ans Limit bringt. Als Wirtschafts-

FOTO: © MARIAN KRÖLL

kammerpräsident entscheide ich tagtäglich mit bestem Wissen und Gewissen – aber ob alles richtig war, werden wir erst nach der Krise sagen können.

10. Was möchten Sie der Tiroler Wirtschaft am eindringlichsten mitgeben? Ruhe bewahren und durchhalten. Bund, Land, Wirtschaftskammer – wir geben derzeit alle unser Bestes und versuchen die heimischen Betriebe zu unterstützen, wo es geht. Ich weiß nur eines: Wir werden die Krise bewältigen, wenn wir jetzt zusammenstehen. Dann werden wir die Mühen der Ebene durchschreiten und stärker denn je aus dieser Jahrhundertkrise hervorgehen.

Wie gehen Sie selbst mit Herausforderungen um? Ich stelle mich ihnen und arbeite sie, eine nach der anderen, mit voller Energie und einer grundsätzlich positiven Grundhaltung ab.

11.

11 ¾ :

W E L C H E F R A G E W O L LT E N S I E S C H O N

I M M E R B E A N T W O R T E N , N U R H AT S I E N O C H N I E J E M A N D G E S T E L LT ?

WALSER: Das ist eine gute Frage … Vielleicht, was ich mir für die Zukunft am meisten wünschen würde.

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UMGEFRAGT Wie verändert Corona unser Leben? P8 Marketing hat Mitte März und Anfang April mittels Onlineumfrage je 1.200 Österreicher befragt, wie deren aktuelle Befindlichkeit ist und welche Auswirkungen sie in den nächsten Monaten erwarten – wirtschaftlich aber auch für sich selbst. Die Lage ist so mittelprächtig. Und wie sich innerhalb eines Monats zeigt: Die anfangs eher positive Stimmungslage kehrt sich teilweise um.

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3,5

MIT 3,5 VON 5 PUNKTEN BEWERTEN DIE BEFRAGTEN DAS KRISENMANAGEMENT DER BUNDESREGIERUNG IM SCHNITT A L S G U T. 3 3 , 4 % Z E I G E N S I C H S E H R ZUFRIEDEN, RUND 17 SIND DAMIT GÄNZLICH UNZUFRIEDEN.

55 % WERDEN VORAUSSICHTLICH IHREN KONSUM ALS AUSWIRKUNG DER KRISE EINSCHRÄNKEN. 26 % WERDEN IHN S TA RK EIN S C HR Ä NK EN, 18 , 8 % W OL L EN DAS GAR NICHT TUN.

75,44 % DER BEFRAGTEN SCHRÄNKEN IHRE AUSGABEN VOR ALLEM IN BEZUG AUFS REISEN EIN, GEFOLGT VON F REIZ EI TA K T I V I TÄT EN UND R E S TA U R A N T B E S U C H E N /A U S G E H E N (WOBEI DAS DERZEIT EHER WOHL KEIN WOLLEN, SONDERN EIN MÜSSEN IST). AUC H BEI BEKLEIDUNG (6 4,33 %) UND LUXUSGÜTERN (54,97 %) WILL DER GROSSTEIL SPARSAMER WERDEN. ERFREULICH: NEBEN DEM WOHNEN WILL MAN VOR ALLEM AN DER BILDUNG NICHT SPAREN. 51, 8 % W OL L EN IHREN KON S UM AU C H NACH DER KRISE EINSCHRÄNKEN.

43,1 %

S C H ÄT Z E N D I E W I R T S C H A F T S EN T W IC K L UNG WÄ HREND DER CORONAKRISE ALS SEHR N E G AT I V E IN . I N S G E S A M T GEBEN DIE BEFRAGTEN DER WIRTSCHAFTLICHEN ENTWICKLUNG NUR 2,5 VON 10 PUNK TEN. RUND EIN V I E R T E L D E R B E F R A G T E N H AT D A B E I A N G S T, S E I N E N A R B E I T S P L AT Z Z U VERLIEREN. MITTELFRISTIG SIEHT E S MI T 3 ,6 VON 10 P UNK T EN E T WA S BES SER AUS. RUND 10 % GL AUBEN AUSSERDEM, MITTELFRISTIG WERDE DIE ENTWICKLUNG SOGAR POSITIV SEIN.

63,7 % GLAUBTEN IM APRIL, DASS ÖSTERREICH DIE K RI S E B E WÄ LT IGEN K A NN. IM M Ä R Z WA REN E S NOC H 71,5 % 6,32 % GLAUBEN NICHT DARAN, IM M Ä R Z WA REN DIE S NUR 1,9 %

50 % D E R B E F R AG T E N G E HE N DAV O N AUS, DASS SICH IHR LEBEN IN DEN KOMMENDEN 12 MON AT EN NIC H T VERÄNDERN WIRD. 34,9 % BEFÜRCHTEN EINE VERSCHLECHTERUNG, IMMERHIN 1 5 ,1 % G L A U B E N , E S W E R D E S I C H VERBESSERN. HIER IST GEGENÜBER DEM MÄRZ EINE POSITIVE TENDENZ ZU ERKENNEN.

70,4 % HABEN GUTE ERFAHRUNGEN MIT DEM NE UEN Z U S TA ND DE S HOMEOF F IC E G E M A C H T, 13 ,7 3 % F Ü H L E N S I C H S C H L E C H T D A M I T. B E I 15 , 8 8 % D E R B E F R A G T E N H AT E S DIE S E A R T DE S A RB EI T EN S AUC H ZUVOR SCHON GEGEBEN.

3 MONATE WIRD DIE CORONAKRISE IN ÖSTERREICH A NDAUE R N. DAV O N G E H T R UND D IE H Ä L F T E DER B EF R AG T EN MI T S TA ND M Ä R Z 2020 AUS. EIN VIERTEL RECHNET MIT 6 MON AT EN, K N A P P 9 % MI T L Ä NGER A L S 12 MON AT EN. DA S B IL D H AT S IC H IM A P RIL K A U M G E Ä N D E R T.

37,6 % DER BEFRAGTEN MÖCHTEN HEUER – VOR AUS GE SE T Z T HOTEL S & C O WÄREN WIEDER GEÖFFNET – GAR KEINEN URLAUB MACHEN. 4 7, 5 % B E V O R Z U G E N U R L A U B I N Ö S T E R R E I C H . 12,9 % F ÜHREN, WENN SIE DÜRF TEN, NACH I TA L IEN, 8 ,2 % N AC H K R OAT IEN, 4 ,9 % NACH GRIECHENL AND. AUCH SPANIEN, DIE TÜRKEI, THAILAND UND DIE USA WURDEN ALS M Ö G L I C H E Z I E L E G E N A N N T.

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© JAKOB WINKLER

WIRTSCHAF

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wirtschaft & unternehmen BUCHTIPPS

STATISTISCH GESEHEN Klemens Himpele, ecowin Verlag 216 Seiten, EUR 24,00

ZUKUNFTSINVESTITION In der Nähe der MPREIS-Unternehmenszentrale in Völs ist eine Anlage für die Produktion von „grünem“ Wasserstoff im Entstehen. Hier soll künftig mit Hilfe von Ökostrom Wasserstoff erzeugt werden, der zunächst im Rahmen des EU-Projektes Demo4Grid zur testweisen Stromnetzregelung der TIWAG verwendet wird. Wasserstoff wird seit mehr als 100 Jahren produziert und genutzt. Hauptanwendungen liegen in der chemischen Industrie, der Produktion von Düngemitteln sowie in der Lebensmitteltechnik. Das neue Projekt ist jedoch in vielerlei Hinsicht wegweisend. Als Ausgangsstoff wird aufbereitetes Grundwasser verwendet, als Energie dient Strom aus regionaler Wasserkraft. Selbst die Abwärme wird für die Beheizung der Bäckerei Therese Mölk genutzt, wodurch eine sehr hohe Energieeffizienz von über 90 Prozent erreicht wird. Wirklich umwälzend jedoch wird die Umstellung der Logistikflotte auf Wasserstoff-LKW sein. Zurzeit gibt es erst einen Hersteller weltweit, der solche Fahrzeuge anbietet, doch die Entwicklung schreitet unaufhaltsam voran, denn Brennstoffzellen-Fahrzeuge sind sehr umweltfreundlich im Betrieb: Wie Elektroautos sind sie praktisch lautlos und stoßen als Abgas lediglich Wasserdampf aus. Zusätzlich zu einer enormen Einsparung von CO2 bedeutet dies eine spürbare Erleichterung in Bezug auf Lärm und Feinstaub. MPREIS kooperiert in der Umsetzung mit Partnern aus der Region. Die Strategie- und Projektentwicklung erfolgt zusammen mit dem Tiroler EU-Projektpartner FEN Systems im Green Energy Center in Innsbruck. Für den Stromeinkauf und das Stromnetz wird mit der TIWAG/TINETZ zusammengearbeitet. Für die technische Umsetzung wurde ILF aus Rum mit ins Boot geholt und die Elektrolysetechnologie stammt von der Schweizer Firma IHT. Das Investitionsvolumen für das Projekt beträgt 13 Millionen Euro.

Wer mochte in der Schule schon Mathematik und Statistiken? Und dennoch basieren ganz viele Entscheidungen darauf. Klemens Himpele korrigiert mit seinem Sachbuch unser Bild von Daten und Fakten und bringt uns bei, Statistiken zu lesen, um Deutungen überprüfen zu können – die sind nämlich oft höchst subjektiv und Aussagen der Sache dienlich interpretiert. Das schöne dabei: Himpele macht all dies auf richtig unterhaltsame Art und Weise. Statistik als Fake-News-Prävention sozusagen.

DIE KUNST DES MITEINANDER- REDENS Bernhard Pörksen & Friedemann Schulz von Thun Hanser Verlag 224 Seiten, EUR 20,00 Die sich verändernde Sprache ändert auch unseren generellen Umgang miteinander. Hass und Hetze, FakeNews und algorithmen­bestimmte Informationen legen vielfach die Diskussionskultur lahm. Wenn in Debatten statt Fakten nur noch Emotionen zählen, werden Gespräche schwierig. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und der Kommunikations­psychologe Friedemann Schulz von Thun analysieren den kommunikativen Klimawandel.

„ M E N S C H E N , D I E E T WA S F Ü R U N M Ö G L I C H H A LT E N , S O L LT E N N I E M A L S A N D E R E S T Ö R E N , D I E E S G E R A D E V O L L B R I N G E N .“ GEOR GE B ERN A RD S H AW, L I T ER AT UR- NOB EL P REI S T R ÄGER


eco.wirtschaft

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Denkt lokal Das Schöne und Gute ist meist so nah! UNTERNEHMEN DER AUSGABE Zum fünften Mal wurden heuer Tiroler Unternehmen für ihr Engagement bezüglich Vereinbarkeit von Familie und Beruf vor den Vorhang geholt. Die Auszeichnung „familienfreundlichster Betrieb“ wird in insgesamt fünf Kategorien an private Wirtschaftsunternehmen sowie öffentlich-rechtliche und erstmals auch Non-Profit-Unternehmen vergeben. Insgesamt nahmen 54 Unternehmen am Landeswettbewerb teil und wurden von einer Jury in den Bereichen Arbeitszeit und -ort, Karenz und Wiedereinstieg, Weiterbildung, familienfreundliche Maßnahmen sowie Informationspolitik und Unternehmenskultur bewertet. Gewonnen haben das Osttiroler Unternehmen Villgrater Natur Produkte aus Innervillgraten (Kategorie private Unternehmen bis 20 MitarbeiterInnen), die Wildschönauer Backstube GmbH (21 bis 100 MitarbeiterInnen) sowie die Hofer KG mit Niederlassungen in ganz Tirol (ab 101 MitarbeiterInnen). Die weiteren Gewinner sind die Universität Innsbruck (öffentlich-rechtliche Unternehmen/Institutionen) und das Haus St. Josef am Inn aus Innsbruck (neue Kategorie 5: Non-Profit-Unternehmen).

Das Team von Single Use Support freut sich über die Auszeichnung

NEXT LEVEL Bereits zum 30. Mal fand heuer der Jungunternehmer-Wettbewerb des Wirtschaftsmagazines Gewinn statt. Single Use Support (SUS) aus Kufstein holte sich den Sieg in der Kategorie Export und hat es in der Gesamtwertung auf Platz fünf von 100 geschafft. Das Start-up wurde 2016 gegründet und entwickelt seitdem innovative Technologien für die Biopharma-Industrie. Dabei geht es vor allem darum, biopharmazeutische Flüssigkeiten sicher aufzubewahren und zu transportieren. Dies passiert in sogenannten Single Use Bags. Angefangen hat SUS mit der Herstellung einer Schutzhülle für diese Beutel. Mit der sogenannten RoSS-Hülle (Robust Storage and Shipping) haben die Unternehmensgründer Johannes Kirchmair und Thomas Wurm den Grundstein für weitere Entwicklungen gelegt. Die gesamte Produktpalette umfasst Gefrierund Auftauanlagen, Abfüll- und Entleermaschinen sowie Shipping-Container. Ziel ist es, dass die Entwicklungen in rund fünf Jahren zum Industriestandard für Logistikprozesse in der Biopharmabranche werden.

Die derzeitige Krise bringt uns zum Umdenken, sorgt für neue Herausforderungen, zeigt aber auch neue Perspektiven. Überwältigt sind wir dabei von den vielen großen und kleinen Reaktionen, die noch vor wenigen Wochen undenkbar waren. Und das macht Mut. Neben all dem Leid, das gerade passiert, sehen wir doch eine immense Chance, dass wir selbst viele Dinge ändern können. Jeder von uns. Ich sage danke für die zahlreichen aufmunternden Worte, Telefonate, Reaktionen. Danke auch an mein Team, das sofort bereit war, selbst unter erschwerten Bedingungen weiterzuarbeiten. Und wenn es schon um Zusammenhalt geht: Schaut bitte auf unsere heimischen Betriebe – Bäcker, Fleischer, Obsthändler, Bauern, sie alle brauchen jetzt eure Unterstützung und Hilfe. Kauft bei ihnen, wenn möglich im Geschäft oder online. Es liegt an uns allen, ob wir auch weiterhin „um die Ecke“ regional und nachhaltig einkaufen können. Das Schöne und Gute befindet sich meist so nah. Das nächste große und kleine Abenteuer beginnt oft schon vor der Haustür. Denn es muss nicht immer der Urlaub in der Ferne sein. Das sollten wir uns alle vor Augen führen. Vielen Dank, wir freuen uns auf die neuen Möglichkeiten, die sich ergeben. Und auf ein hoffentlich baldiges, gesundes Wiedersehen.

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© BLICKFANG PHOTOGRAPHIE

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Bitte mehr dieser Mut-Ausbrüche An Krisenzeiten ist nicht alles schlecht. Wir können einiges daraus lernen – über die Gesellschaft als Kollektiv, über jeden einzelnen Menschen und viel über uns selbst. „Wir werden uns noch wundern, was alles geht“, bekommt in solchen Zeiten eine völlig neue Bedeutung. Eine positive. Viele Ressourcen sind bereits da, wir müssen sie nur (neu) nutzen. 18

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ie oft ist eines Ihrer Vorhaben in den letzten Jahren daran gescheitert, weil man sich in den verschiedensten Farben ausgemalt hat, woran es hapern könnte? Homeoffice-Modelle lassen sich in unserem Betrieb nicht umsetzen, weil ... Bargeldloser Zahlungsverkehr funktioniert bei uns nicht, weil ... Aber auch: Mit Sport anzufangen, geht grad nicht, weil ... Ja, weil. Warum eigentlich?! Vielleicht kommt das Sprichwort daher: Aller Anfang ist schwer. Weil man sich den Anfang schon so schlechtredet, dass er kaum in Angriff genommen wird. Dabei muss man nur anfangen, um anzufangen. Vor einigen Wochen haben wir uns in einer für uns unbekannten Situation wiedergefunden. Anstatt als Gesellschaft oder als einzelner Mensch nun aber den Kopf in den Sand zu stecken, in Panik zu verfallen und sich sicherheitshalber unter die Bettdecke zu verkriechen, damit man es zum nahenden Untergang zumindest schön warm hat, haben wir in Windeseile nach Möglichkeiten gesucht, vorhandene Ressourcen zu nutzen oder sie zu adaptieren, um mit den neuen Gegebenheiten umzugehen. Und großteils haben wir sie gefunden. Wir haben weitergemacht, weil es gar nicht anders ging. Nur eben anders. Wir hatten keine Zeit, uns großartig darüber Gedanken zu machen, welche Probleme diese kurzfristig aus dem Boden gestampften Lösungen mit sich bringen könnten. Wir haben gemacht. Das mag im Fall von Ischgl nicht die beste Variante gewesen sein, in vielen anderen Fällen ist aber eines passiert: Es hat funktioniert. Vielleicht (noch) nicht optimal, aber immerhin. Man kann kein Vorhaben bis ins kleinste Detail planen. Akkurate Pläne gehen in der Regel vor allem eines: schief,

VON MARINA BERNARDI

weil man ihnen und sich selbst jeglichen Spielraum nimmt, Veränderungen wahrzunehmen, falsche Wege zur korrigieren und gegebenenfalls eine andere Richtung zu nehmen. Wie viel Zeit und Energie haben Sie bereits darauf verwendet, eventuell auftretende Probleme in der Theorie zu lösen ... und dann stellten sie sich gar nicht. Vorbereitung ist gut und notwendig, die Abschätzung von Risiken wichtig. Natürlich macht es keinen Sinn, sich blauäugig ins nächste Abenteuer zu stürzen, um sich dann tatsächlich ein blaues Auge zu holen. Es macht aber ebenso wenig Sinn, wie das Kaninchen vor der Schlange zu stehen, weil etwas passieren könnte, das mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht passiert. Corona hat uns in seiner Wucht wohl fast alle überrascht. Es hat uns jedoch auch gezeigt, was wir im Stande sind zu leisten, selbst dann, wenn wir keinen Plan haben. Keiner konnte diese Heftigkeit vorhersehen, mit der uns dieses Virus erwischen und uns teils in unseren Grundfesten erschüttern würde, und dennoch hat es sein Positives: Wir konzentrieren uns auf das Wesentliche – privat wie beruflich. Wir fragen einander, wie es uns geht, und sind ehrlich an der Antwort interessiert. Ich bekomme nur mehr ein Viertel der Mails eines „normalen“ Tages und mir wird bewusst, wie viel Nullinformation im Laufe eines Arbeitstags verschickt wird. Wertigkeiten verschieben sich, und das ist etwas Gutes, weil es einem auch selbst zeigt, was eigentlich wirklich wichtig ist im Leben. Und vermutlich hat dieses Coronavirus mehr zum Wohl des Klimas beigetragen, als es Politik und Greta Thunberg gemeinsam je könnten. Die Zeit hat uns schon jetzt mutiger werden lassen, weil sie uns unsere Stärken klargemacht hat. Wir sollten auch in Zukunft einfach mehr machen. Das Virus mag unser Leben in Teilen lahmgelegt haben, hat uns damit aber gleichzeitig agiler gemacht: im Denken, im Handeln, im Spontan-Sein, im Aus-der-Reihe-Tanzen und Über-den-Tellerrand-Schauen, im Kreativ-Sein und im Vertrauen-Haben. Lassen Sie uns das bewahren.


Wir haben es jetzt gemeinsam in der Hand.

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© KUNSTFOTOGRAFIN

eco.mmentar

Post Corona: Was [in] uns bleibt So klein und doch so weitreichend in seiner Wirkung. Als vor ein paar Jahren das Video „Gangnam-Style“ viral ging, dachten wir schon, das sei eine ziemlich rasche Ausbreitung über den Erdball. Nun haben wir es mit einer viel weitreichenderen Epidemie zu tun, die wirklich jeden von uns, direkt und indirekt, betrifft.

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ie erinnern sich sicher noch an Ihre Schulzeit und die „überraschenden“ Feuer­alarme, die grundsätzlich immer allen Lehrerinnen und Lehrern bekannt waren? Diese Krise hingegen traf uns überraschend und wird, wenn sie denn bald überwunden ist, als Fallstudie dienen, wie regional, national und global mit solchen Szenarien zukünftig umzugehen sein wird.

VON ALEXANDER M. SCHMID

EIN CHANGE - PROJEKT

Dass wir Menschen uns in der Komfortzone am wohlsten fühlen, ist hinlänglich bekannt. Unser Verhalten ändern wir meist nur dann, wenn wir es wirklich wollen oder wir absolut keine andere Möglichkeit sehen und müssen. In dieser Krise wurden wir in sehr kurzer Zeit dazu bewegt, unser Verhalten drastisch zu verändern. Man verstand es dennoch, die Veränderungen schrittweise zu verschärfen, um uns allen Gelegenheit zu geben, sich damit auseinanderzusetzen und daran zu gewöhnen. Ein kompletter Shutdown von einem Tag auf den anderen hätte in unserer Kultur in einem Chaos geendet. Dass uns die Situation trotzdem kalt erwischt hat, zeigt alleine die Tatsache, dass offensichtlich Klopapier höher im Kurs stand als Konserven und andere wichtige Artikel der Grundversorgung. Auch in technischer Hinsicht zeigte sich, dass der Umgang mit vorhandenen Technologien nicht geübt war. In meinem Umfeld hörte ich oft von großen Anlaufschwierigkeiten, bis von daheim Zugriff auf firmeninterne Ressourcen bestand und wirklich gearbeitet werden konnte. Nur wenige brauchten das bisher, manche durften es gar nicht. Es wird immer noch gerne als Privileg betrachtet.

ENTSCHLEUNIGUNG

Ich bin in das Zeitalter der Digitalisierung hineingeboren und damit aufgewachsen. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Dinge in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelt haben,

ist für mich quasi normal. Trotzdem, oder gerade deswegen, praktiziere ich heuer zum dritten Mal eine digitale Fastenzeit. Ich nutze die vorösterliche Fastenzeit und betreibe Social [Media] Distancing, indem ich den diversen sozialen Medien fernbleibe. Zugegeben, das war und ist in so einer Situation nicht einfach, wenn man auch aus diversen Onlinemedien und dem öffentlich rechtlichen Fernsehen regelmäßig seine Neuigkeiten bezieht. Die physische Entschleunigung auf den Straßen und bei den notwendigen Einkäufen war trotzdem eine neue Erfahrung.

WAS [IN] UNS BLEIBT

Zum einen wird uns allen sicher ein beträchtlicher Schuldenberg bleiben, der für uns alle eine große, aber bewältigbare Herausforderung darstellt. Es bleibt uns aber auch eine sehr große Lernchance. Zum einen die Erkenntnis für uns als Gesellschaft, dass mit Zusammenhalt und etwas weniger Ego oder Nationalstolz innerhalb Österreichs, aber vor allem der Europäischen Union sehr viel möglich ist. Eine raschere und einheitliche Organisation der Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie und ein sich gegenseitiges Aushelfen mit entsprechender Ausrüstung wäre für zukünftige Szenarien sicher zu überlegen. Zum anderen können wir jeder für sich selbst viel aus dieser plötzlichen Umstellung lernen. Jeder hat in dieser Situation seine Komfortzone ausgeweitet und an Resilienz gewonnen. Ich wünsche mir einen konstruktiven Umgang mit den Erkenntnissen aus dieser Krise. Es wäre zu unser aller Nachteil, wenn wir dieses erfreulich faktenbasierte „Auf-Sicht“-Entscheiden wieder gegen die Fake-News-Phase von davor zurücktauschen. Zumindest das sollte in uns erhalten bleiben. 

ZUR PERSON Alexander M. Schmid – Der Vereinfacher – beschäftigt sich seit über sechs Jahren mit Vereinfachung in Unter­­nehmen, hat darüber ein Buch verfasst und erarbeitet mit Unternehmen Strategien, die sie am Markt einfach einzigartig positionieren. www.dervereinfacher.at


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Andrea Gschwentner Ihre Andrea Gschwentner


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EIN WEISSER SCHWAN, UND NIEMAND SAH IHN KOMMEN

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Das Coronavirus hat die Welt auf dem falschen Fuß erwischt und schlagartig das gesellschaftliche Leben und ganze Volkswirtschaften zum Erliegen gebracht. Es darf nicht das Ende der Globalisierung sein, sondern der Auftakt zu einer klügeren, widerstandsfähigeren Variante davon. Österreich braucht einen überlegten Fahrplan für eine Zeit, in der nicht mehr die Viren regieren. Eine Zeit, in der wir trotz eines Mehr an individuellem Abstand als Kollektiv näher zusammenrücken können. Und eine Zeit, in der die gravierenden Bürgerrechtseingriffe im Namen des Virus vollumfänglich zurückgenommen werden. TEXT: MARIAN KRÖLL


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s gibt Ereignisse, die den Zeitenlauf verändern. Der Essayist, ehemalige Finanzmathematiker und Professor für Risikoanalyse, Nassim Nicholas Taleb, hat für diese Ereignisse den Begriff des Schwarzen Schwans (Black Swan) geprägt. Bis zur Entdeckung Australiens ging man universell davon aus, dass alle Schwäne weiß seien. Die empirische Evidenz bestätigte diese Überzeugung völlig. Mit der Sichtung des ersten Schwarzen Schwans wurde die über Jahrtausende geformte Annahme plötzlich ungültig. „Eine kleine Zahl Schwarzer Schwäne erklärt so ziemlich alles in unserer Welt, vom Erfolg von Ideen und Religionen über die Dynamik geschichtlicher Ereignisse bis zu Elementen unseres persönlichen Lebens“, schreibt Taleb. Und: „Dass wir Ausreißer nicht vorhersagen können, bedeutet angesichts ihres großen Anteils an der Dynamik der Ereignisse, dass wir den Lauf der Geschichte nicht vorhersagen können.“ Es ist umstritten, ob die aktuelle Coronakrise ein solcher Schwarzer Schwan ist. Die Erzählung, dass man dieses Ereignis weder vorhersehen noch verhindern hätte können, kann als Vorwand dafür dienen, sich aus der Verantwortung zu nehmen. Für Virologen und Epidemiologen war nämlich das Szenario einer Pandemie nicht nur denkbar, sondern sogar sehr wahrscheinlich. Dieses neue Coronavirus SARS-CoV-2 war für sie eher „the elephant in the room” denn ein „black swan“. Übrigens auch für Taleb selbst, der eine globale Pandemie sogar als „weißen Schwan“ bezeichnet hat. Also als Ereignis, das irgendwann mit Gewissheit eintreffen wird. Und irgendwann ist eben jetzt. Vor kurzer Zeit wussten viele Menschen wohl noch nicht, womit Virologen sich die Zeit vertreiben. Und heute kennt fast jeder zumindest den Namen eines Vertreters dieser Zunft. Virologen beforschen Viren. Sie sollten aber nicht (mit)regieren und die Deutungshoheit über diese Krise, die viel mehr ist als eine reine Gesundheitskrise, umgehängt bekommen.

VOM CHINESISCHEN ZUM GLOBALEN PROBLEM

Dieses neue Coronavirus hat die Welt am falschen Fuß erwischt. Selbst in Asien, wo man kurz nach der Jahrtausendwende mit einer SARS-Epidemie zu kämpfen hatte, wurde die Gefahr nicht früh genug erkannt, um die Verbreitung dieses neuen Coronavirus rechtzeitig einzudämmen. Die chinesischen Behörden haben dabei sicher nicht alles richtig gemacht. Was genau sich in Wuhan in der Anfangsphase des Ausbruchs zugetragen hat, wird die Weltöffentlichkeit aufgrund der

Verfasstheit des politischen Systems in China wohl nie genau erfahren. In Europa wurde das hochansteckende Virus offenbar lange Zeit unterschätzt. Nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch die Regierungen und Behörden sandten unterschiedliche Signale aus. Das mag auch mit der als Normalitätsbias bezeichneten Tendenz zu tun haben, zu glauben, dass die Dinge in der Zukunft so funktionieren werden, wie sie in der Vergangenheit normalerweise funktioniert haben. Das lässt uns sowohl die Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe als auch deren Auswirkungen unterschätzen. Diese menschliche Neigung, die auch als negative Panik beschrieben wurde, lässt sich nicht einfach abstellen. Anfang Februar noch bezeichnete Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) die Influenza als das größere Risiko. Das Coronavirus war zu dieser Zeit offiziell noch auf China beschränkt.1) Schritt für Schritt hat unsere Gesellschaft seit Mitte März eine Verschärfung der Maßnahmen gesehen, die eine bis vor kurzer Zeit noch unvorstellbare Einschränkung der Grund- und Bürgerrechte mit sich brachten. Auf das regierungsamtliche Dementi folgten quasi im Handumdrehen de facto Ausgangssperren. 2) Vertrauensbildend ist das nur bedingt.

NATIONALE ALLEINGÄNGE

Die Virologen mit ihrer Expertise werden vorgeschickt, wenn es gilt, neue unangenehme Wahrheiten unter die Leute zu bringen. Die Begründungen für diese Maßnahmen waren nicht immer ganz nachvollziehbar. Dennoch dürfen sie nach Ansicht der Verkünder Alternativlosigkeit für sich beanspruchen. Widerspruch ist generell in Zeiten nationaler Schulterschlüsse – die in Demokratien immer schlechter sind als ihr Ruf – nicht wirklich gefragt. In den letzten Wochen wurden in den Nationalstaaten, die irgendwie auch zur Europäischen Union gehören, die Reihen und die Grenzen geschlossen. Die EU hatte bisher in dieser Krise wenig bis nichts zu bieten, das ihre Existenzberechtigung unterstrichen hätte. Dieses unrühmliche Bild als technokratischer Schönwetterverein, der versagt, wenn es darauf ankommt, wurde aber von den Mitgliedern zumindest entscheidend 1) https://kurier.at/politik/inland/gebe-meine-haltung-an-der-garderobe-zumministerrat-nicht-ab/400749015 2) https://m.bvz.at/in-ausland/auch-fuer-die-zukunft-anschober-schliesstausgangssperren-aus-epidemie-politik-viruserkrankung-wien-oesterreich-weitcoronavirus-ausgangssperre-196594482

E S I S T U M S T R I T T E N , O B D IE A K T U E L L E C O R O N A K R I S E E IN S C H WA R Z E R S C H WA N I S T. D IE E R Z Ä HL U N G , D A S S M A N D IE S E S E R E I G NI S W E D E R V O R HE R S E HE N N O C H V E R HIND E R N H ÄT T E KÖ NNE N , K A NN A L S V O R WA ND D A F Ü R D IE NE N , S I C H AU S D E R V E R A N T W O R T U N G Z U NE HME N . F Ü R V IR O L O G E N U ND E P ID E M I O L O G E N WA R N Ä M L I C H D A S S Z E N A R I O E INE R PA ND E MIE NI C H T N U R D E NK B A R , S O ND E R N S O G A R S E HR WA HR S C HE INL I C H .

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mitgezeichnet.3) Brüssel war immer schon ein dankbarer Sündenbock, das hat sich auch jetzt nicht geändert. Die Europäische Union kann aber letztlich nur so effektiv sein, wie die Mitgliedsstaaten sie sein lassen. Dessen sollte sich die Öffentlichkeit bewusst sein, bevor diese verdiente Institution durch nationale Egoismen sturmreif geschossen wird.

KRIEGSRHETORIK UND EXPONENTIALFUNKTIONEN

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Apropos sturmreif: Im Gegensatz zur darniederliegenden Wirtschaft hat Kriegsrhetorik in der Coronakrise Hochkonjunktur. Donald Trump, Emanuel Macron und andere mächtige Staatenlenker haben dem zum „unsichtbaren Feind“ hochstilisierten Virus bereits den Krieg erklärt. Das ist kein Betriebsunfall. Wer den Kriegszustand erklärt, will Befugnisse, die in Friedenszeiten undenkbar wären. Darüber sollte man sich im Klaren sein. Es gibt unterschiedliche Zugänge und Strategien, die in dieser Krise ergriffen werden. Die meisten stammen aus dem Werkzeugkasten der Epidemiologen und heißen Suppression (Zurückdrängung) oder Mitigation (Abmilderung). Mittlerweile haben fast alle betroffenen Länder erstere Strategie gewählt bzw. sind auf sie umgeschwenkt, mit der die vielzitierte Basisreproduktionszahl, genannt R0, unter 1 gedrückt und damit die Ausbreitung des Virus gestoppt werden soll. Andernfalls verbreitet sich das Virus exponentiell. Wir haben zehn Finger, wohl auch deshalb das Dezimalsystem. Darüber hinaus tun wir uns schwer, uns mathematische Funktionen konkret vorzustellen. Ein Beispiel dafür ist die Exponentialfunktion. Die typische exponentielle Wachstumskurve ist derzeit in der Berichterstattung über SARS-CoV-2 fast omnipräsent. Sie hat die unangenehme Eigenschaft, dass das Wachstum keine Schranken kennt und ständig steigt, solange die Bedingungen gleichbleiben. Aber das kleine Einmaleins der Epidemiologie muss man heute wohl ohnehin niemandem mehr erklären. So oder so: Die Kurve, die unter größten gesellschaftlichen Anstrengungen flach gehalten werden soll, wird uns eine Weile begleiten. Zumindest so lange, bis es ein Medikament und/oder eine Impfung gibt.

HERDENIMMUNITÄT UND SCHWARMINTELLIGENZ

Die von der Nationalen Gesundheitskommission Chinas publizierte klinische Orientierungshilfe gibt nur wenig Anlass zum Optimismus, was die verschiedentlich als Alternative ins Spiel gebrachte rasche Durchseuchung der Bevölkerung zur Erlangung von „Herdenimmunität“ betrifft. Aufgrund von Autopsien und Biopsien gelangte man zum Ergebnis, dass COVID-19 nicht nur die Lunge, sondern auch andere Organe wie Milz, Leber und Gallenblase, Niere, das Herz-Kreislauf-System und sogar das Gehirn schädigen kann und auf das Nervensystem wirkt.4) Viele Aspekte des Virus kennt man noch nicht im Detail. In den mathematischen Modellen müssen dennoch Annahmen getroffen werden, weil Variablen nicht so einfach freibleiben können. Ist auch nur eine

HE L D E N D E R A R B E I T, S O W E I T D A S AU G E R E I C H T: V O M TA P F E R E N M Ü L L M A NN Ü B E R D IE U NE R S C HR O C K E NE S U P E R M A R K T K A S S IE R E R IN B I S HIN Z U M S E L B S T L O S E N K R A NK E N H AU S P E R S O N A L . W IE V IE L D E R G E S E L L S C H A F T U ND P O L I T IK IHR E NE U E N HE L D E N W E R T S E IN W E R D E N , W IR D S I C H IN D E N L O HN - U ND G E H A LT S A B S C HL Ü S S E N N A C H D IE S E R K R I S E M A NIF E S T IE R E N . D E NN V O M K L AT S C HE N K A NN M A N S I C H NI C H T S K AU F E N .

davon falsch, fällt das Modell zusammen wie ein Kartenhaus. Diese Simulationen sind, solange die Datenlage nicht besser ist, nur bedingt tauglich als alleinige Entscheidungsgrundlage für politisches Handeln. Der Gedanke, dass es sich bei SARS-CoV-2 nicht nur um eine Jahrhundertpandemie, sondern möglicherweise auch um ein Jahrhundert-Evidenzfiasko handeln könnte, wurde vom renommierten Stanford-Mediziner John Ioannidis aufgeworfen.5) „Man kann nur hoffen, dass, ähnlich wie 1918, das Leben weitergeht. Umgekehrt bleibt das Leben bei einer Sperrzeit von Monaten, wenn nicht gar Jahren weitgehend stehen, die kurz- und langfristigen Folgen sind völlig unbekannt, und es könnten letztendlich Milliarden, nicht nur Millionen von Leben auf dem Spiel stehen“, schreibt der Wissenschaftler. Auch wenn es die Unsicherheit vergrößert: Wir fischen derzeit weitgehend im Trüben und handeln manchmal eher angst- denn evidenzbasiert.

KAUFKRAFT STATT KLATSCHEN

In der Coronakrise trieft auch das Pathos aus allen gesellschaftlichen Poren. Angefangen hat es damit, dass man die Ausgangsbeschränkungen mit der Möglichkeit der Entschleunigung verbrämt hat. Helden der Arbeit, soweit das Auge reicht: Vom tapferen Müllmann über die unerschrockene Supermarktkassiererin bis hin zum selbstlosen Krankenhauspersonal. Wie viel der Gesellschaft und Politik ihre neuen Helden wert sein werden, wird sich in den Lohn- und Gehaltsabschlüssen nach dieser Krise manifestieren. Man darf gespannt sein und hoffen, dass sich vor allem für das Pflegepersonal auch finanziell einiges zum Besseren wendet. Denn von Heldenkitsch kann man sich nichts kaufen. Und Kaufkraft und Lust am Konsumieren wird entscheidend sein, dass wir nach Corona wirtschaftlich möglichst rasch wieder auf die Beine kommen.

GEFÄHRDER UND RETTER: EIN GEFÄHRLICHES GEGENSATZPAAR

Die Weltwirtschaft hat eine geschichtsträchtige Vollbremsung hingelegt, die – ein Blick auf Satellitenaufnahmen zeigt es – gewissermaßen sofort klimawirksam geworden ist. Man wird aber nicht für unbegrenzte Zeit den Ball – 3) https://www.derstandard.at/story/2000116447687/eu-sitzungsprotokolleregierungschefs-lehnten-eu-hilfe-ab 4) http://kjfy.meetingchina.org/msite/news/show/cn/3337.html 5) https://www.statnews.com/2020/03/17/a-fiasco-in-the-making-as-the-coronaviruspandemic-takes-hold-we-are-making-decisions-without-reliable-data/


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oder in dem Fall die Kurve – flach halten können, wenn dabei die Wirtschaft gefährlich nahe an der Nulllinie entlangschrammt. Diese Wirtschaftskrise wird weitreichende Folgen haben. Dennoch wird Klopapier aller Voraussicht nach den Euro nicht als offizielles Zahlungsmittel ablösen können. Die Akzeptanz für die von der Bundes- und Landesregierung gesetzten drastischen Maßnahmen und Freiheitseinschränkungen ist hoch. Noch. Dass der Innenminister die Bürger, die allen staatlichen Anweisungen kritiklos Folge leisten, als Lebensretter, jene, die dagegen verstoßen, aber als Lebensgefährder (sic!) bezeichnet, sollte eigentlich die Alarmglocken schrillen lassen. Wenn die Angst herrscht, sind wir viel eher bereit, uns unter dem vermeintlichen Schutz eines starken, sprich autoritären Staats zu begeben. Der Gesundheitsminister warnte indes in einem ZIB2-Interview vom 2. April vor Zuständen wie in Spanien oder Italien: „Ich schaue mir jeden Tag in der Früh die Blogs der Ärzte aus Italien, aus Frankreich, aus Spanien an. Und wenn dann Ärzte weinen und nicht mehr wissen, wie sie unterscheiden sollen, wie sie entscheiden sollen, ob sie einen Menschen am Leben erhalten oder diesen Platz einem anderen geben müssen, weil es einfach zu wenig Platz gibt, zu wenige Beatmungsgeräte gibt, fühle ich mich ganz einfach bestärkt, dass wir jetzt eine Priorität haben, dass wir nach Erreichen dieser Ziele auch vernünftig in Richtung Wirtschaft denken müssen. Aber jetzt haben wir die Priorität, Leben zu retten und auf die Gesundheit dieser Menschen in diesem Land zu schauen.“ Weinende Ärzte bei der Triage sind zweifellos tragisch, taugen aber nur bedingt als Informations- und Legitimationsquelle des Regierungshandelns. Man kann zudem die Gesundheitssysteme und Intensivbettenkapazität sowie die Verbreitung multiresistenter Krankenhauskeime zwischen Frankreich, Italien, Spanien und Österreich nicht vergleichen. Österreich steht in diesen Punkten wesentlich besser da. „Wenn es um Menschenleben geht, gibt es keine Wirtschaftsvergleiche“, antwortete Anschober auf die Frage des Moderators Armin Wolf, ob die sozialen, wirtschaftlichen und auch psychischen Folgekosten im Land die ergriffenen Maßnahmen rechtfertigen würden. Der Minister bemüht da allerdings ein Totschlagargument, das in etwa so geht: Wer nicht bedingungslos für die Maßnahmen ist, rettet

E S G ILT, V O R A L L E M AU F D IE ME N S C HE N AU F Z U PA S S E N , D IE A L S B E S O ND E R S V U L NE R A B E L , A L S O V E R W U ND B A R G E LT E N . D A Z U B R AU C H T E S S O Z I A L E W IE F IN A N Z IE L L E R E S S O U R C E N , D IE B E I E INE M L Ä N G E R F R I S T I G E N HE R U N T E R FA HR E N D E R W IR T S C H A F T NI C H T L A N G E AU F R E C H T E R H A LT E N W E R D E N KÖ NNE N . E S D A R F D A S K IND NI C H T MI T D E M B A D E AU S G E S C H Ü T T E T W E R D E N . D E NN E S I S T G U T B E L E G T, D A S S A R M U T D E R W I C H T I G S T E G E S E L L S C H A F T L I C HE R I S IKO FA K T O R F Ü R K R A NK HE I T S H ÄU F I G K E I T U ND H Ö HE R E S T E R B L I C HK E I T I S T.

keine Menschenleben, sondern gefährdet sie sogar. Da ist sie wieder, bloß etwas subtiler, die von der Bundesregierung kultivierte Gegenüberstellung Lebensretter versus Lebensgefährder. So kann man eine breite gesellschaftliche Debatte nicht führen. Ganz im Gegenteil provoziert man dadurch ein Meinungsklima, das Denunziantentum und Blockwartmentalität fördert. Und wie heißt es so schön und richtig: „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“

DER TANZ MIT DEM HAMMER

„The Hammer and the Dance heißt das in der Wissenschaft“, meinte Rudolf Anschober in selbiger ZIB2 in Bezug auf die Strategie, die in Österreich, und nicht nur hier, gefahren werde. Nein, tut es nicht. Das ist lediglich der eingängige Titel eines populären Aufsatzes, den der Techniker und medizinische Laie Thomas Pueyo geschrieben hat und der in mehr als dreißig Sprachen übersetzt wurde und weltweit auf enorme Resonanz gestoßen ist.6) Zusammengefasst sagt der Artikel etwa Folgendes: Strikte Coronavirus-Maßnahmen sollten heute nur wenige Wochen dauern, es sollte danach keinen großen Höhepunkt der Infektionen geben, und das alles kann zu einem vernünftigen Preis für die Gesellschaft durchgeführt werden, wodurch Millionen von Leben gerettet werden können. Wenn wir diese Maßnahmen nicht ergreifen, werden Dutzende Millionen Menschen infiziert werden, viele werden sterben, zusammen mit allen anderen, die intensive Pflege benötigen, weil das Gesundheitssystem zusammengebrochen ist. Das klingt nicht unvernünftig. Pueyo ist mit seinem Hammertanz wohl zum erfolgreichsten Coronavirus-Influencer der Welt avanciert. Durch verstärktes Testen werden sich Cluster in naher Zukunft noch besser identifizieren und eindämmen lassen, ohne das Land völlig hinunterfahren zu müssen. Das medizinische und pflegende Personal in Krankenhäusern, Altenheimen etc. muss laufend getestet werden, denn andernorts, etwa in Italien, fungierten gerade diese Einrichtungen tragischerweise durch lange unentdeckt gebliebene Erkrankungen als tödliche Multiplikatoren. Es gilt, vor allem auf die Menschen aufzupassen, die als besonders vulnerabel, also verwundbar gelten. Dazu braucht es soziale wie finanzielle Ressourcen, die bei einem längerfristigen Herunterfahren der Wirtschaft nicht 6) https://medium.com/@tomaspueyo/coronavirus-the-hammer-and-thedance-be9337092b56

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WA S GER A DE PA S S IER T, IS T NIC H T NORM A L . U ND K A NN AU C H K E INE W IE AU C H IMME R G E A R T E T E NE U E N O R M A L I TÄT W E R D E N .

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lange aufrechterhalten werden können. Es darf das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden. Denn es ist gut belegt, dass Armut der wichtigste gesellschaftliche Risikofaktor für Krankheitshäufigkeit und höhere Sterblichkeit ist. Die Todesfälle unter alten und oft multimorbiden Menschen, die wir jetzt unter Aufbietung aller Kräfte verhindern, werden in den nächsten Jahren – hervorgerufen durch einen globalen wie nationalen Wohlstandsverlust – in der Gesamtsterblichkeit nachgeholt. Dazu hat etwa Andreas Sönnichsen, unter anderem Leiter des Zentrums für Public Health an der Uni Wien, ein bemerkenswertes und sehr umstrittenes Interview gegeben, in dem er zu den Maßnahmen festgestellt hat: „Es ist irre, was wir machen.“ 7) Tatsächlich ist es diskussionswürdig, wie es um die Verhältnismäßigkeit der getroffenen Maßnahmen bestellt ist. Ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu heben und zu vermeintlich moralisch unangreifbaren Totschlagargumenten zu greifen. Der Zeitpunkt, ab dem es aus verantwortungsethischer Sicht unmoralischer ist, das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben weiter auf Notbetrieb zu halten, rückt immer näher. Wir werden auch nachdem es zu einer schrittweisen Öffnung kommt noch weit von einem Normalbetrieb entfernt sein.

CHANCE AUF EINE RESILIENTERE ZUKUNFT

Häme, dass es nun dem „Neoliberalismus“ an den Kragen gehen müsse, ist nicht angebracht, Schadenfreude erst recht nicht. Denn diese Krise ist unser aller Schaden. Schadenfrohe Menschen haben wohl nicht verstanden, dass wir durch diese Krise – global wie lokal – alle ärmer werden und dadurch weniger Lebenschancen haben. Die einen trifft es härter, die anderen weniger. Krisengewinner gibt es nur vereinzelt. Wer sich freut, dass jetzt der Neoliberalismus und die Globalisierung zurechtgestutzt werden, vergisst eines: Die Globalisierung ist ein massiver Wohlstandsmotor, und zwar nicht nur in den „reichen“ Ländern, sondern weltweit. Die Wirtschaft wird sich dennoch ändern müssen. Europa muss verstärkte Resilienz gegenüber Unterbrechungen von Lieferketten entwickeln und den Kontinent reindustrialisieren. Eine großteils auf Dienstleistung aufgebaute Wirtschaft ist verwundbar. Außerdem werden Schlüsselindustrien wie die Medikamentenherstellung wieder vor Ort passieren müssen. Der Markt hat versagt und muss – wieder einmal – vom Staat aufgefangen werden, lautet eine Erzählung, die dieser Tage öfter zu hören ist. Doch ist das wirklich so? Oder ist es nicht vielmehr so, dass durch die Coronakrise eher ein Staatsversagen als ein Marktversagen offen zutage getreten ist? Der Markt wurde nämlich von den

Staaten – in manchen Bereichen durchaus notwendig – quasi auf dem Verordnungsweg und per Sondergesetze abgedreht. Da, wo sich der Staat hätte besser auf eine mögliche Pandemie vorbereiten können, wurde das nur unzureichend gemacht. Und zwar nicht nur in Österreich, sondern in Europa, Amerika, von Afrika ganz zu schweigen. Es spricht Bände, dass Schutzausrüstung allerorten knapp ist. Das Tragen von NMS-Masken ist – auch wenn die wissenschaftliche Evidenz dünn ist – wahrscheinlich kein Fehler. Es ist aber nur bedingt sinnvoll, in Supermärkten Masken auszugeben, wenn im Gesundheitswesen nicht genügend davon vorhanden sind.

DIE IDE(E)N DES MÄRZ

Disziplin ist in diesen Tagen wichtig. Und Eigenverantwortung. Dazu gehört, sich ans Social Distancing zu halten und damit den Verlauf der Epidemie zu verlangsamen. Autoritäre Mätzchen muss sich der mündige Bürger dagegen nicht gefallen lassen. Die Bürger haben es (noch) selbst in der Hand, dass einige Ideen des März und April (Stichwort: Stopp-Corona-App) nicht Wirklichkeit werden und wieder dorthin verschwinden, wo sie hingehören: In die Mottenkiste des Totalitarismus. Das Volk begegnet den Grundrechtseingriffen mit wachsendem Unbehagen. Zu Recht, dürften sich diese Eingriffe in Ungarn doch als Einbahnstraße herausstellen. Dort hat sich Viktor Orbán vom von seiner Fidesz-Partei dominierten Parlament fast unbegrenzte Machtbefugnisse auf unbegrenzte Zeit geben lassen. Das Land hat den ersten Fuß über die Schwelle zur Diktatur schon gemacht. Die Pressefreiheit steht auf der Kippe. So fängt es an. Die Europäische Union wird sehr genau beobachten müssen, wie Orbán nach Corona mit seiner neuen Machtfülle verfährt und ob man sich ein Mitglied, das nicht einmal mehr die demokratischen Mindeststandards erfüllt, weiter dulden kann. Sebastian Kurz’ bis zum Redaktionsschluss dröhnendes Schweigen zu Ungarn ist kein besonders vertrauenerweckendes Signal. Nach dieser Krise braucht es mehr statt weniger Europa. Das klingt angesichts der europäischen „Performance“ zunächst einmal nicht logisch. Mit besserer, sprich gemeinsamer, stärker aufeinander abgestimmter Planung und Vorbereitung, etwa der Beschaffung medizinischer Schutzausrüstung und Beatmungsgeräte, hätte wahrscheinlich einiges menschliches Leid vermieden werden können. Eine paneuropäische Reaktion auf diese Pandemie hätte zu besseren Ergebnissen in ganz Europa geführt als nationale Alleingänge.

DIE NEUE NORMALITÄT IST NICHT NORMAL

In dieser absoluten Sondersituation, zweifellos eine globale Zäsur, werden wir in der Nachbetrachtung naturgemäß viel mehr wissen als während dieser Pandemie. 7) https://www.diepresse.com/5795001/bdquowas-machen-wir-denn-daeigentlichldquo#kommentare 8) A  merikanische Redensart: Es ist leicht, das Richtige zu wissen, nachdem etwas passiert ist, aber es ist schwer, die Zukunft vorherzusagen. 9) https://www.horx.com/48-die-welt-nach-corona/


KRISENWORTE DER AUSGABE *) RESILIENZ von lat. resilire: zurückspringen, abprallen. Resilienz oder psychische Widerstandskraft ist die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und diese als Anlass für Entwicklung zu nutzen.

*) BLOCKWARTMENTALITÄT Der Ursprung des Begriffs geht auf die Zeit des Nationalsozialismus zurück. Ein „Blockwart“ überwachte zu jener Zeit in Dörfern Bauernhöfe, Handwerksbetriebe und Arbeiterhäuser. Heute steht der Begriff umgangssprachlich für Schnüffler, ist nicht unbedingt freundlich gemeint und kommt in Kombinationen mit -Staat (Blockwartstaat) oder eben -Mentalität zum Einsatz.

Hindsight is 20/20.8) Und es werden Fehler passiert sein, weil es kein Drehbuch gibt für derart weitreichende Ereignisse und Pandemiepläne, sofern vorhanden, Papiertiger waren. Manche Lehren können aus früheren Pandemien und Epidemien gezogen werden, anderes muss improvisiert werden. Niemand wird nach dieser Krise alles richtig gemacht haben. Die an vielen Stellen zahlreich gemachten Fehler gilt es aufzuarbeiten und für die Zukunft daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Im Nachgang dieser Krise wird wahrscheinlich die Zahl derer, die vorher immer alles schon gewusst haben wollen, ebenfalls exponentiell angewachsen sein. Wie es wird, das weiß momentan – abgesehen von Zukunftsforscher Matthias Horx – niemand ganz genau. Horx glaubt, dass uns das Virus eine deutliche Botschaft geschickt hat: „Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.“ 9) Mag sein, dass es nicht mehr so sein wird, wie es vor Corona war. Das eröffnet neue Chancen, manche Dinge neu zu justieren, die Schwächen der Globalisierung zu lindern und die Gesellschaft ein wenig gerechter zu machen. Für die Zeit nach Corona wird es jedenfalls einen klugen Fahrplan brauchen. Einen solchen zu erarbeiten sollte nicht allein der Politik überlassen sein. Wir sind Individuen, keine Lemminge. Wir haben einen freien Willen und Grundrechte, deren Suspendierung nur auf absehbare Zeit hinzunehmen ist. WAS GERADE PASSIERT, IST NICHT NORMAL. Und kann auch keine wie auch immer geartete neue Normalität werden. Das Gerede vom New Normal ist nicht ungefährlich. Wird der Ausnahmezustand irgendwann als normal empfunden, verliert unsere Demokratie ihr liberales Wertefundament. Das dürfen wir nicht vergessen. Denn sonst wird sich unsere Welt verändern, und zwar in einer Art und Weise, die keinem freiheitsliebenden Bürger recht sein kann. Es wird sich zweifellos nach dieser Krise einiges ändern. Aber wie es werden wird, wissen wir nicht. Jetzt heißt es aber erst einmal aufstehen, Corona richten, mit vereinten Kräften die Scherben zusammenkehren und weitergehen.

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IMMER WEITER GEHEN Die Ausbreitung des Coronavirus ist nicht mehr nur ein gesundheitliches Problem. Mit der Quasi-Stilllegung der Wirtschaft wird sie auch zu einem ökonomischen. Der Konsum ist in vielen Bereichen – auch ob der staatlichen Maßnahmen – auf null gesunken, eine (globale) Rezession ist nicht nur wahrscheinlich, sondern teils schon sichtbar, die Aktienmärkte sind extrem volatil mit klarer Tendenz nach unten. Doch es hilft nichts: Man muss auch in derartigen Ausnahmesituationen weitermachen. Irgendwie. INTERVIEW: MARINA BERNARDI & MARIAN KRÖLL

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ugegeben, die aktuelle Situation ist schwierig. Für alle. Das lässt sich auch nicht schönreden. Wir erleben derzeit ein wirtschaftliches Szenario, wie es die meisten von uns noch nie gesehen haben. Dem etwas Positives abzugewinnen, ist nicht einfach – abgesehen vom Zusammenhalt über alle gesellschaftlichen Grenzen hinweg. Nur lässt sich von positiver Emotion leider kein Brot kaufen. Dem viel beschworenen nationalen Schulterschluss der Regierung steht immer öfter die Skepsis gegenüber, ob die Maßnahmen in ihrer Verhältnismäßig-

keit richtig waren und sind. Das werden wir an dieser Stelle nicht klären (können) und wollen auch gar nicht darüber urteilen, weil jede einzelne Entscheidung nicht leichtfertig und unüberlegt getroffen wurde. Fakt ist aber auch, dass dieser Stillstand für die Wirtschaft nicht mehr lange tragbar sein wird. Wirtschaft ist Bewegung, sie greift ineinander, der Erfolg oder Misserfolg bedingt jenen des anderen. Wir haben Univ.-Prof. DDr. Jürgen Huber, Leiter des Instituts für Banken und Finanzen an der Universität Innsbruck, um seine Einschätzung gebeten.

ECO.NOVA: Die Wirtschaft legt durch COVID-19 – je nach Perspektive – eine Vollbremsung hin. Wie lange wird man sich diesen ökonomischen Stillstand in Österreich, Europa und der Welt leisten können? JÜRGEN HUBER: In der Tat wurden Teile der Wirtschaft in Österreich und weiten Teilen Europas (mit Ausnahmen, z. B. Schweden) sehr abrupt zum Stillstand gebracht, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Das verursacht enorme Kosten – menschlich wie finanziell. In Österreich stieg die Arbeitslosigkeit bis Ende März um rund 200.000 Personen; tausende Un-


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ternehmer bangen um ihre Existenz und der Staat hat Kosten von Dutzenden Milliarden Euro. Das derzeitige (es wird wohl weitere geben) Unterstützungspaket der österreichischen Regierung hat einen Umfang von 38 Milliarden Euro, was rund zehn Prozent unserer Wirtschaftsleistung entspricht. Während für Mediziner noch nicht klar ist, wie gefährlich COVID-19 letztlich ist, sind sich Wirtschaftswissenschafter ziemlich sicher, dass die wirtschaftlichen Schäden des Shutdown enorm sind und exponentiell wachsen. Aus wirtschaftlicher Sicht ist eine schrittweise Lockerung der aktuellen Verbote dringend geboten – ob sie medizinisch vertretbar sind, das haben medizinische Experten und die Regierung zu entscheiden. Ostasiatische Länder wie Südkorea, Japan und Singapur, die durch ihre Nähe zu China früher und intensiver mit dem Virus in Kontakt waren, haben ihre Wirtschaft nicht in diesem Maß heruntergefahren, scheinen aber durch Maskenpflicht, Hygiene und Abstand halten die Ausbreitung gut im Griff zu haben. Diese Länder haben allerdings auch mehr Erfahrungen mit Coronaviren. In Europa geht beispielsweise Schweden einen deutlich anderen Weg als Österreich – dort sind die Schulen (bis 14 Jahre) offen, ebenso Geschäfte, Bars, Restaurants und Skigebiete. Auch in Schweden wird auf Abstand und Hygiene geachtet, werden Infizierte zur Selbstquarantäne aufgefordert und Risikogruppen geschützt; ansonsten geht das Leben aber weitgehend seinen normalen Weg – bisher mit vergleichbaren Todesraten (mit Stand 31. März 2021 je rund 0,015 Tote pro 1.000 Einwohner), und das, obwohl Schweden drei Wochen vor Österreich seinen ersten positive ge-

JÜRGEN HUBER Jahrgang 1974, ist Professor für Finanzwissenschaft und seit 2010 Leiter des Instituts für Banken und Finanzen an der Universität Innsbruck. Er forscht und lehrt unter anderem zu empirischer Finanzwirtschaft. Er hat zahlreich in renommierten Zeitschriften publiziert und ist gern gesehener Gesprächspartner in nationalen und lokalen Medien – zuletzt unter anderem im ORF bei „Im Zentrum“. Letztes Jahr wurde er von den Studenten der Uni Innsbruck zum „Professor of the Year“ gewählt.

Jürgen Huber ist Professor für Finanzwissenschaft und seit 2010 Leiter des Instituts für Banken und Finanzen an der Universität Innsbruck.

„W I R S E H E N A N S C H W E D E N , D A S S A U C H I N E U R O PA E I N W E G D E N K B A R I S T, B E I D E M D I E W I R T S C H A F T WENIGER EINGESCHRÄNK T WIRD UND D I E Ö KO N O M I S C H E N KO S T E N ( B I S H E R ) NIEDRIGER SIND, AL S E S BEI UNS DER FA L L I S T. I TA L I E N U N D S PA N I E N H I N G E G E N S I N D D E R Z E I T D I E N E G AT I V E N B E I S P I E L E U N D S O L LT E N U N S D E U T L I C H E WA R N U N G SEIN, DASS ZU ZÖGERLICH EINGEFÜHRTE M A S S N A H M E N I N D I E K ATA S T R O P H E F Ü H R E N KÖ N N E N . W E L C H E R W E G S I C H A M E N D E A L S D E R B E S S E R E E R W E I S T, D A S W I R D E R S T D I E Z U K U N F T Z E I G E N .“ JÜRGEN HUBER

testeten Coronapatienten hatte. Welcher Weg letztlich der bessere war, das wissen wir wohl erst in einem Jahr. Wir sehen aber an Schweden, dass auch in Europa ein Weg denkbar ist, bei dem die Wirtschaft weniger eingeschränkt wird und die ökonomischen Kosten (bisher) niedriger sind, als es bei uns der Fall ist. Italien und Spanien hingegen sind derzeit die negativen Beispiele und sollten uns deutliche Warnung sein, dass zu zögerlich eingeführte Maßnahmen in die Katastrophe führen können. Welcher Weg sich aber am Ende als der „bessere“ erweist, das wird erst die Zukunft zeigen. Bislang wird die Situation in erster Linie als Gesundheitskrise gesehen. Ab welchem Zeitpunkt sollte dazu übergegangen werden, sie primär als globale wirtschaftliche Krise zu sehen und mit ökonomischen Instrumenten zu bearbeiten statt mit epidemiologischen? Die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen

sind derzeit weltweit sichtbar, denn das Wirtschaftswachstum bricht ein und eine globale Rezession ist wahrscheinlich – mit Folgewirkungen wie stark steigender Arbeitslosigkeit, Firmenpleiten und hohen Budgetdefiziten, die die Gefahr von Staatspleiten mit sich bringen. Dahinter stehen letztlich menschliche Schicksale, denn Arbeitslosigkeit und Existenzängste betreffen heute schon Hunderttausende in Österreich und es steht zu befürchten, dass diese Zahl noch deutlich wachsen wird. Viele Staaten der Welt – so auch Österreich – haben den Ernst der wirtschaftlichen Lage erkannt und versuchen daher parallel zu den medizinischen Maßnahmen mit massiven Programmen und Milliardensummen auch den wirtschaftlichen Schaden abzufedern. Doch gerade sehr hart getroffene Länder wie Italien und Spanien haben kaum die Mittel, ihre Wirtschaft im nötigen Maß zu stützen, so dass hier wirtschaftliche Stagnation für Jahre droht.

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Inwieweit soll der Staat aktuell in die Wirtschaft eingreifen? Halten Sie Verstaatlichungen für denkmöglich? Nun, vieles, was ich noch vor vier Wochen für völlig undenkbar gehalten hätte, ist mittlerweile Realität (Schließung der Skigebiete, dann des gesamten Tourismus, dann weiterer großer Sektoren der Wirtschaft in schneller Abfolge), so dass ich auch Verstaatlichungen nicht völlig ausschließen kann. Ich sehe akut jedoch keine Betriebe und keine Industrie, die hier wirklich in Frage käme – denn vor einer Rückverstaatlichung der AUA, die ja eine 100-Prozent-Tochter der deutschen Lufthansa ist, würde ich dringend abraten. Für die Betriebe, die am akutesten existenzbedroht sind, das sind vor allem Klein- und Kleinstbetriebe im Dienstleistungssektor und Gewerbe, ist eine Verstaatlichung (etwa von Restaurants, Friseurbetrieben oder Gärtnereien) eigentlich ausgeschlossen.

Gibt es überhaupt eine marktwirtschaftliche Alternative zu Deficit Spending, staatlichen Garantien und Haftungen? Ich sehe eine solche Alternative nicht: Der Weg massiver staatlicher Stützungen ist in der aktuellen Lage meines Erachtens der einzig richtige. Es ist auch sinnvoll, hier den Bankensektor mit einzubinden und aufzufordern, weiter Kredite zu geben und bei der Stundung von Raten großzügig zu sein; jedoch könnte weder der Bankensektor noch irgendein anderer in der aktuellen Krisensituation alleine die Lasten tragen.

  Ist durch ein Zusammentreffen von Angebotsschock und Nachfragerückgang eine massive globale Rezession aus Ihrer Sicht noch abzuwenden? Ich fürchte, dass diese bereits passiert bzw. im Gang ist. Der Konsum ist fast weltweit massiv gesunken; Dienstleistungen wie Hotellerie, Gastronomie, Friseure, Masseure etc. haben global Umsatzrückgänge von 80 bis 100 Prozent. Viele Betriebe sind komplett zu und auch die produzierenden Gewerbe und die Industrie

DEFICIT SPENDING Damit bezeichnet man das Verhalten eines Staates, Programme – vor allem zur Konjunkturbelebung – über Verschuldung zu finanzieren. Vereinfacht gesagt, verschuldet sich der Staat, damit er den Menschen (kurzfristig) mehr Geld zur Verfügung stellen kann, um dadurch eine verstärkte Nachfrage zu generieren, weil sie es – so die Annahme – zum vermehrten Konsum verwenden. Deficit Spending wird deshalb vorrangig in Phasen einer Rezession, also dann, wenn die Wirtschaftstätigkeit allgemein zurückgeht, eingeführt. Finanzminister Gernot Blümel hat sich dafür von seinem angepeilten Nulldefizit verabschiedet und damit davon, heuer keine neuen Schulden zu machen. Vielmehr führt Deficit Spending fast zwangsläufig zu einem Budgetdefizit, das jedoch in wirtschaftlich guten Zeiten durch so genannte Haushaltsüberschüsse wieder abgebaut werden soll.

sind in vielen Ländern massiv heruntergefahren – die stillstehenden Autowerke von VW sind hier symptomatisch für ganze Industrien. Mit dramatisch rückläufigen Umsätzen und Produktionszahlen schrumpft die Weltwirtschaft aktuell deutlich. Allerdings besteht durchaus die Hoffnung, dass auf den deutlichen Einbruch eine fast ebenso schnelle Erholung erfolgt. Nach einer Lockerung der derzeitigen Einschränkungen könnte der entstanden Rückstau an Investitionen zu einem gewissen Boom führen, und jetzt nicht getätigte Käufe (z. B. von EBikes oder Autos) können schnell nachgeholt werden. Die entscheidende Frage ist, wie lange dieser Zustand anhält und wie bald mit einer Rückkehr zu weitgehend „normaler“ wirtschaftlicher Tätigkeit gerechnet werden kann. Wenn wir China hier als Indikator nehmen, so währte dort die Phase des Shutdown und der extrem reduzierten wirtschaftlichen Aktivität rund zwei Monate. Gilt dasselbe auch für Westeuropa und die USA, so ist der Schaden auf das Gesamtjahr noch überschaubar und mit einem Rückgang der weltweiten Wirtschaftsleistung von rund zwei Prozent zu rechnen (was immer noch 1.500 Milliarden Euro sind). Dauert der Shutdown länger (worauf die im Vergleich zu China höheren Infektions- und Todesraten in Europa und nun auch den USA hindeuten), so ist der Schaden allerdings höher. Dass der Schaden ein dauerhafter sein wird, lässt sich an den Aktienmärkten ablesen, wo mit Kursrückgängen von rund 30


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Prozent Werte von rund 20.000 Milliarden Euro vernichtet wurden – das heißt, die Erwartung der aufsummierten zukünftigen Gewinne der Aktiengesellschaften sank um etwa diese Summe. Es steht also zu vermuten, dass die Erholungsphase aus dieser Krise relativ lang dauern wird – ähnlich wie schon nach der Finanzkrise 2008/09.

Erwarten Sie, dass öffentliche Gesundheitssysteme im Vergleich zu privatisierten wie in den USA einen signifikant besseren Outcome für die Bevölkerung ergeben? Ich will hier weniger in öffentliches vs. privates Gesundheitssystem unterscheiden – denn um dazu ein Urteil zu fällen, ist es deutlich zu früh. Was die Krise aber schon jetzt sehr deutlich gezeigt hat, ist, dass es sich im Gesundheitssystem als lebensrettend erweisen kann, gewisse Reserven und Überkapazitäten zu haben. Österreich hat pro Einwohner rund drei Mal so viele Intensivbetten wie Frankreich und Italien, und diese höheren Kapazitäten retten derzeit bei uns Leben. Hätten wir diese größeren Kapazitäten nicht, so wäre unser Gesundheitssystem jetzt schon an seinen Grenzen. In Italien und

bald (bzw. in New York schon jetzt) ähnliche furchtbare Überlastungen auftreten. Uns allen soll dies Warnung und Erinnerung sein, dass letztlich die Gesundheit das höchste Gut ist und dass dieses auch die entsprechenden Mittel erfordert, weil dies – bei diesem oder einem zukünftigen Virus – auch unser Leben retten kann.

Frankreich sind die Gesundheitssysteme, denen über Jahre und Jahrzehnte weniger Geldmittel zugeteilt wurden, als nötig gewesen wären, relativ schnell an ihre Grenzen gestoßen und jede/r hat sicherlich Berichte über die Zustände vor allem in Norditalien gelesen, so dass ich diese hier nicht wiederholen werde. Es steht zu befürchten, dass in den USA sehr

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DIE WELT UND WIR Die Coronakrise entwickelt sich zu einer globalen Krise, die nicht nur die Nationalstaaten teils an ihre Grenzen bringt, sondern auch die internationalen wirtschaftlichen Verflechtungen durcheinanderwirbelt. INTERVIEW: MARINA BERNARDI

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auszustrahlen, bleiben die Menschen ruhig und zuversichtlich. Das ist zentral für die Akzeptanz von Maßnahmen und damit für die Krisenbewältigung, aber auch einen guten Neustart. Mit jeder Maßnahme steht das auf dem Prüfstand, es ist also eine ständige Gratwanderung – in Diktaturen übrigens genauso wie in Demokratien. risenzeiten werfen viele Fragen auf. Vieles, was uns lange als selbstverständlich erschien, ist es nicht mehr. Viel Zeit zum Nachdenken zu haben, bedeutet auch, vieles plötzlich in Frage zu stellen. Wie abhängig sind wir als Gesellschaft voneinander und wie viel kann eine (Volks-)Wirtschaft aushalten? Neben der Europäischen Union wird auch die Globalisierung in solchen Zeiten vermehrt hinterfragt. Wir haben dem Volkswirtschafter Andreas Exenberger ein paar Fragen dazu gestellt und eines vorweg: Es ist kompliziert. Denn wir brauchen einander, ob wir das wollen oder nicht. Lokal, national, international und global. Daran ist per se auch nichts Verkehrtes. Wichtig ist nicht das Ob, sondern das Wie.

Welche Bereiche des (wirtschaftlichen) Lebens müssen unbedingt aufrechterhalten bleiben, damit Gesellschaft und Wirtschaft Krisen überstehen bzw. das Vertrauen nicht verlieren und auch danach noch/wieder funktionieren? ANDREAS EXENBERGER: Das Gesundheitswesen würde natürlich auch dazu zählen, aber das steht aktuell sowieso im Zentrum aller Nachrichten. Zur Grundversorgung zählen hierzulande zuerst Strom, dann Wasser und schließlich Nahrung. In der Krise wird allen täglich klarer, dass es Nahrungsmittel bei uns im großen Stil nur über das Supermarkt-System gibt, es wird aber meist übersehen, wie völlig selbstverständlich wir fließendes Wasser und sichere Energie zuhause finden – und dass wir überhaupt ein Zuhause haben. Und wir haben das Glück, dass das Coronavirus nicht so gefährlich ist, dass Menschen der Arbeit massenhaft fernbleiben. Außerdem braucht es Verkehrs- und Kommunikations-Infrastruktur. Das schließt auch Datenverkehr und zuverlässige Informationen ein. Und Banken, damit Rechnungen bezahlt und Löhne überwiesen werden können. Ansonsten ist das auch eine Stimmungsfrage: Gelingt es den politisch Verantwortlichen, Vertrauen und Kompetenz ECO.NOVA:

Die aktuelle Krise ist ein weiterer Anlass, um über ein bedingungsloses Grundeinkommen zu diskutieren. Wie viele Menschen aber bräuchte es theoretisch, um Gesellschaft und Wirtschaft weiterhin aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln? Faktisch laufen die Maßnahmen, jedenfalls in Österreich, ohnehin auf ein Experiment mit einer Art Grundeinkommen hinaus. Nur wird das nicht bedingungslos sein und es wird auch sicher nur vorübergehend gedacht. Zudem braucht es viele Güter und Dienstleistungen momentan auch einfach wegen der Ausgangssperre nicht, die es aber im Normalzustand – egal ob in einer neuen oder doch in der alten Normalität – wieder brauchen wird. Insgesamt könnten wir sicher mit weniger Arbeitskräften auskommen, wobei man sich hier nicht täuschen sollte, dass es die gut bezahlten Jobs wären, die schwer verzichtbar sind. Es stellt sich aber wohl eine ganz andere Frage: Ist das überhaupt wünschenswert? Ich sehe das nicht unbedingt so. Wenn, dann sollten sich Effizienzsteigerungen wohl eher in einer gerechteren Verteilung von Arbeit und daher in Arbeitszeitverkürzung äußern, ohne dass man unbedingt Köpfe einspart. Das würde auch mehr Balance ins Leben mancher bringen und wäre in manchen Bereichen, etwa in der Pflege, ohnehin unbedingt angebracht. Ob man ein Grundeinkommen für möglich hält, hängt übrigens entscheidend davon ab, welchem Menschenbild man folgt. Nimmt man an, dass die Menschen prinzipiell sowieso arbeiten wollen, wäre die Einführung eines Grundeinkommens kein großes Problem. Man müsste nur wirksame Anreize für Arbeiten finden, die kaum jemand machen möchte. Nimmt man hingegen an, dass die Menschen prinzipiell nur unter Zwang arbeiten, wird ein Grundeinkommen nie funktionieren. Echte Evidenz dazu gibt es kaum. Was es gibt, deutet darauf hin, dass die meisten Menschen weiterarbeiten würden, es aber wohl mit der Zeit einen zunehmenden Rückzug gibt, zuerst von unbeliebten Tätigkeiten, dann immer mehr auch von anderen.

Was kann auf europäischer wie nationalstaatlicher Ebene getan werden, um die Resilienz des Wirtschaftssystems zu erhöhen? Vieles. Es stellt sich aber in der aktuellen Krise die Frage, ob man in einer solchen Stresssituation damit rechnen kann, dass wirklich durchdachte Entscheidungen gefällt werden. Das wäre aber wichtig, denn jede Krise ist ein Moment der Entscheidung. Wer diese nicht selbst fällt, der unterliegt den Entscheidungen anderer. Also: Offensichtlich wird sich die Frage stellen, bestimmte strategische Produktionslinien wieder stärker nach Europa zurückzuholen, Medikamente, aber auch Elektronik, oder kritische Infrastruktur wie etwa für den Datenverkehr. Es wird sich die Frage stellen, wie es mit dem Flugverkehr weitergeht. Es wird hingegen wohl kaum mehr die Frage gestellt, wo man im Gesundheitssystem in Zukunft weiter sparen kann. Weniger unumstritten, aber nicht weniger wichtig wird sein, dass auch im Sozialsystem nicht beliebig gekürzt werden kann. Kein Zweifel, dass Verteilung zum ganz großen Brocken wird. Die wirklich großen Herausforderungen, die man gerade in Krisensituationen angehen muss, gehen daher weiter: Wie machen wir unsere Gesellschaft innovativer, gerechter und nachhaltiger? Zusammengefasst: Was braucht es, um Europa zu einer wissensbasierten, ökologisch und ökonomisch ausbalancierten und sozial verträglichen Zukunftsgesellschaft zu entwickeln, in der niemand zurückgelassen wird? Die Abhängigkeit Europas von Ländern wie China ist kein unbedingt neues Phänomen, wird aber durch die aktuelle Krise drastisch bewusster. Wie haben sich diese Abhängigkeiten in der Vergangenheit entwickelt/verschärft und wie kann

ANDREAS EXENBERGER ist Professor für Wirtschaftsund Sozialgeschichte am Institut für Wirtschaftstheorie, -politik und -geschichte der Universität Innsbruck. Der Volkswirtschafler beschäftigt sich seit Jahren mit der Analyse historischer und aktueller globaler Ungleichgewichte und forscht unter anderem zu Globalisierung und internationalen Wirtschaftsbeziehungen, politischer Ökonomie sowie Armut im globalen und lokalen Kontext.

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„U N S E R E W I R T S C H A F T B R A U C H T WEDER MILLIARDENVERMÖGEN NOCH M I L L I O N E N G E H Ä LT E R , E G A L O B B E I TECHNOLOGIEUNTERNEHMEN, IN DER F I N A N Z B R A N C H E O D E R I M S P O R T. S I E S I N D N U R M Ö G L I C H . A B E R WA S M Ö G L I C H I S T, PA S S I E R T E B E N A U C H .“ ANDREAS EXENBERGER

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man sich davon befreien bzw. welcher Zeitraum ist dafür realistisch? Wie sehr sind Konsumenten auch tatsächlich bereit, hier mitzugehen und zum Beispiel für bestimmte Produkte mehr zu bezahlen? Wie sehr Konsumentinnen und Konsumenten bereit sind, mehr zu bezahlen, wird man sehen. Ich hoffe, die Frage stellt sich überhaupt noch. Ansonsten hängt das auch vom Standpunkt ab. Aus chinesischer Sicht wurde jahrzehntelang hart daran gearbeitet, die dort bestehende Abhängigkeit zu verringern. Historisch ist es nämlich sicherlich vielmehr so, dass Europa andere in Abhängigkeit hielt und auch immer noch hält. Wir merken nun wieder einmal, wie unangenehm das sein kann, egal wie zweiseitig die Abhängigkeit sein mag. Denn globale Lieferketten verlangen Käufer und Verkäufer. In der aktuellen Krise werden wir aber vielleicht noch sehr schmerzlich bemerken, wie sehr wir auch auf einer persönlichen Ebene davon abhängig sind, dass wir Zugang zu unseren eigenen Daten haben. Ansonsten ist klar, dass Umlenkungen im großen Stil Zeit brauchen und Kosten verursachen und auch daher nicht unbedingt immer empfehlenswert sind. Man muss sich gut überlegen, wofür man wirklich bereit ist, die Kosten gesellschaftlich zu tragen, und was man durch eine bessere internationale Kooperation statt immerwährendem Verdrängungswettbewerb im Stile Donald Trumps kompensieren kann. Es ist

also eben letztlich die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Das bestimmen letztlich nämlich nur wir, wenn auch natürlich auf Basis globaler Rahmenbedingungen und gesamtgesellschaftlicher Entscheidungen, was wir also mehrheitlich akzeptieren und was nicht. Oder härter: Was wir uns einreden und aufbürden lassen und was nicht.

Die Globalisierung hat uns zweifelsohne viele Vorteile gebracht. Wie sieht für Sie ein gesundes, ausgeglichenes globales Miteinander aus und wo sehen Sie die Globalisierung an ihre Grenzen gekommen. Globalisierung ist eine absolute Erfolgsgeschichte. Was den materiellen Lebensstandard angeht, sind die Entwicklungen seit 1945 auf der Basis der historischen Erfahrungen fast unvorstellbar. Das meiste der Verbesserungen hat einen Globalisierungsbezug, den leichteren Zugang zu Technologien, mehr Möglichkeiten der Zusammenarbeit, Handel zum beiderseitigen Vorteil, Menschen, die sich treffen und Erfahrungen austauschen können, leider aber auch Ausbeutung und Unterdrückung. Das „goldene Zeitalter“ der Globalisierung war dabei für uns in Europa vor allem die Zeit bis in die 1970er-Jahre, während außerhalb Europas teils erst nachher wirklich Ergebnisse zu sehen waren. China etwa startete erst Ende der 1970er-Jahre mit einer gezielten Globalisierungsstrategie damit, sich aus der flächendeckenden absoluten

Armut zu erheben, und war damit auf eine Weise erfolgreich wie nie zuvor jemand in der Geschichte. Und manche Länder beginnen auch gerade erst damit. Zwei Exzesse gehen damit aber offensichtlich einher. Der eine ist die unmittelbare Begleiterscheinung der globalen Produktions- und Konsummuster: die Klimakrise. Sie wird noch Jahrzehnte unser Begleiter bleiben und braucht ständig Anpassungsmaßnahmen, um die Welt irgendwie innerhalb der planetaren Grenzen zu halten. Der andere ist eine interessengeleitete Fehlentscheidung: die Finanzialisierung. Hier haben Politik und Wirtschaft in den 1970er- und 1980er-Jahren die Weichen gestellt, wie die Erträge aus der Globalisierung anders verteilt werden. Plakativ formuliert: zugunsten von Menschen mit viel Geld und von solchen, die zu Zufallsmilliardären wurden (sie waren zu ihrem Glück zur genau richtigen Zeit in einem Feld tätig, das sich als Schlüsseltechnologie herausgestellt hat). Unsere Wirtschaft braucht aber weder Milliardenvermögen noch Millionengehälter, egal ob bei Technologieunternehmen, in der Finanzbranche oder im Sport. Sie sind nur möglich. Aber was möglich ist, passiert eben auch.

(Wirtschafts-)Krisen gab es in der Vergangenheit immer wieder. Haben Wirtschaft, Politik und wir als Gesellschaft daraus gelernt oder neigt man dazu, mit genügend Abstand wieder zum Business as usual überzugehen? Das Problem ist, dass jetzt inmitten der Krise vieles möglich ist. Das sehen wir an den täglichen Einschränkungen, die fast achselzuckend zur Kenntnis genommen werden. Zugleich ist es besonders schwierig, sich für nachhaltige Reformen zu organisieren. Die Menschen haben verständlicherweise einfach andere Prioritäten. Daher ist die Gefahr sehr groß, dass die Politik schon während und insbesondere nach der akuten Krise von gut organisierten Interessengruppen maßgeblich bestimmt wird, die auch jetzt täglich in den sprichwörtlichen „Vorzimmern der Macht“ vorstellig werden. Das sollten wir eigentlich aus der Finanzkrise gelernt haben, „weiter wie bisher“ ist leider immer eine Gefahr. Auch wird die Welt außerhalb Europas nicht stehenbleiben, selbst wenn manche dort noch katastrophal von der Gesundheitskrise getroffen werden. Ein lange nur mit Aufräumarbeiten nach der Krise und damit mit sich selbst beschäftigter Kontinent wird in dieser Welt dann möglicherweise wirklich ziemlich „alt“ aussehen.


Corona-Hilfe

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GEMEINSAME NAGELPROBE In der höchsten Not ist an kluges Denken kaum zu denken. Das Danach kommt trotzdem. Im Gedankenspielraum, der sich nach der gemeinsam erlebten Krise auftut, gibt es zwei Tendenzen. Hilflosigkeit, Egoismus und Isolation. Oder Kooperation und Solidarität. „Der Grundgedanke, dass man zusammengehört, ist nicht nur ein sozialer, sondern auch ein sehr pragmatischer“, sagt Wirtschaftspsychologe Jürgen Kaschube. TEXT: ALEXANDRA KELLER


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indimensionales Denken und Handeln führt in der Wirtschaftspraxis allzu oft in eine Sackgasse. Wer heute in einer führenden Position Entscheidungen zu treffen hat, braucht dazu die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und die aktuellen Erkenntnisse aus einer Vielfalt von Disziplinen miteinander zu verknüpfen. So treffsicher sie auch wirken – diese Worte beziehen sich nicht auf die multiplen Herausforderungen, denen sich die Führungskräfte aller Tiroler Unternehmen im kollektiven Ausnahmezustand der Coronakrise stellen müssen. Vielmehr umreißen sie grob den Lehrplan des Zertifikats-Lehrgangs „Management, Psychologie & Leadership“, mit dem das Management Center Innsbruck (MCI) Führungskräften berufsbegleitend essenzielle Instrumente für das Verstehen und Gestalten komplexer Entscheidungsprozesse anbietet. Festzustellen, dass Entscheidungsprozesse wohl nie zuvor derart komplex waren wie im „Jetzt“ der Coronakrise, ist wohl alles andere als eine Übertreibung. „Aus psychologischer und sozialpsychologischer Sicht ist die Frage interessant, warum es so eine große Erschütterung gibt. Die Erschütterung gibt es deshalb, weil wir uns daran gewöhnt haben, dass die Dinge funktionieren und wir sie für selbstverständlich nehmen“, sagt Reinhold Bartl und stellt fest: „Diese Selbstverständlichkeit wird jetzt massiv in Frage gestellt und reißt uns aus der Illusion, dass alles funktionieren muss und eh klar ist. So ein kleiner Virus kann alles zerlegen.“ Ja, das kann er. Reinhold Bartl ist Leiter des Milton Erickson Instituts Innsbruck und federführend bei der wissenschaftlichen Ausrichtung des erwähnten MCI-Lehrgangs beteiligt. Der Diplompsychologe, Coach, Referent und Dozent beobachtet die Dynamik der Krise und die ganze Bandbreite der dadurch ausgelösten Emotionen so empathisch

„ D I E R AT I O I S T EINE BEIGABE DER E V O L U T I O N . G U T, D A S S E S S I E G I B T, ABER DIE MENSCHEN SIND IN ERS TER LINIE E M O T I O N A L E W E S E N .“ REINHOLD BARTL, L EI T ER DE S MILT ON ERIC K S ON INSTITUTS INNSBRUCK

ES GIBT EINE ZEIT VOR CORONA UND ES WIRD EINE ZEIT NACH CORONA GEBEN. ÜBER DIE URKR AF T DIESER Z Ä S U R H E R R S C H T E I N I G K E I T. wie gespannt. „Solange ihnen das Wasser bis zum Hals steht, ist kein ruhiges Denken möglich. Da greifen sie nach jedem Strohhalm“, beschreibt er den Zustand, der das Land zu Beginn der Krise mit Ausgangssperre und gesellschaftlichem wie wirtschaftlichem Shutdown einerseits lähmte und andererseits in panische Schlaflosigkeit versetzte. Die unterschiedlichen Förder-, Hilfs- und Konjunkturprogramme der Bundesregierung waren und sind der Strohhalm, nach dem die Unternehmer greifen müssen, um nicht unterzugehen. In dieser höchsten Not ist es fast unmöglich, perspektivisch zu denken beziehungsweise zwei Schritte über den Höhepunkt der Krise hinaus. Wie denn auch. „Die Ratio ist eine Beigabe der Evolution. Gut, dass es sie gibt, aber die Menschen sind in erster Linie emotionale Wesen“, betont Bartl. Angst in all ihren Spielarten, Zorn, Fassungslosigkeit und auch Ignoranz zählen zum „ganz normalen“ Spektrum der menschlichen Emotionen, die mit dem Virus das Leben durcheinanderwirbeln.

WAS DIE GESELLSCHAFT IN IHREM INNEREN ZUSAMMENHÄLT

Bis zuletzt hatte sich die Gesellschaftsstruktur am Wettbewerb orientiert, im Kleinen wie im Großen wurde auf Kompetition gesetzt. Der Slogan „America first“ war das Sahnehäubchen dieser Grundidee. „Jetzt plötzlich entdecken die Leute, was die Gesellschaft zusammenhält, entdecken den Zusammenhalt. Ja, an jeder Ecke entdecken die Menschen, dass sie über Kooperation und Zusammenhalt viel besser vorankommen. Das ist nicht staatlich angewiesen und auch nicht wirtschaftlich vorgegeben, sondern selbst entstanden aus dem natürlichen Bedürfnis der Menschen, etwas miteinander zu tun – das stiftet Zuversicht und Vertrauen“, beschreibt Bartl den Hintergrund für die gleichsam in der Quarantäne geborenen Initiativen – von der Nachbarschaftshilfe über die Wertschätzung der Alltagshelden hin zum breiten Konsens, regionale Produzenten zu unterstützen und statt internationaler Onlineriesen die heimischen Händler zu unterstützen. „Wir kaufen in Tirol“ (www.wirkaufenin.tirol) ist nur ein Beispiel für die neuen Kräfte, die Bartl als „großartig“ beschreibt.

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Die Tatsache, dass alle, wirklich alle von der Krise betroffen sind, befeuert diese Kräfte und auch ihre schönen gesellschaftlichen Blüten. Im Zusammenhang mit ihrer Haltbarkeit kommt der Politik eine entscheidende Rolle zu. „Weil es alle trifft, ist es eine hochpolitische Geschichte. Politik kümmert sich um die Polis, das Gemeinwesen, und wie gut eine Gesellschaft aufgestellt ist, zeigt sich an ihrem Umgang mit jenen, die nicht so gut drauf sind“, stellt Christian Marte, Rektor des Jesuitenkollegs in Innsbruck, fest. Pater Marte arbeitet regelmäßig mit Führungskräften, als Coach oder mit größeren Gruppen, und er weiß, wie unheimlich anstrengend die erste Phase der Krise für sie ist: „Wenn sie jetzt eine Führungsaufgabe haben, müssen sie nur funktionieren. Es geht um Entscheidungen, für die es keine Vorlage gibt.“ Auch aus seiner Sicht ist das gemeinsame Erleben dieser Zeit, für die es keine allgemeine Handlungsanleitung gibt, ein Knackpunkt: „Man merkt sehr, wie wir aufeinander verwiesen sind. Es ist schon etwas Positives, dass wir als Menschen nur sein können, weil es andere gibt. Das merken wir jetzt brutal, weil wir aus Gesundheitsgründen eine Zeit lang allein leben sollen – aber das ist nicht das volle Leben.“ Das volle Leben. Wie es wohl aussehen wird? Von 1991 bis 1999 arbeitete Pater Marte beim Österreichischen Roten Kreuz in Wien, zuletzt als stellvertretender Generalsekretär. „Nach jedem Erdbeben waren wir besser – wir hatten plötzlich eine bessere Ausrüstung, bessere Procedere. Es kommt darauf an, was wir daraus machen“, sagt er. Mit dem drohenden Untergang im Nacken werden Unternehmerinnen und Unternehmer urplötzlich auf das Unternehmen in seiner ursprünglichsten Form zurückgeworfen. Es ist eine Gratwanderung und die akute Alarmstimmung lässt die Gedankenspiele für die Zeit danach verfrüht erscheinen.

DAS DANACH KOMMT TROTZDEM

Greifen die von der Bundesregierung in die Wege geleiteten Maßnahmen nicht, droht die Stimmung zu kippen. „Dann kann das in großem Egoismus ausarten, in dem Sinn, dass ich nur schaue, dass ich durchkomme.

Dann kann die Tatsache, dass es uns alle betrifft, zu einem großen Gefühl der Hilflosigkeit führen“, beschreibt Jürgen Kaschube, Wirtschaftspsychologe, Inhaber der Unternehmensberatungsfirma Perform-Change und Dozent am MCI, die dunkle Seite des Spektrums. Ob mit Hamsterkäufen im Kleinen oder dem Erstarken isolationistischer Tendenzen beziehungsweise populistischer Nationalismen im Großen hat auch sie längst ihre Vorboten geschickt. Die Gesellschaft muss eine Nagelprobe bestehen. „Der erste wichtige Schritt ist, dass die Regierungen auf Solidarität setzen und zeigen, dass sie wichtiger ist als langfristige Ziele, wie beispielsweise Haushaltssolidität“, so Kaschube. Von den Budgetzielen haben sich die EU-Mitgliedsstaaten in der Bugwelle der in eine Wirtschaftskrise mündenden Coronakrise schon verabschiedet und die Signale sind stark. Kaschube: „In einigen der europäischen Länder – auch in Österreich – ist dieser Solidaritätsgedanke im Vordergrund. Wenn er politisch gefördert wird, ist es ein Vorleben, dem sich andere anschließen können. Daraus kann dann das Gefühl entstehen, ja, es lässt sich gemeinsam bewältigen.“ Entscheidend – in der Meisterung der gesundheitlichen wie der ökonomischen Herausforderungen – ist allerdings, wie lange der Ausnahmezustand andauert. „Das kann man jetzt noch nicht prognostizieren. Kaum eine Volkswirtschaft kann das zwei Jahre durchhalten“, so Kaschube, „aber wenn es nach drei bis sechs Monaten langsam wieder aufwärts geht, kann es zur Solidarität und Identifikation mit dem gesamtpolitischen System führen.“ Im Vergleich zu den aktuellen Herausforderungen waren jene in Folge der Finanzkrise ab 2009 weniger allumfassend. Trotzdem waren die Jahre ein Test, den die mittelständischen Unternehmen Österreichs und Tirols auf besondere Weise bestanden haben. „Das Gefühl, es gemeinsam durchzustehen, war damals im Mittelstand ganz stark. Sehr viele Unternehmen haben darauf gesetzt, ihre Mitarbeiter zu behalten. Diese Grundhaltung ist also nichts prinzipiell Neues“, spricht Kaschube das breit genutzte Angebot der Corona-Kurzarbeit an. „Der Grundgedanke, dass man zusammengehört, ist nicht nur ein sozialer, sondern auch ein sehr pragmatischer“, weist der Wirtschaftspsychologe darauf hin, dass den Unternehmen auch vor zehn Jahren bewusst war, welche

„W I E G U T E I N E GESELLSCHAF T A U F G E S T E L LT I S T, ZEIGT SICH AN IHREM UMGANG MIT JENEN, DIE NICHT SO GUT D R A U F S I N D .“ CHRISTIAN MARTE, REKTOR DES JESUITENKOLLEGS IN INNSBRUCK


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erfolgs.geschichten

„DER GRUNDGEDANKE, DASS MAN ZUSAMMENG E H Ö R T, I S T N I C H T NUR EIN SOZIALER, SONDERN AUCH EIN SEHR P R A G M AT I S C H E R .“ JÜRGEN KASCHUBE, WIRTSCHAFTSPSYCHOLOGE

entscheidende Rolle die Fachkräfte spielen – überhaupt und vor allem, wenn es wieder bergauf geht: „Es ist also einmal ein Zusammengehörigkeitsgefühl, aber auch das Gefühl, sachlich aufeinander angewiesen zu sein.“ Großunternehmen oder auf Saisonen konzentrierte Bereiche des Tourismus sind möglicherweise anders zu betrachten, doch die kleinen und mittleren Unternehmen, in denen die Bindung der Mitarbeiter zum Unternehmen stark ist, können auf etwas Positivem aufbauen. Der Coronavirus bringt vor dem Hintergrund auch einen Lackmustest für die zahlreichen Bemühungen der Unternehmen und Organisationen, die Säulen der Corporate Social Responsibility (CSR) in den unternehmerischen Alltag zu implementieren. „Lange vor dem Virus hat man sich gefragt, wie Werte der Menschlichkeit wieder in die Wirtschaft eingebaut werden können. Nach jahrelanger Kommunikationsoptimierung hat sich die Frage gestellt, wie wir die Menschen an Bord bekommen, sodass sie motiviert dabei sind“, beschreibt Reinhold Bartl die Basis, auf der in der Zeit danach eine andere Art des wirtschaftlichen Denkens wachsen könnte. Auch in dem Zusammenhang wird es eine Gratwanderung. Auf der einen Seite steht das menschlich nachvollziehbare Streben zurück zu den alten, bekannten Strukturen. Auf der anderen Seite eine andere Welt. „Wenn es gelänge, dem Denken Zeit zu geben und zu fragen, wofür Wirtschaft da ist, was wir brauchen und in welcher Form, dann ist das eine Riesenchance, sich wegzubewegen von der Gewinnorientierung hin zur Sinnorientierung“, sagt Reinhold Bartl. „Auf andere zu achten, ist eine gute Strategie. Hier ergibt sich die Möglichkeit, dass etwas Positives entsteht“, sagt Jürgen Kaschube. „Zahlreiche Unternehmen werden die Chance dazu nutzen, vieles neu anzuschauen und neu aufzusetzen“, sagt Pater Marte.

KR Ulf Schmid mit Josef Mathoi, Kundenbetreuer Firmenkunden Oberland der Hypo Tirol Bank

Der Spezialist für Lebensmitteltransporte 1947 gegründet, steht Troll Transporte heute mehr denn je für hochwertige Flüssiglebensmitteltransporte in ganz Europa. 41 Lebensmitteltransporte sind eine heikle Angelegenheit. Der Transport von hochwertigen Ölen, Schokoladen, Fetten, Fruchtsaftkonzentraten, flüssiger Glucose, Zitronensäure oder Grundstoffen wie Geschmacksstoffe stellt jedoch noch höhere Ansprüche an den Transporteur als zum Beispiel Milch. Der Spezialist für derlei Spezialtransporte ist das Imster Transportunternehmen Troll. Nach höchsten Hygienestandards transportieren die hundert Spezial-Lkw die wertvollen Rohstoffe für nahezu die gesamte produzierende Lebensmittelindustrie in Europa. Bekannt sind die auffallenden Fahrzeuge nicht nur bei den namhaften Lebensmittelproduzenten, sondern auch wegen ihrer schönen Tourismusbilder aus Tirol, die die Lkw in ganz Europa zu Eyecatchern machen. 1947 gründete Felix Troll mit seinem ersten Fahrzeug aus einem Unfallwrack das Unternehmen. Er gilt als Pionier in Sachen flüssiger Lebensmitteltransporte. Ursprünglich waren Holzfässer sein Transportmittel, heute sind es modernste Mehrkammertankauflieger, beheizbar, isoliert und mit sich an Bord befindlichen Pumpanlagen ausgerüstet. Nach einem Joint Venture mit dem internationalen Transportunternehmen Wemmers in Holland brilliert die Felix Troll Transporte GmbH heute als European Player im Flüssiglebensmitteltransport. „So ein Unternehmen zu führen und die stetigen Investitionen in modernste Fahrzeuge und Techniken wären ohne Begleitung einer seriösen Bank wie der Hypo Tirol Bank nicht möglich“, erläutert Kommerzialrat Ulf Schmid, geschäftsführender Gesellschafter der Felix Troll Transport GmbH. „Wir haben seit Anbeginn das Vertrauen der Bank erhalten. Dafür sind wir dankbar und haben es umgekehrt auch nicht enttäuscht“, schätzt Schmid die Zusammenarbeit mit der Hypo Tirol Bank. PR


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EIN HALBES JAHRHUNDERT

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Die Sonnen- und Wetterschutzanlagen werden allesamt in Innsbruck gefertigt.

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Er ist ein Mann der Taten. Wenn Remo Ennemoser eine Herausforderung beschäftigt, dann fackelt er nicht lange, sondern findet eine Lösung. Wenn es sein muss, über Nacht. Zahlreiche Innovationen an Sonnen- und Wetterschutzanlagen tragen seine Handschrift und er gilt als Vorreiter etlicher Produkte, die heute Standard sind.

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1970 gegründet feiert Ennemoser Sonnen- und Wetterschutzanlagen heuer sein 50-jähriges Jubiläum. Neben qualitativ hochwertigen Eigenproduktionen hat das Innsbrucker Unternehmen dank seines erfindungsreichen Kopfes Remo Ennemoser auch zahlreiche Innovationen hervorgebracht.

Montagen der Systeme dar. „Da müssen wir schon oft mit dem Kran auffahren und mit mindestens drei Mann hoch bei der Befestigung der Anlagen vor Ort sein. Unsere Systeme sind halt nicht von der Stange, sondern maßgefertigt und hochwertig.“

T E X T : D O R I S H E LW E G

Unternehmen abgekupfert. „Die Industrie ist eigentlich unser größter Konkurrent“, gesteht Ennemoser, „mittlerweile verkauft die Industrie Fenster mit bereits integriertem Insektenschutz in einer Einheit.“ Dennoch kommt dem hohen Qualitätsanspruch und den ideenreichen Maßanfertigungen von Ennemoser-Projekten keiner so schnell nach. Qualität und individuelle Lösungen stehen nach wie vor on top der Firmenphilosophie. Neben dem hohen Qualitätsanspruch hat Remo Ennemoser auch ein Gespür für Stil und Trends. „Als ich mit dem Bau von Raffstores anfing, hat mich vor über zwanzig Jahren auch noch jeder ausgelacht, heute sind diese total in“, berichtet er.

Vor allem in den Frühjahrs- und Sommermonaten läuft die Produktion der Sonnenund Wetterschutzanlagen in der Innsbrucker Haller Straße auf Hochtouren. Gut 25 Mitarbeiter bemühen sich von der ersten Anfrage über eine professionelle Beratung und eine individuelle Planung um die Wünsche und Anliegen der Kunden. Und als Mann der Taten krempelt Remo Ennemoser hin und wieder auch selbst die Ärmel hoch und packt bei so mancher Montage selbst mit an. Der Erfindungsreichtum geht dem findigen Tüftler auch nach fünfzig Jahren im Geschäft noch nicht aus. So hat er gerade eine Lichtschachtabdeckung aus Niro kreiert, die nur feinsten Schmutz durchlässt, mit dem Auto befahrbar ist und nebenbei auch noch stylisch aussieht – wieder eine Idee, die durchaus Potential für mehr hat.

Um auf die individuellen Anforderungen der Kunden besser reagieren zu können, hat Remo Ennemoser schon früh begonnen, gewisse Produkte in Eigenregie zu bauen. 1997 kam dann die Produktion von Markisen und Außenrollos dazu, 1998 wurde die Produktion von Außenraffstores aufgenommen. „Im ersten Jahr haben wir davon fünfzehn produziert, jetzt zwischen sieben- und achttausend.“ Seit 1999 exportiert das Unternehmen auch in die Nachbarstaaten Deutschland und Italien. „tecnolux® ist ein geschützter Markenname für unsere Eigenprodukte. Der Name steht für qualitativ hochwertige, langlebige Sonnen- und Wetterschutzanlagen. Die Anforderungen an die Produkte haben sich in den letzten Jahren verändert. Windstärken haben zugenommen und es treten auch immer mehr Windwirbel auf. Als ortskundiger Anbieter haben wir für unsere Produkte zumindest eine Gewährleistung bis Windstärken von 100 km/h, generell ist das nur bis 60 km/h vorgeschrieben. Interessehalber habe ich bei manchen Kunden Wetterstationen installiert, um diese Wetterphänomene fundiert zu erkennen und auch individuelle Lösungen anzubieten“, so der Experte. Eine Herausforderung stellen oftmals auch die

In puncto Outdoor Living hat Remo Ennemoser auch eine Neuheit exklusiv auf Lager: Die neuartigen, freistehenden und speziellen Terrassen- oder Gartenüberdachungen brauchen kein Gefälle mehr und können mit flachen Dachkonstruktionen realisiert werden. Dabei ergänzen sich neueste Technik mit stylischen Materialien und Designs zu optisch ansprechenden und wetterstabilen Elementen mit dem praktischen Nebeneffekt, dafür keine Baugenehmigung zu benötigen. Besonders nachgefragt sind diese Wohnräume für den Außenbereich für Penthäuser oder in der Gastronomie. Auch Smart-Lösungen für den Außen- und Innenbereich erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Auch nach fünfzig Jahren gehen Remo Ennemoser also keineswegs die Ideen aus. Er beherrscht sein Netzwerk aus Partnern, Kunden und Lieferanten perfekt. Die Corona-Krise hat das Unternehmen derzeit auf halben Kurs gesetzt: „Wir warten schon darauf, wieder volle Fahrt aufnehmen zu können“, sagt Remo Ennemoser. Das Zuhausesein auch genießen zu können, dazu tragen unter anderem die qualitativ hochwertigen Lösungen von Ennemoser Sonnen- und Wetterschutzanlagen bei.

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n 50 Jahren sieht man, wie sich die Welt verändert. Auch klimatisch.“ Remo Ennemoser kann auf eine jahrzehntelange Erfahrung zurückblicken. Er ist fast schon eine Institution. Man kennt ihn einfach. Und sein Unternehmen. Wenn es um Sonnen- oder Wetterschutzanlagen geht, kann ihm keiner so schnell etwas vormachen. Im Jahr 1970 gründete sein Vater Ferdinand Ennemoser das Unternehmen Ennemoser Sonnen- und Wetterschutzanlagen. Remo Ennemoser stieg als Lehrling in den Betrieb ein, obwohl es anfänglich nicht ganz so seine persönliche Mission war. „Eigentlich hatte ich Programmierer gelernt und wollte in der IT Fuß fassen“, blickt Remo Ennemoser fünfzig Jahre zurück. „Ich hatte dann allerdings schnell Feuer gefangen und nach dem Tod meines Vaters 1985 die Firma komplett übernommen.“ Mit Erfolg.

ERFINDUNGSREICH

Geprägt ist die Geschichte des Unternehmens vor allem vom Innovationsgeist des findigen Unternehmers. „Wenn mich etwas beschäftigt, dann will ich auch eine Lösung dafür finden“, erklärt Remo Ennemoser und erzählt uns von so manchen schlaflosen Nächten, in denen er über Problemstellungen grübelte. „Oftmals waren es ganz persönliche Ärgernisse, die mich dann auf eine Idee brachten – zum Beispiel, dass mich das Surren der Mücken in der Nacht derart genervt hat, dass ich mich daran gemacht habe, einen Insektenschutz zu bauen. Damals wurde das belächelt, heute ist es Standard. Ein anderes Ärgernis waren zum Beispiel die schmutzigen Markisen, bis ich bei einem Italienurlaub auf einen Anbieter von Rohren stieß, die wir über die Markisen montierten. Das war die Geburtsstunde der Hülsenmarkise.“

HOHER QUALITÄTSANSPRUCH

Nicht wenige seiner Ideen wurden über die Jahre hinweg zu Erfolgsgeschichten und über kurz oder lang von den größeren FOTO: © ANDREAS FRIEDLE

EIGENPRODUKTE DER MARKE TECNOLUX

MADE IN INNSBRUCK

OUTDOOR LIVING UND SMART- LÖSUNGEN

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NACHHALTIG VERSTAUT Manchmal haben ökonomische Entscheidungen fast wie von allein positive ökologische Konsequenzen. Das Familienunternehmen „Deine Lagerbox“ hilft mit seinen Dienstleistungen bei der Einsparung jeder Menge CO2. TEXT: MARINA BERNARDI

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ast jeder hat sie, diese Dinge, die daheim eigentlich keinen Platz haben, die man aber trotzdem behält, weil man sie doch irgendwann wieder brauchen könnte. Manchmal müssen Dinge auch kurzzeitig beispielsweise aufgrund eines Umzugs andernorts untergebracht werden und viele (Einzel-)Unternehmen verfügen über keine oder zu wenig Fläche, um ihre Produkte, Kataloge oder Warenmuster im eigenen Büro oder Homeoffice zu lagern. Für sie alle und viele andere gibt es Deine Lagerbox – mit ganz kleinen Lösungen (ab 1,5 qm) bis hin zu solchen, die richtig Platz bieten (bis 12 qm) und die vielen Dingen ein kurz- oder langfristiges Zuhause geben.

Gegründet 2005 von Doris und Marcel Ostermann gibt es mittlerweile sechs Lagergebäude mit einer Gesamtfläche von 10.000 Quadratmetern, die 1.000 Lagerboxen in zehn verschiedenen Größen beherbergen. Kürzlich erst wurde ein neues Gebäude be-

zogen – noch moderner, hochwertiger … und energiebewusster. Die bestehenden Gebäude beginnt man sukzessive nachzurüsten, etwa mit energieeffizienter LED-Beleuchtung, die bei halb so viel Watt doppelt so viel Licht spendet und damit nicht nur ökologisch

„W I R N E H M E N I M J A H R B I S Z U 2 0 . 0 0 0 PA K E T E F Ü R U N S E R E M I E T E R I N E M P FA N G U N D H E L F E N D A M I T, E I N E E N O R M E A N Z A H L A N Z U S ÄT Z L I C H E N A U T O FA H R T E N E I N Z U S PA R E N .“ MARCEL OSTERMANN


DEINE LAGERBOX

sinnvoll ist. „Im Laufe der Jahre haben wir außerdem festgestellt, dass allein durch die Größe der Gebäude physikalische Abläufe stattfinden, die dabei helfen, in den Räumen ohne externes Heiz- oder Kühlsystem große Temperaturschwankungen zu vermeiden. Die Trägheit des Gebäudes vermeidet Spitzen, sodass es selbst im heißesten Sommer sehr lange braucht, bis die Temperatur im Inneren langsam ansteigt. Auf der anderen Seite muss es lang andauernde Kälteperioden geben, bis die gespeicherte Wärme wieder abgebaut wird. Auch die Luftfeuchtigkeit ist durch die Verwendung von Grobspanplatten, so genannter OSB-Platten, die auftretende Feuchtigkeit speichern und nur langsam wieder abgeben, ohne weiteres Zutun relativ konstant“, sagt Ostermann. Das ist vor allem für all jene wichtig, die hier empfindliche Güter lagern – Musikinstrumente, Farben und Lacke oder auch Schokolade. Diese De-facto-Selbstregulierung war in dieser Form tatsächlich gar nicht bewusst geplant. Dass man ob der großen Grundfläche quasi von Natur aus von der Erdwärme profitiert, hat man erst später festgestellt. Und dass Holzplatten sympathischer und langlebiger sind als oftmals zu solchen Zwecken eingesetzte Blechkonstruktionen, war für Doris und Marcel Ostermann von Beginn an klar – unabhängig von deren Zusatzwirkung. Auf Ökologie und Nachhaltigkeit zu setzen, war kein vordergründiges Ziel, doch ein Bündel unternehmerischer Entscheidungen hat dazu geführt – mehr oder minder nebenbei, was zeigt, dass man nicht immer krampfhaft nach Lösungen suchen muss, sondern sich diese oft von ganz alleine ergeben.

VON ÖKONOMIE UND ÖKOLOGIE

Fast 80 Prozent aller Mieter einer Lagerbox sind Dauermieter. „Die sind seit Jahren bei uns“, so Ostermann, der das sehr positiv sieht: „Dadurch können wir wachsen und expandieren.“ Rund ein Drittel der Mieter sind Firmenkunden. Auch das war eigentlich nicht geplant, sondern hat sich so ergeben und gleichzeitig ein neues Geschäftsfeld eröffnet. Ostermann: „Je mehr Firmenmieter wir hatten – Außendienstler, Vertriebsmitarbeiter, Handelsagenten –, desto mehr Pakete wurden zu uns geschickt. Musterkoffer zum Beispiel oder Handelsware. Mittlerweile nehmen wir im Jahr bis zu 20.000 Pakte für unsere Mieter im Empfang – vom kleinen Kuvert bis zur Palette.“ Das ist für die Mieter durchaus praktisch, wird ihnen ihr Paket doch von den Mitarbeitern direkt in FOTOS: © ANDREAS FRIEDLE

Der „Deine Lagerbox“-Firmenwagen für Einkaufsfahrten oder kleinere Lieferungen für Firmenkunden fährt mittlerweile zu 100 % elektrisch, was Sinn macht, denn die meisten Fahrten finden innerhalb des Innsbrucker Stadtgebiets statt. Getankt wird sauberer Tiroler Strom.

ihre Lagerbox gelegt und sie daraufhin per SMS verständigt. Das heißt, die Dinge, die sowieso in der Box gelagert werden würden, sind von Anfang an schon dort und müssen nicht mehr extra transportiert werden und der oft mühsame Weg zur Abholstation fällt weg, wenn man als Empfänger nicht angetroffen wird. Auf der anderen Seite ersparen sich die jeweiligen Paketzusteller weite Wege zu jedem einzelnen Empfänger, weil eben nur mehr eine Adresse für alle angefahren werden muss. „Wir helfen damit, eine enorme Anzahl an zusätzlichen Autofahrten einzusparen“, so Ostermann. Weil der Service der Paketannahme für die Firmenmieter so reibungslos funktionierte, folgte der beinahe logische, aber mit Sicherheit konsequente nächste Schritt, Pakete gegen Gebühr für sie auch zu versenden. Rund 2.000 sind es mittlerweile jährlich. Der Effekt der gesparten Autofahrten ist derselbe, außerdem hat sich ein neues ökologisch wertvolles Spielfeld aufgetan. Schon von Anfang an stehen in den Gebäuden Container zur Abfallentsorgung bereit (auch das spart individuelle Autowege zum städtischen Bauhof oder anderen Entsorgungsstellen), in denen mitunter auch noch brauchbare Verpackungsmaterialien landen, wie Kartons und Luftpolster. Diese werden in der Folge dazu verwendet, die zu versendenden Gegenstände einzupacken. Recycling vor dem Recycling also. „Waren, die unsere Kunden bekommen und die zurückgeschickt werden müssen, gehen im günstigsten Fall in derselben Verpackung wieder retour“, sagt Ostermann. Natürlich müssen manche Materialien tatsäch-

lich entsorgt werden, weil man sie nicht mehr verwerten oder die gesamte Menge gar nicht verbrauchen kann. Und natürlich werden auch neue Materialien zugekauft, bei Sonderformaten oder wenn Gegenstände besonders sensibel sind. Dennoch achtet man darauf, so viel wie möglich wiederzuverwerten. „Freilich ist das gut für die Umwelt, doch das war gar nicht unser Treiber. Es ist für uns logisch, Dinge, die noch gut sind und funktionieren, weiteroder wiederzuverwenden. Eigentlich ist das wirtschaftlicher Hausverstand. Manchmal muss man sich einfach nur trauen, Ideen auch umzusetzen.“ PR

FAMILIENFREUNDLICH Obwohl „Deine Lagerbox“ zum Gewerbe der Lageristen und damit zu einer männerdominierten Branche gehört, liegt der Frauenanteil im Unternehmen bei 75 Prozent. Die Arbeitszeiten sind flexibel, es gibt hauptsächlich Teilzeitjobs, weshalb die Arbeit prädestiniert ist für Mütter. „Wir brauchen keine Vollzeitkräfte“, sagt Marcel Ostermann. „Unser Hauptgeschäft läuft vormittags. Aus diesem Bedürfnis ist der hohe Frauenanteil entwachsen. Es ist eine Win-win-Situation.“ Die Anschaffung einer so genannten Elektroameise, eines elektrischen Hubwagens, hilft, auch schwerere körperliche Arbeiten gut bewältigen zu können. Mit der zusätzlichen Umstellung des Firmenwagens auf ein E-Auto fährt die „Fahrzeugflotte“ des Unternehmens nun zu 100 Prozent elektrisch. www.deinelagerbox.at

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FRAGEN DER VERHÄLTNISMÄSSIGKEIT

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Verwaltungsjurist Peter Bußjäger ist Experte für das Epidemiegesetz und dessen Grenzen. Was aus rechtlicher Sicht noch alles möglich ist und warum die gesetzten Maßnahmen sobald wie möglich auf das unbedingt Notwendige zurückgefahren werden müssen, erläutert der Experte im Interview. INTERVIEW: MARIAN KRÖLL

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, verkündete DDR-Staatschef Walter Ulbricht einst unmittelbar vor dem Mauerbau. Ausgangssperren wurden angesichts der Coronavirus-Pandemie von der Regierung noch als „Fake News“ abgetan und sind kurz darauf de facto gekommen. Wann ist laut Epidemiegesetz das Ende der Fahnenstange erreicht, was weitere Maßnahmen und Grundrechtseingriffe betrifft? PETER BUSSJÄGER: Grundsätzlich gilt: Je größer eine Bedrohung, umso größer das öffentliche Interesse, umso stärkere Grundrechtseingriffe sind erlaubt. In der Praxis ist das jedoch nicht immer leicht zu klären, vor allem dann nicht, wenn es unterschiedliche ExpertInnenmeinungen gibt. Man wird aber davon ausgehen können, dass Grundrechtseingriffe wie Einschränkungen

E C O. N OVA :

der Bewegungsfreiheit dann nicht (mehr) erlaubt sind, wenn die ExpertInnen zur Auffassung gelangen, dass sie in dieser Form nicht mehr erforderlich sind oder dass sie keinen weiteren Schutz mehr garantieren, weil das Virus sich etwa nicht mehr einbremsen ließe.

„W E N N E I N E REGIERUNG ES N I C H T V O L L S TÄ N D I G V E R S E M M E LT, I S T DIE UNTERSTÜTZUNG DURCH DIE BEVÖLKERUNG M E I S T E N S G R O S S .“ PETER BUSSJÄGER

Wurde das Epidemiegesetz 1913 aus einem konkreten Anlass erlassen? Gelangte es später während der Spanischen Grippe erstmalig zur Anwendung? Der konkrete Anlass ist mir unbekannt. Während der Spanischen Grippe gelangte das Gesetz meines Wissens nicht zur Anwendung, weil man viel zu spät reagierte.   Ist es heute und in der aktuellen Situation noch ein vollumfänglich taugliches Instrument? Dass es kein ganz optimales Instrument ist, sieht man ja daran, dass das Parlament das COVID-19-Maßnahmengesetz beschließen musste und darin besondere Instrumentarien vorgesehen hat. Aber von der Struktur her funktioniert es ganz gut.   Welche Bestandteile müsste man aus Ihrer Sicht gegebenenfalls modifizieren und


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ergänzen, um zu einem zeitgemäßen Epidemiegesetz zu gelangen? Die Entschädigungsregelungen gehen sichtlich davon aus, dass es nur einzelne Betriebe gibt, die betroffen sind. Was aber, wenn ganze Wirtschaftszweige geschlossen werden? Deshalb hat der Gesetzgeber auch das COVID-19-Maßnahmengesetz erlassen. Dann kommen auch noch einige Unklarheiten im Vollzug dazu: Was ist beispielsweise mit „Veranstaltungen“ gemeint, die untersagt werden können? Ist Schifahren auf der Piste eine „Veranstaltung“?

Wenn jetzt weitreichende Maßnahmen beschlossen werden, die den Behörden große Handlungsspielräume zulasten bürgerlicher Freiheiten und Grundrechte einräumen, ist dann garantiert, dass nach dem Anlassfall der Status quo ante automatisch wiederhergestellt wird? Oder anders formuliert: Kriegen wir danach die Zahnpasta so einfach wieder zurück in die Tube? Man wird danach trachten müssen, dass die Maßnahmen sobald wie möglich auf das unbedingt Notwendige zurückgefahren werden. Immerhin steht der Weg an den Verfassungsgerichtshof (VfGH) offen, der die Frage der Verhältnismäßigkeit der getroffenen Maßnahmen prüfen würde. Ein bisschen was wird aber schon zurückbleiben, etwa wenn die Exekutive sieht, was man alles Nützliches mit Handydaten anfangen kann. Da wird noch das eine oder andere auf den VfGH zukommen. Ist derzeit so etwas wie ein österreichischer „Rally ’round the flag effect“*) zu beobachten? Jedenfalls, aber das ist in Krisensituationen häufig so. Wenn eine Regierung es nicht vollständig versemmelt, ist die Unterstützung durch die Bevölkerung meistens groß.   Netzbetreiber liefern aus Eigeninitiative Bewegungsdaten an die Regierung. Ist das gesetzlich in irgendeiner Form gedeckt? Ich habe da meine Bedenken. Im Telekommunikationsgesetz habe ich dafür keine Grundlage gefunden.

Wäre eine weitergehende Überwachung von Bürgern via Smartphone vom Gesetz gedeckt? Meines Erachtens nicht. Wenn, dann müsste man eine schaffen und die Verfassungskonformität einer derartigen Regelung wäre dennoch zu hinterfragen. Es geht immer um die Verhältnismäßigkeit: Wie groß ist die Gefahr, dass sich beispielsweise eine isolierte Person nicht an die Quarantäne hält, und gibt es nicht auch andere, gelindere Mittel?

„JE GRÖSSER EINE BEDROHUNG, UMSO GRÖSSER DAS ÖFFENTLICHE INTERESSE, U M S O S TÄ R K E R E GRUNDRECHTSEINGRIFFE S I N D E R L A U B T.“ PETER BUSSJÄGER

Sollte es in absehbarer Zeit einen Impfstoff gegen dieses Coronavirus geben, könnte man dessen Verabreichung gesetzlich anordnen oder bräuchte es dazu ein eigenes Impfpflichtgesetz? Ja, dazu müsste eine gesetzliche Grundlage geschaffen werden. Eines eigenen Impfpfllichtgesetzes bedarf es nicht, aber zumindest einer gesetzlichen Grundlage im Epidemiegesetz oder woanders.   Hielten Sie ein europäisches Pandemiegesetz bzw. eine Richtlinie für sinnvoll, nachdem sich die EU in dieser Krise vor allem im Gesundheitsbereich leider eher als Schönwetterverein entpuppt hat? Na ja, die EU hat halt auch nicht die entsprechenden Kompetenzen zur Verfügung, weiß nicht, wer welche Spitäler hat, wie viele Spitalsbetten es gibt. Ich finde die jetzige Kompetenzverteilung nicht so schlecht. Die Katastrophenbekämpfung soll auf der mitgliedsstaatlichen Ebene erfolgen. Am ehesten wären unterstützende Kompetenzen auf EU-Ebene sinnvoll, also beispielsweise die Sicherstellung, dass medizinische Güter transportiert werden.   Haben die Beherbergungsbetriebe im Quarantänebereich, die derzeit öffentlich in der Kritik stehen, einen Rechtsanspruch auf finanzielle Entschädigung? Jene, die gemäß § 20 Epidemiegesetz geschlossen wurden, schon. Aber natürlich kann nur der Verdienstentgang ersetzt werden, der ihnen tatsächlich bis zu dem Zeitpunkt entstanden ist, als nicht der allgemeine Lockdown erfolgt ist. Sonst wären sie ja gegenüber anderen Gewerbebetrieben unsachlich privilegiert.   Wer trägt die Verantwortung, sollte sich herausstellen, dass behördlich zu spät auf etwaige Infektionsfälle reagiert wur-

de? Der Bund, das Land, die Bezirksbehörde? Es kommt darauf an: Die rechtliche Verantwortung trägt im Rahmen der Amtshaftung der Bund, weil sämtliche vollzogenen Rechtsvorschriften, der sogenannten mittelbaren Bundesverwaltung zuzuordnen sind. Er ist Dritten gegenüber schadenersatzpflichtig. Allerdings kann der Bund auch auf Landesorgane Regress nehmen, wenn sie rechtswidrig gehandelt haben. Das setzt aber grobe Fahrlässigkeit voraus, im Einzelfall gar nicht so leicht nachzuweisen.   Wurde mit dem COVID-19-Fondsgesetz tatsächlich, wie von der Opposition kritisiert, § 32 Absatz 4 (für selbständig erwerbstätige Personen und Unternehmungen ist die Entschädigung nach dem vergleichbaren fortgeschriebenen wirtschaftlichen Einkommen zu bemessen) des Epidemiegesetzes außer Kraft gesetzt? Ja. Das sehe ich so. Haben wir die nicht nur technische, sondern auch rechtliche Möglichkeit, Parlamentssitzungen durchzuführen, für die sich die Parlamentarier nicht physisch irgendwo versammeln müssen? Nein, diese Möglichkeit besteht nicht. Die Bundesverfassung wie die Geschäftsordnung des Nationalrats gehen von physischer Anwesenheit aus.

BEGRIFF DER AUSGABE *) Rally ‘round the flag effect Der Rally-Effekt beschreibt eine kurzfristig erhöhte Unterstützung der Regierung und ihrer Politik durch die Bevölkerung in Zeiten einer internationalen Krise. Grob übersetzt „scharen sich die Leute rund um ihre Fahne“, um Einigkeit zu demonstrieren.

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„LOCKDOWN MÜSSTE ZWEI MONATE DAUERN” Manche sehnen aus guten Gründen eine möglichst rasche Lockerung des Lockdown herbei, wieder andere fordern Verschärfungen. Der Innsbrucker Quantenphysiker Hanns-Christoph Nägerl gehört zu letzterer Kategorie. Sein mit zwei anderen besorgten Naturwissenschaftlern verfasster offener Brief hat breite Resonanz gefunden und ihm Beifall genauso wie Kritik eingebracht. INTERVIEW: MARIAN KRÖLL

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ECO.NOVA: Sie haben mit zwei Kollegen aus den Naturwissenschaften einen offenen Brief an Wissenschaftsminister Heinz Faßmann gerichtet. Darin haben Sie unter anderem eine Maskenpflicht im öffentlichen Raum gefordert. Die von der Regierung gesetzten Maßnahmen würden nur halbherzig umgesetzt und eingehalten, monieren Sie. Was hat Sie zu diesem Urteil gebracht, Evidenz, persönliche Beobachtungen? HANNS-CHRISTOPH NÄGERL: Den Kollegen und mir ist unabhängig voneinander aufgefallen, dass sich viele

nicht an die Vorschläge und Vorschriften der Bundesregierung halten. Das hat man in den Medien sehen können, aber auch selber erlebt. Ich muss gestehen, ich war seit über zwei Wochen nicht mehr in der Stadt, auch in keinem Supermarkt. Wir hatten leider auch einen durch COVID-19 bedingten Todesfall in der Familie. Ohne Vorerkrankung. Das hat das Bewusstsein für die Dringlichkeit der Situation geschärft. Ich selbst habe bis vor wenigen Wochen Maßnahmen wie eine Schutzmaskenpflicht auch noch kritisch gesehen, weil ich die Argumente nicht gesehen

habe, und – wie das so oft geschehen ist – noch beschwichtigt. Es ist aber sehr sinnvoll, etwas rigidere Maßnahmen zu treffen. Ich habe in meinem privaten Umfeld auch Unternehmer und sehe deren Perspektive. Einen kurzen, aber harten Shutdown zu haben, ist aber jedenfalls besser als eine ewige Corona-Litanei.

Lassen Sie mich hier einhaken. Der extrem rigide Lockdown in Wuhan hat mehr als zwei Monate gedauert und man hatte alle Ressourcen zur Verfügung, die die


eco.wirtschaft

Wirtschaftsgroßmacht China aufzubieten hatte. Halten Sie einen derartigen Lockdown in einem demokratischen System, wie Österreich eines hat, tatsächlich für praktikabel? Ein solcher Lockdown müsste tatsächlich um die zwei Monate dauern, um alle Fälle lokalisieren zu können, um das Virus wirklich auszuhungern. Das Problem derzeit ist ja, dass viele gar nicht wissen, dass sie krank sind und dennoch das Virus weitergeben können.

Ich verstehe die epidemiologische Seite. China ist aber ein autoritärer Staat. Halten Sie dieselben Maßnahmen, die in Wuhan gesetzt wurden, bei uns trotz Ausnahmezustand für denkbar, ohne dabei das Wesen unserer Demokratie nachhaltig zu beschädigen? Das ist eine berechtigte Frage. Ich sehe das als Problem, sage aber, dass wir auch mit relativ einfachen Maßnahmen, die nicht so schmerzhaft sind, etwas erreichen können. Man könnte etwa dafür sorgen, dass Arbeitskräfte zu jeder Zeit genügend Abstand voneinander halten können und einander nicht begegnen müssen. Wenn sich alle an die Regeln halten würden, könnte man sehr wohl einen gewissen Betrieb aufrechterhalten. Das wird aber überall dort nicht gehen, wo es engen persönlichen Kontakt gibt, etwa beim Friseur. Eine ganz einfache und effektive Maßnahme ist das konsequente Tragen einer Schutzmaske. Schutzmasken der Typen FFP2 und FFP3 sind am Markt derzeit kaum zu bekommen und erst recht nicht in riesigen Mengen. Selbst das Krankenhauspersonal hat nicht genügend davon, und diesem sollten diese Masken wohl vorerst vorbehalten sein. Natürlich. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis diese zur Verfügung stehen und die Allgemeinheit gewissermaßen aufrüsten kann. Es wäre auch schon hilfreich, wenn Securitys in den Supermärkten darauf achten würden, dass die Abstände eingehalten werden. Mir wurde berichtet, dass Leute in der Reihe stehen und sich manche einfach dazwischen hineindrängen.

Man hat in den Medien gut besuchte Supermärkte gesehen, aus eigener Erfahrung beim Einkauf kann ich das aber nicht bestätigen, sondern habe eher den Eindruck, dass alles sehr ruhig, rücksichtsvoll und diszipliniert abläuft. Wie soll in der Praxis ein Security Verstöße gegen die Abstandsregelung sanktionieren? Ist es nicht wichtiger, dass ein allgemeines FOTO: © DIE FOTOGRAFEN

„ES IST SEHR SINNVOLL, E T WA S R I G I D E R E M A S S N A H M E N Z U T R E F F E N .“ QUANTENPHYSIKER HANNS-CHRISTOPH NÄGERL

Bewusstsein dafür entsteht, dass man durch rücksichtsloses Verhalten andere und sich selbst gefährden kann? Und war es nicht kontraproduktiv, dass die Regierung in den vergangenen Wochen immer wieder betont hat, Schutzmasken in der Öffentlichkeit für alle würden nichts bringen? Das ist eben leider falsch. Ich habe einen Artikel mit einem der führenden Virologen Chinas aus dem Science-Magazine gelesen, in welchem der Virologe ganz klar sagt, dass es einer der großen Fehler Europas sei, dass im öffentlichen Raum keine Masken getragen werden. Dieser Meinung schließe ich mich mit meinen Kollegen an. Und man muss schauen, dass sich die Leute auch daran halten. Und gewisse Verschärfungen überlegen, etwa dass Leute nur einzeln ins Freie gehen dürfen, außer sie begleiten Behinderte, ältere Leute oder Kinder. Damit nicht diese Tricksereien passieren und Leute sich treffen und zusammen spazieren gehen. Es ist nicht gut zu kontrollieren, wer aus einem gemeinsamen Haushalt kommt. Ich finde, da könnte man noch ein bisschen nachschärfen. Ich sehe immer wieder, dass sich Leute gegenseitig besuchen, die sich eigentlich nicht besuchen sollten. Das muss man einfach unterbinden. Eine Kombination verschiedener Maßnahme halte ich für sehr sinnvoll: Schutzmasken zu tragen und noch mehr darauf zu achten, dass wir noch mehr Distanz halten und nicht dorthin zu gehen, wo mehrere Menschen sind. Dann kann man auch anderen wieder erlauben, ihre Betriebe wieder zu öffnen, wenn diese Maßnahmen dort eingehalten werden können.

Als Physiker haben Sie das fachliche Rüstzeug, um epidemiologische Simulationen anzustellen, auch wenn viele Variablen noch mit Unsicherheiten behaftet sind. Haben Sie das gemacht? Mein Wiener Kollege und Direktor des Wolfgang-Pauli-Institus, der Mathematiker Norbert J. Mauser, hat ein entsprechendes Modell entwickelt. Mein Kollege Jörg Schmiedmayer von der TU Wien hat sich auch entsprechende Gedanken gemacht. Ich musste also gar nicht selbst etwas modellieren, sondern mit Professor Mauser Rücksprache halten. Ich habe ihm gesagt, dass wir etwas tun müssen, und bin offene Türen eingerannt.

Haben Sie die Resultate dieser Simulationen noch mehr wachgerüttelt? Ja. Die Ergebnisse wurden auch bereits publiziert, unterliegen aber aus Zeitgründen, so wie alle Publikationen zum Thema, keinem Peer-Review-Verfahren. Man muss also alle Rechnungen, die angestellt werden, mit großer Vorsicht genießen, weil es viele freie Parameter gibt und gewisse Dinge schwer quantitativ abzuschätzen sind. Lange nach dem Ausbruch in China hatten Grippevergleiche Hochsaison. Die sind in letzter Zeit etwas abgeklungen. Hat man dieses neue Coronavirus in Europa allgemein unterschätzt? Auch ich war demgegenüber anfangs nicht immun und habe mir gedacht, lass es eine Grippe sein. Da habe ich meine Meinung, so wie viele andere auch, geändert. Ja, wir haben dieses Virus unterschätzt.

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DIE JOHANNITER

IMMER FÜR SIE DA, AUCH IN KRISENZEITEN Die Johanniter bieten Hilfe – helfen auch Sie mit zu helfen! schwerer Krisen nicht zu verhindern. „Unser Rettungsdienst ist selbstverständlich auch in Corona-Zeiten voll im Einsatz. Alle Rettungseinsätze werden unter erhöhten Sicherheitsbedingungen durchgeführt. Werden Patienten mit Corona-Verdacht transportiert, tragen alle Rettungsteams Schutzanzüge und die Fahrzeuge werden nach dem Transport desinfiziert“, sichert Michael Örfi, Leiter des Johanniter-Rettungsdienstes, eine durchgehende und sichere Versorgung aller Notfallpatienten zu. Mitarbeiter des Rettungsdienstes bitten um Einhaltung der Ausgangsbeschränkungen.

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usgangssperre, Ansteckungsgefahr, ungewohnte Verhaltensregeln, Versorgungsängste, Sorgen um Gesundheit und Pflege, … all dies und noch viel mehr belastet sehr viele Menschen in unserem Land seit Wochen. Und damit verbunden, besonders bei kranken und älteren Menschen, häufig auch die Frage: „Wer ist für mich da, wenn ich Unterstützung oder Hilfe in Notfällen brauche?“

PFLEGE UND BETREUUNG DAHEIM IST GESICHERT

Die Johanniter-Einsatzteams der Mobilen Pflege und Betreuung bieten auch in diesen schwierigen Zeiten jede erforderliche pflegerische und unterstützende Hilfe im Wohnbereich der betreuten Klienten. Das Spektrum der Versorgungsleistungen umfasst die Basispflege (Körperpflege, unterstützende Hilfestellung u.a.m.) sowie Aufgaben der medizinischen Hauskrankenpflege (Wundversorgung, Infusionen etc.).

„Zudem ist in diesen außergewöhnlichen Zeiten ein erhöhter Bedarf an psychologischer Unterstützung erforderlich“, berichtet Pflegedienstleiterin Carina Floiss und ergänzt: „Zwischen unseren Mitarbeitern und Klienten besteht ein großes Vertrauensverhältnis. Das fördert auch das Verständnis dafür, dass wir derzeit nur mit Mundschutz und Handschuhen arbeiten. Die Sicherheit von Klienten und Mitarbeitern hat absoluten Vorrang: Doch niemand muss befürchten, nicht in ausreichendem Umfang versorgt zu werden.“

FAHRDIENST- MITARBEITER ÜBERNEHMEN EINKAUFSSERVICE

Dringend notwendige Fahrten von Patienten zu Ärzten oder wichtigen Therapien werden vom Johanniter-Fahrdienst selbstverständlich auch in Zeiten der Corona-Krise durchgeführt. „Zusätzlich können unsere Klienten und fördernden Mitglieder einen kostenfreien Einkaufsservice während der Krisenzeit in Anspruch nehmen“, informiert Fahrdienstleiter Christoph Parigger.

NOTFÄLLE BEIM JOHANNITER - RETTUNGSDIENST IN BESTEN HÄNDEN

Gesundheitliche Notfälle (Herzinfarkt, Unfälle im Haushalt etc.), sind auch in Zeiten Einkäufe werden direkt an die Wohnungs- oder Haustüre geliefert.

SICHERHEITSMASSNAHMEN UND VERSORGUNGSQUALITÄT SIND TEUER

„Die Sicherheit unserer Klienten und Mitarbeiter hat in allen Bereichen absoluten Vorrang“, betont Johanniter-Geschäftsführer Franz Bittersam. Sorgen bereiten jedoch die entstehenden hohen Kosten. „Die Beschaffung hochwertiger Schutzausrüstungen, zusätzlicher psychologischer Betreuungsaufwand, der von der öffentlichen Hand nicht abgegolten wird, der kostenfreie Einkaufsservice, bei dem wir sämtliche Benzin- und Personalkosten übernehmen, verstärkte Mitarbeiterschulungen und noch einiges mehr sind für einen karitativ agierenden Verein eine enorme finanzielle Belastung“, so GF Bittersam. Er hofft auf die Unterstützung der Tiroler Bevölkerung. „Jede Spende trägt dazu bei, Menschen in Notlagen die Hilfen anzubieten, die dringend benötigt werden.“ PR

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UNSICHTBARE FRAUEN Caroline Criado-Perez btb Verlag, 496 Seiten, EUR 15,50 Viele Forschungserkenntnisse und daraus resultierende Produkte und Errungenschaften basieren auf zahlreichen Daten. Nur: Diese werden vielfach nicht nur von Männern gesammelt, sondern sind auch Daten über Männer, die dann verallgemeinert werden. Dass Frauen in fast allen Lebensbereichen jedoch tatsächlich anders ticken, wird dabei völlig ignoriert. Das ist ein Problem und im Bereich der Medizin mitunter lebensgefährlich. Lesen Sie dieses Buch!

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Zukunft gestalten Innovationen sind der Motor von Fortschritt und wirtschaftlichem Wachstum. Doch genau den Innovationsturbo zu zünden, stellt Unternehmen vor teils enorme Herausforderungen. „Für Unternehmen ist Innovation wichtig, um mit sich verändernden Kundenbedürfnissen Schritt zu halten und ihre Kundenorientierung zu steigern. Jeder sollte sich darüber klar sein, wo seine Stärken liegen und diese nutzen. Nur so kann er seine Ziele verfolgen“, erklärt Wirtschaftskammerpräsident Christoph Walser. „In Hinblick auf Innovation leben wir in einer wunderbaren neuen Zeit“, findet Mario Eckmaier, neuer Mastermind zum Thema „Digitalisierung“ in der Tiroler Wirtschaftskammer. „Wunderbar“ deshalb, weil Idee und Köpfchen das Kapital als Treiber von Innovationen abgelöst haben. „Für Tirol sind das großartige Aussichten, denn wir haben ganz viele großartige und kluge Köpfe in unserem Land.“ Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ruft Eckmaier auf, das bestmögliche Ökosystem für Innovation zu schaffen. „Wir müssen als Gesellschaft jungen Menschen und allen Andersdenkern den Rücken stärken und sie motivieren. Wir müssen sie hinsichtlich der rechtlichen Rahmenbedingungen unterstützen, ihren Weg gehen zu können. Und wir müssen sie mit einem bestmöglichen Ökosystem in Tirol unterstützen, damit ihre Ideen wachsen, gedeihen und prosperieren können.“ Jetzt mehr denn je!

ICH MACH MIR DIE WELT Harry Gatterer, molden Verlag 160 Seiten, EUR 22,00 Viele Menschen lassen Zukunft geschehen, so als wäre diese schon längst entschieden. Dabei beginnt Zukunft vor allem im Kopf. In seinem ersten Buch „Ich mach mir die Welt“ übersetzt Trend- und Zukunftsforscher Harry Gatterer, entgegen gängigen Zukunftsprognosen, selbst schwierige Emotionen wie Angst oder Zweifel in einen neuen Möglichkeitsraum. Dabei präsentiert er Werkzeuge und Denkanstöße, wie man die Potentiale der eigenen Zukunft erkennen kann. „Die Zukunft selbst ist zwar eine glatte Konstruktion, trotzdem steckt sie voller Möglichkeiten“, findet Gatterer

H O F F N U N G I S T D I E L E I S E S T I M M E , D I E „V I E L L E I C H T “ W I S P E R T, WÄ H R E N D D I E W E LT „ N E I N “ S C H R E I T.


GOOD NEW S O N LY !

eco.zukunft

eco.mmentar

Max Hagenbuchner, er ist selbst Teil der Generation Z, war Tiroler Landesschulsprecher und spricht heute vor Unternehmen und Verbänden über seine Generation.

N A C H H A LT I G N A C H H A LT I G Eine neue Strategie der FH Kufstein Tirol setzt Nachhaltigkeit in den Fokus und bündelt die Ambitionen der Kufsteiner Hochschule, um als Vorreiter ein Zeichen zu setzen. Schon lange arbeitete die Fachhochschule an Maßnahmen, um Aufwendungen für den Betrieb so gering wie möglich zu halten, schon alleine aus wirtschaftlichen Belangen. In der Tiefgarage gibt es außerdem eine eigene E-Tankstelle, Dienstfahrten werden – wo immer möglich – mit Elektroautos und öffentlichen Verkehrsmitteln ausgeführt. Weitere Maßnahmen entstanden durch Digitalisierungsvorhaben wie die durchgängige digitale Studierendenverwaltung oder neue Lehrmethoden wie Online-Lehrveranstaltungen, die die Anreisen zur FH einschränken und somit Zeit und Energie sparen. Mit dem Energie- & Nachhaltigkeitsmanagement wurde außerdem ein neuer Studiengang entwickelt.

GRADMESSER DER I N­F E K T I O N S­V E R B R E I­T U N G Die große Frage nach der Dunkelziffer der mit Sars-COV-2 infizierten Personen und damit nach der aktiven Ausbreitung des Virus beschäftigt derzeit verschiedene wissenschaftliche Disziplinen. Eine erfolgversprechende Möglichkeit, um einen umfassenden Überblick über die Ausbreitung der Krankheit zu erhalten, bietet die Untersuchung von Abwasserproben. Ein relevanter Teil an Infizierten, auch solche mit keinen oder milden Symptomen, scheidet nämlich das Virus über den Stuhl aus, das damit ins Abwasser gelangt. Aus den Abwasserproben können personenunabhängige Rückschlüsse auf die Verbreitung der Infektionen gezogen werden. Diesen Abwasser-epidemiologischen Ansatz verfolgt nun das Institut für Mikrobiologie sowie der Arbeitsbereich Umwelttechnik der Universität Innsbruck gemeinsam mit drei Ausgründungen der Uni – BioTreaT, Sinsoma und hydro-IT – sowie mit Arbeitsgruppen in den Niederlanden und den USA. Zurzeit wird am Standort Innsbruck energisch daran gearbeitet eine entsprechende Finanzierung aufzustellen, den Kontakt mit den Kollegen weltweit auszubauen und erste Probenahmen und Analysen durchzuführen. Die aus Abwasseruntersuchungen generierten Daten könnten eine Entscheidungsunterstützung für Gesundheitsbehörden liefern, die den Zeitpunkt und die Schwere von Interventionen (Kontaktvermeidung, Quarantänemaßnahmen, etc.) im Bereich der öffentlichen Gesundheit bestimmen müssen. Die entwickelte Methodik soll zudem in Zukunft genutzt werden, um frühzeitig vor dem Wiederauftreten des Coronavirus warnen zu können und helfen, die Wirksamkeit von Interventionen abzuschätzen.

LICHTBLICKE Die erste Krise der jungen Generation Z und was sie über sie aussagt. Die aktuelle Coronakrise ist für uns alle eine noch nie dagewesene Situation, aber für eine Gruppe ist es die allererste, die sie bewusst erlebt: Die junge Generation Z ist zwischen 1995 und 2009 geboren, die jüngsten kamen also in der globalen Finanzkrise 2008 gerade erst auf die Welt. An die Dotcom-Blase oder die Anschläge vom 11. September 2001 am Anfang dieses Jahrhunderts erinnert sich keiner mehr dieser Altersgruppe. Es ist also die erste wirklich globale Ausnahmesituation, in der sich die Jüngsten unserer Gesellschaft gerade zurechtfinden müssen. Es sind Tage, in denen laufend neue Zahlen und Maßnahmen zur Eindämmung des Virus bekannt werden, vor allem aber auch Tage, in denen besonders in digitalen Netzwerken noch mehr Spekulationen und Falschmeldungen kursierten. Zum ersten Mal muss im digitalen Alltag der Jugend bei fast allen Beiträgen kritisch hinterfragt werden: Ist das Meinung oder Angstmache und wer ist eigentlich die Quelle? Handelt es sich um eine wichtige Information, die auch verbreitet werden muss? Bei den Digital Natives ist dieses Verhalten in vielen Fällen schon deutlich besser ausgeprägt als bei älteren Generationen. Dennoch ist es für alle ein ständiges Lernen im Umgang mit der Kommunikation in Echtzeit. Wichtig ist das, weil sich mit den Chatgruppen und Social-Media-Kanälen Fake News nicht mehr von Ohr zu Ohr, sondern ähnlich dem Virus exponentiell verbreiten. Die Generation Z steht in dieser Krise in vielen Fällen für positive Lichtblicke. Schüler und Studenten schließen sich zusammen, um Risikogruppen zu unterstützen. Sie erledigen Besorgungen und Einkäufe, um den sozialen Kontakt für die Älteren auf ein Minimum zu reduzieren. Einmal mehr bestätigt sich, dass wir es mit einer wieder stärker engagierten Jugend zu tun haben. Einer Generation, die sich nicht nur stärker politisiert, um zum Beispiel gegen die Klimaerwärmung zu demonstrieren, sondern die vor allem in der Lage ist, sich in kürzester Zeit selbst zu organisieren und aktiv zu werden. Die Generation Z steht damit für mehr als Influencer, Klimaaktivisten und Mamakinder. Die jungen Menschen dieser Generation setzen sich wieder für wichtige Themen ein, haben Werte und eine genaue Vorstellung ihrer Zukunft.

MAX HAGENBUCHNER war Schulsprecher am Gymnasium in Kufstein und Tiroler Landesschulsprecher. Inzwischen zeigt er als Keynote-Speaker, wie die Generation Z tickt und was Unternehmen beachten müssen, um diese Zielgruppe als Kunden, aber auch als potenzielle Mitarbeiter für sich zu gewinnen.

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eco.mmentar

Das Co-Zeitalter All jene, die noch immer glauben, dass wir nach Eindämmung des Coronavirus wieder zu unserem bisherigen Leben zurückkehren werden, sind keine Optimisten, sondern Realitätsverweigerer. Es wird in diesem Jahrzehnt wahrscheinlich kein Leben nach, sondern eines mit Corona geben.

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in Satz, der mich geprägt hat, stammt aus dem Mund von Bruno Kreisky: „Lernen Sie Geschichte“, sagte der damalige Bundeskanzler unserer Republik 1981 zu einem Reporter. Auch wenn dieses immer wieder gern verwendete Zitat in einem anderen Kontext fiel, so ist es meiner Meinung nach eine gute Aufforderung, zuallererst in die Vergangenheit zu blicken, bevor wir uns mit der Zukunft beschäftigen. Nach dem Motto „Hinterher ist man immer gscheiter“ werden wir aus der aktuellen Situation die Zusammenhänge erst durch die Nachbetrachtung besser verstehen und daraus lernen können. Das bedeutet nicht, dass wir uns nicht schon jetzt damit auseinandersetzen sollten, wie wir in Zukunft mit den Auswirkungen umgehen können, aber es ist unsere Pflicht, die Fehler aus vorausgegangenen Krisen zu identifizieren, zu bewerten und uns die Erkenntnisse daraus zunutze zu machen.

V O N T O M S TA D L M E Y R

DIE MACHT DER VERZERRTEN WAHRNEHMUNG

Wir leben in einem Zeitalter, in dem wir von Krisen umgeben sind: Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Klimakrise und jetzt die Coronakrise in Folge des COVID-19-Impacts. Die mediale Berichterstattung dreht sich seit Jahren nur mehr um solche Ereignisse. Einerseits, weil diese uns natürlich (fast) alle betreffen, andererseits weil sich der „Bad-News-Journalism“ scheinbar endgültig durchgesetzt hat. Dass die Globalisierung ihren Anteil daran hat, ist unbestritten. Aus jedem Winkel der Erde werden wir heute laufend über Krisen und andere Kalamitäten informiert oder – besser gesagt – zugeschüttet. Unsere Empfindung stimmt vielfach nicht mehr mit der Realität überein. Wenn wir uns die nüchternen Fakten anschauen, leben wir in einer Zeit, in der vieles besser geworden ist, als wir glauben. Erstmalig in unserer Geschichte verringert sich der weltweite Anteil der von extremer Armut Betroffenen auf unter zehn Prozent und das trotz steigender Bevölkerungszahlen. Die Anzahl der Morde

und Gewaltverbrechen ist seit Jahren im Sinkflug. Immer weniger Menschen auf der Welt leiden Hunger und eher sterben wir heute an Übergewicht als an Unterernährung. Global gesehen und an Zahlen gemessen verbessert sich die Lage der Menschheit in nahezu allen Bereichen. Langsam, aber stetig. Wir haben uns jedoch längst an diese verschobene Wahrnehmung gewöhnt und auch die sozialen Medien tragen das Ihre dazu bei. Fake-News und Informationsblasen inklusive. Krisenzeiten, wie wir sie aktuell inklusive Ausgangssperren und Quarantäneverordnungen erleben, verstärken unsere Wahrnehmungsdifferenzen. Unsere individuelle Sicht auf die Dinge und die tatsächliche Realität sorgen je nach Typus für enorm breite Interpretationsspielräume. Es gibt unterschiedlichste Blickwinkel, aus denen wir Krisen betrachten können, die aufschlussreichsten liegen in der Gegenüberstellung von Vergangenheit & Zukunft, Pessimismus & Optimismus, Gefühl & Fakten. Je breiter wir unser Betrachtungsfenster öffnen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir ein Bild erzeugen, das Risiken und Chancen einer Krise zu Tage bringt. Das schützt uns vor eindimensionalen Denk- und Lösungsmustern. Denn wer nur in eine Richtung schaut oder sich ausschließlich auf das konzentriert, was er glauben will, wird entweder zum Verweigerer oder zum Verschwörungstheoretiker. Beides ist keine Option, um aus Krisen zu lernen.

KRISEN BIETEN CHANCEN FÜR DIE UNAUFGEREGTEN

Wenn wir heute von resilientem Verhalten sprechen, so meint die Soziologie nicht nur das Bewältigen von Krisen – im Sinne der Widerstands- und Regenerationsfähigkeit von Gesellschaften –, sondern auch unsere Fähigkeit, daraus zu lernen, uns an zukünftige Herausforderungen anzupassen und uns letztendlich transformieren zu können. Das Sprichwort „In der Ruhe liegt die Kraft“ ist sozusagen die triviale Übersetzung von Resilienz. In jedem Handbuch für Krisenmanagement geht es zuerst um die unaufgeregte Bewertung der Lage und die damit verbundenen Handlungsspielräume, die zur Bewältigung einer Störung dienlich sein können. Selbst unterschiedlichste Krisensituationen laufen im Regelfall fast immer ähnlich ab und bestehen aus zumindest fünf Phasen.


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Erste Phase: Verweigerung. „Es wird schon nicht so schlimm werden, wie manche behaupten. Uns wird das nicht treffen, in ein paar Wochen ist wieder Gras über die Sachen gewachsen.“ So oder ähnlich klingen erste Reaktionen auf Krisen, die gerade über uns hereinbrechen. Viele wollen es nicht wahrhaben und wer als Erster die unbequeme Wahrheit ausspricht, wird verhöhnt. Die breite Masse verweigert sich bereits bekannten Tatsachen, weil man es sich nicht vorstellen kann und will. Und selbst vernünftigere Schichten haben sich mit dieser Pandemie mit einer realistischen Einschätzung schwer getan. Ich inklusive!

Zweite Phase: Widerstand. Nach der Verweigerung folgt die kalte Dusche der Realität, die so manchen mit Zornesröte in den Widerstand treibt. Jene, für die Gewinnmaximierung an erster Stelle steht, verwehren sich gegen Eingriffe in ihren Normalmodus. Freiwillig etwas aufzugeben oder zu unterlassen, ist keine Option. Selbst unter Druck wird versucht, so lange Widerstand zu leisten, wie es möglich ist. Dritte Phase: Taktieren. Taktieren ist eine menschliche Strategie, aber häufig nur eine andere Form des Selbstbetruges, eine Art Bewältigungsstrategie unseres überforderten Egos. Auch die politisch Verantwortlichen taktieren in der Hoffnung, dass sich manches von selbst beruhigt oder erledigt. Die Gefahr liegt in den Eigeninteressen von Individuen, Gruppen und Organisationen. Je stärker diese Interessenslagen sind, desto länger wird versucht, Bestehendes aufrechtzuerhalten. Die Diskussionen über Herdenimmunität als Taktik im Vereinten Königreich haben genau in dieser Phase stattgefunden. Vierte Phase: Rückzug. Wenn die angewandten Taktiken versagen und man sich hilflos das Scheitern eingestehen muss, folgt eine Depression und somit ein Rückzug aus der Handlungsfähigkeit. Diese Phase ist sehr gefährlich und sollte tunlichst vermieden oder zumindest verkürzt werden. Diese Phase ist von Ängsten geprägt und lähmt und blockiert unser Handeln und unser kreatives Potential, in alternativen Lösungen zu denken. Im besten Fall kann man sich an anderen orientieren, die das schon hinter sich oder besser in den Griff bekommen haben – auch hier dient der britische Premier Johnson als perfektes Fallbeispiel. Fünfte Phase: Akzeptanz. Sobald wir akzeptiert haben, was die Situation mit sich bringt, und wir uns nicht mehr gegen die Folgen auflehnen, besteht die Chance auf eine Neuordnung. Evolution, wie sie im Lehrbuch steht. Altes und nicht mehr Funktionierendes loslassen, Chancen entdecken und nutzen, kreative und vor allem andere Zugänge finden, Rückbesinnung auf wesentliche Werte, Konzentration auf wirklich Wichtiges und das Sicheingestehen, Fehler gemacht zu haben, die jetzt dabei helfen (können), unsere Gesellschaft nachhaltig positiv zu verändern.

CHANCEN SEHEN UND NUTZEN

Es wird weltweit gesellschaftliche und politische Verwerfungen geben, die wir uns jetzt wahrscheinlich genauso wenig vorstellen können wie die aktuelle Situation vor einigen Wochen. Was dabei genau auf uns zukommt und wie unsere Welt mit Corona aussehen wird, weiß zum momentanen Zeitpunkt niemand genau. Aber wir können und müssen für uns nach Chancen suchen, die es uns ermöglichen, gut oder sogar besser als vorher mit Corona zu leben. Hier ein paar Überlegungen, die uns als Gesellschaft voranbringen und unsere Wirtschaft neu definieren könnten.

Je näher wir bei uns selbst sind, desto näher können wir Anderen sein. Im Moment der Abgeschiedenheit lassen wir alte Kontakte wieder aufleben, verstärken Bindungen, rücken näher zur Familie, zu Freunden und Bekannten. Im besten Fall werden wir wieder höflicher und gehen mit Konflikten respektvoller um als vorher. Unsere Empathiefähigkeit steigt, unser Zynismus tritt in den Hintergrund und eine neue Form der Wertschätzung wird sich etablieren. Vor allem gegenüber Menschen und Berufen, denen wir in der Vergangenheit kaum Aufmerksamkeit geschenkt haben. Viele Selbstverständlichkeiten werden wir fokussierter betrachten und uns öfter Fragen nach der Notwendigkeit und der Sinnhaftigkeit stellen. Unser Wertehaushalt wird ebenso ins Wanken geraten wie unser Konsumverhalten. Für einige Dinge werden wir uns wesentlich mehr Zeit nehmen und das schlechte Gewissen, das uns bisher bei unproduktiven Phasen beschlichen hat, wird vielleicht sogar einer Renaissance des Müßigganges weichen. Wir werden Entscheidungen überlegter und nachhaltiger treffen und Informationen und deren Quellen stärker hinterfragen. Alles in allem werden wir in Zukunft achtsamer sein. Mit uns. Mit anderen. Mit der Welt.

Vom Konsumieren zum Partizipieren. Im Geschäftsleben werden uns die Auswirkungen des COVID-19-Impacts zwar noch lange beschäftigen, einige Branchen und Geschäftsmodelle werden massiv beschnitten oder sogar ausgelöscht. Einseitige Modelle, die nur den Profit von einigen wenigen im Blickfeld haben, werden ebenso ins Wanken geraten wie Hersteller von billiger Massenware, die wir eigentlich nicht brauchen. Wie viel davon liegt wohl in unseren Schubladen und Kästen? Zu den Gewinnern werden sich Unternehmen zählen dürfen, die sich mit ihren Geschäftsmodellen auch dem Wohl des Konsumenten, der Umwelt und der Nachhaltigkeit verschreiben oder bereits verschrieben haben. Produkte und Dienstleistungen, die Sinn machen, werden im Vordergrund stehen, und wer es nicht schafft, sich auf den Wertehaushalt seiner Kunden einzustellen, wird in der Bedeutungslosigkeit versinken. Offenheit, Ehrlichkeit und alle sonstigen Tugenden, die dazu beitragen, Vertrauen auf- und auszubauen, werden in Zukunft stärker denn je Kaufentscheidungen beeinflussen. Und jene Unternehmen und Organisationen, die es schaffen, ihre Kunden miteinzubeziehen, sie teilhaben und mitbestimmen zu lassen, werden unschlagbar werden. Mehr Stakeholder, weniger Shareholder. Mehr Transparenz, weniger Verschleierung. Mehr Miteinander, weniger gegeneinander. Nur so kann und wird ein Co-Zeitalter entstehen, wo das „Co“ stellvertretend für „Corona“, „Cooperation“ und „Commonsense“ steht. Denn nur wenn wir mit gesundem Menschenverstand und deren Werten zusammenwirken und arbeiten, kann eine für uns alle bessere Welt entstehen. Und angesichts der Diskussionen der vergangenen Jahre hinsichtlich Kapitalverteilung, Globalisierung, Konsumverhalten, Klimaschutz, Massentourismus, Datenschutz und vielen anderen aktuellen Themen muss die Frage erlaubt sein, ob uns dieses Virus nicht in eine Richtung drängt, in die wir uns ohnehin bewegen wollten. Nur halt nicht mehr so zögerlich wie bisher!

ZUR PERSON Tom Stadlmeyr ist Unternehmer, Essenzialist und Auf-den-Punkt-Bringer. Er beschäftigt sich mit dem Weglassen von Unwesentlichem. www.tomstadlmeyr.com

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© ANNA FICHTNER

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Große Sprünge Diese Krise ist kein Ende, doch sie könnte ein Anfang sein. Aber: Wir dürfen keinesfalls, wie damals in der Finanzkrise 2008, nach der kritischen Phase wieder schleichend zur alten Tagesordnung übergehen. Das ist unser aller Verantwortung.

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ird die Corona-Pandemie auch den Kampf gegen den Klimawandel dahinraffen? Einiges spricht für eine rücksichtslose Umkehr, um wirtschaftliche Stabilität wiederherzustellen und die Verluste der Krise zu kompensieren. Doch vieles auch dagegen. Klar ist: Die Auswirkungen des Shutdowns werden in einer global vernetzten Wirtschaft monumental sein. Ganze Industrien stehen an der Kippe, hunderttausende Jobs werden schlagartig weg sein und gerade auch die Selbstständigen wird es brutal treffen. Aber ich sehe auch ein positives Szenario. Denn: Die in allen Bereichen durchschlagende Systemkrise ist so heftig,

VON HANNES OFFENBACHER

D A S C O R O N AV I R U S W I R K T W I E EIN BRANDBESCHLEUNIGER FÜR E I N E G R O S S E T R A N S F O R M AT I O N U N S E R E R G E S E L L S C H A F T. dass ihre schöpferische Zerstörung bis gestern undenkbare Optionen auf die Verhandlungstische der Politik bringen wird. Das Coronavirus wirkt wie ein Brandbeschleuniger für eine große Transformation unserer Gesellschaft – die längst überfällig ist. Gleichzeitig entlarvt sie die populistische Rhetorik von Trump & Co schlagartig als nervende Hupgeräusche von Egomanen, die bei der orange blinkenden Ampel noch schnell die Kurve kratzen wollen. Diese Systemkrise bremst uns radikal ein. Sie stoppt die Wirklichkeit und lässt Monumente des Alltags zu Sand zerbröseln, die wir gestern noch unterwürfig angebetet haben. Plötzlich planen die ersten Länder eine neue Unabhängigkeit von globalen Lieferketten, die gleichsam die regionale Wertschöpfung stärken soll. Gestern noch hieß es, das sei aufgrund des globalen Wettbewerbs der Kosteneffizienz einfach nicht möglich. Die Pandemie ist wie

ein heller Scheinwerfer auf das verwundbare Netz einer globalen Wirtschaft, das bis jetzt für die meisten im Dunklen verborgen war. Und: Plötzlich bewegt sich was in den Köpfen. Die Phantasie, dass wir unsere Welt – auch zum Besseren – gestalten können, muss der zweite Virus werden, der nun um die Welt geht. Der Alltag ist tot. Das macht auch den Kopf frei und wir müssen diesen Spielraum entschlossen nutzen, um die wirklich großen Dinge anzugehen. Aber nicht mit kleinen Reformen, sondern mit großen Sprüngen. Wäre es nicht gerade die richtige Zeit für den Test eines bedingungslosen Grundeinkommens, um die vielen Menschen nicht in die schmerzende Arbeitslosigkeit, sondern den ermutigenden Zeitreichtum für Neues zu führen? Können sich die PolitikerInnen nun plötzlich rasch auf eine internationale Finanztransaktionssteuer einigen, um deren Schutzschirme und Hilfspakete nicht nur auf Lasten der Bevölkerung zu finanzieren? Vielleicht gründet und finanziert der europäische Staatenbund schon bald einen gemeinnützigen Pharmakonzern, zur Sicherstellung von Forschung und Versorgung jenseits von Profitinteressen? Es ist Zeit für eine neue Phase des echten Fortschritts. Für eine ganzheitliche Stärkung unserer Resilienz. Für ein Upgrade auf eine bessere Version unserer Gesellschaft. Denn: Globalisierung, Digitalisierung, Automatisierung und Ökologisierung werden in den nächsten Jahren noch weitere Disruptionen hervorbringen, für die unser altes System nie bereit war. Da geht was.

Diese Kolumne stammt aus dem Blog von www.schumbeta.at

ZUR PERSON Hannes Offenbacher ist seit zehn Jahren progressiver Neudenker und Botschafter für nachhaltiges Unternehmertum im deutschsprachigen Raum und provoziert mit seinen Artikeln und Vorträgen ein neues Bild von Fortschritt jenseits von kurzfristiger Gewinnmaximierung auf Kosten von Umwelt und Gesellschaft. www.offenbacher.cc


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ANPASSUNGSFÄHIG Lernen und arbeiten von daheim. Für viele Menschen ist das Arbeiten im Homeoffice aufgrund der Coronakrise eine gänzlich neue Erfahrung, für andere gehört digitales Arbeiten schon lange zum Alltag. Es ist also per se keine Neuerfindung, meist wurden die Möglichkeiten, die sich uns bieten, noch zu wenig genutzt. Die Ressourcen dazu sind vielfach vorhanden. Das zeigt sich unter anderem an der Universität Innsbruck, die ihren Lehrbetrieb aktuell weitestgehend in den Onlinebereich verlagert hat. TEXT: MARINA BERNARDI

anstaltungen werden soweit möglich mit Hilfe von digitalen Technologien durchgeführt. „Unsere lange Erfahrung mit E-Learning in zahlreichen Bereichen hilft uns, die Angebote nach und nach auszubauen. Unser Zentraler Informatikdienst leistet hier wie gewohnt hervorragende Arbeit, die Kolleginnen und Kollegen justieren technisch laufend nach und unterstützen bei Problemen“, sagt Prof. Bernhard Fügenschuh, Vizerektor für Lehre und Studierende.

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ls Anpassungsfähigkeit, auch Adaptivität oder Flexibilität, wird die Fähigkeit eines Lebewesens oder einer Gesellschaft zur Veränderung oder Selbstorganisation bezeichnet, dank der auf gewandelte äußere Umstände im Sinne einer veränderten Wechselwirkung zwischen (kollektiven) Akteuren untereinander (Assimilation) oder ihrer Umgebung gegenüber reagiert werden kann. Sagt Wikipedia, und weiter: Das Potenzial der Flexibilität liegt begründet in der Erweiterung des Aktionsraums, der die möglichen Handlungsalternativen in einer Entscheidungssituation umfasst, sowie in der Reduzierung der benötigten Zeit, einzelne Strategien und Aktionen umzusetzen und durchzuführen. Die aktuelle Situation zeigt, wie rasch wir

tatsächlich in der Lage sind, uns an veränderte Gegebenheiten anzupassen und unser Leben zumindest für einen gewissen Zeitraum neu zu justieren. Die Geschwindigkeit, mit der auf die unterschiedlichsten Arten Lösungen gefunden wurden und werden, um im beruflichen Alltag – wenn auch unter geänderten Umständen – weiterzumachen, ist beachtlich. Die Universität Innsbruck zum Beispiel hat bereits Ende Feber einen Krisenstab eingerichtet, um adäquat auf die Situation reagieren zu können. Das Ergebnis: Seit Mitte März befinden sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – und es sind derer stattliche 5.000 – im Homeoffice, der Studienbetrieb wurde mit 10. März ausschließlich auf Fernlehre, so genanntes Distance Learning, umgestellt. Die Lehrver-

Dass diese Umstellung bei rund 4.000 einzelnen Lehrveranstaltungen im Semester nicht ganz einfach ist, liegt auf der Hand. „Sehr zentral ist, wie in regulären Zeiten auch, die direkte und regelmäßige Kommunikation unserer Lehrenden mit ihren Studentinnen und Studenten. Dafür stellen wir als Universität Plattformen zur Verfügung“, erklärt Fügenschuh. So kommen unter anderem virtuelle Klassenzimmer zum Einsatz, die die interaktive Zusammenarbeit mit den Studierenden ermöglichen, weil der direkte Austausch wichtig bleibt – auch wenn dieser derzeit nicht auf dem klassischen Weg von Angesicht zu Angesicht stattfinden kann. Konstanze Zwintz ist Professorin am Institut für Astro- und Teilchenphysik und hat gute Erfahrungen mit der Fernlehre gemacht: „Das Positive ist, dass die Studierenden an Onlinevorlesungen teilnehmen und sich dabei sehr diszipliniert verhalten. Die Betreuung der Studierenden in meiner Arbeitsgruppe läuft ebenfalls super. Wir halten wöchentliche Gruppenmeetings ab, in denen wir auch darüber sprechen, wie sich die Studierenden in dieser Ausnahmesituation fühlen, welche Probleme sie haben und wie sie sich außerhalb der Uniarbeit beschäftigen. Ich finde diesen Sozialkontakt extrem wichtig und meine Arbeitsgruppe verlangt auch danach, dass wir uns online ‚treffen‘. Das bringt mich allerdings


eco.zukunft

zum Nachteil der Fernlehre: Ich habe sehr gern persönlichen Kontakt zu meinen Studierenden. In Vorlesungen im Hörsaal kann ich leichter auf deren Fragen eingehen. Ich sehe besser, ob sie dem Vortrag folgen können oder ob ich ihre Aufmerksamkeit verliere. Ich sehe sofort, ob meine Antwort auf eine Frage ausreichend war oder ob noch mehr Information notwendig ist. Das fällt online weg bzw. muss im Chat verbalisiert werden, weil ich nicht alle gleichzeitig sehen und ihre Reaktionen wahrnehmen kann.“

ZUKUNFTSMODELL E - LEARNING?

Vielfach können die Inhalte wie geplant vermittelt werden, nur eben auf andere Weise. Schwierig sind Lehrveranstaltungen wie Praktika, die eine Laborumgebung benötigen. „Das online durchzuführen, ist nahezu unmöglich. Ich höre aber von meinen Kollegen, dass sie trotzdem kreative Möglichkeiten dafür finden. Und wo es gar nicht geht, wird das Semester umgeplant. Hier ist jedoch die Grenze der Möglichkeiten der Fernlehre erreicht“, sagt Zwintz. Den Betrieb also gänzlich darauf umzustellen, ist wohl keine Option. Soll es auch nicht sein.

„GEMEINSAM, LEHRENDE UND STUDIERENDE, LERNEN WIR AL S U N I V E R S I TÄT AU S DIE S ER S I T UAT ION.“ BERNHARD FÜGENSCHUH, VIZEREKTOR FÜR LEHRE UND STUDIERENDE

Die Möglichkeiten von E-Learning werden aktuell großflächig erprobt. Das sieht auch Fügenschuh so: „Gemeinsam, Lehrende und Studierende, lernen wir als Universität aus dieser Situation. Fernlehre etwa wird nach Corona sicher vermehrt Einzug in den universitären Alltag finden, aber noch viel mehr müssen die ‚Lernergebnisse‘ wie auch unser gemeinsames Interesse an bestmöglicher Lehre noch stärker ins Zentrum des Handelns rücken.“ Für Konstanze Zwintz ist die Fernlehre eine gute Zusatzoption: „Es zeigt sich für mich, dass diese Möglichkeit eine super Alternative zur Präsenzlehre im Hörsaal ist. Dennoch ziehe ich persönlich die Präsenzlehre aufgrund des persönlichen Kontaktes vor. Was ich mir für die Zukunft vorstellen könnte, ist beides anzubieten: Das heißt, ich stehe im Hörsaal vor den Anwesenden und gleichzeitig wird die Vorlesung gestreamt oder aufgezeichnet für Studierende, die zum Beispiel aus Krankheitsgründen nicht vor Ort sein können.“ Die aktuelle Situation stellt uns vor Herausforderungen, sie zeigt uns aber auch unsere Potenziale und Möglichkeiten auf und schafft Raum für neue Ideen. Auch für die Zukunft. 

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VOLLBETRIEB IM HOMEOFFICE Bei der TIROLER VERSICHERUNG läuft für ihre gut 130.000 Kund*innen trotz Coronakrise alles seinen gewohnten Weg. Felsenfest erledigen die insgesamt 330 Mitarbeiter*innen sämtliche Angelegenheiten abseits weniger rechtlicher Einschränkungen reibungslos – ein Großteil davon vom Homeoffice aus. I N T E RV I E W : D O R I S H E LW E G

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Die Geschäftsführung, bestehend aus Dr. Walter Schieferer, Mag. Isolde Stieg und Mag. Franz Mair, wechselt sich ab, ein Mitglied ist immer in der Zentrale anwesend. Die beiden anderen Mitglieder managen die TIROLER im Homeoffice.

E C O. N OVA : In welchem Umfang hat es bei der Tiroler Versicherung Homeoffice schon vor der Corona-Krise gegeben? FRANZ MAIR: Wir forcieren die duale Struktur Homeoffice und Büro-Arbeitsplatz schon sehr lange. Direktorin Isolde Stieg war

da Pionierin, ihre Abteilung ist schon lange auf diese neuen Arbeitswelten umgestellt. Andere Bereiche haben nachgezogen. Wir waren also schon länger bereit, alle unsere Dienstleistungen und Arbeitsabläufe (auch) via Homeoffice zu erledigen. Unsere Erfah-

rung zeigt, dass zirka 25 Prozent der Arbeitszeit ein ideales zeitliches Maß für Homeoffice sind. So lassen sich Sozialkontakte und persönlicher fachlicher Austausch perfekt gewährleisten. Corona zwingt uns derzeit leider zu 100 Prozent nach Hause.


TIROLER VERSICHERUNG

Haben Sie schon vor der Anordnung durch die Regierung vorsorglich auf Homeoffice umgestellt? ISOLDE STIEG: Das war für uns schon länger Gebot der Stunde. Nicht, um Arbeitsplätze von der Zentrale in die Wohnungen zu verschieben, sondern um für die Mitarbeiter*innen und das Unternehmen maximale Flexibilität zu generieren. Die Entwicklung in Italien hat uns früh gezeigt, was Corona wohl auch für Österreich bedeuten würde. Bereits zwei Wochen vor der Anordnung durch die Regierung startete unsere IT-Abteilung mit intensiven Vorbereitungen. Das Rechnungswesen zum Beispiel ist inzwischen schon die fünfte Woche komplett im Homeoffice.

Die Tiroler Versicherung kann demnach als ein leuchtendes Beispiel dafür gesehen werden, wie ein Unternehmen mit guter Vorbereitung auch eine Krisensituation gut meistern kann. Haben Sie also schon in der Vergangenheit Krisenszenarien geübt? WALTER SCHIEFERER: Wir haben für verschiedene Krisenszenarien Pläne und spielen die auch durch. Erst vor kurzem haben wir zum Beispiel den Totalausfall des Rechenzentrums durch Zerstörung simuliert. Aber eine Krise kann man niemals „vorausdenken“. Es ist das Wesen der Krise, dass man immer von Details völlig überrascht wird. Unser Pandemieszenario war gut entwickelt – aber durch Corona haben wir viel dazugelernt und Situationen erlebt, an die wir so nicht gedacht haben.

Wie sieht der Betrieb in der Zentrale und den Kundenbüros derzeit aus? Wie viele Mitarbeiter*innen sind dort noch vor Ort und wie sehen Ihre Sicherheitsmaßnahmen aus? STIEG: In der Zentrale und in den Kundenbüros sind nur noch sehr kleine Einheiten, die alle 14 Tage wechseln. Von unseren 330 Mitarbeiter*innen arbeiten aktuell 270 im Homeoffice. Auch meine beiden Vorstandskollegen arbeiten von zu Hause. In der Zentrale und den Kundenbüros legen wir auf die bekannten Vorsichtsmaßnahmen höchsten Wert: Kontakte nur dort, wo sie unumgänglich sind, und immer nur gegen Voranmeldung und mit Sicherheitsabstand. In den Kundenbüros machen unsere Mitarbeiter*innen einen tollen Job. Als eine der wenigen hat die TIROLER die KFZ-Zulassungstätigkeiten immer aufrechterhalten. Die meisten anderen Versicherer standen erst viel später wieder zur Verfü-

gung, nach nachdrücklicher Aufforderung des Ministeriums.

270 Ihrer Mitarbeiter*innen sind im Homeoffice. Wie kann man sich die internen Kommunikationswege vorstellen? MAIR: In der ersten Phase der Krise war ganz entscheidend, die Kommunikationswege klar zu halten: Geschäftsleitung zu Führungskraft – Führungskraft berichtet ihrem Team. Dasselbe in die Gegenrichtung. Damit alle wirklich sämtliche Infos haben und Doppelgleisigkeiten vermieden werden. Das war in dieser ersten hektischen Phase extrem wichtig und hat gut funktioniert. Wir haben aber weder neue Teams noch neue Leitungsstrukturen geschaffen – das wäre auch kontraproduktiv gewesen. Jetzt im „Krisen-Normalbetrieb“, wie wir dazu sagen, stellen wir die Kommunikation wieder viel breiter auf. Es gibt regelmäßige Mails, Intranetartikel und Videobeiträge des Vorstandes an alle. Der laufende Austausch erfolgt über moderne Tools wie MS Teams.

Wie verfahren Sie mit geplanten Neueinstellungen? MAIR: Anfang April wurden planmäßig 18 neue Mitarbeiter*innen eingestellt. Deren Grundschulung wird digital organisiert. Sie absolvieren ihre Ausbildung komplett im Homeoffice.

Wie sieht die Kundenbetreuung aus? Wird alles online abgewickelt oder können diese auch noch persönlich vorbeikommen? SCHIEFERER: Persönliche Kontakte sind schon aufgrund des Pandemiegesetzes praktisch unmöglich. Die Betreuung erfolgt fast ausschließlich über Telefon oder Mail. Viele unserer Kund*innen sind im Kundenportal registriert und nützen diese Informationsmöglichkeit. Schäden werden ganz normal abgewickelt. Das ist einer der wenigen Punkte, wo es – zum Zweck der Schadenerhebung – legitim sein kann, persönlich vor Ort zu sein. Arbeiten jene, die im Homeoffice sind, auf ihren privaten Geräten, oder wurden alle mit Firmengeräten ausgestattet? SCHIEFERER: Grundsätzlich statten wir alle Mitarbeiter*innen mit mobilen Firmengeräten aus. Nur wenige mussten aufgrund der kurzen Umstellungszeit Standgeräte und Bildschirme aus dem Büro nach Hause übersiedeln. Private Geräte kamen nur in absoluten Ausnahmefällen zum Einsatz,

ENTGELTLICHE EINSCHALTUNG / FOTOS: © PRIVAT (MAIR, SCHIEFERER, STIEG), TIROLER

zum Beispiel, wenn jemand aufgrund der Entfernung zur Zentrale nicht mehr ausgestattet werden konnte.

Vor welchen Herausforderungen steht die IT? Kommt bzw. kam es zu Beginn auch zu kleineren Problemen? MAIR: Unsere IT hat einen sensationellen Job gemacht. Erstens wurden wie gesagt schon in den letzten Jahren alle technischen Voraussetzungen für perfekte Remote-Office-Welten geschaffen. Mobile Geräte allein sind zu wenig, es müssen auch die Telefonie und Software sowie alle unterstützenden Systeme auf diese Anforderung ausgerichtet werden. Nur dann kann beides – arbeiten daheim und im Büro – gleichermaßen gut funktionieren. Die Probleme waren eher individueller Natur: Der Umgang mit den neuen Möglichkeiten war für manche ungewohnt, der Platz fürs Büro daheim fehlte. Aber unsere IT hat das alles in unglaublicher Zeit mit gewaltigem Einsatz gelöst.

Wie kommen die Mitarbeiter*innen mit dem Homeoffice zurecht? STIEG: Unsere Mitarbeiter*innen sind spitze. Die Umstellungsphase war fast nicht zu spüren: Kommunizieren über Chats, telefonieren über Video. Die Freiheit der Arbeitszeiteinteilung zwischen 7 Uhr morgens und 7 Uhr abends, die Abstimmung im Team hinsichtlich Mittagspausenvertretung, die Bedienung der Telefone im Homeoffice – all das läuft, wie wenn es immer schon so gewesen wäre. Anrufer*innen erkennen nicht, ob das Telefon in Innsbruck, Inzing oder Schwaz bedient wird. Aber selbstverständlich wünschen wir uns alle bald wieder die höchstpersönliche Interaktion mit unseren Kund*innen und Arbeitskolleg*innen.

Wurde auch Kurzarbeit eingeführt? STIEG: Nein. Unser Bestreben war vom ersten Tag der Krise an, unsere Mitarbeiter*innen voll arbeitsfähig zu halten – durch entsprechende Anpassung der Organisation und Infrastruktur, durch volle Ausnützung aller technischen Möglichkeiten. Wir haben auch in der Krise eine Verantwortung unseren 130.000 Kundinnen und Kunden in Tirol gegenüber. Diese können sich darauf verlassen, dass wir unsere Dienstleistung auch jetzt zu 100 Prozent erbringen. Der direkte persönliche Kontakt ist aktuell nicht möglich, darum haben wir eben andere Wege gefunden, in jeder Hinsicht alles, was unsere Kund*innen brauchen, professionell zu erledigen.

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eco.zukunft

ANGST FRESSEN RATIO

Zeiten wie diese, in denen es mehr Fragen als Antworten gibt, sind stets ein guter Nährboden für Verschwörungstheoretiker. Auch COVID-19 gibt Anlass für teils merkwürdige Absonderlichkeiten. Aber warum ist das so?

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INTERVIEW: MARINA BERNARDI

E

s hat nicht lange gedauert, bis vor allem in den sozialen Netzwerken teils aberwitzige Verschwörungstheorien zum aktuellen Coronavirus aufgetaucht sind. „Krisenzeiten sind verschwörungstheoretische Zeiten“, bestätigt MMag. Claus Oberhauser, PhD. Er ist Hochschulprofessor für Geschichtsdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Tirol und erforscht unter anderem die gesellschaftlichen Dimensionen von Verschwörungstheorien: „Wenn Menschen Angst haben und die gängigen Erklärungsmuster nicht mehr funktionieren, dann sind Verschwörungstheorien häufig eine Antwort auf die Krise. Dies lässt sich durch historische Beispiele – etwa den Ausbruch der Französischen Revolution oder 9/11 – leicht belegen.“ Wir haben ihm (per Mail) ein paar Fragen gestellt. Glauben Menschen, die diese Theorien in die Welt setzen, tatsächlich selbst daran oder geht es ihnen – aus welchen Gründen auch immer – darum, Panik zu verbreiten oder bestimmte Menschengruppen/Staaten/Religionsgemeinschaften … zu verunglimpfen und zu diffamieren? CLAUS OBERHAUSER: Dies ist

ECO.NOVA:

eine sehr wichtige Frage: Natürlich gibt es genügend Menschen bzw. Verschwörungstheoretiker, die an ihre eigene Theorie glauben. Es lässt sich jedoch nicht ausschließen, dass Verschwörungstheorien erstens einen politischen Hintergrund haben, um bewusst einen Gegner zu destabilisieren. Zweitens richten sich Verschwörungstheorien gegen als Unterdrücker wahrgenommene Eliten oder Gruppierungen. Im Mittelpunkt steht dabei das verborgene Handeln einer Gruppe (die da oben!), der die Verschwörung etwas genutzt hat (cui bono).

Eine dieser Theorien, nämlich dass das Virus bei 25 Grad Celsius abstirbt, ist schon allein deshalb unmöglich, weil die Körpertemperatur des Menschen bei 36 Grad liegt. Warum glauben Menschen solche Theorien dennoch? In Angstsituationen ist es schwer, rational zu denken. Hierbei helfen uns im Übrigen wieder historische Beispiele: In Zeiten der Pest kam es zum Beispiel zu schweren Ausschreitungen gegenüber Juden, da man der Meinung war, dass sie Brunnen vergiften würden. Es ist in solchen Situationen wichtig, solche Meldungen nicht für bare Münze zu nehmen. Von

wem stammt die Botschaft? Über welches Medium wurde sie verbreitet? Kann dies überhaupt stimmen? Noch wichtiger als diese Kritik der Information ist das Vertrauen in echte Experten: Wer außer einem Arzt mit spezieller Fachausbildung kann etwas über das Virus verlautbaren?

ZUR PERSON Claus Oberhauser, Jahrgang 1984, studierte Geschichte sowie Geschichte und Deutsch auf Lehramt. Im Jänner 2013 schloss er sein PhD-Studium ab. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Aufklärung, Gegenaufklärung, Verschwörungstheorien, Theorie der Geschichte, Geheimgesellschaften und Kulturgeschichte; Forschungsaufenthalte in Washington, Vanves/ Paris, London, Edinburgh. Oberhauser ist außerdem Sprecher des Clusters „Politische Kommunikation“ des Forschungsschwerpunkts „Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte“ gemeinsam mit Dr. Niels Grüne.


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„IM MIT TELPUNK T MUSS STEHEN, DASS MAN SICH A U F D I E I N F O R M AT I O N E N D E S S TA AT S V E R L A S S E N K ANN. EIN MISSTR AUEN IN DIE SOGENANNTE OFFIZIELLE ERZ ÄHLUNG BRINGT UNS JETZT AL S GESELL SCHAF T NICHT WEITER UND LÖST A U C H N I C H T D I E K R I S E .“

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63 Ist die Wurzel des Übels eher beim Absender solcher wüsten Theorien zu suchen oder bei den Menschen, die sie weiterverbreiten? Eine Verschwörungstheorie kann erst wirksam werden, wenn sie verbreitet wird. Einzelmeinungen spielen in diesem Zusammenhang keine Rolle. Erst wenn mehrere Menschen beginnen, verschwörungstheoretische Botschaften zu verbreiten, wird die Geschichte gefährlich.

Verschwörungstheoretiker sind in allen Schichten der Gesellschaft zu finden. Gibt es dennoch ein Muster, das allen gemein ist? Verschwörungstheoretiker*innen erkennt man daran, dass sie bewusst versuchen, einen Zusammenhang in etwas zu sehen, den andere Menschen eben nicht wahrnehmen. In der Forschung ist man sich darüber einig, dass man es mit drei Konstanten zu tun hat: 1. Nichts ist, wie es scheint. 2. Alles ist miteinander verbunden. 3. Es gibt keine Zufälle. Das Bildungsniveau hat damit nichts zu tun, viel eher geht es um Machtverlust und Deutungshoheit.

Glauben Menschen lieber sonderliche Theorien, als auf eine Frage gar keine Antwort zu bekommen? Es ist für Menschen sehr schwierig, in Krisenzeiten Antworten zu erhalten. Demgemäß sind Verschwörungstheorien ein Sinngebungsangebot, das viele lieber annehmen, als eben keine oder eine nicht zufriedenstellende Antwort zu erhalten. Verschwörungstheorien sind immer eine Sinnsuche.

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eco.wirtschaft eco.zukunft

FAK

HÄ!

E!

Herausfordernde Zeiten verlangen nach kreativen Maßnahmen. Sonderbare Theorien sind keine davon. Eine Auswahl verschiedener Thesen über das neue Coronavirus, deren Wahrheitsgehalt wohl gegen null geht. WIRTSCHAFTSMAGNATEN

haben das Virus entwickelt, um mit Impfungen und Medikamenten PROFITE zu machen.

COVID-19 ist ein neuer VERSUCH DER AMERIKANER, der Welt zu schaden, nachdem es mit SARS nicht funktioniert hat.

Das Virus ist eine AMERIKANISCHE BIOWAFFE, um China zu schwächen. Deshalb tötet es auch fast ausschließlich Chinesen. (???)

Im Buch „THE EYES OF DARKNESS” aus den 1980er-Jahren soll die jetzige Situation genau vorhergesagt sein: in Wuhan entwickelt, freigelassen im Jahr 2020, Atemwege angegriffen … Die einzige Gemeinsamkeit zwischen Buch und Realität ist der Ort Wuhan (was mit größter Wahrscheinlichkeit ein Zufall ist). Das VIRUS WUHAN-400 im Buch befällt den Hirnstamm, löst quasi das Gehirn auf und jeder Infizierte stirbt innerhalb kürzester Zeit. Bei der Epidemie handelt es sich um ein AMERIKANISCH-JÜDISCHES KOMPLOTT, um die Weltbevölkerung zu dezimieren.

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Ein nigerianischer Priester ist davon überzeugt, eine SUPPE KÖNNE ERKRANKTE HEILEN. Auch Knoblauch wird in Afrika gerne als angebliche Medizin empfohlen. In Indien riet ein nationalistischer Hindu-Aktivist zu URIN ODER DUNG VON INDISCHEN KÜHEN als Medizin.

Ali Erhan, vom Maschinenbauer zum Geistheiler umgeschult, verbreitet die These, die Menschen in der chinesischen Stadt Wuhan seien nicht dem Coronavirus, sondern der Mikrowellenstrahlung von 30.000 5G-Funkmasten zum Opfer gefallen. 5G SEI DIE WURZEL DES BÖSEN. KEIN UNGLÜCK OHNE NOSTRADAMUS. ER SCHRIEB 1551: There will be a twin year (2020) from which will arise a queen (corona) who will come from the east (China) and who will spread a plague (virus) in the darkness of night, on a country with 7 hills (Italy) and will transform the twilight of men into dust (death), to destroy and ruin the world. It will be the end of the world economy as you know it.

Beim Teutates! Coronavirus kam schon im Band „Asterix in Italien“ von 2017 vor – in Form eines maskierten Fieslings. Als hätten es die Autoren und Zeichner schon vorhergesehen. Der Name „Coronavirus“ wird übrigens nur in der englisch- und französischsprachigen Ausgabe verwendet. Im Deutschen bekam der Bösewicht von Übersetzer Klaus Jöken den Namen „Caligarius“.

Auch Disney soll mit der Neuauflage von Rapunzel (Rapunzel – neu verföhnt) die Corona-Pandemie vorausgesagt haben: Rapunzel wird samt ihrer Haarpracht in einen Turm gesperrt – ähnlich der aktuellen Quarantänesituation. Das wirklich Aufregende – setzen Sie sich bitte hin – ist aber, dass das Königreich, in dem Rapunzel lebt, Corona heißt.

MIMIKAMA Bitte unterstützen Sie die Non-Profit-Organisation Mimikama, die über Internetmissbrauch aufklärt und Fake News aufstöbert. Die ist heute wichtiger denn je. www.mimikama.at


AUS DER REGION FÜR DIE REGION In Zeiten wie diesen sind Regionalität und Saisonalität ein Gebot der Stunde. Bewusst zu heimischer Qualität zu greifen, stärkt neben der heimischen Landwirtschaft auch die regionalen Wirtschaftskreisläufe.

A

chten Sie beim nächsten Einkauf darauf, WAS Sie kaufen und vor allem WO es herkommt. Denn sich für heimische Lebensmittel zu entscheiden, hat viele gute Gründe. Sie sind nicht nur gesund, frisch und wohlschmeckend, sondern leisten auch einen großen Beitrag für unsere Umwelt. Das Gütesiegel „Qualität Tirol“ ist das Zeichen für echte Tiroler Produkte, die zu 100 Prozent in Tirol gewachsen sind und hier veredelt wurden. Der tägliche Genuss hervorragender, regionaler Lebensmittel ist ein einfacher, aber sehr wirkungsvoller Beitrag zum Schutz unseres Lebensraumes. Regionale Wirtschaftskreisläufe werden gestärkt, die Nachhaltigkeit verbessert und so die Lebensqualität erhöht. Über 250 „Qualität Tirol“-Produkte der Tiroler Bauern und Produktionsbetriebe sind bei den Lebensmittelhändlern MPREIS, SPAR, EUROSPAR und INTERSPAR, bei HÖRTNAGL sowie im Großhandel erhältlich. PR

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eco.kommentar

Mag. Matthias Pöschl, GF Agrarmarketing Tirol GmbH

Regional einkaufen, heimische Betriebe unterstützen Gerade in Krisenzeiten zeigt sich, wie wichtig die Unabhängigkeit von Importen bzw. eine weitgehende Selbstversorgung im eigenen Land ist. Neben der Sorge um die eigene Gesundheit treten dieser Tage plötzlich die einfachsten und meist für selbstverständlich angesehenen Dinge, wie die Versorgung mit den notwendigsten Gütern des Alltags, in den Vordergrund. Allem voran die Versorgung mit Lebensmitteln. Bilder von leeren Regalen der heimischen Lebensmittelhändler machten sich im Netz breit und verursachten Unsicherheit bei vielen Konsumenten. Doch die Sorgen sind bzw. waren umsonst, denn wir sind in der glücklichen Lage, dass unsere bäuerlichen Familienbetriebe beste regionale Lebensmittel herstellen. Die Regale werden laufend nachbestückt, was zu einem großen Teil der wertvollen Arbeit unserer Tiroler Bäuerinnen und Bauern zu verdanken ist. Unterstützen wir deshalb umso mehr unsere heimischen Betriebe und kaufen, soweit es möglich ist, Produkte direkt aus der Region. Mein persönlicher Appell an alle KonsumentInnen lautet: Lasst uns auch nach der überstandenen Krise die Landwirtschaft als wichtiges Rückgrat des Landes ansehen und wenn wir im Geschäft Produkten aus aller Welt gegenüberstehen, daran denken, wer einer unser verlässlichsten Partner ist, nämlich die Tiroler Landwirtschaft und der Tiroler Lebensmittelhandel.

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eco.zukunft

„ M E I N E Ü B E R Z E U G U N G I S T, D A S S , W E N N M E N S C H E N W I R K L I C H E R M U T I G T U N D G E S TÄ R K T WERDEN, SIE ZUR WEITERENT WICKLUNG IHRES E I G E N E N M U T E S FÄ H I G S I N D .“ P I A A NDRE AT TA

WARUM ES GUT IST, MANCHMAL ANGST ZU HABEN 66

Emotionen spielen eine zentrale Rolle in unserem Leben. Sie beeinflussen alle Aspekte unseres Denkens und Verhaltens. Das tun sie quasi immer, in Zeiten wie diesen aber noch viel mehr. INTERVIEW: MARINA BERNARDI

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ituationen, die wir nur schwerlich abschätzen können, die Muster durchbrechen und unseren gewohnten Alltag stören, führen zu den verschiedensten Reaktionen. So unterschiedlich die Menschen sind, so eint sie in Krisenzeiten grosso modo eines: das Gefühl der Unsicherheit. Und teilweise auch Angst. Als Alarmzeichen-Emotion hat Angst hingegen durchaus ihre positiven Seiten. Angst ist ein grundlegendes Gefühl, das zwar oft als unangenehm empfunden wird, uns jedoch davor bewahrt, Gefahren zu ignorieren. In Zeiten der Ungewissheit veranlasst sie Menschen dazu, sich vermehrt an die (Vorsorge-) Richtlinien zu halten und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Das ist per se etwas Gutes. Schwierig wird es, wenn dazu ein Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht kommt. „Aufgrund meiner Erfahrung in Krisen- und Kriegsgebieten habe ich den Eindruck, dass sich keine Gesellschaft emotional auf Konflikte und Epidemien wie durch das Coronavirus vorbereiten kann“, sagt Notfallpsychologin Pia Andreatta von


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der Universität Innsbruck. Doch die Menschen sind in der Lage, ihr Verhalten zu adaptieren und es der veränderten Situation anzupassen. Wenn es sein muss, täglich.

ECO.NOVA: Haben Sie das Gefühl, die Angst vor dem Coronavirus ist die faktische Angst, daran zu erkranken, oder ist es eine generelle Zukunftsangst, weil wir uns in einer komplett neuen Situation befinden, deren Auswirkung wir nicht einschätzen können? PIA ANDREATTA: Zu Beginn, als sich die Coronakrise zunehmend verdeutlicht hat, war sicher die Angst zu erkranken im Vordergrund – sei es eine eigene oder die Erkrankung von Nahestehenden. Allerdings gibt es daneben eine große Gruppe, die vermutlich kaum oder wenig Angst verspürt – zumindest nicht vor dem Virus selbst. Mittlerweile kommen deutlich andere Angstthemen dazu: die wirtschaftliche Lage, der Verlust der Existenzgrundlage durch plötzlichen Einkommensverlust oder -einbußen. Auch: Wie schaffe ich den (Quarantäne-)Alltag mit Kindern? Präziser müssten wir also von zwei Arten der Angst ausgehen: den konkreten Ängsten und Sorgen wie dem Verlust von Angehörigen oder der Angst vor Infektion und einer eher unkonkreteren, also diffusen Angst: Was wird werden? In jedem Fall ist die momentane Lage augenscheinlich dazu angetan, Angst auszulösen bzw. vorhandene Ängste und Befürchtungen zu verstärken.

Wie gehen Menschen in der Regel mit solchen Ausnahmezuständen um? In Ausnahmezuständen gibt es eine große Gruppe von Menschen, die versuchen, sich bestmöglich an die neuen Bedingungen anzupassen. Problematisch ist dagegen, wenn der Ausnahmezustand zusätzlich als bedrohlich wahrgenommen wird. Dann reagieren viele meist mit der Verstärkung vorhandener Muster: Man wird ängstlicher, aggressiver, ungeduldiger, anklammernder und so weiter. Die meisten merken auch wechselnde Emotionen von Zuversicht und Hoffnung bis zu Überforderung, Angst und Unsicherheit. Jedenfalls sind die meisten von uns emotional reagibler als sonst. Im Laufe der Zeit verlieren wir meist an Flexibilität oder emotionaler „Elastizität“ und es verdeutlichen sich Belastungsmuster wie Schlafstörungen oder eine blockierte Kommunikation. Welche Rolle spielt in solchen Situationen die Kommunikation? Sprache und Kommunikation sind wichtig, wir würden FOTO: © ANDREAS FRIEDLE

sagen, sie haben Schlüsselfunktionen. Zum einen muss mit uns kommuniziert werden. Das bedeutet, seitens der Medien informiert zu werden, Updates, sachliche Information über Maßnahmen und deren Sinnhaftigkeit zu erhalten. Es soll auch klar ausgesprochen werden, dass es offene Fragen gibt, die man zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht beantworten kann. Zum anderen sollte für jeden selbst die Möglichkeit bestehen, auszusprechen zu können, was einen bewegt und beschäftigt. Nicht zuletzt braucht es eine „virusfreie“ Kommunikation über die üblichen Dinge des Alltags, die kleinen Erfolge und Ermutigungen.

„ I C H G E H E D AV O N AUS, DASS DIE ANGST ANDERER VERSTEHBARER, ERKL ÄRBARER, BERÜHRBARER, REGULIERBARER AL S D I E E I G E N E I S T.“ P I A A NDRE AT TA

Warum haben wir Angst? Angst ist in gewisser Hinsicht paradox, da sie einerseits alle Menschen in gleicher Weise erleben, auf der anderen Seite ist sie etwas sehr Individuelles – je nach biographischem Erfahrungshintergrund variiert Angst sehr stark. Die so genannte „Signalangst“, die uns im Angesicht von unmittelbaren Gefahren wie einem steilen Abgrund alarmiert bzw. so genannte „Fight-Flight-Freeze“-Reaktionen auslöst, ist evolutionär bedingt und sehr sinnvoll, weil sie uns Sicherheit suchen lässt. Andere Ängste sind psychosozial bedingt: Wer gelernt hat, dass Beziehungen zu anderen vor allem Schmerz verursachen, wird folglich größere Angst davor haben, verbindliche Beziehungen einzugehen. Wer seinen Selbstwert stark über Leistung definiert, hat größere Angst davor, wenn die eigene Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist. Die häufigsten psychischen Erkrankungen in Europa sind Angstzustände. Wann wird ein Angstgefühl pathologisch? Die einfache Antwort lautet: Dann, wenn die Kriterien der internationalen Klassifikation für psychische Erkrankungen der WHO zutreffen, und die betreffen Häufigkeit, Schweregrad und Verlauf der Angst. Ich würde hier jedoch mehr das subjektive Leiden bzw. den Leidensdruck in den Vordergrund rücken wollen. Inwieweit fühlt sich eine Person in ihrem konkreten Leben, in ihren Beziehungen, in ihrer Arbeit und in ihrem Alltag durch Angstzustände eingeschränkt? Dann heißt pathologisch weniger „krank“ (was oft Stigmatisierung befördert), sondern „leidend“. Die Erfahrung in der Praxis zeigt, dass so genannte „ungebundene“, das heißt vage, diffuse und unkonkrete Ängste die größte psychische Belastung darstellen.

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eco.tipps

eco.zukunft

HILFE GEGEN QUARANTÄNESTRESS

M A N S O L LT E S I C H IMMER WIEDER BEWUSST VOM VORHERRSCHENDEN C O R O N A -T H E M A ABLENKEN. „LESEN S I E “, R AT E N D I E EXPERTINNEN.

Dr. Pia Andreatta vom Institut für psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung der Uni Innsbruck hat gemeinsam mit Barbara Juen vom Institut für Psychologie und Karin Unterluggauer, Expertin für Psychosoziale Betreuung vom Landesrettungskommando Salzburg des Österreichischen Roten Kreuzes, ein paar Tipps für die Zeit zuhause zusammengestellt.

SICHERHEIT HERSTELLEN: Sich regelmäßig aus offiziellen Quel-

len über die aktuellen Fakten informieren, damit sich Gedanken nicht verselbstständigen können. Somit stellt man Sicherheit in einer Situation her, in der Ängste und Sorgen normal und nachvollziehbar sind.

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GEFÜHLE AKZEPTIEREN: Rasch wechselnde Emotionen sind normal in Krisensituationen. In solch gefühlsbestimmten Zeiten sollte man keine gravierenden Entscheidungen treffen.

ZIELE SETZEN: Dies gibt einem ein Gefühl der Kontrolle zurück. Die Ziele müssen realistisch sein und den Umständen angemessen. Das kann sein: neue Fertigkeiten lernen oder Arbeiten erledigen, die sonst immer liegengeblieben sind.

DARÜBER REDEN: Mit Freunden und Angehörigen die Sorgen zu teilen, hilft in Krisensituationen.

IN KONTAKT BLEIBEN: Mittels Telefon, Chats und Videotelefonie sollte man weiterhin regelmäßige soziale Kontakte pflegen. In den Gesprächen sollte man sich auch immer wieder bewusst vom vorherrschenden Corona-Thema ablenken.

HUMOR ZULASSEN: Humor kann ein starkes Mittel gegen Hoffnungslosigkeit sein, Lächeln und Lachen bringt oft Erleichterung.

AKTIV BLEIBEN: Man kann Dinge erledigen, für die man sonst nie Zeit hatte, und bewusst positive Aktivitäten durchführen wie Handarbeiten, Handwerken oder einen Film ansehen. Vergessen Sie nicht auf den körperlichen Ausgleich. Der hilft, Stress und Belastung abzubauen.

EINEN ALLTAGSRHYTHMUS BEWAHREN: Man sollte nach wie vor zu bestimmten Zeiten aufstehen, zunächst Aufgaben erledigen, um dann Freizeit zu haben, sowie zu üblichen Zeiten essen und zu Bett gehen. Das ist vor allem für Kinder wichtig. STÄRKEN STÄRKEN: Vor allem gilt es, die eigenen Stärken nicht aus den Augen zu verlieren: In Krisensituationen wird das Augenmerk gerne auf Ängste gelenkt und darauf, was gerade nicht funktioniert. Um dabei immer wieder einen Ausgleich im psychischen Befinden herzustellen, ist es notwendig, ganz bewusst das Gute, Gelingende, und Stärken in den Blick zu nehmen. Quelle: APA Science

Nehmen in unser stark von Leistung geprägten Gesellschaft Angstzustände zu? Der Zusammenhang von gesellschaftlichem Druck (z. B. durch neoliberale Verhältnisse und entgrenzte Arbeit) und der Zunahme psychischer Erkrankungen wird oft behauptet, ist de facto allerdings sehr umstritten. Eine Position dazu besagt, dass wir heute eine angebotsinduzierte Nachfrage erleben, das heißt, die psychosoziale Versorgung so gut ausgebaut ist, dass dadurch mehr Nachfrage an Behandlungen entsteht und wir mehr diagnostizieren als früher. Psychische Störungen werden demnach besser erkannt als vor zwei Jahrzehnten, die reale Häufigkeit habe aber nicht zugenommen. Das Problem mit solchen Argumentationen ist, dass sie blitzschnell zur Rechtfertigung des Bestehenden missbraucht werden, im Sinne von: Heute geht es uns so gut wie nie. Ich würde in jedem Fall sagen, dass eine Gesellschaft wie unsere, die weniger von Fremdzwängen geprägt ist und mehr in Richtung Selbstausbeutung tendiert, automatisch jenen Bereich vergrößert, in dem man versagen kann, in dem man sozusagen selbst schuld ist. Wie lassen sich Angstzustände behandeln? State of the Art ist heute eine Doppelgleisigkeit von pharmakologisch-psychiatrischer und parallel dazu laufender psychotherapeutischer sowie klinisch-psychologischer Behandlung, wobei der genaue Behandlungsplan mit Blick auf den Schweregrad, die Persönlichkeit und die psychosoziale Gesamtsituation des Patienten zu erarbeiten ist. Die Pharmakotherapie der Angst hat ihre Tücken, denn viele gut wirksame angstlösende Medikamente haben Suchtpotential. Aus unserer Erfahrung kann eine Psycho- oder psychologische Therapie sehr effektiv dabei helfen, Symptome zu reduzieren und die – oft nicht gleich sichtbaren – Hintergründe der eigenen Angst zu verstehen.


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DIE STUNDE DER HEIMISCHEN FACHKRÄFTE In Zeiten geschlossener Grenzen wird eines schnell klar: Heimische Arbeitskräfte sind gefragt. Die Firma InterWork Personalservice GmbH hat sich auf die Bereitstellung österreichischer Arbeitskräfte spezialisiert. T E X T : D O R I S H E LW E G

InterWork ist kürzlich in die neuen Räumlichkeiten in Rum gezogen.

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ährend andere Personalleasingunternehmen derzeit stöhnen, gelingt der InterWork Personalservice GmbH aktuell sogar ein zarter Aufwind. „Wir stellen nahezu jede Woche eine Handvoll inländische Mitarbeiter wieder oder neu ein. Das ist jetzt nicht berauschend, für diese besondere Krisenzeit jedoch absolut zufriedenstellend“, verrät Rainer Körber, Geschäftsführer des Unternehmens, das erst kürzlich in die Bundesstraße 25 in Rum übersiedelt ist.

LEASINGPERSONAL AUS OSTÖSTERREICH

Seit mehr als zehn Jahren ist Rainer Körber im Bereich Personalbereitstellung tätig. Er kann auf einen breiten Erfahrungsschatz auf diesem Gebiet verweisen: „Wir sind auf die Überlassung von Arbeitskräften für Bau- und Industrieunternehmen spezialisiert, aber auch für andere Bereiche offen. Viele alteingesessene Betriebe zählen zu den Kunden des Personalbereitstellers, vom Großunternehmen wie der Ortner Gruppe oder Thöni Industriebetriebe bis hin zum kleinen Handwerksbetrieb in Damüls.“ „Unser Pool aus mehreren hundert österreichischen Leasingmitarbeitern ist sofort einsatzbereit“, berichtet Körber, „unse-

Rainer Körber, Geschäftsführer der InterWork Personalservice GmbH

re Mitarbeiter sind allesamt ausgebildete Facharbeiter mit Wohnsitz in Österreich, zum großen Teil aus dem Ballungsraum Wien, aber auch aus anderen Bundesländern.“ Zahlreiche Kunden wie Elektro/ GWH-Installateure und Bau-Industrieunternehmen vertrauen auf die verlässlichen Mitarbeiter von InterWork Personalservice, die für einen vereinbarten Zeitraum in die verschiedensten Unternehmen geholt werden. Der temporäre Einsatz kann dabei von wenigen Wochen bis hin zu mehreren Monaten oder Jahren reichen. „Der große Vorteil für den Kunden ist, dass er sich eigentlich um nichts kümmern muss. Vom Recruiting über die Organisation der Anreise und Unterkunft bis hin zu An- und Abmeldung übernehmen wir sämtliche Personalangelegenheiten, unser Kunde bekommt gut ausgebildete, heimische Mitarbeiter für einen pauschal vereinbarten Stundensatz. Die Mitarbeiter arbeiten unter der Woche am Einsatzort und verbringen meistens das Wochenende in ihrem Heimatort. Durch spezielle Verträge mit den öffentlichen Verkehrspartnern und unserem Shuttleservice ist dies möglich. Natürlich ist es aufwändiger, heimische Facharbeiter zu finden“, schildert Interwork-Geschäftsführer Körber, „doch ein spezielles Recruitingsystem und die da-

zugehörige Logistik mit unseren Partnern machen es möglich.“ Körber sieht auch in der guten Ausbildung der österreichischen Arbeitskräfte einen großen Vorteil: „Neben der sofortigen Verfügbarkeit sprechen heimische Arbeitskräfte großteils unsere Sprache und fügen sich auch gut in das bestehende Mitarbeitergefüge ein. Bei einem großen Anteil an auswärtigem Leasingpersonal bauen sich oft Subkulturen auf, die sich auf die Mitarbeiterleistung nicht immer positiv auswirken“, kennt der langjährige Experte den Markt und dessen Gegebenheiten. „Motivierte und zufriedene Mitarbeiter sowie der Zusammenhalt des Teams tragen ja bekanntlich nicht unwesentlich zum Unternehmenserfolg bei. Ganz ohne ausländische Arbeitskräfte wird es nicht funktionieren – aber die Mischung macht’s“, unterstreicht Körber seine Philosophie. PR

INTERWORK PERSONALSERVICE GMBH Bundesstraße 25 6063 Rum Tel.: 0512/343060 office@interwork.co.at

www.interwork.co.at

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STANDORTAGENTUR TIROL

DIGITAL.TIROL/HILFT Tiroler Unternehmen helfen einander in der Covid-19 Krise. Unter diesem Motto hat die Initiative digital.tirol die IT-ExpertInnenplattform Tirol ins Leben gerufen. Rasche und vor allem unkomplizierte Hilfe zum Thema Homeoffice steht unter www.digital.tirol/hilft im Vordergrund. Gemeinsam mit der neuen Plattform www.wirkaufenin.tirol forciert sie Digitalisierung in Tirol gerade kräftig. T E X T : D O R I S H E LW E G

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on einem Tag auf den anderen war plötzlich alles anders. Unser wirtschaftliches und unser privates Leben haben sich in einem Maße verändert, wie wir es noch Tage davor nicht für möglich gehalten hätten. Nun müssen wir und vor allem sämtliche Tiroler Betriebe vorerst damit leben. Neue Ideen und rasches Handeln sind dabei gefragt. Dem Land Tirol und den Partnern der Initiative digital.tirol war schnell klar, dass hier heimische IT-Unternehmen den Tiroler Betrieben unter die Arme greifen sollen und entwickelten die IT-ExpertInnenplattform Tirol.

RASCHE HILFE FÜR DIE EINRICHTUNG VON HOMEOFFICE

Im Rahmen der Landesinitiative digital. tirol sind unter dem Link www.digital.tirol/ hilft bislang bereits über 80 ausgewählte IT-Unternehmen gelistet, die KMU mit ihrer Beratung und ihrem Know-how schnelle Hilfestellung leisten können. Denn aktuell verlagert sich die Arbeit zu unserem eigenen Schutz und dem unserer Nächsten zu einem großen Teil in unsere Privaträume. Fritz Fahringer, Cluster Manager IT in der Standortagentur Tirol, informiert diesbezüglich: „Beim Aufbau und Betrieb von Ho-

meoffice gibt es einiges zu beachten, von der Rechtslage über die Frage der Datensicherheit bis hin zur Auswahl der Tools und Programme. Auf www.digital.tirol/hilft finden Unternehmen Tiroler IT-ExpertInnen, die rund um das Thema Homeoffice beraten. Gerade in Sachen Datensicherheit ist höchste Vorsicht geboten, die Methoden der bösartigen Hacker werden immer dreister“, weiß der Experte.

HILFE QUALITÄTSGESICHERT

Dabei können sich die gelisteten IT-Unternehmen und ExpertInnen sofort und wei-

testgehend sogar mit einfachen und raschen Hilfestellungen den Anliegen der Unternehmen widmen. Klein- und Mittelbetriebe finden eine Übersicht und können über einen Filter sowohl einen Fachbereich auswählen und/oder eine Bezirksauswahl treffen. „Sämtliche gelistete Unternehmen wurden von uns kontaktiert. Es freut uns sehr, dass sich so viele heimische Unternehmen bereit erklären, andere Betriebe mit ihrem Wissen und Know-how zu unterstützen. Einige davon haben sogar extra Produktpakete geschnürt, einfach und unkompliziert“, so Fritz Fahringer.

„BEIM AUFBAU UND BE TRIEB VON HOMEOFFICE GIBT ES EINIGES ZU BEACHTEN, VON RECHTSL AGE ÜBER D AT E N S I C H E R H E I T B I S H I N Z U R A U S WA H L D E R T O O L S U N D P R O G R A M M E .“ FRITZ FAHRINGER, CLUSTERMANAGER IT IN DER S TA ND OR TAGEN T UR T IR OL


DIGITAL.TIROL

LANDESFÖRDERUNG FÜR HOMEOFFICE Neben dieser inhaltlichen Hilfe gibt es nun zusätzlich finanzielle Hilfe, denn das Land Tirol hat für das Errichten von Homeoffice-Arbeitsplätzen ein neues Förderangebot geschaffen. Bis zu 2.500 Euro Förderung kann ein Betrieb durch die neu geschaffene Homeoffice-Förderung als Einmalzuschuss erhalten. So soll eine professionelle Kommunikation zwischen den Arbeitsplätzen und dem Unternehmensstandort sichergestellt werden. Antragsberechtigt sind kleine und mittlere Tiroler Betriebe. Die Förderung wird als nicht rückzahlbarer Einmalzuschuss gewährt.

WIRKAUFENIN.TIROL FÜR REGIONALEN ONLINEEINKAUF

Um Einkaufen in Tirol und damit heimische Betriebe und ihre MitarbeiterInnen zu unterstützen, hat die Standortagentur Tirol www.wirkaufenin.tirol ins Leben gerufen, Wirtschaftskammer Tirol und Tiroler Tageszeitung unterstützen diese Plattform als Partner. Gebaut, um einen im Zuge der Corona-Krise verstärkten Abfluss von Kaufkraft an internationale Onlineriesen zu verhindern, listet diese unter dem Link www.wirkaufenin. tirol/meinonlineshop zudem heimische IT-Unternehmen auf, die beim Aufbau von Onlineshops beraten. „Auch für kleinere Geschäfte macht die Erstellung eines Onlineshops Sinn“, nimmt Fritz Fahringer vom Cluster IT Tirol Stellung. „Wir denken z.B. an das Spielwarengeschäft oder das Schmuckgeschäft vor Ort, die sich mit ihrem Angebot auch online präsentieren können ebenso wie an die Mode-Boutique von nebenan. Das kann aber auch die Bäckerei sein, die auf Online-Bestellung am Sonntag in der Früh die frischen Semmeln vor die Tür liefert oder der Friseurbetrieb, bei dem ich mir online meinen Termin bei meinem präferierten Friseur oder meiner präferierten Friseurin einbuchen kann. Oder man reserviert z.B. bequem online bei einem Handwerksbetrieb seines Vertrauens einen Termin für eine Badsanierung“, berichtet Fahringer und betont einen nachhaltigen, betrieblichen Mehrwert über die Zeit der aktuellen Coronakrise hinaus. PR

NEUE PLATTFORMEN

Auf diesen Plattformen und zu diesen digitalen Themen erhalten Sie als Tiroler Unternehmen rasche und unkomplizierte Hilfe:

• www.digital.tirol/hilft

speziell zu Homeoffice, Websites, IT-Security

• www.wirkaufenin.tirol/meinonlineshop Aufbau von Onlineshops

NEUE FÖRDERUNGEN • Landesförderung für Homeoffice-Arbeitsplätze: Bis zu 2.500 Euro Förderung des Landes Tirol erhalten Unternehmen für Homeoffice-Arbeitsplätze. Die Förderungsrichtlinie tritt rückwirkend mit 11. März 2020 in Kraft und ist mit 1,5 Millionen Euro dotiert. Detaillierte Richtlinien und Informationen unter:

www.tirol.gv.at/arbeit-wirtschaft/wirtschaftsfoerderung/

• Landesförderung Digi-Scheck: Das Land Tirol unterstützt zudem einkommensschwächere Familien beim Erwerb digitaler Endgeräte für den schulischen Einsatz. Detaillierte Richtlinien und Informationen unter:

www.tirol.gv.at/gesellschaft-soziales/familie/foerderungen/ tiroler-digi-scheck/

Eine Information der Plattform digital.tirol (Lebensraum Tirol Holding GmbH, WK Tirol, IV Tirol, UBIT und Standortagentur Tirol) im Rahmen der Digitalisierungsoffensive des Landes Tirol FOTOS: © STANDORTAGENTUR TIROL

eco.interview

Marcus Hofer, Geschäftsführer der Standortagentur Tirol, im Gespräch.

Digitalisierung lohnt sich auch langfristig ECO.NOVA: Welches Ziel verfolgt die Initiative digital.tirol/ hilft? MARCUS HOFER: Über Homeoffice haben zahlreiche Tiroler Unternehmen die Chance, auch während gültiger Maßnahmen zum Abflachen der COVID-19-Kurve produktiv zu bleiben. Weil viele Betriebe ad hoc umstellen mussten, war es wichtig, dass wir schnelle Hilfe anbieten. Das ist uns mit der neuen IT-ExpertInnenplattform Tirol und mit der Unterstützung von mittlerweile über 80 dort gelisteten IT-Betrieben, die Unternehmen unkompliziert zu verschiedenen Themen wie Homeoffice, Websites oder IT-Security beraten, gelungen. Vielen Dank an alle Betriebe, die helfen.

Werden sich diese Investitionen in Heimarbeitsplätze im Sinne der Digitalisierungsoffensive auch nach der Krise noch bezahlt machen? Ja, Digitalisierung lohnt sich langfristig. Wer das Thema bis jetzt vielleicht noch ein klein wenig vor sich hergeschoben hatte, kann nun aufholen oder sogar Vorsprung für die Zeit nach der Krise aufbauen. Fachkräfte fragen in den letzten Jahren vermehrt nach flexiblen Arbeitszeit- und Homeoffice-Modellen. Betriebe, die sich jetzt rüsten, profitieren von einer stärkeren Arbeitgebermarke in der Zukunft. Dazu stellt das Land Tirol jetzt auch neue Förderungen zur Verfügung und unterstützt zum Beispiel den Aufbau von Homeoffice-Arbeitsplätzen mit bis zu 2.500 Euro rückwirkend zum 11. März. Wir beraten Unternehmen dabei, diese Mittel abzuholen. Welche Ziele verfolgt die Initiative wirkaufenin.tirol? Mit der Plattform www.wirkaufenin.tirol – eine gemeinsame Initiative von Standortagentur Tirol, Wirtschaftskammer Tirol und Tiroler Tageszeitung – arbeiten wir daran, die Kaufkraft durch verstärkt regionalen Onlineeinkauf möglichst im Land zu halten. Gelistet sind dort auch heimische IT-Betriebe, die interessierte Unternehmen beim Aufbau von Onlineshops beraten. Allein innerhalb der ersten zwei Tage haben sich auf der Plattform 2.000 Tiroler Unternehmen registriert und ihre Profile freigeschaltet. Wer dort ab sofort auch online bevorzugt regional einkauft, hilft dem heimischen Handel besser durch die Krise und auch im Anschluss mit, Arbeitsplätze zu sichern.

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eco.wirtschaft

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r. Peter Kreidl von der Medizinischen Universität Innsbruck war unter anderem als Abteilungsleiter für Infektionskrankheiten, Krisenmanagement und Seuchenhygiene im Gesundheitsministerium und am Europäischen Zentrum für Seuchenprävention tätig. Wir haben mit ihm telefoniert.

ECO.NOVA: In Österreich wurden in der Vergan-

genheit immer wieder kritische Stimmen an einem „aufgeblähten“ intramuralen Bereich – sprich Krankenanstaltensektor – mit zu vielen Akutbetten laut. Erwarten Sie in Zukunft ein Verstummen dieser Kritik? PETER KREIDL: Ja, ja, das glaube ich. Wir befinden uns in einer ausgewachsenen globalen Krise und es bewährt sich, dass wir in Österreich doch über verhältnismäßig viele Betten und auch Akutbetten verfügen. Ob das genügt, werden wir sehen. Es wird aber alles getan, um die notwendigen Kapazitäten zu schaffen und freizuhalten. Es ist in dieser Krise jedenfalls gut, dass der intramurale Bereich bei uns relativ stark ist.

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Erwarten Sie Umdenkprozesse, die zu konkreten, bleibenden Änderungen in unserer Gesellschaft führen, wenn diese Pandemie erst einmal überstanden ist? Mit Sicherheit. An die wirtschaftlichen Konsequenzen, die massivst sein werden, darf man noch gar nicht denken. Es wird Änderungen im Sozialverhalten geben. Man wird sehen, wie sich die massiven Maßnahmen, die notwendig sind, auswirken, auch im Hinblick auf die Akzeptanz der Bevölkerung. Das ist ein ganz wichtiger Parameter, weil man viel mehr an Social-Distancing-Maßnahmen gar nicht mehr veranlassen kann. Je länger diese Maßnahmen anhalten, umso weniger werden sie allgemein akzeptiert werden. Zum Glück werden bereits Überlegungen angestellt, wann man diese Maßnahmen schrittweise herunterfahren kann. Das ist eine ganz wichtige Sache, weil Infektionen und Übertragungen wird es sicher über einen langen Zeitraum geben.

Wird uns der Sommer eine Verschnaufpause bescheren? Ob der Sommer einen Einfluss hat oder nicht, ist reine Spekulation. Sollte es so sein, muss man aber damit rechnen, dass im Herbst wieder eine Welle kommt. Welcher Zeitrahmen ist realistisch, bis die Pandemie abebbt? Das kann man nicht sagen. In Italien steigen die Zahlen nach wie vor. Diese Zahlen sind länderübergreifend nicht so leicht vergleichbar, weil es sehr darauf ankommt, wie viele und welche Menschen getestet werden. In Tirol gibt es mindestens fünf Labors, die einen Coronavirus-Nachweis machen können. Dafür


eco.wirtschaft

braucht es aber genügend Material und auch Personal. Länder wie Norwegen haben ihre Teststrategie schon angepasst und testen das Gesundheitspersonal engmaschig. Das ist absolut notwendig. Bei Verfügbarkeit von genügend Tests ist es zudem wichtig, sich die Durchseuchung der Population näher anzusehen. Von welcher Dunkelziffer ist auszugehen? Das kann man nicht genau sagen. Das hängt von den Testressourcen und der Teststrategie ab. Es gibt Annahmen, dass bis zu 40 Prozent der Infizierten asymptomatisch sein können, das heißt, die bemerken die Erkrankung gar nicht. Es wird außerdem angenommen, dass die Übertragbarkeit geringer ist, bevor die ersten Symptome auftreten. In der Zeit, in der man symptomatisch ist, dürfte die Übertragung am besten funktionieren. Die Dunkelziffer lässt sich aber nicht wirklich seriös abschätzen.

Was ist von den Antikörper-Schnelltests zu halten? Die sind noch nicht evaluiert und validiert. Antikörper werden bei Erkrankung generell erst nach einer gewissen Zeit gebildet. Unzuverlässige Tests in der gesamten Bevölkerung zu verwenden, ist sinnlos. Sinnvoll ist es aber sicher, sich auch beim Coronavirus des bestehenden Influenza-Surveillance-Systems* bzw. Sentinel-Systems zu bedienen. Derzeit ist es aber die oberste Priorität, eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern und die Infektionsrate zu verzögern, zumindest bis die Influenza vorbei ist. Die ist zum Glück schon im Absinken. Die zukünftige Teststrategie wird meiner Meinung nach in die Richtung gehen, nicht mehr alle zu testen, sondern sich auf das Krankenhauspersonal zu konzentrieren und jene, die Risiken für Komplikationen haben, also Ältere und Menschen mit Grunderkrankungen.

Was ist von der zumindest anfänglich vom britischen Premier Boris Johnson bevorzugten Strategie, durch eine rasche Durchseuchung der jüngeren Population bei gleichzeitiger Isolation der Älteren Herdenimmunität herzustellen, aus medizinischer Sicht zu halten? Man unterscheidet normalerweise zwischen Containment und Mitigation. Mitigation meint dabei die Reduktion des Risikos einer Katastrophe. In England wollte man anfangs, dass sich die Leute rasch immunisieren. Es gibt aber Studien, die gezeigt haben, dass das in sehr vielen Todesfällen münden würde. Daraufhin hat man die Strategie geändert.

WAS MAN NOCH NICHT SAGEN KANN In Bezug auf die Pandemie gibt es noch viele Dinge, die ungewiss sind. Auch in medizinischer HInsicht. Wir werden manche soziale Gepflogenheit überdenken müssen, meint Seuchenexperte Peter Kreidl. Und kollektiv einen langen Atem brauchen. INTERVIEW & FOTO: MARIAN KRÖLL

„V I E L M E H R A N S O C I A L - D I S TA N C I N G MASSNAHMEN K ANN MAN GAR NICHT MEHR VERANL ASSEN. JE L ÄNGER DIESE MASSNAHMEN A N H A LT E N , U M S O WENIGER WERDEN SIE ALLGEMEIN AKZEP TIERT W E R D E N .“ PETER KREIDL

Heißt das, dass das, was derzeit in den meisten Ländern und auch hierzulande gemacht wird, ohne gangbare Alternative ist? Ja. Das, was gemacht wird, ist das Einzige, was man derzeit vernünftigerweise tun kann.

Wird es bei diesem Coronavirus bei ausreichend hoher Durchseuchung zu einer Herdenimmunität kommen? Das kann man noch nicht sagen. Prinzipiell gibt es bei von Mensch zu Mensch übertragbaren Krankheiten Herdenimmunität, weil das Risiko sinkt, dass jemand, der infektiös ist, auf jemanden trifft, der noch empfänglich ist. Je mehr Leute immun sind, desto langsamer verbreitet sich das Virus. Wie lange eine etwaige Immunität anhält, kann man auch noch nicht sagen. Dafür dauert die Pandemie noch viel zu kurz. Man weiß auch noch nicht, wie schnell sich das Virus verändert.

Sind Kinder – wie es oft heißt – tatsächlich „Virenschleudern“? Bei vielen Infektionskrankheiten spricht man umgangssprachlich von Kinderkrankheiten, weil Kinder die Motoren der Verbreitung sind. Bei diesem Virus ist das wahrscheinlich nicht so und Kinder spielen in der Übertragung nur eine ganz geringe Rolle. Es scheint so zu sein, dass die Kinder das Coronavirus eher von den Eltern bekommen als umgekehrt, und auch für Schwangere gibt es kein erhöhtes Risiko.

Es galt unter Medizinern als abgemacht, dass irgendwann eine Pandemie kommen würde. Nur über Zeitpunkt und Ausmaß konnte man nichts wissen. Wie kann man sich als Gesellschaft für ein solches Elementarereignis wappnen? Wirklich wappnen kann man sich nicht. Man wird über manche soziale Gepflogenheit nachdenken müssen, etwa darüber, das Händeschütteln überhaupt sein zu lassen. Das absolut Wichtigste ist es, die Akzeptanz der Bevölkerung zu haben, wenn man diese Ereignisse eindämmen will. Ganz furchtbar wäre es, wenn eine Panik ausbräche und niemand mehr irgendjemandem etwas glaubt. Fake News sind ohnehin jetzt schon ein großes Problem. Es ist schwierig und zeitaufwändig, leichtfertig aufgestellte Behauptungen zu widerlegen. Panik ist um jeden Preis zu vermeiden. Koordinierte und transparente Information ist in diesen Zeiten besonders wichtig. *) Die Überwachung der Influenzasituation erfolgt in Österreich über das so genannte Influenza-Surveillance-System (surveillance = Überwachung). Erfasst werden dabei klinische und virologische Daten sowie Labormeldungen von Influenzavirusnachweisen weiterer fünf virologischer Laboratorien.

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eco.zukunft

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DIE NADEL IM HEUHAUFEN FINDEN Forschung ist etwas, das in der breiten Masse erst seinen Platz finden muss. Vor allem mit Grundlagenforschung können viele nicht wirklich etwas anfangen. Zu abstrakt, zu weit weg. Viele halten sie für sinnlos und zu teuer, weil sie oft kein konkretes, sichtbares „Ergebnis“ bringt. Doch: ohne Grundlage keine Anwendung. Mit dem Auftreten des neuartigen Conoravirus hat es auch die Bevölkerung mit einem neuen Wirk- und Impfstoff plötzlich eilig. REDAKTION: MARINA BERNARDI


eco.zukunft

CORONAVIREN Coronaviren (Coronaviridae) sind eine Virusfamilie und damit ein Überbegriff für ganz viele verschiedene Viren. Ihren Namen haben sie aufgrund ihrer Form bekommen. Corona ist lateinisch für Kranz oder Krone. Die ersten Coronaviren wurden bereits Mitte der 1960er-Jahre beschrieben. Sie verursachen bei verschiedenen Wirbeltieren wie Säugetieren, Vögeln oder Fischen sehr unterschiedliche Erkrankungen. Da die Viren genetisch hochvariabel sind, können sie die so genannte Artenbarriere überwinden, also auch Menschen infizieren. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Zoonosen, also Infektionskrankheiten, die von Tier zu Mensch (und umgekehrt) übertragen werden können. So geschehen zum Beispiel bei der Pandemie 2002/03. Dieses spezielle Coronavirus bekam den Namen SARS-CoV (Severe acute respiratory syndromerelated coronavirus), manchmal als SARS-CoV-1 bezeichnet, und war Verursacher des schweren akuten Atemwegsyndroms. 2012 ist der „Middle East respiratory syndrome coronavirus“ (MERSCoV) neu aufgetreten. Auch die von der chinesischen Stadt Wuhan ausgegangene aktuelle Pandemie wird auf ein bis dahin unbekanntes Coronavirus zurückgeführt. Das Virus heißt SARS-CoV-2 (zu Beginn 2019-nCoV) und verursacht die Krankheit COVID-19 (coronavirus disease 2019 – CoronavirusKrankheit 2019). Im Zuge der aktuellen Krise vom „Coronavirus“ zu sprechen, ist folglich etwas unscharf.

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s ist in der Forschung das Gleiche wie in allen anderen (wirtschaftlichen) Fragen: Es braucht das grundlegende Verständnis eines Sachverhalts, um entsprechende Antworten darauf und Lösungen dafür zu finden. Grundlagenforschung und angewandte Forschung sind deshalb kein Gegensatzpaar, sondern bedingen einander. Letztlich geht es in der Forschung fast immer um die Betretung von Neuland, nur die Ausgangslage ist meist eine differente. In einem Fall handelt es sich um eine konkrete Fragestellung zur Lösung eines angewandten Problems, im anderen um die Fortführung des allgemeinen Erkenntnisgewinns über

Mensch und Natur. COVID-19 zeigt uns einmal mehr die Wichtigkeit und Dringlichkeit der Forschung. Innerhalb kürzester Zeit haben sich weltweit zahlreiche Teams gebildet, um einen Wirk- und Impfstoff gegen das so genannte SARS-CoV-2 zu finden. Auch in Österreich wird am Thema gearbeitet. Die Universität Innsbruck ist etwa gerade dabei, ein neuartiges Corona-Testverfahren zu entwickeln. Mit ersten Erfolgen. Uniprofessor Dr. Michael Traugott konnte mit dem neuen Verfahren seiner Spin-offFirma Sinsoma GmbH zusammen mit den Instituten für Zoologie und für Mikrobiologie der Universität Innsbruck bereits erste Machbarkeitstests durchlaufen.

FORSCHEN FÜR DIE GESUNDHEIT Letztlich ist der Kampf gegen COVID-19 vor allem ein Wettlauf gegen die Zeit, weil die Krankheit wohl kaum mehr zu stoppen sein wird und wir erst dann wieder auf sicheren Boden gelangen, wenn es ein Medikament oder noch besser einen Impfstoff dafür gibt. Bisherige Prozesse, wie die Suche nach einem effizienten Medikament oder die Produktion von reinen Impfstoffen in sehr großen Mengen, müssen deshalb beschleunigt, optimiert und zum Teil neu gedacht werden. Da sich das Virus laufend verändert, sind neue Erkennungsverfahren vonnöten, die – bei erfolgreicher Impfstoff- oder Medikamentenentwicklung – sofort anzeigen, welche Medikamente gegen die jeweilige Mutation des Virus wirksam sind und welche nicht. Eine Maßnahme, die auch bei anderen Virenklassen von größter Wichtigkeit sein wird. Österreichische Forscher des Austrian Centre of Industrial Biotechnology (acib), der Universität Innsbruck und der BOKU Wien entwickeln derzeit eine neue Plattformtechnologie, mit der die Pharmaindustrie sowohl die Suche und mögliche Produktion potenzieller SARS-CoV-2-Wirkstoffe beschleunigen und sicherstellen als auch effizientere Antikörpertests herstellen könnte. Die sogenannte BOSS-Technologie (Biotechnologische Optimierung durch Selektions-Systeme) wird schon in mehreren Projekten, national und international, verwendet. Durch ihr breites Anwendungsspektrum und ihre Flexibilität könnte sie die Erfolgschancen der globalen Biotech-Forschung gegen COVID-19 maßgeblich erhöhen. „Unsere Plattformtechnologie ermöglicht, Bakterienkulturen im Labor so umzuprogrammieren, dass durch ihr rasches Wachstum neue potentielle Medikamente aus vielen Millionen von Varianten ohne großen Aufwand identifizieren werden könnten – und das über Nacht“, so Projektleiter Prof. Rainer Schneider, Key-Researcher des acib und Professor am Institut für Biochemie an der Universität Innsbruck. Als Plattform für unterschiedliche Prozesse könnte BOSS – neben der Entdeckung von neuen potentiellen Medikamenten und Vorhersage ihrer Wirkung bei neuen Virenvarianten – der Industrie erlauben, rasch optimierte Verfahren zur Produktion einer Reihe an Biopharmazeutika zu etablieren. Angefangen bei Antikörpern oder Impfstoffen über Insulin und Interferon bis hin zu Tumortherapeutika.

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„DER DRUCK IST ENORM. SOWOHL IN EINEM SELBER AL S AUCH IN DER WISSENSCHAF TLICHEN COMMUNIT Y UND IN D E R G E S E L L S C H A F T. E S W I R D M O M E N TA N AUF DIESEM GEBIE T SO R ASCH PUBLIZIERT WIE WOHL NIE AUF EINEM G E B I E T Z U V O R .“

© MED UNI INNSBRUCK

eco.zukunft

D O R O T HE E VA N L A E R

Prof. Dr. Dorothee van Laer vom Institut für Virologie an der Medizinischen Universität Innsbruck

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Wir haben derweil mit Prof. Dr. Dorothee van Laer vom Institut für Virologie an der Medizinischen Universität Innsbruck gesprochen und einige allgemeine Fragen versucht zu klären. ECO.NOVA: Welche Schritte durchläuft ein

Impfstoff generell in seiner Entwicklung von der ersten Idee bis zur Zulassung? DOROTHEE VAN LAER: Die Herstellung des Impfstoffes erfolgt im Labor, dann werden Tierversuche durchgeführt. Im nächsten Schritt muss der Herstellungsprozess nach GMP (Good Manufacturing Practice, gute Herstellungspraxis) etabliert werden. Damit ist die Herstellung einer größeren Menge des Impfstoffes gemeint, der auch für die spätere Anwendung am Menschen für die Herstellung dienen soll. Die Testung der Sicherheit des Impfstoffkandidaten muss dann noch in weiteren Tierversuchen überprüft werden. Danach kann die klinische Prüfung mit einer Phase-I-Studie an gesunden Probanden beginnen, dabei wird eingehender die Sicherheit des Impfstoffes geprüft. In einer Phase-II-Studie wird innerhalb kleiner Gruppen die Wirksamkeit im Vergleich zu einem Placebo getestet. Schließlich erfolgt die Phase-III-Testung, also die Überprüfung der Effizienz und auch Sicherheit in einer großen kontrollierten Studie. Bei Impfstoffen nehmen an dieser Studie oft viele tausende Testpersonen teil. Warum tut man sich mit der Entwicklung eines Impfstoffs bei Coronaviren anscheinend so schwer? Gegen das gene-

EPIDEMIE [epi: auf, bei, dazu / demos: Volk = in der Bevölkerung verbreitet] Von einer Epidemie (auch Seuche) spricht man, wenn eine bestimmte Krankheit innerhalb einer Region vermehrt auftritt – z. B. als COVID-19 noch auf Wuhan/ China beschränkt war. Auch die Grippewelle ist eine klassische Epidemie.

PANDEMIE [pan: all, ganz, jeder / demos: Volk = die ganze Bevölkerung betreffend] Die länder- und kontinentübergreifende Ausbreitung einer Krankheit – der derzeitige Zustand in Bezug auf COVID-19. Weitere Pandemien waren etwa die Spanische Grippe (1918–1920), die Asiatische Grippe (1957) oder die Schweinegrippe (2009/10).

ENDEMIE [en: in / demos: Volk = in der Bevölkerung verankert] Eine Krankheit wird zur Endemie, wenn sie in einer Population immer wieder auftritt, sie also nicht „verschwindet“, sondern Menschen immer wieder daran erkranken und die Infektionskrankheit sozusagen heimisch geworden ist. Dies versucht man aktuell mit COVID-19 zu verhindern.

tisch ähnliche SARS-CoV-1 hat man bislang ebenso wenig einen gefunden wie gegen MERS-CoV. Bisher war der Druck nicht sehr hoch und es war zu wenig Geld dahinter. Meines Wissens gibt es kein grundsätzliches Problem bei der Entwicklung eines SARS-CoV-2-Impfstoffs, dass man nicht lösen könnte. Was macht SARS-CoV-2 „besser“ als andere Coronaviren, die es nicht zur Pandemie geschafft haben? Primär wohl, dass ein Infizierter bereits ansteckend ist, bevor er mit Fieber im Bett liegt. Vielleicht auch der hohe Anteil an asymptomatischen oder wenig symptomatischen Menschen mit einer Infektion.   Wie ist es um die Mutabilität, also die Veränderlichkeit, von SARS-CoV-2 im Vergleich zu anderen Viren bestellt? Das Erbgut des SARS-CoV-2 ist relativ stabil für ein so genanntes RNA-Virus. HIV- und Influenza-Viren verändern sich relativ rasch.   Warum gibt es generell virale Erkrankungen, gegen die man keinen Wirkstoff zu finden scheint? Ich glaube, bei den großen tödlichen viralen Seuchen sind wir schon sehr weit. Gegen die meisten gibt es eine effiziente Impfung. Nur HIV verweigert sich erfolgreich allen Versuchen der Wissenschaft, einen effizienten Impfstoff zu entwickeln.   In der Impfstoffentwicklung ist man dem Virus immer einen Schritt hinterher. Wie lange muss/darf/soll Forschung dauern,


GENERALI VERSICHERUNG

bis ein Wirkstoff auf den Markt kommt? Es soll am besten so schnell wie möglich gehen, trotzdem muss man Risiken minimieren. Wie geht man mit diesem Spannungsfeld um? Medikamente/Wirkstoffe könnten noch dieses Jahr auf den Markt kommen – allerdings wohl Medikamente, die bereits für andere Erkrankungen zugelassen wurden und für die man das Nebenwirkungsprofil schon mehr oder weniger gut kennt. Da sind die Risiken absolut kalkulierbar und eine Zulassung braucht lediglich den sauberen Nachweis der Wirksamkeit. Beim Impfstoff gibt es auch eine Reihe von Impfstoffplattformen, für die man das Nebenwirkungsprofil im Prinzip bereits gut kennt. Hier muss lediglich in dem System zum Beispiel das Hüllprotein von HIV gegen das SARS-CoV-2-Hüllprotein ausgetauscht werden. Es ist unwahrscheinlich, dass dieses eine wesentliche Änderung des Sicherheitsprofils eines Impfstoffes bedeutet. Trotzdem braucht es vor der Einführung ausreichend Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten. Wenn diese Einführung früher als üblich erfolgt, werden die ersten Impflinge für eine ganze Weile genau nachverfolgt werden müssen. Auch so hält man das Risiko gering.   Gestaltet sich die Forschung an einem akuten Problem methodisch und prozedural anders als der herkömmliche Forschungsalltag? Wie nimmt man den erhöhten gesellschaftlichen Erwartungsdruck wahr? Der Druck ist enorm. Sowohl in einem selber, als auch in der wissenschaftlichen Community und in der Gesellschaft. Es wird momentan auf diesem Gebiet so rasch publiziert wie wohl nie auf einem Gebiet zuvor. Daten werden bereits vor der Veröffentlichung publik gemacht. Das ist natürlich phantastisch, ich hoffe nur, dass die Qualität der Ergebnisse nicht darunter leidet. Wir versuchen diesen Druck zu ignorieren und weiterhin die nötige Sorgfalt und kritische Begleitung in unserer Forschung zu erhalten. Gehypte Falschergebnisse nutzen keinem was.   Wie sehr ließe sich diese Impfstoffforschung mit quasi unbegrenzten finanziellen Mitteln – nach dem Motto „koste es, was es wolle“ – beschleunigen? Ich glaube wenig. Dinge brauchen einfach Zeit. In der Forschung ist Scheitern quasi ein ständiger Begleiter. Man probiert, es funktioniert nicht, man probiert weiter. Kann einen auch dieses Nichtfunktionieren weiterbringen bzw. ist damit jedes Ergebnis irgendwie ein Erfolg? Für das eigene Lernen ja, publikatorisch meist nicht. Negativergebnisse lassen sich sehr selten publizieren.   In welchen Bereichen wird es künftig erhöhten Bedarf an neuen Wirkstoffen geben? Krebs zum Beispiel ist meist immer noch nicht heilbar. Bei den Antibiotika gibt es durch die zunehmenden Resistenzen einen enormen Bedarf, der sich nicht annähernd in den Aktivitäten vieler Pharmaunternehmen widerspiegelt.

GESUND HALTEN – JETZT UND DANACH Mit dem Generali GesundheitsCoaching können sich Kunden via „Meine Generali App“ einfacher gesund halten. In der aktuellen Krisensituation bietet der Versicherer zudem österreichweit telefonische Unterstützung zum Coronavirus.

Generali-Regionaldirektor Markus Winkler: „Neben Gesundheits- und IT-Problemen belasten die Bevölkerung derzeit vor allem Überforderung, Zukunftsängste und Einsamkeit. Die Corona-Hotline T 0800 500 156 der Generali hilft!“

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ie Generali Versicherung stellt in dieser schwierigen Zeit der Corona-Krise die Sorgen und Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt. Österreichweit hat die Generali eine Hotline für medizinische Fragen und IT-Probleme sowie für persönliche Sorgen und Ängste der österreichischen Bevölkerung eingerichtet – unabhängig ob sie GeneraliKunden sind oder nicht. Die Corona Unterstützungs-Hotline der Generali ist rund um die Uhr unter T 0800 500 156 erreichbar. Ein Team aus Krankenschwestern, Ärzten, Technikern, Psychologen und Gesundheitstherapeuten steht dafür bereit.

GENERALI GESUNDHEITSCOACHING MIT ONLINE - SPRECHSTUNDEN

Unabhängig von der Corona-Krise ist das Gesundheitsbewusstsein in Österreich sehr hoch. „Mit der neuen ‚Meine Generali App‘ wollen wir die Lebensqualität unserer Kunden verbessern. Damit bieten wir einen sicheren und benutzerfreundlichen digitalen Zugang, ohne dabei die menschliche Komponente außer Acht zu lassen“, erklärt Markus Winkler, Generali-Regionaldirektor für Tirol und Vorarlberg. „Meine Generali“ ist das Generali-Kundenportal als App – erweitert um neue Gesundheitsservices wie das Generali GesundheitsCoaching. Das Generali GesundheitsCoaching bietet dem Kunden zahlreiche Serviceleistungen beim Gesundwerden als auch zum Gesundbleiben. Erreichbar rund um die Uhr stehen über die Generali Gesundheits-Hotline T 0800 20 444 00 oder über die „Meine Generali App“ unter anderem Leistungen wie 24-h-Gesundheits-Hotline, medizinische Online-Sprechstunde oder auch Online-Sprechstunden mit GesundheitsCoach zu den Themen Ernährung, Bewegung und Mentale Fitness zur Verfügung. PR

INFOS:

Generali Corona-Hotline: T 0800 500 156 Generali Gesundheits-Hotline: 0800 20 444 00 Generali Tirol Kundendienst: T +43 512 5926-0, office.tirol.at@generali.com

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finanzieren & versichern

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Standards, Normen, Digitalisierung Standardisierte, systemübergreifende Prozesse sind in der Welt der Versicherungsmakler bereits jetzt eine enorme Arbeitserleichterung. Manfred Klaber, MBA Projektmanager im Verband der Versicherungsunternehmen: „Durch die Verwendung standardisierter Daten erspart sich der Vermittler händische Eingaben in sein Bestandsverwaltungssystem, die Aktualität wird mit geringem Einsatz von personellen Ressourcen gewährleistet, Bestandsverwaltungssysteme können einheitlich, unabhängig vom Lieferanten die Daten verarbeiten und aktualisieren, aktuelle Informationen können jederzeit unabhängig von Personen und individuellen Firmenportalen aus dem eigenen System abgerufen werden. Alle Serviceund Beratungsleistungen können somit besser vorbereitet und durchgeführt werden.“ Die Vorteile des digitalen Wandels gilt es aber auch in der Versicherungsbranche noch mehr zu nutzen. „Wie es in anderen Branchen vorgeführt wird, wird die Digitalisierung auch die Versicherungsbranche kräftig durcheinanderwirbeln. Onlinepolizzen, Vergleichsportale und neuartige Serviceapps werden für die Versicherungswirtschaft und auch auf die Arbeit der Versicherungsmakler ihre Auswirkungen haben“, ist Hermann Madlberger, Geschäftsführer der madlberger Digitalisierungsberatung gmbh, überzeugt. „Videoberatungen werden Wege und Zeit sparen, die Endkunden stärker eingebunden. Der Makler muss es schaffen, den hybriden Kunden durch Nutzung von Technologien besser an sich zu binden.“ Für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit auf dem Markt müssen die Vorteile der Digitalisierung aktiv genützt werden. „Digitalisierung bedeutet Transformation und ist ein das gesamte Unternehmen umfassender Veränderungsprozess. Es erfordert daher Kenntnisse im Changemanagement und neue Methoden. Kundenerlebnis und Analytics bekommen in dieser Transformation eine besondere Bedeutung. In den nächsten zehn Jahren wird es mehr Veränderungen geben als in den 250 Jahren davor“, glaubt Madlberger. Ideenreichtum, Mut zur Veränderung und die Fähigkeit, Kreativität schnell umzusetzen, zählen für ihn zu den zentralen Erfolgsfaktoren in der digitalen Welt. „Es ist nicht die Technologie, die wir in den Griff bekommen müssen. Auf Führungskompetenz und Unternehmenskultur kommt es an.“


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ROMAN- UND FILMTIPP

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ARGENTINISCHES ROULETTE

THE LAUNDROMAT – DIE GELDWÄSCHEREI

Georg Schattney Regenbrecht Verlag 280 Seiten, EUR 23,60

Autor: Scott Z. Burns Regie: Steven Soderbergh Verleih: Netflix

E I N E WÄ H R U N G F Ü R E U R O PA

Apocalypse Now! Literarisch neu vertont für unsere Tage und unterlegt mit dem düsteren Soundtrack der Doors. Die Geschichte führt in den Dschungel der Hochfinanz, in dem Länder wie Argentinien oder Griechenland mal eben auf der Strecke bleiben, und beschreibt den Höllenritt von vier gerissenen Börsenprofis durch die Finanzkrisen des neuen Jahrtausends. Spannend wie ein Thriller, unterhaltsam wie der frühe Tarantino und faktenreich wie ein Sachbuch.

Nach einer Tragödie, bei der ihr Mann ums Leben kommt, hat die Witwe Ellen Martin (Maryl Streep) Probleme mit der Versicherung. Sie vermutet Betrug und ermittelt. Sie folgt den Spuren bis nach Panama zur Anwaltskanzlei von Jürgen Mossack und Ramón Fonseca, wunderbar ironisch interpretiert von Gary Oldman und Antonio Banderas. „The Laundromat“ ist eine pechschwarze Komöde basierend auf der wahren Geschichte der so genannten „Panama Papers“.

Die Einführung einer gemeinsamen Währung für mittlerweile 340 Millionen Menschen in 19 Ländern war die bislang größte Währungsumstellung der Geschichte und steht am Ende vieler seit dem Mittelalter angestrebten Versuche, durch Münz- und Währungsunionen Handel und Wirtschaft zu vereinfachen. Aus Anlass des 25-jährigen Jubiläums des österreichischen EU-Beitritts beschäftigt sich die aktuelle Ausstellung „EUROpaVISION“ im Geldmuseum der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) in Innsbruck – das zum Erscheinungstermin dieser Ausgabe hoffentlich wieder zugänglich ist – mit geschichtlichen Beispielen, dem europäischen Einigungsprozess und dem langen Weg von der Idee bis zur Umsetzung. Die Ausstellung ist noch bis 5. Feber 2021 zu sehen und zeigt rund 130 ausgewählte Objekte aus den Beständen des Museums. „Die europäische Integration und die Schaffung von gemeinsamen Währungen reicht weit in die Geschichte zurück. Diese noch weitgehend unbekannte Geschichte wollen wir den Besucherinnen und Besuchern in dieser Ausstellung nahebringen“, so OeNB-Direktor Eduard Schock.

BTV VERMÖGENSMANAGEMENT ERNEUT AUSGEZEICHNET

BETRIEBSKOSTENZUSCHUSS Unabhängig davon, ob ein Unternehmen Gebrauch von der Kredithaftung der Republik macht, können von der Coronakrise besonders betroffene Unternehmen mit einem Umsatzrückgang von zumindest 40 Prozent nach Ablauf ihres Geschäftsjahres einen steuerfreien und nicht rückzahlbaren Betriebskostenzuschuss für bestimmte Fixkosten beantragen. Der Bundeszuschuss ist abhängig vom im Zeitraum der Corona-Krise (16. März 2020 bis zu ihrem Ende) tatsächlich erlittenen Umsatzeinbruch gestaffelt. Die Registrierung ist bis zum 31. Dezember 2020 über die aws möglich. Infos zu Fördermöglichkeiten unter www.bdo.at.

Die unabhängige Bewertungsinstanz „firstfive“ zeichnete das Vermögensmanagement der Bank für Tirol und Vorarlberg AG (BTV) bereits zum zehnten Mal in Folge für herausragende Ergebnisse aus. In den Kategorien „Top-Renditen“ und „Sharpe-Ratio“ erhielten die BTV-Vermögensverwalter die Höchstnote von fünf Sternen und gehören damit zu den besten im deutschsprachigen Raum. Das Controlling- und Ratinginstitut „firstfive“ wertet fortlaufend mehr als 250 reale Depots aus, die von Banken und Vermögensverwaltern des deutschsprachigen Raums gemanagt werden. „Unser Anspruch ist, auch in einem herausfordernden Marktumfeld eine ansprechende Rendite bei gleichzeitiger Kontrolle des Risikos für die Kunden zu erwirtschaften“, erklärt Dr. Robert Wiesner, Leiter BTV-Vermögensmanagement, die Anlagestrategie. Dass dies sehr gut angenommen wird, belegen die verwalteten Kundengelder in Höhe von 2,8 Milliarden Euro im Jahr 2019.

„ D I E M E I S T E N M E N S C H E N WÄ R E N G L Ü C K L I C H , W E N N S I E S I C H D A S L E B E N L E I S T E N KÖ N N T E N , D A S S I E S I C H L E I S T E N .“ D A NN Y K AY E , S C H AU S P IE L E R / KO M IK E R / S Ä N G E R

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TÜCKEN UND EIGENHEITEN FINANZKRISE 2008 vs. CORONA-SCHOCK 2020 Nimmt man den der Finanzkrise vorangegangenen Peak im S&P 500 Index vom 12. Oktober 2007 (1.561,8 Punkte), dann gab es gegenüber der Zeit vor dem Corona-Crash folgende Unterschiede:

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FINANZKRISE: • L eitzinsen: In den zwölf Monaten bis zum Peak im Jahr 2007 hielt die Fed ihren Leitzins konstant auf 4,75 %. • Ölpreis (Brent): 2007 begann ein neuer Ölpreisschock. Von Ende 2007 bis zum Hoch 2008 stieg der Preis von rund 94 auf knapp 144 USDollar. Es ist empirisch belegt, dass Ölpreisschocks zumindest Co-Faktoren von Rezessionen sind. • Inflationsrate (HVPI) im Euroraum: 2008: 3,35 % • Natur der Krise: 2007/08 gingen Marktungleichgewichte am USHypothekenmarkt schrittweise in eine strukturelle Bankenkrise über.

CORONA-SCHOCK: • L eitzinsen: In den zwölf Monaten bis zum 19. Februar 2020 gab es drei Leitzinssenkungen der Fed um je 0,25 Prozentpunkte auf 1,50 bis 1,75 %, da Handelskonflikte und Marktzyklen zu einer schwächeren Konjunktur führten. • Ölpreis (Brent): Dieser bewegte sich 2019/20 meist in einer Bandbreite zwischen 55 und 65 US-Dollar, ehe er gleich zu Beginn des Crashs binnen weniger Wochen auf unter 30 US-Dollar abstürzte. • Inflationsrate (HVPI) im Euroraum: 2019: 1,20 % • Natur der Krise: 2020 herrscht ein klassischer externer Schock, der infolge von Produktionsunterbrechungen die Angebotsseite verringert, aber auch infolge unterbrochener Projekttätigkeiten und staatlicher Abriegelungen, Einschränkung des Flugverkehrs und Quarantänemaßnahmen die Nachfrage beeinträchtigt. Reisen werden storniert, Geschäfte, Restaurants und Bars vorübergehend geschlossen. Das hat alles Auswirkungen. Das Positive daran ist: Es ist hausgemacht und kann jederzeit wieder rückgängig gemacht werden. Doch je länger sich dies hinauszögert, desto größer sind die Schäden.


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Wenn binnen vier Wochen die wichtigsten Aktienindizes um 30 bis 40 Prozent einbrechen, der Ölpreis (Brent) binnen kürzester Zeit 60 Prozent an Wert einbüßt, sogar Gold zwischenzeitlich seine Rolle als sicherer Hafen verliert und nur noch Liquidität zählt, dann herrscht ein Deflationsszenario. Doch die radikalen Stimulierungsversuche von Staaten und Notenbanken in Billionenhöhe legen bereits den Grundstein für eine inflationäre Phase. TEXT: MICHAEL KORDOVSKY

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ie Regierungsmaßnahmen zur Bekämpfung einer Seuche legen in den stärksten Wirtschaftsnationen der Welt gerade die Konjunktur lahm. Durch Abriegelung von Gebieten und Staatsgrenzen sowie Ausgangssperren und Schließungen von Geschäften, Bars und Restaurants sowie das Verbot von Großveranstaltungen drosseln sie gleichzeitig die Angebots- und Nachfrageseite.

EINE SCHNELLE UND HARTE REZESSION

Mitte März bestätigte US-Präsident Donald Trump, dass die US-Wirtschaft auf eine Rezession zusteuert, was am US-Aktienmarkt mit einem Kurseinbruch von ca. 30 Prozent vorweggenommen wurde. Es mehren sich nun BIP-Wachstumsprognosen, die sich – je weiter die Zeit voranschreitet – nach unten überbieten. Der Klassiker davon ist das härtere Pandemie-Szenario der OECD, wonach das globale Wirtschaftswachstum sich um etwa 1,5 Prozentpunkte in etwa halbieren würde. Klartext sprach indessen Peter Brezinschek, Chefanalyst bei Raiffeisen Research, der am 18. März darauf hinweist, dass die RBI mit einer Rezession wie in der Finanzkrise von 2009, also mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung der Eurozone um vier Prozent und in Österreich um 4,5 Prozent rechnet. Aber es sollte im Gegensatz zur Finanzkrise wesentlich schneller ablaufen. Zwar sollte im 2. Quartal 2020 der Rückgang der Wirtschaftsleistung des Euroraums gegenüber dem Vorquartal laut Brezinschek mit minus 7,5 Prozent (Österreich über minus 8 Prozent) gut doppelt so stark ausfallen wie im 1. Quartal 2009, dem Höhepunkt der Finanzkrise mit damals minus 3,2 Prozent. Doch die RBI geht nur von zwei Schrumpfungsquartalen aus. Ab dem 3. Quartal sollte dann wieder eine Erholung einsetzen und die Wirtschaft um ein Prozent wachsen, gefolgt von fünf Prozent Wachstum im 4. Quartal 2020. Auch die EZB-Volkswirte haben ihre Prognosen Medienberichten zufolge angepasst. Ursprünglich gingen sie für den Euroraum noch von 0,8 Prozent BIP-Wachstum aus. Doch bereits ein einmonatiger Lockdown verringert in ihrem Rechenmodell das BIP-Wachstum um 2,1 Prozentpunkte, woraus ein Minus von 1,3 Prozent für 2020 resultieren würde. Allerdings erscheinen eher drei Monate Lockdown der Wirtschaft realistisch. Dadurch würde sich das Wachstum um 5,8 Prozentpunkte verlangsamen, woraus eine Schrumpfung der Wirtschaftsleistung des Euroraums von fünf Prozent resultiere.

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Aber es gibt noch wesentlich negativere Prognosen, insbesondere für die USA, wo in der per 21. März endenden Arbeitswoche 3,28 Millionen Einwohner Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung stellten, was den bisherigen Rekord von 695.000 in der Woche endend am 2. Oktober 1982 übertraf. James Bullard, Präsident der Federal Reserve Bank of St. Louis, rechnet in wenigen Monaten sogar mit einer landesweiten Arbeitslosenquote von 30 Prozent. Auf jeden Fall wird der Lockdown den USA weh tun: Zwar gab es seit 1947 in den USA kein Quartal mehr mit einem Rückgang von über zehn Prozent, doch Oxford Economics rechnet laut aktueller Berichterstattung für die Zeit von April bis Juni mit einem Minus von zwölf, JP Morgan mit 14 und Goldman Sachs mit 24 Prozent. Darüber hinaus hat nun auch Indien für über 1,3 Milliarden Einwohner eine Ausgangssperre verhängt.

FEUERWEHRAKTIONEN

Weitere Indizien, dass die Lage ernst ist und die Produktion in der verlängerten Werkbank der Welt, in China, darniederliegt, sind Satellitenaufnahmen der NASA, die den Himmel über den Metropolen am 28. Februar 2020 mit jenem am 28. Februar 2019 vergleichen. Ergebnis: Blauer Himmel, keine braunen Stickoxidflecken. Das bedeutet einen enormen Rückgang der Schadstoffemissionen aufgrund der Produktionsunterbrechungen. China hat bereits früh reagiert und die Bewegungsfreiheit von 760 Millionen Einwohnern eingeschränkt. Nun wurde die Anzahl der Neuinfektionen zum aktuellen Wissensstand (18. März) in den Griff bekommen, die Produktion wird wieder langsam hochgefahren. Eine marginale Leitzinssenkung und eine Geldspritze der Zentralbank sollen dem Abschwung ent-

gegenwirken, während alleine in den USA das staatliche Maßnahmenpaket gegen Corona mit einem Volumen von 2,2 Billionen Dollar (!) 10,3 Prozent des BIP 2019 ausmacht. Indirekt finanziert wird dieses Programm durch faktisch unbegrenzte (Staats-)Anleihenkäufe der Fed, die zur Beruhigung des Geldmarktes noch zusätzliche Maßnahmen einleitete: Bis 13. April stehen wöchentlich länger laufende, durch Wertpapiere besicherte Refinanzierungsgeschäfte (Repo-Geschäfte) von über einer Billion Dollar zur Verfügung und an „Übernacht-Geldern“ stehen bis zu 1.000 Milliarden US-Dollar bereit. Das neue Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP), also das Corona-Notfallprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) vom 18. März, sieht 750 Milliarden Euro für Wertpapierkäufe vor. Im Rahmen des mindestens bis Jahresende laufenden Programms will die EZB alle Arten von Wertpapieren ankaufen, die in bestehenden Ankaufprogrammen zugelassen sind. Das sind unter anderem öffentliche Anleihen, Unternehmensanleihen und besicherte Papiere. Die österreichische Regierung macht im Kampf gegen Corona bis zu 38 Milliarden Euro locker (Stand 18. März), Spaniens Regierung mobilisiert sogar einen 200-Milliarden-Euro-Rettungsschirm. Gleichzeitig kündigte der Internationale Währungsfonds (IWF) an, seine Geldverleihkapazität von einer Billion Dollar für Staaten zur Verfügung zu stellen, deren Wirtschaft unter der Coronakrise leidet.

NEBENWIRKUNGEN

Nachdem durch die zahlreichen Hilfsmaßnahmen den wichtigsten entwickelten Staaten teils Haushaltsdefizite von zehn bis über 15 Prozent des BIP drohen, kam es vor der

Absegnung des großen US-Corona-Pakets zu einer gewissen Verunsicherung am Anleihenmarkt. Weltweit schnellten die Anleihenrenditen empor. Bei Staatsanleihen war die Angst vor Rating-Verschlechterungen der Driver und bei Unternehmensanleihen ist mit hohen Ausfallraten zu rechnen. Erst mit der Signalisierung unbegrenzter Anleihenkäufe der Fed kehrte wieder Ruhe am Markt für Staatsanleihen ein (Stand 1. April 2020). Die Renditen entwickelten sich zuletzt also wieder rückläufig.

IM RÜCKBLICK

Krass ist im aktuellen Bear-Market*) auch, dass selbst die größten Megaprogramme von Regierung und Notenbank anfänglich bestenfalls mit einer leichten Gegenbewegung des Aktienmarktes honoriert wurden, ehe das 2,2-Billionen-Dollar-Programm der US-Regierung eine stärkere Gegenbewegung einleitete. Das Ausmaß der Verluste reicht von ca. 37 Prozent im Dow Jones und ca. 35 Prozent im S&P 500 bis hin zu einer Halbierung des ATX in Wien. Das ist ein atypischer externer Schock, hervorgerufen durch eine globale Pandemie, den in dieser Form noch nie gegeben hat. Dennoch gibt es eine Orientierungshilfe durch eine Langzeitstudie der Investmentbank Goldman Sachs (veröffentlicht am 9. März), die im S&P 500 alle Bear-Markets seit 1835 untersucht hat und sie in drei Kategorien einteilt.

S T R U K T U R E L L E B A I S S E - P H A S E N : Durchschnittsverlust: 57 Prozent, Durchschnittsdauer der Abwärtsbewegung: 42 Monate, Dauer bis Erreichung des nominalen Ausgangsniveaus: 111 Monate. Strukturelle Baisse-Phasen sind am langwierigsten.


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Jüngstes Beispiel war die Finanzkrise 2007 bis 2009. Damals ging es in 17 Monaten um 57 Prozent bergab, danach dauerte es bis Erreichung des einstigen Hochs noch 49 Monate. Ermöglicht wurde diese rasche Erholung durch massive Notenbankprogramme (Anleihenkäufe und teils sogar Negativzinsen). ZYKLISCHE BAISSE-PHASEN: Durchschnitts-

verlust: 31 Prozent, Durchschnittsdauer der Abwärtsbewegung: 27 Monate, Dauer bis Erreichung des nominalen Ausgangsniveaus: 50 Monate. Durch Konjunkturzyklen induziert war beispielsweise die Baisse Anfang der 1980er-Jahre oder jene des Jahres 1990. Konjunkturzyklen lassen sich in der Dynamik relativ gut vorhersagen.

EREIGNISINDUZIERTE BAISSE-PHASEN: Durch-

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schnittsverlust: 29 Prozent, Durchschnittsdauer der Abwärtsbewegung: 9 Monate, Dauer bis Erreichung des nominalen Ausgangsniveaus: 15 Monate. Darunter versteht man ein (externes) Schockereignis, das die Baisse auslöst. Dies kann auch eine technische Marktverwerfung wie der extreme „Herdentriebeffekt“ am 19. Oktober 1987 sein. An diesem „schwarzen Montag“ verlor der Dow Jones an einem Tag fast 23 Prozent. Ebenfalls Auslöser können externe Schocks und „schwarze Schwäne“ sein (ein schwarzer Schwan ist ein unerwartetes Ereignis von enormer Tragweite). In diese Kategorie fällt eindeutig die Corona-Pandemie.

ACHTUNG: Auch wenn die Coronakrise in die Kategorie ereignisinduzierter Baisse-Phasen fällt, so ist dies nicht vergleichbar mit irgendwelchen Kriegsszenarien der Vergangenheit. Einen menschlichen Feind kann man einschätzen. Bei einem neuen Virus hingegen, über dessen Herkunft die Welt rätselt, ist das viel schwieriger und erfordert jahrelange Forschung.

WOHIN GEHT DER MARKT? Bei der aktuellen Dynamik sind selbst im S&P 500 60 bis 80 Prozent Minus gegenüber dem Peak von 3.386,15 Punkten (Schlusskursbasis) durchaus möglich. Was nämlich noch fehlt, ist der große Paukenschlag als „Markenzeichen“ dieser Baisse. Am 15. September 2008 war es die Pleite der Investmentbank Lehman-Brothers und in der Baisse-Phase beim Zerplatzen der Dot com-Bubble in den Jahren 2000 bis 2002 waren es 9/11 und die Enron-Pleite (Bilanzskandal). Auch diesmal sollte noch ein dramatisches Ereignis eintreten oder bis Erscheinungstermin der Ausgabe bereits eingetreten sein. Erst wenn dieser große Schlag so richtig für Chaos sorgt und sich die Märkte entweder auf niedrigem Niveau stabilisieren (L-förmiger Indexverlauf) oder dann im weiteren Verlauf zu einer raschen Erholung ansetzen (V-förmiger Indexverlauf) ist der günstige Einstiegszeitpunkt am Aktienmarkt gekommen. Solange dies nicht der Fall ist, sollten sich Anleger ruhig verhalten. Für einen Ausstieg aus Aktienfonds ist es bereits zu spät, für einen Einstieg selbst zum Erscheinungstermin wahrscheinlich noch etwas zu früh. Aktuell herrscht infolge einer Liquiditätskrise ein „Räumungsverkauf“ an den Börsen. Sogar Edelmetalle und solide defensive Werte wie Verbund, Coca-Cola, Roche und Johnson & Johnson geraten an schwachen Tagen unter Druck. Ein Blick auf die Öl- und Rohstoffpreise sagt derzeit mehr als 1.000 Worte. Es herrscht Deflation. Warenpreise fallen. Konsumenten horten Bargeld und warten auf die Superschnäppchenpreise beim Einkauf. Über mehrere Monate hinweg könnten nun im Euroraum die Verbraucherpreise durchaus eine negative Entwicklung einnehmen. Investitionen werden aufgeschoben und die Arbeitslosenzahlen steigen. In extremer Form war dies in der Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1932 der Fall.

FINANZBEGRIFF DER AUSGABE *) Bullen- und Bärenmarkt Die Börse ist wie die meisten Wirtschaftskreisläufe bestimmten Zyklen unterworfen. Mal steigen die Kurse, mal fallen sie. Diese Zyklen nennt man Bullen/Bulls (oder Hausse, franz. für Anstieg oder Steigerung), wenn die Kurse von Wertpapieren über einen längeren Zeitraum steigen, oder Bären/Bears (oder Baisse, franz. für Rückgang, Abnahme), wenn sie anhaltend sinken. Ein Börsenzyklus umfasst je eine Hausse und eine Baisse. Daraus lässt sich ableiten, dass auf eine Baisse fast zwangsläufig eine Hausse folgen muss. Die Tiere stehen dabei symbolisch für die Anleger, die mit ihren unterschiedlichen Erwartungen den Markt prägen. Der Bulle ist optimistisch und kauft in der Hoffnung auf Aufschwung, der Bär ist pessimistisch und setzt auf einen erwarteten Kursabfall. In der Regel steigen die Börsenkurse in Phasen eines wirtschaftlichen Aufschwungs (die Unternehmen stehen gut da und sind entsprechend „teurer“) und fallen, wenn die Wirtschaft schlechter läuft.

Doch heute herrschen ganz andere monetäre Rahmenbedingungen. Das zeigen jüngste Anstrengungen der Notenbanken, die jene Staatsanleihen aufkaufen werden, die Regierungen zur Finanzierung ihrer Corona-Programme emittieren. Das ist letztendlich eine Monetarisierung der Staatsschuld. Vereinfacht ausgedrückt wird die Notenpresse betätigt, um jene Gelder bereitzustellen, mit denen ein Teil der aktuellen Krisenschäden kompensiert werden sollte. Die Geldmenge steigt stark an, was höhere Inflationspotenziale bedeutet. Gleichzeitig könnte es bald vor allem in der Ölindustrie und in diversen Bereichen des Grundstoffsektors zu einer größeren Marktbereinigung in Form zahlreicher Insolvenzen kommen. Auch der Tourismus- und Airlinesbereich sowie diverse Sparten der verarbeitenden Industrien sind gefährdet. Nach der Marktbereinigung steht einem niedrigeren Angebot wieder eine solide Nachfrage gegenüber. Sobald die Seuche vorbei ist, kommt es auch zu Nachholeffekten: Private Einkäufe, Urlaube und verschobene Investitionen werden nachgeholt. Somit könnte die deflationäre Phase schnell enden und in eine Phase höherer Inflationsraten übergehen, induziert durch wieder steigende Öl- und Grundstoffpreise, Preiserhöhungen bei Herstellern und in Supermärkten. Auch mögliche Missernten infolge von Klimaveränderungen könnten ein Preisfaktor werden.

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In diesem Umfeld sollte ein Comeback bei (Gold-)Minentiteln, Ölwerten und diversen Rohstoffkonzernen stattfinden. Gold und Silber könnten zu einem neuen Höhenflug ansetzen, zumal die physische Nachfrage so stark ist, dass derzeit bei Bulliongold und Silber kaum noch verfügbares Material am Markt ist. Sobald die genannten Indikatoren der letzten Phase der Baisse eingetreten sind, kann auch breit diversifiziert in globale Aktienindex-ETF (z. B. auf den MSCI World) investiert werden, am besten nicht alles auf einmal, sondern verteilt über mehrere Wochen. Wer über größere Depotvolumen verfügt, kann dann auch einzelne Qualitätsaktien aus den Bereichen Pharma, Biotechnologie, Nahrungsmittel/Getränke, Haushaltswaren, Energieversorgung, Telekommunikation, Computerspiele, Halbleiter, Cybersecurity, Künstliche Intelligenz und Robotik akkumulieren oder diese über einschlägige Branchenund Themenfonds bzw. ETFs abdecken.


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COVID-19 IST NICHT LEHMAN

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Auch wenn es aktuell noch ein Nebenschauplatz ist: Die COVID-19-Krise geht mit volkswirtschaftlichen Kosten einher, die mehr und mehr zum Vorschein kommen werden. Erste Zahlen dazu gibt es bereits. Nur, wie sind diese einzuordnen? T E X T : S T E FA N D . H A I G N E R

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och Ende Feber sprach der Chef des Institutes für Höhere Studien (IHS), Martin Kocher, im Zusammenhang mit COVID-19 von einem „überschaubaren Problem“ für die österreichische Wirtschaft. Keine zwei Wochen später meinte ein österreichischer Thinktank dazu, dass COVID-19 Österreich „teuer“ zu stehen kommen würde. Also was jetzt?* Nun sagt einem schon der Hausverstand, dass Prognosen in so einem frühen Stadium mit hohen Unsicherheiten behaftet sind. Dies gilt in der aktuellen Ausnahmesituation ganz besonders, ist doch die Datenlage noch mau, weshalb im Prognosegeschäft stark auf Vereinfachungen und Annahmen abgestellt werden muss. Beispiel IHS-Prognose, wenn

diese in der Folgenabschätzung die wirtschaftliche Entwicklung der COVID-19-Krise in Deutschland ausblendete. Ausgerechnet Deutschland, unserem Handelspartner schlechthin, mit dem wir rund ein Drittel unseres gesamten Außenhandels abwickeln und dessen Wohl und Weh regelmäßig auf die österreichische Wirtschaft durchschlägt. Aber egal, wem oder was man glaubt: Die Zahlen sind monströs und praktisch nicht vorstellbar. Zahlen, die nicht vorstellbar sind, sind auch nicht wirklich informativ. Oder können Sie sich etwas unter dem 2.000.000.000.000-Dollar-Hilfspaket der USA vorstellen? Oder den 12.000.000.000 der Weltbank – nur mal für die Soforthilfe?

ÜBER GAW Die Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung (GAW) ist eine private Forschungseinrichtung mit Sitz in Innsbruck, die für Unternehmen, Interessenvertretungen sowie die öffentliche Hand Studien zu volks- und regionalwirtschaftlichen Themen erstellt. Im Bereich der Erstellung von Wertschöpfungsstudien, aber auch zum Thema kalte Progression zählt die GAW seit Jahren zu den führenden Forschungseinrichtungen in Österreich.

www.gaw.institute


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Dr. Stefan D. Haigner ist geschäftsführender Gesellschafter der Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung (GAW)

„DIE FR AGE IST NICHT SO SEHR, OB DIE A U S W I R K U N G E N V O N C O V I D - 19 G E N E R E L L TEUER WERDEN, SONDERN VIELMEHR: TEUER IM VERGLEICH WOZU?“ STEFAN D. HAIGNER

Schwierig! Und warum? Weil die Ergebnisse nicht eingeordnet werden können – es fehlen schlicht die Relationen. Die Frage ist daher nicht so sehr, ob es teuer wird, sondern vielmehr: teuer im Vergleich wozu? Und hier bietet sich die letzte große Krise an, die Finanzkrise aus 2008.

FINANZ - VS. COVID - 19 - KRISE

Die Finanzkrise aus 2008 unterscheidet sich in einem ganz zentralen Punkt von der aktuellen COVID-19-Krise. Die Finanzkrise war

eine Vertrauenskrise, in der erhebliche Vermögenswerte zerstört wurden und im Zuge derer es zu einer spürbaren Kontraktion in der Kreditvergabe kam, weshalb sowohl die privaten Konsumausgaben als auch die privaten Investitionen massiv einbrachen – mit den heute bekannten Folgen. In der Finanzkrise wurden wir also von einem Nachfrageschock getroffen, dem die Politik durch stark steigende Staatsausgaben (Stichwort: Schuldenkrise) sowie die Zentralbanken durch unorthodoxe Maßnahmen

(Stichwort: Negativzinsen) entgegenzuwirken versuchten. In der COVID-19-Krise trifft uns hingegen ein Nachfrage- und Angebotsschock zugleich. Ein Nachfrageschock, weil in Zeiten erhöhter Unsicherheit die Menschen dazu neigen, mehr zu sparen, ganz besonders jene, die um ihren Arbeitsplatz bangen (müssen). Damit wird weniger konsumiert und die Nachfrage fällt. Oder weil unter den geltenden Regelungen der soziale Konsum wie Restaurant- oder Theaterbesuche schlicht unmöglich geworden ist. Dadurch fällt in der Gastronomie die Nachfrage flächendeckend weg. Dies gilt generell für den Tourismus, was Tirol ganz besonders trifft, auch wenn die Beherbergung zumindest mit gewissen zeitlichen Nachholeffekten rechnen kann, also damit, dass der Tirol-Urlaub vielleicht nur aufgeschoben, nicht aber aufgehoben ist. Mit diesen Nachholeffekten können nicht alle Branchen rechnen. In der COVID-19-Krise kommt gleichzeitig ein Angebotsschock zu tragen, wenn globale Wertschöpfungsketten stocken oder abreißen, Beschäftigte krankheitsbedingt ausfallen oder zu Hause bleiben und Logistikketten nicht mehr wie heute funktionieren. Und trotzdem: Ein Vergleich der „Kosten“ hilft vielleicht bei der Einordnung der aktuell kolportierten Kosten in Form von Wachstumseinbußen. Dazu ist in der Abbildung fett das Wirtschaftswachstum Österreichs bis zur Finanzkrise abgetragen. Rot das Wachstum seit der Finanzkrise bis herauf zum Jahr 2019. Die gepunktete Linie zeigt die Wirtschaftsleistung, die wir seit 2008 gehabt hätten, hätte sich die österreichische Wirtschaft nach 2008 so entwickelt wie vor 2008. Und zugestanden, seit 2008 ist viel passiert: Euro-Schuldenkrise (2012), Migrationswelle (2015), Brexit (2016) oder Trump (2016). Aber auch wenn man sich nur die Zeit bis 2011 ansieht und so tut, als ob alles danach nicht auch zumindest zum Teil auf die Finanzkrise aus dem Jahr 2008 zurückgeführt werden kann, so zeigt sich in den drei Jahren bis 2011, dass alleine in diesem Zeitraum rund 55 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung verloren gegangen sind. Bis heute gerechnet liegt die Wachstumseinbuße wohl im dreistelligen Milliardenbereich. Ein Unterschied bleibt aber: Das sind die Wachstumseinbußen über zehn Jahre. COVID-19 wird uns kurz treffen. Die Frage ist nur: Wie hart? *) Bofinger et al. (2020). WIFO (2019).

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GELD-FRAGEN Die Krise stellt viele Fragen – an die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Finanzwelt.

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ancherorts wird die aktuelle Coronakrise bereits mit der Weltwirtschaftskrise der 1920er-Jahre verglichen (was zumindest mittelfristig übertrieben scheint), die meisten ziehen zum Vergleich die Finanzkrise heran. Vermutlich hinken alle Vergleiche ein wenig. Die tatsächlichen Auswirkungen lassen sich derzeit de facto nicht abschätzen. Wie nachhaltig der Schaden sein wird, lässt sich – wie das meiste – erst im Nachhinein sagen. Doch es gibt Fragen, die man sich nicht erst in der Post-Corona-Phase stellt, sondern jetzt. Einige davon haben wir versucht zu beantworten – im Zuge eines Interviews mit der Oesterreichischen Nationalbank (OenB) und im Anschluss mit heimischen Branchenvertretern.

ECO.NOVA: Die Systeme werden derzeit in

nie gekanntem Ausmaß mit Geld bzw. Liquidität geflutet. Wird sich diese enorme Ausweitung der Geldmenge in einer Inflation niederschlagen? Zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch zu früh, die Implikationen der Coronakrise auf die Wirtschaft verlässlich abzuschätzen. Erste Schätzungen der OeNB-Prognostiker lassen jedoch in einem moderaten COVID-19-Szenario erwarten, dass Österreich 2020 mit einem deutlichen Rückgang des realen BIP um mehr als drei Prozent zu rechnen haben wird. Diesem deutlichen Rückgang der Wirtschaftsleistung könnte im moderaten Szenario ein vergleichsweise kräftiger Aufschwung im Jahr

2021 folgen. Diese Prognose ist naturgemäß mit äußerst großen Unsicherheiten behaftet. Analog gilt das auch für die Inflation.

Wie stabil ist Österreichs Bankenlandschaft? Und: Könnte uns das Bargeld ausgehen? Die österreichischen Kreditinstitute sind stabil, widerstandskräftig und sicher aufgestellt. Erst vor wenigen Wochen hat der Internationale Währungsfonds dem österreichischen Finanzsystem ein äußerst positives Zeugnis ausgestellt. Österreichs Finanzsektor und die heimischen Kreditinstitute haben im vergangenen Jahrzehnt alle nötigen Vorsorgen getroffen und entsprechende Reserven aufgebaut. Sie sind für po-


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tenzielle wirtschaftliche Turbulenzen sehr gut gerüstet. Der Aufbau von Puffern in den letzten Jahren bestätigt sich jetzt als wichtiger Faktor für die Finanzmarktstabilität. Darüber hinaus verfügt die OeNB über ausreichende Bargeldreserven. Daher besteht überhaupt kein Grund zur Sorge, dass Bargeld ausgehen könnte. Die OeNB, die Banken und die Bankomatbetreiber kommen auch dem Bestücken der Ausgabeautomaten laufend nach. Die Bargeldversorgung ist somit lückenlos sichergestellt.

Wir haben es schon seit geraumer Zeit mit einem Negativzinssatz in der Eurozone zu tun. Was kann die Europäische Zentralbank geldpolitisch im Rahmen ihres Mandats überhaupt noch tun? Die wirtschaftliche Krise macht nicht vor Landesgrenzen halt. Die Europäische Zentralbank (EZB) bzw. die Geldpolitik hat einen umfangreichen Instrumentenkasten, aus dem sie derzeit schöpft, um die Volkswirtschaft während dieser Krise zu unterstützen. Die EZB hat mit zwei umfangreichen Paketen europäische Sofortmaßnahmen getroffen: Das 750-Milliarden-Euro-Pandemie-Notfall-Ankaufprogramm, dessen Ankäufe bis Ende 2020 durchgeführt werden und alle Kategorien von Vermögenswerten umfassen. Und das bereits davor beschlossene 120-Milliarden-Euro-Anleihen-Ankaufsprogramm. Der EZBRat tut alles – innerhalb seines Mandats –, was erforderlich ist, um der Krise tatkräftig entgegenzutreten. Er ist jederzeit bereit, seinen Instrumentenkasten weiter auszuschöpfen, im Umfang und für so lange wie erforderlich.

Könnten aktuell finanziell sehr angeschlagene Staaten wie Eurozonen-Wackelkandidat Italien zu einer neuen Krise des Euro – ähnlich wie seinerzeit in Griechenland – führen und sind die Maßnahmen der EZB (der Ankauf von Staatsanleihen) langfristig sinnvoll? Oder alternativlos? Wir beteiligen uns nicht an Spekulationen. Das Coronavirus bringt große Herausforderungen für Gesellschaft und Wirtschaft in Europa mit sich. Mit einer Krise des Euro hat das nichts zu tun. Es gilt vielmehr auf europäischer Ebene eng zusammenzuarbeiten, um diese Aufgaben bestmöglich im Interesse aller europäischen Länder und deren Bürgerinnen und Bürgern zu meistern. Die EZB wird alles tun, um diesen Prozess zu unterstützen.

Wird eine Schuldenunion wahrscheinlicher, da sich Staaten wie Spanien und Italien wohl aus eigener Kraft nicht mehr werden refinanzieren können? Was wäre dafür das Mittel der Wahl? Eurobonds, Coronabonds? Derzeit wird mit einer Fülle von wirtschaftspolitischen Maßnahmen sowohl in Europa als auch weltweit der Coronakrise entgegengetreten. Europa braucht eine gemeinsame wirtschaftspolitische Antwort auf diese Herausforderung. Die Emission gemeinsamer europäischer Anleihen zur Schuldenfinanzierung (Eurobonds, Coronabonds) wird, gemeinsam mit anderen Instrumenten, derzeit unter den Eurostaaten unterschiedlich diskutiert und es herrscht bisher kein einheitlicher Konsens darüber. Die Entscheidung zur Einführung von Eurobonds obliegt aber nicht den Notenbanken, sondern ist vielmehr eine politische Entscheidung.

EXKURS: ANMERKUNG DER REDAKTION Dass gemeinsame Corona- bzw. Eurobonds (Anleihen) von mehreren Staaten derart vehement abgelehnt werden, zeigt eine der eklatantesten Schwächen der Europäischen Union. Das angedachte (quasi uneingeschränkte) Miteinander aller Staaten scheitert letztlich an der Verfolgung individueller innerstaatlicher Ziele und nicht zuletzt dem Egoismus mancher Einzelstaaten und ist in der Sache vermutlich ebenso utopisch wie das ursprüngliche hehre Ziel, die Wirtschaftsleistung aller Mitgliedsstaaten durch Kooperation und Zusammenarbeit auf ein annähernd gleiches Level zu heben. Das hat verschiedene Gründe. Mit der steigenden Anzahl von Mitgliedsstaaten – noch dazu mit derart großen kulturellen und wirtschaftlichen Unterschieden – steigt jedenfalls fast zwangsläufig das Konfliktpotenzial. Salopp könnte man sagen: Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen.

Aktuell zeigt sich dies in der Diskussion um gemeinsame Anleihen. Staaten, die Geld brauchen (Italien, Spanien …), hätten sie gerne. Aus einem einfachen Grund: den eigenen Staatschulden. Die Europäische Zentralbank kauft aktuell zum Beispiel haufenweise italienische Staatsanleihen und stellt dem Land auf diese Weise Geld zur Verfügung. Als Italien an Geld zu kommen, ist per se also kein Problem. Aber: Die EZB hätte das Geld natürlich gerne wieder zurück, also beeinflusst dieser Anleihenkauf die italienischen Staatschulden. Die steigen nämlich an. Corona- oder Eurobonds funktionierten hingegen folgendermaßen: Der ESM/Europäischer Stabilitätsmechanismus, besser bekannt als EuroRettungsschirm – oder eine andere (eigens geschaffene) Institution, doch der ESM wäre logisch – gibt Anleihen aus, die von der Allgemeinheit gekauft werden können – Privatpersonen, Versicherungen, Banken etc. die das gerne tun werden, weil die Anleihen extrem sicher wären. Sie alle füllen also den Topf, aus dem finanziell angeschlagene Staaten folglich bedient werden. Dieser Topf/Rettungsschirm ist bereits seit Langem vorhanden, alle Mitgliedsstaaten zahlen prozentuell am BIP gemessene Gelder dorthin verpflichtend ein, die Anleihen würden die Liquidität einfach zusätzlich erhöhen. Wäre es nicht der ESM, sondern ein anderer Emittent, würden die Töpfe gänzlich neu geschaffen, mit den Geldern aus dem Anleihenverkauf bestückt und von den Staaten in der Folge aliquot befüllt, um das Geld am Ende der Laufzeit an die Gläubiger zurückzubezahlen.

Nun aber passiert am Beispiel Italien Folgendes: Bei Staatsanleihen ist Italien der Schuldner und allein für seine Schulden verantwortlich. Im Fall von Euro- oder Coronabonds, oder wie immer man sie nennen möchte, ist der ESM der Schuldner und alle Staaten haften für diese Schulden, zumal sie es auch sind, die diesen Topf speisen. Alle anderen Mitgliedsstaaten übernehmen also prozentuell ihres Anteils die Schulden Italiens. Das allerdings mögen nicht alle. Auch wenn Italien natürlich selbst in diesen Topf einzahlt, so wird dies unterm Strich nie so viel Geld sein, wie sie aus eben diesem Topf bekommen.

Dieses Dilemma betrifft übrigens nicht nur die Ausgabe von Eurobonds, sondern ist ein generelles Problem, wie man an den Verhandlungen über die EU-Mitgliedsbeiträge sieht. Staaten, die über einen langen Zeitraum mehr in den gemeinsamen Topf einzahlen, als sie herausbekommen (Nettozahler), möchten naturgemäß generell weniger einbezahlen. Da sich der Mitgliedsbeitrag in Prozent des BIP bemisst und wirtschaftlich erfolgreiche Staaten nunmal ein höheres BIP haben, zahlen sie auch verhältnismäßig mehr Geld ein, das anderen – weniger erfolgreichen Staaten – zugutekommt. Dieser Solidaritätsgedanke funktioniert jedoch nur, solange der Geldfluss keine Einbahnstraße ist und manche Staaten nicht immer nur nehmen, während andere immer nur geben, und das ohne Aussicht darauf, dass sich daran jemals etwas ändern wird.

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HYPO TIROL BANK

Wird es in der Krisenzeit einfacher sein, Kredite zu erhalten? Wir müssen uns bei der Besicherung von Krediten an die aufsichtsrechtlichen Vorgaben halten. Natürlich sind wir über alle Erleichterungen in Bezug auf Stundungen, Kreditvergaben etc. dankbar, allerdings möchten wir auch erwähnen, dass die Politik hier bereits gute Schritte gesetzt hat und wir diese Möglichkeiten dankend annehmen.

ECO.NOVA:

Gefährdet die Coronakrise die Spareinlagen auf dem Giro-, Tages- oder Festgeldkonto? Nein, aus unserer Sicht besteht hier keine Gefahr.

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RAIFFEISEN LANDESBANK TIROL ECO.NOVA: Kann ich nach wie vor persönlich mit meinem Berater sprechen? Selbstverständlich! Allerdings bitten wir unsere Kundinnen und Kunden, sich vor allem telefonisch oder per Mail an ihre jeweiligen Berater*innen zu wenden, denn die meisten Kolleginnen und Kollegen sind derzeit im Homeoffice tätig. In dringlichen Angelegenheiten sind nach telefonischer Voranmeldung auch persönliche Termine möglich, natürlich unter Einhaltung der vorgegebenen Schutzmaßnahmen.

Hat die Coronakrise (nachteiligen) Einfluss auf die Altersvorsorge oder Lebensversicherungen? „Auf bestehende klassische Altersvorsorgen hat COVID-19 derzeit keine Auswirkungen. In der fondsgebundenen Lebensversicherung muss man jetzt hingegen kurzfristig hohe Wertschwankungen in Kauf nehmen, die sich aber langfristig wieder ‚auswachsen‘ können“, so Michael Ladurner, Leiter Produktmanagement Versicherung in der Raiffeisen-Landesbank Tirol.

ALPENBANK MAG. MARTIN STERZINGER, SPRECHER DES V O R S TA N D E S D E R A L P E N B A N K

ECO.NOVA: Manche Menschen neigen dazu, in Kri-

sensituationen Veranlagungen aufzulösen und Bargeld zu horten. Woher kommt Ihrer Meinung nach diese fast reflexartige Reaktion – und wie viel Bargeld ist tatsächlich sinnvoll? Ich bezweifle die Aussage, dass in heutigen Zeiten viele Menschen ihre Veranlagungen in Krisenzeiten gegen Bargeld tauschen – das mag zwar in Einzelfällen bei Girokontobeständen vorkommen und erhöht bei diesen Menschen das subjektive Gefühl der Sicherheit, nämlich zahlungsfähig und nicht mehr von den Banken abhängig zu sein. Sinnvoll erscheint vielleicht eine Größe einer Monatsausgabe und hängt von den Lebensumständen ab. Besteht die Gefahr, dass der Handel und die Abwicklung von Wertpapiergeschäften beeinträchtigt wird? Nein, das glaube ich nicht. Alle Banken und Börsen verfügen über Notfallpläne, die auch in den letzten Wochen gut funktioniert haben, viele Arbeitsprozesse sind dabei bereits digitalisiert. Ein Großteil der Mitarbeiter arbeitet aktuell auf Basis von Homeoffice-Arbeitsplätzen – und es funktioniert einwandfrei. Das könnte auch nachhaltig in der Zeit nach der Krise eine stärkere Rolle einnehmen.


LIEBE UNTERNEHMERIN, LIEBER UNTERNEHMER, uns ist bewusst, wie herausfordernd die aktuelle Situation für Wirtschafts­ treibende ist. Deshalb sind wir in der Volksbank Tirol darauf vorbereitet, Sie mit all unserer Kraft zu unterstützen. Für unser Land und den Wirtschaftsstandort Tirol ist Zusammenhalt dieser Tage besonders wichtig. Nur gemeinsam sind wir stark.

Als Hausbank der Unternehmerinnen und Unternehmer in Tirol sind wir für Sie da. Schnell und zuverlässig. Jetzt ist die Zeit, um das von Ihnen entgegengebrachte Vertrauen zu bestätigen. Wir arbeiten daran, das von der Bundesregierung be­ schlossene Garantie­ und Haftungspaket umgehend zu Ihnen zu bringen. Unsere Expertinnen und Experten stehen mit allen wichtigen Informationen zur Seite, unterstützen bei Anträgen und helfen bei der Abstimmung mit Förderstellen. Offen und ehrlich. Wir gehen transparent in eine sowohl für Sie als auch für die Volksbank Tirol völlig neuartige Situation. Mit Hochdruck arbeiten wir an unkomplizierten Lösungen, um Unternehmen in der Region rasch Zahlungs­ erleichterungen anzubieten. Mit der Unterstützung der Tiroler Wirtschaft wollen wir zum Erhalt der Arbeitsplätze in unserem Land beitragen. Persönlich und individuell. Kontaktieren Sie Ihre persönliche Firmenkunden­ beraterin bzw. Ihren ­berater. In dieser schwierigen Zeit stehen Sie als Kundin bzw. Kunde besonders im Fokus. Unabhängig des staatlichen Förderprogram­ mes konnte die Volksbank Tirol bereits hunderten Firmenkundinnen und ­kunden mit Stundungen, Laufzeitverlängerungen oder Rahmenerhöhungen helfen. Wir kennen Ihre Stärken und unterstützen weiterhin dabei, die Liquidität Ihres Unternehmens sicherzustellen.

Volksbank. Vertrauen verbindet.

Mag. Martin Holzer Vorstand

Mag. Markus Hörmann Vorstandsvorsitzender

Tel. 050566 www.volksbank.tirol/kmu-hilfe

Werner Foidl Vorstand

Die Unternehmer-Bank für Tirol.


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SCHOELLERBANK M A G . H E L M U T S I E G L E R , V O R S TA N D S M I T G L I E D DER SCHOELLERBANK

ECO.NOVA: Die Aktienmärkte sind aktuell extrem volatil. Wie soll man

BANK AUSTRIA

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MAG. MARKUS SAPPL, LANDESDIREKTOR FIRMENKUNDEN, BANK AUSTRIA

ECO.NOVA: Haben wir eine Liquiditätsoder eine Solvenzkrise vor Augen? Wir haben in erster Linie eine medizinische Krise vor uns, bei deren Bewältigung einige Unternehmen Liquiditätsengpässe bekommen könnten. Damit dies nicht geschieht, haben die Staaten und die Zentralbanken äußerst gewichtige Maßnahmen in Gang gesetzt, um zu verhindern, dass daraus eine Solvenzkrise wird. Daher sind wir zuversichtlich, dass dies gelingen wird.

Wird unser Geldsystem nach dieser Krise noch dasselbe sein wie davor? Im Wesentlichen schon. Wir denken nicht, dass die Veränderungen für das Finanzsystem so stark ausfallen werden wie nach der Finanzkrise. Im Gegenteil, das derzeitige System wird sich als recht robust erweisen, auch wenn es dabei zahlreiche Herausforderungen zu bewältigen gilt. Aber natürlich wird das enorme Ausmaß an politischen Interventionen sowohl die Verschuldung der Staaten als auch die Bilanzen der Notenbanken verändern. Aber genau aus dem Zusammenspiel dieser beiden Kräfte lässt sich dies stemmen.

sich verhalten? Macht eine (teilweise) Umschichtung in Anleihen Sinn? Die Situation an den Finanzmärkten ist weiterhin sehr angespannt. Auch an den Zins- und Kreditmärkten ist die Lage von Unsicherheit geprägt. Die großen Notenbanken haben daher weitere monetäre Maßnahmen gesetzt, um den Markt ausreichend mit Liquidität zu versorgen. Viele Staaten in Europa und auch die USA planen große Fiskalpakete, um die Wirtschaft zu unterstützen und die Unternehmen mit Krediten zu versorgen. Die Börsen werden sich dennoch einige Zeit sehr volatil zeigen. Es ist wichtig, sich als Anleger in Krisenphasen nicht von irgendeiner Hektik anstecken zu lassen. Ja, die Corona-Krise ist sehr herausfordernd, sie wird entsprechende Spuren in der wirtschaftlichen Entwicklung und in den kurz- bzw. mittelfristigen Unternehmensergebnissen hinterlassen. Aber auch diese Krise wird überwunden werden und der Blick sollte nach vorne gerichtet sein. Die Wirtschaft und die Märkte werden sich wieder in eine positive Richtung bewegen, auch wenn die nächsten Wochen noch durchaus herausfordernd sein können. Als antizyklischer Investor hat die Schoellerbank die Aktienquote bereits im Oktober 2019 und Februar 2020 reduziert, weil damals einige Signale auf eine Überhitzung des Marktes hindeuteten. Damit haben wir Gewinne für unsere Kunden mitgenommen. Einen Teil dieser Liquidität haben wir in den letzten Wochen bereits wieder investiert und werden auch in den nächsten Wochen sich bietende Chancen am Aktien- und Anleihenmarkt für den Kauf von qualitativ starken Werten nutzen.

Wo sehen Sie aktuell Chancen für Anleger? Zum langfristigen Vermögenserhalt empfehlen wir im Nullzinsumfeld unseren Kunden nach wie vor eine möglichst hohe Aktiengewichtung, sofern dies der Anlagehorizont und die Risikoneigung zulassen. Durch den Rückschlag an den Märkten ist das Bewertungsniveau vieler Aktien nun wieder in einem interessanten Bereich angekommen. Wir raten dazu, nicht alles auf eine Karte zu setzen und den Anlagebetrag schrittweise zu investieren. Niemand kann mit absoluter Gewissheit vorhersagen, wie lange das Coronavirus die Börsen noch in Schach hält. Durch den gestaffelten Einstieg wird verhindert, dass der Anleger zum schlechtestmöglichen Zeitpunkt investiert. Wir setzen neben den Märkten in Nordamerika und Europa auch auf die aufstrebenden asiatischen Märkte. Diese waren schon vor der Krise deutlich günstiger bewertet als die westlichen Pendants. Der Hauptteil unserer Portfolios ist in die europäischen und amerikanischen Blue Chips investiert. Wir bevorzugen Titel und Sektoren mit guter Profitabilität und soliden Bilanzen. Das sind vor allem Gesundheitswerte, Basiskonsum, Informationstechnologie und Kommunikationsdienste. Den Rest investieren wir in Anleihen, insbesondere in inflationsgeschützte Varianten, Fremdwährungsanleihen oder Unternehmensanleihen aus dem Euroraum. Bei größeren zwischenzeitlichen Schwankungen muss man bei dieser Allokation natürlich die Nerven behalten, aber unserer Erfahrung nach macht sich Beharrlichkeit langfristig jedenfalls bezahlt.


DIGITALE FINANZBILDUNG Die Oesterreichische Nationalbank engagiert sich seit vielen Jahren mit zahl­ reichen Initiativen und bietet im digitalen Bereich zwei neue Online­Tools an.

m€ins – die Finanzen im Griff Die Web-Applikation m€ins schafft einen Überblick über die per­ sönlichen Einnahmen und Ausgaben und ermöglicht die Einbindung von mehreren Konten und Sparbüchern. Das Besondere an m€ins ist die Berücksichtigung von Bargeldtransaktionen, eine umfangreiche Planungsfunktion und eine besonders hohe Datensicherheit.

PIA – Persönliche InflationsApp Mit dem Online-Tool „PIA“ werden Themen rund um die Inflation auf die persönliche Ebene gebracht. Herzstück ist die Zusammen­ stellung eines individuellen Warenkorbs und die Berechnung einer persönlichen Inflationsrate. Mit den dazugehörigen Arbeitsblättern eignet sich PIA auch bestens für den Einsatz im Unterricht.

Weitere Infos zum Finanzbildungsangebot der OeNB unter www.eurologisch.at

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OESTERREICHISCHE NATIONALBANK EUROSYSTEM


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EXKURS: KREDITVERGABE

BANK FÜR TIROL UND VORARLBERG DR. ROBERT WIESNER, LEITER BTV VERMÖGENSMANAGEMENT

Ist eine Flucht in den Krisenklassiker Gold aktuell sinnvoll? Ein Investment in den „sicheren Hafen“ Gold ist durchaus sinnvoll, auch wenn der Goldpreis unter dem aktuellen Abverkauf an den Aktienmärkten zwischenzeitlich gelitten hat. Denn Anleger kompensierten mit den Goldverkäufen ihre Verluste am Aktienmarkt. Das längerfristig tiefe Zinsniveau, die steigende Geldmenge sowie eine zunehmende Staatsverschuldung sprechen für den von Natur aus knappen Rohstoff. Gold sollte von den jüngsten Entwicklungen profitieren und für Anleger an Attraktivität als Portfoliobeimischung gewinnen.

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Befürchten Sie auf den Finanzmärkten Spekulationen gegen den Euro und damit die Währungsunion? Spekulationen gegen den Euro werden nicht erwartet, weil die aktuelle Krise von einem externen Faktor, einer hoch ansteckenden Pandemie, ausgelöst wurde. Die zum gesundheitlichen Schutz eingeführten Quarantänemaßnahmen (Schließungen von Betrieben, Bildungseinrichtungen, Isolation von Privatpersonen etc.) betreffen daher nicht nur einzelne Volkswirtschaften, sondern werden auf globaler Ebene umgesetzt. Somit wird die Weltwirtschaft 2020 in eine Rezession rutschen. Im Vergleich zur globalen Finanzkrise von 2008 oder der Euro-Staatsschuldenkrise von 2011 kann in dieser Krise keinem Staat die Verantwortung hierfür zugeschrieben werden, weshalb wir keine Spekulation gegen einzelne Wirtschaftsblöcke bzw. in unserem Fall gegen die Währungsunion erwarten. Vielmehr gehen wir davon aus, dass auf eine solidarische Bewältigung der (Schulden-)Situation in der Eurozone bzw. der EU gesetzt wird.

Im Zuge der Coronakrise sind viele Unternehmen in eine finanzielle Schieflage geraten. Um diese abzufedern, übernimmt der Staat unter bestimmten Voraussetzungen Haftungen von bis zu 90 Prozent der Kreditsumme, für kleine und mittlere Unternehmen sind nun bis zu 100 Prozent im Gespräch. Dennoch – und das muss klar gesagt werden – wird es auch Unternehmen geben, die selbst unter diesen Voraussetzungen keinen Kredit bekommen werden. Und auch wenn es in dieser Situation etwas zynisch klingen mag: Das hat seinen Grund.

Das Wesen eines Kredites ist, dass man ihn selbst zurückbezahlen kann. Banken verlangen dafür bestimmte Belege, dass man das schafft, und gleichzeitig Sicherheiten, auf die sie zurückgreifen können, sollte man seinen Kredit trotzdem nicht mehr bedienen können. Im Fall einer Staatshaftung ist diese Rückversicherung die Republik Österreich. Kann ein Unternehmer seinen Kredit nicht mehr zurückzahlen, übernimmt die offene Forderung der Staat. Das ist für Banken eine sehr sichere Angelegenheit, dennoch gibt es für die Kreditvergabe auch in solchen Zeiten Regeln. Kann also davon ausgegangen werden, dass ein Unternehmer seine Schulden nicht aus eigener Kraft zurückzahlen wird können (und Banken sind dafür ausgebildet, so etwas zu erkennen), wird er trotz theoretischer 100-prozentiger Staatshaftung keinen Kredit bekommen. Vereinfacht gesagt: Wenn man vor der Krise aufgrund von zu wenig Sicherheiten oder Eigenkapital keinen Kredit bekommen hat, wird man ihn auch in der Krise schwer bekommen, selbst wenn die Vorgaben für jeden Einzelnen nicht mehr ganz so streng sind – eben weil der Staat unter bestimmten Voraussetzungen haftet und damit quasi jene Sicherheit zur Verfügung stellt, die man in „normalen“ Zeiten selbst bereitstellen müsste. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass das Zurückgreifen auf eben jene Sicherheiten der Worst Case sein und bleiben muss. In erster Linie geht es nach wie vor darum, zu schauen, ob es dem Unternehmen möglich ist, seine Schulden eigenständig zu begleichen. Davon ist letztlich auch die Zu- oder Absage für einen Kredit abhängig. Das bringt vor allem Einpersonenunternehmen sowie Kleinstund Kleinbetriebe in die Bredouille, die monatlich immer haarscharf über die Runden kommen. Ihnen ist es einerseits nicht möglich, Rücklagen zu bilden, auf der anderen Seite könnte man dadurch auch ableiten, dass es ihnen nicht möglich sein wird, den Kredit als zusätzliche Ausgabe zu bedienen. Den Banken auf verschiedenen Wegen mitzugeben, sie mögen „nachsichtiger“ mit der Kreditvergabe sein, scheitert schon an ihrem ureigensten Auftrag: Kundengelder auf der einen Seite einzusammeln und diese auf der anderen Seite als Kredite zu vergeben. Das erfordert Achtsamkeit. Auch als Privatperson würde man niemandem Geld borgen, wenn man vornherein weiß, man bekommt es nie wieder. Und schon gar nicht würde man das Geld seines Partners unter solchen Umständen verleihen, dann käme man nämlich in die blöde Situation, bei der Nichtrückzahlung selbst dauerhaft Schulden zu haben. Geld zu geben, ohne es wieder zu bekommen, ist eine Schenkung und das funktioniert im Wirtschaftskreislauf eher selten. Am Ende bezahlt immer jemand. Im Privatbeispiel ist es man selbst, im Fall von Staatshaftungen sind es in letzter Konsequenz wir alle.

Die Banken sind bemüht, im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu helfen. Ansuchen auf Kreditstundungen und das Aussetzen der Raten werden in der Regel rasch und unbürokratisch gewährt. Kredite werden zwar nicht nachsichtig, aber umsichtig vergeben. Dass Krisen jedoch nicht alle Unternehmen überstehen werden können, ist tragisch, aber Teil des Wirtschaftskreislaufes. „Wir werden keinen zurücklassen“ ist leider ein Satz, der freilich schön klingt, aber wohl an der Realität scheitert.


Jetzt brauche ich mehr als eine Bank – einen Partner.

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Wer schnell hilft, hilft doppelt: Wir setzen daher zielgerichtete Hilfsmaßnahmen, um unsere Unternehmenskunden zu unterstützen. Wenn Sie derzeit aufgrund der Corona-Krise vor besonderen Herausforderungen stehen, wenden Sie sich bitte an Ihre Betreuerin oder Ihren Betreuer. Gemeinsam erarbeiten wir ein auf die individuelle Situation abgestimmtes Paket – unter bestmöglicher Nutzung der von der Regierung kommunizierten Programme und aller in Frage kommenden Fördermöglichkeiten. Denn Ihre Zukunft ist uns wichtig!

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LUFT ZUM ATMEN

ERV

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Die Zahl der Insolvenzen war in Tirol die letzten Jahre verhältnismäßig niedrig. Das wird sich ändern. Wir haben Klaus Schaller, Leiter KSV1970 Region West, ein paar Fragen gestellt.

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ECO.NOVA: Wie sind Tirols Unternehmer im Schnitt finanziell aufgestellt? KLAUS SCHALLER: Tiroler Unternehmen haben in den vergangenen Jahren insgesamt gut gewirtschaftet. In einer vor der Coronakrise durchgeführten KSV1870-Umfrage haben 73 Prozent der befragten Tiroler Unternehmen ihre Geschäftslage positiv – also mit sehr gut/gut – bewertet. Zum Vergleich: In Österreich sind es 63 Prozent. Gleichzeitig ist es den Tiroler Firmen gelungen, ihre Eigenkapitalquote zwischen 2015 und 2018 pro Jahr im Schnitt um 0,7 Prozent zu erhöhen. All das sind Faktoren, die den Unternehmen jetzt zugutekommen. Entscheidend wird sein, wie lange die Corona-Krise und damit die aktuellen Maßnahmen andauern. Das kann heute aber noch nicht final gesagt werden.

Aktuell ist die Zahl der Firmenpleiten rückläufig. Woran liegt das und rechnen Sie dennoch mit einer Pleitewelle in absehbarer Zeit? Derzeit kommt es in Tirol (wie in ganz Österreich) zu einem deutlichen Rückgang bei den Unternehmensinsolvenzen: Im Vergleich zum März 2019 hat sich die Zahl der Pleiten um über 30 Prozent in unserem Bundesland

reduziert. Mit ähnlichen Zahlen ist auch in den kommenden Wochen zu rechnen, da etwa die Österreichische Gesundheitskasse (gemeinsam mit dem Finanzamt der größte Insolvenzantragsteller des Landes) bis auf Weiteres keine Insolvenzanträge einbringen wird. Darüber hinaus befinden sich die Unternehmen in einer abwartenden Haltung und schauen, was der von der Bundesregierung installierte Rettungsschirm in der Höhe von 38 Milliarden Euro an finanziellen Hilfsmitteln für jeden Einzelnen bringt. Darüber hinaus herrscht an den Gerichten aktuell ein Notbetrieb. Zudem wurde die Frist von 60 auf 120 Tage erhöht, innerhalb dieser Unternehmen verpflichtet sind, einen Insolvenzantrag zu stellen, wenn entsprechende Voraussetzungen (Zahlungsunfähigkeit, Überschuldung) gegeben sind. Das gibt den Betrieben aktuell etwas mehr Luft zum Atmen. Ab dem Frühsommer rechnen wir hingegen mit einem deutlichen Zuwachs bei den Unternehmensinsolvenzen. Wie deutlich dieser ausfallen wird, kann aktuell allerdings noch nicht final gesagt werden und hängt auch von der Dauer der Coronakrise ab – derzeit rechnen wir allerdings mit einem Plus von über 20 Prozent gegenüber dem Schnitt der letzten Jahre. Feststehen

dürfte, dass die Jahre mit einem extrem niedrigen Insolvenzniveau in Tirol vorbei sind.

Inwiefern unterscheidet sich – gesamtwirtschaftlich – die aktuelle Corona- von der damaligen Finanzkrise? Im Unterschied zur Finanzkrise vor gut zehn Jahren sprechen wir jetzt von einer Realkrise, die unmittelbar und innerhalb weniger Tage direkt bei den Unternehmen angekommen ist. Nicht systemrelevante Betriebe mussten per Verordnung von heute auf morgen zusperren, Einnahmen gingen dadurch schlagartig verloren. Gleichzeitig ist die Liquidität der Unternehmen sehr rasch in Gefahr geraten. All jene, die in der Vergangenheit nicht gut gewirtschaftet haben, trifft es jetzt umso schneller. Tirol verfügt über einen ausgewogenen Branchenmix, der sich bei der Überwindung der derzeitigen Krise noch als vorteilhaft herausstellen wird. Natürlich sind die für Tirol sehr wichtigen Branchen (Tourismus, Gastronomie und Hotellerie) aktuell besonders hart betroffen. Diese Bereiche spürten die Folgen der Finanzkrise – im Vergleich zu den unmittelbar eintretenden Auswirkungen der Coronakrise – nur in einem eingeschränkten Maß.

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CORONA & IHRE FINANZEN Checkliste zur wirtschaftlichen Schadensbegrenzung. TEXT: STB DR. VERENA MARIA ERIAN, STB RAIMUND ELLER, S T B M A G . E VA M E S S E N L E C H N E R

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eit Mitte März heißt es: „Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen.“ Die Corona‐Krise wird uns so schnell nicht mehr loslassen und gibt uns ordentlich zu denken. Jede Krise ist aber immer auch eine Chance und führt den einen oder anderen womöglich sogar zu effizienteren Strategien und neuen, besseren Geschäftsmodellen. Aktuell empfehlen wir Ihnen, nach der bei Redaktionsschluss vorliegenden Rechtslage, jedenfalls folgende Maßnahmen zur Schadensbegrenzung zu setzen bzw. im Auge zu behalten.

1. ENTSCHÄDIGUNGEN AUS DEM HÄRTEFALLFONDS Unternehmer, die bereits 2019 existent waren und deren letzter Steuerbescheid einen steuerpflichtigen Gewinn zwischen 5.527,92 Euro (Gerinfügigkeitsgrenze) und ca. 60.000 Euro ausweist, können zunächst unter bestimmten Voraussetzungen eine Soforthilfe von 1.000 Euro beantragen. Nach Ostern startet die Phase II des Härtefallfonds, womit in einem weiteren Schritt für die nächsten drei Monate pro Monat bis zu 2.000 Euro (80% vom Verdienstentgang) beantragt werden können. Hier können dann auch Neugründer

und Unternehmer außerhalb der genannten Einkommensgrenzen Hilfe bekommen. Bereits in Phase I bezogene Gelder werden in Phase II angerechnet. Die Abwicklung erfolgt über die Wirtschaftskammer (WKO). Die Antragstellung kann ausschließlich online erfolgen. Unter www.wko.at (dem Link auf der Startseite folgen) kommen Sie zum Antrag. Auf dieser Webseite gelangen Sie auch zu allen Informationen bezüglich der Voraussetzungen und beizubringenden Nachweise, Dokumente und Unterlagen für die Antragstellung. Wir empfehlen, diese Anweisungen unbedingt vor dem Befüllen des Antragsformulars zu lesen.


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Ab einem Umsatzrückgang von 40% werden 25% der Fixkosten (Miete, Versicherungsprämien, Zinsen, Lizenzkosten, Strom-, Gas-,Telefon- und Internetkosten) vom 15.3.2020 bis zum Ende der Covid-Maßnahmen durch einen nicht rückzahlbaren Zuschuss ersetzt. Bei einem Umsatzrückgang von 60% bis 80% beträgt der Zuschuss 50% der Fixkosten und bei einem Umsatzrückgang von 80% bis 100% werden 75% der Fixkosten zugeschossen. Die absolute Obergrenze liegt bei 90 Millionen Euro pro Unternehmen. Kommt es bei verderblichen oder saisonalen Waren zu einem Wertverlust von 50% oder mehr, so gibt es auch dafür die genannten Zuschüsse. Ebenso ist auch ein Unternehmerlohn von bis zu 2.000,- Euro p.m. vom Fixkostenzuschuss erfasst. Voraussetzung ist, dass das Unternehmen vorher gesund war und sämtliche Maßnahmen zur Reduzierung der Fixkosten (siehe dazu auch Punkt 7.) und zum Erhalt der Arbeitsplätze ergriffen wurden. Keine Zuschüsse gibt es jedenfalls für den Finanz- und Versicherungssektor sowie für Unternehmer, die bis zum 31.12.2019 mehr als 250 Mitarbeiter beschäftigt hatten und Mitarbeiter gekündigt haben, anstatt sie in Kurzarbeit zu schicken. Ein Antrag kann frühestens nach Feststellung des Umsatzrückganges und der Fixkosten mit Ablauf des Jahres gestellt werden. Dazu ist weiters eine Überprüfung und Bestätigung durch einen Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer notwendig. Die Auszahlung erfolgt dann über die Hausbank. Die Registrierung zur Beantragung soll ab 15.4.2020 Online über das AWS möglich sein. Spätestens hat die Registrierung bis 31.12.2020 zur erfolgen. Der fertige Antrag kann für das Jahr 2020 längstens bis 31.8.2021 eingebracht werden.

3. ÜBERBRÜCKUNGSFINANZIERUNGEN

Jeder Unternehmer kann einen Betriebsmittelkredit beantragen, wenn er durch die „Coronavirus-Krise“ nicht mehr über eine ausreichende Liquidität zur Finanzierung des laufenden Betriebs verfügt. Um eine unkomplizierte Abwicklung zu erreichen, übernimmt das AWS (Austria Wirtschaftsservice) gegenüber den Banken umfassende Garantien. Die Abwicklung erfolgt über die Bank. Bei Bedarf empfehlen wir, mit Ihrem persönlichen Bankbetreuer in Kontakt zu treten. Die Antragstellung erfolgt durch die Bank über ein Online-Schnellverfahren

(AWS-Fördermanager). Tourismusbetriebe können solche Überbrückungskredite über die ÖHT (Österreichische Hotel- und Tourismusbank) in Zusammenarbeit mit ihrer Bank beantragen. Für Großunternehmen erfolgt die Abwicklung über die Österreichische Kontrollbank.

4. BETRIEBSUNTERBRECHUNGSVERSICHERUNG

Die möglichen Leistungen divergieren entsprechend der individuellen Ausgestaltung Ihrer persönlichen Versicherungspolizze. Zahlungen aus der Betriebsunterbrechungsversicherung können dann in Betracht kommen, wenn der Betrieb komplett geschlossen ist, wenn Sie selbst krank oder auch wenn Sie selbst als Person in Quarantäne sind. Ob eine „freiwillige“ Schließung aus Sicherheitsgründen genügt oder der Versicherungsschutz nur bei einer behördlich angeordneten Schließung greift, bitten wir Sie bei Ihrem Versicherungsberater nachzufragen. Im Zweifel empfehlen wir bei Umsatzausfällen jedenfalls schriftlich eine Forderung dem Grunde nach (die Höhe wird in der Regel erst später, nach Geltendmachung aller schadensmindernden Ansprüche endgültig feststehen) an den Versicherungsgeber zu stellen. Damit kann jedenfalls verhindert werden, dass von Versicherungsseite eingewendet werden kann, man hätte den eingetretenen Schadensfall nicht fristgerecht gemeldet. Wichtig ist in diesem Zusammenhang aber auch, dass man alle zu Gebote stehenden Maßnahmen zur Schadensbegrenzung trifft und die öffentlichen Förderungen und Hilfen in Anspruch nimmt. Der Versicherungsgeber

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2. BETRIEBSKOSTENZUSCHUSS AUS DEM CORONA-HILFSFONDS

Koproduktion der EMF Team Tirol Steuerberater GmbH und der Ärztespezialisten vom Team Jünger: StB Dr. Verena Maria Erian, StB Mag. Eva Messenlechner, StB Raimund Eller, v. l.

ist üblicherweise nur insoweit zur Leistung verpflichtet, als der Versicherungsnehmer der rechtlich verankerten Schadenminimierungspflicht nachgekommen ist.

5. HERABSETZUNG UND STUNDUNG VON ABGABENSCHULDEN

Es können sowohl die an das Finanzamt und an die Sozialversicherung für Selbständige (SVS) künftig zu leistenden Quartalsvorauszahlungen herabgesetzt werden als auch bereits fällige Abgaben einschließlich Lohnabgaben gestundet werden. Empfehlenswert ist ein Stundungsantrag mit gleichzeitigem Antrag auf Nachsicht von Stundungszinsen. All diese Anträge können unkompliziert von Ihrem Steuerberater eingebracht werden.

6. AUSSETZUNG VON PRÜFUNGSHANDLUNGEN

Vom Bundesministerium für Finanzen (BMF) wurde zugesichert, dass Prüfungshandlungen derzeit aus Rücksicht auf die krisengeschüttelte Wirtschaft nicht in Kauf genommen werden müssen. Die Registrierkassen müssen aber weiterlaufen und dürfen bei vorübergehender Betriebsschließung aufgrund der COVID19-Krise nicht außer Betrieb genommen werden.

7. MIETE

Sollte es momentane Liquiditätsengpässe geben, die dazu führen, dass Sie die Miete nicht bezahlen können, empfehlen wir Ihnen, sich mit Ihrem Vermieter in Verbindung zu setzten. Ist ein Betrieb von den behördlich angeordneten Schließungen betroffen, so besteht laut Rechtsexperten möglicherwei-

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se ein Anspruch auf Erlass oder Minderung der Mietzahlungen. Diesbezügliche Musterschreiben und Informationen finden Sie auf den Internetseiten der Wirtschaftskammer unter news.wko.at (Achtung: Als Bundesland bitte Wien anklicken, Reiter „Service“ – Information zur Mietzinsminderung bei Geschäftsraummieten). Hier wird davor gewarnt, die Miete einfach schuldig zu bleiben, da ein Mietrückstand zu einem Kündigungsrecht seitens des Vermieters führen kann. Die Wirtschaftskammer empfiehlt eine Weiterzahlung unter Vorbehalt mit einer entsprechenden Inkenntnissetzung des Vermieters (siehe Musterschreiben auf der Homepage der Wirtschaftskammer). Zudem steht, entgegen bisherigen Aussagen, eine Mietenreduktion nicht nur bei behördlicher Schließung zu, sondern ist auch dann denkbar, wenn faktisch eine verminderte Nutzungsmöglichkeit auf Grund außerordentlicher Zufälle (Seuche) eingetreten ist. Dies hat der renommierte Mietrechtsexperte Rechtsanwalt Dr. Prader kürzlich in der Fachzeitschrift „immolex“ publiziert. Danach könnte eine Mietenreduktion im prozentuellen Ausmaß des Umsatzrückganges eingefordert werden. Wir empfehlen nun unter Hinweis auf diese Expertenmeinung eine partnerschaftliche Mietzinsminderung anzustreben.

8. PERSONALKOSTEN

Nach einer ersten turbulenten Zeit der allgemeinen Ratlosigkeit haben sich zwei Varianten als sinnvolle Lösungsansätze herauskristallisiert.

A) KÜNDIGUNG MIT EINER BEIDSEITIG VERPFLICHTENDEN WIEDEREINSTELLUNGSVEREINBARUNG: Hier wird das Dienstverhältnis mit den Mitarbeitern einvernehmlich aufgelöst und gleichzeitig für die Nach-Corona-Zeit eine Wiedereinstellung vereinbart. Ansprüche wie Urlaub etc. bleiben erhalten. DER VORTEIL: Die Kosten sind gleich null. DAS PROBLEM: Die Mitarbeiter sind plötzlich gänzlich weg und stehen auch für einen etwaigen Notbetrieb, notwendige Verwaltungstätigkeiten etc. nicht mehr zur Verfügung. DIE AUSWIRKUNG AUF DIENSTNEHMERSEITE:

Das Arbeitslosengeld beträgt üblicherweise ca. 55 Prozent des Nettobezuges zuzüglich anteiligen Sonderzahlungen (Urlaubs- und Weihnachtsgeld). Um auszuloten, mit welchem Netto der jeweilige Mitarbeiter dabei wirklich rechnen kann, empfehlen wir eine direkte Kontaktaufnahme mit dem Arbeitsmarktservice (AMS).

Diese Variante kann dann Sinn machen, wenn der Betrieb für längere Zeit komplett geschlossen wird und man wirklich zur gänzlichen Untätigkeit verdonnert ist. B) KURZARBEIT: Dabei wird das bisherige Be-

schäftigungsausmaß auf einen bestimmten Prozentsatz (zwischen 10 und 90 Prozent, kurzzeitig sogar bis auf 0 Prozent) reduziert und die Dienstnehmer bekommen trotzdem weiterhin unabhängig vom Ausmaß der Reduktion 80 bis 90 Prozent der bisherigen Nettobezüge. Entgegen der ursprünglichen Ausgestaltung ist es nun nicht mehr zwingend notwendig, offene Urlaube oder Zeitguthaben vorab zu verbrauchen. Wohl aber muss dies den Mitarbeitern vorher angeboten werden. Für den Nachweis des Bemühens des Arbeitgebers hinsichtlich des vor Inanspruchnahme der Kurzarbeitszeit anzubietenden Verbrauches von Alturlaub/Zeitguthaben empfehlen wir, auf dem Antrag an das AMS (COVID-19-Kurzarbeitsbehilfe) handschriftlich folgenden Satz auf der ersten Seite unter „Allgemeine Angaben“ zu ergänzen: „Der Verbrauch von Alturlaub/Zeitguthaben wurde allen Mitarbeitern angeboten, aber nicht (von allen) angenommen.“ Kurzarbeit kann auch mit Geschäftsführern vereinbart werden, wenn Versicherungspflicht bei der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) besteht. DER VORTEIL: Die Mitarbeiter stehen zum Beispiel für gewisse (Not-)Dienste, Telefonie, Verwaltung etc. zur Verfügung. Das Ausmaß der Arbeitszeit kann während der Kurzarbeit auch verändert und somit an den aktuellen Bedarf angepasst werden. Sie können die Kurzarbeit auch nur mit einzelnen Mitarbeitern vereinbaren. Das AMS vergütet die gesamten über das Ausmaß der tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden hinausgehenden Mehrkosten (inklusive Sozialversicherung) ab Beginn der Kurzarbeit. Letztere kann auch rückwirkend vereinbart werden. DAS PROBLEM: Diese Variante hat neben dem enormen bürokratischen Aufwand einige Fallstricke, wie einen einmonatigen Kündigungsschutz (Behaltepflicht) und mögliche Widerstände, wenn die Gegebenheiten doch mehr Leistungsstunden erfordern als ursprüng-

lich mit den Dienstnehmern vereinbart. Alle Details zu den Formalitäten einschließlich der notwendigen Formulare und Vereinbarungen finden Sie unter www.ams.at (Inhalte für Unternehmen anklicken – erscheint automatisch beim ersten Aufruf der Seite, wenn nicht, oben auf das Feld neben dem AMS-Logo klicken. Meist findet sich der Punkt bereits bei „Häufige Anliegen“, falls nicht, weiter zu „Personalsicherung und Frühwarnsystem“ und den Informationen zur Kurzarbeit).

DIE AUSWIRKUNGEN AUF DIENSTNEHMERSEITE:

Im Vergleich zur Aussetzungsvereinbarung ist dies sicherlich die sozialere Variante. Der Verdienst beträgt weiterhin mindestens 80 Prozent (bis zu einem Bruttoeinkommen von 1.700 Euro sogar 90 Prozent), selbst dann, wenn die Arbeitszeit nur noch 10 Prozent vom bisherigen Beschäftigungsausmaß ausmacht.

9. AUSBLICK

Die Regierung arbeitet mit Hochdruck an einem effektiven Rettungsschirm für die Wirtschaft. Es ist laufend mit weiteren Maßnahmen (Notfallhilfe für betroffene Branchen, Unterstützungsfonds für Künstler) zur Erhaltung des Wohlstandes im Land zu rechnen. Um ständig auf dem Laufenden zu bleiben, empfehlen wir Ihnen folgenden Link: www. infomedia.co.at/covid-19/.

RESÜMEE Nur auf staatliche Hilfe zu warten oder diese gar vorsätzlich auszunutzen, wird uns langfristig womöglich mehr schaden als nützen. Gefragt ist auch Eigeninitiative, mehr denn je. Packen wir dort an, wo wir gebraucht werden, stellen wir Produktionsstraßen um und richten sie auf die jetzigen Mangelwaren aus. Nützen wir die Zeit zum Nachdenken und profitieren wir von dem Phänomen der Entschleunigung. Lassen wir uns alle miteinander etwas einfallen, was uns wirklich weiterbringt – gesundheitlich und wirtschaftlich gleichermaßen. Wem das jetzt gelingt, der hat die große Chance, entscheidend voranzukommen und bedeutend mehr zu erreichen als jemand, der seine ganze Energie auf das „Handaufhalten“ beschränkt.


INDUSTRIE IN TIROL Zahlen und Daten zum Standort Tirol

42.759

Die Zahl der IndustrieMitarbeiter stieg zuletzt stark an – auch die Lehrlingszahlen entwickelten sich positiv.

€ 523,8 Mio.

Für Forschung und Entwicklung haben die Tiroler Unternehmen ihre Ausgaben von 477,2 (2015) auf 523,8 (2017) Millionen Euro gesteigert.

28 %

der Tiroler Bruttowertschöpfung werden von der Industrie (mit Bauwirtschaft) erbracht.

483

€ 41.070

Das durchschnittliche Gehalt von Industriebeschäftigten liegt bei 41.070 Euro und damit weitaus höher als in fast allen anderen Branchen der Tiroler Wirtschaft.

€ 6,6 Mrd.

Direktexporte

€ 11 Mrd.

Tiroler Industriebetriebe

Der Produktionswert der Tiroler Industrie hat 2018 um knapp 4 % auf über 11 Milliarden Euro zugelegt.

€ 1,2 Mrd.

zahlten Unternehmen 2019 dem Fiskus. Das ist um 9 % mehr als im Vorjahr. Die Körperschaftsteuer (KöSt) betrug 648 Mio. Euro (plus 7,9 %) und die Einkommensteuer stieg auf 585 Mio. Euro (plus 10,54 %).

92

Lehrbetriebe bilden über 1.333 Lehrlinge aus – in über 60 verschiedenen Lehrberufen.

SO STARK IST DIE TIROLER INDUSTRIE. DURCH DIE CORONA-KRISE ERLEBEN WIR DERZEIT EINEN RÜCKSCHLAG. DIE UNTERNEHMEN MIT IHREN MITARBEITERINNEN UND MITARBEITERN TUN ALLES, UM DIE INDUSTRIEPRODUKTION MÖGLICHST BALD WIEDER AUF NORMALBETRIEB HOCHZUFAHREN.


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ZEITGEMÄSSES RECHNUNGSWESEN: REPORTINGS IN ECHTZEIT AUS DER CLOUD In unserem Arbeitsalltag sind die meisten Daten mittlerweile elektronisch verfügbar. Ein wichtiger Aspekt wird in diesem Zusammenhang jedoch nach wie vor zu selten genutzt: Die Verknüpfung von verfügbaren Daten zu aussagekräftigen Kennzahlen, die als zeitnahe Entscheidungsgrundlage zur aktiven Unternehmenssteuerung dienen können. TEXT: CHRISTOPH BÖDL

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E

lektronische und automatisierte Datenverarbeitung in der Buchhaltung führt dazu, dass Prozesse im Rechnungswesen effizienter gestaltet werden können. Papierlose Verarbeitung und elektronische Rechnungsfreigaben bedeuten eine Zeitersparnis bei der Datenübermittlung.

SCHNELLE VERFÜGBARKEIT, RASCHE VERARBEITUNG

Die elektronische Verfügbarkeit von relevanten Daten – wie etwa Umsatzzahlen aus dem Onlineshop, dem Hotelprogramm oder sonstigen ERP-Systemen – ermöglichen eine sehr zeitnahe Erfassung in der Buchhaltung. In einer modernen Buchhaltung werden sämtliche Daten im Wochenrhythmus verarbeitet. Dazu benötigt es keine eigene Abteilung für Rechnungswesen mehr. Daten und Belege gelangen automatisiert und elektronisch zum Buchhalter oder Steuerberater.

UNGENUTZTE CHANCE FÜR ZEITNAHES REPORTING

Diese schnell verfügbaren Daten werden noch viel zu selten für die aktive Steuerung des Unternehmens genutzt. Möglichkeiten gäbe es dafür jedoch viele: Durch die Ankopplung von Reportingsystemen an die Buchhaltung können Daten in Echtzeit abgefragt und online zur Verfügung gestellt werden. Das Reporting muss nicht mehr manuell erstellt und versendet werden. Die Re-

Individuelle grafische Aufbereitung statt Zahlenfriedhöfe

porting-Tools greifen die Daten selbständig aus der Rechnungswesen-Software ab. Somit sind sämtliche Auswertungen unmittelbar nach Abschluss der Buchhaltungsarbeiten verfügbar.

MODERNE ANSICHT STATT ZAHLENFRIEDHÖFE

Dynamische Rechnungswesen-Berichte waren früher vor allem großen Unternehmen vorbehalten, die über ein eigenes Controlling oder eine entsprechend leistungsfähige Software verfügt haben. Heute sind dank der technischen Möglichkeiten entsprechende Tools auch für Klein- und Mittelbetriebe erhältlich und leistbar. Monatliche Saldenlisten und betriebswirtschaftliche Erfolgsrechnungen in Papier- oder PDFForm wurden längst abgelöst von Apps oder Web-Interfaces, über die das Unternehmen online auf die Auswertungen zugreifen kann.

Die Tools sind interaktiv: Somit können zum Beispiel per Mausklick der Betrachtungszeitraum verändert oder Datenreihen in Grafiken ein- und ausgeblendet werden. Zudem ist die Aussagekraft durch interaktive und individuell gestaltbare, grafisch ansprechende Reports um ein Vielfaches höher als die altgewohnten „Zahlenfriedhöfe“, die zwar auf wenigen A4-Seiten sämtliche Daten auflisten, jedoch relativ unübersichtlich bleiben. Auch via Mobiltelefon sind die wichtigsten Zahlen abrufbar: Mit einem Link zum Online-Reporting auf dem Desktop besteht die Möglichkeit, jederzeit und überall sofort Zugriff auf die wesentlichen Kennzahlen zu haben.

MEHR ALS NUR ZAHLEN

Reports aus dem Rechnungswesen sind nicht mehr nur vergangenheitsbezogene Daten aus der Buchhaltung, sondern können ge-


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Die wichtigsten Kennzahlen stets am Handy im Überblick

meinsam mit zusätzlichen Informationen zu einem individuellen Controlling-Report ausgebaut werden. In nahezu jeder Branche gibt es zusätzliche Unternehmensdaten, die sich verknüpft mit Informationen aus dem Rechnungswesen zu interessanten Key Performance Indicators (KPIs) kombinieren lassen. In der Hotellerie kann beispielsweise die Verknüpfung von Nächtigungszahlen und Umsatzzahlen Aufschluss über die Zusatzkonsumation je Gast im Wellnessbereich oder im Restaurant geben. Auch die Betten- und Zimmerauslastung lässt sich im Jahresvergleich darstellen. Die Gastronomie kann wiederum mittels Gästestatistiken die durchschnittliche Konsumation je Gast im Blick behalten. Umsatz und Kosten je Offenhaltungstag oder der Umsatz je Servicemitarbeiter können monatlich sowie im Jahresvergleich dargestellt werden. Bei Bergbahnen können Gäste-Zutrittszahlen mit dem Rechnungswesen verknüpft werden, um etwa den Zusatzumsatz in der Gastronomie einzusehen, einen Deckungs-

Mag. Christoph Bödl ist Steuerberater bei Deloitte Tirol

beitrag in Relation zur Anzahl der monatlichen Sonnentage zu setzen oder Ähnliches. Auch der Handel profitiert: Mit wenigen Daten aus dem Verkauf können Marketingkosten je Neukunde oder Einkauf gegenübergestellt, der durchschnittliche Umsatz pro Einkauf ermittelt und die prozentuelle Darstellung des Monatsumsatzes je Warengruppen visualisiert werden. In der Dienstleistungsbranche lässt sich bei Klein- oder Einzelunternehmen zum Beispiel einfach der durchschnittlich verrechnete Stundensatz je Mitarbeiter oder die Produktivität darstellen. Gibt es eine Unternehmensplanung für das Jahr, ist es auch möglich, die laufenden Kennzahlen gegen die Planzahlen im Benchmark darzustellen.

Beispiel Handel: Darstellung des Return on Investment beim Marketingaufwand

UNABHÄNGIG VOM BUCHHALTUNGS SYSTEM Deloitte bietet in diesem Bereich umfassende Services an: Mit der Deloitte-Cloud-Lösung ist es möglich, einen Controlling-Report unabhängig von der verwendeten Buchhaltungssoftware aufzusetzen. Die Vorteile können damit von jedem Unternehmen genutzt werden – egal, ob die Buchhaltung im Haus oder vom Buchhalter des Vertrauens abgewickelt wird. Besonders in Zeiten wie diesen, in denen der physische Kontakt mit Personen nicht oder nur eingeschränkt möglich ist, zeigt sich, dass jene Unternehmen, die bereits in digitale Lösungen investiert haben, auch jetzt voll handlungsfähig bleiben. Von der Datenanlieferung über die Korrespondenz bis hin zu Freigabeworkflows kann fast alles aus dem Homeoffice ohne größere Einschränkungen bedient werden. Die Experten von Deloitte stehen jederzeit zur Verfügung, um sich über die Möglichkeiten eines effizienten laufenden Controllings oder Cloud-Lösungen für das Rechnungswesen auszutauschen. Auch der Zugang zu einem Testsystem ist möglich.

info@easydeloitte.at

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ES WIRD SO WERDEN, WIE WIR ES UNS SCHON LANGE WÜNSCHTEN 104

Manche haben geglaubt, wir können uns um das Thema herumschwindeln. Aber dann kamen sie, die Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung des Virus, und innerhalb ganz kurzer Zeit änderte sich unser gesamtes Leben. TEXT: WOLFGANG HOFFMANN

V

om vielbeklagten Overtourism und der feierfreudigen AprèsSki-Society in der ausklingenden Wintersaison zu leeren Straßen und Plätzen innerhalb von wenigen Stunden. Shutdown nennt man das, ein Wort, das den meisten von uns bis dato völlig unbekannt war. Aber nicht Murren war die Folge, sondern ein spürbares Zusammenrücken in der Krise. Man kann die Intensivierung der zwischenmenschlichen Beziehungen fast greifen. Neben der – ganz gewiss vorhandenen – Sorge sind es in vielen Bereichen Heiterkeit und Zuneigung, die das tägliche Leben prägen. Selbst die Uneinsichtigsten kommen innerhalb kurzer Zeit drauf, dass schenkelklopfender Humor und dümmliche WhatsApp-Nachrichten nicht das Gebot der Stunde sind.

JEDE ZEIT HAT IHRE WAHRHEIT

Nach kurzzeitig überbordender Zuneigung zu Nudeln und Toilettenpapier stellen wir

fest, dass es Berufsgruppen gibt, die für uns wichtig sind und die unser tägliches Leben absichern und ein verändertes, aber doch angenehmes Dasein ermöglichen. Zuallererst rücken die Ärzte und das Pflegepersonal in den Fokus unserer Wahrnehmung. Die von Spitalsökonomen vielfach kritisierte Anzahl an Intensivbetten in Krankenhäusern wird nicht nur gelobt, sondern es werden darüber hinaus weitere Kapazitäten ausgebaut. Fast hämisch wird in den Nachrichten über andere Länder berichtet, die in Vorkrisenzeiten nicht Milliarden in das Gesundheitssystem stecken wollten und daher jetzt als unterversorgt gelten. Jede Zeit hat eben ihre Wahrheit. Auch das private Pflegepersonal, das in Zeiten vor der Krise noch eine 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich gefordert hat, ist nunmehr bereit, vernünftige und leistbare Forderungen zu akzeptieren. Supermarkt-Kassiererinnen, die man früher gerade noch beachtet hat, werden auf einmal zu Helden. Die ganze

Bevölkerung applaudiert und bedankt sich überschwänglich bei ihnen, obwohl sie doch nichts anders tun als das, was sie vorher auch schon gemacht haben. Auf die Lkw-Fahrer vergisst man dabei völlig. Doch sind sie es, die als moderne Nomaden der Landstraße erst dafür sorgen, dass die Lager voll sind, um die Supermärkte beliefern zu können. Auf einmal bekommen Berufe eine andere Wertigkeit. Dies wird sich nicht nur in Dank, sondern auch finanziell auswirken müssen. 24-Stunden-Pflegepersonal kann nicht nur aus Ungarn, der Slowakei oder aus Rumänien kommen. Auch wir müssen bereit sein, diese Berufsgruppe so zu bezahlen, dass sich auch Einheimische wieder dazu bereitfinden, diese Tätigkeit zu leisten. Gleiches gilt für die händeringend gesuchten Erntehelfer. Viele der nunmehr arbeitslos Gemeldeten könnten bei der Ernte mithelfen, um so eine andere und höhere Wertschätzung gegenüber dieser Personengruppe zu lernen. Doch auch diese Mitarbeiter bekom-


FOTO: © TOMMY SEITER

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Wolfang Hoffmann ist Steuerberater und Wirtschaftsprüfer sowie Geschäftsführer bei pro:west Innsbruck.

men wir wiederum nur aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks und über diese können wir derzeit nicht verfügen. Wie sehr schätzen wir aktuell die heimische Landwirtschaft und wie bereit sind wir, zukünftig für Lebensmittel so viel zu bezahlen, wie ein „Mittel zum Leben“ eben braucht, um seinen Erzeuger gut ernähren zu können? Bei unseren Vorvätern galt noch die Regel „eine Stunde Arbeit ist ein Kilogramm Fleisch“. Wie weit haben wir uns davon entfernt und wie wenig Wertschätzung geben wir damit unseren Bauern. Der Begriff „Nahversorger“ bekommt auf einmal eine neue Dimension. Vorarlberger Unternehmer besinnen sich ihrer alten Tradition als Textilhersteller, und schaffen es innerhalb weniger Tage, eine riesige Produktion von hochwertigen Atemschutzmasken auf die Beine zu stellen. Der Nahversorger im Ort wird nicht mehr nur Verkäufer der im Supermarkt vergessenen Produkte, sondern Drehscheibe für regionale Erzeuger sein, die bisher keinen Platz in den Großmärkten gefunden haben. Und man wird bereit sein, den geringen Mehrpreis für die hochwertigeren Lebensmittel zu bezahlen. Das Gleiche gilt für die Gruppe der Lehrer. Jetzt, wo wir die Aufgaben von Erziehen und Unterrichten ins eigene Haus zurückbekommen haben, lernen es viele Eltern schätzen, dass es engagierte Lehrer gibt, die ihnen diese Arbeit abnehmen. Zumindest die der Erziehungsarbeit – denn Lernen gehört ohnehin in die Schule. Aber auch engagierte Lehrer gehören gefördert, ordentlich bezahlt und wertgeschätzt.

Auch der Tourismus und unsere Reisegewohnheiten werden sich verändern. Echte Gastfreundschaft und ehrliche Qualität werden als Erstes wieder einheimische Touristen in unsere Ferienorte bringen. Da internationale Gäste mittelfristig als Zielgruppe für den Tourismus ausfallen werden, wird man sich wieder um diejenigen kümmern, die vor der eigenen Haustüre sind. Wir werden bereit sein müssen, unseren Preis dafür zu bezahlen. Aber wir werden dafür reichlich belohnt mit dem, was unsere Ferienregion und ihre Gastgeber zu bieten haben.

DIE KRISE MACHT UNS STÄRKER

Die Unternehmer werden gestärkt aus der Krise kommen. Man wird sich mit geschärftem Geist und kreativen Ideen der alten unternehmerischen Tugenden besinnen. Nicht jedes Geschäft ist ein gutes Geschäft, und man sollte sich nicht täglich ins Hamsterrad begeben, um Luxus zu finanzieren, den man im wirklichen Leben gar nicht braucht. Im Versuch der Regierung, möglichst viele Unternehmen zu unterstützen, werden sicherlich auch einige „tote Pferde“ gesattelt. Das lässt sich kaum vermeiden. Aber auch großzügig gewährte Kredite und Haftungen verschieben das Problem nur in die

Zukunft und wollen wieder zurückbezahlt werden. Da sich das „Unternehmer-Gen“ und die Leistungsbereitschaft jedoch nicht innerhalb von Wochen verflüchtigen, werden wir sicherlich nicht zu einem Volk von Bittstellern, die am Fördert(r)opf hängen und um Almosen betteln. Österreich war schon immer ein Land von kreativen Köpfen und fleißigen Menschen, was sich auch jetzt und nach der „Krise“ wieder deutlich zeigen wird. Wenn wir uns noch etwas wünschen dürfen, dann ist es auf jeden Fall, das Tempo nicht wieder auf das alte Maß hinaufzuschrauben. Wir sollten wieder mehr Zeit haben, für uns und für unsere Mitmenschen. Träume, für die wir bisher nicht Zeit hatten, werden wieder gelebt werden und all die Pläne, die wir schon lange in unseren Unternehmen angehen wollten, werden zu Ende gedacht und umgesetzt. Und: Wir werden die Veränderungen in unserem Leben sicherlich nicht so schnell vergessen. Besonders deshalb, weil wir monatelang tagtäglich daran erinnert werden, dass wir in einer NEUEN Art von Normalität leben. Und was haben die Steuerberater damit zu tun? Nun, die werden sich auch in Zukunft Steuerberater nennen, damit man sie erkennen kann in der Vielzahl derer, die in der Beratung tätig sind. Auch wenn der Name „Steuerberater“ tatsächlich irreführend ist. Sind wir doch diejenigen, die – wie gute Allgemeinmediziner – erste Anlaufstelle bei aller Art von Krankheitssymptomen in den Unternehmen sind. Den Vorteil, den ein guter Allgemeinmediziner vor einer überfüllten Spitalsambulanz bietet, bieten auch die Steuerberater in wirtschaftlichen und steuerlichen Belangen. Wir sind bei unseren Klienten, vor – in – und nach der Krise. Und wir freuen uns auf neue und große Chancen und vor allen Dingen über eine neue Normalität: mit einer höheren Wertschätzung gegenüber vielen Berufsgruppen, der Neubewertung von verfügbarer Zeit und einer größeren Wahrhaftigkeit in unserem unternehmerischen Tun. Mögen das am Schluss nicht nur Träume sein, denn dann wird es so, wie wir es uns schon lange wünschten.

A U F E I N M A L B E KO M M E N B E R U F E E I N E A N D E R E W E R T I G K E I T. D I E S W I R D S I C H NICHT NUR IN DANK, SONDERN AUCH FINANZIELL AUSWIRKEN MÜSSEN.

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eco.recht

BEOBACHTUNGEN ZU COVID-19 Die rechtlichen Entwicklungen der letzten drei Wochen in Österreich bieten nicht nur eine Fülle verschiedenster Themen, die einem Juristen die Auswahl schwer macht,um darüber zu schreiben, sie werfen auch neue Schlaglichter auf seine Disziplin und erzeugen bisweilen Besorgnis. T E X T : J O H A N N E S B A R B I S T, B I N D E R G R Ö S S W A N G R E C H T S A N W Ä LT E , I N N S B R U C K

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a ist einmal der Gesetzesbetrieb. Am Tag, an dem dieser Beitrag verfasst wird, werden gerade innerhalb von drei Wochen das dritte und vierte COVID-19-Sammelgesetz im österreichischen Parlament beschlossen. Damit werden wiederum Dutzende Gesetze geändert, Verordnungsermächtigungen erteilt und tiefgreifende, auch verfassungsrechtliche Änderungen des Rechtssystems vorgenommen. Hält man sich vor Augen, dass unter Normalbedingungen derartige Gesetze über Wochen hinweg in einem Begutachtungsverfahren geprüft, in Parlamentsausschüssen abgewogen und schließlich im Plenum diskutiert werden, muss man nun zur Kenntnis nehmen, dass sich die Mehrheit der Abgeordneten schon aus Zeitmangel nicht im Detail mit den Änderungen auseinandersetzen kann und über die Vielzahl der Änderungen in einmal abstimmt. Allein die Legistik, also die Ausarbeitung der Gesetze, schwankt zwischen Meisterleistung und Husarenstück. Dazu kommt, dass es sich bei den Änderungen um teilweise tiefe Eingriffe in persönliche Freiheit und Eigentum und andere Grundfesten unseres Rechtssystems handelt. Bei allem Verständnis für die Situation und die notwendige Geschwindigkeit ist jeder von uns aufgerufen, diese Änderungen kritisch zu beobachten. Auch stechen Eingriffe in bestehende Vertragsverhältnisse und eine Vielzahl von arbeitsrechtlichen Themen hervor. Neben der Kurzarbeit, Fragen des Verbrauches von Zeitausgleich und Urlaubstagen, Arbeitszeit oder Zustimmung zum Homeoffice zeigt sich einmal mehr, dass Kooperation auf der Grundlage bestehender Bestimmungen im Unternehmen mehr wert ist als die Durchsetzung juristischer Bestimmungen im Einzelfall. Dies insbesondere dann, wenn Zeit ein wesentlicher Faktor ist und die Arbeit der Justiz durch eine Vielzahl von Fristhemmungen und Verhandlungsvertagungen nur bedingt Hilfe bietet. Viele Unternehmen haben das Homeoffice entdeckt, die Notwendigkeit hat die Skepsis

Dr. Johannes Barbist, M. A. (Limerick)

gegenüber einem komplett selbstbestimmten Mitarbeiter schnell beseitigt. Oft vielleicht ein wenig zu schnell. Die technische Ausstattung zu Hause, die Anbindung an das Unternehmen und die gefährliche Vermischung von Privatem und Beruflichem außerhalb des Büros muss nämlich gut organisiert und technisch und rechtlich abgesichert sein. Denn das Datenschutzrecht, Fragen des Schutzes von Geschäftsgeheimnissen und berufliche oder vertragliche Geheimhaltungsverpflichtungen gelten auch dann, wenn Mitarbeiter daheim arbeiten. Die Digitalisierung hat es jedenfalls gefreut, kommen doch immer mehr Menschen notgedrungen darauf, dass Besprechungen auch virtuell produktiv sind und der Zugriff zu den notwendigen Dokumenten problemlos funktionieren kann. Aber auch die Kriminellen im Netz freut dieser Umstand. Der Trend, dass sich die Straftaten ins Netz verlagern, hat durch Ausgangsbeschränkungen und Homeoffice eine enorme Beschleunigung erfahren. Erneut zeigt sich, dass es rasch neue internationale rechtliche Grundlagen braucht, um den nationalen Behörden und Gerichten nur annähernd die Möglichkeit zu geben, dagegen vorzugehen. Auch die vermeintliche Cleverness einzelner Zeitgenossen ist beachtlich. Sind wir ja langsam daran gewöhnt, dass Alltagsbe-

griffe oder geografische Bezeichnungen als Marken geschützt werden sollen, um dann mit Abmahnschreiben Profit daraus zu lukrieren. Unverfroren wird das nun auch mit der Bezeichnung des Virus oder Utensilien zum Schutz davor, etwa Spuckschutz, betrieben. Sollten solche Abmahnschreiben bei dem ein oder anderen Leser dieser Zeilen einlangen, berät Sie der Verfasser gerne kostenlos. Die Relativität einzelner Rechtsbereiche wird einem im Rahmen der aus dem Boden sprießenden Corona-Apps und der Diskussion rund um das Geotracking ebenfalls bewusst. Auch wenn die Apps sich so gut es geht an die datenschutzrechtlichen Vorgaben halten, werden die Vorschläge zu Geotracking, also der elektronischen Verfolgbarkeit einer Person durch ihr Mobiltelefon, von der Politik oft so geführt, als wäre Datenschutz in Europa ein Fremdwort. Rechtfertigt der Zweck wirklich immer die Mittel? Verpflichtende Apps und elektronische Verfolgbarkeit des Einzelnen durch den Staat sollte in einer freien Demokratie unmöglich sein. Schließlich steht das selbstverantwortliche Handeln des Einzelnen insgesamt wieder am Prüfstand. Ohne an der Diskussion, ob nun die Behörden alles richtig gemacht haben, teilnehmen oder einzelne fahrlässige Informationen oder Veranstaltungen in Schutz nehmen zu wollen, ist es dennoch beachtlich, wie viele Menschen meinen, in einer Pandemie die Schuld für ihre Ansteckung bei jemandem anderen finden zu müssen. Dies steht im klaren Gegensatz zu den vielen disziplinierten Menschen, die die unangenehme Situation der mannigfachen Einschränkungen auf sich nehmen, jenen, die aktiv dazu beitragen, dass die Versorgung und medizinische Betreuung funktioniert, und jenen, die sich etwa als Polizisten, Zivildiener, im Assistenzeinsatz beim Bundesheer oder ehrenamtlich darum bemühen, dass die Pandemie in Österreich nicht ihr hässlichstes Gesicht zeigt. Diesen allen sei auch hier von ganzem Herzen für ihren Einsatz gedankt.


DER NEUE DEFENDER

BEREIT FÜR JEDE HERAUSFORDERUNG

AB FRÜHJAHR BEI UNS IM SCHAURAUM. Der neue Land Rover Defender ist genauso robust, wie er aussieht. Der Begriff „strapazierfähig” wird ihm nicht gerecht. Er wurde unter Extrembedingungen getestet und meistert alle Herausforderungen, die die Umgebung ihm stellt. Zuverlässig und langlebig – und mit einem VollAluminium-Kern konstruiert, ist er das widerstandsfähigste Fahrzeug, das Land Rover je gebaut hat. Der neue Defender. Eine Ikone. Eine Kategorie für sich. Land Rover Defender: Kraftstoffverbrauch komb. in l/100 km: 11,7–9,0; CO2-Emissionen komb. in g/km: 264–235, nach WLTP-Zyklus ermittelt. Die Werte können sich nach Modell, Spezifikation und Sonderausstattung unterscheiden bzw. erhöhen. Weitere Informationen unter www.autoverbrauch.at. Symbolfoto.

Autowelt Innsbruck Denzel & Unterberger GmbH & Co.KG Griesauweg 28, Tel.: +43 512 33 23-0 E-Mail: info@denzel-unterberger.cc

Autowelt Strass Unterberger Automobile GmbH & Co.KG II Bundesstraße 109, Tel.: +43 5244 6100-0 E-Mail: info.strass@unterberger.cc

Autowelt Telfs Denzel & Unterberger GmbH & Co.KG Wildauweg 1, Tel.: +43 5262 66766-0 E-Mail: info.telfs@unterberger.cc

Autowelt Kufstein Unterberger Automobile GmbH & Co.KG II Haspingerstraße 12, Tel.: +43 5372 61060-0 E-Mail: autohaus@unterberger.cc www.unterberger.cc


eco.recht

BAUPROJEKTE UNTER COVID-19 Durch das COVID-19 Maßnahmengesetz können auch im Zusammenhang mit Bauprojekten eine Reihe von Rechtsfragen auftauchen. T E X T : S T E FA N K O F L E R , G R E I T E R P E G G E R K O F L E R & PA R T N E R , I N N S B R U C K

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FOTO: © BLICKFANG PHOTOGRAPHIE

urch das COVID-19 Maßnahmengesetz und die dazu erlassenen Verordnungen wurden einschränkende Maßnahmen erlassen, die sich erheblich auf die Durchführung von Bauprojekten auswirken können. Die dadurch verursachten wirtschaftlichen Konsequenzen und die Unsicherheit der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung veranlassen auch Auftraggeber, die Verschiebung oder die gänzliche Aufgabe des Bauprojektes in Erwägung zu ziehen.

WER MUSS DIE DURCH COVID-19 VERURSACH-

IST DIE DURCHFÜHRUNG VON BAUPROJEKTEN

Mit der Verordnung zum COVID-19 Maßnahmengesetz wurde zwar vorgeschrieben, dass am Ort der beruflichen Tätigkeit zwischen den Personen ein Abstand von mindestens einem Meter eingehalten werden muss, dies aber nur dann, wenn nicht durch entsprechende Schutzmaßnahmen das Infektionsrisiko minimiert werden kann. Derartige Schutzmaßnahmen können grundsätzlich auf Baustellen getroffen werden, wie dies in einer Einigung von Baugewerbe, Bauindustrie und Gewerkschaft Bau-Holz in Zusammenarbeit mit dem Zentral-Arbeitsinspektorat vom 26. März 2020 zur Klarstellung für das Baugewerbe festgelegt wurde. Mit den COVID-19Maßnahmen wurde somit kein Bauverbot verhängt. Bauarbeiten sind unter Einhaltung entsprechender Schutzmaßnahmen daher grundsätzlich weiterhin zulässig.

WEITERHIN ZULÄSSIG?

KANN DER AUFTRAGGEBER VOM BAUVERTRAG OHNE ZAHLUNG DES ENTGELTES ZURÜCKTRETEN?

Ob der Auftraggeber wegen bereits eingetretener oder erwarteter finanzieller Einbußen von einem bereits abgeschlossenen Bauvertrag zurücktreten und seine Zahlungspflichten damit aufheben kann, hängt vom Inhalt des abgeschlossenen Vertrages ab. Ist im Vertrag für einen solchen Fall ein Rücktrittsrecht eingeräumt, kann der Auftraggeber dieses

lich auch einen vorübergehenden Baustopp anordnen. Dem Bauunternehmer kann – abhängig von der vertraglichen Regelung – in einem solchen Fall ein Anspruch auf sein Entgelt unter Berücksichtigung seiner Ersparnisse zustehen. Wenn das Bauvorhaben später einvernehmlich fortgesetzt wird, ist auch ein Anspruch des Bauunternehmers auf Ersatz der durch die Verzögerung verursachten Mehrkosten denkbar.

Rechtsanwalt Dr. Stefan Kofler www.lawfirm.at

in Anspruch nehmen. Mangels solcher vertraglichen Regelungen gewährt eine – wenn auch unverschuldete – Verschlechterung der Vermögensverhältnisse beim Auftraggeber diesem kein Recht, sich seiner vertraglichen Verpflichtungen zu entledigen.

KANN DER AUFTRAGGEBER DAS BAUPROJEKT

Grundsätzlich gilt, falls nichts Gegenteiliges vereinbart wurde, dass der Auftraggeber jederzeit auch von einem verbindlich abgeschlossenen Bauvertrag ohne Angabe von Gründen Abstand nehmen kann. Nach der gesetzlichen Regelung muss er aber dann dem Bauunternehmer das vertraglich vorgesehene Entgelt bezahlen. Der Bauunternehmer muss sich dabei allerdings mindernd anrechnen lassen, was er sich erspart hat, weil es nicht zur Ausführung des Bauvorhabens kam und er Materialien oder Arbeitskräfte anderweitig einsetzen konnte.

„ABBESTELLEN“?

KANN DER AUFTRAGGEBER EINEN VORÜBERGEHENDEN BAUSTOPP ANORDNEN? Genauso wie der Auftraggeber das Bauvorhaben jederzeit gänzlich aufgeben kann, kann er grundsätz-

TEN BAULICHEN MEHRKOSTEN TRAGEN? Auch wenn Bauprojekte grundsätzlich weiterhin durchführbar sind, ist doch absehbar, dass die Einhaltung dieser Maßnahmen zu Mehrkosten auf Seiten des Bauunternehmers führen wird. Die Frage, wer diese Mehrkosten zu tragen hat, also ob diese auf den Auftraggeber überwälzt werden können, kann nicht allgemein beantwortet werden. Maßgeblich ist auch hier wieder, welche Vereinbarungen der Vertrag vorsieht. Es macht beispielsweise einen Unterschied, ob ein Pauschalpreis, eine Abrechnung nach Einheitspreisen oder eine Abrechnung nach Regiepreisen vereinbart wurde. Auch ist wesentlich, ob die Geltung der bei Bauvorhaben häufig angewendeten ÖNORM B 2110 vertraglich vereinbart wurde. Nach der gesetzlichen Lage würde das Risiko außergewöhnlicher Ereignisse grundsätzlich in die Sphäre des Bauunternehmers fallen, sodass dieser für durch höhere Gewalt verursachte Behinderungen keine Erhöhung des Entgeltes fordern könnte. Die ÖNORM B 2110 sieht hingegen eine abweichende Regelung vor. Nach dieser ÖNORM fallen außergewöhnliche Ereignisse in die Risikosphäre des Auftraggebers, wenn sie vom Auftragnehmer nicht in zumutbarer Weise abgewendet werden können. Welche Anforderungen hier an zumutbare Abwehrmaßnahmen gestellt werden, kann nur im Einzelfall entschieden werden.


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COVID-19-MASSNAHMEN UND MIETEN Die COVID-19 Maßnahmengesetze sowie die dazu erlassenen Verordnungen des Bundes und der Länder betreffen auch Bestandverträge wie insbesondere Geschäftsraummieten, Unternehmenspachtverträge, Mietverträge über Freizeitwohnungen und Wohnungsmietverträge. Antworten auf die dringendsten Fragen. T E X T : N O R B E R T R I N D E R E R , G R E I T E R P E G G E R K O F L E R & PA R T N E R , I N N S B R U C K

FOTO: © BLICKFANG PHOTOGRAPHIE

MUSS FÜR EIN GESPERRTES GESCHÄFTSLOKAL MIETE BEZAHLT WERDEN? Anders als bei Be-

triebsschließungen nach dem Epidemiegesetz 1950 sehen die COVID-19-Maßnahmen keine Entschädigungen vor. Es gelten aber Betretungsverbote für Betriebe, die nicht für die Grundversorgung notwendig sind. Diese müssen ihre Geschäftslokale geschlossen halten. Diesfalls kann die Pflicht zur Zahlung des Mietzinses nach Zivilrecht ganz oder teilweise entfallen (§ 1104 ABGB). Wenn das Geschäftslokal für den vereinbarten Zweck gar nicht mehr verwendet werden darf (z. B. Restaurant, Blumengeschäft), muss die Miete nicht mehr bezahlt werden. Wenn das Mietobjekt teilweise nutzbar bleibt, etwa als Büro oder als Lagerfläche für die Ware, entfällt der Mietzins nur aliquot.

DARF AUCH EIN PÄCHTER DIE ZINSZAHLUNG EIN-

STELLEN? Dem Pächter steht die gänzliche oder teilweise Minderung des Pachtzinses nur zu, wenn der Pachtvertrag auf maximal ein Jahr abgeschlossen ist (§ 1105 ABGB). Der Gesetzgeber meinte, dass sich Verluste aufgrund höherer Gewalt, wie im Falle einer Seuche, bei längerdauernden Pachten von selbst ausgleichen. Es kann aber sein, dass der als Pachtvertrag bezeichnete Vertrag gar keine Pacht zum Inhalt hat, sondern als Miete zu werten ist. Eine Pacht verlangt typischerweise die Überlassung eines lebenden Unternehmens. Wenn dagegen nur eine Immobilie zur Nutzung überlassen wurde, liegt Miete vor und es kann auch bei mehr als einjähriger Dauer die Mietzinsminderung geltend gemacht werden. WAS GILT HINSICHTLICH DER BETRIEBSKOSTEN?

Das Zinsmäßigungsrecht bezieht sich grundsätzlich auf den gesamten Mietzins, also auch auf die anteiligen Betriebskosten und öffentlichen Abgaben. Wird der Mietzins gemindert, sinken diese Nebenkosten im selben

Rechtsanwalt Dr. Norbert Rinderer www.lawfirm.at

Ausmaß. Die diesbezügliche Rechtsprechung ist aber umstritten.

WIE WIRKEN SICH DIE BESCHRÄNKUNGEN AUF

FREIZEITWOHNSITZE AUS? Ferienwohnungen, Appartements und Ähnliches dürfen auch nach dem Auslaufen der Tiroler Quarantäne aufgrund der österreichweit geltenden Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung des Coronavirus nur noch zur unmittelbaren Gefahrenabwehr betreten werden. Sind solche Objekte gemietet, können sie im Sinne des § 1104 ABGB gar nicht mehr gebraucht oder genutzt werden. Der Mieter wird also von der Bezahlung des Mietzinses und der Betriebskosten wohl befreit sein. ZINSZAHLUNG EINSTELLEN ODER RÜCKFORDE-

RUNG VORBEHALTEN? Die vorstehenden Fra-

gen werden erst durch die Gerichte endgültig entschieden werden. Wer noch Geld hat, sollte deshalb unter Vorbehalt zahlen. Verlieren vor Gericht könnte teuer werden und unter Umständen sogar die Räumung des Bestandobjektes zur Folge haben. Der Vorbehalt beim Zahlen ist wichtig: Die Mie-

te kommentarlos weiterhin zu überweisen, könnte als stillschweigender Verzicht auf die Einrede der Unbenutzbarkeit gedeutet werden.

WAS HEISST DISPOSITIVES RECHT? Das Zinsmä-

ßigungsrecht kann vertraglich ausgeschlossen werden – es steht in der Disposition der Vertragsparteien, eine andere Regelung für die Krise vorzusehen als im Gesetz. In allen bisher genannten Fällen muss also der Vertrag durchgesehen werden, ob eine konkrete, vom Gesetz abweichende Regelung für außerordentliche Zufälle wie Feuer, Krieg oder Seuche, große Überschwemmungen, Wetterschläge usw. enthalten ist. Diese gilt in der Regel und kann zum Ausschluss des Zinsmäßigungsrechts führen. Eine Kündigung des Mietvertrags wegen eines Mietzinsrückstands aus den Monaten April, Mai und Juni 2020 in Folge der Pandemie wird vorläufig ausgeschlossen. Vermieter können den Zahlungsrückstand bis 31. Dezember 2020 nicht gerichtlich einfordern oder aus einer vom Mieter übergebenen Kaution abdecken. Der Zahlungsrückstand muss bis spätestens Mitte des Jahres 2022 entrichtet werden. Dann hat der Vermieter das Recht, eine Kündigung des Mietvertrags oder eine Klage auf Vertragsaufhebung auf diesen Rückstand zu stützen. Das Recht des Vermieters, eine unterbliebene Mietzinszahlung zur Grundlage einer Vertragsauflösung zu machen, wird demnach nicht gänzlich beseitigt, sondern um zwei Jahre hinausgeschoben. Laufende Räumungsexekutionen werden für drei Monate aufgeschoben, wenn der Mieter einen entsprechenden Antrag stellt, sodass Mietern Zeit für die Suche nach neuem Wohnraum bleibt. Mietverhältnisse, die nach dem 30. März 2020 und vor dem 1. Juli 2020 ablaufen, können abweichend von § 29 MRG bis Jahresende verlängert werden.

GIBT ES HILFE FÜR WOHNUNGSMIETER?

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Z‘SAMMHALTE

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regional & vor ort

Weil wir hier leben Für so manchen ist Regionalität schon seit Langem gelebter Alltag. Jetzt ist sie wichtiger denn je. Bitte helfen Sie mit, dass Tirol mit seiner kulinarischen Vielfalt und seinen kleinen, inhabergeführten Läden erhalten bleibt. Weil sie alle unser Land besonders und einzigartig machen. Die vielen Unternehmer und Landwirte leisten Großartiges. Unterstützen Sie Ihre Lieblingsgeschäfte mit dem Kauf eines Gutscheins, viele haben Onlineshops, regionale Obst- und Gemüsehändler und Blumenläden stellen bunte Lieferkisten zusammen. Und manchmal lohnt es sich, einfach zu warten, bis die Geschäfte wieder offen haben – was bei Erscheinen dieses Magazines zumindest teilweise schon wieder der Fall sein dürfte. #wirschaffendas #nichtaufgeben #gemeinsamstark Eine Liste heimischer Onlineshops gibt‘s unter www.wirkaufenin.tirol. Gutscheine verschiedener Unternehmen können Sie unter www.citylove.community erwerben. Wir empfehlen auch die laufend aktualisierte Facebookseite „Kaufe vor Ort“ mit Unternehmen, die ihre Waren zustellen.

Weit sehen Im März hat das aDLERS Hotel in Innsbruck sein neues Restaurant eröffnet. Der Name: weitsicht. Bei einem Besuch kann man hier nicht nur richtig gut essen, sondern – der Name lässts vermuten – dank Panoramafenstern rundum auch richtig weit sehen. Und auch gleich was lernen, sind an den Scheiben doch die umliegenden Berge und Gipfel erklärt. Beim Essen setzt man auf Crossover-Küche bei gleichzeitiger Verwendung vieler saisonaler Produkte. Auf der Karte: kreative Vorspeisen vom in Gin gebeizten Alpenlachs bis zu Burrata, Suppen, Salaten, Pasta (spannend: das Spätzle-Soufflé), zwei Burgervarianten mit Huhn und Rind, Fisch und Fleisch, wo selbst Traditionelles ordentlich Pep bekommt, feinen Steaks und Vegetarischem, wo uns sofort das israelische Shakshuka ins Auge gesprungen ist. Gastgeber Florian Ultsch: „weitsicht bedeutet auch einen Blick in die Zukunft. Zwei dieser Themen sind Saisonalität und Nachhaltigkeit, die direkt vor der Haustür beginnen. Daher versuchen wir, möglichst viel mit lokalen Anbietern zu arbeiten.“ Küchenchef Roland Gradnitzer setzt diese Zusammenarbeit in seinem „Bull‘s Eye Menu“ um, quasi der Chef‘s Choice des Restaurants, für das er großteils Produkte verwendet, die im Umkreis von 50 Kilometern zu Hause sind. Aktuell mit dabei: Alpengarnelen aus Hall, Rind aus Haiming, Saibling aus Leutasch, Pilze aus Absam oder Tannenwipfelhonig aus Götzens. So geht Regionalität. Wir hoffen, wir dürfen bald wieder hin. www.weitsicht-innsbruck.at


eco.life

BUCHTIPP

SCHUH-BIDU

WIEDER DA

Ja, wir lieben Schuhe. Quasi die gesamte Redaktion. Und selbst wir Mädels ziehen dem Stackselschuh einen gepflegten Sneaker vor. Mit Womsh haben wir eine Marke gefunden, die nicht nur den Füßen, sondern auch der Umwelt gut tut. In der veganen Linie des Labels kommen nämlich beim Obermaterial Apfelschalen zum Einsatz, die Schuhbänder sind aus recycelten PET-Flaschen. Modelle gibt‘s für sie und ihn. Ab rund 180 Euro gesehen by Fink‘s und im Schuhwerk Nindl in Innsbruck. Wir könnens kaum erwarten, dass die Shops wieder offen haben.

Das Holunder-Limette-Joghurt der Erlebnis Sennerei Zillertal hat‘s bereits letzten Sommer gegeben und wir mochten es damals schon. Jetzt ist es wieder da und löst – etwas früher als vergangenes Jahr – die Winteredition Granatapfel-Honig ab. Zaubert Sonne ins Herz und davon kann man im Moment wahrlich nicht genug kriegen.

EHRENSACHE LEBEN RETTEN Walter Spitzenstätter, Tyrolia Verlag 416 Seiten, EUR 42,00 Ohne Ehrenamt sähe es in vielen Versorgungseinrichtungen zappenduster aus. Die Bergrettung Tirol etwa befreit Menschen aus (hoch)alpinen Notlagen – das ganze Jahr, rund um die Uhr, ehrenamtlich. Rund 4.500 Bergretter gibt es aktuell in Tirol, Walter Spitzenstätter zeigt ihre Geschichte in einer umfassenden Chronik. Diese erste und einzige umfassende Dokumentation des alpinen Rettungswesens stellt die Entwicklung der Berg­rettung von den Anfängen im ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart dar.

Hände waschen Am besten macht man das mit heimischen Produkten – wie den „Tiroler-Reine“-Seifen von Walde. Die Seifen­fabrik ist die älteste ihrer Art in Öster­reich und seit 1777 in Innsbruck angesiedelt. Erhältlich ist die Tiroler Reine in vielen Varianten und auch als Stückseife im Walde-Shop in der Innsbrucker Innstraße (dringende Hingeh-Empfehlung, wenn‘s wieder geht, weil der Laden echt toll ist) und zum Beispiel im „Tiroler Edles“ in der Innsbrucker Altstadt. Im Onlineshop unter www.tiroleredles.at gibt‘s übrigens noch viel anderes Schönes aus Tirol.

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HAUTSCHMEICHLER

SCHÖN AUFGERÄUMT In Zeiten wie diesen kommt der Hygiene enorme Bedeutung zu. Die Badaccessoires der Serie „Mach 02“ mögen wir ob ihrer Reduziertheit ganz besonders gern und sie verstaut quasi alles – von der Seife (z.B. von nebenan) über Desinfektionsmittel bis zu Handtüchern und Klopapier. Erhältlich bei Agape 30. www.agape30.at

SCHÖNE DINGE Das Resort in Innsbruck ist definitiv einer unserer Lieblingsläden, wenn es um die schönen Dinge des Lebens geht. Und zugegeben, die sind nicht unbedingt lebensnotwendig, aber schwierige Zeiten werden erträglicher, wenn man sich ab und an selbst was Gutes tut. Natürlich würden wir die Dinge gerne vor Ort angreifen und fühlen, das geht aber nun mal gerade nicht. Verzichten muss man auf die Schönigkeiten aber dennoch nicht, weil das Resort jetzt nämlich auch liefert. Das ist zwar nicht das Gleiche, aber besser als nix allemal. Infos auf www.resort-innsbruck.at

Schön macht man sich für sich selbst, nicht für andere. Auch wenn man aktuell nicht unnötigerweise vor die Tür soll – die Haut braucht dennoch Pflege. Wir mögen das Collagen System Sensitive von QMS Medicosmetics, das speziell für empfindliche Haut entwickelt wurde. Die 3-Step-Routine (Tages- und Nachtserum und Peeling) gibt‘s um 229 Euro im Kosmetikinstitut Aurora. Und weil man da derzeit nicht hin kann, werden die Produkte gerne geliefert. Es gibt übrigens auch Gutscheine: Eine Wohlfühlbehandlung kann nach all dem Schlamassel nicht schaden. www.kosmetik-aurora.at


eco.life

RESTIAMO UNITI – HALTEN WIR ZUSAMMEN! 112


eco.life

In Krisenzeiten gewinnen regionale Kreisläufe wieder mehr an Bedeutung, und auch wenn das Thema Regionalität meist mit der eigenen Heimat verbunden wird, so findet sie überall statt. In der Fattoria La Vialla in der italienischen Toskana ist das Miteinander – von Menschen untereinander und von Mensch und Natur – keine Floskel, sondern gelebter Alltag. Wir mögen deren Produkte schon seit vielen Jahren, weil sie authentisch und ehrlich sind. Und letzlich ist es das, worauf es ankommt.

D

ie Fattoria La Vialla ist eine Welt für sich, eine kleine, große Realität, ein Bauernhof und Weingut in der Toskana mit seinem eigenen Rhythmus und seinen eigenen Regeln. Es ist eine Welt, in der einer Biene, einem Weinberg, einem Schaf oder einem Menschen der gleiche Respekt entgegengebracht wird.

METTI BÒN, CAVA BÒN

Tu Gutes rein, hol Gutes raus. Seit 1978, als Piero und Giuliana Lo Franco in den Hügeln des Chianti-Gebiets La Vialla gründeten, folgt die Familie diesem Motto. Heute ist La Vialla in der Obhut der drei Söhne, die stolz auf ihre Unabhängigkeit und die Fattoria sind. Handwerk und Tradition gehen Hand in Hand mit neuster Technologie, Nachhaltigkeit mit Innovation. Die Fattoria La Vialla ist einer der wenigen Betriebe mit einem kreislaufförmigen Produktionssystem, das eine Vielzahl verschiedener Erzeugnisse und Fertigungsketten abdeckt (Wein, Olivenöl, Käse, Soßen, Obst und Gemüse, Nudeln, Kekse, Honig, Essig), die vollständig rückverfolgbar sind. Bis auf wenige Ausnahmen werden alle Erzeugnisse über eine Wertschöpfungskette im Betrieb selbst hergestellt – vom Saatgut bis zur Ernte, vom Anbau bis zur Verarbeitung und Verpackung, vom direkten Kontakt zu den Kunden bis hin zum Versand. „Unser Unternehmen beweist, dass es in jeder Hinsicht lohnenswert ist, Wirtschaftlichkeit nicht mit Profit gleichzusetzen, sondern Projekte aufgrund persönlicher Überzeugung zu initiieren“, sind sich die Brüder einig. 1983 wurde der landwirtschaftliche Betrieb biologisch zertififiziert, seit Ende der 1990er-Jahre erfolgt der Anbau nach der biodynamischen Methode und 2005 haben die ersten Erzeugnisse die Demeter-ZertiFOTOS: LA VIALLA, DIANA PAPPAS, TOM BLAND, MARINA JERKOVIC

fizierung erhalten. In der Weinwelt wurden die „Viallini“ für ihre Produkte noch belächelt und bei Verkostungen ignoriert, doch alle Skeptiker wurden eines Besseren belehrt. Bei der letztjährigen Vinitaly (die heurige musste aus gegebenem Anlass abgesagt werden) wurde La Vialla als „Bester Winzer 2019“, bei Mundus Vini Biofach als „Erzeuger des Jahres International 2019“

und bei der Berliner Wein Trophy als „Best Italian Organic Producer“ ausgezeichnet. Dass dies kein Zufall ist, zeigen die zahlreichen weiteren Anerkennungen der letzten Jahre, die unter anderem dank des unermüdlichen Engagements der mittlerweile mehr als 150 Mitarbeiter von La Vialla, die in den Weinbergen, in den Olivenhainen, auf den Feldern, in der Soßenküche, der Backstube, der Käserei und im Agrotourismus arbeiten, erhalten wurden.

VERNEIGUNG VOR DEM KULTURELLEN ERBE

BIODYNAMISCHE KOSMETIK Die Fattoria La Vialla ist bekannt für ihr Olivenöl Extravergine und hat daraus abgeleitet nun eine eigene Kosmetikserie entwickelt. Der Inhaltsstoff OliPhenolia® ist ein natürlicher Phytokomplex aus den eigenen biodynamischen Oliven, der durch ein patentiertes Extraktionsverfahren aus dem wässrigen Teil der Früchte gewonnen wird, einem bei der Pressung entstehenden Nebenprodukt. Das Intensiv-Serum und die Intensiv-Pflege, die Gesichtscreme, die Olivensalbe, die Handcreme und der Körperbalsam wirken feuchtigkeitsspendend und faltenreduzierend, die Olivenkosmetik ist außerdem antioxidativ, entzündungshemmend, keimreduzierend und regenerierend. Zusätzlich zur Kosmetik gibt‘s natürliche Nahrungsergänzungsmittel, die den Körper von innen heraus unterstützen.

www.oliphenolia.it

Die Fattoria ist 100 Prozent klimaneutral zertifiziert und führt in Zusammenarbeit mit den Universitäten von Siena, Florenz und Mailand Studien durch, deren Ziel es ist, die Nachhaltigkeit zu fördern und das kulturelle Erbe für die kommenden Generationen zu bewahren. Die Essenz all dessen kann man schmecken … Und wenn jemand die Erzeugnisse kosten möchte? Dann kann man (wenn man wieder darf) nach Italien kommen, um La Vialla, seine Menschen und sämtliche Wunderbarigkeiten direkt besuchen oder man bestellt online bei der Fattoria, denn Zwischenhändler gibt es – fast selbstredend – keine. Die Brüder Lo Franco arbeiten jedoch nicht nur an der Optimierung ihrer eigenen Geschäftstätigkeit, sondern ermutigen auch andere, ihre Denkweise zu ändern: Die Stiftung „Fondazione Famiglia Lo Franco“ stellt Geldmittel und Ressourcen für die Förderung und Verbreitung der biodynamischen Landwirtschaft und der Nachhaltigkeit durch Kreislaufwirtschaft zur Verfügung. Bis heute hat die Stiftung mehr als 650 Hektar eigenes, gekauftes oder gepachtetes Land auf die biodynamische Landwirtschaft umgestellt und 88 weitere Betriebe vom biologischen Anbau überzeugt. Weitere Infos und Bestell-

möglichkeit unter www.lavialla.it 

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© DANIEL WASCHNIG

zsamm.halten

Menschliche Nähe trotz räumlicher Distanz AUF KURS

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Auch die Pletzer Resorts mit Standorten in Hopfgarten, Walchsee und Klagenfurt mussten aufgrund der aktuellen Situation schließen. Insgesamt hat der touristische Zweig der Pletzer Gruppe mittlerweile 275 Beschäftigte. Der Großteil des Personals soll gehalten werden und wurde vorübergehend in Kurzarbeit geschickt. Eigentümer Manfred Pletzer rechnet frühestens im Juni mit einer Entspannung der Lage: „Dann müssen wir jedoch gut gerüstet sein, wir stecken bereits voll in den Planungen.“ In der Zwischenzeit werden die Gäste übers Internet mit Tipps und kurzen Trainingsvideos versorgt. Die Baustelle für ein neues Resort in Bayrischzell läuft vorerst planmäßig weiter. Die Eröffnung soll im Sommer stattfinden, die Pletzer Gruppe investiert rund 20 Millionen Euro.

W E LT K L A S S E

Neben medizinischem Personal und Handelsangestellten erhalten auch zahlreiche weitere Berufsgruppen derzeit den wichtigen alltäglichen Betrieb aufrecht. Zu ihnen zählen die Kinderbetreuerinnen und Beraterinnen der Organisation Frauen im Brennpunkt, die momentan besonders wichtige Hilfestellungen für Familien bieten. Über 30 Tagesmütter arbeiten derzeit regulär und stehen zur Betreuung von Kindern, deren Eltern in systemerhaltenden Berufen tätig sind, zur Verfügung. Auch die sieben Kinderkrippen in Innsbruck Stadt sowie im Bezirk Reutte sind bei Bedarf zu den üblichen Öffnungszeiten da. Als Unterstützung für die Kinderbetreuung innerhalb der Familie hat die Kinderkrippe adolfinchen in Innsbruck außerdem eine digitale „Elternpost“ gestaltet, die Ideen für den gemeinsam Alltag liefert. Und falls es zuhause mal schwierig wird, bietet die Online Frauenberatung Tirol (www.online-frauenberatung.at) rasche, unkomplizierte und anonyme Unterstützung in Krisensituationen. Tipp: Knete selbst herstellen (aus der „Elternpost“ der Kinderkrippe adolfinchen)

0,5 l kochendes Wasser / 500 g Mehl / 200 g Salz / 4 EL Öl / 3 EL Zitronensäure etwas Lebensmittelfarbe ••• Mehl und Salz vermischen, Zitronensäure und Lebensmittelfarbe im warmen Wasser auflösen sowie Öl zugeben. Flüssigkeit in Mehlgemisch schütten und so lange kneten, bis sich die Masse geschmeidig anfühlt. Luftdicht aufbewahren, dann hält die Knete mehrere Wochen.

Die Erber-Geschäftsführer Christian Schmid und Josef Hintermaier

Seit mehr als 350 Jahren brennt Erber aus Brixen im Thale in der ältesten Kupferkesselbrennerei Tirols nach altem Handwerk edelste Tropfen. Diese über die Grenzen hinaus bekannte Topqualität wurde beim World Spirits Award 2020 kürzlich mit 20 Auszeichnungen prämiert. Damit zählt die Brennerei Erber zu den Besten der Welt. Destillerien aus 25 Nationen wurden in den unterschiedlichen Kategorien klassifiziert und von einer internationalen Jury bewertet. Die von Erber eingereichten Destillate wurden dabei allesamt mit einer Medaille ausgezeichnet.

D E S I N F E K T I O N S M I T T E L S TAT T G I N Seit Jahren stellt die Bäckerei Therese Mölk aus altem Brot unter anderem Gin her – genannt „Herr Friedrich“. Nun produziert die hauseigene Brennerei stattdessen Desinfektionsmittel für MPREIS-Mitarbeiter und -Kunden. Das ist ein guter Grund, zwischenzeitlich die Gin-Produktion einzustellen (zu kaufen gibt es ihn natürlich noch in den MRPEIS-Filialen!). Das sehen auch wir als bekennende Ginicionados ein. Im ersten Schritt werden 5.000 Liter produziert, diese werden aus über 25 Tonnen Altbrot, als Vermeidung von Lebensmittelmüll, gewonnen.


Coronavirus in Tirol Die aktuellen Corona-Zahlen in Tirol zeigen, dass die strikten MaĂ&#x;nahmen zu greifen beginnen. Auch wenn es uns zusehends schwerfällt: Halten wir weiter durch. Bleiben wir so gut es geht daheim. Damit helfen wir, Leben zu retten.

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#durchhalten #dahoambleiben

Infos zum Coronavirus unter: www.tirol.gv.at/coronavirus


#kauflokal

Nutzen Sie jetzt das Angebot der Tiroler Unternehmen - das hält Wertschöpfung im Land, sichert Arbeitsplätze und hilft den Tiroler Unternehmen die Krise besser zu bewältigen! Die Tiroler Unternehmerkammer

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eco.nova April 2020  

eco.nova ist ein unabhängiges österreichweites Magazin, das sich mit der Berichterstattung über Trends in den Bereichen Wirtschaft, Wissensc...

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