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Probleme lassen sich nicht mit den Denkweisen lĂśsen, die zu ihnen gefĂźhrt haben. Albert Einstein


Zufriedenheit mit der Bundesregierung 1 Entwicklung Asylanträge 2 Tatsächliche Asylanträge 2 Zustimmung zur AfD bei der Sonntagsfrage 3

zu Deutschland.

"

Anschläge auf das Satiremagazin Charlie Hebdo in Paris Frankreich, 7. Januar, zwölf Tote  4

Angela Merkel, Bundeskanzlerin 12. Januar  6 

Terror gegen die freien Worte

timeline Die im Folgenden diagrammatisch dargestellte Zeitschiene zeigt Entwicklungen rund um das Thema Flüchtlinge und Integration in Deutschland und Europa ab Januar 2015. Die dargestellten Ereignisse sind der Presse und den Medien entnommen und zeigen, wie sich die Debatte um Zuwanderung als Gesamteindruck innerhalb der Gesellschaft abzeichnete. Diese Ereignis-ZeitStruktur erhebt nicht den Anspruch einer exakten Datenerhebung und -auswertung; vielmehr versucht sie den Abhängigkeiten von Ereignissen und Stimmungen in der Bundesrepublik einen visuellen Ausdruck zu geben und die Vernetzung von Geschehnissen mit politischem Kalkül und gesellschaftlichen Meinungsund Mehrheitsverschiebungen zu veranschaulichen. Vorausgesetzt wird das Wissen um die Fluchtbewegung nach Europa, die ihren ersten spürbaren Höhepunkt im Sommer 2015 erreichte und von da an eine Debatte in Gang setzte, die die Gesellschaft in Befürworter der Willkommenskultur einerseits, Bewegungen wie Pegida und die AfD andererseits spaltete. Ihr Ausgang ist noch ungeklärt, jedoch beeinflusst sie die momentane prekäre Situation der europäischen Gemeinschaft mit.

" Der Islam gehört

57% Die Zahl der in Deutschland lebenden Geflüchteten ist auf

630.000 gestiegen. 8 12. Februar

22.775 Mahnwache gegen den Terror vor dem Brandenburger Tor in Berlin  6 13. Januar

Schätzungen zufolge hat

jede 3.

Familie in Deutschland ausländische Wurzeln. 7 3. Februar

Vorüberlegungen Innenministerium: Die Polizei in Bayern bereitet sich auf die Schließung der Grenze zu Österreich vor. 10 27. Februar Karnevalsumzug in Braunschweig wegen Terrorverdachts abgesagt 9 15. Februar

Februar 2015

21%

64%

sind dafür, weniger Geflüchtete aufzunehmen. 5

49%

sind der Meinung, dass die Bürger kaum Möglichkeiten haben, um auf die Politik Einfluss zu nehmen. 5

befürchten terroristische Anschläge in Deutschland. 5

6%


Papst Franziskus bittet um Hilfe für Italien. Petersplatz, Vatikan 18. April  21

58%

In Deutschland werden 2015

450.000

56%

Geflüchtete erwartet. 13 7. Mai

28.681 Stadt Witten entwickelt für eine bessere Orientierung eine App für Geflüchtete. 12 „Pegida“-Demonstranten gehen auf Unterstützer eines Protestcamps für Flüchtlinge los. 11 2. März, Dresden

24.504 Die kenianische Regierung will das weltEuropäische Union erhöht weit größte UN-Flüchtlingscamp Dadaab mit finanzielle Mittel für die Asylbewerberzahlen aus etwa 350.000 untergebrachten Personen Seerettung auf dem Mitteldem Kosovo sinken. 14 innerhalb von drei Monaten räumen lassen. 17 meer um das Dreifache. 19 Zwischen 2004 und 2013 sind 14. April 23. April Zwischen Libyen und schätzungsweise 1,5 Millionen Asylbewerberverfahren sollen Sizilien werden 1800 deutsche Staatsbürger ins Ausland Mehr als 700 Menschen schneller bearbeitet werden GSEducationalVersion Flüchtlinge auf dem ausgewandert, davon 66,9 Prozent ertrinken im Mittelmeer und abgelehnte Asylbewerber Mittelmeer gerettet. 16 zügiger abgeschoben werden. 18 aufgrund beruflicher Chancen. 15 vor der libyschen Küste. 20 10. März 5. April 17. April 19. April April 2015

März 2015

41%

befürworten die Aufnahme von Wirtschaftsflüchtlingen. 5


Inhalt


TIMELINE

 2

TEXTE Plädoyer für das wachsende Haus Jörg Friedrich Von einer Willkommensarchitektur zur Wohnraumfrage Peter Haslinger und Simon Takasaki Sozial-räumliche Integration von Flüchtlingen Jürgen Friedrichs Von Shrinking Cities zu Arrival Cities Philipp Oswalt im Interview Wohnen und … – Stadt ist organisierte Öffentlichkeit Bettina Götz Wohnen für Flüchtlinge – Wohnen für Neuberliner Thomas Bestgen Räume des Übergangs stiften – Stiftungsförderung für integratives und bezahlbares Wohnen Ralph Boch Solidarische Finanzierung von Hausprojekten Julian Benz

 14 

HINTERGRÜNDE

 74

PROJEKTE Temporär Modular Verdichtet Transformiert Hybrid Partizipativ

 98

Zukunft des Wohnens am Existenzminimum – Ausblick und Dank Jörg Friedrich

 289

ANHANG

 294

 16  28  36  44  52  56  62

 68

 104  120  166  196  214  256


jörg friedrich plädoyer für das wachsende haus

A

rchitektur ist Handlung – eine Handlung, die sich im Maßstab des Gebauten vollzieht. Durch ihre Bauten setzt eine Kultur sichtbar bleibende Zeichen. Heute, im Zeitalter des globalisierten Neokolonialismus, sind bauliche Machtdemonstrationen erneut üblich geworden. Der Neokolonialismus manifestiert sich in der Kombination von Land Grabbing, Plantagenlogik, Ausbeutung von Ressourcen und Investitionen in eine Infrastruktur, die dies ermöglicht. Angesichts dieser Entwicklung möchte ich für eine „Architektur der Einmischung“ plädieren, die global denkt und die soziale Agenda der Architektur dabei nicht aus den Augen verliert. Eine solche Architekturpraxis besitzt drei Merkmale: nicht synthetisierte Hybridität, nähere Begegnung und Widerständigkeit. 1 Es gibt auch im Jahr 2017 ein Flüchtlingswohnungsproblem in Deutschland, sowie in Europa. Immer mehr gibt es darüber hinaus ein Wohnproblem für viele. Die Zahl der Menschen, die sich aufgrund zu niedriger Einkommen keinen angemessenen Wohnraum mehr in den wachsenden Städten in Deutschland leisten können, umfasst zurzeit mit knapp sieben Millionen Einwohnern am Existenzminimum erheblich größere Teile der Bevölkerung als nur Flüchtlinge. Die berühmte „Wohnungsfrage“, die Friedrich Engels im 19. Jahrhundert bereits gestellt hat, wird 2017 zunehmend zu einer der zentralen gesellschaftlichen, architektonischen und städtebaulichen Herausforderungen für die Planung einer sozialen, menschenwürdigen „Wohnstadt der Zukunft“ für alle – und nicht nur für Flüchtlinge. 2 Der Mangel an anpassungsfähigem, bezahlbarem Wohnraum für arme Bevölkerungsschichten ist kein neues Thema. Die Erfahrungen mit dem „Neuen Bauen“ in den 1920er Jahren, der Umgang mit Zerstörungen und Flüchtlingsströmen nach den beiden Weltkriegen, Erfahrungen aus dem sozialistischen Städtebau in der Sowjetunion oder in der DDR, die Unterbringung von Hunderttausenden von „Gastarbeitern“ aus dem Süden Europas in Deutschland in den 1960er Jahren sowie die Aufnahme von Millionen Menschen, die aus den ehemaligen französischen Kolonien nach Frankreich einströmten, um in schnell aufgebauten Großsiedlungen in der Peripherie der Städte sich selbst überlassen zu bleiben, haben die Architektur- und Entwurfsgeschichte des vergangenen Jahrhunderts stark geprägt. All diese Projekte haben oft vermeidbare, manchmal auch gelungene Erfahrungen

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im Massenwohnungsbau vermittelt. Architekten und Planer sind seit Jahrzehnten herausgefordert, fehlenden günstigen Wohnraum sehr schnell mit Architekturkonzepten entwurflich zu hinterlegen und diese baulich in Gebäudesolitären umzusetzen – heute erkennen wir, dass es nur ganz selten ein übergeordnetes Gesamtkonzept von Stadt oder vom Stadtkörper gegeben hat, in welches diese Architekturen hätten eingebettet werden können. Das Verständnis vom öffentlichen Raum als wichtigstem Bindeglied zwischen Architektur und Stadt fehlte völlig: ein katastrophaler Fehler. Architektur und Stadtplanung bekommen mit der Notwendigkeit, schnell ausreichenden Wohnraum für sehr arme Bevölkerungsschichten bereitstellen zu müssen, nicht nur die übliche künstlerische, sondern eine kaum zu erfüllende gesellschaftliche Verantwortung bei der Lösung eines politisch bedingten Problems zugewiesen. Die Erfahrungen im Umgang mit der Wohnungsproblematik im Rahmen der Flüchtlingskrise 2015 waren erst der Anfang; wir können sie jedoch als Chance begreifen, um mit ihnen einen komplexen, ganzheitlichen, gesellschaftlich sinnvollen Ansatz in der Lösung der planerischen Herausforderungen zur Wohnungsfrage im Billigwohnsektor zu finden, der auch die zukünftige Entwicklung der europäischen Stadt im Blick hat. Flüchtlingskrise oder: Der Beginn einer neuen Architekturepoche Die Gesellschaft der Zukunft wird ohne soziale Architektur und humanistisch orientierte Planungskreativität nicht auskommen: eine Chance, eine Herausforderung für Architektur und Stadtplanung, die weit mehr als bisher die Grenzen ihrer eigenen Disziplinen sprengen müssen. Ein so groß angelegtes, von der Gesellschaft eingefordertes komplexes architektonisches und städtebauliches Experiment hat es in der Geschichte der modernen Architektur lange nicht mehr gegeben. Dabei war es die Flüchtlingsproblematik, die einem ganzen Berufsstand weltweit einen iconic turn verordnete: weg von der Stararchitektur für wenige hin zu der Suche nach einer würdevollen, bezahlbaren Wohnarchitektur für viele in den urbanen Zentren der Welt. Dabei sind die Flüchtlinge aus den syrischen Kriegsgebieten nur der kleine Anfang, die Millionen von neuen Armen folgen erst noch. Für diese Massen gilt es, neue sozial verträgliche Modelle für die wachsende Stadt, Bilder für den öffentlichen Raum und für ein zukunftsfähiges bezahlbares Wohnen zu entwerfen. Den ersten Fehler haben die Architekten, Planer und Politiker bereits gemacht: Sie sind seit Beginn der Flüchtlingskrise nur allzu gern den schnellen Weg der Container- und Betonfertigteilindustrielobby mitgegangen. Naiv, wie Politiker und Planer oft sind, haben sie die Wohnraumnot in Städten und Kommunen für die ankommenden Flüchtlinge mit temporären Mitteln städtebaulich und architektonisch zu lösen versucht. Lücken stopfen, könnte man auch sagen. Die Beteiligten haben bei der Bewältigung eines neuen Massenwohnungsproblems vergessen, die Unterbringung schnell anwachsender Stadtbevölkerungen von Anbeginn der Krise bereits langfristig planerisch vorzudenken. Der Zustrom fremder Menschen und der steigende Bedarf an bezahlbaren Wohnungen wurde nicht als städtebauliche

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peter haslinger und simon takasaki von einer willkommensarchitektur zur wohnraumfrage

M

omentan sind mehr als 65,3 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Die Hälfte davon sind Kinder. Würden all diese Menschen eine Nation bilden, so stünde sie auf Platz 21 der größten Nationen der Welt. Jeder 113. Erdenbewohner ist inzwischen direkt von Flucht und Vertreibung betroffen und es kommen 24 Menschen pro Minute hinzu. (UNHCR: Weltbericht 2015) Während auf dem Meer täglich erschreckend viele Menschen ihr Leben verlieren, sind die Fluchtrouten auf dem Land durch geschlossene Grenzen zunehmend blockiert. Zudem wird in einigen Ländern politisch gegen das Asylrecht Stimmung gemacht. Sind die Geflüchteten an einem sicheren Ort angekommen, so stellt sich unmittelbar die Frage nach geeignetem Wohnraum. Alle wollen selbstbestimmt wohnen. Einfach nur wohnen oder zumindest einfach wohnen. Die Brisanz des Themas Wohnen und gerade des einfachen Wohnens betrifft nicht nur die Gruppe der Geflüchteten, sondern uns alle, inzwischen vermehrt die Einkommensschwachen und die Mittelschicht. Um in Europa und Deutschland bezahlbaren Wohnraum anzubieten, bedarf es vielfältiger Strategien und unterschiedlicher Ansätze in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, aber gerade auch in den Bereichen der Architektur und des Städtebaus. Gesellschaftlicher Integration geht räumliche Integration voraus. So erfordert die Situation kurzfristige Hilfe, mittelfristige Wohnsituationen und langfristige Lösungen – und das nicht nur für Geflüchtete. In Deutschland fehlen 350.000 Wohneinheiten pro Jahr. Prognosen gehen davon aus, dass wir durch die Flüchtlingskrise 450.000 Wohneinheiten pro Jahr vor allem im sozialverträglichen Segment und besonders in den Ballungsräumen brauchen. 1 Gebaut wurden im vergangenen Jahr 250.000 Wohneinheiten, bevorzugt im hochpreisigen Segment. Immer mehr Menschen wollen in Groß- oder Universitätsstädten leben. Dort jedoch ist der Wohnraum bereits sehr knapp. Dem steht ein Leerstand von 1,7 Millionen Wohnungen in meist strukturschwachen Gegenden gegenüber. Es besteht also eine riesige Lücke zwischen Realität und Bedarf. Mit den Veränderungen in der Gesellschaft – dem Nebeneinander von klassischen und neuen Familienstrukturen, dem steigenden Durchschnitts-

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alter, zunehmender kultureller Vermischung, kontroversen Mobilitätsbedürfnissen, stärkeren sozialen Unterschieden, neuen Verhaltensmustern und zunehmend extremen Kaufkraftunterschieden – ändern sich auch die Anforderungen an das Wohnen. Dieser Dynamik werden die Wohnkonzepte der Vergangenheit weitgehend nicht mehr gerecht. Die Herausforderungen, vor denen Deutschland durch die Migrationsbewegung steht, gehören zu den größten Herausforderungen seit dem Fall der Mauer. Die Folgen der Zuwanderung scheinen sich auf alle Ebenen des gesellschaftlichen Miteinanders, gesellschaftlicher Prozesse und gesellschaftlicher Auseinandersetzung auszuwirken und enormen Einfluss zu haben. Dies betrifft nicht nur die Wohnungsfrage, sondern auch das Niveau des Miteinanders sowie das Erstarken und die zunehmende Gesellschaftsfähigkeit fremdenfeindlich geprägter Kriminalität und Politik. Im Thema des Wohnens finden diese Prozesse ihren räumlichen Ausdruck; die entsprechende Debatte spiegelt sowohl die positive als auch die negative Stimmung innerhalb unserer Gesellschaft. Es ist die direkte Umsetzung von Politik in Raum. Die Frage nach neuen Möglichkeiten der Unterkunft für Geflüchtete hat in letzter Zeit im architektonischen Diskurs ungeahnte Potenziale geweckt. Die Herausforderung wird größtenteils auch als Chance begriffen, das Wohnen neu zu denken, um die Frage des sozial gerechten Wohnens wieder mehr in den Fokus zu rücken, ja geradezu die Relevanz der architektonischen Auseinandersetzung für Städte und Gesellschaften hervorzuheben und dem marktwirtschaftlich gesteuerten Immobilienmarkt eine gerechte und integrative Idee einer sozialen Stadt gegenüberzustellen. Die Architekturbiennale 2016 in Venedig mit dem Thema „Reporting From the Front“ hat die Kuratoren vieler Länderpavillons dazu bewegt, sich mit dem Thema der Flüchtlingsmigration und dem von Douglas Saunders geprägten Begriff der „ Arrival City“ auseinanderzusetzen. Dazu zählen unter anderem der Beitrag im deutschen Pavillon unter dem Titel „Making Heimat“, der österreichische und der finnische Beitrag. Auch in einer Vielzahl von Architekturwettbewerben wurde die Fragestellung bearbeitet und innovativ beantwortet. 2 Zahlreiche Debatten und Tagungen haben Architekten, Stadtplaner und Politiker zusammengeführt und deren Austausch gefördert. Viele Architekturfakultäten haben sich diesem Thema gestellt und es wurden zahlreiche innovative Arbeiten innerhalb der Universitäten entwickelt. 3 Doch neben all der Euphorie, ja geradezu der Aufbruchsstimmung innerhalb der Architekturdebatte müssen auch negative Schlagzeilen über Brandstiftung, Zerstörung, Vandalismus, Attacken gegen bestehende oder zukünftige Flüchtlingsunterkünfte hier Erwähnung finden und zeugen umso mehr von der Intensität politischer Räume und der direkten Einflussnahme von Architektur auf die Gesellschaft. Gerade diese Bilder der Zerstörung und des Hasses müssen uns aufmerksam machen und sollen die Architektur ermutigen, neue Bilder, neue Strukturen, neue Symbiosen, neue Hybride und nicht zuletzt neue soziale Räume für Geflüchtete und die Gesellschaft zu finden. Massenunterkünfte am Rande unserer Städte und in unsensiblen Containerarchitekturen, wie sie

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jürgen friedrichs sozial - räumliche integration von flüchtlingen

Anträge (Erst- und Folgeanträge) bis 1994

Januar Jan 2016 2016

2010 2010

2005 2005

2000 2000

1995 1995

1990 1990

100.000

100.000

200.000

200.000

300.000

300.000

400.000

400.000

500.000

500.000

D

Erstanträge ab 1995

Anträge Folgeanträge(Erstab 1995 und Folgeanträge) bis 1994 Erstanträge ab 1995 Folgeanträge ab 1995 Abb. 1: Entwicklung der jährlichen Asylantragszahlen seit 1990 4

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ie Zahl der Flüchtlinge ist seit 2008 kontinuierlich gestiegen, wobei das Ausmaß der Zuwanderung ständig unterschätzt wurde. Für das Jahr 2015 ging das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zunächst von 250.000 Asylbewerbern aus 1 (BAMF 2015), im Mai prognostizierte das Bundesinnenministerium 450.000 Flüchtlinge und erhöhte im August 2015 die Prognose auf 800.000. Tatsächlich waren es 1.091.894 Asylbewerber und 476.649 Asylanträge im Jahr 2015. 2 / Abb. 1 Im ersten Halbjahr 2016 fielen die Zahlen von 91.671 im Januar auf 16.160 im Juli. 3 Diese hohe Zuwanderung stellt die Kommunen vor erhebliche Probleme: Sie müssen die Flüchtlinge auf die Wohngebiete der Städte verteilen. Das ist keineswegs unumstritten, wie Scheible zeigt. 5 Die Unterbringung der Flüchtlinge stellt einen sozialen Eingriff in ein Wohngebiet dar, der in dieser Form in der Stadtforschung bislang wenig beachtet wurde. Haushalte wählen ihren Wohnstandort entsprechend ihren Präferenzen für bestimmte Nachbarn, die Topografie und Ausstattung des Wohngebiets. Je höher ihr verfügbares Einkommen ist, desto größer sind auch die Wahlmöglichkeiten. Das Ergebnis ist eine ungleiche Verteilung der sozialen Schichten und Lebensstilgruppen über die Teilgebiete der Stadt; ein Prozess, der als Sortierung bezeichnet wird. Wir können ferner davon ausgehen, dass die sozialen Gruppen unterschiedliche soziale Distanzen zueinander haben, zum Beispiel Leitende Angestellte zu Arbeitern, Deutsche zu Griechen oder zu Türken, und diese auch in den städtischen Raum „übersetzt“ werden, indem sozial entfernte Gruppen auch räumlich getrennt voneinander wohnen. Das Ergebnis dieser Prozesse ist eine residentielle Segregation. 6 Die Zuweisung von Flüchtlingen in einzelne Wohngebiete durchbricht diese Segregation, indem Personen, die zur Zeit der Wahl des Wohnstandorts dort gar nicht vorhanden waren, nun „implantiert“ werden. Die Flüchtlinge werden in bestehende oder neue Gebäude in Wohngebieten verteilt. Sie werden nun „sichtbar“. 7 In der Regel haben die Bewohner kein Mitspracherecht darüber, ob, wie viele und welche Personen in ihr Wohngebiet eingewiesen werden. Vermutlich gehen die Kommunen davon aus, dass Partizipation nur dazu führen würde, jegliche Unterbringung in ihrem Wohngebiet abzulehnen. Es ist aber leicht einzusehen, dass die Anwohner protestieren, denn die Flüchtlinge waren kein Bestandteil ihrer Wahl des Wohnstandorts.


Zudem ist die Bereitschaft, Flüchtlinge aufzunehmen, in Deutschland mit der steigenden Zahl der Flüchtlinge geringer geworden. Waren es im September 2015 noch 57 Prozent der deutschen Bevölkerung, die sagten, Deutschland könne „die große Zahl der Flüchtlinge verkraften“, so fiel dieser Wert auf 37 Prozent Mitte Januar 2016; nun meinten 60 Prozent, man könne es nicht verkraften. 8 Die Bevölkerung ist gespalten: Im Februar 2016 stimmten der Aussage „die Flüchtlinge stellen eine Bereicherung dar“ 45 Prozent zu und 48 Prozent lehnten sie ab. Hingegen gaben in der gleichen Umfrage 94 Prozent an, Deutschland solle Flüchtlinge aus Bürgerkriegsländern aufnehmen. 9 Unter diesen schwierigen gesellschaftlichen Bedingungen muss die sozialräumliche Integration vollzogen werden. Um diesen Prozess zu analysieren, unterscheide ich zwischen einer eher baulichen und einer eher sozialen Integration, weil die Aufgabe der Architektur in beiden unterschiedlich ist. Bauliche Integration Die Integration der Flüchtlinge beginnt im Wohngebiet. Daher bauen wir nicht nur für Flüchtlinge, sondern auch für die Anwohner. Das hat meines Erachtens eine Reihe wichtiger Folgen für die Art der Unterbringung. Erstens: Wir sollten gute Qualität bauen, damit die Gebäude nicht mit dem Stigma „Da wohnen die Asylanten“ belegt werden können. Zweitens: Wir sollten nicht zu viele Flüchtlinge in einem Wohngebiet unterbringen. Es gibt keinen wissenschaftlich belegten Grenzwert. Wenn aber schon ein Anteil von 18 bis 20 Prozent an Sozialhilfeempfängern in einem Gebiet negative Folgen für dessen Bewohner hat 10, dann ist wahrscheinlich bei einer Minorität mit noch dazu anderer Kultur bei acht bis zehn Prozent die Grenze. In der Literatur werden solche Schwellenwerte als „tipping point“ 11 bezeichnet, das heißt, ab diesem Wert ziehen Bewohner aufgrund des Anteils der Minorität aus. Dann setzt eine Kettenreaktion ein: Die Wohnungen der Ausgezogenen werden von Angehörigen der Minorität gemietet, also steigt deren Anteil weiter und es ziehen die Nächsten aus. Drittens: Wir können also von Folgendem ausgehen: Je geringer die Zahl der Flüchtlinge im Verhältnis zu derjenigen der Anwohner ist, desto eher werden die Anwohner den Flüchtlingen helfen, desto eher werden sie tolerant sein, desto eher werden Kontakte entstehen. Und Kontakte sind nun einmal, wie die sozialwissenschaftliche Forschung mit seltener Einhelligkeit zeigt, die Basis für verringerte Vorurteile und geringere Diskriminierung. Viertens: Wir sollten keine Flüchtlingsgebäude errichten, sondern Wohngebäude für alle. Mischung bedeutet Chancen für Kontakte und soziale Unterstützung. Wohngebäude nur für Flüchtlinge bedeuten verstärkte Binnenkontakte und weniger Kontakte zu Einheimischen. Fünftens: Ein Fehler der meisten Neubausiedlungen war, im Erdgeschoss keine gewerbliche Nutzung vorzusehen. Dieser Fehler sollte vermieden werden. Im Erdgeschoss können Läden sein, zum Beispiel ein Friseur, eine Änderungsschneiderei, ein Gemüsegeschäft oder eine Kita. Hier könnten Migranten ein Geschäft eröffnen. Sechstens: Grundsätzlich ist die kurzfristige von der langfristigen Unterbringung zu unterscheiden. Die Strategien der Kommunen sind

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philipp oswalt im interview mit peter haslinger von shrinking cities zu arrival cities

E

s gibt zwei Begriffspaare, die den Diskurs der Stadtentwicklung in den letzten Jahren mitgeprägt haben: einerseits die Arrival City, der neuere Begriff, den Doug Saunders mit seinem Buch Arrival Cities geprägt hat und der inzwischen auch in Deutschland zu einem zentralen Begriff geworden ist, zu einem Ideal, dem man entsprechen will. Auf der anderen Seite der vor allem von Ihnen geprägte Begriff der Shrinking Cities. Können Shrinking Cities zu Arrival Cities werden? Und wenn ja, wie? Wie viel Planung braucht man und wie viel Freiraum ist nötig? In Deutschland stehen 1,7 Millionen Wohnungen leer, auf der anderen Seite sind 2015 1,1 Millionen Geflüchtete nach Deutschland gekommen. Da könnte man ja meinen, wir könnten diese Menschen einfach in leer stehenden Wohnungen unterbringen. Ist es so einfach? Natürlich nicht! Das Schrumpfen der Städte ist eigentlich eine Abstimmung mit den Füßen. Es gibt den demografischen Wandel, aber was wir in Deutschland und global als schrumpfende Städte bezeichnen, ist im Wesentlichen ein Phänomen der älteren Industrieländer und ist vor allem verursacht durch Binnenmigration innerhalb von Ländern. Das heißt, dass die betroffenen Standorte von der ansässigen Bevölkerung als weniger attraktiv angesehen werden als andere und dass man wegzieht. Wenn man so will, handelt es sich um „Departure Cities“. Obwohl sie ja offenkundig Raum im Überfluss anbieten, und auch in der Regel zu günstigen Preisen, zeigt sich, dass dies nicht der primäre Faktor ist, warum jemand wo siedelt. Insofern kann man sagen, jede schrumpfende Stadt wünscht sich, Arrival City zu werden. Die Fantasie, Migranten in den schrumpfenden Städten anzusiedeln, stand in der Debatte um die schrumpfenden Städte immer im Raum und wurde immer mal wieder angesprochen. Es hat punktuell Modelle gegeben, die versucht haben, aus dem Ausland Leute anzusiedeln. Teils mit weniger, teils mit mehr Erfolg. Die Arrival City ist demnach eine Sehnsuchtsfigur für viele schrumpfende Städte, aber das stellt sich nicht so einfach ein. Man könnte ja sagen, die geflüchteten Menschen sind in Not, es könnte doch egal sein, ob sie in Berlin, Essen oder München leben? Warum wollen die dahin? Könnten schrumpfende Städte nicht Anreize schaffen, wie

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günstigen Wohnraum, Kindergartenplätze oder ähnliches? Gibt es dafür Strategien? Die Hauptmotivation für diese Wanderungsbewegung im Kontext der schrumpfenden Städte, die Binnenwanderung, ist die Lebens- und Arbeitsperspektive: die beruflichen Chancen und sicherlich auch die Chancen zur Selbstentfaltung und zu kultureller Teilhabe. Dies betrifft die alten Industriestaaten der nördlichen Hemisphäre, also G7-Länder plus Osteuropa. Hier lässt sich eine Konzentration der Bevölkerung in großen Agglomerationsräumen beobachten, egal ob man nach Japan, Russland, Europa oder in die USA blickt. Die Bevölkerung sucht diese Agglomerationen auf, weil es dort andere Arbeitschancen gibt und auch andere persönliche Entfaltungsmöglichkeiten. Die Migration setzt oft mit dem Schulabschluss ein. Wenn die Lebensphase im Elternhaus abgeschlossen ist, wenn es um Ausbildungs- und Berufsperspektive geht, dann finden die Abwanderungen statt. Jetzt ist die Frage, nach welchen Kriterien wandern eigentlich die Migranten und die Geflüchteten? Sie verlassen ihr Heimatland, um ein sicheres Zielland aufzusuchen, es geht also ganz basal um eine Sicherung von Leib und Leben. Wenn sie dann hier sind und sich innerhalb von Deutschland frei bewegen können, dann gibt es, und das kennt man aus den ganzen Migrationsgeschichten, immer diese Migrationsnetzwerke. Zuerst siedeln sich Pioniere aus einem Herkunftsland an, die dann soziale Netzwerke aufbauen, die weitere Migranten nach sich ziehen. Wir kennen das aus Deutschland, wo es Schwerpunkte gibt, an denen sich zum Beispiel Syrer, Iraker oder Afghanen ansiedeln. Das ist eine wichtige Kernthese aus dem Buch Arrival City, dass es Migrantennetzwerke gibt und auch Migrantenökonomien, die die Schwellenräume und Möglichkeiten bieten, sich in der Ankunftsgesellschaft zu etablieren. Wenn man also über mögliche Lenkungsstrategien nachdenkt, müsste es darum gehen, dass man erstmal diese Pioniere in die Shrinking Cities bringt und Anreize schafft. Das müssten sehr langfristige und sukzessive Strategien sein. Und es stellt sich die Frage, wie man für diese Pioniere attraktive Bedingungen schaffen kann. Es gibt immer wieder einzelne Kommunen, die versuchen, solche Wege zu gehen. Grundsätzlich glaube ich, dass es Schwierigkeiten bei uns gibt, durch die starke staatliche Durchregulierung, bundesweit, aber auch europaweit, die die Handlungsspielräume von lokalen Akteuren extrem beschränkt. Schauen wir uns etwa die Arbeitsmöglichkeit von Flüchtlingen an. Die werden still gestellt durch Arbeitsverbote und Alimentierung. Dies ist besonders widersinnig, da gerade die Migranten besonders aktiv und motiviert sind und oft zu den besser Ausgebildeten und Motivierten in ihrer Heimat gehören. Was wäre etwa, wenn sie in Selbstbauprojekten arbeiten würden, was sie ja zum Teil aus den Herkunftsländern gewöhnt sind? Dann setzen natürlich die ganzen versicherungstechnischen und baurechtlichen Instrumentarien ein. Aber das wäre eine andere Form der Selbstbestimmtheit, die Räume eröffnet. Dies ist sicherlich keine Strategie für die Mehrheit der Geflüchteten. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass man Leute finden wird,

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bettina götz wohnen und … – stadt ist organisierte öffentlichkeit

D

Abb. 1: BKK-2, Sargfabrik Wien, 1996

Abb. 2: Bologna

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er Bedarf an Wohnraum hat bedenkliche Ausmaße erreicht und die Ursachen liegen nicht allein in den großen Flüchtlingsströmen, sondern vor allem in einer ganz allgemein zu geringen Wohnbautätigkeit in den letzten Jahren. In Zeiten großer Wohnungsknappheit und ausgeprägten ökonomischen Drucks auf Wohnungsgrößen und -komfort gewinnt die Qualität des Öffentlichen neue Bedeutung. Der öffentliche Raum wird zunehmend als Bestandteil des täglichen Lebens beansprucht, er wird zum erweiterten Wohnzimmer. In allen Bereichen des urbanen Lebens müssen Shared Spaces von ausgeprägter architektonischer Qualität in Ergänzung zum knapp bemessenen Privatraum als temporäre Aneignungsräume vorhanden sein. Abb. 1 Also müssen wir uns nicht nur mit leistungsfähigen Wohntypologien beschäftigen, sondern vor allem auch mit den zugehörigen architektonischen Ausprägungen des öffentlichen Raums, also mit Raumqualitäten, die Emotionen hervorrufen und „Stadt“ damit „speziell“ und merkfähig machen. Dazu benötigen wir eindeutige (Spiel-)Regeln, die den Anteil an öffentlichem Raum in ein Verhältnis zur angestrebten Bebauungsdichte setzen und vor allem diesen Anspruch als fixen Bestandteil des Urbanen sichern – je dichter, desto öffentlicher. Abb. 2 Die einzelnen Ebenen der Nutzung von öffentlich bis privat sind durch „Schwellen“ miteinander verknüpft. Diese Schwellen sind durchaus verschiebbar und können immer wieder neu verhandelt und definiert werden. Gerade heute, wo vor allem die Grenze zwischen Arbeit und Wohnen eigentlich bereits aufgehoben ist, stellt sich auch die Frage der Grenze zwischen privat und öffentlich wieder neu. Die Wohnung selbst wird immer kleiner und die Gründe dafür sind nicht nur ökonomischer Natur. Das wäre auch widersinnig: Eine kleine Wohnung ist in Wirklichkeit teurer als eine große, weil ja der Anteil an hochinstallierten Flächen (Küche und Sanitär) anteilsmäßig steigt. Reduzierbar ist nur die „Luft“ in der Wohnung, also genau jener Teil, der die Wohnung vielseitig nutzbar macht und verhältnismäßig günstig zu errichten ist – wie in der gründerzeitlichen Wohnung, die zwar immer ein bisschen zu groß oder zu klein ist, aber immer noch irgendwie funktioniert. Und dieses „irgendwie“ ist eben sehr charmant, weil es Unvorhersehbares


möglich macht. Diese Erkenntnis wiederum kann vielleicht in eine neue Qualität des aneigenbaren Öffentlichen transformiert werden. Die Struktur eines Wohnraums im Öffentlichen ist ja zum Beispiel eher kein großer, weiter Platz, sondern müsste im Gegenteil aus Nischen bzw. Ausbuchtungen oder Erkern bestehen, also aus Strukturelementen, die zwar bekannt sind, aber neu interpretiert werden müssen. Abb. 3 Genau andersherum funktioniert die Minimalwohnung, wo jedes Teilchen im besten Falle seinen fixen Platz hat wie in der Frankfurter Küche. Viele Funktionen und Annehmlichkeiten des täglichen Lebens sind in diesen Minimaleinheiten unmöglich – Arbeiten am Computer geht vielleicht noch, aber Feste feiern, Essenseinladungen, handwerkliches Arbeiten, gleichzeitiges Verrichten verschiedener Tätigkeiten sind eigentlich fast nicht machbar. Abb. 4 Aber die Städte wachsen und eine sinnvolle Reaktion auf das Wachstum ist die Nachverdichtung und damit das Nutzen bereits vorhandener Infrastrukturen. Da diese Nachverdichtungen bestehender Strukturen immer nur begrenzt möglich sind, entsteht auch hier ein Druck auf die Größe der Wohnung. Minimalapartments mit 30 bis 40 Quadratmetern, dafür aber in exquisiter Lage, sind ein Trend, den man in den Weltmetropolen derzeit überall beobachten kann. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, da in den sehr guten, also den innerstädtischen Lagen der öffentliche Raum als eine über einen langen Zeitraum gewachsene, immer wieder transformierte und optimierte Struktur eben sehr gut funktioniert und so die Aufgaben eines „erweiterten Wohnzimmers“ quasi nebenbei erfüllt. Und daran müssen wir uns ein Beispiel nehmen: je höher die Dichte und je kleiner die einzelnen Wohneinheiten, desto attraktiver und leistungsfähiger der öffentliche Raum. Selbstverständlich ist damit nicht nur der Freiraum gemeint. Alle öffentlich zugänglichen Räume, vom Bahnhof über den Basar bis zur Bibliothek, sind Teil der kollektiven Öffentlichkeit. Ein Hauptaugenmerk muss auf einer Zugänglichkeit möglichst ohne Schwellen und einer nicht kommerziellen Nutzungsmöglichkeit liegen. Das heißt: Nicht nur der Park und die Parkbank als Notschlafstelle müssen gesichert sein, sondern ein möglichst vielfältiges Angebot wird gebraucht. Der öffentliche Raum muss neu gedacht werden. Unsere Städte müssen hybrider werden und alle öffentlichen Bauten mit ihnen: Warum zum Beispiel stehen Schulen während der Ferien leer und Hotels sind nur während der Hochsaison ausgelastet? Völlig neue Kombinationen sind denkbar – und notwendig, wenn wir an die Anforderungen denken, vor die der Zuzug einerseits, fehlende Raumreserven andererseits uns stellen. Wien zum Beispiel ist eine wachsende Stadt, die, seit das „Rote Wien“ zu Beginn der 1920er Jahre das Recht auf Wohnen postuliert hat, kontinuierlich Sozialwohnungen errichtet, etwa 7000 Einheiten jährlich. Abb. 5 Da Wien aus seiner Geschichte heraus eine sehr kompakte, dichte Stadtstruktur besitzt, ist eine innere Verdichtung kaum möglich und die Stadt erweitert sich an ihren Rändern. So entstehen zwangsläufig große neugeplante Quartiere. Die Dichte am Stadtrand ist dem Zentrum angepasst (BGF: A= 3,0). Der erste Bezirk als gewachsene Altstadt mit der zugehörigen

Abb. 3: Aldo Rossi, Gallaratese, Mailand, 1967  –   7 4

Abb. 4: Absalon, Ausstellung Kunstwerke Berlin, 2010  /   1 1

Abb. 5: Adolf Loos, Winarsky-Hof, Projekt 1923

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Abb. 1: Zu Beginn wurden hauptsächlich Altbauten mit dem MHS zusammen gekauft und zum Teil in Eigenleistung saniert.

Abb. 2: Die meisten Häuser im Projekteverbund liegen in Städten; Schwerpunkte sind Freiburg, Berlin und Leipzig.

Abb. 3: Ob Mehrfamilienhäuser, alte Kasernengebäude oder umgenutzte Verwaltungsgebäude – eine Vielzahl unterschiedlicher Immobilien wird in sehr unterschiedlichen Wohnkonstellationen genutzt.

Abb. 4: Ein sehr einfacher Standard in manchen Projekten hält die Miete niedrig. Wie und in welchem Umfang saniert wird, bestimmen die Projekte selber.

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Zur Übertragbarkeit der Finanzierung von Hausprojekten auf Projekte zum Wohnen mit Geflüchteten Alle oben genannten Finanzierungsmöglichkeiten ließen sich auch auf Projekte übertragen, die das Wohnen mit / von Neuankommenden zum Gegenstand haben. Dies umso leichter, je mehr es sich dabei um gemischte Projekte handelt, bei denen explizit Räume für Neuankommende geschaffen werden sollen. Denn ein Problem ergibt sich aus der Übertragbarkeit der Direktdarlehen, dem Herzstück der Hausfinanzierung im MHS, auf zum Beispiel ein Haus, in dem nur Neuankommende leben. Erfahrungsgemäß kommen 90 Prozent der Direktdarlehen aus der Hausgruppe beziehungsweise aus deren direktem Umfeld. Nur ein geringer Teil kommt beispielsweise über andere Hausprojekte oder über öffentliche Werbung von Leuten, welche keine persönliche Beziehung zum Projekt haben. Die Neuankommenden haben vermutlich nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten, das eigene Projekt finanziell auf diese Weise zu unterstützen. Hier bedarf es einer sehr breiten Struktur von Unterstützenden, die bereit sind, einem Projekt ein Darlehen zu geben, auch wenn sie dort nicht selber wohnen wollen und es (noch) keine persönlichen Bekanntschaften zu den zukünftig im Haus Wohnenden gibt. Diese Erschwernis sollte aber nicht daran hindern, solche Projekte prinzipiell anzugehen; sie kann möglicherweise aber verhindern, dass Projekte ohne breite gesellschaftliche Anbindung entstehen. Denn in meinen Augen kann es nicht darum gehen, einfach „nur“ Wohnraum für Neuankommende zu schaffen (das können die großen Wohnungsbaugesellschaften deutlich schneller und es handelt sich um eine staatliche Aufgabe), sondern es geht darum, solidarische Wohnmöglichkeiten zu schaffen, die ein gemeinsames Leben und einen Austausch zum Mittelpunkt haben. Hier ist ein breit aufgestellter Kreis aus UnterstützerInnen eine gute Voraussetzung, um die Potenziale eines solchen Projekts zu entfalten. Im Folgenden soll beispielhaft die Finanzierung eines Projekts, das die oben skizzierten Ziele verfolgt, dargestellt werden. Dadurch, dass das Thema gesellschaftlich nicht an Aktualität eingebüßt hat, ließen sich hier zum Beispiel eine Schenkgemeinschaft und ein kleiner Spendenanteil durchaus realisieren, anders als vielleicht bei einem „ganz normalen“ Wohnprojekt. Angenommen werden, wie in den oben aufgeführten Beispielen, EUR 1 Million für Kauf und Bau für ein Gebäude von 500 Quadratmetern. EUR 30.000 aus einer Schenkgemeinschaft aus dem UnterstützerInnenumfeld EUR 30.000 durch Spenden EUR 140.000 Direktdarlehen zukünftiger BewohnerInnen und deren Umfeld EUR 300.000 Direktdarlehen aus dem Unterstützerkreis EUR 200.000 als Stiftungsdarlehen einer Stiftung, die das Ziel hat, solche Projekte zu fördern Hiermit ergäbe sich eine Summe von immerhin EUR 700.000 als Eigenkapital, somit wäre nur noch ein Betrag von EUR 300.000 über eine Bank zu finanzieren.


Weitere Herausforderungen bezüglich der Übertragbarkeit des MHS-Modells ergeben sich aus dem Betrieb der Häuser. Im MHS sind die Projekte selbstverwaltet, die meisten Arbeiten werden von den BewohnerInnen meist unbezahlt erledigt. Diese Arbeiten erfordern meist kein Wissen von ExpertInnen, neu ins Haus Einziehende können von den älteren BewohnerInnen angelernt werden. Trotzdem sind Sprachkenntnisse und das entsprechende Wissen beispielsweise für die Buchhaltung eine Voraussetzung für den Alltagsbetrieb der Projekte. Diese Aufgaben könnten nur Stück für Stück von Neuankommenden übernommen werden, der Wissensvermittlung muss mehr Zeit und Aufmerksamkeit eingeräumt werden. An dieser Stelle würden sich auch Projektpatenschaften zwischen bestehenden und neuen Hausprojekten anbieten. Da in vielen Regionen inzwischen Häuser mit den entsprechenden Erfahrungen – nicht nur aus dem Verbund des MHS – existieren, sollte es möglich sein, sich hier Unterstützung zu organisieren.

Abb. 5: In den letzten Jahren wurden vermehrt Neubauprojekte durch die Hausgruppen umgesetzt.

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flucht aus afghanistan

Budapest, Ungarn Friedland

ein persönliches interview

Szeged, Ungarn Camp mit 2000 Personen, vier Tage

Hannover, Deutschland Eigenes Zimmer mit Balkon, vorher: Turnhalle mit 60 Personen

Ein Raum mit sechs Personen, vier Monate

Grenze Serbien-Ungarn

Gießen

Mazedonien Schlafen im Wald, zehn Tage

Passau, Deutschland

Frankfurt Die Grafik zeigt die Fluchtroute eines 24-Jährigen Geflüchteten von Afghanistan nach Deutschland. Aufgrund seines Arbeitsverhältnisses mit „Nichtmuslimen“ wurde er von der Taliban überwacht und bedroht, was ihn dazu zwang, aus seiner Heimat zu fliehen. Er musste seine Familie und Freunde zurücklassen und floh mit nur einem Rucksack, seinem Pass, Arbeitsdokumenten und 50.000 USDollar Richtung Deutschland. Auf seiner Flucht überquerte er acht verschiedene Grenzen auf unterschiedliche Art und Weise. Teilweise reiste er tagelang zu Fuß und schlief unter freiem Himmel. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm seine lange Zeit in der Türkei, wo er viereinhalb Monate verbrachte, weil seine Flucht über das Meer nach Griechenland zwei Mal aufgrund überladener, gekenterter Boote scheiterte. In der Türkei lebte er in einer Flüchtlingsunterkunft zusammen mit 35 anderen Personen in einem Raum mit nur einem kleinen Fenster und schlief auf dem Boden. Wie gefährlich die Flucht eigentlich war, verdeutlichen Situationen, in denen er sich in akuter Lebensgefahr befand, welche auch einige seiner Wegbegleiter nicht überlebten. Sein gesamtes Geld gab er bei seiner Reise für Transport, Schlepper und Verpflegung aus. Insgesamt dauerte seine Flucht 269 Tage und er legte 8260 Kilometer zurück. In Deutschland angekommen, wurde er über verschiedene Stationen und Unterkünfte nach Hannover gebracht, wo er in einer Flüchtlingsunterkunft in einem eigenen Zimmer mit Balkon und einer Gemeinschaftsküche wohnt. Sein Asylantrag wurde im zweiten Versuch bewilligt und er hat eine Ausbildung begonnen. Sobald er seinen Pass hat, möchte er seine Eltern auch nach Deutschland holen.

Aktivität Inaktivität

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q p

München o n

m

l

550 km, acht Stunden, 35 Personen

k 170 km, drei Stunden, 500 Personen

Athen, Griechenland Ein Raum mit 50 Personen, 1,5 Monate Lesbos, Griechenland Camp mit 2000 Personen, vier Tage

j i

Istanbul, Türkei Ein Raum mit 35 Personen, 4,5 Monate e

700 km, zwölf Stunden, 150 Personen h 600 km, 14 Tage, 50 Personen

f g

400 km, zwölf Stunden, 2000 Personen

Mazedonien > Serbien Mit 150 Personen zwölf Stunden im Container ohne Sauerstoffzufuhr

Türkei > Griechenland Zweimal mit dem Boot gekentert, von Küstenwache gerettet, eine Woche Krankenhaus

Iran > Türkei Schüsse von iranischen Grenzpolizisten an der iranisch-türkischen Grenze

= 8260 km

q

p

o n

= 269 Tage

m

l

k

j i

h

g

f


Hannover, Deutschland Bis heute Schlafen im Bett eigenes Zimmer mit Balkon Gemeinschaftsbad

Mazedonien Zehn Tage Schlafen unter freiem Himmel im Wald unter Bäumen kein Schutz vor Kälte und Regen

Istanbul, Türkei 4,5 Monate Schlafen auf dem Boden ein Zimmer mit 35 Personen ein Bad, ein kleines Fenster Wasser von der Decke Müllgeruch und Mäuse

Van, Türkei Grenzgebiet Iran-Türkei 1700 km, 24 Stunden, 50 Personen

Mashhad, Iran

80 km, zwei Tage, 90 Personen d

c 1650 km, 24 Stunden, sechs Personen

Drei Versuche: 500 km, zwölf + zwei Stunden, 20 Personen

900 km, zwei Stunden, mit 120 weiteren Personen b a

Kabul, Afghanistan

1000 km

e

d c

b

a

30 Tage

83


mindeststandards fßr wohnflächen in gemeinschaftsunterkßnften

Verbindliche Mindeststandards Empfohlene Mindeststandards Keine Mindeststandards

90


verbindliche und empfohlene mindeststandards

Verbindliche Mindeststandards [min. Wohnfl채che pro Person | max. Personen pro Raum]

Baden-W체rttemberg

7 qm (seit 2016)

Berlin

Empfohlene Mindeststandards [min. Wohnfl채che pro Person | max. Personen pro Raum]

Bayern

6 qm

Brandenburg

7 qm

Sachsen-Anhalt

6 qm

Mecklenburg-Vorpommern

7 qm

Sachsen

6 qm

6 qm

Schleswig-Holstein

Th체ringen

6 qm

6 qm

91


TEMPORÄR Sofortprogramm Leichtbauhallen  Jan Schabert @ günther & schabert architekten Emergency Island  pfp architekten Just a Minute – Temporary House for Nepal Earthquake Emergency  Barberio Colella ARC Kitchen on the Run  TU Berlin – 19 Studierende des Fachgebiets für Entwerfen und Baukonstruktion, Prof. Donatella Fioretti, Marc Benjamin Drewes, Simon Mahringer, Christoph Rokitta Arrival Island  pfp architekten Diogene – The Basic Shelter  Renzo Piano Building Workshop Architects Liina Transitional Shelter  Aalto University Wood Program

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MODULAR Habitat '67  Moshe Safdie Prototyp für die behindertengerechte Unterbringung von Flüchtlingen  Kollektiv A SMAQ MAX!  SMAQ GmbH: ARTEC Architekten, wup_wimmerundpartner, raum & kommunikation StadtBauKasten  florian krieger architektur und städtebau GmbH Heimat2  GRAFT Wohnunterkünfte für Flüchtlinge Späthstraße Berlin  Adldinger Bauunternehmen, Fiedler + Partner, LANG HUGGER RAMPP ARCHITEKTEN, TE5T ARCHITEKTEN Neue Nachbarschaften – Nachverdichtung der Siedlung Uhlenhorst, Berlin-Köpenick Imke Woelk und Partner Architekten Integrationsprojekt Gartenstraße 4 – Wohnen, auch für Geflüchtete BBP Berlin, Oliver Langhammer „Zwischenraum“ – Terrassenhäuser für Flüchtlinge  Peter W. Schmidt Architekt GmbH AllQuartier* – Erschwinglich gut behaust  Studio BASEhabitat, Kunstuniversität Linz Kasseler Modell – Making Neighborhood  ARGE Bunsenstraße Kassel – Baufrösche Architekten und Stadtplaner GmbH, foundation 5+ architekten BDA, HHS Planer + Architekten AG, Clemens Kober Architekt BDA, Reichel Architekten BDA, Spöth Architekten Temporäre Wohnsiedlung Aargauerstraße (Leutschenbach)  NRS insitu Hoffnungshäuser – Integrative Wohngemeinschaft  andOFFICE Freie Architekten GbR bed by night  Han Slawik Neubau Flüchtlingssiedlung Steigertahlstraße  MOSAIK Architekten BDA Koyasan Guest House  Alphaville Architects HomeBox  Han Slawik

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VERDICHTET Wohnprojekt für eine Willkommenskultur für alle, die Menschen sind PPAG architects ztgmbh Living Big in a Tiny Home  Albert Laqua, Charlotte Regier Ter Apel Asylum Seekers Centre  De Zwarte Hond, Felixx Ankunftsstadt Hamburg  blauraum Ort des Ankommens  Kollektiv A Am Rastplatz  Feldschnieders + Kister Auf Stelzen gegen die Wohnungsnot  HerrmannsArchitekten Wohnen auf der Lichtung  Jean-Pascal Fuchs, Tina Maria Paschalischwili Auf der Platte in Berlin  Peter Haslinger, Simon Takasaki

TRANSFORMIERT Grandhotel Cosmopolis  A-ARCHITEKT mit Grandhotel Cosmopolis e. V. Harzer Straße  Benjamin Marx magdas HOTEL  AllesWirdGut Architektur Happy Roof Garden Refugee Paradise Evelyn Dueck, Martin Mallet, Carlos Moles Romero, Gregoire Rossignol Parkhaus 22b Joanna Gizelska, Daria Glabowska, Agnieszka Gmaj, Claudia Golaszewska Biombombastic  elii – Uriel Fogué, Eva Gil, Carlos Palacios Spiel- und Aufenthaltsbus Benrodestraße  Peter Behrens School of Arts

166  168

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196  198   200   202  204   208   210   212


HYBRID Haus der Statistik  raumlaborberlin Vinzirast – Mittendrin  gaupenraub + / - Architekten Wohnhybrid Elbbrückenquartier  pfp architekten Zurück auf Los  Silvia Kobel CO-OP Haus  Peter Haslinger, Simon Takasaki Flüchtlings- und Obdachlosenunterkunft in Ostfildern  u3ba, baumannarchitects 57squaremeterhouse Paul Jakob Bohlen, Mathis Huismans Mäander Giulia Mazzieri, Dersim Namo, Ertan Polat, Wiame Tahlil Cubity TU Darmstadt, Prof. Dipl.-Ing. M. Arch. Anett-Maud Joppien Zuflucht und Begegnung in der Gemeinde Laer CITYFÖRSTER architecture + urbanism, Berlin und Mark Niehüser mit Jörn Jacobs Hof • Haus  Paul Eichholtz, Tobias Hasselder, Alisa Klauenberg, Fabian Wieczorek

214  216   220   224 226   230   232   236   242   244   248   250

PARTIZIPATIV Ausbauhaus Neukölln – Viel Raum zum Wohnen für unterschiedliche Lebensentwürfe und Budgets Praeger Richter Architekten Neubau – On Königsberger Strasse und Allepoer Weg  BeL · Sozietät für Architektur Vertikales Wohnen  pfp architekten Arrival City 4.0  Drexler Guinand Jauslin Architekten DIY – Design Involving You! Katharina Bier, Jan Philipp Drude, Kira-Marie Klein, Laura Waanders Das urbane Regal  Studio Schwitalla New Housing Strategies for Rural Refugees  pasel.künzel architects bauen.wohnen.leben  Michael Münch, Jallee Litche Die Gärtnerei Berlin  raumlaborberlin

256  258   262   264   266   270   276   278   280   282


renzo piano building workshop architects diogene – the basic shelter weil am rhein , deutschland fertigstellung 2011–2013 auftraggeber  /  - in : vitra für 1 person

„Diogene“, entwickelt in Weil am Rhein, ist ein kleines Haus, welches lediglich die Ausmaße von 2,50 Meter x 3 Meter besitzt. Die innovative und dynamische Konstruktion besteht aus Holzpaneelen, die die Wände, Böden und Raumtrennungen bilden. Die Firma transsolar entwickelte eine Technik, die das Haus autonom macht. Die Fenster bestehen aus Vakuumpaneelen für die bestmögliche Isolation, Wärmebrücken werden verhindert und Photovoltaik wie auch Solarpaneele unterstützen die Energiegewinnung. Weiter wird von einer geothermalen Heizungspumpe und Regenrückgewinnung Gebrauch gemacht. Es werden ausschließlich Stromsparleuchten, eine wassersparende Dusche, eine Toilette ohne Wasserverbrauch und natürliche Belüftung verwendet. Der Tisch besteht aus drei Elementen, die geöffnet und flexibel umgenutzt werden können. Die Höhe der Elemente ist mit faltbaren Stahlprofilen regulierbar. Im Wohnraum gibt es ausschließlich Möbel aus extrem leichtem Aluminium, die an rostfreie Stahlhalter an die Wand gehängt werden können. Der komplette Innenraum wurde Stück für Stück entwickelt, um die nützlichen und notwendigen Funktionen der Komponenten bestmöglich auszunutzen.

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Konstruktionsprinzip

Querschnitte


Foto: Ariel Huber /  E DIT images © Vitra AG

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andoffice freie architekten gbr hoffnungshäuser  – !"

integrative

! #!$%"

wohngemeinschaft kassel , deutschland entwurf 2016 auftraggeber  /  - in :

4 Felder 1 Wohnung 4 Schlafräume

hoffnungsträger stiftung für 18  –  1 80 personen

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5 Felder 1 Wohnung 6 Schlafräume Die Hoffnungsträger Stiftung plant ein interkulturelles Studierendenwohnheim mit der CVJM-Hochschule Kassel. Basis für die inhaltliche Arbeit ist die Kooperation mit einer lokalen Einrichtung. Die Hoffnungshäuser beherbergen integrative Wohngemeinschaften von Flüchtlingen, Studierenden und Menschen aus der Region. andOFFICE Architekten entwickelten ein Baukastensystem in Holzbauweise, welches auf die spezifischen Rahmenbedingungen der einzelnen Standorte reagieren kann. Hoffnungshäuser sind keine temporären, sondern dauerhafte Gebäude, die durch multifunktionale Grundrisse einfach umgenutzt werden können. Ganz bewusst steht eine weiche, geschwungene Formensprache der typischen Containerarchitektur von Flüchtlingslagern und Sammelunterkünften gegenüber. Gemeinschaftliche Wohnküchen und große, private Freibereiche fördern als Zwischenzone von öffentlichem Raum und privaten Individualräumen soziale Integration. Eine hochwertige Holzständerbauweise mit hinterlüfteter Holzleistenschalung und Brettsperrholz-Massivdecken ermöglicht die komplette Vorfertigung und damit verkürzte Bauzeiten. Im Innenraum bleiben alle Konstruktionsoberflächen sichtbar, was Kosten reduziert, Ausbauzeiten minimiert und gleichzeitig eine warme, wohnliche Atmosphäre schafft.

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6 Felder 2 Wohnungen 2 + 3 oder 1 + 4 Schlafräume

7 Felder 2 Wohnungen 3 + 4 Schlafräume

8 Felder 2 Wohnungen 4 + 5 oder 3 + 6 Schlafräume


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albert laqua , charlotte regier living big in a tiny home hannover , deutschland entwurf 2016 leibniz universität hannover für 56 personen

Das Wohnkonzept reagiert auf den Wohnungsnotstand und kann durch eine soziale Durchmischung an dem Ort der Universität die Integration von Flüchtlingen fördern, aber auch Wohnraum für Studenten schaffen. Die Aufstockung mit 28 Wohneinheiten liegt auf dem Dach des Dekanats der Architekturfakultät. Das neue Geschoss wird durch Treppen im Innenhof betreten. Ein umlaufender Gang erschließt die 28 Quadratmeter großen Wohnungen, die jeweils für zwei Bewohner gedacht sind. Durch die versetzte Anordnung der Module zueinander entsteht eine gemeinsame Erschließungszone für zwei Wohnungen. Diese bildet einen orientierten, räumlich gefassten Eingangsbereich und als Komplementär dazu einen geschützten Freiraum. Verschiebbare Wände ermöglichen es, die Einzimmerwohnung in zwei kleine private Räume mit integrierten Klappbetten zu unterteilen, um die Nachtruhe zu gewährleisten. Jede Einheit hat außerdem eine integrierte Küchenzeile und ein separates Bad mit Dusche. Die Position der Sanitäranlagen ist so gewählt, dass die Leitungen von zwei Wohnungen zusammengelegt werden können. Das Konzept ist sowohl als Aufstockung auf bestehende Gebäude als auch als komplette Neuanlage realisierbar. Die Konstruktion ist als Holzrahmenbau geplant, was einen hohen Vorfertigungsgrad und entsprechend schnelles Bauen ermöglicht.

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joanna gizelska , daria glabowska , agnieszka gma j , claudia golaszewska parkhaus 22 b hannover , deutschland entwurf 2016 leibniz universität hannover für 80 personen

Das umgenutzte Parkhaus 22B in Hannover schafft eine moderne und modulare Struktur für die Wohnbedürfnisse der Bewohner. Es bietet einen sicheren und angemessenen Ort zum Leben. Das Modul gliedert sich in zwei Zonen: Gemeinschaftsund Einzelzimmer. Die beiden Räume sind durch eine „Regaltreppe“ verbunden. Im Erdgeschoss befinden sich eine Küche mit angrenzendem Wohnschlafzimmer und eine Nasszelle. Der zweite Typ ist eine Wiederholung des ersten, aber mit einem zusätzlichen Schlafzimmer im Eingangsgeschoss. Das ermöglicht die Schaffung eines privaten Eingangs, eines Zimmers für Ältere sowie einer kleinen Terrasse. Die Beschaffenheit eines Moduls wird auf die Dimension von 2,50 Meter gegründet; somit passt es mit seiner Spannweite in das Parkhaus. Die Materialien Holz und Gipskarton wurden wegen ihres niedrigen Preises, der Leichtbauweise und der einfachen Verarbeitung ausgewählt. Die Idee dieses Komplexes ist es, Flüchtlinge in die lokale Bevölkerung zu integrieren, die Kulturen zu vermischen und Sprachbarrieren aufzulösen. Außerdem soll das Parkhaus eine Schreinerei, Schneiderei oder Geschäfte beinhalten. Das Untergeschoss beherbergt Werkstätten und Klassenzimmer. Zwischen den Wohneinheiten gibt es einen Ort, an dem die Bewohner ihre Freizeit miteinander verbringen können.

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Grundriss Obergeschoss

Grundriss Erdgeschoss


pfp architekten wohnhybrid elbbrückenquartier hamburg , deutschland entwurf 2016 auftraggeber  /  - in : neue heimat wohnlabor hamburg für 1100 personen

Das Projekt „Wohnhybrid Elbbrückenquartier“ in der Hamburger Hafencity mischt hochwertigen Eigentumswohnungsbau mit niedrigpreisigen, öffentlich geförderten Mietund Genossenschaftswohnungen (Flächenzuschnitte nach dem sozialen Wohnungsbauschlüssel) zu einem neuen städtischen „Wohnhybrid“. Der Weg dahin: Die zulässige BGF für hochpreisigen Wohnungsbau wird über Befreiungen erhöht; im Gegenzug wird der Investor verpflichtet, zusätzlich auf demselben Grundstück die gleiche Baumasse für einfachen flexiblen Wohnungsbau und für gemeinschaftliche, öffentlich geförderte Arbeits-, Basar- und Lernflächen in den Straßen- und Platzgeschossen des Wohnhybrids zu errichten, dies alles als Partizipationsmodell zum Selbstausbau nach dem Prinzip des „Wachsenden Hauses“. Mietgarantien für den Billigwohnsektor werden für 15 Jahre von den Förderbehörden gegeben, eine Teilhabe der Sozialwohnungsmieter über Umwandlung der Miete in Eigentumserwerbsraten nach dem Genossenschaftsmodell wird angestrebt.

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1. Hochpreisiger Wohnungsbau, Geschossflächenzahl nach Planungsrecht

2. Erlaubte Überschreitung im hochpreisigen Wohnungsbau

3. Verpflichtung zur Errichtung zusätzlicher Sozialwohnungen Konzeptskizzen


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studio schwitalla das urbane regal tübingen , deutschland entwurf 2016 auftraggeber  /  - in : kreisbaugesellschaft tübingen mbh für 55 personen

Das Urbane Regal ist eine prozesshafte, veränderbare und somit integrative, nachhaltige Lösung. Durch Selbstbau wird das große Partizipationspotential der Geflüchteten aktiviert und die Werkstatt im Erdgeschoss ermöglicht eine teilweise Produktion vor Ort. So können zum einen eventuell Ausbaukosten gespart werden und zum anderen erwerben Geflüchtete dadurch unter professioneller Anleitung Kenntnisse im Lehmbau. Diese könnten dann eventuell später für den Wiederaufbau der zerstörten Heimatstädte angewendet werden – ein langfristiger Mehrwert. Die Beteiligung am Bau der eigenen Nachbarschaft stärkt die Identität mit der Umgebung und hilft Berührungsängste zwischen Fremden abzubauen, die zufällig in Deutschland kurz- und längerfristig unter einem Dach wohnen werden. Die offene gemeinsame Erschließung und Dachterrasse begünstigen zusätzlich die Begegnung und Kommunikation zwischen den verschiedenen Nutzern. Nach der Nutzung durch Geflüchtete werden frei gewordene Flächen neu konfiguriert und stehen langfristig als bezahlbarer Wohnraum beispielsweise für Studenten oder junge Familien zur Verfügung. Das Urbane Regal schafft einen baulichen Rahmen und führt eine Gemeinschaft aktiv räumlich zusammen, die aus einer Summe individueller Identitäten besteht: Architektur als ein Beitrag zur Lösung der aktuellen politischen und kulturellen Herausforderung, die unseren hohen europäischen Ansprüchen gerecht werden kann.

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1 Stahlbeton-Tragstruktur und technische Installationen

2  Ausbau in Lehm und Holz mithilfe von Geflüchteten: Werkstatt im EG sowie Teilfertigstellung Wohnungen

3  Fertigstellung Ausbau in Lehm und Holz mithilfe von Geflüchteten: weitere Wohnungen für Geflüchtete und Studenten

Beispielgrundriss Wohnungen für Studenten | maximal zehn Personen

Beispielgrundriss Wohnungen für Geflüchtete | maximal 20 Personen


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jörg friedrich zukunft des wohnens am existenzminimum

ausblick und dank

D

as Thema Wohnen als Teilmenge von Architektur und Stadtplanung, als Gesellschaftspolitik, Wirtschaftsgeflecht, infrastrukturelles Durcheinander, als Ware, Ort der Sehnsucht und der Macht, als Heim, Luxus, Ort der Ausbeutung, Gefängnis oder utilitaristische Reaktion auf utilitaristische Belange neigt dazu, Expertenwissen anzuziehen und erfordert das geschulte Auge und die vorsichtige Hand der Wissenschaft – genauer gesagt, der Sozialwissenschaft, wann immer es darum geht, seine Tücken, Dilemmas und auch seine Geschichte zu diskutieren. 1 Die Hunderttausende Flüchtlinge, die jährlich nach Europa einströmen, brauchen eine Unterkunft. Hier sind politische Lösungen gefordert, die architektonisch bereits vorgedacht sein müssten. Ökonomisch sollte das kein Problem sein: „Flüchtlinge bringen der Volkswirtschaft einen Gewinn. Die Rendite auf jeden dafür eingesetzten Euro liege bei 100 Prozent – und das innerhalb von fünf Jahren. Die Ausgaben, welche die Staaten Europas heute schultern, bringen morgen doppelten ökonomischen Nutzen. Der Gewinn, der an die Gesellschaft zurückfließt, ist enorm“, so der Ökonom Philippe Legrain. „Mit den derzeit erzielten Einkommen kurbeln Flüchtlinge die Wirtschaft an, Flüchtlinge steigern die Nachfrage, stärken das Unternehmertum und wirken dem Fachkräftemangel entgegen.“ 2 Zu diesem Schluss kommt Legrain in einer Studie der London School of Economics, die am 18. Mai 2016 dort vorgestellt wurde. Für Sicherheitsfirmen, Vermieter, Containerfirmen, selbst für die Kirchen und die weltlichen Sozialkonzerne wird das Flüchtlingsmanagement dank der Milliardenförderung durch den Bund nicht nur ein humanitärer Erfolg, sondern auch ein glänzendes Geschäft. Was für ein Glück, könnte man sagen: Flüchtlinge bringen die Volkswirtschaft erst wieder richtig in Gang. So sieht auch der Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, in den zusätzlichen Sozialausgaben des Bundes bereits ein neues Konjunkturprogramm realisiert. Architektonische Lösungskonzepte zur menschenwürdigen Unterbringung von Flüchtlingen haben die Herausgeber bereits frühzeitig in dem 2015 erschienenen, inzwischen vergriffenen Buch Refugees Welcome – Konzepte für eine menschenwürdige Architektur entwickelt. 3 Ein Jahr ist seitdem vergangen. Die politische Landschaft in Europa hat sich mit dem bevorste-

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peter haslinger das potenzial von vereinen , netzwerken und initiativen

„Start where you are. Use what you have. Do what you can.“ Arthur Ashe

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M

igration wird nicht verschwinden. Was wir 2015 in Europa gesehen haben, wird uns viele Jahre begleiten. Menschen werden weiterhin flüchten, sie werden weiterhin vertrieben werden. Deutschland hat im Jahr 2015 nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes 1,2 Millionen Geflüchtete aufgenommen – so viele Menschen wie noch niemals zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Um diese Anzahl an Menschen aufzunehmen, zu registrieren und zu versorgen, wurde von staatlicher Seite, von den Kommunen und Gemeinden Unglaubliches geleistet. Einen nicht zu unterschätzenden Anteil am Gelingen einer offenen Willkommenskultur haben dabei Vereine, Netzwerke und Initiativen. Es ist dieses Engagement der ehrenamtlichen Helfer, das bei den Geflüchteten oft das erste Samenkorn implementiert, das Früchte tragen wird. Es dokumentiert deutlich das Funktionieren der Zivilgesellschaft. Ohne diese vielen freiwilligen Helfer, engagierten Bürger, couragierten Initiativen und funktionierenden Netzwerke wäre vieles nicht so gelaufen. Dabei geht es in der Zielsetzung dieser Initiativen nicht nur um kurzfristige Hilfe, sondern meist um langfristige Strategien der Integration. Die hier vorgestellten Vereine, Netzwerke und Initiativen agieren architektonisch oder haben zumindest eine räumliche Komponente. Die Auswahl erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die ausgewählten Initiativen sollen vielmehr prototypisch zeigen, wie vielfältig die Ansätze und Lösungen sind und waren, den hilfesuchenden Menschen direkt und pragmatisch in ihrer Situation zu helfen und ein Höchstmaß an Selbstständigkeit und Menschenwürde zurückzugeben. Die Lösungen, Möglichkeiten und Potenziale, die diese Initiativen entwickelt und umgesetzt haben, sollen hier dokumentiert werden, um bei anderer Gelegenheit auf diese Erfahrungen zurückgreifen zu können. Flüchtlinge sind Menschen wie alle anderen; sie befinden sich nur in besonderen Umständen. Ihnen die Menschenwürde wieder zurückzugeben, darum geht es den meisten Initiativen. Ein Ansatz in vielen Initiativen ist es, nicht nur für Geflüchtete, sondern mit den Geflüchteten zu arbeiten: Hilfe zur Selbsthilfe auf unterschiedlichsten Ebenen. Dabei sind es oft kleine Dinge, die viel bewirken.


Als Asylbewerber in ein neues Land zu kommen, heißt, dass man verlassen hat, was zur eigenen Identität gehört: das Zuhause, Familie, Freunde und Arbeit. Der Prozess des Asylverfahrens und der Unterbringung in Asylunterkünften und Folgeeinrichtungen verstärkt oft das Gefühl einer „verlorenen“ Identität. Die Chance, seine alltägliche Umgebung zu beeinflussen, kann eine Maßnahme sein, dieser Entwicklung entgegenzuwirken und damit ein Weg, die Kontrolle über sein Leben zurückzugewinnen. Wohnraum suchen und finden Diese Initiativen entwickeln unterschiedliche Strategien, um Grundstücke und Wohnraum für Geflüchtete zu suchen und zu finden. Leerstandsmelder 1 Auf dieser Plattform kann man Leerstände melden und abrufen. Sie wurde 2010 in Hamburg gegründet, also bevor die Unterbringung von Flüchtlingen zum akuten Problem wurde. FindingPlaces – Hamburg 2 „Finding Places“ ist eine Initiative der Hafen City Universität Hamburg und der Stadt Hamburg, um in unterschiedlichen Stadtteilen städtische Flächen für Flüchtlingsunterkünfte zu finden. Flüchtlinge Willkommen 3 „Flüchtlinge Willkommen“ ist eine Internetseite, die Geflüchtete mit bewilligtem Asylantrag in Wohngemeinschaften vermittelt. Neue Wege zu Finanzierung und Genehmigung Die folgenden Projekte gehen progressive Wege bei Genehmigung und Finanzierung. ecoFavela Lampedusa Nord 4 Die Künstlergruppe Baltic Raw hat 2014 / 15 einen temporären „Aktionsraum“ für Geflüchtete auf Lampedusa umgesetzt. Finanziert wurde das Projekt über eine Crowdfunding-Kampagne, genehmigt durch die Deklaration als Kunstwerk mit „24-Stunden-Performance“. Neue Nachbarn KG 5 Mit der Idee einer „Bürger-Wohnbau-Gesellschaft!“ wollen die Initiatoren der „Neue Nachbarn KG“ nach dem Modell des Freiburger Häusersyndikats 6 Finanzierungen für soziale Wohnprojekte aus der Gesellschaft heraus organisieren. Möbel Die folgenden Initiativen bauen Möbel zusammen mit Geflüchteten. Direkt oder indirekt sind die Projekte meist inspiriert von Enzo Maris Möbelselbstbauprojekt „Autopregettazione?“ 7 von 1974. Cucula – Refugee Company for Crafts and Design 8 „Cucula“ 9 ist Verein, Werkstatt und Schulprogramm, in dem Geflüchtete Möbelentwürfe von Enzo Mari 10 zum Teil mit Holz aus gestrandeten Flüchtlingsbooten herstellen. Social Furniture 11 „Social Furniture“, eine Möbelkollektion mit 23 Möbelelementen 12, wurde vom Designteam EOOS für eine Grundversorgungseinrichtung für Asyl-

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kurzbiografien

Julian Benz lebt und arbeitet in Berlin und ist seit 2006 als ehrenamtlicher Berater für Hausprojektgruppen tätig, meist im Rahmen des Mietshäuser Syndikats (MHS). Von Freiburg, dem Entstehungsort des MHS, zog er 2008 nach Berlin und war Mitbegründer der regionalen Beratungsstruktur für Berlin-Brandenburg. Seine Schwerpunkte sind die gemeinschaftliche Finanzierung von Hausprojekten, das Aufstellen von Wirtschaftlichkeitsberechnungen sowie die Vernetzung mit anderen Akteuren der Solidarischen Ökonomie. Seit mehreren Jahren arbeitet er als Immobilienkaufmann für eine Stiftung im Bereich Hausverwaltung. Thomas Bestgen ist Gründer und seit 1996 geschäftsführender Gesellschafter der UTB Projektmanagement GmbH. Nach einer Banklehre absolvierte er sein Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin und arbeitete als Bankenberater für den Genossenschaftsverband Berlin-Hannover. Zu den Aufgabenbereichen der UTB zählen unter anderem die Projektentwicklung im Wohnungsneubau sowie die wirtschaftliche Baubetreuung und Projektsteuerung in der regionalen Immobilienwirtschaft. Zurzeit entwickelt die UTB für eigene Projektgesellschaften rund 500 Eigentumswohnungen sowie für Dritte Bauleitverfahren für rund 4000 Wohnungen in Berlin und Weimar. Seit zwei Jahren ist Thomas Bestgen zudem als Gastdozent an der TU Berlin im Rahmen des Weiterbildungsstudiengangs Real Estate Management tätig. Dr. Ralph Boch ist Vorstand der Hans Sauer Stiftung in München. Nach seinem Studium der Neueren und Neuesten Geschichte und der Kommunikationswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München promovierte er mit einer wissenschaftshistorischen Arbeit. Nach mehrjähriger Forschungstätigkeit für das Deutsche Museum in München und das GeoForschungsZentrum in Potsdam entwickelte er am Entrepreneurship Center der LMU München Start-up-Programme. Für die Hans Sauer Stiftung ist er seit 2006 tätig.

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Valentina Forsch ist seit 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Entwerfen und Gebäudelehre an der Leibniz Universität Hannover. Im Rahmen ihres Architektur- und Städtebaustudiums absolvierte sie ein Auslandssemester an der Staatlichen Universität für Architektur und Bauwesen in St. Petersburg, Russland. 2016 schloss sie ihr Studium an der Leibniz Universität Hannover mit Auszeichnung ab und arbeitet seither interdisziplinär als freie Mitarbeiterin für verschiedene Büros in den Bereichen Architektur, Grafik und Design. Sie wirkte an der Publikation Refugees Welcome – Konzepte für eine menschenwürdige Architektur mit. Für beispielhafte, fachübergreifende Leistungen erhielt sie 2016 den Nachwuchspreis des Fritz-Schumacher-Preises. Prof. Jörg Friedrich ist verheiratet, hat zwei Kinder und ist seit 2000 Professor für Entwerfen und Gebäudelehre an der Leibniz Universität Hannover. Seit 1980 arbeitet er als freier Architekt. Sein Architekturbüro pfp architekten hat Niederlassungen in Hamburg (seit 1988), Genua (seit 1996) und Frankfurt (seit 2014). Nach seinem Architekturstudium in Stuttgart und Rom arbeitete er von 1982 bis 1985 am Max-Planck-Institut in Rom. 1987 erhielt er den VillaMassimo-Preis. Er lehrt seit 1988 als Architekturprofessor unter anderem in Hamburg, Mendrisio und Rom und ist seit 1996 Mitglied der Freien Akademie der Künste in Hamburg. Jörg Friedrich plant und realisiert Kulturprojekte, Universitätsbauten, sozialen Wohnungsbau und Flüchtlingsunterkünfte, Hochschulen, Bürogebäude sowie Gesundheitsbauten und Sporthallen in Deutschland, Österreich, Polen, Italien und in der Schweiz. Sein Schwerpunkt liegt in den Bereichen Theaterbauten, Konzertsäle und Opernhäuser. Seine Arbeiten wurden mit zahlreichen Architektur- und Kunstpreisen ausgezeichnet. Ausstellungen unter anderem in Venedig (Architekturbiennale), Frankfurt (DAM), Düsseldorf (Kunstsammlung NRW), Rotterdam (NAI), Rom (Villa Massimo), Hamburg (Freie Akademie der Künste). Er lebt und arbeitet in Hamburg und Rom.

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Jürgen Friedrichs ist Emeritus am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität zu Köln und dort weiterhin in der Lehre und Forschung tätig. Nach seinem Studium in Berlin und Hamburg wirkte er als Assistent im Institut für Soziologie in Hamburg und wurde 1974 auf eine Professur für Soziologie berufen. Er gründete in Hamburg die „Forschungsstelle Vergleichende Stadtforschung“. 1991 wurde er auf den Lehrstuhl für Soziologie nach Köln und zum Direktor des Forschungsinstituts für Soziologie berufen. Von 1992 bis 2012 war er Mitherausgeber der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Seine aktuellen Forschungsbereiche sind Integration von Flüchtlingen, Städtische Armutsgebiete und Gentrification. Bettina Götz ist seit 1987 Partnerin im Architekturbüro ARTEC Architekten in Wien mit Richard Manahl und seit 2006 Professorin für Entwerfen und Baukonstruktion an der Universität der Künste in Berlin. Sie absolvierte ihr Architekturstudium 1980 bis 1987 an der TU in Graz. 2008 war sie Kommissärin des österreichischen Beitrags der 11. Architekturbiennale in Venedig. Von 2009 bis 2011 war sie stellvertretende Vorsitzende des Grundstücksbeirats Wien und gehörte von 2010 bis 2014 dem Baukollegium Zürich an. Von 2009 bis 2014 war sie Vorsitzende des Beirats für Baukultur des Bundeskanzleramtes. Peter Haslinger ist seit 2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Entwerfen und Gebäudelehre an der Leibniz Universität Hannover und Dozent für konzeptionelles Entwerfen. Er ist Gastkritiker an verschiedenen Universitäten. Nach seinem Architekturstudium in Wien, Hannover und Zürich arbeitete er in verschiedenen Architekturbüros als freischaffender Architekt. 2000 bis 2004 war er Mitarbeiter im Vitra Design Museum Berlin. 2000 gründete er das Architekturbüro ZONE29 in Berlin und hat Projekte in Deutschland, Mallorca und Namibia umgesetzt. Seine Arbeiten wurden unter anderem auf der Architekturbiennale in Venedig ausgestellt. Er forscht zum Thema „Konzept, Bild und Diagrammatik in der Architektur“ und arbeitet im Moment zum Thema „Bezahlbarer Wohnraum für Menschen mit und ohne Fluchterfahrung“. Er ist Mitherausgeber des Buchs Refugees Welcome – Konzepte für eine menschenwürdige Architektur, das 2015 bei jovis erschienen ist.

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Philipp Oswalt ist seit 2006 Professor für Architekturtheorie und Entwurf an der Uni Kassel und realisiert seit 1999 mit seinem Projektbüro Studien, Ausstellungen und Projekte. Von 1988 bis 1994 war er Redakteur der Architekturzeitschrift Arch+, 1996 / 97 Mitarbeiter im Büro OMA / Rem Koolhaas, 2001 bis 2003 Co-Leiter des Europäischen Forschungsprojekts „Urban Catalyst“, 2004 Mitinitiator der kulturellen Zwischennutzung des Palastes der Republik „ZwischenPalastNutzung – Volkspalast“, 2002 bis 2008 Leiter des Projekts „Schrumpfende Städte“ der Kulturstiftung des Bundes. Von 2009 bis 2014 war er Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau. Seit 2012 ist er darüber hinaus Associated Investigator am Exzellenzcluster Bild Wissen Gestaltung der Humboldt Universität Berlin. Simon Takasaki ist seit 2011 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Entwerfen und Gebäudelehre an der Leibniz Universität Hannover und Dozent für Digitales Gestalten am Institute for Architectural Design Prof. Staab an der TU Braunschweig. Er ist Gastkritiker an der London Southbank University, dem Royal College of Art London, der TU Berlin und der Universität Innsbruck. Nach seinem Architektur- und Städtebaustudium in Kiel, Berlin und London arbeitete er von 2005 bis 2011 für progressive Büros in Berlin, Wien, London und Peking und gründete 2011 TAKASAKI LAUW ARCHITECTS in Berlin. Er forscht zum Thema „Zeitbasierte Raumstrategien“ und arbeitet im Moment zum Thema „Bezahlbarer Wohnraum für Menschen mit und ohne Fluchterfahrung“. Er ist Mitherausgeber des Buchs Refugees Welcome – Konzepte für eine menschenwürdige Architektur, das 2015 bei jovis erschienen ist. Seine Arbeiten wurden bereits international publiziert und ausgestellt, unter anderem auf der Architekturbiennale in Venedig und im Museum of Modern Art in New York.

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Zukunft: Wohnen (JOVIS Verlag)  

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