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Ansichtssache Degerloch hutt.verlag

Albert Raff ist eigentlich kein typischer Postkartensammler. Aber ein Historiker mit großem Interesse an Degerloch. Da es aber für bestimmte Zeitphasen, die das Buch „Ansichtssache Degerloch“ beleuchtet, keine oder kaum Fotos gibt, hat der ehemalige Schulrektor auf speziellen Messen und Börsen nach Postkarten mit Degerlocher Motiven Ausschau gehalten. In fast 40 Jahren hat Raff über 400 Postkarten zusammengetragen. Einen großen Teil davon hat der Sohn eines Degerlocher Landwirtes für dieses Buch ausgewählt und zur Verfügung gestellt. Mit viel Ortskenntnis führt der Autor und Herausgeber in seinen Texten zu den Bildern von der Vergangenheit in die Gegenwart.

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nsichtssache

Degerloch

Postkarten und Fotos von 1870 -1970 hutt.verlag

10.11.11 11:18


1908


1936


nsichtssache

Degerloch

Postkarten und Fotos von 1870 -1970


hutt.verlag 70597 Stuttgart-Degerloch Herausgeber: Albert Raff Lektorat: Jasmin Johner, Stephan Hutt Gestaltung: Rania Nabie Bildbearbeitung: Christian Gohl Druck: Offizin Scheufele Druck & Medien Titelbild: Postkarten-Ausschnitt der heutigen EpplestraĂ&#x;e Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck sowie Vervielfältigung oder Verbreitung gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages. Ausgabe 2011 ISBN 978-3-943128-10-9


Ansichtssache Degerloch Vorwort

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Luftbilder

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Ansichten

 18

Straßen

 32

Gasthäuser

 50

Filderbahn und Zahnradbahn

 90

Sanatorien

100

Wohngebiete

 106

Gebäude

 126

Drittes Reich

 144

Grußkarten

 160


Degerloch einmal anders

U

m es vorwegzunehmen: Es war nicht beabsichtigt, mit diesem Buch

die Geschichte Degerlochs neu aufzubereiten. Wer sich über die 900-jährige Ortshistorie ausführlich informieren möchte, muss deshalb weiterhin auf Friedrich Keidels „Bilder aus Degerlochs Vergangenheit“ von 1926 zurückgreifen. Das Buch „Ansichtssache Degerloch“ ist eine andere Darstellung unseres Stadtbezirkes. Sie beschränkt sich bewusst auf den Abschnitt, in dem sich die bis 1908 selbstständige Gemeinde vom Bauern- und Weingärtnerdorf zum Höhenluftkurort und nach der EingemeinGroße Auswahl: Herausgeber Albert Raff und seine Postkartensammlung

dung zu einem begehrten Stuttgarter Wohnviertel wandelte. Das betrifft den Zeitraum von 1870 bis 1970.


Das entscheidende Jahr war jedoch 1872. Damals vollendete Oberbaurat Karl von Ehmann, der Pionier der Landeswasserversorgung und einziger Ehrenbürger Degerlochs, den Bau eines Wasserwerks für Degerloch in der unteren Roßhaustraße. Der Wassernot wurde somit ein Ende gesetzt. Zuvor war man auf die für das Vieh bestimmten vier Wetten, auch Löschwasserteiche genannt, und die am Süd- und Ostabhang gelegenen fünf Brunnen angewiesen, die für den täglichen Bedarf allerdings nicht ausreichten. Ohne den Bau des Wasserwerks wäre die Entwicklung zum Höhenluftkurort nicht denkbar gewesen. Wohlhabende Familien wählten jetzt Degerloch als Standort für ihre Sommersitze. Die „Villa“ außerhalb des alten Ortskerns im Gebiet der heutigen Melitta-, Nägele-, Waldstraße und des Hainbuchenwegs entstand. Der parallel dazu erfolgte Bau der Zahnradbahn und des Aussichtsturms sowie die Umwandlung der ehemaligen Exerzierplätze zu Spiel- und Sportplätzen machten Degerloch zu einem attraktiven Ausflugsziel, das an den Wochenenden viele Ausflügler anlockte. Zahlreiche neue Gaststätten samt einem Kurhotel öffneten ihre Pforten. Zu deren Gästen zählten bald auch die Patienten von drei Sanatorien, die am Rand der „Villa“ entstanden.




Bemerkenswert ist außerdem, dass etwa zur gleichen Zeit im Süden von Degerloch mit dem Bau der Falterau ab 1911 und später der Hoffeldsiedlung ab 1932 viele damals weniger vermögende Familien eine neue Heimat fanden. Der Aufstieg des Stadtbezirkes wurde durch die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise immer wieder gestoppt und kam teilweise zum Erliegen. Zahlreiche Lokale und Einrichtungen mussten in diesen Zeiten geschlossen werden. Ein anhaltender Aufschwung erfolgte erst wieder nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Kriegsschäden wurden rasch beseitigt, ein regelrechter Bauboom setzte ein. Im Westen von Degerloch entstand 1949/50 für die vielen Heimatvertriebenen die Albsiedlung. Dass in der Folgezeit zahlreiche Bausünden begangen wurden, war wohl kaum zu vermeiden. Glücklicherweise aber konnten die 1970 vorgestellten Pläne zur vollständigen „Betonierung“ verhindert werden. Als Autor und Herausgeber von „Ansichtssache Degerloch“ habe ich mir mit den Mitarbeitern des Hutt Verlages das Ziel gesetzt, die skizzierte Entwicklung Degerlochs anhand von Bildern mit kurzen Erläuterungen vorzustellen. Mit den wenigen noch vorhandenen aussagekräftigen Fotos aus Privatbesitz wäre dies allerdings nicht zu schaffen gewesen, denn es gibt kaum noch Zeit-


zeugen, die dazu etwas erzählen können. So wählten wir den Weg über die heute oftmals belächelte Bildpostkarte, auch Ansichtskarte genannt, die um 1880 ihren Siegeszug antrat. Als Bauerndorf mit knapp 3000 Einwohnern war der Ort allerdings für die Postkartenverlage wenig interessant. Dies änderte sich aber mit dem Aufstieg zum Höhenluftkurort. Nun lieferten zahlreiche Verlage Gesamtansichten, Aufnahmen von Straßenzügen, aus der Luft und von allen möglichen Sehenswürdigkeiten. Wäre die Bildpostkarte damals nicht erfunden worden, könnten wir neben den wenigen Privataufnahmen nur auf die Aquarelle und Ölbilder von Eugen Kucher (1889 -1945) zurückgreifen, der „in der Art eines Merian“ die alten Gassen und Winkel des Dorfs liebevoll festgehalten hat. Anzumerken ist, dass der Maler auch als Werbegrafiker für Degerloch Beachtliches geleistet hat. Untenstehende Bilder und Grafiken von Kucher sind nur einige Kostproben seines künstlerischen Schaffens. Ich wünsche Ihnen viel Spaß mit „Ansichtssache Degerloch“.


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Degerloch aus der Luft

N

ach dem Ersten Weltkrieg findet man auf

Postkarten die ersten Luftaufnahmen von Degerloch. Sie zeigen eindrucksvoll den Wandel, den das einstige Bauerndorf in einem halben Jahrhundert durchmachte. Verzeichnete Degerloch 1925 noch rund 4500 Einwohner, stieg deren Zahl 1960 auf über 20 000 an. Orientierungshilfen bei den Luftaufnahmen bieten der Aussichtsturm, die Michaelskirche, die Filderschule und der langgestreckte Reitbau in der Karl-Paff-Straße. Nach dem Zweiten Weltkrieg tritt anstelle des im Krieg gesprengten Aussichtsturms der Fernsehturm.

Die Aufnahme entstand um 1960. Im Vordergrund die Albsiedlung, die damals den Namen „Neu-Berlin“ verpasst bekam. Links das Straßenbahndepot, der Güter- und Westbahnhof und das Epple-Areal.

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M

an ist überrascht über die vielen freien Flächen, die Degerloch um 1925

noch besaß. Links vorne verläuft die Rubensstraße, die noch weitgehend unbebaut ist. Das Dreieck rechts wird durch die Epple- und Wurmlingerstraße gebildet. Links hinten führt die heutige Löwenstraße zum Villenviertel.

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D

egerloch und die Siedlung „Falterau“, mit deren Bau 1911 begonnen

wurde. Auf der Luftaufnahme von 1930 sieht man den ursprünglich großen

Abstand zwischen Degerloch und dem neuen Wohngebiet. Deutlich erkennbar sind dessen neue Häuser aus der 2. Bauphase von 1928 bis 1930.

11


D

eutlich sind die Michaelskirche, die Filderschule und der Reit-

bau auf der Postkarte um 1940 auszumachen, rechts im Hintergrund sieht man den Aussichtsturm. Das Gebiet vorne zwischen Hoffeldund GroĂ&#x;er FalterstraĂ&#x;e besteht noch weitgehend aus Gärten.

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L

inks vorn: Das aus Epple- und Gomaringer Straße gebildete

Dreieck, an dessen Spitze man die Gaststätte Filderhöhe sieht. In der Bildmitte Michaelskirche und Filderschule, darüber Reitbau und Aussichtsturm, um 1935.

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egerloch um 1935, aber aus einem anderen Blickwinkel gesehen. Rechts vorn an der heutigen

Kreuzung Gomaringer- und Albstraße steht der Hof von Landwirt Straif, genannt „Grenzwächter“. Dort verlief die Grenze zwischen Degerloch und Möhringen. Auf den vorderen Feldern stehen heute die Albschule, die Fritz-Leonhardt-Realschule und das Wilhelms-Gymnasium.

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V

or 1940: Vorne verläuft die Rubensstraße, dahinter parallel

dazu die Epple- und die Karl-Pfaff-Straße mit dem noch frei-

stehenden Reitbau und der Mariä-Himmelfahrts-Kirche. Ganz rechts sieht man gerade noch die Michaelskirche.

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W

ie sich Degerloch gewandelt hat. Das Luftbild um 1955 zeigt, dass ein Großteil

der einstmals freien Flächen inzwischen bebaut wurde. Die breit erscheinende Straße rechts, die in Richtung Albsiedlung und Straßenbahndepot zeigt, ist die Felix-DahnStraße. Ganz hinten rechts sieht man noch die Ausläufer von Sonnenberg.

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U

m 1950 entstand wohl diese Postkarte. Zwischen

den Gleisanlagen der Filderbahn und der HeinestraĂ&#x;e erstreckt sich das Areal der Baufirma Gustav Epple. Links unten beginnt die heutige AlbstraĂ&#x;e.

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Im Visier der Fotografen

A

ls Standorte wählten Fotografen für ihre

Gesamt- oder Teilansichten von Degerloch zumeist den Aussichtsturm, das Villenviertel oder auch das Ramsbachtal. Ist die Postkarte nicht abgestempelt, wird die Datierung oftmals sehr schwierig. Hilfen geben meistens markante Gebäude, die von Weitem sichtbar sind. Zu ihnen gehören vor allem das Haus von Bäcker Gauder von 1901 in der Großen Falterstraße 1, die Kamine der Ziegelei Kühner, die 1910 gesprengt wurden, die 1914 fertig gestellte Filderschule oder der „Reitbau“ von 1926 in der KarlPfaff-Straße gegenüber der Mariä-HimmelfahrtsKirche. Fehlt der Aussichtsturm, ist die Aufnahme nach 1943 zu datieren. Degerloch vor 1914 vom Villenviertel aus gesehen. Die Aufnahme macht deutlich, dass der alte Ortskern nicht über die heutige Erwin-Bälz-Straße hinausreichte. Zentraler Punkt ist die Michaelskirche.

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D

ie wohl älteste foto-

grafische Ansicht von Degerloch um 1900.

Rechts neben der Michaelskirche sieht man das Rathaus mit dem kleinen Türmchen auf dem Dach. Standpunkt des Fotografen ist wieder das Villenviertel.

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ehn Jahre später hat

sich Degerloch deutlich

vergrößert. Oben rechts am Bildrand erkennt man das Haus von Bäcker Gauder in der Großen Falterstraße 1. Das hohe Gebäude rechts unterhalb des Rathauses ist das Eckhaus Löwen- und Karl-Pfaff-Straße. Über die Wiese verläuft heute die Felix-Dahn-Straße.

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D

egerloch vom Villenviertel aus betrachtet. Rechts sieht man den Turm der Villa

Siemens an der Kirchheimer Straße, der heutigen Jahnstraße. Obwohl die Karte am 21. September 1921 geschrieben wurde, ist sie doch zwischen 1901 und 1914 entstanden, denn das Haus von Bäcker Gauder steht schon und die Filderschule ist noch nicht gebaut.

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B

lick vom Aussichts-

turm: Im Vordergrund

die Villa Benckiser in der heutigen Agnesstraße 17, rechts daneben die Villa Major von Luck in der Nägelestraße 10, im Hintergrund sieht man deutlich die Kamine der Ziegelei Kühner.

E

ine ähnliche Aufnahme wie oben vor 1906 aus

einem etwas anderen Blickwinkel. Noch deutlicher ist das Gelände der Ziegelei Kühner zu sehen. Später befand sich dort hinter dem Zahnradbahnhof der Bauernhof Bühler.

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A

uf dieser Postkarte, die zwischen 1910 und 1914 ausgegeben worden

sein muss, ist deutlich zu sehen, dass die K端hnersche Ziegelei inzwischen gesprengt worden ist. Von der Filderschule ist noch nichts zu sehen.

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E

ine andere Ansicht von

Degerloch mit Blick von

der „Villa“, um 1912. Das frei gewordene Gelände der ehemaligen Ziegelei Kühner ist ganz rechts zu sehen. Über die linke freie Fläche verläuft heute die FelixDahn-Straße.

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egerloch um 1935.

Der Blick vom Aussichts-

turm richtet sich genau auf die Agnesstraße. Rechts im Hintergrund die Michaelskirche und die Filderschule. Links hinten erkennt man die Hoffeldsiedlung, die zwischen 1932 und 1934 erbaut wurde und die beiden 1925/26 errichteten Funktürme.

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Z

wei Ansichten um 1932. Oben sieht man Degerloch vom Hoffeld aus. Das Gebiet unterhalb

der Filderschule und der Michaelskirche ist bis auf die Häuser entlang der GroĂ&#x;en FalterstraĂ&#x;e

rechts im Bild noch weitgehend unbebaut. Unten der Blick vom Aussichtsturm. Links im Hintergrund die Falterau und die Hoffeldsiedlung, die sich noch im Aufbau befindet.

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B

lick auf die Große

Falterstraße in Richtung

Michaelskirche und Filderschule vor 1928. In der Mitte rechts erstreckt sich die Falterausiedlung. Die Häuser aus der zweiten Bauphase von 1928 bis 1930 sind noch nicht zu sehen. Rechts hinten der Aussichtsturm.

V

om Turm der Michaelskirche sieht man direkt auf das Stammhaus der

ehemaligen Küferei und jetzigen Getränkefachhandlung Beilharz in der Großen Falterstraße 7 gegenüber des Bezirksrathauses, um 1905. Am linken Bildrand mündet die Große Falterstraße in die Tübinger Straße, im Hintergrund die „Villa“.

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A

nsicht vom Hoffeld Richtung Degerloch um 1940. Rechts die Hoffeldstraße und

der Beginn der Unterhäuser Straße. Die heutige Pfullinger Straße ist noch nicht bebaut. Hinten rechts wieder der Aussichtsturm, der wenige Jahre später gesprengt wurde.

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U

m 1938: In der Mitte

das ehemalige Gelände der Ziegelei Kühner, links da-

von die katholische Kirche Mariä Himmelfahrt, dahinter die Michaelskirche und die Filderschule. Rechts im Hintergrund liegt Möhringen.

A

uf dem „Stahle-See“,

der dem Ochsenwirt Stahl gehörte, fahren Buben auf

ihren selbstgebauten Flößen, um 1935. Der See befand sich unterhalb des Bauern Straif, dem „Grenzwächter“, auf dem jetzigen Gelände der Kleingartenanlage Epple an der Albstraße.

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D

egerloch um 1955 vom Hoffeld aus gesehen. Im Vordergrund die

Kleingartenanlage Epple und die Pfullinger Straße. Links außen sieht man die beiden Hochhäuser der Albsiedlung an der Straifstraße.

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I

n den 50er Jahren

finden sich oberhalb der Reutlinger Straße noch Streuobstwiesen. Das Gebäude links mit den zwei Garagen ist das Haus Kiefernweg 10, das sich äußerlich nicht verändert hat.

D

ie „Gemeinnützige

Baugenossenschaft Friedenau der Straßenbahner e. G.“ errichtete 1930 die Siedlung Friedenau an der Schöttlestraße, rechts im Hintergrund das neu errichtete Straßenbahndepot. Die Albstraße im Vordergrund ist noch völlig unbebaut.

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E

in Blick vom Turm der Filderschule zeigt die Hoffeldstraße an der Einmündung in

die Epplestraße um 1955. Rechts die Raumaustattung Friz, links daneben die Tankstelle Wais. Im Vordergrund sieht man das Lager des Bauunternehmers J. Gauder und im Hintergrund die Siedlung Friedenau samt „Neu-Berlin“.

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Von Degerloch nach Italien

A

bbildungen von Straßen auf Degerlocher

Postkarten sind recht selten. Für die Besucher des Luftkurorts waren sie wenig interessant. Eine Ausnahme machte nur die Tübinger Straße. Die Degerlocher Hauptstraße, die in früherer Zeit am Rand von Degerloch verlief, trug diesen Namen mit Recht. Denn sie führte über Echterdingen und durch den Schönbuch nach Tübingen. Von dort aus ging es weiter in die Schweiz und nach Italien. Da es auch in Stuttgart eine Straße gleichen Namens gab, erhielt Degerlochs Hauptgeschäftsstraße 1957 den Namen Epplestraße, benannt nach dem örtlichen Bauunternehmer Gustav Epple.

Degerlochs Hauptstraße auf einer Postkarte, die am 24. März 1925 abgestempelt wurde. Links der Löwen mit seinem weit herausragenden Wirtshausschild. Im Hintergrund das „Lindenplätzle“ mit der Linde, die kurz nach der Eingemeindung von der Stadt Stuttgart gepflanzt wurde.

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E

ine der ältesten

Ansichten der Tübinger Straße in Richtung Michaelskirche vor 1908. Links im Vordergrund der Filder-Bazar, heute First Reisebüro, daneben der langgestreckte Bau mit dem „Gasthof zum Löwen“, heute Schreibfant bis Metzgerei Cantz.

U

m 1930: Die Tübinger

Straße Richtung Albplatz. Links das Café Laicher,

die Traube, das Café Klein und der Ritter. Rechts der Ochsen mit der Städtischen Sparkasse, das Schuhhaus Schmidt und das Uhrengeschäft Stapel, das 1951 auf die andere Straßenseite wechselte.

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D

ie Tübinger Straße in den 20er Jahren. Den größten Teil des Bildes nimmt das

Gebäude Nr. 9 mit dem Gasthaus zum Ochsen inklusive eigener Metzgerei ein, heute Baden-Württembergische Bank. Es folgen die heutigen Geschäfte Bäckerei Unger, Nr. 11, Goebel Moden, Nr. 13 und First Reisebüro, Nr. 17.

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U

m 1930: Links im

Vordergrund die Flasch-

nerei Koch, heute Goebel Moden. In das Haus, das früher den Filder-Bazar beherbergte, ist jetzt Kaiser’s Kaffee-Geschäft gezogen. Auf der anderen Seite sieht man das „Haus der Küche“, darüber das Café Laicher.

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ie Partie am

„Lindenplätzle“ hat sich auf den ersten Blick wenig verändert. Im Haus „Cigarren-Gohl“ kann man nach wie vor neben Zeitschriften Zigarren erwerben und das „Gasthaus zum Hirsch“ lädt immer noch zum Verweilen ein. Oben ein Blick über die „Villa“, im Vordergrund vermutlich die Waldstraße.

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D

er vordere Teil des

ehemaligen „Löwen“ wurde 1961 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Hier eröffnete der Konsum ein großzügiges Ladengeschäft, heute Schreibfant. Rechts daneben das Textilgeschäft Funk, heute Bella Casa.

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ine ähnliche Ansicht der

Epplestraße in den frühen 60er Jahren. Links sieht man das Schuhgeschäft Maier, heute Sport Katzmaier, vor dem gerade ein Opel parkt. In dem Haus von Bäcker Gauder ist noch der Nanz untergebracht, der später in den Neubau beim Ritter wechselte. Heute befindet sich dort die Deutsche Bank.

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B

lick von der Rubens-

straße in die Tübinger Straße vor 1908. Das Gebäude von Flaschner Raff vor der heutigen Sparda Bank hat sich äußerlich wenig verändert. Das rechte vordere Haus, in dem sich damals eine kleine Wirtschaft namens „Brändle“ befand, wurde dagegen abgerissen.

D

ie Tübinger Straße in

Richtung Albplatz vor 1908. Links vorne an der Kreuzung zur Löwenstraße die Huf- und Wagenschmiede Beutenmüller und das Haus

des Wagners Friedrich Auch. Rechts das Haus des Schuhmachers Jakob Schwarz, in dem sich heute das First Reisebüro befindet. Im Hintergrund die 1928 abgerissene Vaihinger Bierhalle.

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Z

u einem wachsenden

Verkehrsaufkommen führte der zweigleisige Ausbau der Neuen Weinsteige. Deshalb wurde die bisherige Umsetzstelle der Bahn, die sich vor der Wilhelmshöhe befand, am 18. März 1925 in die Tübinger Straße vor den Ritter verlegt. Die Aufnahme zeigt die Straßenbahn kurz vor der heutigen Waldau-Apotheke.

B

lick vom Albplatz

in die Tübinger Straße Mitte der 50er Jahre. Die Degerlocher Hauptgeschäftsstraße war noch in beide Richtungen befahrbar und hatte immer noch ein Kopfsteinpflaster. Rechts der Ritter und das Café Klein und links das Modegeschäft Weitmann und die Drogerie Klink.

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D

ie Epplestraße mit

Blick vom „Lindenplätzle“ in Richtung Albplatz, um 1964. Rechts wieder das Schuhhaus Maier, die Metzgerei Kirschner und der Konsum, links die Reinigung Phönix, heute Elektro Reihle und die Gaststätte Pflug, heute Bubeck Raumausstattungen.

N

icht der Ritter,

sondern das Gebäude

Löffelstraße 3 bildete das obere Ende der Epplestraße. Dieses Haus stand der Verbreiterung der Löffelstraße im Wege und wurde deshalb 1966 abgerissen. Rechts sieht man den ehemaligen Verlauf der Löffelstraße.

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U

m 1900: Das heutige

Schuhhaus Schmidt und die ehemalige Küferei Weisser an der Ecke der heutigen Epple- und Felix-Dahn-Straße. Vor ihrem Haus stehen der Schuhmacher Kajetan Schmidt mit Frau, rechts Küfer Konstantin Weisser.

D

as Schuhhaus Schmidt,

in dem bis 1951 auch das Uhren- und Schmuckgeschäft Stapel untergebracht war. Das Nachbarhaus gehörte der Küferei Weisser. Wo heute die Felix-DahnStraße verläuft, waren damals noch Gärten.

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E

in Blick vom Garten

des Schuhhauses Schmidt in Richtung Felix-DahnStraße, die hier endete. Rechts Uhrmacher Stapel

in der ehemaligen Traube, heute Stuttgarter Volksbank, links Sattler Stahl und das Lebensmittelgeschäft Bay, später Gaissmaier und ab 1986 Dresdner Bank.

D

ie Karlstraße, heute

Karl-Pfaff-Straße, an der

Einmündung zur Oberen Weinsteige. An der Stelle mit dem eingezäunten Grundstück steht heute ein Wohn- und Geschäftshaus, in dem sich das Blumengeschäft Beilharz befindet.

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E

in Blick in die Kirch-

straße, der heutigen KarlPfaff-Straße, in Richtung Mariä-Himmelfahrts-Kirche um 1930. Auf der rechten Seite befand sich an der Kreuzung zur Löwenstraße der 1899 erbaute Lindenhof, heute Edicta.

D

ie Kirchstraße in

Richtung Michaelskirche. Die Beflaggung der Häuser mit Hakenkreuzfahnen datiert die Ansicht in die Zeit nach 1933. Im Haus links vorne war später der Schuhmachermeister Franz Hunger tätig.

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D

ie Obere Weinsteige

in Richtung Stuttgart vor

1908. Rechts an der Mauer verläuft das Gleis für die Filderbahn. Unten in der Biegung an der Einmündung der heutigen KarlPfaff-Straße liegt das Ausflugslokal „Steighaus“.

N

ach 1925: Zwei

Straßenbahnzüge begegnen sich auf Höhe der Umformerstation, links mündet die Alte Weinsteige in die Obere Weinsteige, im Hintergrund die Zahnradbahn auf der „Türkenbrücke“, siehe Text auf Seite 92.

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E

in Straßenbahnzug der Linie 16 an der Haltestelle Waldau, heute

Weinsteige. Die Gleise verlaufen inzwischen in der Mitte der ab 1933 verbreiterten Neuen Weinsteige. Die Häuser der „Villa“ werden durch die Neubauten entlang der Straße weitgehend verdeckt.

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E

in Blick auf die Kreu-

zung des Königsträßle mit

der Löwenstraße vor 1927. Das rechte weiße Haus Nr. 42 steht an der Einmündung zum Rotdornweg.

D

ie Löwenstraße, die

damals noch nicht durch-

gängig in den Ortskern von Degerloch führte vor 1920. Rechts an der Einmündung der Wald- in die Löwenstraße steht die 1900 von Eisenlohr und Weigle erbaute „Weiße Villa“, links das Haus Löwenstraße 104 und das ehemalige Sanatorium Dr. Zahn, Nr. 100.

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E

in Blick in die Große Falter-

straße, um 1939. Der Gehweg ist noch nicht gepflastert. In der Mitte das Haus Nr. 28 mit dem Milchgeschäft von Julius Krämer, das 1970 aufgegeben wurde. Im linken Haus 28 B, das 1963 durch einen Neubau ersetzt wurde, befindet sich heute das Geschäft der Familie Adis.

H

ochzeit 1926: Nach

der Trauung der Eltern von Architekt Rolf Armbruster sen. in der

Michaelskirche bewegt sich ein langer Hochzeitszug von der Großen Falterstraße in Richtung Tübinger Straße.

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D

er „Bettelplatz“ an

der Kreuzung der Großenund Kleinen Falterstraße um 1925. Das in früherer Zeit hier gestandene Armenhaus gab dem Platz den Namen, der heute noch von vielen Degerlochern verwendet wird.

B

iegt man von der

Versöhnungskirche in den Hainbuchenweg ein, bietet sich einem nahezu die gleiche Ansicht wie die auf einer Postkarte aus den 30er Jahren. Sie zeigt die damalige Panoramastraße mit den Gebäuden Nr. 32, 30 und 28 (von links nach rechts).

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A

bgestempelt 1928: Die Postkarte zeigt die Panoramastraße von der Löwen- in Richtung

Felix-Dahn-Straße. Das hohe Haus Nr. 41 auf der rechten Seite grenzt an den Akazienweg. Außer der im Dritten Reich vorgenommenen Umbenennung in Ahornstraße hat sich hier bis heute kaum etwas geändert.

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Vielfältige Gastronomie

V

or hundert Jahren gab es auf Degerlochs Höhen

mindestens 34 Gasthäuser, davon ein Dutzend alleine in der heutigen Epplestraße. Neben den einfachen Wirtschaften, wie Rose oder Pflug, in denen man sein Bier oder seinen Most nach getaner Arbeit trank, gab es auch eine ganze Reihe von Restaurants für gehobene Ansprüche. Zu diesen zählten unter anderem das Schweizerhaus, der Löwen, die Charlottenhöhe oder der Ritter, in denen die Bewohner der „Villa“ und die an den Sonntagen nach Degerloch strömenden Ausflügler verkehrten. Von diesen, einst bekannten und beliebten Degerlocher Gasthäusern und Restaurants, haben allerdings nur ganz wenige die Zeit überstanden.

Jahnstraße: Das einst weit über Degerloch hinaus bekannte Restaurant Schweizerhaus um 1920, das 1967 aus kommerziellen Interessen einem Hochhaus mit Büros weichen musste.

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D

ie Vaihinger Bier-

halle, die rechts von der

Josefstraße am heutigen Albplatz stand, wurde Ende des 19. Jahrhunderts von dem Möhringer Brauereibesitzer Karl Widmaier errichtet. Direkt vor dem Gebäude fuhr die Filderbahn vorbei in Richtung Zahnradbahnhof.

A

us einem etwas an-

deren Blickwinkel: Das Bild

der Vaihinger Bierhalle muss nach 1925 entstanden sein, denn man sieht deutlich die Gleise der Straßenbahn, die ab diesem Zeitpunkt in die Tübinger Straße führten. Da das Lokal dem wachsenden Verkehr immer mehr im Wege stand, wurde es 1928 aufgegeben und kurze Zeit später abgerissen.

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U

m 1925: Das Foto

zeigt eindrucksvoll, wie die Vaihinger Bierhalle dem Durchgangsverkehr im Wege stand und dies den Abriss letztendlich unumgänglich machte. Links das an den Ritter anschließende Eckhaus Tübinger-/Löffelstraße, das 1966 abgerissen wurde.

D

ort, wo sich heute

„Feinkost am Zahnradbahnhof“ im Berolina-Haus befindet, stand früher die Gaststätte zur Rose, in der vorwiegend Arbeiter, später auch Studenten verkehrten. Wirt war der aus Plattenhardt stammende Ernst Raichle, der das Haus 1911 erwarb. Die Rose wurde 1944 von einer Bombe getroffen und brannte aus.

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D

as mit Abstand älteste

Degerlocher Gasthaus war

der Ritter, der ursprünglich als Ferngasthof außerhalb des Ortes lag. Hier wurden die Pferde nach dem steilen Aufstieg über die Alte Weinsteige ausgespannt, ehe die Fahrt weiter Richtung Tübingen, in die Schweiz oder nach Italien ging.

G

asthaus zum Ritter:

Das vordere Gebäude

wurde erst Mitte des 18. Jahrhunderts während der Regierung von Herzog Carl Eugen von Württemberg errichtet. Rund hundert Jahre später folgte der einstöckige Mittelbau und 1900 der große Saalbau. Am 22. April 1945 wurde im Ritter die Stadt Stuttgart an die Franzosen übergeben.

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E

ine Ausschnittsver-

größerung der Postkarte, die am 11. April 1905 gestempelt wurde, zeigt den Neubau mit seinem Fachwerk aus dem Jahre 1900 durch den damaligen Eigentümer Christian Hiller, dessen Namen groß an der vorderen Fassade prangt. Der neue Saal enthielt eine Bühne für Aufführungen.

D

as „Gasthaus zum Ritter“

um 1928. Das schöne Fach-

werk des Neubaus ist inzwischen unter einem Putz verschwunden, und das Auto hat als neues Statussymbol den Platz anstelle Pferdekutschen eingenommen. Das Aussehen des Ritters blieb von nun an bis zu seinem Abriss weitgehend unverändert.

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E

ine Postkarte von 1939 zeigt den großen Bier-

garten hinter dem Ritter mit einem Gartenpavillon und großen schattenspendenden Kastanienbäumen. Heute sitzen die Gäste des neuen Ritters vor der Treppe unter Sonnenschirmen in Blickrichtung auf die vielbefahrene vierspurige B 27.

M

it dem Bau des

Berolina-Hauses, das am 1. Mai 1976 eingeweiht

wurde, zeichnete sich auch das Ende des Ritters ab. Der Denkmalschutz genehmigte allerdings nur den Abriss der Anbauten. Was vom alten Ritter letztendlich tatsächlich erhalten blieb, zeigt die Aufnahme vom September 1982.

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U

m 1910: Die Bäckerei Klein in der Tübinger Straße 6 wurde von den beiden Gasthäusern Ritter und Traube

eingerahmt. Neben dem Eingang steht die Familie Klein mit ihren Mitarbeitern. Der Degerlocher Bäckerei wurde dann später noch ein Café angeschlossen.

D

er traurige Rest des Ritters im September 1982.

Die Vorderfront, die einzustürzen drohte, musste von hinten abgestützt werden. Heute befinden sich in den Räumen die Pilsstube Ritter und das Hendlhouse. Lediglich das schöne Wirtshausschild, das einst der Ritterwirt Jakob Raff im segensreichen Weinjahr 1868 schmieden ließ, erinnert am heutigen Ritter noch etwas an die frühere Bedeutung des Gasthofes.

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B

äckerei und Café

Klein neben dem Ritter in den 60er Jahren. Links und im 1. Stock befand sich das Café, rechts die Bäckerei. Das Gebäude musste einem Betonklotz, inzwischen dm-Drogeriemarkt, weichen, der selbst heute noch ein regelrechter Fremdkörper in der Epplestraße ist.

I

m Eingang zur Bäckerei

Klein steht Sophie Klein,

geb. Raff, mit ihrer Tochter. Am rechten Türpfosten lehnt Wilhelm Klein. Unter den Kindern befindet sich auch ganz rechts das „Mohrle von Degerloch“. Ihm haben Siegfried Schoch und Frank Nopper in ihrem Buch „Liebes altes Degerloch“ ein Kapitel mit dem Titel „D’ Degerlocher Mohrawäscher“ gewidmet.

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E

ine Werbepostkarte des Café Klein. Sie zeigt die Ladenfront sowie die

Innenansicht im Erdgeschoss und im 1. Stock. Mit den großzügigen Räumlichkeiten vor allem im Obergeschoss bot das Café auch Vereinen und Gruppen die Möglichkeit zu regelmäßigen Zusammenkünften.

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A

us den 30er Jahren

stammt diese Postkarte,

die rechts die Traube mit ihrem schönen Wirtshausschild zeigt. Der Pächter war damals Ernst Kies, das Lokal, heute Stuttgarter Volksbank, wurde 1951 geschlossen. Schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite sieht man die Wirtschaft zum Ochsen.

D

ie Postkarte mit dem

vorgedruckten „Gruss aus Degerloch“, wurde am 24. Mai 1914 in der

Traube geschrieben und an ein Fräulein in Riedenberg adressiert. Das Haus an der Ecke Tübinger- und Wilhelmstraße, heute Felix-Dahn- und Epplestraße, wurde 1899 von Karl Raff erbaut.

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D

as „Gasthaus zum Ochsen“ mit Saal und Metzgerei in der Tübinger Straße 6 gehörte ursprünglich

Johann J. Stahl. Als dieser 1885 starb ließ dessen Witwe 1899 den Ochsen modernisieren und vergrößern. Seitdem hat sich an seinem Aussehen wenig geändert. Die Metzgerei wurde zunächst von August Wilhelm Stahl, danach von Albert Stahl bis 1957 weitergeführt.

61


D

ie schöne Postkarte

von 1904 zeigt den Ochsen kurz nach dem 1899 erfolgten Umbau. Der große Wirtschaftsgarten, der ebenfalls abgebildet ist, befand sich auf der gegenüberliegenden Seite, heute Epplestraße 10.

A

uf der Ausschnitts-

vergrößerung sieht man sehr schön das ursprüngliche Fachwerk des oberen Geschosses, das später wie auch beim Ritter verdeckt wurde. Damit wollte man dem Gebäude einen mehr städtischen Charakter geben.

62


D

er Ochsen in den 30er Jahren.

Äußerlich hat sich wenig verändert,

nur hat inzwischen das Auto das Pferd verdrängt, und im Saal, wo früher gefeiert wurde, befindet sich nun die Geschäftsstelle der Württembergischen Vereinsbank.

E

ine Postkarte aus den 50er Jahren

zeigt, dass inzwischen die Städtische Sparkasse, heute Baden-Württembergische Bank, als Pächter eingezogen ist. Das Gasthaus führte zu dieser Zeit nur noch ein Schattendasein. Im Jahre 1957 wurde der Ochsen und die Metzgerei aufgegeben.

63


D

er mit Abstand größte

Gasthof in Degerloch war der Löwen, der 1895 von

Carl Greiner errichtet wurde. Er bestand aus einer Weinstube, einem kleinen und einem großen Saal mit Bühne und einem Bierlokal. Hinzu kam ein großer Wirtschaftsgarten. 1954 wurde der Löwen geschlossen.

E

ine Ausschnitts-

vergrößerung zeigt deutlich, dass sich der langgestreckte „Gasthof zum Löwen“ aus ursprünglich drei unterschiedlich großen Häusern zusammensetzt. Im kleinsten Gebäude rechts befindet sich das Bierlokal mit dem dazugehörenden Saal. Heute erinnert nur die LöwenApotheke an den einst renommierten Gasthof.

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K

itsch oder Kunst? Die aufwändig gestaltete Postkarte im Prägedruck wurde

am 12. Juli 1903 abgestempelt. In Auftrag gegeben und vertrieben wurde sie von der

Degerlocher Schreibwarenhandlung Gustav Gohl (Zigarren Gohl). Die Karte zeigt den Löwen in seiner ganzen Ausdehnung wenige Jahre nach seiner Fertigstellung.

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G

egenüber dem Löwen

stand das „Gasthaus zum

Pflug“, heute Epplestraße 24, Wirt war Gottlieb Straif. 1937 zog die Polsterei Bubeck in die Scheuer rechts ein. 1985 wurde das Haus abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, nachdem schon 1962 der Pflug geschlossen worden war.

D

as „Gasthaus zum

Hirsch“ in der Tübinger

Straße vor 1906. Rechts, mit der weißen Schürze, Paul Unger, dahinter sein Vater Wilhelm. Dieser richtete 1878 eine Bäckerei und einen Gastraum ein. Nach einer aufwändigen Sanierung, die einen Anbau einschloss, eröffnete Adolf Mack 1997 erneut den Hirsch, den er schon von 1981 bis 1991 betrieben hatte.

66


W

ohl aus den 30er Jahren stammt diese Postkarte, die den Hirsch von

Paul Unger jetzt ohne B채ckerei zeigt. Hinter dem Haus ist noch die Scheuer des Bauern Rebmann zu sehen, die dieser einst an Wilhelm Unger verkaufte. Heute befindet sich an dieser Stelle die Gartenwirtschaft des Gasthauses.

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D

ie wohl früheste

Ansicht der Krone in der heutigen Epplestraße 29 auf einer Postkarte, die am 17. Juli 1898 abgeschickt wurde. Sie zeigt zudem auch noch die Innenansicht des an das Gasthaus angebauten großen Saals mit seinen gusseisernen Säulen.

Z

ehn Jahre später zeigt

sich Friedrich Stahl, der

nebenbei noch bis 1919 eine Metzgerei führte, stolz mit seiner Belegschaft vor seinem Gasthaus. Er errichtete auch den Saalanbau. Später hieß das Lokal „Rhodos“, nebenan war die Diskothek Domus, später „Jake’s Domino“. Heute ist dort eine Filiale der Sparda-Bank.

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N

ur noch wenige wissen,

dass sich in dem Haus Epplestraße 36 einst eine Wirtschaft befand. Diese wurde um 1900 von dem Wagner Gottfried Wais gegründet und trug in Anspielung auf dessen Beruf den Namen „Zum Rad“. Das „Rädle“ übernahm später der Bäcker Julius Wais und 1924 der Schmied Friedrich Kröner.

E

in Foto des „Rädle“

kurz vor der Schließung. Der Name des letzten Wirts Friedrich Kröner prangt noch groß an der Vorderfront und neben dem Eingang. Es erstaunt, dass sich das Äußere des Häuserensembles bis heute kaum verändert hat. Man hat den Eindruck, die Zeit wäre stehen geblieben.

69


D

as „Gasthaus zum

Waldhorn“ in der Tübinger Straße 41 vor 1902. Der Saalbau im Vordergrund stammt aus dem Jahr 1898. Seit 1921 ist das Haus im Besitz der Familie Kussmaul. Heute werden die Räumlichkeiten als Hotel genützt.

E

in Bild eines „Besens“

darf im Gastronomie-Kapitel natürlich nicht fehlen. Im Haus Epplestraße 54 eröffnete Wilhelm Gauder 1924 die erste Degerlocher Besenwirtschaft. Die Besentradition in diesem Haus wurde 1975 von Karl Gohl und danach von seiner Tochter Elsbeth bis heute fortgesetzt. Das Bild zeigt Karl Gohl und seine Frau Lydia beim Aushang des Besens, um 1977.

70


D

ort, wo heute die Gomaringer Straße in die

Epplestraße einmündet, erbaute Friedrich Mammel 1898 ein Wohnhaus mit Gaststätte und einem Wirtschaftsgarten. Die „Restauration Filderhöhe“, die sich durch ihre Größe deutlich von den benachbarten Häusern abhob, wird noch heute als Wirtschaft samt dem dazugehörenden Biergarten geführt.

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P

aul Stahl ließ 1903

den Bären in der heuti-

gen Löffelstraße erbauen. Daneben handelte er noch mit Pferden und betrieb ein Fuhrgeschäft. Dabei spielte die Nähe zum Westbahnhof eine entscheidende Rolle.

D

as Restaurant

„Goldener Bären“ in unmittelbarer Nähe zu dem 1929 errichteten Westbahnhof. Zum Bären gehörten auch Wagenschuppen samt Werkstatt und Stallungen für Pferde, die der Bärenwirt Paul Stahl für seine beiden Nebengewerbe benötigte. Diese musste er aber bald wegen eines schweren Unfalls aufgeben.

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V

on Beginn an bis zu seiner Schließung

war der Bären eine gutbürgerliche Wirtschaft. Letzter Pächter war Hans Hartmann. Das Ende kam 1988. Die Bilder zeigen das Gebäude unmittelbar vor und zum Zeitpunkt der Sprengung. Heute erinnert nur noch der goldene Bär über dem Eingang zum „Pier 51“ an das alte renommierte Gasthaus.

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D

as Fässle in der Löwenstraße 51 wurde

1905 von Georg Reihle neu errichtet. Die Postkarte zeigt das Gasthaus mit seinem Besitzer kurz nach der Eröffnung. Sein Äußeres hat sich bis heute kaum verändert. Das Fässle genießt bis heute bei den Freunden guten Essens einen ausgezeichneten Ruf.

A

n der Ecke Reutlinger- und Waldstraße wurde 1954

das „Hotel, Café und Restaurant Wagner“ eingeweiht. Man

erhoffte sich durch die Nähe zur Waldau und zum Fernsehturm, mit dessen Bau man gerade begonnen hatte, zahlreiche Gäste. 1976 wurde das Café geschlossen. Heute befindet sich das Thai-Restaurant Lilavadee in den Räumlichkeiten.

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G

russ von der Wilhelmshöhe steht auf einer Karte, die am 27. Mai 1901 abgestempelt wurde.

Sie zeigt das von dem Möhringer Brauereibesitzer Carl Widmaier ein Jahr zuvor erworbene Höhenund Ausflugslokal an der Oberen Weinsteige. Dieser hatte schon zuvor die Vaihinger Bierhalle in unmittelbarer Nachbarschaft errichtet. Erster Pächter war Paul Stahl, der spätere Bärenwirt.

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L

inks der Saal der

Wilhelmshöhe, den Carl Widmann zusammen mit einem Vorbau anbauen ließ, rechts das Schweizerhaus und im Hintergrund der alte Zahnradbahnhof. Die Lage des Ausfluglokals war ideal, da es mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar war.

G

ustav Deihle eröffnete 1876 an der Ecke der

heutigen Jahn- und KarlPfaff-Straße eine Restauration mit Gartenwirtschaft. Wohl mit Beginn des Fahrbetriebs der Zahnradund Filderbahn erhielt das Gasthaus den Namen „Zur Filderbahn“. Heute befindet sich in den Räumen das italienische Restaurant La Taverna da Pagano.

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D

as wohl bekannteste Degerlocher Lokal war das Schweizerhaus, das im letzten Viertel des

19. Jahrhunderts, ganz im Stil eines schweizerischen Hauses gebaut wurde. Es war die Zeit, als Degerloch sich vom Bauerndorf zum Höhenluftkurort entwickelte. Eine der frühen Postkarten um 1890 zeigt das Restaurant, davor die Dampfstraßenbahn, die ab 1888 von Möhringen nach Degerloch fuhr.

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A

uf einer Postkarte

von 1911 sieht man gleich

drei Degerlocher Gasthäuser auf einen Blick. Links das Schweizerhaus, rechts die Wilhelmshöhe mit dem neu errichteten Saalbau. Im Hintergrund die Vaihinger Bierhalle, die im Jahre 1928 abgebrochen wurde.

D

as Schweizerhaus in

der heutigen Jahnstraße vor 1903. Mit dem Verkauf an den Südwestdeutschen Ärzteverband zeichnete sich das Ende des traditionsreichen Gasthauses ab. 1967 wurde es abgerissen. Heute steht an seiner Stelle ein tristes Bürohochhaus und rechts davon das 1999 eingeweihte Jahn Center mit der neuen Post.

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D

as schöne Jugendstil-

haus Alte Weinsteige 94 auf dem Haigst, das den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstand, wurde 1911 von Architekt Schaudt erbaut. Es beherbergte bis 1938 das Cáfe Waldau. Besitzer war Karl Weimer.

S

teht man heute vor

dem „Kinderhaus Degerloch“ in der Jahnstraße 50, kann man sich nicht vorstellen, dass dieses Haus einst das „Kurhotel Degerloch“ war. Sein Pächter war Wilhelm Löffel, der sogar einen Tennisplatz anlegen ließ.

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D

as Degerlocher Kur-

hotel im tiefen Winter. Man kann es sich aber nur schwer vorstellen, dass der „Viererbob“ hier tatsächlich zum Einsatz kam. Der Wirt wollte wohl den Empfängern der Karte einreden, der Absender sei in einem noblen Wintersportort abgestiegen, um so neue Gäste anzulocken.

V

or dem Eingang des

Kurhotels steht der Pächter und Wirt Wilhelm Löffel. Nebenher veröffentlichte er als schwäbischer Mundartdichter unter dem Namen „Weingärtner Knöpfle“ regelmäßig im Stuttgarter Neuen Tagblatt seine humorvollen Geschichten. Nach ihm ist die Löffelstraße genannt.

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A

n der Ecke Jahnstraße und Königsträßle erbaute 1890 der Bäcker Christian

Dreizler das Gasthaus zur Charlottenhöhe. Die Postkarte, gestempelt am 13. Juli 1897, zeigt den großen Gebäudekomplex, der auch Spiel- und Sportplätze umfasste. Rechts im Hintergrund erkennt man die Häuser der Naturheilanstalt Dr. Katz.

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D

ie Karte ist mit

K. Fuchs signiert, der

damals zu den bekanntesten Postkartenkünstlern zählte. Die Ansicht verdeutlicht die Lage der Charlottenhöhe am Rand der „Villa“ weit außerhalb des alten Ortskerns von Degerloch.

R

estauration zur

Charlottenhöhe: Der Eingangsbereich an der Kirchheimer Straße, der heutigen Jahnstraße um 1905. Im Vordergrund der große Saal mit der darüber liegenden Terrasse, die über die seitlich angebaute Treppe erreichbar war.

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V

on der großzügigen Anlage

der früheren Jahre ist 1940 mitten im Zweiten Weltkrieg nur noch wenig zu sehen. Das Königsträßle ist jetzt dicht an die Charlottenhöhe herangerückt, und das Gebäude wirkt heruntergekommen. Das Ende zeichnete sich ab. 1956 machte die Charlottenhöhe Platz für den ForkelVerlag. Heute ist dort das „Haus auf der Waldau“.

M

an kann es sich

heute kaum mehr vorstellen, dass der Lindenhof an der Ecke Karl-Pfaff- und Löwenstraße bei seiner Erbauung im Jahr 1898 nahe am Ortsrand lag. 1976 wurde die Gaststätte geschlossen. Heute befindet sich der Computerladen Edicta in den Räumen.

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I

n der heutigen

Karl-Pfaff-Straße 34 wurde 1899 durch Umbau eines Bauernhauses das „Weinrestaurant zum Adler“ errichtet. Das Haus besticht durch sein schönes Fachwerk. Die Postkarte zeigt auch den Innenraum des Adlers und die Dependance in der Löwenstraße.

A

bgebildet auf einer

Lithographie aus einer

anderen Blickrichtung: Vor dem „Adler“, das damals zweifellos zu den imposantesten Gebäuden in Degerloch zählte, wartet schon der Einspänner, der Vorläufer unserer heutigen Taxis, auf die Gäste.

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D

as „Weinrestaurant zum Adler“ im Dritten Reich, abgebildet auf einer Postkarte, die am

20. September 1938 abgeschickt wurde. Noch im gleichen Jahr wurde das Lokal für immer

geschlossen. Ein Eierteigwarenhersteller erwarb das Gebäude, der darin eine Nudelfabrik betrieb. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das schöne Fachwerkhaus vollständig umgebaut und verputzt. Aus einem stolzen Adler wurde eine graue Maus.

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A

n der Ecke der

Straßen Auf dem Haigst und Neue Weinsteige errichtete Heinrich Gurr 1898 sein Ausflugslokal „Werahöhe“. Kein Weg führte daran vorbei, egal, ob man den Römerweg, die Alte oder die Neue Weinsteige benützte.

E

in kleines Bild auf einer

Postkarte um 1910 scheint die einzige Abbildung zu

sein, die wir heute von dem „Gasthaus zur Zahnradbahn“ kennen, das bis 1923 von Eugen Hiller betrieben wurde. Es stand an der Einmündung der Alten in die Obere Weinsteige und wurde vorwiegend von den örtlichen Weingärtnern besucht.

86


D

ie Postkarte suggeriert

den Ausflüglern geradezu, was sie erwartet, wenn sie den beschwerlichen Weg über die Weinsteige nach Degerloch hinter sich gebracht haben: die Wera-Höhe. 1923 wurde das Lokal aufgrund der Wirtschaftskrise geschlossen. Heute befindet sich in der ehemaligen Wera-Höhe das Restaurant „Osteria La Stella“.

W

er von Stuttgart

kommend nicht in der

Wera-Höhe einkehren wollte, hatte wenige hundert Meter weiter erneut eine Gelegenheit dazu. An der ehemaligen Straßenbahnhaltestelle KarlPfaff-Straße erwartete die 1883 erbaute „Restauration Bühler“, die Gäste.

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A

us der Restauration

Bühler wurde 1899 das

Steighaus, als der Schreiner Carl Rist das Lokal kaufte. Auch dieses vielbesuchte Lokal fiel der Weltwirtschaftskrise zum Opfer. Das Haus Obere Weinsteige 20 steht heute noch.

D

ie Gastwirtschaft

„Sonne“ mit Bäckerei

inklusive Mehlverkauf in der Großen Falterstraße 33, vor 1916. Besitzer war Jakob Stahl, der das Haus 1890 von seinem Schwiegervater Christian Dreizler übernahm. Die „Sonne“ wurde 1935 aufgegeben.

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D

as „Wiesental“ in

der Großen Falterstraße 67 wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Christian Kleinbach eröffnet. Das Lokal war von Anfang an ein Arbeiterlokal, das zeitweise keinen guten Ruf hatte. Dies änderte sich, als die Familie Zagst im Jahr 1958 die Gaststätte unter dem neuen Namen „Falterstüble“ übernahm. Heute werden in dem Gebäude Appartements für einen flexiblen Zeitraum vermietet.

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90


Mobil mit Dampf und Strom

D

er Bau der Zahnradbahn trug entscheidend

dazu bei, dass sich Degerloch in wenigen Jahrzehnten von einem Bauerndorf zu einem begehrten Wohnort, Ausflugsziel und Höhenluftkurort entwickelte. 1883 stellte der Esslinger Maschinenfabrikant Emil Keßler den Antrag zum Bau einer Zahnradbahn von Stuttgart nach Degerloch. Schon ein Jahr später konnte er zusammen mit dem örtlichen Ziegeleibesitzer Carl Kühner das Vorhaben vollenden. Am 23. August 1884 wurde die zunächst noch dampfbetriebene Bahn in Dienst gestellt. Vier Jahre später erhielt die von Keßler gegründete Filderbahngesellschaft auch die Konzession für eine Dampfstraßenbahn von Degerloch nach Möhringen und Hohenheim.

Die Zahnradbahn auf einer Probefahrt kurz vor der dauerhaften Aufnahme des elektrischen Betriebs, der am 1. Mai 1904 erfolgte. Im Hintergrund die Häuser der „Villa“ und der Degerlocher Aussichtsturm.

91


D

ie noch mit Dampf

betriebene Zahnradbahn

überquert die Neue Weinsteige. Die 110 Meter lange Eisengitterbrücke war von einer türkischen Eisenbahn für Izmir bestellt, aber nicht abgenommen worden. Sie wurde deshalb auch „Türkenbrücke“ genannt.

U

m 1904: Die dampf-

betriebene Zahnradbahn

mit Panorama- und Güterwagen. Im Hintergrund „Villa“ und Aussichtsturm. Die kleine Lok war ursprünglich für den Einsatz in Brasilien vorgesehen. Die Masten für den kommenden elektrischen Betrieb sind deutlich sichtbar.

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E

in Triebwagen der Zahn-

radbahn um 1907, darunter ein Straßenbahnzug der noch eingleisigen Bopserlinie. Diese Linie, die am 1. Mai 1904 ihren Betrieb aufnahm, war aufgrund des ständig wachsenden Passagieraufkommens bei der Zahnradbahn notwendig geworden.

D

er zweite Degerlocher

Zahnradbahnhof nach dem 1898 durchgeführten Umbau. Unter anderem wurden die Flügeltüren und Fenster an der westlichen Stirnseite des ersten Bahnhofs von 1884 entfernt. Ein Triebwagen der Filderbahn steht gerade zur Abfahrt bereit.

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D

er zweite Degerlocher

Zahnradbahnhof um 1912. Er wurde von der Bevölkerung wegen seines Aussehens als Hundehütte bezeichnet und diente von 1899 bis 1931 dem Umsteigeverkehr von der Zahnrad- zur Filderbahn. Links im Bild das Postamt noch ohne Anbau.

B

ergfahrt: Die Zahn-

radbahn auf der „Türken­ brücke“, darunter die Straßenbahnlinie 5 auf dem Weg von Stuttgart nach Degerloch. Man sieht deutlich, dass die Neue Weinsteige inzwischen zweigleisig ausgebaut wurde.

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E

in Triebwagen der Zahnradbahn in den 50er Jahren.

Die alte Eisengitterbr端cke wurde wenige Jahre sp辰ter im September 1964 abgebrochen und durch eine neue Stahlbetonbr端cke ersetzt. Sie wurde am 17. Juni 1965 dem Verkehr 端bergeben.

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D

er Degerlocher

Zahnradbahnhof in den 20er Jahren, rechts daneben die Bahnhof-Buchhandlung und das Degerlocher Tagblatt. Da das Fachwerkgebäude inzwischen sehr sanierungsbedürftig war, wurde es 1931 abgerissen und durch einen Zweckbau ersetzt.

J

ahnstraße: Der 1931

neu errichtete Zahnrad-

bahnhof um 1940, dahinter das Schweizerhaus, rechts das Degerlocher Postamt, auf dem die Hakenkreuzfahne weht. Im Hintergrund fährt die Filderbahn an der Gaststätte Wilhelmshöhe vorbei nach Möhringen.

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I

m Jahr 1931 wurde die

„Hundehütte“ abgerissen und durch einen reinen Zweckbau mit einem freitragenden Schutzdach ersetzt, rechts die Buchhandlung Schloz. Das neue Gebäude, das bis 1977 Bestand hatte, beherbergte zuletzt das Reisebüro Rominger, einen Zeitschriftenkiosk und eine Kneipe namens „Zacke“.

E

in Straßenbahnzug der

Linie 16 hält an dem 1929 neu errichteten Westbahnhof, dahinter sieht man den „Bären“, rechts kreuzt die Rubens- die Löffelstraße. Im Vordergrund sieht man deutlich die Wendeschleife für die wieder stadteinwärts fahrenden Züge.

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B

lick von der Wagen-

halle Degerloch auf die da-

vor liegende Wendeschleife Degerloch-West um 1958. Dort, wo die Straßenbahnund Güterzüge fahren, verläuft heute die vierspurige B 27 in Richtung Tübingen. Im Hintergrund der Westbahnhof, dahinter das Restaurant „Goldener Bären“.

E

in Güterzug der Filder-

bahn mit der E-Lok Nr. 1 steht am Bahnhof Degerloch-West in Richtung

Möhringen. Im Hintergrund sieht man die Häuser der Löffelstraße und links die Baufirma Epple um 1961.

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D

er Ausbau der Städti-

schen Filderbahn machte 1929 den Bau einer Wagenhalle für die Linien 5 und 16 notwendig. Mit dem Bau wurde die Degerlocher Firma Gustav Epple beauftragt. Das Bild zeigt die Halle noch in der Phase des Rohbaus.

A

m 30. Oktober 1930

wurde die Wagenhalle mit der Wendeschleife DegerlochWest in Betrieb genommen. Sie musste 1967 durch die Vergrößerung des Wagenparks umgebaut und erweitert werden. Heute steht an dieser Stelle der ABB-Turm. Links neben der Halle sieht man die Wohnblöcke der SSB an der Schöttlestraße um 1954.

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100


Kurort mit Höhenluft

D

egerlochs Aufstieg vom Bauern- und Wein-

gärtnerdorf zu einem Höhenluftkurort gegen Ende des 19. Jahrhunderts führte auch zur Errichtung von drei Sanatorien. Die staatlichen Bauten lagen selbstverständlich nicht im Ortskern, sondern im vornehmen Villenviertel auf der Waldau und waren von großzügigen Parkanlagen umgeben. Für die Genesungssuchenden und Kurgäste standen in der „Villa“ zahlreiche Pensionen, Restaurants und sogar ein Kurhotel zur Verfügung. Deshalb dürften sich auch nur die wenigsten Sanatoriengäste in das Ortszentrum von Degerloch mit seinen zahlreichen Gasthäusern verirrt haben.

Die Naturanstalt Hohenwaldau in einer Ansicht um 1908. Das Gebäude links mit dem spitzen Turm blieb als einziges unter der heutigen Adresse Ahornstraße 11 erhalten. Hinter den Häusern verläuft die Jahnstraße. Der Hintergrund entspricht nicht der Wirklichkeit.

101


F

ährt man heute die

Jahnstraße in Richtung

Königsträßle, sieht man gleich nach der Ahornstraße das Altenheim „Haus auf der Waldau“. Hier stand die 1898 von dem ehemaligen Oberstabsarzt Dr. Friedrich Katz gegründete Naturanstalt Hohenwaldau.

E

ine weitere Gesamt-

ansicht des Sanatoriums

Dr. Katz zeigt eindrucksvoll die Größe der Anlage entlang der Jahnstraße und parallel zur Ahornstraße. Ein Vergleich mit der Abbildung oben zeigt, dass das Gebäude in der Mitte mit dem Tennisplatz neu hinzugekommen ist.

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D

ie Postkarte zeigt das

ehemalige Hauptgebäude der Naturanstalt in einer Einzelansicht von der Ahornstraße aus. Dieses Haus ist heute der klägliche Rest des einstigen Sanatoriums, das zudem noch von dem Neubau des Altenund Pflegeheims weitgehend verdeckt wird.

G

eht man von der Ver-

söhnungskirche kommend die Löwenstraße abwärts, sieht man linker Hand kurz vor der Waldstraße das ehemalige Sanatorium Villa Hohenwies von Dr. Theodor Zahn. Es bestand von 1906 bis 1949. Das Gebäude Nr. 100 steht heute noch und hat sich äußerlich kaum verändert.

103


F

ür seine zweite Frau Antonie ließ der Industrielle Werner

von Siemens 1870 eine Villa in der Jahnstraße 32 erbauen. Diese

wurde nur für gelegentliche Sommeraufenthalte genützt. Von 1913 bis 1939 leitete Dr. Emil Reinert in der ehemaligen Villa Siemens ein Sanatorium für „Innere- und Nervenkrankheiten“.

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U

m 1930: Das Sanato-

rium Dr. Reinert von der Parkseite her. Weshalb der Denkmalschutz den Abriss der Villa Siemens nicht verhindern konnte, bleibt ein Rätsel. Auf jeden Fall musste sie 1957 einem neuen Verwaltungsbau der Bezirksärztekammer Nordwürttemberg weichen.

D

er Olgabau des Sanato-

riums Dr. Reinert auf einer Postkarte von 1931. Von den befragten Zeitzeugen kann sich niemand mehr an dieses Gebäude erinnern. Ein Foto, das einen Ausschnitt zeigt, beweist aber, dass es existierte. Der Olgabau war wohl für die Patienten bestimmt, während die Verwaltung in der Villa untergebracht war.

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106


Wohngebiete entstehen

M

it dem Aufstieg Degerlochs zum Höhen-

luftkurort entwickelte sich außerhalb des alten Ortskerns im Gebiet der heutigen Melitta-, Nägele-, Waldstraße und des Hainbuchenwegs die „Villa“. Hier wohnten und lebten hauptsächlich vermögende Geschäftsleute. Nicht weit davon entfernt wurde der einstige Exerzierplatz am Königsträßle in Sport- und Spielplätze umgewandelt. Etwa zur gleichen Zeit begann die Bebauung des zukünftigen Wohngebietes Haigst. Im Süden von Degerloch fanden mit dem Bau der Siedlung „Falterau“ ab 1911 und der Hoffeldsiedlung ab 1932 viele damals weniger vermögende Familien eine neue Heimat.

Wintervergnügen in Degerloch. Vom Königsträßle aus führt die Rodelbahn Waldau unterhalb des Wasserturms durch den Wald und unter einer kleinen Brücke hindurch hinab in Richtung Bopser.

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I

m Winter verwandel-

ten sich die Tennisplätze auf der Waldau in Eisbahnen, die sicher nicht

nur an den Wochenenden viele junge und alte Sportbegeisterte anlockten. Links steigt Rauch auf. Dort gab es Bratwurst und Glühwein für die Kundschaft.

K

inder, Schüler und

Studenten genießen an

einem warmen Sommertag das Zusammensein auf dem Spielplatz Hohenwaldau. Ob sich das damalige Outfit allerdings zum Spielen eignete, mag dahin gestellt bleiben.

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I

m Jahr 2004 feierte

der heutige Luftbad-Verein Stuttgart im Georgiiweg mit viel Prominenz sein 100-jähriges Bestehen. Eine Postkarte aus dem Gründungsjahr zeigt die ersten Mitglieder beim Tauziehen, bei der Gymnastik, beim Hochspringen und beim Relaxen.

M

an kann sich das

Schmunzeln nicht verkneifen, wenn man die einzelnen Gruppen im Degerlocher Luftbad betrachtet. Während sich die Männer im flotten Badehöschen in Pose stellen, verbergen die Frauen ihre Reize züchtig unter langen Gewändern. Erotik war wohl nicht angesagt um 1911.

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I

dyllisch gelegen

präsentiert sich das Walderholungsheim des „Christlichen Vereins junger Männer“ (CVJM) im Guts-MuthsWeg 18. Peter Steinbrück übernahm 1976 zunächst als Geschäftsführer, dann als Pächter bis 2009 das inzwischen zum „Waldhotel“ umgebaute Heim.

D

ie Postkarte von

1915 vermittelt den Eindruck, man wäre auf der Pferderennbahn in Iffezheim, so haben sich die Damen auf dem Waldspielplatz des 1899 gegründeten Beamten-Turnerbunds auf der Waldau herausgeputzt. Der Verein heißt heute „Turn- und Sportverein Georgii Allianz e. V“.

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K

unst auf der Eis-

bahn. Die Rückseite der Postkarte trägt folgenden Text: „Das erste Hindenburg-Denkmal. Aus Schnee geformt stand dieses Kunstwerk des Stuttgarter Bildhauers Karl Gläser, von Tausenden bewundert, auf der Eisbahn WaldauStuttgart Ende Januar 1915“.

S

eit der Eröffnung des

neuen Clubrestaurants der Stuttgarter Kickers auf dem 1989 eingeweihten neuen Vereinsgelände am Königsträßle, dem heutigen ADM-Sportpark, geriet die alte Vereinsgaststätte immer mehr in Vergessenheit. Die Postkarte von 1931 zeigt die Spieler in ihren Trikots.

111


A

usblick von der

Oberen Weinsteige um

1930. Am Hang unterhalb der Melittastraße herrscht inzwischen drangvolle Enge, die Sportschule Kiedaisch hat dort 2007 ihren Neubau eingeweiht. Wer möchte auch nicht die schöne Aussicht genießen?

B

auernhäuser und

Villen auf einen Blick,

säuberlich getrennt durch breite Wiesen um 1904. Im Zentrum der Aufnahme erkennt man den „Adler“ mit seinem schönen Fachwerk. Im Vordergrund verläuft die Löwenstraße, links im Hintergrund die Ziegelei Kühner, daneben der alte Friedhof und die Villa Siemens.

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D

ie Villen-Kolonie aus der Luft, um 1925. Vorne links sieht man

an der Kreuzung Wald- und Löwenstraße die „weiße Villa“ und die ihr gegenüberliegende Villa des Textilfabrikanten Wilhelm Bleyle. Im Hintergrund die Häuser der Jahnstraße und der Wasserturm.

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D

rei Villen direkt an

der Kirchheimer Straße,

der heutigen Jahnstraße, um 1899. Das linke Haus Nr. 55 ist die Villa Vogel, die seit längerer Zeit renoviert wird. Im Hintergrund sieht man noch die Spitze des Aussichtsturms.

B

lick vom Aussichts-

turm auf das Villenviertel

vor 1916. Rechts im Vordergrund vermutlich die Villa Rau, heute Agnesstraße 6. Links davon das Wasserreservoir von 1872, darauf eine kleine Hütte, dahinter die Villa Vogel und das Degerlocher Kurhotel an der heutigen Jahnstraße.

114


E

in früher Blick vom Aus-

sichtsturm auf die Villen an der heutigen Jahnstraße vor 1899. Ganz rechts sieht man den Turm der Villa Siemens.

V

om Aussichtsturm ein Blick auf die „Villa“,

um 1902. Links an der heutigen Jahnstraße das Degerlocher Kurhotel von Wilhelm Löffel.

B

lick von der Gaststätte

Lindenhof an der Ecke Löwenstraße und Karl-Pfaff-Straße in Richtung Villen-Kolonie, vor dem Jahr 1907.

115


W

ohl aus den 20er

Jahren stammt diese

Postkarte vom Haigst. Die Kauzenhecke mündet in die Alte Weinsteige ein. Rechts sieht man die Zahnradbahnbrücke und im Hintergrund die „Villa“.

U

m das Jahr 1930:

Die Kauzenhecke auf

dem Haigst. Hinter den Bäumen in der Bildmitte liegt versteckt das „Steigeloch“. Im Hintergrund die Villa mit dem Aussichtsturm.

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D

ort, wo heute ein Wohnblock die Sicht auf das Degerlocher Villenviertel versperrt,

befand sich das „Steigeloch“, ein kleiner See zwischen Kauzenhecke und Seestraße, der

heutigen Fideliostraße. Links die Häuser der Kauzenhecke um 1920, im Hintergrund der Aussichtsturm und die Villen Landhausstraße 5 und 7, heute Melittastraße.

117


A

uf einer Postkarte,

die am 26. Dezember 1909 abgestempelt wurde, kann man sehr schön die Lage

des „Steigelochs“ erkennen. Im Vordergrund die Villen an der heutigen Melittastraße. Links im Hintergrund sieht man die Häuser an der Alten Weisteige.

D

as „Steigeloch“ um

1900 in seiner ganzen

„Schönheit“ lädt zum Baden ein. Hier versteht man, weshalb der kleine See für die damaligen Fotografen der ideale Vordergrund für Aufnahmen mit der Degerlocher Villen-Kolonie war.

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W

ohl in den frühen 30er Jahren entstand dieser Blick von der Oberen

Weinsteige auf die Charlotten- und Paulinenstraße, seit 1936 Meistersingerund Lohengrinstraße. Das hohe Gebäude mit dem Erkervorbau in der Bildmitte ist das Haus Lohengrinstraße 4.

119


I

n den Jahren 1911 bis 1914 entstand im Süden Degerlochs die Siedlung

„Falterau“ nach den Plänen der Architekten Werner Klatte und Richard Weigle. Es folgten bis 1950 noch drei weitere Bauphasen. Die hellen Häuser auf dem Luftbild wurden von Karl Beer 1928 bis 1930 gebaut.

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A

us der Zeit der ersten Bauphase in der

Falterau von 1911 bis 1914 gibt es eine aus

sieben Postkarten bestehende Serie mit den verschiedenen Haustypen nach den Pl채nen des Architekturb체ros Klatte & Weigle.

121


D

ie beiden 100 und 101 Meter hohen Funktürme wurden von der Deutschen Reichspost

1925 zusammen mit dem Sendegebäude errichtet und 1926 in Betrieb genommen. Ein Jahrzehnt später wurden sie außer Betrieb gesetzt. Im Zweiten Weltkrieg und von 1949 bis 1955 wurden sie nochmals aktiviert.

122


M

it der Fertigstellung

des Fernsehturms wurden die Funktürme überflüssig. Im September 1956 hat man die Masten angesägt und mit einer Seilwinde umgelegt. Diesen Augenblick hält der Schnappschuss fest.

N

un liegt der eiserne

Koloss am Boden. Für die

Kinder, der vordere ist der Herausgeber dieses Buches, war es sicher ein erhebendes Gefühl, auf der früher für sie unerreichbaren, wenn auch nun liegenden oberen Plattform stehen zu können.

123


M

it dem ersten Spaten-

stich am 21. März 1932

begann der Bau der ersten 50 Häuser im Hoffeld. Jeder Siedler musste sich verpflichten, wenigstens 200 Arbeitstagewerke zu leisten. Schon sieben Monate später waren die Häuser bezugsfertig.

E

in weiteres Haus der

Hoffeldsiedlung entsteht.

Im Hintergrund das Funkhaus und einer der beiden Funktürme. 1934 war die Bautätigkeit in der „Altsiedlung“ beendet. Etwa 800 Menschen fanden damit in 93 Doppelhäusern eine neue Heimat.

124


D

ie Hoffeldsiedlung 1936

nach der Fertigstellung. Ein Haus gleicht dem anderen. Auf der linken Seite sieht man einen Grünstreifen, der von den Bewohnern bewirtschaftet werden konnte. Die schmale noch wenig befestigte Hoffeldstraße reichte für den damaligen Verkehr noch vollkommen aus.

G

emeinschaftslager Hohe

Eiche: Nach Auskunft des ehemaligen Rektors der Filderschule Manfred Janle wurden hier nach dem Zweiten Weltkrieg ehemalige Zwangsarbeiter aus Osteuropa, die in Möhringer Industriebetrieben eingesetzt waren, vorübergehend untergebracht. Im Hintergrund sieht man die Hoffelder Funktürme.

125


126


Lokale, Türme, Kirchen ...

F

ür die damals noch zahlreich vertretenen Post-

kartenverlage waren vor allem solche Motive von Interesse, die einen guten Absatz bei den Besuchern des Höhenluftkurorts Degerloch versprachen. Zu diesen zählten vor Ort vor allem die Ausflugslokale und Gasthäuser, die Zahnradbahn, der Aussichtsturm und die öffentlichen Gebäude wie Kirchen, Rathaus und Schulen. Selten findet man dagegen Ansichtskarten, die lediglich ein einzelnes Wohn- oder Geschäftshaus zeigen. Sie wurden meist vom Hausbesitzer selbst in Auftrag gegeben, um sie dann an seine wichtigsten Kunden oder Freunde zu verschicken.

Am liebsten hätte man in den 70er Jahren das Bezirksrathaus durch einen Betonbau ersetzt. Glücklicherweise ist es dazu nicht gekommen, sodass das heutige Zentrum auf den ersten Blick trotz des sanierten Rathauses noch so ähnlich aussieht, wie auf dem Bild um 1900.

127


V

or dem alten Bezirks-

rathaus gibt der Sängerkranz Degerloch eine Kostprobe seines Könnens. Der Gesangsverein, der heute noch besteht, wurde 1886 zum zweiten Mal gegründet, nachdem er sich 1879 aufgelöst hatte.

D

as Haus in der

Großen Falterstraße 21 diente von 1768 bis 1823 als Schule und Wohnung des Schulmeisters. Nach dem Bau einer neuen Schule in der Großen Falterstraße 18 wurde das Gebäude als Bauernhaus genutzt. Leider wurde es 1973 abgerissen. Damit ging ein weiteres Stück Degerlocher Geschichte verloren.

128


G

estiegene Schülerzahlen

machten 1914 den Bau einer neuen Schule notwendig. Die Einweihung der Filderschule mit ihrem markanten Turm konnte allerdings erst 1919 erfolgen, da die Räume vom Militär genützt wurden. Auf dem Bild um 1916 sieht man vor dem Gebäude eine Wache mit geschultertem Gewehr und mehrere Soldaten.

Z

u Beginn des Ersten

Weltkriegs zog das Militär in die gerade fertiggestellte Filderschule ein. Das Bild zeigt eine Aufführung auf der Bühne in der neuen Turnhalle. Die Beschriftung unten lautet: „Weihnacht 1914. Reservelazarett Stuttgart XII. Degerloch“.

129


I

m 19. Jahrhundert

verdoppelte sich bis 1880 die Einwohnerzahl auf 2237. Damit wurde der Bau einer neuen Kirche unumgänglich. Nach dem Abbruch der alten Kirche errichtete man 1889/90 einen Neubau unter Verwendung alter Fundamente. Das Bild zeigt die Michaelskirche wenige Jahre nach der Einweihung.

E

in Blick vom Turm der Filderschule um 1930. Hinter dem Turm der

Michaelskirche sieht man deutlich den 1926 errichteten „Reitbau“ in der KarlPfaff-Straße und den Aussichtsturm. Links erkennt man die heutige „Alte Scheuer“, das „Helene-Pfleiderer Haus“ und das Rathaus mit dem Türmchen.

130


D

ie Glocken der Michaelskirche wurden im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen. Nach dem

Krieg stiftete der Degerlocher Bauunternehmer Gustav Epple vier neue Glocken. Die Postkarte von 1949 zeigt ein Gespann, das die festlich geschmückten Glocken der Glockengießerei Heinrich Kurtz in der Heusteigstraße über die Neue Weinsteige nach Degerloch bringt.

131


D

ie wenigen Katho-

liken, die um 1900 in

Degerloch wohnten, feierten ab 1911 die Messe in einer der kleinen Holzbaracken des Sanatoriums Dr. Katz. Erst 1927 erhielten sie eine eigene Kirche. Die Postkarte zeigt den Entwurf für die Bergkirche von der Himmelfahrt Mariä.

A

m 30. Oktober 1927

wurde die neu errichtete

katholische Kirche in der Kirchstraße, der heutigen Karl-Pfaff-Straße, auf den Namen „Mariä Himmelfahrt“ geweiht. Zu ihrem Einzugsgebiet gehörten bald die umliegenden Fildergemeinden einschließlich Kemnat und Plieningen, rechts der „Reitbau“.

132


A

n der Endstation der

Weinsteiglinie an der Oberen Weinsteige Nr. 3 neben dem heutigen Jugendhaus führte Otto Ackermann ein Spezialgeschäft für Kolonial- und Feinkostwaren. Zuletzt befand sich in den Räumen eine Tierhandlung, ehe das Gebäude abgerissen wurde.

I

n seiner Degerlocher

Zeit ist Friedrich Sperr mit seinem Fischladen viermal umgezogen. Nachdem er zuerst in einem Holzhäuschen in der Tübinger Straße 16 seine Fisch-, Wildbretund Geflügelhandlung betrieb, wechselte er von 1935 bis 1958 in das kleine Häuschen am Albplatz.

133


U

m 1905: Stolz präsen-

tieren die Wagner Friedrich

und Wilhelm Auch ihre fahrbare Brennholzsägemaschine vor dem Haus von Wilhelm Auch an der Ecke Tübingerund Löwenstraße, heute Schmidt Textilreinigung.

E

ine Aufnahme von 1957 zeigt rechts das Laden-

geschäft der Küferei Weisser in der Epplestraße 5, heute Sanitätshaus Glotz, links daneben Blumen Haag, Café May und gerade noch sichtbar Elektro-Scheffel.

134


W

ährend das „Gasthaus zum Pflug“ 1983 abgerissen wurde, hat das

schmale Häuschen in der heutigen Epplestraße 26 überlebt. Es hat sich sein Aussehen in den 100 Jahren, die zwischen der Aufnahme und heute liegen, bewahrt. Heute nützt Elektro Reihle den Laden als Ausstellungsraum.

135


I

n dem Häuschen von Christian Wolf in der

Tübinger Straße neben Elektro Reihle hatte Schuhmacher Franz Hunger eine kleine Werkstatt. Links schloss sich der Seifenladen Wellinger an. 1969 wurde das Haus abgerissen.

D

as Haus von Christian

Wolf ist Geschichte. Die

entstandene Baulücke wird wenig später durch das Wohn- und Geschäftshaus Nr. 34 geschlossen. Es stellt auch heute noch mit seinem Flachdach einen Fremdkörper im Gebäudeensemble dar.

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F

riedrich Sperr steht mit seinem Hund vor

seinem ersten Fischladen in der Tübinger Straße 16, um 1923. Später wurde an dieser Stelle das erste Degerlocher Kino, das „Deli“, eröffnet. Heute steht hier ein modernes Geschäftshaus, in dem unter anderem Lidl eine Filiale betreibt.

I

m Jahr 1853 eröffnete Friedrich Adolf Goebel

ein Kolonialwarengeschäft in der Tübinger Straße 21. Sein Sohn Robert, der daneben auch noch Kirchenpfleger und Gemeinderat war, wechselte 1905 in das neu erbaute Haus Nr. 30 gegenüber dem „Gasthaus zum Hirsch“. In den 50er Jahren wurde das Geschäft geschlossen.

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E

ine Postkarte vor 1908

trägt den Titel „Degerloch. Ein Bauernhof“. Hierbei

handelt es sich um den Hof des Bauern und Weingärtners Reinhold Frech in der Löwenstraße 46. In der Mitte sieht man die Hopfendarre, die früher auch als „Tanzboden“ benützt wurde. Sie wurde 1960 abgerissen.

I

n dem Haus Löwen-

straße 42, das nach dem

Türsturz 1742 erbaut wurde, soll sich das alte „Gasthaus zum Löwen“ befunden haben. Zuletzt befanden sich eine Glaserei und ein Malergeschäft in dem Gebäude.

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V

or seiner Bäckerei in der Tübinger Straße 11

steht Paul Braun mit seiner Familie. Über 100 Jahre versorgten zuerst er und dann seine Söhne die Degerlocher mit Backwaren. 1911 wurde das abgebildete Haus durch einen Neubau ersetzt, in dem heute die Bäckerei Unger eine Filiale betreibt.

S

eit 1980 findet man unter der Adresse

Löwenstraße 42 ein modernes Wohn- und Geschäftshaus, in dem unten die Hofpfisterei und der Holzkrug untergebracht sind. Die alte Eingangstür in das Lokal stammt im übrigen von dem abgerissenen Gebäude.

139


E

in Foto von 1906 zeigt

die Gebäude des ehemaligen Degerlocher Gaswerks. Es war von 1904 bis 1920 in Betrieb. Die Gebäude in der Roßhaustraße 63 bis 65 haben sich bis auf den Gaskessel erhalten. Der Arbeitskreis 1900 setzt sich für ihre Erhaltung und die Errichtung eines Museums ein.

W

enige Schritte abseits

des Zentrums: Eine Postkarte, die das Haus 24 in der Mittleren Straße im Sommer 1920 zeigt, macht deutlich, dass Degerloch zu dieser Zeit im Kern immer noch ein Bauernund Weingärtnerdorf war.

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A

m 15. März 1891 ging

der „Gruss vom Degerlocher Aussichtsturm“ nach Genf in der Schweiz. Es ist wohl eine der frühesten Ansichten des Turms, die wir kennen. Ein Wanderer zeigt seinen zwei mit Sonnenschirmen bewaffneten Begleiterinnen die Hauptattraktion des Höhenluftkurorts. Der Turm stand an der Ecke Turm- und Werastraße, heute Nägelestraße und Hainbuchenweg.

E

in „Dichter“ besingt den neuen

Aussichtsturm auf einer Postkarte von 1898. Ziegeleibesitzer Karl Kühner ließ den rund 45 Meter hohen Turm 1886 aus eigenen Ziegeln errichten.

141


D

rei ausgewählte Postkarten mit dem gleichen Motiv.

Der Aussichtsturm wurde 1943 gesprengt, da man befĂźrchtete, er kĂśnnte feindlichen Bombern Orientierungshilfe bieten. Bis 1956 konnte man das erhalten gebliebene Fundament noch sehen. Der Bau des Fernsehturms machte den geplanten Wiederaufbau zunichte.

142


U

m auch noch fĂźr die

rasch steigende Einwohnerzahl ausreichend Wasser zu haben, wurde 1912 ein 35 Meter hoher Wasserturm an der heutigen JahnstraĂ&#x;e gebaut. Das Foto zeigt den neuen Turm am Tag der Einweihung. Links sieht man noch das Fundament des alten Turms aus dem Jahre 1898. Sein eiserner Behälter ist schon abgebaut.

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Dunkle Vergangenheit

A

m 30. Januar 1933 übernahm Adolf Hit-

ler die Macht in Deutschland. Das „Dritte Reich“ führte letztendlich in die Katastrophe und kostete vielen Millionen Menschen das Leben. Der nun beginnenden Gleichschaltung konnten sich auch in Degerloch nur wenige entziehen. Dies zeigen einige der folgenden Bilder. Weitere Fotos belegen, dass die verheerenden Bombenangriffe der Alliierten auf Stuttgart auch Degerloch Tod und Zerstörung brachten. Nicht im Bild gezeigt werden können die Deportationen von jüdischen Mitbürgern. Daran erinnern inzwischen mehrere in Gehsteige eingelassene „Stolpersteine“.

Anlässlich des Heldengedenktages am 13. März 1938 marschiert die SA-Ortsgruppe Degerloch durch die heutige Epplestraße. Rechts das Schuhhaus Schmidt und das Uhren- und Schmuckgeschäft Stapel. Für die Häuser bestand damals Beflaggungspflicht.

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A

m „Bettelplatz“:

Die Degerlocher Freiwillige Feuerwehr biegt um 1933 mit lautem Trommelwirbel von der Kleinen Falterstraße kommend in die Große Falterstraße ein.

E

rntedankfest 1934:

Das Bild zeigt die „Jungbauernschaft Degerloch“ vor der Küferei Beilharz in der Großen Falterstraße. Vorne links der Ortsbauernführer, rechts der Ortsgruppenleiter.

146


D

ie politischen Leiter der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

mit der Hoheitsfahne der NSDAP in Marschkolonne am „Tag der Arbeit“ vor dem

Kolonialwarengeschäft Goebel. Links daneben das Elektrogeschäft Reihle, das kleine Haus von Christian Wolf und das ehemalige Gasthaus „Zum Rad“.

147


J

ungmädel und der Bund Deutscher Mädel (BDM):

Auch sie durften am Tag der Arbeit 1938 beim Marsch durch Degerloch entlang der heutigen Epplestraße nicht fehlen.

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D

ie Ortsgruppen der

SA, NSDAP und NSKK sammeln sich an der Wendeschleife der Straßenbahn am Westbahnhof zum anschließenden Marsch durch Degerloch am Heldengedenktag 1938.

E

in Truppführer

meldet dem Vorgesetzten, dass das „Nationalsozialistische Kraftfahrkorps“ (NSKK) der Ortsgruppe Degerloch angetreten ist. Standort ist beim Westbahnhof. Hier sammelten sich die einzelnen Gruppen für den Marsch durch den Ort anlässlich des Heldengedenktags 1938.

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V

or dem mit einem Laubvorhang und einem Ăźberdimensionierten

Hoheitsadler geschmĂźckten Rathaus versammelt sich am Abend des 1. Mai 1938 die Degerlocher BevĂślkerung zur Abschlussveranstaltung.

150


D

ie Häuser am „Bettelplatz“ an der Kreuzung Große- und Kleine Falterstraße nach einem

Luftangriff im Oktober 1943. Auch die Macksche Scheuer, Große Falterstraße 44, heute Gebäudeund Fensterreinigung Laukenmann sowie ein Rasenmäher-Service wurde vollständig zerstört. Dass dieser Luftangriff keine Menschenleben forderte, grenzt an ein Wunder.

151


E

in Luftangriff am 25. Juli 1944 kostete 19 Menschen

das Leben. Während das Haus Möhringer Straße 22, der heutigen Gomaringer Straße, nur leichtere Beschädigungen aufweist, wurde das davor stehende Haus Nr. 20 dem Erdboden gleich gemacht. Unten: die Häuser Möhringer Straße 20 und 22 vor der Zerstörung, davor der Radfahrerverein Degerloch.

152


D

ie Front des gegenüberliegenden Hauses Möhringer

Straße 25 hielt der Druckwelle nicht stand. Die Bewohner kamen mit dem Schrecken davon. Um das Haus vor dem Einsturz zu bewahren, musste es mit Balken notdürftig abgestützt werden. Links das Haus vor der Zerstörung.

153


A

uch das Haus der Familie Ehmann in der

Metzinger Straße 64 wurde bei diesem Luftangriff schwer beschädigt. Eine Druckwelle riss die halbe Rückfront ein, die kurz darauf notdürftig durch Balken abgesichert werden musste. Die beiden Bilder zeigen das Gebäude vor und nach dem Luftangriff.

154


D

er Haigst wurde bei den schweren Luftangriffen

der Alliierten in den letzten Kriegsjahren nicht verschont. Hier hat es Häuser in der FideliostraĂ&#x;e getroffen.

155


B

lick auf die Gesch체tz-

staffel der Schweren Flak

5/436 in Degerloch im heutigen Gewerbegebiet Tr채nke mit sechs, sp채ter acht schweren 8,8 cm Gesch체tzen.

L

uftwaffenhelfer, die

der schweren Flakbatterie

5/436 zugeordnet wurden, kurz nach der Einkleidung.

156


A

m 29. Juli 1944 zerstörte eine Luftmine die schwere Flakstellung auf der Gemarkung

Tränke/Stock. Dabei verloren acht Schüler, die als Luftwaffenhelfer eingesetzt waren und

zehn Soldaten ihr Leben. Ein Mahnmal im Gewerbegebiet Tränke und eine von Architekt Ralf Armbruster sen. herausgegebene Dokumentation halten die Erinnerung an diese Tragödie wach. Rechts: Die Luftaufnahme der US Air-Force vom 2. März 1945 zeigt die verlassene Flakstellung und die zahlreichen Bombentrichter. Von den sechs Häusern an der heutigen Sigmaringer Straße wurden drei mittelschwer und eines schwer beschädigt.

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D

ie Mannschafts-

baracken der Flakstellung 5/436 in Degerloch noch vor dem Luftangriff vom 28. auf den 29. Juli 1944.

O

bwohl sich die Bara-

cken in Ăźber 200 Meter Entfernung vom Einschlagpunkt der Luft-

mine befanden, wurden sie dennoch durch den enormen Luftdruck vollkommen zerstĂśrt.

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A

n der Ecke der heutigen Rubens-, Wurmlinger- und Epplestraße: Ein franzö-

sischer Panzer schießt beim Einmarsch im April 1945 die Deyhlesche Scheuer, heute D-photopoint, in Brand. Da aus dem Haus Reichenecker in der Tübinger Straße 32 noch Gewehrschüsse fallen, wird auch dieses beschossen.

159


160


Zwischen Kunst und Kitsch

Z

wischen 1890 und 1910 erlebten die „Gruß-

karten“ in Deutschland einen regelrechten Boom. Die Postkartenverlage überboten sich gegenseitig mit originellen Zusammenstellungen von Motiven, die zumeist als Lithografien und oftmals im aufwändigen Prägedruck ausgeführt wurden. Man versuchte auf einer Karte möglichst alles unterzubringen, was den Ort für den Besucher interessant und reizvoll machte. Es ist oftmals eine Gratwanderung zwischen Kunst und Kitsch. Während sie in einer Postkartensammlung „Highlights“ sind, bringen sie für die Ortsgeschichte wenig, da man die Motive in der Regel auch einzeln erwerben konnte.

Ein „Glücksklee“ aus Degerloch um 1900 zeigt die Zahnradbahn und die Villen-Kolonie in verschiedenen Ansichten. Es ist bemerkenswert, dass die renommierte Kunstanstalt Rosenblatt in Frankfurt/Main eine Postkarte für das kleine Degerloch herausgab.

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D

egerloch auf Augenhöhe mit St. Moritz.

Die noch dampfbetriebene Zahnradbahn und Pferdeschlitten bringen die Besucher hinauf in einen verschneiten Luftkurort, der seinen Gästen alles bietet: Schöne Villen, eine herrliche Aussicht und Wintersport.

H

och über der Neuen

Weinsteige thronen prachtvolle Villen wie Schlösser und natürlich Degerlochs neues Wahrzeichen, der Aussichtsturm. Welch schöne Aussicht man von hier genießen kann, zeigt

der Bildausschnitt mit einer Ansicht des alten Ortskerns und der Schwäbischen Alb im Hintergrund.

162


S

tolz erhebt sich der Degerlocher Aussichtsturm über die

ersten Villen an der Melittastraße. Die exponierte Lage hoch über Stuttgart führte dazu, dass die noch sichtbaren Baulücken schon wenige Jahre später weitgehend geschlossen wurden.

163


B

ei der Grußkarte von

1900 liegt der Reiz in der grafischen Gestaltung. In

einer rechteckigen Einrahmung und einem auf den Kopf gestellten Quadrat sieht man eine Ansicht von Degerloch und der dampfbetriebenen Zahnradbahn mit Personen- und Güterwagen.

A

uf frühen Post-

karten musste man seine Grüße auf die Bildseite

schreiben, da die Rückseite ausschließlich der Adresse vorbehalten war. Dass man dennoch viel Text unterbringen konnte, zeigt dieses Beispiel vom 25. Juli 1896.

164


N

ichts Neues bietet die Ansicht mit der dampfbetriebenen Zahnradbahn

und den Villen samt Aussichtsturm im Hintergrund um 1900. Aufgewertet wird sie durch die beiden im Pr채gedruck wiedergegebenen Wappen von W체rttemberg und Degerloch auf Lorbeer- und Eichenzweigen.

165


P

ferdekutsche, Straßenund Zahnradbahn vor

prachtvollen Villen samt Aussichtsturm vor 1907. Hier hat der Zeichner die „Türkenbrücke“ seitenverkehrt und mit einer größeren Steigung als in Wirklichkeit dargestellt.

D

en „Gruss aus

Degerloch“ von 1898 mit Zahnradbahn, Aussichtsturm und Ortsansicht gibt es mit verschiedenen Abbildungen von Gasthäusern. Deren Inhaber kamen so relativ kostengünstig an eine attraktive Postkarte, die man dann an die Gäste verkaufen konnte. In diesem Fall ist es das Schweizerhaus.

166


A

uf ausgefallene Einrahmungen scheint sich die Frankfurter Kunstanstalt Rosenblatt

spezialisiert zu haben. Neben Kleeblatt, Eichenblatt und Gurke hier das EdelweiĂ&#x; auf einer Karte vor 1903. Degerloch war damals HĂśhenluftkurort. Aber diesen mit dem Hochgebirge in Verbindung zu bringen, ist doch des Guten etwas zu viel.

167


E

inen eigenen „Gruß

aus Degerloch“ gab der Königlich Württembergische Hofspediteur

Paul v. Maur in Auftrag. Die Karte zeigt seine 1897 erbaute Villa mit dazugehörender Remise in der heutigen Jahnstraße 35. Rechts davon liegt die Villa Rau, heute Agnesstraße 6.

A

uch diese Karte von

1902 gibt es in verschie-

denen Ausführungen. Sie unterscheiden sich durch die ausgewählte Gaststätte, hier das Schweizerhaus. Im Zentrum die Zahnradbahn, umgeben von einem stilisierten Zahnrad. Der Entwurf stammt von dem bekannten Postkartenmaler K. Fuchs.

168


Z

ahnradbahn, Aussichtsturm und Fahren mit der Kutsche, das ist es, was den

Besucher des HĂśhenluftkurortes interessiert. Dementsprechend erscheint der Ort Degerloch auf dieser GruĂ&#x;karte von 1900 nur ganz dezent im Hintergrund.

169


E

in Schmetterling sch端t-

tet das F端llhorn aus. In den

ausgebreiteten Fl端geln sieht man das, was dem Besucher Freude verspricht: Aussichtsturm, Villen-Kolonie und das Degerlocher Rathaus.

S

oll die Gurke, die der

Villen-Kolonie hier als Bilderrahmen dient, andeuten, dass Degerloch nicht nur ein H旦henluftkurort, sondern auch ein Bauerndorf war? Wir wissen es nicht. Zumindest ist die Karte, die am 26. Juni 1905 geschrieben und in den Briefkasten geworfen wurde, originell.

170


E

in jugendlicher Herold mit seinem Heroldsstab in der Rechten und

dem wĂźrttembergischen Wappen in der Linken präsentiert die imposanten Degerlocher Villen entlang der heutigen MelittastraĂ&#x;e.

171


D

em Einfallsreichtum

der Kartenproduzenten

waren keine Grenzen gesetzt. Hier dient die Rückseite eines Eisenbahnwagens, aus dem fröhliche Reisende winken, als Rahmen für eine Darstellung der Zahnradbahn, die in Richtung Villen-Kolonie fährt.

G

leich fünf Teilan-

sichten von Degerloch bekam der Empfänger

dieser Karte von 1899 zu Gesicht. Gleichwertig mit je zwei Abbildungen vertreten sind die VillenKolonie und der alte Ortskern von Degerloch. In der Mitte eine Innenansicht der damals noch namenlosen Kirche, der späteren Michaelskirche.

172


O

hne Zahnradbahn und Villenviertel geht es wohl nicht. Als Bildträger dient dieses

Mal ein Eichenblatt. Nehmen wir das Motiv einfach als Erinnerung an die Herkunft des Ortsnamens. Bekanntlich leitet sich das Wort Degerloch von „teger“ und „lohe“ ab, was so viel wie „starker, umfangreicher Wald“ bedeutet.

173


D

ie Ansicht von

Degerloch mit Blick vom Aussichtsturm gibt es auch als schlichte Einzelkarte. Auf der vorliegenden Grußkarte vor 1903 wird sie durch eine Jugendstileinfassung und dem württembergischen Wappen im Prägedruck aufgewertet.

M

it der häufigste

Gruß aus Degerloch ist

die vorliegende Karte von 1897 mit den drei Standartmotiven Zahnradbahn, Villen und Aussichtsturm. Weinlaub und Trauben spielen auf das Bauern- und Weingärtnerdorf an.

174


A

uch die Schreibwaren-

handlung von Gustav Gohl wollte an dem lohnenden Postkartenverkauf partizipieren, und gab deshalb eine eigene Karte im aufwändigen Prägedruck heraus. Das Motiv mit der Partie am „Lindenplätzle“ war geschickt gewählt, denn damit machte er gleichzeitig Eigenwerbung für sein Geschäft.

D

ie gleiche Ansicht auf

einer undatierten Karte, die aber vor der Eingemeindung Degerlochs 1908 entstanden sein muss. Sie hebt sich wohltuend in ihrer künstlerischen Gestaltung und Qualität von den üblichen Grußkarten ab.

175


Danksagung: Der Herausgeber des Buches „Ansichtssache Degerloch“ möchte sich bei all denjenigen bedanken, von denen er bei seiner Arbeit in vielfältiger Weise unterstützt wurde. Dazu gehören zum einen die zahlreichen Leihgeber von interessanten Bildern, die in der eigenen Sammlung nicht vorhanden waren (siehe unten), zum anderen die vielen Degerlocher, die ihm Antworten auf seine Fragen geben konnten. Unter ihnen Dr. Gerhard Raff, dem wohl besten Kenner der Geschichte Degerlochs. Dem Degerlocher Bezirksbeirat und Eberhard Klink danke ich für die finanzielle Unterstützung des Projekts. Der größte Dank gebührt jedoch dem Hutt Verlag, der die Herausgabe des Buches überhaupt erst möglich machte. Zuletzt ist es mir ein Bedürfnis, meiner Frau Elke zu danken, die mit viel Geduld und Verständnis die Arbeit an dem Buch begleitet hat. Literatur-Nachweis: Armbruster, Rolf: Schüler bei der Luftverteidigung ihrer Stadt. Die schwere Flak-Batterie in Stuttgart-Degerloch, Stuttgart 1998 • Degerloch 2000. Damals & heute. 900 Jahre Degerloch. Stuttgart 2000 • Janle, Manfred: Ein Jahrhundert Schulzeiten in Degerloch wie anderswo, Stuttgart 1998 • Keidel, Friedrich: Bilder aus Degerlochs Vergangenheit, Stuttgart 1926 • Knupfer, Hans-Joachim: Die Bahn zur schönen Aussicht. Stuttgarts Zahnradbahn, Stuttgart 2009 • Projektgruppe Geschichte des Wilhelms-Gymnasiums Stuttgart: Geschichte Degerlochs, Stuttgart 1984 • Schoch, Siegfried / Nopper, Frank: Allerlei aus Degerlochs Vergangenheit. Festschrift anlässlich des 75. Jubiläums der Eingemeindung Degerlochs nach Stuttgart, Stuttgart 1983 • Schoch, Siegfried / Nopper, Frank: Liebes altes Degerloch, Stuttgart 1978 • Schoch, Siegfried: Bilder aus Degerlochs Vergangenheit. Zu Papier gebracht im Jahre 1926 von Friedrich Keidel. Durchgesehen und neu hrsg. von Siegfried Schoch, Stuttgart 1986 • SSB 1868.1978. 110 Jahre SSB im Bild, Stuttgart 1978 • 100 Jahre Zahnradbahn 1884-1984. Stuttgart-Degerloch. Die Geschichte der Filderbahn, Stuttgart 1984 • Wais, Karl: Alt-Degerloch. Überblick über die Entwicklungsgeschichte Degerlochs bis zur Eingemeindung, 1974 • Weiterhin wurden verwendet: Verschiedene Adressbücher der Stadt Stuttgart, Festschriften der Degerlocher Firmen, Geschäfte, Vereine, Kirchen und Schulen. Bildnachweis: Rolf Armbruster sen., Degerloch: S. 28 unten, 47 unten, 52 unten, 53 oben, 152, 153, 156-158 • Klaus Braun, Degerloch: S. 73 unten, 146 oben • Lydia Gohl, Degerloch: S. 70 unten • Thomas Ehmann, Degerloch: S. 154; Manfred Janle, Degerloch: S. 11, 122, 124, 125 oben • Archiv Hutt, Degerloch: S. 79 oben, 155 • Stephan Hutt, Degerloch: S. 73 oben • Antiquariat Fritz Keller, Stuttgart: S. 52 oben, 69 unten, 74 links, 76 unten, 80 unten, 88, 108, 111 unten, 135, 138, 168 oben, 170 oben • Julius Krämer, Degerloch: S. 47 (oben) • Prof. Dr. Günther Kurz, Sillenbuch: S. 57 rechts, 58 oben, 134 oben • Adolf Mack, Degerloch: S. 66 unten, 67 • Uli Meyer, Degerloch: S. 72 oben, 102 unten, 113, 143 • Josef Miller: S. 56 unten, 57 links; Dr. Gerhard Raff, Degerloch: S. 26 unten, 43 unten, 146 unten, 159 • Fritz Schmidt, Degerloch: S. 41, 42 oben, S. 134 unten • Stadtarchiv Stuttgart: S. 40 unten (F 3029/1), 151 (F 15727) • Archiv Stuttgarter Straßenbahnen AG: S. 98 (195811, Joachim v. Rohr), 99 unten (19610311, Joachim v. Rohr) • Karl Wais, Degerloch: S. 53 unten • Eberhard Weiss, Degerloch: S. 31, 46 unten, 96 oben • Privat: S. 34 unten, 48, 53 oben, 89, 128 133, 136, 137 rechts, 138 unten, 139, 154, 159 • Alle anderen Bilder stammen aus der Sammlung des Herausgebers. 176


1908


1936


Ansichtssache Degerloch hutt.verlag

Albert Raff ist eigentlich kein typischer Postkartensammler. Aber ein Historiker mit großem Interesse an Degerloch. Da es aber für bestimmte Zeitphasen, die das Buch „Ansichtssache Degerloch“ beleuchtet, keine oder kaum Fotos gibt, hat der ehemalige Schulrektor auf speziellen Messen und Börsen nach Postkarten mit Degerlocher Motiven Ausschau gehalten. In fast 40 Jahren hat Raff über 400 Postkarten zusammengetragen. Einen großen Teil davon hat der Sohn eines Degerlocher Landwirtes für dieses Buch ausgewählt und zur Verfügung gestellt. Mit viel Ortskenntnis führt der Autor und Herausgeber in seinen Texten zu den Bildern von der Vergangenheit in die Gegenwart.

0_Titel_RZ_Test2.indd 1

nsichtssache

Degerloch

Postkarten und Fotos von 1870 -1970 hutt.verlag

10.11.11 11:18

Anssichtssache degerloch  
Anssichtssache degerloch  
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