Issuu on Google+

DER

ALTSTADTBRIEF

33. Jahrgang //// Nr.39 / 2012 ///////////////////////////////// www.altstadtfreunde-kempten.de

F R E U N D E D E R A L T S T A D T K E M P T E N S e.V.

Eine junge „Alt“-Stadt Suttschule: glückliche Schulfamilie • Zukunftsprojekt: Iller erleben • An der Stadtmauer: Sozialbau schließt letzte Lücke • Kempten zur Zeit der Industrialisierung Künstlerhaus: ein Auf bruch • kunstreich: erfolgreich


Vitalisierung Altstadt:

Wir schaffen Platz im Passivhaus an der Stadtmauer

■ ■ ■ ■

2.600 m² attraktive Büroflächen modernes Schulungszentrum im Erdgeschoss trendiges Café am neuen Quartiersplatz bequeme 122 Stellplätze im Parkhaus-Altstadt

INFO-TEL. 08 31 / 25 287-0 // www.sozialbau.de


Inhalt Bericht des Vorsitzenden

4

Man sieht nur mit dem Herzen gut…

11

Iller erleben

13

von Dietmar Markmiller

Eine glückliche Schulfamilie der Suttschule // von Waltraud Sirch-Erdogan Ein Zukunftsprojekt der Stadt Kemptens // von Martin Rist und Martin Gebhardt

Sozialbau stellt Passivhaus „An der Stadtmauer 2-4“ fertig 17 Neuer Quartiersplatz schmückt die Reichsstadt // von Herbert Singer

Kempten zur Zeit der Industrialisierung

20

Das Künstlerhaus: ein Aufbruch

25

Volles Programm

28

Weihnachtsgrüße von den Stiftstadtfreunden

30

Die mechanischen Spinnereien und Webereien an der Iller // von Dieter Schade Ort für Austausch, Verständigung und Kooperation // von Sebastian Kern Galerie kunstreich wird begeistert angenommen // von Stephan A. Schmidt von Ilse Roßmanith-Mitterer

Impressum Der Altstadtbrief, nunmehr im 33. Jahr, erscheint in unregelmäßiger Folge, jedoch mindestens einmal jährlich. Verantwortlich für den Inhalt ist der Vorstand, mit Namen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers wieder. Herausgeber: Freunde der Altstadt Kemptens e.V., Vogtstraße 8, 87435 Kempten, Telefon 0831/29276, Email info@altstadtfreunde-kempten.de Redaktion: Dietmar Markmiller (Vorsitzender), Stephan Schmidt Fotos Titel: Dietmar Markmiller (1), Stadt Kempten (Allgäu) (2), Kees van Surksum (1) Produktion: farbe8 kommunikation Kempten, www.farbe8.com Bankverbindungen: Sparkasse Allgäu, BLZ 733 500 00, Konto 572 40 Allgäuer Volksbank, BLZ 733 900 00, Konto 176 47

www.altstadtfreunde-kempten.de DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

03


Bericht des Vorsitzenden von Dietmar Markmiller

L

iebe Mitglieder und Freunde der Altstadt, das Jahr 2012 war ein Jahr voller Höhen und Tiefen. Am 11. August 2012 ist zu unserem großen Bedauern unser ehemaliger Vorsitzender Hansjürg Hensler verstorben. Er hinterlässt bei uns allen eine große Lücke, die nicht zu ersetzen ist. Hansjürg hat für Kempten so vieles bewegt, sei es in unserem Verein als Erhalter und Entwickler der Altstadt, als Vorsitzender des KLECKS e.V., unter anderem mit dem Jazzfrühling, oder in Gesprächen mit den Verantwortlichen der Stadt. Er war beileibe keiner, der ein Blatt vor den Mund nahm, sondern sich mit Nachdruck für viele positive Dinge in Kempten einsetzte – ohne Rücksicht auf sich selbst. Es ist für mich als Vorsitzender eine Ehre, sein Erbe weiter zu entwickeln und unsere Altstadt in eine substanzerhaltende und dennoch zukunftsorientierte Richtung zu führen.

Großsanierer Sozialbau Zukunftsorientiert ist auch einer der 04

DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

wichtigsten Großsanierer in unserer Altstadt: die Sozialbau. Sei es durch den Kauf des vormaligen 4P-Hauses oder Altstadtcenters, dessen mittlerweile begonnene Sanierung und der daraus entstehenden Nahversorgung für unsere Altstadt. Dies ist für alle Altstadtbewohner ein Meilenstein. Auch die Fertigstellung des Passivhauses auf dem ehemaligen Sixt-Gelände ist an dieser Stelle besonders zu erwähnen, da dies mit dem richtigen Augenmaß für eine Erhaltung des Altstadtbildes, an einer der prägnantesten Straßen der Altstadt vollzogen wurde. Auch die Entscheidung, die Straße „An der Stadtmauer“ entsprechend zu sanieren, kann von uns nur begrüßt werden. Hier wurden Anwohner sowie Hausbesitzer mit eingebunden und konnten Ihre Meinungen und Ideen einbringen. Dies ist der richtige Weg, um möglichst viel Konsens für Maßnahmen solcher Art zu erhalten. Auch eine Sanierung der Schützenstraße wurde bei diesem Treffen auf den Weg gebracht, obwohl dies ursprünglich nicht vorgesehen war. Alle Anwesenden waren sich sehr schnell einig, den unebenen Belag der Schützenstraße ebenfalls so zu gestalten, dass alle Nutzer einem sicheren Tritt entgegen sehen können. Auch der schnellen Zusage seitens Bauausschuss


und Stadtverwaltung, dies umzusetzen, gebührt hier eine Erwähnung. Erfreut sind wir auch, dass durch den Kauf des Künstlerhauses durch die Sozialbau und der daraus einhergehenden Sanierung der von uns geforderte Erhalt dieses ehrwürdigen Hauses vollzogen wurde. Seitdem sich nun der Künstlerhaus e.V. und der neue Besitzer bezüglich Vermietung einig geworden sind, spürt man dort zusätzliche Impulse in verschiedenste Kunstund Kulturkategorien. Man merkt, dass dort Menschen ebenso engagiert an ihre Sache glauben, sich für ihre Belange einsetzen und nicht nur für sich selbst einen Mehrwert schaffen wollen, sondern dass diese Aktivitäten einer ganzen Stadt zu Gute kommen. Macht weiter so! Besonders freut uns, dass weiterhin private Personen in die Altstadt investieren und alte Häuser in neuem Glanz erstrahlen lassen. Dies zeigt eindeutig, dass unsere Altstadt an Attraktivität enorm gewonnen hat.

Eine junge „Alt“-Stadt So passen die zukunftsorientierten Investitionen in die Suttschule und damit unmittelbar in die Bildung unserer Kinder hervorragend in das Bild. 2012 wurde der letzte Bauabschnitt begonnen, und aktuell nimmt die Sporthalle

immer mehr Formen an. Das wird für die Kinder der Suttschule nächstes Jahr bestimmt ein Riesenereignis, wenn Sie das erste mal in oder auf dem Dach der Sporthalle den Bällen hinterherjagen. Auch für die Kleinsten unter uns sieht es mit dem ­ Neubau der Kita Oberlinhaus in der Altstadt positiv aus, ab Juli 2013 können sie dann in neuen Räumen umhertoben. Beide Investitionen sind sicherlich ein weiterer Anreiz für junge Familien, unsere Altstadt als attraktives Domizil für sich zu entdecken.

Bau der Kita Oberlinhaus

Da ich gerade in dieser Ecke bin, fällt mir das Boleitestäffele ein: Bereits auf den Jahreshauptversammlungen 2011 und 2012 haben wir auf die Sanierungsdringlichkeit hingewiesen. Auf der diesjährigen Versammlung wurde DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

05


sogar zugesagt, dass Mittel bereitgestellt wurden und die Sanierung 2012 vollzogen werde. Als ich Ende September dort vorbei spazierte, dachte ich mir: Na, das wird dieses Jahr wohl wieder nix mehr. Ein paar Tage später las ich in der Zeitung „Sanierung an der Boleite begonnen“. Und was soll ich nun sagen: Die Bauarbeiten sind bereits wieder abgeschlossen, und man kann nun mit jedem Schritt behaupten „gut gemacht“. Eine Anregung noch: Es wäre sicherlich sinnvoll, zwei weitere Laternen anzubringen, um diesen Bereich übergreifend auszuleuchten. Gut gemacht, könnte man auch zu einem Teil der Bahnhofstraße sagen und zu dem Beschluss, dass sie Fußgängerzone werden soll. Was aber soll das für eine „Fußgängerzone“ sein, wenn hier der Linienverkehr weiter durchgeführt wird und einem beim Schlendern ein Bus im Nacken hängt – und das bis zu achtmal in einer Stunde. Zudem gilt in einer Fußgängerzone, wenn andere Verkehrsteilnehmer durch eine Ausnahmeregelung freigegeben sind, dass diese den Fußgängern gegenüber untergeordnet sind. Das 06

DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

heißt, die Busse müssen Rücksicht nehmen, Ihre Geschwindigkeit anpassen und wenn nötig warten. So kann es unter Umständen zu Zeitverzögerungen im Fahrplan kommen. Also warum nicht gleich den gleichen Weg nehmen wie die Autos, denn dass die Alternativstraßen aufgrund der durchgeführten Analyse dies ohne Probleme verkraften, ist belegt. Überlasst den Fußgängern die Fußgängerzone! Alles andere macht nicht wirklich Sinn. Ich nehme sie nun mit zu einem der schönsten und ganzjährig sonnenreichsten Plätze Kemptens, dem St.Mang-Platz. Alle, die jetzt denken, na, das muss er ja als Vorsitzender der Altstadtfreunde sagen, antworte ich: Richtig, müsste ich, nur – ich sage das aus voller Überzeugung, denn ich genieße die unterschiedlichsten Arten, einen Platz zu erleben. Die letzten Sonnenstrahlen, die zu verschiedenen Tageszeiten herrschende Ruhe oder Gespräche, die sich ergeben. Wann waren Sie zuletzt auf unserem von Bürgern gestalteten St.-Mang-Platz? Vielleicht waren Sie ja einer der zahlreichen Besucher des diesjährigen Altstadtfests mit Kindertag, das aus wetterbedingten Gründen leider ab 15 Uhr abgebrochen werden musste. Bis dahin haben BERICHT DES VORSITZENDEN


wir viele glückliche Kindergesichter gesehen, die mit Begeisterung bei den Tanzvorführungen oder den zahlreichen Attraktionen dabei waren. Auch der sehr erfolgreiche „Sozialbau Soccer Cup“ am 23.06.2012 mit 14 Teams der E- und F-Junioren und rund 130 Kindern beweist uns allen, dass der Platz enorme Möglichkeiten bietet, und dass qualitativ anspruchsvolle Veranstaltungen das ideale Mittel sind, unseren St.-Mang-Platz weiter zu beleben. Aus diesem Grund hatten wir bereits in der JHV 2012 eine Ideensammlung vorgestellt, die wir mit unseren Kooperationspartnern nun verfeinert haben, und damit die nächsten Schritte einleiten werden.

erfuhr. Dort wurde unter anderem erläutert, Teilprojekte heraus zu nehmen, um diese effektiver planen zu können. Das Teilprojekt „Altstadtpark“ wurde wiederum mit einem eigenen Stand auf der Festwoche der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Stand-Team aus Mitarbeitern der Stadtverwaltung, Illersurfern und den Altstadtfreunden führte täglich zahlreiche Gespräche, wir kamen teilweise mit unseren Erläuterungen kaum hinterher, so groß war der Andrang an unserem Stand. An dieser Stelle ein besonders Lob an Frau Julia Reichart vom Tiefbauamt für die Organisation. Ich persönlich nutzte diese Gespräche gezielt, um die Einstellung der Bevölkerung mitzubekommen, und kann mit Fug und Recht behaupten, die Kemptener/Innen wollen Ihre Iller er-

Ein Highlight des Jahres war sicherlich wieder das von uns ins Leben gerufene Projekt „Iller erleben“. Anfang des Jahres fand die Präsentation der einzelnen Planungsbüros statt, alle lieferten beachtliche Ideen und beeindruckten durch ihre Identifikation mit dem Thema „Iller erleben“. Letztendlich hob sich die Arbeit der „Narr Rist Türk Landschaftsarchitekten“ ab, die dann im Stadttheater der Bevölkerung vorgestellt wurde und Iller erleben auf der Festwoche: Das Stand-Team aus von ihr große Zustimmung Stadtverwaltung, Illersurfern und den Altstadtfreunden BERICHT DES VORSITZENDEN

DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

07


lebbarer haben und stehen hinter dem Projekt „Iller erleben“. Während dieser intensiven Gespräche nutzte ich die Möglichkeit, unser nächstes Thema „Burghalde aktivieren“ gezielt anzusprechen. Unser Ansatz besteht darin, die Burghalde zu einem Naherholungsbereich mit Qualitätsgastronomie und einem kleinen kulturellen Programm zu entwickeln. Die Bürger/Innen Kemptens gehen mit unserer Forderung, die Burghalde zu aktivieren, konform und wünschen sich, dass dies kurzfristig seitens der Stadt angegangen wird. Viele Aussagen bezogen sich darauf, dass es absolut nicht verständlich ist, dieses Kleinod über Jahre (Jahrzehnte) hinweg brach liegen zu lassen und nur das Notwendigste zu unternehmen. Auch von Anwohnern der Burghalde habe ich eine Email zum Thema „Iller erleben“ und „Burghalde aktivieren“ bekommen. Sie äußerten sich positiv darüber, dass im „Altstadtpark“ verschiedene Maßnahmen umgesetzt werden sollen und empfahlen, das eventuell angedachte Cafe im Pumpenhaus nicht umzusetzen, da in unmittelbarer Nachbarschaft bereits genügend Gastronomie existiere und zugunsten einer höheren Attraktivität der Burghalde keine Konkurrenz zum dortigen Biergarten entstehen soll. Sie schrieben 08

DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

zudem, „vielmehr sollte der Vorschlag von den Altstadtfreunden, die Attraktivitätssteigerung der Burghalde, in diesem Zusammenhang möglichst rasch umgesetzt werden. Damit würde dieser historische Teil Kemptens besser ins Bewusstsein der Besucher rücken und die vorhandene Gastronomie auf der Burghalde gestärkt und hoffentlich verbessert werden.“ Das ist aktive Bürgerbeteiligung! Die diesjährige Begehung der Burghalde durch den SPD-Kreisvorstand und den Altstadtfreunden entstand bei einer Vorstellung unseres Konzeptes „Burghalde aktivieren“ bei der SPD-Stadtratsfraktion. Hier zeigt sich, dass auch Förderer seitens der Politik vorhanden sind, die das Potential der Burghalde erkennen und unterstützen wollen. Einen ausführlichen Bericht darüber sendete das TV Allgäu. Bezüglich Konzept und Arbeitsgruppe „Burghalde aktivieren“ starten wir erneut im Januar 2013, nun aber auf den Grundlagen der vielen vorangegangenen Sitzungen. Wir halten Sie auf dem Laufenden! Eine der Straßen an der Burghalde ist die Brennergasse, die seit geraumer Zeit unter einem Verkehrsproblem leidet: willkürliches Parken und zu schnelles Fahren. Dass sich dies nicht auf die Brennergasse beschränkt, sonBERICHT DES VORSITZENDEN


dern ein generelles Problem in diesem Bereich darstellt, wurde bei dieser Begehung ersichtlich. Hier wurde von uns angeregt, mit den betroffenen Bürgern zu erörtern, welche Maßnahmen eine Linderung erzielen könnten. Ebenso wurde von den Anwesenden der Begehung eine Messung der Geschwindigkeit durch die Verwaltung gefordert. Deren Ergebnis liegt nun vor und ist eindeutig: Schrittgeschwindigkeit ist ein Fremdwort! Im ersten Halbjahr 2013 wollen wir gemeinsam einen Bürgertreff organisieren, um mit den Bewohnern eine Lösung zu finden; der Termin wird noch bekannt gegeben. Schrittgeschwindigkeit beinhaltet auch die Idee der Grünen, einen Teil der Kronenstraße als Fußgängerzone auszuweisen. Der Grundgedanke, den Verkehr in diesem Bereich zu reduzieren, ist nachvollziehbar und hat sicher seinen Reiz. Nur wo sind die konkreten Vorschläge? Einfach eine Idee in dem Raum zu werfen und das war’s!? Welche Alternativen gibt es denn zur Umleitung des aus der Rottachstraße oder dem Freudenberg kommenden Verkehrs? • Illerstraße • Am Pfeilergraben Die Erste verlagert den Verkehr innerhalb der Altstadt nur – und zwar in die sowieso überlastete Illerstraße. Die Zweite erhöht den Verkehr massiv gen Residenzplatz und Hildegardplatz. BERICHT DES VORSITZENDEN

Als dritte Alternative könnte man die Rottachstraße als Einbahnstraße stadtauswärts umstrukturieren. Damit aber würde die Memmingerstraße überlaufen. Eine spontane Eingebung: Jawoll, wir öffnen die Königstraße Richtung Residenzplatz wieder, dass entlastet sicherlich den Verkehr in der Kronenstraße! Nein, geht ja auch nicht, die ZUM wird ja bis 2015 umgebaut und erweitert. Dieses Spiel könnte ich unendlich fortsetzen – gar nicht so leicht, die optimale Lösung zu finden. Umso gespannter sind wir auf das Gesamtverkehrskonzept der Stadt Kempten. Schauen wir mal, welche Überraschungen es parat hält. Erfreulich sind die Pläne des AÜW, das soziale Rathaus und dessen Vorplatz auf Vordermann zu bringen, und auch die Idee des Tiefbauamtes, die Gerberstraße (Kronenstraße in Richtung Illerstraße) in einem Aufwasch mitzugestalten. Wir können nur an die Verantwortlichen des Stadtrates appellieren, dies in einem Guss durchzuführen und nicht, wie man hört, Stück für Stück. Gerade vor dem Hintergrund, dass die Sozialbau die in die Jahre gekommenen Garagen ersetzen möchte und derzeit Planüberlegungen entwickelt, diese städtebauliche Lücke mit einem passenden, altstadtverträglichen Haus aufzuwerten. Wir können nur empfehlen, dass mit allen Beteiligten DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

09


10

gesprochen wird und es eine große Lösung gibt.

erfolgreich bis zur Festwoche 2013 umgesetzt wird.

Wildbieseln, das Wort kennt bestimmt jeder in Kempten und bringt es mit der Allgäuer Festwoche in Verbindung. Seit 2010 weisen wir eindringlich in unseren Altstadtbriefen darauf hin, dass es ein Toilettenproblem aus unterschiedlichsten Gründen gibt: Seien es zu wenig Toiletten oder einfach nicht mehr nutzbare, weil entweder kein Licht funktionierte oder sie verstopft waren. Wie soll dann noch die Sauberkeit gewährleistet werden, wenn die Reinigungskräfte aufgrund des Andrangs gar nicht mehr mit dem Putzen nachkommen? Im August 2012 wurde das Problem nun auch bei den Verantwortlichen bekannt. Gratulation! Wir empfehlen den Altstadtbrief zu lesen. Im August stand in der AZ, dass es mit zwei zusätzlichen Toilettencontainern nicht einfach getan sei, da die Wasserversorgung im Stadtpark am Limit sei. Im November stand dann in der AZ, es sei bekannt, dass die WCAnlagen nicht ausreichten und man das Problem in Angriff nehmen werde. Da sind wir aber mal gespannt, wie das mit der Wasserversorgung klappen wird. Falls es noch keine Idee dazu gibt, empfehlen wir zu prüfen, ob nicht mit dem Umbau des Hildegardplatz zusätzliche Leitungen in den Stadtpark gelegt werden können. Wir hoffen, dass das

Umgesetzt wurde mit der Galerie „kunstreich“ in der Schützenstraße 7 eine kulturelle Bereicherung für die Altstadt durch den Künstlerverein artig, wie sie es auf unserer Jahreshauptversammlung 2012 präsentiert hatten. Ein kontrastreiches Programm sorgt nun seit April für gut besuchte Vernissagen und Veranstaltungen. Wir können nur empfehlen, nach einem Spaziergang über den schönen St.-Mang-Platz die kostenlosen Ausstellungen zu besuchen und sich selbst einen Eindruck zu verschaffen. Wir freuen uns auf das Programm 2013 und wünschen weiterhin viel Erfolg.

DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

Der Vorstand wünscht Ihnen und Ihren Familien besinnliche, erholsame Weihnachten. Nehmen Sie sich Zeit für sich selbst und Ihre Liebsten, genießen Sie die Feiertage und rutschen Sie gut ins neue Jahr hinüber. Herzlichst – Ihr Dietmar Markmiller Vorsitzender der Freunde der Altstadt Kemptens BERICHT DES VORSITZENDEN


Man sieht nur mit dem Herzen gut… Eine glückliche Schulfamilie der Suttschule von Waltraud Sirch-Erdogan

S

eit mehr als 20 Jahren lagen Pläne für einen Neubau der Suttschule im Gebiet des früheren Gaswerks beim Pumpenhaus vor. Immer wieder musste die Realisierung aus finanziellen Gründen verschoben werden. Obwohl Anfang der Neunziger Jahre sogar über eine mögliche ersatzlose Streichung der Schule gesprochen wurde, dachten vor circa sieben Jahren Oberbürgermeister Dr. Netzer, Benedikt Mayer, Referent für Jugend, Schule und Soziales, Hans Henkel, A mt s l e i t e r des Hochbauamtes, und die Schulleitung über eine optimale Lösung nach. Zunächst musste geklärt werden, ob ein Neubau oder die Generalsanierung der bestehenden Gebäude sinnvoller sei. Gemeinsam wurde entschieden, den bisherigen historischen Standort der

Suttschule beizubehalten und durch eine umfassende Renovierung die Häuser Kronenstraße 1 und 3 so zu gestalten, dass sie den heutigen Anforderungen an eine moderne Schule entsprechen. Die einzige Altstadtschule wurde dadurch nicht völlig an der Rand des Schulsprengels verlagert, sondern bleibt für alle Grundschüler – auch nach den letzten Sprengeländerungen – zu Fuß erreichbar.

Lars: „Meine Mama und mein Bruder waren auch in dieser Schule, aber ich habe die tollste Suttschule von unserer Familie.“ Die gesamte Schulfamilie freut sich, dass die Renovierung nun abgeschlossen und wirklich gelungen ist. Man erhielt den Charme des denkmalgeschützten Gebäudes Kronenstraße 1 und kam gleichzeitig der Forderung nach funktionellen, modernen Räumen nach. Die Schüler werden in hellen, freundlichen großen Klassenzimmern unterrichtet. Von den 253 Mädchen und Buben verbringen 186 einen GroßDER ALTSTADTBRIEF 39/2012

11


wurden mit einem großen Herzen für Kinder geplant und gestaltet. Ein Höhepunkt der Baumaßnahmen war sicher die Verbindung der beiden Häuser durch teil des Tages in Ganztagsklassen oder der verlängerten Mittagsbetreuung, sie „leben“ hier. Man sieht nur mit dem Herzen gut: Die Stadt Kempten hat keine Kosten und Mühen gescheut und hier ein wirkliches Kleinod geschaffen. Die beiden Gebäude selbst, aber auch die Ausstattung

Waltraud Sirch-Erdogan: „Ich habe das absolut schönste Büro der Stadt Kempten.“

12

DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

Jana: „Seit die Schule umgebaut wurde, ist es in den Klaßzimmern viel heller und freundlicher. Da kann man besser lernen.“ die Brücke. Dadurch können die Schüler alle Funktionsräume, Küche, Speisesaal und Mittagsbetreuung barrierefrei und trockenen Fußes erreichen. Kinder und Lehrer warten nun sehnsüchtig auf die Fertigstellung Turnhalle, die ein bespielbares Dach haben wird, und auf die Gestaltung der Außenanlagen.

EINE GLÜCKLICHE SCHULFAMILIE DER SUTTSCHULE


Iller erleben Ein Zukunftsprojekt der Stadt Kempten von Martin Rist, Landschaftsarchitekt & Stadtplaner, Martin Gebhardt, Architekt & Stadtplaner

S

chon seit einiger Zeit beschäftigen sich die Stadt Kempten und ihre Bürgerinnen und Bürger mit der Idee, ihre Stadt wieder mit der Iller zusammenzuführen. Ziel der Überlegungen war es dabei von Anfang an, den Übergang vom Stadtraum in den Landschaftsraum, sozusagen die „Durchlässigkeit“ für Fußgänger und Radfahrer zu verbessern und das Nutzungsangebot zu erhöhen.

Die Ausgangssituation Im Herbst 2011 sowie im Frühjahr 2012 führte die Stadt Kempten ein beschränktes Gutachterverfahren mit vier Landschaftsarchitekturbüros durch, um – basierend auf einer Ideensammlungen der Altstadtfreunde Kempten – Konzepte für die Öffnung der Stadt zur Iller zu erhalten. Aus diesem Verfahren ging die ARGE Rist / NRT und Gebhardt als Sieger hervor. Eine Bürgerinformation im April 2012 ergab ein positives Feedback für das Konzept, auch der Planungs- und

Bauausschuss bestätigte den Masterplan der ARGE. In der Folge wurden von Seiten der Stadt Kempten erste Themenfelder skizziert, mit denen ein Einstieg in das umfangreiche Projekt möglich erschien. Ziel ist es dabei, im Jahre 2012 / 2013 Planungsprozesse einzuleiten, welche spätestens 2014 in einer Baudurchführung münden können. Während der Allgäuer Festwoche konnten sich die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Kempten bereits in einem eigenen Zelt ausführlich über das Projekt informieren. Im Folgenden sollen nun einige Teilbereiche umrissen werden, in denen die Planung bereits im Gange oder zumindest projektiert ist:

Altstadtpark Der Altstadtpark – also der Übergangsbereich von der Burghalde zur Iller auf Höhe des alten Pumpwerkes – verkauft sich zurzeit weit unter Wert als Restgrünfläche, Parkplatz, Verkehrsraum, verschattet durch dichten Baumbewuchs, abgeschirmt durch einen Erdwall vom Fluss. Die internen Wegebeziehungen sind nicht optimal, großzügige Aufenthaltsbereiche gibt es nicht. Die Unübersichtlichkeit führt DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

13


auch zu einer problematischen Nutzung des Geländes. Die eigentlichen Hauptnutzergruppen – Eltern mit ihren Kindern – meiden weitgehend das Areal. Das Konzept der Autoren schlägt zur Verbesserung der Situation folgende Maßnahmen vor: • Öffnung des Bewuchses zum Fluss • Zurückverlegen des Dammes • Optimierung der Wegeführung von der Burghalde Richtung Iller • platzartige, repräsentative Aufweitung am Illerufer mit Sitzmöglichkeiten • Umnutzung des Pumpenhauses (z.B. als Café), Gestaltung des Vorfeldes als Sonnenterrasse • Neugestaltung des Spielplatzes • neue Trassenführung des Iller-Radweges auf dem Uferweg • Sitzstufen zur Iller • möglicher Anlegeplatz für eine Fähre, Ausgangspunkt Verbindung zum Ostufer

Umfeld Illersteg Das Umfeld des Illersteges beidseits der Iller ist zweifellos ein Kernstück des Masterplanes „Iller erleben“. Dieser Raum rückt jetzt erfreulicherweise in den Fokus des Geschehens und soll in den nächsten Monaten konkretisierend untersucht werden. Teilaspekte dieses Planungsbereiches sind: 14

DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

NEUER SEITENARM DER ILLER Um die Palette der ökologischen, wasserwirtschaftlichen und erholungsbezogenen Nutzungsmöglichkeiten an der Iller zu entwickeln und viele Forderungen und Wünsche der Kemptener Bürger zu erfüllen, ist ein neuer Seitenarm nordöstlich der St. MangBrücke bis zum Illersteg geplant: Dort kann ein schmales, verschattetes Vorland aufgelöst und dem Fluss-Profil gewinnbringend zugeschlagen werden. Die Böschung des Illerdammes zum Vorland wird somit zum neuen Flussufer. Es verbleibt zwischen dem alten Illerbett und dem neuen Seitenarm ein Inselstreifen mit dem ehemaligen uferbegleitenden Gehölzstreifen. ERNEUERUNG ILLERSTEG Der derzeitige Illersteg (Jahnsteg) ist architektonisch, konstruktiv und hochwassertechnisch verbesserungswürdig und sollte deshalb ersetzt werden. Durch eine Verlängerung nach Osten könnte der neue Seitenarm unter der Brücke hindurch geführt werden (derzeit gründet die letzte Stütze im Vorland, und nicht in der Fluss-Sohle). Der Steg könnte eine etwas direktere Ausrichtung hin zum Stadttheater erhalten, um zusammen mit den dort geplanten Maßnahmen zu einer deutlichen Aufwertung des städtebaulichen Umfeldes und des Altstadtbezuges ZUKUNFTSPROJEKT ILLER ERLEBEN


beizutragen und eine gestalterische und funktionale Klammer zwischen den beiden Flussufern herzustellen. Die architektonische Qualität des Steges sollten dabei seiner überragenden funktionalen Bedeutung entsprechend ausgebildet werden, die HochwasserTauglichkeit der Stützen und ihrer Fundamente muss dabei verbessert werden (möglichst ungehinderter Abfluss von Treibgut).

NEUES CAFE Am östlichen Ende des neuen Illersteges soll ein neues Cafe seinen Platz finden. Das Cafe wird dabei auf Höhe des Illerdammes errichtet werden: es ist also hochwasserfrei und hat – bedingt durch die Lage am neuen Seitenarm dennoch eine unmittelbare Nähe zum Wasser. Es gibt bereits einige Anfragen von interessierten Unternehmern für die Realisierung dieses Teilprojektes.

DIE STEHENDE WELLE Die „Stehende Welle“ für die Kemptener Surfer könnte nach dem Konzept der Autoren ohne technisches oder maschinelles Equipment dauerhaft allein mit tiefbau- bzw. wasserbautechnischen Mitteln angelegt werden. Sie soll als S-förmige Bodenwelle aus Beton unmittelbar nördlich des erneuerten Illersteges zwischen zwei Brückenstützen ausgeformt werden. Durch den neuen Seitenarm der Iller, welcher sich auf Höhe des Illersteges zu dem röhrenartigen Strömungskanal verengt, soll dabei genügend Wasser in den Kanal gedrückt werden, um die charakteristische stehende Welle zu erzeugen, wie man sie z.B. vom Eiskanal im Englischen Garten in München kennt. Für die Umsetzung der Idee ist die Zusammenarbeit mit Fachleuten geplant, welche bereits Erfahrung beim Bau von solchen Wellenanlagen sammeln konnten.

STADTBALKON AM STADTTHEATER Um die Altstadt funktional und gestalterisch zum Illerufer zu öffnen und im Bewusstsein der Kemptener Bürgerinnen und Bürger nachhaltig zu verankern, soll ein neuer Stadtbalkon am Stadttheater zukünftig das Gesicht und die Qualität der Altstadtperipherie definieren. Diesen Stadtbalkon muss man sich als einen über die Straße ausgreifenden, bis ans Illerufer erweiterten Vorplatz des Stadttheaters vorstellen. Eine hochwassersichere Brüstungsmauer ersetzt den sichtbehindernden Erdwall und schiebt sich über die Böschungskante hinaus selbstbewusst in das Profil des Flusses. Das Stadttheater als Brückenkopf der Altstadt und der Flussraum werden eins.

ZUKUNFTSPROJEKT ILLER ERLEBEN

NEUORDNUNG ILLERVORLAND (ILLERWIESEN) Die Illerwiesen, das Vorland der Iller, bleiben in ihrer Funktion als zentraDER ALTSTADTBRIEF 39/2012

15


les Naherholungs- und Sportgelände der Stadt Kempten in unmittelbarer Altstadtnähe erhalten. Sie sollen im Zuge der Umgestaltung des Umfeldes Illersteg jedoch neu strukturiert werden, um eine verbesserte Nutzung zu ermöglichen. Folgende Nutzungsbereichen sind (von Süd nach Nord) geplant: • Slacken und Chillen (incl. Beachvolley), zugeordnet zum Surferbereich unmittelbar am neuen Illersteg und dem neuen Cafe • Kinderspielbereich für alle Altersgruppen bis 12 Jahre • Ruhewiese / Liegewiese • Bolzfeld • extensive Wiese im Norden (weiterhin mit Dirtbiker-Trail) • im Anschluss daran nach Norden ökologischer Bereich NEUKONZEPTION PARKPLATZ WOHNMOBILE Für die Wohnmobile existieren bereits konkrete Überlegungen der Stadt am derzeitigen Standort für eine opti-

16

DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

mierte Anordnung der Stellplätze im Südwesten des Stadions. Die Planer sind beauftragt, dieses Konzept weiter auszuarbeiten; unter anderem soll – bei einer gestalterisch hochwertigen Ausformulierung – mehr Platz für die Wohnmobile geschaffen werden, die vor allem auch eine multifunktionale Nutzbarkeit (Weiternutzung als PKWParkplätze in der Wintersaison) ermöglichen. EISSTOCKBAHNEN Die bestehenden Bahnen der Stockschützen im Illervorland unmittelbar nördlich des Illersteges müssen für die Neukonzeption des Umfeldes versetzt werden. Der im Masterplan der Autoren vorgesehene Standort für die Eisstockschützen südlich des Stadions ist aber – vor allem wegen der Lärmproblematik zur angrenzenden Wohnbebauung – nicht realisierbar, so dass zurzeit neue Standorte im Dialog mit den Stockschützen intensiv untersucht werden.

ZUKUNFTSPROJEKT ILLER ERLEBEN


Sozialbau stellt Passivhaus „an der Stadtmauer 2-4“ fertig Neuer Quartiersplatz schmückt die Reichsstadt von Herbert Singer

M

it dem ersten zertifizierten Passivbürohaus im Zentrum der historischen Reichsstadt schließt die Sozialbau die letzte Lücke im Quartier „Schwanengelände“. Damit wird die städtebaulich so wichtige Revitalisierung der Altstadt von der Burgstraße bis zum neu gestalteten St. Mang-Platz eindrucksvoll abgeschlossen. Die Brache der 1980er/1990er Jahre ist endlich Geschichte. Mit qualitätsvoller Archi-

tektur bilden „Unter der Burghalde“ – dem ältesten Teil der rund 2000 Jahre alten Stadt Kempten – neue Büro- und Dienstleistungsgebäude den städtebaulich attraktiven südwestlichen Abschluss des mittelalterlichen Altstadtquartiers, dem damit wieder Kontur und Vitalität verliehen wird. Seit Sommer 2011 baut die Sozialbau auf dem ehemaligen Sixt-Gelände zwischen dem denkmalgeschützten Sänger-Haus und der Soloplan den vierten DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

17


Das Schwanengelände von oben, im Herzen der Altstadt

Bauabschnitt „An der Stadtmauer 2-4“. Mit dem innovativen Neubau wird ein zukunftsträchtiges Musterprojekt verwirklicht: das erste zertifizierte Passivbürohaus in Kemptens Altstadt. Bis zum Jahresende 2012 werden rund 2.600 m² Bürofläche auf drei Geschossen für rund 150 Arbeitsplätze, ein Schulungszentrum und ein Café bezogen sowie 50 TG-Stellplätze fertig gestellt. Die Sozialbau investiert hier rund sieben Millionen Euro.

Spannungsreiche Architektur Das Bürogebäude erzeugt einen Uförmigen kleinen Quartiersplatz. Es akzentuiert damit das äußere Erscheinungsbild und interpretiert gleichzeitig mit spannungsreicher Lochfassade die Reichsstadt neu. Die Umsetzung dafür basiert auf einem städtebaulichen Ideenwettbewerb mit zwölf eingeladenen Architekturbüros und der Realisierung des Siegerent18

DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

wurfs des Architekturbüros Huber aus Betzigau.

Siemens wird Hauptmieter Im barrierefreien Gebäude befinden sich Büroräume, ein großzügiger lichtdurchfluteter Eingangsbereich mit Empfang, ein Ausstellungsfoyer und mehrere individuell teilbare Schulungsräume. Belebt wird das Angebot durch ein Café. Die Büroetagen auf drei Geschossen bieten vielfältige Nutzungen von ca. 50 m² bis ca. 700 m² im Sinne eines Gründer- und Innovationszentrums. Alle Büros sind zentral an die zugehörende Tiefgarage mit 50 Stellplätzen und die Quartiersgarage mit 72 Stellplätzen angebunden. Bis zum Bezug des ersten zertifizierten Passivbürohauses in Kempten – Hauptnutzer ist die Firma Siemens – wird die Sozialbau insgesamt rund 20 Millionen Euro in die vier Bauabschnitte bis zum Abschluss des Projekts auf dem SchwaPASSIVHAUS „AN DER STADTMAUER 2-4“


nengelände im Herzen der Altstadt investiert haben. Die Gebäude setzen „architektonische Ausrufezeichen“ zur gelungenen Vitalisierung des gesamten

Quartiers mit insgesamt ca. 350 neuen Arbeitsplätzen, 8.700 m² modernen Büroflächen und 180 Tiefgaragen-Stellplätzen in der Reichsstadt.

Frischzellenkur für das Altstadt-Center Für das in die Jahre gekommene ehemalige 4P-Haus an der Kronenstraße beginnt eine neue Ära. Die Sozialbau hat das Anwesen 2011 erworben und modernisiert seit September 2012 im Altstadt-Center zunächst das Erdgeschoss mit rund 1.150 m² Gewerbefläche ganzheitlich.

Feneberg kommt in die Altstadt Dort wird als neuer Magnet die Firma Feneberg die wichtige Nahversorgung für die Altstadt übernehmen. Die Fassade bekommt im Erdgeschoss eine neue Gestaltung und präsentiert sich künftig transparent und attraktiv. Hinter der Fassade wird die Firma Feneberg mit seinem City-Konzept auf rund 800 m² die wertvolle Versorgung mit dem täglichen Einkaufsbedarf für rund 5.000 Altstadtbewohner ab Frühjahr 2013 verbessern und damit frischer und attraktiver gestalten. Das etablierte Laufsportgeschäft Saukel wird bis März 2013 auf etwa 250 m² vergrößert und so seinen KunPASSIVHAUS „AN DER STADTMAUER 2-4“

den ein noch attraktiveres Angebot in den neuen Räumlichkeiten anbieten können. Die frühere, dustere Passage fällt weg. Auch die Stadtverwaltung profitiert von der „Frischzellenkur“ erheblich. Der neue, attraktive Eingang von der Kronenstraße lädt den Bürger in den neu gestalteten Empfangsbereich ein. Damit hat die bisherige Hinterhofsituation ein Ende. Mit erheblichem baulichen und finanziellen Aufwand wird eine bodengleiche Barrierefreiheit vom EG bis zum 7. OG hergestellt. Künftig sind die Referate „Planen, Bauen, Verkehr“, „Wirtschaft, Kultur, Verwaltung“ und „Umwelt“ für den Bürger gebündelt im Altstadt-Center über einen zentralen Empfang aufzufinden. Im ersten Bauabschnitt investiert die Sozialbau rund 1,5 Millionen Euro, später werden die technische Ertüchtigung der Bürostruktur und die 19 Stadtwohnungen auf einen zeitgemäßen Stand gebracht. DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

19


Kempten zur Zeit der Industrialisierung Die mechanischen Spinnereien und Webereien an der Iller von Baudirektor a.d. Dieter Schade

J

eder Ort in Kempten hat seine Vergangenheit: wie er erdgeschichtlich entstanden ist, wie er durch historische Ereignisse geprägt wurde und wie er von Menschen nach seinen Interessen und Bedürfnissen geschaffen und immer wieder verändert wurde – das wollen wir immer dann wissen, wenn durch bauliche Eingriffe der Ort umgestaltet wird. Jüngstes Beispiel ist der unterirdisch verlaufende Schlangenbach, der bei den Bauarbeiten für die Neugestaltung des Hildegardisplatzes freigelegt wurde und die Bürger der Stadt herausgefordert hat, etwas über seine frühere Bedeutung zu erfahren.. Ein solcher Ort ist auch das bauliche Ensemble der ehemaligen Spinnereiund Webereigebäude mit ihren Kraftwerken und Brücken an der Iller unterhalb der drei hohen Brücken zwischen Seuterstraße und Füssener Straße. Von dem ehemals bedeutendsten Industriestandort Kemptens sind nur noch die Gebäude übrig geblieben. Die Produktion wurde Ende des letz20

DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

ten Jahrhunderts eingestellt. In die am Ostufer unter Denkmalschutz stehenden Fabrikgebäude werden Wohnungen eingebaut. Das AÜW hat ein futuristisches Kraftwerk an der Keselstraße errichtet, das über 100 Jahre alte zweite Wasserkraftwerk an der Füssener Straße im renovierten Zustand wieder in Betrieb genommen und die Wehranlage in der Iller saniert. Für weitere Gebäude am Westufer wird noch nach einer künftigen Nutzung gesucht. Dies gilt insbesondere für die derzeit leerstehende zweigeschossige Fabrikhalle mit ihrer denkmalgeschützten Fassade und einer Gesamtfläche von 15.000 qm. Dieser Beitrag lädt ein zu einer Zeitreise in die jüngere Vergangenheit Kemptens, genauer gesagt in die Industriegeschichte der Stadt vor 200 bis 100 Jahren.

Die Industrie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Mit der Eingliederung Kemptens in den straff organisierten, zentralistischen Staat Bayern geriet Kempten in eine Randlage, die erst durch den Anschluss der Stadt


an die 565 km lange „Ludwig-Süd-Nordbahn“ im Jahr 1852 gemildert wurde. Bayerns Wirtschaftsstruktur war damals stark bäuerlich geprägt. Die wenigen Industriebetriebe waren kleinstrukturiert: meist arbeiteten dort weniger als zehn Personen. Betriebe mit mehr als 100 Arbeitern gab es nur in München, Augsburg und Nürnberg. König Ludwig I. (1825 bis 1848) hatte eine innere Abneigung gegen Fabriken, in denen „eine Menge Arbeiter sitzend eine Seele und Körper verkümmernde Lebensart führen“. Ihm waren der „Manchester-Frühkapitalismus“ und die schlesischen Weberaufstände (Hungersnot 1847) ein Graus. In der Industrialisierung sah er ein Anwachsen der Zahl besitzloser Menschen, d. h. eine politische und soziale Gefahr. In dieser Zeit wurde im Allgäu die Haupteinnahmequelle aus dem Ackerbau (Getreide und Flachs) auf Grünlandwirtschaft (Milch, Käse) umgestellt, ein Wandel vom blauen zum grünen Allgäu. Im gewerblichen Bereich hatte die Papierherstellung eine jahrhundertealte Tradition. Um 1800 gab es zahlreiche Papiermühlen an der Iller; sie wurden nach und nach von Textilunternehmern aufgekauft, um sich so die Wasserrechte für ihre Fabriken zu sichern. Auf der Iller wurden Holz und Käse geflößt. Die Flöße wurden „Am Alten Holzplatz“ zusammengebaut.

Das industrielle Zeitalter ab der Mitte des 19. Jahrhunderts

Unter König Max II. (1848 bis 1864) vollzog sich eine grundlegende Veränderung der Wirtschaftsstruktur und damit des Bevölkerungs- und Sozialgefüges. Mit Antritt seiner Regentschaft beginnt das Zeitalter des Kapitalismus. Während die Bevölkerung Kemptens von 1818 bis 1840 nahezu stagnierte (5578 / 6605 Einwohner = 0,8 % Zunahme/Jahr), vergrößerte sie sich im Zuge des weltweiten Verstädterungsprozesses von 1840 bis 1910 sprunghaft (6605 / 21001 Einwohner = 3,1 % Zunahme/ Jahr), d. h. mit fast vierfacher Geschwindigkeit. Die Industrialisierung Kemptens gründete auf folgenden drei Säulen: • Nutzung der Wasserkraft der Iller • Eisenbahnanschluss • billige Arbeitskräfte Leitindustrie in Kempten war die Textilindustrie. 1846 hat C. Honegger vier Papiermühlen in Kottern erworben und zu einer mechanischen Spinnerei und Weberei umgebaut. Damit war der Weg zum bedeutendsten Wirtschaftszweig Kemptens, der Textilproduktion, geebnet. 1847 erhielt A. Sandholz die Genehmigung, die Baumwollmanufaktur am westlichen Illerufer in Höhe Seuterstraße in eine mechanische Spinnerei und Weberei umzubauen. 1853 nahm die Mechanische Spinnerei und DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

21


Weberei, eine Aktiengesellschaft – auch Stetten’sche Fabrik genannt – am östlichen Ufer an der Füssener Straße – also gegenüber der Sandholz’schen Fabrik – ihre Produktion auf. Sie war die größte Textilfabrik Kemptens; das siebengeschossige Gebäude legt hiervon noch heute eindrucksvoll Zeugnis ab. Das Illerwasser, anfangs ein wichtiger Standortvorteil, reichte schon bald nicht mehr für die beiden gegenüberliegenden expandierenden Unternehmen aus. Die Versuche, sich durch allerlei Baumaßnahmen in der Iller Energievorteile zu verschaffen, führten zu jahrzehntelangen Streitigkeiten untereinander. 1866, als der Sandholz’sche Betrieb wegen Wassermangels wieder einmal stillstand, zogen die Sandholz-Brüder und zwei Dutzend Arbeiter mit Pickeln und Äxten aus, um eine im Bau befindliche neue Wehranlage des lästigen Konkurrenten zu zerstören. Der Kleinkrieg ums Illerwasser hatte erst 1882 ein Ende, als die Mechanische das Sandholz’sche Unternehmen aufkaufen konnte. 1858 wurden in der Mechanischen Spinnerei und Weberei an der Füssener Straße bereits 960 Arbeiter beschäftigt. Die Dividenden der Aktiengesellschaft betrugen in den 80er und 90er Jahren fast immer über 11 %. 1908 wurden 1000 Arbeiter beschäftigt, davon 75 % Frauen und fast 25 % Jugendliche, in der Mehrheit Mädchen zwischen 14 und 21 Jahren. Die zweitgrößte Fabrik der Gebr. Sand22

DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

holz an der Seuterstraße beschäftigte 300 Arbeiter. Die bereits genannte Spinnerei und Weberei Kottern bot 950 Menschen Arbeitsplätze. D. h., dass allein in diesen drei Fabriken ca. 2200 Menschen beschäftigt waren. Hierzu kommen weitere Arbeitsplätze in den mittleren und kleinen Textilbetrieben. Im Zeitalter der Industrialisierung waren nach der Lehre von Marx Expansion und Konzentration wesentliche Merkmale. Die Zunahme der Textilproduktion in Kempten wies eine ähnliche Steigerung auf wie andernorts bei Steinkohle, Eisen, Stahl und im Maschinenbau. Konzentration heißt, dass immer mehr Menschen in Großbetrieben arbeiten. Die Großen wachsen und verschlingen die Kleinen. Es entstehen Veränderungen in schneller Folge; das Tempo der Veränderung der Entwicklungsprozess hat seither –wenn auch auf anderen Gebieten – bis heute nicht nachgelassen. Die Folge war, dass bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zwei Drittel der Bevölkerung oder 35 Mio. „Proletarier“ (= Fabrikarbeiter, Landarbeiter, kleine Angestellte…., also all die, die auf der untersten Stufe der Gesellschaft für ihrer Hände Arbeit kärglich entlohnt werden) in Deutschland lebten. Kempten war ein Spiegelbild der sozialen Verhältnisse in Deutschland. Die Industrie sorgte für einen großen Zuzug nach Kempten. Für Tausende von DIE INDUSTRIALISIERUNG IN KEMPTEN


Arbeitslosen wurden Arbeitsplätze und damit - wenn auch bescheidene - Einkommensmöglichkeiten geschaffen. Dafür mussten sie jedoch einen hohen sozialen Preis zahlen. Die wirtschaftliche Ausbeutung der Arbeiter mit Gewinnmaximierung durch die Unternehmer führte dazu, dass elf, zwölf oder dreizehn Stunden/Tag gearbeitet wurde. Als 1906 122 Holzarbeiter für die Herabsetzung ihrer Wochenarbeitszeit auf 59 Stunden streikten, wurden sie entlassen. Kein Gesetz verbürgte die Sonntagsruhe. Kinderarbeit war an der Tagesordnung. Kinderschutzauflagen und Gesundheitsvorschriften wurden verletzt. Dazu kam, dass die Löhne in Kempten wesentlich niedriger waren als in den industriellen Ballungszentren. So verdiente 1913 z. B. ein gelernter Weber in der Spinnerei und Weberei Kottern 28 Pfennig/Stunde, in Augsburg dagegen 41 Pfennig/Stunde. Wenn sich Arbeiter gewerkschaftlich organisierten oder Mitglied der 1871 gegründeten SPD wurden, riskierten sie, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, der dann durch einen willfährigen Ausländer wieder besetzt wurde. Obwohl in Deutschland 1900 nicht schlimmeres Elend herrschte als 1850, war doch – wie viele Dokumente aus der damaligen Zeit bezeugen – die Not in Kempten weit verbreitet. So machte z. B. im Frühjahr 1854 der Stadtpfarrer von St. Lorenz darauf aufmerksam, dass nun DIE INDUSTRIALISIERUNG IN KEMPTEN

wieder die unangenehme Zeit eintrete, „wo Eltern der ärmeren Klasse das Ansuchen stellen, ihre Kinder den Sommer über zum Viehhüten oder zu Fabrikarbeiten verdingen zu dürfen. Letzteres nimmt bei der Nähe der großen Fabriken und bei der durch den langen harten Winter in so vielen Familien recht fühlbar gewordenen Verarmung und drückenden Armuth zum großen Nachteile der Schulen in einem hohen Grade überhand“. Die Stadtverwaltung weist 1860 auf üble Wohnverhältnisse in Kempten und deren Ursachen hin. Es gab Wohnungsmangel, schlecht gebaute Häuser, Überbelegung, bewohnte Stallungen und Holzremisen und hohe Wohnungsmieten. Die Folge war, dass Kempten bis 1876 die höchste Sterblichkeit unter den größeren bayerischen Städten aufwies. Nach einem Bericht des Bezirksarztes 1874 wurde dies nicht nur auf Erkrankungen sondern auch auf die „große Sterblichkeit von kleinen Kindern aus der Klasse der Fabrik- und Lohnarbeiter“ in manchen Stadtteilen zurück geführt. Zwischen 1876 und 1910 wurden infolgedessen in Kempten 500 neue Häuser gebaut. Das Baugewerbe beschäftigte 1907 1000 Menschen, überwiegend italienische Gastarbeiter. Während anfangs die Unternehmer an den wohnraumschaffenden Aufgaben nicht interessiert waren, weil sie sich DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

23


für ihre Arbeiter nicht verantwortlich fühlten - Regel war, dass er nur das gibt, was er muss –, änderte sich im Laufe der Zeit ihre Einstellung. Die Mechanische Spinnerei und Weberei baute bis 1906 20 Häuser und verkaufte darin 140 Wohnungen sowie 5 Häuser mit 22 Mietwohnungen für insgesamt 660 Menschen. Als Gegenleistung wurde jedoch von den Arbeitern erwartet, dass sie „zufrieden, anhänglich an die Firma und sesshafte, ruhige, für sozialdemokratische Hetzereien unempfindliche Leute“ waren.

Zusammenfassung Die Industrialisierung und der Verstädterungsprozess (Bevölkerungskonzentration) mit ihren städtebaulichen Folgen, sozialen Problemen und gesellschaftlichen Umschichtungen stellte Kempten in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des 1. Weltkrieges vor große Aufgaben. Die Ansiedlung von Industriebetrieben der Textilbranche führte zu wirtschaftlicher Prosperität, die es der Stadt dank der Tatkraft seines Bürgermeisters A.Horchler (1881 – 1919) ermöglichte, eine neue Infrastruktur aufzubauen, mit der Folge, dass die Attraktivität Kemptens gesteigert und Kempten als künftiges Zentrum des Allgäus gesichert wurde. Für Tausende von Zuwanderern wurden Erwerbsmöglichkeiten geschaffen. 24

DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

Die „Ausbeutung“ der billigen Arbeitskräfte führte jedoch vor allem in der Anfangszeit des „Kapitalismus“ zu großen sozialen Problemen. Während die Not im „Proletariat“ weit verbreitet war, lebte die Oberschicht - immer reicher werdend – im Luxus. Es dauert lange, bis sich ein soziales Bewusstsein bei den Unternehmern einstellte. Die ehemaligen Industrieanlagen an der Iller sind heute stillgelegt. Eine Umstrukturierung, mit der die denkmalgeschützten Gebäude einer anderen Nutzung zugeführt werden, ist in vollem Gange. Die Freunde der Altstadt verfolgen diesen Prozess mit Aufmerksamkeit, positiv begleitend, wenn es sachlich erforderlich ist, aber auch als unbequemer Mahner, wenn es nötig ist.

Literatur: Golo Mann: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, März 1966, Lizenzausgabe des Deutschen Bücherbundes Benno Hubensteiner: Bayerische Geschichte, Süddeutscher Verlag, München, 1977 Geschichte der Stadt Kempten, Verlag Tobias Dannheimer, Kempten 1989 Karl Filser, Industrialisierung und Urbanisierung, Kempten 1850 bis 1918, S. 372 bis 406 DIE INDUSTRIALISIERUNG IN KEMPTEN


Das Künstlerhaus: ein Aufbruch Ort für Austausch, Verständigung und Kooperation von Sebastian Kern, vorsitzender Künstlerhaus e.V.

W

eniger als ein Jahr war nötig, um die Zukunft des Künstlerhauses und seinen Charakter auf ein sicheres Fundament mit großem Potential zu stellen. So ist es weniger dem Bestreben Einzelner als vielmehr den gesunden, kooperativen Schritten einer städtischen Gemeinschaft zu verdanken, dass im Herzen der Stadt Kempten ein Nährboden für Verständigung, Pluralität und Kultur jedweder Art angelegt werden konnte.

Initial hierfür war die Gründung eines Vereins im Februar 2011, dessen Aufgaben und Zweck nur schwer eine Vergleichbarkeit mit bestehenden, auf Ehrenamt basierenden Institutionen herbeiführen lassen. Konfrontation oder Kooperation? Diese Frage musste nicht sehr umfassend behandelt werden. Schon früh herrschte große Übereinstimmung zwischen den Befürwortern des Projekts und den Vertretern der Stadt über die Relevanz des Künstlerhauses, woraus sich schnell die notwendigen Strukturen und umzusetzenden Maßnahmen herauskristallisierten. Natürlich war es nie Thema, eine Gastronomie zu subventionieren, sondern vielmehr ein teilweise missverstandenes, dennoch umso wichtigeres Konzept zur Finanzierung einer ehrenamtlichen und öffentliche Aufgaben wahrnehmenden Institution.

Im Oktober wurde der Mietvertrag zwischen Verein und Sozialbau unterschrieben. Ab ca. Februar wird saniert. Foto: Norman B. Graue

Es ist ein Modell entstanden, welches im Wesentlichen aus drei tragfähigen Säulen besteht. Erstens ein gastronomischer Betrieb, dessen Aufgabe die DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

25


Bewirtung und Verpflegung aller Gäste des Künstlerhauses in enger Zusammenarbeit mit dem Verein und seinen Aufgaben sein wird. Das zweite Element ist eine zweckorientierte Sanierung des Gebäudes in Form der Schaffung einer baulichen und technischen Infrastruktur, die als Basis für jedwede Art von Veranstaltungen, Vereinstätigkeiten und Bürgerengagement steht. Die dritte Säule ist der Verein Künstlerhaus e.V. selbst, der durch aktive Gestaltung die funktionalen Strukturen für die Ausübung unterschiedlichster Tätigkeiten schafft und gewährleistet, sowie seine engagierten Mitglieder und dessen Organe, die permanent dazu beitragen, das Angebot zu verbessern. Hinzu kommt eine Vielzahl an Unterstützern, die ein derartiges Projekt erst ermöglichen. Alle Säulen, zusammen mit den Interessensvertretern der Stadt und den Kemptener Bürgern, tragen gemeinsam Gewähr für ein langfristiges Bestehen und fördern somit die Attraktivität des Standorts Kempten. Wie soll der „Erhalt des Künstlerhauses in der Beethovenstraße 2 und die Förderung von Kunst-, Sozio- und Unternehmenskultur in Kempten und im Allgäu“, so unser festgeschriebener Vereinsweck, überhaupt funktionieren? Sind dies nicht zu hoch gegriffene Ziele? Kann ein solches Ausmaß an Vielfalt funktionieren, wobei Themen wie 26

DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

Bildung und Inklusion sich zusätzlich mit einem umfangreichen Katalog an relevanten Themenfeldern einreihen? Ja! Denn Förderung beginnt bei der Schaffung einer funktionalen, dynamischen Struktur, um vorrangig eine Basis zu schaffen, die vielfältigsten Ansprüchen gerecht werden kann. So bedeutet der Begriff „Förderung“ nicht etwa ein oft fehl interpretiertes Diktat von oben, sondern die Bereitstellung notwendiger Instrumente und Infrastrukturen, auf deren Fundament bürgerliches Engagement sich erst entfalten kann. Nun ist die Entscheidung für das Künstlerhaus in Kempten, seine Anerkennung als wichtiger gesellschaftlicher Pfeiler und seine Weiterentwicklung keinesfalls nur den glücklichen zeitlichen Umständen und der umliegenden baulichen, wirtschaftlichen und strukturellen Entwicklungen geschuldet. Vielmehr ist es eine logische Konsequenz aus jahrelanger Vorarbeit, wenngleich auch diese unterschiedliche Ziele verfolgte. Die nun begonnene Weiterentwicklung ist das Produkt oder vielmehr ein Prozess vielfältigster harter und weicher Faktoren, kombiniert mit gesellschaftlichem Engagement und den Meinungen mündiger Bürger. Die Umsetzung des Vereinszwecks bedeutet in diesem Kontext eben auch den Erhalt und die Pflege dieser aus DAS KÜNSTLERHAUS: EIN AUFBRUCH


Foto: Stephan A. Schmidt

sich selbst heraus gewachsenen einzigartigen Atmosphäre, welche das Künstlerhaus wohlwollend betrachtet und seine Gäste aktiv gestalten. Die Verantwortlichen des Vereins und der Stadt Kempten sind sich nach intensiven Gesprächen sicher, mit der Sozialbau den richtigen Partner für die Umsetzung der anvisierten Ziele gefunden zu haben. Der bewusste und nachhaltige Umgang mit dieser gesellschaftlichen Verantwortung ist zwingend für alle beteiligten Interessensgruppen wenn auch gleichermaßen pflegebedürftig. Mit dem Betrieb des Künstlerhauses wird nicht nur ein Mehrwert für KulDAS KÜNSTLERHAUS: EIN AUFBRUCH

turschaffende und aktive Mitgestalter geboten, sondern auch für die Konsumenten, das wertschätzende Publikum. Auf beiden Seiten sind dem Spektrum der möglichen Themenausprägungen möglichst wenig Grenzen zu setzen. Die Zentralität des Künstlerhauses bietet für alle Bürger und deren Interessen an diesem einmaligen Ort die Möglichkeit, Begriffe wie Austausch, Verständigung und Kooperation zum Leben zu erwecken. Letzterer kann als Einladung an alle bestehenden und zukünftigen Interessensgemeinschaften verstanden werden, sich ebenfalls in Zusammenarbeit zu engagieren und zu vernetzen. DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

27


Reiches Kunstprogramm Galerie kunstreich wird begeistert angenommen von Stephan A. Schmidt, Vorsitzender artig e.V.

A

ls wir auf der Jahreshauptversammlung der Altstadtfreunde am 17. April 2012 das Galerieprojekt „kunstreich“ unseres artig-Künstlervereins vorstellen durften, hatten wir dieses, nach einigen Renovierungsarbeiten, erst vier Tage zuvor eröffnet. Nun, wenn dieser Altstadtbrief erscheint, läuft bereits die neunte Kunstausstellung in der ehemals reichsstädtischen Münze in der Schüt-

zenstraße 7, und Kunstinteressierte aus der ganzen Region haben mit rund 2.500 Besuchen das vormals verschlafene und über 500 Jahre alte Gemäuer inzwischen wieder mit Leben gefüllt. Bis dahin schlief insbesondere das Erdgeschoss mit seinem Kreuzgratgewölbe und schweren alten Balken seinen Dornröschenschlaf und wurde hauptsächlich als Archiv für verschiedene Ämter der Stadt genutzt, sowie im ersten Obergeschoss in vier Büros von Stadtratsfraktionen und dem Heimatverein. Seit der Einweihung am 13. April ist das kunstreich jeden Samstag, Sonntag und Dienstag geöffnet, jeden vierten Freitag wechseln die Ausstellungen mit einer Vernissage. Macht, um der Statistik dann aber auch Genüge getan zu haben, 122 Ausstellungsstage, die von unseren Mitgliedern ehrenamtlich beaufsichtigt wurden – und wir würden uns über jeden freuen, der dabei mithilft.

Immer gut besucht: Eine Vernissage in den historischen Räumen der Galerie kunstreich im November 2012. Foto: Armin Klümper 28

DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

Es scheint, als hätten wir mit dem kunstreich ein großes Fass aufgemacht: Die Nachfrage ist riesig, die alle vier Wochen wechselnden Ausstellungen sind bereits bis Ende Juli 2013


Foto: Kees van Surksum – www.addentro.eu

ausgebucht, jede Woche bewerben sich weitere junge Künstler und alte Hasen, Maler und Skulpteure jeglicher Stilrichtung um eine Gruppen- oder Einzelausstellung. Unser großer Dank gilt neben all den helfenden Händen, die die Räume hergerichtet haben und seitdem sauber und in Schuss halten, insbesondere der hausverwaltenden BSG Allgäu sowie der Stadt Kempten als Eigentümerin, hier insbesondere dem Kulturamt, ohne deren Rat und Tat dieses Projekt nicht realisierbar gewesen wäre. Es macht Spaß, mit Menschen in Firmen und Behörden zusammen zu arbeiten, die eine Stadt eben nicht nur verwalten sondern gemeinsam gestalten und mit Leben füllen wollen!

Denn ein Stadtviertel voller Leben von früh bis spät braucht Infrastrukturen für‘s Arbeiten und Wohnen samt Nahversorgung – statt Monostrukturen, die es zu Tages- oder Nachtzeiten wie ausgestorben wirken lassen. Und es braucht, um nebst diesen rationalen, städteplanerischen Aspekten humanistische Inhalte nicht zu vergessen, Kunst und Kultur. Nur so kann und wird das wiedererstarkende Viertel um St.-Mang-Platz und Bäckerstraße aus seinem vormaligen Schatten treten. Mit der Galerie kunstreich wollen wir unseren Beitrag dazu leisten – und sind als kleiner, ehrenamtlich tätiger und gemeinützig anerkannter Verein dankbar um jede Unterstützung. weitere Infos unter www.artig.st DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

29


Weihnachtsgrüsse von den Stiftsstadtfreunden von Ilse Roßmanith-Mitterer Vorsitzende Stiftsstadtverein

E

s ist schon zur lieben Tradition geworden, dass die Stiftsstadtfreunde zum Jahresende den Altstadtfreunden und allen Lesern und Leserinnen des Altstadtbriefes Grüße übermitteln. Einen kurzen Rückblick über unsere Aktivitäten im abgelaufenen Jahr möchten wir Ihnen geben. Großen Zuspruch erfuhren unsere angebotenen Führungen unter Leitung von Herrn Hugo Naumann: Turmbesteigung der Lorenzkirche, Rundgang durch die Stiftsstadt auf den Spuren von Rupert von Bodman oder die Schlangenbachführung. Gerade die Schlangenbachführung stieß auf großes Interesse, zumal der Verlauf des Schlangenbachs bei den Arbeiten am Hildegardplatz für kurze Zeit sichtbar war. Die Baumaßnahmen am Hildegardplatz sind für uns Stiftsstadtfreunde sehr aufschlussreich. Die Bauarbeiten

30

DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

an diesem historischen Platz gewähren immer wieder Einblicke in längst vergangene Tage. So wurden bei den baubegleitenden archäologischen Untersuchungen zwei Brunnenfundamente freigelegt und eine „Wegbefestigung aus der Klosterzeit des 14./15. Jahrhunderts“ wird vermutet. Aber die Funde verschwinden wieder im neuen Platzunterbau. Der Hildegardplatz birgt wohl noch so manches Geheimnis! In der Stiftsstadt wurden Baulücken geschlossen und mit privater Initiative Häuser saniert und verschönert. Gerne laden wir Sie zu einem Rundgang durch die Stiftsstadt ein, damit Sie sich selbst ein Bild über Gelungenes und weniger Gelungenes machen können. Nun wünschen wir Ihnen eine besinnliche Adventszeit, ein frohes Weihnachtsfest und alles Gute für das kommende Jahr.


FREUNDE DER ALTSTADT KEMPTENS e.V. Bitte heraustrennen. Falls Sie diesen Altstadtbrief nicht zerschneiden wollen, lassen wir Ihnen gerne ein gesondertes Formular zukommen.

Bitte senden Sie dieses Formular ausgefüllt per Post oder Fax an: Freunde der Altstadt Kemptens e.V. Vogtstraße 8 • 87435 Kempten • Fax: 0831 / 25 930

Beitrittserklärung Ich trete mit Wirkung vom DATUM dem Verein FREUNDE DER ALTSTADT KEMPTENS e.V. bei. NAME

VORNAME

STRASSE

HAUSNUMMER

WOHNORT

PLZ

TELEFON

Der Verein wird ermächtigt, den Jahresbeitrag in Höhe von 11,00 � von meinem Konto abzubuchen: NAME DER BANK KONTOINHABER KONTONUMMER

BLZ

DATUM

UNTERSCHRIFT

DER ALTSTADTBRIEF 39/2012

31


Liebe Leser des Altstadtbriefes! Für Ihre Mitgliedschaft im Verein FREUNDE DER ALTSTADT KEMPTENS e.V., der als parteipolitisch neutrale und unabhängige Bürgerinitiative seit 1980 seine Kompetenz beweist, gibt es gute Gründe. Von den Aufgaben und Zielen des Vereins seien einige stichwortartig angegeben: Kontaktpflege zwischen Altstadtbürgern Ansprechpartner für Probleme Mittler zwischen Bürgern und Stadtverwaltung unbequemer Mahner (wenn nötig) Erhalt der Nahversorgung und der Vielfalt des urbanen Lebens in unserer Altstadt Bewahrung der Unverwechselbarkeit des historischen Stadtbildes Mitwirkung bei wichtigen Entscheidungen Damit wir unsere Aufgaben und Ziele weitherhin erfolgreich wahrnehmen können, bitten wir Sie herzlich um Ihre Mitgliedschaft. Eine Beitrittserklärung finden Sie umseitig. Ihr Vorstand und Beirat DER ALTSTADTBRIEF 39/2012


Der Altstadtbrief - Kempten 2012