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P R O L O G A P R I L / M A I 2 0 2 0 | N° 238

Besuchen Sie Vorstellungen der Wiener Staatsoper via Stream

Streaming der Wiener Staatsoper Kunst in der Krise Ensemblemitglieder grüßen das Publikum

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Inhalt Vorwort Dominique Meyer

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„Am besten alle. Jeden Abend“ Die Wiener Staatsoper streamt

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Oper im Bild Staatsopern-Fotograf Michael Pöhn

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„Nur eine Hoffnung soll mir bleiben“ Spuren der Einsamkeit in der Oper

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Die eigene Wohnung als Ballettsaal

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Grüße von Ensemblemitgliedern an das Publikum

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„… Die Vorstellungen in den Hoftheatern eingestellt …“ Die Spanische Grippe in Wien

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Auf dem Weg zur Nummer 100 Clemens Unterreiner im Portrait

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Kunst in der Krise

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Am Stehplatz Ernst Kobau

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Die neue Saison Die Spielzeit 2020/2021 wird präsentiert

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Beethoven und die Frauen

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„Career Transition“ Neues vom OMV Ballettfonds

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Das Staatsopernorchester Bratschist Robert Bauerstatter

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Daten und Fakten

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Spielplan

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IMPRESSUM Wiener Staatsoper – Direktion Dominique Meyer Saison 2019/2020, Prolog April/Mai 2020 Redaktion: Andreas Láng, Oliver Láng, Oliver Peter Graber, Iris Frey; Grafik: Irene Neubert Bildnachweise: Andreas Jakwerth (S. 1, 26), Michael Pöhn (S. 3, 4, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 29); S. 20-24: Bertold Fabricius (Young), Szilvia Csibi (Fischer), Bo Huang (Pieczonka), Universität Wien (Liessmann), Marco Borggreve (Eötvös), Jean-Baptiste Millot (Beczała), anna s. (Nylund), Harald Hoffmann (Schade), Michael Pöhn (Ludwig), Robert Workman (Keenlyside), Vincent Pontet (Koch); Dimo Dimov (S. 29, Feyferlik), Lois Lammerhuber (S. 31)


Sehr geehrte Besucherinnen und Besucher, liebes Publikum!

Während ich dies schreibe, ist die Staatsoper geschlossen. Seit dem 9. März sind die Vorstellungen nach einer letzten Aufführung von Turandot ausgesetzt worden. Diese schmerzhafte Erfahrung ein großes Opernhaus schließen zu müssen, hat mich in wenigen Tagen zweimal getroffen, da ich einige Tage zuvor auch mit der Mailänder Scala ebenso verfahren musste. Lang ersehnte und vorbereitete Projekte fallen nacheinander ins Wasser. In Mailand gab es von Il turco in Italia nur eine einzige Vorstellung, von Salome gar keine. In Wien hatte ich mich auf einen letzten Wagner, meinen vierzehnten Ring des Nibelungen, mit einer vielversprechenden Besetzung sehr gefreut. Diese Serie wird nie stattfinden, ebenso wenig wie die Wiederaufnahme der Drei Schwestern, die vollständig von Péter Eötvös und den Sängern geprobt wurde (einige, wie Valentina Naforniţă, hatten diese schwierigen Rollen speziell für unsere Serie gelernt ...). Mein letzter Parsifal, mein letzter Wiener Rosen­ kavalier, werden nicht stattfinden. Glücklicherweise gibt es diese wunderbare moderne Innovation: das Streaming. Dieses Projekt war bereits Teil der Ideen, die ich für die Kulturministerin Claudia Schmied entwickelte, als sie mich 2007 bestellte. Wir konnten es dank der Unterstützung von Thomas Platzer, dem kaufmännischen Direktor der Staatsoper, einem kleinen, unternehmungslustigen und dynamischen Team unter der Leitung des unermüdlichen Christopher Widauer und der Beteiligung der Rechtsabteilung, die die Rechtsfragen virtuos löste, entwickeln. Dieses Projekt, das oft mehr abgelehnt als unterstützt wurde, konnte nur dank einiger treuer und weitsichtiger Sponsoren ermöglicht werden: OMV, Casinos Austria, Samsung (mit dem wir die erste UHD/ 4K-Sendung überhaupt gemacht haben), Vienna Insur­ance Group, Lexus und die Czerwenka Privat­ stiftung.

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Seit 2013 haben wir 350 Liveübertragungen vorgenommen und nach und nach ein Archiv aufgebaut, das in der gesamten Welt einmalig ist. Die ebenfalls weltweit einzigartige Installation von Tablets, die die Übersetzung von Texten in acht Sprachen bereitstellen, ermöglicht es uns heute, Untertitel in acht Sprachen für die Weiterübertragung bereitzustellen. Schließlich haben wir uns, obwohl wir mit verschiedenen Verleihern (Apple TV, Amazon Prime, A1, sowie Verleiher in Russland, China und Japan) zusammenarbeiten, von Anfang an entschieden, eine eigene Vertriebsplattform auf unserer Website zu haben, um unsere Unabhängigkeit zu bewahren. So konnten wir nur wenige Tage nach der Schließung des Opernhauses jeden Abend eine Aufnahme aus unserer Sammlung in die ganze Welt senden, ohne mit jemandem verhandeln oder diskutieren zu müssen. Dieses Programm war ein großer Erfolg. In nur wenigen Tagen haben sich mehr als 165.000 Menschen auf unserer Website registriert. Jeden Abend besuchen mehr als 100.000 Menschen diese Darbietungen: aus allen Teilen der Welt erhalten wir begeisterte Kommentare. Während dieser Zeit der Schließung ist die Staatsoper fast menschenleer: zwei Feuerwehrleute, einige Mitarbeiter kümmern sich um das Gebäude, Strom, Computer ... Aber selbst wenn sie nicht physisch im Gebäude anwesend sind, arbeiten viele Menschen unermüdlich von zu Hause aus, bewaffnet mit modernen technologischen Hilfsmitteln und viel Geduld. Alle sind bestrebt, unsere Institution zu erhalten, damit sie diesen Sturm mit möglichst geringen Schäden überstehen kann, um das Personal und die Künstler zu schützen und das Opernhaus darauf vorzubereiten, seine Türen wieder zu öffnen, sobald uns dies erlaubt wird. Allerdings weiß ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht, ob die Staatsoper noch vor Ende der Spielzeit ihre Türen wieder aufmachen kann*. Ich weiß nicht, ob ich


VORWORT

mich von der Staatsoper verabschieden kann, und ob ich mich noch ein letztes Mal mit allen Mitarbeitern der Staatsoper treffen kann, um ihnen meine Dankbarkeit und Zuneigung zeigen zu können. Und ich weiß nicht, verehrtes Publikum, wie ich mich von Ihnen verabschieden und Ihnen danken kann. Nach all den Jahren, in denen ich hier intensiv gearbeitet habe, nach so vielen Vorstellungen, ist es eine schwierige Herausforderung. Aber verfallen wir nicht in Selbstmitleid, das ist nicht viel verglichen mit den Dramen, die sich täglich in Krankenhäusern oder Familien auf der ganzen Welt abspielen. Und man muss an die Zukunft denken. Mein Nachfolger, Bodgan Roščić, bereitet sich auf seine Spielzeiten vor. Er hätte in diesen Tagen sein Programm vorstellen sollen. Der Ausbruch der Coronavirus-Pandemie hindert ihn daran, die Präsentation so durchzuführen, wie er es sich gewünscht hätte. Es ist eine außerordentlich schwierige Situation für ihn und die neue Mannschaft. Er wird viel Unterstützung von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Oper und dem Publikum brauchen. Das wünsche ich ihm.

Ihr Dominique Meyer

* P.S. Kurz nachdem ich dieses Vorwort abge­ schlossen hatte, kam die traurige Nachricht, dass auch die Wiener Staatsoper bis zum Ende der Spielzeit geschlossen bleiben muss. www.wiener-staatsoper.at

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AM BESTEN ALLE. JEDEN ABEND! S

o Dominique Meyer auf meine Frage, Anfang 2013, welche Opern und Ballette wir denn auf unserer neuen Livestreaming-Plattform übertragen wollen. Und jetzt ist es so weit: Seit 15. März, seit wir unsere Türen schließen mussten, und bis auf weiteres spielen wir jeden Abend dennoch – all­abendlich auf unserer digitalen Bühne, fast durchgehend unserem ursprünglich geplanten Spielplan folgend. Unmittelbare Folge dieser ersten Entscheidung –

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„Alle!“ – war: Wir müssen uns ganz unabhängig machen, in Produktion und Distribution. Unabhängig auch von aufwendiger Technik, wie sie die traditionelle Fernsehproduktion braucht: Bemannte Kameras, gesperrte Logen, „Fernseh-Licht“, das für unsere Gäste in der Oper selbst das Erlebnis empflindlich beeinflusst. Also eingebaute, unsichtbare und unhörbare Kameras, eigene Audio- und Video-Studios – und vor allem: Die Menschen, Teams,


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die auf höchstem künstlerischen und technischen Niveau Premium-Content produzieren können. Und wo sollen unsere Übertragungen zu sehen sein? „Zu Hause, im Internet – nicht im Kino! Wir wollen alle Menschen erreichen, weltweit, unabhängig davon, ob ein Kino mit diesem Programm in der Nähe liegt.“ Das bedeutete die Einrichtung der gesamten Infrastruktur für die Erzeugung und Auslieferung von Livestreams – denn zu diesem Zeitpunkt 2013 gab es noch viel weniger als heute, da die ersten solchen Versuche unternommen werden, größere Plattformen, die wir hätten nützen oder denen wir uns hätten anschließen können. Gut, wenn im Internet, dann also über eine Gratis-Plattform wie YouTube! „Nein, YouTube ist nicht gratis: Man bezahlt mit dem Wertvollsten, das man hat – den Inhalten und den Nutzerdaten! Wir wollen eine europä­ ische Lösung, unsere Daten und unseren Content selbst kontrollieren.“ Gegen Kino sprachen (und sprechen auch heute noch) für uns weitere Gründe: die dort verlangte Hollywood-Ästhetik; die ungeheuer aufwendige und teure Technik macht abhängig von Ketten und Distributoren, die dann das Programm diktieren; der massive Eingriff in die Vorstellungen im Haus – und schließlich auch die geringe Frequenz des möglichen Angebots. Wir wollten ja gerade unabhängig bleiben, auch unseren eigenen, Wiener Bild-Stil entwickeln, abwechslungsreich, aber ohne ganz enge Nahaufnahmen, musikalisch und vor allem treu der Vorstellung im Haus: Für uns findet die Kunst auf der Bühne statt, nicht im Video-Studio. Wir wollen den Menschen zu Hause ein möglichst getreues Bild davon vermitteln, was sie im Haus erleben würden – mit dem Mehrwert, immer am allerbesten Platz zu sitzen. Und sollen wir unsere Übertragungen gratis senden? „Natürlich kostenpflichtig. Kunst hat Wert, auch im Internet!“ Diese dritte Grundentscheidung hat bedeutet, dass wir von Anfang an mehr bieten wollten als „Klicke auf unserer Website auf PLAY und schau zu.“ Full HD Bildqualität (bald auch UHD), erstklassiger Ton, zunächst 24, bald 72 Stunden Verfügbarkeit, zwei Kanäle (ein Gesamtblick auf die Bühne und der live geschnittene Opernfilm), und Untertitel in zunächst

drei (heute acht ) Sprachen, dazu ein Vor- und Pausenprogramm – besonders die Untertitel haben uns extrem herausgefordert. Wir wollten sie auf keinen Fall, was einfach zu bewerkstelligen gewesen wäre, ins Bild einbrennen, sondern den Zuseherinnen und Zusehern zu Hause die Entscheidung überlassen, ob sie Text einblenden wollen oder nicht. Wie aber findet man all die Menschen, die es braucht, um ein solches Programm zu betreiben? Dominique Meyers einfache Antwort lautete: „Die Staatsoper hat fast 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Da werden Sie finden, was Sie brauchen!“ Und tatsächlich haben Kolleginnen und Kollegen in allen Abteilungen sofort nicht nur Verständnis, sondern große Bereitschaft zur Mitarbeit gezeigt, viele hatten sich selbst schon Gedanken gemacht, wie sie ihr Haus auf digitalen Plattformen präsentieren würden und waren begeistert und mit Feuer und Flamme dabei – oft trotz beträchtlicher Mehrarbeit. Natürlich aber gab es auch Bereiche, in denen klar war, dass wir die nötige Kompetenz nicht im Haus finden würden. Beginnen konnten wir mit den jungen Menschen, die schon einige Jahre lang die fast 100 übertragenen Opern- und Ballettvorstellungen live für die schöne Initiative „Oper Live am Platz“ produziert hatten: und da war nicht viel Überzeugungsarbeit nötig. In einem nächsten Schritt fragte ich mich in der international angesehenen Wiener Filmakademie zu einem sehr freundlichen Professor durch, der dort „Multikameratechnik“ unterrichtet: „Wir sind gerade dabei, in der Wiener Staatsoper neue Audio- und Videostudios und eine Anlage aus 8 ferngesteuerten Kameras zu installieren, möchten sie am Beginn der Saison in Betrieb nehmen und bald eine große Anzahl von Livestreams produzieren. Wir haben jeden Tag zwei Opern auf der Bühne, am Vormittag zur Probe und abends zur Vorstellung. Wäre das interessant für Sie und Ihre Studentinnen und Studenten?“ Lange Pause. „Hallo? Sind Sie noch da?“ – und dann die Antwort: „Wirklich!?“ So begann eine enge Zusammenarbeit mit einer wachsenden Gruppe von Regisseurinnen und Regisseuren, Kameraleuten, Regie- und Partiturassiswww.wiener-staatsoper.at

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tenten, ein Kern ist heute noch dabei, mit inzwischen international absolut einmaliger Erfahrung in dieser Art von Produktion. Bildtechnik und Sendekontrolle lag zunächst in den Händen der Kollegen in der Audio/Videoabteilung, die sich mit unglaublichem Elan ebenso in die Audio-Produktion eingearbeitet hatten: In einem Opernhaus geht es ja normalerweise um Video- und Audio-Zuspielung, nicht um Aufzeichnung, schon gar auf einem international konkurrenzfähigen Niveau. Mit steigender Schlagzahl und wachsenden Anforderungen haben wir diese Abteilung dann ein wenig verstärkt, es ist aber nach wie vor kaum zu glauben, was hier geleistet wird. Eine Oper, einen Ballettabend fernsehfähig in Bilder zu übersetzen – in viele Hundert, manchmal 1.000 Schnitte „aufzulösen“, wie der Fachbegriff heißt – dazu braucht es professionelle Anleitung. Der neue Leiter unserer Audio/Video-Abteilung, Athanasios Rovakis, lud mich ein, ihn bei einem Besuch von Freunden in der Berliner Philharmonie und ihrer Digital Concert Hall zu begleiten: Damals wie heute die einzige Benchmark einer Kulturinstitution, die unabhängig auf einer eigenen Plattform bezahlpflichtig live in hoher Qualität und Frequenz streamt. Dort, im berühmten Scharoun-Bau, lief eine Probe, der Regisseur drehte sich kurz ein wenig irritiert zu uns Eindringlingen um, ein Blick: Das ist der richtige! Und weniger als einen Monat später saß Robert Gummlich mit einer ersten Gruppe aus unserer Oper live am Platz-Kerntruppe und Studentinnen und Studenten der Filmakademie in Wien zusammen, um einerseits wichtige Grundlagen der Videoproduktion von klassischer Musik zu lehren, und andererseits mit uns gemeinsam den „Wiener Bildstil“ der Opernproduktion zu entwickeln, von dem Dominique Meyer schon in unseren ersten Gesprächen eine ganz klare Vorstellung skizziert hatte. Daneben haben wir von Beginn an mit möglichst schlanken und effizienten Workflows gearbeitet, und sie über die Jahre perfektioniert: Weniger aus Kostengründen, sondern um die schon in der zweiten Saison erreichte Zahl von 45 Live-Übertragungen pro Saison überhaupt möglich zu machen. Alle an einer unserer Liveproduktionen Beteiligten, ob in Video oder Audio, ob in Technik oder Organisation, brauchen eine ganz erstaunliche und alles

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andere als alltägliche Mischung an Voraussetzungen und Kompetenzen: Nicht nur intime Kenntnis von Opern, sondern wirkliche Begeisterung, nicht nur keine Angst vor Technik, sondern echtes Verständnis, nicht nur zeitliche Beweglichkeit, sondern die Bereitschaft, viele Spät- und Überstunden zu machen (Opern sind tendenziell ein langes Vergnügen), nicht nur der Wunsch, Menschen diese Kunstform nach Hause zu bringen, sondern die Leidenschaft, dann auch mit ihnen täglich in unerschöpflicher Geduld zu kommunizieren. Auch heute noch ist das durchaus nicht leicht, aber 2013 war es eine enorme Herausforderung, eine OTT („Over the top“)-bezahlpflichtige Internet-Plattform für weltweites Live- und On-Demand-Streaming in höchster Qualität aufzubauen. Die großen Anbieter – spezialisiert z.B. auf Online-Distribution und TV-Theken von großen Fernsehsendern – kamen aus Kostengründen nicht in Frage, also haben wir uns mit einem jungen österreichischen Unternehmen mit einem eigenen Entwicklerteam in San Francisco zusammengetan, und in nur fünf Monaten staatsoperlive.com nicht nur von Grund auf entwickelt, sondern gemeinsam mit unserer IT-Abteilung in alle Prozesse der Staatsoper integriert. Ohne die rückhaltlose Unterstützung und das kreative Mitdenken von Oliver Zenner und seiner IT-Kollegen würde unser Programm noch heute keine Woche lang laufen. Über den Sommer 2013 erfolgte dann (nach Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt) der Einbau der gemeinsam mit Robert Gummlich entworfenen neuen Technik: 9 brandneue, ferngesteuerte, nahezu unsichtbare und unhörbare Full-HDKameras, ein völlig neues Videostudio, ein neues Audio-Mischpult auf höchstem Industrie-Standard, und die gesamte Internet-Streaming-Infrastruktur, alles verbunden durch einige tausend Meter Kabel. Während die Kolleginnen und Kollegen die ersten Übertragungen für „Oper Live am Platz“ produzierten, wurde unter dem Tisch noch eifrig an den letzten Kontakten gelötet … Unser Vorhaben, die Grenzen des Zuschauerraums zu sprengen, Oper und Ballett mit modernster Technologie Menschen auf der ganzen Welt ins Wohnzimmer zu bringen und neues Publikum auf jenen digitalen Plattformen anzusprechen, auf denen sich vor allem Jüngere massiv bewegen, bot perfekte


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Anknüpfungsmöglichkeiten für Sponsoren. So ist es gelungen, die gesamte Investition in Hard- und Software ohne einen einzigen Euro aus dem laufenden Budget der Oper zu decken, was zudem ermöglichte, allen Mitwirkenden von Beginn an eine faire Beteiligung an den Einnahmen anzubieten. Als erste Live-Übertragung auf unserer neuen Plattform hatten wir uns für einen Rosenkavalier entschieden, unter Adam Fischer, mit Renée Fleming – bestens erfahren von vielen Kino-Produktionen der Met in New York. Zu spät ist uns klar geworden, welche Steilvorlage wir da errichtet hatten: Ein Sonntag nach einem Feiertag, eine wirklich sehr lange Oper, und ein Star, zwar Kamera-erfahren, aber auch dementsprechend fordernd: Zum Nachsehen war dies am Donnerstag, 16. April. Aber alles ist gut verlaufen, und nach einer Test-Saison 2013/2014 mit 14 Livestreams, aus der zahllose Erfahrungen in eine grundlegende Weiterentwicklung über den Sommer 2014 flossen, konnten wir im Herbst 2014 das erste volle „Wiener Staatsoper Live@Home“ Programm mit 45 Übertragungen präsentieren. Schon im Mai 2015 folgte der Start des ersten weltweiten regelmäßigen Livestreaming-Programms in UHD, für das wir mit unserem Partner SAMSUNG einen der rennomiertesten Preise der TV-Industrie erhielten: Dominique Meyer hat den „Special Award for Innovation“ der IBC in Amsterdam gemeinsam mit dem Präsidenten der FIFA persönlich übernommen. Sehr schnell sprach sich in der Musik- und Medienwelt herum, was die Wiener Staatsoper da auf die Beine gestellt hat, das waren doch gänzlich andere und innovative Formate von Produktion, Distribution und Verwertung, die da entstanden sind. Wir haben unsere Workflows, die Technik, organisatorischen und rechtlichen Modelle inzwischen auf zahlreichen internationalen Konferenzen, in Konservatorien und Hochschulen präsentiert und weitergegeben, viele Kulturinstitutionen sind inzwischen unserem Beispiel oft bis ins Detail gefolgt, und die Wiener Staatsoper ist mittlerweile weltweites Vorzeigebeispiel für die Digitalisierung in der Kulturwelt. Schon bald haben wir auch dem ORF Kooperation angeboten, dort musste man jedoch erst langsam

Vertrauen in die Qualität unserer unabhängigen Produktionen gewinnen – 2018 aber konnten wir eine umfangreiche Zusammenarbeit starten, mit 15 unserer Produktionen auf ORFIII und zwei für ORFII, und besonders aufregend für uns sogar mit Live-Übernahmen direkt aus unserem Studio auf die TV-Schirme in ganz Österreich. Manche wichtige Märkte sind von uns aus sowohl aus technischen wie auch aus Gründen einer kaum überwindbaren Sprachbarriere nur schwer erreichbar, deshalb haben wir uns entschieden, dort mit Partnern zusammenzuarbeiten, die in eigenen Fenstern auf ihren Plattformen das Online-Programm der Wiener Staatsoper anbieten. Auf kuke.cn haben wir in China seither über 250.000 (zahlende) Zuseherinnen und Zuseher in Musikschulen, Konservatorien und Universitäten erreicht, das führende japanische Klassikradio OTTAVA hat mit unseren Live­ streams einen Video-Streaming-Dienst gestartet, und seit Anfang 2020 läuft staatsoperlive.com in einem Fenster auf dem größten Klassik-OnlinePortal Chinas, dem Tencent Arts Channel. Am 11. März 2020 musste die Wiener Staatsoper schließen, wie so viele andere Häuser auf der ganzen Welt, und noch ist nicht absehbar, wann wir wieder Vorstellungen auf unseren Bühnen zeigen werden. Es hat aber nur ein paar Tage gedauert, bis wir am 15. März wieder spielen konnten: Digital, weltweit zugänglich, gratis. Wir haben unser Archiv von rund 350 Livestreams geöffnet, Kostbarkeiten aus Oper und Ballett, mehrere Besetzungen stehen zum unmittelbaren Vergleich, manchmal sogar verschiedene Produktionen ein und desselben Werkes . In wenigen Wochen haben sich 160.000 Menschen neu registriert, im Schnitt senden wir 18.000 Streams über unsere eigenen Plattformen, dazu 30.000 in China und Japan. So bleiben wir in schwieriger Zeit unserem Publikum verbunden und halten die Wiener Staatsoper und ihr Programm auch medial präsent: damit wir nach diesem tiefen Einschnitt in unser aller Lebenswelt hoffentlich wieder an das vertraute Bild einer vollen, lebendigen und von Oper und Ballett vibrierenden Oper anschließen können. Christopher Widauer

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Elı̄na Garanča und Roberto Alagna in Samson et Dalila

OPER IM BILD

Die geplante Ausstellung findet aufgrund der aktuellen Situation nicht im Gustav Mahler-Saal und Marmorsaal statt, sondern wird ab Anfang Mai online auf www.wienerstaatsoper.at gezeigt.

100.000. In Worten: Einhunderttausend.

Ungefähr so viele Bilder hat der Staatsopern-Fotograf Michael Pöhn in den letzten zehn Jahren aus seinem Schaffen ausgewählt, bearbeitet, abgespeichert: Schnappschüsse aus der Probenarbeit, Portraitbilder, Situationen und Interieurs, Opernball und Konzerte. Vor allem aber: Vorstellungsfotos. Keine Produktion, die nicht dokumentiert ist, die nicht mit seiner klaren, treffenden Handschrift eingefangen wurde: Mit jedem Bild zeigt er nicht nur die Atmosphäre der Produktion, er zeichnet auch die Stimmung der jeweiligen Szene nach, verbindet den höchstpersönlichen Ausdruck der Sänger mit dem Gesamtkonzept des Regieteams. Und schafft, darüber hinaus, auch noch Bilder, die den Betrachter anspringen. Nach zehn Jahren zieht er nun Zwischenbilanz und zeigt eine Auswahl seiner besten Arbeiten in einer online-Ausstellung. Anlass der Ausstellung ist zunächst einmal die runde Zahl: 10 Jahre. Michael Pöhn: Und vor allem ist es ein Rückblick auf die Direktion Dominique Meyer. Das bedeutet, man sieht rund 60 Opern-Neuproduktionen und kann die vielen Abende Revue passieren lassen. Wir haben uns bewusst entschieden, nur die Premierenproduktionen zu zeigen und nicht das gesamte Repertoire – denn das hätte jeden Rah

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men gesprengt! Und die Ausstellung zeigt auch zehn Jahre meiner persönlichen Fotogeschichte. Nun lagern auf dem gewaltigen Bildserver unzählige Bilder. Nach welchen Gesichtspunkten hast du die gezeigten ausgewählt? Sind das einfach deine persönlichen Lieblingsbilder oder gab es dramaturgische Kriterien? Michael Pöhn: Die Idee ist, dass man einzelne Schlüsselpunkte eines Abends findet und hervorholt, um dem Betrachter mit drei oder vier Bildern die gesamte Oper zu erzählen. Sowohl, was das Bühnenbild, als auch was Aussage, Stimmung und stilistische Ausformung anbelangt. Dazu kommt auch noch, dass die Staatsoper ein Repertoire-Theater ist, es also fast immer mehr als nur eine Besetzung gibt. Dieser stetige Wechsel unterschiedlichster Sängerinnen und Sänger gehört zu unserem Selbstverständnis, und dem folge ich auch in der Bildauswahl. So zeigen wir – in den Hauptrollen –, wer aller in den Produktionen gesungen hat. Da kommt man bei manchen Opern auf eine immer wieder verblüffend große Zahl großer Namen. Nun ist es natürlich reizvoll, unterschiedliche Besetzungen in immer derselben Szene zu zeigen – diesmal bin ich aber einen anderen Weg gegangen, und habe bewusst unterschiedliche Momente aus einer Oper gewählt.


INTERVIEW

Hast du die Bilder alle im Kopf? Oder wie hast du die Auswahl erstellt? Alle Fotos, die du bisher gemacht hast, kannst du ja schlecht noch einmal durchschauen … Michael Pöhn: Wir können auf eine bereits grob selektierte Auswahl an Bildern zugreifen, die im Rahmen der Neuproduktionen jeweils pro Stück erstellt wurde. In Summe waren das etwa 1300 Fotos, die alle Premieren abbilden; diese habe ich dann durch die angesprochenen Besetzungswechsel ergänzt. Mitunter gibt es ja „das“ Bild für eine Produktion, ein Key-Foto. Verwendest du solche auch in der Aus­stellung? Michael Pöhn: In Falle der Staatsoper ist es das jeweilige Cover des Programmhefts: Auf diesem soll all das, was das Werk ausmacht, in komprimierter Form zu sehen sein. Das kann eine Totale, aber auch eine einzelne Figur sein – wichtig ist nur, dass die Werk- und Interpretationsaussage erkennbar ist. Einem solchen Bild kommt übrigens stets eine zentrale Aufgabe zu – daher hat sie auch Dominique Meyer jeweils persönlich in Absprache mit dem Leading-Team ausgewählt. Der erste Eindruck: Welche Fülle! Der zweite Eindruck: Und so viele Details! Was wünschst du dir, dass der Betrachter mitnimmt? Michael Pöhn: Ich möchte den Wunsch erwecken, die Oper auf der Bühne zu sehen. Wenn jemand, abgesehen von der Freude an den Fotos und vom Erinnern an einzelne Abende, das Gefühl bekommt: Auf diese Produktion hab ich jetzt Lust! – Dann ist die Intention der Ausstellung erfüllt.

ren, die naturgemäß Neuland sind. Was ist herausfordernder? Michael Pöhn: Die Schlussproben! Auch wenn ich eine Produktion von Anfang an begleite, erlebe ich bei einer solchen Endproben unglaublich viele neue Eindrücke, die ich alle festhalten will. Ich arbeite in solchen Fällen mit drei Kameras gleichzeitig – da ist die Anspannung natürlich am größten. Alleine schon von der Logistik her. Drei Kameras? Michael Pöhn: Eine am Stativ montiert, zwei griffbereit: Ich muss Sänger solistisch oder in Duetten mit einer langen Brennweite in Nahaufnahme erwischen, wenn aber der Chor auftritt, brauche ich die gesamte Bühnenbreite. Und die dritte Kamera ist für alle Situationen zwischen Close up und der Totalen. Manchmal klemme ich mir eine Kamera zwischen die Knie, damit ich einen raschen Wechsel vornehmen kann. Nach einem solchen Fotomarathon bin ich schon alleine körperlich erledigt, nicht zu sprechen von der Konzentration, die extrem gefordert ist. Aber gerade nach den Schlussproben geht die Arbeit unmittelbar weiter: Die Fotos müssen selektiert werden, retuschiert, der Bildausschnitt wird festgelegt. Ein solcher Schlussprobentag ist nicht nur für die Künstler auf der Bühne, sondern auch für mich ein langer!

Lampenfieber gehört im Theaterleben dazu. Wie nervös bist du bei deiner Arbeit? Michael Pöhn: Eine gewisse Grundspannung ist immer da, und die gehört, wie bei allen künstlerischen Berufen, einfach dazu. Natürlich gibt es Produktionen, die einen mit zusätzlichen Herausforderungen konfrontieren: zum Beispiel Abende, die fürs Fotografieren ungünstige Lichtverhältnisse aufweisen. Aber damit lernt man umzugehen. Nun fotografierst du sowohl Repertoireabende, an denen du die Produktionen ganz genau kennst wie auch die Schlussproben vor Premie-

Anna Netrebko in Il trovatore

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Evelyn Herlitzius, Camilla Nylund und Nina Stemme in Die Frau ohne Schatten

Du hast eine lange Biografie als Fotograf in den unterschiedlichsten Tätigkeitsbereichen. Gab es ein Opern-Schlüsselerlebnis? Etwas, was du (um-) lernen musstest? Michael Pöhn: Dass ich keine Anweisungen geben kann, wie es sonst oftmals üblich ist. Und dass man – nur für ein Foto – nichts wiederholen kann. Anfangs muss man natürlich viel ausprobieren: Wie reagiert die Kamera auf Pyroeffekte? Wie geht sie mit bestimmten Lichtverhältnissen um? 100.000 Fotos – also Kinder – zu haben macht den Überblick nicht einfach. Dennoch, auch wenn du sie alle schätzt – gibt es ganz besondere für dich? Bilder, an denen dein Herz hängt? Michael Pöhn: Natürlich, es gibt Highlights, die ich ganz besonders mag. Wobei ich festgestellt habe, dass es hier keinen Stillstand gibt, sondern sich auch meine Zuneigung im Fluss befindet. Es geht immer weiter, es passiert immer Neues. Dein Arbeitsplatz ist unter anderem am Parterre-Stehplatz. Wie reagiert das Publikum eigentlich auf den Mann mit dem Stativ? Michael Pöhn: Bis auf wenige Ausnahmen: sehr gut! In den Pausen kommt man ja miteinander

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ins Gespräch, und ich habe gelernt, dass auch (oder gerade) am Stehplatz lauter Operndirektoren residieren. Das ist sehr unterhaltsam! Und sehr Wienerisch! Glücklicherweise habe ich einen Kamerasack, der die Klickgeräusche des Apparats praktisch auf null dimmt. Solche Ummantelungen sind zu kaufen, ich habe meinen darüber hinaus noch umgenäht, damit er noch besser wirkt. So wie ein Oboist sein Mundstück selbst schnitzt, so optimiere ich meinen KameraSchalldämpfer … Kaum ein anderer kommt so nahe an die Künstler heran wie du – wenn auch nur durch das Objektiv. Lernst du durch diese kurze Distanz ihre Eigenheiten, Charakteristika kennen? Du bist ja auf Tuchfühlung. Michael Pöhn: Natürlich! Als Fotograf ist man ja eine Art Voyeur, wobei sogar eine tatsächliche Absicht dahinter steht, sie genau zu studieren. Denn nur, wenn ich ihre Gesten und ihre Mimik kenne, kann ich sie bestmöglich abbilden. Ich muss nicht nur sehen, was sie machen, sondern voraussehen, was sie machen werden – um so den richtigen Moment zu erwischen. Im Idealfall fotografiere ich ja keinen Sänger mit offenem Mund, sondern unmittelbar, bevor er oder sie zu singen beginnt. Da ist bereits die Körperspannung da, aber der Mund noch geschlossen.

Krassimira Stoyanova in Don Carlo


INTERVIEW

Bild links: Juan Diego Flórez in Don Pasquale Bild rechts: Piotr Beczała in Adriana Lecouvreur

Gibt es Feedback der Fotografierten? Michael Pöhn: Wenn Sängerinnen und Sänger sich auf Fotos gut getroffen empfinden und mir das sagen – dann ist das der Applaus, den ich erhalte. Mit vielen haben sich echte Freundschaften entwickelt, so wie mit Regisseuren und Bühnenbildnern, die mich auch gebeten haben, ihre Arbeiten auch außerhalb der Staatsoper zu fotografieren.

Les Troyens

Und zuletzt: Du verbringst pro Woche zig Stunden umgeben von Musik. Kannst du sie, aufs Bild konzentriert, überhaupt genießen? Michael Pöhn: Bei den genannten Schlussproben nicht, da bin ich so fokussiert, dass ich rund um mich nichts wahrnehme. Und bei Repertoirevorstellungen versuche ich bewusst, nicht zu genießen. Sonst vergesse ich womöglich, im richtigen Moment den Auslöser zu drücken! Láng-Láng

Cardillac

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NUR EINE HOFFNUNG SOLL Spuren der Einsamkeit in der Oper

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ede Zeit fordert. Besonders wenn es, wie dieser Tage, gilt, die Kommunikation auf ein Mindest­ maß zu beschränken, viele sich auf sich selbst einschränken, das Beste aus dieser durch die Umstände geschuldeten Einsamkeit machen müssen. Ein Thema, das auch die Opernliteratur wiederholt aufgreift, wie einige beliebig hervorgekehrte Beispiele zeigen.

Camilla Nylund in Der Rosenkavalier

Plötzlich ist alles anders, aus einem gemeinsamen Schiausflug ist ein Alptraum geworden. Ein Schneewehen hat alle in der Hütte eingeschlossen, Entrinnen ist unmöglich. Ein Szenario, wie es immer wieder geschildert wurde, ist unerwartet Wirklichkeit geworden. Die Mittel werden knapp. Selbst der Tisch muss verheizt werden, um wenigstens kurzfristig Wärme zu bekommen. Während sich die einen der neuen Lage wehrlos ausgesetzt sehen, nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen, versuchen die anderen das Beste aus dieser Situation zu machen, selbst mit dem Schnee zu kommunizieren. Darum geht es in Beat Furrers Oper Violetter Schnee nach einem Libretto von Händl Klaus, uraufgeführt im Vorjahr an der Berliner Staatsoper. Die Oper als Prophet einer Zeit der Einsamkeit und kommunikativer Verarmung, wie sie uns gegenwärtig alles andere als fremd ist. Überhaupt ist Einsamkeit ein Thema, das immer wieder Komponisten beschäftigt hat. Schuberts beide von ihm zusammengestellten Zyklen, Die schöne Müllerin und Winterreise, sind dafür eine der markantesten Beispiele. Der Müllerbursche auf der Suche nach seiner ihm schließlich verwehrt bleibenden Liebe, die ihn am Ende in den Wellen des Baches den Tod finden lässt. Oder der einsame, wiederholt von Halluzinationen geplagte Wanderer, der am Ende offenlässt, ob er sich selbst ein Ende macht oder, geläutert durch die Erfahrungen, zu einer neuen Wanderung aufbricht.

Simon Keenlyside in Wozzeck

Nicht selten ist Einsamkeit ungewollt. Ein Mündel, das Briefe schreibt, das geht gar nicht. Da kann der Vormund gar nicht anders, als ihr die Freiheit zu

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nehmen, sie einzusperren, wie es Rosina in Rossinis Il barbiere di Siviglia durch den gestrengen Bartolo erfährt, der selbst ein Auge auf sie geworfen hat und sie niemandem anderen freigeben will. Auch die Tochter des Hofnarren Rigoletto in Verdis gleichnamiger Oper wird ihrer Freiheit beraubt. Nur mit dem Unterschied, dass das gutgemeinte Wegsperren durch ihren Vater schlecht ausgeht. Denn ihrer unbeabsichtigten Ermordung kann sie damit nicht entkommen. Rosina hingegen bekommt ihren Grafen Almaviva. Wie es ist, plötzlich allein zurückgelassen zu werden, zeigt auch ein anderer Verdi-Klassiker: La traviata. Der Vater will die vom Sohn geliebte Kurtisane nicht, er zwingt Violetta, ihm einen Abschiedsbrief zu schreiben. Der Traum der beiden von Leben zu zweit ist zu Ende, kaum dass er begonnen hat. Und das lässt sich nicht mehr korrigieren: Stand zuerst ein verständnisloser Vater dieser Liebesbeziehung entgegen, ist es am Ende Violettas Krankheit, die sie wenigstens am Schluss nicht einsam, sondern in den Armen ihres Geliebten Alfredo sterben lässt. Einsamkeit, die bekommen auch Fiordiligi und Dorabella in Mozarts Così fan tutte zu spüren. Denn ihre beiden Männer beschließen, abrupt abzureisen, um sie schon bald auf die Probe zu stellen, ob sie ihnen auch dann treu sind, wenn scheinbar andere – tatsächlich aber sie selbst, Guglielmo und Fernando in vertauschten Rollen – um sie werben. Wie aber geht dieses frivole Spiel aus, das angeblich auf einer wahren Geschichte in Wiener Neustädter Offizierskreisen basieren soll? Die Oper lässt es eigentlich offen. Und die Marschallin in der „wienerischsten“ aller Opern, obwohl sie aus der Feder des Bayern Richard Strauss stammt, im Rosenkavalier? Sie versucht sich über ihre Einsamkeit durch die offensichtlich langen Abwesenheiten ihres ihr aufoktroyierten Gatten mit einem Liebhaber, Octavian, hinwegzutrösten, merkt aber bald, dass sie den


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MIR BLEIBEN jungen Adeligen nicht an sich binden kann. Dies sich selbst eingestehend, verfällt sie wieder in die ursprüngliche Einsamkeit. Kann sie daraus, wie es manche Inszenierung zu deuten versucht, doch noch einmal entkommen, etwa mit einem anderen Liebhaber? Wie ergeht es am Ende der Gräfin in Mozarts Le nozze di Figaro? Gewiss, ihr Gatte verspricht, künftig all seinem Treiben zu entsagen. Aber darf man ihm das nach all dem, wie er sich davor gegeben hat, abnehmen? Wird nicht schon nach kurzer Zeit der alte Filou in ihm wieder aufleben und seine Frau so einsam wie zuvor zurücklassen? War es von Anfang an die falsche Entscheidung, haben sie nie zueinander gepasst? Jetzt jedenfalls ist sie allein, in ihre Einsamkeit zurückgeworfen. Verzweifelt versucht die Frau ihren Partner am Telefon davon zu überzeugen, dass ein Blick alles verändern könne. Vergeblich. Ob sie sich am Ende voller Verzweiflung mit dem Telefonkabel erdrosselt, weil sie das Alleinsein auf Dauer nicht aushält? Francis Poulencs La voix humaine nach einem Libretto von Jean Cocteau lässt dies zumindest vermuten. Wie rasch sich ein Blatt wenden kann: Eben noch von allen geschätzt, verliert der Matrose Billy Budd in Brittens gleichnamiger Oper die Nerven, als er zu Unrecht vom Bootsmann John Claggart der Mitwirkung einer Meuterei beschuldigt wird – und tötet Claggart. Keiner der Mannschaft darf ihm helfen, alleine aber kann er sich des Todesurteils des Militärgerichts nicht erwehren. Auch Gerüchte können in die Isolation, die Einsamkeit, das Ausgestoßensein münden, wie eine andere Opernfigur Brittens, Peter Grimes, beweist. Einen Lehrbuben habe er zu Tode gequält, heißt es, Beweise dafür gibt es nicht. Als ein weiterer Bub zu Tode kommt, ist das Schicksal des Fischers besiegelt. Um sich der dörflichen Lynchjustiz, die auch für den zweiten Fall nichts in Händen hat, die Grimes’ Schuld beweist, zu entziehen, geht er auf Anraten seines einstigen Kapitäns Balstrode mit seinem Boot auf hoher See einsam in den Tod.

Natalie Dessay in La Traviata

Gehören Armut und Einsamkeit zusammen? Jedenfalls bei der Titelfigur von Alban Bergs Wozzeck. Von allen geknechtet, mit Vorwürfen überhäuft, von seiner Frau gedemütigt. Der von der Gesellschaft Ausgestoßene ist endgültig vereinsamt und tötet seine Frau – und damit seine einzige Bezugsperson. Als er das Tatwerkzeug, ein Messer, im Teich versenken und sich von dem Mord reinigen will, geht er in diesem unter. „Nur eine Hoffnung soll mir bleiben, nur eine unerschüttert stehen: so lang der Erde Keime treiben, so muss sie doch zugrunde gehen“, hofft verzweifelt der Holländer in Wagners gleichnamigem Dreiakter, dass ihn die Liebe einer Frau von seiner einsamen Reise durch die See, die ihn nur alle sieben Jahre ans Land lässt, erlöst. Senta erhört diese Bitte, stürzt sich ins Meer, Holländers Schiff versinkt in den Fluten. Eine schier endlos scheinende einsame Irrfahrt hat ein Ende gefunden. Einsamkeit muss also keineswegs in Verzweiflung münden, sondern kann sehr wohl Hoffnung in sich bergen, wie selbst ein kursorischer Blick in die Opernliteratur dokumentiert. Walter Dobner

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Olga Bezsmertna in Le nozze di Figaro


DIE EIGENE WOHNUNG ALS

Liudmila Konovalova

Jakob Feyferlik

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m 10. März 2020 erfolgte aufgrund der Corona Krise die erste Absage einer Vorstellung an der Wiener Staatsoper – diese betraf den Ballett­ abend LUKÁCS | LIDBERG | DUATO, der erst kurz zuvor seine Premiere gefeiert hatte. Olga Esina und Jakob Feyferlik hätten an jenem Abend ihre Rollendebüts in András Lukács’ Movements to Stravinsky gegeben. Nur wenige Tage später wurde für das Wiener Staatsballett auch der Trainings- und Probenbetrieb eingestellt – eine einschneidende Maßnahme im Leben eines Tänzers, für die meisten verlagerte sich somit der Trainingsort in die eigenen vier Wände. Stellvertretend erzählen drei Ensemblemitglieder von ihren Erfahrungen und ihrem Umgang mit dieser außergewöhnlichen, herausfordernden Situation: die etablierten, aus Russland stammenden, Ersten Solotänzerinnen Olga Esina und Liudmila Konovalova sowie der junge aufstrebende Erste Solotänzer Jakob Feyferlik aus Wien.

LIUDMILA KONOVALOVA MACHT MUT VIA YOUTUBE Nachdem sie ein privates Video, das sie beim Balletttraining bei sich zu Hause zeigt, auf Facebook und Instagram gestellt hatte, war die Breitenwirkung so groß, dass sie nicht nur in kürzester Zeit zahlreiche

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Olga Esina

Aufrufe und „likes“ hatte, sondern nahezu weltweit mediale Aufmerksamkeit erregte: Es ereilte sie ein Anruf der internationalen Nachrichtenagentur Reuters, die daraus ein Video erstellte, ergänzt mit ein paar Statements von ihr, das auf der Video-Plattform youtube abgerufen werden kann – zahlreiche Fernsehsender, darunter die BBC, berichteten darüber. Konovalovas klare Botschaft an alle TänzerInnen lautet da: Ich glaube wirklich daran, dass man überall in Form bleiben kann: im Wohnzimmer, am Korridor, in der Küche. Man braucht nicht viel dafür, nur zwei Meter Platz und etwas zum Anhalten (Anm.: für Übungen an der Ballettstange). Aber das Wichtigste ist der starke Wunsch und Wille dazu!

OLGA ESINA GIBT LIVE-BALLETT­ TRAINING Olga Esina ist in der glücklichen Lage, gemeinsam mit Ehemann und Ex-Tänzer Kirill Kourlaev eine Ballettschule zu besitzen, die ihr Raum zum Trainieren gibt, andererseits ist sie auch Mutter einer dreijährigen Tochter. Was bedeutet die Corona-Krise für Olga Esina persönlich und beruflich? Meine Tochter hat mich zuerst gefragt, war-


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BALLETTSAAL um wir nicht mehr in den Kindergarten gehen können. Ich habe versucht, es ihr zu erklären und ich glaube, sie versteht es bereits. Ich kann jetzt viel mehr Zeit mit ihr verbringen und koche zudem sehr viel – das gefällt mir gut. Das Leben ist jedenfalls auf den Kopf gestellt worden. Das Theater ist geschlossen, ich vermisse die Atmosphäre dort und kann meine Lieblingsbeschäftigung nicht wie gewohnt ausüben. Ich trainiere zu Hause, aber auch in unserer Ballettschule und hoffe, dass sich diese Situation bald normalisiert. Am 26. März hat sie erstmals ein Live-Training via Internet (über das Portal eversports.at) gegeben, weitere folgen. Wie kam diese Idee dazu und fühlt man sich in dieser neuen Situation? Die Idee kam eigentlich von meinem Mann. Wir diskutierten viel darüber, dass so viele Ballettkinder unserer Schule, der Berufsschulen, aber auch Amateure, ohne ihren Lieblingszeitvertreib und vor allem ohne körperliche Betätigung blieben. Daher haben wir beschlossen, eine Live-Übertragung meiner Lektion zu organisieren. Die erste Stunde wurde von 30 Personen besucht und allen gefiel sie sehr gut. Ich bin natürlich erschöpft – vorzeigen und reden gleichzeitig war sehr schwierig (lacht). Zukünftig werde ich vier Stunden pro Woche Unterricht dieser Art geben, für Profis und Anfänger. Das ist zugleich ein gutes Training für mich und eine nützliche Aktivität für alle, die Bewegung und Tanz lieben. Welche Ratschläge würde Olga Esina Tänzer-­ KollegInnen bzw. den Menschen generell geben? Das Wichtigste ist, dass man versucht, diese Zeit gut zu nützen – etwa Familie, Freunde anzurufen und ihnen zu sagen, wie sehr wir sie vermissen und lieben. Sehr wichtig ist natürlich auch, die Anordnungen des Staates zu befolgen – der Erfolg dieser hängt von uns allen ab. Weiter zu trainieren ist natürlich für Tänzer unerlässlich, aber vielleicht auch das zu tun, wozu vorher keine Zeit war. Ich bin eine Optimistin und glaube an die guten Dinge – das wünsche ich allen, egal wie schwer es uns derzeit fällt.

JAKOB FEYFERLIK RÄT ZU EINEM GEREGELTEN TAGESABLAUF Wie sieht sein aktueller Tagesablauf in etwa aus, wie hält er sich in Form? Für mich als Tänzer ist es eine große Umstellung gewesen, dass der geregelte Arbeitsalltag fehlt. Ich versuche aber, soweit es geht, eine Routine hineinzubekommen – das ist für die Psyche, glaube ich, ganz wichtig. Daher mache ich täglich zu Hause meine eigenen Übungen zu Trainingsmusik der neuen CD unserer Pianistin Shino Takizawa (Anm.: Korrepetitorin des Wiener Staatsballetts). Anschließend mache ich noch ein kleines Workout für Bauchmuskulatur und Rumpf. Zusätzlich mache ich ab und zu noch floor barre mit unserem Gasttrainer aus Frankreich, Stéphane Phavorin, der so nett ist und seine Trainingseinheiten oft per Livestream mit allen teilt. Dank der Initiative des Betriebsrates, dem auch ich angehöre, sowie Ballettdirektor Manuel Legris, haben alle TänzerInnen unserer Kompanie kürzlich ein Stück Ballettboden für daheim zur Verfügung gestellt bekommen – das erleichtert das Training und macht es sicherer. Tänzer ist ein „internationaler Beruf “ – inwiefern ist Jakob Feyferlik dadurch betroffen? Leider habe ich aufgrund der Krise schon manche Absagen für Gastauftritte bekommen. Vieles ist noch unklar, da wir nicht wissen wie lange wir noch zuhause bleiben müssen. Kann er der aktuellen Situation auch Positives abgewinnen – wie blickt Feyferlik in die Zukunft? Ich versuche, positiv zu denken und optimistisch zu bleiben, das Beste aus der Situation zu machen und mich auf das zu freuen, was nach der Krise kommt. Ich kann zusätzliche Workouts machen, die meinen Körper stärken, wofür ich sonst nur wenig Zeit habe, oft auch zu erschöpft bin. Ein positiver Aspekt ist zudem, dass die Leute wieder regionaler leben und aufeinander achten – man lernt wieder, Sachen zu schätzen. Die ganze Welt versucht in so einer schwierigen Zeit zusammenzuhalten. Die Fragen stellte Iris Frey

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GRÜSSE VON ENSEMBLEMIT AN DAS PUBLIKUM Liebe Besucherinnen und Besucher!

Liebe Opernfreunde!

Die aktuellen Umstände haben uns, falls wir nicht sogar physisch von der Krankheit direkt betroffen sind, zur Besinnung gezwungen. Das Leben steht still. Ein Zustand, der gerade für ein Theater, zumal für ein Opernhaus, paradox erscheint. Ich hoffe für uns alle, dass die Gefahr bald vorbei ist! Und auch, dass wir nicht zur Normalität zurückkehren, sondern einige Erfahrungen aus dieser Zeit mitnehmen. Ruhe, Gedanken, Geist. Besinnung auf die wichtigen Dinge des Lebens. Das wird auch dem nächsten Theaterbesuch gut tun. Denn schließlich, das haben wir – glaube ich – gelegentlich unterschlagen, schließlich geht es auch (und gerade) bei uns, um nichts weniger, als um das Leben!

Auch wenn unsere geliebte Staatsoper leider gerade leider eine „künstlerische Auszeit“ nimmt und wir Sänger zwangsläufig etwas „durchschnaufen“ müssen, wird die Liebe zur Musik und die Sehnsucht nach OPER umso stärker in unseren Herzen brennen. Ich rufe Ihnen daher frohen Mutes zu, jetzt zusammenzuhalten, besonnen und beherzt die notwendigen Maßnahmen gemeinsam mitzutragen, damit sich der Vorhang unserer geliebten Wiener Staatsoper schon bald wieder öffnet. Meine besten Wünsche, bleiben Sie gesund und bis bald im Haus am Ring. Ihr Clemens Unterreiner

Ihr Hans Peter Kammerer

Liebe Opernliebhaber, liebe Musikliebhaber! Liebes Publikum, liebe bekannten und unbekannten Menschen, die die Oper lieben! Ich hoffe, dass es Euch (sei es mir jetzt erlaubt derart familiär zu sein) gut geht und ich hoffe, dass wir bald für Euch auf der Bühne stehen, um Euch wieder Schönheit und Kraft zu geben und um von Euch im Gegenzug Liebe und Kraft zu empfangen. Genießt die digitale Oper, freut Euch aufs Stream­ ing, genießt Musik auf jede Weise – es gibt keine bessere Impfung gegen Angst und Traurigkeit! ABER bitte vergesst nicht, dass eine Vorstellung mit lebendigen Künstlern – mit anderen gemeinsam erlebt – durch absolut nichts zu ersetzen ist. Also, liebe Freunde und Mitmenschen, bis bald! Eure Simina Ivan

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Die Corona-Krise gibt uns vermehrt den zwingenden Anlass, die Sachlage „Welt“ neu zu überdenken. Abgesehen davon, dass wir – insbesondere ich – die Wichtigkeiten neu definieren, ist es hier auch nötig, die „Kultur“ als solche neu zu überdenken. Als Solist und Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper drängen sich anhand der Krise viele Fragen auf. In erster Linie mache ich mir Sorgen um die Freelancer in unserer Branche, die von Engagement zu Engagement ihren Lebensunterhalt verdienen. Mich bewegt aber auch die Frage, ob dies in der „Zeit danach“ überhaupt wieder so möglich sein wird. Aber ohne Kultur können wir ja nicht leben! Deshalb sind neue Strategien gefragt, die uns sicherlich wieder nach vorne bringen, sowohl die Staatsoper als auch die Theater im ganzen Land. Neue Ideen sind gefragt, neue Ziele und vor allem Mut! Ja, den haben wir zu Genüge!! Da ich einen zweiten Beruf neben dem des Sängers erlernt habe – die Malerei – ist es für mich persönlich ein Leichtes, diese „spezifische“ Zeit mit


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GLIEDERN der Malerei im Kreise meiner geliebten Familie zu verbringen. Da bin ich also wieder einmal ein klein wenig auf die Butterseite gefallen und bin mir dessen auch bewusst – und sehr dankbar. (Natürlich … ab und an ist es nötig, ein wenig die Stimme zu beleben, schließlich möchte man, wenn alles vorbei ist, wieder startklar sein …)

Ihr Herbert Lippert

zu sein und gesungen zu haben. Das Glück, eine Karriere an einem Haus aufzubauen und diese auch so lange zu halten, wird in Zukunft in unserem kurzlebigen Sängergeschäft, wo die SängerInnen zur schnell austauschbaren Ware geworden sind, kaum mehr möglich sein. Deshalb bin ich dem Schicksal doppelt dankbar, für mich an dem schönsten Hause der Welt so lange gewirkt zu haben. Vielleicht behalten Sie mich und die anderen SängerkollegInnen, die nun im wahrsten Sinn des Wortes „sang und klanglos“ unser Haus verlassen, in guter Erinnerung. Bitte bleiben Sie auch in Zukunft weiter unserer Oper und unseren SängerInnen treu und vor allem bleiben Sie gesund! Ihr Herwig Pecoraro

Zeichnerische Grüße von Benedikt Kobel

Liebes Publikum, liebe Opernfreunde! Wer hätte vor ein paar Wochen gedacht, dass dieses Coronavirus unsere heurige Opernsaison beendet? Ich habe mir auch nicht gedacht, dass mein Herodes am 24. Jänner dieses Jahres meine letzte Vorstellung an der Wiener Staatsoper gewesen sein sollte. Wie gerne hätte ich noch meinen letzten Ring im April als Abschluss vor meiner Pensionierung gesungen, aber wie mein Vater schon immer sagte: „Das Leben ist kein Wunschkonzert!“ So möchte ich diese Plattform nutzen, um mich nach 30 Jahren auf der Bühne der Wiener Staatsoper von Ihnen zu verabschieden. Ich verbeuge mich zum letzten Mal, leider nur imaginär, noch einmal ganz tief vor Ihnen und bedanke mich in Demut und Dankbarkeit für Ihren Applaus und Ihre Treue in all diesen Jahren. Es ist in unserem Sängerberuf keine Selbstverständlichkeit, so lange an einem Haus engagiert gewesen

„Hereinspaziert in die Menagerie, Ihr stolzen Herrn, ihr lebenslust’gen Frauen, Mit heißer Wollust und mit kaltem Grauen ...“ So der Beginn des Prologs des Tierbändigers aus Alban Bergs Lulu. Einst folgte die Präsentation der kunstvollen Verbalisierung und Vertonung des „kalten Grauens“ zu unser aller höchstem Kunstgenuss. Jetzt müssen wir uns damit bescheiden, dem kalten Grauen in der Wirklichkeit gegenüberzutreten. Bescheiden? Nein, wir haben gar keine andere Wahl, als die Herausforderung anzunehmen und zu bestehen. Da mag sich das Vermissen der Bühne als beinahe nachgereihte Pein entpuppen. Aber immerhin darf der Wunsch, in naher Zukunft wieder einmal eine Opernvorstellung zu erleben, als Belohnung für die aktuellen Entbehrungen dienen. Wissend, dass dem so sein wird, weil ich auf unsere Kraft vertraue, diese Krise zu meistern, grüße ich Sie herzlich und wünsche Ihnen Gesundheit und Zuversicht! Ihr Wolfgang Bankl, zur Zeit Hauslehrer und Gärtner

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„… DIE VORSTELLUNGEN IN DEN HOFTHEATERN EINGESTELLT…“

Zeitungsnotiz zur Spanischen Grippe in Wien

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och war das Leid und der Wahn des Ersten Weltkriegs nicht ausgestanden, noch war die Rückkehr zu einer – wie auch immer gearteten – Normalität nicht gegeben, da umrundete schon das nächste Unheil den Globus: Die Spanische Grippe. Zwischen 1918 und 1920 starben Millionen und Abermillionen Menschen, Schätzungen meinen, dass rund 5% der damaligen Weltbevölkerung an der Krankheit zugrunde gingen. In der öffentlichen Wahrnehmung mischten sich in Österreich die Meldungen über die grassierende Krankheit mit dem Zerbrechen der Monarchie, die ohnedies unübersichtliche und mehr als prekäre Lage wurde durch die Grippetoten weiter verschärft. Eine unzureichende medizinische Versorgung, die Überforderung der noch bestehenden Institutionen, der Mangel an Nahrung und Hygiene verschärfte die Lage zusehends. Zwar versuchte man mit entsprechenden Vorschriften – etwa dem Gebot, Gaststätten regelmäßig zu lüften und Trinkgläser nach Gebrauch zu reinigen – zumindest ein Minimum an Hygiene zu gewährleisten, doch reichte das bei Weitem nicht aus. Die unterernährte und geschwächte Bevölkerung, besonders auch die Jüngeren, erkrankte in großer Zahl. Verfolgt man die Zeitungsmeldungen in diesem Herbst, so zeichnet sich ein Bild, das an die Berichterstattung und die Gegenmaßnahmen von heute erinnert. Täglich werden Zahlen aus Öster-

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reich und aus dem Ausland rapportiert, Symptome und prognostizierte Verläufe publiziert. Berichte über Erkrankungen Prominenter mischen sich mit allgemein gehaltenen Krankengeschichten, Anklage und Sachlichkeit wechseln sich ab. An der Schraube der Gegenmaßnahmen wird laufend gedreht: Man dünnt Eisenbahnverbindungen aus, stellt den Schulbetrieb ein, stockt Spitalsbetten auf, ruft Ärzte zusammen. Mit anderen Worten: Im Rahmen der allgemeinen Maßnahmen versucht man, das öffentliche Leben nach Möglichkeit herunterzufahren. Und auch im Theaterbetrieb erzwingt die Spanische Grippe eine Pause. Zwar spielen die Theater und Kinos zunächst noch weiter, doch dann wird ein Verbot erlassen wird: „Heute tritt die Anordnung der Statthalterei in Kraft, die im Rahmen der Abwehrmaßnahmen gegen die Grippe die Schließung sämtlicher Theater, Varietébühnen, Kinos, Konzertsäle und Tanzschulen usw. verfügt. Über kaiserliche Anordnung werden von heute an und bis auf weiteres die Vorstellungen in den Hoftheatern eingestellt“, liest man am 21. Oktober 1918 in der offiziösen Reichspost. Wobei – im Gegensatz zu den etwas früher geschlossenen Kinos – die Theater zuvor noch eine kurze Gnadenfrist erhielten. Der kunstfreie Zustand dauert freilich nicht lange, nach zehn Tagen schon eröffnet die Wiener Hofoper wieder ihren Spielbetrieb. Die kommenden Monate sollten allerdings nicht einfacher werden, immer wieder unterbricht das Haus – nun wegen Kohlemangel – die Vorstellungsfolge, so ist die Wiener Oper von 5. bis 20. Dezember mit zwei Unterbrechungen Salome und Zar und Zimmermann geschlossen, später fallweise bis ins Jahr 1920 immer wieder aus demselben Grund. Umso verblüffender ist es, dass in dieser Situation der Not, Unsicherheit und der Unstetigkeit der rein künstlerische Betrieb florierte: mit Richard Strauss und Franz Schalk als Direktoren wurden Gegenkräfte zur Krise wirksam, die dem Haus am Ring eine hohe Zeit und eine Ära des Musik­theaterGlücks bescherten. Oliver Láng


OPER

AUF DEM WEG ZUR NUMMER

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rsprünglich hätte Ensemblemitglied Clemens Unterreiner im März und April seiner beachtlichen Liste der bereits an der Wiener Staatsoper gesungenen Partien als Rolle Nr. 87 den wichtigen und herausfordernden Oberpriester des Dagon in Saint-Saëns Samson et Dalila hinzugefügt. Gemeinsam mit einer Wiederkehr als Sharpless in Puccinis Madama Butterfly ein paar Wochen später wäre dieses Rollendebüt sozusagen der Abschluss der fruchtbaren Zusammenarbeit mit Direktor Dominique Meyer gewesen. Vor Vorfreude hat er in einem kurz vor dem Aussetzen der Vorstellungen gegebenen Interview über beide Projekte geschwärmt. Es war ein ausführliches und schönes Gespräch. Aber wie es Unterreiners Art so ist, hat er in dieser Unterhaltung auch vieles angemerkt, das nicht nur in Bezug auf Saint-Saëns und Puccini von Interesse ist. So etwa über das Reifen und die Weiterentwicklung einer bereits gesungenen Rolle – als extrem reflektierender Künstler achtet er ja stets genau auf jede noch so kleine Veränderung, erkennt wie eine neue Partie eine bereits gesungene technisch positiv beeinflusst und zusätzliche interpretatorische Querverbindungen entstehen lässt. Dann sprach er im Zusammenhang mit einer Rollengestaltung von einer schönen Reise: Von einer Reise in ein noch spannendes, unbekanntes Land im Falle eines Debüts beziehungsweise von einer Reise in eine frühere Zeit, in der er Glück erleben durfte im Falle einer schon oft gegebenen Bühnenfigur. Aber Unterreiner gab auch Einblicke in den tagtäglichen fordernden Alltag, der den Sängern letztlich auferlegt, sich gleich Spitzensportlern mental und energetisch aufzurüsten, um den eigenen hohen Ansprüchen auf Dauer gewachsen zu sein. Was bei ihm allerdings bei jedem andiskutierten Thema durchscheint, ist zum einen diese ungemein positive Einstellung, dieses Urvertrauen, mit der er auch den größten künstlerischen Herausforderungen entgegentritt. Zum anderen aber diese Liebe, die er gegenüber dem gesamten Bühnen­kosmos empfindet: Ob Sängerkollegen, die Musiker im Orchestergraben, Dirigenten, Regis-

Clemens Unterreiner

seure, Mitarbeiter hinter den Kulissen, die zu gebenden Werke selbst, das Haus und – an vorderster Stelle natürlich – das Publikum: Nie hört man von ihm ein böses Wort, alle werden von ihm in die private Begeisterung aufgenommen, die authentisch und ansteckend herüberkommt. Das erklärt mit Sicherheit seine unversiegbare Leidenschaft, seine offenbar unerschöpflichen Energiereserven (dass er als Einteilungskünstler neben seiner Staatsoperntätigkeit auch diverse karitative und ehrenamtliche Tätigkeiten unter einen Hut bringt ist bekannt, weniger vielleicht sein Tätigkeiten als Sprechcoach für diverse CEOs großer Firmen), aber auch seine Fähigkeit zur Selbstkritik, mit der damit verbundenen Bereitschaft, immer wieder an sich zu arbeiten, wenn nötig – ohne müde zu werden – von neuem zu beginnen und auch im Detail nach Perfektion zu streben. (So äußerte sich beispielsweise der diesbezüglich sehr strenge Direktor Dominique Meyer überaus positiv über Unterreiners hervorragende französische Diktion in den entsprechenden Opern von Massenet, Donizetti, Bizet, Gounod, Offenbach.) Und damit ist für ihn der Ausfall des mit so großer Freude erwarteten Rollendebüts als Oberpriester des Dagon zwar eine verständliche Enttäuschung, über die er sich aber mit großer Zuversicht auf die kommenden persönlichen Staatsopernrollen Nr. 87-100 hinwegtröstet. Andreas Láng

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KUNST IN DER KRISE D

u holde Kunst, in wieviel grauen Stunden / Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt / Hast du mein Herz zu warmer Lieb’ entzunden / Hast mich in eine bess’re Welt entrückt! So wird die Kraft der Musik, der Kunst in Schuberts An die Musik besungen. Was gibt aber tatsächlich Halt in schwierigen Zeiten? Eine Arie, ein Gedicht, ein Text, ein Bild? Was entrückt in eine „bess’re Welt“? Auf den folgenden Seiten übermitteln dem Haus am Ring verbundene Persönlichkeiten, allen voran Künstlerinnen und Künstler, ihrem Publikum Werke und Kunst-­Momente, die ihnen in Ausnahmesituationen Trost schenken.

BEETHOVEN OP. 132 ICH NEHME wieder Russisch-Unterricht, mein Mann lernt Italienisch. Abends schauen wir alte Filme – wir haben eine riesige Sammlung, in verschiedenen Sprachen – und neue Rezepte werden ausprobiert. Ich musste neulich eine Reihe von Interviews für Composer of the week auf BBC radio3 machen, und das Thema war Beethoven. In diesem Zusammenhang bin ich dem Streichquartett op. 132 nach vielen Jahren wieder begegnet und es begleitet mich jetzt fast jeden Tag. Das kann ich wärmstens empfehlen. Simone Young

MOZART KV 421 SEIT ANFANG der Corona-Krise wohne ich mit meiner Frau und meinem Schwager in seinem Wochenendhaus in einer freiwilligen Quarantäne. Wir haben viel Zeit. Wir haben gestern Nachmittag alte CDs gehört, darunter das d-Moll Streichquartett von Mozart KV 421. Und den letzten Satz habe ich mir dann gleich dreimal wieder aufgelegt. Die Musik geht mir, wieder einmal, seit gestern nicht aus dem Sinn, Ich höre sie im Kopf immer

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wieder, und sie versetzt mich in einen anderen, verklärten Seelenzustand. Mozart hat viele Wunder geschaffen, die anderen Sätze sind sicher auch schön, und ganz sicher auch das g-Moll Streichquintett, das ich mir für morgen vorgenommen habe. Aber im Augenblick habe ich das Gefühl, wenn ich nur ein einziges kurzes Musikstück auf eine unbewohnte Insel, oder in die Quarantäne mitnehmen darf, dann soll das der letzte Satz des KV 421 sein. Meine Gefühle sind zwar, wie immer, ohne Gewähr – morgen wird es vielleicht das Streichquintett sein, oder die Arie Scherza infida von Händel, oder … aber heute komme ich von dieser Musik nicht los. Will ich auch nicht. Sie vermittelt Glück, Traurigkeit, Versöhnung, Abgeklärtheit, Freude, Melancholie – wenn ich an sie denke, mache ich meinen Frieden mit der Welt. Und natürlich kann man dieses Gefühl mit Worten nicht beschreiben. Musik ist eine andere Dimension. Ich kann jeder und jedem empfehlen, in der Quarantäne KV 421 zu hören, und hoffen, dass sie alle durch sie glücklich werden. Lange war ich traurig darüber, dass ich als ausübender Musiker nichts direkt mit Streichquartetten zu tun habe. Ich spiele kein Streichinstrument. Aber mittlerweile denke ich, dass das auch etwas Schönes sein kann. Bei Symphonien oder Opernaufführungen ertappe ich mich immer wieder, dass ich unwillkürlich auch auf die technische Verwirklichung achte. Auch dann, wenn ich nicht dirigiere, sondern nur zuhöre. Ob Oboe und Kontrabass genau zusammen sind oder ob ein Fagott genau mit dem Sänger gleich atmet, und ähnliches. Beim Streichquartett kann ich Musik pur besser genießen, weil ich das Gefühl habe, fürs Praktische nicht zuständig sein zu müssen. Je älter ich werde, desto wichtiger werden für mich Streichquartette. Diese Erkenntnis ähnelt einer anderen, die ich auch erst im Alter gemacht habe: dass Kinder zu haben zwar das Schönste auf der Welt ist, doch es noch schöner ist, Enkelkinder zu haben. Bei Enkeln hat man keine Verantwortung, keine Sorgen, sie liebt man pur. Wie den letzten Satz des KV 421. Adam Fischer


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IM ABENDROT

Wir sind durch Not und Freude gegangen Hand in Hand; vom Wandern ruhen wir nun überm stillen Land.

Rings sich die Täler neigen, Es dunkelt schon die Luft. Zwei Lerchen nur noch steigen nachträumend in den Duft. Tritt her und lass sie schwirren bald ist es Schlafenszeit. Dass wir uns nicht verirren in dieser Einsamkeit. O weiter, stiller Friede! So tief im Abendrot. Wie sind wir wandermüde – ist dies etwa der Tod?

DAS IST mein liebstes Lied aus den Vier letzten Liedern von Richard Strauss. Der Text – von Joseph von Eichendorff – strahlt großen Frieden aus und obgleich am Ende des Gedichts vom Tod die Rede ist, wirkt es nicht verstörend oder unheilvoll. In dieser aktuellen Krise, die jeden von uns betrifft, kann die Natur einen großen Trost spenden. Ich liebe es, in Toronto alleine durch die Wälder zu spazieren, dem Vogelgesang und dem Laut der Wipfel im Wind zu lauschen. Diese kleinen Dinge schenken mir ein Wohlgefühl und den Eindruck, mit dem Universum verbunden zu sein. Und wenn ich dieses Gedicht lese, stellt sich große Ruhe ein… Ich wünsche allen in Wien das Beste und sehne mir den Tag herbei, an dem die Wiener Staatsoper wieder ihre wunderbare Musik erklingen lässt! KS Adrianne Pieczonka

TROST DER SCHALLPLATTE

DIE AKTUELLE ISOLATION, bedingt durch ein bislang unbeherrschbares Virus, zwingt uns, alle Aktivitäten in den digitalen Raum zu verlagern. Doch an den ruhig gewordenen Abenden möchte man dem auch entgehen. Wie froh bin ich, dass ich meinen Plattenspieler und die Schallplattensammlung, mit der die Geschichte meiner Beziehung zur Musik untrennbar verknüpft ist, nie dem technischen Fortschritt geopfert habe. Nun ist die Zeit gekommen, in von Sorgen umwölkten Mußestunden zum Plattenschrank zu gehen, die schwarzen Vinyl-Scheiben aus ihren verschlissenen und doch so eindrucksvoll gestalteten großen Umhüllungen zu holen, auf den Plattenteller zu legen, lange zu säubern, vorsichtig die Nadel aufzusetzen und dann mit nostalgischem Knistern und Rauschen ein ganz privates, von Erinnerungen durchsetztes Beethoven-Jahr zu feiern: Die Symphonien in der legendären Einspielung des Royal Philharmonic Orchestra unter René Leibowitz, über die ich bei Theodor W. Adorno las, als diese Aufnahme schon längst vergriffen war und der ich dann durch halb Europa nachreiste, um in Paris endlich fündig zu werden; der unglaubliche „ungarische“ Fidelio, den Otto Klemperer 1948 aufgenommen hatte, knacksend und krachend, eine alte Hungaroton-Produktion, die ich lange vor dem Fall des Eisernen Vorhangs in Budapest entdeckt hatte; die Streichquartette in der unfassbar differenzierten und präsenten, klangtechnisch unerreichten, noch bei CBS erschienen Schallplattenaufnahme des Juilliard-Quartetts; und die schwere LP-Box mit 11 kostbaren Scheiben: Friedrich Gulda, den ich gewagt hatte, als Gymnasiast beim Musikforum Ossiach um ein Interview für unsere Schülerzeitung zu bitten, was einfach gewährt wurde, exekutiert die Klaviersonaten. Keine digitale Datei, auch keine CD kann den Assoziationsreichtum dieser Schallplatten ersetzen: Welch eine Fülle an Klang in dieser nun so karg gewordenen Welt! Konrad Paul Liessmann

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GORETSCH!

LITERATUR

WÄHREND der Proben zur Premiere meiner Tschechow-Oper Tri Sestri in russischer Sprache an der Wiener Staatsoper bat mich die Sängerin der Mascha, Margarita Gritskova, um ein kurzes Stück für ihre über drei Oktaven hinausreichende dramatische Stimme. Sie gab mir das tiefgründige Gedicht Goretsch! Goretsch! von Marina Zwetajewa, eine der neben Anna Achmatowa wichtigsten russischen Dichterinnen vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Als ich meinen russischen Freunden erzählt habe, dass ich Goretsch! Goretsch! vertonen werde, habe ich in ihren Augen gesehen, dass dieses Gedicht von Marina Zwetajewa wirklich in das Herz aller Russen eingeschrieben ist. Das Stück für Margarita Gritskova konnte deshalb nur ein unbegleitetes Solo werden, das man überall singen kann: im Konzert, als Zugabe, oder bei anderen Gelegenheiten.

DIE ZEITEN sind wirklich nicht rosig, am besten haben es noch die schaffenden Künstler, sie können schreiben, malen, Skulpturen aus dem Stein hauen, von mir aus auch Bananen an die Wand kleben. Wir als Interpreten haben es echt schwer, ohne direkten Kontakt mit Publikum fühle ich mich wie ein halber Mensch, habe keine Lust zum Singen und Üben. Ich betrachte es wie einen seit langem schon fälligen Urlaub, keine sechs Tage zwischen Vorstellungen an denen man sowieso permanent über das Singen nachdenkt, sondern ein echtes Abschalten, Herunterfahren. Ein Gefühl, das ich seit mehr als 20 Jahren kaum kenne. Meine Kompensation heißt lesen. Ich hole nach, was ich in den letzten Jahren vernachlässigt habe, stehe gerade bei Olga Tokarczuk, aber mein Plan ist, in den nächsten Wochen alles zu lesen, was hier zu Hause – wir sind in Südpolen in unserem Landhaus – steht. Das Haus braucht übrigens viel Pflege, auch das wird uns beschäftigen. Und wenn es noch länger dauert, dann baue ich im Garten einen Pizza/Brot-Ofen ...

Péter Eötvös

GLEICHES MIT GLEICHEM KS Piotr Beczała

GLEICHES mit Gleichem heilen – eine Weisheit, die mir dieser Tage oft in den Sinn gekommen ist, wenn sich Blödeleien und Zerstreuung zwar als Betäubungsmittel für den Augenblick bewährten, die tieferen Winkel der von Berichten aus Bergamo, São Paulo, Zagreb oder sonstwo verdüsterten Seele aber schon im nächsten Moment noch düsterer erscheinen ließen. Ist das Höchste nicht aus dem Tiefsten geschöpft? Trost fand ich nie bei den Leichtlachern und Spaßvögeln, aber in Gesellschaft derer, die sich auf die Finsternis verstehen – bei Nick Cave zum Beispiel, seinen beispiellosen Murder Ballads, oder bei Leonard Cohen: Ein Lied wie The Partisan springt mir rettend an die Gurgel, wenn mich die Sehnsucht würgt oder ein Selbstmitleid. Anna Baar

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FINLANDIA IN SCHWIERIGEN Zeiten, und ich glaube diese Zeit ist eine der schwierigsten, die ich bisher durchlebte, habe ich immer Sehnsucht nach Finnland, nach meiner Heimat. Ich denke dann an Finlandia von Jean Sibelius. Die Musik und der Text haben schon vielen Generationen Trost gespendet. KS Camilla Nylund


THEMA

GEDULD UND ERMUTIGUNG DIE GRÖSSE FREIHEIT: LIEBE Come again! Sweet Love doth now invite, thy graces that refrain, to do me due delight. To see, to hear, to touch, to kiss, to die, with thee again in sweetest sympathy.

ES IST ALLES wirklich sehr surreal, was wir gerade durchleben müssen, und ich gestehe, als sehr aktiver Singvogel fühlt es sich ein bisserl so an, als seien meine Flügel gestutzt. Wenn ich im Wetterbericht die Insel Island sehe, denke ich mit Wehmut an die vielen Reisen von Nordamerika nach Europa (oder retour), denn da ist Island immer der „half way point” – man ist also bald wieder zuhause. Ich denke an die Seefahrten, die ich als Leiter der Stella Maris Vocal Competition machen durfte, an die schier unbegrenzte Freiheit, die wir verloren haben, und an das, was sie nun wirklich bedeutet. Mir fallen die Florestan-Arie oder Mozarts Konzertarie Misero! o sogno, o son desto ein. Die Kerker-Szenen verstehen wir nun anders. Wobei, es ist für mich, Gott sei Dank, so, dass ich mit meiner Frau zusammen sein darf, die ich nicht nur liebe, sondern auch mag! Ich denke also dankbar daran, dass ich atmen und leben darf und wie gut es mir geht, während andere wirklich leiden ... ich bete für Sie und entdecke, dass doch die wahre Liebe die größte Freiheit ist, die wir haben ... und so singe ich oft beim täglichen Üben auch das schönste Lied von allen, John Dowlands Love doth now invite. Und ich denke daran, dass, wenn alles vorbei ist, vieles, wie etwa bei unseren Barocktage in Melk, doch am Ende nur aufgeschoben und nicht aufgehoben ist ... Und ich weiß: Es wird wieder alles gut! KS Michael Schade

WIE OFT musste ich meiner Familie, meinen Freunden an Aufführungstagen den Lebensstil eines Sängers erklären: ruhig zu Hause sein, lesen, Musik hören (eher wenig), verantwortungsbewusst essen … Und heute? Heute befindet sich die halbe Welt zwangsläufig und aus Solidaritätsgründen genau in derselben Situation. In solchen Momenten nähren die Künste die Seele und erinnern uns an die Platonischen Gedanken zu den wesentlichen Werten der Menschheit: Schönheit, Güte und Wahrheit. Sie trösten uns und ermöglichen uns zu reflektieren; sie helfen uns, die Zeit zu vertreiben, die wir jetzt wie nie zuvor zu besitzen scheinen. Insbesondere Musik wird zum Mittel, um den Sinnen Freude, Energie und Vergnügen zu bereiten. Ich lese derzeit Zweigs Sternstunden der Menschheit noch einmal, während ich Bartóks Konzert für Orchester lausche: unerwartete Wendepunkte in der historischen Entwicklung vereint mit einer Musik, die die derzeitigen Empfindungen auszudrücken scheint! Wir waren nicht darauf vorbereitet, dass unsere Arbeit so aufhören könnte. Ein Theater ist aufgrund seiner akustischen und visuellen Grundbedingungen der beste Ort für eine Opernvorstellung, allerdings auch der Ort des persönlichen Kontakts, der mit der drohenden Gefahr der Ansteckung durch COVID-19 unvereinbar ist. Aber wir werden zurückkehren und uns um die großen Meisterwerke versammeln, um zu feiern, dass wir in der Lage waren, diese Krise gemeinsam zu überwinden. Geduld und Ermutigung. Bis bald! KS Carlos Álvarez

NICHT MÜDE WERDEN | Hilde Domin Nicht müde werden. Sondern dem Wunder wie einem Vogel leise die Hand hinhalten. KS Christa Ludwig

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DER STOTTERNDE MOTOR

FRÜHLING

WELCHE MUSIK beschäftigt mich gerade und was scheint mir wesentlich? Zunächst: Ich habe derzeit die Gnade, mich mitten in der Wildnis von Westwales aufhalten zu dürfen. Es ist niemand um mich herum und die Natur und der Frühling trösten und stärken mich. Die aus Afrika neu angekommenen Vögel wissen nichts von dieser Pandemie, die der Menschheit zu schaffen macht – sie überqueren, ohne aufgehalten zu werden, einfach alle europäischen Grenzen. Die Blumen heben wie gewohnt ihre Köpfe. Die Glockenblumen legen ihre Hände in die Hüften und schütteln ihre schönen Locken in der kalten Frühlingsluft. Ein Versprechen von Sommer und baldigen helleren Zeiten – wie ich hoffe. Das Musikstück, das mir in den Sinn kommt, ist Strawinskis Le Sacre du printemps. Die eindringlichen Rhythmen der Monate April und Mai: die zwingende Ordnung der Natur. Führen Sie diese mit den aufreibenden Frustrationen der modernen Welt, der industriellen Welt zusammen und spüren Sie die unbequemen Reibungen mit den alten pastoralen Traditionen und Überzeugungen … die allerdings rasch verschwinden …Vorboten der bevorstehenden und katastrophalen europäischen Konflikte … das alles steckt in der Musik von Le Sacre du printemps. Mehr noch, wenn man an die schreckliche spanische Grippepandemie denkt … ein Vorläufer dessen, was wir derzeit durchleben: Sie hören die stotternden Motoren der Anstrengung: Der Mensch kämpft ums physische und wirtschaftliche Überleben. Hier, tief in der Wildnis von Wales, fühle ich etwas Ähnliches. Unsere Welt der Musik … der große prächtige Motor von Oper, Ballett und klassischer Musik ist schaudernd zum Stillstand gekommen. Wir müssen diesen Motor neu starten und antreiben wenn die Pandemie vorbei ist. Um für die Rückkehr von Werten zu kämpfen, die uns am Herzen liegen und die wir früher hochgehalten haben. Ich gehe davon aus, dass der Kampf hart sein wird, da es für uns alle schwer ist … aber wenn wir solche Schönheit, wenn wir die Musik als Teil unserer Welt sehen wollen, müssen wir darum kämpfen

ICH BEOBACHTE jeden Tag, wie der Frühling erwacht – das ist für mich eine große Hilfe in dieser schwierigen Zeit! Sonst koche ich gerne (Desserts wie le „merveilleux“), schaue Theaterfilme von Molière und Shakespeare und lerne die nächste Partien wie Marie in Wozzeck, Herodias in Salome oder Sieglinde in der Walküre.

KS Sir Simon Keenlyside

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KS Sophie Koch

DIE SANDUHR | José Mújica Der Mensch kontrolliert heute nicht die Kräfte, die er selbst geschaffen hat, aber die Kräfte, die er geschaffen hat, kontrollieren ihn … ES GIBT einen Haufen an Überlegungen über das „Warum, Wer, Wann und Wie“ des COVID-19-Virus. Wir können solchen Gedanken nichts Neues hinzufügen, ohne in die gefährlichen und trüben Gewässer der Verschwörungstheorien zu geraten: Das Spektrum reicht von „das ist die Schuld eines kleinen Tieres“ bis zu „man hat eine virale Waffe eingesetzt, um damit einen verdeckten internationalen Finanzkrieg zu beeinflussen“ (und ähnliche Spekulationen innerhalb dieses Spektrums mehr). Die Ursache der Tendenz zu solchen Konzeptualisierungen ist verständlich, da wir in einem Klima ständiger Unsicherheiten verzweifelt nach Antworten suchen – aber sie sind unverantwortlich, wenn wir uns bemühen, an sachlichen Informationen festzuhalten. Jeder scheint heutzutage zu lügen oder zumindest nicht die Wahrheit zu sagen. Und gerade deshalb sollte jeder sorgfältig überlegen, ehe er zu skurrilen – und zugleich ziemlich attraktiven – Schlussfolgerungen gelangt. Aber was nun? Da wir, die normalen Bürger, nicht viel mehr tun können als das, was wir bereits ohne-


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hin tun – vorsichtig sein, aufeinander aufpassen, uns gegenseitig so gut es geht unterstützen, aber meistens zu Hause bleiben – sollte der nächste Schritt, den wir unternehmen, der Versuch sein, diese erzwungene Pause vom täglichen Wahnsinn dafür zu nutzen, darüber nachzudenken, was wir anders oder besser machen könnten. Ich werde mich selbst als Beispiel anführen, um zu erklären, was ich meine: Jeder, der in den letzten 30 Jahren direkt oder indirekt mit klassischer Musik zu tun hatte, wird wissen, wer „ José Cura“ ist. Aber nur wenige kennen den Preis, den ich für eine so lange und privilegierte Karriere gezahlt habe. So dankbar ich für die großen Erfolge in meinem Leben bin, so fern liegt es mir, mich beklagen zu wollen. Aber wenn ich zurückblicke und feststelle, wie viel ich von der Entwicklung meiner Kinder im Laufe ihres Aufwachsens verpassen musste, bin ich gezwungen, in mich zu gehen. Ich erinnere mich, dass ich einmal meine Kinder bei einem Familientreffen mit eben diesem Gedanken konfrontiert habe und ich erinnere mich an ihre Antwort: „Du warst immer da, wenn wir dich wirklich gebraucht haben und du hast uns durch deine Erfolge die bestmögliche Kindheit ermöglicht. Entspann dich und sei glücklich, wir lieben dich“. Und wenn ich dann mein Glück mit denen vergleiche, deren Arbeit unendlich schwieriger ist, kann ich nur dankbar sein. Trotzdem gehört es zu dieser „Zeit der Meditation“ in der unerwarteten Pause unserer kollektiven Routinen dazu, über solche Dinge nachzudenken, die vergangenen Jahre zu analysieren, um ähnliche Fehler zu vermeiden. Zu den vielen Dingen, die ich in diesen vielen Jahren im Musikgeschäft zurückstellen musste, gehörte das Komponieren. Nachdem ich vor etlichen Jahren meine Karriere als Dirigent wieder aufgenommen habe – mit all den Klippen, die sich all jenen in diesem Metier stellen, die die etablierte Ordnung in Frage zu stellen wagen – finde ich nun Zeit, um wieder mit dem Komponieren zu beginnen: dieser eigentliche Hauptgrund für mein Werden vor 40 Jahren ist stets außerhalb des Möglichen gestanden.

In den letzten Jahren hatte ich zwar das große Glück, mein Oratorium Ecce Homo mehrmals aufzuführen – doch stammt dieses Stück noch aus der Zeit um 1988/1989! Daher war es für mich ein Muss, gerade jetzt Zeit zum Komponieren zu finden. Seit dem Beginn der Ausgangssperre konnte ich endlich das Gitarrenkonzert schreiben, das ich immer schon geplant hatte – indem ich die Idee für ein „Concierto para un Resurgir“ (Auferstehungskonzert) für Gitarre und Orchester entwickelte, das ich der „im Jahr 2020 wiedergeborenen menschlichen Solidarität“ widmete. Außerdem beendete ich auch mein Te Deum, das ich vor einiger Zeit entworfen, aber nie fertiggestellt habe; korrigierte die Orchestrierung meiner vor kurzem uraufgeführten komischen Oper Montezuma und der rote Priester, während ich die Veröffentlichung der Aufnahme von Ecce Homo vorbereitete. Von all dem abgesehen kann ich endlich Zeit investieren, um mein Archiv und meine Bibliothek aufzuräumen, meine Webseite zu aktualisieren und viele andere Dinge in meinem Haus in Ordnung zu bringen. All das, was mich jetzt in meinem An-mein zu-Hause-Gefesseltes Dasein beschäftigt, vereinige ich mit Momenten – nachdem ich endlich den nötigen inneren Frieden gefunden habe – in denen ich mich hinsetze, um der Musik Bachs konzentriert lauschen zu können … Was ich hier beschreibe, wäre im Grunde ein paradiesischer Zustand, wenn es nicht die Ursache gäbe, die mich mit einem Mal in diese Situation geworfen hat und die täglich Leid und menschliche Tragödien hervorruft. Während jeder von uns einen Weg sucht, um mit diesen Gegebenheiten fertig zu werden, dürfen wir jene nicht vergessen, die viel weniger Glück haben: Ganz oben auf der Liste stehen diejenigen, die einen ihrer Lieben verloren haben. Jeder muss diese uns auferlegte Lektion nutzen, damit der lang erwartete Neustart unseres Alltags mit jener Weisheit angegangen wird, die wir in der während der Pandemie geschuldeten Pause gewonnen haben. KS José Cura www.wiener-staatsoper.at

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AM STEHPL ATZ I

Ernst Kobau

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nnerhalb des komplexen, spätfeudal sozial hierarchisch gestaffelten Systems des Zu­ schauer­ raums der Wiener Staatsoper mit der Kaiserloge, den erst- bis drittrangigen Logengästen, dem niederen Parterreadel und der Plebs auf dem „ Juchhe“ von Balkon und Galerie bildete die Stehplatzsektion vor fünfzig, sechzig Jahren ein dreigliedriges Untersystem: im Parterre die Fans, auf der Galerie die Intellektuellen, auf dem Balkon die Zuspätgekommenen. Erstere war ihrerseits untergliedert in Restbestände des Claquewesens der Zwischenkriegszeit und in naiv Begeisterte, die ihre Stehplätze in Knieplätze zwecks anbetender Bewunderung ihrer Sängerlieblinge umfunktioniert hatten. Die den Ultras des Rapidplatzes verwandten mafiosen Gestalten in der ersten Stehparterrreihe waren gefürchtet, denn sie kassierten Schutzgelder und konnten ihre kollektive Macht bis zu terroristischen Aktionen gegenüber nicht zahlenden Dirigenten oder Sängern steigern. Auf der Galerie, in zehntausend Metern Flughöhe und ohne Sicht auf die Hinterbühne, standen Studenten der Gesangsklassen mit Klavierauszügen und feiner strukturierte, kritikaffine Charaktere, die die selbstgefällige Arroganz der Stehparterrebonzen verabscheuten und schlechte Leistungen bloß schweigend oder kopfschüttelnd missbilligten. Was Stehparterre und Galerie indessen einte, war die Inanspruchnahme von Expertise und die Verachtung der ahnungslosen Sitzplatzbesucher in Logen und Parkett, welche ihre exquisite

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Garderobe zur Schau stellten und im Tannhäuser auf den Schwan warteten. Der Balkonstehplatz schließlich war Dilettanten und Schülern vor­ behalten, die diese Karten zumeist von ihren Gymnasiums-Musiklehrern erhalten hatten und durch Capriccio von jedem weiteren Opern­ besuch abgeschreckt wurden. Die Soziologie des Stehplatzes in den 60er-Jahren wäre indes unvollständig ohne Erweiterung in den psy­ chologischen Bereich. Der „Palast der Gefühle“ (Claus Helmut Drese) diente nämlich – und hier schließe ich naiv von mir auf andere – vor allem dazu, jenen Ballast der Gefühle loszuwerden, der (sloterdijkisch gesprochen) wegen fehlender Anlagemöglichkeiten nicht in gewinnbringendere Emotionsbanken investiert werden konnte. Wer täglich dem trostlosen Bildungssystem der bis 1970 währenden Nachkriegszeit ausgesetzt war, für den begann das wahre Leben um 19 Uhr in der Wiener Staatsoper, wo man authentischen Leidenschaften, elementaren Gefühlsausbrüchen und einer musikalisch ins Unendliche gesteigerten Form von Hass ausgesetzt war, den man in der Schule eben nur in prosaischer Weise empfand. Die unerwünschte Nebenwirkung dieser selbst­ therapeutischen Opernbesuchs-Medikation stellte sich indes augenblicklich beim Verlassen des Opernhauses ein, wenn man in die schäbige Realität der Opernpassage hinuntergestoßen wurde und erkennen musste, wie fundamental sich die eigenen banalen Kontakte von der transzendenten Leidenschaft Tristans und Isoldes unterschieden.


AUSBLICK

DIE NEUE SAISON Die Spielzeit 2020/2021 wird präsentiert

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n den letzten Wochen haben sich die Ereignisse überschlagen und auch das Haus am Ring hat, erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg, seinen Vorstellungsbetrieb eingestellt. Dennoch: Es wird eine Saison 2020/21 geben, eine in vielem ungewöhnliche Spielzeit, die nun auch dem Publikum vorgestellt wird. Natürlich kann die öffentliche Präsentation nicht, wie ursprünglich geplant, im Großen Haus vor Zuschauern über die Bühne gehen. Doch sie wird stattfinden! Und zwar in Zusammenarbeit mit dem ORF: Am Sonntag, 26. April im Haupt­ abendprogramm von ORF III um 21.30 Uhr. Bogdan Roščić wird gemeinsam mit Musik­ direktor Philippe Jordan und dem Direktor des Wiener Staatsballetts Martin Schläpfer sowie ausgewählten Künstlerinnen und Künstlern das

Programm der kommenden Saison vorstellen: In Gesprächen, Interviews mit Sängern und Regisseuren, mit Musik und vielem mehr – durch die Sendung führt Peter Fässlacher. Im Rahmen der Sendung wird auch das Saisonbuch 2020/21 vorgestellt: In neuem Design, mit ausführlichen Texten zu allen Neuproduktionen, sämtlichen Künstlerinnen und Künstlern der Spielzeit, neuen Formaten, allen Terminen, Wissenswertem von A wie Abonnements bis Z wie Zyklen sowie vielem mehr – Ihr Begleiter für eine ganze Saison. Wie bereits in den vergangenen Jahren, steht Ihnen natürlich auch heuer ab dem Tag der Spielplanpräsentation auf der Website der Wiener Staatsoper der gesamte Spielplan 2020/2021 online zur Verfügung.

KARTENBESTELLUNGEN ABONNEMENTS & ZYKLEN Bestellungen für alle Vorstellungen bzw. für Abonnements und Zyklen sind ab Mittwoch, dem 29. April 2020, 14 Uhr, möglich. Bitte geben Sie Ihre Bestellung persönlich* im Service Center der Wiener Staatsoper ab, füllen Sie das jeweilige Bestellformular auf www.wienerstaatsoper.at aus oder senden Sie es per e-Mail an kartenvertrieb@wiener-staatsoper.at bzw. abonnement@wiener-staatsoper.at per Post an Wiener Staatsoper Service Center, Opernring 2, 1010 Wien per Fax an 01/51444-2969 (Kartenbestellungen) bzw. 01/51444-2679 (Abonnements und Zyklen) *Bitte beachten Sie, dass aufgrund der aktuellen Gegebenheiten das Service Center bzw. die Bundestheaterkassen eventuell noch geschlossen haben müssen.

Ihr persönliches Exemplar des neuen Saisonbuchs zum Preis von € 5,zzgl. Versandkosten können Sie per Email unter saisonbuch@wienerstaatsoper.at, per Telefon unter 01 / 51444 - 2667 bzw. 2674, direkt auf www.wiener-staatsoper.at bzw. im e-shop der Wiener Staatsoper, im Direktverkauf ab 27. April 2020, 9 Uhr, an den Bundestheaterkassen und der Kassa unter den Arkaden erwerben. Darüber wird das Buch auch im Webshop von Culturall (www.culturall.com) angeboten. www.wiener-staatsoper.at

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BEETHOVEN UND DIE FRAUEN E

ines der Attribute von Jubiläumsjahren ist, dass sich vieles abseits der bekannten Reper­toireTrampelpfade abspielt. Verstärkt werden Gesamtschauen ins Programm genommen, aber ebenso Seitenlinien künstlerischen Schaffens verfolgt. Chen Reiss, deren Staatsopern-Auftritte die 100er-Marke überschritten haben, widmet sich auf ihrer neuen CD Immortal Beloved auch solchen Randwerken.

Unsterbliche Geliebte: Chen Reiss singt Beethoven

Sie haben eine CD mit teils weniger prominenten Liedern und Arien Beethovens aufgenommen. Was stand am Anfang dieser Reise? Der Wunsch, „etwas anderes“ zu machen? Lust auf die Erforschung verborgener Klangwelten? Chen Reiss: Begonnen hat es mit dem Angebot der Wiener Staatsoper, die Marzelline in der Fidelio-Erstfassung, die im Februar im Haus am Ring herauskam, zu singen. Ich schaute mir die Musik dieser Version der Oper an und stieß auf das Duett und Terzett der Marzelline. Das sind beides Musiknummern, die in der Letztfassung, die ja zumeist gegeben wird, nicht vorkommen. Sehr schöne Musik!, dachte ich mir. Und: Vielleicht gibt es ja noch mehr davon? Also machte ich mich auf die Suche nach dem unbekannten Beethoven, dem jüngeren Beethoven. Und wurde fündig. Eine solche Suche entspringt zumeist ja nicht nur der Neugierde auf Weniger-Gehörtes, sondern auch einem Interesse an Wandlungen im Stil? Chen Reiss: Genau darum ging es mir auch, denn gerade Beethoven zeichnet sich durch starke Veränderung seiner Musiksprache aus. Bleiben wir gleich bei der Marzelline: Das Duett aus der Erstfassung ist sehr lyrisch, es grenzt an eine belcanteske Gestaltungsweise. Je weiter die Entwicklung Beethovens fortschreitet, desto stärker wird eine dramatische Komponente, man entdeckt, wohin die Reise geht: in Richtung Carl Maria von Weber. Wenn man sich zum Beispiel die Arie „Soll ein Schuh nicht drücken“ anhört, die Beethoven 1796 schrieb, dann würde man anhand der Orchesterbegleitung eher auf Haydn tippen, also sehr klassisch, sehr leicht. Oder die

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Kantate „Fließe, Wonnezähre, fließe“: das ist eine Struktur, die noch die Sprache der Tradition spricht, mit feinen Koloraturen. Ein Beethoven, aber ein sehr ungewohnter. Die CD heißt Immortal Beloved, damit spielen Sie auf das Thema Beethoven und die Frauen an. Chen Reiss: Das ist ein roter Faden, der sich durch alle ausgewählten Musiknummern zieht. Es geht um Frauen, die er geliebt hat, die er bewundert hat, und die Einfluss auf ihn hatten. „Primo amore“ zum Beispiel schrieb er in sehr jungen Jahren für eine Sängerin, in die er verliebt war. Also wirklich: Primo amore. Wobei es hier weniger um Herzensgeschichten geht, als um ein Frauenbild, das Beethoven entwarf. „Es blüht eine Blume im Garten mein“ entstammt aus Leonore Prohaska, einem Drama, zu dem er Musiknummern schrieb und das sich um die gleichnamige historische Figur dreht: Prohaska war eine Frau, die Männerkleider anzog, gegen Napoleons Truppen kämpfte, verwundet wurde und starb. Eine weitere Leonore also, eine, die bei der Rettung eines Kameraden ihr Leben gab. Chen Reiss: Beethoven bewunderte das: Frauen, die bereit waren, ihr Leben zu opfern – für ein Ideal, ein menschliches oder politisches. Für ihn persönlich blieb das ein unerfüllter Traum, denn die starke Partnerin, mit der er das Leben teilen konnte, blieb ihm verwehrt. Auch wenn er unterschiedlichste Geliebte fand, die einzige – um das jetzt durchaus etwas mit Pathos zu sagen – die ihn nicht enttäuschte, war die Musik. Und „Ihre“ Marzelline, die Sie hier zuletzt sangen? Chen Reiss: Marzelline ist der Gegenpol. Sie akzeptiert ihren Platz und will die Welt nicht verändern. Man darf das nicht falsch verstehen: Sie ist nicht dumm, nicht soubrettig. Marzelline ist als Mensch wunderbar, aber halt nicht außergewöhnlich wie Leonore. Das Gespräch führte Oliver Láng


BALLETT

„CAREER TRANSITION“ Neues vom OMV Ballettfonds

v.l.n.r.: Dominique Meyer, Rainer Seele, Simone Wohinz

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n dem 1977 erschienenen Film Am Wendepunkt (Orig.: The Turning Point) verkörpern an der Seite von Mikhail Baryshnikov, Alexandra Danilova, Leslie Browne und vielen weiteren bekannten Persönlichkeiten aus der Welt des Balletts in den beiden Hauptrollen Shirley MacLaine und Anne Bancroft zwei Tänzerinnen, die sich mit dem Ende ihrer Karriere kaum abfinden können und beinahe daran zerbrechen. Dieser gefürchtete „Wende­punkt“ steht in jedem tänzerisch professionell geführten Lebensweg unausweichlich bevor und fordert in der Neu­ orientierung auf ein „Leben danach“ enorme Kräfte. Durch die Einrichtung des OMV Ballettfonds (der Prolog hatte 2018 mehrfach darüber berichtet) erhalten Mitglieder des Wiener Staatsballetts bei ihrem Schritt ins „zweite Leben“ Unterstützung, um Angebote im Bereich der Aus-, Fort- und Weiterbildung nützen zu können. In der Spielzeit 2019/2020 waren bzw. sind dies die (nunmehr ehemaligen Tänzerinnen des Wiener Staatsballetts) Viktoria Feyferlik und Zuzana Kvassayova, welche an dieser Stelle über die Erfahrungen ihres ganz persönlichen „Wendepunktes“ berichten: „Ich wünsche meinen Kolleginnen und Kollegen, dass sie die im OMV Ballettfonds bestehende Chance erkennen und auch Ihnen somit der letztlich immer schmerzliche Schritt von der Bühne erleichtert wird“, sagt Viktoria Feyferlik, für die es ein „Abschied auf Raten“ war: „Aufgrund meiner

Schwangerschaften war ich bereits früher mit der Situation konfrontiert, zu pausieren und nach meiner letzten habe ich innerlich gespürt, dass ich nunmehr bereit bin loszulassen und mich von der Bühne zurückzuziehen. Auch durch meinen Bruder Jakob (Anm.: Erster Solotänzer des Wiener Staatsballetts), dessen Karriere just richtig Fahrt aufnahm, als ich an mein Karriereende zu denken begann, bleibe ich der Welt des Balletts aufs engste verbunden – dies macht es leichter.“ Viktoria Feyferlik hat sich für den Weg einer Vertriebsspezialistin im Familienbetrieb entscheiden, die Messehallen werden so zu ihrer neuen Bühne: „Nicht nur in Bezug auf die Körperhaltung und das Auftreten sondern in vielen Bereichen merke ich, wie viel ich vom Ballett profitiert habe und in meine neue Arbeit mitnehmen kann.“ „Ich konnte mir für mich immer nur einen höchst kreativen Beruf vorstellen – Wohndesign bzw. Wohnstaging haben mich immer schon interessiert und ich richte viele Wohnungen ein oder baue sie um, und nun widme ich mich daneben vor allem meiner fotographischen Ausbildung, die viele meiner beruflichen Vorlieben verbindet“, erzählt Zuzana Kvassayova. „Nach 27 Jahren war die Entscheidung, von der Bühne abzutreten, eine enorm schwierige – ich habe sie aber meinem Kind zuliebe getroffen, um das ich mich selbst voll und ganz kümmern möchte. Der Schritt ist aber auch deshalb so schwer, weil man den Umstieg alleine und ganz aus eigener Kraft finanziell kaum schafft. So war der OMV Ballettfonds eine unheimliche Hilfe, dank derer ich mich nunmehr neuen kreativen Herausforderungen stellen kann.“ Dem Bühnentanz bleibt sie trotzdem treu: „Ganz vom Ballett Abschied zu nehmen, ist mir aber nicht möglich – wann immer es sich ergibt, trete ich bei Bällen, Konzerten bzw. sonstigen Veranstaltungen auf, der Körper braucht es; auch als Ausgleich für die vielen Stunden vor dem Computer mit Bildbe­ arbeitungs-Software. Die Theaterluft und das gesamte „Umfeld“ des Balletts kann man freilich nicht ersetzen und diese vermisse ich sehr.“ OPG www.wiener-staatsoper.at

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Viktoria Feyferlik

Zuzana Kvassayova


Das Staats­opernorchester Bratschist Robert Bauerstatter

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nders als bei den meisten Berufen, kann man nicht kurzfristig nach der Schulzeit beschließen professioneller Musiker zu werden. Wenn die entsprechenden Weichen nicht schon in der Kindheit gestellt werden, dann ist der Zug in die nämliche Richtung für immer abgefahren. Aber wer trifft diese so wichtige frühe Entscheidung? Welche Beweggründe lassen ein Kind regelmäßig am Instrument üben, sodass eine spätere Musikerlaufbahn überhaupt in den Bereich des Möglichen gerät? Nun, für Robert Bauerstatter war es zweifelsohne die Faszination des gemeinsamen Musizierens die ihn leitete, anregte und nicht müde werden ließ. Und dieser Faszination konnte er zu seinem Glück schon von frühesten Kindesbeinen an ausgiebig frönen: Sein Vater gehörte noch jener Lehrergeneration an, in der das Beherrschen von zwei Instrumenten Teil der beruflichen Anforderung war. Und was lag da näher, als diese künstlerischen Fertigkeiten auch den eigenen Kindern in der einen oder anderen Weise zu vermitteln? Anders gesagt: So wie seine vier älteren Geschwister durfte sich auch Robert Bauerstatter an einem Instrument – in seinem Fall an der Geige – versuchen und damit in den familiären Gesamtklang eintauchen. Diesem frühen beglückenden musikalischen Vorgeschmack folgten die Erfahrungen in einer damals als Schulversuch geführten Musikvolksschule in Leonding, an der zur Violine noch die Blockflöte und vor allem das tägliche Chorsingen hinzu kam. (Wie sehr das frühe und regelmäßige Chorsingen das musikalische Talent fördert und reifen lässt, bestätigt bekanntlich die entsprechende skandinavische Tradition!)

In dieser Serie werden die Mitglieder des Wiener Staats­opernorchesters vorgestellt.

Auf jeden Fall waren die Fortschritte, nicht zuletzt auf der Violine, so offensichtlich, dass die Aufnahme in eine Musikschule in Linz der logische nächste Schritt war, ebenso logisch, wie der spätere Wechsel an das Bruckner-Konservatorium und der Besuch des renommierten Linzer Musikgymnasiums (ab der Oberstufe), jenes fruchtbaren Biotops, dem auch Größen wie etwa Franz Welser-Möst entstammen.

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Am Konservatorium kam es übrigens zur nächsten, vorerst gar nicht als solche wahrgenommenen wichtigen Zäsur auf Robert Bauerstatters Lebensweg: Um das als lästig empfundene im Lehrplan vorgeschriebene Pflichtjahr Bratsche schnell ad acta zu legen, empfahl Bauerstatters Lehrer dieses gleich zu Beginn zu absolvieren. Doch aus dem obligaten Nebenfach wurde sehr bald das „Lebens­ instrument“, mit dem er schon am besagten Musikgymnasium in diversen Ensembles reüssieren konnte. Und so nimmt es kein Wunder, dass das Verhältnis Violine-Viola sich immer mehr zugunsten Letzterer verschob, bis er mit 17 die Geige dauerhaft zur Seite legte, um sich fortan mit bis heute unstillbarem Eifer und Liebe der Bratsche zu widmen. Auch wenn der Wunsch, eines Tages Philharmoniker zu werden fürs erste nicht klar ausgesprochen war, näherte sich Bauerstatter diesem Klangkörper-­ Parnass gewissermaßen in konzentrischen Kreisen immer näher an: Noch vor der Matura nahm man ihn an die Wiener Musikhochschule (die heutige Musikuniversität) auf, wo er bei den Philharmonikern bzw. begehrten Professoren Siegfried Führlinger und Peter Ochsenhofer studierte. Parallel dazu kamen die ersten Substitutentätigkeiten im Bühnenorchester der Staatsoper, im Staatsopernorchester selbst, aber auch „auswärts“ bei den Wiener Symphonikern. Und dann errang er noch das erste Fixengagement bei den Niederösterreichischen Tonkünstlern und mit diesem die Bestätigung es als Musiker „geschafft“ zu haben. Die nächsten vier Jahre wurden intensiv genützt: um Erfahrungen im Orchesterspiel zu sammeln, um die Diplomprüfung an der Musikhochschule mit Auszeichnung zu absolvieren und vor allem, um sich auf das wichtige Probespiel für das Staatsopernorchester vorzubereiten – das er 2001 schließlich gewann. Robert Bauerstatters eingangs erwähnte Freude am gemeinsamen Musizieren hat in den seither verstrichenen knapp 20 Jahren um keinen Deut abgenommen, im Gegenteil. Ob im Graben bei


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entdeckt, aber genauso beim privaten Studium der Partituren – die in großen Mengen in der Bibliothek Bauerstatters zu finden sind.

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einer Opernvorstellung, in der er sich vom sinnlichen Klang der menschlichen Stimme inspirieren lässt, ob auf dem Konzertpodium, ob als Partner in zahlreichen Kammermusikformationen – stets sucht er im Verein mit Gleichgesinnten den Intentionen der Komponisten nachzuspüren, sie für das Publikum hörbar und nachvollziehbar zu machen. Denn: Kurzweilige Unterhaltung zu bieten, ist Bauerstatter definitiv zu wenig. Ihm geht es darum, dem Zuhörer zentrale Werke, die die Kultur weitergebracht haben, als solche zu erschließen, ihre jeweils ästhetische Bedeutung aufzuzeigen. Dass er dadurch selbst in ein und demselben Stück immer wieder neue Details entdeckt, erklärt, warum er auch den oft gespielten Kompositionen mit immer neuem musikantischem Feuer begegnet. Solche Details werden natürlich beim Proben und Vortrag

Freilich, selbst nach zwei Jahrzehnten in denen ein gewaltiges Repertoire der Opern- und Konzertliteratur immer neu zur Diskussion gestellt wurde, gelangen Werke ins Programm, die selbst für einen erfahrenen Musiker wie Robert Bauerstatter Neuland darstellen, ergründet werden müssen und das innere Feuer zusätzlich zum Lodern bringen. Genauso wie die seltenen, aber dennoch verlässlich eintretenden Sternstunden, die jedem Anwesenden – im Zuschauerraum, im Graben und auf der Bühne unvergessliche Momente bescheren …

Andreas Láng

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DATEN UND FAKTEN GEBURTSTAGE

TODESFÄLLE

Am 6. April beging Heinz Heidenreich, ehemaliger Solotänzer des Wiener Staats­­opernballetts, seinen 70. Geburtstag. KS Peter Wimberger, langjähriges En­semblemitglied, feierte am 15. April seinen 80. Geburtstag. An der Wiener Staatsoper sang er u.a. Rangoni, Escamillo, Wotan, Holländer, Orest, Don Pizarro, Banquo, Crespel, Jochanaan. KS Siegfried Jerusalem vollendete am 17. April sein 80. Lebensjahr. Der Tenor war in erster Linie mit den großen Wagner-Hauptpartien seines Faches an der Wiener Staatsoper (wie auch international) erfolgreich, sang im Haus am Ring aber zusätzlich Hans (Verkaufte Braut), Idomeneo, Tamino, Max und Eisenstein. KS Anja Silja gehörte zu den wesentlichen Sängerinnen ihrer Generation. Am 17. April feierte sie ihren 80. Geburtstag. An der Wiener Staatsoper war sie u.a. mit allen drei Frauenrollen in Hoffmanns Erzählungen, als Senta, Lulu, Salome, Königin der Nacht (Debüt), Luise in der Uraufführung von Einems Kabale und Liebe, Elektra, später dann auch als Herodias, Mílas Mutter (Osud) und Gräfin in Pique Dame zu erleben. Fiorenza Cossotto wird am 22. April 85 Jahre alt. An der Wiener Staatsoper sang sie u.a. Carmen, Amneris, Eboli, Azucena und Santuzza. Dagmar Niefind-Marelli feierte am 16. April ihren 70. Geburtstag. Sie zeichnete an der Seite ihres Mannes für die Kostüme in zahlreichen Produktionen verantwortlich.

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Mit Irina Borowska-Musil, geboren in Buenos Aires, ist am 25. Februar 2020 die letzte große Ballet-Russe-Ballerina im 90. Lebensjahr in Wien verstorben. Bei einem Gastspiel des London Festival Ballet war sie 1962 auch an der Wiener Staatsoper zu erleben gewesen, 1966 heiratete sie den ehemaligen Ersten Solo­tänzer des Wiener Staatsopernballetts Karl Musil. Hertha Töpper verstarb am 28. März 2020 im Alter von 95 Jahren in München. Die 1924 in Graz geborene Sängerin zählte zu den renommiertesten Alt­ istinnen der Nachkriegszeit und war an der Wiener Staatsoper in insgesamt 21 Vorstellungen zu erleben: Nach ihrem Debüt als Octavian (Der Rosenkavalier) am 18. Juni 1956 sang sie hier noch Cherubino (Le nozze di Figaro), Clairon (Capriccio), Magdalena (Die Meistersinger von Nürnberg) und Dorabella (Così fan tutte) sowie – bei ihrem letzten Staatsopernauftritt am 8. Juni 1968 – die zweite Norn (Götterdämmerung). Krzysztof Penderecki verstarb am 29. März 2020 im Alter von 86 Jahren nach langer und schwerer Krankheit in Krakau. Zwei Werke des vielseitigen Künstlers wurden im Haus am Ring aufgeführt: Die Teufel von Loudun (1973, im Rahmen eines Gastspiels der Staats­ oper Stuttgart) sowie Die Schwarze Maske (1986, in Koproduktion mit den Salzburger Festspielen). Das Wiener Staatsballett (damals noch Staatsopernballett) tanzte 2000 im Wiener Odeon zu einem seiner Stücke im Rahmen des Abends Junge Choreographen II. Leider konnte das letzte gemeinsame Pro-

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jekt, die für die Spielzeit 2018/2019 angedachte Uraufführung der Oper Phaedra, nicht realisiert werden, da der Komponist zu seinem großen Bedauern um Entbindung aus der Vereinbarung bitten musste. Das Haus am Ring trauert um seinen ehemaligen Chordirektor und geschätzten Kollegen Prof. Ernst Dunshirn, der am Dienstag, 17. März 2020 nach langer Krankheit im Alter von 85 Jahren in Wien verstorben ist und drückt seiner Ehefrau Donna Ellen, die seit vielen Jahren Ensemblemitglied des Hauses ist, sowie den beiden Töchtern Katharina und Christina ihre tiefste Anteilnahme aus. Ernst Dunshirn wurde am 6. Februar 1935 in der Nähe von Wien geboren und studierte Dirigieren und Kirchenmusik in Wien sowie in Frankreich. Tourneen mit dem Wiener Kammerchor führten ihn durch ganz Europa. Als Chorleiter arbeitete er u.a. bei den Salzburger, Bayreuther und Bregenzer Festspielen sowie in Verona. Als Konzert- und Operndirigent war er Salzburg, Baden und Ulm tätig sowie in der Hofmusikkapelle in Wien. Eine wichtige Station in seiner künstlerischen Laufbahn war das Linzer Landestheater, an dem er 1974 bis 1997 als Chordirektor und Kapellmeister wirkte. Zudem war Ernst Dunshirn auch Professor für Chorgesang an der Universität Wien und vertrat Österreich als Jurymitglied bei vielen internationalen Chorwettbewerben. An der Wiener Staatsoper wurde er 1997 zum Ersten Chordirektor ernannt und hatte diese Position bis 2007 inne. Als Dirigent leitete Dunshirn zwischen 1998 und 2001 insgesamt 15 Vorstellungen von Rienzi an der Wiener Staatsoper.


DATEN UND FAKTEN

NEUER GESCHÄFTSFÜHRER Axel Spörl wurde zum neuen kaufmännischen Geschäftsführer der ART for ART Theaterservice GmbH bestellt. Der langjährige Geschäftsführer der General Logistics System Austria GmbH (GLS) setzte sich damit gegen 36 Mitbewerber durch. Die Bestellung von Dr. Spörl auf fünf Jahre erfolgt durch Staatssekretärin Ulrike Lunacek gemäß den Bestim­ mungen des Bundestheaterorganisa­ tionsgesetzes. Der Findungskommis­sion gehörten neben dem Bundesthea­ ter-Holding-Geschäftsführer Christian Kircher, NÖKU-Geschäftsführer Paul Gessl, Kunsthalle Krems Geschäftsführerin Julia Flunger-Schulz, VBW-Leiter der Abteilung Finanzen & Controlling Florian Gradwohl, Rechtsanwältin der Kanzlei Weber & Co. Daniela Witt-Dörring, Albertina-Geschäftsführerin Renate Landstetter und Jürgen Meindl, Sektionschef Kunst und Kultur an. Zudem war im Findungs-Prozess jeweils ein Vertreter der Geschäftsführungen aller Bühnengesellschaften beteiligt. Nach einem Doppelstudium der Informatik und Musiktheorie begann Axel Spörl 1995 seine Berufslaufbahn als ITund Management-Berater. Es folgten Stationen als Abteilungsleiter bei der Deutschen Post und in der Brüsseler DHL-Zentrale. 2005 kam er zur Österreichischen Post, wo er für das Paketgeschäft in Südosteuropa verantwortlich war. Von 2010 bis Ende 2019 war er Geschäftsführer des Paketdienstes GLS Austria. Der 48-jährige Spörl wird mit Wirksamkeit vom 4. Mai 2020 seine Funktion übernehmen. Er folgt damit auf Dr. Josef Kirchberger, der nach

BALLETT 28 Jahren bei den Österreichischen Bundestheatern in Pension geht. „Ich freue mich, Teil des Bundestheater-Teams zu werden und die zwei wichtigsten Begleiter auf meinem Berufsweg jetzt in den Dienst des Österreichischen Kulturbetriebes zu stellen: Teamwork und Dienstleistung auf hohem Niveau“, äußert sich Axel Spörl zu seiner Bestellung. „Dr. Axel Spörl beeindruckt durch seine Persönlichkeit und fachliche wie soziale Kompetenz. Seine große Expertise in den Bereichen Infrastruktur, Logistik und Technik sowie die glückliche Verbindung von kaufmännischem Verständnis und künstlerisch-musikalischer Erfahrung machen ihn zum idealen Kandidaten für die Position der Geschäftsführung der ART for ART Theaterservice GmbH“, so Staatssekretärin für Kunst und Kultur Ulrike Lunacek. „Die ART for ART Theaterservicegesellschaft hat sich unter der Leitung von Dr. Kirchberger zu einem über die Grenzen Österreichs anerkannten und etablierten Unternehmen im Bereich Kostüm, Bühnenbild und weiterer Services entwickelt. Dr. Spörls eigener Anspruch an hohe Qualität und seine Fertigkeiten aus der Logistik sind gute Voraussetzungen, dieses großartige Unternehmen erfolgreich weiterzuentwickeln“, schließt sich Bundestheater-Holding Geschäftsführer Christian Kircher an.

Die Erste Solotänzerin Nina Poláková und der Erste Solotänzer Roman Lazik erhielten im Februar 2020 eine Auszeichnung vom Slowakischen Kulturministerium für ihre außergewöhnliche Darstellung der slowakischen Ballettkunst im Ausland.

NEUE DVD Oper für Zuhause: Richard Strauss’ Ariadne auf Naxos aus der Wiener Staats­oper ist nun als DVD-Einzel­aus­ gabe erschienen: Unter der Leitung von Christian Thielemann singt eine ultimative Weltbesetzung: Soile Isokoski, Johan Botha, Sophie Koch, Daniela Fally und Jochen Schmecken­becher sowie das Ensemble der Wiener Staats­oper.

NEUE PUBLIKATION Die Europäische Musiktheater-Akademie hat ihren nächsten Tagungsband herausgebracht: Wortton­ melodie. Die Heraus­ for­ derung, Wagner zu singen. In diesem schreiben Wissenschaftler, Sänger, Dirigenten, Agenten und andere über das Wie des Wagner-Gesangs und beleuchten diesen aus historischen wie aktuellen Blickwinkeln.

DONATOREN biolitec AG | BUWOG Group| Christian Zeller Privatstiftung | Diehl Stiftung &Co. KG | Erste Bank der oesterreichischen Sparkassen AG | Gerstner Catering GmbH | HALLMANN HOLDING International Investment GmbH | André und Rosalie Hoffmann | Helm AG | MB Beteiligungs GmbH | OMV Aktiengesellschaft | Porsche Holding GmbH | Raiffeisen Bank International AG | Raiffeisen-Holding NÖ-Wien | Schoellerbank | Siemens AG Österreich | STRABAG SE | Supernova Private Residences GmbH | TUPACK Verpackungen Gesellschaft m.b.H. | Wirtschaftskammer Wien www.wiener-staatsoper.at

N° 238

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STREAMING

Termine 20.4 – 31.5.2020

20.4.

L’ITALIANA IN ALGERI

Pidò / Plachetka, Fahima, Frenkel, Mironov, Gritskova

21.4.

LE PAVILLON D’ARMIDE / LE SACRE

Boder / Poláková, Yakovleva, Horner, Tonoli; Cherevychko, Dato, Lazik, Sosnovschi, Kimoto, Peci

22.4.

FIDELIO

Fischer / Jovanovich, Schwanewilms, Bankl, Reiss, Laurenz

23.4.

ANNA BOLENA

Pidò / Netrebko, Garanča, D’Arcangelo, Meli, Kulman

24.4.

MADAMA BUTTERFLY

Bignamini / Martinez, Nakani, Ivan, Caré, Bermúdez

25.4.

FATIMA FIDELIO

Meister / Seiffert, Nylund, Dohmen, Groissböck, Reiss, J. Schneider

26.4.

HÄNSEL UND GRETEL

Kober / Holecek, Ellen, Plummer, Reiss, Schuster, Nazarova

27.4.

MADAMA BUTTERFLY

Auguin / Opolais, Nakani, Rathkolb, Pretti, Pecoraro, Daniel

28.4.

FIDELIO

Schneider / Vogt, Kampe, Nikitin, Milling, Naforniţă, J. Schneider

29.4.

LE CORSAIRE

Ovsyanikov / Yakovleva, Konovalova; Gabdullin, Dato, Kourlaev

30.4.

LES TROYENS

Altinoglu / Antonacci, DiDonato, Plachetka, Jovanovich, Fanale, Bruns

1.5.

LA BOHÈME

Armiliato / Lungu, Pop, Hasselhorn, Caria, Green

2.5.

RING FÜR KINDER

Springer / Fally, Raimondi, Eröd, Pecoraro, Monarcha

FIDELIO

Fischer / Smith, Stemme, Holecek, Woldt, Gerhards

3.5.

PELLÉAS ET MELISANDE

Harding / Rose, Baechle, Richter, Keenlyside, Karg

4.5.

SCHWANENSEE

Ingram / Shishov, Esina, Kronberger, Peci

5.5.

EUGEN ONEGIN

Güttler / Pinkhasovich, Breslik, Furlanetto, Bohinec, Gritskova

6.5.

I PURITANI

Armiliato / Peretyatko, Álvarez, Tessier, Khayrullova, Park

7.5.

PELLÉAS ET MELISANDE

Altinoglu / Selig, Fink, Eröd, Keenlyside

8.5.

LA FILLE MAL GARDÉE

Connelly / Yakovleva; Sosnovschi, Lazik, Taran, Oberegger

9.5.

KINDER-ZAUBERFLÖTE

Ozawa / Kammerer, Petersen, Kühmeier, Bezuyen, Tonca, Holender

DER FREISCHÜTZ

Weigle / Ventris, Gabler, Reiss, Struckmann, Konieczny

10.5.

BARBIERE DI SIVIGLIA

Pidò / Flórez, Gritskova, Fingerlos, Onishchenko

11.5.

DORNRÖSCHEN

Karoui / Konovalova, Hashimoto, Klochkova, Kronberger; Peci, Sosnovschi

12.5.

DER FREISCHÜTZ

Netopil / Schager, Eröd, Nylund, Fally

13.5.

DON PASQUALE

López Cobos / Pertusi, Naforniţă, Flórez, Arduini

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N° 237

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SPIELPLAN

14.5.

RHEINGOLD

Kober / Konieczny, Ernst, Pecoraro, Koch, Gabler

15.5.

WALKÜRE

Fischer / Ventris, Park, Konieczny, Theorin, Schuster

16.5.

DON PASQUALE

Chaslin / Pertusi, Naforniţă, Korchak, Arduini, Dogotari

17.5.

SIEGFRIED

Rattle / Gould, Herlitzius, Konieczny, Fink, Baechle, Petrenko

18.5.

GÖTTERDÄMMERUNG

Schneider / Vinke, Lang, Struckmann, Eiche, Meier

19.5.

ARIADNE AUF NAXOS

Thielemann / Matić, Botha, Isokoski, Koch, Schmeckenbecher, Bruns

20.5.

NUSSKNACKER

Rhodes / Mair, Gabdullin, Stephens, Török

21.5.

DON GIOVANNI

Goetzel / Tézier, Pisaroni, Siurina, Xiahou, Dasch, Naforniţă

22.5.

IDOMENEO

Netopil / Richter, Frenkel, Lungu, Naforniţă, Kolgatin, Osuna

23.5.

ARABELLA

Meister / Harteros, Bankl, Wilson, Tonca, Konieczny

24.5.

ZAUBERFLÖTE

Fischer / Schneider, Beszmertna, Tatzl, Tonca, Fahima, Pape

25.5.

DON GIOVANNI

Fischer / Keenlyside, Schrott, Lungu, Bruns, Röschmann, Tonca, Walser

26.5.

LA FILLE DU RÉGIMENT

Pidò / Fuchs, Tessier, Álvarez, Raimondi, Ellen, Pelz

27.5.

ARABELLA

Schneider / Nylund, Reiss, Skovhus, Bankl, Houtzeel, Fally

28.5.

TRISTAN UND ISOLDE

Schneider / Seiffert, Theorin, Dohmen, Konieczny, Lang

29.5.

DON GIOVANNI

Fischer / Kwiecin, Schrott, Rebeka, Bruns, Carroll, Park

30.5.

LE NOZZE DI FIGARO

Goetzel / Plachetka, Hartig, Pisaroni, Beszmertna, Frenkel, Fally

31.5.

SALOME

Boder / Lindstrom, Meier, Pecoraro, Volle, Osuna

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PRODUKTIONSSPONSOREN

DON PASQUALE, TRISTAN UND ISOLDE

DON GIOVANNI, LE NOZZE DI FIGARO

DIE ZAUBERFLÖTE FÜR KINDER, DER NUSSKNACKER

FATIMA, ODER VON DEN MUTIGEN KINDERN

DER RING DES NIBELUNGEN: DAS RHEINGOLD, DIE WALKÜRE, SIEGFRIED, GÖTTERDÄMMERUNG

Martin Schlaff WAGNERS NIBELUNGENRING FÜR KINDER

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FIDELIO

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