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Peter K. Wehrli

AGENDA FÜR IMMER

orte Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © orte Verlag www.orteverlag.ch


Peter K. Wehrli

AGENDA FÜR IMMER 366 Nummern aus dem «Katalog von Allem»

orte Verlag


Unterstützt von:

© 2020 by orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Umschlaggestaltung: Janine Durot Gesetzt in Arno Pro Regular Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn ISBN 978-3-85830-264-9 www.orteverlag.ch


Vorwort Die «Agenda für Immer», dieser Kalender aller Jahre, ist Teil des umfassenden «Katalogs von Allem», an dem ich seit mehr als fünfzig Jahren arbeite. Unterwegs mit dem Orient-Express, 1968, von Zürich nach Beirut, merkte ich, dass ich meinen Fotoapparat zu Hause vergessen hatte. So entschloss ich mich, alle jene Dinge, die ich fotografiert hätte, wenn ich die Kamera bei mir gehabt hätte, in Sprache abzubilden: Sprache statt Bild – Gedankenblitz statt Schnappschuss. Und da jede Fotografie ohnehin nur aus einem einzigen Klick entsteht, und nicht aus mehreren, soll auch jede geschriebene Fotografie im «Katalog von Allem» aus nur einem Satz bestehen (aus einem Satz ohne Prädikat wohlverstanden, wie es die Katalogsprache erfordert). Denn «Katalog von Allem» soll ja nicht einfach nur ein Titel sein, sondern den Katalog als literarische Gattung festmachen. Statt wie üblich in chronologischer Abfolge sind die meisten Eintragungen in der «Agenda für Immer» den Daten zugeordnet, an denen sich das Geschilderte zugetragen hat. Das Fremde und das Vertraute vermählen sich: Dies ist der unschuldige Blick dessen, der, was er sieht, zum ersten Mal sieht. Die Wahr­nehmungsart des genauen Beobachtens, welche die Gattung Katalog vom Autor fordert, praktiziere ich fasziniert bis heute weiter. Diese Lust am Wahrnehmen möchte ich nun auch mit den Leserinnen und Lesern der «Agenda für Immer» teilen.  Peter K. Wehrli


Januar

1 der Vorsatz der Vorsatz, dies und das im neuen Jahr tun zu wollen, den die Teilnehmer an der Sylvesterparty gemeinhin beim Zwรถlf-Uhr-Schlag vor sich hin memorieren, a.) und mein Vorsatz, der sich zum Vorwurf kehrt, dies und das und alles im alten Jahr nicht getan zu haben, das getan sein wollte.


Januar

2 der Neubeginn das GefĂźhl von Aufbruch, von Neubeginn, von dem wir in der Neujahrsnacht ergriffen werden wollten, und die Fortsetzung des Alten, des Gewohnten, das sich durchsetzt, als sei der Anbruch dieses Berchtoldstages der Morgen des 33. Dezember.


Januar

3 der Treibstoff der Neujahrswunsch, den Joel Nelson mit derart beeindruckender Inbrunst aussprach, die nichts als Treuherzigkeit war, dass in der Herzlichkeit seiner Worte eine heilige Gewissheit mitklang, als wisse er, dass der Treibstoff, der die Welt in Gang h채lt, das Widerspiel zwischen erf체llten und unerf체llten W체nschen ist.


Januar

4 das Ende «Ende gut, alles gut!», dieser wie mit gestrecktem Zeigefinger unterstrichene pädagogisch aufgeladene Satz, mit dem wir schon als Kinder die Welt einzurichten gehalten waren, wobei ich schon vor Ende der Jugend den Satz zu vervollständigen gewagt hatte: «Das Ende des Guten ist das Ende von Allem!»


Januar

5 der Tonfall die Beiläufigkeit, mit der Oski seinen leicht verspäteten Wunsch zum neuen Jahr aussprach, die denselben Tonfall hatte, wie wenn er «es regnet» sagen würde oder « spät geworden», diese unbeteiligte Sprechweise, die war, als fürchte er sich vor dem, was Wünsche bewirken.


Januar

6 die Sachen die schrecklichen Sachen, die immer jene sind, die man nicht macht, weil sie nÜtig wären, sondern nur, weil sie sich machen lassen.


Januar

7 die Heimatlosigkeit unsere Gespräche mit Abdallah aus Somalia über die verzweifelte Suche nach Heimat und über die verstörenden Folgen von Heimatlosigkeit, und unsere besondere Art von Mitleid mit ihm, die erhalten blieb, als er, der auf der Flucht vor Folterkommandos seines Geburtslandes heimlich schon mehrere Grenzen überschritten hatte und immer wieder aus erhofften Aufenthalten ausgeschafft worden war, tapfer zu uns sagte: «Es gibt nur eines: Ich muss mir Heimat werden!»


Januar

8 die Uniform die Uniform, die zu tragen jener gezwungen ist, der als derjenige erkannt werden will, der er sein mĂśchte, und die Nacktheit, in der sich jener zeigen mĂźsste, der als derjenige erkannt werden will, der er ist.


Januar

9 die Bestürztheit die Bestürzung (nein: die Bestürztheit!), die der winzige Unterschied zwischen Frage und Antwort auslöst, sobald klar wird, dass Fragen nie Lügen sein können, Antworten aber schon.


Januar

10 die Mentalität der Unterschied der Mentalitäten, der sich nicht nur aus dem beobachteten Geschehnis, sondern zudem auch aus dessen Deutung verriet, als mir Henrique in Rio beim Anblick eines durch die Rua Aprazivel rennenden Burschen erklärte, wer rennt, habe gestohlen und rennt vor der Polizei davon, und mich gar nicht sagen liess, wer rennt, der renne, weil er den Autobus an der Haltestelle da unten nicht verpassen wolle.


Januar

11 der Tropenhimmel der Stromausfall vom 11. Januar 1994, der zeigte, wie undurchsichtig schwarz die – nicht mehr von Elektrizität korrigierte – Nacht ist, und der nötig war, damit ich merken konnte, dass der Tropenhimmel über Pernambuco in dauernder Bewegung ist, und wie im Aufruhr ohne Unterbruch Lichter, auch geschweifte, durch die Finsternis sausen, fahren, zacken, sirren, hundertfach, so dass sich mir erstmalig nun in fünfzig Jahren die Gelegenheit bietet, das Sternengesprenkel des Nachthimmels mit einem Feuerwerk zu vergleichen, was ich jetzt ergriffen und mit Nachdruck tue.


Januar

12 die Blässe die Keckheit, mit der das Mädchen in die Runde schaute, als es den Schriftsteller beim Schulbesuch im Klassenzimmer fragte: «Was muss ich tun, damit ich in Ihrem Roman vorkomme?» a.) und die Blässe, welche die Ernüchterung auf seine Wangen warf als es die Antwort hörte: «Du musst die Aufnahmeprüfung bestehen!»


Januar

13 der Wunsch die Unsorgfältigkeit im Umgang mit Wünschen, die dazu führt, dass selbst jene, die der Wirkung von Wünschen nicht vertrauen, auch nach Neujahr noch dauernd dahergeplapperte Wünsche verteilen, diese Leichtfertigkeit, die um sich greift und nun bewirkt, dass mir selbst Oskars Wunsch «Guten Tag» zu keinem guten Tag mehr verhilft.


Januar

14 das Lob die tröstliche Umwertung des Negativen ins Positive, des Klagens ins Loben, bei der nie deutlich wird, welches von beiden die Ironie beschädigt und welches sie fördert (und ob da überhaupt Ironie im Spiele ist?), als Traian 1993 in Bukarest mit möglicherweise gespieltem Stolz berichtet: «Eine der segensreichen Hinterlassenschaften des Kommunismus ist, dass bei uns immer etwas funktioniert: Entweder läuft das Wasser, oder das Licht geht an. Und falls die Heizung brennt, kann nicht auch der Lift funktionieren. Wir haben Grund, stolz zu sein, denn bei uns funktioniert immer etwas!»


Januar

15 die Verbindlichkeit die fast beängstigende Verbindlichkeit, die der Satz des greisen Greta Garbo-Verehrers jetzt plötzlich erhält, bei Stars spiele es keine Rolle, ob sie lebendig seien oder tot, als mir Maria Riva (am 15. Januar 1993) ganz nüchtern und mit überzeugter Beiläufigkeit sagt: «Meine Mutter lebt heute mehr als vor ihrem Tod», a.) und meine heitere Überzeugung, dass dieser so verwegen klingende Satz nicht mehr seine absolute Richtigkeit hätte, wenn Maria Riva die Tochter von jemand anderem als von Marlene Dietrich wäre.


Januar

16 der Versuch mein vergeblicher Versuch, mich zu erinnern, was Rara an jenem Tag in Bukarest gemusst oder gekonnt und was sie gedurft oder gewollt hat, als sie feststellte: ÂŤIch will lieber, dass ich kann und nicht muss als dass ich will und nicht darfÂť.


Januar

17 die Schulter die Irritation im Atelier von Julião Sarmento damals in Varzea de Sintra, und die sich nun – sechs Jahre später – am 17. Januar 1998 im Münchner Haus der Kunst mit derselben Penetranz wieder einstellt, wo ich in den Bildern Ataque 7 und Ataque 2 und Febre 5 erlebe, auf welche bestürzende Art Julião jenes Foto verarbeitet hat, das mir 1992 im Atelier deshalb als beunruhigend aufgefallen war, weil es eine Dame zeigt, die fähig ist, in ihre eigene linke Schulter zu beissen.


Januar

18 der Plastikstuhl der abgebrauchte, ehemals sicher weisse Plastikstuhl am Rand der Bahngeleise von Guayaquil nach El Triunfo, den der Urwald mit seinem Gew채chsgeschlinge 체berzieht, ihn sich einverleibt und dies so unwiederbringlich, dass sich in mir der Eindruck festsetzt, hierzulande falle die tropische Natur rettungslos 체ber alles K체nstliche her.


Januar

19 der Atem der heisse Atem und seine Entsprechung, der versengende Blick, erwähnt in der Zeitung Diario de Pernambuco, die am 19. Januar meldet, der 16-jährige Benedetto Supino müsse deshalb eine geschwärzte Brille tragen, weil sein Blick alle Dinge entzündet, die er anschaut, und dass er leicht zu schwitzen beginne vor jedem Brand.

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