Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © www.formatost.chFormatOst FormatOst Leseprobe
Nachts ist es sehr kalt. An den feinen Ästen der Laubbäume glitzern gefrorene Wassertropfen. Auf den Tannen liegt ein erster Hauch von Schnee. Grasbüschel lugen aus der dünnen weissen Decke hervor, die sich über Hügel und Senken gelegt hat.
Es ist still. Fast alle Tiere haben sich unter die Erde verkrochen, nur die Füchse schiessen leise und pfeilschnell über die Ebene und hinterlassen Spuren im Schnee. Hoch über den Tannenspitzen steht der Mond. Jemand beobachtet ihn. In einer warmen Erdhöhle sitzt das Winterkind am Fenster und schaut dem Mond beim Wandern zu. Wenn am Abend die Sonne untergeht, taucht der Mond über dem Wald auf. Tief in der Nacht erst sinkt er hinab, irgendwo in den Weiten des Graslands. Wo er dann wohl hingeht? Dem Winterkind kommt eine Idee. «Ich will die weise Frau besuchen, denn sie weiss Antwort auf fast alle Fragen.»
So macht sich das Winterkind auf den Weg zum Bach, wo die weise Frau wohnt. Die Grashalme knirschen unter den Füssen, und nah dem Wasser ist der Schnee ein wenig geschmolzen.
Das Winterkind schaut sich um. Ob es die weise Frau rufen soll?
Der Bach ist noch nicht gefroren, denn der Winter hat erst begonnen.
Am Waldrand taucht ein Licht auf. Da ist sie! Die weise Frau hat eine Laterne bei sich, die alles um sie herum in goldenen Schein taucht.
Mit Herzklopfen wartet das Winterkind, bis sie zwischen den Bäumen hervortritt und auf der gegenüberliegenden Seite des Bachs stehenbleibt.
Ihre Stimme tönt hell und jung, wie das leise Klirren der Eiszapfen an den Ästen, die sich im Wind bewegen. «Ich will dich fragen, wo der Mond herkommt», sagt das Winterkind aufgeregt, «denn er taucht abends über dem Wald auf und versinkt nachts im Grasland. Wo wohnt er, wenn er nicht über den Himmel zieht?»
Die weise Frau überlegt eine Weile und streckt dann eine Hand aus. «Wenn du möchtest, können wir den Mond besuchen. Wir werden über den grossen See fahren, durch den Wald mit den höchsten Bäumen und durch das weite Grasland wandern.»
Die weise Frau hat freundliche Augen und ein funkelndes Lächeln. «Winterkind, was kommst du her, mitten in der Nacht und ganz allein?»