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hans hürlemann Helewie

Appenzeller Verlag Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © Appenzeller Verlag www.appenzellerverlag.ch


Hans HĂźrlemann

Helewie So schwätzed d Appezeller

Appenzeller Verlag


© 2019 by Appenzeller Verlag, ch-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Umschlaggestaltung: Janine Durot unter Verwendung eines Aquarells von Katja Nideröst Gesetzt in Minion Pro Regular und Gotham Rounded Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn isbn 978-3-85882-833-0 www.appenzellerverlag.ch


Inhalt Einleitung 9 Nack, näckig, Berenack 11 Schiff ond Gschier 12 Zwüsched fuul ond letz 13 Leiig oder ooleiig 14 Biös gohd all e Löftli 15 S tuet Noot 16 Näbis oder nütz 17 Gumi, Chnöpf ond Schümmel 18 Schnattere, schnatzge, schlofere, sorpfe 19 Gfächte, spitzig, gschmoge 20 Ees, zwää, drüü 21 Neweli, hinecht, fern 22 Bere, bere, beiere 23 Riife, Bick ond Bickli 24 Förbe ond schore 25 Hung ond Fiige 26 Tummi, Bschötti, Brotzig 27 Seelze ond söderig 28 Nüechtele, räächele, brääsele 29 En Schrää, en Briescht 30 Hesch din Tamme scho? 31 Landjäger, Pantli, Neugewürz 32 Chiide, kiide, chiie, cheie 33 «Zigerefisch ond was guet isch …» 34 Badeieli, Badiieli ond Bötterech 35 Nare, Nore, Grabelatschi 36 Glatteis und Charakter 37

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Helenes nächtlicher «Chiich» 38 Bloob ond groob 39 För Ständ ond Gäng 40 Prächte, bredlecke ond tallmääre 41 Suwetter ond Hungregeli 42 Stapfete, Rigle ond Hagstecke 43 Schwein oder nicht Schwein 44 Löönterig, chrööpelig ond de Pföö 45 Haab, Habi, Chaab 46 Gfell ond Oogfell 47 Gäässe, Ross ond Fiiledreck 48 Äscheremecktig bis Blochmentig 49 E tuusigs bsesse limpfigs Schötteschli 50 En abbeckte Flettache 51 Wohl oder waul 52 Schotzgatter bis gächschötzig 53 E gmääits Wesli 54 Hofeli, hosam, tosam 55 Heer ond ooheer 56 Pfutscheli, Litz ond Tannegrötzli 57 S zaurig Elend 58 En Hond ond en lääre Sack 59 Schääch ond schelb 60 Seechthötte und Buuchi 61 «No nüd tue wie mörke» 62 Grempler ond Fäälträger 63 Beize oder bääze? 64 Fööfliber ond Backnasli 65 Die Fortsetzung des Rückgrats 66 Tännigs ond Bömmigs 67 6


Hädämpfig ond blööschtig 68 Mues ond Oomues 69 E Luus of em Chruud 70 Suur, Süürli, Süüregrend 71 Jetz horets 72 Fraueloobeli 73 Hetocht en Narre 74 E paar a d Ohre 75 #metoo of Appezellisch 76 Versteckte Gemeinheiten 77 Luuter chennig Lüüt 78 E heezabstöössige Souchog 79 Fläschesääl ond Welleböckli 80 Chendergarte oder Töckelischuel 81 Schnöchse, schlööne, tocke 82 Träägi ond Lääti 83 Ehegoomme und Babysitter 84 Trischte, Treschter, Schoche 85 «Bi de Aalte ischt mer kaalte» 86 Gaulig ond aardlech 87 Trüele, lättere, spodere, gödle 88 Am Mecktig isch Schlegelsitzig 89 Häb e chli en Sii! 90 Lieber wädli als gschwind 91 Henevogel und Heuläätere 92 Möschig ond störzig 93 Leed, Led, Ledi 94 Verzeichnis der Wörter 95 Verzeichnis der Redensarten und Rede  wendungen 105 7


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Einleitung Pessimisten haben immer wieder befürchtet, die Schweizer Mundarten könnten gänzlich untergehen oder zu einer Art schweizerdeutschem Esperanto degenerieren, das manchmal ziemlich respektlos als «Bahnhofbüffe-Olte-Tütsch» bezeichnet wird. Diese Angst vor dem Untergang hat bereits 1862 dazu geführt, dass die Arbeit am schweizerdeutschen Idiotikon begonnen wurde. Zurzeit, 2019, wird der 17. und letzte Band des gigantischen Werks bearbeitet. Die Schweizer Dialekte sind nicht untergegangen, sie haben sich aber im Laufe der Jahre verändert. Zudem verschwinden erfahrungsgemäss in jeder Generation ungefähr zwanzig Prozent des Wortschatzes. «Helewie» lautet der Titel dieses Büchleins. Das seltsame Wort schillert in verschiedenen Bedeutungen. Einerseits drückt es Erstaunen und Überraschung aus. Dann wird es meistens auf der Endsilbe betont: «Helewie, zääg emool, wa d gmacht hesch.» Andererseits aber, vor allem mit der Betonung auf der ersten Silbe, soll es aufmuntern zum Weitermachen: «Helewie! Da wäär mer no loschtig, wenn mer da nüd no fertig bräächtid.» Genau so möchte ich den Titel verstehen: als Aufmunterung an die Leserinnen und Leser, sich für die Sprache unseres Appenzellerlandes zu interessieren, ganz gleich, ob sie nun Einheimische oder Zugereiste sind. Die Sprache ist ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis der appenzellischen Kultur und Lebensart. Auch ausserhalb

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des Appenzellerlands kommt eine Abwandlung des Wortes vor. Statt «helewie» verwendet man im ­ St. Gallischen «selewie» in ähnlicher Bedeutung. Im Appenzeller Magazin vom Januar 2013 erschien meine erste Kolumne zu den Appenzeller Mundarten. Seither sind auf der letzten Seite, dem «Cheerab», mehr als achtzig solche Dialektbeiträge publiziert worden. Sie sind in diesem Büchlein in der gleichen Reihenfolge aufgeführt, wie sie im Magazin erschienen sind. Selbstverständlich ist nicht alles auf meinem Mist ­gewachsen. Ich habe mich gern in verschiedenen Publikationen umgesehen, vor allem im Sprachschatz von Titus Tobler von 1837, in Joe Mansers Innerrhoder Sprachbuch, in Stefan Sondereggers Appenzeller Sprachbuch und in den Werken von Emmi Mühlemann-Messmer. 

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Nack, näckig, Berenack Wer einem Ausländer vorführen will, wie Schweizerdeutsch tönt, der lässt ihn oder sie das unvermeidliche «Chochichäschtli» nachsprechen. Die Berner tun dasselbe mit dem «Miuchmäuchterli» und freuen sich diebisch an den phonetischen Verrenkungen der radebrechenden Fremden. Der vor Kurzem verstorbene Zürcher Kabarettist Fredy Lienhard hatte in seinem Dialekt-Repertoire auch eine Nummer in Ausserrhoder Dialekt. Bei dieser Gelegenheit verwendete er eine Redensart, die heute längst nicht mehr alle Appenzeller verstehen. Sinngemäss sagte er: «De hed hüt aber gär nüd de Berenack.» Das heisst, dass der Betreffende keine gute Laune hatte. Er war also «söderig» oder «seelze» und machte «e suuri Schnore». Das seltsame Wort «Berenack» endet mit «Nack», und damit meint man einen Geschmack oder «Guu». «Näckegi Epfeli» sind Äpfel mit einem kräftigen, charaktervollen Geschmack, «e Soppe mit eme Näckli» schmeckt sonderbar, «ond en Servela, wo näckelet», stinkt zum Himmel und ist nicht mehr geniessbar.

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Schiff ond Gschier Die Appenzeller Zedel sind Schuldbriefe, die wichtige Hinweise auf die Geschichte der Flurnamen der Liegenschaften liefern, die als Sicherheit für die geliehene Summe beschrieben werden. Das geschieht in formelhaften Wendungen, etwa so: «Zu einem sicheren Unterpfand setze ich mein Gut, Haus und Heimat, Wies und Weid, Holz und Feld in der Tell genannt.» Solche Wortpaare kommen auch in Kaufverträgen, sogenannten Schickprotokollen, vor. So hiess es früher etwa, dass das Haus mit «Gschiff und Gschier» verkauft werde. Mit «Gschiff» oder «Schiff» werden Wagen, Fahrzeuge und Gefässe bezeichnet, mit «Gschier» alles andere Gerät, das man für die Landwirtschaft braucht. Nur das Wort «Gschier» ist erhalten geblieben. «E n aardlechs Gschier» ist ein unbekannter Gegenstand, dessen Namen und Funktion nicht klar ist, und mit «Werchgschier» meint man nicht genauer bezeichnetes Werkzeug. Zum Abwaschen verwendet man hierzulande nicht den Abwaschlappen, sondern den «Gschierfetze». Wenn aber eine Frau als «Gschier» bezeichnet wird, dann ist das keine Ehrenmeldung. Damit wird nämlich angedeutet, dass sie eine liederliche oder schmutzige Person sei.

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Zwüsched fuul ond letz Unsere Mundart verändert sich ebenso wie die Welt um uns herum. Vor allem in Ausserrhoden spürt man in den letzten Jahrzehnten den wachsenden Einfluss des St. Galler Dialekts. Die Laute werden spitziger, das offene ä von «Chääs» wird zu «Chees». Daran lässt sich wohl kaum etwas ändern. Vielleicht aber ist es möglich, das Interesse für den Inhalt der Sprache, also für Wortschatz, Sprachbilder und Redensarten wieder zu wecken. An der Vechschau in Urnäsch hörte ich mit vielen anderen einer Gruppe Sennen beim Zauren zu. Der Vorzaurer intonierte mit kraftvoll tragender Stimme ein besonders melodiöses Zäuerli. Ein Bauer nickte anerkennend und sagte: «De zauret uuf ond baar wie der Aalt.» Er meinte damit, dass der junge Mann offenbar das Talent und die Singstimme von seinem Vater geerbt hat. Solche Wortpaare sind sehr beliebt in unserer Sprache. Wer sich nach dem Gesundheitszustand eines Nachbars erkundigt, den man schon längere Zeit nicht mehr gesehen hat, erhält hoffentlich die beruhigende Antwort: «Momoll, er isch gsond ond gfrääss.» Von einem wohlhabenden Menschen sagt man: «De seb het’s ond vermag’s.» Wenn jemand in einer ausweglosen Situation ist, sagt man, er müsse sich entscheiden «zwüsched fuul ond letz». Es wäre doch «sönd ond schaad», wenn solche Ausdrücke vergessen gehen würden.

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Leiig oder ooleiig Das Sprichwort «Gleich und gleich gesellt sich gern» gibt es auch im Appenzellischen. Dort heisst es aber: «D Lei fönt enand.» Wenn etwas einen miserablen Eindruck macht, nicht zusammenpasst oder unanständig ist, sagt man: «Da het e ke Lei ond ke Gattig.» «Machs doch of e n anderi Lei», bedeutet, dass es der Angesprochene auf eine andere Art und Weise versuchen soll. «Seb isch e n anderi Lei Lüüt», heisst, dass es sich bei den Angesprochenen um Menschen einer anderen Kategorie handelt, meistens «Mehbesseri», das sind vornehmere oder solche, die sich dafür halten. «E leiigs Zängli» ist ein praktisches Werkzeug, und «leiigi Nochbere» sind nette Nachbarn. Wenn jemand sagt: «Da isch wieder e leiigi Iirichtig», dann meint man das meistens ironisch, also, dass irgendetwas misslungen ist. Das Gegenteil von «leiig» ist «ooleiig». Dazu eine kurze Geschichte: Ein Appenzeller begegnet einem finster vor sich hin starrenden Unbekannten. Er grüsst ihn freundlich, erhält aber keine Antwort. Nach ein paar Schritten dreht sich der Appenzeller um und sagt zum unfreundlichen Fremden: «Wenn d hönne döre ase phaab (dicht, verstopft) bisch wie vorne, denn hesch es ooleiige.»

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Bi ös gohd all e Löftli Das erste Vierteljahr war heuer ungewöhnlich kalt. Solche ungemütlichen Wetterlagen haben wir zur Hauptsache dem «Bisloft», einem giftig kalten Wind aus Nordosten, zu verdanken. In unserer Sprache nennt man ihn häufiger «Vorderloft», der von vorne her, eben vom Vorderland her bläst. Logischerweise ist der «Hönderloft» der Wind aus Westen, der häufig mildere Temperaturen und Regenwetter bringt. In Innerrhoden spricht man – allerdings nicht mehr so oft – vom «Sonderwend» oder vom «Sonderloft», wenn man den Südwind, den Föhn meint, und ein «Suloft» ist ein unangenehmer Wind, der aus allen Richtungen blasen kann. «E n aardlechs Löftli» ist ein Wetterereignis, das dem Beobachter verdächtig erscheint, weil er nicht recht merkt, ob es der Vorbote von erfreulichem oder miserablem Wetter ist. Der Ausdruck «Jetzt goot en andere Loft» hat nicht unbedingt mit der Meteorologie zu tun. Man meint damit, dass sich die Lage geändert hat, ob am Arbeitsplatz oder zu Hause. Und wenn jemandem eine Sache «schiissegliich» ist, dann sagt er etwas anständiger: «Wegemine gäng de Loft», was im Klartext heisst: Von mir aus kann der Wind blasen, wie er will, es ist mir egal.

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