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Der Druck dieses Werkes sowie die Erstellung der gleichnamigen Ausstellung wurde von folgenden Institutionen gefördert:

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. ISBN 978-3-95954-037-7 © Jörg Mitzkat Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht auf Vervielfältigung und Verbreitung sowie Übersetzung. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags und des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Das Koken-Album mit den Fotos von Otto Liebert befindet sich im Besitz des Stadtarchives Holzminden. Stadtarchivar Dr. Matthias Seeliger hat dieses Projekt mit wichtigen Informationen und durch freundliche Mitarbeit unterstützt. Verlag Jörg Mitzkat Holzminden 2018 www.mitzkat.de


Zeitreise

in den braunschweigischen Weserdistrikt Die Dörfer und Städte des Kreises Holzminden im Jahre 1896 und heute Das „Koken-Album“ von Otto Liebert und aktuelle Fotografien von Jörg Mitzkat

Texte: Jörg Mitzkat Herausgegeben vom Heimat- und Geschichtsverein für Landkreis und Stadt Holzminden e.V. Verlag Jörg Mitzkat Holzminden 2018


Der Kreis Holzminden als Teil des Herzogtums Braunschweig, um 1900 [ehemals der Braunschweigische Weserdistrikt]

Quelle: Montage aus: Steinacker, 1907


Grußwort

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ie Braunschweigische Stiftung ist eine Regionalstiftung und im Braunschweigischen Land zu Hause. Das Tätigkeitsgebiet unserer Stiftung besteht also ausschließlich aus den heute in Niedersach­ sen gelegenen Teilen des alten Landes Braunschweig. Der Landkreis Holzminden ist eine von unseren acht Stiftungsteilregionen und blickt in seiner Verbindung zum Braunschweigischen auf eine jahrhunderte­ alte Geschichte zurück. Die Braunschweigische Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, die identitätsstiftenden Momente der Braunschweigi­ schen Landesgeschichte aufzuzeigen und den hier lebenden Menschen erlebbar zu machen. Damit einher geht es, geschichtliche Highlights des Braunschweigischen Landes in ihrer Bedeutung entsprechend heraus­ zuheben, damit die Interessierten die braunschweigische Geschichte besser ergründen können. Der dieser Ausstellung „Zeitreise“ zugrunde liegende Fotografiefun­ dus von Otto Liebert ist vor diesem Hintergrund ein unglaublicher Schatz. Die 79 Liebert-Fotografien dokumentieren nüchtern und mit äußers­ ter Sorgfalt das dörfliche Leben im braunschweigischen Weserdistrict. Umso mehr freut es uns als Vorstand der Braunschweigischen Stiftung,

dass es dem Heimat- und Geschichtsverein Holzminden gelungen ist, diesen Schatz zu heben und die Inhalte über ein didaktisch innovatives Ausstellungskonzept zugänglich zu machen. So können die Besucher der Ausstellung die Liebert-Aufnahmen mit den aktuellen Fotografien von Jörg Mitzkat vergleichen und bekommen auf einen Blick die spannen­ den Veränderungen dörflicher Strukturen der vergangenen 120 Jahre vor Augen geführt. Mit der ergänzenden Begleitpublikation können Interes­ sierte alle 79 Fotografien des Liebert-Albums mit nach Hause nehmen. Die Ausstellung wird an mehreren Orten im Braunschweigischen Land als Wanderausstellung zu sehen sein, auch dieser Teilaspekt war der Braunschweigischen Stiftung im Sinne der Vermittlung ein Anliegen. Wir wünschen dem Heimat- und Geschichtsverein eine erfolgreiche Ausstel­ lung und freuen uns auf weitere qualitativ hochwertige kulturelle Veran­ staltungen rund um die Geschichte des Landkreises Holzminden. Axel Richter Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Braunschweigischen Stiftung

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Hermann Koken (* 16. März 1819, † 17. Juni 1908) war vom 4. Juni 1873 bis zum 1. Oktober 1896 Direktor des Kreises Holzminden

Inhalt Grußwort 5 Zum Geleit 7 Einleitung 9 Allersheim 13 Altendorf 15 Amelungsborn 17 Arholzen 19 Bessingen 21 Bevern 23 Bisperode 25 Boffzen 27 Braak 29 Breitenkamp 31 Bremke 33 Brökeln 35 Brunkensen 37 Buchhagen 39 Coppengrave 41 Daspe 43 Deensen 45 Denkiehausen 47 Derental 49 Dielmissen 51 Dohnsen 53 Dölme 55 Eimen 57 Emmerborn 59 Eschershausen 61 Fohlenplacken 63 Forst 65 Fürstenberg 67 Glesse 69

Golmbach 71 Grave 73 Grünenplan 75 Halle 77 Harderode 79 Hattensen 81 Hehlen 83 Heinade 85 Heinrichshagen 87 Hellental 89 Heyen 91 Hohe 93 Hohenbüchen 95 Holenberg 97 Holzen 99 Holzminden 101 Homburg 103 Hunzen 105 Kemnade 107 Kirchbrak 109 Kreipke 111 Lenne 113 Lichtenhagen 115 Linnenkamp 117 Linse 119 Lobach 121 Lüerdissen 123 Lütgenade 125 Lütgenholzen 127 Mainzholzen 129 Meinbrexen 131 Merxhausen 133 Mühlenberg 135 Negenborn 137

Neuhaus 139 Oelkassen 141 Ottenstein 143 Pipping 145 Reileifzen 147 Rühle 149 Scharfoldendorf 151 Schorborn 153 Stadtoldendorf 155 Tuchtfeld 157 Vorwohle 159 Wangelnstedt 161 Warbsen 163 Wegensen 165 Westerbrak 167 Wickensen 169 Anhang Der Landkreis Holzminden früher und heute 170 Ammensen 171 Bodenwerder 172 Brevörde 173 Delligsen 174 Heinsen 175 Kaierde 176 Lauenförde 177 Meiborssen 178 Pegestorf 179 Polle 180 Silberborn 181 Vahlbruch 182 Varrigsen 183 Literatur 184 Dank 185


Zum Geleit

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s ist schon erstaunlich, welche Konjunktur der bislang als überholt, gestrig und altertümlich, ja als reaktionär abgetane Begriff ,Heimat‘ am Beginn des 21. Jahrhunderts wieder erlebt. Die zunehmende Unübersichtlichkeit in der globalisierten Welt lässt die Menschen offen­ bar wieder nach ihrem Herkommen fragen, nach ihrer Identität und Geschichte: „Je schneller die Welt sich um uns dreht, desto größer wird die Sehnsucht nach Heimat. Dorthin, wo ich mich auskenne, wo ich Ori­ entierung habe und mich auf mein eigenes Urteil verlassen kann. Das ist im Strom der Veränderungen für viele schwerer geworden“, sagte Bun­ despräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Ansprache beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2017, „verstehen und ver­ standen werden – das ist Heimat“. Der Heimat- und Geschichtsverein Holzminden trägt diesen Begriff nicht nur im Namen; ihn mit Leben zu füllen und anderen zu vermitteln, zum Verstehen beizutragen, das ist zentrales Anliegen seiner Mitglieder, die größtenteils im Landkreis leben, in ihm verwurzelt sind oder sich ihm verbunden fühlen und mit großem ehrenamtlichen Engagement Regionalkunde im Landkreis betreiben und – wie hier – veröffentlichen. Historische Fotografien sind dazu eine wichtige Quelle. Sie zeigen die frühere Welt so, wie der Fotograf sie zum Zeitpunkt seiner Aufnahme sah; sie laden dazu ein, das Heute dem Früher gegenüber zu stellen. Und der Autor und Fotograf Jörg Mitzkat hat sich glücklicherweise auch nicht davor gescheut, einige persönliche Wahrnehmungen und Erleb­ nisse bei der Erarbeitung dieses Buches und der Begleitausstellung in seine Beschreibungen einfließen zu lassen. Es ist dem Stadtarchiv Holzminden mit seinem Leiter Matthias­Seeli­ ger und dem Verlag Jörg Mitzkat sehr dafür zu danken, dass sie gemein­ sam den umfangreichen Nachlass Otto Lieberts vor einigen Jahren ankauften, um so Tausende Fotodokumente der Nachwelt zu erhalten. So erst wurde möglich, die Motive des Abschiedsgeschenkes für den frü­ heren Kreisdirektor Koken in der Gegenwart zu verorten und den Ver­ gleich zu ermöglichen.

Zu danken ist aber ebenso den Förderern dieses Projektes, der Braunschweigischen Stiftung, der Stiftung der Braunschweigischen Landessparkasse, dem Landschaftsverband Südniedersachsen und der Kulturstiftung des Landkreises Holzminden, die durch ihre großzügigen Zuwendungen Buch und Ausstellung erst ermöglichten. So mögen Buch und Ausstellung denen, die hier leben, ihr Zuhause näherbringen. Denen, die einst hier zuhause waren, mag mit den Worten Ulla Hahns, „vielleicht ist man da zu Hause, wo man sich umdreht, wenn man weggeht“, ihr Herkommen deutlich werden. Und jene, die diesen Kreis, seine Landschaft, seine Menschen nicht oder nur kaum kennen, mögen im Kontrast zum eigenen Zuhause die eigene Heimat besser zu verstehen lernen. Dem Buch sind daher viele Leser, der Ausstellung im Weserrenaissanceschloss Bevern und an den weiteren Stationen viele Besucher zu wünschen. Bevern im Februar 2018 Für den Heimat- und Geschichtsverein Thomas Krueger

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Am Dienstag, 29. September 1896, erschien folgender Text im „Kreis-Blatt für den Kreis Holzminden.“ Der Bericht wird hier leicht gekürzt wiedergegeben. Einerseits wird in diesem Text die Übergabe des Fotoalbums dokumentiert, zweitens wird ein Blick auf das Wirken von Kreisdirektor Koken geworfen und drittens spiegelt dieser Zeitungsbericht den Geist jener Zeit recht eindrucksvoll wider.

Aus dem Herzogtume. Holzminden, den 28. September 1896. „ – Aus Anlaß des am 1. Oktober d. Js. erfolgenden Scheidens des Herrn Kreisdirektors Koken aus dem Staatsdienste fand am Sonnabend eine außerordentliche Sitzung des Kreiskommunalverbandes Holzminden im Stadthause hierselbst statt. An Stelle des durch Krankheit behinderten Vorsitzenden der Kreisversammlung, Herrn Forstrat Pöhling, wurde die Sitzung von dem stellvertretenden Vorsitzenden, Herrn Rittergutsbesitzer O. von Campe-Deensen, geleitet. – Nachdem Herr Kreisdirektor Koken durch die Herren Rittergutbesitzer O. von Campe-Deensen, Bürgermeister Schrader und Kreisdeputierter Kumlehn-Mainzholzen aus seiner Wohnung abgeholt und erschienen war und seinen blumenbekränzten Platz eingenommen hatte, eröffnete nach Erledigung geschäftlicher Mitteilungen um 1½ Uhr der stellvertretende Vorsitzende der Kreisversammlung, Herr Rittergutsbesitzer O. von Campe-Deensen, die Versammlung, indem er an dieselbe folgende Ansprache richtete: [...] Alsdann erschienen vor dem Herrn Kreisdirektor Koken die Kreisdeputierten: Herren Bürgermeister Schrader, Bürgermeister Peters-Eschershausen, Bürgermeister Klügel-Stadtoldendorf, Amtsrat Baumgarten-Forst, Gemeindevorsteher Kumlehn-Mainzholzen, Gemeindevorsteher Schütte-Dielmissen und Vollmeier Wiedbrauk-Brökeln und überreichten demselben ein großes, prachtvoll ausgestattetes Album mit 80 photographisch hergestellten Ansichten von den sämtlichen Ortschaften des Kreises Holzminden. Die Aufnahmen sind durch Herrn Photograph O. Liebert hier hergestellt und erregen ob ihrer sauberen Durch-

führung Bewunderung. Sichtlich gerührt nahm der Herr Kreisdirektor Koken das Album mit herzlichen Worten des Dankes und mit dem Ausdruck seiner Freude über das wohlgelungene Werk entgegen. Der Kreisdeputierte Herr Bürgermeister Schrader gab in seiner Ansprache dem Wunsche Ausdruck, daß der Inhalt des Buches auch die Erinnerung an die Thätigkeit des Kreisausschusses lebendig erhalten möge. Herr Bürgermeister Schrader schloß mit den Worten: „Gott schenke Ihnen, geehrter Herr Kreis-Direktor noch ein langes Leben!“ Die Inschrift des Albums lautet: Dem Herrn Kreisdirektor Koken zum Abschiede gewidmet von den Gemeinden des Kreises Holzminden 26. September 1896. Die Versammlung begab sich hierauf nach Grethens Saalbau, der mit Girlanden und Fahnen festlich geschmückt war. Hier brachte Herr Regierungsrat Huisken den erste Toast aus und zwar auf S. M. den Kaiser, S. K. H. unsern Regenten Prinzen Albrecht und das Land Braunschweig. Herr Bürgermeister Schrader feierte sodann den Herrn Kreisdirektor Koken, indem er dessen Verdienste hervorhob. Während der 25 Jahre, die der aus dem Amte Scheidende gewirkt habe, sei vieles Segensreiche von seiner Hand ausgegangen. So habe der Herr Kreisdirektor vor allem für die Einführung der Kreisordnung gesorgt; zahlreiche Wasserleitungen in den Gemeinden des Kreises seien wesentlich durch seine Initiative hervorgerufen, sodaß in dieser Beziehung der Kreis Holzminden den anderen Kreisen des Herzogtums mit gutem Beispiel vorangegangen sei. Eine gleiche Initiative habe der Herr Kreisdirektor Koken in Betreff der Herstellung gesunder Armen- und Krankenhäuser bethätigt, wie denn auch das Krankenhaus in Holzminden im Wesentlichen seine Entstehung der Fürsorge des Scheidenden verdanke. Mit dem Ausdruck der Hoffnung,

daß es dem Herrn Kreisdirektor vergönnt sein möge, noch lange, recht lange die wohlverdiente Ruhe zu genießen, schloß der Redner mit einem Hoch auf den Herrn Kreisdirektor. Sichtlich gerührt drückte der also Gefeierte seinen Dank mit folgenden Worten aus: „Meine hochgeehrten Herrn und lieben Mitbürger! Die schönen Zeichen Ihres freundlichen Wohlwollens, die Sie mir heute bei dem Rücktritte von der Bühne meines Amtes in so überraschender Weise geben, rühren mich tief, und ich sage Ihnen meinen innigsten Dank. Vor 23 Jahren kehrte ich, ein Kind dieser Stadt, nach Gottes Fügung bei Ihnen wieder ein, nachdem ich 27 Jahre lang fern von Holzminden zu anderer amtlicher Thätigkeit berufen gewesen war. Aber während dieser ganzen 27 Jahre wollte ein stilles Heimweh nach meinem lieben Geburtsorte und seiner schönen Natur nicht von mir weichen, und als ich dann, mir völlig unerwartet, zu Ihnen zurückgeführt wurde, da quälte mich die Besorgnis, ob es mir auch gelingen würde, durch mein öffentliches Wirken mich meines Glückes würdig zu erweisen und meiner Geburtsstadt – nach dem Vorbilde meines unvergeßlichen Vaters – Ehre zu machen. Das zu erreichen ist wenigstens mein erstes und redlichstes Streben gewesen! Und auch jetzt, da ich von meinem Amte scheide und frei werde in der Wahl meines Wohnorts, vermag ich nicht, von Holzminden mich zu trennen. In Ihrer Mitte, meine geehrten Herren und Freunde, wünsch‘ ich die vom Himmel mir etwa noch zugedachten Tage zu verleben, und hoffe zuversichtlich, daß ich da, wo meine Wiege gestanden hat, zu seiner Zeit auch die irdische Ruhestelle finden werde. Ich bitte Sie, mir Ihr freundliches Wohlwollen auch ferner unvermindert zu erhalten, und nun mit mir einzustimmen in den Ruf: Unser geliebtes Holzminden lebe hoch!“ Die Speisenfolge des Festessens, zu dem das Gedeck 3,50 M. kostete, war eine sehr gewählte und die Zubereitung der Speisen, wie man es von der vorzüglichen Küche des Herrn Grethen nicht anders erwarten konnte, vorzüglich. Die Tafelmusik besorgte die gesamte Petersche Kapelle und entledigte sich der Aufgabe mit besonderem Geschick.


Einleitung Otto Liebert fotografiert 1896 im Sommer 79 Orte im Kreis Holzminden

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as 19. Jahrhundert kann man aus kunsthistorischer Sicht als Zeit­ alter der Fotografie bezeichnen. Zu keiner anderen Zeit übte die Fotografie eine solche Faszination auf die Menschen aus. Mit der Konstruktion von Kleinbildkameras folgte im 20. Jahrhundert die Demo­ kratisierung der Fotografie und mit der Digitalisierung im 21. Jahr­ hundert schließlich die digitale Bilderflut. Gleichwohl ist fast alles, was fotografiert werden konnte, erstmals im 19. Jahrhundert auf lichtemp­ findliches Material gebannt worden. Die Erfindungen von Joseph Nicéphore Nièpce und Louis J. M. Daguerre zwischen 1816 und 1826 wurden in den kommenden Jahr­ zehnten weiter optimiert, sodass schon 1841 das erste Porträt-Atelier in London eröffnen konnte und über den großen Brand in Hamburg 1842 die erste Fotoreportage entstand. 1868 gelingt der Durchbruch in der Farbfotografie, Eadweard Muybridge gelingen 1877 die ersten Reihen­ aufnahmen von schnell beweglichen Motiven, und in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eröffnen selbst in kleinen Städten Fotostudios – jeder, der etwas auf sich hält und es sich leisten kann, lässt sich dort porträtieren. Aus dieser Zeit sind noch etliche Fotoalben mit kleinformatigen Porträtaufnahmen erhalten, die ersten Dokumente des späteren Massenphänomens Fotografie. Trotzdem war die Fotografie noch Profis vorbehalten. Der erste Roll­ film von Kodak kam zwar 1888 auf den Markt, aber einfach zu bedie­ nende Box-Kameras gab es erst ab 1900. Somit mussten die Fotografen im 19. Jahrhundert noch großformatige Plattenkameras mit Einzelnega­ tiven – Glasplatten, die mit einer lichtempfindlichen Emulsion beschich­ tet waren – nutzen, um Fotografien anzufertigen. Das war aufwändig und kostenintensiv, deshalb wurde nur fotografiert, was sich lohnte. Aus Berlin oder Braunschweig liegen zahlreiche Fotografien aus dem 19. Jahrhundert vor – vor allem die Prachtbauten der Kaiserzeit sind bestens dokumentiert. Auf dem Lande war dies anders. Von kaum einem Dorf

existieren Fotografien aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Fast alle der oftmals altertümlich wirkenden ersten Fotografien von den Dörfern, auch aus dem südniedersächsischen Landkreis Holzminden, stammen aus den 1920er und 1930er Jahren. Das „Koken-Album“ Insofern ist eine komplette Serie von Fotografien aus einem begrenzten ländlichen Gebiet als überaus wertvolles Zeugnis aus diesem längst ver­ gangenen Jahrhundert zu bewerten. Das sogenannte Koken-Album mit 79 Fotografien aus dem Jahre 1896 von allen Orten des damaligen Krei­ ses Holzminden im Herzogtum Braunschweig ist ein fotohistorischer Schatz. Das Album wurde anlässlich der Verabschiedung von Kreisdirektor Hermann Koken erstellt. Koken übte sein Amt vom 4. Juni 1873 bis zum 1. Oktober 1896 aus. Er wurde am 16. März 1819 in Holzminden geboren und starb dort am 7. Juni 1908. Auf der gegenüberliegenden Seite wird der Presseartikel zu Kokens Verabschiedung dokumentiert. Demnach wurde der Fotograf Otto Liebert, der seit 1878 ein Fotoate­ lier in Holzminden betrieb, mit der Anfertigung der Fotografien für das Album beauftragt. Wenn man Lieberts Fotografien aufmerksam betrach­ tet, ist festzustellen, dass die Fotos durchweg im Sommer entstanden sind: Die Bäume sind belaubt, in den Gärten wächst und gedeiht das Gemüse und auf den Feldern ist großteils die Getreideernte erfolgt – auf vielen Aufnahmen sind die zum Trocknen aufgestellten Getreidegar­ ben zu sehen. Man darf also davon ausgehen, dass der Fotoauftrag im Frühsommer 1896 erteilt wurde und Otto Liebert innerhalb von weni­ gen Wochen die Ortschaften des Kreises fotografieren musste. Auf vielen Fotografien ist eine Kutsche abgebildet – möglicherweise wurden ihm Kutsche und Kutscher vom Kreis zur Verfügung gestellt, um damit von Ort zu Ort zu reisen.

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Auf der Spur von Otto Liebert Die Fotografien des Koken-Albums werden in einer Aus­ stellung (als Auswahl) und komplett in diesem Buch doku­ mentiert. Der Fotograf und Autor Jörg Mitzkat hat sich auf die Spur von Otto Liebert begeben und die Motive nach­ fotografiert. Dies ist nicht immer zu 100% gelungen, weil sich teilweise einfach zu viel verändert hat, sodass einer­ seits das ehemalige Motiv nicht mehr erkannbar war, andererseits der Standpunkt des Fotografen nicht mehr aufgesucht werden konnte. Auch war nicht klar, mit wel­ chen Objektiven Liebert seine Aufnahmen gemacht hat, sodass der Bildwinkel oftmals nicht genau nachvollzo­ gen werden konnte. Aber es handelt sich hierbei auch nicht um ein wissenschaftliches Projekt. Vielmehr ging es darum, einerseits die Fotos des Albums in Gänze zu dokumentieren und somit den Menschen im Kreis Holz­ minden sowie allen weiteren Interessierten zugänglich zu machen und andererseits mit den aktuellen Fotografien einen Eindruck davon zu machen, in welchem Maße sich die Dörfer, Städte und Landschaften des Kreises Holzminden seit dem Jahre 1896 verändert haben. Insofern kann der Fotograf und Autor auch die vielen Fragen nicht beantwor­ ten, die sich angesichts der höchst unter­ schiedlichen Herangehensweisen an die Motive durch Otto Liebert ergeben: Warum hat er dieses Dorf von fern her aufgenommen, warum hat er dort eine Kirche fotografiert, das repräsentative Schloss andernorts aber ignoriert? Vieles bleibt rätselhaft, zumal auch unklar bleibt, ob Liebert völlig frei handeln konnte oder an gewisse Vorgaben gebunden war.

Dorfleben und Dorfansichten 1896 Aber gerade durch die Vielfalt und augen­ scheinliche Zufälligkeit der Motivwahl entsteht ein differenziertes und aufschluss­ reiches Bild vom Dorfleben am Ende des 19. Jahrhunderts im Kreis Holzminden, dem Weserdistrikt des Herzogtum Braun­ schweigs. Was uns aus der heutigen Perspektive am stärksten ins Auge fällt, war für die Zeitge­ nossen normal: ungepflasterte, bei Regen matschige Straßen, frei umherlaufende Gänse und Enten, Leiterwagen am Stra­ ßenrand, Kinder und ältere Leute, die den Fotografen wahrscheinlich bei seiner Arbeit beobachtet haben und im Moment der Foto­ grafie stramm stehen, um scharf abgebildet zu werden. Dabei wird fast niemand dieser Menschen jemals das Foto, auf dem er oder sie verewigt wurde, zu sehen bekommen haben. Wie im Zeitungsartikel erwähnt wird, hat sich Kreisdirektor Koken um den Bau von Wasserleitungen verdient gemacht. Es gab im Jahre 1896 also schon im einem Großteil der Dörfer Wasser aus der Leitung, nicht mehr nur vom Brunnen. Abwasserleitungen gab es deshalb aller­ dings noch lange nicht. Die Elektrifizierung steckte Ende des 19. Jahr­ hunderts im Kreis Holzminden noch in der Anfangsphase. Auch bis zu dem Zeitpunkt, an dem das erste Automobil beispielsweise durch Dölme fahren sollte, sind nach der Fotoaufnahme von Otto Liebert noch einige Jahre vergangen. Während in den Städten Holzminden, Stadtoldendorf und Eschershau­ sen die Industrialisierung bereits deutlich sichtbar war, waren die Dörfer des Kreises 1896 noch vollkommen landwirtschaftlich geprägt. Wenn man von Details absieht, blicken die Fotografien Otto Lieberts gewisser­ maßen ganz tief in die Zeit des alten bäuerlichen Dorfes hinein.

Das Kreisdirektor Koken gewidmete Fotoalbum: Einband und Ausschnitt einer Innenseite (Dölme)


Einleitung So stellt Karl Steinacker in dem 1907 erschienenen vierten Band der Reihe „Die Bau- und Kunstdenkmäler des Herzogtums Braun­ schweig“ fest, dass sich der vorliegende Band von den früheren durch die „umfangreiche Heranziehung der Bauernhäuser, die den Ortschaften des Kreises Holzminden in weit höheren Masse den Charakter geben, als denen der übrigen Gebiete des Herzogtums“ unterscheidet. Weiter heißt es: „Doch ist dem Kreise eigentümlich eine gewisse Mannigfaltigkeit und Willkür, die sich auch in demselben Dorf nicht an ein bestimmtes Schema bindet. Auch nimmt die Häufigkeit des Einhauses gegen Osten ab, sodaß sich jetzt im östlichsten Dorfe des Kreises, in Eimen, nur noch ein Beispiel des sächsischen Bauernhauses erhalten hat. Im Gebiete des Kreises war die alte Bauüberlieferung gegen das von Osten eindringende mitteldeutsche Bauernhaus wirkungsvoll geschützt durch die vorgelagerten Gebirge, die jetzt noch größtenteils die Grenze bilden, den Solling und den Hils [...] Die nachweisbar älteste Datierung, 1576, war 1883 noch in Bevern erkennbar und noch jetzt sind hier und in anderen Dörfern Bauernhäuser aus dem XVI. Jahrhundert mehr oder weniger verbaut vorhanden. Diese ältesten Bauten gestatten den Schluß, daß das Einhaus seitdem wesentlich das gleiche geblieben ist.“ Viele solcher Bauernhäuser sind auf den Fotos Otto Lieberts – mehr oder weniger zufällig – abgebildet. Insofern kann dieses Buch auch für Hausforscher aufschlussreiche Hinweise geben. Verarmte Landbevölkerung Sicherlich war Otto Liebert kein Sozialfotograf (zumal der Begriff der Sozialfotografie erst Jahrzehnte später (etwa durch Zille) geprägt wurde), aber Liebert hat sich ganz offensichtlich nicht die schönsten, romantischsten Ecken der Ortschaften ausgesucht, sondern zeigt auch verdreckte Straßen, baufällig wirkende Häuser und Menschen, die sich für die Fotoaufnahme sicherlich nicht herausgeputzt haben, wie es in der Atelierfotografie, die er auch praktizierte, üblich war. Zwar

fotografierte Otto Liebert im Auftrag des Kreises Holzminden, aber das Album war eigentlich nur für den privaten Gebrauch für Hermann Koken bestimmt. Wie viele andere ländliche Gebiete war der Kreis Holzminden sehr stark von Landflucht und Auswanderung geprägt. Die Bevölkerungszahl blieb über die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts zwar einiger­ maßen gleich, aber bei den hohen Geburtenzahlen hätte sich die Ein­ wohnerschaft im Kreis Holzminden eigentlich annähernd verdoppeln müssen. Ein großer Teil der jungen Menschen floh vor den schlechten Lebensbedingungen auf dem Lande und strebte in die Industriebetriebe der Metropolen oder suchte das Glück in Übersee. Fototechnik Die Fotos von Otto Liebert wirken im Album ziemlich kontrastschwach. Das ist auf die Reproduktionstechnik zurückzuführen. Es handelt sich bei den Bildern nicht um Vergrößerungen, sondern um Kontaktkopien der Glasplattennegative. Dabei waren vor allem in damaliger Zeit die Möglichkeiten zur Kontraststeuerung sehr gering. Allerdings sind die Bilder Lieberts durch diese Technik auch sehr scharf. Etwaige Unschär­ fen in der Reproduktion in Buch und Ausstellung sind darauf zurück­ zuführen, dass die auf Pappe aufgezogenen Fotoabzüge teilweise stark gewellt sind. Die Bilder wurden gescannt – in wenigen Fällen konnten dafür auch die teilweise im Stadtarchiv vorhandenen originalen Glasplatten ver­ wendet werden. Durch eine moderate Bearbeitung sind diese Reproduk­ tionen etwas kontrastreicher als die Originalabzüge. Allerdings wurde auch im 19. Jahrhundert bei der Bildbearbeitung – vor allem durch Retu­ sche – ein großer Aufwand betrieben. Auf den Original-Glasplattennega­ tiven sind jedoch keine Retuschespuren zu erkennen. Insofern darf man vermuten, dass im Fotostudio Otto Liebert diesbezüglich kein Aufwand betrieben wurde – möglicherweise aus Zeitmangel.

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Allersheim

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ie augenscheinlichste Veränderung gegenüber dem historischen Foto von Otto Liebert wird freundlicherweise von den Linden ver­ deckt: Das Haus aus den 1960er Jahren, das am Ortseingang von Allersheim errichtet wurde. Ansonsten ist der Ortseingang mit dem Gut auf der linken und der Brauerei auf der rechten Seite nahezu unverän­ dert geblieben. Wie an vielen anderen Orten hat die Straße mehr Platz benötig, sodass die Obstbäume weichen mussten. Stattdessen wurden Linden in größerem Abstand zur Straße gepflanzt.

Ganz offensichtlich wurde in Allersheim gearbeitet, als Otto Liebert seine Kamera positionierte, denn nur eine Person hat sich zum Foto auf­ gestellt. Die Brauerei Allersheim wurde vom Domänenpächter Ludwig Baum­ garten zusammen mit seinem Sohn Otto im Jahre 1854 gegründet. Noch heute wird in Allersheim Bier gebraut. Trotz zahlreicher neuer Biersor­ ten ist das „Allersheimer Urpils“ nach wie vor das beliebteteste Getränk dieser traditionsreichen Brauerei.

Die an dieser Stelle und im folgenden genannten Einwohnerzahlen beziehen sich auf das „Ortschafts-Verzeichnis des Herzogthums Braunschweig auf Grund der Volkszählung vom 2. December 1895“. Die Einwohnerzahlen aus dem Jahre 2015 für die Ortsteile sind offizielle Zahlen des Landkreises Holzminden. Wenn ehe­ malige selbstständige Ortsteile komplett eingemeindet wurden, hat der Autor die Zahlen geschätzt (ca.)

Einwohner 1895

83

2015 ca. 50 13


Profile for Verlag Jörg Mitzkat

Zeitreise  

Dem Holzmindener Kreisdirektor Hermann Koken wurde zum Abschied im Jahre 1895 ein ganz besonderes Geschenk überreicht: Ein Fotoalbum mit Bil...

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