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Impressum Humanité Ausgabe 2/2011 Juni 2011 ISSN 1664-1159 Titelbild und Rückseite: Federico Orozco Herausgeber: Schweizerisches Rotes Kreuz, Rainmattstrasse 10, Postfach, 3001 Bern Telefon 031 387 71 11, info@redcross.ch, www.redcross.ch Spenden: Postkonto 30-9700-0 Adressänderungen: E-Mail an aboservice@redcross.ch oder Telefon 031 387 71 11 Redaktionsadresse: Schweizerisches Rotes Kreuz, Redaktion Humanité, Postfach, 3001 Bern, humanite@redcross.ch, www.magazin-humanite.ch Redaktion: Tanja Pauli (Redaktionsleitung), Urs Höltschi (Public Fundraising), Hana Kubecek (Gesundheit und Integration), Isabelle Roos (Corporate Partnerships), Christine Rüfenacht (Sekretariat der Kantonalverbände), Isabel Rutschmann (Kommunikation), Karl Schuler (Internationale Zusammenarbeit) Mitarbeitende dieser Ausgabe: Wanda Arnet, Caterina Castelli, Mario Böhler, Markus Mader, Marco Ratschiller, Sabine Rempert, Lucy Schweingruber, Christina Williamson, Julia Zurfluh Abo-Kosten: Das Abonnement kostet CHF 6.– pro Jahr und ist für SRK-Gönnerinnen und SRK-Gönner im Beitrag enthalten. Erscheinungsweise: vier Mal jährlich Sprachen: deutsch und französisch Gesamtauflage: 120 300 Bildrechte aller Fotos ohne Hinweis: Schweizerisches Rotes Kreuz Übersetzungen: Übersetzungsdienst SRK Gestaltungskonzept: Effact AG, Zürich Layout, Lektorat und Druck: Vogt-Schild Druck AG, Derendingen Nächste Ausgabe: August 2011

neutral Imprimé No. 01-11-302371 – www.myclimate.org © myclimate – The Climate Protection Partnership

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Report – Trinkwasser im bolivianischen Tentayape Ein Lichtblick für die Zukunft Land der Vielfalt Das Klima ist unberechenbarer geworden

12 ENGAGIERT – Rotkreuz-Fahrdienst Für ein Dankeschön pro Fahrt 14 ERLEBT – Ömer Güven Sanfter Riese im Dienste des Roten Kreuzes 17 ÜBERZEUGT – Das grösste humanitäre Netzwerk Für eine menschenwürdige Welt 20 KONKRET – Neue Ausbildungsstruktur der SLRG «Die Grundausbildung ist für alle geeignet» 22

KONKRET – Moldawien Elternlos und doch keine Waisenkinder

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KONKRET – Entlastung von pflegenden Angehörigen «Frau von Däniken, bleiben Sie doch bis am Abend!»

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KREUZ & QUER Salteñas – ein währschaftes Znüni Rätsel/Cartoon


© SRK, Caspar Martig

editorial rubrik

Der wahre Luxus Liebe Leserin, lieber Leser Die tägliche Dusche ist ein Luxus. Sind Sie über diese Aussage erstaunt? Ich ver­ brauche mit meiner kurzen Morgendusche mehr Wasser als ein Mensch mit keinem Zugang zu sauberem Wasser den ganzen Tag lang. Über 1,1 Milliarden Menschen müssen täglich mit höchstens 10 Liter pro Person auskommen. Während die meisten von uns über mehr als zwei Wasserhähnen pro Haushalt verfügen, ist es in den ärmsten Regionen der Welt nicht mal ein einziger für ein ganzes Dorf. Es sind fast immer die Frauen und Mädchen, die jeden Tag viele Stunden zu Fuss aus weit ent­ fernten Brunnen und Flüssen Wasser herbeischleppen. Wasser und Hygiene bilden ein Paar, das sich nicht trennen lässt. Zusammen sind sie Voraussetzung für Gesund­ heit und Entwicklung auch im wirtschaftlichen Bereich. Mein Wasserverbrauch am Morgen ist ein Privileg, welches ich dankbar geniesse. Um so mehr, wenn ich weiss, dass das SRK etwas tun kann, um mehr Menschen den Zugang zu sauberem Trinkwasser zu ermöglichen. Auch wenn einzelne Brunnen noch nicht die ganze Wasserproblematik der Welt lösen, sind sie doch ein wichtiger An­ fang. Denn jeder Brunnen steht für mindestens eine ganze Familie. So wie der Brun­ nen von Toribia Terceo in der Geschichte auf Seite 6. Dieser Brunnen ist in unseren Augen wahrlich kein Luxus, aber für die stolze Bolivianerin von unschätzbarem Wert. Lassen Sie uns dafür sorgen, dass Familien und ganze Dörfer erhalten, worauf jeder Mensch Anrecht hat: Zugang zu Trinkwasser. In dem Sinne danke ich für Ihre Spen­ de und wünsche Ihnen einen schönen Sommer. Herzliche Grüsse

Markus Mader Direktor des Schweizerischen Roten Kreuzes

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Report

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iele Wege führen nach Rom, aber nur einer nach Tentayape, das in der Gua­ rani-Sprache das letzte Haus bedeutet. Der Weg dahin gleicht einem waghalsigen Hindernislauf. Hat man die kurvenreiche, schmale Naturstrasse hoch über dem Abgrund des Rio Picomayo endlich hinter sich gebracht, führen die letzten sechs Kilometer durch ein Bachbett. Plötzlich eröffnet sich der Blick auf eine weite, mit grü-

Die abgelegenen Regionen wurden lange vernachlässigt. nen Maispflanzen bebaute Ebene. Nach 18 Monaten Dürre haben die ersten Regenfälle die Landschaft innerhalb weniger Tage neu belebt. Für die bolivianischen Kleinbauern waren die Auswirkungen jedoch katastrophal. Das Wetter spielt verrückt Zwei imposante Soto-Bäume auf jeder Seite des Weges markieren den Eingang zur Comunidad. Der Bauer Guirandiyu Guiraibi unterbricht kurz seine Feldarbeit, um uns zu berichten, dass das Wetter in letzter Zeit «loco» – also verrückt – geworden sei. Die letztjährige Ernte von Mais und Bohnen sei infolge der anhal-

tenden Dürre ganz ausgefallen. Wie üblich hätten sie Anfang März ausgesät, um im Mai zu ernten. Doch dann seien die Maisblüten wegen dem ausbleibenden Regen abgestorben. Übrig blieb das triste Bild einer verdorrten braunen Landschaft. «Im Juli hat es sogar geschneit, was seit meiner Jugendzeit nicht mehr vorgekommen ist!», sagt der 50-jährige Bauer. Ernteausfall, Waldbrände, Wassermangel und verendete Kühe waren die direkten Auswirkungen der extremen Wetterverhältnisse. Die Folgen des weltweiten Klimawandels sind auch in der entlegensten Region angekommen. Erdölförderung – nein danke «In unseren Trockenwäldern mit Palmenhainen leben Pumas und Papageien, wir wollen uns unseren geschützten Lebensraum nicht zerstören lassen», sagt der «Capitán Grande» Guayari Bacuire ruhig, aber bestimmt. In Tentayape leben etwas über 600 Menschen. Die Gemeinschaft gehört dem Volk der Guarani an und war lange Zeit von der Aussenwelt isoliert und vom Staat vernachlässigt. Doch seit die bolivianische Verfassung die Rechte der indigenen Völker ausdrücklich anerkennt und die Guarani-Minderheit

Bus, Lkw und Krankenwagen in einem – das Fahrzeug des SRK ist das einzige Verkehrsmittel Tentayapes 6

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Erstmals im Leben verfügt die 65-jährige Toribia Tercero über einen Wasseranschluss auch im nationalen Parlament vertreten ist, hat eine Öffnung stattgefunden. Das hat aber auch eine bedrohliche Seite. In Tentayape, dessen Fläche jener des Kantons Zug entspricht, werden Erdölvorkommen vermutet. Doch die Comunidad widersetzt sich bisher erfolgreich gegen das Eindringen des spanischen Erdölkonzerns Repsol. Denn die Erfahrungen in anderen Gebieten Boliviens haben ge-

Die traditionelle Hängematte schützt und beruhigt


report

Kurz befragt Walter Lüthi Walter Lüthi ist seit 2010 Programmverantwortlicher des SRK für Bolivien, Ecuador und Paraguay. Zuvor lebte und arbeitete der 46-Jährige drei Jahre in Bolivien.

Lebenswichtiger Speicher: Der Tank des SRK fasst 20 000 Liter und wird von Sandro Tilcara (rechts) gewartet

zeigt, dass die rücksichtslose Ausbeutung der Bodenschätze für die lokale Bevölkerung vor allem Nachteile mit sich bringt. So verschmutzen beispielsweise defekte Pipelines immer wieder die Gewässer und Böden.

wichtig die Wasserversorgung für unser Überleben ist!», bekräftigt der SelfmadeWassermann. Doña Toribias Gemüsegarten Von dieser Dürre sprechen sie alle, denn seit der Regen die Vegetation wieder

Trinkwasser fürs Überleben Als Anfang der 90er-Jahre nach dem Ausbruch der Cholera erstmals ein medizinisches Rotkreuz-Team hier wirkte, war dies der Beginn eines langfristigen Entwicklungsprogrammes. Die damals ausgebildeten einheimischen Gesundheitshelfer wirken noch heute hier. «Wir respektieren die kulturellen Eigenheiten dieser kleinen Gemeinschaft. Die Leute verfügen über Eigeninitiative und ein grosses Selbstbewusstsein», sagt der Koordinator des SRK, Eduardo Lambertín. Die 18 km lange Wasserleitung ist das sichtbare Resultat dieser erfolgreichen Zusammenarbeit. Heute haben alle 120 Häuser der Streusiedlung einen Trinkwasser-Anschluss. Das SRK finanzierte die Bohrung zur Quellfassung und das Material für die Leitungen. Die ganze beschwerliche Arbeit wurde von den Männern in Freiwilligenarbeit geleistet. Der junge Kleinbauer Sandro Tilcara liess sich von einem Wassertechniker ausbilden und ist nun für die Reinigung des Reservetankes und die Wartung des Systems zuständig. «Vor allem während der letztjährigen Dürre wurde uns klar, wie

Warum engagiert sich das SRK langfristig in Bolivien? Die Gesundheitsversorgung ist in den ländlichen Regionen noch völlig unzureichend. Wir können hier unsere Erfahrungen einbringen und die Gesundheitssituation mit effizienten Massnahmen spürbar verbessern. Ohne die lokalen indigenen Organisationen und die Bevölkerung mit einzubeziehen, geht das aber nicht. Doch genau darin sind wir stark und in all den Jahren entstand ein Vertrauensverhältnis.

ergrünen liess, sind die Spuren davon nur auf den zweiten Blick zu erkennen. Doch die Selbstversorgung mit Mais und Bohnen ist zusammengebrochen. Bis zur

Die 18 km langen Wasserleitungen wurden von den Männern der Comunidad verlegt.

Wie werden die Regionen ausgewählt? Eine Zusammenarbeit ergibt sich häufig, weil wir von einer lokalen Organisation um Hilfe gebeten werden. Wir konzentrieren uns auf die ländlichen, armen Gebiete. Diese werden vor allem von der indigenen Bevölkerung bewohnt, die über Jahrzehnte vom Staat vernachlässigt wurde.

der gesund ernähren, denn sie sollen das

Wie hilft das SRK konkret? Wir bauen eine Gesundheitsversorgung auf, die selbstständig funktionieren wird. Die traditionelle Medizin, mit welcher die Bevölkerung vertraut ist, wird mit einbezogen. Im Weiteren werden Anstrengungen unternommen, um Infektionskrankheiten wie z. B. Tuberkulose, Dengue-Fieber und HIV/Aids einzudämmen. Und wir wollen indigene Bauernorganisationen dazu befähigen, gegenüber staatlichen Diensten ihre Rechte einzufordern und selber Massnahmen zu ergreifen. Die bisherigen Programme laufen erfolgreich und deshalb werden wir so weiterarbeiten, um für noch mehr Menschen bessere Lebensbedingungen zu schaffen.

selbstbewusste und auf seine Traditionen

➥ redcross.ch/bolivien

nächsten Ernte zum Sommeranfang sind die Menschen auf die vom Roten Kreuz verteilten Maisrationen angewiesen und dasselbe gilt auch für das Saatgut zur neuen Aussaat. In den letzten Jahren haben die Frauen Gemüsegärten angelegt, um die Ernährung etwas vielfältiger zu gestalten. Die 65-jährige Witwe Toribia Terceo zeigt uns stolz ihren mit «Ají» (Paprika) bepflanzten Garten, den sie während der Trockenzeit täglich bewässert. «Vor dem Dürrejahr pflanzte ich hier auch Tomaten und Zwiebeln an, nun muss sich der Garten erst wieder erholen», sagt sie zuversichtlich. Sie will ihre drei Grosskin-

bedachte Tentayape in die Zukunft tragen. Humanité 2/2011

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© SRK, Eduardo Lambertín

Report

Diese jungen Guaraní-Bauern tragen ihre typische Kopfbedeckung: eine Kombination aus Hut und Kopftuch

Bolivien

Land der Vielfalt Das südamerikanische Binnenland Bolivien zeichnet sich durch eine Topografie der Extreme aus. Vom Tiefland des Chaco und tropischen Regenwald Amazoniens ziehen sich die Täler und Hügel bis zum Hochland der Anden.

Rot eingezeichnet: Tätigkeitsgebiete des SRK

Text: Karl Schuler  Bild: Federico Orozco

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er höchste Berg Sajama scheint auf 6542 m Meereshöhe den Himmel zu berühren. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt auf dem zentralen Hochland Altiplano zwischen 3000 und 4000 m Meereshöhe. Das ist vergleichbar mit dem Jungfraujoch, das auf 3500 m als höchstgelegene Bahnstation Europas gilt. Über die Hälfte der Bolivianerinnen und Bolivianer sind in der Landwirtschaft tätig und leben unter der Armutsgrenze. Der Abbau von Zinn und Zink ist den grossen Preisschwankungen des Weltmarktes unterworfen. Bolivien ist jedoch ein bedeutender Lieferant von Erdgas an seine grossen Nachbarländer Argentinien und Brasilien. Die grössten indigenen Bevölkerungsgruppen bilden die Quechua (30%) und Aymara (25%). Zur Guaraní-Bevölkerung gehören etwa 2%. Rund die Hälfte der

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10 Millionen Einwohner sind Weisse und Mestizen (Nachkommen eines weissen und eines indianischen Elternteils). Die Verstädterung nimmt auch in Bolivien stark zu. So leben in der grössten Stadt Santa Cruz de la Sierra 1,3 Millionen

Die Mehrheit der Bevölkerung lebt auf über 3000 m über Meer. und in La Paz und El Alto im Hochland je 900 000 Menschen. Obschon in La Paz der Sitz der Regierung ist, gilt die kleinere Stadt Sucre als die formelle Hauptstadt Boliviens. Erst die Verfassung von 1995 anerkannte die ethnische Vielfalt des Landes an. Nach Jahrzehnten der politischen Instabilität wurde Ende 2005 mit Evo Morales erstmalig

ein Repräsentant eines indigenen Volkes zum Staatspräsidenten gewählt. Er ist aus der Bewegung der Kokabauern hervorgegangen. Koka ist in Bolivien als traditionelles Genussmittel zum Kauen sowie zur Verarbeitung als Tee – mate de coca – und für Kosmetikprodukte legalisiert. Die indigenen Bevölkerungsgruppen haben heute mehr Rechte als früher und sind auch angemessen im Parlament vertreten. Die Anerkennung ihrer eigenen traditionellen Rechtsprechung mit Körperstrafe ist jedoch ein problematischer Aspekt. Positiv zu beurteilen ist das stärkere Engagement des bolivianischen Staates in den Bereichen Gesundheit, Ausbildung und öffentliche Investitionen. In den letzten Jahren erwuchs der Regierung vor allem seitens der wirtschaftlich reicheren Regionen im Osten des Landes Opposition.


report

Dürre und Überschwemmungen

Das Klima ist unberechenbarer geworden Die Bauern in Bolivien klagen über extreme Wetterereignisse. Haben sie recht oder lassen sie sich durch ihre Wahrnehmung täuschen? Ein deutscher Geo-Wissenschaftler forscht über den Klimawandel in Bolivien.

Christian Seiler, deutscher Geo-Wissenschaftler in Bolivien

Text: Karl Schuler  Bilder: Federico Orozco

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010 blieb das ganze Jahr über der Regen im Chaco-Tiefland weitgehend aus. Die lange Trockenzeit hat die Maisernte auf einen kläglichen Rest schrumpfen lassen. Gleichzeitig verursachten heftige, andauernde Regenfälle Zerstörungen im Andengebirge Boliviens und in den Nachbarländern. Abwechslungsweise Dürren und Überschwemmungen sind die extremen Auswirkungen des unberechenbar gewordenen Klimas. «Der Regen bleibt endlos lange aus, aber wenn er dann verspätet einsetzt, ist er umso heftiger», sagte uns ein Bauer im südlichen

Tiefland Boliviens (Seite 6). Der deutsche Geo-Wissenschaftler Christian Seiler bestätigt diese Beobachtung. Er forscht gegenwärtig über den langfristigen Klimawandel in Bolivien. «Insgesamt lässt sich als Folge der Erderwärmung auch in Bolivien eine Erhöhung der Temperaturen feststellen. Im südlichen Tiefland gibt es weniger Niederschlag in der Trockenzeit von Mai bis September. Aber in der Regenzeit zwischen Dezember und Februar sind die Niederschläge intensiver geworden.» Die Extremwerte verändern sich und als Folge davon nehmen die ausserordentlichen Klimaereignisse zu.

Während der Dürreperioden wird aus dem Fluss ein dünnes Rinnsal

Ein Viertel der weltweiten Treibhausgase in der Atmosphäre entsteht durch Abholzung. Allein in Bolivien werden jährlich 300 000 Hektaren Wald gerodet. Der Anbau von Soja für die industrielle Nahrungsproduktion und Treibstoff für den Weltmarkt ist einer der Hauptgründe dafür. Vermehrt zerstören

In nur einem Jahr hat sich der Preis für ein Kilo Mais verdoppelt. oft mutwillig verursachte Waldbrände ganze Wälder und Felder. Die Preise für Grundnahrungsmittel sind in den letzten Jahren stark angestiegen. In Bolivien beispielsweise ist heute ein Kilo Mais doppelt so teuer wie noch vor einem Jahr. Dies trifft vor allem die ärmere Bevölkerung. «Ein Kilo Mais kostet vier Bolivianos (umgerechnet 60 Rappen) und ist somit teurer als ein Liter Benzin», rechnet uns eine besorgte Hausfrau vor. Die veränderten Umweltbedingungen sind auch für das Rote Kreuz eine Herausforderung. Neben der Nothilfe bei Dürren und nach Überschwemmungen wird die Katastrophenvorsorge immer wichtiger. Langfristig geht es darum, dass die ländliche Bevölkerung weniger verwundbar ist und deren lebenswichtigen Ressourcen wie Trinkwasser und Nahrung gesichert werden.

➥ redcross.ch/bolivien Humanité 2/2011

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der letzte wille kann ein neuer anfang sein.

Bitte senden Sie mir gratis den Testament-Ratgeber Bitte nehmen Sie Kontakt mit mir auf Name Vorname Strasse/Nr. PLZ/Ort Tel.

Geburtsdatum

Bestellung Schweizerisches Rotes Kreuz, Eliane Boss, Rainmattstr. 10, Postfach, 3001 Bern, E-Mail: aboservice@redcross.ch Postkonto 30-9700-0, www.redcross.ch/legat

Mit einer letztwilligen VerfĂźgung stellen Sie sicher, dass Ihr VermĂśgen in Ihrem Sinn verteilt wird. Der kostenlose Testament-Ratgeber des Schweizerischen Roten Kreuzes hilft Ihnen dabei. Damit Ihre Werte weiter leben.


kurz & bündig

Der Augenarzt Dr. Mamadou Adama Togo (links) hat im Augenspital in Timbuktu, Nord-Mali, im ersten Jahr bereits 4693 Patienten behandelt und 850 Katarakt-Operationen durchgeführt. Ohne Operation führt diese Augenkrankheit zu Blindheit. Früher mussten die Patienten für eine solche Operation bis zu 1200 km in die Hauptstadt Bamako reisen. Dank dem SRK können sie sich nun in ihrer Region behandeln lassen. Der Kampf gegen die Armutsblindheit wird von McOptik finanziell unterstützt.

➥ redcross.ch/augenmedizin

© Japanese Red Cross Society

850 Menschen vor Blindheit bewahrt

Rotkreuz-Hilfe nach dem Erdbeben in Japan Das Japanische Rote Kreuz setzt sich seit dem schweren Erdbeben und den damit verbundenen Katastrophen intensiv für die betroffene Bevölkerung ein. 600 medizinische Teams betreuen Kranke und Verletzte in den Obdachlosenzentren und besuchen abgelegene Dörfer. Das Rote Kreuz verteilte im grossen Umfang Decken und Kleider. Für 70 000 Familien, die von der

Regierung ein Haus erhalten, liefert das Rote Kreuz die Küchengeräte. Weitere 120 000 obdachlose Familien erhalten einen Bargeldbetrag von rund 4000 Franken. Das Schweizerische Rote Kreuz beteiligt sich finanziell an dieser Überlebenshilfe für die Katastrophenopfer und wird sich auch im Wiederaufbau engagieren.

➥ redcross.ch/japan

Schnelle Hilfe mit der Allianz Helpbox Seit Mitte Mai dieses Jahres bietet die Allianz Suisse ein automatisches Notrufsystem für Privatkunden an. Die mit modernster Telematik-Technologie ausgestattete Allianz Helpbox wird unauffällig im Fahrzeug eingebaut und löst nach einem schweren Verkehrsunfall automatisch Alarm in einer Notrufzentrale aus. Sind die Insassen nicht mehr in der Lage zu antworten, werden unverzüglich die Rettungskräfte alamiert und via GPS zum Unfallort geführt. Wertvolle Sekunden, die im Ernstfall Leben retten können. Als offizieller Partner des SRK spendet die Allianz Suisse pro verkaufte Allianz Helpbox 10 Franken an das SRK.

➥ allianz-suisse.ch

Das Schweizerische Rote Kreuz passt sich dem Zeitgeist an. Spenden soll möglichst einfach sein. Denn wer die Absicht hat, Gutes zu tun, soll dies ohne Umstände können. Deshalb bietet das SRK zwei neue Spendemöglichkeiten an: Spenden an Billettautomaten der SBB: Im Hauptmenü des Automaten «Weitere Billette/Angebote» aufrufen, danach auf «Spenden» tippen und der Anleitung folgen. Es kann mit Bargeld, Kredit- und Debitkarten oder mit RekaChecks gespendet werden.

➥ sbb.ch/spenden

Spenden per SMS: Tippen Sie das Wort «Spende» in ein leeres SMS, gefolgt vom gewünschten Spendebetrag. Zum Beispiel «Spende 25» (für 25 Franken). Schicken Sie dies an die Nummer 464. Nun erhalten Sie ein SMS, um Ihre Spende zu bestätigen. Der Spendebetrag wird von Ihrem PrepaidGuthaben abgebucht oder auf der nächsten Rechnung Ihres Mobilfunkbetreibers aufgeführt. Pro SMS kann ein beliebiger Betrag auf den Franken genau bis maximal 99 Franken gespendet werden. Das SMS mit Ihrer Spende an die Nummer 464 des SRK kostet Sie gleich viel wie jede andere kurze Textnachricht innerhalb der Schweiz.

➥ redcross.ch/sms

© Foto SBB

© Allianz Suisse

Spenden – einfach, überall und jederzeit

SPENDE 25

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engagiert

Rotkreuz-Fahrdienst

Für ein Dankeschön pro Fahrt Rund 7000 freiwillige Fahrerinnen und Fahrer sind für den Fahrdienst des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) in der Schweiz unterwegs. Ursula Sägesser ist eine von ihnen. Die Dankbarkeit und die Gespräche mit den Fahrgästen sind ihr Lohn für tausende gefahrener Kilometer. Text: Tanja Pauli  Bilder: Andri Pol

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rsula Sägesser hat ein herzliches, gewinnendes Lachen. Sie erzählt bescheiden von ihrem Freiwilligen-Engagement und strahlt eine beruhigende Zuverlässigkeit aus. Eine wichtige Eigenschaft als Rotkreuz-Fahrerin. Seit zwei Jahren fährt sie mit ihrem Privatauto für den Fahr-

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dienst des SKR in der Region Winterthur und ermöglicht so kranken und behinderten Menschen Mobilität. Es ist aber nicht nur die Zeit hinter dem Steuer, welche sie als Freiwillige zur Verfügung stellt. Als Fahrerin des SRK erleichtert sie den Menschen, die auf den Fahrdienst an-

gewiesen sind, in vieler Hinsicht das Leben: Gehbehinderte begleitet sie bis zum Auto, sie hilft beim Einsteigen und Angurten, trägt auch mal ein Gepäckstück, öffnet eine schwere Tür und wartet öfters, bis der Fahrgast nach einem Termin die Rückfahrt antreten kann.


engagiert Die 91-jährige Trudi Waser ist seit 15 Jahren auf den Fahrdienst des SRK angewiesen

Auf die Frage, ob sie gerne Auto fährt, antwortet sie lächelnd: «Ja, ich fahre gerne. Nach meiner Pensionierung wollte ich etwas Sinnvolles machen. Die Tätigkeit hat mich angesprochen und da ich alle Voraussetzungen erfülle, die man an eine Rotkreuz-Fahrerin stellt, habe ich mich gemeldet.» Wie alle freiwilligen Fahrerinnen und Fahrer hat Ursula Sägesser zu Beginn einen eintägigen Grundkurs besucht. Das SRK organisiert zudem laufend Weiterbildungen

«Man sollte allen RotkreuzFahrerinnen und Fahrern ein Kränzchen winden.»

Ein Mal pro Woche fährt Ursula Sägesser ihre Kundin zur Therapie

und Treffen für die Fahrerinnen und Fahrer. Fahrtrainings gehören natürlich auch dazu. «Jeder meint ja von sich, er sei ein guter Autofahrer», sagt Ursula Sägesser mit einem Augenzwinkern. Ihr Lohn ist einerseits die grosse Dankbarkeit der Fahrgäste und andererseits sind es die schönen Gespräche, die sich ergeben. «Ich höre tragische Schicksale von Menschen, die sich trotzdem eine positive Lebenseinstellung bewahrt haben. Das macht mich nachdenklich und hilft auch mir positiv zu denken.» Ein mitreissender Fahrgast Da ist zum Beispiel ihre neue Kundin, Trudi Waser, die ehemalige Wirtin vom «Rössli» Seen-Winterthur. Optimistisch und vergnügt wie eine Frischver-­ liebte im Frühling erscheint sie einem mit ihren 91 Jahren. Sie bewegt sich so schnell durch die Cafeteria des Altersheims wie eine Wirtin, die zur Mittagszeit zwischen Gaststube und Küche hin und her eilt. Nur ist das ihr übliches Tempo. «Das wird man halt nie mehr los, wenn man mal Wirtin war! Mit mir will niemand in meinem Alter spazieren gehen – denen bin ich zu schnell!» Mit ihrer Fahrerin ist Trudi Waser sehr zufrieden. «Oh ja, wirklich seeehhhr! Und überhaupt, man muss allen Rotkreuz-Fahrern ein Kränzchen winden. Seit 1996 bin ich auf den Fahrdienst angewiesen und immer hat alles tadellos geklappt – immer!», bekräftigt sie.

APROPOS

Das Privatauto für notwendige Fahrten Der Fahrdienst des SRK Menschen im hohen Alter, Behinderte und Kranke sind oft auf eine Autofahrt angewiesen. Zum Beispiel, um Arzttermine wahrzunehmen oder weil eine langfristige Therapie nötig ist. Für sie ist der Rotkreuz-Fahrdienst da. Dank Spendengelder und der grosszügigen Unterstützung der Allianz Suisse Versicherung als offizieller Partner des SRK zahlen die Fahrgäste lediglich eine Kilometerentschädigung. So ist eine Autofahrt für jedes Budget erschwinglich. Der Fahrdienst ist für viele Menschen, die regelmässig zum Arzt oder zur Therapie müssen, oft die einzige finanziell tragbare Lösung. Er entlastet die Angehörigen und ist unerlässlich für Personen, die niemanden in ihrem Umfeld haben, der sie fahren könnte. Das SRK organisiert die Termine, schult und betreut die freiwilligen Fahrerinnen und Fahrer. Damit diese Kosten gedeckt werden können, ist das SRK auf Spenden angewiesen.

Ursula Sägesser findet, dass ihre Kundin geschmackvoll gekleidet ist, und macht ihr ein Kompliment. «Nun ja, man muss seine Kleider tragen. In meinem Alter weiss man ja nie, wann sie im Brockenhaus landen», argumentiert diese mit trockenem Humor. «Und wissen Sie – ich war schon immer so eine Fröhliche. Mich hat man auch frühmorgens nie mit einem ‹Lätsch› gesehen. Und wenn mich mal was bedrückte, habe ich das niemandem gezeigt. Nächste Woche muss ich ins Spital wegen meines Fusses. Schauen wir mal, was sie machen wollen», meint sie gleichmütig. Ich verstehe, was Ursula Sägesser motiviert, und wir lächeln beide. So viel Lebensmut strahlt auf das ganze Umfeld aus.

➥ redcross.ch/fahrdienst Humanité 2/2011

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© SRK, Caspar Martig

erlebt

Ömer Güven

Sanfter Riese im Dienste des Roten Kreuzes Ömer Güven setzt sich mit Herzblut ein. Wortwörtlich als Blutspender und im übertragenen Sinn, weil er seine Managementerfahrung gerne einsetzt für eine Organisation, die ihn überzeugt. Leidenschaftlich erzählt er von seiner Arbeit als Delegierter des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) in Ägypten und wie er die Unruhen in Kairo Anfang Jahr erlebt hat. Text: Katharina Schindler

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ch bin so stolz auf die Ägypter. Nie hätte ich gedacht, dass die Menschen die Kraft aufbringen, diesen Machtapparat zu stürzen – und das erst noch mit friedlichen Mitteln.» Ömer Güvens Augen glänzen, wenn er auf die Ereignisse von Anfang Jahr zu sprechen kommt. Als Delegierter des SRK hat er aus

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nächster Nähe miterlebt, wie im Land am Nil Geschichte geschrieben wurde. 17 Tage lang protestierten in Kairo und anderen Städten Hunderttausende gegen die Regierung – bis Präsident Mubarak am 11. Februar 2011 schliesslich die Macht abgab. «Am meisten hat mich beeindruckt, mit welcher

Ruhe und Beharrlichkeit die Menschen den Wechsel erzwangen», sagt Güven. Ruhe und Beharrlichkeit: das sind Eigenschaften, die auch zu Ömer Güven passen. Der Schweizer mit türkischem Vater, der sich in Kairo auf Anhieb wohl fühlte, scheint die Ruhe in Person zu sein. Ein


erlebt Ömer Güven fühlt sich wohl in der Metropole Kairo. Im Hintergrund die Blutspende-Busse, welche auf öffentlichen Plätzen Halt machen und besonders die Studenten zum Blutspenden motivieren

Ömer Güven (links) beim Begutachten der Kampagne für das Blutspenden

Als freiwilliger Blutspender im Blutspendezentrum in Kairo aufmerksamer Zuhörer, mit wachem Blick. Ein sanfter Riese, 195 cm gross, der stets ein leises Lächeln auf den Lippen trägt. Ein Helfer, fast wie aus dem Bilderbuch. Dabei ist Ömer Güven mit seinen 45 Jahren als «Helfer» ein Spätzünder. Erst vor zwei Jahren wechselte er zum SRK, nachdem er in den USA studiert hatte und als Unternehmensberater international und schliesslich im Universitätsspital Basel als Leiter Unternehmensentwicklung tätig war. «Ich bin

«Unsere Blutspendekampa­ gnen zeigen Erfolg.» überglücklich, dass ich den Quereinstieg in die Entwicklungszusammenarbeit geschafft habe», sagt er. Finanziell sei der Wechsel zwar ein Abstieg gewesen: «Aber in jeder andern Hinsicht ein riesiger Gewinn.» Ömer Güven ist ein begeisterter RotkreuzBotschafter. «Es bedeutet mir viel, für eine Organisation zu arbeiten, die so noble Prinzipien hat und weltweit der Menschlichkeit verpflichtet ist», sagt er. Diese noblen Prinzipien – die Rotkreuz-Grundsätze – bilden auch die Grundlage seiner Arbeit

in Ägypten, wo das SRK seit zehn Jahren mit dem Gesundheitsministerium den nationalen Blutspendedienst modernisiert und das lokale Personal weiterbildet. Finanziert wird das Programm vom Staatssekretariat für Wirtschaft Seco. Sein technisches Wissen kommt Ömer Güven bei diesem Engagement genauso zugute wie seine langjährige Erfahrung im Strukturieren und Führen von Veränderungsprozessen. Wie gut der Blutspendedienst bereits funktioniert, hat sich bei den Unruhen Anfang Jahr gezeigt. Weil eine Eskalation drohte, rief das Gesundheitsministerium zu vermehrtem Blutspenden auf. In grosser Schar folgten die Menschen dem Appell. «Das Personal hat den Stresstest bestanden», meint der SRK-Delegierte anerkennend. Ruhig und engagiert habe es die Mehrarbeit bewältigt. «Mich freut auch, dass die Bevölkerung sich so solidarisch zeigte. Das ist zu einem schönen Teil der Erfolg unserer Öffentlichkeitsarbeit, mit der wir das Blutspenden propagieren.» Ömer Güven geht mit gutem Beispiel voran und ist in Ägypten zum regelmässigen Blutspender geworden. Auch während der Unruhen begab er sich wie viele andere

zum Blutspendezentrum in Kairo und spendete Blut: «Mein eigener bescheidener Beitrag für die Geschichte», wie er meint.

➥ redcross.ch/aegypten

APROPOS Nothilfe an der Grenze Der gewaltsame Konflikt in Libyen hat Auswirkungen auf Ägypten – und auf die Arbeit von Ömer Güven. Im Grenzgebiet zwischen den beiden Ländern trafen zeitweise bis zu 4 000 Flüchtlinge pro Tag ein. Das SRK unterstützt den Ägyptischen Roten Halbmond bei der Versorgung dieser Flüchtlinge. Ömer Güven leitet die Nothilfeaktion. Das SRK versorgt die Flüchtlinge mit dem Notwendigsten und kümmert sich auch um die Unterbringung und Verpflegung der freiwilligen Mitarbeitenden des Roten Halbmondes. Diese setzen sich in den Camps unter schwierigen Bedingungen für die Flüchtlinge ein.

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Andri Pol

Die Allianz Suisse unterstützt den Rotkreuz-Fahrdienst und dankt allen freiwilligen Fahrerinnen und Fahrern.

«Ich bringe Menschen vorwärts, die auf Hilfe angewiesen sind.» Ursula schenkt Zeit und Mobilität: Als freiwillige Rotkreuz-Fahrerin begleitet sie Menschen zum Arzt, ins Spital oder zur Therapie. Rund 7‘000 freiwillige Fahrerinnen und Fahrer legen jährlich über 12 Mio. Kilometer zurück: 300x um die Erde.

Offizieller Partner des SRK

Schweizerisches Rotes Kreuz, Rainmattstrasse 10, 3001 Bern, info@redcross.ch, www.redcross.ch/freiwillige Humanite_180x270_SS_27.4.11.indd 1

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© IFRC/Olav Saltbones

Überzeugt

Das Rote Kreuz findet weltweit respektvolle Beachtung

Das grösste humanitäre Netzwerk

Für eine menschenwürdige Welt Es gibt fast kein Land auf der Erde ohne Rotes Kreuz. Die 186 nationalen Gesellschaften engagieren sich im eigenen Land und sie leisten weltweit Nothilfe im Katastrophenfall. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) hingegen überwacht das humanitäre Völkerrecht und nimmt heikle Aufgaben wahr bei kriegerischen Auseinandersetzungen. Text: Markus Mader

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s ist ein beeindruckendes Netzwerk: Man zählt zurzeit 193 Staaten auf der Welt und alle ausser sieben haben eine nationale Rotkreuz- oder Rothalbmond-Gesellschaft. Es gibt sogar ein Rotes Kreuz im Fürstentum Lichtenstein und in Monaco. Jedem Erdenbürger «seine» Landesorganisation also, die wiederum Mitglied ist in der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und RothalbmondGesellschaften. Dieser Dachverband ko-

ordiniert die Zusammenarbeit der 186 nationalen Gesellschaften. Alle Mitglieder der Föderation müssen sich an die sieben Rotkreuz-Grundsätze halten. Sie verfolgen auch alle die gleichen übergeordneten Ziele: den Schutz des Lebens, der Gesundheit und der Würde der Menschen sowie die Verminderung des Leids von Menschen in Not. Eine nationale Rotkreuz- oder Rothalbmond-Gesellschaft ist immer einmalig im

jeweiligen Land und muss von der Regierung anerkannt sein. Um so erstaunlicher, dass auch politisch instabile oder undemokratische Staaten dieses international geachtete Hilfswerk nicht nur tolerieren, sondern sogar offiziell anerkennen und es autonom arbeiten lassen. Nationale Gesellschaften wie das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) kümmern sich um die Gesundheitsförderung im eigenen Land, sie unterstützen die Humanité 2/2011

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Bedürftigsten und sind mit zahlreichen Dienstleistungen eine unentbehrliche Stütze für notleidende Menschen. Im Katastrophenfall sind sie mit ihren zahlreichen Freiwilligen im Einsatz, wie in

Das SRK ist die nationale Rotkreuz-Gesellschaft der Schweiz. jüngster Vergangenheit nach den Katastrophen in Haiti und Japan. Das SRK verfügt über einen Bereich «Katastrophenhilfe Schweiz» (vgl. Interview unten), entsendet aber bei Bedarf auch Teams ins Ausland. Denn im Katastrophenfall dürfen die nationalen Rotkreuz-Gesellschaften gegenseitig aufeinander zählen und lassen leidgeprüfte Länder ungeach-

tet der politischen oder religiösen Situation nicht im Stich. Viele nationale Gesellschaften aus finanziell und wirtschaftlich starken Staaten engagieren sich im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit auch langfristig in von Armut betroffenen Ländern. So auch das SRK, das in 26 Ländern die Grundversorgung und Prävention im Gesundheitsbereich fördert. Was aber hat es mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) auf sich? Der Sitz des IKRK ist in Genf, der Geburtsstadt Henry Dunants. Das IKRK ist aber an keinen Staat gebunden. Dem IKRK obliegt die bedeutende Aufgabe, die Einhaltung der Genfer Konventionen – also das humanitäre Völkerrecht – weltweit zu überwachen. Es vermittelt zwischen Kriegsparteien, pflegt Verwundete,

© CICR/HEGER, Boris

überzeugt

besucht Kriegsgefangene und politische Häftlinge oder schützt die Zivilbevölkerung. In meiner Zeit als IKRK-Delegierter habe ich Hunderte von Gefangenen oft

Katastrophenhilfe Schweiz

«Das SRK kann unbürokratisch helfen» Josef Reinhardt leitet den Bereich Katastrophenhilfe Schweiz beim Schweizerischen Roten Kreuz (SRK). Auch wenn die Schweiz bisher von gros­sen Katastrophen weitgehend verschont blieb, will das SRK prüfen, wie man sich künftig noch besser auf mögliche Szenarien vorbereiten kann. Interview: Tanja Pauli

Das Japanische Rote Kreuz ist seit dem Erdbeben im Dauereinsatz.

den Opfern innert kürzester Zeit und unbürokratisch finanziell auszuhelfen.

© SRK, Caspar Martig

Würde das SRK in der Schweiz im

Josef Reinhardt vor den gestapelten Familienzelten im Lager des SRK bei Bern

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Humanité 2/2011

Katastrophenfall auch helfen?

Man könnte also die Erfahrungen

Das SRK würde ganz sicher Hilfe leisten. Wir haben hier in unserem Lager einige hundert Familienzelte, Wolldecken sowie Küchensets, Gaskocher und Bautrockner. Dies alles stände jederzeit zur Verfügung und innert kürzester Zeit könnten wir weitere Lieferungen aus unseren Lagern im Ausland anfordern. Zudem verfügen wir über einen «Nothilfefonds Schweiz», um

nutzen, die man mit der Nothilfe im Ausland gemacht hat?

Absolut. Mein Bereich ist ja auch bei der internationalen Katastrophenhilfe des SRK angegliedert. Würde uns auch von anderen Rotkreuz-Gesellschaften Hilfe angeboten?


überzeugt

Ja, auf jeden Fall. Besonders mit unseren Nachbarländern Deutschland und Österreich haben wir bereits heute Kontakt bezüglich einer potenziellen Katastrophenhilfe. Angenommen, es käme in Basel zu einer Naturkatastrophe, wäre das Deutsche Rote Kreuz sicher rasch zur Stelle. Diese Nachbarschaftshilfe des Roten Kreuzes würde funktionieren. Lohnt es sich, in einem relativ sicheren Land Vorbereitungen für den Katas­ trophenfall zu treffen?

Sicher stellt sich diese Frage in ruhigen Zeiten. Aber wenn etwas passiert, heisst es sofort: Warum war man nicht besser vorbereitet? Die sogenannte «Preparedness» bedeutet, dass man auch in ruhigen Zeiten bereit ist und wartet.

den Tausenden von Flüchtlingen und ihren Angehörigen wieder herzustellen. Letztendlich verfolgt die ganze Rotkreuzund Rothalbmond-Bewegung die gleichen Ziele, und dies als heute grösste humanitäre Organisation der Welt, basierend auf der Vision von Henry Dunant vor 150 Jahren.

Existiert ein ausgebildetes Nothilfe-

dass wir die Möglichkeit haben, diese zu unterstützen. Ich bin auch verantwortlich für die Aktion 2 ✕ Weihnachten in Zusammenarbeit mit der SRG und der Schweizerischen Post. 2 ✕ Weihnachten unterstützt ebenfalls bedürftige Familien in der Schweiz.

Team, welches ausrücken würde?

Ein Pool mit ausgebildeten Freiwilligen muss gepflegt werden. Das kostet, auch dann wenn jahrelang kein Einsatz ansteht. Deshalb muss dies sehr sorgfältig geprüft werden, was wir jetzt gerade tun. Was bereits funktioniert, sind die üblichen Dienstleistungen des SRK, die auch im Notfall zum Einsatz kommen. Bei den Katastrophen im Berner Oberland war das zum Beispiel der Fahrdienst des SRK. Zudem gehören zum SRK ja auch kompetente Rettungsorganisationen wie der Schweizerische Samariterbund, REDOG, der Rotkreuzdienst und die REGA. Worin besteht Ihre Arbeit in ruhigen Zeiten?

Mit welchen Herausforderungen müssen Gemeinden nach einer Katastrophe zurechtkommen?

Nebst dem eigentlichen Schock und dem Chaos an sich gibt es auch organisatorische Herausforderungen. So wie im 2005 nach den Überschwemmungen. Damals haben spontan aus der Bevölkerung hunderte Menschen angerufen, weil sie beim Aufräumen helfen wollten. Dies zu koordinieren, könnte beispielsweise eine Aufgabe für das SRK sein.

Wir haben ein Mandat der Glückskette, in einigen Kantonen die Spendengelder gerecht zu verteilen. Das ist sehr aufwändig, denn jedes einzelne Gesuch wird detailliert geprüft, ob nicht bereits der Schaden schon durch eine Versicherung gedeckt ist. In den letzten Jahren waren es die Überschwemmungen von 2005 und 2007, die uns beschäftigt haben. Hart trifft es im Zusammenhang mit Naturkatastrophen finanzschwache Berggemeinden. Es freut mich besonders,

➥ icrc.org ➥ ifrc.org

Markus Mader Der Direktor des SRK war von 1990 bis 1995 Delegierter des IKRK mit Einsätzen in Sri Lanka, Peru, Pakistan und Afghanistan

Wo liegen die Kernkompetenzen des SRK in der Katastrophenhilfe?

Das SRK weiss, was im Notfall von Menschen, die obdachlos geworden sind, am dringendsten benötigt wird und hat dies an Lager. Und unsere erfahrenen Logistiker sind Experten, wenn es darum geht, Hilfsgüter unter chaotischen Umständen koordiniert auszuliefern. Thomas Büeler, Logistiker des SRK bei einem Einsatz in Haiti

© IFRC/Victor Lacken

Ein Delegierter des IKRK erklärt den Kämpfern der Sudanesischen Befreiungsarmee das Humanitäre Völkerrecht

mehrfach besucht, sie zum Schutze registriert, ihre Haftbedingungen geprüft, bei Bedarf interveniert sowie den Kontakt mit ihren Familien hergestellt und bis zur Entlassung aufrechterhalten. Selbstverständlich arbeiten die nationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften und das IKRK trotz unterschiedlichen Aufgaben dort zusammen, wo gleichzeitig Katastrophen und Konflikte herrschen. Ich denke da z. B. an Sri Lanka, wo nach dem Tsunami das SRK von den langjährigen Erfahrungen des IKRK im kriegsversehrten Norden und Osten profitieren konnte. Oder diesen Frühling an der libysch-tunesischen Grenze, wo das SRK dem IKRK eine Spezialistin für den Suchdienst zur Verfügung stellte, welche mithalf, den Kontakt zwischen

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konkret

Neue Ausbildungsstruktur der SLRG

«Die Grundausbildung ist für alle geeignet» Die Ziele der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft sind seit 78 Jahren die gleichen: Sicherheit, Rettung und Schutz von menschlichem Leben im und um das Wasser. Können diese mit den neuen Ausbildungsstrukturen noch besser erreicht werden? Bea Möller, Leiterin Ressort Kurse Sektion Schaffhausen, gibt Antwort auf diese und andere Fragen.

Was ist anders am neuen Kurs­

Sie haben sich also ganz nach den

system?

Bedürfnissen der Kursteilnehmenden

Neu kann jeder Kursteilnehmende individuell eine Ausbildung genau auf seine Bedürfnisse zusammenstellen. Eine Grossmutter, die mit ihren Enkeln gerne ins bewachte Schwimmbad gehen möchte, hat beispielsweise ganz andere Lernbedürfnisse als jemand, der sich oft in unbewachten Gewässern aufhält. Für erstere würde das Modul Brevet Basis Pool ausreichen, auf dem sich dann für Personen, die sich spezialisieren möchten, das Brevet Plus Pool und die Module See oder Fluss aufbauen lassen.

ausgerichtet?

Das war ein entscheidender Faktor, ja. Ausschlag gegeben hat aber die enge Zusammenarbeit mit Sport- oder Berufsverbänden wie der Polizei oder der Lehrerschaft, von deren Seite der Ruf nach berufsbezogenen Modulen immer lauter wurde. Neu ist auch, dass wir in den Grundmodulen noch differenzierter auf das Thema Prävention eingehen als bisher. Die Prävention hat einen enorm hohen Stellenwert im neuen Ausbildungssystem.

Die neuen Kurse zielen darauf ab, dass Notsitua­ tionen wie diese erst gar nicht entstehen

© SLRG

Interview: Isabel Rutschmann

Was erhofft sich die SLRG davon?

Wir erhoffen uns, dass wir jetzt eine sehr breite Bevölkerungsschicht ansprechen können, und dadurch eine weit verbreitete Sensibilisierung für die Risikofaktoren im und am Wasser. Als Folge davon wün-

«Eine Grossmutter, die mit ihrem Enkel ins Schwimmbad geht, hat andere Lernbedürfnisse als jemand, der sich in unbewachten Gewässern aufhält.»

Bea Möller, 48, ist Kurs-Chefin der Sektion Schaffhausen und leitet seit 1997 Kurse 20

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schen wir uns eine Reduktion der Anzahl Unfälle im Zusammenhang mit Wasser, die aktuell bei rund 50 Ertrinkungsfällen und 1000 Badeunfällen pro Jahr liegt. Da im neuen Kurssystem die Leistungsanforderungen an die Absolventinnen und Absolventen etwas tiefer angesetzt sind als bisher, möchten wir wirklich die gesamte Bevölkerung erreichen und motivieren und niemandem mangels kondi-


konkret

tioneller Faktoren die Grundausbildung vorenthalten. Also sollten alle Eltern auch Rettungsschwimmer sein?

Nun, dies würde ja bedeuten, dass alle Eltern zumindest einen Schwimmstil beherrschen. Ausser Frage steht, dass die elterliche Verantwortung im Vordergrund steht, denn Unachtsamkeit ist die häufigste Ursache bei Ertrinkungsunfällen. Leider können davon einige Badmeister ein Klagelied singen. Betreuungspersonen, welche die Gefahren erkennen, können Situationen besser realistisch abschätzen und schon vorgängig wertvolle Arbeit leisten und handeln dementsprechend vernünftig. Wie stehen die Chancen, das Ziel zu erreichen?

Da sind vor allem die Sektionen und die Kursleitungen gefordert, die jetzt die Umschulungen der Kursleiterinnen und -leiter

vornehmen und die Informationen an die Bevölkerung bringen müssen. Wir arbeiten erst seit fünf Monaten mit dem Modulsystem. Das braucht noch etwas Zeit. Ein Ziel ist aber definiert, denn ab 2012 bieten alle Sektionen der SLRG Module von der neuen Ausbildungsstruktur an. Im Moment gibt es noch Übergangslösungen.

halten, wie: Sicherung der Risikostellen oder wenn jemand die Gruppe verlässt, das Ab- und Anmelden nicht vergessen. Grundsätzlich ist es unerlässlich, dass alle sich an die Regeln und an die Organisationstruktur halten – denn dies gibt mehr Sicherheit für alle. Unser Kursangebot finden Sie im Internet.

➥ slrg.ch Ich bin Mutter und gehe regelmässig mit meinen Kindern und deren Kollegen in die Badi. Was soll ich tun?

Hier gibt es wertvolle Tipps, auf die während der Module vertieft eingegangen wird. Genau für solche Betreuungspersonen gibt es ein Angebot. Wichtige Punkte sind: bereits vor dem Badebesuch ein Sicherheitsdispositiv erstellen; z. B. geeignete Besammlungspunkte festhalten oder Risikostellen wie Sprunggrube, Treppenabsatz etc. erkennen. Während des Besuches ist es wichtig, die vorgängig abgemachten Regeln einzu-

APROPOS Die Schweizerische LebensrettungsGesellschaft SLRG ist Mitglied des Schweizerischen Roten Kreuzes. Sie ist die grösste Organisation für Wassersicherheit der Schweiz. Mit 27 500 ehrenamtlichen Aktiv-Mitgliedern in allen Landesteilen arbeitet sie im Sinne des Rotkreuz-Gedankens und fördert dabei den Breitensport und die Jugendarbeit.

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konkret

Moldawien

Elternlos und doch keine Waisenkinder Es ist kaum bekannt, aber Moldawien ist eines der ärmsten Länder Europas. Ausserhalb der Städte herrscht sozialer Notstand: Verlassene Kinder, einsame Betagte, verarmte Dörfer. Warum das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) gerade die Nachbarschaftshilfe und die Jugendlichen fördert, schildert dieser Bericht. Bilder und Text: Katharina Schindler

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konkret

Der Tischfussball der Aktion 2 × Weihnachten ist die grosse Attraktion

Freundschaft macht stark – die Mädchen Angela und Eugenia haben sich im Heim kennengelernt

I

Hälfte der Erwachsenen im Erwerbsalter weggezogen, weil sie keine Perspektiven haben», erklärt Lina Langer, Delegierte des SRK in Moldawien, dem ärmsten Land Europas. Zurück bleiben Kinder und Betagte, die oft auf sich selbst gestellt sind.

m Aufenthaltsraum des Kinderheims «Amic» im nordmoldawischen Dorf Larga herrscht munterer Betrieb an diesem grauen Mittwochnachmittag. Aufgeregt scharen sich die Kinder um den Fussballtisch, den sie kürzlich vom SRK im Rahmen der Aktion 2 ✕ Weihnachten bekommen haben. Wer nicht selber mitspielen kann, feuert die andern an. Der vierjährige Andrej schleppt einen

«Meist lachen die Kinder viel zu wenig und hängen schweren Gedanken nach.»

Heimleiterin Elena Iacubenco mit einigen ihrer Schützlinge vor dem Kinderheim «Amic»

Stuhl herbei und klettert hinauf, damit auch er freie Sicht aufs Spielfeld hat. «Es ist schön, wenn die Kinder so ausgelassen spielen. Meist lachen sie viel zu wenig und hangen schweren Gedanken nach», sagt die Heimleiterin Elena Iacubenco. Dazu haben die Kinder auch allen Grund. Viele wurden von ihren Eltern im Dorf zurückgelassen, weil diese keinen anderen Ausweg sahen, als ins Ausland zu ziehen, um Geld zu verdienen. Manche der Kinder kamen zuerst bei Nachbarn oder Verwandten unter, die mit der zusätzlichen Aufgabe aber überfordert waren. «Die Arbeitslosigkeit ist hier das Hauptproblem. In manchen Dörfern sind die

Wie Waisenkinder Die 14-jährige Xenia, ein auffallend hübsches und ernsthaftes Mädchen, steht meist etwas abseits der andern Kinder. Ihre Mutter ist in Russland, sie hat sie seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Der Aufenthalt des Vaters ist unbekannt. Auf die Frage, was ihr grösster Wunsch sei, sagt sie sofort: dass die Mutter zurückkomme. Beispielhaft ist leider auch das Schicksal von Angelas Familie: Ihre Eltern sind in Italien, wo die Mutter als billige Arbeitskraft betagte Menschen pflegt – während die eigene Mutter zu Hause über Einsamkeit und Armut klagt. Eine Zeitlang hatte sie sich noch um die Enkel gekümmert, als sie immer gebrechlicher wurde, kamen die Kinder ins Heim. Dort haben sie wenigstens ein Dach über dem Kopf und mit Elena Iacubenco eine Heimmutter, die sich redlich bemüht, den Kindern etwas Wärme zu schenken. Aber es ist kein leichtes Leben. Die finanHumanité 2/2011

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konkret vention gestaltet. Papier und Farben für die Kreativprogramme, die auch an Schulen durchgeführt werden, stammen aus der Aktion 2 ✕ Weihnachten, die das SRK jedes Jahr zusammen mit der Post und der SRG durchführt. Verlassene Grosseltern Doch nicht nur Kinder, auch Betagte brauchen Unterstützung. Die 75-jährige Mihaela leidet an Diabetes. Sie ist so schlecht zu Fuss, dass sie das Wasser für den täglichen Bedarf nicht mehr selber beim Brunnen holen kann; fliessendes Wasser gibt es in praktisch keinen Haushalten. Ihre Kinder seien längst weggezogen und meldeten sich nur selten bei

Xenia sehnt sich nach ihrer Mutter, hier sucht sie die Nähe der Delegierten des SRK, Lina Langer

zielle Situation der staatlichen Heime ist prekär. Das Geld reicht kaum für das Essen und die Kleidung, Freizeitaktivitäten fehlen. «Es ist wichtig, dass sich die Kinder in der Freizeit sinnvoll beschäftigen, sonst sind sie früh schlechten Einflüssen ausgesetzt», weiss Lina Langer. Vor allem der Alkohol sei ein grosses Problem. Freizeitgestaltung als Prävention In rund einem Dutzend Heimen führt das SRK zusammen mit einer lokalen Partnerorganisation regelmässig Bastelnachmittage, Spielturniere oder Zeich-

«Ohne Unterstützung durch meine Nachbarin wäre ich verloren.» nungswettbewerbe durch. Auf spielerische Weise setzen sich die Kinder mit Problemen auseinander, die den Alltag in den Dörfern prägen: Armut, Alkoholismus oder häusliche Gewalt. Auch auf die Gefahren des organisierten Menschenhandels werden sie sensibilisiert, denn immer wieder kommen Schlepperbanden in die Dörfer, um junge Mädchen anzuwerben. Mit den Zeichnungen der Kinder werden Kampagnen zur Rauch- oder Gewaltprä24

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Wie Mihaela leben viele Betagte in Armut und Einsamkeit

ihr, berichtet sie: «Ohne Unterstützung durch meine Nachbarin Lilian wäre ich verloren.» Um die Nachbarschaftshilfe zu stärken, baut das SRK eine Art Spitex-Dienst auf, bei dem Laienhelferinnen regelmässig pflege- und hilfsbedürftige Betagte zu Hause besuchen. In mehrteiligen Kursen werden sie auf ihre Aufgaben vorbereitet. «Die Frauen erhalten nicht nur das Rüstzeug für ihre wichtige Arbeit, sondern auch Anerkennung und Rückhalt in der Gruppe», sagt die Delegierte des SRK. «Die Nachbarschaftshilfe ist der Kitt, der die verarmten Dörfer zusammenhält.»

➥ redcross.ch/moldawien


kurz & bündig

10-Jahr-Jubiläum für den Rotkreuz-Ball

Schülerinnen organisieren Wohltätigkeitsfest Tamara Matovic (14) und Ramona Iuffrida (13) wollten Geld für einen guten Zweck sammeln. «Weil es uns so gut geht, während andere Menschen leiden.», so erklären die Schülerinnen ihre Motiviation. Sie haben selber entschieden, das Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer (afk) des Schweizerischen Roten Kreuzes mit dem Erlös ihres Wohltätigkeitsfestes zu begünstigen. Und die Mädchen sind sich einig: «Menschen, die durch Folter und Krieg traumatisiert sind, benötigen wirklich unsere Hilfe.»

Am 28. Mai 2011 hat sich der Rotkreuz-Ball in der Westschweiz unter dem Motto «Swinging Sixties» zum 10. Mal gejährt. Der Ball hat sich zum erfolgreichsten Benefiz-Anlass in der Schweiz etabliert und brachte fast 7 Millionen Franken für das Programm des SRK «Opfer vergessener Katastrophen» ein. Zu den Highlights der letzten Jahre zählten unter anderem Auftritte von Zucchero, Ronan Keating, Patricia Kaas und Vanessa Mae. Gäste wie Seine Hoheit der Maharadscha von Jodhpur, Shania Twain oder Naomi Campbell bewiesen mit ihrer Anwe-

senheit ihre Solidarität für das SRK und die «Opfer vergessener Katastrophen».

➥ redcross.ch/vergessenekatastrophen

Menschlichkeit macht Schule Das SRK möchte Menschlichkeit bei den Jugendlichen verstärkt ins Bewusstsein rufen. Deshalb hat es «positive action – Menschlichkeit macht Schule» gestartet. Dieses Schulprojekt will nicht nur trockene Theorie vermitteln, sondern junge Menschen selbst aktiv werden lassen. An einem Projekttag oder in einer Projektwoche setzen Klassen ein eigenes soziales Projekt um. Dadurch sollen den Schülerinnen und Schüler Frei-

willigenarbeit und Menschlichkeit näher gebracht werden. «Positive action – Menschlichkeit macht Schule» richtet sich in erster Linie an Schulen der Sekundarstufe 1. Es kann aber auch an die Primarschulstufe oder Sekundarstufe II angepasst werden. Weitere Informationen zum Schulprojekt sowie das pädagogische Begleithandbuch für Lehrpersonen finden Sie im Internet.

➥ redcross.ch/schule

Dank an die Freiwilligen

© Andri Pol

Im Jahr der Freiwilligenarbeit dankt das SRK seinen Freiwilligen am 27. August 2011 mit einem Fest. Mitarbeitende des SRK werden an diesem Tag ausserhalb ihrer Arbeitszeit und unbezahlt im Einsatz stehen. Vom Rotkreuz-Rat bis zur Redaktorin – alle tun sie dies gerne und freiwillig für die geladenen Gäste, die das ganze Jahr einen Teil ihrer Zeit schenken.

Glückliche Momente gespendet Coca-Cola feierte zusammen mit der Schweizer Bevölkerung Geburtstag. Im Rah­

men des 75/125-Jahr-Jubiläums sollen aber auch weniger privilegierte Menschen Momente des Glücks erfahren, deshalb spendet Coca-Cola CHF 50 000.– an das SRK. Markus Mader, Direktor des SRK (rechts), freut sich über den Check, den ihm der Geschäftsführer von Coca-Cola Schweiz GmbH, Flavio Calligaris, überreichte: «Coca-Cola feiert Geburtstag mit einem Zeichen der Solidarität. Ich freue mich sehr, dass die Aktion ‹Happy Moments mit Coke›

dem SRK hilft, benachteiligten Menschen ‹Happy Moments› zu bringen. Das SRK hilft Menschen in der Schweiz und im Ausland, deren Gesundheit oder Leben gefährdet ist. Wir werden die Spende dafür einsetzen, die Not dieser Menschen zu lindern». The Coca-Cola Company in Atlanta kündigt Anfang Jahr eine Partnerschaft mit dem Internationalen Roten Kreuz an. In der Schweiz ist Coca-Cola schon seit Längerem mit dem Schweizerischen Roten Kreuz verbunden. Humanité 2/2011

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konkret

Ruth von Däniken hört gerne zu und sorgt für Aufmunterung

Entlastung von pflegenden Angehörigen

«Frau von Däniken, bleiben Sie doch bis am Abend!» Der 85-jährige Peter Marrer wurde zunehmend pflegebedürftig und fand sich im Alltag nicht mehr alleine zurecht. Als berufstätige Familienfrau hat die Tochter wenig Zeit, sich um ihn zu kümmern. Mit dem Entlastungsdienst des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) fand sie eine ideale Lösung. Text: Sabine Rempert  Bilder: Roland Blattner

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konkret

P

eter Marrer sitzt in seinem Sessel und hört Radio. Das macht er häufig, wenn er allein ist. Zum Mittagessen geht er manchmal in das nahegelegene Altersheim. Ansonsten will der Senior vom Altersheim nichts wissen. Es gefalle ihm in den eigenen vier Wänden, sagt er. Glücklich über die Entlastung Bis vor ein paar Monaten verbrachte Peter Marrer die Tage all zu oft alleine bei sich zu Hause. Silvana Fasano, seine Tochter, arbeitet tagsüber in ihrer eigenen Praxis, daher hat sie wenig Zeit für ihn. «Er begann sich zurückzuziehen, ging nur noch unregelmässig zum Essen ins Altersheim

Vorher war Peter Marrer viel zu oft allein. und rief mich immer öfters tagsüber an, weil er jemanden zum Reden brauchte», erzählt sie. Zudem kam er mit dem Haushalten nicht zurecht. Sein vermindertes Seh- und Hörvermögen schränkten ihn zusätzlich ein. «Ich hatte so ein schlechtes Gewissen. Aber ich konnte nicht einfach ein Schild an meine Praxistür hängen ‹Bin gleich zurück›.» Seit die Tochter die Dienstleistung «Entlastung für pflegende Angehörige» des SRK Kanton Solothurn in Anspruch nimmt, hat sich die Situation jedoch entspannt. «Die regelmässigen Besuche der Pflegehelferin SRK lassen meinen Vater wieder aufleben. Und ich habe eine kompetente Ansprechperson, mit der

Peter Marrers Tochter schätzt die Ratschläge der Pflegehelferin

ich mich austauschen kann, die mir Tipps für die Pflege gibt», strahlt Silvana Fasano.

APROPOS

Zeit vergeht wie im Flug Ruth von Däniken hat lange im Altersheim gearbeitet. Sie kümmert sich gerne um ältere Menschen. Seit Dezember 2010 betreut sie Peter Marrer an zwei Vormittagen während je 4 Stunden. Wenn sie um 9 Uhr kommt, dann hat er bereits den Frühstückstisch gedeckt. Beim Kaffeetrinken plaudern sie über dieses und jenes. Danach waschen sie zusammen das Geschirr ab. «Ich versuche, seine Gewohnheiten und Bedürfnisse zu berücksichtigen. Aber wenn Herr Marrer nach dem Kaffee wieder ins Bett will, lege ich mein Veto ein!», lacht die Pflegehelferin SRK. Meist reicht eine kurze Rückenmassage oder das Eincremen der Hände, um den Senior doch noch zu einem Spaziergang zu motivieren. Danach hören sie zusammen Musik oder spielen ein Gesellschaftsspiel – je nach Lust und Laune. Mit der körperlichen und geistigen Aktivierung fördert Ruth von Däniken die grösstmögliche Selbstständigkeit von Peter Marrer im Alltag. Die 52-Jährige betreut auch zwei ältere Damen. Sie wären ebenfalls den ganzen Tag alleine. Mit der einen Dame geht Ruth von Däniken vor allem spazieren, um deren Mobilität zu erhalten. Für die andere Dame sind Gedächtnistraining und einfühlsame Gespräche sehr wichtig, denn sie leidet an einer unheilbaren Nervenkrankheit. Bei ihren Besuchen ist die Pflegehelferin SRK nicht nur Gesellschafterin, sondern

Das SKR entlastet Angehörige Der Betreuungsaufwand von pflegebedürftigen Familienmitgliedern wird unterschätzt und es wird oft zu spät erkannt, wenn die Angehörigen überlastet sind. Das SRK unterstützt und berät professionell. Die Kosten für den Entlastungsdienst übernehmen die Angehörigen oder die Pflegebedürftigen. Die Tarife sind je nach Region unterschiedlich. Neben der direkten Entlastung gehören auch Besuchs- und Begleitdienste sowie der Fahrdienst und der Notruf zum Angebot. Im Internet erfahren Sie, was das SRK in Ihrer Region anbietet.

übernimmt auch grundpflegerische Aufgaben. «In allen drei Fällen profitiere ich sehr von meiner Erfahrung im Altersheim und vom Wissen, das ich mir im Kurs ‹Pflegehelferin SRK› beim SRK Kanton Solothurn aneignen konnte», bestätigt Ruth von Däniken. Sagts und verschwindet in der Küche. Denn es ist 12 Uhr und Zeit, um das gemeinsame Mittagessen vorzubereiten. «Ich bin so froh, dass sich jemand um meinen Vater kümmert, während ich arbeite», meint Silvana Fasano erleichtert. Und ihr Vater schwärmt: «Mit Frau von Däniken vergeht die Zeit viel schneller. Am liebsten wäre mir, sie bliebe bis am Abend!»

➥ redcross.ch/entlastung

Die Selbstständigkeit wird gefördert Humanité 2/2011

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kreuz & quer

HUMANITé 1/2011 Lösungswort des letzten Kreuzworträtsels: JAHR DER FREIWILLIGEN Wir gratulieren den Gewinnerinnen und Gewinnern: Evelyne Barbier, Cressier Jolanda Dubach, Kriens Gertie König-Carteus, Wittenbach Vincent Perret, Le Mont-sur-Lausanne André von Steiger, Therwil Übrige Lösungen der letzten Ausgabe:

Für Humanité zeichnet «Karma» alias Marco Ratschiller. Er ist Cartoonist und Chefredaktor des Satire-Magazins Nebelspalter.

Labyrinth Vom Start bis ans Ziel wird der Weg mit feinen Linien markiert. Den gefundenen Weg ausfüllen – und schon erscheint das Bild.

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Die Lösung zum Sudoku, zum Wortsuchspiel und zum Labyrinth finden Sie jeweils in der nächsten Ausgabe oder im Internet.

➥ magazin-humanite.ch (C) Conceptis Puzzles

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Füllen Sie die leeren Felder mit den Zahlen von 1 bis 9. Dabei darf jede Zahl in jeder Zeile, jeder Spalte und in jedem der neun 3 x 3-Blöcke nur einmal vorkommen.

gewinnen

Wortsuchspiel Für weitere Artikel des SRK:

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Alle Menschen sollen eine Gesundheitsversorgung haben. Das SRK fรถrdert sie auch in abgelegenen Regionen. Unsere Hilfe braucht Ihre Spende. Postkonto 30-9700-0

SRK Magazin Humanité 2/2011  

Herzlich willkommen in der Welt des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK)!

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