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Strassenmagazin Nr. 424 4. bis 17. Mai 2018

CHF 6.–

davon gehen CHF 3.– an die Verkaufenden

Bitte kaufen Sie nur bei Verkaufenden mit offiziellem Verkaufspass

Zuckersteuer

«Würden Sie Ihrem Kind zwölf Löffel Zucker geben?» Die meisten Mexikaner nehmen zu viel Süsses zu sich. Die Lebensmittelindustrie wehrt sich gegen eine gesündere Ernährung Seite 8


Kultur

Solidaritätsgeste

STRASSENCHOR

CAFÉ SURPRISE

Lebensfreude

Entlastung Sozialwerke

BEGLEITUNG UND BERATUNG

Zugehörigkeitsgefühl Entwicklungsmöglichkeiten

Unterstützung

Job

STRASSENMAGAZIN

Erlebnis

STRASSENFUSSBALL

Expertenrolle

SOZIALE STADTRUNDGÄNGE

Information

Perspektivenwechsel

SURPRISE WIRKT

artischock.net

Surprise unterstützt seit 1998 sozial benachteiligte Menschen in der Schweiz. Unser Angebot wirkt in doppelter Hinsicht – auf den armutsbetroffenen Menschen und auf die Gesellschaft. Wir arbeiten nicht gewinnorientiert, finanzieren uns ohne staatliche Gelder und sind auf Spenden und Fördergelder angewiesen. Spenden auch Sie. surprise.ngo/spenden | Spendenkonto: PC 12-551455-3 | IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3

AFRO PFINGSTEn 15. – 21. Mai 2018 winterthur Concerts Reggae · Latin · Oriental · Afro

Markets Streetfood Music & Performances afro-pfingsten.ch

Filmfestival Cultural Program

Vorverkauf: starticket.ch VERANSTALTER

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HAUPTPARTNER

FESTIVALPARTNER

MEDIAPARTNER

Surprise 423/18


TITELBILD: JAMES WHITLOW DELANO

Editorial

Ungesunde Überzeugungen Was bei uns ins Kapitel Gesundheitsförderung gehört, ist in Mexiko Stoff für einen Politthriller. Der Konsumentenschützer Alejandro Calvillo und einige Politiker und Journalisten, die sich in Mexiko für die Reduzierung von Zucker in Lebensmitteln starkmachten, wurden prompt mit einer Spähsoftware überwacht: Die Verbindungen zwischen Regierung und Industrie sind ebenso eng wie ungesund. Es hört sich an, als ginge es um Drogengeschäfte. Dabei geht es um Cola und Junkfood. Die Wirtschaft hält an der täglichen Überzuckerung fest, während Mexikos Bevölkerung zu einem grossen Teil übergewichtig und an Diabetes erkrankt ist. Als wir die Bildstrecke dazu anschauten, schien uns Mexiko fast schon dystopisch: ein Land mit leeren Anbauflächen und noch mehr leeren Kalorien in den Verkaufsregalen. Was man isst, wird beeinflusst durch die Welt, in der man lebt. Der Schweizer Ernährungswissenschaftler David Fäh hält zwar fest, Aufklärungs- und Informationskampagnen führten nicht direkt zu einem

4 Aufgelesen 5 Hausmitteilung

14 Gesundheit

Sozial ungleich verteilte Kilos

Zukunft der Arbeit 6 Moumouni …

gesünderen Essverhalten. Aber wenn die Industrie den Menschen vorgaukelt, ohne Zucker ginge es nicht, gleicht die Gesundheitskampagne eher politischer Aufklärung. Das gilt auch für die Schweiz. Denn hierzulande wird pro Person noch mehr Zucker konsumiert als in Mexiko. Lesen Sie unseren Schwerpunkt ab Seite 8. Auf ganz andere Art hat sich die Politik ins Leben und Denken des jungen Gatwich eingegraben. Im Südsudan wurde ihm von Kindesbeinen an beigebracht, wer Freund und wer Feind ist. Er gehört zum Stamm der Nuer, also hat er sie einfach umgebracht, die Dinka, die Feinde. Heute murmelt er Bibeltexte mit, und etwas in ihm will vom Saulus zum Paulus werden. Nur reicht seine Einsicht nicht einmal für eine einfache Entschuldigung für seine Taten. Seite 16.

DIANA FREI Redaktorin

22 Literaturtage

Solothurn blickt auf 40 bewegte Jahre zurück 24 Ausstellung

... und die Schönheit

Arbeitsbiografien im Museum

27 Veranstaltungen 28 SurPlus Positive Firmen 29 Wir alle sind Surprise Impressum Surprise abonnieren

7 Die Sozialzahl

Kostenverlagerung mit Folgen

25 Randnotiz

Herzschmerz am Café-Tisch

30 Surprise-Porträt

«Zum Schweigen bringen sie mich nicht»

8 Mexiko

Wo die Gesundheit der Bürger Politikum ist 16 Südsudan

Rezept für Rebellen

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Aufgelesen

FOTO: BODO E.V./SEBASTIAN SELLHORST

News aus den 100 Strassenzeitungen und -magazinen in 34 Ländern, die zum internationalen Netzwerk der Strassenzeitungen INSP gehören.

Soziale Medien – das sind wir Fast 50 Vertreterinnen und Vertreter von Strassenzeitungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz trafen sich Mitte April in Hannover zur jährlichen Konferenz der deutschsprachigen Strassenzeitungen. Mit insgesamt 19 Magazinen und einer Monatsauflage von rund 350 000 Heften bietet die deutschsprachige Abteilung der Strassenmagazine – zu der auch Surprise zählt – gemeinsam mit ihren gemeinnützigen Trägerorganisationen jedes Jahr mehreren Tausend Menschen eine Chance zur Verbesserung ihrer Lebenssituation. «Das funktioniert, weil wir hohe Ansprüche an unsere journalistische Arbeit haben – wir wollen Produkte machen, die gern gekauft und gern gelesen werden», erklärt Volker Macke, Chefredaktor der Hannoveraner Strassenzeitung Asphalt. So ging es bei der zweitägigen Konferenz in Hannover um journalistische 4

Themen, genauso wie um Fragen aus sozialer Arbeit, Magazinvertrieb und Marketing. Die ersten Magazine des Netzwerks feiern in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen, Surprise wird 20 Jahre alt. «Wir sind erfahren darin, mit Herausforderungen umzugehen», sagt Bastian Pütter, Redaktionsleiter des Bochum-Dortmunder Strassenmagazins bodo. So erinnere etwa die aktuelle Wohnungsnot an die Situation in der Gründungsphase vieler Magazine Mitte der Neunzigerjahre. «Soziale Strassenmagazine und ihre Organisationen können auch in den gegenwärtigen Krisen wichtige Impulse und Antworten geben.» Nächster gemeinsamer Termin ist die internationale Konferenz des Internationalen Netzwerks der Strassenzeitungen INSP im August in Glasgow. Dem INSP gehören mehr als 100 Magazine in 34 Ländern an. Surprise 424/18


FOTO: TOBIAS SUT TER

Jugendliche Rauschtrinker

Das sogenannte Rauschtrinken unter Jugendlichen in Deutschland hat wieder zugenommen. Nachdem die Zahlen seit 2009 rückläufig waren, kam es 2016 erstmals wieder zu einem Anstieg: 22 300 Menschen zwischen 10 und 20 Jahren mussten wegen akuten Alkoholrausches vollstationär im Krankenhaus behandelt werden. Eine Studie zeigt, dass der Einfluss der Eltern auf das Trinkverhalten der Jugendlichen grösser ist als bisher angenommen: Zwölfjährige, deren Eltern regelmässig zu Alkohol greifen, haben im Erwachsenenalter ein dreimal höheres Risiko des Rauschtrinkens als andere Kinder.

ABSEITS, OSNABRÜCK

2,77 Euro pro Tag

Hartz-IV-Empfänger haben täglich 2,77 Euro zur Verfügung, um ihre Kinder bis zum sechsten Lebensjahr zu verpflegen. Kinder gesund zu ernähren, sei mit so wenig Geld schlicht unmöglich – zu diesem Schluss kommen Forscher der Universität Hohenheim.

BODO, BOCHUM/DORTMUND

Leseschwäche

5,1 Millionen Menschen in England haben ein Lesevermögen, das unter dem liegt, das von einem elfjährigen Kind erwartet wird. Betroffene verdienen im Schnitt 12 Prozent weniger als gute Leser, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie rauchen, ist zweimal höher.

THE BIG ISSUE, LONDON

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«Danke für 20 Jahre Treue»: Paola Gallo.

Hausmitteilung

Zukunft Surprise 4.0 Nach acht Jahren bei Surprise freue ich mich immer noch über die Reaktion der Leute, wenn ich ihnen sage, wo ich arbeite. Meist erscheint ein strahlendes Lächeln auf den Lippen meines Gegenübers, das sofort von «ihrer Verkäuferin», «ihrem Verkäufer» zu erzählen beginnt. Auf den euphorischen Einstieg folgt häufig ein kleiner Zweifel: «Aber, mein Verkaufender ist schon länger bei euch, schon ein paar Jahre. Hätte er nicht längst wieder Arbeit im ersten Arbeitsmarkt finden sollen?» Ursprünglich, vor genau 20 Jahren, war das die Idee: Surprise sollte aus einer momentanen Notlage heraushelfen. Aber schon damals sah die Wirklichkeit anders aus, was sich heute noch verstärkt hat. Der Arbeitsmarkt bietet nicht für alle Mitglieder dieser Gesellschaft Arbeit. Die Vollbeschäftigung, wie sie Ökonomen so schön nennen, bleibt eine Utopie. Im Arbeitsmarkt 4.0 werden wir sogar noch einen Schritt weiter sein als heute mit der digitalen Revolution. Die Zukunft sieht weniger Arbeitsplätze vor. Und schon jetzt verzeichnen wir einen stetig wachsenden Anteil an Langzeitarbeitslosen. Zudem fallen immer mehr Menschen aus dem ersten Arbeitsmarkt heraus und finden den Weg

nicht mehr zurück. Gleichzeitig wird ein Drittel der gesellschaftlich relevanten Arbeit ehrenamtlich geleistet wie Eltern- und Krankenpflege, Kindererziehung, Vereinsund Wohltätigkeitsarbeit. Die Gesellschaft muss sich überlegen, wie sie die vorhandene Arbeit verteilen und bezahlen will und was sie mit all den Menschen vorhat, für die sie keine bezahlte Beschäftigung anbietet. Ein Teil dieser Menschen findet den Weg zu Surprise. Sie sind aus den verschiedensten Gründen in einer prekären Situation, gegen die sie Tag für Tag mutig und hartnäckig ankämpfen. Chancen auf Perspektiven, auf Zugehörigkeit, auf eine Zukunft finden sie bei Surprise. Die Verkaufenden erhalten bei uns die Möglichkeit, mittels einer Verkäuferschulung ihren Heftverkauf zu steigern und so mehr Einnahmen zu generieren: Ab einer bestimmten Anzahl verkaufter Hefte erhalten sie einen grösseren Eigeneinnahmeanteil. Der Erfolg stärkt ihr Selbstbewusstsein, und die Gespräche mit den Kunden lassen sie am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Die Strassenfussballer können neben einer Fussballerkarriere mit Aufstieg in die Surprise-Nationalmannschaft, welche an der alljährlichen Weltmeisterschaft teilnimmt, ihre Persönlichkeit und Teamfähigkeit weiterentwickeln und sich zum Schiedsrichter oder Coach ausbilden lassen. Die Sänger und Sängerinnen im Surprise Strassenchor erleben bei jedem Auftritt grosse Freude. Dann stehen sie als die Gebenden auf der Bühne und sind nicht in der Rolle der Defizitären, der Bedürftigen. Die Stadtführerinnen und Stadtführer, unsere Experten der Strasse, zeigen ihr Wissen nach einer halbjährigen Ausbildung bei jeder Tour, die sie durchführen. Und nicht nur da: Mittlerweile sind sie absolute Medienprofis mit beeindruckender Auftrittskompetenz. Dieses Jahr wird Surprise 20 Jahre alt. Wir sind die Zukunft 4.0 für 600 Menschen. Und es werden immer mehr. Dank Ihnen, treue Leserinnen und Leser, die nicht nur unser Magazin kaufen, sondern es auch weiterempfehlen und sich mit unseren Verkäuferinnen, Fussballern, Sängerinnen und Stadtführern anfreunden. Danke für die Treue während der letzten 20 Jahre.

Ihre PAOLA GALLO, Geschäftsführerin Surprise

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ILLUSTRATION: RAHEL NICOLE EISENRING

üblichen Parametern für Schönheit folgend als hässlich bezeichnen würden. Er erklärte mir jedoch eindringlich, es gebe kaum einen erquicklicheren, ja schöneren Anblick, als den Professor denken zu sehen.

Moumouni …

… und die Schönheit Stellen Sie sich einen Mathematikprofessor vor. Er ist bärtig. Im wahrsten Sinne des Wortes: Er ist behaart wie ein Bär. Nur an seinem Hinterkopf, wo er fettige Strähnen zu einem Pferdeschwanz zusammenbindet, gibt es eine Stelle, die kreisrund und kahl ist. Der Professor ist gross und breit. Müsste man seinen Bauch beschreiben, würde man sich auf jeden Fall für das Wort «Plauze» entscheiden. Auch sie ist behaart. Das sieht man, wenn die Plauze ab und an unter dem zu kurzen T-Shirt hervorlugt. Am eindrücklichsten wirkt der Mathematikprofessor, wenn er gründlich nachdenkt. Dann sitzt er eingesunken auf seinem Stuhl. Und nichts sonst sitzt. Nicht die Hose (oft schaut seine Po-Ritze hervor), und nicht das über die Jahre zu eng gewordene Hemd. Die Füsse stecken in unsorgfältig gebundenen, abgewetzten Schuhen und die dicke 6

Brille rutscht, immer wieder schiebt er sie die riesige Nase hoch. Und dann, wenn er ganz in den Tiefen der Mathematik versunken ist, in Frieden und Pis zu einem seichten Algorithmus wippend am Ufer des transfiniten Vektorraums sitzt und den Tangenten beim Vorbeiwatscheln zusieht, oder der Unendlichkeit Tribut zollt und sich vor ihren Graphen verbeugt … dann kratzt er sich laut an seiner haarigen Plauze. Denkt nach und kratzt. Krr krrrzz krzz! Ich muss zugeben, dass ich weder weiss, wie die Zauberwelt genau aussieht, in die er da eintaucht, noch habe ich den Mathematikprofessor je selbst denken sehen. Nein, ich habe mir von einem seiner begeisterten Studenten über ihn erzählen lassen. Dieser sagte mir auch, er sei sich sicher, es gebe Menschen, die den Professor all den gesellschaftlich

Ich bin fasziniert. Was lerne ich daraus? Sicher irgendetwas Kitschiges über Schönheit. Ich habe aufgehört, den Bauch einzuziehen. Zumindest unterdrücke ich den Impuls dazu. Oder strecke den Bauch wieder heraus, wenn er doch wie ein salutierender Soldat zurückspringt. Ein Grund dafür ist, dass noch nie jemand zu mir gesagt hat: «He, hast du abgenommen?», wenn ich mit eingezogenem Bauch dastand. Daraus schliesse ich, dass mein Umfeld wohl meinen wahren Bauch kennt. Ein anderer Grund: Der Bauch war teuer. Warum also nicht auch zeigen? Ich muss zugeben, falls es irgendjemanden interessiert, ich habe ein wenig abgenommen im letzten Jahr. Ich weiss nicht, wie gut ich darin sein werde, meinen Bauch auszuführen, sobald er haarig und gross ist, denn das wird er eines Tages sein, da bin ich mir sicher. Ich wünsche mir, dass ich es mit einer ähnlichen Gleichgültigkeit tun werde wie der Mathematikprofessor. Denn immer schön im Sinne von hübsch zu sein, ist keine Lösung. Die Lösung ist eher: Du bist nicht hübsch? Du bist sicher irgendwie schön! Es ist ok, nicht zufrieden mit seinem äusseren Erscheinungsbild zu sein. Aber es ist besser, wenn es einfach keine Rolle spielt. Und das ist paradoxerweise dann auch wieder schön. Ich weiss nicht, ob sich das mathematisch beweisen lässt, aber vielleicht lässt es sich vom schönen Mathematikprofessor unterschreiben. Vielleicht ist es ihm auch egal. Auch schön.

FATIMA MOUMOUNI Hörte während des Schreibens den grossen Beyoncé-Hitsong «Flawless» in Dauerschleife und sang laut mit bei «I woke up like this».

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INFOGRAFIK: BODARA ; QUELLEN: BUNDESAMT FÜR SOZIALVERSICHERUNGEN (2018) UND BUNDESAMT FÜR STATISTIK (2018)

Die Sozialzahl

Sparen im Sozialstaat Wenn im Sozialstaat gespart wird, kann das zweierlei Folgen haben. Entweder gehen die Einsparungen direkt zulasten der Betroffenen und mindern deren Grundsicherung, oder es kommt zu einer Verschiebung der Lasten im System der sozialen Sicherheit. Das lässt sich exemplarisch am Beispiel der Reformen in der Invalidenversicherung zeigen. Wer als Person im erwerbsfähigen Alter auf Dauer keinen Zugang zum Arbeitsmarkt findet, hat zur Finanzierung des Lebensunterhalts je nach Situation Anspruch auf eine von zwei verschiedenen Sozialleistungen. Entweder bekommt man eine Rente der Invalidenversicherung (IV) und, wenn diese zur Existenzsicherung nicht reicht, noch zusätzlich Ergänzungsleistungen (EL). Oder man bezieht Sozialhilfe. In den Neunzigerjahren stieg die Zahl der Neurenten in der IV markant an und die Lücke zwischen den Einnahmen und Ausgaben wurde immer grösser. Die Sozialpolitik reagierte mit verschiedenen Massnahmen; sie verstärkte das Instrumentarium zur Reintegration, kürzte Leistungen und verschärfte die Praxis der Rentensprechung. Die Wirkung dieser Neuausrichtung der IV zeigt sich im Vergleich zwischen den Jahren 2005 und 2015. Die IV-Ausgaben sanken von 11,6 auf 9,3 Milliarden Franken und betrugen 2015 also 2,3 Milliarden Franken weniger als zehn Jahre zuvor. Im gleichen Zeitraum stiegen dafür die Aufwendungen für die EL zur Invalidenversicherung von 1,3 auf 2,0 Milliarden Franken und jene der Sozialhilfe von 1,8 auf 2,6 Milliarden Franken. Betrachtet man die IV, die EL zur IV und die Sozialhilfe als Ganzes, dann nahmen die Ausgaben im gleichen Zeitraum «nur» noch um rund 700 Millionen Franken ab. Das hat seine Gründe. Bezogen 2005 noch 29 Prozent der IV-Rentnerinnen und Rentner eine Ergänzungsleistung, sind es zehn Jahre später bereits 45 Prozent

mit weiter steigender Tendenz. Die Massnahmen in der IV, so muss vermutet werden, zwingen viele Betroffene in die EL oder in die Sozialhilfe – zum einen, weil für manche die IV-Renten nicht mehr existenzsichernd sind, zum anderen, weil die strikteren Abklärungen von Rentenansprüchen zu vermehrten Ablehnungen führen und dann nur noch der Weg zum Sozialdienst bleibt. Dort beobachtet man einen Anstieg von sozialhilfebeziehenden Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Die Verlagerung der Kosten zeigt sich auch in den unterschiedlichen Gewichten der drei sozialstaatlichen Massnahmen, wenn man diese auf die gesamten Ausgaben bezieht. So sank der Anteil der IV zwischen 2005 und 2015 von 79 auf 67 Prozent, während jener der EL zur IV von 9 auf 14 und jener der Sozialhilfe von 12 auf 19 Prozent anstieg. Die Entlastung der IV geht also zu einem guten Teil zulasten der Bedarfsleistungen, wie die EL und die Sozialhilfe genannt werden. Damit einher geht übrigens auch eine Verschiebung auf der Finanzierungsseite. Die IV wird über Lohnprozente finanziert, die EL und die Sozialhilfe über die Einkommenssteuern. Doch damit noch nicht genug. Diese Verlagerungen haben sozialpolitische Folgen. Denn der Anstieg der Ausgaben bei den Ergänzungsleistungen und der Sozialhilfe bleibt nicht unkommentiert. Die rasch geäusserten Sparappelle zeigen bereits Wirkung. In einer wachsenden Zahl von Kantonen werden Kürzungen bei der Sozialhilfe vorgenommen oder sind solche geplant. Auf Bundesebene wird aktuell bei den Ergänzungsleistungen gekürzt. Das Beispiel zeigt, wie sich die aktuelle Sozialpolitik selber die Argumente für den Sozialabbau schafft.

PROF. DR. CARLO KNÖPFEL ist Dozent am Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Ausgaben bei der IV, den EL zur IV und der Sozialhilfe, 2005 und 2015, in Millionen Franken und in Prozent 2005

2015

Sozialhilfe 1 755 Millarden CHF 12%

Sozialhilfe 2 619 Millarden CHF 19%

EL 1 286 Millarden CHF 9%

EL 2 004 Millarden CHF 14%

IV 11 561 Millarden CHF 79%

IV 9 304 Millarden CHF 67%

IV: Invalidenversicherung

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EL: Ergänzungsleistungen

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Immer zur Hand: Zuckerhaltige Getränke kosten an einigen Orten weniger als Wasser.

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«Wer Wasser kaufen will, muss lange suchen» Mexiko Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt den Ländern, Süssgetränke zu besteuern. Mexiko ist als erstes Land darauf eingestiegen, dank Konsumentenschützer Alejandro Calvillo. INTERVIEW SIMON JÄGGI

FOTOS JAMES WHITLOW DELANO

USA

MEXIKO

Die simple Frage «Würden Sie Ihrem Kind zwölf Löffel Zucker geben?» sollte den Menschen klarmachen, dass sich in einer Flasche Cola oder Fanta mindestens zwölf Kaffeelöffel reiner Zucker befinden. Es hat funktioniert: Mit seiner Aufklärungskampagne ebnete Alejandro Calvillo den Weg zu einer nationalen Zuckersteuer in Mexiko. Ein Gespräch mit dem Mann, der die Diskussion über Zucker weltweit ins Rollen brachte. Herr Calvillo, seit zehn Jahren kämpfen Sie gegen Übergewicht, Diabetes und den Einfluss der Süssgetränkeindustrie. Weshalb? Fettleibigkeit ist eines der grössten Gesundheitsprobleme in Mexiko. In keinem anderen Land nahmen die Fälle von Übergewicht bei Kindern und Diabetes schneller zu als in Mexiko. Innerhalb von 15 Jahren hatte sich die Zahl von Menschen, die an Diabetes starben, verdoppelt: von rund 50 000 im Jahr 2000 auf 100 000 im Jahr 2015. Die Zahl übergewichtiger Kinder wuchs stärker als in jedem anderen Land. Als meine Frau und ich vor zehn Jahren unsere Konsumentenschutzorganisation gründeten, war klar, dass wir uns auf dieses Thema fokussieren müssen. Wo sehen Sie die Ursachen für die plötzliche Zunahme der gesundheitlichen Probleme? Surprise 424/18

Die offiziellen Daten zeigen vor allem eines: Der Konsum von Früchten und Gemüse ist stark zurückgegangen, während der Konsum von industriell verarbeiteten Lebensmitteln und insbesondere Süssgetränken stark zugenommen hat. Heute trinkt jede Mexikanerin, jeder Mexikaner pro Jahr im Schnitt 163 Liter Süssgetränke. Das ist viel mehr als in jedem anderen Land der Welt, 30 Prozent mehr als in den USA. Wie kam es zu diesem Rekord? Erdbeben führten immer wieder zur Zerstörung von Wasserreservaten, die Wasserqualität in den Grossstädten nahm ab, und vor 20 Jahren kam es zu einer Cholera-Epidemie. Das schadete dem Image von Trinkwasser. Hinzu kam der enorme Einfluss der grossen Getränkefirmen wie PepsiCo und Coca-Cola. Einfluss worauf? Der frühere Präsident Vicente Fox leitete lange Zeit, bevor er im Jahr 2000 sein Amt antrat, die Geschäfte von Coca-Cola in Lateinamerika. Während Fox’ Amtszeit wurde Coca-Cola in Mexiko zum Marktführer, steigerte den Umsatz um fast 50 Prozent und erhielt unbeschränkte Wassernutzungsrechte für das Land. Auf Fox folgte Präsident Felipe Calderón, der eine sehr enge Beziehung zum Coca-Cola-Konkurrenten PepsiCo pflegte. Aber auch Femsa, Coca-Colas weltweit grösster Flaschenab-

füller, spielt eine wichtige Rolle. Diese Unternehmen üben einen starken Einfluss auf die mexikanische Politik aus. Als unser Gesundheitsminister vor einigen Jahren eine Gesundheitsbehörde ins Leben rief, die angeblich zum Ziel haben sollte, die Fettleibigkeit zu bekämpfen, besetzte er die Hälfte aller Sitze im Aufsichtsrat mit Vertretern aus der Industrie. Welche Chancen haben Sie und Ihre Frau sich ausgerechnet, etwas bewirken zu können, als Sie vor zehn Jahren eine Konsumentenschutzorganisation gründeten? Ich hatte zuvor zwölf Jahre lang Kampagnen für Greenpeace geleitet. Das war eine gute Voraussetzung. Hinzu kam, dass in Teilen der Gesellschaft und der Regierung ein Konsens darüber bestand, dass sich etwas ändern müsse. Unser erstes Ziel war es, ein Bewusstsein in die Bevölkerung zu tragen. Damals waren der Zuckerkonsum und die damit verbundenen gesundheitlichen Probleme in der Öffentlichkeit nur am Rande ein Thema. Heute sprechen alle in Mexiko über Übergewicht und Diabetes. Wie haben Sie eine derart grosse Kampagne finanziert? Von Beginn weg versuchten wir Gelder von Stiftungen zu erhalten, aber in allen Stiftungsräten in Mexiko ist auch die Industrie vertreten. Sie wehrten sich gegen eine 9


BILD: CHRISTOPH ENGELI/MEDICUS MUNDI SCHWEIZ

Alejandro Calvillo

Alejandro Calvillo ist ein mexikanischer Konsumentenschützer und Gesundheitsaktivist. Er ist Mitbegründer von Greenpeace Mexiko und arbeitet dort unter anderem als Kampagnenleiter. 2006 gründete er die Konsumentenschutzorganisation «El Poder del Consumidor – Consumer Power». Auf Einladung des Netzwerks Medicus Mundi Schweiz nahm Cavillo kürzlich an einem Kongress in der Schweiz teil.

Unterstützung unserer Organisation. Dazu muss man wissen, dass alle Unternehmen in Mexiko im nationalen Wirtschaftsrat sitzen, sich dort austauschen und gemeinsam an einem Strick ziehen. Wir verlagerten unsere Suche nach Geldgebern also früh über die Landesgrenzen hinaus. Wir erhielten Mittel von einer deutschen Stiftung, von Oxfam, und schliesslich sagte uns die Bloomberg Philanthropies Foundation ihre Unterstützung zu. Damit konnten wir schliesslich eine grosse Kampagne in den Städten lancieren. Im Raum von Mexico-City erschienen unsere Botschaften auf riesigen Plakatwänden, in Bussen und in der U-Bahn, an Orten, wo wir Millionen von Menschen erreichten. Wir hatten plötzlich Mittel in einer Höhe, mit der wir nie gerechnet hatten. Im Vergleich zu den Marketing-Budgets der Industrie waren unsere Mittel immer noch sehr bescheiden. Dennoch konnten wir damit etwas bewirken. Die privaten Fernsehstationen jedoch lehnten es ab, Ihre Clips zu zeigen. Weshalb?

Die Sender hängen stark von der Industrie ab und wollten kein Risiko eingehen. Wir mussten also auf Videokanäle im Internet ausweichen. Früh stellten Sie die Forderung nach einer nationalen Steuer auf Süssgetränke. Weshalb glauben Sie, dass so eine Steuer das beste Mittel gegen Übergewicht und Fettleibigkeit ist? Knapp Dreiviertel des künstlich zugefügten Zuckers konsumierten die Mexikanerinnen und Mexikaner in Form von Süssgetränken. Wollten wir also etwas gegen die daraus resultierenden Gesundheitsprobleme unternehmen, mussten wir diesen Konsum reduzieren. Interne Dokumente von CocaCola zeigen, dass die Süssgetränkehersteller keine andere Massnahme stärker fürchten als die Einführung solcher Steuern. Sollten die Konsumenten nicht selber entscheiden können, was sie essen und trinken wollen? Die Frage ist, ob der Zugang zu gesunden Lebensmitteln überhaupt gewährleistet

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Jakob Lena Knebl, Chesterfield, 2014 (Detail), Courtesy of Jakob Lena Knebl Faltenrockharnisch, um 1526 (Detail), Kunsthistorisches Museum Wien, Hofjagd- und Rüstkammer William Larkin, Portrait of Diana Cecil, later CountessSurprise of Oxford, um 1614–1618 (Detail), 424/18 English Heritage, The Iveagh Bequest (Kenwood, London)


ist. In Mexiko war und ist das bis heute nicht ausreichend der Fall. Und es ist die Aufgabe des Staates, die dafür notwendigen Bedingungen zu schaffen. Denn die öffentliche Gesundheit ist nicht allein Privatsache. Es liegt in der Verantwortung des Staates, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen. 2013 beschloss das Parlament schliesslich die Einführung einer Steuer auf Süssgetränke. Es war weltweit die erste sogenannte Zuckersteuer. Wie haben Sie das Parlament überzeugt? Entscheidend war die Unterstützung der Regierung. Diese wollte die Staatseinnahmen erhöhen, zugleich konnte sie mit der Steuer die Forderungen von grossen Teilen der Gesellschaft und von Gesundheitsorganisationen erfüllen. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns mit vielen weiteren Interessenorganisationen zu einer Allianz für gesunde Lebensmittel zusammengeschlossen. Schliesslich erfolgte die Einführung der Steuer als Teil einer breit angelegten Steuerreform. Gleichzeitig mit der Steuererhöhung führte der Staat ein nationales Programm ein mit dem Ziel, alle Schulen mit Trinkwasserbrunnen zu versorgen. Bisher wurden 11 000 solche Brunnen installiert, bis Ende des kommenden Jahres sollen es 40 000 sein. Der Konsum von Süssgetränken ist seit der Einführung um rund zehn Prozent gesunken. Eine internationale Studie prognostiziert Mexiko zudem Einsparungen im Gesundheitsbereich von 900 Millionen Dollar als Folge der Süssgetränkesteuer. Vor einigen Monaten wurde bekannt, dass Sie Opfer eines Hackerangriffs geworden sind. Eine Spähsoftware namens Pegasus war auf meinem Handy installiert worden. Ausser mir waren Befürworter der Zuckersteuer aus der Politik und ein Journalist betroffen. Wir liessen das Programm von einer Universität in Toronto analysieren. Dabei stellte sich heraus, dass es von einem Unternehmen in Israel stammt. Dieses teilte uns mit, es verkaufe das Programm nur an Regierungen, die damit gegen Kriminelle und Terroristen ermitteln würden.

Indigene sind überdurchschnittlich stark von Armut und Mangelernährung betroffen.

Gesundheitskampagne: In einer Primarschule werden kostenlose Blutzucker-Tests durchgeführt.

Der Bevölkerung wird ein gesunder Lebensstil vermittelt: Messung des Körperfetts.

Zu wenig Bewegung in Kombination mit zu viel Zucker: Schuhverkäuferin in Oaxaca.

Und nun glauben Sie, die mexikanische Regierung stecke dahinter? Wir selber arbeiten mit der Regierung sehr gut zusammen. Aber innerhalb des Staates Surprise 424/18

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Amerikanische Supermarktketten bieten billige Produkte mit viel Zucker.

Seit dem Freihandelsabkommen NAFTA von 1994 kriselt die lokale Landwirtschaft.

Schweizer essen 30 Stück Würfelzucker pro Tag Pro Tag nimmt ein Durchschnittsschweizer rund 120 Gramm Zucker zu sich. 30 Stück Zucker pro Tag, über 43 Kilo im Jahr. Als gesund gelten laut Weltgesundheitsorganisation WHO maximal 50 Gramm täglich. Das Hauptproblem ist der Zucker, den wir Menschen kaum wahrnehmen. Zugefügter Zucker versteckt sich in Ketchup, Joghurt oder Instant-Suppen. Mit 180 Gramm Joghurt nimmt man bereits ein Drittel der empfohlenen täglichen Zuckerration zu sich. In einer Vereinbarung mit dem Bundesrat haben sich etliche Hersteller 2015 verpflichtet, die Rezeptur von Joghurts und Müesli schrittweise anzupassen. Bundesrat Alain Berset hat 2015 zehn Nahrungsmittelkonzerne wie Coop, Emmi, Migros und Nestlé dazu bewegt, ihren Produkten weniger Zucker beizumischen. Seither sind weitere Firmen wie Aldi, Danone, Kellogg und Lidl dazugestossen. Sie alle wollen bis Ende dieses Jahres den Zuckergehalt von Joghurts und Müesli deutlich senken. Derzeit enthalten Joghurts im Schnitt rund 9 Prozent, Müesli etwa 17 Prozent zugesetzten Zucker. Nicht allen geht das freiwillige Engagement der Industrie weit genug. Der Kanton Neuenburg hatte eine Standesinitiative eingereicht, die eine Zuckersteuer fordert. Im Kanton Waadt machte die Regierung den Vorschlag, speziell Süssgetränke mit 30 Rappen pro Liter zu besteuern. Anfang Jahr haben beide Vorstösse eine Niederlage erlitten. Die Gesundheitskommission des Ständerates stimmte ohne Gegenstimme gegen den Vorschlag aus Neuenburg. Und auch im Kanton Waadt wurden die geforderten 30 Rappen abgeschmettert. Gleichzeitig subventioniert der Bund die Zuckerproduktion, indem er den Anbau von Zuckerrüben mit 200 Millionen Franken im Jahr unterstützt. SIM

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Magere Ernte: Bohnen von einem ausgetrockneten Feld im Bundesstaat Oaxaca.

gibt es Mitarbeiter, die andere Interessen verfolgen und mit der Industrie zusammenspannen. Ist Mexiko in dieser Hinsicht ein Einzelfall? Wir erleben in ganz Lateinamerika, dass die Industrie über viel Macht und Einfluss verfügt und einzelne Unternehmen mehr Vermögen besitzen als ganze Länder. Die Strategien sind immer ähnliche. Mitarbeiter der Industrie wechseln in die Politik, sie kaufen Wissenschaftler oder bestechen Regierungsmitarbeiter. Die Tabakindustrie hat gezeigt, wie das geht. Es sind die ehemaligen Lobbyisten der Tabakindustrie, welche nun in Mexiko für die Süssgetränkehersteller arbeiten. In der Schweiz beträgt der Zuckerkonsum pro Kopf und Jahr 43 Kilo. Das ist mehr als in jedem anderen Land Europas und mehr als in Mexiko. Dennoch sind die Surprise 424/18


Auf dem Land gehört vielfältiges Gemüse zu jeder Mahlzeit.

Traditionell gibt es «tomatillos», Jalapeños und Bohnen zum Mittag.

«Jede Mexikanerin, jeder Mexikaner trinkt pro Jahr im Schnitt 163 Liter Süssgetränke. Das sind 30 Prozent mehr als in den USA.»

Surprise 424/18

Fallzahlen von Übergewicht und Diabetes in der Schweiz vergleichsweise tief. Wie erklären Sie sich das? Die gesundheitlichen Auswirkungen von Zucker hängen stark davon ab, in welcher Form wir ihn konsumieren. Befindet sich der Zucker in Getränken, erhöht sich das Risiko für Fettleibigkeit, Diabetes Typ 2 und andere Krankheiten. In Mexiko stieg der Konsum von Süssgetränken zwischen 1984 bis 1998 um 40 Prozent. Zudem ist die indigene Bevölkerung genetisch anfälliger für Diabetes. Werden weitere Länder dem Beispiel Mexikos folgen? Es kommt etwas in Bewegung. San Francisco, Philadelphia, Colorado – allein in den USA haben in den letzten Jahren ein Dutzend Orte eine Steuer auf Süssgetränke eingeführt. Auch Länder wie Portugal, Estland, Frankreich und Grossbritannien haben eine Steuer eingeführt, Indien und

Südafrika haben es demnächst vor. Allerdings muss diese immer Teil einer grösseren Strategie sein. Dazu gehört eine stärkere Regulierung der Marketingaktivitäten der zuckerverarbeitenden Industrie, des Nahrungsangebots in Schulen, des Trinkwasserangebots. Kommt das alles zusammen, gibt es einen Wandel. Was ist Ihr Ziel? Wir wollen eine nationale Strategie, die einen einfachen Zugang zu gesunden Lebensmitteln ermöglicht. Heute sind bei uns gerade jene Produkte am einfachsten zugänglich, die am ungesündesten sind. In Mexiko gibt es rund 1,5 Millionen Verkaufsstellen für Süssgetränke und JunkFood. Wer aber frisches Gemüse oder Trinkwasser kaufen möchte, muss unter Umständen lange suchen. Wir produzieren in Mexiko zwar sehr hochwertiges Gemüse und Früchte, diese werden jedoch fast alle in die USA exportiert. 13


Bildung gegen Kalorien Gesundheit Immer mehr Menschen wiegen zu viel. Wissenschaftliche Untersuchungen

zeigen, dass vor allem sozial Schwächere betroffen sind.

Als der Holländer Peter Paul Rubens vor der Aufgabe stand, ein Sinnbild für die weibliche Schönheit zu entwerfen, meinte er es nicht zu knapp mit den Fettpölsterchen. Grosszügig zeichnete er die Umrisse der Venus und versah die Liebesgöttin mit vollen Schenkeln, grossem Po und weichem Bauch. Denn im 17. Jahrhundert galten zusätzliche Kilos als Zeichen für eine reiche Ernte, für Wohlstand und Schönheit. Übergewicht war im Barockzeitalter und lange darüber hinaus «en vogue». Über die Jahrhunderte hat sich das Schönheitsideal verändert. Der Zeitgeist verlangt in unseren Breitengraden einen schlanken und straffen Körper. Statt dass Übergewichtige grossformatig porträtiert werden, haben sie mit handfesten Nachteilen zu kämpfen. Heute weiss man auch: Übergewicht ist ungesund. Zu viele Kilos auf den Knochen können zu einer frühzeitigen Verengung der Gefässe führen, was die Blutzufuhr zum Herz und Hirn erschwert. Dies wiederum vergrössert das Risiko auf einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Auch Diabetes Typ 2 sowie gewisse Krebsarten treten bei Übergewichtigen häufiger auf. Trotzdem nimmt die Anzahl übergewichtiger Menschen seit Mitte des 20. Jahrhunderts zu. Der Wohlstand und die ständige Verfügbarkeit von günstiger Nahrung verleitet uns zur Aufnahme von Kalorien; immer mehr Büroarbeit und Technologie – wir fahren Auto und nehmen den Lift – zu weniger Bewegung. In der Schweiz sind heute rund 40 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen übergewichtig; knapp jeder zehnte in der Schweiz gilt als adipös. Von Übergewicht spricht man bei einem BodyMass-Index (BMI) zwischen 25 und 30, von Adipositas ab einem BMI über 30. Dabei ist Übergewicht in der Gesellschaft sehr ungleich verteilt. Diverse Untersuchungen zeigen: Sozial Schwächere sind überdurchschnittlich oft zu dick. David Fäh, Ernährungswissenschaftler und Forscher an der Universität Zürich mit Schwerpunkt nicht-übertragbare Krankheiten, hat den Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status – also Faktoren wie Einkommen und Bildung – und Übergewicht mittels mehrerer Studien bestätigt. «Die Ungleichheit der Bevölkerung zeigt sich beim Übergewicht deutlich, dort ist sie sogar messbar», sagt er. Grundsätzlich kommt es zu Übergewicht, wenn die Energiezufuhr den Energieverbrauch des Körpers über längere Zeit übersteigt – wenn

wir also mehr Kalorien zu uns nehmen, als wir benötigen. Zwar haben die Gene einen Einfluss, allerdings wird nicht Übergewicht selbst vererbt, sondern lediglich die Veranlagung dazu, dass sich zu viele Kalorien in Fettpölsterchen niederschlagen. Das heisst, dass auch Menschen mit einer genetischen Disposition die Möglichkeit haben, ihr Normalgewicht zu halten. Eltern geben aber nicht nur ihre Gene weiter, sondern auch ihre Werthaltungen. Anders gesagt: Wie sie sich ernähren, wie ausgiebig sie sich bewegen oder an welchen Körperidealen sie sich orientieren, lernen Kinder vor allem im Elternhaus. Fäh konnte anhand von Daten der Stadt Zürich zeigen, dass Übergewicht oder Fettleibigkeit in der Regel schon vor Schuleintritt entstehen und über die ganze Kindheit hinweg behalten werden. Er verglich das Gewicht der Schüler bei Schuleintritt mit 6 und beim Austritt mit 14 Jahren. Das Resultat: Die allermeisten Kinder blieben in ihrer Gewichtsklasse. Nur jedes zehnte Schulkind rutschte in eine höhere Kategorie und gar nur 3 Prozent aller Kinder in eine tiefere. Ob jemand übergewichtig wird, entscheidet sich also schon in einem sehr jungen Alter. Fähs Fazit: «Übergewicht wird sozial vererbt.» Warum bestimmt die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe, ob jemand übergewichtig wird? Diese Frage hat die Wissenschaft bis anhin nicht restlos klären können. Naheliegend ist die Vermutung, dass es mit dem Geld zu tun hat, das uns zur Verfügung steht. Einerseits kann es kosten, sich zu bewegen: das Abo im Fitnesscenter oder ein neuer Tennisschläger. Anderseits kauft man sich günstige Lebensmittel, und die sind in der Regel ungesund und energiedicht. Allerdings: Leitungswasser ist quasi umsonst, trotzdem kaufen gerade Menschen mit tiefem Einkommen besonders viele Süssgetränke. Weniger Bildung, mehr Übergewicht Fähs Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass ein anderer Faktor entscheidender ist: Bildung. «Menschen, die nur die Grundschule besuchen, haben eine mindestens drei Mal so hohe Wahrscheinlichkeit, adipös zu sein als solche mit einem Hochschulabschluss», sagt Fäh. Dasselbe konnte er auch für Kinder nachweisen: Solche von weniger gebildeten Eltern waren dreimal häufiger übergewichtig, und zwar unabhängig von anderen Faktoren wie Herkunft und Kultur. Zwar hatte das Einkommen auch in Fähs Forschung einen Einfluss auf das Übergewicht. Das ist damit zu erklären, dass Bildung und Einkommen stark korrelieren. Einen entscheidenden Einfluss auf unser Gewicht hat also das Bewusstsein für einen gesunden Lebensstil. Welche Massnahmen lassen sich nun aufgrund dieser Erkenntnisse für den Kampf gegen Übergewicht und Fettleibigkeit ableiten? Für Fäh wäre es am wirkungsvollsten, wenn der Staat ein gutes, freies und möglichst durchlässiges Bildungssystem zur

«Die Ungleichheit der Bevölkerung zeigt sich beim Übergewicht deutlich, dort ist sie sogar messbar.» ERNÄHRUNGSWISSENSCHAF TLER DAVID FÄH

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Verfügung stellte. Weil dies ein allzu idealistisch formuliertes Ziel ist, braucht es für den Kampf gegen die Zivilisationskrankheit auch pragmatischere Strategien. Dabei sollte der Fokus auf die Hersteller und nicht auf die Konsumenten gerichtet werden. Das heisst, es müsste dafür gesorgt werden, dass uns gesündere Produkte vorgesetzt werden, statt dass von staatlicher Seite versucht wird, unser Verhalten zu ändern. Denn eine Erkenntnis, die sich direkt aus der Forschung ableiten lässt: Aufklärungs- und Informationskampagnen führen nicht direkt zu gesünderem Essverhalten oder zu mehr Bewegung. «Die bildungsfernen Schichten, die davon profitieren würden, erreicht man damit nicht», sagt Fäh. Eine mögliche Lösung zur Bekämpfung von Fettleibigkeit ist deshalb die Reduktion von Zucker in Lebensmitteln. Zucker liefert haufenweise «leere Kalorien», aber keine weiteren Nährwerte. Zuckerhaltige Süssgetränke führen zu einem Kalorienüberschuss, wirken aber nicht sättigend. Über die Rezeptur lässt sich der Zuckergehalt allerdings leicht regulieren. Zucker und Salz sind Gewöhnungssache Ob eine Zuckersteuer (siehe Interview S. 8) wirklich eine effiziente Massnahme ist, um unseren Zuckerkonsum zu reduzieren, sieht Ernährungswissenschaftler Fäh skeptisch. Seiner Meinung nach würde die Steuer nur zusammen mit einer Subvention für gesunde Lebensmittel, etwa für Früchte und Gemüse, greifen. Es

gibt noch eine Alternative zur Besteuerung. Aufgrund des immer stärker werdenden Drucks von Konsumenten und Politik werden Hersteller dazu angehalten, den Zuckergehalt von einzelnen Produkten freiwillig zu reduzieren (siehe Box S. 12). Dass diese Massnahme wirke, zeige sich daran, dass der Salzgehalt beim Brot seit rund zehn Jahren kontinuierlich reduziert werde und es dennoch keinen Aufschrei vonseiten der Konsumenten gegeben habe, so Fäh. «Wir gewöhnen uns schnell an einen geringeren Salz- oder Zuckergehalt.» Aus diesem Grund müssten die freiwilligen Vereinbarungen auf andere Produkte, allen voran Süssgetränke, ausgedehnt werden. Fäh schwebt eine weitere Lösung vor, wie der Kampf gegen Übergewicht vorangetrieben werden könnte. «Sowohl die Werbung als auch Verpackungen stellen Produkte oft gesünder dar, als sie es tatsächlich sind», sagt Fäh. So werden Produkte irreführend als «zuckerfrei» oder mit Slogans wie «gesundes Naschen» oder «extra Portion Milch» angepriesen und mit Bildern von Früchten, Nüssen oder Milch versehen, obwohl höchstens Spuren davon enthalten sind. Entsprechend schwierig werde es für Konsumenten, im Label-Dschungel den Überblick zu behalten und die Werbetricks der Lebensmittelindustrie zu durchschauen. Aus diesem Grund fordert Fäh strengere Richtlinien zur Kennzeichnung und Bewerbung von Produkten. «Die Hersteller sollten beim Food-Labeling zu mehr Transparenz und Ehrlichkeit gezwungen werden», sagt er. ANDRES EBERHARD

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Gatwich flüchtete vor einem Jahr nach Uganda. Nun lebt er 50 Meter von denen entfernt, die er zuvor bekämpft hat.

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Der Mörder von nebenan Südsudan Drei Jahre hat Gatwich im südsudanesischen Bürgerkrieg gekämpft – heute lebt er als Flüchtling in Uganda. Seine Nachbarn? Hätte er damals erschossen. TEXT BARTHOLOMÄUS VON LAFFERT

FOTOS MORITZ RICHTER

SUDAN

ÄTHIOPIEN

SÜDSUDAN ZENTRALAFRIKANISCHE REPUBLIK

Bor Juba

DEMOKRATISCHE REPUBLIK KONGO

An einem warmen Sonntagmorgen steht ein Priester in einem bröseligen Lehmbau und liest Gatwich Ganys Lieblingstext. Es ist kurz vor 9 Uhr in der ugandischen Flüchtlingssiedlung und der 20-Jährige hat sich chic gemacht, die Löcher in seinem weiss-schwarzen Kurzarmhemd gestopft, die Haare mit einer alten Kratzbürste zurechtgekämmt. «Unterwegs aber, als er sich bereits Damaskus näherte, geschah es, dass ihn plötzlich ein Licht vom Himmel umstrahlte. Er stürzte zu Boden und hörte, wie eine Stimme zu ihm sagte: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Er antwortete: Wer bist du, Herr?», liest der Priester. «Ich bin Jesus, den du verfolgst», flüstert Gatwich. Gatwich kann den Text in- und auswendig, so wie andere Menschen ihr Lieblingslied. Morgensonne fällt durch die Holzstäbe in den finsteren Lehmbau. Erleuchtet die Narben auf Gatwichs Stirn: sechs Streifen, waagrecht, paralSurprise 424/18

UGANDA

KENIA

lel, kleinfingerbreiter Abstand, das Stammeszeichen der Nuer. Einmal will Gatwich selbst so werden wie der Saulus zum Paulus. Vom Massenmörder zum Missionar. Gatwich ist einer von 2,4 Millionen Flüchtlingen, die vor dem Bürgerkrieg im Südsudan ins Ausland geflohen sind. Es ist die grösste grenzüberschreitende Fluchtbewegung in Zentralafrika seit dem Völkermord in Ruanda 1994. Allein das bitterarme Uganda hat mehr als eine Millionen Südsudanesen aufgenommen, jeden Tag kommen Hunderte mehr über die Grenze. Von Weitem sieht es aus, als hätte jemand willkürlich Lehmhütten und Plastikplanenverschläge in die karge Landschaft gesiebt. Hier leben Menschen, die sich auf der anderen Seite der Grenze gegenseitig bekämpfen. Angehörige der zwei grössten Stämme des Südsudan, Dinka und Nuer. Täter und Opfer. Seite an Seite. Wie eine sandige Narbe verläuft der Trampelpfad durch die Siedlung Obodu, in der Gatwich lebt. 17


In der Siedlung Obodu wohnen heute Täter und Opfer des südsudanesischen Bürgerkriegs. Gatwich zeichnet mit dem Übersetzer die Marschroute der «White Army» nach.

Der Eingang der Kirche der Dinka. Auch die Nuer haben eine Kirche in der Siedlung. Trinkwasserkanister für die Flüchtlinge.

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Links und rechts davon Lehmhütten mit Dächern aus Stroh. Vor dem Brunnen sind in zwei parallel verlaufenden Linien gelbe Wasserkanister aufgereiht: links die der Nuer-Frauen, rechts die der Dinka, separiert wie die Flüchtlinge im Camp. Wer die Menschen länger beobachtet, stellt fest, dass kaum jemand die unsichtbare Grenze je überschreitet. «Weil sie sich hassen», sagt Gatwich. «Weil sie Angst haben», sagt Ayen. Die 15-Jährige steht gebückt in der kleinen Lehmhütte. Ihr oranges Sonntagskleid hat sie getauscht gegen das ärmellose rote Sportshirt. «Weisst du», sagt Ayen, «manchmal denke ich, sie hätten mich auch einfach umbriwngen sollen. Was hat ein ängstliches Mädchen wie ich allein in dieser Welt zu suchen?» Sie hat einen Blechtopf auf das offene Feuer gestellt, darin rote Bohnen. Draussen haben die anderen Dinka-Mädchen, mit denen sie zusammenlebt, die blauen Plastikstühle zu einem Kreis zusammengeschoben. «Meine neue Familie», sagt Ayen, nickt in die Runde, giesst Bohnensuppe in die Blechschüsseln. Die alte gibt es nicht mehr. Dinka first, dann die Nuer Wie viele Todesopfer der Bürgerkrieg im Südsudan bislang gefordert hat, kann niemand mehr sagen. 50 000 waren es bei den letzten Schätzungen der Beobachter der Vereinten Nationen im Frühjahr 2016. Sieben Millionen der zwölf Millionen Einwohner Südsudans sind nach Angaben der amerikanischen Hilfsorganisation USAID auf humanitäre Hilfe angewiesen. Ayens Vater hatte es von Anfang an gewusst. «Traue niemals den Männern mit den sechs Streifen auf der Stirn!», hatte er seine Kinder immer gewarnt, die zwei Söhne, die kleine Tochter. Damals lebte die Familie in Bor, der Hauptstadt des südsudanesischen Bundesstaates Jonglei am Weissen Nil. Seit Ayen sich erinnern kann, hatte sich der Vater gegen die fremden Männer vom Stamm der Murle und vom Stamm der Nuer zur Wehr gesetzt, die kamen und versuchten, die Kühe zu stehlen und ihre Verwandten zu töten. Ganz getraut hatte der Vater dem Gerede von Nation und Demokratie daher nie, trotzdem hatte auch er sich gefreut, als der Südsudan im Juli 2011 unabhängig wurde, jüngster Staat der Welt. Nach 50 Jahren Krieg mit dem Norden und 1,5 Millionen Toten. Wie 98 Prozent der Südsudanesen hatte er für die Abspaltung von Khartum gestimmt. Als am 15. Dezember in Juba der Krieg ausbricht, ist Ayen 11 Jahre alt. Von Politik weiss sie damals noch nichts, nur dass der Präsident Salva Kiir ein Dinka ist wie sie und der Vize-Präsident Riek Machar, den alle nur Dr. Riek nennen, ein Nuer. Müsste sie den Konflikt in einem Satz beschreiben, würde er lauten: Zwei Dickköpfe streiten um die Macht, und ihre Stammesangehörigen bezahlen dafür mit dem Leben. Ab 2002 hatten die beiden Generäle der sudanesischen Volksbefreiungsbewegung SPLM Seite an Seite gegen das sudanesische Regime gekämpft. Als 2005 SPLM-Gründer John Garang, ein Dinka, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, wurde Salva Kiir zum neuen Chef der SPLM. Als die SPLM 2011 von der Rebellenbewegung zur Staatspartei wurde, wurde Salva Kiir der erste Surprise 424/18


«Manchmal denke ich, sie hätten mich auch einfach umbringen sollen. Was hat ein ängstliches Mädchen wie ich allein in dieser Welt zu suchen?» AYEN

Präsident, Machar sein unzufriedener Vize. Für viele Südsudanesen das deutliche Signal: Dinka first, dann die Nuer, und dann der ganze Rest. Aus Kuhhirten werden Kindersoldaten Der Krieg beginnt als Schiesserei zwischen den Wachmännern des Präsidenten. Kiir versucht die Schiesserei als Putschveruch der Nuer zu inszenieren. Als Folge ziehen in den darauffolgenden Tagen Dinka-Soldaten durch die Stadt und töten in pogromartigen Ausschreitungen etwa 600 Nuer. In den darauffolgenden Stunden verteilt sich die Nachricht im ganzen Land, Nuer-Soldaten desertieren, laufen über zu der von Riek Machar ausgerufenen SPLA-IO, der Sudanesischen Befreiungsfront in Opposition. Es ist nicht länger ein parteiinterner Konflikt zwischen Salva Kiir und Dr. Riek, sondern ein Bürgerkrieg Surprise 424/18

zwischen den zwei grössten Stämmen: Dinka und Nuer. Als er ausbricht, ist Gatwich, der Nuer-Junge, 16 Jahre alt. Im Fernsehen spricht Salva Kiir von einem Putschversuch der Nuer-Soldaten, am Telefon erzählen seine Verwandten aus Juba Horrorgeschichten: von Dinka, die durch die Strassen marschierten und alle Männer ermordeten, die ihren Gruss nicht erwiderten. Die Frauen vergewaltigten. Die Überlebende zwangen, ihre ermordeten Stammesangehörigen zu grillen und zu essen. Seit Gatwich denken kann, hat ihn der Vater, ein Viehzüchter, mit den Brüdern und den Cousins zum Kühe hüten auf die Weide geschickt. Anfangs mit einer Gerte, später, als er alt genug war, zehn, elf Jahre vielleicht, haben sie ihm stattdessen eine Kalaschnikow umgehängt. Als die Nachrichten aus Juba eintreffen, rufen die Dorfältesten die Jugendlichen zusammen, Gatwich ist dabei. Schwören sie darauf ein, sich der 19


Gatwich beim Fussballspiel mit Kollegen.

Die Narben auf Gatwichs Arm zeugen vom Krieg.

Ayen besucht mit ihren Freundinnen den Gottestdienst in der Kirche der Dinka.

«White Army» anzuschliessen, einer Nuer-Selbstverteidigungsmiliz, gegründet schon 1991. Aus Kuhhirten werden Kindersoldaten. Einfach so, tschick-tschack Gatwich sitzt im Halbdunkeln einer der Lehmhütten in der ugandischen Flüchtlingssiedlung. Draussen ist es ungemütlich heiss, 40 Grad fast, drinnen angenehm kühl. Vor ihm auf dem Boden liegt eine Landkarte, «Sudan and South Sudan», die die Reporter aus Deutschland mitgebracht haben. Gatwich guckt unschlüssig, versteht nicht die Linien, nicht die Zeichen, lesen hat er nie gelernt. «Yarkwaich?», fragt Gatwich, der Übersetzer deutet auf einen kleinen Punkt auf der Karte. «Faddoi? Bura?» Mit zittriger Hand verbindet Gatwich die Orte auf der Karte, zeichnet die Marschroute der Weissen Armee nach. Kämpfen, plündern, weiterziehen. 20

Kaum eine Stadt hat in der jüngeren Geschichte des Südsudan eine grössere Rolle gespielt als Bor. 1983 war der sudanesische General John Garang, ein Dinka, mit seinen Soldaten, einer von ihnen Riek Machar, desertiert, hatte die Sudanesische Volksbefreiungsfront SPLM gegründet, den Grundstein gelegt für das, was heute die Republik Südsudan ist. 1991 hatte sich Riek Machar zum ersten Mal mit seinen Gefolgsleuten von John Garang und der SPLM abgespalten, sie hatten Bor angegriffen. 2000 Dinka wurden dabei ermordet. Bor ist die erste grosse Stadt, die Riek Machars Opposition einnimmt am 19. Dezember 2013. Am Heiligen Abend 2013 verkündet der Chef des sudanesischen Militärs die Rückeroberung, vier Tage später ruft Ayens Vater seine Kinder zu sich. Die Nuer stünden vor der Stadt, hatte er gehört. 25 000 sollten es sein. Was die Waffen angeht, ist die südsudanesische Armee den schlecht ausgerüsteten Jugendlichen haushoch überlegen. Surprise 424/18


Kaum jemand überschreitet je die unsichtbare Grenze im Flüchtlingscamp. «Weil sie sich hassen», sagt Gatwich. «Weil sie Angst haben», sagt Ayen.

«Manche von uns hatten AK-47-Gewehre, manche nur Messer und Speere, manche hatten nicht mal Schuhe», sagt Gatwich. «Aber wir wollten sie ausrotten. Als wir in die Stadt rein sind, haben wir jeden erschossen, den wir gefunden haben.» Gatwichs Augen glitzern, gruseliges Grinsen im lammfrommen Jungengesicht. «Jeden mit Krähenfüssen auf der Stirn», sagt Gatwich, so nennen sie die Stammeszeichen der Dinka, vier Narben, die strahlenförmig von der Stirnmitte nach hinten laufen. «Einfach so», sagt er, reckt die linke Faust nach vorne, bedient mit der rechten einen imaginären Hebel. Er schnalzt mit den Wangen. Tschick-tschack. Als es Bumm macht, ist Ayen beim Brunnen. Der Vater hatte das Mädchen Wasser holen geschickt, der Brunnen ist 500 Meter vom Haus entfernt. Wie viele Schüsse es waren, kann Ayen nicht mehr sagen. Bruchstückhaft, wie Fotos in einem Album, haben sich die Erinnerungen in Surprise 424/18

ihr Hirn gebrannt. Junge Männer mit grossen Pistolen und Fussballtrikots, sechs Streifen auf der Stirn, wie der Vater immer gewarnt hatte, die singend aus dem Haus laufen. Der Vater, die Brüder, die blutüberströmt auf dem Boden liegen, sofort tot. Die Mutter, der das Blut aus dem Mund rinnt, im Todeskampf. Sie selbst, wie sie im Zimmer sitzt mit den Leichen und wartet, sie weiss nicht mehr wie lang. Vielleicht waren es zehn Minuten, vielleicht fünf Stunden, bis die Nachbarin sie fand, sie am Arm packte, mit ihr nach Uganda floh. Ayen nimmt die Landkarte in die Hand. Mit dem Zeigefinger fährt sie den Flusslauf des Nils hinauf. Bei Bor stockt sie, nimmt ihren blauen Kugelschreiber in die Hand. Neben die zwei dicken Kringel malt sie vier Kreuze. Papa, Mama, die Brüder, eins für jeden von ihnen. Überlebt, um Gerechtigkeit zu fordern Im August 2015 haben die USA zusammen mit der regionalen Staatenorganisation IGAD (Intergovernmental Authority of Development) einen Friedensvertrag zwischen Kiir und Machar vermittelt. Umgesetzt wurde das Abkommen nie. Im Frühjahr 2016 eskalierten die Kämpfe erneut. Inzwischen wird auch im Süden und im Westen des Landes gekämpft, die bislang als ruhig galten. Es gibt kaum einen der 60 Stämme im Südsudan, der nicht direkt in die Kämpfe involviert ist. Am Abend sitzt Gatwich auf einem blauen Plastikstuhl vor seiner Lehmhütte, neben ihm seine Freunde. Früher sei er ein Superheld gewesen, erzählt er. Einer, den die Frauen geliebt hätten und die alten Stammesangehörigen gefeiert. Als Beschützer und Befreier der Nuer. In Obodu ist Gatwich ein Niemand. Als Mörder gebrandmarkt, dessen Geschichte niemand kennt, aber doch jeder ahnen kann. Er ist ein Analphabet, der Lesen, Schreiben, Rechnen nie gelernt hat, weil er mit Kühe hüten und Schiessübungen beschäftigt war. Ob er aufgehört hat zu hassen? Nein, nein. Gatwich muss nicht lange überlegen, schüttelt den Kopf. «Hier in Uganda werden wir bestraft, wenn wir was tun. Wäre ich im Südsudan, würde ich wieder töten – wenn wir sie nicht töten, töten sie uns», sagt Gatwich. Dabei, das möchte man meinen, wäre die Versöhnung so einfach. 50 Meter Luftlinie von Gatwichs Lehmhütte entfernt lebt Ayen. Ein Mädchen, das in Bor ihre Familie verlor, als Gatwich vor Ort war, um Menschen zu ermorden. Ob er sich vorstellen könnte, hinüberzugehen, sich bei ihr zu entschuldigen für damals, so wie einst Saulus? Gatwich muss lachen. «Dann würde ich ja zugeben, dass ich etwas falsch gemacht habe.» An diesem Abend sitzt Ayen vor ihrer Lehmhütte. «Als Mann hätte ich vielleicht auch gekämpft», sagt sie ruhig, sitzt aufrecht, blickt einem direkt in die Augen. «Als Frau bist du in all diesen Kämpfen immer nur das Opfer.» Ayen weiss nicht mehr, wann genau sie beschlossen hat, kein Opfer mehr zu sein. Das Beste aus der Tatsache zu machen, dass sie als Einzige aus ihrer Familie überlebt hat. «Ich werde Anwältin für Menschenrechte», sagt sie ernst. «Damit eines Tages die Menschen bestraft werden, die heute im Südsudan morden. Ohne Gerechtigkeit können wir Versöhnung vergessen.» 21


BILDER: ZVG

Im Gründungsjahr im genossenschaftlichen Geist.

Heute ein Pfeiler des professionellen Kulturbetriebs.

Was uns befremdet Literatur Eine Geschichte voller Aufbrüche und Umbrüche: Die Solothurner Literaturtage feiern ihr 40-jähriges Bestehen. TEXT MONIKA BETTSCHEN

Am Anfang war das «Kreuz». 1973 kaufte eine Gruppe junger Leute die Wirtschaft im Herzen der Solothurner Altstadt, um dort ihre Vision von Demokratie am Arbeitsplatz zu leben. «Wir wollten Demokratie nicht nur am Abstimmungssonntag praktizieren», erinnert sich Autor Rolf Niederhauser, Mitgründer des legendären Kulturzentrums im Kreuz und noch heute Vorstandsmitglied der Solothurner Literaturtage. Die Genossenschaftsbeiz sei damals ein verruchter Ort gewesen. Das Lokal avancierte aber schnell zu einem Magnet für Kreative. Peter Bichsel und der Verleger und Schriftsteller Otto F. Walter gehörten zu den Stammgästen. Walter hatte die Literaturtage 1978 ins Leben gerufen, als Pendant zu den Solothurner Filmtagen. Er war vernetzt und somit in einer idealen Position, die Literaturtage auf einen guten Weg bringen. «Mit der Schaffung des neuen Forums wollte man Literatur aus den Kultstätten herausholen, in den 22

Arbeitsalltag hinein. Man versuchte eine Literatur zu fördern, die die Menschen unmittelbar bewegt», sagt Niederhauser. Die Kultur sollte alltäglicher werden. Zuvor sei Kultur vor allem von einem Bildungsbürgertum gepflegt worden, das sich um die Erhaltung höherer Werte bemühte: «Kultur war etwas für den Feierabend, sie wurde quasi als Sonntagspredigt praktiziert», so beschreibt Rolf Niederhauser den damaligen Zeitgeist. Die Fünfziger- und Sechzigerjahre waren geprägt vom technologischen Fortschritt und vom Wiederaufbau nach dem Krieg. Von den Sechzigerjahren an habe man aber gemerkt, dass es auch soziale, psychische und ideologische Probleme gebe, denen man sich widmen wollte. Die Solothurner Literaturtage entstanden kurz nach dem Höhepunkt dieses Konjunkturschubes. Es folgte eine wachsende Professionalisierung der jährlichen Werkschau, besonders deutlich zeigt sich das im Design der Werbeplakate. Surprise 424/18


Die Fähigkeit, Alltägliches zur Sprache zu bringen, sei in den letzten 40 Jahren gewachsen, findet Rolf Niederhauser. «Die Literatur ist profaner und professioneller geworden, beides waren erklärte Ziele der Literaturtage.» Damit habe sie allerdings auch etwas von ihrem Glanz und ihrer Autorität verloren. «Autor zu sein hat mit Autorität zu tun: Autor ist, wer eigene Massstäbe setzt, sich selbst autorisiert. Aber wofür?» 1978 war Europa noch tief gespalten. «Die Welt drohte ideologisch in gefestigten Blöcken zu erstarren: Ost und West, Nord und Süd, Reich und Arm. Die Schriftsteller fühlten sich berufen, diese Fronten durch Differenzierung zu überwinden.» Nach 1990, mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, schlossen sich diese Gräben. «Dafür begann nun die Globalisierung, die Gesellschaften aus dem Inneren heraus zu zerreissen. Heute droht allenthalben der molekulare Bürgerkrieg», sagt Niederhauser. Und meint mit dem molekularen Bürgerkrieg die Tendenz, dass sich die Menschen in einer globalisierten Welt unter dem Einfluss neuer Technologien immer mehr vereinzeln würden. Jeder könne sich auf allen möglichen Kanälen wie YouTube oder Social Media kritisch gegen alles und jeden wenden. Jedem sei es möglich, eine Bühne für seine Standpunkte zu finden, aber im lauten Getöse finde kaum noch etwas davon wirklich Gehör: «Da muss sich die Literatur von Grund auf neu orientieren. Wenn alle immer lauter werden, muss die Literatur wahrscheinlich wieder leiser werden.» Auch John Lennon war Lyriker Trotzdem ortet Niederhauser gerade auch im gesprochenen Wort, das heute in Form von Spoken Word populär geworden ist, eine grosse Stärke. «Spoken Word setzt auf die spontane Wirkung. Verbunden mit Musik ist diese Form laut, im Gegensatz zum stillen Gedicht. Trotzdem war Bob Dylan schon ein Lyriker, bevor er den Nobelpreis für Literatur bekam, auch John Lennon oder François Villon waren Lyriker.» Umgekehrt seien die Dichter und Philosophen bereits zu Homers Zeiten als Sänger durch die Lande gezogen. «Die Spannweite zwischen sprachlichem Laut und stummer Schrift ist der Bogen, den die Sprache selbst spannt, und die Literatur muss und wird in immer neuen Formen zwischen diesen Extremen oszillieren, um lebendig zu bleiben.» «In der Schweiz haben wir eine sehr lebendige Literaturszene», sagt auch Reina Gehrig, seit 2013 Geschäftsleiterin der Solothurner Literaturtage. Dies zeige sich zum Beispiel am hohen Anteil an Debüts in diesem Jahr: Zwölf Bücher, also etwa ein Fünftel der vorgestellten Werke, sind Erstlinge, und alle Landessprachen sind vertreten. «Wir sind nicht ausschliesslich ein Publikumsfestival, es findet eine Vernetzung der Szene statt, und die Leute schätzen die persönliche Atmosphäre, der wir auch in Zukunft Sorge tragen werden», so Gehrig. Eine lebendige Literaturszene spiegelt gesellschaftliche Entwicklungen. Die Solothurner Literaturtage sind eine Schweizer Werkschau, die von Beginn weg über die Landesgrenze hinausschaute. Jedes Jahr werden internationale Gäste eingeladen, in der Vergangenheit waren das zum Beispiel Günter Grass oder Herta Müller, in diesem Surprise 424/18

Jahr unter anderem der irische Man-Booker-Preisträger John Banville. Ab 1990 thematisierte das Festival vermehrt Literatur aus anderen Kulturregionen. Mit dem Ende des Kalten Krieges fielen auch in der Schweiz viele Mauern. «Zur Neugier auf das Andere gesellte sich die Sorge, wie sich Menschen in der Fremde zurechtfinden», so Niederhauser, dessen Mutter 1948 aus Italien in die Schweiz kam. Reina Gehrig meint: «Der Schweiz-Begriff wird bei uns sehr offen gedacht und ist nicht vom Pass abhängig, sondern vielmehr vom Wohnort in der Schweiz.» Mit dem Interesse am Thema Migration gewann auch der Beruf des Übersetzers an Bedeutung: Übersetzungsateliers sind heute ein fester Bestandteil des Programms. «Schreiben ist immer auch Übersetzen», sagt Niederhauser. «Literatur ist Migration aus der Wirklichkeit in die Sprache und die Auseinandersetzung mit dem, was uns befremdet – auch an uns selbst. In Solothurn haben wir Literatur als Wanderung zwischen Welten und Sprachen schon sehr früh thematisiert. Heute muss man dies gegen rechtskonservative Tendenzen vielleicht wieder expliziter tun, um zu zeigen, dass die Eigenart unseres Landes gerade darin besteht, Fremde nicht zu verdrängen, sondern an der Integration zu wachsen.» Solothurner Literaturtage: Fr, 11. bis So, 13. Mai, verschiedene Veranstaltungsorte in Gehdistanz. www.literatur.ch

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Selbstkonfrontation im Lift Ausstellung Das neue «museum schaffen» lässt Menschen aus Winterthur von ihrem Berufsleben erzählen – von der Studentin bis zum pensionierten Maschinenschlosser. TEXT EVA HEDIGER

Warum arbeiten wir? Wie ist unser heutiges Verhältnis zur Arbeit entstanden? Welche Veränderungen hat der Arbeitsmarkt in den letzten Jahrzehnten durchlebt? Was hat unsere Berufsbiografie geprägt? Bei der Ausstellung «Zeit. Zeugen. Arbeit» beantworten reale Menschen diese Fragen. Die rund dreissig Frauen und Männer stammen aus Winterthur und der Region. Zum Beispiel ein 86-jähriger Maschinenschlosser, der sein ganzes Leben bei der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM) gearbeitet hat – unter anderem auch in der ehemaligen Montagehalle, in der die Ausstellung stattfindet. Oder eine Mittzwanzigerin, die Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Geschichte studiert. Aber auch ein Grafiker, eine Kioskverkäuferin, ehemalige Firmeninhaber und pensionierte Rechtsanwälte sind dabei. «Ihre Geschichten bilden die Basis», so Co-Kurator Martin Handschin. Zusammen mit der Projektleiterin und Szenografin Melanie Mock hat er mit den Mitwirkenden Interviews geführt und im Rahmen von Intensiv-Workshops den Inhalt von «Zeit. Zeugen. Arbeit» definiert. «Wir haben nach Gemeinsamkeiten gesucht, nach Unterschieden, nach roten Fäden. Nach einer Erzählbarkeit, die auch jenseits der individuellen Geschichte funktioniert und in einen grösseren Kon24

text eingebettet werden kann. Dieser schlägt die Brücke zu den Besucherinnen und Besuchern», erklärt Handschin. «Letztlich entstand ein Ausstellungsparcours mit einer Narration, welche die Besucherinnen und Besucher mit ihrer eigenen Geschichte, dem eigenen Werdegang konfrontiert.» Die Ausstellung wird als Betriebsbesichtigung inszeniert: Es gibt einen Empfang, verschiedene Abteilungen, einen grossen Pausenraum sowie einen Lift. Dieser funktioniere aber nicht, wie die stellvertretende Leiterin und Medienverantwortliche Andrea Keller erzählt. «In ihm werden die Besuchenden mit Themen konfrontiert, die sie auf ihrem beruflichen Weg möglicherweise ausgebremst haben.» Während der Öffnungszeiten sind mehrere der Arbeitsbiografie-Erzählenden anwesend, und an verschiedenen Audiostationen werden die Meinungen von Experten abgespielt. So spricht der Philosoph Paul Liessmann über Ausbildung und Selbstbildung, der Soziologe Franz Schultheis über Gewinner und Verlierer. Neben dem Ausstellungsparcours sind in der ehemaligen Industriehalle eine Dampfmaschinenwerkstatt sowie ein Co-Working Space untergebracht. «Wir sprengen die Idee einer klassischen Ausstellung, reichern sie mit PerforSurprise 424/18


FOTOS: STEFAN KUBLI

Ort der Arbeit, Ort der Ausstellung: Stefano Mengarelli und Andrea Keller, das Leitungsteam des «museum schaffen», in der Lokstadt Halle Rapide.

mance-Elementen und der Einladung zum Austausch an. Wir verstehen das ‹museum schaffen› als Ort der Begegnung», so Keller. «Zeit. Zeugen. Arbeit» ist die erste grosse Sonderausstellung des «museum schaffen». Dieses ist die inhaltliche Neuausrichtung des Museums Lindengut in Winterthur, das vom Historischen Verein der Stadt getragen wird. Offiziell hat das «museum schaffen» seinen Betrieb Anfang 2017 aufgenommen. Bereits 2006 war jedoch das Bedürfnis nach einem modernen historischen Museum aufgekommen, das sich mit einem aktuellen gesellschaftlichen Thema auseinandersetzt und dabei eng mit der lokalen Geschichte verknüpft ist. «Winterthur gilt als ehemalige Arbeiterstadt und wurde durch die Industrialisierung sehr stark geprägt», sagt Keller. Deshalb war bald klar, dass «Arbeit» zum Kernthema des Hauses werden soll: «Das Thema prägt unseren Alltag, wenngleich in unterschiedlicher Form und Funktion. Denn während manche mit Arbeit das blosse ‹Brötchen verdienen› assoziieren, verorten andere im Schaffen ihren Lebenssinn.» Die Sonderausstellung läuft bis Mitte September 2018, das «museum schaffen» gastiert noch bis nächstes Jahr in der Lokstadt Halle Rapide. «Danach suchen wir uns eine neue Bleibe», sagt Andrea Keller. Schön sei es, wenn sich das Thema der Ausstellung mit dem jeweiligen Standort verbinde, so wie jetzt. Und irgendwann soll das «museum schaffen» eine fixe Heimat haben.

«Zeit. Zeugen. Arbeit. Ein Ausstellungsparcours», 5. Mai bis 16. September (Sommerpause vom 16. Juli bis 22. August), Do, 17 bis 20 Uhr, Sa, 15 bis 21 Uhr, So, 14 bis 17 Uhr, Lokstadt Halle Rapide, vis-à-vis Zürcherstrasse 42, 8400 Winterthur. www.museumschaffen.ch

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Randnotiz

Wenn das Herz schmerzt Ich sitze in Berlin in einer Wohnung ohne Möbel. Nicht nur die Möbel sind im alten Zuhause in Bern, auch meine Liebe ist es. So vegetiere ich hier in einem Hinterhofgebäude vor mich hin und es schmerzt, überhaupt zu sein. Es ist Liebeskummer, mein Partner hat mich verlassen und zurück nach Berlin geschickt, von wo er mich vor zwei Jahren in die Heimat geholt hat. Ich schleppe mich über die Strasse in ein Café, um nicht alleine zu sein. Auf der Flucht vor dem Sog der Einsamkeit. Vor mir liegt ein leeres Blatt Papier, das es zu beschreiben gilt. Mit Antworten auf Fragen, die mich weiterbringen sollen. Bin ich zufrieden oder auf der Suche? Bin ich zuversichtlich oder habe ich Angst? Lebe ich im Moment oder denke ich die ganze Zeit an die Vergangenheit oder die Zukunft? Ich vermute zu wissen, was gut für mich wäre: zu heulen und zu jammern, bis nichts mehr rauskommt. Und mich dann neu zu orientieren. Aber da ist diese mächtige Hoffnung in mir, dass es doch noch klappt und meine Liebe mich wieder aufnimmt. Die Sonne scheint, alle sitzen draussen mit geröteter Haut und Sonnenbrillen, während ich mich in der dunkelsten Ecke des Cafés verkrieche, um mich in meiner depressiven Verstimmung zu suhlen. Alle haben farbige T-Shirts angezogen, nur ich trage einen schwarzen Blazer, als ginge es an eine Beerdigung. Aber ich weigere mich zu begraben, was offensichtlich gestorben ist: die partnerschaftliche Liebe meines Liebsten. Ich zwinge mich und schreibe weiter auf das Papier: Wo gehöre ich hin? Soll ich aufgeben oder kämpfen? Ich denke an den langen Weg, den wir zusammen gegangen sind. Bis zum Flug nach Berlin letzte Woche – mit schrecklichen Turbulenzen. Meine Liebe hat sich erbarmt und meine Hand gehalten. Ein kurzer Kuss zum Abschied an der Wohnungstüre, und weg war er. Was bleibt, sind die ganzen Erinnerungen, Gefühle und Bedürfnisse. Und die wenigen Fragen auf Papier, wie es jetzt weitergehen soll. Ich bezahle und trete in die Sonne zurück. Der Weg ist kurz, schnell bin ich wieder in der leeren Wohnung. Ich nehme das Handy und tippe: Vermisse dich. Ich sende die Nachricht ab und stehe am Fenster, als würde es helfen zu sehen, wie toll das Wetter heute für die anderen ist.

FLORIAN BURKHARDT war Sportler, Model und Internetpionier. Sein Leben wurde im Film «Electroboy» dokumentiert. Vor kurzem ist sein autobiografischer Roman «Das Gewicht der Freiheit» im Wörterseh-Verlag erschienen.

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BILD(1): THE ESTATE OF MOHAN SAMANT. COURTESY ABRAHAM JOEL. FOTO JOHN BERNS, BILD(2): SOLUTIONS, BILD(3): EKKO VON SCHWICHOW

Veranstaltungen Biel / Bienne «Everything we do is music», bis am So, 10. Juni, Pasquart Kunsthaus, Seevorstadt 71 Faubourg du Lac, 2502 Biel/Bienne. www.pasquart.ch

Es war im Song «Norwegian Wood» vom Beatles-Album Rubber Soul, dass zum ersten Mal in der Popgeschichte eine Sitar erklang. Seither haben indische Klänge in Film und Pop ihren festen Platz und beeinflussten auch die westliche bildende Kunst. Der Komponist und Künstler John Cage übernahm ihre Regeln der Improvisation und fand den Sinn der Musik darin, dass er unseren Geist reinige und beruhige, damit er empfänglich werde für göttliche Einflüsse. Die Ausstellung verbindet indische Miniaturmalereien, aktuelle Arbeiten von Sarnath Banerjee, Prabhavathi Meppayil und Michael Müller sowie Werke von Kunstschaffenden aus Indien, Pakistan, Argentinien und DIF den USA. Denn was sagte John Cage? «Everything we do is music.»

St. Gallen «Uriel Orlow: Theatrum Botanicum», bis So, 17. Juni, Kunst Halle Sankt Gallen, Davidstrasse 40, St. Gallen. www.kunsthallesanktgallen.ch Uriel Orlow ist nicht irgendwer, sondern ein internationaler Kunstschaffender. Man findet ihn an der Biennale Venedig genauso wie im Pariser Centre Pompidou, und zurzeit gerade in St. Gallen. Hier zerpflückt er die Kolonialgeschichte. Mit seinem

«Theatrum Botanicum» steigt er tief in die Klassifizierungen und Namensgebungen von Pflanzen in Südafrika ein, bevor der Schwede Carl von Linné mit seinem Pflanzensystem jedes Blättchen in ein europäisches Denksystem presste. Orlow lässt zudem Filmmaterial, das 1963 über den Kirstenbosch National Botanical Garden entstand, von einer Schauspielerin neu begehen. Wir blicken danach anders auf die Pantomimen kolonialistischer Eroberung, die der Film zeigt. DIF

Bern Auawirleben, Theaterfestival Bern, Mi, 16. bis Sa, 26. Mai, verschiedene Spielorte, Festivalzentrum PROGR, Speichergasse 4, Bern. auawirleben.ch Am Auawirleben gibt es internationale Theaterproduktionen zu sehen, die auch formal innovativ sind. An Yan Duivendaks Performance «Solutions» schreiben Künstler und Wissenschaftlerinnen kollektiv über den ganzen Erdball verteilt, aufführen darf es jeder aber nur in seiner eigenen Region: ein 100 Prozent globales Stück, zu 100 Prozent lokal aufgeführt. Oder da ist der «Bilingue Slam»: Natürlich haben auch Gehörlose eine Poetry-Slam-Szene. Die Grössen der gesprochenen Sprache und die Meister der Gebärdensprache stehen auf einer Bühne, Sprachwitz, Rhythmus, poetische Bilder und Geschichtenerzählen sind bei beiden zentral. Weitere Themen am Auawirleben: der Falklandkrieg, Brasiliens Minenschlamm und die unerwünschte Fanpost an Ursula Martinez, die sie als Reaktion auf eine Nackt-Performance bekommen hatte. DIF

Zürich «Khaled Kalifa, Mira Sidawi – Insight Nahost. Stimmen aus Syrien und Palästina», Mi, 16. Mai, 19.30 Uhr, Lesung und Gespräch (Arabisch mit deutscher Übersetzung), Literaturhaus Zürich, Limmatquai 62, Zürich. www.literaturhaus.ch Syrien ist für uns zurzeit: Krieg und Konflikt. TV-Bilder eines Ortes, wo wir nicht hinwollten. Khaled Kalifa, einer der bekanntesten syrischen Autoren, lebt als einer der wenigen noch in seiner Heimat. «Der Tod ist ein mühseliges Geschäft» erzählt die Geschichte dreier Geschwister, die ihren verstorbenen Vater in einem Minibus von Damaskus in seinen Heimatort transportieren, um ihn dort bestatten zu lassen. Und eigentlich wäre mit Marwa Melhem eine zweite syrische Stimme eingeladen gewesen, sie erhielt aber kein Visum zur Ausreise aus Syrien. Es kommt nun die Palästinenserin Mira Sidawi ins Literaturhaus. Die Schauspielerin, Regisseurin und Autorin schreibt an ihrem ersten Roman, der in einem Flüchtlingslager spielt. DIF

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ILLUSTRATION: SARAH WEISHAUPT

Agglo-Blues

Folge 9

Auf der Ersatzbank Was bisher geschah: Kriminalpolizistin Vera Brandstetter findet in der Wohnung des Mordopfers Reto Schwander einen grösseren Geldbetrag und ein Waffenarsenal. Die Ehefrau des Getöteten gibt sich schweigsam und lässt sich auch von der Hausdurchsuchung nicht beeindrucken. Das Opfer hatte Angst. Nur wovor? Vor zwei Jahren war zum ersten Mal eine Frau Vorsteherin des kantonalen Sicherheitsdepartements geworden. Seither tat die Regierungsrätin alles, um nicht den Verdacht zu erwecken, in ihrem Departement würden Frauen bevorzugt behandelt. Auf keinen Fall wollte sie jene Kreise gegen sich aufbringen, die Frauenförderung für nichts anderes als einen Auswuchs des Genderwahns hielten, der zum Ziel hatte, die traditionelle Familie und damit das Land und seine Werte zu zerstören. Darum, da war sich Vera Brandstetter, eine von nur vier Kriminalpolizistinnen im Korps, sicher, bekam sie keine Fälle mehr zu lösen, die sie für eine Beförderung empfohlen hätten. Ihre in den ersten Jahren steil verlaufene Karriere war einfach steckengeblieben. Sie versauerte in der Provinz und fühlte sich auf die Ersatzbank abgeschoben, obschon sie bei den internen Beurteilungen und Tests immer zu den Besten gehörte. Das galt auch für das Schiessen, was gewisse Kollegen dazu animierte, sie als «heissen Schuss» zu bezeichnen. Natürlich nur wegen dem Schiessresultat, grins, grins, nichts für ungut, ein bisschen Spass muss sein. Sie staunte immer wieder, dass Männer glaubten, sie seien die Einzigen, denen so ein Bombenscherz einfallen konnte. Wenn sie die Kraft nicht aufbrachte, so zu tun, als würde sie das zumindest halbwegs lustig finden, und darauf hinwies, dass dieser Spruch einen langen grauen Bart hatte, hiess es gleich: Die versteht keinen Spass, was tut die so heikel? Eine frustrierte Emanze wahrscheinlich oder eine Lesbe. Die haben kurze Haare. Das regte sie auf, weil es ungerecht und verlogen war. Sie hatte einmal einen Polizisten, der eine unglückliche Affäre mit einer Bekannten von ihr hatte, als «Wachtmeister Halbmast» betitelt. Die Empörung war gross gewesen. Eine Gemeinheit sei das und überhaupt Privatsache. Seit sie bei der Kripo arbeitete, war es besser geworden. Dort hatte niemand ein Problem damit, dass sie als Frau diesen Job ausübte. Trotzdem wahrte sie Distanz und trennte das Private Surprise 424/18

streng vom Beruflichen, was nicht immer ganz einfach war. Es gab viele Paare im Korps. Die unregelmässigen Arbeitszeiten erschwerten ein Sozialleben, die spezielle Rolle, die Polizisten in der Gesellschaft einnahmen, schweisste zusammen und war für Aussenstehende mitunter schwer zu verstehen. Sie überlegte, ob sie bei Thorsten schlafen sollte, entschied sich aber dagegen. Er arbeitete als Koch und würde erst spätnachts heimkommen. Obwohl sie gerne in der Stadt übernachtet hätte, kehrte sie in ihre Wohnung in der Agglo zurück. Sie stolperte über die neuen Crocs-Kopien, die sie achtlos vor dem Bad hatte liegen lassen, und pfefferte sie in eine Ecke. Sie kochte Teigwaren mit Fertigsauce. Das Essen nahm sie am Küchentisch ein, neben dem Teller lag das Tablet. Sie wollte nur noch die Folge fertigschauen, die sie gestern nicht mehr geschafft hatte. Danach blieben nur noch zwei, und es lohnte sich nun wirklich nicht, die aufzusparen. Sie verlagerte sich auf die Couch, auf der sie morgens um halb drei erwachte. Das Tablet lag auf ihrem Bauch, der Akku war leer. Sie dislozierte ins Bett und konnte lange nicht einschlafen. Trotzdem stand sie früh auf, sodass es für eine Dusche und einen Kaffee reichte, bevor sie das Haus verliess. Sie kam mit dem Auto erstaunlich gut durch, Punkt neun war sie in ihrem Büro. Kollege Kellerhals, mit dem sie es teilte, war nicht da, sie wusste nicht, woran er zurzeit arbeitete. Der Bericht von der Rechtsmedizin war gekommen und bestätigte die erste Diagnose. Reto Schwander war beim Joggen von hinten niedergeschlagen und an den Haaren ein paar Meter weit geschleift worden. Der Täter hatte sein Gesicht ins seichte Wasser gedrückt, bis er tot war, ertrunken. Wenn Schwander von dem Schlag nicht völlig betäubt gewesen war, wird er versucht haben, sich zu wehren, dachte Brandstetter. Der Mörder musste kräftig sein und eine Wut gehabt haben. Sie fragte sich, ob Olena Schwander kräftig und wütend genug war, um ihren Mann umzubringen.

STEPHAN PÖRTNER schreibt Romane und Theaterstücke. Wer eine oder mehrere Folgen seines Krimis «Agglo-Blues» verpasst hat, kann sie auf unserer Webseite nachlesen oder auch hören, gesprochen vom Autor selbst oder von prominenten Gastlesern wie Andrea Zogg: www.surprise.ngo|krimi

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IND 0.– S AB 50 ABEI! SIE D

Die 25 positiven Firmen Unsere Vision ist eine solidarische und vielfältige Gesellschaft. Und wir suchen Mitstreiterinnen, um dies gemeinsam zu verwirklichen. Übernehmen Sie als Firma soziale Verantwortung. Unsere positiven Firmen haben dies bereits getan, indem sie Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Mit diesem Betrag unterstützen Sie Menschen in prekären Lebenssituationen dabei auf ihrem Weg in die Eigenständigkeit. Die Spielregeln: 25 Firmen oder Institutionen werden in jeder Ausgabe des Surprise Strassenmagazins sowie auf unserer Webseite aufgelistet. Kommt ein neuer Spender hinzu, fällt jenes Unternehmen heraus, das am längsten dabei ist. 01

Madlen Blösch, GELD & SO, Basel

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Velo-Oase, Erwin Bestgen, Baar

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Lotte’s Fussstube, Winterthur

04

Cantienica AG, Zürich

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Arbeitssicherheit Zehnder GmbH, Zürich

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Brother (Schweiz) AG, Dättwil

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Kaiser Software GmbH, Bern

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Coop Genossenschaft, Basel

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Fischer + Partner Immobilien AG, Otelfingen

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Proitera betriebliche Sozialberatung, Basel

11

Praxis PD Dr. med. Uwe Ebeling, Bern

12

VXL gestaltung und werbung AG, Binningen

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Burckhardt & Partner AG, Basel

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Schluep & Degen Rechtsanwälte, Bern

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SM Consulting, Basel

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Holzpunkt AG, Wila

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Praxis Colibri, Murten

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Sublevaris GmbH, Brigitte Sacchi, Birsfelden

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SBB Angebotsgestaltung Langstrasse, Zürich

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AnyWeb AG, Zürich

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Hervorragend AG, Bern

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Probst Schliesstechnik AG, Bern

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Hofstetter Holding AG, Bern

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Balcart AG, Therwil

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Echtzeit Verlag, Basel

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden? Mit einer Spende ab 500 Franken sind Sie dabei. Spendenkonto: PC 12-551455-3 IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3 Surprise, 4051 Basel Zahlungszweck: Positive Firma und Ihr gewünschter Namenseintrag Sie erhalten von uns eine Bestätigung. Kontakt: Nicole Huwyler Team Marketing, Fundraising & Kommunikation T +41 61 564 90 50 I marketing@surprise.ngo

SURPLUS – DAS NOTWENDIGE EXTRA Das Programm

Wie viele Surprise-Hefte müssten Sie verkaufen, um davon in Würde leben zu können? Hätten Sie die Kraft?

Wussten Sie, dass einige unserer Verkaufenden fast ausschliesslich vom Heftverkauf leben und keine Sozialleistungen vom Staat beziehen? Das fordert sehr viel Kraft, Selbstvertrauen sowie konstantes Engagement. Und es verdient besondere Förderung. Mit dem Begleitprogramm SurPlus bieten wir ausgewählten Verkaufenden zusätzliche Unterstützung. Sie sind mit Krankentaggeld und Ferien sozial abgesichert und erhalten ein Nahverkehrsabonnement. Bei Problemen im Alltag begleiten wir sie intensiv.

Eine von vielen Geschichten Tatjana Georgievska ist seit neun Jahren Surprise-Verkäuferin in Basel. Die 47-Jährige flüchtete 2009 aus Mazedonien und in der ersten Zeit lebte sie ohne ihre Kinder hier. Dies war eine schwere und traurige Zeit für Tatjana. Heute wohnen ihre Kinder und das Grosskind in der Schweiz. Die Träume von Tatjana sind bescheiden. «Ich wünsche mir eine sichere Existenz für meine Kinder, mein Enkelkind und mich. Dafür brauchen wir vor allem Gesundheit. SurPlus unterstützt mich dabei. Bei einer allfälligen Krankheit habe ich eine zusätzliche Absicherung durch das Krankentaggeld. Dank SurPlus.» Die ganze Geschichte lesen Sie unter: surprise.ngo/surplus

Unterstützen Sie das SurPlus-Programm mit einer nachhaltigen Spende Derzeit unterstützt Surprise 14 Verkaufende des Strassenmagazins mit dem SurPlus-Programm. Ihre Geschichten stellen wir Ihnen hier abwechselnd vor. Mit einer Spende von 6000 Franken ermöglichen Sie einer Person, ein Jahr lang am SurPlusProgramm teilzunehmen.

Unterstützungsmöglichkeiten: · 1 Jahr: 6000 Franken · ½ Jahr: 3000 Franken · ¼ Jahr: 1500 Franken · 1 Monat: 500 Franken · oder mit einem Beitrag Ihrer Wahl.

Spendenkonto: PC 12-551455-3 IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3 | Vermerk: SurPlus Oder Einzahlungsschein bestellen: T +41 61 564 90 90 info@surprise.ngo | surprise.ngo/spenden Herzlichen Dank!


Wir alle sind Surprise #421: Wenn die Liebe das Polareis zum Schmelzen bringt

#421: Wenn die Liebe das Polareis zum Schmelzen bringt

«Im vollen Bewusstsein, dass es falsch ist»

«Schizophren»

Ich gratuliere Conradin Zellweger für den Mut zu diesem ehrlichen Bericht und zum Mut, seine Freunde anlässlich eines emotional so freudig gestimmten Anlasses kritisch zu begleiten. Der Artikel konfrontiert uns mit einem grundlegenden Dilemma des modernen Menschen: Zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen, internationalen Abkommen und Vereinbarungen, ethischer Selbstverpflichtung einerseits und traditionsgebundenem oder an persönlicher Selbstverwirklichung orientiertem Verhalten anderseits tut sich ein Abgrund auf, grösser als jeder Gletscherspalt. Dass dieser Widerspruch am Beispiel von Umweltforschern respektive Umweltpädagogen gezeigt wird, also am Personal, das täglich immer eindringlichere Befunde zur Unvereinbarkeit von menschlichen Kurzzeitbedürfnissen und langfristigen Überlebenserfordernissen zutage fördert, lässt ihn besonders schockierend erscheinen. Aber ehrlich gesagt bedienen wir alle diesen schreienden Widerspruch, arbeiten daran, den Keil immer tiefer in die beschriebene Kluft zu treiben. Handeln wider besseres Wissen ist zynisch: Man tut etwas im vollen Bewusstsein, dass es falsch ist, und man tut es wissend und bewusst, ohne sich noch zu bemühen, rationalisierende Begründungen oder Ausreden ins Feld zu führen. U. RUCKSTUHL, Zürich

Geschäftsstelle Basel T +41 61 564 90 90 F +41 61 564 90 99 Mo–Fr 9–12 Uhr info@surprise.ngo, surprise.ngo Regionalstelle Zürich Kanzleistrasse 107, 8004 Zürich T  +41 44 242 72 11 M+41 79 636 46 12 Regionalstelle Bern Scheibenstrasse 41, 3014 Bern T  +41 31 332 53 93 M+41 79 389 78 02 Soziale Stadtrundgänge Basel: T +41 61 564 90 40 rundgangbs@surprise.ngo Bern: T +41 31 558 53 91 rundgangbe@surprise.ngo Zürich: T +41 44 242 72 14 rundgangzh@surprise.ngo Anzeigenverkauf Stefan Hostettler, 1to1 Media T  +41 61 564 90 90 M+41 76 325 10 60 anzeigen@surprise.ngo Redaktion Verantwortlich für diese Ausgabe: Diana Frei (dif) Sara Winter Sayilir (win), Georg Gindely (gg) Reporter: Andres Eberhard (eba), Simon Jäggi (sim) T +41 61 564 90 70 redaktion@strassenmagazin.ch leserbriefe@strassenmagazin.ch

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T. BELLWALD, Winterthur

Sozialer Stadtrundgang

«Authentisch» Der Stadtrundgang mit Lilian Senn war sehr gut geführt und ebenso gut kommentiert. Auf humorvolle Art und doch sehr authentisch führte sie uns von Ort zu Ort. Ich war sehr beeindruckt von ihrer Geschichte und ihrer konsequenten Einstellung. E. BAUMGARTNER, Stiftung ÖKO-JOB, Gelterkinden

Impressum Herausgeber Surprise, Spalentorweg 20 CH-4051 Basel

Wenn das Paar mit Wurzeln in Brasilien mit der Familie Hochzeit feiern will, von mir aus, aber dann noch was-weiss-ich-wie-viele Freunde dazu einladen, um so weit zu fliegen und mitzufeiern, da kann ich nur den Kopf schütteln. Dazu kommt, dass es ja sein kann, dass einige der Verkäuferinnen und Verkäufer des Magazins diesen Artikel auch lesen: Was müssen diese denken von den «Reichen», während sie selbst auf den Verkauf des Heftes und vielleicht mal ein Trinkgeld dazu angewiesen sind? Trotzdem danke für die Veröffentlichung, die zeigt, wie schizophren Menschen sein können.

Ständige Mitarbeit Rosmarie Anzenberger (Korrektorat), Marie Baumann, Florian Burkhardt, Rahel Nicole Eisenring, Carlo Knöpfel, Yvonne Kunz, Khusraw Mostafanejad, Fatima Moumouni, Stephan Pörtner, Isabella Seemann, Sarah Weishaupt, Priska Wenger, Christopher Zimmer Mitarbeitende dieser Ausgabe Monika Bettschen, James Withlow Delano, Eva Hediger, Bartholomäus von Laffert, Moritz Richter Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird jede Haftung abgelehnt. Gestaltung und Bildredaktion Bodara GmbH, Büro für Gebrauchsgrafik

Ich möchte Surprise abonnieren 25 Ausgaben zum Preis von CHF 189.– (Europa: CHF 229.–) Verpackung und Versand bieten StrassenverkäuferInnen ein zusätzliches Einkommen Gönner-Abo für CHF 260.– Geschenkabonnement für: Vorname, Name

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FOTO: BODARA

Surprise-Porträt

«Zum Schweigen bringen sie mich nicht» «Ich habe meinen Mann und meine vier Kinder seit 15 Jahren nicht gesehen und stehe auch nicht in Kontakt mit ihnen. Nicht, weil ich sie nicht lieben würde, im Gegenteil: Ich will sie schützen. Denn ich bin im Widerstand gegen die äthiopische Regierung aktiv, und die hat ihre Spitzel überall. Wenn sie herausfinden würden, dass meine Kinder oder mein Mann mit mir telefonierten oder mailten, könnten sie ihnen grosse Schwierigkeiten bereiten. Das will ich unbedingt vermeiden. Also spreche ich nicht mit meiner Familie. Aber ich bete für sie. Ich engagierte mich bereits als Teenager für die Frauenbewegung und trat der damals regierenden sozialistischen Arbeiterpartei bei, in der ich im Laufe der Zeit immer mehr Aufgaben übernahm. 1991 kam es zum Umsturz im Land, und ich begann, gegen das neue Regime zu kämpfen. Das blieb nicht ohne Folgen: Ich wurde verhaftet, kam ins Gefängnis, wurde auch nach meiner Entlassung verfolgt und begann, mich zu verstecken. Meine Situation in Äthiopien war hoffnungslos, ich hatte keine Wahl: Ich musste das Land verlassen. Mein Mann, den ich mit 16 Jahren heiratete, unterstützte mich bei meiner Flucht, aber er blieb in Äthiopien. Er ist Architekt und konzentrierte sich auf seinen Beruf, die Politik war und ist ihm fern. Meine Kinder, drei Söhne und eine Tochter, sind heute zwischen 18 und 34 Jahre alt. Meine Flucht führte mich 2003 per Flugzeug nach Italien und von da in die Schweiz. Ich muss zugeben, ich wusste nicht einmal, in welchem Land ich war, als ich mich bei den Behörden meldete. Seither lebe ich in Flüchtlingsheimen, zuerst in Vallorbe, dann in Altstätten, nachher in Embrach und heute in Wetzikon. Die Situation ist nicht einfach. Man sagt uns: Ihr müsst euch integrieren – aber wie? Im Heim leben Menschen aus vielen verschiedenen Nationen, und alle sprechen ihre eigene Sprache. Ich hatte lange fast keine Kontakte zu Schweizerinnen und Schweizern. Vor eineinhalb Jahren hat sich das geändert. Da begann ich, in Wetzikon Surprise zu verkaufen. Endlich treffe ich andere Menschen, kann mit ihnen plaudern und lachen. Während der Arbeit bekomme ich auch den Kopf frei von all den Gedanken, die sich fast unaufhörlich um Äthiopien drehen. Ich bin auch von der Schweiz aus im Widerstand tätig und organisiere Treffen und 30

Etagegenhu Tadesse, 54, verkauft Surprise in Wetzikon und engagiert sich politisch gegen die äthiopische Regierung.

Demonstrationen gegen das Regime mit. In den letzten Jahren hat sich die Situation in meinem Heimatland nochmals verschärft. Menschen werden entführt, gefoltert, ermordet. Über 100 Millionen Menschen leben in Äthiopien, der Stamm der Tygria mit fünf Millionen Zugehörigen kontrolliert alle anderen. Wer nicht dazugehört oder kollaboriert, hat es unheimlich schwer, eine Arbeit zu finden. Die meisten jungen Menschen sind ohne Zukunftsaussichten. Ich würde mir wünschen, dass die Schweizer Regierung keine Gelder mehr an die äthiopische Regierung schickt. Das würde dazu beitragen, dass ich und viele andere Flüchtlinge endlich wieder nach Hause zurückkehren und unsere Familien wiedersehen könnten. Bis dahin schöpfe ich Kraft aus meinem Glauben. Das Kreuz, das ich um den Hals trage, ist das Symbol der äthiopisch-orthodoxen Kirche, eine der ältesten christlichen Glaubensgemeinschaften der Welt. Auch dort engagiere ich mich. Es gibt in der Schweiz zwei äthiopische Kirchgemeinden. Unsere und eine andere, die mit dem Regime verbunden ist. Die Regierung hat eine sehr lange Hand, kürzlich wurde ein äthiopischer Widerstandskämpfer in Südafrika ermordet. Solche Geschichten machen einem Angst. Aber zum Schweigen bringen sie mich nicht.» Aufgezeichnet von GEORG GINDELY

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Café Surprise – eine Tasse Solidarität Zwei bezahlen, eine spendieren. BETEILIGTE CAFÉS IN BASEL BackwarenOutlet, Güterstr. 120 | Café Bohemia, Dornacherstr. 255 | Café-Bar Elisabethen, Elisabethenstr. 14 | Flore, Klybeckstr. 5 | Café Restaurant Haltestelle, Gempenstr. 5 | Kiosk Amann, Claragraben 101 | Oetlinger Buvette, Unterer Rheinweg | Quartiertreffpunkt Kleinhüningen, Kleinhüningerstr. 205 Quartiertreffpunkt Lola, Lothringerstr. 63 | Les Gareçons to go, Badischer Bahnhof | Restaurant Manger et Boire, Gerbergasse 81 | Trattoria Bar da Sonny, Vogesenstr. 96 | Didi Offensiv, Erasmusplatz 12 | Radius 39, Wielandplatz 8 IN LUZERN Jazzkantine zum Graben, Grabenstr. 8 | Meyer Kulturbeiz, Bundesplatz 3 | Blend Teehaus, Furrengasse 7 | Quai4-Markt Baselstrasse, Baselstr. 66 | Restaurant Quai4, Alpenquai 4 | Quai4-Markt Alpenquai, Alpenquai 4 Pastarazzi, Hirschengraben 13 | Netzwerk Neubad, Bireggstr. 36 IN RAPPERSWIL Café good, Marktgasse 11 IN SCHAFFHAUSEN Kammgarn-Beiz, Baumgartenstr. 19 IN BERN Café Kairo, Dammweg 43 | Café Marta, Kramgasse 8 | Café Tscharni, Waldmannstr. 17a | Café-Bar das Lehrerzimmer, Waisenhausplatz 30 | LoLa Lorraineladen, Lorrainestr. 23 | Luna Llena Gelateria Restaurant Bar, Scheibenstr. 39 | Restaurant Genossenschaft Brasserie Lorraine, Quartiergasse 17 | Restaurant Löscher, Viktoriastr. 70 | Restaurant Sous le Pont – Reitschule, Neubrückstr. 8 | Rösterei Kaffee und Bar, Güterstr. 6 | Treffpunkt Azzurro, Lindenrain 5 | Zentrum 44, Scheibenstr. 44 | Café Paulus, Freiestrasse 20 IN BIEL Treffpunkt Perron bleu, Bahnhofplatz 2d IN ZÜRICH Café Zähringer, Zähringerplatz 11 Cevi Zürich, Sihlstr. 33 | Sphères, Hardturmstr. 66 | Flussbad Unterer Letten, Wasserwerkstr. 141 IN STEIN AM RHEIN Raum 18, Kaltenbacherstr. 18 IN WINTERTHUR Bistro Dimensione, Neustadtgasse 25 IN OBERRIEDEN Strandbad Oberrieden, Seestrasse 47

Weitere Informationen: surprise.ngo/cafesurprise 32

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