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Draufgänger Lawinenpapst Munter über den Sinn des Risikos Polizei statt Fürsorge: wohin die Ausgrenzung der Armen führt

Intimes von Teenies – wie Jugendliche über ihr erstes Mal reden

Nr. 319 | 14. bis 27. Februar 2014 | CHF 6.– inkl. MwSt. Die Hälfte des Verkaufspreises geht an die Verkaufenden. Bitte kaufen Sie nur bei Verkaufenden mit offiziellem Verkaufspass.


Nehmen Sie an einem «Sozialen Stadtrundgang» teil! Erleben Sie Basel aus einer neuen Perspektive! Tour 1: Konfliktzone Bahnhof – vom Piss-Pass zur Wärmestube. Dienstag, 18. Februar und 11. März um 9 Uhr. Tour 2: Kleinbasel – vom Notschlafplatz zur Kleiderkammer. Mittwoch, 12. März um 9 Uhr. Tour 3: Kleinbasel – von der Sozialhilfe zur Selbsthilfe. Dienstag, 18. Februar und 18. März um 9.30 Uhr. Anmeldungen unter rundgang@vereinsurprise.ch oder 061 564 90 40. Weitere Infos unter www.vereinsurprise.ch/stadtrundgang

Hier könnte Ihre Werbung stehen. Werfen Sie Ihr Werbegeld nicht auf die Strasse. Investieren Sie es dort. Surprise wird von über 112 000 Menschen in der ganzen deutschsprachigen Schweiz gelesen. * Mit einer Anzeige in Surprise erreichen Sie überdurchschnittlich verdienende und gut ausgebildete Leserinnen und Leser. Ihre Botschaft wird täglich von über 250 Surprise-Verkäuferinnen und -Verkäufern direkt auf der Strasse überbracht. Das Strassenmagazin steht für soziale Verantwortung und gelebte Integration. Anzeigenverkauf, T +41 76 325 10 60, anzeigen@vereinsurprise.ch

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*gemäss MACH Basic 2012-2. SURPRISE 319/14


Titelbild: Flavia Schaub

Dreijährige brüllen gerne: «Das ist meins!» Oder: «Nein, du nicht! Geh weg!» Bei Kleinkindern ist das normal, es gehört zur Entwicklung. Doch auch als Erwachsener hat so mancher noch Angst, man nehme ihm etwas weg. Nun ist es unangenehm und auch etwas lächerlich, wenn man im fortgeschrittenen Alter noch Sandkastenkämpfe ausstehen muss. Aber darum geht es, wenn man den Sozialstaat aushöhlt wie einen Sandberg mit der Schaufel. Nur: Während im Sandkasten die Standfestigkeit der Burg auf dem Spiel steht, gefährdet der Sozialabbau die Stabilität der ganzen Gesellschaft. «Ausgrenzung ist gefährlich», konstatiert mein Kollege Reto Aschwanden in seinem Essay ab Seite 14 – und führt aus, wieso es nicht ratsam ist, die Sozialleistungen weiter abzubauen: weil der Staat sonst bald hauptsächlich damit beschäftigt sein wird, die Reichen vor den Armen zu schützen. DIANA FREI Die mit dem Plastikbagger gegen diejenigen ohne. Es geht darum, dass im Sandkas- REDAKTORIN ten kein Krieg ausbricht. Oder um die Frage, die sich erwachsene Menschen stellen können: In was für einer Welt wollen wir eigentlich leben? Reto Aschwanden zieht mit seinem Abschiedsartikel zum Sozialabbau eine Bilanz nach sechs Jahren Surprise. Er wird künftig als Produzent bei der Basler TagesWoche arbeiten. Für die Zukunft wünschen wir ihm von Herzen alles Gute! Neu im Team begrüssen wir Amir Ali, der von der Nachrichtenredaktion des Tagesanzeiger online zu uns kommt. Seit mehreren Jahren hat er auch immer wieder Beiträge für uns geschrieben. Herzlich willkommen! Darf man mit Jugendlichen über Sex reden? Unsere Antwort ist: Man darf nicht nur, man muss. Weil es ein Thema ist, das sie beschäftigt. Ein Basler Regie-Duo hat sich an diese Maxime gehalten: Tiziana Sarro und Klemens Brysch liessen eine Klasse im Rahmen einer Schüleraufführung Texte über Wünsche und Tatsachen unterhalb der Gürtellinie schreiben. Wir drucken eine Auswahl ab. Wieviel Risiko braucht der Mensch? Dieser Frage auf der Spur ist der Dokfilm «Berge im Kopf», der zurzeit in den Kinos läuft. Antworten gibt einer der Protagonisten – Bergsteiger und Sicherheitsexperte Werner Munter. Im Interview ab Seite 10 fordert er das Schulfach «Risikokultur». Er will die Kinder lehren, mit Gefahren umzugehen, statt sie vor Risiken zu schützen. Weil das schlussendlich gefährlicher wäre. Und zum Schluss noch: Was haben Nasenpopel und Gedanken miteinander zu tun? Lesen Sie selbst, ab Seite 16. Herzlich Diana Frei

Surprise ist auf Spenden angewiesen. Auch auf Ihre! Herzlichen Dank. PC-Konto 12-551455-3 Ihre Meinung! Wir sind gespannt auf Ihre Kritik, Ihr Lob oder Ihre Anmerkungen. Schreiben Sie uns! Auf leserbriefe@vereinsurprise.ch oder an Verein Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel. Es werden nur Leserbriefe abgedruckt, die mit vollem Namen unterzeichnet sind. Die Redaktion trifft eine Auswahl und behält sich vor, Briefe zu kürzen. Oder diskutieren Sie mit uns auf www.facebook.com/vereinsurprise SURPRISE 319/14

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BILD: ZVG

Editorial Sandsturm


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10 Alpinismus Das Risiko der Freiheit BILD: FLAVIA SCHAUB

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Inhalt Editorial Mein Bagger gehört mir Basteln für eine bessere Welt Weg mit den Alkis Aufgelesen Kein Wallraff für Amazon Zugerichtet Hildegard Schwaningers Welt Meine Geschichte Aus dem Flüchtlingslager geholt Starverkäuferin Ljiljana Azirovic Porträt Fotoreporterin der ersten Stunde Grübeln Kristallgrund der Seele Wörter von Pörtner Leute, die stören Filmfestival Pipilotti Rist duftet Kultur Doppelbödige Doppelmoral Ausgehtipps Fotodrohne für Assange Neu im Vertrieb Geschmäht im Iran Projekt SurPlus Eine Chance für alle! In eigener Sache Impressum INSP

Wie viel Risiko gehört zum Leben? Diese Frage stellt der Dokfilm «Berge im Kopf», der an den Solothurner Filmtagen Premiere feierte. Die Protagonisten sind vier Bergsteiger. Sie finden Routen, Kristalle und ihre Grenzen, suchen aber immer wieder neue Antworten zu Risiko und Freiheit. Einer von ihnen ist Werner Munter: der 72-jährige Bergsteiger, Sicherheitsexperte und Lawinenpapst im Interview.

14 Ausgrenzung Unterwegs zum Nachtwächterstaat BILD: REUTERS/ERIC GAILLARD

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Sozialleistungen werden gekürzt, die Repression ausgebaut. Die Schweiz führt einen Kampf gegen die Schwachen. Diese Entwicklung ist gefährlich, denn sie bedroht die bürgerlichen Freiheiten der ganzen Bevölkerung. Wer heute die Augen vor der Unterdrückung der Armen verschliesst, könnte morgen in einem Polizeistaat aufwachen. Ein Essay zur Lage der Nation.

19 Jugend Wenn der Spargel wächst

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BILD: SARAH WEISHAUPT

In der Jugend erwacht der Frühling und die körperliche Lust. Ein Regie-Duo hat mit einer Oberstufenklasse über das Thema Sex geredet und aus den Geschichten gemeinsam mit den Teenagern ein Stück erarbeitet. Entstanden sind Texte über das erste Mal, über Fantasien und die Wichtigkeit von Sex.

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Stadtplanung alle Bänkchen, indem Sie sie mit weissem Papier überkleben.

2. Bestimmen Sie per Los die Rollen: Blau ist die Polizei, Rot die «soziale Eingreiftruppe», Gelb sind Alkoholiker und Grün Obdachlose. Blau darf nach Hause schicken, Rot darf von Fall zu Fall entscheiden. Gelb und Grün hingegen müssen weg und zurück auf Start, wenn Sie von Blau und Rot beim Herumstehen im öffentlichen Raum erwischt werden. Blau und Rot können nicht nach Hause geschickt werden, Grün und Gelb können nicht nach Hause schicken.

3. Wir wünschen allen Teilnehmern viel Glück beim Erreichen des Himmels! Sollte es in diesem Leben nicht klappen, so denken Sie dran: Neues Spiel, neues Glück!

Basteln für eine bessere Welt Eile ohne Weile Alkoholiker und Obdachlose sind im öffentlichen Raum nicht mehr erwünscht: Per Wegweisungsbeschluss werden Sie von der Polizei von der Parkbank weggeschickt, in Bahnhöfen finden sie schon fast keine Bänke mehr, auf denen sie sich niederlassen könnten. Unser aktualisiertes Eile mit Weile macht die prekäre Situation am eigenen Leib erfahrbar. SURPRISE 319/14

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ILLUSTRATION: SIMON DREYFUS | WOMM

1. Nehmen Sie Ihr altes Eile mit Weile und entfernen Sie nach dem Vorbild moderner


Aufgelesen News aus den 90 Strassenmagazinen, die zum internationalen Netzwerk der Strassenzeitungen INSP gehören.

Gefährliche Arbeit Birmingham. Mitte Januar gedachte das britische Strassenmagazin The Big Issue seiner beiden Strassenverkäufer Wayne Busst und Ian Watson-Gladwish. Ein Geisteskranker hatte die beiden vor einem Jahr auf offener Strasse mit einem Messer angegriffen und getötet. In den Wochen nach der Tat gab es eine grosse Solidaritätswelle. Verkaufende des Magazins wurden von Wildfremden auf der Strasse umarmt. «Den Menschen ist bewusst geworden, dass die Arbeit auf der Strasse gefährlich ist», sagte ein Freund der zwei Opfer an der Gedenkfeier.

David gegen Goliath Wien. Autor Günter Wallraff will nichts mit Amazon zu tun haben. Der weltgrösste Online-Versand züchte mit der Überwachung des Leserverhaltens die Literatur kaputt. Zudem herrschten bei Amazon – etwa in Deutschland – jene Art von Arbeitsbedingungen, die Wallraff mit seinen Undercover-Reportagen enthüllt. 14-Stunden-Tage, zwei bis vier Euro die Stunde: «Prekäre Arbeitsverhältnisse, bei denen die Menschenwürde auf der Strecke bleibt», so Wallraff. Er will erreichen, dass Amazon seine Bücher nicht mehr verkaufen darf.

Rock’n’Roll! Berlin. Die Notschlafstelle des Berliner Vereins mob, der auch das Magazin Strassenfeger herausgibt, ging am 31. Januar zu. Die Vermieterin hat gekündigt. Mitten im Winter also gehen 17 Betten für Menschen in Not verloren. Von der Politik kommt laut Angaben des Vereins nichts – es gebe keine passenden Räume. Was der Verein aber kommen sieht, sind Rumänen und Bulgaren, die ab 1. Januar freien Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt haben: «Viele von ihnen werden bei uns stranden.»

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Zugerichtet Abgeklatscht Ihren Prozessen bleibt sie aus unklaren Gründen stets fern. Bad Hair Day vielleicht. War grad in Berlin. So was in der Art. Ein Blick in die Website der Angeklagten zeigt: Sie mag Listen, wie so manches anderes auch: «Safari. Sushi. Ski. Feste mit Champagner». Sie war also immer unpässlich. Man ist ja nicht der Pöbel. Für eine Person von ihrem Stand unangenehm, sich einem Gericht zu stellen. Und dann die Öffentlichkeit! Die könnte ihr Einkommen erfahren oder ihren Jahrgang! Als dann aber 2012 der erstinstanzliche Schuldspruch feststand, klagte sie dem Blick: «Ich bin zutiefst erschüttert.» Fächer! Riechsalz! Taschentuch! Die Rede ist von Hildegard Schwaninger, einer bekannten Zürcher Klatschkolumnistin. Die Vergehen: Ehrverletzung, Beschimpfung, üble Nachrede, Verleumdung. Nanu, mag man sich denken, das ist doch ihr Beruf! Hallo, Medienfreiheit! Sie hatte diese genregetreu grosszügig ausgelegt, als sie über einen nach Kanada emigrierten Winterthurer Geschäftsmann berichtete. Im Tagesanzeiger nannte sie diesen 2008 einen «gescheiterten Jetsetter» und «Hochstapler». In wuchtigen Worten zeichnete sie das Bild eines prunksüchtigen Luxusprolls, stets mit einer «halbseidenen Lady an jedem Arm». Obwohl er mit seiner Firma eine «Megapleite hinlegte», schien er «an einen unversiegbaren Geldstrom angeschlossen». Der Verunglimpfte scheint weiter in guten Verhältnissen zu leben. Nur liquide Leute können sich es leisten, Anwälte auf Kolumnistinnen, Staatsanwälte, Gerichte und Google zu hetzen, um Geschichten aus der Welt zu schaffen. Dies, nachdem seine Recht-

schaffenheit schon in Fachmagazinen stark angezweifelt wurde. Es liegt nahe, dass die Angeklagte so verkehrt nicht lag. Das Gericht aber folgte damals dem Privatkläger, der sagt, Schwaninger habe ihre journalistischen Pflichten grob verletzt. Vor allem an der Stelle, wo sie schrieb, der Mann könne nicht mehr in die Schweiz einreisen. Ein Leser müsse das so verstehen, dass im Flughafen die Handschellen zuklappen würden, der Unternehmer also «Dreck am Stecken» habe. Überdies kennt die Schweiz keine Einreisesperre für Schweizer. Da mögen in den Köpfen der Journalistenregeln-Wächter tatsächlich die Handschellen klicken: Schwaninger sagte in der Untersuchung, sie habe damit gemeint, dass sich der Mann nicht mehr in besseren Kreisen habe blicken lassen können. Solch plumpe Formulierungen kann man gerne für kriminell erklären – nur müsste man dann jeden Tag Journalisten vor Gericht stellen. Schwaninger traf auf einen, der die Mittel hat, sie strafrechtlich zu verfolgen. Gut, wehrte sie sich dagegen, einem bestens situierten Mann Genugtuung zu zahlen. Eben wurde der Prozess wegen eines Formfehlers wiederholt – gezeigt hat sie sich natürlich nicht. Es würde ihr, die so gerne mangelnde Zivilcourage als das grosse Übel unserer Gesellschaft geisselt, gut anstehen, sich den Vorwürfen persönlich vor Gericht zu stellen – statt danach über die Medien ihre Betroffenheit auszurichten. Trotz des schliesslich ergangenen Freispruchs muss man ihr Opportunismus und Heuchelei vorwerfen. Beides ist nicht strafbar, aber beides steht auf Schwaningers Mag-ich-nicht-Liste.

YVONNE KUNZ (YVONNE.KUNZ@GMAIL.COM) ILLUSTRATION: PRISKA WENGER (PRISKAWENGER@GMX.CH) SURPRISE 319/14


Meine Geschichte Gebrays Irrwege Seit Jahren kaufe ich am Bahnhof Biel mein Surprise-Magazin bei Mhretab Tecle aus Eritrea. Auch als ich selber keine Arbeit hatte, ging ich regelmässig zu ihm und kaufte ein Heft. Irgendwann kamen wir ins Gespräch, tranken zusammen Kaffee, und als einmal meine kleine Tochter dabei war, erzählte er von seiner Familie, die in Eritrea war und die er gerne wiedersehen wollte nach fünf Jahren. Wir trafen uns regelmässiger, besuchten uns gegenseitig, diskutierten miteinander. Immer wieder telefonierte er mir, um einen Rat zu erfragen, sich einen Brief erklären zu lassen. Eines Tages im Herbst 2012 schworen wir uns, alles zu tun, um seine Familie, seine Frau und vier Kinder, in die Schweiz zu holen. Seine

Frau landete mehrmals im Gefängnis, weil sie fliehen wollte und an der Grenze aufgegriffen wurde. Zusammen mit Caritas Bern, durch welche Mhretab betreut wird, verfassten wir Briefe, beschafften Dokumente, nahmen mit der Botschaft Kontakt auf. Als im Oktober seine Frau Gebray verschwand und die Kinder auf Verwandte verteilt wurden, befürchteten wir das Schlimmste. Sie war wieder an der Grenze, wurde erneut aufgegriffen, wieder wochenlang ins Gefängnis geworfen. Wir waren deprimiert und traurig, wollten aber nicht aufgeben. Auch meine kleine Tochter wusste von allem und sie spornte uns auch an, weiterzumachen. Sie wolle diese Kinder sehen, mit ihnen spielen.

Im Dezember tauchten Gebray und die Kinder, krank und erschöpft, im Sudan auf, in einem Flüchtlingscamp schlimmerer Art. Wir waren erschreckt und hoffnungsvoll gleichzeitig und besorgten so rasch als möglich alles Notwendige. Im Januar, ich konnte es kaum glauben, landeten Gebray und alle vier Kinder in Zürich-Kloten. Wir tanzten vor Freude, und im bittersten Winter ging die Sonne auf. Ananda, meine Tochter, darf nun jederzeit mit den Kindern spielen, wir werden immer wieder eingeladen, und einmal liess Gebray übersetzen: «Wenn ich dann Deutsch kann, Martin, dann machen wir zusammen viele Spässe.» ■ Martin Kamber

Wir suchen Ihre Geschichte!

Nominieren Sie Ihren Starverkäufer! Schreiben Sie uns mit einer kurzen Begründung, welche/n Verkäufer/in Sie an dieser Stelle sehen möchten: Verein Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 (0)61 564 90 99, redaktion@vereinsurprise.ch

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BILD: ZVG

Zahlreiche Rückmeldungen zeigen uns: Viele Käuferinnen und Käufer pflegen eine besondere Beziehung zu einem Verkaufenden, haben eine eigene Geschichte dazu zu erzählen. Genau diese wollen wir von Ihnen hören! Erzählen Sie uns Ihre (be)rührende, witzige oder auch tragische Geschichte, die Sie mit einer Surprise-Verkäuferin/einem Surprise-Verkäufer verbindet. Wir werden eine Auswahl davon abdrucken und jede Autorin/jeden Autor einer abgedruckten Geschichte mit einer kleinen Überraschung belohnen.

Starverkäuferin Ljiljana Azirovic Kathi Gasser aus Uster schreibt: «Ich möchte Frau Ljiljana Azirovic als Starverkäuferin nominieren. Ich bewundere ihren Mut, ihren Durchhaltewillen und ihre positive und freundliche Art, Menschen zu begegnen. Es stellt mich auf, wie sie mich jedes Mal herzlich grüsst, auch wenn ich nur vorübereile. Ich wünsche ihr herzlichst gute Gesundheit und ein erfolgreiches Surprise-Verkaufsjahr!»

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Porträt Mit Mut, Charme und Kamera Sie bereiste die Welt, flirtete mit Kaiser Haile Selassie und verkleidete sich auch mal als Mann: Ilse Mayer war eine der ersten Fotoreporterinnen der Schweiz. VON ISABELLA SEEMANN (TEXT) UND FRED MAYER (BILD)

zusammensassen. Diese Bilder brachten ihr die Anerkennung der harten Kerle von der Agentur. «Ich behauptete mich mit Charme und guten Fotos, die in der ganzen Schweiz und im Ausland verkauft wurden», resümiert Ilse Mayer ihren schwierigen Start in der machohaften Fotografenszene. Während eines Pferderennens lernte sie den Fotografen Fred Mayer kennen, sie heirateten, bekamen eine Tochter und machten sich beruflich selbständig, «mit zwei Fotokameras, einem Vergrösserungsapparat und 60 Franken in bar». Aufträge erhielt sie vor allem von Frauenzeitschriften wie «Annabelle» und «Femina». Dabei machte sie die finanzielle Not erfinderisch, und ihre Erfindung wurde bald zum Trend: Sie kombinierte Mode- mit Reisereportagen, fotografierte Models vor Sehenswürdigkeiten, wobei die Models gewöhnliche Einheimische waren. «Ich hasse diesen steifen Mode- und Model-Mumpitz und wollte es immer so natürlich wie möglich.» Was machte Ilse Mayer anders, besser als andere? Ilse Mayer kokettiert: «Ich mache die Leute nicht schöner, dafür interessanter.» Viele Fotografen inszenieren, um sich einen Namen zu machen. Sie machte sich einen Namen, weil sie nichts inszeniert. Sie umging Verbote, verkleidete sich mit befugter Miene als Mann, um im Tross der Tour de Suisse fotografieren zu können oder auch heimlich dort, wo keine Fotografen erlaubt waren. Doch sie knipste nicht heimlich, nur eben unaufdringlich.

«Die Kollegen schlossen Wetten ab, wie lange ich durchhalten würde», erzählt Ilse Mayer und hat jenen koketten Blick drauf, mit dem sie schon vor 60 Jahren die legendäre transatlantische Bildagentur Keystone enterte. 19 war sie und wurde direkt aus der Fotografen-Lehre von der frisch gegründeten Filiale am Zürcher Seilergraben unter Vertrag genommen – als erste Fotoreporterin von Keystone Schweiz. 300 Franken Lohn erhielt sie monatlich bar auf die Hand, den Fotoapparat musste sie selber stellen. Die beste Freundin ihrer Mutter, Lotte Sigg, die zuvor internationale Keystone-Bilder an Schweizer Wochenblätter verkauft hatte, gab ihr den Tipp, sich zu bewerben. Klar machte das Ilse, die so gar nichts mit klassischen Mann-Heim-Pelzmantel-Träumen am Hut, sondern vor allem Lust auf Leben hatte. Dafür konnte sie auch kiloweise Fotoausrüstung auf ihre zarte Schulter wuchten, und sie rümpfte nicht die Nase, wenn ihr beim Fotografieren eines Boxkampfs Blut und Schweiss ins Gesicht spritzten. Sie musste mit ihrer zweiäugigen Rolleiflex nahe an den Ring, denn Teleobjektive gab es damals noch nicht. «Ich habe mich nie als Fotografin, sondern immer als Fotoreporterin gesehen», erklärt sie. «Schon in der Lehre wusste ich, dass ich mal für Zeitungen arbeiten will, denn da ist man mit der Nase immer ganz vorne dabei, und das gefällt mir.» Heute steht die 80-Jährige in der Küche ihrer Penthousewohnung im Stadtzürcher Quar«Ich kann das Elend nicht fotografieren und ich will es auch nicht. Damit tier Enge, kocht Kaffee und schlägt den Rahm würde ich den Armen noch das letzte bisschen Würde nehmen.» für den selbstgebackenen Birnenkuchen. Die Zeit hat ihr braunes Haar ergrauen lassen, doch ist sie noch immer die charismatische Frau mit den von Fältchen Mit dem nötigen Respekt. Von Menschen in äusserster Not oder Sterumrahmten Augen, die stets zu schmunzeln scheint. In ihrem Salon benden hätte sie nie Aufnahmen gemacht. «Das würde mich beschähängen «aus Prinzip» keine Fotos, stattdessen ist er dekoriert mit Kunstmen. Ich kann das Elend nicht fotografieren und ich will es auch nicht. handwerk, das sie auf ihren unzähligen Reisen zusammengetragen hat. Damit würde ich den Armen noch das letzte bisschen Würde nehmen.» Was war zuerst: ihre Reiselust oder ihr Wunsch, Fotografin zu werden? Dabei ist sie keineswegs zimperlich. Mit ihrem Mann, der als einer «Ganz klar die Reiselust.» Die habe sie von ihrem Vater geerbt, einem der ganz wenigen Schweizer Fotografen für die renommierte Agentur deutschen Metzgermeister, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine KonMagnum arbeitet, bereiste sie den Globus, hauste mit Kakerlaken in den servenfabrik im hintersten Flecken Litauens aufbaute. «Wenn er von seiElendshütten der indigenen Völker am Ende der Welt («Wir Fotografen nen abenteuerlichen Reisen erzählte, ging das Fernweh mit mir durch.» sind doch alle verrückt»), ernährte sich tagelang nur von Beutelsuppen Ihr Leben als Fotoreporterin begann mit einem Fauxpas: Für ihren ersund wartete ebenso lange an einer Piste im Nirgendwo, dass sie ein Heten wichtigen Auftrag sollte sie den Empfang Seiner kaiserlichen Majeslikopter abhole, in Sibirien zum Beispiel. «Die Ilse hat mit den Leuten tät Haile Selassie I., Kaiser von Äthiopien, am Bahnhof Enge festhalten. Wodka gesoffen, während ich fotografierte», wirft Fred Mayer zur Frage Prompt war sie so nervös, dass sie den entscheidenden Moment verihrer Zusammenarbeit ins Gespräch ein und zwinkert schelmisch. Fred passte. Der Monarch war schon in die verdunkelte Limousine gestiegen, und Ilse Mayers rund dreissig gemeinsam veröffentlichten Bildbände geda sah er die verzweifelte junge Frau mit der schweren Kamera, öffnete hörten wie das Fondue-Caquelon zum Inventar eines jeden richtigen nochmals die Autotüre – und liess sich nonchalant von ihr ins Gesicht Schweizer Haushaltes: Sie konnten gegen Silva- und Mondo-Märkli auf blitzen. Im Alter von 22 lief die Weltgeschichte vor ihren Augen ab: An Lebensmitteln eingelöst werden und öffneten den Blick auf fremde Kulder Genfer Gipfelkonferenz vom Juli 1955 traf sie «The Big Four» – USturen in Zeiten, als die Schweizer nicht weiter als Rimini reisten. «Mir Präsident Dwight Eisenhower, den britischen Premierminister Anthony stand die Welt offen», sagt Ilse Mayer und blättert in den Fotoalben der Eden, den sowjetischen Ministerpräsidenten Nikolai Bulganin und den vergangenen 60 Jahre. Ilse beim Autorennfahren, im Heissluftballon französischen Ministerpräsidenten Edgar Faure – die im Völkerbundpaüber den Alpen, im Boot auf dem Ganges. Ilse Mayer resümiert: «Ich last an den Gestaden des Genfersees über das Schicksal der Menschheit hatte ein richtig lässiges Leben.» ■

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Alpinismus «Ohne offene Knie geht es nicht» Werner Munter ist Bergführer, unkonventioneller Denker und Sicherheitsexperte im Alpinismus. Risiko soll man nicht meiden, sagt er. Sondern damit umgehen lernen.

VON OLIVIER JOLIAT (INTERVIEW) UND FLAVIA SCHAUB (BILDER)

Werner Munter, Sie sind einer von vier porträtierten Bergsteigern des Dokfilms «Berge im Kopf». Die zentrale Frage des Filmes lautet: Wieviel Risiko braucht das Leben? Eignen sich die Berge besonders gut, um diese Frage zu stellen? Werner Munter: Wir leben in einer Zivilisation, die probiert, das Risiko möglichst komplett auszuschliessen. Wer sich in den Bergen bewegt, ist dauernd mit Risiken konfrontiert und muss lernen, sie richtig zu beurteilen und zu meistern. Und wenn man falsch entscheidet? Klar gelingt es nicht immer, die richtige Entscheidung zu treffen. Doch deswegen Risiken kategorisch zu meiden, ist falsch. So kann man seine angeborenen Fähigkeiten gar nicht entwickeln. Kein Kind lernt laufen oder Velo fahren, ohne umzufallen. Nur so kann man das Gleichgewicht und die Situation zu beherrschen lernen. Ohne offene Knie geht es nicht. Sitzt ein Kind bereits mit Helm im Sandkasten, lernt es die Gefahren nie kennen. Auf der Piste macht es aber Sinn, einen Helm zu tragen? Heute tragen 90 Prozent der Pistenfahrer einen Helm. Die Skiunfälle haben statistisch aber nicht abgenommen, weil die Leute schneller fahren. Eigentlich spürt man ja, dass man einen gewissen Abstand zum Risiko wahren muss. Das nennt man Risiko-Homöostase. Doch bekommt man ein technisches Hilfsmittel, welches das Risiko mindert, verkürzt man automatisch die Risikodistanz. So ist man wieder gleich gefährdet wie davor. SURPRISE 319/14

Sie plädieren gegen technische Schutzmittel? Mit technischen Hilfsmitteln überschätzt sich der Mensch. Ein österreichischer Bergführer hat das mit Skilehrern gezeigt, die er einen Hang auf Schneebrettgefahr schriftlich beurteilen liess. Alle Teilnehmer stuften den Steilhang als fahrbar ein. Dann sammelte er bei allen das Lawinenverschütteten-Suchgerät ein und forderte sie auf, loszufahren. Keiner getraute sich. Als Sie Anfang der Siebzigerjahre mit Halbmastwurf und Karabiner das Sichern im Bergsteigen revolutionierten, hiess es machoid: Der Bergführer, der den Gast nicht direkt über Rücken und Schulter sichert, ist ein Feigling. Mir wurde sogar zum Vorwurf gemacht, dass man mit meiner Methode jedes Kind si-

Man würde als Dummkopf bezeichnet. Es gibt ja auch keine Helden in den Bergen, das ist Blödsinn! Um in den Bergen zu überleben, braucht es Intelligenz, vor allem im Winter. Mir wurde schon vorgeworfen, meine Methode sei nicht narrensicher. Ich habe meine Methoden aber auch nicht für Narren erfunden, sondern für denkende Menschen. Haben Sie sich in Extremsituationen begeben, um das Wesen der Lawinen genauer begreifen zu können? Ich hab es schon ein paar Mal provoziert, in Lawinen zu geraten. Ich wollte halt genau wissen, was es braucht, um eine auszulösen. Nachdem ich ein paarmal teilverschüttet wurde, musste ich einsehen: Das nützt überhaupt nichts! Von dieser Erfahrung kann niemand profitieren, und es ist schlicht lebensgefährlich. Darum suchte ich nach einer anderen Methode.

«Heute tragen 90 Prozent der Pistenfahrer einen Helm. Die Skiunfälle haben statistisch aber nicht abgenommen, weil die Leute schneller fahren.» chern kann. Ja, umso besser! Da ich eher ein schwächlicher Mann war, musste ich halt auf Hirn und Willen zurückgreifen. Im Bergführerkurs 1971, als noch alle über die Schulter sicherten, genügte eine Sturzsimulation zur Überzeugung. Ich konnte den fallenden 80Kilo-Pneu mit einer Hand halten. Früher zogen Männer mit schlechter Ausrüstung und ohne gute Wetterprognose zu Berg. Für genau diesen Wagemut wurden sie als Helden gefeiert. Heute wäre das zumindest gesellschaftlich der sichere Selbstmord.

Ich versuchte zu ergründen, warum ich gewisse Hänge meide, und sammelte so Risikofaktoren. Dieses Wissen kann man weitergeben! Immer weniger Lehrer trauen sich noch mit ihren Schülern das Klassenzimmer zu verlassen, um zum Beispiel Schlitteln zu gehen, da immer mehr Eltern mit Anwälten kommen, falls etwas passiert. Jede Unternehmung ist mit Risiken verbunden. Aber wichtiger ist doch, dass wir etwas unternehmen und die Schüler etwas lernen. Heute weicht man anscheinend lieber der Gefahr aus und lernt weniger.

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Kinder haben dank ihrer Neugier einen natürlichen Umgang mit Risiko. Soll man die nun einfach frei die Grenzen ausloten lassen? Ich muss dazu sagen, dass ich keine Kinder habe. Darum kann ich das nur theoretisch behandeln. Aber ich überlegte mir oft, was ich

Schumacher. Der ist ein guter Skifahrer und als Formel-1-Pilot gewohnt, selbst bei Tempo 300 souverän zu reagieren. Nun fährt der abseits der Piste gemütlich Slalom um ein paar Steine und verunfallt trotz Helm saublöd. Das ist Pech, blinder Zufall. Oft werden für Verbote die Ängste der Leute geschürt. Das ist dasselbe System, wie es Diktaturen aufziehen. Man kontrolliert Menschen am einfachsten, wenn sie Angst haben. Der erste Satz meines Buches lautet: Risikobereitschaft ist von fundamentaler Bedeutung für die Entfaltung einer freien demokratischen Gesellschaft. Konsequentes Sicherheitsdenken endet letztlich in der totalitären Diktatur.

meinem Giel empfehlen würde, wenn er wie ich mit 17 alle Viertausender der Berner Alpen alleine besteigen will. Das wäre eine wahnsinnig schwierige Situation. Letztlich hätte ich sagen müssen: Voilà, probier es. Ich hätte das Risiko in Kauf nehmen müssen, dass er zu Tode stürzt. Willst du für deine Kinder 100 Prozent Sicherheit, können sie sich nicht entfalten, bleiben sie Nobodys. Sie plädieren für ein Schulfach Risikokultur. Was würden Sie da vermitteln? Ich würde an ganz einfachen Beispielen wie Schulweg oder Spielen im Garten zeigen, dass alles mit Risiko verbunden ist. Will man leben, kann man das nicht ausschliessen. Leben ist lebensgefährlich. Nun kann man Regeln aufstellen. Wenn man die respektiert, kann man das Risiko auf ein Mass senken, mit dem man gut leben kann. Am wichtigsten ist, dass, immer wenn du etwas machst, auch der Kopf dabei ist und abwägt. Erst wägen, dann wagen. Das ist einer der wichtigsten Sätze des Risikomanagements. Oder in neuerer Sprache: statt no risk no fun – check the risk and have fun. Die heutige Präventiv-Gesellschaft will lieber gleich alle Gefahren ausschliessen. Das funktioniert nicht. Der Zufall ist Teil unseres Lebens. Den kann man nicht ausschalten. Dir kann überall und jederzeit etwas passieren, unverschuldet und unerwartet. Nehmen wir als aktuelles Beispiel Michael

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Wer Angst schürt, nährt damit ja auch die eigene Angst vor Kontrollverlust. Darum endet jeder Diktator in Paranoia. Dafür braucht man heute nicht Diktator zu sein. Obama glaubt auch, die ganze Welt überwachen zu müssen. Ein totaler Schwachsinn. Um ein paar Terroristen ausfindig zu machen, ist man bereit, die Freiheit aufzugeben – das wichtigste Gut. Das ist doch wahnsinnig! Da habe ich lieber ein paar Terroristen und behalte dafür meine Freiheit. Vielleicht komme ich auf einer Reise ums Leben, weil so ein dummer Siech neben mir die Zündschnur zieht.

Tote in Kauf zu nehmen klingt schockierend. Als ich Anfang der Neunzigerjahre das erste Mal sagte, ich nähme Tote in Kauf, war das ein Skandal. Dabei habe ich den Standard vom Verein Deutscher Sicherheitsingenieure übernommen. Die setzten Standards für die Industrie, wo auf 100 000 unsichere Handlungen ein Toter einkalkuliert ist. Will man diesen auch noch ausschliessen, ist auch keine Produktion mehr möglich. Das Ausschliessen von Risiko wird oft als Beweis für den Fortschritt der Zivilisation gesehen. Das ist eine Illusion. Null Risiko gibt es nicht. Nicht erst seit Fukushima kennen wir das Restrisiko. Augenscheinlicher als bei einem Atomkraftwerk ist das bei unseren Staumauern. Kein Ingenieur behauptet, die hält zu 100 Prozent. Wenn die Grande Dixence wegen einem krassen Erdbeben bricht, steht das Wallis innert Stunden mehrere Meter unter Wasser. Das Risiko ist klein. Aber wenn es passiert, kommt das volle Ausmass. Dann gibt es keine halben Ereignisse. Und man weiss nie, wann es ist. Das kann morgen sein. Warum nimmt man Risiken bei einer Staumauer in Kauf, während man sich vor weniger schwerwiegenden Gefahren fürchtet?

«Ich hatte bisher sechs Momente, in denen man nach menschlichem Ermessen keine Chance aufs Überleben hat und mich nur ein Schutzengel retten konnte. Ich lebe nun mein siebtes Leben.» Aber das Risiko nehme ich in Kauf. Um die Freiheit zu bewahren, muss man Opfer bringen. Das behaupten auch die Politiker. Momentan opfern sie nur die Freiheit.

Wir sehen die Risiken am falschen Ort. Das ist aus der Risikoforschung bekannt. Was uns vertraut ist, betrachten wir als harmlos – zum Beispiel Autofahren. Was wir nicht kennen, ist

Erschreckend ist auch, wie gering die Empörung über solche Überwachungsmethoden in einem Land ist, das stolz auf seine Unabhängigkeit und Demokratie pocht wie die Schweiz. Überwiegen selbst im sichersten Land der Welt die Ängste? Ich schätze, 80 bis 90 Prozent der Menschen hier sind mit den Methoden einverstanden, weil wir keine Risiko-, sondern eine Sicherheitskultur pflegen. Wir suchen immer danach, was noch zu kontrollieren ist, statt wie man mit dem Risiko umgehen kann. Können Sie den Unterschied zwischen Risiko- und Sicherheitskultur erklären? In einer Risikokultur muss man bereit sein, gewisse Risiken zu akzeptieren. Beispielsweise nehme ich in Kauf, dass es auf 100 000 Skitouren einen Toten gibt. Sicherheitskultur heisst, jeder Tote ist einer zu viel. SURPRISE 319/14


gefährlich. Denken Sie nur an die Panik wegen der Vogel- und Schweinegrippe! Hatten Sie selbst auch Momente, in denen Sie dem Tod nahe standen? Ich hatte bisher sechs Momente, in denen man nach menschlichem Ermessen keine Chance aufs Überleben hat und mich nur ein Schutzengel retten konnte. Ich lebe nun mein siebtes Leben. Da ich das Gefühl habe, nur sieben zur Verfügung zu haben, ist dies wahrscheinlich mein letztes Leben. Darum gebe ich nun noch etwas mehr Sorge. Was für Situationen waren das? Ich nenne nur meinen 300-Meter-Absturz an der Nesthorn Nordwand, den mein Kollege und ich ohne grobe Verletzungen überlebten. Nebst üblen Prellungen und Schürfungen hatte sich nur der Pickel in mein Augenlid gebohrt. Dummerweise dachten wir, wir erholen uns besser eine Nacht in der Hütte, bevor wir absteigen. Aber am nächsten Tag ging gar nichts mehr, und Heli-Rettung gab es 1964 noch nicht. Also jagten wir uns gegenseitig Morphiumspritzen ins Füdli. Nach zehn Minuten war alles wunderbar und wir zogen mit den Skis die schönsten Bogen in den Schnee. Unten in Blatten angekommen, wollten wir in der ersten Beiz mit einem Glas Fendant auf unSURPRISE 319/14

ser Leben anstossen. Wir wussten doch nicht, wie das kombiniert mit Morphium wirkt – verheerend! Das Glas war noch nicht leer, lagen wir unter dem Tisch. Ich könnte weitere Beispiele aufzählen, aber irgendwie ist das zu intim. Solche Begegnungen mit dem Tod sind intimer als Sex. Da geht es auch um Ehrfurcht vor dem Leben. Darum erzähle ich nur dieses eine Beispiel. Die anderen kennen nur mein Schutzengel und ich. Wenn Sie von Morphium sprechen: Drogen sind in der Kulturgeschichte auch ein Feld, wo man Risiken eingeht, um Neues zu entdecken, das Bewusstsein zu erweitern.

Ja, aber immer unter Kontrolle von einem Priester oder Zeremonienmeister. Das ist wahnsinnig wichtig. Und es braucht eine geistige Vorbereitung. Stimmt das Setting nicht, landet man bei Drogen nicht im Himmel, sondern in der Hölle. Ich war während den 68erJahren sicher einer der Wilderen an der Uni, selbstverständlich auch beim Experimentieren mit Drogen. Am meisten interessierte mich LSD. Denn mit LSD erweitert man sein Bewusstsein definitiv. Die Farben und Formen, das waren schon wunderbare Erlebnisse. Aber ich habe die Kontrolle über mich verloren. Das konnte ich nicht ertragen. Als ich das erkannt habe, habe ich nie mehr LSD angefasst. ■

Werner Munter ist weltweit anerkannter Sicherheitsexperte für die Berge. Mit der Halbmastwurf-Seilsicherung (englisch: Munter hitch) führte er das dynamische Sichern im Bergsteigen ein. Mit unkonventionellem Denken revolutionierte der heute 72-jährige Bergführer und Philosoph auch die Beurteilung der Lawinengefahr, was ihm nebst offiziellen Ehrentiteln auch den Ruf als «Lawinenpapst» einbrachte. Lieber ist dem Autoritäts-Skeptiker jedoch der Ausdruck «Unsicherheits-Experte». Seine Bücher sind Standardwerke, «3×3 Lawinen» wurde gerade in der fünften Ausgabe neu aufgelegt. Munter ist einer von vier Protagonisten in «Berge im Kopf». Der Dokfilm begleitet Alpinisten aus vier Generationen und geht dabei der Frage nach: Wieviel Risiko braucht das Leben? Der Film läuft derzeit in den Deutschschweizer Kinos. www.berge-im-kopf.ch

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Ausgrenzung Gegen die Schwachen Die Schweiz verabschiedet sich vom Sozialstaat. Bei den Armen wird gespart, dafür wird der Repressionsapparat aufgerüstet. Diese Politik führt in ihrer Konsequenz zu einem Polizeistaat. VON RETO ASCHWANDEN

Nein, verhungern oder erfrieren sollen die Armen nicht. So weit herrscht in der Schweiz Einigkeit. Doch alles, was über die Überlebenshilfe hinausgeht, steht unter Druck. Zum Ausdruck kam das im Titel der Medienmitteilung der Schweizerischen Konferenz der Sozialhilfe (SKOS) Anfang dieses Jahres: «Die SKOS hält am sozialen Existenzminimum fest.» Soziales Existenzminimum bedeutet, dass wir Sozialhilfebezügern ermöglichen, sich am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen. Ein vernünftiger Ansatz, der über Jahrzehnte kaum ernsthaft infrage gestellt wurde. Doch nun steht dieses Konzept unter Druck. Letztes Jahr verliessen unter grossem Getöse einige Gemeinden die SKOS, der alle Kantone und die meisten Kommunen angehören. Es handelte sich um eine von der SVP orchestrierte Attacke, die indirekt auf das soziale Existenzminimum zielte. Dieses bemisst sich am Lebens-

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standard der einkommensschwächsten zehn Prozent der Schweizer Haushalte: Sozialhilfebezüger erhalten gleich viel Geld, wie Leute in Billigjobs selber verdienen. Die SVP findet das ungerecht, weil die einen für ihr Geld arbeiten und die anderen nicht. Das kann man so sehen – und daraus folgern, dass mancher Arbeitgeber Hungerlöhne bezahlt. Ändern liesse sich das zum Beispiel mit der Festlegung von Mindestlöhnen oder mit der Einführung eines Grundeinkommens für alle. Die SVP und mit ihr Teile der bürgerlichen Parteien wollen aber etwas anderes. «Sie wollen Sozialpolitik mit der Axt betreiben. Sie wollen zurück in eine soziale Eiszeit.» Das sagte der Freisinnige Pascal Couchepin, als er Ende 2009 aus dem Bundesrat zurücktrat. Couchepins Kommentar zur Haltung der SVP gegenüber der 5. IV-Revision, die eine befristete Erhöhung der Mehrwertsteuer beinhaltete (was das Stimmvolk an der Urne guthiess), brachte auf den Punkt, was rechte Politiker meinen, wenn sie von einer Rettung der Sozialwerke reden. Die SozialSURPRISE 319/14


Wer der Polizei Repressionsinstrumente in die Hand gibt, darf sich politik des neuen Jahrhunderts ist ein Kreuzzug gegen die Schwachen: nicht wundern, wenn sie die auch anwendet. (Das gilt übrigens auch für IV, Arbeitslosenversicherung, Sozialhilfe – überall wurden Leistungen das Hooligan-Konkordat, mit dem an einer Subkultur ohne Lobby getesgekürzt. Und wer jetzt denkt, das betreffe ihn nicht: Auch in der Bildung tet wird, wie weit sich mit dem Segen der Bevölkerungsmehrheit Bürsowie in der Kranken- und Altenpflege werden die Budgets zusammengerrechte beschneiden lassen.) Im Umgang mit dem öffentlichen Raum gestrichen. Das Hauptargument ist immer das gleiche: Wir können uns zeigt sich das Ausmass der Ausgrenzung. Denn in den Städten sind es das nicht leisten. nicht Rechte und Bürgerliche, die den Ton angeben. Viele urbane ZenWarum eigentlich nicht? Weil dem Staat stetig Mittel entzogen wertren der Schweiz sind rot-grün dominiert. Und die gleichen Stadtbeden. Kantone und Kommunen unterbieten sich gegenseitig mit immer wohner, die diese Mehrheiten links der Mitte wählen, befürworteten die niedrigeren Abgaben. So würden gute Steuerzahler angelockt, heisst es, Wegweisungsartikel an der Urne haushoch. Man hat ja schon ein soziadie Einnahmen in der Summe deshalb nicht sinken. Diese Rechnung les Gewissen, aber wenn man mit den Kindern in den Stadtpark geht, kann aber nicht aufgehen, und für die eifrigsten Verfechter tiefer Staatssollen dort bitteschön keine Säufer mit Bierdosen um die Pingpong-Tiquoten muss sie das auch nicht. Denn eigentlich geht es ihnen darum, sche lungern. den Staat finanziell auszuhungern, um ihn zu schwächen. Dieser Plan geht auf: In vielen Kantonen und Kommunen klaffen Löcher im Budget, Ausgrenzen und unterdrücken die Folge sind drastische Sparprogramme, wie sie derzeit Luzern und Ausgrenzung ist gefährlich. Es gibt nämlich zwei gesellschaftliche Bern erleben. Gruppen, die ohne Rücksicht auf Verluste machen, was sie wollen: Die Die Schweiz gehört noch immer zu den reichsten Ländern der Welt. ganz oben, weil sie nichts zu befürchten haben. Und die ganz unten, Es ist nicht einzusehen, warum wir uns gut ausgebaute Sozialsysteme weil sie nichts zu verlieren haben. Es droht ein Teufelskreis: Druck auf nicht sollten leisten können. Doch mit den richtigen Tricks kann man Leute, die ohnehin schon unterprivilegiert sind, löst Frust und Aggresdas den Leuten durchaus weismachen. Am einfachsten spielt man die sionen aus. Was wiederum zu Ängsten führt bei denen, die systemkonMenschen gegeneinander aus: Weil das Gefühl, übervorteilt zu werden form leben. Diese diffuse Furcht spielt jenen Kreisen in die Karten, die und zu kurz zu kommen, tief in der Schweizer Volksseele verankert ist, Sozialabbau und hartes Durchgreifen propagieren, denn sie macht empzeigt man mit dem Finger auf Leute, die sich nicht wehren können. Das fänglich für Rufe nach mehr Sicherheit. Auf Ausgrenzung folgt RepresLieblingsargument der Vertreter einer harten Hand geht so: Wir müssion: Zuerst drängen wir die Menschen, die nicht ins System passen, ins sen gegen Missbräuche vorgehen. Also schnüffeln Sozialinspektoren Ausgesteuerten nach, und die IV untersucht die Hirnströme von psychisch Kranken, um SiEs gibt zwei Gruppen, die machen, was sie wollen: Die ganz mulanten zu entlarven. Doch die Jagd auf oben, weil sie nichts zu befürchten haben. Und die ganz unten, «Schmarotzer» ist reine Sündenbock-Politik. weil sie nichts zu verlieren haben. Volkswirtschaftlich fallen zu Unrecht bezogene Unterstützungsgelder wenig ins Gewicht – Abseits, und wenn sie sich dann immer noch aus dem Haus trauen, hetim Gegensatz zu politischen Sauereien wie der Unternehmenssteuerrezen wir ihnen die Polizei auf den Hals. Wir wollen nicht erleben müsform II, die 2008 an der Urne knapp befürwortet wurde. Der damals sen, was die Marginalisierung mit Menschen macht, darum sollen sie verantwortliche Bundesrat Hans-Rudolf Merz bezifferte den Steuerausuns nicht unter die Augen und schon gar nicht zu nahe treten. Der Abfall auf ein paar Dutzend Millionen – tatsächlich entgehen dem Staat bau des Sozialstaates führt in der Konsequenz zu einem Ausbau des Milliarden. Folgen hat dieser Schwindel für Alt-Bundesrat Merz nicht. Nachtwächterstaates. Das heisst: Die Obrigkeit beschränkt sich auf die Einem Sozialhilfebezüger aber, der ein paar hundert Franken aus einem Ausübung des Gewaltmonopols. Sie schützt Besitz und Eigentum und Gelegenheitsjob verheimlicht und auffliegt, wird die Unterstützung verteidigt die Reichen gegen die Armen. Und die haben immer weniger massiv gekürzt. zu verlieren, je mehr man ihnen nimmt. Die Alternative zum Nachtwächterstaat ist der Erhalt eines SozialLinks wählen und nach unten treten staates, der die Armen nicht ausgrenzt. Sicherheit kann kurzfristig mit Die Konfrontation mit Armut löst Irritationen aus. Deshalb marginader Unterdrückung der Unzufriedenen erreicht werden. Oder langfristig lisieren wir die Armen nicht nur durch Leistungskürzungen, sondern mit der Erhaltung eines sozialen Existenzminimums, wie es die SKOS wir verdrängen sie auch aus unserem Alltag. Wer wenig Geld hat, kann fordert. Wenn auch Arme Fussballschuhe für ihre Kinder vermögen, dasich selten Shopping oder einen Restaurantbesuch leisten und nutzt damit diese im Fussballklub mitmachen können; wenn auch für einen Sorum eher den öffentlichen Raum. Weil die Städte den aber zunehmend zialhilfebezüger zwischendurch ein Kinobesuch drinliegt, dann ist das vergolden wollen, stören Menschen ohne Geld. Und weil gemäss einer weder übertriebene Fürsorge noch eine milde Gabe. Indem wir uns das unsäglichen Kampagne in Zürich vor ein paar Jahren nur noch «erlaubt soziale Existenzminimum leisten, leisten wir auch einen Beitrag an die ist, was nicht stört», werden sie aus städtischen Zentren vertrieben. Das Stabilität eines Gesellschaftssystems, das einer wohlhabenden und aufgeschieht mit baulichen Massnahmen, etwa durch die Entfernung von geklärten Gemeinschaft würdig ist. Wer trotz Armut hin und wieder an Sitzbänken und Überdachungen oder durch die Verlegung von Anlaufden schönen Seiten des Lebens teilhaben kann, bleibt integriert und bestellen für Drogenabhängige vom Zentrum an die Peripherie wie kürzhält seine Menschenwürde. Wer bei Wasser und Brot zuschauen muss, lich in Basel. Verbreitet sind auch sozial sensible Ordnungstrupps wie wie sich andere im Luxus suhlen, ist ausgeschlossen und gedemütigt. die SIP (Sicherheit, Intervention, Prävention) in Zürich und PINTO (PräDen Nihilismus, den das auslöst, kann man niederknüppeln lassen – vention, Intervention, Toleranz) in Bern. Wenn Vergrämung und gut zuwenn man in einem Polizeistaat leben möchte. Oder wir ermöglichen reden nichts nützen, gibts härteres Geschütz. Und zwar Wegweisungsauch Benachteiligten ein anständiges Dasein. artikel und Rayonverbote, die in den letzten 15 Jahren in praktisch allen Wenn wir schon nicht aus Anteilnahme zu den Armen schauen, grösseren Städten eingeführt wurden. Seither werden Obdachlose und dann vielleicht zumindest aus Eigeninteresse an einer offenen und Süchtige, aber auch Jugendliche, die in öffentlichen Parks die Flaschen freien Gesellschaft. kreisen lassen, gezielt verjagt. Das Ausmass dieser Vertreibung offenba■ ren Zahlen der Stadt Zürich: 5232 Wegweisungen sprach die Polizei 2012 aus, darüber zeigte sich sogar der damals verantwortliche PolizeiMit diesem Artikel verabschiedet sich Reto Aschwanden nach über sechs Jahren vorsteher Daniel Leupi «leicht schockiert». aus der Redaktion von Surprise. SURPRISE 319/14

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Sein Stirnrunzeln verrät den Grübler: Bayern-Trainer Pep Guardiola denkt nach …

Grübeln Im Kreis zum Ziel In der Romantik sah man das vertiefte Nachdenken als Weg «zum Kristallgrund der Seele», heute gilt es als beinahe krankhaft. Dabei kann es hilfreich sein, den eigenen Gedanken nachzuhängen – ein Plädoyer für das Grübeln.

VON TILL RAETHER

Man merkt, dass das Grübeln echt keinen guten Ruf mehr hat, wenn Claudia Schiffer sich anlässlich ihrer neuen Show «Fashion Hero» ausdrücklich von dieser Form des Nachdenkens distanziert: «Ich bin einfach ausgeglichen, kein Grübler oder Pessimist. Ich mag mich.» Wenn die Nationalelf von Sportjournalisten ermahnt wird: «Grübler gewinnen keine Titel». Oder wenn Zlatan Ibrahimovic offenbar lange nachgedacht (wenn wohl auch nicht gegrübelt) hat, um in seiner Autobiografie die ultimative Beleidigung für den Bayern-Trainer Pep Guardiola zu

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finden: «Grübler ohne Eier». Grübeln, tiefschürfendes Nachdenken: durch, vorbei, es taugt nur noch als Schimpfwort, als Schwermutssymptom und in der Formulierung «Grübler und Querdenker» zur Vermarktung zweitklassiger Kabarettisten. Aber was verlieren wir eigentlich, wenn wir das Grübeln ablehnen, und wie konnte es überhaupt so in Verruf geraten? Der Kulturwissenschaftler Burkhard Meyer-Sickendiek von der Freien Universität Berlin sagt, dass man im Grunde drei Phasen in der Geschichte des Grübelns unterscheiden muss. Erstens das Grübeln als Mode während der Zeit der deutschen Romantik: Dichter wie Clemens SURPRISE 319/14


BILD: REUTERS/CHARLES PLATIAN

… und wird deshalb von Stürmer-Star Zlatan Ibrahimovic als «Grübler ohne Eier» verunglimpft.

los im Kreis dreht. Diese zweite Spielart des Grübelns wird in der FachBrentano wollten damals durch Grübeln «zum Kristallgrund der Seele» sprache «Rumination» genannt. «Den Unterschied sieht man schon an vordringen, es gab eine Sehnsucht nach Selbstversunkenheit und Tiefe, der Wortherkunft», sagt Meyer-Sickendiek. «Grübeln kommt tatsächlich mit jeder Menge Bergwerks- und Höhlenmetaphern. Das wahre Weltall von ‹graben›, und bevor es das Wort in der heutigen Bedeutung gab, war den Romantikern im eigenen Innern, ein Schatz, den sie durch Grübeln zu heben hofften. Zweite Phase: die weKann es sein, dass wir über dem Grübelvermeiden das Nachnig romantisch veranlagten Ärzte und Psychiater der Gründerzeit, die das Grübeln zur denken verlernt haben? Krankheit erklärten. «Zwangsvorstellung in sprach man im 17. Jahrhundert davon, jemand würde in der Nase ‹grüFrageform» nannte es der Berliner Psychiater Carl Westphal 1877, zu beln›. Also graben im Sinne von: etwas bergen, am Ende womöglich eiFreuds Zeiten wurde Grübeln als Spielart der Hysterie behandelt. Und nen Schatz. Während Rumination von der Wortherkunft her ‹wiederschliesslich die dritte Phase, seit Beginn der 1990er-Jahre, in der Grükäuen› bedeutet, also: sich wiederholendes Denken.» beln mithilfe neuropsychologischer Studien als Auslöser oder als SympDas ist dann das Gedankenkarussell, das die betroffenen Grüblerintom von Depression untersucht und behandelt wird. nen und Grübler nicht mehr anhalten können: Depressive, heisst es, grübeln vier, fünf, sechs Stunden am Tag. Und zwar, erklärt der PsychoDen Schatz aus der Nase bergen loge Tobias Teismann, über abstrakte, grosse Themen, bei denen die Das Grübeln hat also im Laufe von etwa 250 Jahren eine recht unerWahrscheinlichkeit sehr gering ist, dass man durch Grübeln eine Lösung freuliche Karriere gemacht: von einer Art Kulthandlung romantischer findet. Also etwa Fragen wie: Bin ich eine gute Mutter? Oder, noch tüInnerlichkeitsfans zu einer Krankheitsform, gegen die man heute im ckischer: Warum bin ich eine so schlechte Mutter? Warum mag mich Internet Hunderte von Tipps findet: «Raus aus der Grübelfalle!» sind niemand? Also definitiv nicht gerade die Partykracher unter den existendiese meist überschrieben, und da weiss man gleich: Besser gar nicht ziellen Fragen, sondern ganz klar der Stoff, aus dem die Depressionen erst reintappen, also lieber nicht allzu tief und allzu lange über Schwiesind. Tobias Teismann, der an der Ruhr-Universität Bochum zum Theriges nachdenken. ma depressives Grübeln forscht, sagt, dass derartige Fragen durch neBurkhard Meyer-Sickendiek, der mit «Tiefe. Über die Faszination des gative Stimmungen ausgelöst werden, die sich dann durch die vergebliGrübelns» vor ein paar Jahren ein ausserordentlich lesenswertes Buch che Beschäftigung mit der Frage zur Depression steigern. Man ist also zum Thema geschrieben hat, legt Wert auf die Feststellung, dass wir zum Beispiel von jemandem übersehen oder womöglich geschnitten hier von zwei verschiedenen Dingen sprechen: Grübeln im romantiworden, ist darüber unglücklich und gerät, wie Teismann es nennt, ins schen Sinne ist eine Denkweise, die den Dingen auf den Grund zu ge«Katastrophisieren» und grübelt schliesslich über die von der Ausgangshen versucht, während das Grübeln im medizinischen Sinne sich zielSURPRISE 319/14

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heben? Ach, meistens sagen wir zu allen möglichen Freunden: «Ich situation schon sehr weit losgelöste Frage, warum einen niemand, aber weiss nicht, was ich tun soll» und wackeln ungeduldig mit den Knien, auch wirklich: niemand mag. während sie uns irgendwas raten, was uns nur schmerzhaft klarmacht, In unregelmässigen Abständen bieten Teismann und seine Kollegen wie wenig sie uns verstehen. Und im Stillen hoffen wir, dass die Sache eine «Grübelgruppe» an. Hier lernen depressive Grüblerinnen und Grübsich von alleine regelt oder dass wir endlich eine Antwort von unserem ler mithilfe von Methoden aus der Verhaltenstherapie, etwas gegen das Bauch bekommen, auf den wir doch schon die ganze Zeit hören, aber Grübeln zu tun. Indem sie das Grübeln zum Beispiel einfach zeitlich der Sack gibt keinen Pieps von sich. verschieben oder begrenzen. «Das klingt erst mal komisch, wenn man gesagt kriegt, man soll üben, nicht jetzt zu grübeln, sondern erst um Buchhalter der eigenen Seele 12.30 Uhr», sagt Teismann, «aber dadurch lernen die Leute, dass sie die Wenn man das Grübeln jenseits des depressiven Wiederkäuens und Macht über das Grübeln haben können und nicht umgekehrt. Menschen jenseits der romantischen Selbstherrlichkeit neu erfinden wollte, müsste neigen dazu, dem eigenen Denken gegenüber unkritisch zu sein: Wenn man zwei grosse Widerstände überwinden: einmal die eigene Bequemich denke, ich habe versagt, dann wird das schon stimmen. Wir versulichkeit, und zum anderen müsste man sich von einer Art Gehirnwäsche chen den Leuten beizubringen, dass das nur Gedanken sind und jeder befreien, der wir in den letzten zehn, 15 Jahren unterzogen worden selbst entscheiden kann, ob er diesen Gedanken folgt und sich von ihnen provozieren lässt oder nicht.» Durch Konzentrationsübungen zum Beispiel lernen die Die Augenblicke, in denen Menschen früher zum Nachdenken Patienten, mehr Kontrolle über ihre «exzessive gezwungen waren, füllen wir heute mit Ablenkung. Selbstaufmerksamkeit» zu bekommen und auch mal auf was anderes zu achten, und sind. Wahrscheinlich müsste man eher sagen: einer Bauchwäsche. Denn wenns erst mal nur Geräusche vom Band sind. «Es gibt aber natürlich genau darum geht es: dass uns seit einiger Zeit mit wachsendem Nachauch ganz konkrete Fragen, die geklärt werden müssen», sagt Teismann. druck gesagt wird, dass unser Bauch ein sehr viel funktionstüchtigeres «Wir hatten einmal eine Patientin, die stand ganz klassisch zwischen Denkorgan ist als unser Kopf. Wir sollen uns auf unsere Intuition verzwei Männern und hat über die Frage gegrübelt, für welchen sie sich lassen und uns innerlich möglichst leer machen, damit wir spüren, was entscheiden soll. Das sind Fragen, bei denen es tatsächlich darum geht, für uns das Richtige ist. Von diesem Dogma müssten wir uns befreien, inhaltlich eine Lösung zu finden, und nicht einfach nur darum, mit dem wenn wir wieder anfangen wollen mit dem Nachdenken: Zwar haben Grübeln aufzuhören. Grübeln ist immer dann schädlich, wenn der wir im Achtsamkeitskurs gerade erst mühsam gelernt, dass man den GeHandlungs- oder Problemlösungsbezug fehlt.» danken begegnet mit einem freundlichen «Ah, ein Gedanke, ich lasse ihn ziehen». Aber vielleicht wäre es mitunter aufschlussreicher, dem einen Keine Kapazität für komplexe Gedanken oder anderen Gedanken nachzueilen und ihm auf den Grund zu gehen. Eigentlich ist es seltsam, dass es so etwas wie «Grübelgruppen» nur Das aber, Widerstand Nummer zwei, wäre Arbeit. Denken, da darf für Menschen gibt, die in ihrem Gedankenkarussell gefangen sind und man sich nichts vormachen, ist anstrengend. Da zieht die Grosshirnrindarüber depressiv werden. Eigentlich müssten wir Grübelgruppen gründe Glukose, dass es kracht. Wir sind es aber nicht mehr gewöhnt und den, in denen wir das Grübeln als Kulturtechnik wieder lernen oder wir mögen es auch nicht, wenn die Dinge uns anstrengen. Wir sind es ganz neu lernen. Je komplexer das Leben geworden ist, desto mehr Angewöhnt, dass alles immer leichter wird. Das Äusserste, was wir uns lässe gibt es, über Dinge nachzudenken. Oder besser gesagt: umso mehr beim Nachdenken noch zumuten, ist, dass wir uns hinsetzen und eine Anlässe gäbe es, denn wir kommen ja nicht mehr zum Nachdenken. In Pro-und-Contra-Liste machen. Aber ganz ehrlich: Am Ende, wenn man den Neunzigerjahren galt Ablenkung als wichtigstes Mittel gegen dedamit fertig ist und die Liste vor sich liegen sieht, hat man nicht die Gepressives Grübeln, und die Versuchung ist gross, das auf die ganze Gewissheit, etwas wirklich durchdacht zu haben, sondern nur das schale sellschaft zurechtzubiegen: Wir sind perfekt darin, uns abzulenken – Gefühl, zum Controller der eigenen Seele geworden zu sein. Wenn über nicht nur, um nicht in depressives Grübeln zu verfallen, sondern wir der Liste steht: «Wegen Job nach Berlin umziehen?» und unter «Pro» lenken uns ab, um überhaupt nicht mehr nachdenken zu müssen. Die steht: «Mehr los» und unter «Contra» steht: «Freunde weit weg», dann ist Augenblicke, Minuten oder vielleicht sogar Viertelstunden, in denen das eine buchhalterische Parodie von Antworten auf eine grosse Frage. Menschen früher gewissermassen zum Nachdenken gezwungen waren, Wenn wir der Ablenkung vom Nachdenken und dem sinnlosen füllen wir heute mit Ablenkung. Man mag die Beispiele gar nicht aufGrübeln ein positives Grübeln entgegensetzen wollen, müssten wir es zählen, weil man sich sofort wie ein kulturpessimistischer Waldschrat anders machen. Wir müssten uns bei grossen Entscheidungen und anhört, aber stellen Sie sich einfach ein paar Kopfhörer vor, ein Smartschwierigen Problem darüber klar werden, wer wir eigentlich sind, was phone, auf dem Rechner immer ein halbes Dutzend Fenster offen mit unsere Werte sind, was wir früher einmal wollten und ob dies das ist, witzigem Kleinkram, und so weiter. Für komplexere Gedanken als den, was uns immer noch wichtig ist. In seinem Buch übers Grübeln zitiert ob es besser wäre, den Mobilfunkanbieter zu wechseln, ist da keine KaBurkhard Meyer-Sickendieck den Philosophen Walter Benjamin, für den pazität mehr frei. Und weil selbst dieser Gedanke schon so gross und abGrübeln «im Zeichen der Erinnerung» stand. Benjamin beschrieb den strakt ist, wird er vermutlich am Ende noch dazu führen, dass man deGrübler als jemanden, «der die Lösung des grossen Problems schon gepressiv der Frage nachhängt, warum alle in der Lage sind, den für sie habt, sie sodann aber vergessen hat». Der Schatz, den der Grübler also günstigsten und besten Mobilfunkanbieter zu finden, nur man selbst aus sich selbst zu heben sucht, indem er sich in sich selbst versenkt, nicht: Warum bin ich so ein Idiot? Mit wirklichem Nachdenken hat das sind womöglich die Pläne, Ziele, Wünsche und Träume, die er früher alles nichts zu tun. Kann es sein, dass wir über dem Grübelvermeiden mal gehabt hat und die verdeckt worden sind im Laufe der Jahre durch das Nachdenken verlernt haben? all den Ablenkungsschamott und durch die unklaren Signale aus der Klar, wir sagen gern: «Nee, da muss ich erst mal in Ruhe drüber nachKörpermitte. Wieder grübeln zu lernen heisst also, sich darauf zu bedenken», wenn wir vor einer schwierigen Entscheidung mit möglichersinnen, wer wir eigentlich mal waren und was wir eigentlich mal wollweise weitreichenden Folgen stehen oder wenn wir uns bei einer Sache ten, und nachzuschauen, ob und wie uns das hilft, die Probleme der nicht sicher sind, die sich im Moment, wie wir dann sagen, «irgendwie Gegenwart zu lösen. Alles andere ist nur in der Nase grübeln. nicht gut anfühlt». Aber denken wir dann wirklich nach? Grübeln wir im ■ romantischen Sinne über den möglichen Wechsel in eine andere Stadt, graben wir in uns hinein, in der Hoffnung, den Schatz der Erkenntnis zu Dieser Artikel erschien zuerst im SZ-Magazin (Nr. 47/2013/Till Raether)

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Jugend Ist es schlimm, mit 17 noch Jungfrau zu sein? An einer Basler Oberstufenschule hat eine Klasse ein Theaterstück zum Thema Sex aufgeführt, die Texte haben die Schülerinnen und Schüler selber geschrieben. Sie erzählen von Momenten, die vielleicht so passiert sind oder vielleicht nur Fantasie sind. Ein Einblick in die Welt der Teenies.

Männer oder Jungs wollten mich noch nie oder wollen mich nicht. Ich bin ein guter Kumpel, aber mehr auch wieder nicht. Ja, ich bin noch Jungfrau. Es ist mir peinlich, und eigentlich frage ich mich, ist es nicht peinlich, dass es mir peinlich ist? Ich spreche selten darüber. Was mich empfängt, sind sowieso nur verdutzte oder verspottende Blicke. Ich habe noch nie «Ich liebe dich» gesagt. Ich kenne dieses Gefühl nicht. Wie soll ich mich jemals jemandem öffnen, wenn ich mich selbst nicht akzeptieren kann?! Ich bin nicht absolut unberührt, geschweige denn prüde und verschlossen. Ich hatte einfach nie Sex! Ich kann mich auch schlecht jemandem öffnen und meine Gefühle komplett auspacken.

Als ich vor vier Jahren mein erstes Mal hatte, war ich danach noch sehr lange mit meinem damaligen Freund zusammen. Es war für mich einfach eine Art, ihm noch näher zu kommen, als wir uns ohnehin schon waren. Als ich mich von ihm trennte, war ich mir Sex so gewohnt, SURPRISE 319/14

dass ich dann so etwas wie einen Sex-Entzug durchmachte. In so einer Situation muss man als Frau sehr aufpassen, dass man nicht einfach mit irgendwelchen Männern ins Bett geht, die es danach allen weitererzählen. Wenn man das machen würde, würde man sehr schnell als Schlampe gelten. Ich war froh, als ich endlich jemanden gefunden hatte, der das Gleiche wie ich gesucht hatte, aber wie ich sich nicht gleich in eine Beziehung stürzen wollte.

Ich möchte ganz normalen Sex mit meiner Französischlehrerin. Warum das zu meiner Fantasie wurde, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass ich sie praktisch nicht anschauen kann, ohne daran zu denken. Bestimmt ist es keine Besessenheit. Ich denke, es ist nur eine gesunde jugendliche Anziehung durch eine attraktive und höhergestellte Person – eine Frau. Zu betonen wäre vielleicht noch, dass diese Anziehung nur von einer Seite kommt. Ich schäme mich nicht dafür und mache mir weder Sorgen noch Hoffnungen.

en, er sagte, er sei mein bester Freund und er werde es niemandem verraten oder mich ausnützen. Also willigte ich ein. Ich war so dumm damals. So schliefen wir zusammen. Doch es war schrecklich! Er kommandierte mich herum, behandelte mich wie eine Prostituierte. Als er fertig war, musste ich das Kondom die Toilette runterspülen, weil er es «nicht konnte». Danach wollten wir eigentlich schlafen gehen, doch er wollte dann doch nicht und ging nach Hause. Aber zuerst versprach er mir noch einmal, niemandem was zu erzählen und mit mir in Kontakt zu bleiben. Das Letzte, was ich über ihn gehört habe, war, dass alle unsere gemeinsamen Freunde davon wussten. Er hat ihnen alles erzählt. Doch persönlich bei mir hat er sich nie mehr gemeldet. Und sowas nannte sich mal mein «bester Freund». Er nahm mir meinen Wert. Ich hasse ihn!

Nun ja, wo soll ich anfangen? Mein erstes Mal war leider einer der grössten Fehler meines Lebens. Ich war zu naiv, gutgläubig und jung, als es dazu kam. Mein damaliger bester Freund kam zu mir nach Hause, als meine Familie ausser Haus war. Er wollte bei mir übernachten. Damals war ich 13 Jahre alt. Plötzlich kam er mit einem Kondom zu mir und sagte, er wolle unbedingt Sex, er habe sich extra den Schambereich rasiert. Doch ich wollte nicht. Er liess nicht locker. Er bat mich, ihm zu vertrau-

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Sexualität ist für mich etwas sehr Normales. Wenn Leute Sex haben, finde ich es ziemlich menschlich. Sex ist nicht eklig oder unnötig, denn jeder Mensch ist dadurch entstanden. Ich finde Sex etwas Schönes und ich bin froh, mein erstes Mal mit jemandem erlebt zu haben, den ich wirklich liebe.

Ich weiss nicht genau, was Sex für mich bedeutet, ich hatte noch keinen. Ich hatte auch noch keinen festen Freund. Es ist schwer zu erklären. Ich kann auch nicht sagen, ob es mir fehlt in meinem Leben, weil ich nicht weiss, wie es ist. Es ist auf jeden Fall nicht einfach. In meinem Freundeskreis hatten die meisten schon Sex, und wenn ich sage, ich bin noch Jungfrau, glauben sie es nicht! «Was, DU bist noch Jungfrau?» Als ob man es den Menschen ansehen würde, dass man schon einmal Sex hatte! Ist es schlimm, mit 17 noch Jungfrau zu sein? Gibt es in meinem Leben nicht grössere Probleme, als noch keinen Sex gehabt zu haben? Ich weiss es nicht. Ich kann im Moment eigentlich nicht mehr dazu sagen, weil im Moment in meinen Gedanken grad jemand herumschwirrt …

Sex? Hatte ich nie. Kein Sex vor der Ehe, heisst es bei uns zu Hause. Ich darf nicht einmal einen Freund haben, denn wenn das rauskäme, wäre der Stolz der ganzen Familie kaputt. Man muss sich dann schämen, wird von der Gesellschaft mit derselben Religion ausgeschlossen oder ignoriert. Solche Vorschriften belasten einen sehr, denn das Herz, welches sich verliebt, kannst du mit deinem Gehirn nicht kontrollieren und unterdrücken. Die grösste Angst jedoch ist, von den Eltern verheiratet zu werden. Sie suchen einer jungen Frau irgendeinen Mann aus, welcher einen guten Beruf hat, aus einer anständigen Familie und aus der gleichen Kaste kommt. Die Frau sagt Ja, wenn sie ihn hübsch findet, dann wird verlobt, und erst danach ein bisschen kennengelernt. Nach der Hochzeit sollte man Sex ohne Verhütungsmittel haben, also Sex = Kinder. Als Frau fürchtet man sich oft vor der Zukunft – wie der Ehemann sein wird, ob er liebevoll ist und sich der heutigen Gesellschaft angepasst hat oder ein konservatives Arschloch ist, die Frau unter Druck setzt, der Boss im Haus ist und die Freiheit, die man haben sollte, einem wie der Vater weiterhin wegnimmt. Wenn man in Europa lebt und sieht, wie schön das Leben sein könnte, doch der Vater weiterhin seinen Scheiss durchzieht, ist es für uns Frauen sehr schwer und schlimm. Glücklich zu leben, Freiheit, Freude am Leben kennen wir nicht.

Sex ist für mich etwas sehr Vertrauensvolles und Intimes. Ich könnte nur mit jemandem Sex haben, dem ich absolut vertraue und mich supergut verstehe. Ich finde Sex etwas Kostbares, das man nicht jedem schenken sollte. Ich meine, Sex ist die tiefste Art von Berührung, welche man mit einem anderen Körper austauscht. Man steckt ja wortwörtlich zusammen unter einer Decke. Sex ist nicht einfach irgend etwas. Es ist etwas, das man jemandem gibt. Man gibt sich selbst. Darum sollte man sich nicht allen geben. Dann ist man nämlich nichts Besonderes mehr.

Mein erstes Mal hatte ich mit 16 mit meiner damaligen Freundin, die ich sehr liebte und vielleicht immer noch liebe. Wir waren beide recht nervös. Aber es war sehr schön und romantisch. Zusammen sind wir nicht mehr. Herzen brechen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

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ge, die stresst so etwas ungemein, doch mir macht es gar nichts aus. Ich denke immer, es wird irgendwann passieren. Früher oder später. Also wieso sich noch Stress machen, wenn man sowieso genug andere Probleme hat? Ich glaube ganz ehrlich, ich wäre auch nicht bereit dazu, jetzt. Ich habe das Gefühl, dass sich damit heutzutage sowieso viel zu viele Jugendliche überstürzen und sich vielleicht sogar zu früh mit etwas, wofür sie eigentlich noch gar nicht bereit sind, überfordern. In den Ferien lernte ich einen Jungen kennen. Ich traf mich am nächsten Tag mit ihm und irgendwann küssten wir uns. Wir gingen in sein Hotelzimmer und küssten uns dort weiter, irgendwann wollte er mit mir schlafen. Aber ich sagte Nein. Er versuchte mich weiter mit flachen Überredungskünsten dazu zu bringen. Dann bin ich gegangen. Ich bereue es überhaupt nicht. Ich könnte mein erstes Mal wirklich nur mit jemandem erleben, dem ich bedingungslos vertraue und mich mit ihm supergut verstehe.

Es war einmal ein Gustav, der hatte Ferien. Alle seine Freunde, jedenfalls die wenigen, die er hatte, waren verreist. Gustav hatte auch keine Freundin, aber Gustav konnte masturbieren. Gustavs Tage liefen folgendermassen ab: Aufwachen, warten, masturbieren, dann was stopfen, vielleicht auch mal duschen – vermutlich eher nicht. Wenn duschen, dann mit masturbieren. Dann auf ins Wohnzimmer. Gustav stellt den Fernseher an, masturbiert, stellt seine Spielkonsole an und verliert online. Gustav masturbiert, wenn er verliert. Gustav verliert oft. Gustav masturbiert auch, wenn er gewinnt. Was Gustav macht, wenn er nicht masturbiert, ist nicht sonderlich spannend. Masturbieren ist Gustavs Hobby. Manchmal ist Gustav langweilig. Dann masturbiert Gustav – aus Langeweile.

Mein erstes Mal war noch kein Mal. Ich bin noch Jungfrau. Doch dies macht mir überhaupt nicht zu schaffen. Viele meiner Freunde hatten schon Sex. Einige aber auch nicht. Ich bin 18 und Jungfrau! Na und? Ich kenne einiSURPRISE 319/14


Jugend «Es gibt kein Verbot, über Sex zu sprechen» INTERVIEW VON DIANA FREI

Mit Schülern über Sex reden – darf man das? Klemens Brysch: Ich finde es blöd, mit Schülern nicht über Sex zu reden. Die Schüler haben von sich aus auch heikle Themen wie Sado-Maso angesprochen, weil es Dinge sind, die sie interessieren. Und verdammt – Schule wäre so genial, wenn Schüler das fragen dürften, was sie interessiert. Als wir begonnen haben, gab es diesen Fall in Zürich, als ein Lehrer von einer Mutter angezeigt wurde und seinen Job verlor, weil er unter anderem «Frühlingserwachen» von Wedekind gelesen hat. «Frühlingserwachen» ist seit Ewigkeiten Stoff des Deutschunterrichts, und dann kommt plötzlich jemand und sagt, das sei pornografisch – das ist bescheuert. Wir haben gesagt, das ist ein Stoff, der die Jugendlichen interessiert. Wie sind die Texte entstanden? Tiziana Sarro: Die persönlichen Texte entstehen immer, wenn wir zuerst die inneren Reisen machen. Das ist einfach eine Tiefenentspannung, ähnlich wie im Yoga. Die Schülerinnen und Schüler liegen am Boden und legen einen Stift und ein Blatt Papier neben sich. Ich mache mit ihnen dann zum Beispiel einen imaginären Spaziergang durch eine Landschaft. Danach stelle ich ihnen eine Frage, zu der sie etwas schreiben.

BILD: LARA ECKERT REINFELDS

Tiziana Sarro und Klemens Brysch haben mit Teenagern ein Theaterstück über ihre ersten sexuellen Erfahrungen entwickelt. Sie finden die heutige Jugend verkrampfter als ihre Elterngeneration. sein soll und nicht sein soll. Wir versuchen einfach, nochmals andere Türen zu öffnen. Was hat Sie während der Arbeit am meisten überrascht? Brysch: Bei dieser Klasse war das Überraschende, dass wir an sich ein anderes Thema mit ihnen vorbesprochen hatten. Am Anfang hiess es: Wir würden gerne etwas zu Kommunikation machen. Dann haben wir diese Schreibspiele gemacht, und spätestens im dritten oder vierten Satz steckte immer etwas Sexuelles drin. Da sagten wir: Zum Thema Kommunikation kommt viel weniger als zum Thema Sex. Vielleicht ist das Thema, das hier in der Klasse die Runde macht, eben eher – Sex? Da waren sie erst mal perplex: Darf man überhaupt über Sex reden? Wären Sie selber mit 18 Jahren auch so offen mit dem Thema Sex umgegangen? Ist man verkrampfter geworden oder lockerer? Brysch: Wir waren lockerer. Sarro: Die Welt ist verkrampfter geworden.

Die Frage zum Beispiel, wie das erste Mal für sie war. Und dabei entstehen tatsächlich solche intimen Texte? Sarro: Wir beginnen unsere Arbeit mit ganz einfachen Schreibspielen: Du schreibst einen Satz, gibt das Blatt weiter, liest ihn, schreibst einen eigenen Satz dazu … Wir bringen ihnen bei, dass das, was von ihnen selber kommt, gut ist. Dann sind sie schockiert, dass das reichen soll – das ist manchmal erschreckend. Ich finde es erstaunlich, dass die ein ganz klares Bild davon haben, was in der Schule gehört werden darf und gefragt werden darf und was nicht.

Da wäre vor 20 Jahren mehr herausgekommen? Oder Ehrlicheres? Sarro: Ich finde die momentane Gesellschaft dermassen sexualisiert, dass es diesen Kids einfach zu viel ist. Man kann keine Internetsite aufmachen, ohne dass man nackte Haut sieht. Ich weiss nicht, wie meine 17-jährige Tochter damit umgeht, und von einem gewissen Punkt an kann man die Teenies nicht mehr davor schützen. Die sind dem einfach ausgesetzt. Es sind Bilder, die im Kopf sind. Wir selber hatten nicht so viele Bilder dazu. Brysch: Meine Theorie ist anders. Unsere Eltern sind in einem katholischen Umfeld grossgeworden, in dem Sex ein Tabu ist. Wir haben uns gegen dieses Tabu gewehrt und haben natürlich viel darüber geredet. Auch mit Freunden. Jetzt sind wir die Eltern, haben kaum sexuelle Tabus und reden offen darüber. Jetzt müssen sich die Kinder dagegen wieder wehren.

Ich dachte, wir würden über das Thema Sex reden, nun reden wir aber über die Schule und was sie an Kreativität verhindert. Sarro: Das soll alles gar keine Kritik am Schulsystem sein. Es geht generell darum, was

Sie hatten keine thematischen Berührungsängste, und beim professionellen Theater kommt einem das auch nicht fremd vor. Aber in der Schule war die Sache wohl ein bisschen heikler?

Regie-Duo und Paar: Sarro und Brysch.

Sarro: Der Klassenlehrer hatte einen Moment lang Zweifel. Es ging unter anderem um den Text der jungen Tamilin, die sagt, ihr drohe eine Zwangsheirat. Ich finde, es gibt keinen Text, der mehr Relevanz hat als dieser. Er ist zentral, weil es um ein existenzielles Thema geht. Und was macht man im Theater anderes, als gesellschaftliche relevante Themen auf die Bühne zu bringen? Theater ist ein Spiegel der Gesellschaft, aber was will man spiegeln, wenn man vorher alles zensuriert? Sie sagen, das Thema Sex sei aus der Klasse selber heraus gekommen. Hat es Sie manchmal selber überfordert? Sarro: Ich habe mich immer wieder gefragt: Darf man das? Aber ich habe immer Rücksprache mit der Kulturprojektleitung nehmen können. Und wir haben Zweifel immer mit den Schülern diskutiert. Die muss man auch als erwachsene Menschen behandeln. Brysch: Ich glaube, dass wir mit dieser Thematik und den Texten nicht reisserisch umgehen, nicht pornografisch, sondern künstlerisch reflektiert, und wir verlassen nie den Rahmen des Respekts. Es gibt ja kein Verbot, über Sex zu sprechen. ■ Tiziana Sarro ist als freischaffende Schauspielerin in Film, Theater und in der Weiterbildung tätig. Sie ist Mitglied der A-Capella-Formation Urstimmen. www.tiziana-sarro.net

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Klemens Brysch ist Kulturwissenschaftler, Regisseur, Schauspieler, Dozent für Kameraschauspiel und Gründer der MobileMedienManufaktur für Auftragsfilme. www.mobilemedienmanufaktur.de

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BILD: GUIDO SÜESS

Wörter von Pörtner Entfremden Die Initiative gegen die Masseneinwanderung wurde angenommen. Wer Fremde eher nicht mag, ist hocherfreut. Doch wahrscheinlich nicht für lange. Der Ausländeranteil in der Schweiz bleibt hoch. Also gibt es neue Initiativen gegen die Überfremdung. Sie werden alle angenommen, bis schliesslich in der Schweiz nur noch Schweizerinnen und Schweizer leben. Es herrschen paradiesische Zustände für die, die überzeugt sind, dass die Fremden an allen Missständen schuld sind. Doch Missstände gibt es immer, und bald steht fest, dass diese vor allem von den Fremdsprachigen, den Welschen und Tessinern, verursacht werden, von denen ohnehin nie ganz klar war, ob sie überhaupt Schweizer sind. Schliesslich standen am Rütlischwur drei Innerschweizer beisammen, nicht ein Deutschschweizer, ein Tessiner und ein Wel-

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scher. Also trennen wir uns von diesen Landesteilen. Eine Schweiz, in der nur Deutsch gesprochen wird, herrlich. Doch nach einer Zeit, wenn die alten oder neue Sorgen, Nöte und Beschwernisse drücken, merken die Bewohner der städtischen Regionen, dass jene in den ländlichen ganz anders ticken und ihnen eigentlich völlig fremd sind. Weil das auf Gegenseitigkeit beruht, geht man einvernehmlich auseinander. Endlich ist es so, wie es sein soll: hier die Stadtschweiz, dort die Landschweiz. Als Zeichen des guten Willens gilt sogar die Personenfreizügigkeit zwischen den beiden Landesteilen. Doch bald wird klar, dass etwas nicht stimmt. Es gibt Leute, die stören, und sie sind rasch identifiziert. Es sind die aus den anderen Städten oder Landschaften. Unmöglich, mit ihnen auszukommen, es ist halt eine Frage der Mentalität, da können nicht alle miteinander. Die Städte werden Stadtstaaten, die Dörfer zu kleinräumigen Regionen zusammengefasst. Die Niederlassungsfreiheit wird eingeschränkt. Die lokale Identität soll nicht von fremden Einflüssen verwässert werden. Alle gehen dahin zurück, wo sie hergekommen sind. Doch Gefahr droht nicht nur von aussen. Es gibt in den Städten Quartiere und in den Regionen Dörfer, die einfach nicht recht dazugehören. Ihre Bewohner üben andere Tätigkeiten aus, sie haben mehr oder weniger Geld als die meisten, da ist es schwierig,

auszukommen. Besser, wenn alle unter sich bleiben. Also wird jedes Dorf, jedes Quartier eigenständig und darf Fremde wegweisen. Das System würde prächtig funktionieren, wenn da nicht die aus dem Oberdorf wären oder die von West-Quartier. Warum müssen die immer alles anders machen? Es liegt ihnen irgendwie im Blut und es hat gar keinen Sinn, das noch weiter ausdiskutieren zu wollen. Die Teile, die sich ohnehin fremd sind, lösen sich voneinander. Es ist nun ganz einfach zu bestimmen, wer wohin gehört, welche Eigenschaften die jeweilige Heimat und ihre Bewohner ausmachen. Ausser beim Nachbarn. Das ist ein unmöglicher Kerl, wie der nur schon herumläuft. Der passt nicht zu uns. Die Wohnungstür, der Gartenhag, bilden fortan die Grenze. Es wird still auf dem Gebiet der ehemaligen Schweiz, alle bleiben für sich und gehen nur selten nach draussen. Doch inmitten dieser Stille, hinter den zugezogenen Vorhängen, fragen sich die Menschen, wie es zu dieser völligen Entfremdung kommen konnte.

STEPHAN PÖRTNER (STPOERTNER@LYCOS.COM) ILLUSTRATION: MILENA SCHÄRER (MILENA.SCHAERER@GMX.CH) SURPRISE 319/14


Filmfestival Über die Leinwand hinaus Bereits zum 15. Mal zeigt das Filmfestival ewz.stattkino während zwei Wochen ausgesuchte Filmtrouvaillen. Das interdisziplinäre Programm verbindet die Kunstform Film mit Zusätzen aller Art.

Darf man Filme mit einem umfangreichen Rahmenprogramm anreichern, um sie für das Publikum attraktiver zu machen? Durchaus, sofern dies auf so charmante Art geschieht wie beim Zürcher Filmfestival ewz.stattkino. Insgesamt 21 Filme werden im Unterwerk Selnau und im Arthouse Le Paris gezeigt. «Pepperminta» von Pippilotti Rist wird vor Ort vom Parfümeur Andreas Wilhelm olfaktorisch angereichert. Der Biopic «Taking Woodstock», der die Geschichte des legendären Festivals dokumentiert, wird im Kinosaal von der Live-Band Sun and Rainbow untermalt. «In diesem Film kommt relativ wenig Musik vor. Indem wir die Live-Musik der Jimmy-Hendrix-Band einfliessen lassen, taucht der Besucher in die Atmosphäre von damals ein», sagt Nani Khakshouri, Mitorganisatorin der ersten Stunde, und erzählt weiter, wie die Idee des ewz.stattkino entstanden ist: «Ich komme aus dem performativen Bereich und hatte gemeinsam mit meinem Partner den Wunsch, Filme mit anderen Kunstformen zu verknüpfen. Die Neuinszenierung der Filme sollte dabei den roten Faden bilden.» Ursprünglich sind die Veranstalter 1999 von einem einmaligen Anlass ausgegangen und freuen sich nun darüber, dass bereits die 15. Ausgabe stattfindet. «Wir achten darauf, dass die neuen Vertonungen oder Performances um die Filmtrouvaillen und Klassiker herum glaubwürdig und authentisch daherkommen.» Indem man diesem Ansatz treu geblieben sei, habe sich das Projekt bei einer wachsenden Zahl Filmliebhaber aller Couleur zu einem erfolgreichen Nischenfestival entwickelt. «Vielleicht leistet unser Filmfestival auch einen Beitrag, die Leute in einer Zeit, in der das Home-Cinema die Wohnungen erobert hat, wieder vermehrt für gemeinsame Kinobesuche zu begeistern», sagt Khakshouri. Auch Beat Käslin, Geschäftsführer der Arthouse Kinos, sieht im Konzept dieses Filmfestivals die Chance, ein neues Publikum anzusprechen. «Dieses Festival ist erfrischend unverschämt, hier wird ein spielerischer Umgang mit dem Medium Film angewandt, und der kommt gut an», so Käslin. Die experimentierfreudige Herangehensweise sei natürlich risikobehaftet, aber es sei hier oft das Schräge, das Grenzen Sprengende, das die Abende auszeichne. Diesen Aspekt sieht auch Nani Khakshouri. So sei zum Beispiel die Neuinszenierung des Stanley-Kubrick-Werks «A Clockwork Orange», das harte Gewalt und Rache thematisiert, sicherlich ein Wagnis. Die Gruppe pulp.noir wird daraus Videoclips erstellen und die aufwühlenden Bilder mit neu gemixtem Sound von Beethoven bis zu den Toten Hosen unterlegen. «Wir sind uns bewusst, dass wir mit unserem Ansatz, jeden Film mit einem Zusatz zu präsentieren, SURPRISE 319/14

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VON MONIKA BETTSCHEN

Flash Gordon, Held unserer Kindheit, neu vertont mit Mundgeräuschen.

Erwartungen wecken», sagt Khakshouri. Der Austausch mit allen Mitwirkenden auf und hinter der Bühne sei deshalb zentral. Einen Höhepunkt des Programms verspricht die Neuvertonung des Science-Fiction-Klassikers «Flash Gordon» durch die Gruppe kraut_produktion. Unter der Regie des Schauspielers Thomas U. Hostettler wird aus dem wunderbar trashigen Streifen von 1980, der nicht zuletzt auch durch den Soundtrack von Queen legendär wurde, ein Filmvergnügen, bei dem kaum ein Auge trocken bleiben dürfte. Der Originalton dieses Klassikers mit Sam J. Jones und einer galaktisch-sinnlichen Ornella Muti wird vollständig weggelassen. Die Schauspieler von kraut_produktion halten sich an den Plot und erzeugen Geräusche nur mit dem Mund. Einziges Hilfsmittel für einige wenige Szenen ist das Keyboard. «Hier erhalten wir die Möglichkeit, Kunst in einem neuen Kontext zu zeigen, die Spielfreude an den verschiedenen Stilmitteln auszukosten», so Hostettler. «Grundsätzlich lassen sich alle Filmsparten neu vertonen, aber einen Stummfilm würde ich eher weniger antasten, das wäre für mich ein unnötiger Eingriff.» Sowohl Organisatoren als auch Künstler verstehen es, die Grenzen des Kinosaals gekonnt auszuloten. Zu sehen und zu hören ab Mitte Februar. ■ ewz.stattkino – das andere Filmfestival, Fr, 14. bis Fr, 28. Februar im ewz-Unterwerk Selnau und im Arthouse Le Paris in Zürich. www.ewz.stattkino.com

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Kultur

Schnabel auf und loskrähen. So geht Erzählen.

Prostituierte Mia: wo der integre Familienalltag in sich zusammenfällt.

Buch Reisende Stubenhocker

Kino Opfer der Monogamie

Pierre Bayard plädiert für die Kunst des Nichtreisens, die Träume erschafft, wo andere sich in Fakten verlieren.

In der Schweiz geht jeder siebte Mann zu Prostituierten. Petra Volpe erzählt in ihrem neuen Film «Traumland» Geschichten von Doppelmoral und Doppelbödigkeit.

VON CHRISTOPHER ZIMMER VON THOMAS OEHLER

Wer eine Reise tut, kann nicht nur was erzählen, nein, er riskiert auch Leib und Leben – durch Unfälle, Krankheiten und allerlei biestiges Getier. Wäre man also nicht besser beraten, man bliebe im sicheren Daheim? Doch was gäbe es dann zu erzählen? Der französische Literaturprofessor und Psychoanalytiker Pierre Bayard widmet sich nach den Büchern, die man nicht gelesen hat, nun den Orten, an denen man nicht gewesen ist – und singt ein Loblied auf den sesshaften Reisenden, der sich mit Einbildungskraft, Recherche und der Hilfe von Informanten die Beschwerlichkeit der Welteroberung erspart. Nur dieser reisende Stubenhocker bewahrt sich, so Bayard, eine Distanz, die Übersicht ermöglicht, und erkennt den wahren Geist von Ländern und Orten, anstatt sich in touristischem Fertigfutter und der übergrossen Fülle an Eindrücken zu verlieren. Bayards Essay über die Kunst des Nichtreisens spannt anhand von sehr unterschiedlichen Beispielen einen weiten Bogen. Er erzählt etwa von Marco Polo, der vermutlich nie in China war, von Karl May, der sich den Wilden Westen am Schreibtisch erfand, oder von Jules Vernes Phileas Fogg, der die Welt in 80 Tagen umrast, ohne kaum einmal seine Kabine zu verlassen. Aber auch von pathologischen Fällen wie Rosie Ruiz, die 1980 den Boston-Marathon gewann, weil sie ihn mit der U-Bahn abkürzte, oder in extremis von Jean-Claude Romand, der 20 Jahre lang ein erfolgreiches Berufsleben vortäuschte und seine Familie 1993 ermordete, als der Schwindel aufzufliegen drohte. Allen gemeinsam ist die Kraft der Imagination, die frei von den Grenzen der Wirklichkeit einen Raum der kollektiven Träume erschafft und so der wissenschaftlichen eine literarische Wahrheit entgegensetzt. Bayard untermauert seine These, nicht ohne ein intellektuelles Augenzwinkern, mit teils bizarren Geschichten von Lug und Trug, aber auch von der Bereitwilligkeit der anderen, sich täuschen zu lassen. Das macht seinen Essay zu einer anspruchsvollen, aber spannenden Lektüre über die Fähigkeit, zu träumen und andere zum Träumen zu bringen. Pierre Bayard: Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist.

Eigentlich macht die Schweizer Regisseurin Petra Volpe Komödien, in denen sie sich – zuletzt mit «Frühling im Herbst» (2009) – liebevoll auf die Sorgen und Nöte von Durchschnittsmenschen einlässt. Ihr fünfter Spielfilm ist ein Sozialdrama rund ums horizontale Gewerbe. Dafür hat Volpe fünf Jahre lang recherchiert, hat sich mit Frauen vom Strassenstrich und mit Sozialarbeitern unterhalten und war an Verhören von Zuhältern dabei. Im Fokus des Films stehen jedoch die Freier mit ihrem sozialen und psychologischen Hintergrund. Keineswegs klagt Volpe an. Vielmehr erzählt sie von Einsamkeit, sexueller Frustration und unausgelebter Neugier. Und von Momenten, in denen die dünne Trennwand zwischen dem vorgezeigten integren (Familien-)Alltag und der heimlich gepflegten sexuellen Obsession für einmal fällt. Dabei spannt Volpe ein Netz von Personen rund um eine junge Prostituierte aus Bulgarien, die letztlich als Einzige von diesem Netz nicht getragen wird. Der Film hat seine Stolpersteine: Dass Prostituierte durchaus auch selbständig und untereinander organisiert sein können, fällt aus. Und die Zuhälter kommen etwas typisiert brutal daher. Aber man kann zum einen nicht immer alles erzählen. Zum anderen wäre es – im Falle der Zuhälter – trotz allem ein Fehler, die Gewalt im Milieu zugunsten der Kohärenz oder des Fokus einfach auszublenden: Sie ist traurige Realität. Doch die Tristesse nimmt nicht überhand – dank Volpes Gespür für absurde Situationen: Beispielsweise ist es urkomisch, wenn sich der geschiedene Vater unerwartet am gemeinsamen Weihnachtsessen mit der pubertierenden Tochter, dem altersschwachen Vater und der Hure, zu derer Stammkundschaft er gehört, wiederfindet. Überhaupt: Den Plot in den Feiertagen anzusiedeln, in denen der schöne Schein aufrechterhalten wird, sorgt für zusätzliche Brisanz. Schade nur, kommt der Film zu spät ins Kino, damit auch die Kritik an der weihnachtlichen Bigotterie saisongerecht wäre. In Zeiten, wo es unter jungen Männern wieder zum guten Ton gehört, zu Nutten zu gehen, erscheint «Traumland» aber gerade rechtzeitig.

Verlag Antje Kunstmann 2013. 29.90 CHF

Petra Volpe: «Traumland», 99 Min., mit Marisa Paredes, Luna Zimic Mijovic, Devid Striesow u.a. Der Film läuft ab 20. Februar in den Deutschschweizer Kinos.

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Die 25 positiven Firmen Diese Rubrik ruft Firmen und Institutionen auf, soziale Verantwortung zu übernehmen. Einige haben dies schon getan, indem sie dem Strassenmagazin Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Damit helfen sie, Menschen in prekären Lebensumständen eine Arbeitsmöglichkeit zu geben und sie auf ihrem Weg zur Eigenständigkeit zu begleiten. Gehört Ihr Betrieb auch dazu? Die Spielregeln sind einfach: 25 Firmen werden jeweils aufgelistet, sind es mehr, fällt jener Betrieb heraus, der am längsten dabei ist.

Nina Perssons Gesang lullt ein.

Pop Die Stimme als Versprechen Nina Persson hat sich von ihrer Band The Cardigans emanzipiert. Was Geduld und Zeit erforderte. Doch nun ist die Schwedin bereit für eine Solokarriere. VON MICHAEL GASSER

Ihre Welt sei klein geworden, sagt Nina Persson und spielt damit auf ihr Mutterdasein an. Mit ihrem Mann, dem Filmkomponisten Nathan Larson, und dem dreijährigen Sohn Nils wohnt die Schwedin in New York. Weit weg von der Heimat, weit weg von ihrer früheren Band, The Cardigans. Aufgelöst hat sich die Formation, die in den Neunzigerjahren die Musikwelt mit luftigem Pop verzauberte, offiziell nie. Nach einigen Jahren Unterbruch gibt man jetzt sogar wieder Konzerte, allerdings in homöopathischen Dosen. Eine Situation, die Persson schätzt. «Ich bin ungemein froh, keine Cardigans-Alben mehr promoten zu müssen», sagt sie beim Interview und lässt durchblicken, dass sie – als Kunststudentin – eher zufällig, um nicht zu sagen widerwillig im Musikbusiness gelandet ist. «Zwar geniesse ich es heute, hin und wieder mit den Cardigans aufzutreten, doch noch glücklicher stimmt es mich, unterschiedliche Projekte verfolgen zu können.» Im neuen Jahrtausend spielte die Künstlerin zwei Alben als A Camp ein. «Damals erschreckte mich der Gedanke, eine Platte als Nina Persson zu veröffentlichen.» Das habe sich in der Zwischenzeit gelegt, weshalb die 39-Jährige jetzt mit ihrem ersten Solowerk unter eigenem Namen antritt, «Animal Heart». Für dieses wollte sie die von Synthesizern bestimmte Musik ihrer Teenagertage mit Singer/Songwriter-Sound paaren. «Vor allem habe ich jedoch versucht, nicht weiter über meine Lieder zu reflektieren, sondern einfach mit ihnen vorwärtszumachen.» Auch um – anders als früher – das mögliche Aufkommen nagender Zweifel gleich im Ansatz zu ersticken. «Animal Heart» wird – wie könnte es auch anders sein? – von der Stimme Perssons bewegt. Ihr Gesang lullt wie eh und je ein, ist sanft und melancholisch und klingt wie ein halbdunkles Versprechen. Im Kontrast dazu steht die unterkühlte Musik, die Achtzigerjahre-Rhythmen mit dräuender Atmosphäre und geschmackvollen Gitarrenriffs verbindet. Das erinnert an Depeche Mode ebenso sehr wie an Blondie und, natürlich, die Cardigans. Ein unaufgeregter, aber reifer Effort. Dennoch fühlt sich Nina Persson nervös, denn ihre Fans haben die Songs noch nicht gehört. Da hilft ihr nur eins: «Nicht darüber nachdenken.»

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Hotel Basel, Basel

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Homegate AG, Zürich

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Balcart AG, Therwil

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Arbeitssicherheit Zehnder GmbH, Ottenbach

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applied acoustics GmbH, Gelterkinden

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Privat-Pflege, Hedi Hauswirth, Oetwil am See

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Hofstetter Holding AG, Bern

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Bachema AG, Schlieren

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fast4meter Bern, Storytelling & Moderation

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Fischer & Partner Immobilien AG, Otelfingen

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Oechslin Architektur GmbH, Zollikerberg

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Kaiser Software GmbH, Bern

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Thommen ASIC-Design, Zürich

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mcschindler.com, PR-Beratung, Redaktion, Corporate Publishing, Zürich

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Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich

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VXL Gestaltung und Werbung AG, Binningen

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Proitera GmbH, Basel

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advocacy ag, communication and consulting, Basel

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BEVBE Ingenieurbüro, Bonstetten

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Margareta Peters Gastronomie, Zürich

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Gemeinnütziger Frauenverein, Nidau

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Schweizer Tropeninstitut, Basel

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VeloNummern.ch

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Scherrer & Partner GmbH, Basel

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Applied Acoustics GmbH, Gelterkinden

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden? Mit einer Spende von mindestens 500 Franken sind Sie dabei! PC-Konto: 12-551455-3, Verein Surprise, 4051 Basel Zahlungszweck: Positive Firma + Ihr gewünschter Eintrag. Wir schicken Ihnen eine Bestätigung.

Nina Persson: «Animal Heart» (Lojinx/Irascible) 319/14 SURPRISE 319/14

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Ausgehtipps

Bier, Rauch und Körpersäfte: Nashville Pussy.

Zürich Dreckschleuder Guter Geschmack ist was Feines, aber die richtige Würze bekommt das Leben erst, wenn es auch mal schmutzig wird. Hierbei können Nashville Pussy helfen. 1998 in den US-Südstaaten gegründet, besteht die Band je hälftig aus Männlein und Weiblein. Damit hätte es sich aber mit der politischen oder sonstigen Korrektheit. Nashville Pussy spielen Schweinrock und funktionieren insbesondere live als Dreckschleuder, die Sex & Drugs & Rock’n’Roll unters Volk bringt. Das klingt ziemlich primitiv, wirkt potenziell gefährlich und ist sicher nicht zu empfehlen für den Abend vor einem Vorstellungsgespräch. Wenn Sie aber zu den Leuten gehören, die sich freuen, wenn sie nach dem Aufwachen nach Bier, Rauch und Körpersäften riechen, dann sollten Sie sich diese Band nicht entgehen lassen. Und keine Bange: Das Konzert ist an einem Freitag, Sie haben danach das ganze Wochenende, um sich zu erholen. (ash)

Julian Assange freut sich über das Päckli.

Mannsbilder: Woran können sie sich halten?

Zürich Post für Assange

Basel Männer auf der Suche

Es gibt Räume, die kennen wir. Wir kennen sie aber nur aus den Medien. Die !Mediengruppe Bitnik und Christian Waldvogel wandern nun auf ihre Art ein bisschen darin herum: Waldvogel interessiert sich für das Unfassbare ganz weit weg, für die Ursuppe und für die Planetenumlaufbahn und bringt uns da in einer Laborsituation ganz nah dran. Die !Mediengruppe Bitnik sieht sich derweil in Julian Assanges Arbeitszimmer in der ecuadorianischen Botschaft in London um. Und zwar mittels unbemannter Fotografie: Sie haben letztes Jahr eine «Postdrohne» hingeschickt, die den Weg bis zu Herrn Assange registriert hat. Das Päckchen fungiert als Systemtest, in eine lang währende diplomatische Krise hineingeschickt. Es wurde von Tausenden von Zuschauern auf Twitter und Facebook beobachtet, wie es den Weg zu seinem Empfänger tatsächlich gefunden hat. Und Julian Assange hat die Bitniks mit einem kleinen Auftritt beehrt. Ein Dokument der überwachten Realität. (dif)

Derzeit sind Männer hoch im Kurs. Zumindest in der Kunst findet die längst fällige Auseinandersetzung darüber statt, was einen Mann zum Mann macht. Zusammen mit dem grossartigen belgischen Choreografen Ives Thuwis haben sieben junge Männer die von genetischen, kulturellen und sonstigen Dispositionen erzeugten Anforderungsprofile untersucht. Während man sich in Mitteleuropa weit von reglementierenden Bildern entfernt glaubt – und manch einen sogar ein leichtes Unbehagen über die grosse Gestaltungsfreiheit beschleicht – ist in anderen Kulturen ganz klar, wie ein Mann zu sein hat. Dass auch das nicht beglückend ist, steht ausser Frage. Woran sich also halten? Oder soll alles im Fluss bleiben? Und falls ja, wird Mann dann nicht irgendwann einfach weggeschwemmt? (mek) «Männer» – ein Tanztheater von Ives Thuwis. Sa, 15. Februar, 20 Uhr (ausverkauft); Mi, 19., Do, 20. Februar, jeweils 20 Uhr. Weitere Aufführungsdaten: www.jungestheaterbasel.ch

!Mediengruppe Bitnik: «Delivery for Mr. Assange», Christian Waldvogel: «Unknown», Di bis So 10 bis 18 Uhr, Do 10 bis 20 Uhr, noch bis zum So, 6. April, Helmhaus

Anzeige:

Zürich, Limmatquai 31. www.helmhaus.org

Fr, 21. Februar, 21 Uhr, Bogen F, Zürich.

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BILD: JENS OLDENBURG

BILD: ZVG

Kontemplation statt Gewusel: ein kubanischer Blick auf den HB Zürich.

Farbenfrohes Delhi? Nein: Hindus beim Wagenfest in Bern.

Zürich HB im fahlen Licht

Bern Buntes Nebeneinander

Geordanis Aguilera Horta weiss sich zu helfen. Aufgewachsen ist er in La Habana, und weil ihm da die Malutensilien fehlten, stellte er halt eigene Materialien her und experimentierte mit unterschiedlichsten Produkten und Techniken. Man sieht es seinen Gemälden heute noch an: das Experimentieren mit Techniken, den freien Umgang mit Materialien. Es sind spezielle Farben, die er verwendet – irgendwo zwischen kräftig und doch fahl, und bei seiner Limmat fühlt man sich manchmal ein bisschen an Van Goghs Südfrankreich erinnert. «Ankommen» heisst seine aktuelle Ausstellung, und der Zürcher HB wird darin vom überfüllten Pendlerumschlagplatz plötzlich zu einem Ort der meditativen Kontemplation. (dif)

«… und es kamen Menschen». Max Frischs Binsenweisheit hat einmal mehr Aktualität erlangt im Vorfeld der Abstimmung, in der die Migranten wieder einmal zur «Masse» deformiert wurden. Eine Gelegenheit für Einblicke in die Lebenswelt dieser Menschen bietet die eindrückliche und farbenfrohe Fotoausstellung von Jens Oldenburg: «Verborgene Feste» öffnet die Türen zu Kirchen, Synagogen, Thai- und Sikh-Tempeln von Basel bis Gretzenbach. Seine Bilder zeigen ein friedliches Nebeneinander verschiedenster Religionen, die hierzulande in prachtvollen Tempeln wie in trostlosen Industriebaracken zelebriert werden. Die Bilder sind mit Zitaten versehen, die ein friedliches und tolerantes Miteinander fordern, entnommen aus Tora, Koran, Bibel und so weiter. Ob all dem fröhlichen Nebeneinander, das in diesem Land möglich ist, lässt die Ausstellung fast vergessen, dass das Stimmvolk vor ein paar Jahren für die Muslime eine Einschränkung ihrer Religionsausübung in die Verfassung schreiben liess. (fer)

Geordanis Aguilera Horta: «Ankommen», noch bis 5. März, Kulturmarkt, Aemtlerstrasse 23, Zürich. www.kulturmarkt.ch

«Verborgene Feste. Wie religiöse Gemeinschaften in der Schweiz ihre Feste feiern», Ausstellung, noch bis 1. März, Kornhausforum, Bern, Eintritt frei. Unter dem gleichen Namen ist auch eine Publikation erschienen, die Ausstellung ist danach u.a. in Fribourg, Solothurn und St. Gallen zu sehen. www.verborgenefeste.ch

BILD:MUSEUM FÜR GESTALTUNG ZÜRICH, D.PREISIG/W.BINDER

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Zürich Wider die Hässlichkeit Falsche Bescheidenheit war seine Sache nicht: «Die Welt von ihrer Hässlichkeit zu befreien», das machte sich Henry van de Velde Ende des 19. Jahrhunderts zur Mission. Was würde der Architekt und Designer wohl von unserem IKEA-Zeitalter halten, in dem das Grauen überall lauert? Lieblos gestanztes Besteck. Dumpfe Keramik. Gepresstes und beklebtes Sägemehl. Dass es die scheinbar unscheinbaren Gegenstände sind, die dem Alltag eine Seele einhauchen, ging zwischen Effizienzsteigerung und Gratisparkplätzen vergessen. Der gebürtige Belgier Van de Velde gilt als einer der vielseitigsten Kunsthandwerker des Jugendstils. «Überkünstler des Bauhaus» titelte zu seinem 150. Geburtstag eine grosse Zeitung in Deutschland, wo er grösstenteils arbeitete. Van de Velde entwarf allerhand: Krawattennadeln und Kerzenhalter, Brieföffner und Besteck, Schreibtische und ganze Häuser. Einiges davon ist im Museum Bellerive in Zürich zu sehen. In der Limmatstadt liegt der Mann auch begraben – unter seinem selbst entworfenen Grabstein. Auch hier wollte er das Risiko der Hässlichkeit offenbar nicht eingehen. (ami) «Henry van de Velde – Interieurs», 28. Februar bis 1. Juni, Museum Bellerive, Zürich. www.museum-bellerive.ch SURPRISE 319/14

Van de Velde: Kunsthandwerk statt gepresstes Sägemehl.

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Neu bei Surprise «Ich möchte mein Leben verfilmen» Tareq Sayed Islami wuchs als Afghane im Iran auf. Mit 15 verliess er seine Familie und schlug sich allein durchs Leben. Heute begegnet er Menschen aus der halben Welt in seinem Chancen-Arbeitsplatz an der Verkaufstheke bei Surprise. Am liebsten aber würde er Filme drehen.

«Ich bin Afghane, doch geboren wurde ich im Iran, denn meine Eltern waren wie viele unserer Landsleute vor dem Krieg ins Nachbarland geflohen. Als ich neunjährig war, liessen sich meine Eltern scheiden, wir Kinder kamen zum Vater. Mit der Stiefmutter verstand ich mich überhaupt nicht, und dadurch wurde es daheim immer unerträglicher. Mit 15 ging ich von zuhause weg, und seither habe ich immer für mich selber geschaut. Zuerst arbeitete ich in einer Schuhfabrik, dann in einer Schneiderei und später in einer Garage. Eine Zeitlang hatte ich auch ein eigenes Geschäft, wobei das offiziell einem iranischen Freund gehörte. Als Afghane darfst du im Iran kein Geschäft führen. Du darfst auch kein Auto kaufen, und studieren ist ebenfalls nicht erlaubt. Für die Iraner sind Afghanen nur Tiere. Wir mussten jederzeit damit rechnen, auf offener Strasse verprügelt zu werden. Deshalb schickten alle afghanischen Eltern ihre Kinder in Selbstverteidigungskurse. Mit 22 hielt ich das nicht mehr aus, und ich verliess den Iran. Ich wollte zurück in mein Herkunftsland, aber die Situation dort war noch immer viel zu gefährlich. Darum lebte ich die folgenden Jahre immer wieder anderswo: eine Zeitlang in der Türkei, dann in Griechenland und auch in Italien. Einen geregelten Aufenthalt hatte ich aber nirgends, und in den Iran zurück konnte ich nicht. So kam ich vor acht Jahren in die Schweiz und stellte ein Asylgesuch. Doch der Iran machte mir auch hier Probleme: Der Übersetzer bei der Anhörung war ein Iraner. Er sagte den Behörden, ich würde perfekt Persisch sprechen. Logisch, ich bin ja im Iran geboren und zur Schule gegangen. Für die Behörden aber machte mich das zu einem Iraner, der sich als Afghane ausgibt, um Asyl zu erhalten. Sie lehnten mein Gesuch ab. Ich legte mehrfach Rekurs ein, aber die Antwort waren immer neue Wegweisungen und Ausreiseverfügungen. Wohin hätte ich denn gehen sollen? Umso mehr, als ich seit sieben Jahren mit einer Schweizerin zusammen bin. Seit wir verheiratet sind, habe ich den B-Ausweis. In den Jahren ohne geregelten Aufenthaltsstatus durfte ich keine reguläre Arbeitsstelle annehmen. Um mich zu beschäftigen, gründete ich mit anderen Afghanen ein Fussball-Team. Bei AFG-Boys Basel bin ich Spielertrainer, und wir machen bei der Surprise Strassensport Liga mit. Daneben organisiere ich auch Matches gegen afghanische Mannschaften aus anderen Schweizer Städten. Die Aufgabe als Trainer macht mir Freude, aber ich muss auf meinen Tonfall achten. Die Männer, die bei uns mitspielen, haben alle ihre Probleme: Viele haben Gewalt erlebt und lange Jahre auf der Flucht verbracht. Wenn du sie anschreist, dann werden sie aggressiv und rasten aus. Auch meine Situation ist nicht einfach. Was ich früher gemacht habe, ist hier nichts wert, weil ich keine Zeugnisse habe. Darum bin ich froh um den Chancen-Arbeitsplatz bei Surprise. Ich organisiere gern, und mir gefällt der Kontakt mit den Verkäufern aus verschiedenen Ländern. Ich wollte immer die Welt bereisen und andere Kulturen kennenlernen. Das geht im Moment nicht, aber dafür kommt jetzt die halbe

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BILD: ASH

AUFGEZEICHNET VON RETO ASCHWANDEN

Welt zu mir an die Theke. Leider beträgt das Pensum nur 30 Prozent, darum suche ich nach einer zusätzlichen Arbeit für die Nachmittage. Am liebsten würde ich eine Ausbildung zum Regisseur machen. Filme waren schon immer meine Leidenschaft, und mein jüngerer Bruder hat es geschafft, nach seiner Rückkehr nach Afghanistan eine erfolgreiche Karriere als Regisseur aufzubauen. Die Ausbildung hier ist allerdings sehr teuer. Darum beschränke ich mich momentan aufs Fotografieren. Wenn es irgendwie drinliegt, möchte ich mir dieses Jahr eine Filmkamera kaufen. Meine Themen habe ich schon im Kopf: Zuerst würde ich eine Dokumentation über die Zustände in den Asylheimen drehen. Ich habe lange genug an solchen Orten gewohnt und besuche noch heute oft Landsleute, da gäbe es einiges zu erzählen. Später möchte ich meine eigene Geschichte verfilmen: Wie ich mit 15 von daheim weg bin und von da an immer auf mich allein gestellt war. Momentan bin ich daran, meine Erinnerungen aufzuschreiben, damit ich sie nicht vergesse. Ich hoffe sehr, dass ich dieses Jahr vorwärtskomme in meinen Leben. Wenn ich hier nicht weiterkomme, werde ich vielleicht doch noch nach Afghanistan zurückzukehren. Die Lage ist immer noch unsicher, aber wenn man dort lebt, ist das normal. Die Menschen in Afghanistan finden es seltsam, wenn es einmal keine Konflikte gibt.» ■ SURPRISE 319/14


SurPlus – eine Chance für alle! Werden Sie Gotte oder Götti bei SurPlus Surprise kümmert sich um Menschen, die weniger Glück im Leben hatten. Menschen, die kaum Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt haben und ihr Leben in die eigenen Hände nehmen wollen. Mit dem Verkauf des Strassenmagazins Surprise überwinden sie ihre soziale Isolation. Ihr Alltag bekommt wieder Struktur und mehr Sinn. Sie gewinnen neue Selbstachtung und erarbeiten sich aus eigener Kraft einen kleinen Verdienst. Das verdient Respekt und Unterstützung. Das Spezialprogramm SurPlus ist ein niederschwelliges Begleitprogramm für ausgewählte Surprise-Verkaufende, die regelmässig das Strassenmagazin

verkaufen und hauptsächlich vom Heftverkauf leben. Diese Verkaufenden erhalten nur geringe soziale Ergänzungsleistungen und werden im Programm SurPlus gezielt vom Verein Surprise unterstützt: Sie sind sozial abgesichert (Ferien, Krankheit, Nahverkehrsabonnement) und werden bei Problemen im oft schwierigen Alltag begleitet. Mit einer Patenschaft leisten Sie einen wesentlichen Beitrag für die soziale Absicherung der Verkaufenden und ermöglichen ihnen, sich aus eigener Kraft einen Verdienst zu erarbeiten. Vielen Dank für Ihr Engagement!

Elsa Fasil Bern

Kostana Barbul St. Gallen

René Senn Zürich

Marlis Dietiker Olten

Negasi Garahassie Winterthur

Josiane Graner Basel

Wolfgang Kreibich Basel

Tatjana Georgievska Basel

Bob Ekoevi Koulekpato, Basel

Anja Uehlinger Baden

Ralf Rohr Zürich

Emsuda Loffredo-Cular Basel

Fatima Keranovic Basel

Ja, ich werde Gotte/Götti und unterstütze das SurPlus-Programm von Surprise! 1 Jahr: 6000 Franken

1/2 Jahr: 3000 Franken

1/4 Jahr: 1500 Franken

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319/14 Talon bitte senden oder faxen an: Verein Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@vereinsurprise.ch, PC-Konto 12-551455-3 SURPRISE 319/14

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Surprise ist: Hilfe zur Selbsthilfe Surprise hilft seit 1997 Menschen in sozialen Schwierigkeiten. Mit Programmen in den Bereichen Beschäftigung, Sport und Kultur fördert Surprise die soziale Selbständigkeit. Surprise hilft bei der Integration in den Arbeitsmarkt, bei der Klärung der Wohnsituation, bei den ersten Schritten raus aus der Schuldenfalle und entlastet so die Schweizer Sozialwerke.

Ich möchte Surprise abonnieren! 24 Ausgaben zum Preis von CHF 189.– (Europa: CHF 229.– ) (Verpackung und Versand bieten StrassenverkäuferInnen ein zusätzliches Einkommen.) Gönner-Abo für CHF 260.–

Eine Stimme für Benachteiligte Surprise verleiht von Armut und sozialer Benachteiligung betroffenen Menschen eine Stimme und sensibilisiert die Öffentlichkeit für ihre Anliegen. Surprise beteiligt sich am Wandel der Gesellschaft und bezieht Stellung für soziale Gerechtigkeit. Strassenmagazin und Strassenverkauf Surprise gibt das vierzehntäglich erscheinende Strassenmagazin Surprise heraus. Dieses wird von einer professionellen Redaktion produziert, die auf ein Netz von qualifizierten Berufsjournalistinnen, Fotografen und Illustratorinnen zählen kann. Das Magazin wird fast ausschliesslich auf der Strasse verkauft. Rund dreihundert Menschen in der deutschen Schweiz, denen der Arbeitsmarkt verschlossen bleibt, erhalten damit eine Tagesstruktur, verdienen eigenes Geld und gewinnen neues Selbstvertrauen.

Sport und Kultur Surprise fördert die Integration auch mit Sport. In der Surprise Strassenfussball-Liga trainieren und spielen Teams aus der ganzen deutschen Schweiz regelmässig Fussball und kämpfen um den Schweizermeister-Titel sowie um die Teilnahme an den Weltmeisterschaften für sozial benachteiligte Menschen. Seit 2009 hat Surprise einen eigenen Chor. Gemeinsames Singen und öffentliche Auftritte ermöglichen Kontakte, Glücksmomente und Erfolgserlebnisse für Menschen, denen der gesellschaftliche Anschluss sonst erschwert ist. Finanzierung, Organisation und internationale Vernetzung Surprise ist unabhängig und erhält keine staatlichen Gelder. Das Strassenmagazin wird mit dem Erlös aus dem Heftverkauf und mit Inseraten finanziert. Für alle anderen Angebote wie die Betreuung der Verkaufenden, die Sportund Kulturprogramme ist Surprise auf Spenden, auf Sponsoren und Zuwendungen von Stiftungen angewiesen. Surprise ist eine nicht gewinnorientierte soziale Institution. Die Geschäfte werden vom Verein Surprise geführt. Surprise ist führendes Mitglied des Internationalen Netzwerkes der Strassenzeitungen (INSP) mit Sitz in Glasgow, Schottland. Derzeit gehören dem Verband über 100 Strassenzeitungen in 40 Ländern an.

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Herausgeber Verein Surprise, Postfach, 4003 Basel www.vereinsurprise.ch Öffnungszeiten Sekretariat 9 – 12 Uhr, Mo – Do T +41 61 564 90 90, F +41 61 564 90 99 info@vereinsurprise.ch Geschäftsführung Paola Gallo (Geschäftsleiterin), Sybille Roter (stv. GL) Anzeigenverkauf T +41 61 564 90 90, M +41 76 325 10 60 anzeigen@vereinsurprise.ch Redaktion T +41 61 564 90 70, F +41 61 564 90 99 Amir Ali, Reto Aschwanden, Florian Blumer, Diana Frei (Nummernverantwortliche), Mena Kost redaktion@vereinsurprise.ch, leserbriefe@vereinsurprise.ch Ständige Mitarbeit Rosmarie Anzenberger (Korrektorat), Rahel Nicole Eisenring, Shpresa Jashari, Carlo Knöpfel, Yvonne Kunz, Stephan Pörtner, Milena Schärer, Isabella Seemann, Priska Wenger, Tom Wiederkehr, Christopher Zimmer Mitarbeitende dieser Ausgabe Monika Bettschen, Michael Gasser, Olivier Joliat, Fred Mayer, Thomas Oehler, Till Raether, Flavia Schaub Gestaltung WOMM Werbeagentur AG, Basel Druck AVD Goldach Auflage 17150, Abonnemente CHF 189, 24 Ex./Jahr Marketing, Fundraising T +41 61 564 90 50 Christian von Allmen

Vertriebsbüro Basel T +41 61 564 90 83 Thomas Ebinger, Anette Metzner, Spalentorweg 20, 4051 Basel, basel@vereinsurprise.ch Vertriebsbüro Zürich T +41 44 242 72 11, M +41 79 636 46 12 Reto Bommer, Engelstrasse 64, 8004 Zürich, zuerich@vereinsurprise.ch Vertriebsbüro Bern T +41 31 332 53 93, M +41 79 389 78 02 Andrea Blaser, Alfred Maurer, Bruno Schäfer, Pappelweg 21, 3 Bern, bern@vereinsurprise.ch Strassenchor T +41 61 564 90 40, F +41 61 564 90 99 Paloma Selma, p.selma@vereinsurprise.ch Strassensport T +41 61 564 90 10 Lavinia Biert (Leitung), Olivier Joliat (Medien), David Möller (Sportcoach) l.biert@vereinsurprise.ch, www.strassensport.ch Vereinspräsident Peter Aebersold Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise oder in Ausschnitten, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird von der Redaktion und dem Verlag jede Haftung abgelehnt. Surprise behält sich vor, an Verkaufende gerichtete Postsendungen zu öffnen. Barspenden an namentlich bezeichnete Verkaufende können nur bis zu einem Betrag von CHF 100.– weitergeleitet werden. Darüber hinausgehende Beträge sollen – im Einverständnis mit der Spenderin oder dem Spender – allen Verkaufenden zugute kommen.

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Schön und gut. Ab sofort sind die trendigen Surprise-Caps und Surprise-Mützen mit eleganter Kopfwerbung wieder erhältlich. Beide Produkte in Einheitsgrösse. Jetzt Zugreifen!

Surprise-Cap CHF 16.– beige

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Surprise-Mütze CHF 30.– rot

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50 Prozent des Verkaufspreises kommt Surprise zugute.

Alle Preise exkl. Versandkosten.

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Ist gut. Kaufen! Die neuen Surprise-Taschen sind da! Gemeinsam mit dem Secondhand-Shop «Zweifach» aus Basel haben wir neue und schicke Surprise-Tasche entworfen! Die Taschen werden umweltfreundlich aus nicht mehr gebrauchten Lastwagenplachen genäht und mit Autogurten versehen. Sie sind geräumig und verfügen innen über ein grosses Zwischenfach. Erhältlich sind sie in den Farben Rot, Blau, Grün, Orange und Schwarz.

Zweifach ist ein Betrieb der Eingliederungsstätte Baselland und bietet jungen und erwachsenen Menschen mit einer Behinderung die Möglichkeit, im beruflichen Alltag Fuss zu fassen. Tun Sie sich, Zweifach und auch Surprise etwas Gutes und bestellen Sie noch heute ihre Tasche in ihrer Lieblingsfarbe! Surprise City-Taschen (24,5 x 35,5 cm); CHF 45.– (exkl. Versandkosten) schwarz orange grün blau rot

Der Surprise-Schriftzug soll folgende Farbe haben schwarz weiss silber

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«Eine ganz wunderbare und grossartige Idee. Nur weil man in der Schweiz nicht so offensichtlich über Menschen stolpert, die aus welchen Gründen auch immer im Turbokapitalismus nicht mitrennen können, heisst es nicht, dass es sie nicht gibt. Aufmerksamkeit schaffen. Toll.» Sibylle Berg, Schriftstellerin und Dramatikerin

Null Sterne. Keine Punkte. Nix Glamour. Der erste «Soziale Stadtrundgang» in Zürich. Surprise-Verkaufende führen aus der Sicht von Armutsbetroffenen, Obdachlosen und Ausgesteuerten durch die Stadt. Sie erzählen aus ihrem Alltag und zeigen Orte, an denen man sonst vorüber geht – oder lieber wegschaut. Gemeinsam haben sie eine Mission: Sie wollen Vorurteile abbauen. Weitere Informationen zum Projekt finden Sie unter: www.vereinsurprise.ch/stadtrundgang Ermöglichen Sie einen etwas anderen Blick auf Zürich und unterstützen Sie den «Sozialen Stadtrundgang» mit Ihrer Spende auf: www.surprise.sosense.org

Verein Surprise, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, T +41 61 564 90 90, www.vereinsurprise.ch, www.strassensport.ch


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