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Gerettet! Unterwegs mit der Tierambulanz

Cyber-Mobbing: Teenager-Terror im Internet

Im Führerstand – Surprise-Verkäufer Michael Hofer auf grosser Fahrt

Nr. 237 | 5. bis 18. November 2010 | CHF 6.– inkl. MwSt. Die Hälfte des Verkaufspreises geht an die Verkaufenden. Bitte kaufen Sie nur bei Verkaufenden mit offiziellem Verkaufspass.


Macht stark.

www.strassenmagazin.ch ❘ www.strassensport.ch ❘ Spendenkonto PC 12-551455-3 Strassenmagazin Surprise, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, Tel. 061 564 90 90, Fax 061 564 90 99

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10 Mobilität Im Führerstand Surprise-Verkäufer Michael Hofer weiss Bescheid, wenns um die Bahn geht. Seit seiner Kindheit ist er von Zügen fasziniert, in der Schweiz hat er das gesamte Schienennetz abgefahren. Was im Führerstand während einer Zugfahrt läuft, wusste er bisher aber nicht. Für Surprise begleitete er deshalb einen Lokführer bei seiner Arbeit und lernte eine sagenhafte Welt kennen.

14 Ausschaffungsinitiative Justitia ist nicht farbenblind Schon heute werden straffällige Ausländer häufig aus dem Land gejagt. Denn was die Ausschaffungsinitiative fordert, ist in vielen Kantonen bereits Alltag. Eine Gerichtsreporterin erzählt, wie die politische Grosswetterlage das Klima in der Justiz prägt. Und: Wir zeigen, wie unterschiedlich Schweizer und Ausländer künftig beurteilt werden sollen.

BILD: ISTOCKPHOTO

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Inhalt Editorial Parteiisch Leserbriefe Störende Gefühle Basteln für eine bessere Welt Sprechtrichter für Protestnoten Aufgelesen Inspirierende Gewalttäter Zugerichtet Wankender Velodieb Mit scharf! Standortvorteil Steuergerechtigkeit Erwin ... im Internet Porträt Unikat am Steuer Cyber-Mobbing Teenie-Terror im Internet Wörter von Pörtner Der Beatle mit der Brille Ausstellung Digitales Daheim Kulturtipps Die lustigen Physiker Ausgehtipps Im Bann der Pilze Verkäuferporträt «Keiner ist ein Alleskönner» Projekt Surplus Chance für alle! Starverkäufer In eigener Sache Impressum INSP

BILD: MIRIAM KÜNZLI

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BILD: ZVG

17 Tierrettung Im Reich der leidenden Tiere Wenn ein Tier in Not gerät, ist Patricia Blum nicht weit. Mit ihrem roten Rettungsbus kümmert sie sich um Tiere wie den Sheltie Inuk, der beim Ausbüxen beinahe unter die Räder geraten wäre. Auch wenn sich mancher Notruf als Fehlalarm entpuppt – Blum rückt lieber einmal zu oft als zu wenig aus. Wir haben sie während einer Schicht begleitet.

Titelbild: istockphoto SURPRISE 237/10

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BILD: DOMINIK PLÜSS

RETO ASCHWANDEN, REDAKTOR

Editorial Parteiisches Engagement Haben Sie genug von der Debatte um die Ausschaffungsinitiative? Mögen Sie nicht mehr hinhören, wie sich Befürworter und Gegner wechselseitig naives Gutmenschentum und Rassismus vorwerfen? Falls ja – uns geht es ähnlich. Trotzdem beleuchten wir in dieser Ausgabe ab Seite 14 die aktuelle Rechtsprechung gegenüber kriminellen Ausländern und zeigen, wie unterschiedlich nach einer Annahme der Initiative das gleiche Vergehen bei Schweizern und bei Angehörigen anderer Staaten beurteilt würde. Wir tun das, weil wir täglich mit den Folgen von Diskriminierungen konfrontiert sind – seien die Betroffenen Ausländer, Arbeitslose oder Ausgesteuerte. Surprise ist nicht nur ein Heft, das unseren Verkaufenden Struktur und ein kleines Einkommen ermöglicht. Surprise steht auch für eine klare Haltung: Wir sind unabhängig, aber nicht unparteiisch. Deshalb berichten wir über Missstände, erzählen Geschichten vom Rand der Gesellschaft und erlauben uns kritische Texte über Zustände und Entwicklungen, die Armut und Ausgrenzung fördern. Unsere Sympathie und unser Engagement gilt stets den Schwachen. Und das sind nicht nur Menschen. Für unsere Titelgeschichte (ab Seite 17) fuhren wir einen Tag lang bei Patricia Blum vom «TierRettungsDienst» mit. Sie und ihre Kollegen leisten Jahr für Jahr Tausende von Einsätzen, um streunende Hunde, hungernde Hauskatzen und abgestürzte Jungvögel zu retten. Auch das ist Engagement für Schwache. Eine Möglichkeit, die Schranken zwischen Menschen aus der Mitte und solchen vom Rand der Gesellschaft zu überwinden, bieten Begegnungen. Deshalb begleiten wir immer wieder Verkaufende an Orte und zu Leuten, die ihnen normalerweise nicht zugänglich sind. Für diese Ausgabe fuhr Surprise-Verkäufer Michael Hofer aus Zürich im Führerstand einer SBB-Lokomotive mit. Das Eis zwischen dem Eisenbahn-Fan und dem Eisenbahn-Angestellten war schnell gebrochen. Was sich die beiden über Lokomotive-Typen, Essen nach Fahrplan und Zwerge zwischen den Geleisen zu erzählen hatten, lesen Sie ab Seite 10.

Leserbriefe «Wer wird schon gerne daran erinnert, dass andere weniger besitzen als man selber?» Nr. 236: «Diskriminierung – Angst ist nur eine mögliche Ursache» Scham und Aggression Zum Thema Diskriminierung gibt es natürlich unendlich viel zu sagen. Herr Naguib zählt im Interview verschiedene mögliche Ursachen auf: Ängste spielen mit Sicherheit eine grosse Rolle, doch bin ich der Meinung, dass auch Scham einen wesentlichen Beitrag leistet. In diesem Zusammenhang könnte zum Beispiel das Bettlerverbot besser verstanden werden. Wer wird schon gerne daran erinnert, dass andere weniger besitzen als man selber? Solche Gefühle aber stören, wollen abgewehrt werden, und dies gelingt wiederum mit Hilfe von Aggressionen. Das ist natürlich sehr verkürzt dargestellt. Esther Leuthard, per E-Mail Nr. 236: «Ausschaffungsinitiative – Der Stimmzettel als Frustventil» Initiative und Gegenvorschlag lenken ab von den wirklichen Problemen wie zunehmendem Arbeitsdruck, Existenzangst, grösserer Kluft zwischen Arm und Reich, Komplexität des Alltags. Sie fordern nicht nur eine Verschärfung des geltenden Strafrechts, beide schaffen neues Unrecht: Neu machen sie keinen Unterschied zwischen Inhabern einer Aufenthalts-

bewilligung B und einer Niederlassung C. Sind Letztere in der Schweiz geboren und pflegen keinen Kontakt zum Ursprungsland, wirkt sich eine Ausweisung für sie ungleich schärfer aus. Der Gegenvorschlag geht in einem Punkt noch weiter als die Initiative: Eine oder mehrere Geldstrafen oder Tagessätze von insgesamt 720 Tagen innerhalb von zehn Jahren führen hier bereits zu einer Ausweisung. Von schwerer Straffälligkeit kann da keine Rede sein. Gegenüber EU-Bürgern, die zwei Drittel der ausländischen Bevölkerung ausmachen, könnten die verschärften Bestimmungen nicht durchgesetzt werden. Das EU-Freizügigkeitsabkommen schützt sie in der Regel vor einem Widerruf der Aufenthaltsbewilligung. Für die grosse Mehrheit der Ausländer bliebe bei einer Annahme von Initiative oder Gegenvorschlag alles beim Alten, die Ausweisung würde nur Staatsangehörige von Drittländern treffen. Edith Thüring, Basel Super Inhalt Nach anfänglicher Nichtbegeisterung des Hefts (die ersten Jahre) muss ich sagen, dass es mir in der letzten Zeit immer besser gefällt. Super Inhalt! Und so kauft mein Mann das Heft regelmässig in Altstetten. Jaqueline Roos, Hedingen

In eigener Sache Vorsicht Betrüger! In den letzten Wochen bekamen wir leider immer wieder Reklamationen verärgerter Kundinnen und Kunden, denen längst abgelaufene Hefte verkauft worden waren. Dafür entschuldigen wir uns bei allen Betroffenen. Leider kommt es vor, dass Betrüger alte Hefte feilbieten. Diese Leute gehören nicht zu unseren Verkaufenden, sondern arbeiten illegal und auf eigene Rechnung. Das ist nicht nur für geprellte Kunden ärgerlich, sondern auch für alle offiziellen Verkaufenden, die das Strassenmagazin bei jedem Wetter anbieten. Bitte achten Sie deshalb bei jedem Kauf darauf, dass der Verkäufer einen gültigen Verkaufspass trägt und überprüfen Sie die Daten oben links auf der Frontseite des Hefts. Dort steht jeweils, in welchem Zeitraum eine Ausgabe erhältlich ist. Autorisierte Verkaufende bieten das Heft nie über diese zweiwöchige Periode hinaus an.

Surprise ist auf Spenden angewiesen. Auch auf Ihre! Herzlichen Dank. PC-Konto 12-551455-3 Ihre Meinung!

Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre Reto Aschwanden

Bitte schicken Sie uns Ihre Anregungen oder Kritik: Strassenmagazin Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, T +41 61 564 90 70, redaktion@strassenmagazin.ch. Es werden nur Leserbriefe abgedruckt, die mit vollem Namen unterzeichnet sind. Die Redaktion behält sich vor, Briefe zu kürzen.

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ILLUSTRATION: SIMON DREYFUS

Schneiden Sie das obere Drittel einer Petflasche (mit der Öffnung) ab.

Nehmen Sie den Deckel ab und tröten Sie Ihren Unmut durch die Flaschenöffnung in den Trichter.

Basteln für eine bessere Welt In Frankreich gehen die Menschen für ihre Rente auf die Strasse, die Griechen protestieren schon länger gegen ihre Regierung im Allgemeinen, in Neapel kämpft die Bevölkerung wieder einmal lautstark gegen die Vermüllung ihrer Stadt und in Stuttgart demonstrieren so viele Menschen wie lange nicht mehr gegen ein geplantes Bauprojekt. Finden auch Sie, dass Sie zu wenig Gehör erhalten? Mit dem Surprise-Trichter können Sie die graue Masse aufwecken – unserer Welt schadet ein bisschen Lärm ab und zu überhaupt nicht. SURPRISE 237/10

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Aufgelesen News aus den 90 Strassenmagazinen, die zum internationalen Netzwerk der Strassenzeitungen INSP gehören.

Amokläufer als Vorbild Berlin. Der Gewaltforscher Frank J. Robertz: «In Deutschland treten Amokläufe durch Jugendliche seit 1999 auf. Die Täter berufen sich auf vorangegangene Taten, sie gleichen Tatkleidung und Bewaffnung an, wollen in einem Atemzug mit früheren Tätern genannt werden. Ist in einem Land das erste ‹School Shooting› passiert und hat die Presse darüber berichtet, stellen wir fest, dass Nachfolgetaten stattfinden. Einzelne Jugendliche fühlen sich durch ihre Vorgänger inspiriert.»

Bleichcreme & Beinverlängerung Salzburg. In Afrika und weiten Teilen von Asien gilt helle Haut als Zeichen von Wohlstand. Der Schlüssel zum «Traum»-Teint ist: Aggressive Bleichcremes zerstören die Pigmentierung der Haut und hellen die oberen Zellschichten auf. Die Frauen wissen, dass sie damit ihr Hautkrebsrisiko erhöhen. Doch die Aussicht auf eine bessere Zukunft durch ein westliches Erscheinungsbild besiegt die Vernunft. Aus diesem Grund legen sich auch immer mehr Asiatinnen für Lidkorrekturen und Beinverlängerungen unters Messer.

Von Lerchen und Eulen Hannover. Weil die innere Uhr bei jedem Mensch anders tickt, unterscheidet die Wissenschaft verschiedene Chronotypen: Die «Lerchen» sind früh am Tag aktiv und gehen zeitig zu Bett, die «Eulen» gehen spät schlafen und können am Morgen nur schwer aufstehen. Forscher haben herausgefunden, dass es in den Genen liegt, zu welchem Typ man gehört. Extreme Spät- oder Frühtypen können ihre innere Uhr also nicht komplett umpolen. Allerdings nähern sich Eulen im Lauf ihres Lebens den Lerchen an: Denn mit zunehmendem Alter produziert der Körper immer weniger Schlafhormone.

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Zugerichtet Der Schlossgeist Es ist kein ruhmreicher Titel: Im 60-Städte-Ranking des Veloklaus liegen Bern und Basel auf Platz zwei und drei. Zürich ist zwar nicht in den Top zehn, doch mit Platz 24 gehört es ebenfalls zu den unsichersten Velostädten im deutschsprachigen Raum. Alle dreieinhalb Stunden schlägt hier ein Velodieb zu. Aufgeklärt werden die Diebstähle fast nie. Die Polizei löst nur 2,1 Prozent der Fälle. Zwei davon gehen auf Roger W.s* Konto. Früher arbeitete der gelernte Pöstler als Chauffeur, bis ihn seine Polytoxikomanie das Billet kostete. Seitdem ist Roger zu Fuss unterwegs und auf Sozialhilfe angewiesen. Obgleich er ohne grössere Verpflichtungen durchs Leben wankt, schimpft er wie ein Rohrspatz, als die Gerichtsweibelin eine Verspätung ankündet: «Jetzt komme ich wegen diesem Seich wieder in Stress. Glauben die eigentlich, ich hätte keine anderen Termine?» Um den alltäglichen Terminstress zu mildern, geht Roger niemals ohne Zange auf einen Spaziergang. So kann er sich ein Velo besorgen, wenn es nötig ist. Und dies kommt wohl gelegentlich vor, auch wenn ihm heute nur zwei Velo-Diebstähle angelastet werden. «Das gebe ich ja alles gerne zu», sagt Roger mit schwerer Zunge. Obwohl erst 31-jährig, scheint die langjährige Abhängigkeit von Medikamenten, Drogen und Alkohol seinen Körper und Verstand bereits gründlich ruiniert zu haben. Der Verhandlung kann er nur mit Mühe folgen. Für Roger spricht, dass er sich nie an dem gestohlenen Gut bereichert hat. Am Ziel angekommen, liess er die Velos einfach stehen, damit sich der nächste Bedürftige ihrer bedienen möge. Ausserdem besitze er ja auch kein Fahrradschloss, erklärt

Roger. Er will sich nämlich grundsätzlich nicht mit Besitztümern belasten. Das Eigentum anderer Leute respektiere er aber sehr wohl, er könne es ja selber gar nicht leiden, wenn ihm etwas gestohlen würde, darum habe er die Fahrräder auch nur ausgeliehen. An einem späten Abend im letzten Winter mochte Roger nicht zu Fuss vom Bahnhof in seine Stammbeiz gehen. Er war schon so angetrunken, dass er mit seiner Zange nicht mehr zurande kam. Viel zu lange würgte er am Schloss herum. Kaum hatte er sich auf das Rad geschwungen, wurde er von einem Taxifahrer, der seine ungeschickten Werkeleien beobachtet hatte, vom Sattel gezerrt. «Da hatte ich Pech», bedauert Roger. Den zweiten Diebstahl – Tatort: das Wohnhaus eines Kumpels – kann Roger dem Richter schlüssig erklären: «Ich habe das Velo ja nicht zum Spass genommen, ich musste doch aufs Sozialamt.» Glücklicherweise stand gerade ein schönes Mountainbike ungesichert im Gang des Miethauses. Dessen Besitzer wollte nur kurz zurück in seine Wohnung, um etwas zu holen, und glaubte, auf das erneute Abschliessen des Velos verzichten zu können. Ob er je beim Sozialamt angekommen ist, kann Roger dem Richter heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Der zeigt dann auch wenig Verständnis dafür, dass man nach «Lust und Laune» stiehlt, weil man nicht mehr zu Fuss gehen will. Da Roger noch ein paar einschlägige Vorstrafen im Register hat, erhält er eine unbedingte Strafe von 30 Tagessätzen zu 30 Franken sowie eine Busse von 300 Franken. * Persönliche Angaben geändert. ISABELLA SEEMANN (ISEE@GMX.CH) ILLUSTRATION: PRISKA WENGER (PRISKAWENGER@GMX.CH) SURPRISE 237/10


Reichtum Steuergerechtigkeit als Standortvorteil Wohlhabende Schweizer fürchten sich vor Aufständen und Verelendung als Folge der zunehmenden Kluft zwischen Arm und Reich. Gerechtere Steuern wären ein Schritt zur Entschärfung der sozialen Spannungen. VON RETO ASCHWANDEN

Da malt einer den Teufel an die Wand: «Die Weltwirtschaft schlittert in die schwerste Krise aller Zeiten. Wir werden Volksaufstände, Verelendung, Willkür, Totalitarismus und Mangelerscheinungen erleben, die heute unvorstellbar sind.» Dieses Zukunftsszenario zeichnet nicht etwa ein Altlinker oder ein Weltuntergangs-Prophet. Es stammt von Paul Feuermann, einem ehemaligen Privatbankier und UBS-Manager. Wie andere Wohlhabende liess er sich für das Buch «Wie Reiche denken und lenken» des Basler Soziologieprofessors Ueli Mäder interviewen. Und Feuermann ist nicht der einzige, der eine Eskalation herannahen sieht. Fast einhellig vertreten die befragten Reichen gegenüber Mäder die Ansicht, die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich werde irgendwann zu Gewalt und Zerstörung führen. Die Zahl der Vermögenden in der Schweiz steigt. Die Millionärsdichte liegt nur in Singapur und Hongkong noch höher als hierzulande. Drei Prozent der Steuerpflichtigen besitzen gleich viel Vermögen wie die anderen 97 Prozent zusammen. Laut dem Wirtschaftsmagazin «Bilanz» hat sich das Vermögen der 100 Reichsten im Land in den letzten 20 Jahren verfünffacht. Im Gegenzug ist der Durchschnittslohn in der Schweiz laut einer Studie der Zürcher Kantonalbank seit 1998 um drei Prozent gesunken. Vor diesem Hintergrund befremdet der Auftritt von Volkswirtschaftsund Finanzdirektoren aus der Zentralschweiz Ende Oktober. Mahnend liessen sie die Öffentlichkeit wissen, dass viele reiche Steuerzahler und Firmen aus ihren Kantonen wegziehen könnten, sollte die Steuergerechtigkeits-Initiative am 28. November angenommen werden. Die Befürchtungen sind berechtigt. Zug, Schwyz und Obwalden locken viele

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Vermögende mit tiefen Steuern in ihre Kantone. Dieser Standortvorteil wäre weitgehend dahin, wenn die Initiative angenommen und damit schweizweit Mindeststeuersätze auf hohe Einkommen und Vermögen festgelegt würden. Der Steuerwettbewerb zwinge den Staat zu sparsamem Haushalten und nütze deshalb allen, behaupten die Tiefsteuerkantone gerne. Doch das funktioniert nur an wenigen Orten, mehrheitlich führt es zum Abbau staatlicher Leistungen. Es passt ins Bild, dass die Nachbarkantone, die Zürich und anderen urbanen Regionen die Reichen ausspannen, äusserst zurückhaltend reagieren, wenn sie um finanzielle Beteiligungen an den Zentrumslasten gebeten werden. Die Nähe zu Kunst-, Kultur- und Sportangeboten nimmt man als Standortvorteil gerne hin, dafür zahlen möchte man aber nicht. Ein solches Verhalten ist kurzsichtig und egoistisch. Wer gegen Steuerprivilegien für Reiche antritt, wird oft des Neids bezichtigt. Doch darum geht es nicht. Sondern um Gerechtigkeit. Wer viel hat, soll seinen Teil ans Gemeinwesen beitragen. Denn es ist allein der Staat, der eine Ordnung aufrechterhalten kann, die Besitz und Eigentum schützt. Reiche wie Paul Feuermann haben das begriffen. Sie wollen aus guten Gründen keine Verschärfung der sozialen Spannungen. Gerechtere Steuern für alle wären ein erster Schritt zur Entschärfung. ■

VON THEISS@INFAM

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Porträt Ein Mann, eine Maschine, ein Telefon In der Nacht gehören die Strassen ihm: Henri Blaser fährt zwischen sieben Uhr abends und sieben Uhr in der Früh die Berner Nachtschwärmer nach Hause. In seinem Einmann-Taxiunternehmen hat der 58-Jährige seine Berufung gefunden. VON MANUELA DONATI (TEXT) UND ANNETTE BOUTELLIER (BILD)

Sein Schnauz ist Henri Blasers Markenzeichen. Weissblond ist er und unter der Nase dicht, dann läuft er in einem himmelwärts strebenden, dünnen Bogen aus. Darüber die blauen Augen, die aufmerksam über das Steuerrad blicken. Seit rund 30 Jahren ist Henri Blaser als Nachttaxifahrer in den Strassen Berns unterwegs. Seine Kundschaft besteht aus den typischen Nachtschwärmern, zu denen er als Berner Unikat längst auch selber gehört, und aus Touristen, mit denen er schon einmal eine nächtliche Sightseeing-Tour macht. Auch viele Kulturschaffende wählen am liebsten Henri Blasers Taxinummer. So auch Polo Hofer, einer der Fahrgäste der Nachtschicht, während der die Journalistin mitfährt. Der Mundartsänger lässt sich am liebsten von Blaser heimbringen: «Henri ist einfach anders als andere Fahrer, er ist einer von uns.» Typisch für Henri, wie ihn der Einfachheit halber alle nennen, ist sein gemütliches, im typischen Berndeutsch langgezogenes «Okey, okey». Dieses «Okey» ist eine Verkürzung von Henri Blasers Philosophie, nämlich: «Das beste am Taxi fahren ist die Kundschaft. Man transportiert ja nicht Eier oder Altpapier.» Das ist keine leere Marketingfloskel, sondern die innere Überzeugung des 58-Jährigen. Das merkt spätestens, wer sich von ihm von einem Ort zum anderen fahren lässt. Ganz nach alter Schule steigt er aus dem Auto, um die Kundschaft persönlich bei der Haustüre abzuholen, öffnet die Autotüren für die Fahrgäste und trägt das Gepäck zum Kofferraum. «Mein Ziel ist es, jeden Auftrag picobello auszuführen», sagt Henri Blaser. Denn er weiss: Sind die Kunden zufrieden, geben sie seine Nummer weiter. Diese guten Rückmeldungen und die neuen Kontakte, die sich so ergeben, sind ihm Bestätigung und Motivation zugleich. Zufriedene Kunden führten auch dazu, dass Henri Blaser von seinem langjährigen Arbeitgeber fristlos entlassen wurde. Paradox, aber tatsächlich so geschehen. 1994 war Henri Blaser seit über zehn Jahren bei einem grossen Berner Taxiunternehmen angestellt. Immer wieder erhielt die Zentrale Anrufe von Kunden, die explizit nach Henri Blaser fragten. Damit diese ihn direkt erreichen konnten, kaufte er sich ein Handy – was per Reglement verboten war. Irgendwann bekam der Arbeitgeber Wind davon und Henri Blaser erhielt die Kündigung. Die Kundschaft aber blieb «ihrem» Henri treu. Und mit diesem Kundenstamm im Rücken beschloss er, sich selbstständig zu machen. Dabei kam ihm auch die Gunst der Stunde zugute: Just im selben Jahr wurde

das Berner Taxigesetz liberalisiert, und er bekam ohne Probleme eine Taxihalter-Bewilligung – «Henris Nacht Taxi» war geboren. Seitdem lautet die Devise bei Henri Blaser: «Ein Mann, eine Maschine, ein Telefon». Er geniesst es, unabhängig zu arbeiten und Kundenwünsche direkt erfüllen zu können, ohne ineffiziente Kommunikation über eine Zentrale. Die Unabhängigkeit ist Henri Blaser sehr wichtig. Schon früh war ihm sein Heimatstädtchen Aarberg im bernischen Seetal zu eng. So zog er schon als 17-Jähriger nach Bern, anstatt, wie von den Eltern vorgesehen, die Matura zu machen und zu studieren. Ganz aus pragmatischen Gründen absolvierte Blaser die Handelsschule und begann schnell zu arbeiten. Zum Taxi fahren kam Blaser eher zufällig. Als 22Jähriger machte er «mehr aus Plausch» und auf Anraten seines Bruders die Taxiprüfung. Im Hinterkopf auch die bevorstehende Zweitausbildung zum Töff-Mechaniker, die er damit finanzieren wollte. Denn als kaufmännischer Mitarbeiter hatte er eines schnell gemerkt: «Ich bin nicht der Typ fürs Büro, immer die gleichen Leute in den immer gleichen vier Wänden.» Dieses Berufsumfeld war Blaser einfach zu eng. Dagegen halfen auch die vielen Töff-Reisen durch Europa und Nord-

«Ich sage es, wenn mir etwas nicht passt. Als Angestellter kann das problematisch sein.»

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afrika nicht. Kaum daheim, gab es jeweils Ärger: «Ich bin ein Typ, der nicht gut aufs Maul hocken kann. Ich sage es, wenn mir etwas nicht passt. Als Angestellter kann das durchaus problematisch sein, ich weiss», erklärt er. In seinem Taxi, in der Nacht, da spürt Henri Blaser diese Enge nicht. «Jede Nacht ist anders», sagt er. Dennoch, der verkehrte Rhythmus bringt auch Probleme mit sich: Mittlerweile hat der 58-Jährige Rückenprobleme vom vielen Sitzen, und ein ausgiebiges und geselliges Privatleben ist kaum möglich. So hat Blaser «gar keine Zeit für ein Hobby», und in manchen Nächten kommt er nicht einmal zu einem warmen Nachtessen und muss sich auf die «Notfall»-Banane im Auto verlassen. Auch das Familien- und Beziehungsleben war nicht immer einfach, was Blaser zu kompensieren versuchte, indem er Tochter und Ex-Frau am Morgen nach der Arbeit Gipfeli brachte oder gar den Kaffee ans Bett. Trotzdem, für den Taxifahrer überwiegt das Positive an seinem Beruf: «Mein Job ist nie langweilig. Es gibt keine nervtötende Routine, dafür viele spannende Begegnungen. Das macht meinen Beruf attraktiv.» Mit seinem «Nacht Taxi» hat Henri Blaser seine Berufung gefunden. ■

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Mobilität Michael im Zwergenland Die Leidenschaft von Surprise-Verkäufer Michael Hofer sind Züge und das Zug fahren. Er kennt alle Schweizer Strecken, und technische Daten von Lokomotiven sind für ihn, was für andere Fussballresultate. Für Surprise schaute er einem Lokführer bei der Arbeit über die Schulter. VON JULIA KONSTANTINIDIS (TEXT) UND MIRIAM KÜNZLI (FOTOS)

Zwerge weisen den Lokführern den Weg. Das überrascht selbst Zugliebhaber Michael Hofer. Mit 25 Jahren hatte er bereits sämtliche Zugstrecken in der Schweiz befahren. Die Bernina-Strecke gehört zu seinen Favoriten, oder die Fahrt ins französische Chamonix. Auch in Österreich ist Hofer oft mit dem Zug unterwegs. Dort gefällt ihm besonders die Lokomotive des Modells 1016/1116 ÖB: «Die klingt so schön beim Abfahren.» Den Winterthurer Surprise-Verkäufer faszinieren Loks und Züge schon seit seiner Kindheit: «Mein Grossvater arbeitete bei der Bahn, das Interesse fürs Zug fahren liegt wohl in der Familie», vermutet der 30-Jährige gut gelaunt. Soeben ist er einer Re 460-Lokomotive entstiegen, die ihn mit dem Interregio 2322 von Luzern an den Hauptbahnhof Zürich zurückbrachte. Für einmal fuhr der Vielfahrer und GA-Besitzer aber nicht wie normalerweise im Passagierwagen, sondern zusammen mit dem Lokomotivführer Kurt Gwerder vorne im Führerstand. Er, der fast alles über Züge weiss, wollte einmal einem Lokführer bei der Arbeit über die Schulter gucken. Tägliche Zugtaufe Gestartet ist der Zug mit der Surprise-Delegation frühmorgens im HB Zürich, und von der ersten Sekunde an wurde Michael Hofer klar, worauf ein Lokführer besonders achten muss: Auf Signale unterschiedlicher Art, Farbe, Form und Grösse. Und dazu gehören eben auch die Zwerge oder Zwergsignale, wie sie offiziell heissen. Die rund 80 Zentimeter kleinen, mit drei Lichtern versehenen, abgeschrägten Lichtsignale stehen entlang der Schienen und zeigen dem Lokomotivführer zusammen mit den Hauptsignalen die Fahrerlaubnis an: Zwei brennende Lichter übereinander bedeuten freie Fahrt, zwei brennende Lichter in der Waagerechten markieren Halt. «Egal, was mir die in der Höhe angebrachten Hauptsignale anzeigen, wenn mir der Zwerg Halt signalisiert, darf ich nicht weiterfahren», erklärt Kurt Gwerder auf der Fahrt nach Luzern. Die Vorsignale zeigen jeweils an, ob der nächste Streckenabschnitt frei ist: «So kann ich mit dem tonnenschweren Zug rechtzeitig reagieren.» Kurt Gwerder fährt seit 25 Jahren für die SBB und beherrscht sein Gefährt aus dem Effeff. Trotzdem merkt Michael Hofer bald, dass während der Fahrt nur das Wichtigste besprochen werden kann: «Das braucht eine enorme Konzentration», zeigt sich der Surprise-Verkäufer beeindruckt. Neulingen im Führerstand schwirrt nämlich schon nach

kurzer Zeit der Kopf ob all der Signale und der zahlreichen Knöpfe und Regler, die Kurt Gwerder vor sich auf dem Armaturenbrett in regelmässigen Abständen drückt und dreht. Sie leuchten auf und geben Warntöne von sich, zeigen Stromverbrauch, Luftdruck oder die vom System überwachte Geschwindigkeit an. Genauso wichtig, wie sie während der Fahrt in den Augen zu behalten, ist die Überprüfung der Instrumente vor Beginn der Fahrt. Als Kurt Gwerder den Zug um acht Uhr morgens von einem Kollegen übernommen hat, kontrollierte er die Funktionen der Lokomotive. Dabei zeigen die Bähnler unerwartet Gefühl: In ihrer Sprache nennen sie diesen technischen Ablauf Zugtaufe. Im Tunnel ohne Strom Auf dem Weg nach Luzern passiert der Zug unter anderem zwei eingleisige, enge Tunnels, dazwischen liegt der Bahnhof Sihlbrugg. Statt der dunklen Tunnelwände sieht Michael Hofer im Führerstand vorne geradeaus in den Tunnel. Die starken Scheinwerfer der Maschine erleuchten die Röhre und offenbaren ihm ihr unbekanntes Innenleben. «Hier wird das Sehen sprichwörtlich zum Tunnelblick», findet Kurt Gwerder, während er sich auch hier auf die Lichtsignale, die an der Tunneldecke hängen, konzentriert. Im Tunnel, den er nach der Ausfahrt aus Zürich passierte, fuhr der Zug ausserdem ohne Strom, weil die Fahrleitung dort für wenige Meter nicht unter Spannung steht. Davon bekommen die Zuggäste aber nichts mit, das Fahrgefühl ist dasselbe. Denn bis sich die Fahrt des 540 Tonnen schweren Zugs ohne Zugkraft verlangsamen würde, wäre das Gefährt schon längstens wieder aus dem Tunnel raus. Und auch wenn der Lokführer eingreifen und eine

«Wenn mir der Zwerg Halt signalisiert, darf ich nicht weiterfahren.»

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Schnellbremsung durchführen würde, müsste der Zug in dieser Situation immer noch einen Bremsweg von rund 250 Metern zurücklegen. Michael Hofer, der sich für energiesparende Technologien interessiert, ist begeistert, dass der Zug streckenweise ohne Strom fährt. Er fragt Gwerder, ob die Lokomotive Strom speichern kann, so wie ein österreichisches Modell, das er aus seinem Buch der europäischen Lokomotiven kennt. Das Fabrikat, in dem er gerade sitzt, ist jedoch nicht mit einer derartigen Funktion ausgerüstet. Trotzdem ist die Lok energieeffizient unterwegs, was den umweltbewussten Surprise-Verkäufer freut: Nebst einem Bremssystem, das mit Luftdruck funktioniert, verfügt die Lokomotive über eine elektrische Bremse, die den Zug stromSURPRISE 237/10


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produzierend verlangsamen kann: «Beim Bremsen wird nie Strom verbraucht. Wenn jedoch nur mit der luftabhängigen Bremse gebremst wird, wird die Energie einfach vernichtet», macht Kurt Gwerder einen kurzen Bremstechnik-Exkurs. Wenn immer möglich werde deshalb mit dem elektrischen System in Kombination mit der Luftbremse gebremst, da mit der elektrischen Bremse Strom erzeugt und in die Fahrleitung zurückgespeist werden kann. Während der Fahrt durch den Tunnel lässt Kurt Gwerder die Geschwindigkeitsnadel aber erst mal noch ein bisschen nach oben rücken. Natürlich nicht über die erlaubten 80 Stundenkilometer. «Bei uns ist das nicht wie beim Auto fahren, die Höchstgeschwindigkeit wird nie überschritten, auch nicht um wenige Stundenkilometer», erklärt Kurt Gwerder. Ohne Hightech würde heute nicht viel laufen an Kurt Gwerders Arbeitsplatz, ein wichtiges Arbeitsinstrument ist sein Laptop, das mit den elektronischen Daten des Fahrplans gespeist wird. Zug und Schub Kurt Gwerder fährt pünktlich in Luzern ein. Hier im Kopfbahnhof hat er gerade genügend Zeit, vom hinteren Ende des Zuges ans vordere zu gehen. Hier ist die Lokomotive angehängt, in der sich Gwerder nun für die Rückfahrt einrichtet. Die Hinfahrt nach Luzern bestritt er aus dem Steuerwagen, der am einen Ende der Zugkomposition angebracht ist, so, dass die Lok, statt zu ziehen, vorwärts stösst. «Die Arbeitsabläufe sind dieselben wie in der Lokomotive, es ist im Prinzip wie eine Fernsteuerung», erklärt Kurt Gwerder. Mit der Lok am vorderen und dem Steuerwagen am hinteren Ende des Zugs kann am Zielbahnhof viel Zeit eingespart werden, weil keine Umhänge-Manöver mehr nötig sind, um den Zug auf derselben Strecke wieder zurückzufahren: «So sind viel mehr Zugfahrten pro Tag möglich als früher, bevor man

dieses System kannte.» Das wirkt sich auch auf Gwerders Arbeit aus: An diesem Tag stehen sechs Zugsleistungen auf seinem Dienstplan. Als er um 8 Uhr 04 von Zürich nach Luzern losfuhr, hatte er die erste Fahrt schon hinter sich: Gwerders Arbeitstag begann um 5 Uhr 09 mit der ersten Zugfahrt mit der S9 durchs Säuliamt nach Zug und zurück. Später wartet noch eine S-Bahnfahrt auf den Lokomotivführer, bevor er gegen 12 Uhr mittags seinen Arbeitstag beendet. Profi ohne Modelleisenbahn Als Kurt Gwerder und Michael Hofer mit dem IR 2322 pünktlich wieder im HB Zürich einrollen, ist erst einmal eine 40-minütige Pause angesagt. Zeit, in der Michael Hofer mehr über das Leben eines Lokomotivführers erfahren kann. Der Fahrplan bestimmt Gwerders Arbeitsalltag. «Wenn ich Ferien habe, lege ich meine Uhr bewusst ab und esse dann, wenn ich Hunger habe und nicht dann, wenn es der Fahrplan erlaubt», erzählt er in der Kantine des SBB-Personals, die über dem Reisezentrum im ersten Stock des Bahnhofsgebäudes liegt. Michael Hofer will wissen, ob sich Gwerder auch in seiner Freizeit mit dem Zugfahren beschäftigt, doch seine Begeisterung für Modelleisenbahnen teilt der Profi nicht: «Ich hatte nie eine zu Hause.» Er fahre einfach sehr gerne mit der Lokomotive, auch heute noch. Kurt Gwerder ist nach 25 Jahren kein bisschen ausgebrannt, selbst die unregelmässigen Arbeitszeiten machen ihm nichts aus und einsam fühlt er sich auch nicht in seiner Lok: «Ich bin doch mitten in den Leuten, spüre das pulsierende Leben am Bahnhof und befördere die Menschen von einem Ort an den anderen.» Das Zug fahren habe sich in seinen vielen Dienstjahren stark verändert. Die Ae 4/7-Lokomotive, die Michael Hofer ihm in seinem Buch zeigt, hatte noch einen Führerstand mit mechanischer Steuerung, in dem man stehen musste. Über das Buch gebeugt, lässt Kurt Gwerder alte Zei-

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ten aufleben: «Ja, auf der habe ich Zug fahren gelernt.» Heute schult der Lokomotivführer andere Fahrer in der Handhabung des elektronischen Programms «Lokführer-Electronic-Assistant 2». Im Aufenthaltsraum neben der Kantine erklärt Kurt Gwerder Michael Hofer das Informationssystem der SBB: An einem Anschlagbrett hängen wichtige Mitteilungen, die jeder vor seinem Einsatz gelesen haben muss. Seit Kurzem werden dem Lokpersonal alle Mitteilungen zudem via einem virtuellen Anschlagbrett übermittelt: «Ganz wichtige Informationen erhalten wir einzeln und auf Papier, wir müssen elektronisch quittieren, dass wir sie gelesen haben – die Sicherheit kommt vor allem anderen», erklärt Gwerder. Und einmal mehr wird Michael Hofer die grosse Verantwortung bewusst, die ein Lokführer bei seiner Arbeit übernimmt: «Man muss immer bei der Sache sein – das wär nichts für mich.» Sind irgendwo Bauarbeiten im Gange, verändert sich die Geschwindigkeit oder die Strecke – und die kennen die Lokführer genau. Denn sie dürfen nur Strecken fahren, die sie kennen und gelernt haben: «In der Ausbildung fahren angehende Lokführer die Strecke erst mit, später selber in Begleitung eines streckenkundigen Führers, und erst dann dürfen sie die Strecke alleine befahren.» Dass einer das ganze Schweizer Streckennetz befahren könne, sei unmöglich. «Es hängt vom Standort ab, welche Strecken ein Lokführer fährt», so Gwerder.

sonders, denn sie führt an seinem früheren Zuhause vorbei – und durch die Frontscheibe der Lokomotive ist das Haus noch besser zu sehen als aus den seitlichen Zugfenstern in den Passagierwagen. Als die letzten Fahrgäste in Effretikon auf Gleis 2 ausgestiegen sind, klettert ein Mann in orange farbenen Überkleidern in die Lokomotive. Der Rangierarbeiter

«Man muss immer bei der Sache sein – das wär nichts für mich.»

Rückwärts aufs Abfahrtsgeleise Als nächstes nimmt der Lokführer die Strecke der S2 nach Effretikon in Angriff. Als Michael Hofer die Re 450-Lok sieht, sprudelts aus ihm heraus: «Die kann relativ schnell beschleunigen, weil sie für den Nahverkehr gemacht ist.» Auf die Fahrt nach Effretikon freut sich Hofer be-

wird Kurt Gwerder in den nächsten zehn Minuten über die Schienen und Weichen lotsen, damit das Manöver, an dessen Ende der Zug auf Gleis 6 stehen soll, ohne Probleme funktioniert. Schon ist der orange Mann auf dem hinteren Führerstand der S-Bahn-Komposition. Über das Funkgerät halten sie Kontakt miteinander. Gwerder fährt im Schritttempo, im Modus «Manöver». Besonders beim Rangieren sind die Zwerge unverzichtbar und deshalb in Bahnhofsnähe auch gehäuft vorhanden. Sie zeigen Kurt Gwerder freie Bahn aufs Nebengeleise an. Von dort lotst der Rangiermitarbeiter die S-Bahn auf ihr neues Abfahrtsgeleise, wo Gwerder im Rückwärtsgang hin tuckert. Die wartenden Passagiere steigen ein und los gehts, zurück an den Hauptbahnhof. Dort wartet schon Kurt Gwerders Ablösung. Nach einer kurzen Begrüssung verschwindet der eine in Richtung Führerstand, der andere Richtung Feierabend. Und auch Michael Hofer macht sich auf den Heimweg nach Winterthur. Die Erinnerung an die eindrucksvolle Fahrt durch den Tunnel, die Bilder von Kurt Gwerders blinkender Armatur und das Gefühl, in der 84 Tonnen schweren Lok zu sitzen, werden ihn bis dahin begleiten. Michael Hofer und Kurt Gwerder gehen zusammen Richtung Bahnhofshalle, im Rücken die S2. Und der Zug, der steht da und wartet auf seine nächste Taufe. ■

Michael Hofer und Kurt Gwerder machen kurz Pause ...

... bevor sie mit der S2 unter voller Konzentration wieder losfahren.

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BILD: KEYSTONE

Ausschaffungsinitiative Mehr Raum für Symbolgesetze Straffällige Ausländer sollen bei der Annahme der Ausschaffungsinitiative des Landes verwiesen werden. Das würde die heutige Praxis lediglich verschärfen. Denn der Geist der Initiative weht längst durch die Justizgebäude des Landes.

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VON YVONNE KUNZ

Klar ist: Nichts ist klar. Umso befremdlicher wirkt, dass die Meinungen zur sogenannten Ausschaffungsinitiative so klar sind. Denn der Status quo in dieser Frage entpuppt sich sukzessiv als eigentliches Mysterium. Dies betrifft nicht die «Details», wie etwa das erforderliche Strafmass für einen Landesverweis, wer ihn warum und wann ausspricht und wie «erfolgreich» das Gesetz angewandt wird. Nein, die Unklarheit beginnt schon beim Elementaren: Wie viele Menschen werden ausgewiesen? Der «Tages-Anzeiger» sprach am 15. Oktober, mit dem Vorbehalt, dass gesicherte Zahlen fehlten, von 350 bis 450 Fällen jährlich. Was exakt den Zahlen der SVP entspricht. Vier Tage später, drei Jahre nach Lancierung der Initiative und sieben Wochen vor der Abstimmung, fällt der Bundeskommission für Migrationsfragen plötzlich auf, dass es 2009 wohl doppelt so viele waren, Tendenz stark steigend. Man habe eine Umfrage bei 20 Kantonen gemacht und diese dann hochgerechnet, war zu lesen. Damit leistet sich die Kommission eine jener Peinlichkeiten, die die Stammtische landauf, landab erbeben lassen. Man hört den Hohn förmlich: Waren die sechs in der Umfrage nicht vertretenen Kantone nicht zu Hause, als man sie anrief? Niemand zuständig? Welche waren es überhaupt? Wahrscheinlicher ist, dass die fraglichen Stände nicht in nützlicher Frist eruieren konnten, wie viele Menschen sie des Landes verwiesen haben. Denn bei der Ausschaffungspraxis gibt es – gut föderalistisch – keine eidgenössische Praxis, sondern (mindestens) 26 unterschiedliche Anwendungen eines gesetzlichen Ermessensspielraums. Insofern liesse sich der Initiative sogar etwas abgewinnen. Bei Migrationsfragen geht es um Menschen, um Schicksale, und es wäre störend, wenn jemand mit einer Strafe von 13 Monaten unbedingt vor die Tür gesetzt wird, nur weil er zufällig in einem Kanton mit harter Praxis wohnt, derweil ein Verurteilter mit der gleichen Strafe in einem anderen Kanton ohne Landesverweis davonkommt. Denn das wäre im Kern Rechtspluralismus oder Justizlotterie – nichts, womit sich eine Demokratie brüsten mag. Und doch ist Recht, trotz der mehrheitlich redlichen Anstrengungen aller Beteiligter, nicht immer gleich Recht. Die 13 Monate des einen sind nicht die 13 Monate des anderen. Weder heute noch nach dem 28. November – zu zahlreich sind und bleiben die jeweiligen Umstände und Ermessensspielräume. Juristisch bringt die Vorlage vor allem eine verwaltungstechnische Rückkehr zur Praxis, wie sie vor 2007 angewandt wurde. Im Rahmen der damaligen Revision des Strafgesetzes wurde der gerichtliche Landesverweis als Nebenstrafe abgeschafft und die Wegweisungskompetenz an die Migrationsbehörden delegiert.

für jeden dieser Exponenten des positiven Rassismus gibt es auch einen, der Taten von Ausländern reflexartig strenger beurteilt als jene von Meier-Müller. Wenn es etwas gibt, worüber man sich in juristischen Kreisen einig ist, dann dies: Die Justiz ist Moden ausgesetzt und nimmt gesellschaftliche Stimmungen durchaus auf, selbst wenn die Gesetze nicht verschärft werden. So kann man sich heute schon nicht gänzlich des Eindrucks erwehren, dass sich vor allem die Staatsanwaltschaften vom herrschenden politischen Klima der Fremdenangst ins Bockshorn jagen, wenn nicht gar befeuern lassen. Offen bestätigen mag dies niemand. Doch es gibt Richter, die sich hinter vorgehaltener Hand mokieren, dass sich Staatsanwälte über physikalische Regeln hinwegsetzten: Acht Gramm Kokain wiegen bei einem Ausländer schwerer als bei einem Schweizer. Sie erwähnen auch,

Acht Gramm Kokain wiegen bei einem Ausländer schwerer als bei einem Schweizer.

Rechtsprechung als Modeerscheinung Seither befinden die Migrationsbehörden aufgrund der von den Gerichten erlassenen Urteile über einen allfälligen Landesverweis – entscheidend sind dabei dieselben Faktoren wie bei der gerichtlichen Wegweisung zuvor: Tatschwere, Verschulden, Strafmass und Täterkomponente. So wird heute die «Entfernungsmassnahme», wie die Wegweisung auch genannt wird, nicht als Strafe ausgesprochen, sondern durch die Migrationsbehörden unter Berücksichtigung des Verhältnismässigkeitsprinzips. Der Eindruck, dass sich dadurch eine lasche Wegweisungspraxis eingestellt hat, die nur die schwersten, unbeirrbarsten und unreuigsten Täter vor die Tür setzt, täuscht. Vielmehr sieht das «Volk», oder zumindest jene Kreise, die der Ausschaffungsinitiative zustimmen werden, in der Judikative eine «Elite» von «Linken und Netten» und «Multikulti-Romantikern», die sich in «Kuscheljustiz» üben und so gar der «schleichenden Islamisierung der Schweiz» Vorschub leisten. Es gibt sie sicher, die «Hätschelrichter» sowie die Verteidiger und Staatsanwälte mit Sozialarbeiter-Allüren, die in jedem Täter mit exotischem Namen sofort auch ein Opfer sehen. Doch SURPRISE 237/10

dass je nach Stand und Intensität des öffentlichen Diskurses überhöhte Strafanträge auf ihren Tischen landen, die sie zurückweisen müssen. Auffallend oft werden 13 Monate unbedingt gefordert – die magische Grenze, jenseits derer ein Landesverweis heute in Betracht gezogen wird. Und es gibt auch Verteidiger, die vielsagend lächeln, wenn man sie fragt, ob dieses oder jenes groteske Urteil aufgrund fremdenfeindlicher Tendenzen zustande gekommen sei. Symbolgesetze einer Symbolpolitik Juristische Unmöglichkeiten wie Hören-Sagen-Zeugen als feste Beweise zu werten oder entlastende Beweise nicht adäquat zu gewichten, sind gerade bei ausländischen Angeklagten öfter anzutreffen. Das gilt auch bei arbeitslosen, besonders aufmüpfigen Delinquenten oder bei jenen, die ihren Verhandlungen unentschuldigt fernbleiben. Diese Faktoren potenzieren sich gegenseitig. Bei Ausländern fehlen zudem oft die Sprachkenntnisse, um dies zu verstehen und/oder das Geld, um die rechtlichen Mittel auszuschöpfen – weshalb viele einseitig gefällten Urteile nicht angefochten und deshalb nicht als solche publik werden. Der Spielraum für «Knüppeljustiz» ist heute genauso vorhanden wie jener für «Kuscheljustiz» – doch in aller Regel wird weder geknüppelt noch gekuschelt. Die Sehnsüchte der Strafverschärfer gehen auch weit über die Strafhärte hinaus: Juristische Radikallösungen sind en vogue – das hat sich bereits bei der Verwahrungsinitiative offenbart, die – wie sich zeigt – nicht im Sinne der Initianten angewandt werden kann. Nun tobt eine Ausländerdiskussion, die auch beim besten Willen nicht als produktiv gewertet werden kann. Dennoch wird sie den Druck auf Staatsanwaltschaften, Gerichte und Vollzugsbehörden verstärken und damit auch diskriminierende Tendenzen. Die Stimme des Volkes wird sprechen. Die Stimme eines Volkes, dessen Seele schon so lange gekocht wird, dass sie verdunstet sein muss. Doch was passiert mit den in einer Initiative kondensierten Alltagssorgen der Bürger, wenn sie mal Gesetz sind? Sie werden weitergären – ganz im Interesse der Initianten. Denn auch sie wissen: Man kann erstens nicht einfach per Gesetz Ordnung in die unübersichtlichen Migrationsgesellschaften bringen, und zweitens ist das Wegweisungsprinzip längst in Anwendung. Hier wird nicht Recht, sondern Politik gemacht. Symbolgesetze einer Symbolpolitik. Und mit Symbolpolitik, nicht mit den lästigen Details – auch das ist hinlänglich bekannt –, holt man die Stimmen. ■ Yvonne Kunz ist akkreditierte Gerichtsberichterstatterin im Kanton Zürich.

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Ausschaffungsinitiative Die Vorlage im Praxistest Die Ausschaffungsinitiative will allen Ausländern automatisch und unabhängig von der Schwere der Tat das Aufenthaltsrecht entziehen, wenn sie wegen bestimmter Delikte verurteilt werden oder missbräuchlich Sozialleistungen beziehen. Wird die Initiative angenommen, werden zwei wichtige Grundsätze unseres Rechtsstaats ausgehebelt: Das behördliche und richterliche Ermessen, beziehungsweise die Gewichtung aller relevanten Umstände bei der Beurteilung eines Falles, sowie die Verhältnismässigkeit. Die Forderungen der Initiative widersprechen der Bundesverfassung und dem internationalen Recht. Die folgenden fiktiven Fallbeispiele offenbaren die Zwei-Klassen-Justiz, die bei der Annahme der Initiative offiziell praktiziert würde. VON JULIA KONSTANTINIDIS

Thomas M. Alter: 50 Jahre Nationalität: Schweizer Persönliche Situation: Verheiratet, drei Kinder im Alter von 12, 14 und 16 Jahren. Thomas M. ist gelernter Drucker und war bei verschiedenen Firmen angestellt. Aufgrund einer Umstrukturierung verlor er vor vier Jahren seine letzte Stelle. Nach Ablauf der Rahmenfrist zum Bezug von Arbeitslosenunterstützung fand er keine neue Stelle. Seine Frau arbeitet zu 30 Prozent als Bürohilfe. Ihr Lohn reicht allerdings nirgends hin, weshalb Thomas M. vor eineinhalb Jahren auf dem Sozialamt finanzielle Unterstützung beantragte. Das Geld reicht knapp und die Familie von Thomas M. musste ihren Lebensstil dem kleineren Budget anpassen. Tat: Weil Thomas M. vor einem halben Jahr in einen finanziellen Engpass geriet, half er einem Freund zeitweise in dessen Garage aus. Die paar Hundert Franken, die er so monatlich zusätzlich zur Sozialhilfe verdiente, gab er bei der Behörde nicht an. Da Thomas M. in einer kleinen Gemeinde wohnt, wurde seine illegale Tätigkeit jedoch rasch bekannt. Die Sozialhilfebehörde erstattete Anzeige wegen Betrugs. Urteil: Da Thomas M. bisher nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, wird er zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt: 90 Tagessätze à 10 Franken. Lässt er sich in den nächsten zwei Jahren nichts zu Schulden kommen, wird die Strafe nicht vollstreckt und der Eintrag im Strafregister gelöscht. Prognose: Die Verurteilung ist Thomas M. «eingefahren». Mithilfe einer Sozialarbeiterin bekommt Thomas M. seine finanzielle Situation wieder in den Griff. Ein Jahr nach seiner Verurteilung findet er sogar wieder einen Job. Zusammen mit dem Einkommen seiner Frau ist genügend Geld vorhanden, um nicht mehr auf die Unterstützung der Sozialhilfe angewiesen zu sein. Nach Ablauf der zweijährigen Frist, in der seine Geldstrafe zur Bewährung ausgesetzt ist, verfällt die Strafe und der Eintrag im Strafregister von Thomas M. wird gelöscht.

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Tarek E. Alter: 50 Jahre Nationalität: Türke. Mitte der Siebzigerjahre kam Tarek E. als 15-Jähriger in die Schweiz. Persönliche Situation: Verheiratet, drei Kinder im Alter von 12, 14 und 16 Jahren. Tarek E. ist gelernter Drucker und war bei verschiedenen Firmen angestellt. Aufgrund einer Umstrukturierung verlor er vor vier Jahren seine letzte Stelle. Nach Ablauf der Rahmenfrist zum Bezug von Arbeitslosenunterstützung fand er keine neue Stelle. Seine Frau arbeitet stundenweise als Raumpflegerin. Ihr Lohn reicht allerdings nirgends hin, weshalb Tarek E. vor eineinhalb Jahren auf dem Sozialamt finanzielle Unterstützung beantragte. Das Geld reicht knapp und die Familie von Tarek E. musste ihren Lebensstil dem kleineren Budget anpassen. Tat: Weil Tarek E. vor einem halben Jahr in einen finanziellen Engpass geriet, half er einem Freund zeitweise in dessen Garage aus. Die paar hundert Franken, die er so monatlich zusätzlich zur Sozialhilfe verdiente, gab er bei der Behörde nicht an. Da Tarek E. in einer kleinen Gemeinde wohnt, wurde seine illegale Tätigkeit jedoch rasch bekannt. Die Sozialhilfebehörde erstattete Anzeige wegen Betrugs. Urteil: Da Tarek E. bisher nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, wird er zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt: 90 Tagessätze à 10 Franken. Lässt er sich in den nächsten zwei Jahren nichts zu Schulden kommen, wird die Strafe nicht vollstreckt und der Eintrag im Strafregister gelöscht. Aufgrund der neuen Gesetzgebung, die mit der Ausschaffungsinitiative in Kraft trat, muss die Migrationsbehörde Tarek E. aber ausweisen und ihn ausschaffen, falls er nicht von selbst ausreist. Prognose: Tarek E. muss die Schweiz nach über 35 Jahren verlassen. Ausser einem Onkel hat Tarek E. keine Verwandten in der Türkei. Er hat dort weder Wohn- noch Arbeitsort. Um ihre Kinder – in der Schweiz geboren, hier aufgewachsen und in Ausbildung – nicht zu entwurzeln, hat das Ehepaar entschieden, dass die Mutter mit den Kindern in der Schweiz bleibt. Tarek E. muss versuchen, in der Türkei eine neue Existenz aufzubauen. Das gelingt ihm mehr schlecht als recht. Er kann seine Familie in der Schweiz finanziell nicht unterstützen, vielmehr ist er auf das Geld angewiesen, das ihm seine Frau aus der Schweiz überweist. Auch die Situation der restlichen Familienmitglieder in der Schweiz ist schwierig. Die Frau von Tarek E. verkraftet die Trennung nicht und muss in ärztliche Behandlung. Die Kinder müssen fremd betreut werden. Die Kosten für diese Interventionen muss die Gemeinde übernehmen. ■

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Verletzte Hunde, abgemagerte Katzen, entkräftete Tauben – der «TierRettungsDienst» kümmert sich 3000 Mal im Jahr um hilflose Kreaturen. Unterwegs mit Tierretterin Patricia Blum. VON NICOLE ZURBUCHEN

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BILD: NICOLE ZURBUCHEN

Tierrettung Schutzengel der Streuner


BILD: NICOLE ZURBUCHEN

Allzeit bereit: Manchmal kommt Blum nicht einmal zum Essen.

Eine einzige Passantin blieb stehen und schaute genauer hin. Ein Hund, der wie tot am Boden lag, weit und breit war kein Besitzer in Sicht – das kam ihr seltsam vor. Patricia Blum hält das Chiplesegerät an den Nacken des Tieres und teilt der Tiermeldestelle ANIS den 15-stelligen Code mit. Dort erfährt sie, dass der Hund Inuk heisst und seine Besitzerin in Wetzikon wohnt. Blum tippt die Nummer ein, lässt es lange klingeln. Vergeblich. «Das passiert leider öfter. Wenn die Besitzer nur ihre Festnetznummer registrieren, kann ich sie häufig nicht erreichen. Oft sind sie bei der Arbeit – oder sie suchen gerade verzweifelt ihr vermisstes Tier.» Die Tierretterin entscheidet sich, Inuk vorübergehend mit ins Tierheim Pfötli zu nehmen. Bevor sie losfährt, ruft Blum die Nummer der Züchterin an, die sie von ANIS erhalten hat. Sie hat Glück: Die Züchterin weiss, was los ist. Blum legt das Handy ins Fach zurück: «Inuk ist aus dem Tierspital abgehauen.» Sofort ändert sie ihre Route und informiert das Tierspital telefonisch, dass sie den Sheltie zurückbringt. Ihre Stimme klingt warmherzig und ruhig. Motzen bis die Tränen kommen Bis zur Ankunft im Tierspital hat sich der Sheltie bereits sichtlich erholt. Mittlerweile ist auch die Besitzerin eingetroffen, die Inuk sofort in ihre Arme schliesst. Inuk wedelt mit dem Schwanz und freut sich – so gut sich ein völlig erschöpfter Hund freuen kann. Der zuständige Oberarzt entschuldigt sich mehrmals. Der Sheltie hatte es geschafft, während eines Spaziergangs das Halsband abzustreifen und Reissaus zu nehmen. Dass ein Tier aus dem Tierspital entweicht, hat Blum in den elf Jahren ihrer Rettungsdienstarbeit noch nie erlebt. «Die Ärzte dort sind sehr engagiert, die Zusammenarbeit funktioniert super», meint sie und startet den Motor. Schweigend fährt sie durch die immer noch neblige Landschaft. Ein paar Minuten später sagt sie: «Das sind die schönsten Momente in meinem Job. Wenn ich einem Besitzer sein Tier zurückbringen kann und sich beide riesig freuen.» Das ist nicht immer so. Zwar werden seit dem Chip-Obligatorium bedeutend weniger Hunde ausgesetzt – die Hemmschwelle ist höher. Das schreckt jedoch einige Besitzer nicht davon ab, ihre Hunde herumstreunen zu lassen. Patricia Blum hat als Schutzengel der Streuner zu oft gesehen, wo das Leben solcher Tier endet: Unter den Rädern eines Autos oder Lieferwagens. Deshalb rückt sie immer aus, wenn ein Pas-

Manchmal entpuppt sich der abgestürzte Adler als Mauersegler, die exotische Riesenkröte als gewöhnliche Erdkröte und der apathisch daliegende Hund als Laubhaufen. Patricia Blum, 37, weiss nie, was sie am Einsatzort erwartet. Und ob ihre Hilfe überhaupt gebraucht wird. «Ich rücke lieber einmal zu viel aus», sagt die Tierretterin, während sie «Zürich» und «Schulstrasse» in ihr Navigationssystem eintippt. Es kam schon vor, dass sie vergeblich 30 Kilometer fuhr. Zum Beispiel, weil die Katze, die laut der Anruferin seit Stunden apathisch auf einer Wiese sass, bloss am Mausen war. Patricia Blum sagt: « Viel schlimmer fände ich es, wenn sich die Passanten nicht mehr getrauen würden, uns anzurufen. Weil sie sich nicht sicher sind, ob der herumstreunende Hund oder das aus dem Nest gefallene Rotkehlchen tatsächlich Hilfe benötigen.» Patricia Blum trägt einen roten Overall und hat ihr braunes Haar zum praktischen Pferdeschwanz zusammengebunden. Nichts an ihrer Erscheinung erinnert an die Direktionssekretärin, die sie einst war. Nun startet sie den Motor ihres Rettungsfahrzeugs. Im Laderaum hängen Hundehalsbänder, Leinen und Maulkörbe in allen Grössen. In Schubladen verstaut: diverses Verbandsmaterial, Leinentücher, Desinfektionsspray. Die Leder«Manche Besitzer beschimpfen mich – der Hund wäre handschuhe zieht Patricia Blum an, wenn sie schon von selber heimgekommen.» Katzen oder Greifvögel einfangen muss. Der Verkehr wird immer dichter, dann, in Oerlikon, winkt aufgeregt eine Frau am Strassenrand, als sie das Retsant die Einsatzzentrale des «TierRettungsDienstes» anruft und mitteilt, tungsfahrzeug sieht. Neben ihr auf dem kalten Trottoir liegt ein Hund. dass irgendwo ein Hund ohne Herrchen herumlaufe. «Es kommt vor, Um sein rechtes Vorderbein ist ein Verband gewickelt, in dem eine Kadass ich beschimpft werde, wenn ich einen Hund zurückbringe», sagt nüle steckt. Pausenlos brausen Autos vorbei. sie. Und fügt hinzu: «Manche Halter finden, dass unser Einsatz nicht nötig gewesen wäre. Der Hund wäre schon von alleine zurückgekommen.» Ein Sheltie vor dem Strassenwischer Bei einem Besitzer in Oberglatt ZH, der seinen Hund immer wieder herDer schwarz-weisse Fellknäuel rührt sich nicht. Auch nicht, als Paumstreunen liess, klingelte Blum insgesamt viermal. Dreimal motzte der tricia Blum ihm eine Leine anlegt und einen Leckerbissen unter die NaBesitzer Patricia Blum an, als sie ihm seinen Hund zurückbrachte. Beim se hält. Nur die unverwandt auf die Retterin gerichteten Knopfaugen vierten Mal hatte er Tränen in den Augen. Der Hund war tot. verraten, dass der Sheltie noch am Leben ist. «Er muss völlig erschöpft Wenn der «TierRettungsDienst» wegen eines vermissten, verletzten sein», sagt Patricia Blum. Sie streichelt den Hund sanft, während sie ihn oder herumstreunenden Haustiers ausrückt, muss der Besitzer für die auf Verletzungen abtastet. Die wund gescheuerten Fussballen lassen Kosten aufkommen, die je nach Entfernung unterschiedlich hoch ausvermuten, dass der kaum 40 Zentimeter grosse Hund einen längeren fallen. Im Tierheim Pfötli werden die Neuankömmlinge in der QuaranFussmarsch hinter sich hat. täne-Station untergebracht, bis sie der Tierarzt untersucht hat. So will Er hatte Glück, als er Hauptstrassen überquerte, über die der Morman verhindern, dass sich gesunde Tiere mit Krankheiten anstecken. genverkehr und tonnenschwere Lastwagen hinweg bretterten. Bis er, Die meisten der 70 Katzen und 12 Hunde sind Findeltiere, die der «Tieram Ende seiner Kräfte, mitten auf dem Trottoir liegenblieb und nicht RettungsDienst» gebracht hat. Einige wurden verletzt aufgefunden, aneinmal mehr auswich, als ein Strassenwischer direkt auf ihn zufuhr. dere waren so abgemagert, dass sie im Pfötli erst einmal aufgepäppelt Menschen in dunklen Kostümen und Anzügen hasteten an ihm vorbei. werden mussten.

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BILD: ZVG

Gesund und munter: Dank Patricia Blum hat Sheltie Inuk seinen Ausreisser-Trip überlebt.

Blum bleibt vor einem etwa siebenjährigen Perserkater stehen. «Ivo nen, sind bei uns fehl am Platz. Tierretter müssen ausserdem stets auf ist sehr sanft und ruhig. Ich wünsche mir sehr, dass er ein neues ZuÜberraschungen gefasst sein. Diesen Frühsommer rückten die Fahrer hause findet.» Gefunden wurde das Langhaar-Büsi auf einem Hochpar94 Mal wegen Entenfamilien aus. «Die brüten an den unmöglichsten terre-Balkon, wo es tagelang nach Futter suchte. Ivos Verhalten deutet Orten», sagt Blum. «In geschlossenen Innenhöfen, wo sie nicht mehr darauf hin, dass er bis vor Kurzem ein Wohnungskater war. «Ausgerauskommen. In einer Blumenkiste auf dem Balkon eines 13-stöckigen setzt?» Blum zuckt mit den Schultern. «Wir können das höchstens vermuten.» Über das Beim Aussetzen beweisen Tierhalter Fantasie – plötzlich Vorleben vieler Tierheim-Schützlinge ist so gut schwimmen Goldfische im Dorfbrunnen. wie nichts bekannt. Blum streckt ihre Hand durch das Gitter und krault Ivo zwischen den Ohren. «Ein Chip bei Katzen würde unsere Arbeit enorm erleichtern.» Hochhauses.» In solchen Situationen benötigen sie menschliche Hilfe, Die Mitarbeiter registrieren jedes gefundene Tier bei der kantonalen um ans Wasser zu gelangen. Stockenten-Küken etwa sind erst im Alter Meldestelle für Findeltiere. Meldet sich zwei Monate lang niemand, von acht Wochen voll flugfähig. darf das Tier weitervermittelt werden. Das kommt oft vor. Patricia Blum schaut auf die Uhr, sie muss los. Eine Passantin hat ei«Manche Leute lassen sich etwas einfallen, wenn sie ihre Haustiere ne geschwächte Taube entdeckt. Blum bringt sie in die Mythenquai-Voloswerden wollen», sagt Blum lakonisch. Dann schwimmen in einem liere am Zürichsee. In der Voliere tastet Tierpfleger Marc Stähli die TauDorfbrunnen auf einmal Goldfische herum. Oder auf dem Baum neben be ab: «Sie ist mager, hat zu wenig Muskulatur und auch zu wenig Fettdem Schulhaus sitzt ein Wellensittich. Einmal stand in einem Garten in gewebe.» Der Vogel ist bereits ausgewachsen; an der gebogenen SchnaZürich-Affoltern plötzlich ein Schaf. Man fand nie heraus, wie es dortbelform erkennt Stähli jedoch, dass es sich um ein Jungtier handelt, das hin gelangt war. normalerweise noch von den Eltern gefüttert würde. «Wir päppeln es jetzt mit einer speziellen Körnermischung auf», erklärt der Tierpfleger. Wenn Enten auf dem Hochhaus brüten Aufpäppeln, das bedeutet: stündlich füttern. Heute bleibt Patricia Blum in der Mittagspause Zeit für ein SandEs ist 17 Uhr, Patricia Blum hat Feierabend. Zu Hause warten ihr wich. Das ist nicht immer so. Die Anzahl Einsätze nimmt von Jahr zu Hund Ela, vier verwilderte Katzen und ihre fünf Hühner auf sie. Heute Jahr zu: 2009 war der «TierRettungsDienst» 3011 Mal unterwegs, um erwird der Spaziergang mit Ela wieder doppelt so lange dauern wie geste Hilfe zu leisten, allein diesen Juli rückte er sogar 486 Mal aus. Ein wöhnlich. Denn es hat zu nieseln begonnen, und wie immer wird sie Rekord. Für die Stiftung engagieren sich 60 freiwillige Fahrerinnen und alle Regenwürmer, die sie auf der Strasse sieht, aufheben und behutFahrer. «Das braucht sehr viel Einfühlungsvermögen», sagt Blum. «Leusam auf einer Wiese absetzen. ■ te, die in Tiere vernarrt sind, aber mit Menschen nicht umgehen könSURPRISE 237/10

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BILD: ISTOCKPHOTO

Cyber-Mobbing Im Netz der Quälgeister Kinder und Jugendliche hänseln einander seit Generationen. Nun hat die Schikaniererei eine neue Dimension erreicht: den Cyberspace. Internet und Handy bieten beste Möglichkeiten, jemanden fertig zu machen. Die Jugendlichen wissen sie zu nutzen.

VON STEFAN MICHEL

Die Siebzehnjährige traut ihren Augen nicht. Auf der Videoplattform Youtube läuft eine Diashow, deren Hauptdarstellerin sie selbst ist. Zu Fotos von ihr erscheinen diffamierende Texteinblendungen: «Sie ist eine Schlampe», «Sie treibts mit jedem». Auch ihre angebliche Vorliebe für Oralsex kolportiert das Machwerk. Urheber kann nur einer sein: ihr Ex-Freund, mit dem sie vor Kurzem Schluss gemacht hat. Sie überwin-

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det sich, ruft ihn an und bittet ihn, das Hassvideo zu entfernen. Der verletzte Liebhaber will davon nichts wissen. Als sie die von der Pro Juventute betriebene Nummer 147 anruft, ist sie so aufgelöst, dass sie es kaum schafft, ihre Geschichte zu erzählen. Ihre grösste Sorge: Ihre strengen Eltern könnten das Video sehen. Sie will juristisch gegen ihren Ex-Freund vorgehen. Der Berater beruhigt sie und zeigt ihr als Erstes, wie sie auf Youtube den Beitrag als beleidigend kennzeichnen kann. Zusammen formulieren sie einen KommenSURPRISE 237/10


tar, in dem die Verunglimpfte für jeden ersichtlich erklärt, dass ihr ExFreund das Video aus Enttäuschung veröffentlich habe und sie damit aufs Tiefste verletze. Einen Tag später ist das Schmähfilmchen auf Youtube nicht mehr zu finden. Der Berater hört nichts mehr von ihr, was er als gutes Zeichen deutet.

Man kann nichts machen und die Angriffe gehen immer weiter», beschreibt er deren Gemütszustand. Dass man nichts dagegen tun kann, stimmt nicht ganz. Zwar sind die Verunglimpften technisch immer in der schlechteren Position. Digitale Spuren lassen sich leicht verwischen und es gibt genügend Server fernab des Zugriffs der Polizei, wo kein Löschbefehl etwas bewirkt. Gelingt es hingegen, die Urheber direkt anzusprechen, sei es durch den Lehrer in der Schule oder auch mal durch die Polizei, trauen sich viele doch nicht mehr, weiterzumachen. Manchmal können auch die Eltern weiterhelfen: Eine Jugendliche, die von ihrem Ex-Freund mit Nacktbildern fertiggemacht wurde, rief dessen Mutter an, zu der sie während der Beziehung ein gutes Verhältnis aufgebaut hatte. Diese sorgte dafür, dass der Junge die Bilder löschte.

Zehn Sekunden für eine jahrelanges Drama «Ich sage allen, was für ein schlechter Mensch du bist!» War diese Drohung vor dem Internetzeitalter noch schwer wahr zu machen, so bietet heute besonders das sogenannte Web 2.0, das auf die Beiträge der Besucher baut, ein effizientes Arsenal für den digitalen Psychokrieg. Soziale Netzwerke wie Facebook eignen sich auch, um über jemanden Lügen zu verbreiten oder das Objekt des Hasses auf den Bildschirmen seiner Freunde zu beschimpfen. Die Raffinierteren richten gleich eine neue ProfilGemeinheiten im Internet scheinen sanfter als Prügel – seite unter dem Namen der Person ein, die sie fertigmachen wollen. Wer dann ihren Namen doch sind sie schmerzhafter und langlebiger. eingibt, erhält als Resultat ein besonders unvorteilhaftes Bild von ihr oder auch eines eiDie Polizei setzt auf Prävention in den Schulen. Nur schon deshalb, ner Pornodarstellerin in Aktion und in jedem Fall vermeintliche Selbstweil oft keine Anzeige erstattet wird oder weil keine Straftat begangen bezichtigungen en masse. wurde. «Jemanden fertigzumachen, ist leider nicht unbedingt verboDas Schlimme daran: Einmal in den virtuellen Raum gestellt, lassen ten», erklärt Judith Hoedl, Sprecherin der Stadtpolizei Zürich, «aber wir sich Inhalte nie mehr einfangen. Auf einer Website gelöscht, tauchen empfehlen in jedem Fall, der Polizei Meldung zu machen. Wir prüfen sie an anderer Stelle wieder auf, weil jemand eine Kopie und genügend dann, ob Ehrverletzung, Drohung, Nötigung oder eine andere Straftat bösen Willen besitzt. Und selbst wenn keine Duplikate mehr kursieren, vorliegt.» Bis geklärt ist, ob Gesetze verletzt wurden und wer dafür verist man niemals sicher, dass sie nicht doch wieder in Umlauf gebracht antwortlich ist, geht das Opfer allerdings oft einen langen Leidensweg. werden. Besonders verletzend ist das bei Nacktbildern, die oft sogar mit der Der Bildschirm als Klowand Einwilligung des Opfers entstehen. «Zehn Sekunden, in denen ein MädDie Pro Juventute propagiert ein anderes Mittel gegen den Rufmord chen im Sturm der Verliebtheit schwach wird, und sich vom Freund im Internet: Medienkompetenz. Diese soll zum Schulfach werden. So nackt fotografieren lässt, können ein jahrelanges Drama mit sich brinlernen die Kinder einerseits, sich im Internet nicht in Gefahr zu bringen», weiss der Berater von der Pro Juventute, der seinen Namen nicht gen, etwa indem sie zu viel Privates preisgeben. Andererseits wird ihnennen darf – die Beratung ist anonym, an beiden Enden der Leitung. nen bewusst gemacht, welch schlimme Folgen ein kompromittierendes Ist die Jugendliebe geplatzt, werden die Bilder, einst ein gemeinsam Filmchen oder ein bewusst gestreutes Gerücht haben können. Denn am gehütetes Geheimnis, zur Waffe. Entweder indem sie der Junge – in Unrechtsbewusstsein der Täter fehlt es besonders. Verglichen mit einer diesen Fällen sind meist sie die Täter – sofort verbreitet oder indem er Tracht Prügel scheinen ein paar Gemeinheiten im Internet sogar die damit droht. War das Mädchen damals einverstanden, fotografiert zu sanftere Variante, jemandem eins auszuwischen. Tatsächlich sind sie werden, dann ist der Besitz der Bilder für den ebenfalls nicht volljährimindestens so schmerzhaft und vor allem sehr viel langlebiger. Zusätzgen Aktfotografen sogar legal. Erst wenn er sie weiterschickt oder auf lich zur Prävention in der Schule schlägt die Zürcher CVP-Nationalräeiner Website platziert, begeht er eine Straftat. Sie bloss auf seinem tin Barbara Schmid-Federer vor, einen eidgenössischen Mobbing- und Handy herumzuzeigen, ist zwar auch nicht erlaubt, aber fast nicht Cyber-Bullying-Beauftragten einzusetzen. nachzuweisen. Aus der Welt schaffen lässt sich das Übel Cyber-Mobbing nicht mehr. Fragt sich, womit es eher eingedämmt werden kann: Durch mögVom Rufmord zum Selbstmord lichst viel öffentliche Aufmerksamkeit, welche das Problembewusst«Cyber-Mobbing» oder «Cyber-Bullying» wird das Phänomen gesein stärkt, aber auch die Gefahr weiterer Nachahmer mit sich bringt. nannt, das seinen Erfolgszug auch als Medienthema fortsetzt. Die Oder mit möglichst stiller Aufklärungsarbeit, um den Hype abzukühSchätzungen, wie viele Jugendliche in Westeuropa Opfer davon werlen, womit jedoch der politische Wille schwinden könnte, Mittel für den, reichen von 15 bis 50 Prozent. In der Beratung der Pro Juventute Prävention und Schadensbegrenzung zur Verfügung zu stellen. melden sich im Schnitt mehrere Minderjährige pro Tag. Wer nicht spreSelten, aber doch ab und zu kommt es vor, dass ein Täter die Numchen will, kann in einem geschützten Chatroom oder per SMS Hilfe in mer 147 anruft. «Die wollen dann meistens wissen, welche rechtlichen Anspruch nehmen. «Noch vor wenigen Jahren war das Problem margiKonsequenzen ihr kleiner Racheakt oder Spass unter Gleichaltrigen nal. Heute gehört es zum Beratungsalltag», erklärt der Pro Juventutehat», erzählt der Berater. Was sie dem Opfer antun, ist ihnen egal oder Mitarbeiter ohne Namen. nicht bewusst. Hingegen sorgen sie sich um sich selbst. Mit dem StrafTechnisch gesehen besteht Cyber-Bullying darin, jemanden mit den recht kann der Mann am Telefon den Cyber-Mobbern nicht viel Angst Möglichkeiten der neuen Medien zu verleumden und herabzuwürdieinjagen. «Wir setzen auf Deeskalation und versuchen sie dazu zu begen. Die Definition klingt harmlos angesichts mehrerer Selbstmorde wegen, aufzuhören.» Doch hinter jedem bekehrten Quälgeist wartet von jungen Menschen in England und den USA, die monatelang am schon der nächste. Schon immer haben Jugendlich einander schikanInternet-Pranger gestanden hatten. In der Schweiz wurde noch kein iert – mit Sprüchen auf dem Pausenplatz, Zettelchen im Klassenzimmer solcher Fall bekannt, aber Urs Kiener, der bei der Pro Juventute für den und Schmierereien an Klowänden. Mit dem Internet wird jeder ComBeratungsdienst verantwortlich ist, weiss, dass im Schnitt pro Tag ein puterbildschirm zur Klowand. Und kaum entwächst eine Generation Kind anruft, das Suizid in Erwägung zieht. Mehrheitlich aus anderen dem pubertären Terror, entdeckt die nächste die Möglichkeiten des Gründen, aber das Cyber-Mobbing legt auch hier zu. «Wer Opfer einer Mobbings in der Anonymität des weltweiten Netzes. solchen Attacke wird, fühlt sich ausgeliefert und völlig ohnmächtig. ■ SURPRISE 237/10

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BILD: GUIDO SÜESS

Wörter von Pörtner Lang lebe John Lennon Das Internetradio hat viele Vorteile. Dank ihm habe ich eine schöne Sendung zu John Lennons siebzigstem Geburtstag gehört. Nachteil: Als ich sie hörte, lag das Ereignis schon Wochen zurück. Egal. Bald jährt sich auch Lennons Ermordung. Dreissig Jahre ist es her. Diese Jahrestage brachten mich ins Grübeln und ins Rechnen. Als John Lennon umgebracht wurde, war ich noch jung und er jünger als ich heute. Tamisiech. Ich gehöre zwar nicht zu jener, sich in meinem Bekanntenkreis mit fortschreitendem Alter beunruhigend vergrössernden Gruppe von Menschen, die nur noch Musik gut finden, die mindestens zwanzig Jahre alt ist oder von Musikern gespielt wird, deren Karriere sich in Vierteljahrhunderten messen lässt. Trotzdem, ich habe meine erste Beatlesplatte mit vier Jahren erhalten, damals gabs die

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Band noch (nicht, dass mir das bewusst gewesen wäre). Als ich in der Schule einmal einen Vortrag über die Beatles halten musste, konnte ich das ohne Vorbereitung. Es half natürlich, dass Lehrer und Mitschüler keine Ahnung hatten, ob die Geschichten, die ich auftischte, auch stimmten. Es gab ja noch keine Wikipedia. Lennons Musik begleitet mich also seit jungen Jahren. Auf dem alten, orangefarbenen Plastikplattenspieler ruinierte Alben stehen noch immer im Gestell, CDs sind dazugekommen, und die ganze Diskografie gelangte auf wundersame Weise auf meinen Computer. Es ist ein schönes Werk, das Lennon hinterlassen hat. Natürlich gefällt mir nicht alles, das wär ja noch. Was mir aber äusserst gut gefällt, ist, dass Lennon einfach ein paar Jahre zu Hause blieb und nichts veröffentlichte. Die Mitglieder der Beatles waren nicht irgendwelche Castingshow-Prominente, sondern die berümtesten Menschen des Planeten. Das ist kaum mehr vorstellbar. So berühmt zu sein. Ruhe zu geben. Zumal Lennon viel zu sagen hatte, mit seinen Aussagen regelrechte Kontroversen auslöste. Keine von der Marketingabteilung abgesegneten, moralisch und emotional ausgewogenen Allerweltsstatements, wie sie Prominenente zu den Themen abgeben, über die man in den Medien lieber gut recherchierte Beiträge lesen würde, wozu aber das Geld fehlt.

So tragisch es natürlich ist, wenn ein so talentierter, grosser Mann wie Lennon früh stirbt, so hat es natürlich auch etwas Gutes. Er kann seinem Werk zwar keine neuen Meisterwerke hinzufügen, aber auch keinen vollkommenen Schrott. Er verschont uns mit spirituellen Einsichten (den Indientrip hatte er bereits hinter sich) und peinlichen Reunion-Touren. Er macht nicht plötzlich Werbung für Louis Vuitton-Koffer. Noch spielt er sich von steuergünstigen Wohnsitzen aus als Weltenretter auf oder fliegt mit dem Privatjet zwecks Klimaschutzes um die Welt, wenn ihm musikalisch nichts mehr einfällt. Er brennt nicht mit Minderjährigen durch, er veröffentlicht keine Kinderbücher, er singt keine Duette mit Julio Iglesias. Vor allem: Er tritt nicht in Reality-TVShows auf. Kein «The Lennons» und keine Entziehungskuren à la «Celebrity Rehab» werden je sein Andenken trüben. Dafür bin ich sehr dankbar. Trotzdem hätte ich es ihm natürlich gegönnt, siebzig zu werden. In diesem Sinne ein verspätetes «Happy Birthday, John (War is over)». Bald.

STEPHAN PÖRTNER (STPOERTNER@LYCOS.COM) ILLUSTRATION: MILENA SCHÄRER (MILENA.SCHAERER@GMX.CH) SURPRISE 237/10


Ausstellung Schöne neue Digitalwelt Im Internet lässt sich Tag und Nacht facebooken, mailen und shoppen. Höchste Zeit, das Phänomen der zunehmenden Digitalisierung genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Ausstellung «Home – Willkommen im digitalen Leben» in Lenzburg macht es.

Der Jugend wird vieles zugetraut. Nicht zuletzt, dass sie es ganz okay findet, einer Beziehung per SMS den Rest zu geben. Glaubt man ersten Resultaten einer iPad-Besucherumfrage im Stapferhaus, dann ist die Chose aber ein Viertel so wild: Rund 25 Prozent der «Digital Natives» – sprich der nach 1980 geborenen, mit Computer, Internet und Handy Aufgewachsenen – findet dieses Vorgehen okay, bei den «Digital Immigrants», den über 30-Jährigen, sind es nicht viel weniger: 17 Prozent. Egal, was man davon hält: Fakt ist, dass die Schweiz längst und weiter zunehmend online und am Mobiltelefon agiert. Höchste Zeit, sich der fortschreitenden Digitalisierung anzunehmen. Fand auch das Stapferhaus in Lenzburg und hat die Ausstellung «Home – Willkommen im digitalen Leben» auf die Beine gestellt. Was nicht zuletzt Pius Knüsel, Direktor der Pro Helvetia, erfreut. Gegenüber der Presse liess er verlauten: «Alle neuen Medien erleiden erst eine Verteufelung, dann die Reife bis hin zu einem Kunstmedium.» Stimmt, sogar Sokrates wetterte einst gegen die Schrift, sei sie doch eine Erfindung, die den Lernenden bloss Vergessenheit einflösse. Anders als der griechische Philosoph will das Stapferhaus neue Erfindungen oder Entwicklungen nicht werten und schon gar nicht verdammen. Laut Co-Leiterin Sibylle Lichtensteiger gehe es vielmehr darum, eine Debatte über die Chancen und Gefahren der Digitalisierung zu lancieren. «Im digitalen wie im realen Leben kann man dasselbe machen, zum Beispiel diskutieren, shoppen oder Filme schauen.» Wo das aber alles noch hinführen wird, weiss auch Lichtensteiger nicht. Statt über Zukunftsszenarien zu spekulieren, hat es sich das Stapferhaus zur Aufgabe gemacht, eine sinnlich angerichtete Reise durchs digitale Leben von heute zu präsentieren. Angereichert mit ein paar Zwischenblicken in die Vergangenheit. Als Erstes darf der Besucher seine Schuhe ausziehen und wird mit einem Paar Socken SURPRISE 237/10

BILD: A. AFFENTRANGER

VON MICHAEL GASSER

An der Ausstellung im Stapferhaus gibts auch für «Digital Natives» noch was zu lernen.

ausgestattet – schliesslich betritt er ein «Home» mit Flauschteppich, ausladenden Sofas und einem (natürlich digital eingespielten) Kaminfeuer. Die Ausstellung entpuppt sich als geschmackvolle und gute Stube, eine mit Heimkino. Dort gibts sechs kurze Filmporträts von Menschen zu sehen, die ihre Seele einer digitalen Existenz verschrieben haben. Wie der 43jährige Familienvater Steve Bass, der das Online-Spiel «World of Warcraft» heiss liebt und meint: «Man könnte 24 Stunden dort leben.» Auch wenn die Filme sich jeglichen Urteils enthalten, entsteht ein Bild von Menschen, die sich dem realen Leben zumindest in Teilen entfremdet haben. Was Angehörige und (Ex-)Partner von dieser Entwicklung halten, kann «telefonisch» erfragt werden — ein Anruf auf eine vorgegebene Nummer und schon bekommt man eine aufgezeichnete Nachricht zu hören. Auf Touchscreens, die in ein Sideboard eingebaut wurden, lassen sich Werbefilme von einst abrufen: Statt von SMS sprach die 1995 noch PTT genannte Post etwa von «Natel-Messages». Der Spot richtete sich unverhohlen und

quasi ausschliesslich an Businessmenschen und versprach ihnen «ein privilegiertes Kommunikationsmittel». «Home – Willkommen im digitalen Leben» hat, verteilt auf mehrere Stockwerke, massenweise Informationen und Zahlenmaterial zusammengetragen. Ein Raum widmet sich in 24 Bildern der fortlaufenden Digitalisierung, listet auf, dass bereits 2,25 Millionen Schweizerinnen und Schweizer einen Facebook-Account und durchschnittlich 130 «Freunde» haben oder dass das von Brockhaus gesammelte Wissen 30 Bücher füllt – für jenes von Wikipedia hingegen müssten es bereits 416 Bände sein. Die Ausstellung ist ein wenig wie das Internet: Allein schon die Fülle droht zu erschlagen. Wie im Web gilt es also, sich seine Interessen gezielt rauszupicken. Es lohnt sich. Selbst eingefleischte Digitaluser können noch das eine oder andere dazulernen. ■ «Home – Willkommen im digitalen Leben», Ausstellung, bis 27. November 2011 im Stapferhaus, Lenzburg. www.stapferhaus.ch

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Nein, diese drei Herren sind keine

BILD: ZVG

BILD: ZVG

Kulturtipps

Kochen als Spiegel der Persönlichkeit: «Still Walking».

Detektive, sondern Physiker.

Buch Liebe und Erdbeerjoghurt Alles ist Physik und … Physik ist sexy! Wer jetzt die Nase rümpft, der ist reif für die Science Busters, die schärfste Boygroup der Milchstrasse.

DVD Die Yokoyamas aus Yokohama In seiner Hymne an das menschliche Dasein liefert der Regisseur Kore-eda Einblicke in die Töpfe einer typischen japanischen Familie. VON CHRISTINE A. BLOCH

VON CHRISTOPHER ZIMMER

«Ein sehr dicker Experimentalphysiker, ein dicker Kabarettist und ein alter Professor für Theoretische Physik» – so beschreiben sich die Science Busters selbst. Mit ihrem Programm, in dem sie Wissen und Witz kongenial vereinen, sind sie in Österreich längst zu Stars in Radio, TV und auf der Bühne geworden. Wer sie noch nicht live erlebt hat, kann nun in ihrem ersten Buch eine geballte Ladung Physik abbekommen, die nicht nur frischen Wind durchs verstaubte Oberstübchen bläst, sondern auch ordentlich den Lachmuskel strapaziert. Doch halt! Wie soll das gehen? Physik, die Spass macht? Dieses Fach, an das sich die meisten nur als trockene, ätzende Qualveranstaltung aus dem leidvollen Schulalltag erinnern? Nun, wers nicht glaubt, der mache doch die Probe aufs Exempel. Der klappe dieses Buch auf, fange an zu lesen – und wird alsbald verwundert feststellen, dass die Zeit wie im Fluge vergeht. Dabei klimpern die Autoren wahrhaftig nicht mit kleiner Münze. Nicht weniger als erstens Universum, Materie, Leben und Gehirn sowie zweitens Glaube, Liebe, Hoffnung und Tod werden da verhandelt. Und da passt allerlei hinein, was man wohl kaum jemals so zusammengedacht hat: Alkohol im Universum, Liebe und Erdbeerjoghurt, Sex im Weltall, homöopathisches Komasaufen, das beste Schweinebraten-Rezept als Ouvertüre zum Mysterium dunkle Materie … Die Fülle der Themen ist schier unerschöpflich. Da wird gefragt, ob Beten tödlich sein kann oder ob Lichtfasten mit Energiesparlampen besonders kalorienbewusst ist. Anschaulich wird das Déjà-vu erklärt, und Conan, the bacterium, hat einen starken Auftritt als Festplatte und Stammvater unserer Spezies. Das ist mitunter recht anspruchsvoll, doch muss man bei Wissenslücken nicht gleich verzagen. Infokästen, aberwitzige Experimente und viel Humor helfen einem locker über alle Hürden hinweg. Keine Freude haben werden Orthodoxe, Astrologinnen oder Homöopathen, denn die drei Herren nehmen kein Blatt vor den Mund und lassen nichts gelten, was nicht nachweisbar ist. Umso mehr Gewinn aber winkt allen, die bereit sind, sich beweisen zu lassen, dass Physik ein lustvolles Abenteuer sein kann.

Schwarze Leinwand – hörbar ist nur das Geräusch von Gemüserüstern, etwas später kommen zwei weibliche Stimmen dazu, die über die verschiedenen Zubereitungsarten von japanischem Bierrettich fachsimpeln. Das Dunkel geht in eine Grossaufnahme einer älteren Frauenhand über, die mit einem Messer in präzisen, schnellen Bewegungen die Schale einer Karotte abkratzt. Dann verschiebt die Kamera ihren Fokus auf ein zweites Paar Hände, die langsam einen Sparschäler entlang eines riesigen Radieschens gleiten lassen. Die Handpaare bewegen sich in entgegengesetzter Richtung, auch der farbliche Kontrast zwischen dem Orange und dem Weiss der Wurzeln sticht ins Auge: Zwei Frauen schälen Gemüse, aber jede auf ihre ganz eigene Art und Weise. In den ersten 30 Sekunden und mit nur einer Einstellung sind bereits alle Schlüsselelemente von «Still Walking» angelegt. Die vielschichtigen Gegensätze der ersten Aufnahme stehen sinnbildlich für die Gewohnheiten und verschiedenen Konflikte der Familie Yokoyama, die Regisseur Hirokazu Kore-eda dem Zuschauer in sorgfältig komponierten Bildern vor Augen führt. Um dem Unfalltod des ältesten Sohnes und Bruders zu gedenken, versammeln sich Eltern und Geschwister jeden Sommer im Haus der Familie in Yokohama. Besonders Ryota, dem Zweitgeborenen, fallen diese jährlichen Treffen schwer. Seit eh und je steht er im Schatten seines verstorbenen Bruders und Lieblingskindes des eigenwilligen Vaters. Auch seine etwas ausgeflippte Schwester Chinami, die mit ihrem Mann und den beiden Kindern angereist ist, begeistert die Familienrunde heuer nur mässig: Die Eltern möchten, dass sie zu ihnen ins Haus zieht und es später übernimmt. Im Zentrum der Yokoyama-Sippe steht die herzensgute, und bisweilen überraschend sarkastische, Mutter Toshiko, welche vorzugsweise in der Küche werkelt und ihre Liebsten leidenschaftlich bekocht. Die Küche ist ein privilegierter Ort und das gemeinsame Tafeln ist der einzige Moment, in dem alle Familienmitglieder aufeinandertreffen. Beim Essen spürt man die Konflikte, die unterschwellig brutzeln wie die Maiskörner im heissen Fett. Regisseur Kore-eda geht feinfühlig den Gemütslagen seiner Protagonisten nach und zeichnet in «Still Walking» ein treffendes Porträt einer Familie in ihrer ganzen Komplexität.

Werner Gruber, Heinz Oberhummer, Martin Puntigam: Wer nichts weiss, muss alles

«Still Walking» (2008). Japanisch mit deutschen und französischen Untertiteln.

glauben. Ecowin 2010. Fr. 33.50.

Bestellung und weitere Infos: http://www.trigon-film.org/de/movies/Still_Walking

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BILD: ZVG

Die 25 positiven Firmen Diese Rubrik ruft Firmen und Institutionen auf, soziale Verantwortung zu übernehmen. Einige haben dies schon getan, indem sie dem Strassenmagazin Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Damit helfen sie, Menschen in prekären Lebensumständen eine Arbeitsmöglichkeit zu geben und sie auf ihrem Weg zur Eigenständigkeit zu begleiten. Gehört Ihr Betrieb auch dazu? Die Spielregeln sind einfach: 25 Firmen werden jeweils aufgelistet, sind es mehr, fällt jener Betrieb heraus, der am längsten dabei ist.

Auf den Spuren von Peter Kraus: Darmstaedter (l.) und Begemann.

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Thommen ASIC-Design, Zürich

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Coop Genossenschaft, Basel

Musik Ausgrabungen der Adenauer-Ära

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AnyWeb AG, Zürich

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Velo-Oase Bestgen, Baar

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Schweizerisches Tropen- und Public Health-

Deutscher Rock’n’Roll schrammte schon in seinen Anfängen der Peinlichkeitsgrenze entlang und darüber hinaus. Wenn sich aber die Indie-Recken Begemann und Darmstaedter über das kultige Liedgut hermachen, macht das richtig Spass.

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Niederer, Kraft & Frey, Zürich

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Stoll Immobilientreuhand AG, Winterthur

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Kaiser Software GmbH, Bern

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Responsability Social Investments AG, Zürich

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chefs on fire GmbH, Basel

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Ingenieurbüro BEVBE, Bonstetten

Institut, Basel

VON THOMAS OEHLER

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Gemeinnütziger Frauenverein Nidau

«Wir erfüllen unseren Soll bei Rock’n’Roll!» Schon dieser Refrain zeigt: Spiessigkeit und jugendliches Aufbegehren geben sich in den Songs eines Peter Kraus, eines Freddy Quinn und einer Conny Froboess die Hand. Vor 50 Jahren versuchten sie, in der Bundesrepublik Deutschland auf den aus den USA heranbrausenden Rock’n’Roll-Train aufzuspringen. Angesichts der textlichen Verschämtheit und musikalischen Unbeholfenheit lässt sich über diese Versuche aus heutiger Sicht bestenfalls schmunzeln. Oder man hält es mit der Pop-Geschichte – und vergisst sie. Licht aus. Licht an: Auftritt Dirk Darmstaedter und Bernd Begemann. Beide sind keine unbeschriebenen Blätter im deutschen Rock- und PopBusiness. Dirk Darmstaedter erwärmte einst als Sänger der Jeremy Days mit «Brand New Toy» die Herzen frisch verliebter Jungs. Bernd Begemann hat Ende der 80er-Jahre mit seiner Band Die Antwort die Hamburger Schule (Blumfeld, Tocotronic, Die Sterne usw.) vorweggenommen und gilt bis heute als einer der bekanntesten Unbekannten. Als Duo gruben sich die beiden durch Flohmärkte, Keller und Estriche und stiessen auf vergilbte Vinylsingles mit alten deutschen Rock’n’RollStücken, die sie vom Staub aus Adenauers Zeiten befreiten und kurzerhand neu einspielten. Das Resultat ist eine CD mit Songtiteln wie «Warenhaus Rock» oder «Susi sagt es Gaby» und lässt sich schmerzfrei hören, mehr noch: Es macht richtig Spass! Man lausche nur einmal dem spritzigen Zwiegesang der beiden auf dem Titelstück der CD «So geht das jede Nacht» oder Begemanns stimmlichem Tanz zwischen Reibeisen und verrücktem Professor bei «Sputnik Rock». Die Begleit-Band übrigens – alles gestandene Haudegen deutscher Rockmusik – weiss in sämtlichen Rock’n’Roll-Standards bestens Bescheid und zeigt relaxte Virtuosität. Etwas zu relaxt, könnte man sagen, denn insgesamt wirkt die instrumentale Begleitung etwas glatt. Und da vermisst man dasselbe, woran es schon den Originalversionen mangelte: Dreck unter den Fingernägeln. Doch trotz Glätte und auch trotz – oder gerade wegen – aller textlichen Peinlichkeit: «So geht das jede Nacht» erregt beim Hören garantiert den dringlichen Wunsch, mit dem Fuss zu wippen und die Mundwinkel hochzuschieben. Mindestens.

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VXL gestaltung und werbung ag, Binningen

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Scherrer & Partner GmbH, Basel

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TYDAC AG, Bern

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KIBAG Strassen- und Tiefbau

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OTTO’S AG, Sursee

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Klinik Sonnenhalde AG, Riehen

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Canoo Engineering AG, Basel

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Lehner + Tomaselli AG, Zunzgen

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fast4meter, storytelling, Bern

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Brother (Schweiz) AG, Baden

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Druckerei Hürzeler AG, Regensdorf

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IBZ Industrie AG, Adliswil

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Zeix AG, Zürich

Dirk Darmstaedter & Bernd Begemann, «So geht das jede Nacht» (Tapete/Irascible).

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Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden? Mit einer Spende von mindestens 500 Franken sind Sie dabei! PC-Konto: 12-551455-3, Verein Strassenmagazin Surprise, 4051 Basel Zahlungszweck: Positive Firma + Ihr gewünschter Eintrag. Wir schicken Ihnen eine Bestätigung.

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BILD: ISTOCKPHOTO

BILD: GUY KOKKEN

Ausgehtipps

Die unappetitliche Form eines Pilzes: Schimmel.

Songwriter mit knackigem Knarzen: Steve Wynn.

Basel Weder Tier noch Pflanze

Zürich Rock ohne Mätzchen

An den Füssen und am Duschvorhang sind sie ekelerregend und verhasst. An Bäumen staunen wir über ihre Form und Grösse, im Risotto, an der Bratensauce oder als Beilage zum Raclette wollen wir nicht auf sie verzichten. Pilze begleiten uns durchs Leben und trotzdem sind uns diese Dinger, die weder Tier noch Pflanze sind, erschreckend unbekannt. Gelegenheit zur Aufklärung bietet die Ausstellung im Naturhistorischen Museum: Präparate und Modelle von rund hundert Pilzen zeigen die Vielfalt dieser «Schirmchen-Gewächse», dazu kommt Kulturgeschichtliches, denn die Pilze spielen seit Jahrhunderten eine wichtige Rolle in unserer Gesellschaft – sei es als Giftmittel, als bewusstseinserweiternde Substanz oder als schier unbezahlbare Delikatesse. (juk)

Männer in mittleren Jahren, die meinen, rocken zu müssen, sind meist langweilig, peinlich oder beides. Nicht so Steve Wynn. Seit bald 30 Jahren spielt der uneitle Amerikaner Rock ohne Mätzchen. Mit Dream Syndicate gehörte er in den Achtzigern zu den Begründern des US-IndieRocks. Doch während die Weggefährten und Bewunderer von R.E.M. zum Stadion-Act mutierten, blieb Wynns Band genauso ein Geheimtipp wie seine späteren Soloalben. Doch davon unbeirrt, präsentiert sich der 50-Jährige immer wieder als Songwriter, der Eingängigkeit mit Tiefe verbindet wie nur wenige. Gerade ist das dritte Album mit seiner Teilzeit-Begleitband The Miracle 3 erschienen. Die Live-Umsetzung der knackig-knarzenden Lieder gibts in Zürich. (ash)

«Pilze», Ausstellung, noch bis zum 1. Mai 2011, Naturhistorisches Museum, Basel.

Steve Wynn & The Miracle 3, Konzert, 11. November, 20.20. Uhr, El Lokal, Zürich.

natürlich spielen 26

In Ihrem Spielwarengeschäft erhältlich.

Atelier KE

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SURPRISE 237/10


BILD: RICHARD FÖHR

BILD: ZVG

Singt und diskutiert in Basel: Konstantin Wecker.

Hinterm Zaun wartet der Spuk: Emily Jane White.

Bern Eine Songwriterin im Nebel von Kalifornien Die Songwriterin Emily Jane White stammt von der US-Westküste. Allerdings nicht aus einer der stets sonnigen Gegenden Kaliforniens. Sondern aus einem nebligen, abgelegenen Dorf an der Küste. Und so erinnern ihre Songs über-

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haupt nicht an die entspannten, lichtdurchfluteten Klänge, die den typischen WestcoastSound ausmachen. Whites Einflüsse bilden Folk aus den Untiefen der Geschichte, irritierender Kunstpop à la Kate Bush und die spukhaften Geschichten einer PJ Harvey. Seit ihrem Debüt 2007 hat White insbesondere in Europa eine treue Fangemeinde aufgebaut. Die wird auf dem pressfrischen Album «Ode To Sentience» erneut mit fragilen Pop-Songs und mystischen Balladen verwöhnt. Ein einziges Konzert gibt es diesmal in der Schweiz – perfekte Abendunterhaltung nach einem Herbsttag unter der Nebeldecke. (ash) Emily Jane White, Konzert, 11. November, 20.30 Uhr, ISC, Bern.

Basel Sünder trifft Priester Konstantin Wecker tourt dieser Tage mit seinem Programm «Leben im Leben» durch die Schweiz. Und so kraftvoll er seine Lieder nach überstandenen Abstürzen singt – der Auftritt ohne Musik in Basel dürfte etwas Besonderes werden. Das «Ausbildungsinstitut perspectiva» organisiert am 13. und 14. November den Kongress «Zuvilisation», der Impulse für eine bewusste Lebensgestaltung in einer Zeit des Überflusses und der Beschleunigung geben will. Dabei trifft sich Wecker zur Diskussion mit Eugen Drewermann. Der streitbare Theologe wurde vom Priesteramt suspendiert, weil er nicht von seiner Kritik an den Kirchenoberen lassen wollte. Seither ist er ein gefragter Redner und Autor. 2007 erhielten er und Wecker gemeinsam den Erich-Fromm-Preis für ihr friedenspolitisches Engagement. Ein abgesetzter Priester im Gespräch mit einem geläuterten Sünder – das könnte spannend werden. (ash) Konstantin Wecker und Eugen Drewermann im Gespräch, 14. November, 14 Uhr, perspectiva Kongress, Congress Center, Basel. www.perspectiva.ch, Konzerttermine: www.wecker.de

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Verkäuferporträt «Dieses Jahr ist der 24. Dezember an einem Freitag» Thomas Iberg (56) ist ein vielseitiger Mann. Wenn er nicht am Breitenrainplatz in Bern Surprise verkauft, geht er manchmal im Kirchgemeindehaus «orgele» und hie und da besucht er eine Vorlesung an der Uni.

«Aufgewachsen bin ich in Thun. Mit meinen Eltern und meinem Bruder habe ich in der Länggasse draussen gewohnt, später sind wir nach Thierachern gezogen. Heute wohne ich in einer betreuten Pension im Berner Breitenrainquartier. Dort habe ich Vollpension, mein Zimmer wird regelmässig geputzt und die Wäsche gewaschen. Im gleichen Quartier verkaufe ich auch Surprise. Ich stehe jeweils wie ein ‹Ängeli› vor der Migros am Breitenrainplatz, damit sie zufrieden sind mit mir und ich weiterhin dort verkaufen darf. Ich glaube, im nächsten Jahr wird diese Migros umgebaut. Hoffentlich darf ich dann vor dem Provisorium ebenfalls verkaufen. Surprise verkaufe ich seit Januar 2004. Zuvor habe ich in der psychiatrischen Klinik in Münsingen gewohnt und gearbeitet. Wenn ich etwas lernen konnte, hat mir die Arbeit nicht gestunken. Ich war froh, als sie mich dann einmal an eine Maschine liessen. Ich durfte Sachen aussägen. Und ich lernte auch korben und konnte mit der Zeit ganze Körbe herstellen. Dort in Münsingen gab es immer genügend zu essen. Das ist mir wichtig, denn ich esse gerne und gerne viel. Ich möchte noch zunehmen, aber die Leute sagen mir eben auch, das sei gar nicht so gesund. Mein früherer Vormund hat mich ab und zu besucht, dann haben wir im Coop-Restaurant zu Mittag gegessen. Ich bestelle dort meistens einen grossen Teller Pommes frites. Ich habe schon bald Geburtstag, deshalb habe ich auch bereits einen Termin mit meiner neuen Vormundin. Ich hoffe, wir gehen dann zusammen essen. Manchmal bin ich auch in Thun bei unseren ehemaligen Nachbarn zum Essen eingeladen. Ich habe das Generalabonnement, so kann ich jederzeit in den Zug einsteigen, ohne ein Billett zu lösen. Wenn ich nicht Surprise verkaufe, gehe ich öfter Orgel spielen. In Bern darf ich in zwei Kirchgemeindehäusern ‹orgele›. Musik machen, das macht mir Freude. Ich habe an Kindergottesdiensten auch schon auf der grossen Orgel in der Kirche spielen dürfen. Mein Vater hat früher Klavier und Handorgel gespielt. Deswegen kann ich Orgel und auch ein bisschen Handorgel spielen. Ich weiss nur nicht genau, wann ziehen und wann stossen bei der Handorgel. Das sollte mir wieder einmal jemand zeigen. Unter der Woche gehe ich manchmal an die Uni. Dann besuche ich im Hauptgebäude in der Berner Länggasse eine Vorlesung. Am liebsten gehe ich dorthin, wo ein Professor darüber erzählt, was ein Vermieter ‹heuschen› kann oder wo günstig eine Garage zu mieten ist. Das ist ein sehr netter Professor. Ich möchte eigentlich auch gerne Professor werden. Ich möchte eben gerne alles können. Und ich will auch noch alles lernen, dann kann ich vielleicht einmal Direktor werden. Aber eigentlich gibt es niemanden, der alles kann. Trotzdem, es ist gut, wenn man vielseitig ist.

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BILD: ZVG

VON ISABEL MOSIMANN

Wenn ich im Länggass-Quartier unterwegs bin, gehe ich oft in die Secondhand-Läden. Dort schaue ich gerne in die Kisten mit den GratisSachen. Die Krawatte, die ich manchmal trage, habe ich von dort. Den Krawattenknopf habe ich selber gemacht. Weil ich schon lange keinen mehr gemacht habe, musste ich zuerst ein bisschen üben. Es gibt ja verschiedene Knöpfe. Aber der, den ich gestern gemacht habe, ist mir wirklich gut gelungen, das muss ich sagen. Zahlen und Daten kann ich mir speziell gut merken. Ich weiss zum Beispiel schon lange, dass ich dieses Jahr an einem Sonntag Geburtstag habe. Und ich schaue frühzeitig im Kalender nach, an welchem Tag der 24. Dezember ist, wegen des Verkaufens. Dieses Jahr ist er an einem Freitag. Und ich habe mir auch schon gemerkt, dass ich das Surprise-Weihnachtsheft am 17. Dezember im Büro abholen kann.» ■ SURPRISE 237/10


Eine Chance für alle! Werden Sie Surprise-Götti oder -Gotte ber. Das verdient Respekt und Unterstützung. Regelmässige Verkaufende werden von Surprise-Sozialarbeiterinnen betreut, individuell begleitet und gezielt gefördert. Dazu gehört auch, dass sie von Surprise nach bestandener Probezeit einen ordentlichen Arbeitsvertrag erhalten. Mit der festen Anstellung übernehmen die Surprise-Verkaufenden mehr Verantwortung; eine wesentliche Voraussetzung dafür, wieder fit für die Welt und den Arbeitsmarkt zu werden.

Starverkäufer BILD: ZVG

Surprise kümmert sich um Menschen, die weniger Glück im Leben hatten als andere. Menschen, die sich aber wieder aufgerappelt haben und ihr Leben in die eigenen Hände nehmen wollen. Mit dem Verkauf des Strassenmagazins Surprise überwinden sie ihre soziale Isolation. Ihr Alltag bekommt Struktur und wieder einen Sinn. Sie gewinnen neue Selbstachtung und erarbeiten sich aus eigener Kraft einen kleinen Verdienst. Die Surprise-Strassenverkäuferinnen und -verkäufer helfen sich sel-

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Moritz Mani macht nicht viele Worte, sondern nominiert kurz und knapp Urs Habegger als Starverkäufer: «Selten habe einen so ausdauernden, immer freundlichen und korrekten Zeitungsverkäufer gesehen. Gerne würde ich deshalb Herrn Urs Habegger, der Surprise in Rapperswil anbietet, als Starverkäufer nominieren.» René Senn Zürich

Andreas Ammann Bern

Bob E. Koulekpato Basel

Fatima Keranovic Baselland

Ausserdem im Förderprogramm SurPlus: Tatjana Georgievska, Basel Peter Hässig, Basel Fatima Keranovic, Baselland René Senn, Zürich Jovanka Rogger, Zürich Wolfgang Kreibich, Basel

Marika Jonuzi, Basel Bob Ekoevi Koulekpato, Basel Peter Gamma, Basel Anja Uehlinger, Baden Jera Veraguth, Zürich

Nominieren Sie Ihren Starverkäufer! Schreiben Sie uns mit einer kurzen Begründung, welchen Verkäufer Sie an dieser Stelle sehen möchten: Strassenmagazin Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41+61 564 90 99, redaktion@strassenmagazin.ch

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Surprise ist: Hilfe zur Selbsthilfe Surprise hilft seit 1997 Menschen in sozialen Schwierigkeiten. Mit Programmen in den Bereichen Beschäftigung, Sport und Kultur fördert Surprise die soziale Selbständigkeit. Surprise hilft bei der Integration in den Arbeitsmarkt, bei der Klärung der Wohnsituation, bei den ersten Schritten raus aus der Schuldenfalle und entlastet so die Schweizer Sozialwerke.

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Herausgeber Strassenmagazin Surprise GmbH, Postfach, 4003 Basel, www.strassenmagazin.ch Geschäftsführung T +41 61 564 90 63 Fred Lauener, Agnes Weidkuhn (Assistenz GF) Öffnungszeiten Sekretariat Mo–Do 9–12 Uhr, T +41 61 564 90 90, F +41 61 564 90 99 info@strassenmagazin.ch Redaktion T +41 61 564 90 70 Reto Aschwanden (verantwortlich), Julia Konstantinidis, Mena Kost, Thomas Oehler (Sekretariat) redaktion@strassenmagazin.ch Freie Mitarbeit Christina A. Bloch, Annette Boutellier, Manuela Donati, Michael Gasser, Miriam Künzli, Yvonne Kunz, Stefan Michel, Isabel Mosimann, Thomas Oehler, Stephan Pörtner, Milena Schärer, Isabella Seemann, Udo Theiss, Priska Wenger, Christopher Zimmer, Nicole Zurbuchen Korrektorat Alexander Jungo Gestaltung WOMM Werbeagentur AG, Basel Druck AVD Goldach Auflage 29 400, Abonnemente CHF 189.–, 24 Ex./Jahr Anzeigenverkauf T +41 76 325 10 60 anzeigen@strassenmagazin.ch

Sport und Kultur Surprise fördert die Integration auch mit Sport. In der Surprise Strassenfussball-Liga trainieren und spielen Teams aus der ganzen deutschen Schweiz regelmässig Fussball und kämpfen um den Schweizermeister-Titel sowie um die Teilnahme an den Weltmeisterschaften für sozial benachteiligte Menschen. Seit 2009 hat Surprise einen eigenen Chor. Gemeinsames Singen und öffentliche Auftritte ermöglichen Kontakte, Glücksmomente und Erfolgserlebnisse für Menschen, denen der gesellschaftliche Anschluss sonst erschwert ist. Finanzierung, Organisation und internationale Vernetzung Surprise ist unabhängig und erhält keine staatlichen Gelder. Das Strassenmagazin wird mit dem Erlös aus dem Heftverkauf und mit Inseraten finanziert. Für alle anderen Angebote wie die Betreuung der Verkaufenden, die Sportund Kulturprogramme ist Surprise auf Spenden, auf Sponsoren und Zuwendungen von Stiftungen angewiesen. Surprise ist eine nicht gewinnorientierte soziale Institution. Die Geschäfte werden von der Strassenmagazin Surprise GmbH geführt, die vom gemeinnützigen Verein Strassenmagazin Surprise kontrolliert wird. Surprise ist führendes Mitglied des Internationalen Netzwerkes der Strassenzeitungen (INSP) mit Sitz in Glasgow, Schottland. Derzeit gehören dem Verband über 100 Strassenzeitungen in 40 Ländern an.

Marketing T +41 61 564 90 61 Theres Burgdorfer Vertrieb T +41 61 564 90 81 Smadah Lévy (Leitung) Vertrieb Zürich T +41 44 242 72 11 Reto Bommer, Engelstrasse 64, 8004 Zürich, Mobile +41 79 636 46 12 r.bommer@strassenmagazin.ch Vertrieb Bern T +41 31 332 53 93 Alfred Maurer, Pappelweg 21, 3013 Bern, Mobile +41 79 389 78 02 a.maurer@strassenmagazin.ch Betreuung und Förderung T +41 61 564 90 51 Rita Erni Chor/Kultur T +41 61 564 90 40 Paloma Selma Strassensport T +41 61 564 90 10 Lavinia Biert Trägerverein Strassenmagazin Surprise Präsident: Peter Aebersold Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise oder in Ausschnitten, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird von der Redaktion und dem Verlag jede Haftung abgelehnt. Surprise behält sich vor, an Verkaufende gerichtete Postsendungen zu öffnen. Barspenden an namentlich bezeichnete Verkaufende können nur bis zu einem Betrag von CHF 100.– weitergeleitet werden. Darüber hinausgehende Beträge sollen – im Einverständnis mit der Spenderin oder dem Spender – allen Verkaufenden zugute kommen. SURPRISE 237/10


Gut betucht.

Dazu passend: Leichtes T-Shirt, 100%Baumwolle, für Gross und Klein.

Grosses Badetuch 100 x 180 cm aus sehr langlebigem Zwirngarn, 100% handgepflückte Baumwolle. Mit Surprise-Logo eingewebt und von A bis Z in der Schweiz hergestellt. Vorder- und Rückseite verschiedenfarbig: vorne kühles Aquablau, hinten heisses Rot.

Herren CHF 25.– S M

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Damen CHF 25.– M CHF 20.– XS S (auch für Kinder) Alle Preise exkl. Versandkosten.

Badetuch (100 x 180 cm) CHF 65.–

50 Prozent des Verkaufspreises kommt Surprise zugute.

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Surprise City-Taschen (24,5 x 35,5 cm); CHF 40.– rot blau schwarz

Vorname, Name

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Strasse

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Surprise Rucksäcke (32 x 40 cm); CHF 89.– schwarz rot

237/10 Seite bitte heraustrennen und schicken oder faxen an: Strassenmagazin Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@strassenmagazin.ch

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*gemäss MACH Basic 2010-1.

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