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Mehrsprachigkeit: Nicht nur im Studium, auch in der Schule!

Viele Studierende haben mehrere Sprachen in der Schule gelernt, trotzdem nehmen sie sich nicht als mehrsprachig wahr. Um das zu ändern, haben die Autorinnen Unterrichtskonzepte für die Mehrsprachigkeit erarbeitet.

Von SABINE GRASZ, ANTA KURSIŠA

Individuelle und auch gesellschaftliche Mehrsprachigkeit spielen nicht nur in der Forschung in verschiedenen Disziplinen, sondern auch im Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GeR) eine zentrale Rolle. Die dort proklamierte Wertschätzung von Mehrsprachigkeit und die Berücksichtigung des mehrsprachigen Repertoires der Lernenden haben heute Einzug in die nationalen Lehrpläne vieler Länder genommen. Die finnischen Rahmenlehrpläne für die Gemeinschaftsschule (POPS 2014) und die gymnasiale Oberstufe (LOPS 2019) erwähnen an vielen Stellen Mehrsprachigkeit und die eng damit verbundene Sprachbewusstheit. In POPS 2014 ist zu lesen:

Tavoitteena on ohjata oppilaita arvostamaan eri kieliä ja kulttuureja sekä edistää kaksi- ja monikielisyyttä ja siten vahvistaa oppilaiden kielellistä tietoisuutta ja metalingvistisiä taitoja.

Ähnlich formuliert LOPS 2019:

Lukion kieltenopetuksessa kehitetään opiskelijan monikielistä kompetenssia […]. Kielikasvatus vahvistaa opiskelijan kielitietoisuutta ja eri kielten rinnakkaista käyttöä, monilukutaidon kehittymistä sekä taitoja toimia eri kieliyhteisöissä.

Eigene Mehrsprachigkeit verstehen

Wir unterrichten Germanistik-Studierende an Universitäten in Finnland und Schweden und merken, dass viele unserer Studierenden, die während ihrer Schulbildung in Finnland mindestens vier Sprachen gelernt haben, sich selbst nicht als mehrsprachig wahrnehmen. Um das zu ändern, haben wir Unterrichtskonzepte für die Mehrsprachigkeit erarbeitet. In unseren Kursen lernen die Studierenden nicht nur aktuelle Forschung kennen, sondern reflektieren fortlaufend die eigene Mehrsprachigkeit und probieren mehrsprachige Kommunikationssituationen aus. Diese Aktivitäten sind auch passend für den Sprachenunterricht in der gymnasialen Oberstufe.

Obwohl in Finnland und Schweden die große Mehrheit der Universitätsstudierenden der Germanistik zumindest zwei – sehr häufig auch mehr – Fremdsprachen gelernt haben, bevor sie an die Universität kommen, begreifen sich viele nicht als mehrsprachig. Das merken wir immer wieder, wenn wir zu Beginn unserer Kurse Studierende fragen, ob sie sich als mehrsprachig bezeichnen würden. Aus den drei möglichen Antworten wird oft „nein”, immer wieder „nicht sicher” und seltener „ja” gewählt. Die anschließenden Begründungen der gewählten Antwort zeigen, dass Lernende sich nicht sicher sind, ob sie sich als mehrsprachig bezeichnen dürfen. In der Diskussion liegt der Fokus oft auf Sprachkompetenz: Erst wenn man über ein bestimmtes (hohes) Niveau in mehreren Fremdsprachen verfügt, nimmt man sich selbst als mehrsprachig wahr. Diese Ansicht hält sich noch sehr hartnäckig, auch wenn mittlerweile geklärt ist, dass viele andere Aspekte Mehrsprachigkeit und mehrsprachige Kompetenz ausmachen.

Aktivitäten zur Reflexion

Eine hervorragende Aktivität, um den Blick auf die Mehrsprachigkeit zu erweitern, ist die Anfertigung von Sprachenporträts (nach Hans-Jürgen Krumm). Damit zeigt man das gesamte Sprachenrepertoire – also alle Sprachen bzw. Sprachvarietäten, die man gelernt hat, und es wird klar, dass die individuelle Mehrsprachigkeit nicht von einem bestimmten Kompetenzniveau in den einzelnen Sprachen abhängt, sondern das subjektive Erleben von Sprachen eine bedeutende Rolle spielt. Man verbindet die Sprachen in einer menschlichen Figur mit einem Platz im Körper (die Sprache des Herzens, die Sprache in den Händen usw.) und man zeichnet sie dort in einer ausgewählten Farbe ein (diese Sprache ist für mich rot, weil …). Wenn Lernende ihre Figuren anderen präsentieren, können sie erleben, wie unterschiedlich sie eine und dieselbe Sprache wahrnehmen und was für eine unterschiedliche Bedeutung dieselbe Sprache für sie haben kann.

Eine andere von uns verwendete Aktivität zur Reflexion der eigenen Mehrsprachigkeit und zur Erhöhung der Sprachbewusstheit ist das Verfassen von Sprachlernbiographien, in denen anhand verschiedener Fragen etwas systematischer und analytischer die Dynamik und Komplexität des eigenen Spracherwerbs behandelt wird. Die Fragen, die beim Schreiben helfen, sind z. B. Welche Sprachen habe ich wann, wo und wie lange gelernt? Wie gut beherrsche ich die Sprachen und was kann ich in unterschiedlichen Sprachen – sprechen, hören, lesen, schreiben …? Welche Rolle spielen die verschiedenen Sprachen bei meinem Sprachenlernen und in der Kommunikation in Fremdsprachen? Unterstützen sie sich gegenseitig? Stören sie?

Sprachlernbiographien helfen beim Nachdenken über verschiedene typische Prozesse während des Sprachenerwerbs. Beispielsweise gehen wir auf den Status und das Prestige unterschiedlicher Sprachen ein. Auch die typologische Nähe einiger Sprachen und deren Einfluss auf die Erlernbarkeit von Sprachen kommen damit zum Vorschein. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Verlust oder das „in-den-HintergrundTreten“ von Sprachen, die wenig gebraucht werden, aber auch die Möglichkeit, diese wieder zu aktivieren. Beim Schreiben der Sprachlernbiographien und beim Sprechen über sie mit den Mitlernenden fällt dann in der Regel auf, welche Sprachen zu welchem Zeitpunkt in ihrem Leben von Bedeutung waren bzw. sind und dass die Sprachverwendung einer andauernden Veränderung und Dynamik unterworfen ist.

Ein weiterer Ansatz, mit dem man einerseits diese Dynamik und Veränderungen beim Sprachenlernen und andererseits gerade die Verwendung (und nicht die Kompetenz) von Sprachen aufzeigen kann, stammt aus dem Konzept der Dominanten Sprachkonstellation von Larissa Aronin. Lernende bekommen ein Blatt mit mehreren Kreisen und beschriften sie: Es kann dabei um die Sprachenverwendung von bspw. heute und vor ein paar Jahren gehen – der zeitliche Aspekt steht im Vordergrund. Es kann aber auch um verschiedene Situationen (z.B. Schule vs. zu Hause oder bei Verwandten) oder Orte (z.B. zu Hause oder während des Austauschjahres in der Gastfamilie) gehen. Die Lernenden schreiben in jeden Kreis die 2–3 Sprachen, die sie in der entsprechenden Situation am meisten benutzen bzw. benutzt haben. Um den Kreis herum schreibt man Sprachen, die man selbst nicht aktiv benutzt hat, die trotzdem irgendwie anwesend sind.

In den Schlussreflexionen betonen die Studierenden, dass diese Aufgaben ihnen die Augen für Mehrsprachigkeit geöffnet haben und ihnen stärker bewusst wurde, wie wichtig es ist, Mehrsprachigkeit zu schätzen und zu fördern. Manche stellen fest, dass sie erst durch diese Aktivitäten realisiert haben, dass sie mehrsprachig sind.

Mehrsprachig kommunizieren

Neben der Reflexion der eigenen Mehrsprachigkeit spielen in unseren Kursen Aktivitäten, die mehrsprachiges Handeln bzw. mehrsprachige Kommunikationskompetenz fördern, eine wichtige Rolle. Diese Aktivitäten können, teilweise angepasst, auch sehr gut im schulischen Fremdsprachenunterricht eingesetzt werden. Eine Methode, um zu zeigen, wie das eigene mehrsprachige Repertoire als Ressource verwendet werden kann, sind Aktivitäten zur sogenannten Interkomprehension. Hierfür können im Deutschunterricht Texte anderer (am besten unbekannter) germanischer Sprachen, wie Dänisch oder Niederländisch verwendet werden. Wir haben dafür sprachlich und inhaltlich recht anspruchsvolle Nachrichten oder Medienberichte verwendet. Für Schüler:innen können bspw. Berichte über Populärkultur, Sport oder Ähnliches passender sein. Aufgrund der Ähnlichkeiten in vielen Wortschatzbereichen und mit einigen strukturellen Hinweisen können Lernende die Hauptinhalte der Texte erarbeiten und merken dabei, wie viel sie verstehen, auch wenn sie die betreffende Sprache gar nicht gelernt haben. Es geht dabei nicht darum, die Texte in allen Details zu verstehen, sondern um die Erfahrung, dass man nicht von Null beginnt.

Eine wichtige Rolle in unseren Kursen spielen Aktivitäten zur Sprachmittlung, auch Mediation genannt. Auf Mediation wird ausführlich im GeR-Begleitband (2020) eingegangen und Mediationsaufgaben haben auch schon ihren Weg in Lehrpläne und Unterrichtsmaterialien gefunden. Mediation kann zwischen Kulturen, Modalitäten oder Sprachen erfolgen. In unseren Kursen haben wir häufig eine Situation in einem Café in Finnland benutzt, wo die direkte Übersetzung der landestypischen Gebäckbezeichnungen nicht viel weiterhilft; die Lernenden müssen überlegen, wie sie so sprachmitteln, dass eine nicht-ortsansässige Person das Angebot versteht und auswählen kann, was sie bestellen möchte. Zur kulturellen Mittlung in diesem Zusammenhang gehören außerdem Informationen darüber, ob am Tisch serviert wird oder man sich an der Theke selbst bedient, ob man Trinkgeld gibt und wenn ja, wie viel usw.

Ein letztes Beispiel für die Entwicklung von mehrsprachiger Kommunikationskompetenz sind Übungen, die Sprachenwechsel beinhalten. Besonders zu Beginn kann der schnelle Wechsel zwischen zwei oder mehreren Sprachen als anstrengend empfunden werden. Sprachenwechsel kann man aber gut üben, und meistens machen diese Aktivitäten Spaß. Wir haben übliche Kommunikationssituationen verwendet, wie Kennenlernen oder Ausflugsziele zusammen festlegen, und die Studierenden sollten, wenn sie an der Reihe waren, die Sprache wechseln oder das vorher Gesagte in einer anderen Sprache zusammenfassen. Wir haben hierfür Finnisch, Schwedisch, Englisch und Deutsch verwendet. Möglich ist es aber auch, auf diese Weise Herkunftssprachen zu beachten. Einen Redebeitrag in einer Herkunftssprache kann jemand anders in der Gruppe in einer anderen Sprache, z.B. auf Deutsch zusammenfassen. Die wichtigste Erkenntnis der Studierenden bei diesen Aktivitäten war: „[…] je mehr man Sprachmittlung und Sprachenwechsel übt, desto besser wird man.“

MONIKIELISYYTTÄ HARJOITTELEMAAN

MONIKIELISYYS on opetussuunnitelmiin kirjattu tavoite. Kirjoittajat Sabine Grasz ja Anta Kursiša ovat kuitenkin huomanneet, että harvat kielten yliopisto-opiskelijat pitävät itseään monikielisinä, vaikka suuri osa heistä on opiskellut kouluaikanaan useampaa kieltä. Tästä syystä he ovat kehittäneet harjoitteita, joiden avulla voi reflektoida omaa monikielisyyttään ja jotka sopivat muillekin asteille kuin vain yliopistoon. Jutussa esitellään näistä harjoitteista kielimuotokuva, kielielämäkerta ja ”kielikonstellaatio”. Kirjoittajien kursseilla harjoitellaan monikielistä kompetenssia myös esimerkiksi lukemalla tekstejä kohdekielen sukulaiskielillä, saksankurssilla vaikkapa tanskaksi tai hollanniksi. Mediaatiota ja kielenvaihtoa voi niin ikään harjoitella, ja palautteen perusteella opiskelijatkin ovat huomanneet, että harjoittelun avulla niissä voi kehittyä.

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