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SAISON 2019

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Begrüßung Liebe Festivalgäste, es ist mir eine große Freude, Sie zu Soli Deo Gloria – Braunschweig Festival, das sich in diesem Jahr im Besonderen den Werken Joseph Haydns widmet, begrüßen zu dürfen. »Kunst begegnet Musik« eröffnet unter dem Thema »Künstlerpaare« erneut das Festival im Schafstall Bisdorf. Rosa Loy und Neo Rauch gelten als das deutsche Künstlerpaar. 2018 entwarfen sie Bühnenbild und Kostüme für »Lohengrin« bei den Bayreuther Festspielen. Im Foyer des Schafstalls Bisdorf werden ausgewählte Werke in Anwesenheit der Künstler präsentiert. Die israelische Pianistin Yaara Tal und ihr deutscher Partner Andreas Groethuysen zählen seit nunmehr dreißig Jahren zu den international führenden Klavierduos. Mit der Präsentation der Studien zu Bachs »Kunst der Fuge«, arrangiert für zwei Klaviere von Reinhard Febel, beschreitet das Paar im Rahmen von »Kunst begegnet Musik« wiederholt mit einer speziellen Interpretation bedeutender Werke der Musikgeschichte neue Wege. Il Giardino Armonico – seit ebenfalls dreißig Jahren eines der bedeutendsten Originalklangensembles – präsentiert unter der Leitung seines Gründers, dem Mailänder Dirigenten Giovanni Antonini, »Die Schöpfung« von Joseph Haydn. Das berühmte Chorwerk, das als Krönung Haydns kompositorischen Schaffens gilt, interpretiert das Ensemble gemeinsam mit den bedeutenden Solisten

Anna Lucia Richter (Sopran), Maximilian Schmitt (Tenor), Florian Boesch (Bariton) und dem renommierten Chor des Bayrischen Rundfunks in St. Martini Braunschweig. Haydns Streichquartette bringt Quatuor Zaïde in der intimen Atmosphäre der Stiftskirche Steterburg zur Aufführung. Die vier jungen Französinnen wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem gewannen sie 2012 den Haydn Wettbewerb in Wien und wurden für die Saison 2015/16 von der European Concert Hall Organisation für die Rising Stars-Tour mit Konzerten in führenden Konzertsälen des Kontinents ausgewählt. Für originale Interpretationen und spezielle Virtuosität steht international das Orchester Wiener Akademie. Auf große Resonanz stößt das aktuelle Projekt »Resound Beethoven«, mit dem das Ensemble unter der künstlerischen Leitung von Martin Haselböck Werke von

Beethoven auf Instrumenten seiner Zeit und mit derselben Zahl von Musikern präsentiert. Das Konzert im Theater Wolfsburg verspricht eine überraschende Interpretation von Beethovens Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60 und der Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92. Im Alter von 22 Jahren gab er sein Debut in der New Yorker Carnegie Hall unter Daniel Barenboim. Mit Saleem Ashkar stellt einer der interessantesten Pianisten seiner Generation in einem Haydn-Beethoven-Rezital im Rittersaal des Schlosses Gifhorn Sonaten beider Komponisten gegenüber. Traditionell findet auch das Weihnachtskonzert in St. Martini in Braunschweig in diesem Jahr wieder statt. Der Windsbacher Knabenchor ist mit den Deutschen Kammer-Virtuosen Berlin und den Solisten Wiebke Lehmkuhl (Alt), Patrick Grahl (Tenor) sowie Thomas E. Bauer (Bass) zu Gast. Gemeinsam beschließen sie mit der Aufführung der Kantaten 1-3 und 6 des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach das Festival. Wie stets gehört unser besonderer Dank unseren Förderern und Sponsoren, ohne die Soli Deo Gloria – Braunschweig Festival in dieser Form und Qualität nicht möglich wäre. Wir freuen uns nun bereits im vierzehnten Jahr mit Ihnen auf große musikalische Ereignisse von Soli Deo Gloria 2019. Günther Graf von der Schulenburg Künstlerischer Direktor

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INTERPRETEN

KONZERTE DER SAISON 2019

Die Mitwirkenden der diesjährigen Saison:

SAMSTAG, 22. JUNI | 18.00 UHR | SCHAFSTALL BISDORF

Rosa Loy & Neo Rauch | 8 Yaara Tal & Andreas Groethuysen | 12 Giovanni Antonini | 16 Il Giardino Armonico | 20 Chor des Bayerischen Rundfunks | 22 Anna Lucia Richter | 24 Maximilian Schmitt | 25 Florian Boesch | 25 Quatuor Zaïde | 28 Martin Haselböck | 34 Orchester Wiener Akademie | 36 Saleem Ashkar | 40 Windsbacher Knabenchor | 48

ROSA LOY & NEO RAUCH YAARA TAL & ANDREAS GROETHUYSEN JOHANN SEBASTIAN BACH »DIE KUNST DER FUGE« Seite 14

KUNST + MUSIK – EINE BEGEGNUNG

SAMSTAG, 23. JUNI | 17.00 UHR | ST. MARTINI BRAUNSCHWEIG

JOSEPH HAYDN: »DIE SCHÖPFUNG«

IL GIARDINO ARMONICO CHOR DES BAYERISCHEN RUNDFUNKS ANNA LUCIA RICHTER SOPRAN MAXIMILIAN SCHMITT TENOR FLORIAN BOESCH BARITON GIOVANNI ANTONINI LEITUNG Seite 26

DIENSTAG, 25. JUNI | 20.00 UHR | STIFTSKIRCHE STETERBURG

JOSEPH HAYDN: »STREICHQUARTETTE« QUATUOR ZAÏDE Seite 30

DONNERSTAG, 27. JUNI | 20.00 UHR | THEATER WOLFSBURG

LUDWIG VAN BEETHOVEN SINFONIE NR. 4 B-DUR OP. 60 SINFONIE NR. 7 A-DUR OP. 92 ORCHESTER WIENER AKADEMIE MARTIN HASELBÖCK LEITUNG Seite 38

SONNTAG 30. JUNI | 17.00 | SCHLOSS GIFHORN

HAYDN-BEETHOVEN-REZITAL

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JOSEPH HAYDN: SONATE IN D-DUR, HOB.XVI:37 VARIATIONEN IN F-MOLL HOB.XVII:6 LUDWIG VAN BEETHOVEN: SONATE NR. 3 IN C-DUR, OP. 2, NR. 3 (HAYDN GEWIDMET) SONATE NR. 23 »APPASSIONATA« IN F-MOLL, OP.57 SALEEM ASHKAR KLAVIER Seite 42 SAMSTAG, 21. DEZEMBER | 18.00 UHR | ST. MARTINI BRAUNSCHWEIG

WEIHNACHTSORATORIUM

JOHANN SEBASTIAN BACH: WEIHNACHTSORATORIUM, KANTATEN 1-3 UND 6 WINDSBACHER KNABENCHOR DEUTSCHE KAMMER-VIRTUOSEN BERLIN Seite 48

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RÜCKBLICK 2018

INTERVIEW

HAYDN-PROJEKT

Die besten Bilder der letzten Saison Seite 6

Giovanni Antonini über seine Sicht auf Haydn Seite 16

Was Kinder von heute über den Komponisten wissen Seite 32

SPIELSTÄTTEN

INTERVIEW

VORSCHAU

Von der Landwirtschaft zur Kunst: Schafstall Bisdorf Seite 44

Dr. Tobias Warweg freut sich auf die Konzerte Seite 47

Der Windsbacher Knabenchor mit dem Weihnachtsoratorium Seite 48 KUNST+MUSIK

Rosa Loy und Neo Rauch, Yaara Tal und Andreas Groethuysen – zwei Künstlerpaare zu Gast im Schafstall Bisdorf Seite 8

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IMPRESSIONEN 2018

Kunst im Schafstall: 1 | Hanna Putz und Daniel Richter, Günther Graf von der Schulenburg und Gattin Véronique 2 | Andy und Christine Hall 3 | Betty und Andreas Mühe 4 | Leo König, Ulrike Theusner, Dr. Arne Ehmann und Hella Pohl 5 | Beatrice und Julius von Ingelheim 6 | Ausstellung Daniel Richter 7 | Dr. Joachim Waitz 8 | Oberbürgermeister und Stiftungspräsident Ulrich Markurth mit Günther Graf

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DANIEL RICHTER & BACH

von der Schulenburg beim Empfang zum Weihnachtskonzert 9 | Die Wiener Sängerknaben in St. Martini 10 | Jean Rondeau begeisterte in der Stiftskirche Steterburg 11 | Reginald Lee Mobley im Kaiserdom Königslutter 12 | Cameron Carpenter und Günther Graf von der Schulenburg 13 | Lady Isabella und Sir Jon Eliot Gardiner beim Empfang im Kreuzgang des Kaiserdoms Königslutter

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KUNST MUSIK EINE BEGEGNUNG

KÜNSTLER

PAARE Zwei international hochgeschätzte Künstlerpaare sind zu Gast im Schafstall Bisdorf: Werke von Rosa Loy und Neo Rauch, zwei Vertretern der Neuen Leipziger Schule, treffen auf Studien zu Bachs »Kunst der Fuge«, interpretiert von Yara Taal und Andreas Groethuysen, arrangiert für zwei Klaviere von Reinhard Febel.

U N TE RST ÜT ZT D UR CH

Galerie EIGEN+ART

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galerieKleindienst


Rosa Loy Neo Rauch Zwei Maler, ein Paar: Seit 1985 sind Rosa Loy und Neo Rauch verheiratet. Das jeweils eigenständige Werk wird aus der Unterschiedlichkeit, aber auch aus den Gemeinsamkeiten des Künstlerpaares genährt. 9


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osa Loy gehört mit ihren fantasievollen, rätselhaften, surrealistisch anmutenden Bildern und Zeichnungen zu den wichtigsten Vertretern der »Neuen Leipziger Schule«. Frauen in all ihren traumwandlerischen Facetten sind das Thema ihrer Werke. »Wärterinnen«, »Beobachterinnen«, »Botschafterinnen«, »Spielerinnen« bevölkern die Leinwände. Lebenslustige Leichtigkeit wird oft mit skurrilen hintergründigen Details ergänzt. Sinnlichkeit, gepaart mit Gefühl und Verstand, geben ihren Werken Harmonie. Rosa Loy geht es darum, mit ihrer Arbeit Schönheit – wenn auch oft gebrochen – in die Welt zu bringen. Viele Kompositionen verraten eine Vorliebe für gärtnerische Gestaltung, in die sich die weiblichen Wesen einfügen. Es entstehen Bilder mit einer eindringlichen Atmosphäre, die den Betrachter in ihren Bann zieht. Neo Rauch schrieb über ihre Kunst: »Und so kann Rosa als eine Mitwebende an dem durch die Zeiten wehenden kostbaren Zaubervorhang angesehen werden, in dessen Schatten gewiss auch Ungeheuer nisten, dessen Berührung jedoch stets heilkräftig ist. Sie spürt dabei den großen Mysterien nach und sieht sich in Zirkel eingebunden, in denen verlorenes Frauenwissen kreist und wie-

Rosa Loy und Neo Rauch leben seit mehr als 30 Jahren zusammen. Beide wurden in der DDR geboren, sie 1958 in Zwickau, er 1960 in Leipzig. Sie studierten an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und sind seit 1985 verheiratet. Seit der Wende sind beide erfolgreiche freischaffende Maler und arbeiten bis heute Tür an Tür in Ateliers in einer ehemaligen Leipziger Baumwollspinnerei. Rosa Loy schloss nach dem Abitur 1981 ein Studium zur Diplom-Gartenbauingenieurin an der Humboldt-Univer-

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derauflebt, und wer sich ihren Bildern wachen Sinnes ausliefert, der kann spüren, wie die in sie eingewirkten Lebenskräfte auf ihn überströmen.« 1999 löste die Kunstkritikerin der New York Times, Roberta Smith, mit einem Beitrag über Neo Rauchs Werk auf der Kunstmesse Armory Show Begeisterung für dessen Werk aus. Darin feierte sie den »Maler, der aus der Kälte kam«, nicht nur als Wegbereiter der Neuen Leipziger Schule, sondern als bedeutendsten jüngeren Maler Deutschlands überhaupt. Zahlreiche nationale und internationale Einzelausstellungen sind seither gefolgt, darunter in München, Maastricht, Zürich, Wien, Wolfsburg, New York, Warschau, Baden-Baden, Brüssel und Zwolle. Einer linearen Entwicklung der modernen Kunst hat Neo Rauch die Wiederbelebung der figurativen Malerei entgegengesetzt. Seine großformatigen Werke sind stilistisch vom sozialistischen Realismus wie auch durch Comic, Agitprop und amerikanische Werbung der sechziger Jahre beeinflusst. Seine komplexen Gemälde versetzen den Betrachter in eine vertraut erscheinende Welt, die sich bei näherer Zuwendung jedoch als schwer zu erfassen offenbart. Er bannt eigene Traumbilder und Visionen auf die Leinwand, Begleiter und Weggefährten aus unterschiedlichen Epochen bevölkern die Szenerie. In einem bun-

sität Berlin ab. Nach einigen Jahren im Beruf studierte sie von 1985 bis 1990 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Professor Rolf Felix Müller. Bis 1993 war sie Meisterschülerin für Grafik und Malerei bei Prof. Rolf Münzner. Einzelausstellungen hatte Rosa Loy unter anderem in Leipzig, Berlin, Zwickau, Augsburg, Frankfurt/Main und Hamburg und internationale Ausstellungen in London, New York, Los Angeles und in Seoul. Neo Rauch gilt als einer der gefragtesten deutschen Künstler weltweit. Er wuchs

in Aschersleben auf und studierte ab 1981 Malerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Professor Arno Rink, später war er dessen Assistent. 1990 machte er seinen Meisterschülerabschluss und hatte dort von 2005 bis 2009 eine Professur für Malerei inne. Von 2009 bis 2014 war er an der HGB als Honorarprofessor für Meisterschüler tätig. Seine erste Ausstellung fand 1997 im Museum der bildenden Künste in Leipzig, anlässlich der Verleihung des LVZ Kunstpreises statt.

ten Farbklima überlagern rätselhaft-allegorische Motive einander. Bisweilen führen sie den Betrachter in ein Labyrinth aus paradoxen Sinngebilden, die sich der Interpretation entziehen. Neo Rauch ist ein großer Erzähler. In seinen Geschichten verschieben sich Perspektiven, widersetzt sich die Landschaft der Logik, verrutscht die Wirklichkeit zwischen altmeisterlichem Biedermeyer und Barock, comichafter Märchenwelt und Horror. Das Ambivalente erkennt Neo Rauch ohnehin als den Motor allen künstlerischen Wollens. Seinen Bildern wohnt das Sowohl-als-auch inne, dem kein Entweder-oder entgegengesetzt wird, und so findet sich in seinen Bildern das Beunruhigende in gleichwertigen Anteilen. Ralph Keuning, Direktor des Museum de Fundatie, Zwolle, schreibt im Vorwort zu Neo Rauch: Dromos Malerei 1993–2017: »Seine Werke verknüpfen ihre Dynamik mit unserem Lebensgefühl. Sie werden Teil von uns, als wären sie Hausgenossen, die atmen und die uns jeden Tag durch ihre eindringliche Anwesenheit Denkanstöße geben oder Trost spenden können«. Gemeinsam stellten Rosa Loy und Neo Rauch 2011 im Essl Museum, Klosterneuburg bei Wien, 2013 in einer Doppelausstellung in den staatlichen Kunstsammlungen Chemnitz, 2015 im Zwickauer Kunstverein Freunde Aktueller Kunst e.V. und 2018 in der Grafikstiftung Neo Rauch in Aschersleben aus. Zuletzt hat das Paar für die Fertigung von Bühnenbild und Kostümen für den Bayreuther »Lohengrin« unter der musikalischen Leitung von ­ Christian Thielemann zusammen gearbeitet, auf Wunsch von Katharina Wagner. Für Bühnenbild und die Kostüme des männlichen Personals zeichnete Neo Rauch verantwortlich, Rosa Loy für die Kostüme der Frauen. Binnen sechs Jahren wurde die Kulisse in den Wandan-Wand-Ateliers in der ehemaligen Leipziger Baumwollspinnerei und in den Theaterwerkstätten Dresdens entworfen. Es entstand ein bühnenbreiter Rundhorizont, unter dem das Künstler-


Rosa Loy und Neo Rauch arbeiten partnerschaftlich miteinander, Atelierwand an Atelierwand – und manchmal vierhändig

paar eine surreale Bilderwelt der industriellen Moderne ansiedelte, dargestellt in einer dem klassischen Kulissentheater entlehnten Mehrdimensionalität durch gestaffelte Zweidimensionalitäten. Von Regisseur Juval Sharon in Bewegung gesetzt, inspirierte das in blau getauchte Tableau voller Poesie und Märchenhaft: 2018 gestaltete das Künstlerpaar das Bühnenbild für den Bayreuther »Lohengrin«

Spannung Christian Thielemann zu einer silbernen, funkelnden Klanggestaltung. Rosa Loy und Neo Rauch sorgten mit dieser Arbeit für eine erstaunliche Renaissance der traditionellen Bühnenmalerei und ihrer Möglichkeiten von Illusionismus bis Verfremdung und überzeugten mit ihrem Einsatz von

Raum, Farbe und Licht Publikum wie Kritiker gleichermaßen – gemäß ihrem Vorhaben von der »Wiederverzauberung der Welt«. Während seiner Arbeit am Bayreuther Panorama traf Musik auf Kunst: Wagners Lohengrin hatte sechs Jahre lang die Rolle eines Dauergastes in Neo Rauchs Atelier, er bildete den Rahmen für seine Arbeit am Bühnenbild. »Er hat sich in mich hineinmassiert und gibt mir von innen her sogar ein gewisses blaues Leuchten. Also ich bin von ihm durchglüht«, beschrieb er seinerzeit die Wirkung von »Lohengrin«. Ohnehin hört Neo Rauch überwiegend klassische Musik bei der Arbeit, »alles andere wirkt eher störend, spreizt sich kontraproduktiv in die inspirative Sphäre hinein. Es sind die subtilen Schwingungen, die die klassische Musik aussendet, auf denen auch die Eingebung zu mir gelangen kann.«  Katharina Szovati

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ie mag es wohl gehen, wenn zwei Menschen, die gemeinsam Musik machen und das schon über 30 Jahre, auch privat das Leben miteinander teilen. Wie macht man das? Yaara Tal und Andreas Groethuysen berichten: »Kennengelernt haben wir uns beim Studium in München. Andreas ist in der Stadt geboren und Yaara kam mit einem Stipendium dorthin. Zunächst war dafür nur ein Jahr in Deutschland geplant, daraus wurden aber dann drei, und nachdem die Beziehung »schon da war«, dauert dieser Aufenthalt bis heute… Die Wohnung, die wir gegen Ende des Studiums zusammen bezogen haben, diese bewohnen wir auch noch heute. Sie ist gar nicht groß und hat nichts Repräsentatives an sich, sie bietet aber dennoch geradezu fantastische Voraussetzungen: Wir können unsere drei Flügel dort unterbringen und wir können vor allem gleichzeitig üben, ohne uns gegenseitig zu hören! Darüber hinaus ist diese sehr helle Wohnung vollkommen ruhig und gleichzeitig recht zentral gelegen. Für Leute wie Yaara, die keinen Führerschein besitzen und alles mit dem Fahrrad machen, ist das ein Riesenvorteil. In den ersten fünf gemeinsamen Jahren haben wir nur unsere solistischen

Die israelische Pianistin Yaara Tal und ihr deutscher Partner Andreas Groethuysen bilden heute eines der weltweit führenden Klavierduos. Dessen Markenzeichen ist, neben einer maßstabsetzenden Homogenität des Spiels, die Kreativität in der Gestaltung der Programme, in denen neben den Zentralwerken der Literatur auch immer wieder zu Unrecht vernachlässigte Schätze des Repertoires zu neuer Geltung kommen. Ein wesentlicher Bestandteil des internationalen Erfolges ist auch die exklusive

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Ziele verfolgt und die Konzert-Aufträge getrennt absolviert. Andreas’ damalige Managerin aber fand diese Konstellation im Sinne der Beziehungserhaltung doch etwas riskant. Sie wollte, dass wir neben der privaten auch die künstlerische Ebene gemeinsam besetzen, und so vermittelte sie einige Auftritte zu zweit an einem Klavier. Zunächst ein reiner Versuchsballon. Der Test, der uns ursprünglich gar nicht so sehr schmeckte, da wir der Form des Klavierduos nicht so viele Möglichkeiten zugetraut hatten, erwies sich am Ende als ein sehr gutes, nachhaltiges und für unser Leben ganz entscheidendes Konzept!  In den ersten 15 Jahren des Duos haben wir fast nur Repertoire gespielt und eingespielt, das für zwei Pianisten an einem Klavier komponiert wurde. Später haben wir jedoch sukzessive unsere Programme auch mit Werken für zwei Klaviere erweitert. Die ästhetischen Forderungen dieser Gattung liegen bisweilen diametral zu denen, die an einem Klavier auszuführen sind. Es geht dabei nicht mehr in dem Maße um die perfekte Homogenität und die Herstellung einer sehr diffizilen Klangbalance, die die Musik an einem Klavier ganz besonders ausmachen. Es geht dabei auch um Diversität, um das Dialogische, oft gilt es gerade das Gegeneinander zu unterstreichen und zu verkörpern. Und diese Verschiedenartigkeit und Polarität

Zusammenarbeit mit der Schallplattenfirma SONY CLASSICAL: Das Duo realisierte seit den 90er Jahren eine beispiellose Serie von Aufnahmen vierhändiger und zweiklavieriger Klaviermusik die bereits zehnmal mit dem begehrten »Preis der Deutschen Schallplattenkritik« und fünfmal mit dem »Echo«-Preis ausgezeichnet wurden und international ein außergewöhnliches Echo bei Publikum und Presse gefunden haben. Besondere Schwerpunkte der Schallplattenproduktionen waren dabei die erste und

vielbeachtete, siebenteilige Gesamteinspielung des vierhändigen Werkes von Franz Schubert (»Cannes Classical Award« 1998) sowie die Gesamteinspielung sämtlicher Werke von Wolfgang A. Mozart für zwei Pianisten. Die letzte Veröffentlichung mit dem Titel »Colors« enthält zweiklavierige Transkriptionen diverser Orchesterwerke von Claude Debussy und Richard Strauss. Gleichzeitig erschien auch eine zweite Solo-CD von Yaara Tal mit Polonaisen des Mozart Sohnes Franz Xaver Mozart und des jungen Frédéric Chopin.

wird in den Studien für zwei Klaviere von Reinhard Febel immer wieder sehr auffällig ausgespielt. Zu den etwas weniger »musikalischen« Dingen in unserem privaten Leben gehört die Beschäftigung mit dem Münchner Maler Hans Gött (1883-1974). Darum rankt sich eine ziemlich kuriose Geschichte, und der Raum hier ist vielleicht nicht der richtige, um alles zu erzählen. In den letzten Jahren landete der umfangreiche Nachlass dieses sehr produktiven Malers, der, wie die Familie erst recht spät erfahren hat, Andreas‘ Großvater war, in unserem Haushalt. Es handelt sich dabei um Ölgemälde, Aquarelle, Radierungen, Drucke, Bleistiftszeichnungen, Buchillustrationen etc. Einige der Werke, die auffällige Schädigungen aufwiesen, haben wir bereits restaurieren und auch etliche Bilder neu rahmen lassen. Notwendige Hauptbeschäftigung ist – soweit die Zeit es zulässt –, die Arbeiten zu fotografieren und zu katalogisieren. Eine professionelle wissenschaftliche Aufarbeitung des gesamten Œuvres wäre das Fernziel. Hans Gött war in der Vorkriegszeit ein sehr anerkannter Maler, und zahlreiche Werke haben in bedeutenden Münchener Museen wie die Lenbach Galerie, die Pinakothek der Moderne oder die Staatliche Graphische Sammlung Aufnahme gefunden. Da Gött aus Überzeugung nur gegenständlich gemalt hat, war sein Werk für die Nachkriegszeit allerdings kommerziell nicht mehr so »relevant« und er wurde seitdem weniger ausgestellt. Ausnahmen bildeten in den letzten Jahren u.a. Ausstellungen, die denjenigen Malern gewidmet waren, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Akademie Matisse in Paris studierten. Dazu zählte auch Hans Gött, dessen Werk unverkennbar französische Einflüsse birgt, allerdings auch eine ganz eigene Sprache zum Ausdruck bringt. Man könnte sagen, dass ein besonderes Charakteristikum der Werke Götts deren innere Ruhe ist, das Ausbleiben jeglichen Wunsches, dem Betrachter zu imponieren.«


Yaara Tal Andreas Groethuysen »Es geht um Diversität, um das Dialogische, oft gilt es gerade das Gegeneinander zu unterstreichen und zu verkörpern.«

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KUNST MUSIK EINE BEGEGNUNG

SAMSTAG 22. JUNI 2019 18.00 UHR SCHAFSTALL BISDORF JOHANN SEBASTIAN BACH (1685 – 1750) DIE KUNST DER FUGE 18 STUDIEN FÜR ZWEI KLAVIERE VON REINHARD FEBEL (1952) 1 NICHT ZU LANGSAM, 5´ 2 SEHR SCHNELL, 2´30 3 LEICHT SCHWEBEND, NICHT ZU LANGSAM, 4´30 4 NICHT ZU LANGSAM, 3´30 8 NICHT ZU LANGSAM, 5´50 9 SEHR SCHNELL, 2´30 10 SCHNELL, 4´40 11 PRESTISSIMO POSSIBILE, 3´30 PAUSE

5 LANGSAM, 4´30 6 LANGSAM, 5´45 7 NICHT ZU SCHNELL, 4´ 12A NICHT ZU LANGSAM, 3´30 13A SCHNELL, 2´ 18 MAESTOSO, MA MOLTO CALMO, 15´

YAARA TAL KLAVIER

ANDREAS GROETHUYSEN KLAVIER

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Bachs »Kunst der Fuge« ohann Sebastian Bachs Zyklus »Die Kunst der Fuge« gehört zusammen mit dem »Wohltemperierten Klavier«, dem »Musikalischen Opfer« und den »Goldberg Variationen« zum Kostbarsten, was das MusikAbendland geschenkt bekam. In diesen Kompositionen präsentiert sich der Genius des Schöpfers in einer besonders verdichteten Form. Mehr Geist, mehr handwerkliches Können, komplexes Denken und kreatives Einflechten existiert wohl kaum. All das eingegossen in die mehrstimmigen Formen der Fuge und des Kanons. Die »Kunst der Fuge« besteht aus 14 Fugen und 4 Kanons, die sich alle aus einem ersten Thema als einer Keimzelle entfalten. Die Fugen oder Contrapuncti, wie sie hier genannt werden, weisen eine Fülle an Konstruktions-Varianten auf: einfache Fuge, Doppelfuge, Spiegelfuge etc. Auch die Kanons erscheinen in höchst artifizieller Form. In einem antwortet z. B. die zweite Stimme des Kanons doppelt so langsam und in der Umkehrung (per augmentationem in contrario motu). Die Frage, ob der Zuhörer das so wahrnehmen kann, überhaupt je die ganze Machart nachvollziehen kann, ist völlig berechtigt. Die tröstende Antwort könnte heißen: Das geht so gut wie gar nicht! Vieles lässt sich nur beim Lesen der Partitur optisch erkennen, wenn das Auge die Zeit hat, eine Stimme nach der anderen zu verfolgen. Selbst der ausführende Musiker wird nur in den seltensten Fällen in der Lage sein, alles hören zu können, was darin steckt. Und da liegt schon ein Teil des Zaubers: Obwohl das Werk, so wie die anderen drei erwähnten Geschwister-Werke, bis ins Letzte analysiert ist, ist es in seiner Ganzheit als solches ein Mysterium, und daher nur intuitiv zu erfassen. Was aber nicht in Widerspruch steht zu der Tatsache, dass das

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Erlebnis, die Erfahrung, umso größer wird, je mehr man darüber weiß. Die »Kunst der Fuge« in dem uns heute bekannten Umfang war wahrscheinlich nicht so konzipiert und es fehlen wohl etliche Sätze. Eines der Stücke (das für gewöhnlich bei jeder Aufführung ans Ende gesetzt wird) ist nur als Fragment überliefert, d.h. im Manuskript bricht der Text plötzlich ab. Dank Carl Philipp Emanuel Bach, der die erste Edition des Werks 1751 besorgt hat, konnte sich die Legende etablieren, dass sein Vater beim Komponieren dieses Satzes verschied. Oder in seinen Worten: »Ueber dieser Fuge, wo der Name BACH im Contrasubjet angebracht worden, ist der Verfaßer gestorben«. Tatsächlich gehören die letzten Minuten dieser Fuge zu den geheimnisvollsten, erschütterndsten Momenten der Musikgeschichte, denn hier wird die musikalische Signatur des Komponisten-Namens B-A-C-H »hineingeschmuggelt«, eingeschleust.

Reinhard Febels Verarbeitung nsere persönliche Bekanntschaft mit Reinhard Febel (1952 in Metzingen geboren) währt schon länger als dreißig Jahre. Erfreulicherweise hat er, unserer Meinung nach, ein untrügliches Gespür für die Möglichkeiten des Klaviers sowohl als Instrument (also pianistisch) wie auch als Klangkörper. Für unser ästhetisches Empfinden ist dieser Autor (übrigens sehr empfehlenswert ist auch seine literarische Produktion!) ideal dafür prädestiniert, eine moderne, persönliche musikalische Begegnung mit Bachs Koloss zu dokumentieren. Um das Jahr 2000 herum hatten wir Febels eindrucksvolle »Sieben Bachchoralbearbeitungen« für Klavier zu vier Händen uraufführen und auch auf CD aufnehmen können. Schon hier überzeugten uns die raffinierten Verfremdungen, die

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PROGRAMM die Originale in ein neues Licht tauchten und sie teilweise »zur Kenntlichkeit entstellten«. So haben wir, zusammen mit dem Veranstalter der Bachwochen in Ansbach für die Festival-Edition 2015, Reinhard Febel mit dem Auftrag versehen, sich der Idee einer Bearbeitung der »Kunst der Fuge« zu widmen. Das Ergebnis hat uns auf Anhieb fasziniert, jedoch stellt es uns immer noch vor immense pianistische, aber vor allem musikalische Herausforderungen. Denn die rhythmische Aufgabenstellung ist atemberaubend anspruchsvoll. Die Pianisten müssen sich so minutiös genau hören und reagieren können, wie in keinem anderen uns bekannten Werk. Sie ist in gewisser Weise das Pendant zu Ligetis Etüden für Klavier solo, hier aber für die Duo-Besetzung. Febel hat für jeden Contrapunctus ein bestimmtes Prinzip der Verarbeitung ausgewählt. In manchen Fällen hat er, ver-

+WERKBESCHREIBUNG

einfacht gesagt, die einzelnen Bestandteile der Komposition auseinander genommen, diese als Partikel eingefroren und dann auf neue Weise wieder zusammengefügt. Diese Art hat er in sehr unterschiedlicher Manier in den Studien Nr. 1, 8, 10 und 18 angewandt. Dagegen erkennt man in anderen Studien das Original über lange Strecken mühelos wieder, zu dem nach gewissen physikalischen Modellen (bedingt durch die Obertonreihen) weitere Stimmen addiert werden. Sehr ausdrucksstark wirkt die Veränderung in der Studie Nr. 14: Der Kanon besteht lediglich aus zwei Stimmen. Febel orchestriert gleichsam diese Vorlage: Er verdoppelt diese beiden Stimmen vielfach auf den Tastaturen in den extremen Lagen. Es ist kaum zu glauben, dass gleichzeitig jeweils nur zwei Töne erklingen! Die Verlagerung der Stimmen in fremde Bereiche der Klaviaturen charakterisiert z.  B.

Dreifach gut ist einfach.

auch die rasante Studie Nr. 17. Wenn es manchmal so klingt, als würden die Pianisten sich verlieren, als seien sie »nicht zusammen«, ist es die Absicht des Komponisten, wie z. B. in den Studien 10 oder 18. Freilich kann das auch ohne diese Absicht passieren; überhaupt verleiht die radikale Tempoveränderung und die gelegentliche Versetzung in andere Tonarten (das Original ist immer in dMoll!) dem Zyklus eine Farbigkeit und Dramatik, die naturgemäß in der Vorlage nicht vorhanden sein kann. Natürlich würde jeder Komponist sich eingehend mit der Frage beschäftigen müssen, wie er mit dem abschließenden Fragment umgeht. Eine schon oft ausgeführte Möglichkeit ist, die Fuge nach aller Regel der Kunst zu vervollständigen, je nach Begabung und Geschmack. Das hätte Febel ohne weiteres auch machen können. Er entschied sich aber für eine andere Lösung…

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GIOVANNI ANTONINI

Der perfekte Zeitpunkt Schon seit geraumer Zeit befasst sich Giovanni Antonini als künstlerischer Leiter des Projektes »Haydn 2032« intensiv mit Haydns sinfonischem Werk. In St. Martini wird er Haydns »Schöpfung« leiten.

DIE SCHÖPFUNG ZÄHLT WAHRSCHEINLICH ZU DEN AM HÄUFIGSTEN AUFGEFÜHRTEN WERKEN JOSEPH HAYDNS. SIE WIDMEN SICH IHM, MIT IHREM ENSEMBLE IL GIARDINO ARMONICO, ZUM ERSTEN MAL, WARUM ERST JETZT? Solche Projekte entstehen oft, weil die Partner dieselbe Idee zum gleichen Zeitpunkt haben. Ich habe bereits mit dem wunderbaren Chor des Bayerischen Rundfunks gearbeitet, und nun war für uns die Zeit reif, dieses bedeutende Stück des klassischen Repertoires gemeinsam mit Il Giardino Armonico aufzuführen. Auch die intensive Beschäftigung mit Haydns Sinfonien im Rahmen des Haydn2032-Projekts hat uns an sein wichtigstes Vokalwerk herangeführt. Es ist jetzt einfach der perfekte Zeitpunkt. WAS INTERESSIERT SIE AN DIESEM WERK, WO SEHEN SIE DIE SPEZIFISCHEN HERAUSFORDERUNGEN? Zunächst ist da natürlich dieser unglaubliche Anfang, und wie Haydn ihn gezeichnet hat. Natürlich war er nicht der erste Komponist, der das Chaos des Anfangs musikalisch dargestellt hat – Jean-Féry Rebel, ein Zeitgenosse Rameaus, hat das Motiv an

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den Anfang einer Suite gestellt, wenn auch in völlig anderer Weise als es Haydn später tat. Das Interessante ist, dass der Klassiker Haydn mit der Schöpfung ein zukunftsweisendes Stück komponiert hat, in dem er zum Beispiel romantische Stilmerkmale vorweggenommen hat. Bezeichnenderweise ist das Stück im 19. Jahrhundert häufig aufgeführt worden, was eigentlich nicht üblich war – die Werke der Klassik galten im 19. Jahrhundert als überholt. Neben der Schöpfung erfuhr nur Pergolesis Stabat Mater diese Ehre. Diese Zeitlosigkeit ermöglicht es, das Stück immer wieder neu und aus verschiedenen Perspektiven zu befragen. SEIT 2014 SETZEN SIE SICH ALS KÜNSTLERISCHER LEITER DES PROJEKTS »HAYDN2032« INTENSIV MIT SEINEM WERK AUSEINANDER. WAS HABEN SIE WÄHREND DIESER ZEIT NEUES GELERNT? Wir lernen ständig dazu. Im Rahmen von Haydn2032 nehmen wir uns pro Jahr zwei neue Projekte mit jeweils unterschiedlichen Themen vor. Jedes Mal, wenn ich die Partitur einer Haydn-Sinfonie zum ersten Mal aufschlage, eröffnet sich mir ein ganzes Universum, das ich kennen-

lernen und erforschen kann. Man darf nicht vergessen, dass Haydn ein langes Leben in bewegten Zeiten führte: Als er 1732 geboren wurde, lebten Bach, Telemann und Händel noch. Seine Musik zeigt eine starke Entwicklung auf: Seine frühen Sinfonien folgen den Regeln des Barock und wir finden Bezüge auf Pergolesi und Corelli in ihnen, während er am Ende seines Lebens die aufziehende Romantik zu erforschen begann. Während der Auseinandersetzung mit der Musik ändere ich durchaus meine Vorstellungen – nicht meinen Anspruch, aber ich erkenne zum Beispiel immer deutlicher die Unterschiede zwischen Haydns Sichtweise und den barocken Vorstellungen. Haydn wurde stets in der Rückschau beurteilt – nachdem man Beethoven und Schubert bereits kannte. Er galt immer als Erschaffer einer Form, die von Mozart oder Beethoven perfektioniert wurde, als ein Großer, aber eben nicht als einer der Größten. Dabei hat Haydn eine ganz eigenwillige musikalische Sprache, einen eigenen Code entwickelt, der von seinem zeitgenössischen Publikum verstanden wurde. Die Zuhörer erkannten seinen Humor, seinen Witz. Wir versuchen, diese Signale in seiner Musik wieder zu entdecken,


»Haydn (hat) eine ganz eigenwillige musikalische Sprache, einen eigenen Code entwickelt, der von seinem zeitgenössischen Publikum verstanden wurde.«

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ebenso die Vision von Leben, die darin liegt. Ja, ich denke, ich habe angefangen, die Persönlichkeit Haydns besser kennenzulernen. Das ist jedenfalls mein Eindruck. (lacht)

»Haydn lebte in einer Welt, in der ›Herrschaft‹ noch klar definiert war, selbst nach der Revolution von 1789 noch.«

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ALS SPEZIALIST FÜR HISTORISCHE AUFFÜHRUNGSPRAXIS: WELCHE KLANGVORSTELLUNG WERDEN SIE IN DER SCHÖPFUNG VERFOLGEN? Das weiß ich heute noch nicht genau. Zum einen ist da der strahlende Klang des Ensembles, der immer neue Farben hervorbringt. Zum anderen ist bei unserer Art zu spielen die Artikulation sehr wichtig. Instrumentale Artikulation hängt immer auch mit Sprache zusammen, und die Sprache, in der wir denken und sprechen, ist Italienisch. Zu Haydns Zeit wurde die Schöpfung übrigens auch in italienischer Sprache aufgeführt, in Wien beispielsweise in seiner Gegenwart. Wenn ich das deutschsprachige Original aufgeführt habe, möchte ich gerne mal die von ihm autorisierte italienische Übersetzung machen. Denn für uns und unser Verständnis von musikalischer Artikulation ist die Sprache sehr wichtig, und die Kombination deutscher Chor, italienisches Orchester und italienischer Dirigent macht es umso spannender. »Ich war auch nie so fromm, als während der Zeit, da ich an der Schöpfung arbeitete«, soll Haydn gesagt haben, auch viele zeitgenössische Zuhörer schienen immer wieder von religiösen Empfindungen beseelt worden zu sein. KANN MAN DAS HEUTIGE PUBLIKUM IN DIESER WEISE NOCH ERREICHEN? Haydn lebte in einer Welt, in der »Herrschaft« noch klar definiert war, selbst nach der Revolution von 1789 noch. Jede Sinfonie zeichnete er mit einem »Laus Deo« (Gott Lob!), er selbst war wahrscheinlich tatsächlich ein gläubiger Mensch. Seine Zeit war aber auch eine Übergangszeit: Er begann als höfischer Komponist im ausgehenden Barock, er erlebte die

Französische Revolution und die Kriege Napoleons. (Interessant ist übrigens: Als Napoleons Truppen nach Wien kamen, schickte er extra Soldaten zu Haydns Haus, um es zu schützen.) Haydn selbst blieb gewissermaßen ein Mann des 18. Jahrhunderts, den Werten und dem Glauben dieser Zeit verpflichtet. AUCH BACHS MUSIK WIRD OFT NACHGESAGT, SIE KÖNNE DEM HEUTIGEN PUBLIKUM GLAUBE VERMITTELN, ABER OB DAS WIRKLICH SO IST? Wir leben in einer völlig anderen, fragmentierten Welt, mit unterschiedlichen, sehr persönlichen Vorstellungen von Glaube und Werten. WELCHE BEDEUTUNG HATTE DAS PUBLIKUM GRUNDSÄTZLICH FÜR IHN? Wenn man zum Beispiel die so genannten Sturm-und-DrangSinfonien aus den frühen 1760er Jahren heranzieht, findet man viele experimentelle Elemente, für die noch nicht die Zeit gekommen war. Danach verwendete er wesentlich einfachere harmonische Techniken. Es gibt eine Notiz in einer Sinfonie mit einer ungewöhnlichen Modulation, die besagte, dies »sei zu viel für das Publikum«. Er war sich also seiner Zuhörer und deren Hörgewohnheiten und Hörfähigkeiten sehr bewusst, auch als er das »Chaos« für die Schöpfung komponierte. Die Beziehung zum Publikum war den Komponisten des 18. Jahrhundert wichtiger, als es heute oft der Fall ist. Zeitgenössische Komponisten schreiben ihre Musik und erwarten, ­ dass das Publikum sich darauf einstellt. Im 18. Jahrhundert war das anders, und doch haben die Komponisten damals nicht weniger anspruchsvoll komponiert. Nur haben sie eine Balance gehalten, zwischen dem Entsprechen von Hörgewohnheiten und der Heranführung an Neues. Das Gespräch führte Andrea Kerner


Ein Leben für die Musik Geboren in Mailand, studierte Giovanni Antonini an der Civica Scuola di Musica seiner Heimatstadt und am Centre de Musique Ancienne in Genf.

Cantans in Breslau, wo er mit dem Wroclaw Music Award für die Programmplanung 2014 und große künstlerische Verdienste geehrt wurde.

Er ist Gründungsmitglied von Il Giardino Armonico und leitet das Ensemble seit 1989. Als Dirigent und Solist an der Block – und Traversflöte tritt er in Europa, den USA, Kanada, Südamerika, Australien, Japan und Malaysia auf. Dabei arbeitet er mit Musikern wie Cecilia Bartoli, Isabelle Faust, Viktoria Mullova, Giuliano Carmignola, Giovanni Sollima, Sol Gabetta, Katia und Marielle Labèque und Kristian Bezuidenhout.

Mit Il Giardino Armonico hat Antonini Instrumentalwerke von Vivaldi (unter anderem Die vier Jahreszeiten) und anderen Komponisten des 17. und 18. Jahrhunderts eingespielt: Bach (Brandenburgische Konzerte), Biber und Locke beim Label Teldec. Für Naïve nahm er Vivaldis Ottone in villa auf; weitere Veröffentlichungen bei Decca, Harmonia Mundi und Alpha Classics (Outhere Music Group) folgten. Für Decca Classics nahm er 2013 Bellinis Norma auf. Mit dem Kammerorchester Basel spielte er die gesamten Beethoven-Sinfonien ein; die ersten acht wurden bereits veröffentlicht.

Antoninis musikalische Erfolge haben ihn zu einem gefragten Gastdirigenten bei vielen großen Orchestern gemacht. Regelmäßig steht er am Pult der Berliner Philharmoniker, des Royal Concertgebouw Orchestra, Tonhalle-Orchester Zürich, Mozarteumorchester Salzburg, Orquesta Nacional de España, Gewandhausorchester Leipzig und des Kammerorchester Basel. Opernproduktionen umfassen Mozarts Le nozze di Figaro und Händels Alcina am Teatro alla Scala in Mailand, Alcina am Opernhaus Zürich, Händels Giulio Cesare in Egitto und Bellinis Norma mit Cecilia Bartoli bei den Salzburger Festspielen sowie weitere Norma-Produktionen in Salzburg und Zürich. 2016 leitete er in Zürich Le nozze di Figaro und abermals Alcina mit Cecilia Bartoli. Bei den Salzburger Festspielen 2018 dirigierte Giovanni Antonini Mozarts Idomeneo, re di Creta. Seit September 2013 ist Giovanni Antonini Künstlerischer Leiter des International Festival Wratislavia

Giovanni Antonini ist künstlerischer und musikalischer Leiter des Projekts »Haydn 2032«, dessen Ziel es ist, alle Haydn-Sinfonien bis 2032 aufzunehmen und in wichtigen europäischen Konzertorten aufzuführen. Die ersten vier Aufnahmen erfolgten mit Il Giardino Armonico: La Passione (November 2014), Il Folosofo (Mai 2015), Solo e Pensoso (August 2016), Il Distratto (März 2017). In 2017 wurde die fünfte CD L’Homme de Genie mit dem Kammerorchester Basel veröffentlicht. Die Aufnahmen erscheinen bei Alpha Classics (Outhere Music Group).

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Il Giardino A l Giardino Armonico, gegründet 1985 und geleitet von Giovanni Antonini, hat sich längst als eines der führenden Originalklang-Ensembles etabliert. Es führt regelmäßig Musiker der wichtigsten Musikinstitutionen Europas zusammen. Das Repertoire des Ensembles konzentriert sich überwiegend auf Werke des 17. und 18. Jahrhunderts. Je nach Anforderung des Programms besteht das Ensemble aus drei bis dreißig Instrumentalisten. Das Orchester wird regelmäßig zu den wichtigsten Festivals und in die bedeutendsten Konzertsäle weltweit eingeladen und wird für seine Konzertprogramme ebenso gefeiert wie für seine

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Operninterpretationen. Zu den erfolgreichsten Opernproduktionen zählen Monteverdis Orfeo, Vivaldi‘s Ottone in Villa, Händels Agrippina, Il trionfo del tempo del disinganno und La resurrezione und Händels Giulio Cesare in Egitto, die 2012 bei den Salzburger Festspielen und den Pfingstfestspielen zur Aufführung kam. Neben intensiven Konzertaktivitäten kann das Ensemble auf eine bemerkenswerte Liste vielfach ausgezeichneter Aufnahmen verweisen. Nach vielen Jahren beim Label Teldec Classics mit zahlreichen preisgekrönten Einspielungen der Werke Vivaldis und anderer Komponisten des 18. Jahrhunderts unterzeichnete Il Giardino Armonico einen Exklusivvertrag bei

Decca/L’Oiseau-Lyre. Hier erschienen Händels Concerti Grossi HWV 319 – 330 und die Kantate Il pianto di Maria mit Bernarda Fink. Für das französische Label Naïve nahm das Ensemble La Casa del Diavolo mit Werken von Bach, Gluck und Locatelli, Vivaldis Cellokonzerte mit Christophe Coin sowie Vivaldis Oper Ottone in Villa (ausgezeichnet mit dem Diapason d’Or) auf. Bei Onyx erschien zuletzt eine gemeinsame Aufnahme mit Viktoria Mullova mit Violinkonzerten. Mit Cecilia Bartoli nahm Il Giardino Armonico das Vivaldi Album auf, das mit einem Grammy ausgezeichnet wurde (Decca, 2000). Neun Jahre später führte eine weitere Zusammenarbeit zu dem


DIE KÜNSTLER VON SOLI DEO GLORIA

Armonico ebenfalls mit einem Grammy gekürten Album Sacrificium, das in Frankreich und Belgien Platin-Status erzielte. Zu den weiteren, von Publikum und Presse gleichermaßen gefeierten Decca-Alben zählen Alleluia (März 2013) und Händel in Italy mit Julia Lezhneva (Oktober 2015). Die 2016 bei Alpha Classics – Outhere Music Group veröffentlichte CD Serpent & Fire mit Anna Prohaska, gewann 2017 den ICMA in der Kategorie »baroque vocal«. Bei Alpha Classics entstand 2016 auch das mit einem Diapason d’Or ausgezeichnete Album Telemann (CD und LP). Mit Isabelle Faust spielte das Ensemble fünf Violinkonzerte von Mozart ein (Harmonia Mundi 2016). Il Giardino Armonico ist

Partner des Langzeitprojektes »Haydn 2032«, das 2014 von der Joseph Haydn Stiftung Basel ins Leben gerufen wurde und bis 2032 die Einspielung und Aufführung sämtlicher Sinfonien Joseph Haydns vorsieht. Das sinfonische Repertoire wird nicht chronologisch, sondern thematisch zusammengestellt. Bereits das im November 2014 erschienene erste Album La Passione gewann 2015 einen ECHO Klassik, Il Filosofo (2015) wurde von Classica mit einem »CHOC of the Year« ausgezeichnet. Das dritte Album Solo e Pensosoerschien im August 2016, im März 2017 folgte Il Distratto. Beide Aufnahmen liegen sowohl als CD wie auch LP vor. Das Ensemble arbeitet regelmäßig mit international

renommierten Künstlern wie Giuliano Carmignola, Sol Gabetta, Katia und Marielle Labèque, Viktoria Mullova, Anna Prohaska und Giovanni Sollima zusammen. Zu den neuesten Projekten gehört unter anderem eine Aufnahme von La Morte della Raggione, mit der das Aufkommen barocker Empfindsamkeit in Europa thematisiert und eine veränderte Hörerfahrung Alter Musik angestrebt wird. Auch die Zusammenarbeit mit der hochtalentierten Geigerin Patricia Kopatchinskaja wurde in 2018 mit einem spannungsreichen Programm zwischen Vergangenheit und Zukunft fortgesetzt, das philologische Akkuratesse und zeitgenössische Musik vereinte.

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Chor des Bayerischen Rundfunks

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DIE KÜNSTLER VON SOLI DEO GLORIA ufgrund seiner besonderen klanglichen Homogenität und der stilistischen Vielseitigkeit, die alle Gebiete des Chorgesangs von der mittelalterlichen Motette bis zu zeitgenössischen Werken, vom Ora­ torium bis zur Oper umfasst, genießt der Chor des Bayerischen Rundfunks höchstes Ansehen in aller Welt. Gast­ spiele führten ihn nach Japan sowie zu den Festivals in Luzern und Salzburg. Europäische Spitzenorchester, darunter die Berliner Philharmoniker und die Sächsische Staatskapelle Dresden, aber auch Originalklangensembles wie Concerto Köln oder die Akademie für Alte Musik Berlin schätzen die Zusammenarbeit mit dem BR-Chor. In jüngster Vergangenheit konzertierte der Chor mit Dirigenten wie Andris Nelsons, Bernard Haitink, Daniel Harding, Riccardo Muti, Riccardo Chailly, Thomas Hengelbrock, Robin Ticciati und Christian Thielemann. Der künstlerische Aufschwung des 1946 gegründeten Chores verlief in enger Verbindung mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Seit 2003 ist Mariss Jansons Chefdirigent beider Klangkörper. Daneben wurde Howard Arman 2016 zum K ­ünstlerischen Leiter des Chores berufen. Er pflegt die große künstlerische Bandbreite des Chores und intensiviert sie in den Spezialgebieten der alten und neuesten Musik. In den Reihen musica viva (BR-Symphonieorchester) und Paradisi gloria (Münchner Rundfunkorchester) sowie in den eigenen Abonnementkonzerten profiliert sich der Chor regelmäßig mit Uraufführungen. Für seine CD-Einspielungen erhielt er zahlreiche hochrangige Preise, so wurde die DVD-Edition von Bachs »JohannesPassion« vom Preis der deutschen Schallplattenkritik in die Bestenliste 2/2017 aufgenommen und die CD mit Mahlers Dritter Symphonie unter der Leitung von Iván Fischer 2018 als »Audiophile Mehrkanaleinspielung des Jahres« mit einem OPUS KLASSIK ausgezeichnet.

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DIE KÜNSTLER VON SOLI DEO GLORIA

Anna Lucia Richter

Maximilian Schmitt

SOPRAN

TENOR

nna Lucia Richter entstammt einer großen Musikerfamilie. Als langjähriges Mitglied des Mädchenchores am Kölner Dom erhielt sie seit ihrem neunten Lebensjahr Gesangsunterricht bei ihrer Mutter Regina Dohmen. Im Anschluss daran wurde sie von Prof. Kurt Widmer in Basel ausgebildet und schloss ihr Gesangstudium mit Auszeichnung bei Frau Prof. Klesie Kelly-Moog an der Musikhochschule Köln ab. Weitere Anregungen erhielt sie von Margreet Honig, Edda Moser, Christoph Prégardien und Edith Wiens. Die Sopranistin gewann bereits zahlreiche internationale Preise, darunter der prestigereiche Borletti-Buitoni Trust Award. Mit dieser Saison begann für Anna Lucia Richter eine dreijährige Residenz als »Junge Wilde« am Konzerthaus Dortmund. Mit dem Freiburger Barockorchester war sie im Frühjahr in Stuttgart, Berlin und Freiburg mit Barock-Arien auf »Italienischer Reise«. Konzerte mit Giardino Armonico, dem Chor des Bayerischen Rundfunks und Giovanni Antonini (Haydns Schöpfung) führen sie neben dem Auftritt beim Festival Soli Deo Gloria u.a. auch nach München, Augsburg und Wien. Zum Kernrepertoire der Künstlerin zählt Johann Sebastian Bach: Ein Kammerkonzert mit Liedern aus Schemellis Gesangbuch, bereits auf CD (alpha) erschienen, führt sie diese Saison u. a. in die Philharmonie Essen und die Elbphilharmonie Hamburg. Weitere Konzerthöhepunkte der letzten Zeit waren Auftritte mit dem Orchestre de Paris sowie der NDR Elbphilharmonie jeweils unter Thomas Hengelbrock, dem

er Tenor Maximilian Schmitt entdeckte seine Liebe zur Musik bereits in jungen Jahren bei den Regensburger Domspatzen. Er studierte Gesang bei Prof. Anke Eggers an der Berliner Universität der Künste und wird künstlerisch von Roland Hermann betreut. Er sammelte erste Bühnenerfahrung als Mitglied des Münchner Opernstudios, bevor er sich 2008 für vier Jahre dem Ensemble des Mannheimer Nationaltheaters verpflichtete. 2012 debütierte er an der Oper Amsterdam als Tamino unter Marc Albrecht. 2016 war Maximilian Schmitt erstmals als Idomeneo in einer weiteren großen Mozart-Partie zu erleben, diesmal an der Opéra du Rhin in Strasbourg. Direkt im Anschluss trat er zum ersten Mal an der Wiener Staatsoper als Don Ottavio auf. Höhepunkt und Abschluss der Saison 16/17 war sein Debüt an der Mailänder Scala als Pedrillo in Mozarts Entführung aus dem Serail unter Zubin Mehta. Maximilian Schmitt ist regelmäßiger Gast auf den großen internationalen Konzertbühnen. Eingeladen wird er von Dirigenten wie Franz Welser-Möst, Claudio Abbado, Teodor Currentzis, Daniel Harding, Jonathan Nott, Thomas Hengelbrock, Fabio Luisi, Andres Orozco Estrada, Trevor Pinnock und René Jacobs. Die Saison 2018/19 eröffnete Maximilian Schmitt mit Berlioz’ Requiem mit dem WDR Sinfonieorchester unter Jukka-Pekka Saraste in San Sebastian. Es folgten u.a. Konzerte mit Haydns Schöpfung unter David Afkham in Madrid und unter Yutaka Sado in Wien und Grafenegg. Anschließend gab Maximilian Schmitt sein Rollendebüt als Max in Webers Freischütz am Aalto

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Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecila und Daniel Harding, dem London Symphony Orchestra und Bernard Haitink, dem hr-Sinfonieorchester und Paavo Järvi, dem Budapest Festival Orchestra und Iván Fischer oder Arcangelo unter Jonathan Cohen. Ihr Opernrepertoire umfasst Partien wie Ilia (Idomeneo), Zerlina (Don Giovanni) sowie die Rollen Eurydice/ La Musica in Monteverdis Orfeo, der viel beachteten Produktion von Sasha Waltz. In der Wiederaufnahme letzterer Produktion kehrt sie im November an die Staatsoper Unter den Linden zurück. 2017 hatte sie großen Erfolg am Theater an der Wien in Keith Warners Neuproduktion von Henzes Elegie für junge Liebende in der Hauptpartie der Elisabeth Zimmer. Ein besonderes Anliegen ist für Anna Lucia Richter der Liedgesang. Sie ist mit einem umfangreichen Repertoire in allen großen Liedzentren zu Gast. Ein neues Schubert-Liedprogramm präsentierte sie im Januar mit Gerold Huber in der Philharmonie Luxembourg und im Konzerthaus Dortmund. Am 1. Februar erschien das Programm unter dem Titel »Heimweh« auf CD.


Florian Boesch BARITON er österreichische Bariton Florian Boesch erhielt seinen ersten Gesangsunterricht bei KS Ruthilde Boesch. Während des Studiums an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien besuchte er die Klasse Lied und Oratorium bei KS Robert Holl. Seit Herbst 2016 hat er eine Gesangsprofessur an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien inne mit dem Schwerpunkt Lied und Oratorium Florian Boesch zählt zu den großen Liedinterpreten mit Auftritten in renommierten Konzerthallen und bei namhaften Festivals. Eine regelmäßige Zusammenarbeit hat ihn mit Nikolaus Harnoncourt verbunden. Zudem arbeitet er mit Ivor Bolton, Gustavo Dudamel, Adam Fischer, Iván Fischer, Valery Gergiev, Stefan Gottfried, Pablo HerasCasado, Philippe Herreweghe, Mariss Jansons, Sir Roger Norrington, Paul McCreesh, Sir Simon Rattle, Robin Ticciati und Franz Welser-Möst. Die Saison 2018/2019 bringt Florian Boesch eine Tournee mit Mozarts Requiem mit dem Collegium Vocale Gent unter der Leitung von Philippe Herreweghe, Mahlers Wunderhorn-Lieder mit Music Aeterna und Teodor Currentzis, Händels Messiah in einer halbszenischen Umsetzung mit dem DSO Berlin unter Robin Ticciati, Haydns Jahreszeiten mit dem Antwerp Symphony Orchestra unter Philippe Herreweghe, Haydns Schöpfung auf Tournee mit Il Giardino Armonico und Giovanni Antonini, Mendelssohns Elias mit dem Concentus Musicus unter Stefan Gottfried im Wiener Musikverein, Konzerte mit dem Ensemble Franui, sowie Liederabende in Madrid, Amsterdam und

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Theater in Essen in einer Neuproduktion von Tatjana Gürbaca. Außerdem ist er als Obadjah (Elias) in einer Neuproduktion von Calixto Bieito am Theater an der Wien zu sehen. Maximilian Schmitt beschließt die Spielzeit mit einer Konzerttournee mit Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini mit Konzerten in Wien, München und Braunschweig und einem Liederabend an der Londoner Wigmore Hall, wo er seit seinem Debüt 2014 regelmäßig zu hören ist. Auf seinen Alben »Träumend wandle ich bei Tag« mit Werken von Robert und Clara Schumann und Schuberts Die schöne Müllerin (Oehms classics) präsentiert sich Maximilian Schmitt als Liedsänger. Mit seinem 2016 erschienenen ersten Arien-Album mit Orchester »Wie freundlich strahlt der Tag« (WDR Sinfonieorchester/Patrick Lange/Oehms) erkundet er das deutsche romantische Fach. Darüber hinaus ist Maximilian Schmitt auf zahlreichen weiteren CD Veröffentlichungen wie z.B. als Belmonte in Mozarts Entführung aus dem Serail mit der Akademie für Alte Musik Berlin unter René Jacobs (harmonia mundi) vertreten.

im Wiener Konzerthaus. Auch auf der Opernbühne war Boesch zuletzt häufiger zu sehen. Die Saison 2017/2018 startete für ihn mit einem fulminanten Erfolg als Wozzeck in der gleichnamigen Oper von Alban Berg im Theater an der Wien, gefolgt von einer ebenso erfolgreichen szenischen Umsetzung von Händels Saul am Theater an der Wien. In der Saison 2018/2019 kehrte Florian Boesch mit Händels Orlando ans Theater an der Wien zurück und war mit einem Maskenmusiktheater mit dem Titel Himmelerde mit der Familie Flöz und dem Ensemble Franui an der Staatsoper Unter den Linden zu erleben. Seine Einspielungen wurden von der internationalen Presse gefeiert und zahlreich ausgezeichnet, u.a. mit dem Edison Klassiek Award 2012. Die schöne Müllerin war für den Grammy 2015 in der Kategorie Best Classical Vocal Solo nominiert. Anfang September 2017 erschien bei hyperion seine neue Einspielung von Schuberts Winterreise mit Roger Vignoles am Klavier; im Herbst 2018 folgten orchestrierte Schubert-Lieder mit dem Concentus Musicus Wien unter der Leitung von Stefan Gottfried.

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ie erste, die private Voraufführung von Joseph Haydns Oratorium »Die Schöpfung« ereignete sich am 29. und 30. April 1798 im Stadtpalais Schwarzenberg in Wien; 30 Gendarmen zu Pferd und zu Fuß hielten den aristokratischen Besuchern den Weg frei. Der Enthusiasmus der Wiener kompensierte die politische Misere, in die Napoleon die Habsburger Monarchie gestürzt hatte. Haydns Schöpfungs-Oratorium wirkte wie die Beschwörung alter Größe, weil es die göttliche Weltordnung pries, die die Jakobiner freventlich zerstörten. »Die Schöpfung« ist zwar ein religiöses, aber kein kirchenmusikalisches Werk. Es gibt weder einen lateinischen Text noch die liturgische Dramaturgie vom »Kyrie eleison« bis zum »Agnus Dei«. Erzählt wird die Genesis, die Geschichte von der Erschaffung der Welt. Die Idee stammte von John Milton (1608–1674). Sein Versepos »Paradise Lost« lieferte das Sujet. Ursprünglich sollte Georg Friedrich Händel es vertonen, der aber nicht mehr dazu kam. In London gelangte Haydn um 1790 in den Besitz dieses Librettos und brachte es mit nach Wien, wo es sein Freund Gottfried van Swieten übersetzte. Haydn schuf ein

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SONNTAG 23. JUNI 2019 17.00 UHR ST. MARTINI BRAUNSCHWEIG JOSEPH HAYDN (1732 – 1809)

DIE SCHÖPFUNG ORATORIUM IN DREI TEILEN FÜR SOLI, CHOR UND ORCHESTER TEXT VON GOTTFRIED VAN SWIETEN URAUFFÜHRUNG: WIEN, 1798 ( KO N Z E RT O H N E PAU S E )

GIOVANNI ANTONINI LEITUNG

IL GIARDINO ARMONICO CHOR DES BAYERISCHEN RUNDFUNKS ANNA LUCIA RICHTER SOPRAN

MAXIMILIAN SCHMITT TENOR

FLORIAN BOESCH BARITON

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St. Martini Braunschweig ist eine würdevolle Spielstätte für Aufführungen großer Klangkörper.

hinsichtlich des Umfangs und der Besetzung monumentales Werk. Mehr als 100 Instrumentalisten und 60 Choristen, dazu drei Gesangssolisten, wirkten bei der Uraufführung mit. Am Anfang steht die Schilderung einer noch ungeformten und unbelebten Welt. Vage Tongestalten schwanken und kreisen durch einen leeren Raum, bald geisterhaft flüsternd, bald donnernd laut. Der Erzengel Raphael rezitiert den berühmten Anfang der Genesis: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war ohne Form und leer, und Finsternis war auf der Fläche der Tiefe.« Der Chor setzt pianissimo fort, doch bei »Es werde Licht« kommt ein monumentaler, strahlender und erschütternder CDur-Akkord, ein tönendes Licht-Symbol. Es ist ein einzigartiger Moment, der in der klassischen Musik nur noch von Beethoven in ähnlicher Stärke erreicht wurde. Doch bei Haydn steht dieses Siegeszeichen nicht am Ende eines Konfliktes, sondern am Anfang. Der erste Teil des dreiteiligen Werkes feiert die Erschaffung des Lichts, der Erde, der Himmelskörper, des Wassers, der Berge, Flüsse und Bäche; im zweiten erscheinen in witziger Tonmalerei die Welt der Tiere und das erste Menschenpaar. Der dritte feiert die neue Paradieseswelt. Den ersten Teil der Genesis-Erzählung beschließt ein Chorstück von Händelscher Größe: »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes«. Er beginnt in C-Dur, der


»Die Schöpfung« ist zwar ein religiöses, aber kein kirchenmusikalisches Werk. Es gibt weder einen lateinischen Text noch die liturgische Dramaturgie vom »Kyrie eleison« bis zum »Agnus Dei«. Erzählt wird die Genesis, die Geschichte von der Erschaffung der Welt.

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»mit leisem Gang« nachschleicht, die Hügel schmücken sich mit frischem Grün aufblühender Melismen, und »der munteren Vögel Schar« lässt sich in den Koloraturen der Flöten und Oboen vernehmen. Der brüllende Löwe, der gelenkige Tiger, das wiehernde Ross werden ebenso ohrenfällig vorgeführt wie das

»wollenreiche, sanfte Schaf«, die Insekten und das »in langen Zügen« am Boden kriechende Gewürm. Eine Paradieseswelt, eine Utopia öffnet sich. Doch Miltons Satan und Lucifer, der die Gottheit vom Throne stürzt, fehlen. Nur ahnungsweise wird am Ende angedeutet, wenn der Erzengel Uriel Adam und Eva ermahnt: »O glücklich Paar, wenn falscher Wahn euch nicht verführt, noch mehr zu wünschen als ihr habt, und mehr zu wissen als ihr sollt!« Darin steckte das Epochenproblem. Der »falsche Wahn« der Revolution von 1789 führte Europa statt ins Paradies in Tyrannei, Terror und Kriege. Haydns Oratorium war aus Sicht der Realgeschichte die Exposition der kommenden Tragödien. Als er es komponierte, dichtete Goethe in Weimar den ersten Teil des »Faust« mit Mephisto als negativem Epochengeist. Haydns ParadiesesUtopie und Goethes »Faust«, der sie zu Grabe trägt, gehören zusammen.

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Tonart des Lichtes, und schließt mit einer Choralfuge zu den Worten »Und seiner Hände Werk zeigt an das Firmament«. Der ganze erste Teil des dreiteiligen Werkes kreist um die Himmelskörper und spiegelt auch das astronomische Interesse der Aufklärung. Zu den leidenschaftlichen Amateur-Astronomen zählten Voltaire und Goethe und auch Haydn. Als er 1791 nach London kam, führte ihn sein erster Weg nach Slough zu dem berühmten Observatorium des Astronomen Wilhelm Herschel (1738–1822). Der aus Deutschland stammende Herschel hatte als Musiker und Komponist begonnen, und so konnte er mit seinem Besucher ein Fachgespräch über zwei Themen zugleich führen. Das Orchester malt die Szenerie üppig und bildmächtig aus. Der Sonnenaufgang (Nr. 12 »In vollem Glanze steiget jetzt die Sonne strahlend auf«) ist durch eine ansteigende DDur-Skala verbildlicht, dem der Mond

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PROGRAMM

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Björn Hickmann

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as Quatuor Zaïde entstand im Jahr 2009. Dank einer Reihe von Erfolgen bei internationalen Wettbewerben und der Zusammenarbeit mit Hatto Beyerle (Alban Berg Quartett) sowie Johannes Meissl (Artis Quartett) als Mentoren konnte sich das Ensemble rasch etablieren. 2010, nur ein Jahr

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nach seiner Gründung, gewann das Quartett bereits eine beeindruckende Reihe von Preisen: den »Prix de la Presse« (Preis der Pressejury) beim renommierten Streichquartett-Wettbewerb in Bordeaux sowie den 1. Preis beim Charles Hennen International Competition in Heerlen (Niederlande) und den 3. Preis beim International String

Quatuor Zaïde

Quartet Competition in Banff (Kanada). Im September 2011 folgte der 1. Preis beim Internationalen Musik-Wettbewerb in Peking. 2012 erspielte sich das Quatuor Zaïde neben dem 1. Preis alle drei Jury-Preise (beste Interpretationen eines Werkes von Joseph Haydn, der Zweiten Wiener Schule und des Auftragswerkes des Wettbewerbes) beim

STREICHQUARTETT

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DIE KÜNSTLER VON SOLI DEO GLORIA Internationalen Haydn-Wettbewerb in Wien. Konzerte spielte das Quatuor Zaïde bisher u.a. in der Berliner Philharmonie und dem Wiener Musikverein, Wigmore Hall und Barbican London, Cité de la Musique – Théâtre des Champs-Elysées – Musée d‘Orsay Paris, Beijing Concert Hall und Forbidden City Concert Hall in Peking sowie der

Merkin Hall New York, Jordan Hall in Boston und Biblioteca de Luis Aranga in Bogota. Sie tourten durch Deutschland, die Niederlande, Belgien, Griechenland, Irland, Italien, Österreich, Schweden und China. Für die Saison 2015/16 wurde das Quatuor Zaïde von der European Concert Hall Organisation (ECHO) für die Rising Stars-Tour ausgewählt mit Konzerten in führenden Konzertsälen des Kontinents wie Amsterdam, Athen, Barcelona, Brüssel, Budapest, Lissabon, London, Paris, Stockholm und Wien, in Deutschland die Philharmonien in Köln und Baden-Baden, das Konzerthaus

Dortmund und die ­ Laeiszhalle Hamburg. Das Repertoire des Quatuor Zaïde reicht von klassischen bis zu zeitgenössischen Werken (Xenakis, Gubaidulina, Dutilleux, Pintscher, Reich, Rihm, Harvey u.a.). Im Rahmen des Rising Stars Programms wurde ein Quartett der italienischen Komponistin Francesca Verunelli uraufgeführt, in Zusammenarbeit mit dem Musikforschungsinstitut Ircam entstand ein Klavierquintett von Marco Momi. Die Musikerinnen legen Wert darauf, sich nicht auf ein bestimmtes Repertoire zu spezialisieren in der Überzeugung, dass die Musik vergangener Zeit das aktuelle Geschehen beleuchtet und alte Musik nicht ohne unser heutiges Verständnis zu interpretieren ist. Zu den Kammermusikpartnern des Quatuor Zaïde zählen Miguel Da Silva, Yovan Markovitch, Jerôme Pernoo, Julian Steckel, Edgar Moreau, die Pianisten Alexandre Tharaud, Bertrand Chamayou, Adam Laloum, David Kadouch, Jonas Vitaud, Beatrice Rana, Abdel Raman el Bacha sowie das Quatuor Voce und das Koos Quartett. Eine CD mit den beiden Streichquartetten von Janáček und dem 4. Quartett von Martinu liegt seit 2014 vor. Ein Jahr später folgte die Einspielung mit den Streichquartetten op. 50, 1-6 von Haydn. Im Oktober 2017 erschienen César Francks Quartett D-Dur sowie Chaussons »Chanson Perpétuelle« op. 37.

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riedrich Wilhelm II. bestieg 1786 den preußischen Thron, ein schlechter König, aber ein guter Musiker und leidenschaftlicher Cellist. In ganz Europa bestellte er Cello-Musiken, und beinahe wäre es ihm gelungen, auch Haydn und Mozart nach Potsdam zu locken. Mozart kam 1789 tatsächlich, reiste aber bald wieder ab, doch beide schickten dem König Serien von »preußischen Quartetten«, Haydn sechs, Mozart drei, wofür sie mit einem goldenen Ring oder einer goldenen Uhr belohnt wurden. Dukaten wären ihnen willkommener gewesen. Haydns erstes »preußisches« Quartett war ein Glanzstück des klassischen Stils und eine Eulenspiegelei. Er eröffnete es mit einem prunkvollen CelloSolo, wie es dem König zustand, doch es bestand nur aus den Repetitionen eines einzigen Tones und überforderte daher seine Fähigkeiten nicht. Die anderen Spieler entfalteten über diesem gehämmerten Orgelpunkt ihre Künste. In den anderen Sätzen setzt sich dieses Spiel fort. Jeder hörte, dass der König in seinem Staat zwar die erste Geige (bzw. das erste Cello), im Quartett aber

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DIENSTAG 25. JUNI 2019 20.00 UHR STIFTSKIRCHE STETERBURG

HAYDN STREICHQUARTETTE JOSEPH HAYDN (1732 – 1809) STREICHQUARTETT B-DUR OP. 50 NR. 1 HOB. III:44 PREUSSISCHES QUARTETT ALLEGRO ADAGIO NON LENTO MENUETTO. POCO ALLEGRETTO FINALE. VIVACE

STREICHQUARTETT G-MOLL OP. 74 NR. 3 HOB. III: 74 REITERQUARTETT ALLEGRO LARGO ASSAI MENUET. ALLEGRETTO – TRIO FINALE. ALLEGRO CON BRIO

STREICHQUARTETT F-MOLL OP. 20 NR. 5 HOB. III:35 SONNENQUARTETT ALLEGRO MODERATO MENUETTO ADAGIO FINALE. FUGA A 2 SOGGETTI ( KO N Z E RT O H N E PAU S E )

QUATUOR ZAÏDE AMANDA FAVIER VIOLINE LESLIE BOULIN RAULET VIOLINE SARAH CHENAF VIOLA JULIETTE SALMONA VIOLONCELLO

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Die Stiftskirche bietet einen intimen Rahmen für Konzerte.

der letzte war. Aber zu sagen wagte es natürlich keiner. Das g-Moll-Quartett op. 74, 1792 in London entstanden, führt den Beinamen »Reiter-Quartett«, weil die Musiker in den beiden Ecksätzen die Rhythmen eines galoppierenden Pferdes imitieren. Zu dem Thema des Finales soll Haydn durch einen zufällig an seinem Fenster vorkommenden Reiter inspiriert worden sein. Damals kamen allerdings Reiter überall vorbei, doch Haydn liefert uns keine Porträtstudie von ihnen, sondern die Empfindung und das Hochgefühl der stürmischen Bewegung. Die beiden »Reiter-Sätze« umschließen ein »Largo« mit eigentümlichen Harmonien und heftigen dramatischen Kontrasten und ein Menuett, dessen Trio ebenfalls dramatisch aufgeladen wird. Das Quartett f-Moll op. 20 Nr. 5, das das Konzert beschließt, ist das am frühesten komponierte. Es gehört zur Serie der »Sonnenquartette« op. 20 von 1771. Auch dieser Titel stammt nicht vom Komponisten selbst. Der Erstdruck, der eine in Kupfer gestochene Sonne zeigt, gab ihnen den Namen. »Sonnig« sind sie aber keineswegs: Zwei der sechs Quartette stehen in Moll, drei enden mit Schlussfugen, alle enthalten ungewöhnliche und neuartige Züge. Es handelt sich um den düstersten, expressivsten und gelehrtesten Quartett-


PROGRAMM zyklus, den Haydn jemals geschaffen hat. Er zog damit im Sommer 1772 die Konsequenz aus fünf Jahren des Experimentierens und zeigte sich nun als Meister der Epoche. Der erste Satz hebt in einem getragenen Balladenton an. Die beiden Mittelsätze tauschen die Plätze. Das »Menuetto« geht dem »Adagio« voran, dem die Schlussfuge des Finales folgt. Der seelenvolle Gesang konnte sie wirkungsvoller ankündigen als das etwas schattenhafte Menuett. Das »Adagio« steht in Kontrast zu den übrigen Sätzen und ist ein kleines Violinkonzert. Das Thema im »sizilianischen« Barkarolen-Rhythmus wird in fünf Variationen durch einen immer virtuoseren Part der ersten Violine elegant dekoriert. Die Zeitgenossen mag die schließende Doppelfuge (»Fuga a 2 soggetti«) schockiert haben, denn sie war unmodern geworden und wider-

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Haydns erstes »preußisches« Quartett war ein Glanzstück des klassischen Stils und eine Eulenspiegelei. Er eröffnete es mit einem prunkvollen Cello-Solo, wie es dem König zustand, doch es bestand nur aus den Repetitionen eines einzigen Tones und überforderte daher seine Fähigkeiten nicht.

sprach dem Zeitgeschmack, der leichtere Kost bevorzugte. Für Haydn war es eine Übung im alten Stil, der er sich mit Bravour entledigte. Aus einem durchaus unmelodischen Thema baute er ein monumentales Klanggebäude auf, das durch seine Strenge und Einfachheit beeindruckt. Es nimmt die feierlichen Chöre der »Schöpfung« und der »Jahreszeiten« voraus. Die sechs »Sonnen-Quartette« op. 20 markierten den Beginn einer neuen Epoche. Diese Partituren sind von überraschenden Dissonanzen und Tonartwechseln übersät. In ihnen fließen zudem unterschiedliche Stile zusammen – Opera buffa, Volkslied und -tanz und barocke Polyphonie. So bereitete Haydn Mozart, Beethoven und Schubert den Weg. Aber er ist nicht ihr minderer »Vorläufer«, sondern ein Meister und Originalgenie wie sie.

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K

Meine Sprache versteht man durch die ganze Welt EIN HAYDN-PROJEKT MIT DER KLAVIERKLASSE VON CLAUDIA BIGOS Die Annäherung an ein Stück im Unterricht beginnt beim Hören: Ich spiele meinen Schülern das zu erarbeitende Stück – ausschnittsweise, denn natürlich soll der Notentext auch erarbeitet werden – vor. Ich spielte also Haydn und erlebte eine Überraschung: Beim Vorspielen der Klavierstücke glaubten gleich mehrere der Schüler, diese schon irgendwo gehört zu haben. Haydn als Gassenhauer?

aum wahrscheinlich bei der Streaming-Generation. Doch manche Harmonie – oder Tonfolgen und Formen (z.B. die Menuette) Haydns sind offensichtlich (oder offen-hörbar) so kategoriebildend, dass sie nicht nur zum Verwechseln ähnlich sind, sondern von uns als bereits bekannt wahrgenommen werden. Erstaunlich. Dabei konnten von zirka zwanzig Schülerinnen und Schülern aller Altersgruppen nur fünf mit dem Namen Haydn etwas anfangen. Sie »kennen« also die Musik, aber den Komponisten nicht. Kann eine Biographie hier eine Brücke zur differenzierteren Wahrnehmung seiner Werke sein? Hat jemand von Euch jemals eine Biographie gelesen? Nee, wozu? Alles kann man in Kurzform bei Wikipedia nachlesen, das reicht meistens. Eine pragmatische Erkenntnis einer Elftklässlerin. Wie kann man bei jungen Menschen das Interesse für die Biographie eines vor knapp 300 Jahren lebenden Komponisten wecken? Die ins Buch gefassten Lebensdaten liefern das, was eine kompakte Fassung eines Wikipedia-Textes nicht gibt: spannende Details zum Leben und Wirken des Komponisten, Auszüge aus Briefen, manchmal sogar Fotos. Würde ich freiwillig eine Biografie von Niki Lauda oder Richard von Weizsäcker lesen? Unwahrscheinlich. Die Biographie von Lang Lang hat mich geflasht

und erschüttert zugleich. Ich empfand Mitleid und grenzenlose Bewunderung. Hilft das oder stört es eher, wenn ich jetzt seinen Interpretationen lausche? Unbefangenes Zuhören ist passé. Die dem Haydn-Notenheft der Schüler vorangestellte Biographie des Komponisten wurde von keinem Schüler freiwillig durchgelesen. Eine Viertklässlerin sah zum ersten Mal den Namen Haydn auf dem Deckblatt und sagte spontan: »Wenn man nur zwei Buchstaben in seinem Namen verstellt, kommt dabei HANDY statt HAYDN raus« und lachte vergnügt über ihre Entdeckung. Haydns Name wurde also im Nu von der Klassik ins digitale Zeitalter katapultiert. Warum ist mir selbst das nie aufgefallen? Die Stücke aus dem Heft wurden zwar geübt, aber das Interesse für den Komponisten Haydn begann erst, als ich den Schülern gezielt biographische Informationen gab. Plötzlich fanden sie es interessant, dass alle drei Komponisten, also Haydn, Mozart und Beethoven, sich kannten, dass sie in Wien lebten, dass Mozart Haydn als »Papa Haydn« bezeichnete und ihm riet, nicht nach England zu fahren, weil er »keine Erziehung für die große Welt« hat und »zu wenige Sprachen« spricht. Die Schüler fanden Haydns Antwort: »Meine Sprache versteht man durch die ganze Welt« total clever. »Musik ist universell, das Stück muss durch sich selbst verstanden werden, dafür braucht man nicht unbedingt

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die Biographie des Komponisten zu kennen«, sagte ein Abiturient. Interessant klang für sie, dass Haydn mit Mozart befreundet war, dass Haydn für seinen Erfolg auch von Mozart bewundert wurde und dass Beethoven ein Schüler von Haydn war. Das Leben von Haydn war sehr geregelt im Vergleich zu den hektischen, komplizierten, von Höhen und Tiefen geprägten Lebensläufen eines Mozarts und Beethovens. Eine Schülerin brachte mir erfreulicherweise einen Text aus einer Wiener Ausstellung, in dem ein typischer Tagesablauf im Leben Haydns minutiös beschrieben wurde. Hier ein Ausschnitt: »Nach dem Rasieren kleidete er sich gänzlich an. Wenn ein Scolar während dem Ankleiden bei ihm war, so musste derselbe seine aufgegebene Lektion auf dem Clavier dem Herrn von Haydn vorspielen. Die Fehler wurden sogleich korrigiert, der Schüler deswegen belehrt, und dann ein neues Exempel aufgegeben [...] Punkto 8 Uhr musste das Frühstück auf dem Tische stehen, und gleich nach dem Frühstück setzte sich Haydn zum Clavier und fantasierte, entwarf nebenbey gleich die Skitze von der Composition, dazu war täglich die Zeit von Acht bis halb Zwölf morgens bestimmt.« Die Schüler fanden ihn unvorstellbar langweilig, aber auch gleichzeitig lustig. »Haydn war scheinbar durch nichts abgelenkt, das wäre heute nicht möglich«,

Joseph Haydn (Ölgemälde von Thomas Hardy, 1791)

sagte ein Schüler. Vielleicht auch deshalb konnte Haydn seine 104 Symphonien und 80 Streichquartette komponieren. Sein Leben verlief sehr geregelt, abgeschieden und finanziell abgesichert und bestand kaum aus spannenden, dramatischen Fakten oder Spekulationen, für die sich die Welt damals wie heute brennend interessieren würde. Die heimliche Ausgrabung seines Totenschädels im Jahre 1809, wenige Wochen nach seinem Tod, um sein Gehirn wissenschaftlich zu vermessen, gehört zu den wenigen biographischen Sensationen und weist auf die beginnende Romantik und ihren Geniekult voraus. Doch als Genie galt Haydn nie: Er komponierte scheinbar zu viel. Er wird in Notensammlungen der führenden Musikverlage oft übergangen, als ob

seine Musik nicht repräsentativ genug für seine Epoche wäre. In der Vielzahl seiner Werke werden Haydns musikalische Originalität und sein Ideenreichtum leicht verkannt. Dabei gibt es auf jeder einzelnen Seite eines Stückes eine überraschende Harmonie, eine melodische Wendung, eine besondere rhythmische Idee, die magisch wirken. Der Rest des Stückes ist das, was man aus Hörgewohnheit als »klassisch« erkennt und empfindet. Und das zeichnet seine Musik aus. Diese Stellen will ich gemeinsam mit meinen Schülern entdecken. Und auch wenn sie am Ende Haydn nur als »Papa Haydn« im Gedächtnis behalten, als vertraut und verlässlich, vielleicht etwas altbacken, in einer Welt, in der man sich sonst auf immer weniger verlassen kann, dann ist das gut. Und solange sie ihm nicht den »Türkischen Marsch« zuordnen, bin ich beruhigt. Vielleicht werden sie erst viel später beim Hören oder Spielen eines Stückes von Haydn neugierig auf sein Leben. Claudia Bigos ist Klavierlehrerin in Braunschweig und betreibt musikalische Nachwuchsförderung mit Leidenschaft.

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DIE KÜNSTLER VON SOLI DEO GLORIA ls Wiener Musiker nimmt man viele großartige Möglichkeiten der eigenen Stadt allzu oft als selbstverständlich hin. Wir leben in einem historisch gewachsenen Umfeld: Wenn wir Häuser, Kirchen und Paläste mit Personen und Ereignissen verknüpfen, beginnen sie Geschichten zu erzählen. So wird auch Musikgeschichte lebendig: Die Orte, wo Mozart, Haydn, Schubert, Brahms etc. gelebt und gearbeitet, vor allem aber die Räume, wo sie selbst musiziert haben, sagen uns viel über ihre Werke, aber noch mehr über ihr Musizieren, die Praxis ihrer Aufführungen aus. Seit mehr als 25 Jahren gestalte ich mit meinem Orchester Wiener Akademie einen Zyklus im Großen Saal des Wiener Musikvereins, dem berühmten »Goldenen Saal«. Er wurde 1870, also vor 150 Jahren, eröffnet und war zu seiner Zeit der größte Konzertsaal Wiens. Heute gilt er zurecht als Tempel für Aufführungen jeglicher Musik, akustisch entspricht er dem klanglichen symphonischen Ideal des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Als Beethoven seine symphonischen Werke komponierte und sie alle in Wien uraufführte, gab es diesen Aufführungsort noch nicht. Beethoven, wie auch seine Zeitgenossen, waren angewiesen auf kleinere Säle in Adelspalästen und Gaststätten, auf die Wiener Theater, die an wenigen Tagen im

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Jahr für Konzertaufführungen zur Verfügung gestellt wurden und – bei seltenen Gelegenheiten – auf imperiale Repräsentationsräume wie den Redoutensaal und die spanische Reitschule. Größe und Akustik der Räume waren höchst unterschiedlich: Sie reichten vom kammermusikalisch kleinen Lobkowitzsaal über die staubtrockene Akustik des Theaters in der Josefstadt bis zum fast überakustischen Großen Redoutensaal. Angeregt durch die Forschungen des Berliner Musikwissenschaftlers Stefan Weinzierl, der als erster Beethovens Konzerträume akustisch vermessen und ausgewertet hatte, begannen wir vor fünf Jahren mit dem Vorhaben, alle Sinfonien und Konzerte Beethovens in jenen Räumen aufzuführen und aufzunehmen, in denen er sie selbst gespielt und dirigiert hatte. Sechs der acht Erstaufführungsplätze sind auch heute noch erhalten. Beethovens Konzerte sind gut dokumentiert, wir kennen die von ihm selbst für jede Aufführung an den Raum angepasste Größe des Orchesters. Die klanglichen Ergebnisse

Resound Beethoven

waren für uns frappierend: Ob im großen oder kleinen Saal, in trockener oder klingender Akustik, das Ziel des Komponisten war immer klar erkennbar: Der Klang sollte direkt, elementar den Zuhörer »anspringen«, glättende Nivellierung oder noble Distanz waren nie Ziel des Komponisten. Walter Benjamin spricht von der Aura des Kunstwerks in seiner Einzigartigkeit. Für uns ausübende Musiker erschließt sich diese Aura im Kontakt mit historischen Instrumenten oder Aufführungsräumen: Wenn ich als Spieler an einer Orgel sitze, an der schon Bach musiziert hatte, wenn der Hammerflügel im Klavierkonzert identisch mit dem von Beethoven gespielten Instrument ist, wenn wir in der Alten Universität an jenem Platz musizieren, an dem er dirigiert hatte, dann stellt sich über die klangliche Information hinausgehend ein Gefühl der Annäherung an einen ursprünglichen Klang des Werks ein, wir erhalten wie von selbst eine Fülle von Informationen, die wir für unsere Aufführungen nutzen können. »Resound Beethoven« bedeutet vieles: Suche nach dem ursprünglichen Klang eines jeden Werks. Aufführung auf den Instrumenten, in den Orchesterbesetzungen, auch in den Konzerträumen der Entstehungszeit, aber natürlich Interpretation durch uns heutige Menschen in all unserer subjektiv persönlichen Deutung.  Martin Haselböck

Martin Haselböck DIRIGENT

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as Orchester Wiener Akademie wurde 1985 von seinem künstlerischen Leiter Martin Haselböck gegründet. Der Name des Originalklangorchesters steht international für lebendige Interpretation, Virtuosität und Musikantentum mit speziell »österreichischer Note«. Innerhalb einer stilistischen Bandbreite von Barock bis Frühromantik gilt das Augenmerk neben den großen Meisterwerken auch wiederzuentdeckenden Raritäten und musikalischen Kostbarkeiten wie »La Deposizionedalla Croce« von J.J. Fux, »Il Gedeone« von N. Porpora, oder den »Freimaurermusiken« von W.A. Mozart. Seit über 25 Jahren gestaltet das Orchester Wiener Akademie einen eigenen Konzertzyklus im Wiener Musikverein, in dessen Rahmen das Orchester mit zahlreichen renommierten Gast-Solisten zusammengearbeitet hat. Regelmäßig gastiert das Orchester bei international renommierten Festspielen und Konzertreihen, wie etwa Kissinger Sommer, Enescu Festival Bukarest, Festival St. Prex Classics, Budapester Frühlingsfestival, Grafenegg Festival, Lisztfestival Raiding, Mozartfest Augsburg, Prager Frühling, Schleswig-Holstein-Festival, Wiener Festwochen, Händel-Festspielen Halle, Rheingau Musikfestival und den Beethovenfestivals Bonn und Krakau. Einladungen in die wichtigsten Konzertsäle Europas und der ganzen Welt führten das Orchester u.a. nach München, Frankfurt, New York, Chicago, Peking, Barcelona, Madrid, Amsterdam, Luxemburg, Osaka, Tokyo, Tel Aviv, Buenos Aires, Sao Paolo und Santiago de Chile. Von Anbeginn setzte das Orchester Wiener Akademie auch im Bereich Oper neue Akzente: In Zusammenarbeit mit Hans Gratzer entstanden die szenischen Produktionen Händels »Acis und Galatea« und Gassmanns »La Contessina« für das Schauspielhaus Wien. Bendas »Il buonmarito« und Haydns »Die Feuersbrunst« wurden im Rahmen der Wiener Festwochen, Händels »Radamisto« und »Il trionfo« bei den Pfingst-

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Wiener festspielen Salzburg aufgeführt. Im Rahmen des Klangbogen Wien entstanden Mozarts »Il Sogno di Scipione« und »Il re pastore« im Konzerthaus. Als Festspielorchester der Burgarena Reinsberg feierte das Orchester Wiener Akademie große Erfolge mit Webers »Freischütz«, Beethovens »Fidelio« (DVD bei NCA erschienen), Humperdincks »Hänsel & Gretel« (DVD bei NCA erschienen) und Händels »Acis und Galatea«. Einen weiteren Schwerpunkt bildet der Bereich experimentelles Musiktheater. Mit dem amerikanischen Schauspieler John Malkovich und dem österreichischen Regisseur Michael Sturminger

entwickelte Orchester-Gründer Martin Haselböck die Musikdramen »The Infernal Comedy« und »The Giacomo Variations«. Bis Herbst 2013 waren die Produktionen zusammen in knapp 150 Vorstellungen an 72 Spielorten, darunter Hamburg, Budapest London, Paris, Prag, Warschau, Moskau, Istanbul, Tel Aviv, Buenos Aires, Toronto, Chicago, New York und Rio de Janeiro zu sehen. 2013 wurde »The Infernal Comedy« in der deutschen Fassung mit Burgschauspieler Michael Maertens uraufgeführt. Die Produktion »The Giacomo Variations« mit John Malkovich wurde unter Mitwirkung von Martin Haselböck und dem


DIE KÜNSTLER VON SOLI DEO GLORIA

Akademie Orchester Wiener Akademie im Sommer 2013 verfilmt. Drehort war das Teatro Nacional de São Carlos in Lissabon. Das Orchester wurde von hochkarätigen Solisten wie Florian Boesch, Jonas Kaufmann, Miah Persson, Anna Prohaska, Veronica Ferres, Fanny Ardant begleitet. Neben dem barocken und klassischen Repertoire widmet sich das Orchester in jüngster Zeit auch vermehrt der Aufführung romantischer Literatur im Originalklang. Beim Lisztfestival Raiding – wo das Orchester Wiener Akademie als »Orchestra in residence« fungiert – wird derzeit die erstmalige Gesamtaufführung und -einspielung

aller Orchesterwerke von Franz Liszt im Originalklang umgesetzt. Die ersten sechs CDs dieser »The Sound of Weimar« genannten Serie mit allen Symphonischen Dichtungen und allen Ungarischen Rhapsodien wurden von der internationalen Fachpresse hochgelobt und erhielten neben dem Jun-TokusenAward bereits den zweiten Liszt Ferenc International Grand Prix du Disque in Folge (2011 & 2012). In der Saison 2014/15 begann das Orchester Wiener Akademie unter der Leitung von Martin Haselböck nach langer Vorbereitungszeit eine neue Konzertserie in Wien unter dem Namen RESOUND

Beethoven. Alle Symphonien Beethovens wurden in Wien uraufgeführt. RESOUND Beethoven bringt diese auf Instrumenten ihrer Entstehungszeit erstmals in die prachtvollen Theater und Konzerträume ihrer Premieren zurück. Im Rahmen von RESOUND Beethoven erscheint auch eine Gesamtaufnahme Beethovens Symphonien bei dem Label Outhere Records. Bisher erschienen vier CDs der Serie RESOUND Beethoven unter anderem mit den Symphonien 1 und 2,7 sowie die »Eroica« Symphonie Nr. 3 und Beethovens Egmont mit dem Hollywood-Schauspieler John Malkovich sowie Herbert Föttinger.

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ie Wiener Akademie will nicht nur dem Geist, sondern auch der MusizierPraxis der Beethoven-Zeit so nahe wie möglich kommen. Das betrifft die Größe der Orchester, die Spielweise, die (historischen) Instrumente, aber auch die Größe und Ausstattung der Konzertsäle. Im Herbst 1806 besuchte Beethoven zusammen mit dem Fürsten Lichnowsky den Reichsgrafen Franz Joachim Wenzel von Oppersdorff auf seinem Gut in Oberglogau, und da der Graf ein Musenfreund war, erbat er sich von Beethoven zwei neue Sinfonien. Das sollten die 4. und 5. Sinfonie werden, dem Grafen widmete Beethoven aber nur die vierte. Die Uraufführung erfolgte im März des Jahres 1807 im Palais des Fürsten Lobkowitz in Wien unter der Leitung des Komponisten. Zur ersten öffentlichen Präsentation gelangte das Werk am 15. November desselben Jahres im Wiener Burgtheater. Vor dem »Allegro« des ersten Satzes steht ein einleitendes »Adagio« von 38 Takten, das sich in ein rasendes Crescendo steigert, um plötzlich abzubrechen. Das Thema, dialogisch auf die Violinen und Holzbläser verteilt, tritt piano ein: Ruhe vor dem Sturm. Der bricht acht Takte später los, das Hauptthema wird

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DONNERSTAG, 27. JUNI 2019 20.00 UHR THEATER WOLFSBURG

BEETHOVENSINFONIEN LUDWIG VAN BEETHOVEN (1770 – 1827) SINFONIE NR. 4 B-DUR OP. 60

ADAGIO – ALLEGRO VIVACE ADAGIO MENUETTO TRIO: ALLEGRO VIVACE – UN POCO MENO ALLEGRO ALLEGRO MA NON TROPPO PAU S E

SINFONIE NR. 7 A-DUR OP. 92 POCO SOSTENUTO – VIVACE ALLEGRETTO PRESTO ALLEGRO CON BRIO

MARTIN HASELBÖCK LEITUNG

ORCHESTER WIENER AKADEMIE

1 9. 1 5 U H R GROSSES HAUS KONZERTEINFÜHRUNG MARTIN WELLER

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Der expressive Theaterbau von Hans Scharoun ist der architektonische Glanzpunkt von Wolfsburg.

in einen Tumult gerissen, ein zweites Thema von Akkordschlägen geradezu zerdroschen. Sturmwind faucht durch das Orchester. Dann folgt einer der schönsten Variationssätze Beethovens – ein elysäischer Gesang. Der dritte Satz ist ein sonderbares Menuett, wie es vielleicht im Dorfe getanzt wird, aber nicht bei Hofe. Ludwig XIV., ein Liebhaber der Menuette, hätte sich dabei die Beine gebrochen. Rhythmisch schiebt Beethoven zwei Taktarten durch die Verschiebung der Akzente ineinander und erzeugt eine Art soldatischen Stampftanz. Dann wieder scheint er die klassische Melodik zu vergessen und ersetzt sie durch ein Spiel mit wandernden Echos. Auch der vierte Satz »Allegro ma non troppo« lebt von den Gegensätzen zwischen pianissimo, piano dolce und fortissimo. Die melodischen Linien verschwinden manchmal unter markanten Akkorden. In den letzten Takten hemmen drei Fermaten den Fluss der Musik, bis letzte Donnerschläge diese Gewittermusik beenden. Zählt die 4. Sinfonie B-Dur zu den weniger bekannten, so ist die 7. Sinfonie A-Dur eine der beliebtesten. »Apotheose des Tanzes« hat Richard Wagner sie genannt, und da sie 1812 komponiert wurde, hat mancher Forscher in ihr die antinapoleonischen Kanonen gehört. Die Sinfonie wurde am 8. Dezember 1813, anderthalb Monate nach der Völkerschlacht bei Leipzig, in Wien urauf-


PROGRAMM geführt. Sie erklang zusammen mit der Tondichtung »Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria« im großen Redoutensaal der Wiener Universität als Benefizkonzert zugunsten der Kriegsversehrten und wurde einer der größten Erfolge Beethovens. In einem gewissen Sinne ist die 7. Sinfonie ein Gegenstück zur »Eroica«. Der langsame Satz in beiden Sinfonien ist ein Trauermarsch, doch sie unterscheiden sich voneinander wie ein Staatsakt von einer Totenklage. Die russisch gefärbte Prozessionsweise der 7. Sinfonie ruft das Bild eines von Toten übersäten Schlachtfeldes herbei und erinnert, nicht im Notentext, aber in der Stimmung, an das russische Revolutionslied »Unsterbliche Opfer, ihr sanket dahin«. Aber vielleicht ging es gar nicht darum. 2018 wurde ein bislang unbekanntes Exemplar der Partitur entdeckt, auf dem Beethovens eigenhändige Widmung steht: »Meiner hochverehrten Freundin Antonie

+WERKBESCHREIBUNG

Im Herbst 1806 besuchte Beethoven zusammen mit dem Fürsten Lichnowsky den Reichsgrafen Franz Joachim Wenzel von Oppersdorff auf seinem Gut in Oberglogau, und da der Graf ein Musenfreund war, erbat er sich von Beethoven zwei neue Sinfonien. Das sollten die 4. und 5. Sinfonie werden, dem Grafen widmete Beethoven aber nur die vierte.

Brentano von Beethoven«. War das die »Unsterbliche Geliebte« und die 7. Sinfonie ihr verstecktes Hochzeitskarmen? Die ganze Sinfonie dreht sich um den Ton E, die Dominante der Tonart A-Dur. Der zweite Satz beginnt und endet mit einem Quartsext-Akkord über dem ­Basston E wie ein Rezitativ in einer Oper. Das zweigestrichene E bildete auch bereits den Zielpunkt der Skalenläufe in der langsamen Einleitung des ersten Satzes. Im zweiten Satz stimmt die Bratsche über dem Quartsext-Akkord das Prozessionsthema an, und im Finale erscheint er oktaviert vom Kontrabass bis zur hohen Flöte als ein das Thema fundierender Orgelpunkt. Die finale Tanzweise wird dramatisiert durch die Pauken, die sie 30 Takte mit einem Crescendo-Wirbel grundieren, ehe sie wie abgeschnitten wiederum auf einem Quartsext-Akkord endet. Erst in der Coda findet sich der richtige Schlussakkord A-Dur endlich ein.

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DIE KÜNSTLER VON SOLI DEO GLORIA Der in Berlin lebende israelisch-palästinensische Pianist Saleem Ashkar ist in Nazareth geboren und aufgewachsen. Er studierte in Europa und gab sein New Yorker Carnegie Hall Debut im Alter von 22 Jahren unter Daniel Barenboim – seitdem gilt er als einer der interessantesten Pianisten seiner Generation. Er arbeitet regelmäßig mit Dirigenten wie Riccardo Chailly, Christoph Eschenbach, Zubin Mehta, Riccardo Muti und Daniel Barenboim und mit vielen der führenden Orchester der Welt, u.a. mit den Wiener Philharmonikern, der Staatskapelle Berlin, der Filarmonica della Scala, dem Concertgebouw Amsterdam, dem London Symphony Orchestra, dem Leipziger Gewandhaus, dem NDR Hamburg, dem DSO und dem Konzerthausorchester in Berlin, der Accademia Santa Cecilia in Rom und dem Mariinsky Orchester St. Petersburg. Er spielt in Serien und Konzertsälen wie dem Concertgebouw, der Wigmore Hall, dem Mozarteum Salzburg, und dem Wiener Musikverein, sowie bei den Festivals in Salzburg, den BBC Proms, in Luzern, Ravinia, Rison, Menton und dem Ruhr Klavier Festival. Saleem Ashkar widmet sich intensiv

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In den letzten Jahren habe ich so viel meiner Zeit, Energie und Konzentration dem Spielen und Aufnehmen der kompletten Beethoven-Sonaten gewidmet. Bei weitem das anspruchsvollste Projekt, an dem ich je gearbeitet habe. Sie im Konzert zu spielen, dann ins Studio zu gehen und sie aufzunehmen, ist ein sehr introspektiver Prozess, die Werke dann wieder zu spielen mit einem Gefühl ständiger ­Neuentdeckung, die immer weiter stattfindet. All dies ist wirklich ein ganz besonderes Lebensprojekt. Auf der anderen Seite bin ich sehr privilegiert, eine musikalische Heimat beim Galilee Chamber Orchestra zu haben, wo ich spiele, unterrichte und dirigiere. All dies mit dem wundervollen Gefühl, die Aufgabe zu haben, Musik in meine Geburtsstadt zu bringen und zu Menschen, die sonst keinen Zugang zu klassischer Musik hätten. Wir haben in den letzten zehn Jahren so vieles erreicht, auf das ich stolz bin!

Recitals und Kammermusik, eine langjährige musikalische Partnerschaft verbindet ihn u.a. mit Nikolaj Znaider. Sein aktueller Schwerpunkt liegt auf Gesamtzyklen der Beethoven-Sonaten, nach seiner Idee veranstaltet vom Konzerthaus Berlin in 2016/17, sowie in Israel, Prag, beim Morgenland Festival Osnabrück und in Duisburg. Höhepunkte der Saison 2018/19 sind u.a. Konzerte mit dem Orchestre de la ­Suisse Romande, dem Konzerthausorchester Berlin und dem Bournemouth Symphony Orchestra, sowie eine Japan-Tournee und Recitals u.  a. beim Rheingau-Festival, in der Elbphilharmonie und im Bonner Beethovenhaus. Neben seiner gerade entstehenden Gesamtaufnahme aller Beethoven-Sonaten umfassen seine CD-Produktionen für DECCA Aufnahmen beider Klavierkonzerte von Mendelssohn mit Riccardo Chailly und dem Leipziger Gewandhausorchester, sowie Beethovens 1. und 4. Klavierkonzert mit dem NDR-Sinfonieorchester unter der Leitung von Ivor Bolton; für EMI nahm er eine CD mit Mozart, Schubert und Brahms-Sonaten auf. Als Botschafter des »Music Fund« unterstützt Saleem Ashkar Musiker und Musikschulen in Entwicklungsländern und Krisengebieten.

Saleem Ashkar KLAVIER

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n diesem Programm sind jeweils zwei Sonaten von Haydn und Beethoven einander gegenübergestellt: Haydns Klaviersonate D-Dur von 1780 der zweiten Sonate in C-Dur aus Beethovens Haydn gewidmetem Opus 3 von 1795, und Haydns »Andante con Variazioni« von 1793 der »Appassionata« von 1804/05. Der klassische Wiener Sonatenstil erwuchs aus der italienischen Opera buffa. Geschwindigkeit, Temperament, Wechsel der Stimmungen, kühne Modulationen zeichnen die frühen Sonaten aus. Sie sind ein Kind des Theaters; sie wollen unterhalten, erzählen, verführen, düpieren, scherzen, lachen und weinen. Dieses »Instrumentaltheater« wird in Haydns D-Dur-Sonate mit dem spritzigen Buffo-Thema am Beginn zum Ereignis. Die Durchführung entfaltet die Komödie. Das Thema des Finales beschwört gar den Wiener Gassenhauer. Das »Largo e sostenuto« ist dagegen ein strenger vierstimmiger Quartettsatz und eine elegische Klage, die im gestaltlosen piano versinkt. Sturm ist das vorherrschende Element in Beethovens Haydn gewidmeter CDur-Sonate op. 2/3. In der Erfindung der Themen hält er sich an das Haydnsche Vorbild, doch die »klassische« Form

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SONNTAG, 30. JUNI 2019 17.00 UHR RITTERSAAL SCHLOSS GIFHORN

HAYDN-BEETHOVENREZITAL JOSEPH HAYDN (1732 – 1809) SONATE D-DUR, HOB.XVI:37 ALLEGRO CON BRIO LARGO E SOSTENUTO FINALE: PRESTO MA NON TROPPO

LUDWIG VAN BEETHOVEN (1770 – 1827) SONATE NR. 3 IN C-DUR, OP. 2, NR. 3 (HAYDN GEWIDMET) ALLEGRO CON BRIO ADAGIO SCHERZO. ALLEGRO ALLEGRO ASSAI PAU S E

JOSEPH HAYDN ANDANTE CON VARIAZIONI F-MOLL HOB.XVII:6 LUDWIG VAN BEETHOVEN SONATE NR. 23 F-MOLL, OP. 57 (»APPASSIONATA«) ALLEGRO ASSAI ANDANTE CON MOTO ALLEGRO

SALEEM ASHKAR KLAVIER

16.00 UHR KONZERTEINFÜHRUNG CLAUDIA BIGOS

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ignoriert er, indem er im ersten Satz (Allegro con brio) zwischen die thematischen Takte einen Orkan von Oktavenläufen und Figurenwerk geradezu einmontiert. Aus der Sonate erwächst der Konzertstil, und der Satz endet wie ein Klavierkonzert mit einer virtuosen Kadenz. Im Adagio folgt auf das nach Haydns Vorbild geformte E-Dur-Thema ein bewegter Mittelteil in Moll, ein Lied ohne Worte mit sehnsuchtsvollen Seufzer-Motiven. Auch im Trio des raschen Scherzos erahnen wir diese Mondschein-Töne. Im Finale schließlich kann der Pianist sein Können voll entfalten. Der Schüler läuft seinem Lehrer davon. Wie Haydn Beethoven den Weg bahnte, demonstrieren dessen f-Moll-Variationen von 1773. Man hat vermutet, dass sie unter dem Eindruck des plötzlichen Todes von Maria Anna Genzinger entstanden, seiner großen heimlichen Liebe. Er selbst bezeichnete die Variationen als »Sonate«, dann wäre sie allerdings eine unvollendete, der wie Schuberts »unvollendeter« Sinfonie drei Sätze fehlen. Die Variationen wären darin der langsame zweite Satz. Zwei elegische Themen in f-Moll und F-Dur werden in zwei Variationen mit elegischen Fiorituren ausgearbeitet. Die schließen»Wasserpiele II« nennt Petra Förster ihre zwei Figuren, die seit 2000 aus einem Wassergraben auf das Gifhorner Schloss blicken.


PROGRAMM de Coda unterstreicht den tragischen Charakter dieses Memorials. In Beethovens op. 57, ebenfalls in f-Moll, vereinigen sich die Elemente der klassischen Sonate zu einem grandiosen Drama. Der Beiname »Appassionata« (die Leidenschaftliche) hat ein Hamburger Verleger erfunden; das entsprach dem Zeitgeschmack, der Beethovens unbetitelten Werken gern bildliche Beinamen verlieh (»Mondschein-Sonate«, »SturmSonate«, »Schicksalssinfonie«). Der musikalische Orkan, der sich bereits in der C-Dur-Sonate als neues strukturelles Element andeutete, kommt in der »Appassionata« voll zum Ausbruch. Zwei »Sturm«-Sätze umschließen ein prozessionsartiges, ernstes »Andante con moto« mit vier Variationen, das an Haydns f-Moll-Variationen erinnert. Am Anfang steht jedoch ein in dieser Wildheit noch nie dagewesenes Allegro assai. Es beginnt harmlos und einstimmig – ein gebrochener

+WERKBESCHREIBUNG

Wie Haydn Beethoven den Weg bahnte, demonstrieren dessen f-Moll-Variationen von 1773. Man hat vermutet, dass sie unter dem Eindruck des plötzlichen Todes von Maria Anna Genzinger entstanden, seiner großen heimlichen Liebe.

f-Moll-Dreiklang, erst fallend, dann steigend. Einen Ton höher wird er wiederholt, ein neues Moment mischt sich ein, uns vertraut als »Schicksalsmotiv« aus der 5. Sinfonie. Fünfmal klopft es »an die Pforte« und beschwört den Sturm. Der bricht alsbald los. Das Thema, nun auch in einer Dur-Gestalt auftauchend, kommt nie zu einem regulären Schluss. Es scheint sich zu entfernen. Am Beginn der Reprise ertönt es sogar »piano dolce«, also zärtlich und süß, und verströmt nach einer rasanten Kadenz im tiefsten Klanggrund. Von jetzt an taucht es nicht mehr auf, und auch der dritte Satz, das Finale, muss ohne es auskommen. Eigentlich gibt es in diesem Finale kein gestaltetes Thema, sondern Etüden-Figuren von unheimlicher Geschwindigkeit, doch unter den Fingern des Pianisten ersteht daraus eine ganze Welt. Dieses Finale klingt, als hätte Mephisto persönlich Beethoven die Feder geführt.

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Mit seiner siebenhundertjährigen Geschichte stellt sich das Rittergut Bisdorf heute als ein Ort dar, an dem Traditionsbewusstsein, moderne Landwirtschaft und engagierte Kulturförderung eine harmonische Verbindung eingehen.

Schafstall Bisdorf

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BEI SOLI DEO GLORIA GABEN SICH DIESE KÜNSTLER IM SCHAFSTALL DIE EHRE KONZERTE 2006 | Blechbläser der Akademie für Alte Musik Berlin 2008 | Evgeni Koroliov, Klavier 2009 | Evgeni Koroliov, Klavier 2011 | Yaara Tal und Andreas Groethuysen, Klavier KUNST BEGEGNET MUSIK 2012 | Douglas Gordon mit dem Amadeus Kammerorchester des Polnischen Rundfunks Posen 2013 | Andreas Slominski mit Konstantin Lifschitz, Klavier 2014 | Elger Esser mit Christiane Oelze, Sopran 2015 | Erwin Wurm mit Ragna Schirmer, Orgel 2016 | Georg Baselitz mit Kolja Blacher Cello und Jens-Peter Maintz, Violine 2018 | Daniel Richter mit dem Atrium Quartett

In traditionsreichen Gebäuden finden heute Konzerte, Feiern und Veranstaltungen verschiedenster Art einen stilvollen Rahmen.

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m sogenannten Hasenwinkel gelegen, wurde Bisdorf 1318 erstmalig als »bischopesdorp« im Lehnbuch des Herzogs Otto von Braunschweig erwähnt. In den folgenden Jahrhunderten gehörte Bisdorf zum Besitz der Familie von Bartensleben, der sich um die Wolfsburg konzentrierte. Besitzerfolgen und Bewirtschaftung waren somit eng mit der Wolfsburger Herrschaft verbunden. Durch die Ehe-

burgischen Grundbesitzes zum Bau des Volkswagenwerkes und der heutigen Stadt Wolfsburg. Auf diesem Wege verlor die Familie 1938 u.a. die Flächen von Gut Wolfsburg mit den dazugehörigen Ländereien, während Bisdorf als einer von drei Höfen in Schulenburgischer Hand verblieb. Nachdem die Familie die Wolfsburg 1942 als Lebensmittelpunkt aufgegeben hatte, bezog sie für kurze Zeit das neu errichtete Schloss Neumühle. 1945, vor dem Abzug der briti-

Wo einst die Schafe blökten, sind heute weltbekannte Künstler anzutreffen.

schen Truppen und dem Einzug der Roten Armee, flüchtete sie in das zum ehemaligen Herzogtum Braunschweig gehörende Rittergut Nordsteimke. Erst im August 1995, mit dem Einzug von Günther Graf von der Schulenburg, wurde Gut Bisdorf Wohnsitz der Familie. Wurde hier bis 1972 noch eine 240 Kopf große Milchviehherde und Vorzugsmilch-

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schließung mit der letzten von Bartensleben brachte General Adolf Friedrich von der Schulenburg (1685-1741) den Wolfsburger Besitz vor 300 Jahren in seine Familie. Auch die Bisdorfer Angelegenheiten wurden von der Wolfsburg aus geregelt, die für die Grafen von der Schulenburg-Wolfsburg gleichermaßen Wohnsitz und Wirtschaftszentrum war. Einschneidende Änderungen fielen in die Lebenszeit von Günther Graf von der Schulenburg (1891-1985). In den 30er Jahren beanspruchte die »Gesellschaft zur Vorbereitung des deutschen Volkswagens« Teile des Schulen-

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produkte für die Belegschaft des Volkswagenwerkes in Wolfsburg produziert, gilt das Interesse des heutigen Eigentümers, Günther Graf von der Schulenburg, dem konventionellen Ackerbau, der Forstwirtschaft und der Jagd. Über die letzten 25 Jahre wurden alle Gebäude des Gutes renoviert und der 1905 errichtete und 1955 erweiterte Schafstall unter Bewahrung des ursprünglichen Gebäudecharakters in eine Konzert – und Veranstaltungsstätte umfunktioniert. 1992 erwies sich das Gebäude erstmals als ideale Kulisse für Konzerte und Ausstellungen weltbekannter Künstler. Wo einst die Schafe blökten, konzertierte zur Eröffnung Starpianist Ivo Pogorelich; es folgten Konzerte im Rahmen von Braunschweig Classiscs mit dem renommierten Tokio String Quartett, Lazar Berman und u. a. Grigori Sokolov. Seit 2012 eröffnet hier »Kunst begegnet Musik« das Soli Deo Gloria – Braunschweig Festival. Zum Auftakt inszenierte der schottische Videokünstler Douglas Gordon sein Filmkunstwerk »k.364«, synchron zur Live-Aufführung des Mozart-Werkes mit ebenjener Köchelverzeichnis-Nummer. Mit Georg Baselitz (2016) und Daniel Richter (2017) zeigten bereits zwei der wichtigsten deutschen Gegenwartskünstler eine Auswahl ihrer Werke im Schafstall. Wird es unter dem freiliegendem Dachgebälk einmal zu heiß, ziehen Künstler und Publikum kurzerhand vor die Tür: 2015, gemeinsam mit dem österreichischen Künstler Erwin Wurm, verwandelte die namhafte deutsche Pianistin Ragna Schirmer die Wiese des Rittergutes Bisdorf in einen außergewöhnlichen Freiluft-Konzertsaal. Ausstellung im Foyer des Schafstall Bisdorf.


S O L I

D E O

G L O R I A

I N T E R V I E W

Die Förderung von Kultur sehen wir als Bestandteil unseres unternehmerischen Engagements. DR. TOBIAS WARWEG HDI hat Soli Deo Gloria erstmals 2018 im Rahmen des »Kunst + Musik«-Projektes mit Daniel Richter in Bisdorf unterstützt. Wie haben Sie die Veranstaltung in Erinnerung? Als eine Begegnung von Menschen, die sich herausfordern lassen wollten und die um die große Bedeutung von Kunst und Musik für jede gesellschaftliche Weiterentwicklung wissen.

Welche Rolle spielen Musik und Kunst in Ihrem Leben, beruflich und privat? Sensibler und nicht stumpfer werden – Anstöße zu dieser permanenten Weiterentwicklung suche ich in Kunst und Musik. Besonders gerne höre ich Bach, Mozart und Elgar.

Was hat Sie dazu bewogen, die Partnerschaft mit Soli Deo Gloria bis einschließlich 2020 zu verlängern? Warum sollte HDI das nicht tun nach den vielen erfolgreichen Veranstaltungen in den letzten Jahren? Graf von der Schulenburg hat ein wunderbares Festival etabliert: Die Förderung von Kultur sehen wir als Bestandteil unseres unternehmerischen Engagements. Eine inhaltliche Verbindung

Auf welche Veranstaltung im Rahmen der Festivalsaison 2019 freuen Sie sich besonders? Ich bin wild entschlossen, die meisten Veranstaltungen in diesem Jahr zu besuchen und freue mich auf jede einzelne. Der Start im Juni ist ein inspirierendes Wochenende. Der Windsbacher Knabenchor wird uns zur Weihnachtszeit eine besondere Freude bereiten.

herzustellen zwischen HDI und der dargestellten Kunst mit der bewegenden Musik wäre vermessen.

Dr. Tobias Warweg, Vorstand HDI Vertriebs AG, will möglichst viele Veranstaltungen besuchen.

Der richtige Ton bei Vorsorge und Versicherung. www.hdi.de

HDI wünscht allen Besuchern des Soli Deo Gloria entspannten Musikgenuss.

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Das festliche Ereignis

Windsbacher Knabenchor SAMSTAG, 21. DEZEMBER 2019 | 18.00 ST. MARTINI BRAUNSCHWEIG JOHANN SEBASTIAN BACH WEIHNACHTSORATORIUM KANTATEN 1-3 U. 6 WINDSBACHER KNABENCHOR DEUTSCHE KAMMER-VIRTUOSEN BERLIN LYDIA TEUSCHER SOPRAN WIEBKE LEHMKUHL ALT PATRICK GRAHL TENOR THOMAS E. BAUER BASS

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KANTATE I JAUCHZET, FROHLOCKET (ERSTER WEIHNACHTSTAG) KANTATE II UND ES WAREN HIRTEN IN DERSELBEN GEGEND (2. WEIHNACHTSTAG) KANTATE III HERRSCHER DES HIMMELS, ERHÖRE DAS LALLEN (3. WEIHNACHTSTAG) KANTATE VI HERR, WENN DIE STOLZEN FEINDE SCHNAUBEN (EPIPHANIAS/6. JANUAR)


r gehört zu den besten seiner Art: Der Windsbacher Knabenchor besticht durch die Synthese von Musikalität, Vielseitigkeit, Genauigkeit und Reinheit des Klangs. Die Musik fängt bei ihnen dort an, wo sie für andere aufhört: hinter der schönen Oberfläche«, schwärmte beispielsweise die Frankfurter Rundschau. Im kleinen fränkischen Windsbach beheimatet ist der Knaben-

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chor auf sämtlichen nationalen wie international bedeutenden Bühnen zu Gast und einem weltweiten Publikum bekannt. Renommierte Ensembles wie das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin oder die Akademie für Alte Musik Berlin (Akamus) arbeiten gern mit dem Chor zusammen. Sein musikalischer Schwerpunkt liegt auf der geistlichen Musik, wobei das Repertoire von der Renaissance bis zur Moderne reicht. Da-

bei ist Bachs Weihnachtsoratorium fest im Weihnachtsprogramm der Windsbacher verankert. Unter der künstlerischen Leitung von Martin Lehmann sind die Kantaten I-III und VI zu erleben, dieses Mal in der bewährten Zusammenarbeit mit den Deutschen KammerVirtuosen Berlin und den Solisten Lydia Teuscher (Sopran), Wiebke Lehmkuhl (Alt), Patrick Grahl (Tenor) und Thomas E. Bauer (Bass).

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Veranstalter: Soli Deo Gloria – Braunschweig Festival Verein zur Förderung der Feste Alter Musik im Braunschweiger Land e.V. Haus der Braunschweigischen Stiftungen Löwenwall 16, 38100 Braunschweig www.solideogloria.de Vorstand: Günther Graf von der Schulenburg, Künstlerischer Direktor Hans Reimann, Kaufmännischer Direktor Dr. Anja Hesse Tobias Henkel Julius von Ingelheim in Kooperation mit: Cm Reimann GmbH Adlershofer Straße 6, 12557 Berlin Kuratorium: Ulrich Markurth, Benita von Maltzahn, Gerhard Döpkens, Julien Mounier, Nikolaus Külps, Knud Maywald, Elisabeth Pötsch, Claas Schmedtje, Werner Schilli, Dr. Wolf-Michael Schmid, Thomas Stieve, Prof. Dr. Christoph Stölzl Einführungen: Dr. Gerhard Müller Redaktion: Katharina Szovati, Claudia Reimann Layout: Siegmar Förster (www.sfbdesign.de) Titelfoto: Paolo Morello

Bildnachweis: Astrid Ackermann (S. 22/23) Florian Appe (S. 44/45) Lukas Beck (S. 24) David Ellis (S. 18) Kemal Mehmet Girgin (S. 17) Andreas Greiner-Napp (S. 5, 6 ,7, 46) Gerald Grote/Braunschweig Stadtmarketing GmbH (S. 26) Thomas Hardt (S. 42) HDI Vertriebs AG: (S. 47) Meinrad Hofer (S. 35) aufJermies klassischen Luidmila (S. 28/29)Pfaden, wie die alten Meister, di Christian Kargl (S. 24) unaufgeregte, solide Geldanlage. Als lizensiert Kaupo Kikkas (S. 24) Lars Landmann (S. 38) verwalter unserer Region arbeiten wir mit einem eig Michael Leis (S. 13) Mila Pavan (S. 48/49) team, sind selbstbestimmt und zum Anfassen. W Stephan Polzer (S. 36/37) Lukasz Rajchert (S. 20/21) fürSangare Sie da,(S.insbesondere, wenn die Märkte ansp Jeremy 41) Uwe Walter (S. 9, 11)

Wir komponieren für Sie …

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E I N Z E L F Ö R D E R E R N D I E

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Redaktionsschluss: 23. April 2019 Bild – und Tonaufnahmen sind nicht gestattet. Programm – und Besetzungsänderungen vorbehalten.

K U LT U R P A R T N E R

MEDIENPARTNER


FOTO: ANDREAS GREINER-NAPP

Tradition bewahren – Zukunft fördern Die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz trägt die reiche Geschichte einer selbstbewussten Region in der Mitte Europas in die Zukunft. Sie ist lebendiges Beispiel dafür, dass traditionell und modern, zukunftsorientiert und historisch keine Gegensätze sind. Seit ihrer Gründung im Jahr 2005 vereint die Stiftung unter ihrem Dach den Braunschweigischen Vereinig-

ten Kloster- und Studienfonds und die Braunschweig-Stiftung. Aus den Erträgen des Teilvermögens Braunschweigischer Vereinigter Klosterund Studienfonds unterstützt die Stiftung kirchliche, kulturelle und soziale Projekte. In den Genuss der Zuwendungen aus dem Teilvermögen der Braunschweig-Stiftung kommen die Technische Universität, das Braunschweigische Landesmuse-

Erfolgsmodell Stiftung Die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz ist seit der Errichtung des Klosterfonds 1569 eine Erfolgsgeschichte. Immer wieder hat die Intention Herzog Julius’ als Begründer der Stiftung ihre Kraft entfaltet: ein großes Vermögen zu widmen und nachhaltig für die Zukunft zu bewahren. Und in eben dieser Tradition ist

auch die Entscheidung von Niedersächsischem Parlament und Landesregierung im Jahr 2004 zu sehen, als das neue Dach für die überkommenen Vermögen geschaffen worden ist. Die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz ist in jeglicher Hinsicht ein Erfolgsmodell – ein Braunschweigisches Erfolgsmodell!

um und das Staatstheater Braunschweig. So bewahrt und fördert sie seit 1569 die kulturelle und historische Identität des ehemaligen Landes Braunschweig und sichert die Grundlagen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung in dieser Region. Außerdem hat sie für das Land Niedersachsen die Organisation der regionalen Kulturförderung übernommen.


Kultur fรถrdern. Perspektiven erรถffnen.

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Soli Deo Gloria Magazin 2019  

Das Soli Deo Gloria - Braunschweig Festival im Zeichen von Haydn und Beethoven. Alle Künstler, alle Konzerte.

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Das Soli Deo Gloria - Braunschweig Festival im Zeichen von Haydn und Beethoven. Alle Künstler, alle Konzerte.

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