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Marion E. Preuß

N B UR A E T I P U O EN EINE  RAUMPHÄNOMENOLOGISCHE  ANALYSE DES  STADTMYTHOS  BEI  ERNST  JÜNGER


Marion E. Preuß

Urbane Utopien Eine raumphänomenologische Analyse des Stadtmythos bei Ernst Jünger

Schwabe Verlag


Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Marbacher Literaturarchivs Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages Klett-Cotta – J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart Klett-Cotta Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Delikatess Tonträger

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2020 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Helenaa/shutterstock.com Umschlaggestaltung: STROH Design, Kathrin Strohschnieder, Oldenburg Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4210-7 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4215-2 DOI 10.24894/978-3-7965-4215-2 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Meiner Familie und dem Glauben an die Liebe und die Verantwortung, in dem sie mich hat aufwachsen lassen: Helmut, Elisabeth, Anja und Laura PreuĂ&#x;, Sandra Hirzer, Josef und Elisabeth StĂśberl


Dank

Das vorliegende Buch wurde im Oktober 2019 als Inaugural-Dissertation am Germanistischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München eingereicht und im Frühjahr 2020 für die Publikation überarbeitet. Möglich waren diese Forschungen unter anderem durch ein Stipendium des Marbacher Literaturarchivs und des Erasmus+-Programms für einen Forschungsaufenthalt in London. Besonders danken möchte ich meinem Doktorvater Markus May. Seine Forschungen und sein Denken haben mich in den letzten zehn Jahren entscheidend geprägt. Er hat mich immer darin bestärkt, kritisch zu bleiben und zu hinterfragen, mir den Weg für meine Forschungen geebnet und den Rücken freigehalten. Nicht zuletzt gab er mir wichtige Impulse für meine Arbeit. Auch möchte ich Rüdiger Görner danken. Seine Forschungskolloquien, Seminare und sein politisches Engagement waren für mich eine Quelle der Inspiration und haben meiner Arbeit eine neue Richtung gegeben. Seine Unterstützung in meiner Zeit an der Queen Mary University in London war sehr wertvoll für mich. Nicht zuletzt danke ich Sven Hanuschek und Claudia Agne, die mir meine Zeit in London mit Erasmus+ ermöglichten, sowie dem Marbacher Literaturarchiv für die freundliche Betreuung während meiner Rechercheaufenthalte. Weiterhin danke ich meiner Familie, die mich immer unterstützt hat. Helmut Preuß besonders für seine Anmerkungen, Hinweise und Anregungen, Elisabeth Preuß für ihr scharfes Auge, Sandra Hirzer für ihren bestärkenden Zuspruch, Laura Preuß, weil sie mir immer zeigt, wie wertvoll die kleinen Dinge des Lebens sind. Vor allem danke ich meiner Schwester Anja Preuß und Felicia Brembeck, weil sie im Sinne Hannah Arendts verstehen. Darüber hinaus danke ich Jana Riedel und Eric Schumacher für all die Gespräche, ihren Rat und ihre Freundschaft. Giulia Ascoli und Dominika Kolibárová danke ich für ihre unvergessliche Unterstützung und die Zeit in


8

Dank

London und danach, Veronika Schwemmer für ihr tiefes Verständnis, Sirin und Matthias Wimmer für ihren bedingungslosen Zuspruch, Dr. Christoph Selzer für die erheiterenden Gespräche über Nicolás Gómez Dávila und Carl Philipp Emanuel Bach und seine beständige Unterstützung und Freundschaft über die Jahre. Auch danke ich Caterina Schürch, Sabine Kayser, Christian Joas, Michael Schuster und Robert Hermann für ihr offenes Ohr.


Inhalt

Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

7

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

13

1. Die Phänomenologie des Mythos in Ernst Jüngers Stadtutopien

23

Forschungsstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

31

Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

37

1.1.

Raumphänomenologie als Ausdruck poetologischer und ästhetischer Verfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1.1. Philosophischer Exkurs: Der Ursprung der Phänomenologie mit Blick auf den Raum . . . . . . . . . . . . . . . 1.1.2. Edmund Husserls Philosophische Phänomenologie . . . . . . . . 1.1.3. Gaston Bachelards Phänomenologie des Raums als Ausdruck dichterischer Imagination . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1.4. Gaston Bachelards Poetik des Raums in Analogie zu Ernst Jüngers Dichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

38 44 56 66 77

1.2.

Ernst Jüngers Mythos als ontologische und raumphänomenologische Kategorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 1.2.1. Ernst Jüngers «Arbeit am Mythos» als Stiftung von Bedeutsamkeit und Lebenssinn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 1.2.2. Die räumlichen und zeitlichen Wirkungsmittel des Jünger’schen Mythos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104

1.3.

Der Stadtraum als mythischer Bezugsraum in Ernst Jüngers Werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128


10

Inhalt

1.3.1. Das urbane Grauen in Ernst Jüngers publizistischem und literarischem Frühwerk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 1.3.2. Die Gestalt im Stadtraum als Vorausdeutung des Mythos im Arbeiter (1932) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 1.3.3. Der Mythos und seine Phänomene in Jüngers Essayistik nach 1945 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154 1.4.

Zwischenresümee: Jüngers mythisches Denken als raumphänomenologische Kategorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172

2. Ernst Jüngers mythisches Weltmodell – eine Rekonstruktion . . 175

2.1.

2.2.

2.3.

Mythische Geschichtsphilosophie als eschatologische Kontingenzbewältigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.1.1. Die Neue Mythologie der Frühromantik und ihre Wurzeln bei Giambattista Vico . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.1.2. Die Verabsolutierung des romantischen Mythos zum europäischen Nihilismus bei Friedrich Nietzsche . . . . . . . . . 2.1.3. Die Einflüsse der Kulturzyklentheorie nach Oswald Spengler auf Ernst Jünger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Jüngers Mythos vom Neuen Nationalismus zum Titanismus des 21. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.1. Ernst Jünger und der Reichsmythos der Neuen Nationalisten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.2. Ernst Jüngers titanisch-mythischer Antagonismus als ästhetischer Erlösungsmythos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.3. Das titanische 21. Jahrhundert – Ernst Jüngers Prognose . .

181 184 192 199 204 211 215 220

Zwischenresümee: Herkunft und Stationen des Mythos bei Ernst Jünger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223

3. Die raumphänomenologische Analyse der mythischen Stadtutopien Ernst Jüngers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225

3.1.

Das Raummosaik Auf den Marmorklippen: ein mythisches Grundmodell (1939) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228 3.1.1. Die Rautenklause und die sammelnden Brüder . . . . . . . . . . 233


Inhalt

3.1.2. 3.1.3. 3.1.4. 3.1.5. 3.1.6.

Die Stadt an der Marina und die Winzer . . . . . . . . . . . . . . . . Die wilde Campagna und die Hirten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Hohe Wald und der Oberförster . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Hochebene Alta Plana und die Bauern . . . . . . . . . . . . . . Resümee zum mythischen Modell der Marmorklippen . . . .

243 245 248 254 256

Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt (1949) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.1. Topologisches Foreshadowing: die insularen Chronotopoi Castelmarino und Vinho del Mar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.2. Die mythische Sonnenstadt Heliopolis . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.3. Vom weltlichen Stadtraum in den göttlichen Weltraum: Der Gang über die Linie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.4. Resümee zur mythischen Raumkonzeption von Heliopolis .

259

3.3.

Eumeswil. Ein Planspiel (1977) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.1. Die posthistorische Epigonenstadt Eumeswil . . . . . . . . . . . . 3.3.2. Der mythische Waldgang des Anarchen . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.3. Resümee zur mythischen Raumkonzeption von Eumeswil .

309 316 336 338

3.4.

Aladins Problem (1983) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.1. Die Friedhöfe als kulturmorphologische Raumphänomene bei Ernst Jünger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.2. Friedrich Barohs Gang über die Linie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.3. Resümee zur mythischen Raumkonzeption in Aladins Problem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

341

3.2.

265 273 299 306

349 362 364

4. Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367 5. Literaturangaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373

Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373 Primärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Publizistische Schriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weitere Werke und Bildbände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Briefwechsel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nachlass Marbacher Archiv . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Illustrationen und Radierungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

374 374 375 375 375 376

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Inhalt

Sekundärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Allgemeine Literatur und erläuternde Theorietexte . . . . . . . . . . . . Zur Phänomenologie und zu Ernst Jünger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erläuternde Quellen aus dem Internet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

376 376 383 392


Vorwort

«Denk ich an Deutschland in der Nacht, Dann bin ich um den Schlaf gebracht, Ich kann nicht mehr die Augen schließen, Und meine heißen Tränen fließen.» Heinrich Heine, Nachtgedanken

Die aktuelle politische und gesellschaftliche Regressionsstimmung legt sich wie ein Schatten auf Europa und seine Mitgliedsstaaten.1 Infolge einer wachsenden Demokratiemüdigkeit, die ihre Ursachen unter anderem im ökonomischen Ungleichgewicht, im Kontrollverlust über die eigene Volkswirtschaft, in sozialstaatlichen Problemen, der wachsenden Globalisierung,2 ferner in einer generellen Orientierungslosigkeit und (medial oft noch gestreuten) Zukunftsangst hat, werden «Rechtsstaatlichkeit, deliberative Rationalität und politische Geduld»3 enorm strapaziert. Wahlen entwickeln sich zunehmend zum Vehikel, demokratiekritischen Parteien und Autokraten Machtanteile zu übertragen.4 Die großen Flüchtlingsbewegungen seit 2015 und die Terroranschläge des IS in verschiedenen europäischen Städten ha1 Vgl. hierzu den Sammelband: Heinrich Geiselberger (Hg.): Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit. Berlin 2017. Der Band versammelt kritische Aufsätze zur aktuellen Debatte über den Rechtspopulismus, die Verrohung der politischen Kultur, die einsetzende Demokratiemüdigkeit und den Aufstieg autoritärer Regime von Bruno Latour, Eva Illouz, Zygmunt Bauman, Slavoj Ž iž ek und anderen. 2 Vgl. Arjun Appadurai: Demokratiemüdigkeit. In: Heinrich Geiselberger (Hg.): Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit. Berlin 2017, S. 19–30. 3 Ebd., S. 28. 4 Ebd., S. 29.


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Vorwort

ben Zweifel an der Europäischen Union und der Wehrhaftigkeit demokratischer Regierungssysteme aufkommen lassen. Ein «Ruck nach rechts» ist zu verzeichnen, auch in Deutschland.5 Evident ist in diesem Zuge die Restauration nationalistischer beziehungsweise rechtskonservativer Gedanken durch die sogenannte Neue Rechte, die bereits seit den Siebzigerjahren in Abgrenzung zur 68er-Bewegung6 in einem metapolitischen Sinne, das heißt, in einem kulturell bedingten, vorpolitischen Raum, eingesetzt werden – und Wirkung zeigen. Den ideologischen Boden bieten dabei die Theorien rechter Intellektueller und Vordenker. Sie «liefern die Stichworte und Theoreme, die wiederum in die Verlautbarungen der populistischen Parteien und Organisationen fließen.»7 Dazu zählen unter anderem die Werke Oswald Spenglers, Arthur Moellers van den Bruck, Armin Mohlers, Carl Schmitts, George Sorels und der Brüder Friedrich Georg und Ernst Jünger. Besonders Ernst Jüngers Werk hat seit den Achtzigerjahren in rechtsintellektuellen Kreisen eine nachhaltige Renaissance erfahren. Seine Schriften werden gern in Zeitungen und Zeitschriften wie der Jungen Freiheit oder der Sezession aufgegriffen und als Leitbild des Konservatismus8 ausgewiesen. «Seine ‹Verherrlichung der elementaren Kraft des Krieges› wird als ‹angebliche› verharmlost, die zugunsten des Mythos vom neuen unbürgerlichen Menschen […] zurücktreten müsse.»9 Die Denkfabrik der Neuen Rechten, das von Götz Kubitschek gegründete Institut für Staatspolitik (kurz: IfS),10 weist Jünger explizit als Vordenker einer «intellektuellen Rechten der Nachkriegszeit»11 aus. Einzelne seiner Werke wie Das Abenteuerliche Herz, Der Arbeiter, der demokratiekritische Roman Heliopolis und der Essay Der Waldgang spielen

5 Vgl. Klaus-Peter Hufer: Neue Rechte, altes Denken. Ideologie, Kernbegriffe und Vordenker. Weinheim 2018, S. 7. 6 Vgl. ebd., S. 16. 7 Ebd., S. 18. 8 Vgl. Götz Kubitschek: Die Strahlkraft der KR. In: Sezession. Band 44 (2011), S. 8–13. 9 Klaus Kornexl: Das Weltbild der Intellektuellen Rechten in der Bundesrepublik Deutschland. Dargestellt am Beispiel der Wochenzeitschrift JUNGE FREIHEIT. München 2008, S. 81. 10 Vgl. hierzu die Homepage des IfS: https://staatspolitik.de/ [abgerufen am 27. 04. 2020] 11 Erik Lehnert/Karlheinz Weißmann (Hgg.): Staatspolitisches Handbuch. Vordenker. Band 3. Schnellroda 2012, S. 7.


Vorwort

eine besondere Rolle.12 Die Identitäre Bewegung verkauft T-Shirts mit Jüngers Konterfei,13 die rechte, umstrittene Neofolk-Bewegung vertont seine Texte, oft auch in Unkenntnis seiner Person und seiner Schriften.14 Im Zuge dessen spricht die Forschung sogar von einer ästhetischen Mobilmachung durch die Subkultur.15 Auch der ehemalige österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache bezeichnet Jüngers Essay Der Waldgang als sein Lieblingsbuch, wobei ihm nachgewiesen werden konnte, dass er wenig über das Buch selbst wusste.16 Obgleich man dem IfS und anderen rechten Vertretern einen intellektuellen Anspruch nicht aberkennen kann und obgleich es weltbildliche Überschneidungen und Affinitäten gibt, wird Ernst Jünger aber mehr zu einer Kultfigur beziehungsweise Ikone stilisiert.17 Seine Vereinnahmung geschieht Vgl. ebd., S. 103 f. Und vgl. Erik Lehnert/Karlheinz Weißmann (Hgg.): Staatspolitisches Handbuch. Schlüsselwerke. Band 2. Schnellroda 2010, S. 11 f./21 f./246 f. 13 Vgl. hierzu einen Bericht des niedersächsischen Verfassungsschutzes. Download unter: https://www.verfassungsschutz.de/de/oeffentlichkeitsarbeit/publikationen/pb-rechts extremismus/publikationen-landesbehoerden-rechtsextremismus/broschuere-ni-2019-05identitaere-bewegung-deutschland [abgerufen am 27. 04. 2020] 14 Vgl. Martin Lichtmesz: Der feldgraue Psychagoge. Jünger-Rezeption in der Subkultur. In: Sezession. Band 22 (2008), S. 22–25. Und vgl. Fabian Peltsch/Ralf Niemczyk: Soundtrack eines rechten Gefühls. Die Identitäre Bewegung inszeniert sich als hippe Subkultur, mit «Neofolk» als Begleitmusik. Einblicke in eine fremde Nischenwelt. In: Die Welt online, 06. 08. 2016 https://www.welt.de/print/die_welt/politik/article157524895/Soundtrackeines-rechten-Gefuehls.html [abgerufen am 27. 04. 2020] 15 Vgl. Andreas Diesel/Dieter Gerten: Looking for Europe. Neofolk und Hintergründe. Zeltingen-Rachting 2007, S. 152 f. Die Autoren halten explizit fest, dass die meisten Bands Ernst Jüngers Namen inflationär nutzen, ohne sein Werk wirklich zu kennen. Vgl. auch Jan Raabe/Andreas Speit: L’art du mal. In: Andreas Speit (Hg.): Ästhetische Mobilmachung. Dark Wave. Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologie. Hamburg/Münster 2002, S. 71–76. 16 Vgl. Natascha Strobl: Strache und sein Lieblingsbuch. In: DER STANDARD online, 06. 09. 2012 https://www.derstandard.at/story/1345166084596/strache-und-sein-lieblings buch [abgerufen am 27. 04. 2020] 17 Vgl. hierzu auch den Artikel von Alain de Benoist, dem französischen Vertreter der Nouvelle Droite, der in einem Artikel über den großen Einfluss Jüngers erzählt, aber nicht deutlich macht, was genau er an seinem Werk oder an der Person so einnehmend findet beziehungsweise wie Jünger die französische Rechte beeinflusst hat: Alain de Benoist: 12

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Vorwort

ohne differenzierte Bezugnahme auf sein komplexes Gesamtwerk, um dadurch einem politischen wie gesellschaftlichen Verdruss Ausdruck zu verleihen. So agiert jener Konservatismus der Neuen Rechten, für den Jünger stehen soll, in der Tradition der sogenannten Konservativen Revolution (kurz: KR). Dieser Terminus ist eigentlich ein Unding, ein politisches Oxymoron,18 das «mehr Verwirrung als Klarheit schafft».19 Sein Entstehen hängt sehr eng mit den Entwicklungen vor und nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland zusammen und wurde wesentlich durch die gleichnamige Schrift Die Konservative Revolution in Deutschland 1918–1932 (1950) Armin Mohlers, dem einstigen Sekretär Ernst Jüngers und «geistigem Vater» der Neuen Rechten,20 definiert.21 Das Buch enthält Biographien und Bibliographien von Nationalrevolutionären, Philosophen, Schriftstellern, Protestanten, Katholiken, Neuheiden etc. Mohlers Kategorisierungen erscheinen jedoch absurd. Sie vereinen diffuse Weltanschauungen unter einem Begriff und in Anbetracht der Ernst Jünger und die Nouvelle Droite. In: Sezession. Band 22 (2008), S. 30–34. Vgl. ebenso Klaus-Peter Hufer (2018), S. 98. 18 Vgl. hierzu Stefan Breuers Studie zur Konservativen Revolution: Stefan Breuer: Anatomie der Konservativen Revolution. Darmstadt 1995, S. 1: «Das Syntagma Konservative Revolution ist eine der erfolgreichsten Schöpfungen der neueren Ideengeschichtsschreibung. Noch in der Weimarer Republik ist sein Gehalt alles andere als eindeutig. Man verwendet es als Attribut für Luther, Fichte und Bismarck, bezieht es auf das russische Wesen und die Philosophie Nietzsches, die deutsche Romantik, die intellektuelle Gegenbewegung gegen Renaissance und Reformation, die politische Philosophie George Sorels. Für die einen ist die Konservative Revolution schlicht der Krieg; für die anderen die Bezeichnung einer Bewegung, die das adlige Erbe bewahren will. Wieder andere werfen den Begriff in den politischen Tageskampf und identifizieren ihn mit dem Programm Franz von Papens. […]: als Markennamen für die christlich-monarchistische Gegenbewegung gegen den nihilistischen Dynamismus der Moderne, der im Nationalsozialismus, im Bolschewismus und der satanischen Synthese aus beiden: dem Nationalbolschewismus Jüngers und Niekischs, kulminiere. Bis in die vierziger Jahre, soviel ist festzuhalten, dachte offenbar niemand daran, diesen Begriff so zu verwenden, wie es heute zu geschehen pflegt: als Sammelbezeichnung für die rechten Strömungen zwischen Deutschnationalen und Nationalsozialisten.» 19 Stefan Breuer (1995), S. 181. 20 Jan Raabe/Andreas Speit (2002), S. 71. 21 Vgl. Armin Mohler: Die Konservative Revolution in Deutschland 1918–1932. Stuttgart 1950


Vorwort

aufgelisteten Persönlichkeiten, wie dem Rasseforscher Hans F. K. Günther oder dem Antisemiten Houston Stewart Chamberlain, kommen sie eher Mohlers Bedürfnis nach, faschistische beziehungsweise nationalsozialistische Funktionäre und Theoretiker und darüber hinaus sich selbst zu entnazifizieren.22 Auch seinem Doktorvater Karl Jaspers blieb dies nicht verborgen. Er kommentierte das Werk mit folgenden Worten:23 «Ihre Arbeit ist eine großangelegte Entnazifizierung dieser Autoren, die besticht und heute in Deutschland mit Begierde gelesen wird. Wenn ich nicht wüsste, daß Deutschland politisch nichts mehr zu sagen hat, sondern daß alles auf USA und Russland ankommt, könnte ich die Verantwortung für Ihre Dissertation nicht übernehmen. Da sie aber bloss begrenzten Unfug stiften wird, nehme ich sie an.»24

Jaspers behielt recht: Das Werk fand großen Anklang im Nachkriegsdeutschland, schuf aber, wie Volker Weiß festhält, «der Geisteswelt der Faschisten unmittelbar nach dessen Niederlage ein Refugium».25 Darüber hinaus definierte Mohler einen Konservatismus, der in seinen Grundfesten nichts anderes als antiliberal und antidemokratisch ist und der dem demokratisierten Konservatismus der jungen BRD als wahrer Konservatismus gegenübergestellt wurde. Seit den fundierten Studien von Louis Dupeux mit Nationalbolschewismus in Deutschland (1974/85), Stefan Breuer mit Die Anatomie der Konservativen Revolution (1995) und Raimund von dem Bussche mit Konservativismus in der Weimarer Republik (1998) über die KR ist deutlich, dass zwischen den einzelnen Akteuren und den terminologischen Zuweisungen differenziert werden muss. Der einzige gemeinsame Nenner aller aufgelisteten Personen ist die Ablehnung des Liberalismus und Parlamentarismus,26 die in den Zwanziger- und Dreißigerjahren zum guten Ton gehörte (vgl. hierzu später Kapitel 2.1., 2.2. und 2.2.1.). Ernst Jüngers Position innerhalb

Vgl. Volker Weiß: Die autoritäre Revolte. Die NEUE RECHTE und der Untergang des Abendlandes. Stuttgart 2017, S. 44–48. 23 Vgl. ebd. 24 Brief von Armin Mohler an Hans Fleig vom 28. Juni 1949, Deutsches Literaturarchiv Marbach, Nachlaß Armin Mohler, Briefwechsel mit Hans Fleig. Zitiert nach Karlheinz Weißmann: Armin Mohler. Eine politische Biographie. Schnellroda 2011, S. 79. 25 Volker Weiß (2017), S. 47. 26 Vgl. Stefan Breuer (1995), S. 181. 22

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Vorwort

der KR ist umstritten. Denn zum einen ist Letztere ein Konstrukt, ein Mythos und kein verbindlicher Terminus. Zum anderen wären lediglich Jüngers Frühwerk und die nationalrevolutionäre Publizistik der Zwanzigerjahre einer genuin konservativ-revolutionären Position im Sinne einer radikalen Ablehnung der Weimarer Republik zugunsten der Bildung eines autoritären, faschistisch anmutenden Staates zuzuordnen,27 wie er ihn im Arbeiter proklamiert und emphatisch bejaht. Nach 1945 zieht er sich zurück, tilgt schon zuvor die nationalistischen Passagen aus seinen Büchern und kultiviert einen metapolitisch anmutenden Trotz. Sein nationalrevolutionärer Staatsmythos geht über in eine neue Theologie, die eine Erlösung von der modernen Entzauberung durch die Metaphysik beziehungsweise einen neuen Glauben an etwas Göttliches, Höheres ermöglichen soll. Fürderhin bieten Jüngers Modernekritik und sein Staatskonzept im Arbeiter keine Lösungen für realpolitisches Handeln oder eine wirkliche Überwindung an, sondern fordern in geschichtsphilosophischer Manier angesichts moderner Nivellierung ein fatalistisches Ausharren. Es sind mitunter Starrsinn und purer Zynismus im Kleid nietzscheanischer Aristokratie und Pose, die hier aufklaffen und sich mit einer elitären Sehnsucht nach einem transzendenten Dasein vereinen. Sie veranlassen Jünger sogar dazu, einen eigenen Wahrnehmungsmodus zu etablieren, den er Stereoskopie nennt (vgl. genauer Kapitel 1. und Kapitel 1.1.4.). Wie genau dieser Staat in Jüngers Werk aufgebaut oder organisiert werden soll oder wohin er – außer in eine Zerstörung, vernichtende Totalität oder allegorisch gesprochen in ein Paradies auf Erden – führt, wird nicht deutlich. Jüngers System ist daher essayistisch wie literarisch ein antirationaler Mythos, der sich anhand seiner subjektiven Beobachtungen und Annahmen in einer reichen Typologie und Phänomenologie ersprießt und mit Symptomen und subjektiven Eindrücken hantiert, aber aporetisch bleibt. Das gilt auch für seine spätere Theologie, die – wenn auch weniger zynisch – in seiner Prosa einen ästhetischen Erlösungsmythos in Form seiner Stadtutopien und Erzählungen wie Auf den Marmorklippen, Heliopolis, Eumeswil und Aladins Problem kreiert. Der urbaVgl. hierzu Matthias Schloßberger: Ernst Jünger und die ‹Konservative Revolution›. Überlegungen aus Anlaß der Edition seiner politischen Schriften. In: IASL online (2002). https://www.iaslonline.lmu.de/index.php?vorgang_id=2382 [abgerufen am 27. 04. 2020]. Vgl. auch Stefan Breuer (1995), S. 180 ff.

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Urbane Utopien. Eine raumphänomenologische Analyse des Stadtmythos bei Ernst Jünger  

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