Page 19

90 JAHRE SCHAUBURG 19

GEORG FRICKERS SCHAUBURG DER HARTE WEG ZUR KARLSRUHER KINOKULTUR Friedrich Schumacher unter Verwendung eines Textes von Dr. Peter Kohl …

Nicht wirklich positiv standen für Georg Fricker (1936-2008) die Vorzeichen, als er 1971 die Schauburg bekam. Sie war inzwischen zum Busensexkino heruntergekommen. Kein nüchtern kalkulierender Geschäftsmann erwog etwas anderes als den Abriss. Fricker war 1946 mit seiner Familie vor der Roten Armee aus Ungarn nach Bruchhausen geflüchtet. Sein Vater – aus einfachen Verhältnissen in der Landwirtschaft kommend – bestand auf einer ordentlichen Berufsausbildung: als Einzelhandelskaufmann in einem Karlsruher Kaufhaus. Seiner Liebe zum Film und zum Kino frönte Georg Fricker nebenbei aushilfsweise in Karlsruher Filmtheatern. Dort verbrachte er seine Freizeit als Filmvorführer und Kinotechniker, im Umland machten er und sein Freund Günter Fritz (1933-1994) Wanderkinovorstellungen, reparierten in den damals noch existierenden Dorfkinos. Wissbegierig, fleißig, anspruchslos und pfiffig träumten sie gemeinsam zäh und stringent von einer Zukunft mit Kino. Dann kam alles ganz schnell. 1929 hatten Salomon (1870–1935) und sein Sohn Willy Mansbacher (1905–1973) die Schauburg an der Stelle des Apollo Varietétheaters erbaut. Als Jude musste er einem arischen Strohmann, dem Bauingenieur Richard Brannath (* ca. 1900) , die Geschäftsführung übergeben und 1937 vor den Nazis in die USA fliehen. 1951 kam er von dort zurück. Die durch Bomben zerstörte Schauburg hatte Brannath zusammen mit Eugen Krauter inzwischen wieder aufgebaut. Mit der Schauburg-Immobilie sollte Mansbacher dann bei der Verpachtung an einen überregionalen Kinobetreiber (Deutsche Cinerama, Freiherr vom Stein) Schiffbruch erleiden, war ohne Erben, zudem sterbenskrank (… 19.4.1973). Als Fricker bei Ausführung einer Reparatur mit der Bitte um Anmietung des Saals für ein paar Vorstellungen an ihn herantrat, machte Mansbacher dem verblüfften kinobegeisterten Mittdreißiger ein riskantes, aber letztlich lukratives Angebot: auf Erbpachtbasis könnte der bei überschaubaren monatlichen Belastungen die gesamte Schauburg-Immobilie haben.

Seine kargen Ersparnisse und die seines Kompagnon Fritz, Darlehen aus dem privaten Umfeld und die überschaubaren Einnahmen reichten gerade – hofften beide. Ohne lange oder gar „vernünftig“ zu zögern fühlten sie sich direkt im Kinohimmel. Die baulichen und technischen Gegebenheiten auf dem Schauburg-Areal waren eine brutale Herausforderung an die jungen Kinoverrückten. Im Riesensaal mit Balkon liefen damals simple Busenfilme, alles war marode, reparaturbedürftig, ungepflegt und heruntergekommen. Aber das konnte sie nicht zurückhalten: ein eigenes Kino, eigene Entscheidungen treffen und Kinoträume wahr machen! Dafür schränkten die ohnehin asketisch-bescheiden Lebenden sich privat ein. Vom Erfolg ihres Einzelkino träumten nur die beiden, belächelt von Mitbewerbern und der gesamten Branche. Das Traditionskino – eine verharmlosende Umschreibung des in Karlsruhe als „Flohkischt“ disqualifizierten Schmuddelhauses – lag auch noch in der Karlsruher Südstadt, im „Indianerviertel“, im Sanierungserwartungsland. Den Staatstheaterbau gab es erst nach 1975, die Gleise und Anlagen des Güterbahnhofs liefen noch jahrzehntelang bis an die Rüppurrer Straße, das sich bis zur Kaiserstraße erstreckende „Dörfle“ war ein gigantisches Baufälligkeitskonglomerat. Die abrissbirnige Sanierung ist dann allerdings brutal und ohne historisches Fingerspitzengefühl durchgezogen worden. In diesem Ambiente war die Schauburg in der Marienstraße das ramponierte Billigkino mitten im sozialen Brennpunkt – trotz Cinerama, 70mm Riesenbildwand nichts für Karlsruher Bürgersleut. In immer mehr Haushalten gab es inzwischen „Buntfernseher“, die Kinobesucherzahlen waren rückläufig. Das Kinosterben in Karlsruhe ging weiter, nachdem in den 60er-Jahren insgesamt 11 Kinos, vor allem in den Außenbezirken schließen mussten, folgte in den 70er-Jahren das Aus für vier weitere Kinos, darunter die drei Lichtspieltheater in Durlach (zwei davon hatten sogar 4 Kanal Magnetton). Experimentierfreudig und unternehmenslustig nahm Georg Fricker nach außen federführend den Kampf ums Kinopublikum auf, vor allem um das junge Publikum. Ausprobieren,

Profile for Schauburg Kino & Theater

Schauburg Cinerama Karlsruhe - Programmheft April 2019  

Das Programmheft des Schauburg Cinerama Filmtheaters für April 2019.

Schauburg Cinerama Karlsruhe - Programmheft April 2019  

Das Programmheft des Schauburg Cinerama Filmtheaters für April 2019.