Marketing Digest #68

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SS17 – Ausgabe #68 | Studentenzeitschrift

www.werbeliebe.de

Back to the Roots


* Summe der wöchentlichen Stellenausschreibungen in den Online-Stellenmärkten von W&V, LEAD digital, PAGE und Personalwirtschaft, verlagsinterne Statistik, Durchschnitt: 01/2016.

Zeit für den nächsten Karriereschritt! Entdecken Sie die Online-Stellenmärkte von W&V, LEAD digital, PAGE und Personalwirtschaft. Gleich reinklicken unter: stellenmarkt.wuv.de

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JEDE

WOC

über 5 HE 00 Job s AU S

MA R KE KREA TING, VER TION , D I G T R I E B, BUSI I TA L NESS & HR *

W&V  VOR ALLEM.


LIEBE LESERINNEN UND LESER, schon wieder ein anglistischer Begriff als Titel einer Zeitschrift. Ohne richtig zu wissen, was dieses „Back to the Roots“ denn überhaupt bedeuten soll? Zurück zu den Wurzeln? Da dieser Begriff in unserer Gesellschaft gerade in aller Munde ist, möchten wir diesen Fokus nutzen. Es ist nämlich die Besinnung auf das Wesentliche - Marketing Digest steht für Marketing! Daher sollen diese Wurzel wieder mehr im Mittelpunk stehen: Produkt-, Preis-, Distributions- oder Kommunikationspolitik, Marktforschung, kreative Ideen, PR, above oder below the line und noch viel mehr. Ohne starke Wurzeln gibt es keine gesunden Bäume – ohne gutes Marketing keine erfolgreichen Unternehmen. Jeder wird einmal seine Wurzeln schlagen und dabei können wir Studenten von den Erfahrungen unserer Professoren und Professionals aus der Praxis noch einiges abschauen. Daher gibt es in dieser Ausgabe des MD eine neue Rubrik von Ihnen für uns, mit Ihren Erfahrungen, Geschichten und Thematiken über das Wurzelschlagen im Marketing. So wie Wurzeln wachsen, so wachsen auch wir mit jeder Ausgabe des MDs ein bisschen mehr. Durch das Motto soll gezeigt werden, welche Wurzel wir bisher geschlagen haben bzw. welche Wurzeln in Zukunft noch geschlagen werden sollen! Unser Dank geht an die Förderer, Sponsoren und unsere Mitglieder, die fleißig neue Wurzel geschlagen haben, gestaltet und am Layout gearbeitet haben! Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen und Wurzeln schlagen! Corinna Macke und Florian Walz

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INHALTSVERZEICHNIS 5 DERBELIEBE

47 RÜCKBLICK

Vorstand

„I know words. I have the best words.“

Refill - the brand event

Willkommen bei Ravensburger Vom Fischmarkt zum Weindorf

11 MARKETING DIGESTIVE Mehr Klarheit durch Neugier und Offenheit. Das Leben mit Halbwertszeiten und der Mensch Interview mit der Agentur DDB

Wieso? Weil ich Medien liebe! Auf der Suche nach dem Glück Universidad Esan Lima, Peru Zum ersten Mal

Vom Design-Thinking zum Creative Thinking The International Festival of Creativity

63 NACHSPIEL

Interview Filmakademie

Redakteure

Der Preis der Freiheit

Kreation Projektleitung

27 WEITBLICK Alles war gut? Grüne Illusionen Snap me if you can Entschleunigung der Werbung Nachhaltigkeit To Go Bitches, hört das Heulen auf! Parship vs Astra Vorhang auf

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Impressum Danksagung


WERBELIEBE PRESENTS DERBELIEBE Werbeliebe – die prosperierende studentische Kommunikationsagentur an der Hochschule Pforzheim. Seit 1998 schlägt die Werbeliebe Ihre Wurzeln und beweist immer wieder – große Ideen müssen nicht von großen Namen kommen. Ein bisschen Bier, ein bisschen Pizza und derbe Liebe zur Werbung: das Rezept für Aktivitäten auf dem Campus bis hin zu echten Projekten für Kunden aus der Wirtschaft!

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VORSTAND GEGRÜNDET VON STUDIERENDEN FÜR STUDIERENDE – AUS LIEBE ZUR WERBUNG

Die Werbeliebe ist eine von Studierenden der Hochschule Pforzheim gegründete Agentur für Marketingkommunikation und -beratung. Studierende aus allen Fachbereichen der Hochschule arbeiten an realen Projekten aus den Bereichen klassische Kommunikation, Multimedia und Direktmarketing. Seit 1998 beweisen wir, dass große Ideen nicht nur von großen Namen kommen müssen, sondern auch von uns Studenten umgesetzt werden können. Die Basis der Werbeliebe bilden drei Säulen: KUNDENPROJEKTE: reale Aufträge aus der Wirtschaft MARKETING DIGEST: die seit 1984 semesterweise erscheinende Zeitschrift REFILL – the brand event: der jährlich stattfindende Kommunikations-Workshop In der Werbeliebe aktive Studentinnen und Studenten sammeln somit bereits während des Studiums wertvolle Praxiserfahrungen in den Bereichen Beratung, Projektmanagement, Planung, Kreation und Produktion. Zum Alumni-Netzwerk der Werbeliebe gehören namhafte Persönlichkeiten aus Marketing und Kommunikation. Klingt ja alles schön und gut, vielleicht ein bisschen abgehoben und ein wenig selbstverliebt. Aber was versteckt sich hinter diesem Bewerbungstext? Zunächst einmal sind und bleiben wir (zumindest im Moment) Studenten und keine gelernten Profis. Das macht aber nichts, denn oft macht genau das den Unterschied zu gewöhnlichen Agenturen. Wir bringen viele frische Ideen mit und haben Spaß daran zu zeigen, was wir schon können oder auch für uns selbst festzustellen warum wir eigentlich studieren.

„DU KANNST DIR AUSSUCHEN WORAUF DU BEI UNS LUST HAST.“ Man bekommt an der Hochschule schließlich nicht immer die Möglichkeit an dem zu arbeiten was einem Spaß macht - im Grunde nie (es sei denn man bekommt zufällig ein gutes WiPo-Thema oder ein cooles Praxisprojekt). Was wir euch bieten können ist aber genau das. Du kannst dir aussuchen worauf du bei uns Lust hast. Dabei musst du nicht „irgendwas mit Werbung“ studieren, sondern es reicht, wenn du Lust hast deinen BWL-Horizont zu erweitern und lieber an realen Projekten arbeiten würdest als stupide Theorie zu lernen. Sei es ein Marketingkonzept oder die Social Media Strategie für einen Kunden, Artikel schreiben für den Marketing Digest, einen Filmdreh mit dem GZSZ-Star Jörg Schlönvoigt (okay sorry, das ist leider schon vorbei) oder einfach gemeinsam mit uns die Liebe zur Werbung zu lieben und weiter zu verbreiten – hier ist für jeden etwas dabei. So haben wir in den letzten Jahren große Projekte umsetzen können für Kunden wie Freshsub, das DRK oder ganz neu: Morotai. Dabei nehmen wir uns aber auch immer die Zeit, Projekte umzusetzen, die uns persönlich besonders am Herzen liegen wie z.B. die Blutspendenaktion.

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Bei uns findet jeder ein Team, das ihm gefällt und in welchem man seine Fähigkeiten unter Beweis stellen kann. Natürlich muss man auch nicht immer in einem Team aktiv dabei sein, sondern kann sich einfach melden, wenn man Zeit und Lust hat spontan bei einem Projekt mitzuhelfen (wie z.B. der gestalterischen Umsetzung eines Flyers). Das Gute aber ist, wir sind und bleiben eine studentische Agentur. Wir probieren uns gerne noch aus und drücken auch mal das ein oder andere Auge zu, wenn irgendwas nicht geklappt hat, wie geplant. HABEN WIR DEINE WERBELUST GEWECKT ODER HAST DU DICH GAR SCHON VERLIEBT? Dann schreib uns doch einfach eine E-mail an info@werbeliebe.de oder schau persönlich bei uns im Initiativen-Büro vorbei. Wir freuen uns auf Dich! Dein Werbeliebe-Vorstand

v.r.n.l: Sarah Feige, 23, Vorstandsvorsitzende, 6. Semester Media Management & Werbepsychologie „Werbeliebe-Mutti, behält immer den Gesamtüberblick im Werberchaos und zieht die Neukunden an Land“ Sebastian Wunsch, 24, 3. Vorsitzender, 6. Semester Marktforschung „Schokokeks-Liebhaber, Hahn im Korb, kümmert sich um die Belange aller Werbeliebe-Crew-Mitglieder“ Annika Brenski, 20, 2. Vorsitzende, 4. Semester Media Management & Werbepsychologie „Dancing-Queen, braucht keinen Schlaf, Schatz-Meisterin des Werbeliebe-Golds aka Ca$h“

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REFILL - THE BRAND EVENT ENTFALTE DICH

Bei REFILL – the brand event ging es in diesem Jahr fruchtig zu. Als Kunde war innocent, Marktführer im Segment gekühlter Säfte, zu Gast in Pforzheim und forderte die Studenten und Agenturen mit einem Case heraus, der jeden Kreativen irgendwo zwischen Euphorie und Kopfzerbrechen zurückließ. Zum ersten Mal wurde nicht auf eine reine NGO gearbeitet, sondern der Case wurde von einem Unternehmen aus der Wirtschaft gestellt. Ganz sollte aber natürlich trotzdem nicht auf den gemeinnützigen Gedanken von REFILL verzichtet werden und so galt es eine Nachfolgekampagne für „Das große Stricken“ zu entwickeln und damit „die Welt ein kleines bisschen besser zu hinterlassen, als wir sie vorgefunden hatten“. Der 5. und 6. April standen daher ganz im Zeichen der kleinen Säfte und Smoothies. innocent unterstützte die Arbeit nicht nur mit hilfreichen Tipps zum Unternehmen und bisherigen Kampagnen, sondern auch mit ein paar leckeren Kostproben. Nachdem am ersten Tag in kleinen Gruppen von jeweils fünf Teilnehmerinnen und Teilnehmern gebrainstormt wurde, kam es am Mittag des zweiten Workshopstages zum „kleinen“, internen Pitch. Jede Agentur hatte die Aufgabe zu entscheiden, welches Konzept der Kleingruppen gemeinsam weiter ausgearbeitet und letztendlich im finalen Pitch der Jury präsentiert werden sollte. Erstaunlich fit nach dem vorabendlichen Besuch im Irish Pub, gaben Teilnehmer und Agenturen noch einmal alles und präsentierten sechs großartige Konzepte, die der Jury die Entscheidung alles andere als leicht machten. Bei einem gepflegten Cocktail in REFILL-blau oder einem gesunden innocent-Saft konnten sich Teilnehmer, Agenturen und natürlich vor allem die Jury im Audimax der Hochschule von den kreativen Ideen beeindrucken lassen. Während sich die Jury zurückzog, um in einer heißen Diskussion den Sieger zu küren, durfte das Publikum schon einmal über den Gewinner des Publikum-Preises abstimmen. Über diesen durfte sich das Team von PUK freuen. Anschließend wurde es dann ernst und die Jury verkündete das Ergebnis: Jung von Matt Neckar gewinnt mit ihrem Konzept REFILL17. Traurige Gesichter gab es trotzdem keine, denn für die meisten Teilnehmer standen der Spaß, die zahlreichen Erfahrungen und die Arbeit mit den Agenturen im Vordergrund.


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MARKETING DIGESTIVE Back to the Roots – Back to Marketing. In dieser Kategorie erfahrt Ihr alles Wissenswertes über die Marketing- und Kommunikationsbranche. Ob aktuelle Themen und Problematiken oder Interviews – hier lassen euch unsere Professoren und Professionals aus der Praxis an ihrem reichen Erfahrungsschatz teilhaben. Wir hoffen Ihr könnt hier einiges Wissenswertes mitnehmen um eure eigenen Wurzeln schlagen zu können denn es gilt: wer stehen bleibt verliert.

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MEHR KLARHEIT DURCH NEUGIER UND OFFENHEIT. EIN GESPRÄCH MIT EBENE C I UNTERNEHMENSBERATUNG FÜR KOMMUNIKATION. Für diese Ausgabe des Marketing Digest interviewt Corinna Macke von der Werbeliebe (WL) die beiden Inhaber Stefan Bohrmann (SB) und Arne Mack (AM).

WL: Das Thema der aktuellen MD Ausgabe von MD „Back to the Roots“. Was sind denn die Roots eurer Arbeit? SB: Die Wurzeln sind fachlich das Marketing und die Werbung. So schillernd und oft auch negativ die Branche dargestellt wird, vermutlich lernt man hier am besten wie gute, professionelle Kommunikation funktioniert. Gleichzeitig haben wir erkannt, dass bei namhaften Markenartiklern und großen Agenturen oft unfassbar viel Energie und Zeit vergeudet wird, weil die zwei wichtigsten Zutaten in der Kommunikationsküche schlicht zu selten genutzt werden. WL: Was genau meinst du? SB: Die Zutaten sind Wertschätzung und zielgerichtete Kommunikation. Eigentlich Standards, so wie Salz und Pfeffer. Aber

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wenn ich an all die Meetings, seitenlange Mails mit Vorwürfen und Zurechtweisungen, Missverständnissen, Ärgernissen und auch Mehrarbeit als Resultat denke, war irgendwann klar: Das ist das eigentliche Thema für uns. AM: Das klingt banal, ist aber wirklich essenziell. Vor lauter Multi-Channel Communication, neuen Social Media Kanälen und immer schnellerer Kommunikation von immer komplexeren Inhalten, bleiben die Grundlagen effektiver Kommunikation auf der Strecke. Unser Anliegen ist, dass die Menschen kurz innehalten und wieder nachdenken, bevor sie in den nächsten kommunikativen Akt einsteigen: Was sind meine Ziele? Was will mein Gegenüber? Wie groß ist die Chance, dass wir uns verstehen bzw. missverstehen, wie könnte ein Kompromiss aussehen? Das gilt natürlich auch für persönliche Beziehungen, unser Fokus liegt dabei aber auf der Kommunikation im beruflichen Umfeld. Hier stehen die Unternehmen vor riesigen Veränderungsprozessen – Digitalisierung, New Work bzw. War of Talents und Globalisierung sind nur ein paar Buzzwords für die kommenden Herausforderungen. Kommunikativ betrachtet gilt es diese Veränderungsprozesse achtsam zu begleiten, denn mit den ersten Gedanken beginnt die Veränderung in den Unternehmen.


SB: Veränderungsprozesse brauchen kommunikative Unterstützung. Wie bei einer klassischen Marketingkampagne entwickelt ein Kernteam Kommunikationsinhalte für alle internen und externen Maßnahmen mit Zielgruppen, Kernbotschaften, Kanälen und Erfolgszielen. Dafür werden Ziele definiert und entsprechende KPIs verankert, mit diesen wird der geplante Erfolg der Veränderung beschrieben und vor allem messbar. WL: Was für KPIs sind das, woran messt ihr den Erfolg? SB: Dass man gerade in der internen Kommunikation Erfolgsziele definiert, ist ein weiterer wichtiger Faktor in der Zusammenarbeit mit unseren Kunden. Natürlich sind die jeweils individuell und hängen vom jeweiligen Projekt und der Zielsetzung ab. Das müssen nicht immer harte Größen wie Absatzzahlen oder Bekanntheitssteigerung sein, sondern auch Erfolge in Bereichen wie Mitarbeiterzufriedenheit oder -Motivation. Dabei halten wir immer die Werte im Blick. Je größer die Korrespondenz zwischen den Werten und den Zielen, desto größer ist die Chance auf Erfolg. WL: Macht es Unterschiede, ob ihr mit Konzernen arbeitet oder mit kleinen Mittelständlern? AM: Die Erfahrung zeigt, dass die Mechanismen grundsätzlich ähnlich sind, wir erleben auch nur geringe Unterschiede, ob man mit NPOs oder großen Industrieunternehmen arbeitet. Wirkliche Unterschiede in Sachen Veränderungsbereitschaft lassen sich allerdings bei unterschiedlichen Führungsstilen beobachten. Je starrer die Hierarchien, je mehr die Beziehung zwischen Mitarbeitern und deren Führungskräften von Hierarchie, Status oder gar Angst geprägt ist – desto geringer ist die Selbstwirksamkeit des einzelnen Mitarbeiters. Ein Faktor,

dem wir in allen unseren Projekten sehr viel Aufmerksamkeit schenken. Je realistischer ein Mitarbeiter seine Chance einschätzt, dass seine Arbeit Wirkung zeigen kann, desto höher ist seine Motivation oder gar Begeisterung für die neuen Schritte. Treten die ersten Veränderungen in Kraft, entscheidet der spürbare Anteil jedes einzelnen Mitarbeiters an der Weiterentwicklung darüber, wie nachhaltig sich die neuen Prozesse sich im Unternehmen verankern werden. Kurz: Je größer die Selbstwirksamkeit des Einzelnen Teammitglieds, desto reibungsloser und effektiver gestaltet sich der Prozess. Das bedeutet, dass sich auch unsere Rolle in dem laufenden Prozess verändert: von den hartnäckig fragenden Analysten über die inspirierenden Experten bis zum Coach, der sich langsam selbst überflüssig macht. WL: Sich selbst überflüssig machen klingt nicht nach einem erfolgsversprechenden Geschäftsmodell. AM: Auf den ersten Blick vielleicht. Kunden, die uns erst kurz kennen, reagieren im ersten Schritt auch etwas verwirrt, wenn wir sie als Erfolgsindikator fragen, woran sie merken werden, dass sie uns nicht mehr brauchen. Wenn wir jedoch unsere Weiterempfehlungsquote betrachten, scheinen wir mit unserem Konzept der effektiven Beratung richtig zu liegen. WL: Ist das etwas, was ihr zukünftigen Beratern mitgeben wollt? SB: Ganz sicher. Noch wichtiger ist, eine Haltung gegenüber der eigenen Beratungstätigkeit zu entwickeln. Unsere ist echte Neugier, wertschätzende Offenheit und das Bewusstsein, dass es nie nur eine Wahrheit gibt.

AUTOREN: EBENE C ebene c, die Unternehmensberatung für Kommunikation aus Stuttgart, unterstützt Menschen, Unternehmen und Marken, sich erfolgreich weiterzuentwickeln. Die Erfahrung aus über 20 Jahren zeigt: Klare Kommunikation ist der zentrale Erfolgsfaktor bei allen Veränderungsprozessen. Das gilt sowohl für internationale Konzerne und mittelständische Unternehmen als auch für Start Ups. www.ebene-c.de

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DAS LEBEN MIT HALBWERTSZEITEN UND DER MENSCH Als ich im Jahr 3 B.Y. (Before Youtube) meinen Abschluss als Werbefilmregisseur an der Filmakademie Baden-Württemberg gemacht habe, wurden in meinem Studiengang zwei Formate gelehrt: Der Werbefilm (in den Längen 30, 40 und 60 Sekunden) und der Imagefilm. Der Markt bestand aus überschaubaren Distributionskanälen in der Hand weniger großer Produzenten. Die Halbwertszeiten der bis dahin gelehrten Werbe-Formate ging in die Jahrzehnte. DIE BESTÄNDIGE VERÄNDERUNG Heute, gerade einmal 15 Jahre später, hat sich der Werbemarkt fundamental verändert. Wir befinden uns im Zeitalter der geteilten Aufmerksamkeit. Jährlich gibt es neue Devices und Softwareplattformen, die neue Werbeformate hervorbringen und deren Halbwertszeiten man in Monaten abzählen kann. Die Online-Mediendemokratie und das Social-Web sorgen für Interaktionen auf Augenhöhe zwischen Konsument und Produzent. Und wie konsumiert der Mensch heute? – Er zieht in jedem Augenblick entstehender Langeweile, Unsicherheit oder Einsamkeit sein Handy aus der Gesäßtasche, um sich einen der täglich unzähligen, homöopathischen Dopamin-Kicks abzuholen, auf der Suche nach einem versüßten Augenblick, den er Momente später wieder vergessen hat. Gleichzeitig ist er durch die unzähligen medialen Impulse anspruchsvoller und gelangweilter denn je. LEAN-FORWARD VS. LEAN-BACKWARD Hinzu kommt, dass wir online mit viel feineren Bullshit-Detektoren konsumieren als z.B. beim Fernsehkonsum. Hier schauen wir uns nach Feierabend auch mal einen Werbeblock von fünf Minuten Länge an, weil wir unser Hirn auf „Durchlüften“ geschaltet haben. – Am Rechner dagegen konsumieren wir zielgerichteter und „selbstbestimmter“ mit feinen Bullshit-Detektoren. Wie niedrig ist hier die Toleranzgrenze, Werbung bewusst zu konsumieren? Meist schalten wir Werbung aktiv weg, frei nach dem Motto: Wenn es nach Werbung riecht, ist es tot. TECHNISCHE PRODUKTIONSQUALITÄT Hinzu kommt, dass sich die technischen Produktionsmöglichkeiten von Konsument und Produzent im visuellen Endprodukt kaum mehr unterscheiden (Youtube-Suche: red weapon vs. iphone). Hochglanzbilder kann heute jeder. Damit allein kann ich mich als Werber heute nicht mehr abheben.

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Wie also kann ich in diesem hohen medialen Grundrauschen noch zum Menschen durchdringen und ihn emotional erreichen? DER EWIG RUHENDE POL Für mich als Medienproduzent von Werbeformaten ist das wichtigste Element das, welches in allen Zielgruppen auftaucht: Der Mensch. - Seine tiefliegenden Fragen und Bedürfnisse haben sich seit Jahrtausenden nicht verändert. Je besser man den Menschen in seinen emotionalen (und manchmal irrationalen) Handlungen, Sehnsüchten, Träumen, Ängsten, Wünschen und den daraus erwachsenen Bedürfnissen versteht, desto besser kann man für ihn Werbung konzipieren. – Mit allen notwendigen handwerklichen Grundlagen, aber vor allem mit dem gesunden Bauchgefühl. Manchmal auch irrational. Aber gute Werbung kommt doch aus dem Bauch, oder? Und der Mensch liebt Geschichten. Unser Gehirn ist auf das Aufnehmen und Erzählen von Geschichten ausgelegt (Google-Suche: simon sinek golden circle / Buch: „Wie Werbung wirkt“, Christian Scheier, Dirk Held). Gute Werbung muss heute nicht mehr mit Produktpenetranz werben. Sie kann eine emotionale und vor allem gefühltauthentische Geschichte erzählen. Das Produkt darin beiläufig ein organischer Teil der Geschichte sein. Eine Geschichte, die durch zutiefst menschliche Themen und Fragen eine authentische Strahlkraft erzeugt und so im Gefühl beim Zuschauer ankommt und hängen bleibt. Konzipiert in einer Bildsprache, die sich stilistisch von der Masse abgrenzt und dadurch sichtbar wird. Dazu das passende erzählerische (filmische) Format, interaktiv eingebettet in eine stratetisch aufgebaute Social-WebKampagne. FORMATOFFEN ENTWICKELN Heute werden in unglaublicher Geschwindigkeit neue Devices und Plattformen entwickelt, die uns ständig neue Formatmöglichkeiten und Format-Kombinationen bieten. Dadurch können wir heute die gewünschten Zielgruppen präziser und effektiver erreichen als jemals zuvor. Wo früher Content angepasst für ein Werbe-Format produziert wurde, können wir heute Content und Leitideen entwickeln und uns das Werbe-Format passend für die Zielgruppe bauen oder neu entwickeln. Schönes Beispiel dazu ist die „Pizza Digitale“ von Scholz and Friends (Youtube-Suche: pizza digitale) frei nach dem Motto: Ich bau mir mal ein Format für meine Idee, um meine Zielgruppe zielgenau und im richtigen Bedürfnis zu erreichen.


Daher lautet meine Ideologie: CONTENT LEADS TO FORMAT. - NOCH NIE WAR DIE FORMATOFFENE WERBEENTWICKLUNG SO SINNVOLL UND NOTWENDIG WIE HEUTE. MEINE ARBEITSWEISE Ein modernes Werbeformat sollte aus meiner Sicht einen Dialog mit dem Kunden wollen. Meine Arbeitsthese für meine Arbeitsweise: Der Mensch sucht authentische Geschichten, die ihn berühren, den Kontakt zu einer Community und Möglichkeiten zur Interaktion. Neben dem Aufbau einer Werbestrategie und der dazugehörigen Werbeformate denke ich parallel auch über die Social-Web-Strategie nach und im besten Fall sollten sich die Formate bereits in der Entwicklung Hand in Hand über Mehrwerte ganz organisch miteinander verflechten. Dabei sollte die Social-Web Strategie die Frage stellen: Was kann ich für den Konsumenten tun? Welche Mehrwerte kann ich ihm bieten? Welche Bedürfnisse befriedigen? Wie erreiche ich ihn am Besten im Digital- und Realraum? So entwickelt sich aus der Leitidee heraus eine Medienarchitektur, die alle Formate ergänzend und verflochten miteinander in Verbindung bringt. ZUM SCHLUSS EIN TIPP ZUM WEGWERFEN UM „DEM MENSCHEN“ NÄHER ZU KOMMEN: Mir hat dazu der Zugang über die Psychologie geholfen, z.B. über Carl Gustav Jung („Archetypen“, „Der Mensch und sei-

ne Symbole“, „Traumdeutung“ etc.). Für mich allerdings noch spannender: Der Weg über die Mythologie. Klingt erstmal thematisch weit entfernt, liegt aber ganz nah am Menschen. Hier empfehle ich Euch Joseph Campbell (der übrigens ein Freund von Carl Gustav Jung war). Hollywood arbeitet bei großen Spielfilmproduktionen seit Jahrzehnten mit Campbell’s Heldenreise-Schema und doch hat er noch so viel mehr zu bieten. Zum einfachen Einstieg empfehle ich Euch die TV-Interview-Serie „Die Macht der Mythen“ mit Joseph Campbell und Bill Moyers (als DVD erhältlich). Denn die Werbung schöpft oftmals, bewusst oder unbewusst, aus dem mythologischen Meer. Vor allem aber hilft die Serie, den Menschen und sich selbst besser in allen Facetten und Bedürfnissen zu verstehen. MACHT’S GUT! Nehmt Euch aus Eurem Studium ein handwerklich-strategisches Fundament mit für die sich ständig verändernde Berufswelt. Vermeidet Dogmen und erlaubt Euch Fehler. Aus Fehlern lernt man am besten. Trainiert Euer Bauchgefühl. Lernt Eure ersten emotionalen Impulse zu lesen, wenn Ihr ein Werbekonzept hört oder lest. Mehr als dieses Bauchgefühl hat der Konsument am Ende auch nicht. Denke nicht wie ein Werber, denke wie ein Konsument. - Denkt der Konsument über Werbung nach? Werbeformate werden kommen und gehen. Was beständig bleibt ist der Mensch mit all seinen Bedürfnissen. Seinen tiefliegenden Fragen, Wünschen und Träumen. Und am aller wichtigsten: Bleibt gesund und macht ab und zu mal eine Offline-Kur. Ihr glaubt gar nicht, wie befreiend das sein kann.

AUTOR: MARC LUTZ, Dipl. Werbefilm-Regisseur, studierte an der Filmakademie-Baden-Württemberg Kamera und Regie. Seit 2002 arbeitet er als freier Konzepter und Regisseur. Seine Produktionen, u.a. für Mercedes-Benz, Coca-Cola, A.Lange & Söhne, das Land Baden-Württemberg u.v.m. wurden vielfach In- und Ausland ausgezeichnet. 2016 gründet er mit seinem Partner die Marke „Branded-Experience“, die sich auf filmische Formate und Entwicklung von Medienarchitekturen und Social-Web-Strategien spezialisiert hat. Für Agenturen bieten Sie Kooperationen als „FFF“-Partner für filmische Formate und Erstellung von Medienarchitekturen an. Außerdem ist er Lehrbeauftragter an der Hochschule Pforzheim im Studiengang Marketingkommunikation und Werbung für die Kurse FFF und Branded-Experience, an der Filmakademie Baden-Württemberg und der ZHDK Zürich. www.marclutz.de / www.branded-experience.de

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INTERVIEW MIT DER AGENTUR DDB „CREATIVITY IS THE MOST POWERFUL FORCE IN BUSINESS.“

WL: Bitte stellt euch uns kurz vor. Wer seid ihr und was macht ihr bei DDB?

WL: Beschreibe uns deine Agentur in einem Satz.

Lorina: Mein Name ist Lorina Prott und ich arbeite als Human Resources Manager bei DDB am Standort Düsseldorf. Das heißt ich bin unter anderem verantwortlich für das Recruiting, die Personalentwicklung und viele weitere Personalthemen für unser Düsseldorfer Büro.

Christoph: „Creativity is the most powerful force in business.“ Das wusste schon unser Gründer Bill Bernbach. Und daran glauben wir.

Christoph: Und ich bin Christoph Pietsch, Chief Marketing Officer der Agenturgruppe DDB in Deutschland. Wir verantworten mit unserem Team die Geschäftsentwicklung, Unternehmenskommunikation, Themen wie „Marke“ und auch Kultur für unsere Standorte in Berlin, Hamburg und Düsseldorf. Unsere täglichen Aufgaben bestehen im Wesentlichen darin, die Agentur als Marke professionell zu führen, weiter zu entwickeln und zu vermarkten. Wir sind so etwas wie die Lobbyisten der DDB.

Christoph: Wir lieben Aufgaben und Projekte wenn wir uns gemäß unseres Glaubensbekenntnisses einbringen können. Wir wollen das Geschäftsmodell unserer Kunden durch kreative Marketing- und Kommunikationslösungen antreiben und Wert stiften. Das machen wir für große Marken wie die Telekom, Volkswagen oder Lufthansa, aber auch für junge Unternehmer, Startups und gesellschaftlich engagierte Institutionen wie Pink Ribbon oder Reporter ohne Grenzen.

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WL: Was sind eure besten Projekte?

WL: Wenn ihr einen neuen Kunden gewonnen habt, wie ist eure Herangehensweise? Erläutere bitte kurz den Ablauf von Briefing bis Kundenpräsentation. Christoph: Im Regelfall gewinnen Agenturen ihre Mandate in zeitaufwendigen und intensiven Auswahlprozessen. Pitches verlangen unseren Kreativen und Strategen immer wieder Höchstleistungen ab. Idealerweise folgt darauf dann die „Eheschließung“ zwischen neuem Partner und der Agentur. In den ersten Wochen und Monaten durchläuft man dann eine gemeinsame Onboardingphase um das Geschäftsmodell, die Herausforderungen und Ziele noch besser zu durchdringen und zu definieren.


WL: „Gute Ideen müssen Menschen mit Marken sowie Menschen untereinander verbinden“ – um diesen Mehrwert zu schaffen wie wichtig ist eine starke Marke und was versteht man darunter? Christoph: Starke Marken geben uns Orientierung. A.J. Leafley, der CEO des größten Werbetreibenden der Welt Procter & Gamble sagt: „It is not longer what people buy, it is what they buy into“. Es geht also nicht mehr nur um das Produkt oder reine Leistungswerte. Menschen wollen sich mit Marken identifizieren. Das Wertschöpfungsprinzip Marke ist daher heute eng mit der Formulierung von Wertekonzepten, einer Identität, Vision und Daseinsberechtigungen verbunden. Die Verlagsgruppe Handelsblatt ist zum Beispiel kein Medienhaus und verkauft Zeitungen, sondern definiert sich als die „Gemeinschaft zur Verbreitung des wirtschaftlichen Sachverstandes“. WL: Wie wichtig ist dabei eine integrierte Kommunikation für den Aufbau einer Marke? Christoph: Zunächst: Markenarbeit ist harte Arbeit. Brand Equity entsteht nicht von heute auf morgen sondern durch langfristige, nachhaltige Pflege und Entwicklung. Inhaltliche und visuelle Konsistenz, holistische Umsetzung sind dabei erforderlich, gehören aber mittlerweile zum Anforderungsstandard. WL: Welche Rolle spielen dabei mehr und mehr das online Marketing und der Content? Ist Werbung nicht immer Content? Christoph: Ja. Grundsätzlich dürfen wir den Prognosen Glauben schenken – dieses Internet wird sich wohl durchsetzen. Spaß bei Seite. Relevante Inhalte, Lösungen und Botschaften, also Content zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind dabei ausschlaggebend. Und diese Orte verlagern sich zunehmend in den digitalen Raum.

WL: Wie hat Online Marketing allgemein die Arbeitsweise in Agenturen verändert? Christoph: Was in der Vergangenheit über ein „klassisches“ Medien-Instrumentarium möglich war, wird heute zur komplexen Herkules-Aufgabe. Höhere Geschwindigkeit, Medienvielfalt und neues Mediennutzungsverhalten der Zielgruppe machen die Arbeit für Marken und Agenturen granularer und erfordern Expertise in den unterschiedlichsten Bereichen des Marketings. Dabei sind tiefes Medienverständnis und Fähigkeiten im Umgang und Einsatz von (digitaler) Technologie unabdingbar. WL: Oft ist die Rede vom authentischen Dialog mit den Kunden. Ist aber Werbung nicht immer Manipulation? Ist das dann noch authentisch? Christoph: Manipulation klingt so böse. Am Ende entwickelt unsere Gattung Auftragskommunikation für Unternehmen bzw. Marken mit kommerziellem Interesse. Das löst in mir persönlich aber keinen moralischen Konflikt hervor. Natürlich wollen wir Produkte verkaufen und natürlich wollen wir die Marken, Produkte und Services unserer Kunden bestmöglich inszenieren und Kaufanreize schaffen. Das auszusprechen ist übrigens auch authentisch, oder? Grundsätzlich gilt: Dialoge, ob zwischen Marken oder Menschen, sollten immer auf Augenhöhe und mit dem notwendigen Respekt geführt werden. WL: Wenn nun Studenten gerne bei euch anfangen möchten, welchen Tipp kannst du ihnen vor der Bewerbung geben? Lorina: Als Bewerber solltest Du Dir im Vorfeld darüber Gedanken machen, warum Du genau zu DDB möchtest. Gibt es Arbeiten oder Cases, die Dich besonders überzeugt haben? Kennst Du jemanden der bei uns arbeitet, oder hast Du die Agentur in einem gewissen Rahmen schon mal kennen gelernt? Das kannst Du gerne in Dein Anschreiben

mit aufnehmen. Dann ist es natürlich wichtig, dass Du dir überlegst, für welchen Job Du Dich genau bewerben möchtest. Dabei helfen Dir unsere Stellenausschreibungen. Und solltest Du dazu Fragen haben, hilft auch immer ein Telefonat vorab. Bei den Bewerbungsunterlagen bitte immer darauf achten, dass Du Dich damit bestmöglich darstellst und zeigst, wer Du eigentlich bist. Dabei ist die Aufbereitung Deiner Unterlagen genauso wichtig, wie die Vollständigkeit. Christoph: Zusätzlich solltest Du Dich für Marken und Kreativität in ihren unterschiedlichen Ausprägungen begeistern können. Leidenschaft, Mut und Hang zu inhaltlichem Regelbruch schaden nie. WL: Welche Anforderungen/ Eigenschaften sollten auf keinen Fall fehlen? Lorina: Die genauen Anforderungen für einen speziellen Job findest Du immer in unseren Stellenausschreibungen. Darüber hinaus ist es wichtig für uns, dass Du motiviert und mit Spaß an der Sache bei uns starten möchtest. Natürlich sind Offenheit und Kommunikationsfreude besonders hilfreich, da wir mit sehr vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten aufeinandertreffen, von denen Du in Deinem Job bei uns viel lernen kannst. Versierte Englisch-Kenntnisse sind dabei zusätzlich hilfreich, da wir an vielen unserer Standorte auch international arbeiten. BITTE VERVOLLSTÄNDIGE: DU SOLLTEST DICH BEI DDB BEWERBEN WEIL... ... Du bei uns nicht nur auf großartige Menschen, sondern auch auf spannende Kunden und Projekte triffst, bei denen Du eine Menge lernen kannst. Und wir mit Dir gemeinsam DDB zur erfolgreichsten Agentur Deutschlands ausbauen wollen.

AUTOREN: FRAU PROTT / HERR PIETSCH

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VOM DESIGN-THINKING ZUM CREATIVE THINKING EINE NÄCHSTE GENERATION DES CREATIVE PROCESSING Design Thinking ist seit mindestens 20 Jahren in aller (Designer) Munde, wenn es um Innovations- und Kreativitätsprozesse geht. Der Ansatz ist weit verbreitet aber auch in der Diskussion, ja zum Teil umstritten. Alternative Überlegungen von Richard Linxweiler und Marion Witte.

DESIGN THINKING – EIN ALTER HUT? Die Logik des Design Thinking wird von Designern seit Jahrzehnten praktiziert: nämlich das designorientierte Denken und Handeln bei der kreativen Lösung von Aufgaben aus Nutzersicht, einschließlich Prototypenbau. Sie heißt jetzt Design Thinking und hat seit geraumer Zeit auch für designferne Innovationsaufgaben in großen Firmen ihren Einzug gehalten. Design Thinking wurde in den USA von Terry Winograd, Larry Leifer und David Kelley propagiert und von Hasso Plattner an der School of Design Thinking an der Universität Potsdam für Deutschland etabliert. Die Grundprinzipien des Design Thinking Ansatzes sind Team, Raum und Prozess. Hierbei sollen Interdisziplinarität, veränderter Raum/Umfeld und ein 6-stufiger iterativer Prozess zu neuen Lösungen führen (Verstehen des Problems, Beobachten des Themenfeldes, Definition des Standpunktes (Point of view), Ideenfindung für die Lösung des Problems, Prototypenbau des Produkts und schließlich Implementierung der Lösung (siehe Abb. 1).

Verstehen

Beobachten

Sichtweise definieren

Ideen finden

Prototypen entwickeln

Testen Launch

Abb.1: Design Thinking Prozess

Abb.1: Design Thinking Prozess

WAS IST CREATIVE THINKING? Der Creative Thinking Ansatz unterscheidet sich vom Design Thinking Modell durch seine modifizierte Struktur und den erweiterten Innovations-Prozess. Interdisziplinarität spielt eine große Rolle, jedoch sollen hier von Anfang an Experten aller Bereiche und Zielgruppen (z.B. Lead Users) aktiv in den Prozess eingebunden werden. Creative Thinking nutzt für Teamsitzungen nicht nur andere Räume sondern beliebige variable Kontexte (Zeiten/Orte/Situationen/Prozesse/Personen) bei der Ideenfindung. Der Prozess besteht aus acht Stufen (äußerer Makro-Loop), die jeweils durch sogenannte kleine Mikro-Loops ergänzt werden. Die Loop Logik steht u.a. für die Kultur des kontinuierlichen „kreativen Denkens“ und „Über-Denkens“ (continuus improvement by creativity) im Unternehmen (siehe Abb. 2). CREATIVE THINKING PROZESS MIT MAKRO- UND MIKRO-LOOPS Der Creative Thinking Prozess lässt zwei Varianten der Startrichtung zu, nämlich Pfad A und B (siehe Pfeile in Abb. 2). Beide Richtungen sind ausdrücklich zugelassen um nicht bereits zu Beginn die Dynamiken des kreativen Prozesses einzuschränken. Üblicherweise startet das Team mit Schritt 1. (Strukturieren) im MakroLoop. Zunächst benötigt man Fakten und Klarheit: Wer ist die Zielgruppe und welche Regeln gelten in der Branche? Welche Gestaltungsmöglichkeiten und Begrenzungen bestehen, was sind die Einflussfaktoren, wo liegen die Herausforderungen? Hier nähert sich das Team durch Sammlung von Fakten, Kontexten und Insights der Aufgabenstellung um die wichtigsten Zusammenhänge zu erfassen. Im zweiten Schritt (Analysieren) werden alle relevanten Informationen verdichtet und analysiert. Gelingt dies nicht auf Anhieb, steigt das Team in den MikroLoop Prozess ein, d.h. strittige Punkte durchlaufen die Schleifen der kleinen Loops so lange, bis man zu einem akzeptablen Ergebnis kommt. Der Einstieg in die MikroLoops gilt für jeden strittigen Punkt des gesamten Prozesses.

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DER CREATIVE THINKING LOOP

ZIELGRUPPEN-NUTZEN GENERIEREN

3.

8. REALISIEREN

Transfer d. F/K/I‘s in Creative Steering Wheel (Needs/Benefits/Ziele/Kernaufgabe)

B. SPEZIFIZIEREN

4.

7. SELEKTIEREN

Endversion realisieren Pre-Tests, Launch

0. PROBLEM/ AUFGABE

8.

Ideenauswahl durch Looptest, Feasibility, Viability, Creativity, Bene-fit

D. REALISIEREN

7.

C. KREIEREN

6.

0.

2.

A. KAPIEREN*

1.

5. Prozess-Pfad A

2. ANALYSIEREN

der relevanten Fakten/ Kontexte/Insights

1. STRUKTURIEREN

Sammeln u. Strukturieren der rel. Fakten/Kontexte/Insights (*lat. capere=(er)fassen)

Prozess-Pfad B

5. KREIEREN

Ideen für ZielgruppenNutzen kreieren

6. PRÄZISIEREN

Ideen ausarbeiten /ggf. visualisieren (Scribbles/Mockups/Storytelling)

ZIELGRUPPEN-NUTZEN REALISIEREN

4. DEFINIEREN

Fakten-/Kontext-/ Insightsbewertung

(c) targets GmbH

3. EVALUIEREN

R

Abb. 2: Der Creative Thinking Prozess

Abb.2: Der Creative Thinking Prozess

Anschließend werden die Fakten, Kontexte und Insights beurteilt (3. Evaluieren), um Prioritäten bezüglich des Zielgruppennutzens zu setzen. Am Ende dieser Überlegungen steht eine sinnvolle Zielformulierung (4. Definieren), die sogenannte Creative Challenge mit der Festlegung des zentralen Creative Steering Wheel (Zielgruppen-Nutzen, konkrete Ziele, etc.). Danach erfolgt die kreative Ideenentwicklung (5.), die mit einer Reihe etablierter und neuer Techniken durchgeführt wird. Die Ergebnisse können durch Visualisierung (Skizze, Grobentwurf) konkretisiert und durch Layouts oder einfacher Modellerstellung präzisiert werden, was dem Team erste Vorstellungen der Lösungsvorschläge erlaubt. Auf die Selektion der Favoriten erfolgt die Evaluation der Lösungen unter Berücksichtigung der technologischen, wirtschaftlichen und nutzerbezogenen Umsetzbarkeit. Der letzte Schritt der Realisation (8.) startet mit der End-Visualisierung durch Ausarbeitungen, Mockups oder Funktionsmodelle, die von Fachleuten hergestellt werden. Diese Prototypen werden durch Pretests bei der Zielgruppe oder in Testmärkten überprüft, bevor es an die eigentliche Umsetzung und den Launch geht. Danach beginnt der Loop-Prozess von neuem um Verbesserungen oder neue Ideen zu kreieren.. Über allen Aspekten des Creative Thinking steht stets die Devise, im Kopf der Zielgruppe zu denken und: weniger diskutieren mehr kreieren! Insofern ist Creative Thinking nicht nur „Thinking“ sondern im gleichen Maße auch Creative Acting.

AUTOREN: PROF. RICHARD LINXWEILER, Dipl.-Kfm., Dipl.-Des., seit 1997 Professor an der Hochschule Pforzheim für Marketing und Markenführung. Lang jährige Erfahrung als Markenberater und Marken–Designer sowie in Werbung und PR. Er ist Studiengangleiter im Masterstudiengang Creative Communication and Brand Management (MCM).

DIPL.-BW. MARION WITTE hat in Pforzheim und Saarbrücken Marketing und Personalwirtschaft studiert und berät seit über 25 Jahren Unternehmen u.a. in den Bereichen Personalentwicklung, Change Management, Führungsentwicklung, Kreativität und Introvision. Sie ist seit 2001 als Lehrbeauftragte an der HS Pforzheim zu den Themen Konfliktmanagement und Kreativität im Masterbereich MCM tätig.

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THE INTERNATIONAL FESTIVAL OF CREATIVITY FAKE VOM FEINSTEN – UND ALLE FINDEN ES TOLL!

Kein Tag mehr, ohne dass „Fake“ in den Medien, denen wir letztlich die Karriere dieser Erscheinung überhaupt erst zu verdanken haben, thematisiert und darüber sinniert wird, wie Fake in den Medien Einhalt geboten werden kann. Höchste Zeit, einen Blick auf das Verhältnis von Fake und Werbung zu werfen und festzustellen, dass man Fake auch richtig toll finden kann. Ein Blick auf das jährlich in Cannes/Frankreich stattfindende International Festival of Creativity soll dies verdeutlichen. Die Zahl der Wettbewerbseinreichungen bei diesem weltweit renommiertesten Werbefestival nahm in den letzten rund vierzehn Jahren deutlich zu. Sie erreichte in 2016 mit über 43.000 Einreichungen einen neuen Höchststand. (Abbildung 1).

Pizzakarton bis zum TV-Spot, vom Web-Banner bis zur Anzeige, von der Empfehlung des Influencers bis zum Viral auf youtube. Jeder in der Branche weiß um diesen Fake – und jeder in der Branche weiß auch, dass das jeder weiß. Somit kann die These aufgestellt werden, dass sich der Erfolg des International Festival of Creativity der organisierten Erlebbarkeit der Selbstbezüglichkeit dieses Fakes verdankt: der glamourös inszenierte Event spiegelt das wahre Wesen der Werbung wider. Die Werbeproduzenten kommunizieren wirklichkeitsentrückt und setzen voraus, dass das in Cannes vorausgesetzt wird. Amir Kassaei (2017: 14), weltweiter Kreativ-Chef von DDB, formuliert entsprechend „ … dass wir uns inzwischen in einer vollkommenen Blase bewegen, die mit dem richtigen Leben nichts mehr zu tun hat.“ Geschaffen wird eine Realität, die keine ist. „Alternative Facts sozusagen.“ (ebd.: 15)

Abb. 1: Entwicklung der Einreichungen beim International Festival of Creativity von 2002-2016 (Quelle: eigene Darstellung)

Die Huldigung des Fakes hat in den letzten Jahren eine neue Dimension in der Werbung erreicht. Neben dem skizzierten, in der Werbung nicht vermeidbaren inhaltlichen Fake, hat sich ein Kreativitätsfake entwickelt. Agenturen entwickeln zunehmend Goldideen, also Werbemittel, die ohne Auftrag eines Agenturkunden auf Eigeninitiative der Agentur entstehen, nur mit dem Ziel, bei Kreativwettbewerben zu punkten. Die Branche vergibt somit Preise für Fake, der gezielt für Kreativwettbewerbe, allen voran das International Festival of Creativity, produziert wird.

Die Erklärung für diesen Erfolg liegt im Wesen der Werbung. Die Veranstaltung ist die perfekte Inszenierung der werblichen Logik. Die Branche schaut in einen glamourösen Spiegel, in dem sie beobachten kann, wie vielseitig interpretierbar und gleichzeitig aber bewundernswert funktionstüchtig ihr Logikzusammenhang aus Kreativität, Schein und Business ist. Nicht die glaubwürdige, faktische Nachricht steht im Mittelpunkt werblicher Kommunikation, sondern Fake: mit dem Motiv der Beeinflussung gebrandmarkte, nicht die Realität abbildende Kommunikationsmittel, dazu verdammt, die Aufmerksamkeit des Konsumenten zu erhaschen und ihm ein konsumabhängiges glückliches und erfülltes Leben zu versprechen – vom

Die Agenturen wissen natürlich, dass ihre Auftraggeber, die Unternehmen, wissen, wie es um die Aussagekraft der Kreativwettbewerbe in puncto Agenturkreativität bestellt ist. So meint beispielsweise Herbert Sollich, Marketingdirektor der Biermarke Veltins, dass das Cannes-Festival aus Unternehmensseite mehr und mehr in den Hintergrund tritt, „weil die Kunden erkannt haben, dass ein Schaulaufen der Werber tendenziell wenig mit Werbeeffizienz zu tun hat“ (zit. n. Strasser et al. 2012: 31), und Marc Weegen, Gruppenleiter Markenkommunikation des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken, sagt an derselben Stelle: „Ich finde es schlimm, auf Veranstaltungen zu sein, wo sich Kreative selbst in den Himmel loben“.

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Wenn sich aber die Unternehmen von dem Kreativitätsfake distanzieren und die Agenturen darum wissen, stellt sich die Frage, wo also die Agenturen durch ihre Teilnahme am Cannes-Festival und vergleichbaren Events „ganz vorn“ stehen wollen, wie Jean-Remy von Matt (2011: 34) formuliert. Die Antwort kann nur lauten: In einem Kreativranking, von dem jeder weiß, dass es nicht die faktische, beauftragte Kreativität einer Agentur widerspiegelt, sondern den Identifikationsgrad der Agentur mit der Logik der Werbebranche. Die Wirksamkeit werblicher Selbstbezüglichkeit kommt hier eindrucksvoll zum Ausdruck. Auffallen um jeden Fall. Dass das wenig mit der arbeitsalltäglichen Kreativität der Agenturen zu tun hat, ist

nicht schlimm – im Gegenteil, so funktioniert Werbung. Das Gütekriterium des Cannes-Festivals ist deshalb auch nicht die valide und reliable Messung von Agenturkreativität. Das Gütekriterium ist vielmehr der allgemein akzeptierte, aufwendig inszenierte Fake der Messung von Agenturkreativität. Das Cannes-Festival ist wirklichkeitsentrückt – genauso wie die Kommunikation, die die Agenturen im Auftrag ihrer Kunden entwickeln. Der Verdienst des Festivals ist es daher, dass es für eine Woche die DNA der Werbung erlebbar macht. Natürlich in Cannes, in der Stadt, die weltweit für Inszenierung und Show steht.

QUELLEN: Kassaei, A. (2017): Interview mit Amir Kassaei. Horizont, 10, 09.03.2017, S. 14-15. Matt, J.-R. v. (2011): „Ich bin der Tüftler im Maschinenraum“. w&v werben & verkaufen, 49, S. 34-36. Strasser, D./Hammer, L./Herrmann, L. (2012): Warum Unternehmen dem Festival fernbleiben. w&v werben & verkaufen, 24, S. 30-33. Tropp, J. (2017): Advertising self-reference – as exemplified by the International Festival of Creativity. In: Siegert, G./Rimscha von, B./Grubenmann, S. (eds.): Commercial communication in the digital age – information or disinformation? Berlin u. a.: Walter de Gruyter. S. 57-71.

AUTOR: PROF. DR. JÜRGEN TROPP, seit 2004 Professor an der Hochschule Pforzheim für Medien- und Kommunikationswissenschaft; bis 2001 geschaftsführend in internationalen Kommunikationsagenturen tätig

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INTERVIEW FILMAKADEMIE

ZUM VIRALEN YOUTUBE SPOT - ADIDAS „BREAK FREE“ WL: Das ist sicher nicht dein erstes Interview nachdem der Spot „Adidas - Break Free“ vor einigen Monaten viral ging. Danke, dass ihr euch Zeit nehmt. Was war deine Rolle dabei? Ist der Clip Teil eures Studiums? Karli: Ich habe den Film produziert, bzw. ich war Producer. Produzent ist die Filmakademie GmbH. Insgesamt waren wir zwei Producer, Karl Heidelbach war auch dabei. Das Projekt war Teil unseres Studiums. Wir Producer haben den Film aber freiwillig gemacht, das war für uns kein Pflichtprojekt. Wir müssen im ersten und zweiten Jahr einfach einen Film pro Jahr abgeben. Man macht aber im Normalfall viel mehr. WL: Wie seid ihr zu eurem Studium gekommen? Welche Vorrausetzungen sollte man haben? Karli: Man sollte Interesse daran haben und praktische Vorerfahrung sammeln. Wenn man das hat, sollte man sich bei der Prüfung noch gut anstellen, nett sein und dann kann man hier studieren. WL: Wie läuft das genau ab beim Dreh eines Clips, was passiert alles zwischen erster Idee und dem finalen Werk? Karli: Wenn man eine erste Idee hat wird meistens erstmal darüber gesprochen. Wenn man das Gefühl hat man bekommt ehrliches positives Feedback, dann bleibt man an der Idee dran. Als nächstes schreibt man die Idee mal auf und fängt an eine Projektmappe zu basteln, dabei hält man automatisch Rücksprachen mit anderen und verfeinert die Story ständig. Irgendwann ist die Mappe dann fertig und man beginnt Teammitglieder zu suchen. Dann beginnt man den Film zu kalkulieren und ein Timing zu erstellen. Wenn es einen Herstellungsplan gibt, können Aufgaben verteilt werden. Dann werden Locations, Darsteller, weitere Teammitglieder, Sponsoren etc. gesucht und organisiert. Irgendwann sollte dann alles stehen und geplant sein, sodass man drehen kann. Das muss natürlich auch ganz genau geplant sein. Wenn gedreht wurde, beginnt die Postproduktion. Das heißt der Film wird geschnitten, die Musik wird komponiert, das Sounddesign wird angelegt und der geschnittene Film wird Farbkorrigiert. Oft gibt es auch noch Visuelle Effekte, aber im Fall von Break Free nicht. Wenn dann alle glücklich sind kann der Film fertiggestellt werden.

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Dann wird er meistens an der Filmakademie am Semesterende gezeigt und danach im Internet veröffentlicht. WL: Wenn man sich in YouTube die Statistik zum Video anschaut, sieht man, dass der Tipping Point, also dem Punkt, an dem es zu einem exponentiellen Anstieg der Views kommt, im Januar lag. Das Video wurde bereits Mitte Dezember veröffentlicht. Könnt ihr euch erklären, warum es zu der plötzlichen Explosion der Views kam? Karli: Der Spot ist erst richtig durch die Decke gegangen nachdem große Zeitungen online dazu gepostet haben. Davor gab es ab Januar schon einen Anstieg, der von kleineren Fachzeitungen oder privaten Posts kam. Es gab am Anfang schon einige Leute, die den Film schön fanden und ihn über Facebook geteilt haben. Am Anfang haben darunter noch Menschen diskutiert, ob es in Ordnung sei, Pflegepersonal immer so negativ darzustellen. Dann kam plötzlich die Tatsache dazu, dass Adidas den Spot „abgelehnt“ hätte. Das war eigentlich überhaupt nichts Außergewöhnliches. Fast alle Werbefilme, die wir hier machen werden vor oder nach Dreh mal dem Kunden angeboten. Dabei erreicht man natürlich fast nie die richtigen Leute. Marken wie Adidas haben eben Marketingpläne über mehrere Jahre und produzieren so viel Content, dass eine Anfrage von Studenten einfach nicht ernst genommen werden kann. Jedenfalls hat sich das Internet ab diesem Moment sehr daran aufgegeilt, dass ein Spot der gerade viral geht eben von Studenten gemacht wurde und Adidas sich jetzt wohl ärgert. Letztendlich war das alles nur ein Hype um einen Hype, die Zeitungen und Online Magazine haben Klicks gerochen und jeder hat dann geteilt und geliked. Plötzlich war der Spot überall und viele Menschen fanden den Film dann ganz toll. Sobald ihn dann alle gesehen hatten sind die Klickzahlen auch schnell stehen geblieben. WL: Gab es für den Videodreh ein Casting? Wie viele Personen waren insgesamt am Projekt beteiligt? Karli: Nein wir haben kein richtiges Casting gemacht. Das würde schnell hohe Kosten verursachen. Bei solchen Studienprojekten sparen wir uns das meistens. Die Schauspieler suchen wir meistens in einer Schauspielerkartei raus und bitten


Sie dann oft vorher um ein kleines Vorstellungsvideo. Dann ist noch die Frage, ob die ausgesuchten Schauspieler überhaupt Lust haben bei einem Film mitzuspielen. Es ist schwer zu sagen wer beteiligt war und wer nicht, wenn man jetzt jede Person mitzählt z.B. in der Buchhaltung, dann sehr viele. Ich würde mal sagen beim Dreh und wirklich involviert vielleicht 30 Personen. Das ist jetzt grob geschätzt, ich denke wir waren so 15-20 Personen am Set. WL: Wie lang ging der Dreh an sich und wie lange hat es gedauert, bis das finale Video stand? Karli: Der Dreh hat, wenn ich mich richtig erinnere, drei Tage gebraucht. Das waren lange Drehtage, aber schon machbar. Bis zum finalen Film ist in diesem Fall sehr viel Zeit vergangen: der Film war schon mal fertig, hatte damals aber noch eine andere Musik. Die Musik hat die Story aber irgendwie entkräftigt und dann wurde entschieden, nochmal eine neue Musik zu machen. Veröffentlicht wurde der Film dann nach fast einem Jahr. Im Januar 2016 haben wir gedreht. WL: Wie ist denn allgemein das Verhältnis von Filmmaterial und fertig geschnittenem Spot bei euren Projekten? Karli: In der Werbung ist es ein relativ gutes Verhältnis. Man macht zwar sehr oft sehr viele Takes, weil immer alles perfekt sein soll, allerdings dreht man nicht, was man nicht braucht. Beim Dokumentarfilm oder so wird ja eher einfach die Kamera laufen gelassen und dann später geschaut, was man daraus machen kann. Bei der Werbung überlegen wir uns schon vor dem Dreh, wie der Film genau aufgelöst werden soll. Es gibt vorher eine Shotlist auf der festgelegt ist, wie genau wir welches Bild wann drehen. Im Idealfall funktioniert dann auch alles genau so und im Schnitt kann man dann genau das schneiden, was man sich vorher vorgestellt hat. Bei Break Free gabs aber auch die eine oder andere Einstellung oder Szene die dann doch nicht im Film gelandet ist. WL: So ein Clip ist sicher mit viel Aufwand verbunden. Wie finanziert ihr die Filme denn? Karli: Das ist von Projekt zu Projekt unterschiedlich. Break Free zum Beispiel war ein reines Semesterprojekt. Dafür bekommen wir ein kleines Budget von der Filmakademie zur Verfügung gestellt und können damit dann versuchen ein Film zu machen. Dann geht es eben darum, so viel wie möglich umsonst zu organisieren. Team, Location, Technik, Verpflegung, Autos und was sonst noch alles dazu kommt. Meistens ist es

dann aber so, dass das Team noch privat ein bisschen Geld investiert, damit auch alles möglich wird. Bei Break Free hatten wir dann glaube ich ein Gesamtbudget von 3.500€. Das ist natürlich nichts im Gegensatz zu bezahlten Werbespots. Dadurch dauert alles länger und es wird einfach viel mehr Arbeit in das Projekt gesteckt, wenn man keine anderen Leute dafür bezahlen kann. Neben den Semesterprojekten machen wir aber auch immer wieder bezahlte Projekte von außerhalb. Da ist der Film dann vom Kunden finanziert. WL: „Adidas – Break Free“ kommt derzeit auf knapp 13,5 Millionen Views (Stand 10. April). Ihr wurdet sicher von den Reaktionen überwältigt, oder? Wie waren die allgemeinen Reaktionen zu dem Clip? Habt ihr eine Reaktion von Adidas bekommen? Karli: Den ganzen Stress hat Eugen (der Regisseur) abbekommen. Der Film ist ja auf seinem privaten Kanal und seine Webseite war darunter verlinkt. Der arme Junge musste erstmal zwei Wochen nur Mails sortieren und beantworten. Es gab sehr, sehr viele Menschen, die etwas dazu sagen oder fragen wollten. Jedenfalls hat er sortiert. Viel war einfach nur Senf von netten Menschen, die ihre Meinung sagen wollten. Dann gab es einige Medien und Channels, die fragen wollten, ob sie darüber berichten und den Film zeigen dürfen. Eugen hat viele Kontaktanfragen von Agenturen und Produktionsfirmen bekommen, die ihn kennenlernen wollten. Und dann gab es noch ein paar wenige Kundenanfragen die Interesse an einer Zusammenarbeit hatten. Aus manchen hat sich dann auch mehr entwickelt. Mit Adidas gab es auch Gespräche aber inzwischen glauben wir, dass daraus nicht wirklich etwas wird. WL: Seid ihr auch an anderen Filmprojekten beteiligt? Falls ja, finden wir die Videos online? Karli: Ja logo, wir machen schon auch noch andere Filme. Auf Eugens Webseite www.eugen-merher.com sieht man, was er so gemacht hat, ich hab da aber nicht immer mitgemacht. Ich mache noch sehr viel mit der Firma LeBerg neben und teilweise im Studium (www.leberg.de). Bei diesen Filmen hatte ich auch oft meine Finger im Spiel. Wenn es was Neues von uns gibt, posten wir das im Normalfall aber alle auf Facebook.

AUTOR: KARLI BAUMANN, 23, studiert Werbefilmproduktion an der Filmakademie Ludwigsburg

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DER PREIS DER FREIHEIT BIG DATA ANALYTICS UND HUMANDATENWERTSCHÖPFUNG

Das Internet, die digitale Kommunikation, die Vernetzung von Menschen weltweit – das sind die großen Meilensteine technologischer Entwicklung der letzten zwanzig Jahre. Nun kommt der nächste Schritt, ein viel größerer, wenn man den M.I.T.-Professoren Brynjolfsson und McAffee Glauben schenken möchte: Die zweite industrielle Revolution durch das Internet der Dinge. Wenn 50 Milliarden Geräte miteinander kommunizieren, produzieren und transportieren, verschmilzt die reale Welt zunehmend mit der virtuellen Welt. Als technologische Basis dienen hierzu „Smart Devices“, „Cloud Services“ und „Embedded Systems“- und als Fluidum der neuen Wirtschaftswelt: Daten. Lange Zeit galten Boden, Kapital und Maschinen als Werttreiber einer Gesellschaft, heute ist es vor allem Wissen. Die Digitalisierung bestätigt die über 80 Jahre alten Annahmen des Drei-Sektoren-Theorems von Clark, Fisher und Fourastié: Es sind heutzutage vor allem Dienstleistungen, die in unserer entwickelten Gesellschaft nachgefragt werden. Dienstleistungen auf Basis des Internets – Unterhaltung, Information, Transaktionen im Bereich von Handel, Finanzen, Tourismus und zunehmend auch Bildung. „DIE KONSUMENTEN DER DIGITALEN KONSUMWELT SIND VIEL BESSER INFORMIERT ALS FRÜHER.“ Die Konsumenten der digitalen Konsumwelt sind viel besser informiert als früher. Preise und Qualität von Angeboten können mit wenigen Mausklicks verbessert werden, das Angebot wächst stetig, zeitgleich verändern sich gan-

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ze Industriezweige. Die Digitalisierung befördert die Effektivität und Effizienz von Arbeitsinhalten und -prozessen, von Arbeitsplanung bis hin zur Ausführung maßgeblich. „Es ist eine Wende in die richtige Richtung – hin zur Fülle anstelle des Mangels, zur Freiheit anstelle der Einschränkung –, doch sie wird auch diverse schwerwiegende Probleme und Entscheidungen zur Folge haben“, schreiben Brynjolfsson und McAffee in ihrem Buch „The Second Machine Age“ über die Auswirkungen der Digitalisierung auf Wirtschaft und Gesellschaft. Die klassische Wertschöpfungskette „Produktion – Transport – Information – Konsum“ verändert sich massiv. In vielen Märkten kommt es zu einem Markteintritt neuer Anbieter aus branchenfremden Industrien, die mittels IT-basiert Geschäftsmodelle zerstörerische Wirkung innerhalb der traditionellen Wettbewerbslandschaft entfalten. „NICHT ALLES, WAS GETAN WERDEN KANN, SOLLTE AUCH GETAN WERDEN.“ Die „Disruption“ etablierter Märkte begründet sich somit vor allem auf drei Faktoren: Vorteilen in der Erlangung und Verarbeitung von Kundendaten durch Big Data Analytics, Vorteile im Umsetzen von Kundenbedürfnissen in der Leistungserstellung durch Netzwerk-Produktion und emergente Produktionstechnologie, beispielsweise 3-D-Druck sowie zuletzt Vorteile in der Kommunikation von Produktvorteilen mittels psychographischem 1:1-Marketing in Verbindung mit überproportionaler Kundenreichweite auf Basis digitaler Kommunikationskanäle. Unternehmen des Digitalen Zeitalters sind nicht erfolgreicher, weil sie per se, qualitativ

haltbarere Produkte anbieten, sondern aus Sicht der Endverbraucher relevantere. Durch die Verknüpfung von IT, Verhaltensforschung und digitalisierten Geo-Daten ergeben sich weitergehende Vermarktungspotentiale digitaler Leistungsangebote. Die „weiteren persönlichen Empfehlungen für Sie“ von amazon mögen zunächst profan wirken. Dahinter steckt jedoch ein ausgeklügelter Algorithmus, der ständig auf Basis aktueller und zunehmend umfassenderen Kundendaten weiterentwickelt wird. Auch die Produkte von Alphabet sind ohne Kundendaten nicht denkbar, weder die google-Suchmaschine, google-maps oder das autonom fahrende Autos, bekannt als Google Driverless Car. Was man alles mit Kundendaten anfangen kann, zeigte sich zuletzt im U.S.-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf. Der jetzige U.S.-Präsident, Donald Trump, nutzte, wie sein Vorgänger, Big Data Analytics, um die Wirksamkeit seiner Werbekampagne in der elektronischen Direkt-Kommunikation, wie auch auf Ebene der Wahlhelferaktionen, direkt positiv zu beeinflussen. Die Unterstützungsarbeit des Marktforschungsinstitut Cambridge Analytica wurde zuletzt medial durchaus kontrovers diskutiert. Zuletzt offenbart die erfolgte Massenerstellung von unmittelbar räumlich, wie persönlich zuordenbaren Charakterprofilen den Stand des technologischen Fortschritts in der Analyse und Nutzung großer Kundendaten – abseits von ethischen Diskussion. Zwar gilt der alte Grundsatz, das nicht alles, was getan werden kann, auch getan werden sollte. Im IT-Zeitalter scheinen aber eher produktivitätsorientierte Technokraten als Sozial-Ethiker zu Werke zu gehen, wobei die Fragen des „ob“ zunehmend von Fragen nach „wie“ und „wann“ verdrängt werden. Diese Beispiele illustrieren die Bedeu-


tung des Wertstoffes „Kundendaten“. Hierbei gilt: Wer das Wissen hat, hat die Macht. Daten sind jedoch nicht Wissen, sie sind Daten. Und nur, wer die Fähigkeit und die Technologie besitzt, aus Daten relevante Informationen zu filtern, erlangt Wissen. Wer nicht, der nicht. Aus dieser Perspektive erklären sich eine zunehmende Auseinanderentwicklung vieler Wirtschafts- und Gesellschaftsbereiche. Bereits 1996 veröffentlichten Frank und Cook in dem Buch „The Winner take all Society“ ihre Beobachtungen über eine wachsende Umverteilung von Nachfrage und Angebot auf verschiedenen Märkten zu Gunsten einiger, weniger Anbieter. Die Digitalisierung befördert diese Umverteilung von Einkommen und Marktmacht weitergehend und beschleunigt. Somit beeinflusst die Digitalisierung nicht nur das Wirtschaftsgeschehen, sondern das Leben aller - gewollt oder ungewollt. Als Treibstoff für die Nutzung neuer Marktmechaniken durch „Digital Enterprises“ und „Born Globals“, die auf den mehrseitigen Märkten von Internetplattformen agieren, dienen Kundendaten. Kundendaten – ob freiwillig bereitgestellt, achtlos weitergegeben oder unbewusst geteilt. „BIG DATA. BIG MONEY?“ Big Data. Big Money? Brynjolfsson und McAffee beschreiben in ihrem Buch „The Second Machine Age“ die Veränderungskraft digitaler Technologien, die gerade neu entstehen und ihre Auswirkungen, die sie auf Arbeit, Gesellschaft und Staat haben könnten. Hierbei beschreiben Sie, wie eingangs erwähnt, die „Fülle und Freiheit“ des Angebots digitalisierter Märkte als klare Vorteile,

nennen zugleich aber auch „Mangel und Einschränkung“ durch neue Technologie für Endverbraucher und Mitbürger. „IHR BEKOMMT MEINE DATEN, DAFÜR BEKOMME ICH ZUTRITT UND TEILHABE AN DER DIGITALEN WELT.“ Das Internet ist Freiheit, sagen die einen – Das Internet ist Sklaverei, sagen die anderen. Wer hat Recht? Grundsätzlich ist festzustellen, dass die Bereitstellung persönlicher Humandaten in digitaler Form die Eintrittskarte in die virtuelle Welt des Internets sind. Wer die Services von Google, amazon oder apple nutzen möchte, muss der Verarbeitung und Nutzung seiner Daten zustimmen. Wer dies nicht tut, ist „draußen“. Im Grunde ein Faustischer Handel: Ihr bekommt meine Daten, dafür bekomme ich Zutritt und Teilhabe an der Digitalen Welt. Häufig bleibt unklar, wer genau, was mit den personenbezogenen digitalen Humandaten tut. Dies gilt beispielhaft für die Wertschöpfung durch den Vermarktungsweg des „Digitalen Zwillings“. Dabei handelt es sich um ein Datenprofil, das Unternehmen von Internetnutzern anhand ihres Benutzerweges über verschiedene Internetseiten und -inhalten erstellen und wirtschaftlich innerhalb der werbetreibenden Industrie verwerten. In einer zusammenfassenden Betrachtung der Untersuchungsergebnisse kritisiert Hägele die fortgesetzte Verletzung europäisch-, wie national verankerter Rechtsgüter zum Schutze von Persönlichkeit und Intimsphäre. Trotz jüngerer Novellierungen des Strafgesetzbuches (bspw. § 201 a StGB Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen) erscheint nationales Recht als stumpfes Schwert zur Wahrung von Persönlichkeitsinter-

essen. Entsprechend lakonisch äußerte sich Ex-google Chef Schmidt über das Thema Privatsphäre im Internet: „Wenn es irgendetwas gibt, was man nicht über Sie wissen sollte, dann sollten Sie es vielleicht gar nicht erst tun.“ „FUNDAMENTALEN BEDEUTUNGSWANDEL IM SELBSTVERSTÄNDNIS VON INTIMSPHÄRE UND PERSÖNLICHER VERTRAUTHEIT GEGENÜBER UNBEKANNTEN DRITTEN.“ Der anhaltende Zuspruch, den Unternehmen erhalten, die bekanntermaßen Daten ihrer Nutzer sammeln und verwerten, zeigt einen fundamentalen Bedeutungswandel im Selbstverständnis von Intimsphäre und persönlicher Vertrautheit gegenüber unbekannten Dritten. Während der Volkszählung 1986 kam es Bundesweit zu Boykottaufrufen und öffentlichen Demonstrationen, als es darum ging Anzahl und Wohnort der in Deutschland beheimateten Bürger zu erfassen. „Selbst das Bundesverfassungsgericht beschäftigte sich nach einer Klage mit der Volkszählung und bremste mit seinem Urteil die Pläne der Bundesregierung aus“, schrieb Reymann in der F.A.Z. „Das höchste Gericht des Landes sprach den Bürgern das Recht auf informationelle Selbstbestimmung zu. Es war geschaffen worden, um die Daten der Bürger zu schützen. Jeder Bürger darf „grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner persönlichen Daten bestimmen“, hieß es in der Urteilsbegründung“, so die Autorin. Im Jahr 2017 scheint das Bedürfnis der Bundesbürger für den Schutz der eigenen Daten weniger ausgeprägt, wie insgesamt das Interesse an Gemeinwohl

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und gelebter Gemeinschaft. Gemeinhin scheint der Sinnspruch von Berkeley „Esse est percipi – Sein ist Wahrgenommen werden“ an Bedeutung zu gewinnen. Ein Satz, der gerade in Zeiten von Facebook, Instagram & Co. zeitlos und wahr wirkt, denn 2015 schaffte es „Aussehen“, erstmals als in die Hitliste der wichtigsten zehn gesellschaftlichen Werte in der Altersgruppe der 14 bis 29-jährigen (Allensbach Market and Advertising Media Analysis); ein mögliches Indiz für den Bedeutungsgewinn und die Relevanz Digitaler Kommunikationstechnologie im Leben junger Konsumentengruppen. Das Zitat des irischen Theologe und Philosophen Berkeley ist nicht gerade brandaktuell, sondern über 300 Jahre alt. 1710 veröffentlichte der George Berkeley das Buch „Treatise“, in dem er die Idee darlegte, dass die Welt vorrangig dadurch bestimmt wird, wie wir sie wahrnehmen. Diese Welt wird zunehmend digital, ist aber letzten Endes eine reale Welt, in der wir leben. Angesichts des wachsenden Bedeutungsgewinns von digitalen Humandaten in ökonomischer

Hinsicht, der zunehmenden Verbreitung und Vermarktung Digitaler Zwillinge, der fortgesetzten Verletzung bestehender Schutzrechte zur Wahrung von Persönlichkeitsrechten und Intimsphäre bei gleichzeitiger Abwesenheit von Konsumenten-Bewusstsein und -Involvement im Bereich der Humandatenwertschöpfung erscheint es angebracht, an die Bedeutung der Grundpfeiler einer offenen Gesellschaft nach Popper zu erinnern: Meinungs-, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit sowie eine konsequent umgesetzte, religiöse Neutralität als Fundament eines gelingenden Gesellschaftlichen Miteianders. Dies gilt Off-, wie Online. Diese Rechte im Gegenzug für die Nutzung von Internetbasierten IT-Services zu beanspruchen und zu sichern, erscheint geboten. Andernfalls wäre der Preis die Freiheit in der Virtuellen Welt als Faustpfand für die Freiheit in der realen Gesellschaft zu hoch. Es wird Zeit – um in der Sprache von Prensky und Döbeli zu sprechen – die „Digital Natives“ davor zu bewahren, nur „Digital Naives“ zu bleiben.

AUTOR: DINO DIGITIAL

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WEITBLICK Seit 1984 stellen sich unsere Studenten der Herausforderung neben den Ablenkungen und Aufgaben eines Studiums in dieser Rubrik über die Themen des Marketings zu philosophieren. Trotz krachenden Partys, langen Sommernächten oder Lernstress hier gibt es für euch neue, interessante Artikel von Studierenden für Studierende über die verschiedensten Wurzeln des Marketings. Ganz nach dem Motto: Für junge Menschen muss es auch eine Plattform geben, ihre Meinung kund zu tun. Auf folgenden Seiten laden wir euch daher ein unseren Studenten beim Fachsimpeln zuzuhören.

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ALLES WAR GUT? VON ZAUBERHAFTEM CONTENT UND VERWUNSCHENEN GOLDESELN

Es gibt einen Podcast („Harry Potter and the Sacred Text“), der die Harry Potter Bücher anhand von Bibelmethoden analysiert. Jedes Kapitel wird anhand eines anderen Themas untersucht. Familie, Liebe, Gnade- die Bücher bieten reichlich Stoff für Analysen und die Zuhörerschaft des Podcasts ist groß. Harry Potter ist für viele Fans viel mehr als nur eine Geschichte- es ist ein Teil des Lebens, ein Zufluchtsort, an dem man immer wieder neue Facetten und Details finden kann. Nachdem 2011 der letzte Film der Reihe über die Kinowand gelaufen war und Voldemort besiegt wurde, kam dann die Nachricht: „Alles war gut“ war doch nicht das Ende, die Geschichte ist noch nicht auserzählt. Für die, die niemals genug kriegen werden und alle anderen Fans und Fantasybegeisterten wird es sowohl einen Prequel als auch einen Sequel geben. Es existieren viele Spin-Offs von erfolgreichen Filmen und Serien. Meistens sind die leider bei weitem nicht so erfolgreich wie das Original. “Friends“ war beispielsweise die erfolgreichste Sitcom der 90er, das Spinn Off „Joey“ wurde nach zwei Staffeln abgesetzt. Großartige Geschichten künstlich am Leben zu erhalten macht selten Sinn, wenn es nichts mehr zu erzählen gibt ist es eben vorbei. Doch die Produktionshäuser wollen das oft nicht wahrhaben. Der Goldesel, der so viel Geld eingebracht hat, darf nicht einfach an Altersschwäche sterben- da muss doch noch was kommen! Doch erzwungene Handlungsstränge finden selbst bei eingefleischten Fans keinen Anklang, dazu ist das Unterhaltungsangebot viel zu groß. In manchen Fällen geht so eine Marketingstrategie allerdings auch auf. Im Star Trek Universum ist zum Beispiel nicht nur Captain Kirk unterwegs, auch andere Raumschiffe schwirren erfolgreich durch diese Galaxie. Sind die beiden Harry Potter Spin Offs nun der im neuen Glanz dastehende Goldesel oder nur eine Fracking Methode, die versucht Geld aus einem zu Ende erzählten Franchise zu pressen? Der Sequel „Harry Potter und das verwunschene Kind“ spinnt die Geschichte weiter, erzählt von Harrys Kindern und der Identitätskrise, die Harrys jüngster Sohn, Albus Severus (bei der Namensgebung ist das auch keineswegs verwunderlich) als Sprössling einer der Berühmtesten Zauberer der Geschichte durchmacht. Das Ganze wird direkt nach London auf die Bühne gebracht. Schon lange vor dem Ende der Filmreihe wurde viel über ein Theaterstück diskutiert - Nachfrage war auf alle Fälle da. Die Kritiken reichen von überschwänglichem Lob bis hin zu Stirnrunzeln mancher Fans. Während das Theaterstück viele mitreißt und Kritiker die schauspielerische Leistung und die Insze-

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nierung loben, sind einige Anhänger alles andere als begeistert. Hieß es denn nicht „Alles war gut“? Wieso ist denn jetzt nicht alles gut? Sagt Harry auf den letzten Buchseiten noch, dass er seinen Sohn genauso lieben wird, wenn er nach Slytherin (Voldemorts Haus) kommt, klingt es im Stück irgendwie nicht mehr so, nachdem es tatsächlich dazu gekommen ist. Ohne durch Spoiler den Zauber zerstören zu wollen, ist es doch fraglich, was JKR da mit ihren Lieblingen gemacht hat. Viele sagen, dass die Charaktere „out of character“ also nicht wie sie selbst handeln und die Geschichte doch ein wenig an den Haaren herbeigezogen ist. Der große Plot Twist am Ende lässt einige Fragen offen. Die, die das Buch gelesen haben, wissen was gemeint ist- alle anderen müssen sich wohl selbst ein Bild machen. Mit „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ hat JKR eine Tür in die Vergangenheit vor Harry und Voldemort geöffnet. Nach Amerika, in die Zeit von Dumbledores Jugend.


motionphase erfährt man, wie in diesem Text, relativ wenig über den Inhalt der Geschichte - es wird viel mehr Wert auf die Tonalität gelegt, die das Harry Potter Universum mit sich bringt. Das merkt man schon am Anfang des Filmes, wenn im Hintergrund leise „Hedwigs Theme“ ertönt - die Titelmelodie, die selbst Muggel wiedererkennen. Es soll weniger neue Zuschauerschaften generieren als die alten Fans aktivieren - das Zugehörigkeitsgefühl, das dieser Franchise bei vielen auslöst, wird gekonnt ausgespielt. Der Film bietet tatsächlich eindrucksvolle Kulissen und tolle 3D Effekte. Nicht ohne Grund hat der Film dieses Jahr einen Oskar für das Beste Kostümbild gewonnen und war für das beste Bühnenbild nominiert. Auch wenn man im Voraus wenig darüber erfährt, ist die Geschichte wirklich erzählenswert. Da es sich um „frische“ Charaktere dreht, kann niemand out of character handeln und JKS Lieblingsmotiv -Liebe- (ob im familiären, freundschaftlichen oder romantischen Sinn) wird wieder aufgegriffen. Der Film ist aber nunmehr der Auftakt für eine fünfteilige Filmreihe. Im nächsten Teil werden wir dann ein paar alte Bekannte wiedertreffen. Dumbledore (Jude Law) und sein Antagonist Gellert Grindelwald (Johnny Depp) werden auf der Leinwand erscheinen. Ob diese Geschichte erzählenswert ist oder der Story irgendwann die Luft ausgeht, wird sich noch zeigen.

Die Grundidee ist keineswegs neu. Das „Buch zum Film“ wurde bereits 2001 direkt aus der Hogwartsbibliothek veröffentlicht - Phantastische Tierwesen steht immerhin auf der Pflichtlektüreliste aller Zauberschüler. Das kleine Buch aus dem Jahr 2001 ist wirklich lehrbuchartig aufgebaut und zählt in Handbuchform eine Menge magische Tierwesen auf, die durch die Zauberwelt und den verbotenen Wald laufen. Ein Handbuch kann man schlecht verfilmen eine Dokumentation über Tiere, die nicht wirklich existieren ist schwer umzusetzen und hat einen eher niedrigen Unterhaltungswert. Um auf Grund dieser Basis einen Mehrwert zu bieten, erzählt Rowling in ihrem Drehbuchdebut die Geschichte des Autors. Newt Scamander reist mit einem Koffer voller Fabelwesen nach Amerika, in das New York der Zwanziger, freundet sich trotz strengem Verbot mit Muggeln an und legt sich mit dem MACUSA (der Zaubererregierung der USA) an. In der Pro-

Bei beiden Werken wurden die Regiebücher veröffentlicht. Während man bei dem „verwunschenem Kind“ noch argumentieren kann, dass nicht jeder nach London reisen kann um das Theaterstück zu sehen und die Zuschauerplätze begrenzt sind, fragt man sich bei „Phantastischen Tierwesen“ nach der Notwendigkeit der Lektüre. JK Rowling kann nicht loslassen - genauso wenig wie wir. Da sie eine der reichsten Menschen Englands ist, glaubt man fast nicht, dass es ihr nur um Geld geht. Bei Warner Bros. steht das Motiv allerdings außer Frage. Wo es eine Nachfrage gibt, ist immer ein Angebot da. Wenn das Interesse an magischen Welten beendet wäre, hätte niemand diese Fortsetzungen produziert. Der Erfolg blieb bei beiden Produktionen bei weitem nicht aus. „Das verwunschene Kind“ ist restlos ausverkauft und der erste Teil von „Phantastische Tierwesen“ wurde zum preisgekrönten Kassenschlager. Am Ende können wir doch selbst entscheiden, ob wir durch diese Tür gehen wollen um weiter durch die magische Welt zu reisen oder ob wir unser Geld lieber in andere, nicht ganz so magische Dinge investieren. AUTOR: DESIRÉE HAMMER

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GRÜNE ILLUSIONEN Grün, Grün, Grün sind all meine Kleider - und nicht nur die, sondern auch die Lieblingsfarbe für Kampagnen einiger Unternehmen. Ein strahlendes Auto fährt durch eine noch strahlendere Landschaft - Grüne Bäume, Vögel am Himmel, ein Sonnenuntergang, dazu ein inspirierender Spruch. Ein Zeichen soll gesetzt werden. Der Umwelt zu liebe. Hach ja, Werbekampagnen können so schön sein. Aber wie wahr sind sie wirklich? Kurz vor Beginn des Weltwirtschaftsforums in Davos haben sich 40 global agierende Großkonzerne, darunter auch Pepsi und Danone, einer Initiative der britischen Seglerin Ellen MacArthur angeschlossen. Sie wollen ein Zeichen setzen: Weniger und umweltfreundlicheres Plastik soll von nun an verwendet werden. Wow, spitze! Aber Moment mal.... - was so gut klingt, ist eigentlich nicht mehr als Greenwashing auf den Seiten von Pepsi, Coca-Cola und Danone. Unter Greenwashing versteht man die Kampagnen, die darauf zielen, das Unternehmen als besonders umweltfreundlich und ethisch korrekt handelnd darzustellen. Greenwashing ist dabei viel mehr als nur das Rücken in das “grüne Licht” und das Verkaufen von einem grünen Image. Viel mehr. Wirklich. Das Ganze soll eine Dimension höher ansprechen - die Politik. Oft wird Greenwashing eingesetzt um drohende Gesetzesvorhaben zu unterlaufen. Es wird der Eindruck vermittelt, als

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würden “Grünfärber” das Umweltproblem bereits selbst lösen, verpflichtende Regeln seien damit unnötig. Realistisch gesehen haben Großkonzerne wie Coca-Cola, Pepsi oder Danone weder Interesse am Umweltschutz und noch weniger an Plastikabfall. Stattdessen vermüllen ihre Einweg-Produkte weiter Parks, Gehwege und Meere. Mindestens acht Tonnen Plastik landen jährlich in den Ozeanen, das entspricht einer LKW-Ladung voll Plastik pro Minute. Kampagnen, wie diese mit MacArthur, haben einen tieferen Sinn. Aktionismus wird vorgetäuscht, um wirksame Gesetze zur Vermeidung von Plastikabfällen zu verhindern und von der gezielten Zerstörung ressourcenschonender Mehrwegsysteme abzulenken. Unvorstellbar? Du glaubst mir nicht? Ich binde dir keinen Bären auf, versprochen. 2016 führte Danone eine neue Einweg-Plastikflasche ein, die um mehr als 40 Prozent schwerer geworden ist. Aber nicht nur Danone setzt sich für Einwegflaschen ein. Weltweit zählt Coca-Cola zu den am rücksichtslosesten gegen den Umweltschutz agierenden Unternehmen. Anstatt, dass Mehrweg gefördert wird und Plastikabfälle vermieden werden, hat Coca-Cola in Norwegen bereits seine Mehrwegflaschen abgeschafft. Nächstes Ziel: Deutschland. Erst letztes Jahr veröffentlichte DC-Leaks ein geheimes Strategiepapier von


Coca-Cola. Die Strategie enthielt eine Kampfansage gegen gesetzliche Recyclingquoten und höhere Umweltstandards. “Good Guy” Pepsi hingegen finanziert sogar den deutschen Lobbyverband ‘Bund für Getränkeverpackungen der Zukunft’, der sich für mehr Wegwerf-Plastikflaschen einsetzt. Von Umweltschutz kann hier also keine Rede sein, wenn die Verschwendung von Ressourcen zur Profitmaximierung billigend in Kauf genommen wird. Aber wer weiß - vielleicht setzt sich Super Kendall nun zum Ziel die Welt erneut zu retten. Natürlich der Umwelt zu liebe. Pepsi, gib ihr die Kraft!

Aber das Fehlen hat noch ein weiteres Problem: Unternehmen sehen es “verlockend” Umweltgüter zu übernutzen. Warum? Umweltfreundliche Produktionsverfahren kosten Geld. Umweltfreundliche Rohstoffe kosten Geld. Kurzum: Der Gewinn wird geschmälert.

Aber warum ist es für Unternehmen wie Pepsi überhaupt möglich, Ressourcen zu ihrer Profitmaximierung auszubeuten? Schauen wir uns das Ganze einmal etwas näher an - fest steht, dass die Ressourcen der Erde endlich und begrenzt sind. Auf den Märkten bilden sich keine Preise für solche begrenzten Umweltgüter wie beispielsweise Wasser oder Luft. Kurzum: Die Umwelt mit ihren Ressourcen ist ein freies Gut für jeden. Ein immenses Problem! Das Fehlen von internationalen Rahmenbedingungen führt zu einem unverantwortlichen Konsum, bei dem Güter unter einem erheblichen Qualitätsverlust leiden. Verursachte Umweltschäden werden kaum in die Preisgestaltung von Unternehmen aufgenommen - so ist es häufig zu sehen, dass Produkte, die in der Herstellung sehr umweltbelastend sind, auf dem Markt zu wenig kosten.

Nicht nur Unternehmen stehen hier in der Kritik - es muss sich dringend etwas ändern in der Politik. Und auch in unserem Konsumverhalten.

Ein nachhaltiges Verwenden von Ressourcen wird nicht durch Kampagnen erreicht - dazu gehört neben umweltfreundlichen Produktionsverfahren auch beispielsweise das Umsteigen auf erneuerbare Energien während des Produktionsprozesses.

“Wir haben nur diesen einen Planeten”, sagte Ellen MacArthur im Rahmen ihrer Kampagne. Umso weniger glaubwürdig erscheint hierbei die Unterstützung der Seglerin durch Unternehmen, die Greenwashing oder auch Lobbyarbeit einsetzen und aktiv betreiben. Eines kann hier jedoch mit Sicherheit gesagt werden: Ein grüner Anstrich hilft nicht bei einem schwarzen Kern. AUTOR: LYDIA BOSSE

MARKETING

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SNAP ME IF YOU CAN SNAPCHATS ENTWICKLUNG ZUR SOCIAL-MEDIA-PLATTFORM SOWIE DIE INTEGRATION VON WERBUNG IN DER APP

„What to wear at Coachella“, „Starbucks launches the drink of your dreams“, „Showering Today? Read this“. Was wie ein Teenie-Life-Hack-Ratgeber klingt, ist in Wahrheit eine zielgruppenorientierte Werbeplattform von Snapchat für Snapchat. Doch wann hat sich der ehemalige Messenger-Dienst zu einer Werbung-schaltenden Plattform entwickelt? Um das zu klären, müssen wir ganz von vorne anfangen: im Jahr 2011, als es noch keine Möglichkeit gab, Nacktfotos ungeniert und ohne Gefahr zu verschicken. Evan Spiegel und Robert Murphy hatten die Idee eine App zu gestalten, in der Fotos sich nach maximal 10 Sekunden automatisch selbst zerstören. Geniale Idee? Allerdings. Das Start-up schlug nach dem Start im September 2011 ein wie eine Bombe und verzeichnete bereits ein Jahr später 10 Millionen aktive Nutzer. Die 10 Sekunden Bilder reichten den Gründern aber nicht. Ab Oktober 2012 bekamen Snapchat-Nutzer die Möglichkeit, ihre Snaps für 24 Stunden mit all ihren Kontakten zu teilen, anstatt sie mühevoll an jeden Einzelnen zu schicken. Der Erfolg stieg weiter und selbst Marc Zuckerberg konnte nicht mehr weg sehen. Er beschloss, Snapchat zu kaufen und bot Evan Spiegel im November 2013 ein hübsches Sümmchen von 3 Milliarden US Dollar an. Wer würde da schon Nein sagen? Nun, Spiegel tat es. Er erkannte das Potential in Snapchat und lehnte dankend ab. Viele verwunderte dies und schüttelten den Kopf, doch Spiegel wählte weise. Heute wird der Marktwert des Startups auf eine Summe zwischen 20 und 60 Milliarden Dollar geschätzt. Nach dem Korb an Zuckerberg startete Snapchat erst richtig durch. Juli 2014 wurden die ersten Geofilter eingeführt, die nach dem Schießen der Bilder per Wischen über den Bildschirm und GPS-Lokation auf das Bild gelegt werden. Jede Stadt, die etwas auf sich hält, besitzt heutzutage einen oder mehrere Geofilter. Ihr fragt euch jetzt wahrscheinlich, wie Snapchat sich finanziert, schließlich ist die App kostenlos. Das Start-up hat inzwischen mehrere Wege gefunden, Unternehmen in das Geschehen mit einzubinden. Firmen können seit 2015 eigene Geofilter entwickeln und Snapchat stellt diese an den vom Unternehmen ausgewählten Standorten zur Verfügung. Starbucks hat sich dieser Methode bereits bedient und hat, sobald ein Store in der Nähe war, den Geofilter bereit gestellt. (Kurz gesagt: man konnte den Geofilter ständig verwenden). Eine weitere Möglichkeit ist die Anfang 2015 gestartete Discover-Plattform. Durch zweimaliges Wischen nach rechts landen wir auf einer Seite, die wie ein News-Feed aussieht. Verschiedene Kanäle wie CNN, Vogue, Cosmopolitan und Daily Mail erwecken den Anschein, es handle sich um Nachrichten und Artikel. Doch wer ganz genau hin schaut, erkennt die Wahrheit. Es ist Werbung, verpackt in redaktionellen Inhalten. Ob Artikel, Video oder Schlagzeile mit Bild - Unternehmen entdecken ganz neue Wege, sich ihrer Zielgruppe zu präsentieren. Jeder Nutzer hat seine persönliche Discover-Seite. Die Anzeigen werden nach Alter, Geschlecht, Handymarke und Ort geschalten und Unternehmen können für einen Fixpreis ihren Namen in den verschiedenen Kanälen oder als eigene Anzeige platzieren. Discover bietet also nicht nur Unternehmen eine Werbeplattform, sondern den Nutzern eine Seite, die die eigenen Interessen wiederspiegelt. Cleverer Schachzug. Werbung ist jedoch nicht immer so schön verpackt, wie oben beschrieben, denn leider ist man ab jetzt nicht einmal mehr in unseren Stories vor Werbung sicher. Snapchat bietet Konzernen die Möglichkeit, für 24 Stunden eine 10-Sekunden-Werbung in deinen Stories einzuschleusen. So kann es sein, dass zwischen Carinas Urlaubsfotos und Jakobs Biersnap ein Spot für die neueste Netflix-Serie läuft. Ob sich dies großer Beliebtheit erfreut, ist fragwürdig, konnte man davor noch selbst entscheiden, ob man per Discover Werbung sehen möchte oder nicht.

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Eines hat Snapchat jedoch in jedem Anzeigentyp verinnerlicht: das 3V-Advertising. Vertical, Video und Views. Firmen müssen eigens für Snapchat neue Werbung gestalten, da die Anzeigen für Facebook, Instagram und Co meist in horizontaler oder quadratischer Form sind und Filme oft länger als 10 Sekunden dauern. So sind sie gezwungen, ihre Botschaft kurz und knackig innerhalb von 10 Sekunden in einem vertikal ausgerichteten Video zu verpacken. Kein Schnick-Schnack, keine versteckten Werbefallen. Die Aufmerksamkeit des Snappers liegt zu 100% auf der Full-Screen-Werbung. Das Gute: nach einem schlechten Anlauf bekommt das Unternehmen 24 Stunden später eine neue Chance, sich zu präsentieren. Wer keine eigene Werbung schalten möchte, bedient sich an den zahlreichen Influencern. Social-Media-Stars bekommen Produkte in die Hand gedrückt und platzieren diese in ihren Snaps. Der einzige Nachteil besteht darin, dass die Werbung ausschließlich für Snapchat-User und nur auf dem Smartphone sichtbar ist. Zudem muss man sich immer noch anderer Social-Media Kanäle bedienen, um den Snapchat-Namen Preis zu geben, da man Personen nur mit ihrem Usernamen finden kann. Egal für welche Variante sich ein Unternehmen entscheidet, laut Snapchat sind die Wischraten fünfmal höher, als die Klickzahlen auf anderen Plattformen. Somit spielt das Startup Unternehmen bereits bei den ganz Großen mit und glänzt neben dem Messenger- und Social-Media-Dienst als dynamische Werbeplattform. Genug über Werbung geredet. Reden wir über das, dass Snapchat ausmacht: regenbogen-kotzende, stimmenverzerrende Linsen, die selbst Cruella wie Schneewittchen aussehen lassen. Egal ob Toilette, Toast oder Abraham Lincoln- mit Snapchat kannst du dein Gesicht in alles verwandeln. Die beliebten Linsen bedienen sich dabei der Augmented Reality. Die Kamera scannt das Gesicht und legt auf die Gesichtszüge eine Hündchen-, Kätzchen- oder Tomatenmaske darauf. Die Realität wird um ein paar Features erweitert. Snapchat wurde dadurch noch beliebter und der Hype wurde immer größer. Inzwischen nutzen über 200 Millionen Menschen die App und pro Sekunde werden 8 800 Snaps verschickt. Zuckerberg bekommt der Erfolg gar nicht gut und wagt sich in den Kampf. Wer hat den Längeren? Instagram-Stories, Whatsapp-Stories, Facebook-Stories – was kommt als Nächstes? Keiner weiß es, aber der verzweifelte Versuch von Zuckerberg, auf den Snapchat-Zug mit aufzuspringen, scheitert kläglich. Hohn ist das einzige, was bleibt. Wenigstens die Instagram-Stories besänftigen den Konzern ein wenig, welcher sich immerhin 100 Millionen Nutzer bedienen. Einmal Snapchat, immer Snapchat. Die User bleiben dem Startup treu. Die Nutzer schätzen Snapchat jedoch nicht nur wegen den Filtern und Fratzen, die sie einsetzen können, sondern weil es eine einfache Möglichkeit der Kommunikation ohne Worte untereinander bietet. Hier bekommt der Satz „sich ohne Worte verstehen“ eine neue Bedeutung. Jeder von uns hat doch diesen einen Freund, mit dem man sich nur Doppelkinn-Selfies schickt. Wo sonst sollte man das machen, wenn nicht über Snapchat? Social-Media, Zeitvertreib, Kommunikation, Werbeplattform. Snapchat ist an Vielfalt trotz seiner Einfachheit kaum zu übertreffen. Es bleibt offen, was das Team hinter Snapchat noch für die Zukunft bereit hält. Aber eines ist sicher: verrückte Ideen für neue Linsen gibt es mehr als genug. AUTOR: NADINE MIHAI

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ENTSCHLEUNIGUNG DER WERBUNG – ODER WIESO UNTERNEHMEN IN PODCASTS INVESTIEREN

In Zeiten des Information-Overflow und der damit verbundenen Omnipräsenz von Werbebotschaften sollte der geneigte Marketing-Entscheider eigentlich zustimmen, dass die Aufmerksamkeitsspanne der eigenen Zielgruppe für die Werbemittel sehr gering ist. Dennoch versucht man jede Kontaktmöglichkeit mit dem Konsumenten zu erhaschen, nutzt Targeting, sendet ihm Mails und „verfolgt“ ihn in den Social-MediaKanälen. Die genutzten Kommunikationsmaßnahmen zielen dabei immer mehr auf eine schnelle Kontaktaufnahme ab. Seien es Display Ads oder Banner in Facebook, die Dauer, mit der sich die Zielgruppe unserer Anzeige beschäftigt, sinkt stetig. Dabei ist auch der stark zunehmende Trend der Audiovisualisierung in Form von Videos als Werbemöglichkeit nicht das Allheilmittel. Paradoxerweise erlebt die Kommunikationsform des Mediums Podcast derzeit seinen „zweiten Frühling“. Wie passt dieser Trend in den Alltag der Menschen, welchen Insight bringen Podcasts mit sich? Vielleicht sind es die ruhigen Minuten, Zeit in denen man einfach den Moderatoren zu spannenden Themen lauschen kann. Die gewünschte

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Alternative zu Radio und Musik-Streaming ermöglicht es nahezu überall „abzuschalten“, egal ob man gerade mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist oder einfach zu Hause auf der Couch liegt. Wie so oft begann der erneute Aufschwung der Podcasts in den Vereinigten Staaten. In Deutschland gibt es noch nicht viele Moderatoren, die eine breite Zuhörerschaft gewinnen konnten. Das Radio spielt dabei eine wesentliche Rolle. So konnten insbesondere Olli Schulz und Jan Böhmermann ihren Podcast „Fest & Flauschig“ bei Spotify etablieren und erreichen seit ihrem Wechsel von Radio Eins zum „StreamingRiesen“ nun ein wesentlich größeres Publikum. Dabei schreckt auch eine Länge von über 60 Minuten die Zuhörer nicht ab. Nach Martens und Amann liegt der Anteil der Zuhörer, die den Podcast zu mindestens 75% anhören, bei 69% für Heavy-User und 52% für Light-User – höchst interessante Werte für Werbetreibende. Stellt sich die Frage, wie Marketer Podcasts eigentlich nutzen können?


Bilder: INTERNAUTEN

Grundsätzlich fungiert der Moderator, oder das Moderatoren-Team, als Influencer. Er verfügt ebenfalls wie seine Pendants auf Instagram, YouTube & Co. über loyale Hörer und Authentizität. Dabei sind den Inhalten beziehungsweise den besprochenen Themen keinerlei Grenzen gesetzt. So können sehr differenzierte Zielgruppen, vom „Ottonormalverbraucher“, über interessante Themen oder bekannte Moderatoren (vergleiche Fest & Flauschig), bis hin zum gestandenen Manager, über komplexe Business-Themen wie digitales Marketing oder künstliche Intelligenz in der Werbung (vergleiche Online Marketing Rockstars Podcast), angesprochen und erreicht werden. Wie das beworbene Produkt in den Podcast eingepflegt wird, hat zunächst einmal fast keine Beschränkungen. Es könnte ein Rabattcode für Zuhörer sein oder der Moderator könnte seine Erfahrungen mit dem Produkt beziehungsweise der Marke schildern. Hinzu kommt, dass man derzeit noch 1.000€ – 3.000€ für eine Platzierung zahlt. Zum Vergleich: Ein Influencer mit 100.000 Followern auf Instagram kostet im Durchschnitt 1.500€. Damit bietet sich für werbetreibende

Unternehmen eine Alternative zum Influencer-Marketing auf Social -Media Kanälen. Hört man sich etwas in der Branche um, so scheint das Medium des Podcasts durchaus Trendpotenzial zu besitzen. Denn durch den Hype rund um das Thema Influencer-Marketing sind entsprechend auch die Kosten einer Kooperation zwischen Werbetreibenden und Influencern deutlich angestiegen. Brancheninsider sprechen sogar von einem Trend hin zu Micro-Influencern und weg von Macro-Influencern. Diese seien zwar reichweitenschwächer, weisen aber eine höhere Authentizität aus, wodurch sich Vorteile in der Effizienz der Kommunikationsmaßnahme ergeben. Letztendlich bleibt es jedem Unternehmen selbst überlassen, ob sie auf den Trend der Podcasts eingehen. Besonders Unternehmen, die bereits Erfahrungen mit dieser Marketingkommunikationsform machen konnten, sollten sich überlegen in Podcasts zu investieren. AUTOR: PHILIPP KLOÉ

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NACHHALTIGKEIT TO GO

COFFEE-TO-GO BECHER IN EINEM NEUEN LICHT! Wusstest du, dass allein in Deutschland jährlich etwa 2,8 Mrd. Coffee-To-Go-Einwegbecher verbraucht werden? Das kommt in Summe ganzen 43.000 gefällten Bäumen und 40.000 Tonnen Abfall gleich – eine große Belastung für unsere Umwelt. Diesem Problem haben wir, fünf Master-Studierende des Studiengangs Wirtschaftsingenieurwesen der Hochschule Pforzheim, uns bereits letztes Wintersemester 2016/17 in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Wupperfeld angenommen. Das Ergebnis ist ein funktionsfähiges und wirtschaftliches Geschäftsmodell, welches an unserer Hochschule seine ersten Testläufe haben wird: LoopCup! Grundgedanke unseres Konzeptes ist es, die bislang verwendeten Einweg-Pappbecher durch vollständig biologisch abbaubare Mehrwegbecher zu ersetzen und hierdurch einen ressourcenschonenden und dennoch konsumentenfreundlichen Beitrag zum Hochschulalltag zu leisten. Die Becher sind spülmaschinenfest und können mehr als 100 Mal wiederverwendet werden. Neben unserer persönlichen Vorgabe, keine Mehrkosten für die Studierenden und die Hochschule entstehen zu lassen, ist ein weiteres Ziel, den zusätzlichen Nutzungsaufwand so gering wie möglich zu halten. Die verwendeten Becher stammen von einem in Hessen ansässigen und produzierenden Unternehmen namens „NOWASTE“- dem größten ökologischen MehrwegbecherHersteller des deutschen Marktes. Die Devise des Unternehmens heißt: „Weg von den biologisch nicht abbaubaren Plastikmüllbergen, weg von der Verschwendung von Ressourcen – und dennoch nützliche, formschöne und interessante Produkte produzieren. Das ist möglich, ist intelligent, notwendig und mit Blick in die Zukunft auch überfällig.“ Genau dieses

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Vorhaben möchten wir mit unserem Projekt umsetzen und hoffen, dass auch ihr in Zukunft Lust habt, mit euerm Kaffeekonsum etwas Gutes für unsere Umwelt zu tun. Damit unser geliebter Kaffee an der Uni nicht teurer wird und um eine wirtschaftliche und nachhaltige Umsetzung des Geschäftsmodells gewährleisten zu können, ist die Zusammenarbeit mit Werbepartnern unverzichtbar. Bedeutet: Unternehmen haben bei der Einführung der Becher die Chance, Werbefläche auf den neuen Mehrwegbechern zu erkaufen und so die Möglichkeit, dass ihre Werbung von uns Studenten höchstpersönlich durch die Gegend getragen wird. Wie viel LoopCup von Unternehmen für das Drucken ihrer Werbung verlangen kann, haben wir in Form einer gängigen Marketingkennzahl, dem Tausend-Kontakt-Preis (TKP), ermittelt. Dieser sagt aus, wie viel Geld ein Unternehmen bereit ist bei 1000 Sichtkontakten eines Bechers zu zahlen. Unsere Aufgabe war es daher zu ermitteln, mit welcher Untergrenze an Sichtkontakten pro Becher unsere Werbepartner rechnen können. Dabei ist zu betonen, dass sich dieser Wert auf die aktuellen Umstände bezieht, unter denen unsere Becher noch völlig unbekannt sind. Durch Marketingaktionen und gezielte Maßnahmen zur Awareness-Steigerung wird sich diese Kennzahl natürlich noch deutlich verbessern lassen. Die entsprechende Marktforschungsstudie zur Ermittlung des TKP wird von Felix Klaus und Lars Müller, Gründungsmitglieder von LoopCup, mit Unterstützung von Vanessa Schütze und Anita Kolmann, Mitglieder der studentischen Initiative Sonar, durchgeführt. Hierbei hat sich die Gruppe für die Marktforschungsmethode Eyetracking entschieden. Doch wie lief die Eyetracking-Untersuchung zu unserem Mehrwegbecher-Projekt eigentlich genau ab?


Zunächst haben wir uns darüber Gedanken gemacht, in welchen Situationen auf unserem Campus überhaupt Kaffee oder natürlich auch Tee getrunken wird. Das Ergebnis unserer Überlegungen: in der Vorlesung, der Bibliothek (wenn auch nicht ganz erlaubt), der Cafeteria und bei Projekttreffen wird gerne eins unserer geliebten Heißgetränke konsumiert. Diese Erkenntnis hat sich durch eine kleine Online-Umfrage auch schnell bestätigt. Um nun herauszufinden, mit wie vielen Sichtkontakten pro Becher wir jeweils in den unterschiedlichen Szenarien rechnen können, haben wir diese möglichst realitätsgetreu nachgestellt und in Form von kurzen Videosequenzen festgehalten. In den Aufnahmen haben wir jeweils einen LoopCup-Becher mit aufgedruckter Werbung auf natürliche Weise platziert. Diese Videos haben wir daraufhin 30 zufällig ausgewählten Probanden in willkürlicher Reihenfolge vorgeführt und währenddessen mit Hilfe des Eyetrackers deren Blickverläufe aufgenommen. Hierdurch konnten wir in der anschließenden Auswertung ermitteln, auf welche Objekte und Personen in den Videos die Blicke der Probanden gerichtet wurden und ob darunter auch unsere Becher wahrgenommen wurden. Zudem konnten wir anhand des Eyetrackers auch messen, wie intensiv der jeweilige Sichtkontakt war, wobei dies für unser Projekt zwar keine notwendige, jedoch eine nicht ganz uninteressante Nebeninformation für potentielle Werbepartner darstellen könnte. Natürlich ist das Eyetracking-Experiment keine sehr natürliche Situation für unsere Probanden gewesen. Einige Faktoren bei solchen Studien können dazu führen, dass die erhaltenen Ergebnisse beeinflusst werden und somit das Ergebnis verzerren. Daher mussten wir anschließend an unsere ausgewertete Studie noch eine Gewichtung einzelner Szenarien miteinberechnen. Beispielsweise ist es wahrscheinlich, dass viele unserer Probanden einen Becher in dem Bibliotheks-Video wahrgenommen haben. In Wirklichkeit hätten sie aber vielleicht nicht die Möglichkeit dazu gehabt, einen Becher zu entdecken, wenn an besagtem Tag nur brave Studierende dort gelernt ha-

ben, die sich an das Trinkverbot halten. Doch so simpel sich die Durchführung der Untersuchung soweit auch anhört: bei der Planung mussten wir einige Überlegungen und Zeit investieren, um möglichst valide und repräsentative Ergebnisse zu erhalten. So war ursprünglich geplant, die Videosequenzen an der Hochschule Pforzheim zu drehen. Hierbei haben wir jedoch die Gefahr gesehen, dass Probanden in den Videos bekannte Personen erkennen und ihre Blicke dann ausschließlich auf diese fokussieren könnten. Um einer solcher Verzerrung entgegenzuwirken, haben wir uns für die Hochschule Karlsruhe als neutralen, aber dennoch mit unserer Hochschule vergleichbaren Drehort entschieden. Dabei wurde außerdem vermieden, die gleiche Person in mehreren Videos auftauchen zu lassen, sodass Probanden sich auch nicht von Wiedererkennungen dieser Art ablenken lassen konnten. Weitere Ergebnisverzerrungen haben wir versucht zu vermeiden, indem wir die Farben der Becher und die Werbelogos auf den Bechern in den verschiedenen Videos variiert haben. Nichtsdestotrotz mussten wir damit rechnen, dass nicht jegliche Störfaktoren eliminiert werden konnten, sodass dies bei der Auswertung der Sichtkontakte noch berücksichtigt werden musste. Zusammenfassend können wir sagen, dass wir während des Projekts nicht nur eine Menge Arbeit, sondern auch super viel Spaß hatten. Es war sehr spannend miterleben zu können, wie theoretische Techniken für reale Untersuchungen eingesetzt werden können und auf welche Vielzahl von Umständen man achten muss, um ein gutes Ergebnis zu erzielen. Die während der Untersuchung verwendeten Mehrwegbecher wurden freundlicherweise von NOWASTE zur Verfügung gestellt, wodurch dieses Unternehmen einen wichtigen Beitrag zum Erfolg der Einführung von Mehrwegbechern beisteuern konnte und in Zukunft damit hoffentlich den Uni-Campus zu einem besseren und nachhaltigeren Ort macht. Danke! AUTOREN: VANESSA SCHÜTZE, ANITA KOLMANN


STOP THE BITCHES, HÖRT DAS HEULEN AUF!

EIN AUFRUF ZUM THEMA “GOLDSTADT BASHING” „Ehh... Pforzheim ist scheiße.“ Mensch, wie oft habe ich diesen Satz schon gehört. Als jemand, der hier schon etwas länger vor Ort ist, geht einem das irgendwann auf die Nieren. Erzähl mir was Neues. Ja, Pforzheim ist hässlich. Na und, du vielleicht auch! Und sag ich dir das jedes Mal wieder? Viel wichtiger: Was sagt das über dich aus, wenn du eine Stadt wie Berlin brauchst, um Spaß zu haben. Natürlich ist es dort einfacher und es gibt mehr Möglichkeiten und schicke Läden und fancy Bars and shit. Da kann jeder Spaß haben. In Pforzheim musst du dein Glück eben erzwingen. Ist doch stark, wenn du sagen kannst, ich hatte ‘ne steile Nacht gestern. In einer Großstadt nicken dir deine falschen Freunde in der U-Bahn müde zu, wenn du ihnen das erzählst. In Pforzheim ist das ‘ne Leistung! Da fragen Leute noch nach, was du gemacht hast. Die wollen nämlich mitkommen das nächste Mal! Aha! Mein Feindbild sind diese kleinen Großstadtgörls, die sich zu fein sind, für eine schwitzige 80er Party im Sägewerk. „Ehh… zum Feiern fahr ich nach Stuttgart“. Natürlich sind da die Schuppen größer, die Musik besser und in deinem Drink lauter lustige Brausetabletten, die vorher nicht drin waren. Dafür ist in Pforzheim in 20 Jahren DJ Kackfisch immer noch eine Legende. Und das, obwohl er dann schon seit 20 Jahren nicht

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mehr auflegt! „Ehh… wenn ich hier nicht mehr studiere, bin ich aber ganz schnell weg.“ Wieso warten? Zwingt dich doch niemand hier zu studieren. Geh doch in eine andere Stadt. Der gemeine Pforzheim-Basher wird jetzt denken: „Ehh… hatte aber nur n Studienplatz an der HS gekriegt“ Tja… da hat dann wohl jemand seine Hausaufgaben nicht regelmäßig gemacht, wenn es für die schickeren Studien-Städte nicht gereicht hat. Mein Punkt ist recht einfach: Akzeptiere, dass du in Pforzheim gelandet bist, hör auf zu heulen und mach das Beste draus. Natürlich ist Pforzheim ranzig und assi und längst keine Stadt wie Hamburg, Berlin oder Köln. Aber sich immer wieder drüber auszuheulen hilft nicht weiter. Deswegen Pforzheim einfach mal als Herausforderung sehen. Wer es hier schafft, kann danach überall hin. Gemäß dem Hochschulmotto: Aus Pforzheim in die Welt! „Hey es ist nach 23 Uhr, es ist dunkel und ich muss alleine zurück durch die Nordstadt laufen. Mal gucken, ob ich heil ankomme.“ Positiver Sportsgeist! Einfach mal was wagen. „Dieses Straßenschild hat unsere WG erst zweimal, lass mal rausreißen und mitnehmen.“ In Pforzheim hat die Polizei ge-


HATE nug andere Sachen zu tun. Die sehen dich nicht, wenn du ein 2-Meter langes Einbahnstraßenschild aus dem Schiebedach des 7 Sitzers raushängen lässt und damit quer durch die Stadt fährst. Dann sieht das Auto halt wie ein Low Budget Panzer aus, aber wenn man damit durchkommt, ist man Pforzheims Most Wanted und hat eine gute Geschichte zu erzählen. (60% der Gemeindeschulden in Pforzheim fallen tatsächlich auf den exzessiven Straßenschilderklau zurück. Wirklich? Nein natürlich nicht. Die Kommune hat damals 77 Millionen in spekulativen Geschäften verzockt. Hurray Pforzheim. Glücksspiel = cool) Manch einer würde sagen, Pforzheim sei halt ein bisschen schäbig. Doch die Kunst ist es doch, selbst eine ekelhafte Sache interessant zu verpacken. Ich stand einmal an der 5er Haltestelle am Leo und neben mir spuckte so ein Vollhonk im 10-Sekundentakt auf den Boden. So weit, so schön, ich hab ihn nicht weiter beachtet, bis ich dann auf einmal gemerkt habe, dass ein kleiner Spuckebach ganz langsam vor mir den Hang hinunter fließt. Dieser Typ hatte es geschafft, so oft auf den Boden zu spucken, dass ich tatsächlich (Achtung: Übertreibung!) fast weggespült worden wäre. Auch eine Art Leistung. In Großstädten spucken die Assis nicht so häufig auf den Boden. Jaja, nimm das Berlin! Denkt positiver über Pforzheim .Einfach der Stadt ein paar freshe Namen geben. P-Town. Pforzelona. Schüüüüüüüch, macht alles gleich viel krasser. Ich versteh doch total, dass nicht jeder für ewig lange Zeit in

Pforzheim leben will. Nach meinem Bachelor bin ich ja auch weg. Aber das heißt nicht, dass man sich in Pforzheim nicht wohlfühlt. Macht das Beste aus der Zeit in Pforzheim. Man kann billig wohnen, stark studieren und die Busse fahren inzwischen sogar wieder nach einem Plan. Also hört auf zu jammern, dass hilft nämlich keinem. Mein Lieblings-Pforzheim-Fakt ist übrigens, dass der EINE RING aus den Peter Jackson Meisterwerken „Der Herr der Ringe“ aus der Goldstadt kommt. Und das würde ja bedeuten, dass Pforzi der Schicksalsberg ist, was wiederum das optische Erscheinungsbild von Pforzheim entschuldigen würde, denn Mordor sieht ja nun auch nicht gerade einladend aus. (Dieser Fakt hat mir im Übrigen so gut gefallen, dass ich ihn nie auf seinen Wahrheitsgehalt überprüft habe. Tut mir den Gefallen und schaut auch nicht nach. Der Glaube zählt.) Da ich nicht mit einem möglicherweise fragwürdigen Fakt enden möchte, verweise ich hier noch einmal auf die fett krasse HipHop Szene in Pforzheim und gönne mir jetzt den Goldstadt-Soundtrack “Pforzheim” von „Kopfschussrec“: „Das ist Pforzheim. Das ist die Goldstadt. Hier bist du WOOOOOAAAAAS, wenn du Erfolg hast.“ (Bitte hört euch die erste Minute an! Ihr dachtet JB Bizeps, wäre Pforzheims Rapper Nr.1? Oh my sweet summerchild…)

AUTOR: CHRISTIAN LEUBNER

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PARSHIP vs. ASTRA Essen mit jemandem teilen? Türe schließen beim aufs Klo gehen? Oder nach einer durchzechten Nacht neben jemand vollkommen Fremden aufwachen? Dinge, die nur einem Single bekannt vorkommen können. Und das nicht nur alle 11 Minuten...

verstehen geben: Hey Sexy, hier bist du genau richtig! Doch eine Frage stellt sich an dieser Stelle: Wie wahrscheinlich ist es denn wirklich, einen Partner auf Parship zu finden, wobei es doch so viele andere Anbieter, wie Tinder, Elitepartner oder LoveScout24 gibt?

Jeder kennt doch diesen einprägenden Slogan, den man etliche Male auf Postern an der Bushaltestelle liest „Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single über Parship“. Immer wieder fragt man sich: warum ist es nur EIN Single, der sich verliebt? Heißt es nicht PA(A)R-ship und bedeutet nicht Paar, dass dazu immer zwei Personen gehören? Oder kann man heutzutage schon mit sich selbst ein Paar bilden, nach dem Motto: Me, myself and I? Auf den Werbeplakaten ist entweder ein attraktiver Typ mit Drei-Tage-Bart oder eine Blondine mit strahlend weißen Zähnen zu sehen, die einem mit einem versprechenden Lächeln entgegenstrahlen. Mit dem flirtenden Blick, der einem zugeworfen wird, wollen sie wohl zu

Vielleicht hat sich die renommierte Werbeagentur PUK (Phillip und Keuntje) das Selbe gefragt, wobei diese den attraktiven, bärtigen Mann und die hinreisende Blondine etwas anders interpretiert haben. Hier ist es wohl eher ein baumfester Bursche mit Holzfällerbart und Bierschaum-Fanatikerin mit sehr langer Zunge. Sollten sich manche Parshipper bei diesem Anblick vielleicht doch Gedanken darüber machen zu Astra überzugehen, sich einen Bart wachsen zu lassen und stattdessen zu Bar-shippen.

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Doch wie viel Astra muss man denn trinken, damit sich eine Szene, wie sie uns geboten wird, ereignet? Es scheint nicht


zu weit hergeholt zu behaupten, es sei möglicherweise wahrscheinlicher einen ebensolchen Bartwuchs zu erhalten, als sich über Parship zu verlieben. In Anbetracht der Frage, woher denn dieser Claim kommt, dass alle 11 Minuten jemand sein Herz auf der Singlebörse verschenkt und wie Parship zu diesen Zahlen gelangt ist, wird man etwas skeptisch. Parships Angaben zu Folge, gaben 38% der Premium-Mitglieder, die aus der Single Börse ausstiegen, den Kündigungsgrund an, ihre große Liebe gefunden zu haben und deswegen keine Hilfe in Liebesdingen mehr zu benötigen. Doch bei einer etwas anderen Betrachtungsweise, bedeutet dies, dass die übrig gebliebenen 62% der Kündigungen Parship verlassen ohne ihre bessere Hälfte gefunden zu haben. Denn würde, ungeachtet dessen, in der Tat jede 11 Minuten jemand neues Schmetterlinge im Bauch fühlen, wäre das bei circa fünf Millionen Mitgliedern in Deutschland ein kümmerlicher Wert von nicht einmal zwei Prozent. Demzufolge können in genau 94,11 Jahren jeder der fünf Millionen behaupten, auf Parship von Amors Pfeil getroffen worden zu sein. Betrachtet man andererseits einmal den Bierkonsum in Deutschland, welcher laut Spiegel Online im Jahr 2015 ganze

106 Liter betrug, was einer ganzen Astra-Flasche pro Tag entsprechen würde, erscheint die Astra Variante wohl doch nicht mehr so abwegig. Wenn sich also die fünf Millionen Parship-Mitglieder mal einen kleinen Stoß geben würden, jeden Abend bei einem gemütlichen Bier an einer Bar sitzen und vielleicht mit einem netten Jemand in ein Gespräch kommen würden, wäre dies wohl effektiver als die große Liebe im Web zu suchen. Geht man noch einen Schritt weiter und vergleicht den Monatsbeitrag für eine Mitgliedschaft bei Parship, welcher zurzeit stolze 74,90€ monatlich ist, würde man auch bei einem Preis von 2€ für ein Bier jeden Tag in einem Monat, weniger bezahlen, als bei der Partnerbörse. Garantiert ist auf jeden Fall eins: Es herrscht eine weitaus bessere Stimmung in einer Bar bei einem Drink, als zu Hause vor dem PC. Aber ob nun bei einem Bier, bei Parship oder ganz zufällig in der Uni, es ist jedem selbst überlassen wie er sich verliebt, sein Herz verschenkt, sich verknallt, Feuer fängt, ein Auge auf jemanden wirft, seine Zuneigung zeigt, in Liebe erglüht... AUTOR: SABINA ALMASCHIJ

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Bild: Kommunales Kino Pforzheim

VORHANG AUF

AUFBLENDE. ICH LAUFE AN EINEM KINO VORBEI. NICHTS PASSIERT.

Schnitt. Cut To: 12 Stunden früher. Ich befinde mich auf einer WG-Party und betrete das WG-Zimmer einer mir bis dahin unbekannten Person, und ich weiß wenige Minuten später schon, dass es sich um einen Menschen nach meinem Geschmack handelt. Ich öffne die Türe und es fallen mir direkt die Poster an den damit dekorierten Wänden auf. Alle sind Filmplakate. Pulp Fiction, der Pate, Scarface, Alien. Alles Klassiker. Alles wunderschöne Poster für Zimmerwände. Und alle sprangen mir direkt ins Auge und zauberten mir ein Lächeln auf die Lippen. Schnitt. Cut To: wieder zurück, 12 Stunden später. Ich laufe an einem Kino vorbei. Nichts passiert. Schnitt. Cut To: Erklärung des Exkurses. Ein Kino ist bestückt mit Filmplakaten, ähnlich wie das Zimmer, über welches ich zuvor berichtete. Doch nicht ein einziges Plakat führte dazu, dass ich meinen Blick für länger als 3 Sekunden auf es richtete, von Lächeln kann nicht im Ansatz die Rede sein. Ich schaue sie mir an und es sieht eins aus wie das nächste, und ich konnte nicht mal sagen, ob die Poster innerhalb des letzten Jahres überhaupt getauscht worden sind, hätte mich nicht der ein oder andere Trailer an einen der Filmtitel erinnert. Und genau da liegt der Hund begraben. Heutige Filmplakate zeigen meistens keine Spur Kreativität oder Einzigartigkeit. Alle Plakate sind generisch und langweilig. Nach dem Grund muss man nicht sehr lange suchen, denn alle Plakate werden

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nach demselben Rezept gekocht. #1 „Schau doch wer alles mitspielt“ – Jedes Plakat besteht mittlerweile zu 2/3 aus den Köpfen der Haupt- und Nebendarsteller. Unten steht dann der Titel in der markanten Typographie und noch etwas, das grob zeigt, ob der Film in der Vergangenheit, Zukunft oder Gegenwart spielt und was grob der Inhalt ist. Boxer, Piratenschiff, Raumschiff, brennende Stadt, damit derselbe Cast nicht immer gleich aussieht. Die Star Wars Filme machen das noch geschickt und nicht komplett einfallslos, doch Filme wie Fluch der Karibik oder Saving private ryan sehen dadurch einfach nur langweilig aus. Eine Reihe von Köpfen, der Gage nach geordnet, über dem Filmtitel ist leider nicht das, was ich unbedingt an meiner Zimmerwand sehen möchte. Schwebende Köpfe passen vielleicht noch zu Harry Potter, aber the Fighter muss das nicht auch noch machen. #2 „Orange-Blau“ – diese Farben sind beinahe ein Muss, wenn man ein Plakat erstellt, Kontraste wirken eben einfach toll und grün-rot ist zu Weihnachten. Wer Google gerade griffbereit hat kann das mal selbst nachsuchen. Aber vielleicht ist ja jeder Designer einfach ein Fan der New York Knicks. #3 „ein hübscher Rücken kann auch entzücken“ – wer das Plakat zu Inception schon gesehen hat, hat automatisch auch die meisten Sci-Fi-Plakate gesehen. Die Hauptperson steht mit dem Rücken zu uns und vor einem großen Hindernis, dass es


im Film zu überwinden gibt. Manchmal schaut er dann noch über die Schulter zu uns, damit wir auch wirklich wissen, wer da denn mitspielt. Nice Ass though! Wieso? Hier meine Theorie. Früher sind Menschen noch tatsächlich an Kinos vorbeigelaufen, um zu sehen was läuft um sich dann anhand der Plakate zu entscheiden, ob und welchen Film sie sich ansehen möchten. Damals musste das Plakat Aufmerksamkeit generieren. Heute nicht. Jeder der in einen Film geht, entscheidet sich zuhause vor dem eigenen Laptop, welchen Film er sich ansehen möchte. Und was nutzt er als Entscheidungsgrundlage? Natürlich einen der unzähligen Trailer die massig über YouTube oder Pop-Ups auf Websites gestreut werden, im TV laufen und auf Facebook unübersehbar sind. Der Film wirbt mit Trailern und nichtmehr mit dem Plakat. Millionen Klicks generieren Trailer zu großen Blockbustern und somit wird das Marketing-Budget dafür ausgegeben, die Trailer so häufig und präsent laufen zu lassen, wie nur durch Geld möglich. Die teuerste Werbefläche der Welt, der Superbowl, ist mittlerweile ein Trailerspektakel geworden, Studios prodozieren extra nur für diesen Werbeplatz eigene Trailer. Und somit bekommt man fünf verschiedene Trailer zum selben Film zu sehen. „Teaser“ – „First Trailer“ – „Superbowl-Trailer“ – „TV-Spot“ – „Trailer international Version“. Wer sich die alle anschaut, spart sich die 15€ fürs Kino, denn arg viel mehr zu sehen gibt es da dann auch nicht mehr. Vor allem wenn die Trailer dann noch wichtige Inhalte des Films zeigen müssen, da es die Marketingabteilung nicht schafft, anders Aufmerksamkeit und Interesse zu schaffen, als den großen Twist und die große Auflösung des Filmes bereits im Trailer zu zeigen. Aber Werbeplätze und lange Streuzeiten sind leider teuer, deshalb wird eben an der Kreativität gespart. Das Filmplakat wird schnell in das allgemein verbreitete Mock-Up gepackt. Dann kann auch schnell der Prakti den Titel und die Darsteller ändern. Den Trailern widerfährt dasselbe Schicksal, auch hier wird Kreativität klein geschrieben, außergewöhnlich dafür groß, jedoch nicht metaphorisch. Mein Vater sagt immer „kennst einen, kennst alle“. Nie war ich stolzer auf ihn. Zum Glück gibt es Licht am Ende des Tunnels, womit wir auch die perfekte Überleitung haben. Star Wars. Denn die Trailerkampagne zur Episode 7 ist ungefähr das, was ich mir unter gelungenem Vorgeschmack vorstelle. Zu bedenken ist hier natürlich, dass Star Wars alleine schon genug Anzugskraft besitzt und nicht noch mit Trailern die Massen ins Kino locken muss. Dennoch haben die Trailer nicht nur nicht zu viel verraten, sie haben sogar einen Hype ausgelöst, wodurch in allen Foren und Kommentarsektionen darüber diskutiert und gemutmaßt wurde, wie sich die Geschich-

te wohl entwickeln wird. Ob ein Film mit noch unbekannten Charakteren und einer unbekannten Welt ähnliches schafft, ist zweifelhaft, doch bei der Welle an Film-Fortsetzungen derzeit, könnten sich zumindest diese eine Scheibe davon abschneiden. Mit einem Laserschwert wird das Ganze dann auch etwas einfacher. Aber Filme lassen und werden nicht nur über den Trailer vermarktet. Als Paradebeispiel für eine durchgehend geglückte Marketing-Kampagne mit vielen Kanälen lässt sich Deadpool nennen. Als Student, der keine Affinität zu Comics oder Superhelden hat, hätte mich dieser Film blass lassen sollen. Doch die gesamte Kampagne war so ziemlich das Beste, was ich in den letzten Jahren gesehen habe (Googled euch da mal schlau, wenn ihr es nicht kennt). OOH, Content-Marketing und Trailer-Kampagnen waren hier alle wie aus einem Guss und haben den Humor des Films perfekt transportiert, und machten mehr als nur Lust auf mehr. Das Ganze wurde dann prominent über Social Media gestreut und dank des Schneeballeffektes


konnte man sich online kaum noch bewegen, ohne über den Protagonisten zu stolpern. Alte Plattformen mit neuen Ideen gestückt und dazu noch neue Kanäle bespielt, die noch kein Film benutzt hat. Und schon haben Sie mich dazu gebracht den Film sehen zu wollen. Und all das, ohne überhaupt über den Inhalt des Filmes zu sprechen. Lediglich die fiktive Hauptperson wurde vorgestellt. Andere Filme versuchen gezwungen, mehr als nur Trailer zu nutzen und scheitern kläglich am Content-Marketing mit App-Ideen und Minispielen, die irgendwie mit dem Film in Verbindung gebracht werden können. Deadpool wusste genau, dass der freche, anzügige Humor über die Grenzen des Filmes der größte USP ist und hat genau damit gespielt. Tinder-Accounts wurden erstellt, Talkshow-Auftritte der Filmfigur wurden eingerichtet und Plakate erstellt, auf denen man sich selbst aber auch die gesamte Filmindustrie selbstironisch auf die Schippe genommen hat. Und anstatt ein einfaches „ab XX.XX. im Kino“-Banner auf Facebook laufen zu lassen, wurde auch hier outside the box gedacht und etwas mehr Arbeit in die Posts und Kanäle gesteckt. Der Hauptcharakter bekam einen eigenen Kanal und wurde als Teil unserer Welt behandelt und implementiert. Hier wird der Film nicht lieblos und geldgierig beworben, hier soll ein Mehrwert durch die Promo geschaffen werden. Dadurch entsteht eine Bindung zu diesem Film, wodurch der Konsument mehr von Deadpool will, als nur diesen Film zu sehen. Er identifiziert sich mit dem Protagonisten und deshalb ist Deadpool auch ein Jahr nach Erscheinung noch relevant durch Merchandise und Profilbildern mit der Hauptperson. Denn hier hat sich das Marketing Gedanken gemacht, wofür der Film steht, was er sein will und wie das ganze kommuniziert werden soll. Und das Risiko eine ungewöhnliche Schiene zu fahren, hat sich ausgezahlt. Zumindest bei mir hat es geklappt. Filme sollten mehr Mut bei der Kommunikationsgestaltung haben. Und sich mehr auf ihren Kern konzentrieren, der kom-

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muniziert werden soll und der sie von den anderen Filmen abhebt. Als wäre der Film eine Marke im Wettbewerb. Denn auch Filme können treue Kunden gewinnen. Schnitt. Cut To: Start des Artikels. Ich laufe an einem Kino vorbei. Nichts passiert. Kein Filmplakat weckt mein Interesse. Doch das ist auch nichtmehr die Aufgabe von Filmplakaten, wie wir oben gesehen haben. Trailer, Social Media Kampagnen und Content Marketing sind dafür heute zuständig. Das Filmplakat soll mich lediglich nochmal daran erinnern, dass es auch der Film mit den Personen ist, die ich davor Zuhause auf dem Laptop und dem Smartphone gesehen habe. Marketing von Filmen hat sich stark geändert, und meistens nicht zum Guten. Das Budget sitzt im Mediaplan und nicht in der Kreation. Doch genau heute sollte das eher umgekehrt sein, denn das Internet und Social Media bieten eine riesige Spielwiese. Heutzutage muss ein Filmplakat nicht mehr den Konsumenten zum Kinobesuch überzeugen, dass kann schon bei viel früheren Touchpoints geschafft werden. Aber wenn dabei alles gleich und generisch wirkt, nutzen auch die zusätzlichen Touchpoints nichts. In Vergessenheit geraten sollten die Plakate dennoch nicht. Denn was gibt es schöneres, als wenn das Plakat zum eigenen Film von Leuten gekauft wird und die Wohnungswände schmückt. Und wenn es ein Plakat dann in ein WG-Zimmer schafft und dafür sorgt, dass ein Gespräch entsteht und Menschen sich kennenlernen, ist das doch den Aufwand für ein eigenes Kochrezept zur Plakatgestaltung wert. Schnitt. Roll Credits

AUTOR: HENDRIK HAUPT


RÜCKBLICK Während dem Studium ist vor dem Berufsleben. Jeder Studierender steht während seinem Studium vor der Frage wo er danach seine Wurzeln schlagen möchte. Agentur oder Unternehmen? In- oder Ausland? Hamburg oder Berlin? Am besten lassen sich diese Frage beantworten durch Erfahrungen. Und genau an diesen lassen wir euch in dieser Kategorie teilhaben. Von Praktikaberichten über Auslandserfahrungen findet Ihr hier hoffentlich eine Entscheidungshilfe beim Wurzelschlagen.

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„I KNOW WORDS. I HAVE THE BEST WORDS.“ WORTE KÖNNEN NICHT BESCHREIBEN, WIE TOLL DIESES PRAKTIKUM FÜR MICH WAR. ZAHLEN SCHON: 3/10. NUR ‘N WITZ.

“Wörter sind Luft. Aber Luft wird zu Wind und macht die Schiffe segeln. Darum schreibe, Leubi! Schreibe….” Dies waren die letzten Worte meines Meerschweinchens “Muffelschnuff” in seinen finalen Atemzügen. So sehr geweint, wie an diesem verregneten Spätherbst-Samstag, habe ich seitdem nie wieder. Mein Meerschweinchen-Mentor brachte mir mehr als nur Lesen und Schreiben bei. Auch Rechnen. Und so schwor ich an Muffelschnuffs Todestag, alles in meiner Macht stehende zu tun, seiner harten Ausbildung gerecht zu werden, Wörter walten zu lassen und Texter zu werden. Dieser Schwur zog mich in meinem Praxissemester nach Hamburg…. An dieser Stelle ermahnt mich Corinna nicht nur irgendeinen Unsinn zu schreiben, sondern tatsächlich die Wahrheit und nichts als die Wahrheit! Keine Fake News verbreiten, reinen Tisch machen, Klartext schreiben. Nun gut, aber sagt nicht ich hätte euch nicht gewarnt: Hatte ich mir meinen Platz im Praxissemester verdient? Durchaus! Allerdings nicht, durch das Schreiben unzähliger Bewerbungen oder durch hervorragende Performance in Bewerbungsgesprächen und auch sicherlich nicht durch meine atemberaubenden Noten (da bleibt einem wirklich die Luft weg). Vielmehr habe ich bei Refill eine richtig coole Personalerin mit Konfetti beschossen und mit ihren Kollegen so lange rumgealbert, bis man mir zum Abschied sagte, ich solle mich doch mal bei Ihnen bewerben. Also füllte ich zwei Wochen nach Refill gewissenhaft den Copy Test aus und schickte selbigen gen Hamburg. Dank viel gutem Willen und meiner charmanten Vorarbeit kam ich so an mein Text-Praktikum. Also Kinder merkt euch das: Wenn ihr euer Praxissemester in einer Agentur verbringen wollt, dann geht zu Refill! Egal ob als Teilnehmer oder als Helfer: Eine bessere Möglichkeit verschiedene Agenturen kennen zu lernen und erste Kontakte zu knüpfen, kann euch Pforzheim nicht bieten! Ich frage Corinna, ob eine Seite denn reiche. Sie will zwei. Ich weine. So bitterlich, wie ich noch nie in meinem Leben geweint habe… Nun aber zum Praktikum! Die ersten Wochen waren ziemlich zäh und ich habe mir tatsächlich öfter die Sinnfrage hinter meiner Tätigkeit gestellt. Ich musste erst die Kunden und

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überhaupt das Handwerk eines Texters kennenlernen, aber ich denke in jedem Job benötigt man eine gewisse Einarbeitungszeit. Dank viel “Learning by doing”, Feedback von Kollegen und zahlreichen, hilfreichen Tipps meines Seniortexters à la “Wo ist das Geschenk Leubi? Jede gute Headline hat etwas Besonderes!” lief es mit dem Schreiben immer besser und ich habe mehr und mehr verstanden, was von mir verlangt wird. Was kann ich euch sonst über’s Texten erzählen? Ich hab es ja nur ein halbes Jahr gemacht, was mich wirklich nicht zu einem Experten macht, doch ich würde sagen, dass ich vor dem Praktikum keine Vorstellung von dem Beruf hatte und dank des halben Jahres bei thjnk durfte ich überall reinschnuppern und auch sehr viel selbst ausprobieren. Geschrieben habe ich auf Kunden wie Paulaner, Axel Springer, IKEA und einmalige Sachen für die Commerzbank und ElitePartner. Letztendlich durfte ich alles mal machen: Headlines, Funkspots, Filme, Virals, Social Media Posts und Mailingtexte - Postings und Überschriften waren eher Tagesgeschäft, Virals und Filmspots die Kür. Im Grunde startet man immer mit einem leeren Blatt und wenn man aus dem Kopf heraus nicht direkt losschreiben konnte, dann musste man erst recherchieren, sich einlesen und danach loslegen. Jedem von euch, der sich vorstellen könnte Texter zu werden, kann ich nur raten, es einfach mal auszuprobieren. Die Arbeit macht Spaß, man kann/muss sich unter einem gewissen Zeitdruck kreativ austoben und ist umgeben von netten, positiv verrückten Kollegen. Wer frühes Aufstehen auch nicht mit seinem genetisch gegebenen Biorhythmus vereinen kann, dem kommen die Anfangszeiten von 9 Uhr bis 9:15 Uhr entgegen. Wer die angenehme Anfangszeit lobt, sollte im gleichen Atemzug aber auch die späten Schlussstunden erwähnen. Offiziell um 18 Uhr endet der Arbeitstag, alles danach sind Überstunden. Diese werden nicht direkt materiell vergütet, aber


man kann bei Dritten mit dem freshen Agency-lifestyle angeben und das sollte nun wirklich Lohn genug sein. Während meines Praxissemesters hab ich die Überstunden und sogar das Arbeiten am Wochenende für gegeben hingenommen. Das war Alltag bei thjnk. Der CD sagte mir einmal direkt ins Gesicht, dass “Menschen in meinem Alter doch noch eh kein wichtiges Sozialleben hätten” (weil keine Frau und Kinder!!! WTF???). thjnk hat die unterschiedlichen Facetten des Agenturalltags gezeigt: den Spaß, das kreative Arbeiten und die genialen After-Work Stunden, aber auch das gnadenlose Durchstreichen schlechter Ideen, den Konkurrenzdruck, sowie die Spät- und Nachtschichten. Der Job ist witzig und macht dank der coolen Menschen unheimlich Spaß, doch am Ende des Praktikums war ich ein bisschen ausgebrannt und hab mich wieder auf mein Studium gefreut. Ich werde mich auf jeden Fall noch einmal als Texter ausprobieren, vermutlich auch bei einer anderen Agentur, um herauszufinden, wie sich die einzelnen Agenturen unterscheiden. Anders als bei diesem Bericht, jagt in einer Agentur meist eine Deadline die nächste. Da hat man durchweg was zu tun und man kommt gar nicht erst zur Prokrastination. An dieser Stelle danke ich Corinna, dass sie mich mehrmals auf den letztmöglichen Abgabetermin aufmerksam gemacht hat und mich auch stets zur Einhaltung desselbigen ermutigt hat.

AUTOR: CHRISTIAN LEUBNER

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WILLKOMMEN BEI RAVENSBURGER EIN KINDHEITSTRAUM WIRD WAHR

Wer hat nicht schon immer davon geträumt, dass aus Arbeit ein großes Spiel wird. Ein Spiel, welches unzählige kleine beinhaltet – welches Kindheitserinnerung wie „Das verrückte Labyrinth“, „Sagaland“ und „Lotti Karotti“ aufleben und welches Sätze wie „die Fledermaus ist zu lila“ und „die Karotte hüpft nicht richtig“ normal klingen lässt. Da ist man wohl als Praktikant bei Ravensburger angekommen.

INHALT 6 Monate, 1 Praktikant, 1 Büro, rund 8.500 Puzzle, Spiele und Bücher ZIEL DES SPIELS In einem verspielten Unternehmen geht die Praktikantin auf die Suche nach geheimnisvollen Marketingkenntnisse und Kommunikationsformen. Die Praktikantin versucht, mit ihrem theoretischen Halbwissen aus ihrem Studium Fuß zu fassen und ihr Wissen zu mehren. Nach vollen sechs Monaten soll sie alle Geheimnisse gelüftet haben und auf ihre Startposition an die Hochschule zurückkehren, um ihr Studium zu vollenden.

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VORBEREITUNG Vor dem Spiel müssen unterschiedlichste Prüfungen bestanden und Bewerbungen verschickt werden. Nach der Zusage des Unternehmens werden die Karten neu gemischt und anschließend auf die Felder des Spielplans gelegt, so dass ein Labyrinth des Kommunikationsmanagements entsteht. Die Praktikantin erhält zu Beginn einen angepassten Laufplan, um in den ersten Wochen Anschluss finden zu können. Ohne die lehrreiche Vorbereitung in den letzten vier Semestern wäre sie schon zu Beginn des Spiels in den verwinkelten Gängen und dem Wirrwarr aus Fachtermini und Abkürzungen verloren gegangen. Nun sucht sich die Praktikantin ihren Arbeitsplatz aus und setzt sich vor den Computer, der für die nächsten sechs Monate ihr Freund und Helfer sein wird. SPIELVERLAUF Zunächst überfliegt die Praktikantin die neuesten Social Media Aktivitäten wie Chat-Messages und News auf der Ravensburger Page an. Danach setzt sie sich gemeinsam mit den Kommunikations- und Produktmanagern zusammen und diskutiert bereits laufende oder auch anstehende Social Media Kampagnen. Ist sie an der Reihe ist hauptsächlich ihre Wortgewandtheit im Texten und ihr Fingergeschick in Photoshop gefragt. Dabei wird sie vor die Herausforderung gestellt, eine Zielgruppengerechte Ansprache zu wählen und parallel der Corporate Identity der Marke Ravensburger gerecht zu werden. Dazu muss sie sich an der gemeinsam mit der Agentur erarbeiteten Kommunikationsstrategie des aktuellen Kampagnenproduktes orientieren, um die festgelegten Marketing- und Kommunikationsziele zu erreichen. (Und welcher Praktikant lässt sich da die Möglichkeit entgehen, auch mal ordentlich das Spiel zu testen - während der Arbeit!). Ab und an wird die Praktikantin wieder vor neue Herausforderungen stehen und an ihren Aufgaben wachsen, sodass der Ausflug in das Labyrinth des Kommunikationsmanagements ihr ein gesamtheitliches Bild des Berufes vermittelt. SPIELENDE Es gewinnt die Praktikantin an beruflicher Erfahrung, die sie in ihrem Glauben an das richtige Studium bestärken soll, um die letzten beiden Semester motiviert zu bestehen. AUTOR: RIEKE STREHLE

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VOM FISCHMARKT ZUM WEINDORF VON HAMBURG NACH STUTTGART. VON EINER B2C-AGENTUR ZU EINER B2B-AGENTUR.

Nach meinem Pflichtpraktikum in Hamburg bin ich jetzt wieder im Ländle und habe neben dem Studium einen Werkstudentenjob. Vom ersten Semester an war für mich klar, dass ich mein Pflichtpraktikum in einer Werbeagentur machen werde. Um bereits vor dem Praktikum praxisnahe Erfahrungen zu sammeln, habe ich mich von Beginn des Studiums in der Werbeliebe engagiert. So konnte ich erste Eindrücke gewinnen, wie es wohl im realen Agenturalltag aussieht. Als es dann soweit war, sind fast all meine Bewerbungen für das Pflichtpraktikum in Hamburger Werbeagenturen gelandet. Glücklicherweise hatte ich am Ende die Qual der Wahl. Die Entscheidung fiel auf Philipp und Keuntje. Dort durfte ich 6 Monate das Audi Sales Media Team unterstützen. Trotz meines sehr beschränkten Wissens über Autos habe ich mich schnell eingearbeitet und konnte mich für die Marke Audi begeistern. Vor meinem Praktikum hatte ich keine konkrete Vorstellung was auf mich zukommen wird. Wie hoch sind die Anforderungen? Werde ich die Aufgaben bewältigen können? Diese Zweifel sind schnell verflogen. Mein erster Tag begann mit einer herzlichen Begrüßung und mir wurde eine sehr hilfsbereite Kollegin zur Seite gestellt. Bald darauf konnte ich mein Team unterstützen und eigene Projekte übernehmen. Das Hauptgeschäft des Teams bestand darin Kataloge für neue Derivate zu erstellen. Klar, dass ich als Praktikantin kein eigenständiges großes Projekt leiten konnte, zumal die Erstellung eines Katalogs länger als 6 Monate dauert. Doch auch ich hatte kleine Projekte, welche ich eigenverantwortlich leiten durf-

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te. Dazu gehörten zum Beispiel Audi interne Anzeigen für die Mitarbeiterzeitschrift. So konnte ich den Ablauf vom Briefing bis zur finale Freigabe selbst koordinieren und viel dabei lernen. Neben dem Audi Sales Media Team durfte ich auch ein Digitalteam bei der Audi Q2 Kampagne unterstützen. Dadurch habe ich einen Einblick in einen komplett anderen Bereich gewonnen und ebenfalls viel dabei gelernt. Mein Leben in Hamburg war ein ganz anderes als in Pforzheim und Stuttgart. In der Speicherstadt in Hamburg arbeiten zu dürfen ist für mich nie zur Gewohnheit geworden. Ich habe mich jeden Tag gefreut, wenn ich über die Brücke, mit Blick auf die Elphi, in die Speicherstadt gelaufen bin. Nach Feierabend an der Alster entlanglaufen, den Sonnenuntergang am Hafen genießen oder ein Falafel-Sandwich oder Kumpier in der Schanze essen, gehörte zu meinem Alltag. Ich bin jeden Tag gerne arbeiten gegangen und habe nie wirklich auf das Wochenende hingelebt und -gearbeitet. Allerdings war von Anfang an klar, dass diese Zeit begrenzt ist. Schließlich warten die letzten Semester auf mich. Durch das Praktikum ist meine Neugier zu anderen Branchen und Agenturen gewachsen. Mir ist es sehr wichtig, während des Studiums noch so viel praktische Erfahrung wie möglich zu sammeln. Darum habe ich mich für Werkstudentenjobs im Raum Stuttgart beworben. Es waren nicht nur Agenturen unter den Absendern, sondern auch Unternehmen in unterschiedlichen Branchen. Letztendlich habe ich eine Zusage für eine Werkstudentenstelle bei der B2B-Agentur RTS Rieger Team erhalten.


Dort kann ich nun meine zweite Agenturerfahrung sammeln und jetzt auch Prozesse und Herangehensweisen vergleichen. Bei PUK wurde ich ins kalte Wasser geworfen und musste anhand meiner Aufgaben die Strukturen und Prozesse lernen. Jetzt hinterfrage ich von Anfang an alles viel stärker und kann mir besser ein eigenes Bild machen. Ich war sehr viel schneller eingearbeitet, da die Grundstrukturen und Aufgabenbereiche ähnlich wie bei PUK sind. Trotz allem ist es ein großer Unterschied für B2B Kunden zu arbeiten. Mit B2B Kommunikation muss man Menschen ansprechen, die vom Fach sind und sich mit der Materie auskennen. Da die Zielgruppe aktiv etwas lernen will, benötigt es hier informative und detailreiche Inhalte. Bei einer B2C Kommunikation hingegen geht es oft nur darum, Menschen vom Produkt selbst zu überzeugen und das am besten mit Unterhaltung und einem vielfältigen Angebot. Während man in der B2B Kommunikation den Fachjargon verwenden darf, muss man bei Konsumgüterwerbung darauf achten, dass es der durchschnittliche Verbraucher verstehen muss. Also eher simpel und nicht zu kompliziert. Beides kann für Agenturen eine Herausforderung darstellen. Auch die Entscheidung des Kaufprozesses unterscheidet sich in beiden Bereichen enorm. Businesskunden beachten rationale und logische Faktoren und prüfen Monate oder sogar Jahre, was sich für ihr Unternehmen am besten eignet. Bei günstigen Konsumgütern hingegen sind Spontankäufe nicht selten, welche durch Emotionen, Spontanität oder Gewohnheit geprägt sind. Gerade bei solchen Spontankäufen ist es

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dem Konsumenten oft gleichgültig, welches Unternehmen sich hinter dem Produkt verbirgt. Im Gegensatz dazu legen Unternehmen einen großen Wert auf die Beziehung zu deren Businesskunden. Diese Beziehung benötigt Pflege und Aufmerksamkeit, was wiederum eine Herausforderung an die Kommunikation darstellt. Diese Gegenüberstellung trifft selbstverständlich nicht auf alle Produkte bzw. Bereiche zu. Es soll verdeutlichen, wo die generellen Differenzen liegen und was sich an der Herangehensweise unterscheidet. Im Vergleich zum Leben in Hamburg ist mein Alltag in Stuttgart eher langweilig. Dazu muss ich allerdings auch erwähnen, dass RTS seinen Sitz nicht in der Stadtmitte hat, sondern in einem Vorort von Stuttgart liegt. An drei Tagen der Woche arbeite ich und an den anderen beiden Tagen könnt ihr mich an der Hochschule antreffen. Kein gewöhnliches Studentenleben mehr, weshalb ich mich auch immer auf das Wochenende freue. Mein Ziel ist es, mit dem Ende meines Studiums zu wissen wohin es für mich geht. Darum möchte ich nicht so schnell wie möglich das Studium durchziehen und die Regelstudienzeit einhalten (abgesehen davon würde ich das sowieso nicht schaffen). Ich möchte verschiedene Werkstudentenjobs absolvieren um Einblicke in unterschiedliche Bereiche zu erhalten. So kann ich mir ein eigenes Bild machen und damit besser einschätzen wo ich mich in Zukunft sehe. AUTOR: LINE ALBER


WIESO? WEIL ICH MEDIEN LIEBE! MEIN PRAKTIKUM BEI DER SEVENONE ADFACTORY, EINEM UNTERNEHMEN DER PROSIEBENSAT.1 MEDIA SE

Der erste Arbeitstag: Wie jeder wahrscheinlich, war auch ich mega aufgeregt vor diesem. Durchatmen, reinlaufen und los geht´s. Ich war nicht die einzige die an diesem Tag dort im Unternehmen angefangen hat, aber die einzige in meiner Abteilung. Ich war die neue Praktikantin in der Abteilung Creation, Conception und Content Marketing im Spezialbereich Product-Placement. Nachdem mich mein neuer Mitpraktikant, der schon etwas länger im Unternehmen war, abgeholt hat, wurde ich gleich meinem Team vorgestellt. Ein vielseitiges Team von fünf Leuten, mit denen ich tolle 6 Monate verbringen durfte. Vom Familienvater bis hin zu einer waschechten Österreicherin, in Team war alles vertreten. Ab diesem Tag war auch ich, eine richtige Badenerin, die alles kann außer Hochdeutsch, was ich im Laufe des Praktikums öfters zuhören bekommen habe, teil davon. Mein Spitzname war ab sofort: Schelina. Aber zurück zu meinem ersten Arbeitstag. Der erste Tag lief ganz entspannt. Mir wurde alles gezeigt und ich konnte dann auch schon meine ersten Aufgaben erledigen.

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Jeden zweiten Montag hatten wir ein großes Meeting mit der gesamten AdFactory, wo spezielle Themen besprochen wurden und natürlich die neusten News: wer hat wann Geburtstag und wer ist neu im Unternehmen. So musste ich mich also an meinem dritten Arbeitstag vor allen Kollegen vorstellen. Was sich zuerst schlimm anhörte, war am Ende ganz entspannt. Eine richtig coole Truppe diese Medienleute. Mittwochs war unser wöchentlicher Team Jour fix, bei dem wir aktuelle Themen besprochen haben, Umsetzungen von Placements vor der Ausstrahlung gesichtet haben und ab und zu auf neue Aufträge und Abschlüsse von Projekten angestoßen haben. Viele PowerPoints und Mitschnitte, sowie „Germany´s next Topmodel“, „The Voice of Germany“ oder auch „The Taste“ haben meinen Tag geprägt. Aber auch der Jour Fix mit den anderen Praktikanten stand jede zweite Woche in meinem Kalender: ein Meeting bei dem man sich austauschen konnte, verschiedene Abteilungen kennenlernte oder einfach mal zusammen quatschen konnte. Wie bei Praktikanten manchmal üblich, musste ich auch das


Bürozimmer wechseln und rotierte in verschiedene Büros, was mir verschiedene Einblicke ins Unternehmen ermöglichte. Nach dreimal umziehen landete ich nun in meinem festen Bürozimmer. Ich landete in einem Party-Zimmer. Ein Mix aus Art-Director, Trafficer, Project Manager und natürlich ein bunt gemixter Haufen Praktikanten. Frauen- und Männeranteil war ausgeglichen, war jedoch einer krank oder nicht da, dann übernahm eines der Geschlechter überhand. Unser Zimmer war jedoch kein gewöhnliches Zimmer, sondern eines, das bei den anderen nur zu gut bekannt war. Wenn man ins Zimmer reinkam war nur eins zu hören: „Polka, Polka, Polka, vom Rhing bis an die Wolga. Polka, Polka, Polka, der Pitter un die Olga. Kabänes un ne Vodka, Polka, Polka, Polka alles halv su schlimm, wenn mer zusamme sin.“ (von Brings, Polka, Polka, Polka; ja das ist Deutsch, falls ihr euch das fragt: D). Aber nicht nur das, auch andere Kölner Chartstürmer hämmerten sich bei mir als Ohrwurm im Kopf fest. So kam ich abends nach Hause und sang Kölner Lieder vor mich hin. Meistens diente die Kölner Playlist als Einstimmung auf einen ganz bestimmten Abend: nämlich den Kölner Abend im Geko. Das Geko, ein Club in München, veranstaltet einmal im Monat, meistens dienstags, einen Kölner Abend, an dem es Kölsch und Kölner Musik gibt. Das SevenOne AdFactory Team zählte zu den monatlichen Stammgästen des Abends. Damit auch so viele wie möglich am Kölner Abend teilnahmen um zusammen zu feiern, durfte eine Rundmail, die über den Trafficer monatlich erstellt wurde, nicht fehlen. Natürlich ließ ich mir den Spaß nicht entgehen und so sind wir und ein Teil der Kollegen dienstags abends um 18:40 Uhr zusammen ins Geko aufgebrochen. Ein richtig cooler Abend den ich nie vergessen werde (Tipp: Kölsch ist viel besserer als Altbier ;). ProSieben trumpfte aber

auch mit tollen Veranstaltungen: zum einen gab es ein internes Wiesn Warm-up für alle ProSieben Mitarbeiter mit ausreichend Verpflegung, Getränke und Musik. Aber auch an der Weihnachtsfeier, bei der über 1.500 Leute teilnahmen, hatte ich eine Menge Spaß. Die bei ProSieben wissen, wie man ordentlich feiert! Nach 6 Monaten arbeiten, feiern und coolen Projekten, hieß es für mich das schöne München zu verlassen und mich wieder auf nach Pforzheim zu machen. Eine kleine Verabschiedungsfeier mit viel Kuchen gab es deshalb auch. Nachdem ich dann in kleiner Runde von meinem Team noch ein nettes Dankeschön bekommen habe, wurde sich nochmal von der ganzen AdFactory verabschiedet. Zum Abschied gab es für mich eine Überraschung über die ich mich sehr gefreut habe: eine Karte auf denen alle unterschrieben haben, angefertigt durch den Art Director, der meine kleine Vorliebe für eine bestimmte Katze hervorhebet (ich hatte es nur einmal kurz erwähnt). Und wenn mich alle jetzt fragen wieso ich gerade dort mein Praktikum gemacht habe, dann antworte ich voller Freude: „Wieso? Weil ich Medien liebe!“ Meine Liebe zur Werbung und zu den Medien ist durch mein Praktikum nur noch größer geworden. Es war eine coole Zeit, aber jetzt muss ich mich erst einmal wieder daran gewöhnen die Professoren zu Siezen, denn genauso wie in einer Agentur herrschte eine lockere Atmosphäre bei ProSieben.

AUTOR: SELINA RUF

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AUF DER SUCHE NACH DEM GLÜCK Dänemark – das Land, in dem laut vielen Studien die glücklichsten Menschen der Welt leben. Aber warum? Mit dieser Frage habe ich mich auf die Reise gemacht, meine neue Wahlheimat Odense bezogen und mein Auslandsemester an der Syddansk Universitet (SDU) begonnen. Der erste Eindruck war dann jedoch sehr ernüchternd. Zugegeben, der Zeitpunkt war mit Ende Januar nicht optimal gewählt, denn Dänemark empfing mich mit grau in grau. Aber das Sommersemester beginnt nun einmal zum 1. Februar. So wechselten sich in den ersten Wochen Regen und Schnee ab und die Sonne bekam ich kein einziges Mal zu Gesicht. Wenn man dann noch bedenkt, dass das Hauptverkehrsmittel in Dänemark das Fahrrad ist, fällt es einem schwer zu glauben, dass die Dänen überhaupt nur eine Minute am Tag glücklich sein können. Das nasskalte Wetter, die extrem kurzen Tage, die teuren Lebenshaltungskosten und dazu noch eine ordentliche Alkoholsteuer. Da fragt man sich doch – woher kommt dieses Phänomen? Ich habe im Laufe der Zeit festgestellt, dass es die kleinen, unscheinbaren Dinge sind, die das Leben und den Alltag hier so einzigartig und sorgenfrei machen. Das erste Eis oder Bier im Park, nach monatelangem Regen. Jeden duzen zu dürfen, egal wie lange oder gut man denjenigen kennt und sich dadurch sofort etwas vertrauter zu fühlen. Grenzenloses Vertrauen in seine Mitmenschen zu haben – Eltern lassen ihre Kinder während eines Restaurant-Besuchs im Kinderwagen vor der Tür, damit sie dort an der frischen Luft schlafen können. Innerhalb von fünf Minuten mit dem Fahrrad ans Meer zu gelangen, egal ob bei Sonne, Wind oder Regen. Nicht viel länger als zwei Auto-Stunden zu brauchen, um jede Ecke Dänemarks erreichen zu können, weil die Gesamtfläche nicht wesentlich größer als Baden-Württemberg ist. Sich trotz der knapp 23.000 Studenten auf dem Campus und dem riesigen Unigelände sehr schnell zurecht zu finden, da es eine eigene SDU-Maps App der Universität gibt. Das Wochenende freitags nach der Vorlesung direkt in der unieigenen Bar einzuläuten und dort das verhältnismäßig günstige Bier zu genießen. Auch sonntags Einkaufen gehen zu können, wenn man den Samstag verkatert im Bett verbracht hat. Es sind diese klitzekleinen Glücksmomente, die auf den ersten Blick womöglich unbedeutend wirken, die aber bei bewusstem Genießen, den oftmals grauen und stressigen Alltag so wundervoll und besonders machen. Odense ist also vielleicht nicht so sommerlich wie Barcelona, nicht so günstig wie Bangkok, nicht so bekannt wie Lissabon und nicht so weit entfernt wie Salt Lake City, aber trotzdem möchte ich meine Zeit hier, die Menschen, die mich auf meiner Reise begleitet haben und all meine Erfahrungen und Erlebnisse der vergangenen Monate nicht missen. AUTOR: KATJA SCHUMPP

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UNIVERSIDAD ESAN LIMA, PERU Beatrice, meine Kommilitonin aus Pforzheim, und ich kommen um 1 Uhr nachts am Flughafen Jorge Chávez in Lima, Peru an. Unser erster Eindruck: Es riecht stark nach Meer und Fisch und es ist trotz der späten Stunde noch sehr warm – damit hatten wir nicht gerechnet und zusätzlich zu unseren zwei Koffern, Backpacker Rucksäcken und Laptoptaschen kommen nun auch noch zwei dicke Jacken. Der geplante Vorlesungsbeginn ist der 23. März, weswegen wir noch genügend Zeit haben um uns etwas einzuleben und Lima zu erkunden. Anfangs trauen wir uns kaum Wertsachen mit auf die Straße zu nehmen. Wir haben viel (vielleicht zu viel!) über die Kriminalität und Gefahren in Peru gelesen und sind deswegen sehr vorsichtig und skeptisch. Wir merken aber schnell, dass die meisten unserer Sorgen unbegründet sind und so verlassen wir auch nach Einbruch der Dunkelheit noch das Haus und nehmen unsere Smartphones mit auf die Straße. Unsere Reisepässe, Kreditkarten und größere Mengen an Bargeld lassen wir jedoch, wenn möglich, Zuhause. Auch das Straßenessen probieren wir vorerst nicht – obwohl vieles davon wirklich gut riecht und aussieht. Wir sind mit hohen Erwartungen an das Essen nach Peru gekommen und nachdem wir rausgefunden haben, wo man überall gut essen kann, sind wir begeistert. Prinzipiell wird hier fast jedes Hauptgericht mit Reis und Pommes serviert, dazu eigentlich immer irgendeine Art von Fleisch. An jeder Ecke werden Menüs angeboten: Vorspeise, Hauptgericht und Getränk für 3- 4€. Man kann dann zwischen verschiedenen Menüs wählen, allerdings nur, solange es noch nicht ausverkauft ist. Nachdem wir unsere nähere Umgebung kennengelernt haben, wollen wir uns auf den Orientierungstag vorbereiten und uns den Weg zur Uni einprägen. Der Verkehr in der zehn Millionen Einwohnerstadt ist der Wahnsinn – es ist mir immer noch

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ein Rätsel, wie wir bis jetzt jedes Mal unbeschadet am Ziel angekommen sind. Nur weil eine Bodenwelle auf der Straße ist, heißt es nicht, dass gebremst wird, rote Ampeln bedeuten nicht notwendigerweise, dass man stehen bleibt und es gehört zum guten Ton, regelmäßig Hupkonzerte zu veranstalten. Nach ca. 40 min Busfahrt (für knapp 40ct!) kommen wir an der ESAN an. Hereingelassen werden wir allerdings nicht. Jeder muss aus Sicherheitsgründen am Eingang seinen Studentenausweis vorzeigen – den wir natürlich noch nicht haben. Nach langem hin und her mit dem International Office bekommen wir schließlich doch die Erlaubnis, den Campus zu betreten und mein peruanischer Buddy macht eine Führung mit uns. Zugegebenermaßen sind wir ziemlich beeindruckt. Neben den Professoren und Verwaltungskräften, die sich trotz Semesterferien auf dem Campus befinden, gibt es hier Sicherheitsangestellte, die stichprobenartig Leute auf dem Campus nach ihren Ausweisen fragen, Gärtner die dabei sind, das große Gelände zu pflegen, Cafeteria Angestellte und Reinigungskräfte, die ihre Arbeit tun und zu guter Letzt gibt es noch Herren in Aufzügen, die in das gewünschte Stockwerk chauffieren. Auf dem Campus selber befinden sich nicht nur verschiedene Gebäude mit Vorlesungsräumen und Büros sondern auch noch Sporthallen, Restaurants, mehrere kleine Cafés, ein Massagestudio und eine Bank. Auch der Orientierungstag war sehr beeindruckend. Bei dem gut ausgearbeiteten Programm hat man gemerkt, dass sich sehr viel Mühe für die 26 neuen Austauschstudenten gemacht wurde. Wieder Zuhause, sehnen wir uns nach einer kalten Dusche – durch die hohe Luftfeuchtigkeit schwitzt man schon, ohne sich großartig zu bewegen. Leider kommt kein Wasser aus der Leitung. Unser Mitbewohner erzählt uns dann von den


starken Unwettern in Peru, die überall Schlammlawinen und Überflutungen hervorgerufen haben. Durch das stark verunreinigte Wasser wird beschlossen, aus Sparmaßnahmen, in Lima das Wasser abzustellen. Lima befindet sich fast im Ausnahmezustand. In keinem größeren Supermarkt gibt es noch Trinkwasser zu kaufen, die Einwohner decken sich mit großen Abfüllbehältern ein und öffentliche Toiletten und viele Restaurants schließen vorübergehend. Anfangs nehmen wir das Ganze nicht allzu ernst. Erst, nachdem wir dann auch die nächsten Tage kein Leitungswasser haben und unser Trinkwasser langsam zuneige geht, fangen wir an, uns Sorgen zu machen. Ca. alle zwei Tage wird das Wasser kurz angeschaltet, so können wir wenigstens kurz duschen und unsere großen Flaschen auffüllen. Allerdings kommt nur ein leichter Strahl aus dem Hahn und dieser ist sichtbar voller Dreck. Da auch unsere Uni von dem „Corte de Agua“ betroffen ist, wird der Vorlesungsbeginn um eine Woche verschoben. Spontan beschließen wir, zusammen mit acht anderen Austauschstudenten, nach Arequipa zu fliegen und von dort weiter ins Colca Canyon zu fahren. So ziemlich jeder Peruaner hat uns von der Reise abgeraten, es sei zu gefährlich und es könnte sein, dass wir dann dort festsitzen. In Lima halten wir es aber nicht mehr aus, deswegen buchen wir unsere Flüge trotzdem und sind zwei Tage später in Arequipa. Wir entschließen uns für eine geführte Dreitageswanderung durch den Colca Canyon. Für nur 70€ bekommen wir Verpflegung, Übernachtung und einen Guide. Die Wanderungen sind anstrengend – aber definitiv jeden Muskelkater und jede Blase wert. Die Landschaft hier ist einfach unbeschreiblich. Neben den Bergen und Flüssen kommen wir an Avocado-, Granatäpfel-, Feigen- und Grenadinen Bäumen vorbei, bestaunen 1000de Kakteen und bekommen von unserem Guide die verschiedenen Heilpflan-

zen gezeigt. Wir übernachten bei den Einheimischen in einfachen Hütten, ohne Strom, Internet oder sonstigen Anschluss an die Außenwelt. Zurück in der Landeshauptstadt beginnen die Vorlesungen. Um etwas näher an der Uni zu wohnen, ziehen wir vom zentralen Stadtviertel Miraflores zehn Kilometer weiter nach Surco. Die Vorlesungszeiten hier sind kaum mit den deutschen zu vergleichen; Meine erste Vorlesung beginnt um 7 Uhr morgens und die letzte endet um 22 Uhr. Auch der Workload hier ist anders. Schnell muss ich feststellen, dass ich jede Woche mindestens eine Präsentation, einen Test oder eine Reading Control habe. Hinzu kommen die Midterms und Finals, die verschiedenen Gruppenarbeiten und die Anwesenheitspflicht. Unter dem Semester bleibt deswegen vermutlich nicht viel Zeit, weitere Reisen zu unternehmen. Nach einem Monat in Peru muss ich mir eingestehen, dass ich mich bereits in das Land verliebt habe. Die Peruaner sind alle sehr freundlich und jeder gibt sich Mühe, uns unseren Aufenthalt hier noch ein bisschen unvergesslicher zu machen. Die ESAN ist für peruanische Verhältnisse super organisiert und kümmert sich hervorragend um uns Austauschstudenten. Das Essen, Wetter und Aktivitäten Angebot ist noch besser als erwartet und es macht einfach Spaß, die Unterschiede zu unserer westlichen Kultur zu entdecken. Wenn einem die Großstadt doch mal zu viel wird, kann man zwischen Ausflugszielen an der Küste, der Wüste, den Anden oder dem Dschungel wählen. Insgesamt kann ich Peru, und insbesondere Lima als Austauschsemester, nur empfehlen. Eines ist klar: Langeweile gibt es hier keine!:) AUTOR: SARAH SEILER

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ZUM ERSTEN MAL ZUM ERSTEN MAL AFRIKA. Als ich in den Flieger stieg, konnte ich meine Gefühle nicht einordnen, irgendetwas zwischen Aufregung, Freude, Neugierde, auch etwas Angst war dabei. Das Flugzeug brachte mich nach Südafrika, genauer gesagt Kapstadt. Zum ersten Mal auf der Südhalbkugel der Erde zu sein, das erste Mal dem Südpol näher sein als dem Nordpol, irgendwie war ich jetzt schon stolz, die Reise angetreten zu haben. Später durfte ich herausfinden, welche Unterschiede das tatsächlich macht. Im Osten geht die Sonne auf, im Süden, äh Moment, im Norden nimmt sie ihren Lauf. Ja richtig, eigentlich logisch, aber auf der Südhalbkugel steht die Sonne mittags natürlich im Norden. Auch nach dem großen Wagen, dem wohl bekanntesten Sternbild habe ich lange gesucht, bis ich darin aufgeklärt wurde, dass auf der Südhalbkugel der Erde andere Sternbilder zu sehen sind, als auf der Nordhalbkugel. Also war die Suche nach dem großen Wagen am Himmel über Kapstadt vergeblich. Dass hier alles irgendwie anders läuft, durfte ich in den nächsten sechs Monaten selbst erfahren. Kurz nach meiner Ankunft wurde ich von meinen zwei Mitbewohnern zu meinem ersten Sonnenuntergang in Kapstadt entführt. Eine atemberaubende Kulisse, wenn die Sonne im Meer versinkt, den Himmel in den unterschiedlichsten Rot-Tönen einfärbt und die zwölf Apostel, die berühmte Bergkette, hinter dem Tafelberg in goldenes Licht taucht.

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Der Grund für meine Reise nach Kapstadt war initiAID, eine studentische Initiative der Hochschule Pforzheim, die es sich zum Ziel gesetzt hat, jedem Menschen dieselben Zukunftschancen zu geben und damit insbesondere bedürftige Menschen unterstützt. Eines der Projekte ist das von initiAID ins Leben gerufene Vrygrond Computer Lab, ein Computerraum für die Bewohner Vrygronds. Vrygrond ist eines der ältesten Townships des Westkaps in Südafrika und liegt 30 Kilometer südlich von Kapstadt unweit des kleinen, idyllischen Surferörtchens Muizenberg. Es gehört zu den Cape Flats, ein weitläufiges, trockenes und sandiges Gebiet, das während der Apartheid, dem dunklen Kapitel der südafrikanischen Geschichte, jene Landabschnitte erschloss, in welche Bevölkerungsgruppen umgesiedelt wurden, die nicht weißer Abstammung waren. Mit einer Größe von nicht einmal einem Quadratkilometer ist Vrygrond heute das Zuhause für geschätzt 40.000 Menschen mit einer tagtäglich zunehmenden Einwohnerzahl. Viele der Bewohner Vrygronds sind selbst Migranten, die aus den ärmlichsten Gegenden Afrikas kommen. Die meisten Unterkünfte ähneln Baracken und sind lediglich aus Wellblechüberresten zusammengeflickte Hütten, sogenannte Shacks. An meinem zweiten Tag in Südafrika ging es für mich zum ersten Mal ins Computer Lab, welches ich in den nächsten sechs Monaten meinen Arbeitsplatz nennen durfte. Von Greenpoint, meinem neuen Zuhause in Kapstadt, am Fuße des Signal Hills ging es von dem zu den reicheren Gegenden gehörendem Viertel mit den Security bewachten Villen durch das Central Business District mit den gigantischen Wolkenkratzern auf die M5 Richtung Muizenberg. Je weiter wir uns von der Stadt entfernten, desto einfacher wurden die Behausungen, die sich neben der Autobahn erstreckten. Als der Blinker gesetzt wurde, um links nach Vrygrond abzubiegen, wusste ich nicht wo ich zuerst hinschauen sollte. Am Rande der zu Vrygrond gehörenden Hütten türmte sich der Müll, auf der Straße war reges Treiben. Wir fuhren vorbei an kleinen Shops, die sich in containerartigen Schuppen aneinandergereiht entlang der kleinen Straße erstreckten. Neben einem Barbershop wurden auf der Straße gegrillte Hühnerfüße verkauft. In einem Kinderhort sah ich Kinder durch den Zaun auf dreckigem Boden miteinander spielen. Alltag in Vrygrond. Noch von den vielen ersten Eindrücken erschlagen, parkten wir unser Auto neben der einzigen Grundschule in Vrygrond auf einer großen Sandfläche. Wir überquerten die Straße und schon stand ich zum ersten


Mal in unserem Computer Lab. Ein kleiner, einladender Raum mit vier Tischreihen, auf denen 20 funktionsfähige Computer standen. Über der weißen Tafel vorne im Raum stand in Großbuchstaben geschrieben: IT ONLY NEEDS YOU TO CHANGE YOUR LIFE! Ein Gänsehautmoment für mich und eine schöne Nachricht an die Welt da draußen. Als ich einige Tage später während einer Townshiptour zum ersten Mal die Flächen der Shacks in Vrygrond betrat, wurde ich von meinen eigenen Emotionen überwältigt. Meinen Vorstellungen von Armut konnte den Lebensbedingungen, denen ich in diesen Minuten direkt in die Augen blickte, bei Weitem nicht gerecht werden. Das Leben der Townshipbewohner ist von erschreckender Armut geprägt, in welche jeden Tag Kinder hineingeboren werden, die unter alltäglichem Missbrauch, Drogen- und Alkoholkonsum und Gewaltverbrechen der Erwachsenen aufwachsen. Gesundheitswesen, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen sind entweder mangelhaft oder gar nicht vorhanden. Umso wertvoller, habe ich festgestellt, ist unser Projekt Vrygrond Computer Lab. Hier haben bedürftige Menschen die Möglichkeit, sich die umfassenden IT-gestützten Trainings- und Bildungsangebote für das berufliche und persönliche Leben zu Nutze zu machen. Dass das Projekt mit vollem Erfolg läuft, hat mir nicht zum Schluss Esnath gezeigt. Esnath ist eine junge Frau, in sehr jungen Jahren ungewollt schwanger geworden und Schulabbrecherin. Sie war noch arbeitslos, als sie zum ersten Mal in unserem Lab stand und an einem unserer Computerkurse teilnehmen wollte. Während des Kurses war sie hochmotiviert, hatte Spaß am Umgang mit dem Computer und brillierte in unserem Bewerbungstraining. Einige Wochen später kam sie freudestrahlend in unser Lab zurück und verkündete überglücklich, dass sie durch unsere Hilfe zum ersten Mal einen Job gefunden habe. Ich war mindestens genauso glücklich wie sie, Glücksmomente des Lebens, dachte ich mir, und unbezahlbar. Ebenso unbezahlbar wie diese Momente im Lab, stellten sich auch zahlreiche Momente neben der Arbeit heraus. Als ich zum ersten Mal auf dem Tafelberg stand, die kleine Welt unter mir sah und in die Weiten des Ozeans blickte, fühlte ich mich wie der König der Welt, und doch so klein und unwichtig. Der massive Tafelberg mit seiner fast unreal wirkenden Form schien stets hinter Kapstadt zu stehen wie ein Fels in der Brandung und hauptverantwortlich für die Schönheit und Einzigartigkeit Kapstadts.

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Neben den „typischen“ Touristenattraktionen (ist nicht jeder mal irgendwo zum ersten Mal Tourist?), wie meine erste Wanderung auf den Tafelberg, zum ersten Mal auf den Lions Head laufen, um die Sonne über Kapstadt aufgehen zu sehen oder zum ersten Mal die verlockenden Cafés und teuren Läden an der Waterfront zu bestaunen, gab es auch ganz andere Attraktionen, die Kapstadt zu bieten hat. Eines meiner Highlights war das Surfen in Muizenberg. Das Gefühl zum ersten Mal auf dem Surfbrett zu stehen, die Kraft des Wassers unter sich zu spüren und sich von der Welle treiben zu lassen ist unbeschreiblich. Die ersten Male entwickelten sich zu vielen. Ich bin täglich nach Vrygrond gefahren, habe so oft wie möglich die Schönheit der Sonnenuntergänge in Kapstadt bewundert, habe den Tafelberg wieder erklommen und bin wöchentlich zum Surfen in die Wellen gesprungen. Doch jeder Moment für sich war und bleibt einzigartig. Ich bin mittlerweile zurück in Deutschland, habe während meiner Zeit in Südafrika viel über das Leben gelernt und vor allem eines festgestellt: Brauchen wir nicht alle viel öfter erste Male, Momente, die unser Leben ausmachen? Sollten wir uns nicht alle viel öfter trauen? AUTOR: SABRINA RUMMEL

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NACHSPIEL Vielen lieben Dank an alle, die an der Erstellung dieser Ausgabe des MD beteiligt waren und ihre Finger im Spiel hatten. Besonderer Dank gilt natürlich den Autoren, Professoren und Professionals für die fleißige Schreibarbeit, den Korrektoren und den Illustratoren für all die kleinen Meisterwerke. Besonderes Dankeschön und Lob geht an die Layouter für die stundenlange Bastelarbeit und ihre Strapazierfähigkeit. Außerdem bedanken wir uns recht herzlich bei den Anzeigenkunden. Namentlich gekennzeichnete Artikel geben nicht zwingend die Meinung der Redaktion wieder. Der Abdruck von Beiträgen ist nur unter Angabe der Quelle gestattet; um ein Belegexemplar wird gebeten.

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DANKSAGUNG Cover: Sarina R. Wiegel Illustrationen: Viktória Veselzka, Sarina R. Wiegel, Wendi Buss, Marko Karpowitsch Fotoshooting: Corinna Kugler, Guido Reher, Pia Lehmann Bildrechte: Liegen bei den Autoren und der Werbeliebe Akquise und Angebotsabwicklung: Kim Dalfuß, Corinna Macke, Florian Walz Druck: Diedruckerei.de Anschrift: Hochschule Pforzheim Werbeliebe e.V. | Marketing Digest Tiefenbronner Str. 65 75175 Pforzheim

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