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Journal fĂźr Literatur Journal littĂŠraire Herausgeber: Literarischer Kreis Saar Vol | 03


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L Journal fĂźr Literatur Journal littĂŠraire

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Impressum Herausgeber: Verein LKS Literarischer Kreis e. V. c/o Susanna Bur Blumenstr. 20 66111 Saarbrücken

Kontakt: literarischerkreissaar@gmail.com www.literarischerkreissaar.wordpress.com

Redaktion: Stefan Weigand Susanna Bur

Grafische Gestaltung: Stefan Weigand Susanna Bur

Erscheinungstermine: Das Journal erscheint vierteljährlich. Nächste Ausgabe: 15. März 2014

ISSN 2197-9316 Copyright©: Für die Inhalte der jeweiligen Texte sowie grammatikalische und stilistische Fehler sind die Autorinnen und Autoren selbst verantwortlich. Das vorliegende Werk ist in all seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte und Pflichten verbleiben bei den Autorinnen/Autoren sowie Fotografinnen/ Fotografen. Ungeachtet der Sorgfalt, die auf die Erstellung von Text, Abbildungen und Programmen verwendet wurde, können weder die Autorinnen/Autoren oder Herausgeber für mögliche Fehler und deren Folgen eine juristische Verantwortung oder irgendeine Haftung übernehmen.

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort ...................................................................................... 7 Josta Barbara Würtz .................................................................. 8 Riesen-Sonnenblume Barbara Würtz ....................................... 9 Die Teufelsfamilie Barbara Würtz .......................................... 10 Nachtleere Birgit Burkey ......................................................... 11 Puppenspieler Birgit Burkey .................................................... 12 Bier mit Mike Bodo Bickelmann ............................................. 14 Katz und Maus Robert Bruckhart ........................................... 23 Spurensuche Monika Jehl........................................................ 36 Ô lune Huguette Wolf ............................................................. 37 Le petit oiseau et Noël Iris Gutfried ....................................... 38 Petit Trésor d‘Amour Josiane Orlane ..................................... 41 Alle Jahre wieder Dr. Christine Reiter .................................... 42 Morgens um 7 ist die Welt nicht in Ordnung Anne Adam ...... 50 Ehren-Begräbnis Susanna Bur ................................................ 56 Texte von der Palästina Reise Dr. Andreas Hämer ................. 64 Vorweihnachtsgeschichte Dolly Hüther .................................. 82 Nachweihnachtliche Geschichte Dolly Hüther ....................... 89 Frühsport Susanna Bur ............................................................ 94 Das Handy ist für die Weibchen gemacht Heinz-Josef Scherer ................................................................. 98 Verzeichnis AutorInnen und Autoren .................................... 100 Neubeginn Birgit Burkey ....................................................... 102

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VOR WORT

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Die Autoren und Autorinnen haben für dieses Journal Geschichten und Gedichte über den Spätherbst geschrieben, Sport, Zwischenmenschliches und Weihnachtliches. Dabei setzen sie sich sehr kritisch, mal vergnüglich, mal besinnlich, mit den Randerscheinungen des Weihnachtsfestes und dem vorweihnachtlichen Treiben auseinander. Unser Blick richtet sich in der Weihnachtszeit auf Israel und Palästina, wo der Christliche Glaube seinen Ursprung hat. Andreas Hämer hat uns einige Gedichte von seiner Reise nach Israel/Palästina mitgebracht. Er hielt sich dort vom 27.10. bis 21.11. auf, um an der diesjährigen Olivenernte teilzunehmen. Sinn eines solchen Unternehmens ist nicht so sehr die Hilfe bei der Ernte selbst, sondern vielmehr die internationale Präsenz, die militante israelische SiedlerInnen bzw. Behörden ein bisschen davon abhalten kann, übergriffig zu werden. Doch der Winter hat noch viel mehr zu bieten: Sport! Susanna Bur Redakteurin

Foto: Susanna Bur

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Josta Barbara Würtz

Schwarze Johannes- und Stachelbeere wachsen mit Gottes Segen und Ehre veredelt zur Josta einer Strauchpflanze kostbar Große dunkle Perlen reifen sind gut vom Strauche abzustreifen Eine Menge in den Eimer gepflückt dann mit dem Stößer zerdrückt mit Zucker vermischt gekocht bis es zischt Natur schenkt die Gaben Oma kocht Marmeladen

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Riesen-Sonnenblume Barbara Würtz

Ein reifes Samenkorn hat eine Amsel verlor´n Auf dem Balkongeländer abgelegt vom Windhauch herabgeweht im Spalt zwischen Backsteinen gelandet im Laufe der Zeit versandet Im Frühjahr das Licht erklommen als zartes Grün hervorgekommen Was wird das wohl für ein Kraut Jeden Tag nach ihm geschaut Vom Balkonbesitzer gehegt gegossen und gepflegt. Immer höher gewachsen Immer größer geworden. Die Sonnenblume ins Wohnzimmer grüßt im 1. Stockwerk die Tage versüßt. Eine Amsel pickt aus dem großen Rund die Samen und bleibt kerngesund.

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Die Teufelsfamilie Halloween in Blieskastel Barbara Würtz - Oktober 2013

Geschnitzte Kürbisse und Rüben mit Kerzenlichtern hier und drüben Punsch und Glühwein das muss sein Die Schaufenster dekoriert mit Hexen zu viert Furchterregende Gestalten die Jungen und die Alten Eine Familie im Gedränge bahnt sich Wege durch die Enge Alle sind als Teufel geschmückt und freuen sich wie verrückt An ihren roten Hörnern zu erkennen die unterschiedlich blinken und brennen Das Teufelsmädchen bleibt brav wie ein geduldiges Schaf Plötzlich ist das kleine Teufelchen verschwunden Wegen seiner Hörner wird es bald wieder gefunden Die Teufelsmutter stellt alle Hörner auf Dauerbetrieb damit die Teufelsfamilie zusammenblieb.

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Nachtleere ©Birgit Burkey

Hinter meiner brüchigen Stirn pulsieren mundgeblasene Glasgedanken. Unruhe wandert durch nachtleere Gassen, ich tauche durch Schatten, meide die Menschen, die durchs Licht huschen, wie graue Katzen. Tagscheue Individuen, die unter Neonlaternen versuchen, Sonnenvitamine zu tanken. Zwischen hell und dunkel suche ich Traumsequenzen, die mir den Schlaf versüßen.

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Puppenspieler Birgit Burkey

Nach deinen Launen habe ich getanzt, an F채den, die fest mit dir verwoben. An deinen Worten habe ich geklebt, an Silben, die du dir erlogen. In deinen Tr채umen habe ich gelegen, in Daunen, die auf Teer gezogen. Maskenspieler, Puppenspieler, niemand kennt dein Gesicht.

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Foto Quelle: Wikipedia

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Bier mit Mike Bodo Bickelmann

Ich hatte Mike seit über einem Jahr nicht mehr gesehen, und meinetwegen hätte das so bleiben können. Wäre er mir, schon von weitem sichtbar, auf dem Marktplatz begegnet, hätte ich versucht, ihm auszuweichen und wäre rasch in eine Seitengasse abgebogen. Hier jedoch war ich bereits in einer Seitengasse, und als er um die Ecke bog, hätte ich höchstens auf dem Absatz kehrt machen oder in einer Boutique für Damenunterwäsche verschwinden können. In beiden Fällen wäre die Flucht allzu offensichtlich eine Flucht gewesen, und das kam nicht in Frage. Mit einem Lächeln kam er auf mich zu. Es war ein Lächeln, das eine gute Dosis Spott enthielt, so eins, mit dem man auszudrücken scheint: Ich freu mich, dich zu sehen, und übrigens – du bist ein Depp. Er hatte zugenommen, augenscheinlich nicht vom guten Leben sondern vom Bier, denn er wirkte müde und zerknittert - nur in seinen Augen blitzte noch die alte Angriffslust. »Sieh an, der Lutzel!«, sagte er und blieb dicht vor mir stehen. Ich lächelte nachsichtig – Lutzel nannte mich kein Mensch mehr. »Na, wie geht’s?«, sagten wir gleichzeitig, und dann belauerten wir uns ein einige Sekunden lang. Sollte Mike sich doch was einfallen lassen! Irgendeinen dummen Spruch, auf den ich mit einem noch dümmeren Spruch antworten könnte. Danach würden wir uns schleunigst alles Gute wünschen und bei künftigen

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Begegnungen nur noch stumm einander zunicken. Aber Mike ... ich hätte es wissen müssen – manchmal ist ihm nichts peinlich! Hey, Mike, was tut man, um das Schweigen zu beenden, wenn man sich nichts zu sagen hat? Mike sagte: »Hast du Lust, einen trinken zu gehen? Ich lad‘ dich ein.« Ich weiß nicht mehr, ob ich zu verblüfft war, um eine Ausrede zu erfinden, oder ob ich mich doch ein kleines bisschen über unser Wiedersehen freute, jedenfalls sagte ich: »Klar! Warum nicht!« und gleichzeitig hatte ich den Eindruck, als tippe ich mir selbst von hinten auf die Schulter und zische: »Du Idiot!« Ein paar Minuten später saßen wir in unserer alten Stammkneipe. Ich war lange nicht mehr hier gewesen, schon gar nicht nachmittags, da hatte ich zu tun, oder zumindest hatte ich immer etwas vor. Mike dagegen hatte auf dem Weg zu einem freien Tisch die Hand gehoben, aber ich konnte mir nicht vorstellen, wen er damit grüßen wollte. An zwei Tischen saßen Grüppchen aufgeregter Jungs und Mädels, wahrscheinlich Erstsemester, genau die Herdentiere, über die Mike immer nur die Nase gerümpft hatte. Ansonsten gab es nur noch einen älteren Gast mit runder Brille, der kaum von seiner Zeitung aufblickte, sowie den Kellner, aber der schien Mike, als er an unseren Tisch kam, nicht zu kennen. Typisch, dachte ich, hält sich von allem fern, tut aber immer so, als würde er dazugehören. Nachdem Mike zwei große Bier für uns bestellt hatte, lehnte er sich zurück und seufzte. Ich wartete ein Weilchen, weil ich dachte, er wolle etwas sagen, aber er sagte nichts – er hatte nur geseufzt.

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Foto: Susanna Bur


Schließlich fragte ich: »Was macht dein Studium?« Mike zuckte mit den Schultern, dann sagte er: »Und deins?« »Naja ...«, fing ich an und überlegte. Was machte mein Studium? Es lief gut, aber ich wusste nichts, was sich zu erzählen lohnte. »Naja ...«, sagte ich noch einmal, da kam der Kellner und brachte unser Bier. Wir stießen an und tranken jeder einen großen Schluck. Das Bier war gut, die Schaumkrone setzte sich nur langsam. Was machte mein Studium? Mikes Blicke schweiften durch die Kneipe, seine Nase schrieb Zickzacklinien in die Luft. Er sah nicht aus wie jemand, der auf eine Antwort wartet. Nach einer Weile sagte ich: »Hast du mal wieder was von Olaf gehört?« Mike sah mich an und beugte sich zu mir herüber. »Nein! Und du? Von Klara?« »Ja«, sagte ich. Oder dachte ich es nur? Auf einmal wurde ich so müde, dass es mir schwerfiel, die Zunge zu bewegen. »Aber das ist jetzt auch schon wieder ein halbes Jahr her.« Mike nickte. Er nickte. Warum? Ich mochte dieses Nicken nicht. Es hieß: Ich verstehe, was du meinst. Dabei meinte ich nichts Besonderes, ich ärgerte mich nur über dieses sinnlose Hin und Her von Fragen ohne Antworten. Eine von den Erstsemestlerinnen schaute, wie mir schien, schon spöttisch zu uns rüber. Nein, ich bin kein Langweiler, hätte ich ihr am liebsten zugerufen. Er ist einer! Mike lehnte sich wieder zurück und drehte sich halb um, so dass er nun mit Blick zur Theke saß.

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Ich wollte jetzt so schnell wie möglich weg und trank mein Bier in großen Schlucken. Als mein Glas fast leer war, suchte ich nach Worten, um mich zu verabschieden, da schaute Mike mich plötzlich wieder an. »Machst du eigentlich noch Musik?« »Ja, so nebenbei. Hab nicht mehr so viel Zeit, aber ... nächste Woche treten wir beim Stadtfest auf!« Mike nickte wieder, vielleicht anerkennend, vielleicht aber auch nur, weil er dachte, dass er dann nichts sagen muss. Er ging mir wirklich auf die Nerven. Trotzdem – er hatte mich nach der Musik gefragt, nach etwas, das mir wirklich Spaß machte, dafür musste ich mich revanchieren: »Und du? Malst du noch? Oder hast du dich doch für die Politik entschieden?« Er stöhnte. Leise. Mit geschlossenem Mund. Aber eindrucksvoll. Er schien nicht willentlich zu stöhnen. Das Geräusch schien ganz von selbst vom Zwerchfell in die Kehle hochzusteigen wie eine natürliche Reaktion auf ein bestimmtes Thema. Wie das Brummen mancher Teddybären, wenn man sie auf den Kopf dreht. Jetzt wird er reden, dachte ich. Jetzt wird er mir erzählen, was er mir erzählen will, seit er beschlossen hat, mich einzuladen. Aber erst mal warf er einen Blick auf mein Glas. »Du trinkst doch noch eins?« Anscheinend würden seine Sorgen nicht in ein, zwei Sätzen abgehandelt sein. Was blieb mir übrig? »Na klar!«, sagte ich. Mike gab dem Kellner ein Zeichen, indem er auf unsere Gläser deutete. Dann starrte er wieder zur Theke, vielleicht auf die Flaschen im Regal, vielleicht in den Spiegel, in dem man die

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ganze Kneipe überblicken konnte. Ich wartete darauf, dass er zu erzählen anfing, aber er erzählte nichts. Schließlich schlug ich mit der Hand auf den Tisch und wandte mich nun ebenfalls ab. Mike schien nichts zu merken. Ich sollte aufstehen und mich davon machen, dachte ich und überlegte, ob ich mich trauen sollte, den Kellner zu rufen und das Bier wieder abzubestellen. Leider war er gerade beschäftigt: An dem einen Tisch mit Erstsemestern nahm er eine Bestellung auf. Das Mädchen, das vorhin spöttisch gegrinst hatte, erinnerte mich jetzt an Klara. Ich lächelte ihr zu. Sie schaute weg, aber vorher hatte sie, wie mir schien, erschrocken einen Blick auf Mike geworfen. So ein Mist! Hallo! Ich sitze nur zufällig an diesem Tisch, ich kenne dieses Arschloch nicht! Jetzt schaute der Kellner zu mir rüber. Ich winkte. Er nickte, als hätte er verstanden, dann ging er mit seinem Bestellzettel hinter die Theke. Dort wurde er von einem Betrunkenen belabert, der eben erst herein gewankt war. Ich wartete. Endlich ließ der Betrunkene vom Kellner ab und drehte sich um. Er sah Mike, stutzte, sah zu mir und starrte mich an. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, er hörte nicht auf, mich anzustarren. Als der Kellner unser Bier brachte, fühlte ich mich so unter Beobachtung, dass ich es doch nicht abbestellte. Außerdem war es jetzt sowieso zu spät dafür. Ich trank, und immer noch starrte dieser Kerl zu mir herüber. Schließlich kam er sogar an unseren Tisch, blieb torkelnd stehen und gaffte auf mich herab, als wäre ich ein großes buntes Tier mit einem Bierglas zwischen den Pfoten. Ich verzog das Gesicht, um anzudeuten, dass er störte, aber davon ließ er sich nicht abschrecken. Er drehte sich lediglich zu Mike

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um und sah ihn fragend an. Mike machte eine knappe, scheuchende Bewegung mit den Fingern, da endlich straffte sich der Kerl, murmelte irgendetwas und wankte Richtung Toilette. Dafür bewunderte ich Mike. Im allgemeinen - fand ich - war er ein Versager, doch es war verblüffend, wie er manchmal auf andere Menschen wirkte: Er sagte etwas, und sie glaubten ihm, er schnippte mit den Fingern, und sie gingen zur Toilette. Naja, jedenfalls hatte er den Betrunkenen verscheucht. Dafür verdiente er, dass ich ihm dankbar war. Unmöglich, gerade jetzt aufzustehen und mich zu verabschieden! Wenn er sich nur endlich dazu hätte entschließen können, mir zu sagen, was ihm auf dem Herzen lag! Dieses Treffen musste nicht so langweilig sein! O.K., noch ein Versuch, nahm ich mir vor, ihn zum Reden zu bringen! Falls der nicht helfen sollte, dann hatte es halt keinen Zweck, dann würde ich gehen. Ein Versuch! Nur wie? Mir fiel nichts ein! Das Naheliegendste wäre wohl, ihm zu zeigen, dass er mir vertrauen konnte, indem ich den Anfang machte und von mir erzählte. Aber was? Mir ging es gut. Ich hatte mich innerhalb des letzten Jahres aufgerappelt und war kurz davor, mein Studium abzuschließen. Daneben machte ich Musik, und ich hatte einen Job, der anstrengend war, aber in Ordnung. Das Alles war bestimmt nicht das, womit ich Mike aus der Reserve locken könnte. Ich musste schon ein wenig nachdenken ... oder erfinden ... Und plötzlich war ich am Erzählen. »Sag mal, hast du manchmal auch das Gefühl, dass dir die Menschen abhanden kommen?«

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Ich weiß nicht, wie ich auf dieses Thema kam, aber es funktionierte: Mike drehte sich um, sah mich an und hörte zu. Noch sagte er zwar nichts, doch das würde schon noch kommen. Ich wunderte mich nur, was mir alles einfiel, und allmählich fragte ich mich: Spinne ich mir das wirklich nur zusammen, oder ist da etwas Wahres dran? Ich entwarf ein Bild von mir, das mich erschreckte, ein Bild, wie ich es noch nie gesehen hatte. Und doch schien vieles davon auf mich zuzutreffen. Vieles – aber doch nicht alles! Ich übertrieb, weil ich nun in Fahrt war, und weil Mike zuhörte, und doch nicht, wie ich es erwartet hatte, dazu überging, von sich zu sprechen. Dieser Mensch ohne Bindungen, der war ich doch nicht wirklich? Dieser Mensch, dem andere nichts bedeuten? Der nicht versteht, wovon sie reden, weil er – so hatte Klara das genannt – nicht richtig da ist, wenn er mit ihnen zusammen ist. Was sollte es bedeuten, wenn ich sagte: „Es gibt da eine Mauer. Ich bin hier auf dieser Seite, und die anderen sind alle drüben, und die verstehen sich ... Nur ich ...“? Plötzlich ärgerte ich mich. Ich hatte das Gefühl, Mike ließ mich auflaufen, ließ mich Lügen über mich erzählen, die mich in ein schlechtes Licht setzten. Oder hatte ich wirklich ein Problem, das mir nur nicht klar gewesen war? »Nur ich...« »Nur du...?«, sagte Mike. Ich sah ihn an, er wirkte jetzt viel fröhlicher. »Tja«, sagte er und winkte dem Kellner, aber diesmal um zu zahlen. »Das Leben ist hart!«

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Ich erstarrte. Was hatte ich ihm alles erzählt! Ich hatte es erzählt, weil ich geglaubt hatte, er brauche jemanden zum Reden. Und jetzt? »Das Leben ist hart!« Der Spott in seinem Tonfall war nicht zu überhören. »Bleibst du noch?«, fragte er. Ich nickte. Jetzt brauchte ich ein Bier. Mike stand auf. »Vielleicht sieht man sich mal wieder...« Er lächelte, aber er schaute mich nicht an dabei. Er lächelte in sich hinein, und wenn ich richtig hörte, summte er vor sich hin.

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Katz und Maus Robert Bruckart, 02/2011

Er stand am Fenster, hatte die Gardine zur Seite gezogen und blickte mit offenem Mund hinüber auf die andere Straßenseite. Natürlich hatte er erfahren, dass etwas in dieser Art dorthin kommen würde. In jenes Haus, das jahrelang ungenutzt herumgestanden hatte und zum Schandfleck der Straße geworden war. Doch was er jetzt sah, das war ja ein noch viel größerer Schandfleck. Als dieses alte Gebäude noch nicht renoviert war und jeder in der kleinen Stadt wusste, dass es ein Schandfleck war, da war doch deshalb niemand gekommen und hatte es sich angeschaut. Aber nun, da würden die Gaffer in Scharen kommen. Nicht zu ihm würden sie kommen! Nein, sie würden extra wegen dieses Schandflecks kommen. Er spürte den Zorn, der in ihm aufstieg und er überlegte, was er tun konnte, um all das vielleicht noch abwenden zu können. Er musste etwas tut, daran gab es überhaupt keine Zweifel. Das erwartete man ganz einfach von ihm. Nicht alle, aber zumindest die, welche ihm zugetan waren. Er hatte die Gardine wieder geschlossen und war nach oben gegangen, weil er von dort aus einen wesentlich besseren Überblick hatte. Dieser Überblick sagte ihm, dass es noch wesentlich schlimmer war, als es von unten ausgesehen hatte. Drei Monate war an diesem Haus gearbeitet worden, das Dach hatten sie erneuert, neue Fenster eingesetzt, neuen Putz aufgetragen und es zu einem richtigen Schmuckstück gemacht. Alle in der Stadt hatten sich gefragt, was daraus werden würde. Immer wieder

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waren Fragen aufgetaucht, wie und wer es nutzen würde, wer es überhaupt erworben hatte und dann ging es los mit all den Gerüchten. Doch auf die hatte er zunächst nichts gegeben. Zumindest so lange nicht, wie immer wieder von unterschiedlichen Nutzungszwecken die Rede war. Als sich dann aber ein einziger Nutzungszweck herauskristallisierte, der hartnäckig von allen, die über jenes Haus sprachen, genannt wurde, da war ihm der Schweiß ausgebrochen. Er war in seine Kirche gelaufen, hatte die Sutane leicht nach oben gezogen und sich kniend auf dem Betstuhl nieder gelassen. »Vater im Himmel, das kannst Du doch nicht zulassen, dass ein solches Haus genau gegenüber von Deinem Haus errichtet wird. Du musst mir helfen, dies zu verhindern. Ich will überhaupt nicht darüber nachdenken, wie viele Sünder dort hingehen werden. Bitte, Herr, mein Gott, lass es nicht zu!« Er hatte sich fürchterlich aufgeregt, er, Pfarrer Theodor Krause, der schon fast sechzig Jahre alt war und nun bereits seit fünfundzwanzig Jahren hier in dieser Gemeinde lebte. So etwas hatte es noch nie gegeben und auch von anderen Pfarreien hatte er noch nie gehört, dass man es gewagt hatte, in unmittelbarer Nähe eines Gotteshauses so ein Haus einzurichten. Vor seinem Körper hatte er die Hände ineinander verschränkt, sein Blick fiel hinüber zu jenem Haus und er murmelte dabei leise Gebete vor sich hin. Sein Gesicht zeigte keine Regung, nur die leichte Rötung ließ erahnen, wie hoch sein Blutdruck derzeit sein musste. Immer wieder strichen seine Augen über die Fenster des gegenüberliegenden Anwesens, und wenn sie schließlich bei der Leuchtschrift über der Tür ankamen, dann begann er zu

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blinzeln, weil ihn dieses rote Licht ein wenig zu blenden schien. »Love« stand dort in übergroßen Buchstaben. Die Schrift zuckte und blinkte und mit jedem Zucken, zuckte auch Pfarrer Theodor Krause. Mit aller Macht wehrte er sich dagegen, sich zuckende Leiber vorzustellen und je mehr sich dieser Gedanke versuchte in seinem Kopf breitzumachen, um so intensiver wurden seine Gebete. Jedes der Fenster des Hauses hatte seine eigene Reklame. Während er so da stand und hinüber schaute, da spiegelten sich diese zuckenden Lichter in seinem Gesicht und auf seiner Brille und es war, als zucke er und krümme sich unter dem Beschuss dieses Lichts. Er konnte es nicht länger ertragen und ging wieder hinunter. Er überlegte für einen Augenblick, ob er nochmals in die Kirche gehen sollte, aber was würde das nun nützen. Nein, er musste sich jetzt beruhigen und versuchen, einen klaren Gedanken zu fassen und eine Strategie zu entwickeln, diesen Schandfleck wirkungsvoll mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen. Krause musste wohl eingeschlafen sein, nachdem er das zweite Glas Rotwein ausgetrunken hatte und nun wachte er in diesem herrlich bequemen Sessel auf und lauschte in die Dunkelheit, die ihn zwischenzeitlich umgab. Er konnte nichts anderes hören als sonst auch und trotzdem ließ es ihm keine Ruhe und er machte sich erneut auf den Weg nach oben, um hinüberzuschauen auf die andere Straßenseite. »Sie werden hoffentlich Gardinen an den Fenstern haben. Nicht dass man auch noch bei Nacht hineinsehen kann und ihnen bei der Begehung ihrer Sünden zuschauen muss!«

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Wenigstens damit war er zufrieden, was dieses Haus betraf. Jedes einzelne Fenster hatte eine Gardine und sie waren alle brav geschlossen. Er blickte nochmals hin, denn erst jetzt fiel es ihm auf. Die Gardinen waren natürlich alle rot. Er stapfte die Treppe wieder hinunter, setzte sich wieder in diesen überaus bequemen Sessel und klappte seine Bibel auf, die immer griffbereit lag. So richtig nahm er die Worte nicht in sich auf, welche dort auf dem Papier standen. Seine Gedanken beschäftigten sich viel zu sehr mit diesem Haus und dem, was sich darin abspielte. Außerdem war er auch noch mit der Strategie beschäftigt, die er entwickeln wollte. Die Frühmesse war zu Ende, die wenigen Gläubigen waren gegangen und um einen Ministranten brauchte er sich nicht zu kümmern, weil er schon lange keinen mehr hatte. Er verschloss die Sakristei und ging zum Mittelgang. Er drehte sich zum Altar und blickte zu dem Kreuz hinauf. Dann kniete er auf der untersten der Stufen, die zum Altar hinauf führten, nieder. »Ich bitte um deine Unterstützung, oh Herr, für das, was ich nun tun muss. Ich weiß, es ist in deinem Sinne, und wenn ich mich täuschen sollte, dann bring mich auf den richtigen Weg!« Er hatte sich bekreuzigt und dann war er aus der Kirche gegangen und hatte diese verschlossen. Die Zeiten, in denen man eine Kirche offen und ohne Aufsicht lassen konnte, die waren schon lange vorbei. Wer fürchtete heute noch Gott außer Pfarrer Theodor Krause? Die Menschen hatten nicht einmal mehr Achtung vor ihm oder hätte man es sonst gewagt, ein solches Haus gegenüber der Kirche einzurichten?

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Foto: Susanna Bur

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Er hatte den Mantel angezogen, den Hut aufgesetzt und war durch den Garten bis zum Tor an der Straße gegangen. Er öffnete das große eiserne Tor und sofort heftete sich sein Blick an diesem Haus auf der anderen Straßenseite fest und er schleuderte wütende Blicke gegen dessen Hauswand. Dann wandte er sich ab und ging die Straße hinunter in Richtung Rathaus. Der Bürgermeister thronte wie immer mit seinem runden Bauch hinter seinem gewaltigen Schreibtisch, der über und über mit Papier belagert war. In seinem rosafarbenem Gesicht stand ein breites Grinsen, als der Pfarrer in sein Büro trat. Gregor Bücher stand schwerfällig von seinem Schreibtischsessel auf und kam auf den Pfarrer zu, den unübersehbaren Bauch vor sich her schiebend. Er streckte die Hand aus und Pfarrer Theodor Krause schossen bei seinem Anblick nur Worte durch den Kopf wie Völlerei, Genuss und Sünde. Sein Blick heftete sich an diesem breiten Grinsen des Bürgermeisters fest und er fragte sich, ob er sich auch so zusammenreißen würde, wenn er kein Geistlicher wäre. »Sie können sich sicher denken, warum ich Sie besuche, Herr Bürgermeister?« Das Grinsen des Gegenübers wurde noch breiter und die Wut im Bauch von Pfarrer Krause stieg weiter an, als er sah, wie der Bürgermeister die Schultern hochzog. »Direkt gegenüber dem Hause des Herrn hat ein Bordell eröffnet und ich möchte wissen, wer dafür verantwortlich ist und welche Möglichkeiten es gibt, diesen Schandfleck umgehend zu beseitigen!«

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Selbst jetzt, als er sich anschickte, dem Pfarrer zu antworten, da blieb dieses breite Grinsen immer noch im Gesicht des Bürgermeisters. So, als sei es angewachsen. »Mein lieber Herr Pfarrer, wollen Sie sich nicht erst einmal hinsetzen. Ich stehe Ihnen gerne Rede und Antwort. Kommen Sie, setzen Sie sich!« Er zog den Stuhl vor dem Schreibtisch etwas zurecht und Pfarrer Theodor Krause setzte sich gezwungenermaßen darauf. Bücher ging keuchend um den Schreibtisch herum und ließ sich wieder in seinen Sessel fallen. »Sehen Sie, das Haus hat jahrelang leer gestanden. Die Erben haben sich nicht darum gekümmert und sie waren es doch, der immer wieder hier vorgesprochen hat und erklärte, es handele sich um einen Schandfleck. Jetzt ist das Haus fein herausgeputzt und nun ist es Ihnen auch nicht recht!« Krause kniff die Augen zusammen und biss auf die Zähne. Am liebsten hätte er diesem Kerl … Nein, so durfte er nicht denken! Schließlich war er ein Diener des Herrn und der hatte gesagt, du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst und dabei hatte er zwischen diesen Nächsten keine Unterschiede gemacht. Vielleicht war dem Herrn auch nie ein Exemplar wie das hier begegnet. »Ich habe keinerlei Beschwerde darüber geführt, dass das Haus nicht ansehnlich geworden ist. Ich finde es schändlich, dass genau gegenüber dem Eingang meiner Kirche ein Anwesen steht, in dem der Prostitution nachgegangen wird. Das gibt es nirgendwo sonst auf der Welt und Sie, Sie lieber Herr Bürger-

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meister haben das zugelassen, vielleicht sogar gefördert, weil es gerade mal in Ihre Interessenslage passte. Also sagen Sie mir, wem das Anwesen gehört, damit ich mit demjenigen selbst verhandeln kann!« Das Grinsen des Bürgermeisters wurde immer breiter. »Ich sage Ihnen, wem das Haus gehört. Es gehört mir!« Krause hatte gezuckt. Sein Kopf rötete sich immer mehr und Bücher begann zu überlegen, wo er seine Blutdrucktabletten hingelegt hatte, falls er dem Pfarrer eine anbieten musste. »Zunächst haben wir im Gemeinderat debattiert und überlegt, was die Gemeinde im Falle eines Kaufes damit anfangen könne. Doch so recht ist uns da nichts eingefallen. Das Haus steht ungünstig, hat kein Grundstück. Also war die Mehrheit im Gemeinderat dagegen, das Anwesen zu erwerben. Deshalb habe ich es gekauft.« Der Pfarrer atmete schnell und sein Gesicht war nun fast dunkelrot. »Und da haben Sie sich gedacht, da kaufen Sie es eben und machen ein Puff daraus!« Krause hatte es fast herausgeschrien. »Herr Pfarrer, ich bitte Sie, so etwas würde ich Ihnen doch nie antun. Nein, das habe ich nicht getan. Ich habe einfach nur ein wenig Geld darin investiert und um es wieder zurück zu bekommen, habe ich in dem Anwesen eine gewerbliche Zimmervermietung eingerichtet. Jeder kann sich dort ein Zimmer mieten! Zugegeben, billig sind die Zimmer nicht und die Einrich-

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tung wäre vielleicht für einen Pfarrer nicht gerade das Richtige, aber vom Prinzip …« Bücher hatte dem Pfarrer kurz den Rücken zugewandt und war ein Stück im Zimmer herumgelaufen. Doch nun erschrak er, als er die Worte sprach und dabei plötzlich ein Geräusch vernahm. Ihm schoss der Gedanke durch den Kopf, dass der Pfarrer ihn sicher attackieren wolle. Doch als er sich mit nicht mehr grinsendem Gesicht umblickte, da sah er, dass der Pfarrer nur von seinem Stuhl aufgesprungen war und die Nase in seinem hochroten Gesicht putzte. Dann steckte er sein Taschentuch in die Hosentasche und machte sich auf den Weg zur Tür. »Ich werde für Sie beten, Herr Bürgermeister, damit der Herr Ihnen verzeiht. Aber ich sage Ihnen noch etwas! Ganz fertig sind wir in der Angelegenheit noch nicht, das werden Sie schon noch merken. Ich werde keine Ruhe geben. Wir werden sehen, wer von uns beiden der Stärkere ist!« Gregor Bücher zuckte erneut bei dem Geräusch, als seine Bürotür ins Schloss flog. Kurze Zeit später ging die Tür wieder auf und seine Vorzimmerdame streckte vorsichtig den Kopf herein. »Soll ich Ihnen einen Kaffee bringen, Herr Bürgermeister?« Der wischte sich gerade mit seinem Taschentuch über die Stirn, blickte sie an und überlegte einen Augenblick. »Nein, bringen Sie mir einen Schnaps!« Pfarrer Theodor Krause hatte den ganzen Weg vor sich hin geschimpft, allerdings so, dass ein eventueller Zuhörer es auch für ein leises Gebet hätte halten können. Nun, da er wieder an

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seiner Kirche angelangt war, da versuchte er erst gar nicht, auf die andere Straßenseite zu schauen. Er schloss das Gartentor hinter sich und dann lief er zunächst einmal drei Mal um die Kirche herum, ehe er sie aufschloss und hinein ging. Er ging nach vorne, kniete sich in die zweite Bankreihe auf der rechten Seite, legte den Kopf etwas schräg und blickte ratlos und Hilfe suchend hinauf zum Kreuz. Doch von dort kam keine Regung, kein Wort, keine Hilfe. Einige Zeit kniete er so da und scheinbar geschah nichts. Doch dann plötzlich richtete der Pfarrer seinen Kopf wieder gerade aus und erhob sich in der Bank. Eilig trat er in den Mittelgang, kniete noch einmal nieder und eilte aus der Kirche. Er strebte auf das Pfarrhaus zu und suchte in einer kleinen Kammer, in der aller Unrat so seinen Platz fand, bis er schließlich fand, was er suchte. Einen Klappmeter. Mit ihm eilte er nach draußen auf die Straße und an den Zaun und dann begann er, den Zaun zu vermessen. Die Maße schrieb er sich auf einen Zettel und machte sich damit erneut auf den Weg in die Stadt. »Können Sie mir ein Transparent mit Ösen machen, das man aufhängen kann?« Die junge Frau in dem Laden war erstaunt, dass ausgerechnet ein Pfarrer zu ihnen den Weg gefunden hatte. Wann brauchte ein Pfarrer schon mal ein Schild. »Natürlich, dann brauche ich nur die Größe, und falls etwas darauf stehen soll, auch den Text.« Er schob den Zettel, den er schon am Gartenzaun ausgefüllt hatte, über den Tresen und die Frau blickte ihn fragend an, nahm aber den Zettel an sich und nickte.

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»Reicht es bis morgen?« Pfarrer Krause nickte und verschwand. Er konnte es kaum erwarten, bis dieses Transparent fertig war und noch weniger konnte er erwarten, das Gesicht des Bürgermeisters zu sehen. Der würde sich zu Tode ärgern. Gut geschlafen hatte er in dieser Nacht nicht, doch das war ihm egal und gleich nach der Frühmesse machte er sich wieder auf, um sein Transparent abzuholen. Es war fertig und dann brachte er das zusammengerollte Teil zu seiner Kirche, rollte es aus und befestigte es am Zaun, genau gegenüber von diesem Haus, in dem ständig eine der Frauen am Fenster lag. Keine fünf Minuten würde es dauern und der Bürgermeister würde es wissen mit dem Transparent und dann konnte er sich ärgern, bis er schwarz war. In fetten schwarzen Buchstaben auf weißem Grund stand da zu lesen: »Sechstes Gebot Gottes: Du sollst nicht ehebrechen!« Vom Fenster aus beobachtete er die Reaktionen dort im Haus und auch der Leute auf der Straße und er war gespannt, wie der Bürgermeister reagieren würde. Bestimmt käme er und würde ihn bitten, doch dieses Transparent von dem Zaun zu entfernen, aber er, Pfarrer Theodor Krause, er würde hart bleiben. Bald wurde es draußen still, bald hatten alle im Haus das Transparent gesehen und Krause zog sich in seinen so überaus bequemen Sessel zurück. Als er am Morgen erwachte, ging er erst zum Fenster. Er wollte sehen, dass sein Transparent noch da war. Doch dann traf ihn fast der Schlag, als er auf der gegenüberliegenden Straßen-

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seite ein Transparent sah, das über die gesamte Hauswand ging und auf dem stand: »Und was war mit Maria Magdalena, der Sünderin? War sie Jesus nicht näher als seine Jünger, genauso wie die Damen aus diesem Hause?« Krause musste an diesem Morgen zwei Blutdrucktabletten einnehmen.

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Gesichter der Zweisamkeit Robert Bruckart ISBN: 978-3-944306-06-3 Seitenanzahl: 270 € 9,90 www.amazon.de Auch als E-Book erhältlich Nichts beschäftigt uns Menschen in unserem Leben wahrscheinlich mehr, als in glücklicher Zweisamkeit zu leben und trotzdem stellen wir immer wieder fest, dass es nicht gerade einfach ist, eine solche zu finden. Dabei entgeht uns oft, dass wir es meist selbst sind, die einer solchen Zweisamkeit hinderlich im Weg stehen. Und noch eins sei gesagt; Zweisamkeit ist nicht gleich Zweisamkeit. Der Kurzgeschichtenband mit dreizehn verschiedenen Lebensabschnitten erzählt Episoden aus den Leben von Menschen, bei denen Zweisamkeit und die Suche nach ihr, wie auch das Ende einer Zweisamkeit, eine wesentliche Rolle spielt.

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SPURENSUCHE Monika Jehl – Dezember 2013

Liebes Jesuskind ich komme diese Weihnacht mal zu Dir Nicht wie in vergangner Zeit behindert durch Geschenkpapier Dieses Jahr will ich Dich spüren innig wie Du es gemeint Beide arm und auch so reich, da diese Liebe uns vereint Dieser ganze schöne Rummel, dem ich jedes Jahr erlag Oberflächliches Getummel, dem ich willentlich entsag Dieses mal gibt’s weder Hetzen, noch ein Kaufen hier und dort Was stand alles auf dem Zettel? Die Gedanken flogen fort Und was blieb an Heiligabend nach beschenktem Weihnachtsglück Außer einer tiefen Leere blieb nur noch der Blick zurück Der Lichter Glanz, aller Trubel war mit einem Schlag vorbei Ist es so nicht immer wieder in des Lebens Einerlei?

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Ô lune… Huguette Wolf

Ô lune, mon amie, Toi qui accompagnes mes nuits, Toi qui transformes ma vie En prairies et jardins fleuris, Toi, qui même en plein jour éclipses le soleil, Qui donnes à l’horizon une couleur vermeille, Qui fais chanter le coq pour un nouveau matin Et étonnes alors tous les astrophysiciens… Toi qui éclaires les nuits, même les plus noires, Qui racontes aux enfants de belles histoires, Toi qui souris aussi pour calmer leur chagrin Et leur promets alors de très beaux lendemains, Toi qui effaces les cauchemars les plus sombres Et laisses deviner de magnifiques ombres, Toi qui m’emportes dans des rêves insensés Où ne sont connus que les mots «paix» et «aimer»… Pour cela, ô toi lune mon amie, Oui, la terre entière te remercie! Et dès le jour tombé, les yeux fermés, Vers toi, ô lune, je m’envolerai.

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LE PETIT OISEAU ET NOEL Iris Gutfried 1999

Il était une fois, un petit oiseau, Il était petit mais très beau. Il avait un très joli plumage, Avec de multiples couleurs. Ses compagnons le trouvaient très très sage, Car il aimait rire de bon cœur. Il aimait surtout voler, voler tout haut Tout haut dans les nuages, Il aimait faire des beaux voyages, Découvrir de nouveaux paysages. Notre petit oiseau habitait dans un joli pays, Il s’appelait le pays des santons et des maisons enchantées, De la lavande et des mélanges parfumés. C’était un pays de montagnes et de rivières, Coloré par la douceur des couchers de soleil au bord de la mer. Notre petit oiseau aimait toutes les saisons Mais il avait une préférence pour la période de Noël. Bien qu’il faisait froid, en cette saison Il avait tout à fait raison, Partout dans les maisons, Il y avait les santons et le petit Jésus, Couché dans une crèche tout nu.

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Un jour, il décida d’aller voir Noël ailleurs, Il avait entendu parler de l’Alsace, Du Marché de Noël, avec plein de senteurs Là-bas, il existerait «a Christkindel un a Rupels» C'est-à-dire une jeune fille aux cheveux d’or, habillée en blanc, Et un Père fouettard au regard méchant. Il voulait surtout voir la jeune fille, Car elle aime beaucoup les enfants. Son cœur sera sûrement content en le voyant. Il vola pendant quelques jours, pour arriver jusqu’à Strasbourg, Il fit plusieurs fois le tour, de ce grand bourg, Il découvrit le marché de Noël, avec ses multiples Père Noël, Le Rupels il l’a vu, La belle jeune fille, aussi, Mais elle était tellement occupée, Par tous ces enfants, qui autour d’elle sautaient. Elle ne voyait pas le petit oiseau, qui essayait de se faire remarquer. Déçu de sa découverte, belle certes Il abandonna ses essais de séduction. Peut-être avait-il une autre mission? Il profita pour visiter la ville et ses coins perdus. Non loin du marché il vit dans une petite rue, Dormir un vieillard derrière des cartons, Ce spectacle là, le petit oiseau ne l’avait pas encore vu. Son cœur se remplit de compassion. Il se coucha à côté de lui, en attendant il se dit, Avec lui je veux vraiment être gentil.

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Quand il se réveilla, il lui chantait, Une chanson qu’il aimait entendre, Le vieillard se mit à danser, Et les promeneurs à l’admirer, Bien vite, ils virent le petit oiseau, Cette jolie voix, ce joli plumage, Cet oiseau avait raison, donner c’était tellement beau, Ils apportèrent au vieillard à manger, Ils lui proposèrent un toit pour l’héberger. Notre petit ami avait réussi un miracle, rendre le bonheur et la vie. Depuis si vous vous promener au marché de Noël, Et si vous voyez un Père Noël, Avec un petit oiseau dépliant ses ailes, N’oubliez pas, c’est peut-être notre ami, Qui a délivré le Père Noël de la misère et de la nuit. Conte écrit et composé pour le Noël 1999 pour les enfants.

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Petit Trésor d‘Amour Josiane Orlane

Tu pleures et tu ris Tu me donne ton plus beau sourire Tu bouges et tu gazouilles Tu m‘apportes une tonne d‘ammour Un peu plus chaque jour. Toi mon petit être si fragile Si petit et si docile On a envie de te voir grandir Pour mieux te découvrir Te connaître et t‘aimer. Du jour au lendemain, j‘étais « maman » Et tu me fais devenir « mamie » Toi l‘enfant de mon enfant! C‘est difficile de te dire ce que je ressens. Une émotion si grande Et surtout und très fort attachement Qui se prolongera tout au long de notre vie. Dans ce monde qui nous entoure Toi qui ouvre grands les yeux! Tu apprends chaque jour Comment faire our être heureux.

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Alle Jahre wieder Dr. Christine Reiter

Jedes Jahr im Oktober nehme ich mir vor: In diesem Jahr erledige ich sämtliche Vorbereitungen für das Weihnachtsfest frühzeitig! Am besten beginne ich mit meinen Weihnachtseinkäufen schon Anfang November, denke ich alle Jahre wieder. Ich sollte auch die batteriebetriebenen Teile des Weihnachtskrippchens und die Baumbeleuchtung schon möglichst bald überprüfen, überlege ich dann stets. Ich nehme mir auch immer vor, das Weihnachtsdekomaterial ganz früh vom Dachboden herunter zu holen. Und nicht zu vergessen: rechtzeitig Weihnachtsplätzchen backen! Leider blieb es bislang immer bei dem guten Vorsatz und drei Tage vor Weihnachten lief die Familie alle Jahre wieder auf Hochtouren. Mein Sohn holte das Weihnachtsdekomaterial vom Dachboden, überprüfte das Weihnachtskrippchen auf Vollständigkeit und baute es auf, meine Tochter und ich buken Weihnachtsplätzchen, ich stürzte mich in den Weihnachtstrubel und kaufte Geschenke ein, mein Mann stellte den Weihnachtsbaum auf und dekorierte ihn –immer mit der Bemerkung, dass es das letzte Jahr sei, dass er das Schmücken des Tannenbaums übernehme, weil er alles andere lieber machen würde. Und stets suchten wir alle gemeinsam die Tannenbaumspitze und weil wir sie nie fanden, versicherten wir uns immer wieder gegenseitig, der Baum sehe ohne diese Spitze viel schöner aus… Und am 24.Dezember stand die ganze Familie in dem festlich dekorierten Wintergarten vor der hell erleuchteten Tanne, die

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verpackten Geschenke lagen dekorativ unter dem Weihnachtsbaum, Maria und Joseph hielten schützend ihre Hände über das kleine Jesuskind, das in dem Krippchen lag, die Glühlampe am Krippenstall und der batteriebetriebene Brunnen vor der Krippe funktionierten tatsächlich auch, wir sangen stets feierlich gestimmt: „Alle Jahre wieder“… So fasse ich denn auch in diesem Oktober gute Vorsätze. Dieses Mal muss es endlich einmal klappen, dass ich frühzeitig die Weihnachtsvorbereitungen erledige und die Adventszeit dann ganz entspannt genieße! Äußerst zuversichtlich trage ich in meinen Kalender für Samstag, den 26.Oktober ein: Weihnachtsdeko vom Dachboden holen, Weihnachtskrippchen und Baumbeleuchtung auf Funktionstüchtigkeit überprüfen. Für Samstag, den 02.November merke ich vor: Weihnachtseinkäufe erledigen. Und am Freitag, den 1.November möchte ich schon Weihnachtsplätzchen backen! Ich trage mir also für den vorhergehenden Tag ein: Zutaten für Weihnachtsgebäck kaufen! Am Donnerstag, den 24.Oktober ruft meine allerbeste Freundin Traudel an –wir kennen uns schon aus der Schulzeit, aber Traudel ist aus beruflichen Gründen und auch wegen der Liebe zu ihrem norddeutschen Gerd vom Saarland weg in den Norden gezogen. „Gerd und ich sind am Wochenende in der Heimat. Wir wollen Euch besuchen …“ Ich freue mich, Traudel und ihren Mann endlich nach langer Zeit mal wieder zu sehen und das sage ich ihr auch. „Kommt doch zum Abendessen; ich koche uns etwas Feines!“, schlage ich vor. Mein Vorschlag kommt bei Traudel gut an. Ich kaufe am Samstagmorgen die Zutaten für das Abendessen, räume die Wohnung auf und bereite das Abendessen, das immerhin aus drei Gängen bestehen soll, vor.

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Foto: Susanna Bur

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Ich stelle das Radio an, decke den Tisch festlich und beginne zu kochen. Meinem Mann Paul kommt die Aufgabe zu, das Essen abzuschmecken und es zu loben. Es wird Abend, unsere Gäste treffen ein, wir trinken einen kleinen Aperitif. Anschließend nehmen Traudel und Gerd Platz, während Paul und ich Essen und Getränke servieren –alles mit viel Geplauder, denn wir haben uns nach so langer Zeit natürlich viel zu erzählen! Dementsprechend zieht sich auch die Dauer des Essens hin, einen Espresso trinken wir auch noch und unsere Gäste verabschieden sich nach Mitternacht. Mit vereinten Kräften räumen Paul und ich auf und fallen anschließend ins Bett. Am nächsten Morgen schlafen wir ein bisschen länger und dann geht’s an den Schreibtisch: Ich habe meinen Unterricht für die kommende Woche vorzubereiten und eine Klassenarbeit zu korrigieren! Doch bevor ich mit der Arbeit beginne, schaue ich immer erst einmal in meinen Outlook-Kalender –und lese mit Schreck den Eintrag für den Tag zuvor: Weihnachtsdeko vom Dachboden holen Weihnachtskrippchen und Baumbeleuchtung auf Funktionstüchtigkeit überprüfen. Nun ja, glücklicherweise bin ich ja noch früh an. Ich verschiebe dieses Vorhaben auf den folgenden Samstag, also den 02.November. Ach ja, da wollte ich doch eigentlich den Weihnachtseinkauf erledigen. Aber eigentlich weiß ich dann ja noch gar nicht, was sich meine Lieben zu Weihnachten wünschen. Also verschiebe ich die Weihnachtseinkäufe auch um eine Woche –solch ein Online-Kalender ist praktisch, denn die Termine lassen sich leicht verschieben, ohne dass man im Kalender streichen und überschreiben muss. Überraschende Termine trägt man sich nicht in den Kalender ein –deshalb, weil sie ja eben überraschend kommen; das liegt

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in der Natur der Sache! An besagtem Sonntag nach Traudels Besuch sitze ich also am Schreibtisch und arbeite intensiv. Plötzlich tritt Paul ins Zimmer und ruft: „Überraschung!“ Dabei schwenkt er einen Computerausdruck in der Hand. Es stellt sich heraus, dass er über den ersten November, der im Saarland ein Feiertag ist, eine kostengünstige Kurzreise nach Barcelona gebucht hat. Schon immer wollte ich diese Stadt kennenlernen – ich freue mich! Doch dann fällt mir ein: Was wird aus meiner Weihnachtsbäckerei, die ich für den ersten November geplant habe? Und was mit den übrigen Weihnachtvorbereitungen, die ich für den darauffolgenden Samstag geplant habe? Ach egal – alles kann warten, wenn Barcelona ruft! Also verschiebe ich die geplanten Vorhaben in meinem Kalender: Weihnachtsdeko vom Dachboden holen, Weihnachtskrippchen und Baumbeleuchtung auf Funktionstüchtigkeit überprüfen will ich am Samstag, den 9.November erledigen, das Backen der Weihnachtsplätzchen soll am Tag danach, also am Sonntag, den 10.November stattfinden. Da steht zwar schon: Weihnachtseinkäufe erledigen, aber die werden locker um eine Woche verschoben –bis zum 16.November weiß ich dann auch sicher, was ich kaufen möchte! Auch Krankheiten kommen nicht nach Plan! Am Samstag, den 16.November wache ich mit einem dicken Schnupfen und Halsschmerzen auf; ein wenig Fieber habe ich auch und ich beschließe, im Bett liegen zu bleiben. Krank, wie ich bin, macht es keinen Sinn auf den kalten Dachboden zu klettern –ich fühle mich definitiv zu schwach dafür! Natürlich wird aus dem Plätzchen backen, das ich mir für Sonntag vorgenommen habe, auch nichts: Erstens bin ich immer noch krank und zweitens habe ich

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ja am Samstag nicht die Zutaten kaufen können! Sobald ich wieder genesen bin, schaue ich in den Kalender –und verschiebe: Weihnachtsdeko vom Dachboden holen, Weihnachtskrippchen und Baumbeleuchtung auf Funktionstüchtigkeit überprüfen nehme ich mir nun für Samstag, den 16.November vor, das Plätzchen backen für den Tag danach. Die Weihnachtseinkäufe werden auch wiederum um eine Woche verschoben. Am Samstag, den 16. November sind meine beiden halbwüchsigen Enkelsöhne zu Besuch –kein Gedanke an Hausarbeit beziehungsweise Weihnachtsvorbereitungen! Und selbst zum Plätzchen backen haben sie „null Bock“, das ist „uncool“. Am Sonntag fällt es mir beim morgendlichen Aufwachen schon siedend heiß ein: Die Zutaten für das Weihnachtsgebäck habe ich am Vortag nicht gekauft; ich habe es schlichtweg vergessen! Also wird aus dem Backen heute wieder nichts! Nun ja, macht ja nichts, es ist ja noch früh –würde ich es heute backen, würde das Gebäck an Weihnachten vielleicht ja gar nicht mehr so recht schmecken! Ich verschiebe also die Weihnachtsbäckerei … Und da Ende November bis Weihnachten immer viele Klassenarbeiten anstehen, die vor den Festtagen korrigiert sein müssen, kommt es eben, wie es alle Jahre wieder kam: Drei Tage vor Weihnachten läuft die Familie auf Hochtouren. Mein Sohn holt das Weihnachtsdekomaterial vom Dachboden, überprüft das Weihnachtskrippchen auf Vollständigkeit und baut es auf, meine Tochter und ich backen Weihnachtsplätzchen, ich stürze mich in den Weihnachtstrubel und kaufe Geschenke ein, mein Mann und mein Sohn erstehen eine der übrig gebliebenen Tannen, es ist dann im Anschluss Pauls Aufgabe, den Weihnachtsbaum aufzustellen und zu dekorieren–immer mit der Bemerkung, dass es

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das letzte Jahr sei, dass er die Dekoration übernehme, weil er alles andere lieber machen würde. Und stets suchen wir alle gemeinsam die Tannenbaumspitze und weil wir sie nie finden, versichern wir uns in jedem Jahr von Neuem gegenseitig, der Baum sehe ohne diese Spitze viel schöner aus… Und am 24.Dezember steht die ganze Familie in dem festlich dekorierten Wintergarten vor der hell erleuchteten Tanne, die verpackten Geschenke liegen dekorativ unter dem Weihnachtsbaum, Maria und Joseph halten schützend ihre Hände über das kleine Jesuskind, das in dem Krippchen liegt, die Glühlampe am Krippenstall und der batteriebetriebene Brunnen vor der Krippe funktionieren auch, wir singen feierlich gestimmt: „Alle Jahre wieder“…

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Detaillierte Informationen finden Sie auf unserer Website: www.lese-kultur.com Kursleiterin: Frau Dr. Christine Reiter

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Morgens um Sieben ist die Welt nicht in Ordnung Anne Adam

»Aufstehen«, klingelt penetrant mein Wecker. Ein Blick auf die Leuchtziffern an der Decke sagen mir, es ist sieben Uhr. Sieben Uhr! Du meine Güte, mitten in der Nacht. Ich gestehe es, ich bin keine Lerche, ich bin eine Nachteule, und was für eine. Ich beneide alle, die um diese Uhrzeit gut gelaunt die Decke von sich werfen, elastisch federnden Schrittes ins Bad marschieren und sich unter der Dusche sämtliche nächtlichen Träume vom Körper schrubben. Bei mir sieht das anders aus. Ich überlege, welchen Grund ich haben könnte, nicht aufstehen zu müssen. Kopfschmerzen? Kopfschmerzen! Ja, hätte ich Kopfschmerzen, könnte ich nicht aufstehen. Aber ich habe keine Kopfschmerzen und außerdem mag ich auch keine. Wie wäre es mit ein wenig Bauchschmerzen? Ja, das wäre doch was. Jetzt nicht grad so, dass mich das beeinträchtigen würde, nur so ein bisschen. Aber es stellen sich keine Bauchschmerzen ein. Oh, ich mag nicht. Ich mag nicht aufstehen. Ich mag nicht aus der Wärme des Bettes, aus der Kuscheligkeit meiner Kissen in die kalte Welt da draußen. Ein Blick auf meinen Partner zeigt mir, dass der noch tief und fest schläft - ich beneide ihn. »Seufz!« Noch eine Minute, dann stehe ich auf - gezwungenermaßen.

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Vielleicht habe ich ja Glück und in dieser einen Minute geschieht ein Wunder. Aber Wunder gibt es keine, auch wenn Katja Epstein das in einem Lied behauptet hat. Mehr als 40 Jahre ist das her, was mir nun zu meiner nicht grad guten Laune auch noch klar macht, dass ich wohl schon zum älteren Semester gehöre, zu den »Best Agers« oder den »Silver Agers«, wie man heute so schön sagt. Senior ist verpönt, das hört sich so alt an wie man ist und wer will schon alt sein? Naja, und selbst wenn es Wunder gäbe, welches sollte mich davor bewahren aufstehen zu müssen? Eben! Für Nichtaufstehwoller gibt es keine Wunder. Also dann; Decke zurück, aufsetzen, Beine aus dem Bett, tief durchatmen - und tatsächlich, ich bin aufgestanden. War dann doch gar nicht so schwer. Aber noch bin ich nicht durch, noch bin ich nicht so weit, dass ich Lust zu mehr hätte. Könnte ich mich jetzt gemütlich an den Frühstückstisch setzen, den Tag so langsam auf mich zukommen lassen, ja, dann könnte ich mich mit der frühen Uhrzeit abfinden. Aber nichts ist, kein Frühstück, kein Kaffee. Dafür hätte ich dann noch früher aufstehen müssen und so wichtig ist mir eine Tasse Kaffee dann doch nicht. In der Küche ziehe ich den Rollladen zur Terrasse auf. Erst einmal schauen, was mich da draußen erwartet. Regen! Auch das noch. Hätte mich nicht eine freundliche Morgensonne begrüßen können? Aber es kommt noch schlimmer. Unsere Heizung ist auf Spät-ins-Bett-gehen und Spät-Aufstehen ausgelegt, was heißt, im Bad herrschen sibirische Temperaturen. Die Nachtabsenkung hat die Heizung bei 18 Grad »einfrieren« lassen. 18 Grad mögen zu einer anderen Uhrzeit und mit entsprechender Kleidung eine noch annehmbare Temperatur sein; mit nur einem

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Foto: Susanna Bur

Hemdchen bekleidet und der mir noch anhaftenden Bettwärme, empfinde ich die 18 Grad als sehr kalt, um nicht zu sagen, als frostig. Gut, dass ich nicht unter die Dusche muss - ich dusche nämlich immer abends, so kann ich morgens länger im Bett bleiben und außerdem würde ich bei den Temperaturen, wie sie jetzt grad im Bad herrschen, nur mit ganz großer Überwindung auch noch Wasser an meinen Körper lassen, welches mich zwar für den Moment sicher angenehm wärmen würde, es mir aber schwer werden ließe, wieder aus der Dusche herauszusteigen. Es möge mir bitte niemand erzählen, eine Dusche am Morgen erfrischt und weckt die Lebensgeister. Ich will nämlich nicht geweckt werden. Wenn es nach meinem Wollen ginge, läge ich jetzt noch im warmen Bett. Und als ganz schlimm empfinde ich

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den Spruch: »Der frühe Vogel fängt den Wurm«. Ich bin kein Vogel! Naja, eine Eule ist zwar auch ein Vogel, fängt aber keine frühen Würmer. UND gehört zu den schützten Arten. Wer schützt, bitte schön, mich? Nun gut, es hilft nichts, packen wir´s an. Gesicht waschen, Zähne putzen, dezentes Make-up, dann in die Kleider, die ich mir am Abend schon zurecht gelegt habe - aus Zeitersparnis. Auch das hat mir ein paar Minuten mehr im warmen Bett beschert. Ach, mein Bett. Dann nachschauen, ob ich alles dabei habe: Diktiergerät, Block, Kugelschreiber, Handy etc. Alles da, also kann´s los gehen. Ich schlüpfe gerade in den Mantel, da klingelt das Telefon: »Gut, dass ich sie noch erwische. Ich muss den Termin leider

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absagen!« Ich antworte: »Kein Problem, Sie melden sich, wenn Sie wissen, wann es Ihnen passt.« Eigentlich würde ich am Liebsten wie Rumpelstilzchen durch die Gegend hüpfen und singen: »Heute back ich, morgen brau ich, vorher dreh ich tralalalala« Und jetzt? Wieder ins Bett »freu«. Ich werfe alles von mir, schlüpfe in mein Hemdchen, schleiche ins Schlafzimmer, lege mich ins Bett, ziehe die Decke über mich und...kalt, es ist kalt. Natürlich ist das Bett zwischenzeitlich ausgekühlt. Ich rolle mich zusammen wie ein Embryo und warte darauf, dass mir wärmer wird. Mir schwirren nach wie vor Mordgedanken im Kopf herum, und ich warte auf den Schlaf - vergeblich. Der scheint sich ebenso wie die Bettwärme verabschiedet zu haben. Kein Wunder, ich würde auch nicht einfach nur so herum liegen und darauf warten, dass sich plötzlich jemand meiner erinnert. Und wie schon gesagt, Wunder gibt es keine. Und wenn ich nun doch nicht mehr einschlafen kann, dann kann ich auch genau so gut wieder aufstehen. Da sitze ich nun in einem kalten Esszimmer, mit müden Augen, einer Tasse Kaffee in der Hand, schaue den Regentropfen zu, die an die Fensterscheibe klatschen und in Rinnsalen langsam daran herunterrutschen und bedauere mich selbst. In meinem nächsten Leben werde ich eine Lerche.

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REITER SPEKTRUM SAAR, das informative Magazin für Pferdesport an der Saar. Herausgeberin: Anne Adam REITER SPEKTRUM SAAR, mit Berichten über Dressur, Springen, Voltigieren, Vielseitigkeit und Kutschfahren, sowie Westernreiten, Islandpferde, Distanz- und Freizeitreiten; eben über alles, was man mit dem Partner Pferd machen kann. Darüber hinaus stellen wir auch Vereine und Persönlichkeiten vor und erzählen die eine oder andere Geschichte. REITER SPEKTRUM SAAR erscheint vierteljährlich im SAWA-Magazinverlag und liegt bei Reitvereinen, auf Turnieren, in Reitsportgeschäften, Tierarztpraxen und an vielen anderen Stellen zur kostenlosen Mitnahme aus. www.reiter-spektrum-saar.de

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Ehren-Begräbnis Susanna Bur

»Ehre, wem Ehre gebührt«, so weit so gut, aber: Ehre, was ist Ehre? Ehre kann einer Person als Mitglied eines Kollektivs zuerkannt werden, wenn der- oder diejenige sich an die ethischmoralischen Grundsätze der Gruppe hält und untadelig danach handelt. Die Betonung liegt dabei auf kann zuerkannt werden, es muss nicht so sein, geschweige denn bleiben. Der Erhalt der Ehre ist an die sittliche Mindestanforderung des sozialen Umfeldes gebunden. Ehre ist demnach sozialer Gruppenzwang, der zum Bestandteil der eigenen Persönlichkeit geworden ist. Ein Produkt subjektiver Einschätzung, das sich zu einer Bedeutung und einem Lebensgefühl entwickeln kann, das jeder objektiven Einschätzung der eigenen Persönlichkeit entbehrt. Wird diese Bedeutung oder dieses Gefühl einmal verletzt, so führt das zu erbitterten Streitigkeiten. Die angekratzte Ehre wird in blinder Wut und Rache verteidigt – bis zur Selbstzerstörung (obwohl Duelle heute ja eigentlich verboten sind!). Dabei wird allzu schnell vergessen, dass der Schuss auch nach hinten losgehen kann. Wohin einem die Wellen treiben können, die gemacht werden, besagt eine alte Redensart: «Es jagt keiner mehr nach Ehren, als wer eine Schande zu bedecken hat.«

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Grafik: Susanna Bur

Mit Gewalt kann Ehre als persönliches Attribut nicht erlangt oder wieder eingesetzt werden. Wir kennen es aus dem Nibelungenlied. Hagen von Tronje: »Meine Königin (zu Brunhild, nachdem sie erfahren hat, mit welchen Mitteln Siegfried und König Gunther sie betrogen und besiegt hatten), Es gibt keinen Fleck auf dem Schild der Ehre, der nicht mit Blut abgewaschen werden könnte.« Die Folge war die Versenkung des Nibelungenschatzes, Kriemhilds Rache und Brunhilds Selbstmord. Vendetta ist eine Lösung ohne Ende. Wer sich durch Ehre definiert, ist auch angreifbar und anderen Rechenschaft schuldig. Dieser Schuldigkeit muss entsprochen werden, sonst hilft alles Schreien und Sich-Aufplustern nach Ehre nichts, sie ist verloren. Alleine das ausschlaggebende Motiv und die Behauptung, vortrefflicher zu sein als andere, nutzt nichts. Der Beweis muss her, er wird vom Kollektiv gefordert. Der größte Fehler ist dabei auch noch, die Mitglieder des Umfeldes mit Respektlosigkeit zu behandeln, sich als über

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ihnen stehend zu glauben und diese Rechenschaft nicht abzulegen. »Verlieren kann die Ehre nur, wer keine hat.« Publius Syrus (wahrscheinlich 90 - 40 v. Chr.), eigentlich Publilius Syrus, römischer Moralist, Aphoristiker und Possenschreiber

Ehre, was ist Ehre? Ist die vermeintliche Ehre, die jemand besitzt oder zu verteidigen sucht, nicht meist nur Eitelkeit? Das blinde SichVerrennen in der eigenen Ehre ist oft ein Konzept gegen Minderwertigkeitsgefühl, Selbstzweifel und Frustration in anderen Lebensbereichen, die kompensiert werden wollen. »Die Ehre ist, objektiv, die Meinung anderer von unserem Wert und, subjektiv, unsere Furcht vor dieser Meinung.« Arthur Schopenhauer (1788 - 1860), deutscher Philosoph. Quelle: »Aphorismen zur Lebensweisheit«, hg. v. Alfred Alexander Fiedler, Berlin: Wegweiser Verlag, 1924

Und sind es nicht gerade die Sensibelchen, die sich hinter einer Mauer von angeblicher Ehre verschanzen, gleichzeitig keine Probleme damit haben, andere in ihrer Ehre und Würde anzugreifen und keinerlei Fairness und Respekt zeigen? Sich Ehre als Attribut anzueignen ist ausschließlich bei ehrlichem Verhalten möglich. Ehre und Respekt sind keine Einbahnstraßen. Ehre, was ist Ehre?

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Das Wort Ehre ist sogar negativ besetzt. Das Streben nach Ehre ist nicht wirklich moralisch sondern amoralisch, da es doch eine rein äußerliche Anerkennung von Macht darstellt, die sich der Inhaber oder die Inhaberin durch die Mitglieder des Kollektivs bestätigen lässt und einfordert. Geboren aus der übertriebenen Bedeutung, die wir meist der Meinung anderer beimessen, und der eigenen Selbstüberschätzung. Dabei wird Ehre an der falschen Stelle gesucht. »Wer in sich Ehre hat, der sucht sie nicht von außen. Suchst du sie in der Welt, so hast du sie noch draußen.« Angelus Silesius (1624 - 1677), (Schlesischer Engel) eigentlich Johannes Scheffler, deutscher Arzt, Priester und Dichter

Die subjektive Bewertung der eigenen Ehre ist also ein Gefühl mit negativem Charakter: Wir wollen uns über andere stellen – selbst wenn wir es nicht verdienen. Aber genau dann, wenn wir uns charakteristisch und allzu menschlich unehrenhaft verhalten, werden wir wieder mit dem Attribut Ehre ausgestattet, denn – wir machen unserem Namen/ Ruf alle Ehre! Nicht verzweifeln: Auch die Ehre wechselt ihr Gesicht mit der Mode und – ist der Ruf erst ruiniert, lebt man gänzlich ungeniert (Wilhelm Busch ).

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Foto: Susanna Bur

Ehre, was ist Ehre? Ist das Wort Ehre 端berhaupt positiv besetzt? Ja, dann, wenn wir sie anderen entgegenbringen: Mit wem habe ich die Ehre? Habe die Ehre! Jemandem Ehre erweisen. Was verschafft mir die Ehre? Mit etwas Ehre einlegen. In Ehren halten.

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Die Suche im Wörterbuch nach Wortverbindungen mit dem Attribut Ehre zeigt auf, welchen Tiefgang das kurze Wort hat. Es ist verbunden mit: Honorieren, Hochhalten, Auszeichnen, Respektieren, Anerkennen, Gedenken, Huldigen und zwischenmenschlicher Anstand. Mit dem Ehrenwort wird eine Behauptung oder ein Versprechen feierlich bekräftigt. Man hüte sich davor, dieses leichtfertig abzugeben, da man mit der Gesamtheit seiner Person – also seiner Ehre – für die Aussage einsteht. Ehre bekunden heißt Ehre haben oder eben verlieren, dazwischen gibt es nichts. Ehre, was ist Ehre? Die wirklich umfassende Antwort auf meine Frage habe ich bei Gotthold Ephraim Lessing in seinem Theaterstück Minna von Barnhelm gefunden, 4. Akt, 6. Szene: ... Tellheim. Ich brauche keine Gnade, ich will Gerechtigkeit. Meine Ehre – Fräulein. Die Ehre eines Mannes wie Sie – Tellheim (hitzig). Nein, mein Fräulein, Sie werden von allen Dingen recht gut urteilen können, nur hierüber nicht. Die Ehre ist nicht die Stimme unseres Gewissen, nicht das Zeugnis weniger Rechtschaffnen – – Fräulein. Nein, nein, ich weiß wohl. – Die Ehre ist – die Ehre.

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Texte von der Palästina-Reise Dr. Andreas Hämer

Vorbemerkung: Vom 27.10.2013 bis zum 21.11.2013 waren Waltraud und Andreas Hämer in Israel/Palästina, um an der diesjährigen Olivenernte teilzunehmen. Sinn eines solchen Unternehmens ist nicht so sehr die Hilfe bei der Ernte selbst, sondern vielmehr die internationale Präsenz, die militante israelische SiedlerInnen bzw. Behörden ein bisschen davon abhalten kann, übergriffig zu werden. Faten Mukarker, eine christliche Araberin in Beit Jala, sagte dazu: „Als Arbeitskräfte brauchen wir euch nicht; ihr seid für uns lebendige Schutzschilde". Die Möglichkeit, eine solche Funktion wahrzunehmen, kann allerdings im Blick auf den Einzelfall sehr begrenzt sein.

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nachruf auf abel Dr. Andreas Hämer

und wieder hat kain den abel erschlagen und wieder, als gäb's auf erden kein recht und kein fragen und kain hat die macht und abel muss schaffen und als er geschaut nach draußen da sprachen die waffen und kain ist system und abel war leben den kain gibt es stets und abel hat's einmal gegeben anin, 31.10.2013 Fußnote: Am 1.11.2013 waren wir zum Olivenerntefest in Jenin eingeladen. Ganz nebenbei sickerte die Nachricht durch, dass am Vorabend wieder ein Palästinenser erschossen wurde. Ohne Gerichtsurteil, einfach so. Die Nerven liegen blank ...

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Foto: Andreas H채mer Die Mauer zwischen Israel und Pal채stina

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ein ring für jalila Dr. Andreas Hämer

wir überreichten ihr wildkirschenmarmelade als gastgeschenk und dachten: für euch. danke sagte jalila, vielen dank und teilte unter alle wir kauften saft aus israel erdebeere und banane als gastgeschenk, und dachten: für euch. danke sagte jalila, vielen dank und teilte unter alle sie bewunderte deinen Ring mit dem stein du streiftest ihn auf jalilas finger. sie strahlte. der ring ist nun ganz für sie anin, 5.11.2013

Fußnote: Jalila spricht kein Wort englisch. Die Kommunikation läuft entweder über Ahmed, oder aber über meine paar Worte Arabisch. Trotzdem mochte Jalila meine Frau überaus gern leiden, umarmte sie immer wieder und wollte auch mit ihr zusammen fotografiert werden ...

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ewigkeiten Dr. Andreas Hämer 3.11.2013

felsengestein schläft kalte jahrmillionen leiden kann, nach daniel dauern zwei ewigkeiten und eine halbe politiker sitzen aus bis zur nächsten wahl leidende stehen durch – keine andere wahl schwangerschaft, leben, olivenbäume werden, warten, wachsen 9 monate, 70 jahre oder 1000 ganze ewigkeiten oder halbe voller hoffnung

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Foto: Andreas Hämer

Fußnote: Wir waren in zwei arabischen Gastfamilien untergebracht. Bei Ahmed und Jalila in Anin (ca. 15 km nordwestlich von Jenin) erfuhren wir etwas von der Gefängnisstrafe für einen Nachbarjungen. Neun Jahre sitzt er schon, 12 weitere Jahre hat er zu erwarten – für Steinewerfen. Für die ganze Familie ist das eine außerordentliche Belastung. Der junge „Straftäter" lebt mit 15 Mitgefangenen in einer Zelle, die zugleich Abtritt ist. Wie kann jemand das durchstehen? Ahmed erzählte nebenbei etwas von dem großen Verbindenden, das alle Menschen zu einer Familie macht: die neun Monate im Mutterleib ...!Die indirekt zitierte Bibelstelle (Dan.7,13) gibt Antwort auf die Frage, wie lange Unterdrückung und Leiden dauern werden. Antwort: „Zwei Ewigkeiten und eine halbe!"

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fragwürdige rechnungen Dr. Andreas Hämer

6 millionen juden von deutschen ermordet will ahmed nicht glauben denn hitler und israel sagt er, ist dasselbe: they cut our life! also waren es nur ein paar zigtausend gefangen, gefoltert, ermordet? ahmed rechnet ich weiß keine antwort außer die doppelte solidarität und as-salaam aleikum bis die mauer fällt anin, 6.11.2013

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Foto: Andreas Hämer

Fußnote: Wir Deutsche werden überall in Palästina immer wieder gefragt: „Do you know Hitler? Do you like him?" Für die meisten Palästinenser ist Hitler einfach deshalb ein Idol, weil er gegen Juden war, d.h. die einzige Hoffnung in den 1930er, 1940er Jahren, als die Großmächte sowohl die einheimische arabische Bevölkerung als letztlich auch die jüdischen Einwanderer für ihre Interessen verschaukelten. Der Hass auf die Besatzer ist groß. Wenn bei uns immer wieder geradezu inflatorisch von 6 Mill. vergasten Juden gesprochen wird - und ich zweifle die Zahl nicht an! - dann bedeutet das in arabischen Ohren: Ihr habt Israel 6000 mal so lieb wie uns! Also können es keine 6 Millionen gewesen sein. Die rationale Rechnung ist dabei fragwürdig, aber unerheblich. Die Idealisierung von Hitler wird wohl auch durch arabische Medien verbreitet.

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Schutzschilde Dr. Andreas Hämer

Hubschrauber verdunkeln die Nacht Was planen Davids Räuberhorden? Noch wird unten gefeiert, getanzt und gelacht. Am Freitag zu früher Stunde wurden sie hingerichtet – zwei junge Leute, auf dem Weg zur Arbeit erschossen wie streunende Hunde. Ohnmächtig und klein nehmen wir zur Kenntnis was in der Nähe geschah. Wir wollten lebendige Schutzschilde sein. burqin, 8.11.2013

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Foto: Andreas Hämer

Fußnote: Von Abu Mahmud (Mustafa, zweite Gastfamilie) wurde ich gleich am ersten Abend zu einer riesigen Hochzeit in Burqin (nahe bei Jenin) mitgenommen - und anschließend zu einer grillenden und shisha-rauchenden Männerrunde. Man hörte (und sah später) zwei Hubschrauber, die nur israelisch sein konnten. Auf meine Frage, was die hier wollten, gab's nur vielsagendes Schulterzucken. Am nächsten Tag sickerte die Nachricht durch ... Uns passiert nichts. Aber wenige Kilometer von uns entfernt! Wir bekommen unmittelbar nichts mit, aber all unser Reden von „lebendigen Schutzschilden" erscheint uns selbst plötzlich hohl ...

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zu viel jesus? Dr. Andreas Hämer

für rosie mag sein, dass jesus hier war – oder dort lepröse geheilt hat. dem gemäuer ist das egal und mir auch, nicht aber denen die heute und hier ganze zuwendung brauchen. was sucht ihr den lebendigen bei den toten? mag sein, dass jesus auf jenem berg die armen selig pries – oder auf einem anderen. dem einen wär's egal dem anderen auch und den seligpreisungen erst recht. denn die armen sind arm nicht nur im geist. möcht's doch sein: auf jenem berg würden die armen selig und nicht erst im himmelreich und alle mittelmeerflüchtlinge könnten zuflucht finden

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bei den franziskanerinnen touristen aus aller welt eilten herbei und dienten ihnen mit ihrer habe. Kefar Nahum (Kapernaum), am Berg der Seligpreisungen, 13.11.2013 Fußnote: Überall in diesem angeblich Heiligen Land gibt es Kultstätten, die als solche drauf basieren, dass Jesus hier oder dort dies oder das getan haben soll. Als Begründung muss meistens Helna, die Mutter Konstantins herhalten, die damals von ihrer Palästinareise säckeweise Reliquien mitgebracht haben soll. Ich glaube erstens nicht dran, zweitens wäre mir das alles - selbst bei nachgewiesener Echtheit - schnurzpiepegal; denn Jesus wollte nicht verehrt, sondern verstanden werden. Von mir aus würde ich nie zum Berg der Seligppreisungen pilgern. Aber wir kamen wie von selbst dahin, weil wir nicht über Asphalt laufen wollten. Und dort sahen wir die sog. Seligpreisungen ist Stein gemeißelt. Mich ärgert das, und ich warte darauf, dass „das Wort Fleisch wird" (Joh.1,14). Foto: Andreas Hämer

Vor zwei Jahren ging ich mit Rosie, einer österreichischen Freundin, durch die Altstadt von Jerusalem, und wir wurden überall angesprochen (teils auf deutsch): „Kommen Sie doch rein und gucken Sie sich das persönlich an". Wollten wir nicht. Warum nicht? Meine Begleiterin antwortete schnippisch: „Zu viel Jesus!" - Später habe ich sie angestoßen und ihr gesagt: „ ... zu wenig!" - Wieso zu wenig? Davon handelt dieses Gedicht. In Burqin befindet sich eine uralte (4.Jahrhundert?) griechisch-orthodoxe Kirche, die angeblich an der Stelle erbaut ist, wo Jesus die 10 Aussätzigen geheilt haben soll.

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Gastfreundschaft Dr. Andreas Hämer

Wie Milch und Honig fließen in diesem armen Land und sich einander grüßen Bekannt und Unbekannt – keine Gefahr. Wie sie uns gern bewirten mit Brot und Tee und Frucht als Freunde, unter Myrthen und Palmen, und wer sucht der findet gar. Wie sie die Kinder lieben ob Tochter oder Sohn und auch den Frieden üben trotz Okkupation ist wunderbar. Wie sie einander stützen ob Moslem oder Christ und sich einander schützen so gut es möglich ist – beglückend wahr! Burqin, 11.11.2013 Fußnote: Als wir am frühen Abend durch die Felder gehen, werden wir von Unbekannten begrüßt und gefragt, woher wir kommen, was wir machen und ob wir einen Kohlkopf mitnehmen wollen arabisch und Zeichensprache). Die Kohlköpfe sind riesig! Wenige 100 m weiter dasselbe; wir werden mit kleinen Orangen überschüttet. Irgendwann sagen wir danke. Da wird ein Jugendlicher beauftragt, hinter uns herzulaufen und uns noch mal eine Handvoll kleiner Orangen in den Beutel zu füllen ... - überwältigende Gastfreundschaft!

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vision nach psalm 126 Dr. Andreas Hämer

wenn allah die gefangenen zions befreien wird dann werden wir sein wie die träumenden. dann werden juden, muslime und christen einander grüßen: allahu akbar – gott hat großes getan. werden sich gegenseitig beglückwünschen und miteinander tanzen. o gott, bring zurück unsre gefangenen wie du wiederbringst die wasserbäche im negev alle, ob sie steine warfen oder facebook-botschaften verbreiteten verurteilt auf unbestimmte zeit und bis zu 900 jahren. die mit tränen säen, werden mit freuden ernten. die zu 15 eine zelle teilten werden zu hunderten feiern in freiheit. sie gingen hin und streuten ihren samen jahrzehnte ihres jungen lebens und kommen und bringen früchte des friedens. jaffa, 20.11.2013

Fußnote: Ps.126 handelt ursprünglich von den jüdischen Gefangen oder Verschleppten im babylonischen Exil. Es erschien mir reizvoll, aus dem gen. subj. (die Gefangen aus Zion) einen gen.obj. zu machen (die Menschen, die von Zion gefangen gehalten werden) und den „Herrn" (hebr. adonai, Umschreibung für Jahwe, Gott) arabisch mit allah zu benennen. Gott kann nur eine/r sein, aber unsere Auffassungen und Bilder von ihm sind höchst unterschiedlich; umso notweniger, dass in der religiösen Sprache die Gegensätze abgebaut werden!

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wünsche am toten meer Dr. Andreas Hämer

kampfjets dröhnen durchs nächtliche dunkel trotz friedensvertrag ständig drohend lebende und tote toter zu machen als das tote meer der junge freundliche kain an der grenzkontrolle oder der im cockpit fühlt sich nicht als chip oder rädchen im großen getriebe gegen abel. irgendwer weiß gott kein messias bringt irgendwann das steinchen ins rollen die große lawine zum bau goldenener brücken über das tote meer en gedi, 18.11.2013

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Foto: Andreas Hämer

Fußnote: Wir hatten versucht, an den Jordan zu kommen. Da ist überall militärisches Sperrgebiet, nur zum Baptism Site (der Stelle, wo Johannes angeblich getauft haben soll) kommt man - aber nur im Auto. Der junge Soldat („Kain") wunderte sich über unseren Fußmarsch: So etwas hätte er noch nie erlebt - er besorgte uns dann freundlicherweise für die restlichen 1,5 km eine Mitfahrgelegenheit in einem polnisch-deutschen Reisebus. Es gibt auch sehr freundliche Soldaten. Aber die wenigsten wissen, was sie tun und in was für eine Todesmaschinerie sie eingebunden sind. Das gilt wohl auch für die Piloten, die in der Dunkelheit in ihren Kampfjets übers jordanisch-israelische Grenzgebiet dröhnen. Der Gegensatz zwischen überwältigend schöner Landschaft und ständiger Kriegsdrohung ist riesig.

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Es perlen die Tage Dr. Andreas Hämer ISBN 978-3-935431-25-5 Ladenpreis 12,80 € In den vielfältigen und brisanten Gedichten im Werk „Es perlen die Tage“ von Andreas Hämer geht es um Politik, Frieden, Kirche und Religion, Natur und umgedichtete Kirchenlieder. Ansprechende Illustrationen vom Grafiker Dietmar Fiessel erweitern die Interpretation der Gedichte. Beim Lesen der Gedichte kann man nachdenken und auch schmunzeln. Die Polarität zwischen Aufrütteln und Träumen kann eine Spannung erzeugen, die zur Reflexion über die eigenen Sichtweisen anregt und zum Handeln motiviert.

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Sie lieben die Saar, wir auch! ISBN 978781482-3260000 Print: 120 Seiten, 15,89€ auch als E-Book erhältlich, € 4,89 Begleiten Sie uns auf einer außergewöhnlichen Reise durch das Land rechts und links der Saar. Emotionale Geschichten und Gedichte saarländischer sowie elsass-lothringischer Autorinnen und Autoren wurden zusammengetragen und mit persönlichen Fotografien umrahmt. Entstanden ist dabei dieses sehr unterhaltsame literarische Werk für alle Menschen, die sich dem Saarland und Elsass-Lothringen verbunden fühlen und alle, die es werden wollen. www.literarischerkreissaar.wordpress.com

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Vorweihnachtsgeschichte Dolly Hüther Dezember 1994

Es war ein Auftrag der Leitung des SeniorInnenheimes „Johannishaus“ auf dem Winterberg in Saarbrücken und eine Bitte der Pflegerinnen und Pfleger, für die Vorweihnachtsfeier der fünften Etage, auf der ihre Mutter lag, etwas zu schreiben. Dolly Hüther wurde aber dann gebeten, ihre Geschichte allen Seniorinnen und Senioren an der Vorweihnachtfeier, zu lesen. Liebe BewohnerInnen dieses SeniorInnenhauses, zu der heutigen Vorweihnachtsfeier habe ich für Sie eine Geschichte geschrieben. Ich dachte mir, da Sie ja nicht mehr so oft aus diesen Mauern herauskommen, werde ich halt für Sie in die Stadt gehen, um die vorweihnachtliche Stimmung einzufangen. Ich bin über die Luisenbrücke geschlendert. An der Ecke Eisenbahnstraße Saaruferstraße, steht eine Werbetafel. Auf der einen Seite lese ich: »Na, gibt`s denn so was? Ob großes oder kleines Tier. Jede Menge zum Schnuppern und Schnäppchen machen. Vom Teddy bis zum dicken Brilli... Saarbrücken hat viel zu bieten: 4 lange Samstage und über 10.000 Parkplätze warten auf Sie! Weihnachtsgewinn-Spiel im KAUFHOF.« Ein Koalabär lächelt mich an. Er hat ein Tannenbäumchen in der Pfote. Auf der anderen Seite ein Text, der Sie bestimmt ge-

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nau so begeistern wird: »Nikolaus ist ein guter Mann, Sonderauslosung im Deutschen Lotto und Toto - Block. Am 30.11. und 03.12.94 10 BMW 850 Ci 100 BMW 320 i im Spiel 774 Mio. DM auf alle Spielscheine im SAARTOTO.« Meine Frage an SIE: Ist das die Stimmung, die ich für Sie finden soll? In der Eisenbahnstraße wird gebaut. Das Haus, in dem die Buchhandlung Raueiser war, ist eine tiefe Baugrube mit Bagger und Absperrung. Über der Straße hängen die obligatorischen Lichterketten zu Weihnachten. Viele Menschen regen sich auf es würde dadurch zu viel Strom verbraucht. Die Stadt wird beschimpft, dabei finanziert sich der Einzelhandel diese Beleuchtung selbst – als Werbung. Aber da, gegenüber der Baustelle, ein Funkeln und Glitzern. Ein ganzes Haus sehr fromm geziert. Mir fällt das Gedicht ein: Markt und Straßen steh`n verlassen, still erleuchtet jedes Haus... Stimmt auch nicht, vielleicht noch auf dem Land. Hier in der Eisenbahnstraße ist von vorweihnachtlicher Stille nichts zu spüren. Ich gehe ja auch nicht: sinnend durch die Gassen, alles sieht so festlich aus…

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denn in einer größeren Stadt geht der Alltag weiter. Dann die Bahnhofstraße, rechts hinauf und links wieder hinunter. Immer schauend, riechend, wahrnehmend. Oben an der Rolltreppe zu Karstadt, fällt mir auf: Es wird vielleicht in den nächsten Jahren in dieser Gegend wieder schön sein. Diese Straße ist eine einzige Baustelle. Hier entsteht eine verkehrsberuhigte Zone, weitestgehend autofrei: An den Fenstern haben Frauen buntes Spielzeug fromm geschmückt... Also muss ich die Schaufenster betrachten. Oh ja, da ist sie, die geschmückte Zierde, die die Kinder so wunderstill beglücken soll. Aber viel Plastik, viel Kitsch. Ist es das? Lohnt sich das? Soll ich ihnen das überbringen? Beim Weitergehen rieche ich plötzlich Zimt, Anis, Marzipan. Ja, dieser Geruch erinnert mich an Weihnachten, macht Appetit auf Plätzchen und Lebkuchen. Ich bleibe ein wenig stehen und denke, es wird der Geruch sein, der diese Feier zu einer Vorweihnachtsfeier macht. Aber da war doch noch etwas? Sterne hoch die Kreise schlingen in des Schnees Einsamkeit ... Eigentlich gehört zu dieser Zeit Schnee. Erderwärmung, Umweltverschmutzung, Ozonloch, alles was wir Menschen unserer Mutter Erde zugefügt haben, schlägt auf uns zurück. Also kein Schnee. Neben mir wird ein Kind von seiner Mutter, die viel zu große Schritte macht, hinter sich hergezogen. Es quengelt, verständlicherweise. Da nehme ich mir vor, für Sie alle noch einmal zu wandern. Am Abend, wenn die Lichter brennen, ganz bestimmt auch über den

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Weihnachtsmarkt. Es ist der 01.12.94, 17:00 Uhr, und ich komme gerade vom Besuch meiner Mutter hier aus dem Johannishaus. Meine Heimfahrt verläuft über die Eisenbahnstraße zur Viktoriastraße, denn ich suche einen Parkplatz. So, das ist ja ein schöner Anfang, denn diese Suche dauert eine Stunde. Da sehe ich schon ein wenig festliche Stimmung in Form von Lichterketten. Die jetzt brennenden Glühbirnen hängen wie Tropfen an ihren Befestigungen und verzaubern die sonst so nüchterne Straße. Ich finde vor der Feuerwache endlich einen Parkplatz. Es ist bereits 18:00 Uhr und der Weihnachtsmarkt lockt. Von weitem höre ich schon: Morgen Kinder wird’ s was geben... Das klingt doch vorweihnachtlich? Ich sehe die vielen Holzhäuschen und nehme den Geruch von Glühwein auf. Vor diesen Ständen sind die meisten Menschen anzutreffen. Aber, das ist ja klar, er gehört dazu. Aus verschiedenen Lautsprechern nur Weihnachtslieder. Die vertrauten alten die wir alle kennen, jedoch an jeder Bude ein anderes, dadurch ein Weihnachtsliederdurcheinander. Ich gehe von Häuschen zu Häuschen und stelle fest: Viel Nepp. Alle wollen nur verkaufen, fast wie auf einem Jahrmarkt. An einem Stand riecht es besonders gut. Ich trete näher. Da gibt es die von mir so geliebten Waffeln, mit heißen Kirschen. Jetzt hat es auch mich gepackt. Ich kann nicht widerstehen. Im Weiterlaufen esse ich diese Köstlichkeit und gebe mich ganz den vorweihnachtlichen Gedanken hin. Ich bin enttäuscht, denn vie-

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les ärgert mich. Die große Frage: Was hat das alles noch mit Weihnachten zu tun? Da gibt es Steine, Stricksachen, Glasgeblasenes, Zwiebelkuchen, Obst, Lederartikel, Amulette... Und auf einmal ist er wieder da - der Geruch von Zimt, Anis, Schokolade und Marzipan. Ich verweile ein wenig und inhaliere diese süßen Düfte. Es gibt viele Glühweinstände, auch die tragen zum Wohlgeruch bei. Aber kaufen will ich nichts mehr. Ich sehe Menschen, die sich kauend über die Straße bewegen. Ich denke an SIE. Ob SIE wirklich etwas versäumen, wenn SIE diesen Markt nicht besuchen können? Mit einem Mal ist der letzte Satz meines Gedichtes vom Anfang dieser Geschichte wieder parat. Oh, du gnadenreiche Zeit. Ich frage Sie alle: Ist das die gnadenreiche Zeit? Nun ist auch der allerletzte Rest von Illusion verschwunden. Also muß da doch noch etwas anderes sein. Mir wird klar, und das macht mich froh, die Stimmung die ich brauche, ist in mir. Ich muß sie erst gar nicht suchen, sondern nur meine Lust und Freude mitbringen, um mit Ihnen einen fröhlichen, vorweihnachtlichen Nachmittag zu gestalten. Dabei habe ich die Hoffnung, daß es Ihnen ganz genau so geht wie mir. Oh, Du gnadenreiche Zeit…

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Nachweihnachtliche Geschichte Dolly Hüther - Januar 1995

als Fortsetzung zur Vorweihnachtsgeschichte. Seit Wochen fällt mir etwas auf. Ich habe ein Defizit. Es besteht darin, dass ich keine Vorweihnachtliche Grundausstattung besitze, auch nicht die kleinste Variante. Ach, Sie wissen nicht, was dazu gehört? Ja, das sind die Dreiecke oder Bögen mit Birnchen in den Fenstern. Bunte Lämpchen rasen in elektrischem Tempo vor und zurück, andere blinken. Der Vielfalt sind keine Grenzen gesetzt. Da gibt es leuchtende Sterne mit Schweif, ganz in Rot oder Weihnachtsmotive, mit der Sprühdose, auf die Scheiben gezaubert. Die von den Kindern gebastelten Sterne scheinen mir noch am angebrachtesten. Aber die Krone ist ein Kreis, in Lila, Rot oder Blau, entweder von innen nach außen oder von außen nach innen pulsierend. Alles leuchtet, glitzert, funkelt. Schön, da haben sich Christen auf das Kommen des Herren vorbereitet. Ein Licht wird dir leuchten in der Finsternis. An den Fenstern haben Frauen, buntes Spielzeug fromm geschmückt . Sind es die Frauen ? Am Neujahrstag haben wir, mein Mann und ich, eine Wanderung gemacht. So durch die Straßen. Eine Nachweihnachtliche oder eine Nachsilversterliche. Wir waren wie zwei ausgelassene Kinder. Wir fingen an, die Vorweihnachtlichen Grundausstattungen zu zählen. Wir begrüßten jede Neue und schätzen wie viel in einer Straße sind. Diese Vorweihnachtlichen Grundausstattungen brennen bei Tag und Nacht, und außerdem sind sie in

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fast jedem Fenster zu finden. Ich habe mir so meine Gedanken gemacht. Es ist doch weitestgehend bekannt, dass um eine Kilowattstunde Strom herzustellen, 840g CO² produziert werden, dabei CO² entsteht und das ist nachweißlich das Kernstück der Klimakatastrophe. Bei den Stadtwerken wollen sich Fachleute damit beschäftigen einmal die Energieverschwendung, die dadurch verursacht wird, hochzurechnen. Damit ist auch für nächstes Jahr ein Appell an alle BügerInnen geknüpft, doch bitte zu sparen. Aber dann eine Entdeckung in der Memelstraße, die mir fast den Atem geraubt hat. Zuerst frage ich nur zögerlich meinen Mann: »Stellst Du auch etwas fest? Bist Du deshalb so ruhig?« Wir haben fast miteinander bemerkt, dass die Häuser mit der Vorweihnachtlichen Grundausstattung auch den meisten Silvester-Knaller-Müll vor den Türen haben. Die Fröhlichkeit ist verflogen. Denken, weiterdenken... Christen feiern das Fest der Geburt Jesu. Sie schmücken ihre Fenster und verschwenden Energie. Sie knallen an Silvester. Und, zur gleichen Zeit sterben täglich 40 000 Kinder, weltweit. Es werden 140 000 000 Mill. DM verpulvert und die Umwelt schwerstens belastet. Jetzt bin ich fast verzweifelt. Ich hole mir bei einigen meiner Bekannten Rückmeldungen über meine Gedanken und erkundige mich, wie sie darüber denken. Schon wieder Erstaunen auf meiner Seite. Viele sagen: »Du kannst doch nicht den Menschen das Feiern verbieten! Oder Du hast keinen Humor!« Habe ich keinen Humor? Will ich den Menschen das Feiern

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verbieten? Nein! Trotzdem räume ich meine Zweifel aus. Denn selbst wenn, wie ich jetzt weiĂ&#x;, diese Grundausstattungen kommen teilweise aus dem Erzgebirge und von dieser Arbeit eine ganze Region lebt, ist es nie und nimmer gerechtfertigt, diese Lichter Ăźber Wochen Tag und Nacht brennen zu lassen. Weiterdenken, weiterdenken. Es ist erlaubt.

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Der fadenreiche Kokon Dolly Hüther ISBN: 978-3-8424-0070-2 Seitenanzahl: 208 € 19,90 www.amazon.de

Da fällt die Liebe ins Alter ein und fragt nicht danach, ob eine oder einer mit ihr Schritt hält? Marianne, knapp 80, und Holger, ein Jahrzehnt jünger, stolpern mehr als dass sie tanzen in eine Liebesgeschichte hinein. Doch das Erlebnis von Zusammensein und erfüllter Sexualität bleibt nicht nur ein Versprechen. Marianne verschafft dabei ihren intimsten Gedanken Luft, lässt Erinnerungen zu und spinnt fiktive Episoden, wie geschaffen, um nicht schweratmig zu werden in der Enge eines Beziehungs-Kokons.

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Schreiben Sie gerne? Wir auch! Und deshalb laden wir Sie ein, sich dem

Literarischen Kreis Saar anzuschließen. Wir treffen uns jeden Samstag von 17-19 Uhr im Raum 17 des alten Rathauses am Schloßplatz in Saarbrücken. Ausgenommen sind Feiertage. Mehr Information zum LKS finden Sie auf unserer Website www.literarischerkreissaar.wordpress.com und im Programm der vhs -Saarbrücken, Kurs 2115

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Frühsport Susanna Bur © 2009

Sonntagmorgen 7:30 Uhr, laut Kalender ist Fasching. In mein Schlafzimmer fällt trübes Licht. Wieder einmal bedeckter, grauer Himmel, die richtige Voraussetzung für meinen geliebten Frühsport im Winter: Heute steht auf dem Programm, die Weltmeisterschaft der Biathlonstaffel im Fernsehen beobachten. Ich mag Wintersport, die Sportreporter haben immer so schöne Sprüche drauf. Heute Morgen ist wieder einer dabei, der mich fasziniert: »Die Österreicher starten mit dem Rückenwind des Startvorteils von gestern und der Deutsche Michael Kreis, das ist der richtige Beißer, um von hinten raus noch was rauszureißen!« Das muss ich sehen, da muss ich mitmachen. Schnell meine Mannschaft zusammentrommeln und mit den Vorbereitungen beginnen: Kaffeemaschine anwerfen und einen Cappuccino mit viel Schokolade ansetzen. Wo sind meine Zigaretten, sie gehören unbedingt dazu. Ein Brötchen wird mit einem gekochten Ei auf dicker Senfpaste belegt. Die Wolle mit der halbfertigen Socke dran liegt noch von gestern Abend auf meiner Couch. Nicht zu vergessen meinen Hefeteig, der am Nachmittag noch einen Zweitjob als Faasenachtskiechelche hat. Die Wettkämpfer im Fernsehen wärmen sich auf, ich stelle den Hefevorteig warm.

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Jetzt geht's los. Im Fernsehen der Massenstart. Die Jungs gehen es schnell an, aber ich kann mithalten. Kaffee, Zigarette, Brötchen, dazwischen greife ich immer wieder zu den Stricknadeln, um Runde um Runde zu drehen. Die Norweger liegen vorne, aber ich hole auf. Während die Jungs im Fernsehen die zweite Runde angehen, kämpfe ich mich durch die zweite Runde des Hefeteigs: Zitrone, 2 Eier, etwas Salz und viel Zucker. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Zutaten gegen irgendwelche Dopingbestimmungen verstoßen, ich lasse es einfach darauf ankommen. Dann kneten, kneten, kneten. Mein elektrischer Knethaken wird heiß, ich laufe zur Höchstform auf. Den Teig ruhen lassen und wieder zurück zu Kaffee, Zigarette, Restbrötchen, Stricknadeln den Kampf im Fernsehen weiterhin beobachten. Ich darf den Beißer nicht verpassen. Die Biathleten laufen und schießen, ich suche verzweifelt die neue Zigarettenpackung und überlege, ob ich noch eine Tasse Kaffee vertragen kann. Verdammt, ich hätte mein Material besser vorbereiten müssen. Im Fernsehen wird es immer spannender, meine Stricknadeln klappern, ich bin ganz aufgeregt. Ich muss es schaffen, ich bin beim Strickstrumpf bereits kurz vor der Spitze, auch ich kann hier den Rückenwind von gestern noch spüren. Jetzt wieder ran an den Hefeteig, ausrollen und wieder gehen lassen. Schnell zurück zur Zigarette, das Brötchen ist bereits durch Ziel in meinem Magen, der Kaffee auch. Die Jungs beim Biathlon laufen, schießen daneben und verlieren Zeit durch Strafrunden, ich verliere eine Masche und muss

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Biathlon Plakat Vancouver 2010


auch zurück und eine Strafrunde einlegen. Da, das Ziel ist in Sicht, ich bin bei meinem Strumpf an der Spitze und die nächste Zigarette ist auch fertig geraucht. Was meine Mannschaft zurückwirft, ist die Langsamkeit des Hefeteigs, das habe ich leider nicht einkalkuliert. Mein Herz schlägt bis zum Hals, ich werde nervös. Reicht es noch für einen Medaillenplatz? Nein, denn es läuft für meine Staffel katastrophal, da jetzt auch noch ein Telefonanruf dazwischen kommt und mich aufhält. Wir sind auf den letzten Platz zurückgefallen. Die Norweger sind bereits durchs Ziel und haben gewonnen. Wo bleibt der Deutsche Beißer, der hinten noch was rausreißt? Da ist er, verbissen macht er zwei Fehlschüsse und reißt nur die Bronzemedaille. Jetzt sind alle durchs Ziel, wo bleibt mein Hefeteig? Er kommt und kommt nicht. Ich warte und warte. Endlich kriecht er durchs Ziel, und grinst mich dick und gelb an. Er mag zwar süß sein, aber ich bin sauer und entscheide: Für den nächsten Wettbewerb nehme ich ihn aus der Mannschaft raus.

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Das Handy ist für die Weibchen gemacht Heinz-Josef Scherer

Das Handy ist für die Weibchen gemacht Geben sie doch darauf allergrößte Obacht Ob ausgestattet mit mehr oder – wie meist – weniger Verstand Überall triffst du sie übers ganze Land Sie begegnen dir, doch sie sehen dich nicht – bist ihnen egal Sie haben ihr Handy – dies ist für sie die attraktivere Wahl Manche tragen es gar vor sich her Jetzt weißt du, was ihnen wichtig – bitte sehr! Man stelle sich vor: das Handy, es gäb’ es nicht mehr Die schönen Augen: versunken im Tränenmeer - Drum lass’ einjeder, was für sie gedacht Auch wenn sie – ‚ich hab’ ja ein Handy’ – die Umwelt, den andern, die direkte Begegnung nicht mehr beacht’!

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Sehnsucht nach dem innern Land - Kurzgeschichten/Erzählungen/ Stories/Gedichte/Aphorismen/Beobachtungen/ Ansichten/Autobiographisches/ Photographien von

Heinz-Josef Scherer’ ISBN 978385438102-0 172 Seiten, € 18,40€ erhältlich beim Autor oder über den Verlag www.united-pc.eu ‘Belletristik-Sonstiges/Allerlei’ sowie bei Amazon

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Verzeichnis: Redaktion, Autorinnen und Autoren

Anne Adam Verlegerin, Redakteurin Kontakt: anne.adam@sawa-magazinverlag.de

Bodo Bickelmann Autor Kontakt: bodobickelmann@web.de

Robert Bruckart Jahrgang 1954, Kriminalbeamter „Mein Herz schlägt Prosa!“ Kontakt: bruckart.r@gmail.com

Susanna Bur Jahrgang 1953 Redakteurin, Betriebswirtin, Malerin, Fotografin, Autorin Kontakt: literarischerkreissaar@gmail.com www.bur-verlag.de

Birgit Burkey Autorin, Poetin Kontakt: b.burkey@t-online.de

Dr. Iris Gutfried Présidente de l‘Association Le Jardin des Poètes François Villon Kontakt: www.jardindespoetes.fr iris.gutfried@wanadoo.fr

Dr. Andreas Hämer Geb. 1948, im Ruhestand seit 7/2009 Kontakt: a24haemer@gmail.com

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Dolly Hüther Autorin Kontakt: dollyhuether@web.de www,dollyhuether.de

Monica Jehl Glücklich bekennende Saarländerin Schreibt als Autorin Lyrik und Geschichten Kontakt: akinom1@gmx.de

Josiane Orlane Französische Poetin Kontakt: www.jardindespoetes.fr

Dr. Christine Reiter Jahrgang 1955 Geboren und aufgewachsen in Saarlouis Dozentin in der Erwachsenenbildung im Fachbereich Deutsch Gründerin von CTM LeseKultur. Institut für sprachliche und literarische Bildung Kontakt: www.lese-kultur.com

Heinz-Josef Scherer Dipl.-Soziologe/Systemischer Therapeut und Berater Autor, Poet Kontakt: Literarischer Kreis Saar Jozsy@web.de

Stefan Weigand Jahrgang 1987 Redaktion, Layout Kontakt: info@bur-verlag.de, www.bur-verlag.de

Huguette Wolf Französische Poetin Kontakt: hugwolf@orange.fr

Barbara Würtz Malerin, Grafikerin, Autorin, Kaligrafin Veröffentlichung von Haiku und Geschichten Kontakt: bee.wuertz@gmail.com

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Neubeginn Birgit Burkey

Sanftes Fallen, Sommer ausgehaucht. Um mich ein Sterben, ein Versiegen – und doch überall auch Neubeginn.

Bis zum nächsten Frühjahr 15. März 2014 102


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