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Das Studentenmagazin AUG./SEPT. 13 AUSGABE #5 WWW.KAEPSELEMAGAZIN.DE GRATIS

RUSSISCHES EDELMETALL DIE ABRÄUMER DER UNIVERSIADE

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Ausland:

DEM MANGEL AUF DER SPUR WIE SIEHT ES MIT DEN FACHKRÄFTEN IM LAND AUS?

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EIN BRATSCHIST AN DER SEINE LEBEN UND STUDIEREN IN PARIS

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Liebe Leserin, lieber Leser, nun liest du schon das Editorial der fünften Käpsele-Ausgabe. Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht. Wenn wir daran denken, wie wir irgendwann im Frühjahr 2012 einmal die Idee hatten, ein Magazin für Studenten der ganzen Region Stuttgart und Tübingen auf die Beine zu stellen, müssen wir heute fast schon darüber lachen, wie dämlich diese Idee eigentlich war. Wie viele Leute uns belächelt haben und wie viele Leute uns nicht ernst genommen haben. Und was sollen wir heute sagen? Es ist schön, unser Käpsele wachsen zu sehen, und wir freuen uns, dass es so gut bei euch ankommt. Und jetzt, wo der Sommer noch mal zur Höchstform aufläuft (nachdem unsere Redaktion in Sindelfingen fast im letzten Sommergewitter ersoffen ist), haben wir noch mal ein kleines Dankeschön an euch. Wir verlosen Eis-Gutscheine für das Café Kaiserbau am Stuttgarter Marienplatz. Wer sich also kulinarisch ein wenig von der Sommerhitze erholen will, sollte einfach eine Mail oder eine FacebookNachricht mit dem Betreff „You scream Icecream“ an uns senden. Und unter den Teilnehmern verlosen wir das Ganze dann. Ach ja, so journalistisch und so sind wir auch ein bisschen für euch tätig gewesen im vergangenen Monat. Wir haben die Jungs vom BBQuchen für euch interviewt (bestimmt vor dem Unispiegel!), haben uns für euch mit einem Japanologen unterhalten (ja, so was gibt es wirklich, und er meint es ernst!), und wir haben einen Regisseur besucht, dessen größter Traum es war, Physik zu studieren (ja, eigentlich ist es andersrum ...). Dabei haben wir übrigens herausgefunden, dass „Tausendsassa“ in Österreich „Wunderwuzzi“ heißt. Man muss sie lieben, die Schluchtenscheißer. Allen Studenten der Fachhochschulen, für die es Mitte September schon wieder mit dem Wintersemester losgeht, wünschen wir ein gutes Durchhaltevermögen. Lasst euch nicht vom Wort „Winter“ in „Wintersemester“ unterkriegen.

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Viel Spaß mit dem Sommer-Käpsele wünschen:

Das Studentenmagazin

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„Killer-Eichhörnchen“ war nur der Anfang. Alex Tuschinski ist ein Tausendsassa.

54 Der Hall von Notre Dame: Bratschist Frederik Koos hat ein Jahr in Paris verbracht.

36 Die Reisebloggerin Yvonne Zagermann aus Rottweil wurde als beste weltweit ausgezeichnet.

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AUS DEN HOCHSCHULEN 06

Kuchen vom Grill

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Physik im Fernsehen

Zwei Hohenheimer erfinden ein Dessert

Ein Vaihinger Prof macht auf Telekolleg

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Samba in Tokio

Was Japanologen in Japan machen

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Die Helden von Kasan

Sportler aus der Region bei der Universiade

Mal eben kurz nach Hollywood

Alex studiert Geschichte und macht Filme

AUS DEM LEBEN 11

Käpsele gesucht

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Studieren im Ausland

Zu Besuch bei den Hochbegabten

Heute mit: Paris

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Wie ist es eigentlich ...

... für seinen Job gehasst zu werden?

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Termintipps

Was geht in den nächsten Wochen?

Auf der Suche

Gibt es den Fachkräftemangel wirklich?

AUS DER REIHE 14

Sieger und Sünder

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Leben vom Reisen

Eine Kurzgeschichte von Marc Bensch

Yvonne bloggt sich an die Spitze

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Unnützes Stuttgart-Wissen

Was du wirklich nicht erfahren musst

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Filme des Monats

Die neuesten Tipps und der Liebling der Redaktion

Bücher des Monats

Der neueste Tipp und der Liebling der Redaktion

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Schmeißt den Grill an, es gibt Kuchen! Leidenschaft und Experimentierfreude haben zwei Hohenheimer Lebensmittelwissenschaftlern den ersten Platz bei einem Ideenwettbewerb eingebracht. Nun wächst die Fangemeinde der süßen Wurstalternative stetig. Von Kathrin Bohnenberger

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s sieht aus wie eine Bratwurst, schmeckt aber wie ein Kuchen. Statt Ketchup und Senf stehen Fruchtsoßen zur Auswahl. BBQuchen nennt sich das Grilldessert, das zwei Studenten der Universität Hohenheim entwickelt haben. Dabei handelt es sich um einen Kuchen zum Grillen – in Wurstform, versteht sich. Felix Walz und Georg Lenz studieren Lebensmittelwissenschaft und -technologie im Master. Ihre große Leidenschaft ist das Grillen. „Vergangenen Sommer haben wir unheimlich viel gegrillt und selbst Würste dazu gemacht. Irgendwann hatten wir die Idee, auch einfach andere Dinge in den Wurstdarm zu füllen“, sagt Felix Walz. Vom Rührei bis zum Pfannkuchenteig füllten die Studenten alles in die Wurstpelle, was ihnen einfiel. Die optimale Bratwurstalternative habe sich daraus aber nicht ergeben. „Das mit den Eiern und den Pfannkuchen war nicht ganz so prickelnd“, sagt Felix und lacht. Die Idee, eine süße Wurstalternative zu schaffen, wurde nach dem fehlgeschlagenen Versuch deshalb erst einmal auf Eis gelegt – allerdings nicht allzu lange. Ein Hinweis ihres Professors Jörg Hilbrichs

vom Fachgebiet für Lebensmittel tierischer Herkunft führte das Duo zurück zum Dessert. „Nach einer Vorlesung hat unser Professor einen Produktentwicklungswettbewerb für Lebensmittel vorgestellt. Das hat uns dazu gebracht, uns doch noch einmal richtig mit unserer Idee zu beschäftigen“, sagt Felix. Die unterschiedlichsten Kuchenteige wurden als Versuchsobjekte durch den Fleischwolf der WG-Küche gejagt. Nach wenig erfolgreichen Versuchen mit Brownies und Käsekuchen erbrachte ein Karottenkuchen das erste gelungene Ergebnis. Kleine Veränderungen der Zutaten führten die beiden Studenten zur finalen Rezeptur des BBQuchen, aus der sich drei Sorten entwickelten: Haselnuss-Karotte, Mohn-Mango und Zucchini-Kokos. „Mit diesen drei wollen wir die gesamte Grill-Saison abdecken – vom Frühling über den Sommer bis in den Herbst“, sagt Georg. Dazu gibt es jeweils die passenden Soßen: Himbeer-Limette, Ananas-Minze und Orange-Ingwer. Die Herstellung der Kuchenwürste könne man gut mit der einer normalen Wurst vergleichen. Ein etwas flüssiger Teig wird in einen CelluloseDarm gefüllt, in einer Brühkammer erhitzt und letztlich wieder vom künstlichen Darm befreit.

Felix Walz und Georg Lenz (v.l.)

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„Wir haben das auch mal mit einem tierischen Darm probiert, aber es ist einfach komisch, darauf rumzukauen“, sagt Felix. Der Grillkuchen sei vegetarisch, laktose- und glutenfrei.

Das Produkt und ökologische Vorteile überzeugen die Jury Das überzeugte auch die sechsköpfige Jury des besagten Lebensmittelwettbewerbs. Die beiden Studenten holten den ersten Platz. Hervorgehoben hat sich das Team aber nicht nur wegen des Produkts an sich, sondern auch wegen dessen ökologischen Vorteilen: Die Herstellung der BBQuchen sowie die Entsorgung der Verpackung sind mit einer sehr geringen Menge CO2 verbunden. Außerdem kann die AluminiumVerpackung gleichzeitig als Grillunterlage für die süßen Würste verwendet werden. „Die Verpackungen für den Wettbewerb haben wir in Handarbeit aus den typischen Leberkäseschalen gebastelt, richtig mit Schere und Kleber, als eine Art Prototyp“, sagt Felix. Sollte der BBQuchen in Zukunft professionell vermarktet werden,

Es muss nicht immer nur Fleisch und Wurst sein.

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müsse man dazu eine Alternative finden. „Ein paar Interessenten haben sich schon gemeldet, ob sich daraus etwas ergibt, ist aber noch in der Schwebe“, sagt er. Die erste Großproduktion der Grillkuchen ist bereits angefallen. Für den Dies Academicus, den Tag der offenen Tür der Uni, hat die Mensa 3000 BBQuchen bestellt. Die WG-Küche ist für solch große Bestellungen aber zu klein. „An der Uni gibt es ein Technikum, eine voll ausgestattete Metzgerei. Die durften wir für die Produktion verwenden. Inzwischen freut sich der Metzger immer schon, wenn er uns sieht und wir unseren Kuchen produzieren“, berichtet Felix. Nach dem Tag der offenen Tür habe sich erneut der ein oder andere Interessent bei den Studenten gemeldet. „Das Produkt gemeinsam mit einer großen Firma zu entwickeln und über Supermärkte zu verkaufen wäre natürlich das Optimale, wir wären sofort dabei. Aber wir suchen momentan noch gar nicht aktiv nach Interessenten“, sagt er. Das Studium stehe im Vordergrund. Der Studiengang Lebensmittelwissenschaft und -technologie habe im Allgemeinen recht viel mit Entwickeln und Versuchen zu tun, sagen


die beiden Studenten. Je nach Schwerpunkt könne das Studium sehr trocken oder sehr praxisorientiert sein. „Wer sich zum Beispiel auf pflanzliche Lebensmittel spezialisiert, hat viel mit Chemie und den dazugehörigen Analysen zu tun“, erklärt Felix. Pflichtveranstaltungen für alle Master-Studenten sind zum Beispiel Lebensmittelbiophysik, Mathematik oder Anlagen- und Apparaten-Design. Felix und Georg haben sich in ihrem Studium auf die Fleisch- und Milchtechnologie spezialisiert. „In den bisherigen Semestern haben wir schon öfter die Gelegenheit gehabt, Lebensmittel herzustellen oder so zu verändern, dass bestimmte Zusatzstoffe nicht mehr benutzt werden müssen“, sagt Felix. Wie praktisch das Studium sei, komme letztlich aber auf die einzelnen Institute an. Im Oktober steht für die beiden Studenten der nächste Wettbewerb auf dem Plan: Felix und Georg haben sich für die Teilnahme am europäischen Ecotrophelia qualifiziert, der auf der Lebensmittelmesse in Köln stattfindet – eine

Chance, den BBQuchen auch im Ausland bekannt zu machen. „Die Vorbereitungen dafür laufen. Jetzt stehen aber erst einmal Prüfungen an“, sagt Felix. Ganz stilllegen können die Studenten den BBQuchen trotzdem nicht. Erst zum Geburtstag ihrer Mitbewohnerin haben sie eine neue Sorte kreiert: Rhabarber-Cashew. „Nach den Klausuren stehen ja zum Glück die langen Semesterferien an, denn ein paar Ideen für unseren Kuchen haben wir immer.“

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Die Hochbegabten suchen K채psele 1946 gr체ndeten ein Australier und ein Brite einen Club f체r Intelligenzbestien. Weltweit hat Mensa heute 110.000 Mitglieder. In der Region sind es etwa 500. Doch Studenten sind seltsam unterrepr채sentiert. Von Ben Schieler

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in Dienstagabend im Sommer. Über dem Stuttgarter Pragsattel brennt die Sonne, und in der Geschäftsstelle des Stadtjugendrings kann sich eine Gruppe Menschen nicht entscheiden, ob sie besser alle Fenster aufreißen oder alle Vorhänge schließen soll. Ein gutes Dutzend ist gekommen, um dem Vortrag einer Frauenärztin mit dem Titel „Sexualität – Betrachtungen aus medizinischer und psychologischer Sicht“ zu lauschen. Aber auch um kräftig mitzureden, um zu diskutieren, um Wissen und Thesen aufzunehmen wie ein Schwamm, unangetastet von der Hitze, die den Geist lähmt und den Körper träge macht. Der Name der Veranstaltungsreihe: „‘s Käpsele“.

auch geprägt durch die Schreckensjahre zuvor, in Oxford zusammensetzten und eine Gesellschaft der Klugen erdachten. Eines der Ziele: Wissen als Macht zu nutzen, um dazu beizutragen, eine Welt nach humanistischen Grundsätzen zu schaffen, unabhängig von Rassenunterschieden und Religionszugehörigkeiten. Die klügsten zwei Prozent weltweit sollten Zugang finden in den elitären Zirkel. In Deutschland wären das heute nach Adam Riese und die jüngste Volkszählung berücksichtigt etwa 1,6 Millionen Menschen. Einen Mitgliedsantrag ausgefüllt haben aber „nur“ 10.000 Bundesbürger, in der Region Stuttgart leben etwa 500 Mitglieder. Einer von ihnen ist Martin Jäkle, gemeinsam mit Hannah Schulte Locsec im Ländle, sprich: Local Secretary. Eingetreten ist Jäkle 1988 als 21-Jähriger, motiviert durch eine Freundin, die bereits Mitglied war. „Wir waren auf einer Wellenlänge. Also habe ich mal den Eignungstest gemacht.“ Ein Vierteljahrhundert später ist Jäkle noch immer mit Feuereifer dabei.

Die Angst der Normalen, übers Ohr gehauen zu werden

Martin Jäkle Käpsele im schwäbischen Sinn sind die Versammelten durch und durch. Man kann sagen, dass ihnen das zertifiziert wurde. Sie alle gehören nachgewiesenermaßen zu den schlausten Köpfen der Region, zumindest dann, wenn man Schlauheit mit dem Intelligenzquotienten verknüpft. Der liegt bei mindestens 130, das Aufnahmekriterium für Mensa, das weltweite Netzwerk für Hochbegabte. Rund um den Globus hat die ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Großbritannien gegründete Organisation heute 110.000 Mitglieder. Die ersten beiden waren der australische Anwalt Roland Berrill und sein britischer Kollege und Biochemiker Lance Ware, die sich, 12

Für den Produktmanager beim Softwareriesen SAP ist Mensa in erster Linie eine Plattform zum Austausch unter Gleichgesinnten. Denn gerade in Deutschland, das hat Jäkle festgestellt, herrsche anders als zum Beispiel in den USA, in denen Hochbegabte wesentlicher anerkannter seien, ein „unterschwelliger Vorbehalt“ gegen die klugen Köpfe. Neid will Jäkle das zwar nicht nennen. Festgestellt hat er unter Normalbegabten aber eine vereinzelte Angst, vom Gegenüber „übers Ohr gehauen zu werden“. Um zu zeigen, wie absurd er diese Idee findet, zieht Jäkle einen Vergleich aus der Welt des Profisports. „Dort“, sagte er, „finden die Menschen Topleistungen super.“ Neben der Vortragsreihe „‘s Käpsele“ unternehmen die Mitglieder in der Region einmal monatlich gemeinsam etwas Künstlerisches, Kulturelles oder Sportliches, sowohl in Stuttgart als auch in anderen Städten wie Tübingen oder Sindelfingen finden regelmäßig Stammtische statt. Obwohl sich im Verein Hochbegabte jeden Alters tummeln, lassen sich auf den


Veranstaltungen in erster Linie die Ü30er blicken. Und besonders eine Gruppe empfindet der Mensa-Chef im Ländle als stark unterrepräsentiert: Studenten. „Das ist eigentlich verwunderlich“, sagt Jäkle zum Mangel an werdenden Akademikern, weiß er doch, dass zum Beispiel in Bonn der Verein eine starke studentische Ausprägung hat und die vielen Hochschulen in seinem Verantwortungskreis ein Sammelbecken potenzieller Mitglieder sein müssten – Jäkle selbst begann mit einem Maschinenbaustudium und wechselte dann zur technischen Kybernetik. Doch viele Hochbegabte wissen nichts von ihrem Talent oder ahnen es nur, weil sie es nicht für nötig halten, sich zu testen. „Man kann auch ohne Mensa-Mitgliedschaft glücklich werden“, sagt er trocken. Das in Öffentlichkeit und Medien häufig plattgetretene Bild vom Superschlauen, der kaum soziale Kontakte hat, weil ihn Gleichaltrige und der Schulunterricht schon von Kindesbeinen an langweilen und unterfordern, sei zwar nicht falsch, aber eindimensional. Pauschalisierungen wie diese, das ist an jenem heißen Sommerabend in der Geschäftsstelle des Stadtjugendrings zu spüren, gehen den Mitgliedern auf den Keks. Wohl aber präsentieren sich die Anwesenden wissbegierig und diskussionsfreudig. Die Referentin schwitzt nicht nur wegen der Hitze, sondern auch unter den teils klugen, teils bissigen Nachfragen. Kathrin Jaki freut das. Sie ist die Organisatorin der Reihe und wünscht sich für „‘s Käpsele“ mutige studentische Fachleute. „Für uns sind fast alle Themen interessant“, sagt Jaki. „Und für die Studenten wäre es eine gute Plattform, Vorträge zu üben.“ Und womöglich finden sich dabei auch Gleichgesinnte.

Wer Interesse hat, als Referent bei Mensas „‘s Käpsele“ aufzutreten, kann Kathrin Jaki unter kjaki@hotmail.com kontaktieren. Informationen zum Stuttgarter Netzwerk gibt es auf www.stuttgart.mensa.de, auf www.mensa.de lassen sich unter anderem die Aufnahmechancen anhand eines verkürzten rund 20-minütigen IQ-Tests prüfen.


Kurzgeschichte

Sieger und Sünder von Marc Bensch

Die Augen geschlossen, den Mund leicht geöffnet, lehnte er an der Tür und atmete gleichmäßig. Natürlich war es eine Einzelkabine, extra eingerichtet für ihn. 9,58 Sekunden ließ er in steifer Haltung verharrend verstreichen, vielleicht ein paar Hundertstel mehr oder weniger - sein Zeitgefühl war gut, aber niemand war perfekt. Dann riss er die Augen auf. Dreimal klatschte Fleisch auf Fleisch, seine Handflächen hinterließen rote Flecken auf seinen Wangen. Beschwörend streichelte er über seinen frischrasierten Schädel und drehte den goldenen Ring an seiner linken Hand genau zweimal. Als er in den Innenraum schritt, nun bereits jede Pose, jedes Wackeln, jedes Tänzeln auf den Fokus der Kameras und Gegner eingestellt, fühlte er das Brennen. Die Mittel in seinem Blut wirkten. Von Menschen ließ er sich nicht aufhalten, schon lange nicht mehr. Vor dem gestikulierenden Mann auf dem Weg zur Tartanbahn machte er nur deshalb halt, weil er die Show 14

liebte. Und weil er sie nicht gerne teilte. Der Führende im Weitsprung setzte zum letzten Versuch an, trat über, ärgerte sich, jubelte dann doch und tauchte endlich unter. „Verbeugt euch vor dem König“, verlangte seine innere Stimme beim Betreten der Arena. Die Hitze der Augustsonne streichelte sein Gesicht, der Stadionsprecher spuckte seinen Namen ins Mikro, zog den Vokal seines Nachnamens so lang wie Michael Buffer. Die Fans kreischten, johlten, applaudierten, und er wusste: die 200 Meter fegten noch durch ihren Kopf. Die Spritzen hatten einen weiten Weg zurückgelegt, bevor ihre Enden in seinen Venen steckten. Der einzige Vertraute, der die ganze Wahrheit kannte, war sein Cousin. Nicht sein Trainer, nicht sein Manager, nicht seine Eltern, nicht sein Onkel, nicht seine Frau, nicht seine Geliebte, nicht die ganzen Menschen, die ihn liebten für seinen Erfolg und seine Hampeleien. Sie alle waren


ahnungslos. Alle bis auf seinen Cousin, den vom Clan Verstoßenen, den Geschickten. Die Kette begann bei einem untersetzten indischen Arzt mit buschigen Augenbrauen und finanziellen Problemen. Sie reichte weiter über mehrere Menschen, die nicht wussten, was sie für wen transportieren. Und sie endete beim stillen Marionettenspieler. Da ihn sein Cousin mochte, ließ er sich sein Schweigen und seine Liebe nur Gefälligkeiten kosten. Die Minuten bis zum großen Finale rannen dahin. Noch drehten Langstreckenläufer ihre Runden auf der Bahn. In der Warm-up-Zone saß er auf dem Boden und starrte einen Kontrahenten nach dem anderen an. Nicht verstohlen, das taten nur die Ängstlichen, sondern mit einem Lachen. Das waren keine Gegner. Das waren Mitläufer. Die Gegner, die sich noch am ehesten so nennen durften, hatten sich selbst ein Bein gestellt, nur wenige Wochen vor dem Wettkampf. Bescheuert war, wer sich erwischen ließ. Übrig blieben nur Wachsfiguren. Sie konnten froh sein, in einem Finale mit ihm zu stehen. Und sie wussten es. Die einen versteckten sich unter Handtüchern, hinter verglasten Sonnenbrillen oder zwischen mächtigen Kopfhörern, andere dehnten sich in eine eigene Welt oder vertraten sich die Zeit mit Startblockübungen – sie taten all die Dinge, die er, der Unbezwingbare, nicht nötig hatte. Eine Gruppe Kinder in der Stadionkurve brüllte seinen Namen. Er hob zwei Finger an seine Stirn, lange genug für die Auslöser der Handykameras und blickte dabei in die entgegengesetzte Richtung. Ein fröhliches Gequake war die Folge. Die Muskeln in seinen Unterschenkeln zuckten für einen Augenblick. Sie würden ihn nicht im Stich lassen. Die Stimme des Arztes im Instruktionsvideo hatte heiser und rau geklungen. „Ich weiß, dass Sie mich nicht engagiert haben, damit ich Ihnen Moralvorträge halte“, sprach er in die Kamera. „Aber ich muss unbedingt an Ihre Vorsicht und Gewissenhaftigkeit appellieren. Jede Überdosierung kann verheerende Folgen für denjenigen haben, für den das Mittel gedacht ist.“ Eine tiefe Falte zerfurchte das Gesicht des Inders, der vorgelehnt an seinem Schreibtisch saß. Die Falte verließ den Mediziner während der gesamten Aufnahme nie, und es hätte ihn brennend interessiert, ob sie immer da war oder ob das schlechte Gewissen sie eingebrannt hatte. „Wenn Sie sich strikt an meine Anweisungen halten, kann ich Ihnen versichern, dass das Präparat bei eventuellen Urinproben nicht auffallen wird. Es hinterlässt keine Spuren, die mit gängigen Methoden nachzuweisen sind.“

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Diese Proben würde es garantiert geben. Sie hatten ihn noch jedes Mal überprüft. Sein Arm war ein Trümmerfeld an Einstichlöchern. Eben deswegen fielen die selbstzugefügten ja auch nicht mehr auf. Nein, er war kein Betrüger, so etwas ließ er sich von niemandem vorwerfen. In einer Welt, in der sich Maßstäbe so rasant verschoben, war es wichtig, sich von veralteten Moralvorstellungen zu verabschieden. Die meisten taten das stillschweigend. Sie gaben es nur nicht zu. Die junge Kampfrichterin trug ein weinrotes Kostüm mit blauem Halstuch, ihre Haare waren zu einem Kranz geflochten. Sie war sehr schlank, und die Form ihrer glatt rasierten Beine deutete darauf hin, dass sie selbst Sportlerin war. Nach und nach lief sie auf die Finalisten zu und schickte sie zum Start. Bei ihm blieb sie einige Sekunden länger stehen und schaute ihm in die Augen, mit einem Blick, der so herausfordernd war, dass er nur gefallen konnte. Sie schien zu wissen, was sie wollte. Er merkte sich ihr Gesicht. Die Positionierung vor den Startblöcken ging mit der protokollarischen Zelebration einher. Der Mann am Mikrofon berauschte sich an der Stimmung im Rund. Jeder Starter erhielt eine individuelle Ansage, und jeder Starter zeigte seine Show. Wenn er sich die Aufzeichnungen dieser Momente hinterher bei der Rennanalyse im Video anschaute, gewann er bei den meisten den Eindruck, als wirkten sie verkrampft, als seien die zappelnden Bewegungen, die Muskelspielchen, die Handküsse und das Winken einstudiert und unnatürlich. Nur bei denen, die wussten, dass sie eh nichts zu verlieren hatten, schien alles spontan. Und bei ihm, der auf der Mittelbahn stand, der besten natürlich, und der wusste, dass er alles zu verlieren hatte – und nichts verlieren würde.

Die Menge beruhigte sich nur langsam, ihre Rufe hallten beharrlich durchs Stadion. Die meisten galten ihm. Er legte seinen Finger auf den Mund und kniff sein rechtes Auge zu. „On your mark“, rief der Kampfrichter. Er bekreuzigte sich. „Set“, rief der Kampfrichter. Er senkte seinen Kopf gen Boden. Dann knallte der Schuss. Und er stemmte sich aus seinem Block hoch. Innerhalb der nächsten Sekunden würde sich sein Schicksal entscheiden. Wie so häufig kam er nicht sonderlich schnell los. Etwa fünfzehn Meter lang blickte er nach unten, dann riss er den Kopf hoch und schaute zu der weißen Linie, die Sekunden von ihm entfernt lag. Aus den Augenwinkeln erkannte er die Läufer auf den Bahnen neben sich. Sie waren etwa gleichauf. Noch. Er schaltete in den Turbomodus. Doch es half nichts. Die Männer neben ihm ließen sich nicht abschütteln. Als liefen sie um ihr Leben. Dann kam das Brennen in seinen Schenkeln, der Druck in seiner Brust. Seine Lunge fühlte sich an, als werde sie von jemandem ausgepeitscht. Der Trost bestand wie immer darin, dass es gleich vorbei sein würde. Niemals könnte er Langstreckenläufer werden. Manche Sportler waren viel größere Tiere als er. Etwa zehn Meter vor dem Ziel ließen die Kräfte der anderen nach. Er wurde nicht mehr schneller, nicht wie sonst, aber sie wurden langsamer. Ein Zielfoto war nicht nötig. Er rannte einfach weiter, die Schmerzen waren mit einem Mal unwichtig. Ja, sie waren sogar Teil des Gewinns. Er sah in ihnen einen Beweis seiner Leistungsfähigkeit. Die Macht war mit ihm. Unwiderlegbar. Er hatte das immer geahnt, aber das Verlangen nach der absoluten Gewissheit trieb ihn in die Ecke. Sie trieb ihn zu dem Inder. Erst als er sah, dass selbst leistungshemmende Mittel seinen Körper und Geist nicht zu bezwingen vermochten, wusste er, dass er wirklich der Beste war.

Unter dem Pseudonym Marc Bensch schreibt Ben Schieler seit 2009 Romane und Kurzgeschichten. Weitere Informationen und Texte auf www.buchbensch.de 16


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Die Marienkirche an der Tübinger Straße war der erste katholische Kirchenbau nach der Reformation, der außerhalb der alten Stadtmauern entstand. St. Maria wurde 1879 geweiht, in einer Zeit also, in der Stuttgart enorm wuchs und sich auch viele Katholiken in der Stadt ansiedelten. Ein Jahr bevor das erste Automobil durch die Straßen Cannstatts rollte, zuckelte 1885 schon der sogenannte „Reitwagen“ von Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach durch die Stadt. Er gilt als erstes Motorfahrzeug der Welt. Man nahm damals auf einem Holzfahrrad mit Standuhr-Motor und Zahnradantrieb auf einer Art Pferdesattel Platz. Die „German Open Championships“ – die jährlich in der Liederhalle stattfinden – sind das größte Tanzsportturnier der Welt. Die GOC gelten zudem als internationalste Sportveranstaltung Deutschlands, da hier innerhalb von fünf Tagen schon einmal über 4200 Tanzpaare aus aller Welt über das Parkett fegen. Weitere unnütze Fakten über Stuttgart gibt es im Netz auf www.unnuetzes-stuttgartwissen.de oder auf Facebook. 18


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Wie ist es eigentlich... ... für seinen Job gehasst zu werden?

Wenn sie klingeln, stehen Existenzen auf dem Spiel. Ein deutscher Gerichtsvollzieher bearbeitet pro Jahr mehr als 2500 Zwangsvollstreckungen. Nicht selten schlägt ihm deshalb Hass entgegen. Von Felix Böpple


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lötzlich geht alles ganz schnell. Heribert Keiner spürt den Lauf einer Waffe an seiner Schläfe. Eine Zwangsräumung stand für diesen Tag auf seinem Terminkalender. Eigentlich Routine. „Diesen Schuldner kannte ich seit Jahren. Er war immer gelassen und zurückhaltend. Seine Frau hatte ihn verlassen“, erklärt Keiner die Situation. Doch während der Räumung zieht der Mann die Waffe aus einer Tasche und schreit: „Ich werde euch alle erschießen!“ Die Möbelpacker des Speditionsunternehmens fliehen aus dem Haus und verständigen die Polizei. Die eintreffenden Beamten bittet Keiner, sich zurückzuhalten. „‚Mensch, machen Sie sich nicht unglücklich‘, habe ich dann auf den Schuldner eingeredet, ‚ich habe Verständnis für ihre Lage.‘ Plötzlich fing er an zu weinen und fragte mich, ob ich ihn in einem Strafprozess durch meine Zeugenaussage unterstützen würde. Ich habe ihm versprochen:

‚Natürlich bin für Sie da.‘ In diesem Moment ließ er die Pistole fallen, und die Polizisten stürzten sich auf ihn.“ Die Pistole stellte sich im Nachhinein als Spielzeugwaffe heraus.

Die schusssichere Weste gehört zur Arbeitskleidung 39 Jahre arbeitete Heribert Keiner als Gerichtsvollzieher für die Leverkusener Justiz. In einer solchen Weise wurde er nur einmal bedroht, meist blieb es bei wüsten Beschimpfungen. „Du kriegst was auf die Fresse“ oder „Hitler hat vergessen, dich als Kind zu vergasen“ gehörten dabei zu den derberen. „Diese Worte habe ich immer mit Gelassenheit zur Kenntnis genommen“, sagt der Gerichtsvollzieher, „das gehört zu meinem Beruf.“ Ihm sei immer klar gewesen, dass sein Erscheinen nicht gerade positiv von seinen Kunden aufgenommen wird. Ortswechsel. Seit vier Jahren arbeitet Alexander Doster als

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Gerichtsvollzieher in Stuttgart. Er pflichtet seinem Leverkusener Kollegen bei: „Das Erscheinen des Gerichtsvollziehers ist in den wenigsten Fällen angenehm für die Betroffenen.“ Wenn er neue Kunden aufsucht, fährt die Angst mit. Zu seiner eigenen Sicherheit trägt er eine kugelsichere Weste, die er noch aus seiner Zeit bei der Bundeswehr besitzt. Seit etwa zwei Jahren bemerkt er eine höhere Gewaltbereitschaft seiner Schuldner. Kaum ein anderer Beruf dürfte so unbeliebt sein wie der des Gerichtsvollziehers. Doch auch für die Beamten ist die Situation unangenehm. Sie müssen teilweise mehr als 2500 Zwangsvollstreckungen pro Jahr durchführen. Dabei stehen sie nicht immer in fremden Wohnzimmern und verteilen den „Kuckuck“ – die Pfändungsmarke. Oft handelt es sich um Lohn- und Gehaltspfändungen, für die Alexander Doster die Personalabteilungen von Unternehmen aufsucht. Wenn der Gerichtsvollzieher erst einmal an der eigenen Haustür klingelt, stehen nicht nur Bargeld, sondern auch die Einrichtungsgegenstände auf dem Spiel. Doster erinnert sich an seine erste Pfändung: „Ich fühlte mich etwas komisch. Das erste Mal jemandem einen Gegenstand gegen seinen Willen wegzunehmen.“ Damals war es ein 30 Jahre alter Käfer, der abgeschleppt werden musste. „Viele Dinge steckt man auch nicht so einfach weg. Ich denke oft am Abend noch über das Geschehene des Tages nach“, sagt Doster. Dabei hilft es, auch an die Mahner zu denken. „Auf der anderen Seite stehen Gläubiger oder Privatpersonen, die sich freuen, dass man eine Wohnung geräumt hat. Sonst würden sie selbst in eine finanzielle Schieflage geraten.“

Wenn leicht bekleidete Damen die Tür öffnen ... Keiners erste Pfändung verlief angenehmer. „Natürlich fuhr ich am ersten Tag meiner Berufsarbeit im Februar 1966 22

etwas ängstlich zu den Schuldnern. Ich besuchte eine Dame, die mir leicht bekleidet die Etagentüre öffnete und mich mit strahlendem Gesicht bat einzutreten. Es stellte sich heraus, dass die Dame mich für einen sich vorher telefonisch angekündigten Erlebniskunden gehalten hatte und mich deshalb nach meinen besonderen Wünschen fragte. Ich habe ihr etwas energisch meine Wünsche erläutert. Sie zahlte die angegebene Forderung einer Erotikartikelfirma direkt. In Anbetracht der dürftig angezogenen Dame fühlte ich mich nicht unwohl.“ Heribert Keiner hat seine Erlebnisse als Gerichtsvollzieher in seinem Buch „Der Mann mit dem Kuckuck: Als Gerichtsvollzieher 39 Jahre im Dienst der Justiz in Leverkusen“, erschienen bei „Books on Demand“, niedergeschrieben.

Wie-ist-es-eigentlich.de ist ein Blogprojekt von Journalismusstudenten. Sie befragen Menschen, wie sich bestimmte Erlebnisse, Situationen oder Geschehnisse anfühlen. Im Internet gibt es eine Sammlung dieser Geschichten. Im Käpsele erscheint monatlich ein Text aus der Reihe als Serie.


SKIIIIIIIIIFOAN!

Das Käpsele und der ERD präsentieren: Das Winter-Saisonopening 2013! Komm mit uns für ein Wochenende nach Savognin in der Schweiz! Am 14./15. Dezember heißt es: Skispaß und Hüttengaudi. Was wir euch bieten? - Busfahrt ab Stuttgart nach Savognin und zurück. - 1 x Übernachtung / Frühstück / Abendessen im Hotel CUBE Savognin - Freie Nutzung der Hoteleinrichtungen wie Fitness, Sauna, etc. - Eintritt zur Opening-Party im CUBE Club - 2-Tages-Skipass der Bergbahnen Savognin Was das kostet? - 149 Euro pro Person im 4-Bettzimmer - 169 Euro pro Person im 3-Bettzimmer - 189 Euro pro Person im 2-Bettzimmer

INFOS UND ANMELDUNG: ERD E.V. TEL. O711/82032210 ODER WWW.ERD.DE


Buch des Monats

Der Durchhänger

Man sollte es ja eigentlich besser wissen. Niemals sollte man einer Rezension trauen, die man nicht selbst gefälscht hat. „OMFG, ich bin fast gestorben vor Lachen“, schreibt Gary Shteyngart über seine Lektüre von Adam Wilsons Debütroman „Flat Screen“. Und Shteyngart will man gerne glauben, dass er weiß, wovon er spricht. Schließlich legte der in Leningrad geborene New Yorker zuletzt mit „Super Sad True Love Story“ ein Werk vor, das sich so begnadet zwischen Woody Allen und George Orwells „1984“ bewegt, dass man es nicht aus der Hand legen will. Nun: Shteyngart scheint einen eigentümlichen Humor zu haben. Denn „Flat Screen“ lädt zumindest außerhalb der prüden Vereinigten Doppelmoralstaaten von Amerika mit permanenten Tabubrüchen eher zum Stirnrunzeln als zum Schenkelklopfen ein. Und doch hat der durchgeknallte Lese-Trip von Adam Wilson einen gewissen Charme. Zum Inhalt: Der Bostoner Vorortversager Eli 24

Schwartz ist ein talentierter Hobbykoch, verbringt seine Zeit seit dem HighschoolAbschluss aber als exzessiver Hänger. Papas Schecks finanzieren seinen Drogenkonsum, was das Gras nicht vernebelt, erledigt das Fernsehen. Trotz latenter Unzufriedenheit könnte es ewig so weitergehen, würde der Herr Papa nicht plötzlich die Zahlungen einstellen und der an den Rollstuhl gefesselte sex- und drogengeile Ex-Schauspieler Seymour Kahn Elis Bleibe kaufen. Besser gesagt: die Bleibe von Mama, bei der Eli im Keller haust. Doch in dem kaputten Kahn entdeckt Eli so etwas wie einen schmerzhaft vermissten Ersatzvater. Der Debütant nimmt beim Schreiben kein Blatt vor die Finger, das wirkt zuweilen mehr gewollt als gekonnt. Aber die Story überzeugt auf den letzten Metern ausgerechnet durch Feinfühligkeit, und dank einer Persiflage in Form alternativer Enden. Auch für die Fähigkeit, die Geschichte eines Antriebslosen, der die Veränderung fürchtet und die Verantwortung scheut, rasant voranzutreiben, darf man Wilson loben. „Schnellfeuerprosa“ nannte Heidi Julavits vom amerikanischen Literaturmagazin „The Believer“ seinen Stil. Das ist treffender als Shteyngarts Urteil. (ben) Adam Wilson, Flat Screen – Roman, Metrolit, 336 Seiten, ISBN 978-3849300586, 21.99 €


Der Liebling der Redaktion

An faule Lendenfrucht gefesselt

Rammstein ist trotz des großen Erfolgs eine Band, die polarisiert. Ein Grund dafür sind die meist ungeschönten Texte. Für die ist der charismatische Frontmann Till Lindemann verantwortlich. Kein Wunder, dass auch die Lektüre seines Gedichtbandes „Messer“ nicht unbedingt etwas für allzu Zartbesaitete ist. Das mindert den Wert der Gedichte nicht. Sie zeugen von einer empfindsamen Seele, aber zugleich von einem schonungslosen Blick auf die Realität. Wenn das lyrische Ich in „Zum Sein schlechter Eltern“ erst in derber Abfälligkeit die Zeugung eines nicht näher benannten Gegenübers beschreibt, um zu dem Schluss zu gelangen, es sei „an faule Lendenfrucht gefesselt / und um mein Seelenheil gebracht“, wirken Lindemanns Worte auf verstörende Art ergreifend. Welche Melancholie steckt in dem Vers „Das Leben birgt auch gute Stunden“, mit denen ein mit „Glück“ überschriebener Sechszeiler beginnt. Hinter den Klassikern deutschsprachiger Lyrik muss Lindemann sich keinesfalls verstecken. Dass er im Zeitalter des Prosagedichts den größten Teil seiner Stücke in Reimform verfasst, ist dafür nur das geringste Argument.

Ihn als düsteren Wiedergänger von Schiller oder Eichendorff zu bezeichnen, geht nicht fehl. Atmosphärisch wie dieser, wuchtig wie jener webt Lindemann seine Texte, eröffnet dem Leser Welten, in die man bei allem Grusel, der sich bisweilen einstellt, tiefer eintauchen möchte. Die deutschsprachige Lyrik wäre ärmer ohne die Gedichte Till Lindemanns, meint Herausgeber Gert Hof im Vorwort des im März 2005 erstmals erschienenen und im vergangenen Jahr neu aufgelegten Bandes. Man kann dem nicht widersprechen und will es auch gar nicht. „Messer“ enthält nur eine kleine Auswahl aus den mehr als tausend Gedichten, die zwischen 1995 und 2002 entstanden sind. Wenn man bedenkt, welche Masse seit damals hinzugekommen sein mag, bleibt zu hoffen, dass Lindemann sich trotz Hofs Tod 2011 dazu entschließen kann, mehr seines poetischen Schaffens zu veröffentlichen. Es handelt sich um eine durch und durch zeitgenössische Lyrik, die sich dennoch nicht um Moden schert. (phd) Till Lindemann, Gert Hof, Messer Gedichtband, Eichborn, 176 Seiten, ISBN 9783821809274, 29,90 € 25


Wo sind sie nur? Vor allem Mittelständler sind bundesweit von einem Fachkräftemangel betroffen - sagen sie. Aber stimmt das wirklich? Und wenn ja, woran liegt das? Wir haben uns bei Experten aus unterschiedlichen Bereichen der Wirtschaft und der Wissenschaft umgehört. Von Christian Ignatzi

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ibt es ihn oder gibt es ihn nicht? Beim Fachkräftemangel gehen die Meinungen auseinander wie ein Hefeteig im Backofen. In den Medien läuft dieses Thema in zuverlässiger Regelmäßigkeit rauf und runter. Doch was sagen die Experten? Was sagen Berufsverbände, Wissenschaftler und der Mittelstand in der Region, der angeblich am stärksten betroffen ist? Wir haben uns bei allen Beteiligten umgehört.

Die Arbeitsagentur: Die Agentur für Arbeit müsste eigentlich am besten wissen, wie es um den Arbeitsmarkt steht. Schließlich vermittelt sie Arbeitskräfte an Unternehmen. Petra Cravaack, die Chefin der Arbeitsagentur Stuttgart, beobachtet, dass es zumindest in einigen Branchen Schwierigkeiten gibt, Fachkräfte zu finden. „Von einem flächendeckenden Mangel kann man heute noch nicht sprechen“, sagt sie. Immer dann, wenn pro freier Stelle nicht mindestens drei Bewerber zur Verfügung stünden, spreche man von einem Mangel. „Wenn wir uns ansehen, dass die demografische Entwicklung immer stärkere Auswirkungen hat, wird es für einige Branchen in den nächsten Jahren immer enger.“ Und welche Branchen meint sie damit? „Besonders betroffen sind in der High-Tech-Region Stuttgart vor allem die Unternehmen, die gleichzeitig die Wirtschaftskraft des Raumes bestimmen: Maschinenbau und Fahrzeugtechnik, Metallerzeugung und Metallbau. Mechatronik, Energie- und Elektroberufe, technische Entwicklung, aber auch Gebäude und Versorgungstechnik“, erläutert Cravaack. Vor allem für Frauen seien solch technische Berufe oft weniger attraktiv, weil sie es sich nicht vorstellen könnten, in einem Betrieb die einzige Frau zu sein. „Ein weiterer Faktor ist, dass die Anforderungen in diesen Berufen zu Recht hoch sind und nicht jeder, der vielleicht die mechanischen Fähigkeiten zum Mechatroniker hätte, mit den erforderlichen Kenntnissen aus Mathematik und Physik aufwarten kann“, erklärt Cravaack. In den kommenden Jahren würden immer weniger

junge Menschen nachkommen und nicht automatisch die nötigen Fachkenntnisse mitbringen. Größere Unternehmen wie Daimler und die Deutsche Bahn hätten deshalb bereits öffentlich verlauten lassen, in Zukunft nicht mehr nur Noten entscheiden zu lassen, sondern verstärkt auch andere Fähigkeiten zu untersuchen wie Reaktionsfähigkeit oder räumliches Vorstellungsvermögen. Eine Chance für den Nachwuchs könnte schon jetzt sein, sich entsprechend zu spezialisieren. „Ich kann nur jedem Abiturienten bei der Studienwahl empfehlen, auch einen Blick auf den Arbeitsmarkt zu werfen und sich zu überlegen, ob der Beruf wohl auch Zukunft hat“, sagt Cravaack. Grundsätzlich sollte man aber zuerst auf seine Fähigkeiten und Neigungen schauen und dann nach Faktoren wie den Verdienstmöglichkeiten. Unternehmer sollten sich unterdessen schon jetzt Gedanken darüber machen, ob sie in 15 Jahren noch gut aufgestellt sein können. „Wenn sie ein junges Team haben, ist das kein Problem“, sagt Cravaack. Unternehmer müssten sich überlegen, wie sie als Arbeitgeber attraktiv sein können, etwa mit der Vereinbarkeit von Beruf und Karriere. „Überlegungen zur nachhaltigen Sicherung von Fachkräften passen natürlich nicht immer zu den kurzfristigen Gewinnoptimierungsprogrammen der Unternehmen, trotzdem wird das nötig sein, um in Zukunft erfolgreich zu sein“, glaubt Cravaack.

Der Fachverband: Bundesweit werden bis 2020 fast 1,1 Millionen Fachkräfte mit Berufsabschluss fehlen, dazu kommen noch etwa 640.000 Hochschulabsolventen, die Zahl der 15- bis 65-Jährigen geht von derzeit 50 Millionen bis 2030 um 6,5 Millionen zurück. Düstere Aussichten, von denen Ulrich Köppen berichtet. Der Unternehmer ist Vorsitzender der Landesgeschäftsstelle des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft und hat tagtäglich mit Mittelständlern und Familienunternehmern zu tun. Er kann die Bedürfnisse sehr gut einschätzen. „Was extrem auffällt, ist, dass Ingenieure feh27


len“, sagt er. „Eine Firma aus Stuttgart hat etwa keine Leute gefunden und deshalb ein zweites Unternehmen in Berlin aufgemacht.“ Ein großes Problem für den Mittelstand sei es, dass Großunternehmen fähige Mitarbeiter immer wieder abwerben würden. Dabei, sagt er, sei der Mittelstand ein wichtiges Standbein der deutschen Wirtschaft. „80 Prozent der Ausbildungsplätze, 70 Prozent der Arbeitsplätze und mehr als 50 Prozent der Innovationen kommen aus dem Mittelstand“, sagt Köppen. Und trotzdem haben Mittelständler Probleme dabei, Arbeitnehmer zu finden? Bei weitem nicht alle, sagt Köppen. „90 Prozent der Unternehmen im Mittelstand

haben weniger als 20 Mitarbeiter.“. Dort ist grundsätzlich schon einmal weniger Personalbewegung drin. Außerdem: „Wenn Sie einen schwäbischen Unternehmer fragen, ob sie Fachkräfte brauchen, dann sagt er immer: Ja, wir haben so viel zu tun und können das nicht bewältigen“, sagt Köppen. Oft sei das Angeberei. „Wenn jemand alle seine Aufträge abwickeln kann, dann glaubt man, ihm geht es schlecht, weil er dann nicht so viele hat.“ Allerdings gibt es auch Firmen, die in Zukunft ein Drittel der Aufträge ablehnen müssen, weil sie die Masse wegen fehlender Fachkräfte nicht bewältigen können.

Altersaufbau der Bevölkerung Deutschlands am 31.12.2011

Alter in Jahren

Männlich

Weiblich

100

FRAUENÜBERSCHUSS

90

Geburtenausfall infolge der Wirtschaftskrise um 1930

Geburtenausfall infolge der Wirtschaftskrise um 1930

80

70 Geburtenausfall Ende des 2. Weltkriegs

Geburtenausfall Ende des 2. Weltkriegs 60

Babyboom

Babyboom

50

anschliessender Geburtenrückgang

anschliessender Geburtenrückgang

40

MÄNNERÜBERSCHUSS

30

Geburtentief in den neuen Ländern

Geburtentief in den neuen Ländern

20

10

0 800 600 Tausend je Altersjahr

28

400

200

0

0

200

400

600 800 Tausend je Altersjahr

2012- 06 - 0761


Die Wissenschaftler:

Die Mittelständler:

„Was ist ein Mangel?“, fragt Karl Brenke vom Die Unternehmer in der Region Stuttgart sind Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung immer wieder auf der Suche nach geeigneten in Berlin. „In einer Marktwirtschaft ist grundFacharbeitern. Und dabei machen ihnen oft sätzlich alles verfügbar - es stellt sich bloß die Branchenführer einen Strich durch die die Frage nach dem Preis. Würden Ingenieure Rechnung. „Wenn Bosch oder Daimler in den knapper werden, müssten deren Löhne Jobportalen 20 Stellen auf einmal inserieren, steigen, was aber nach den verfügbadann sind unsere Angebote nicht mehr so einren Daten etwa des Verbands Deutscher fach zu finden“, ärgert sich ein Unternehmer, Ingenieure nicht der Fall ist.“ Das Institut für der seinen Namen nicht nennen will. Bedarf Wirtschaftsforschung kritisiert eine Erhebung gebe es vor allem bei Ingenieuren, sagt er. des Ingenieurverbands, die einen erhebliDie Mittelstandsfirma KBA-Metalprint aus chen Fachkräftemangel nachweisen will. „Die Stuttgart stellt immer wieder Ingenieure ein. Studien sind methodisch nicht tragfähig, weil Derzeit suche sie keine, sagt der Personalleiter sie nur einen Teilbereich des Thomas Saya. „Oft haben Arbeitsmarktes erfassen“, wir aber das Problem, sagt Brenke, „Arbeitslose dass die jungen Leute und offene Stellen.“ unseren Anforderungen Es ginge aber um das nicht gewachsen sind.“ Arbeitskräfteangebot und Bei manchen mangelt die Nachfrage - und zwar Für Ingenieurnachwuchs es auch am Interesse, gesamtwirtschaftlich. Die ist erst einmal reichtlich im Außendienst zu Zahl der offenen Stellen sei arbeiten. An der Zahl gesorgt, da es einen Run der Nachwuchskräfte immer höher als die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, auf die Fächer gab.“ fehlt es bei KBAda es neben Unternehmen, Metalprint aber nicht. die Personal einstellten, „Wir haben permanent auch immer solche gebe, die Personal abbauStudenten hier. Derzeit schreiben vier ten. Die Arbeitslosen deckten nur einen Teil ihre Abschlussarbeiten“, sagt Saya. Neben des Arbeitskräfteangebots ab. Brenke sieht Bachelor- und Masterarbeiten bietet das einen anderen Grund, weshalb Unternehmer Unternehmen Praktika, um neue Leute kenvon einem Fachkräftemangel sprechen: „Die nenzulernen. Saya versucht zu erklären, Unternehmensverbände haben auch deshalb woran es liegt, dass oft Kenntnisse fehlen, lange Zeit über einen Ingenieurmangel geklagt, obwohl junge Menschen nachkommen: „Oft weil sie von der Politik verlangt haben, die lesen Bewerber die Stellenanzeigen nicht, Regelungen für Zuwanderer aus Drittstaaten oder die Kenntnisse werden im Studium nicht zu lockern. Das hat die Regierung nun umgenach unserem Bedarf vermittelt.“ Wenn die setzt.“ Ingenieure oder IT-Kräfte können Unis stärker mit Firmen zusammenarbeiten heute aus Drittstaaten zum Facharbeiterlohn würden, wäre das „sicher ein richtiger Weg“. in Deutschland tätig werden. „Bisher hat das Doch nicht nur technische Ingenieure aber kaum jemand genutzt“, sagt Brenke, der sind immer wieder gefragt: „Für uns als eher vom Gegenteil eines Fachkräftemangels E-Commerce-Agentur mit einer groausgeht. „Für Ingenieurnachwuchs ist erst ßen Web-Development-Abteilung stellt einmal mehr als reichlich gesorgt, da es es eine besondere Herausforderung einen Run auf die ingenieurwissenschaftlichen dar, Fachkräfte aus den Bereichen Fächer an den Unis gegeben hat. Seit dem Fachinformatik, Anwendungsentwicklung und Wintersemester 2007/2008 ist die Zahl der Systemintegration – kurz: Programmierer Ingenieurstudenten um 60 Prozent gestiegen. und IT-Spezialisten – zu finden“, erzählt Ähnlich sieht es bei den Studienabsolventen Timo Weltner, einer der Geschäftsführer aus.“ und Gründer der Stuttgarter E-Commerce29


Agentur Netformic. „Um dem entgegenzuwirken und junge Talente zu gewinnen, bieten wir als Unternehmen unterschiedliche Einstiegsmöglichkeiten an. Von der dualen Ausbildung im eigenen Hause durch qualifizierte Ausbilder über den Einstieg mit einem studienbegleitenden Praktikum oder einer akademischen Abschlussarbeit bis zu Juniorund Traineestellen.“ Personalleiterin Sülbiye Deger von der Firma Mader war zu Beginn des Jahres händeringend auf der Suche nach Technikern. „Wir hatten etliche Einstellungen in diesem Bereich, haben dafür aber selbst große Fortbildungen starten müssen, sowohl intern als auch extern.“ Die Kandidaten hatten zwar vorher eine Ausbildung zum Mechatroniker gemacht,ihnen fehlten aber die nötigen Branchenkenntnisse und die Berufserfahrung. Studenten sucht die Firma von Herbst an für Aushilfstätigkeiten. „Außerdem haben wir einen Werkstudenten.“ Leute an Hochschulen zu finden, stellt Mader vor keine Probleme. „Wir suchen in Jobbörsen, und die Arbeitsagentur hilft uns.“ Das Problem bei den Technikern: Es gibt viele Arbeitgeber. „Wir müssen als Mittelständler vor allem mit größeren Firmen konkurrieren“, sagt die Personalleiterin. Junge Leute gingen lieber zu größeren Firmen. „Das liegt an der Marke. Wenn man im Lebenslauf stehen hat, man war beim Daimler, beim Festo, beim Bosch, hört sich das anders an, als wenn man sagt, man war beim Mader.“ Dabei hätten Mittelständler viele Vorteile. „Man wird hier ganz anders gefördert. Rein von den Qualifikationen geht man hier viel mehr auf die jungen Menschen ein“, sagt Deger. Außerdem hätten junge Absolventen in einem kleineren Betrieb viel bessere Möglichkeiten und größere Herausforderungen.

Die Universität: „Gerade wenn man den gesellschaftlichen Wandel betrachtet, kann man verstehen, dass sich einige Firmen in bestimmten Feldern für die Zukunft Sorgen machen“, sagt HansHerwig Geyer, Sprecher der Universität Stuttgart. Generell macht er sich im Moment aber noch keine Sorgen. „Wir haben für das kommende Semester wieder mehr als 18.800 30

Bewerbungen erhalten. Das sind so viele wie noch nie“, sagt er und freut sich. Das zeige, dass die Attraktivität der Universität nach wie vor ungebrochen sei, wenn nicht sogar größer als je zuvor. Dass die Uni enger mit Unternehmern zusammenarbeiten müsse, weist er von sich. „In dieser Hinsicht sind wir wirklich beispielhaft“, sagt er. Die Uni Stuttgart habe den besonderen Ruf, dass sie einen sehr engen Bezug und eine enge Verbindung zur Wirtschaft habe. „Wir haben ja zum Beispiel das Graduiertencollege, das vorsieht, dass unsere Doktoranden schon in Firmen arbeiten.“ Die Zusammenarbeit sei intensiv. „Allerdings kann ich mir trotzdem vorstellen, dass Studenten manchmal einen Praxisschock bekommen, wenn sie zum ersten Mal in einem Unternehmen arbeiten“, sagt Geyer. „Das hat aber nichts mit der Ausbildung zu tun.“ Die sei schon deshalb gut, weil eine Universität schließlich nicht an den Bedürfnissen des Marktes vorbeiarbeiten könne. „Viele Firmen haben auch UniBeauftragte, die eng mit uns zusammenarbeiten“, erläutert Geyer. Siemens etwa hätte im Dampfturbinenbereich jemanden, der über die Bedürfnisse des Unternehmens informiere. „Das heißt aber nicht, dass wir uns unsere Inhalte von der Wirtschaft diktieren lassen“, bemerkt Geyer.

Die Ingenieure: „Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat lediglich die Ingenieure in seiner Statistik, die erfasst sind, weil sie im Zielberuf Ingenieur arbeiten und sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind“, wehrt sich Marco Dadomo vom Verein Deutscher Ingenieure gegen die Vorwürfe aus der Wissenschaft an den Zahlen seines Vereins. „Das sind 750.000 Ingenieure. In Deutschland gibt es aber 1,6 Millionen Ingenieure, und wir betrachten alle und nicht nur die Hälfte.“ Der Verein erstelle mit dem Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln jeden Monat einen Arbeitsmarktreport auf Basis der Zahlen der Bundesagentur für Arbeit und von Unternehmerbefragungen. „Der letzte, den wir haben, ist aus dem Juni und sagt aus, dass wir im Moment 66.000 offene Ingenieurstellen und 26.000


arbeitslose Ingenieure in Deutschland haben.“ Auf 2,5 offene Stellen käme demnach ein Arbeitsloser. „Es geht außerdem darum, wie die Situation in zehn Jahren ist“, sagt Dadomo. Man müsse davon ausgehen, dass dann etwa eine halbe Million Ingenieure den Arbeitsmarkt in die Rente verlassen werden. „Wir haben im Moment zwar eine relativ hohe Anzahl an Studienanfängern, und das ist wunderbar, aber es dauert ein paar Jahre, bis ein Ingenieur fertig ist mit seinem Studium.“ Im Moment liege die Abbrecherquote bei den Ingenieurwissenschaften immer noch bei mehr als 40 Prozent. „Wir machen deshalb immer wieder darauf aufmerksam, dass wir immer noch mehr offene Stellen haben, als Ingenieure zur Verfügung stehen. Das mag sich sicherlich zwischendurch mal entschärfen, dieses Problem haben wir aber noch lange nicht aus der Welt.“ Es gebe also einen Fachkräftemangel, der derzeit aber nicht auf dem hohen Niveau sei, auf dem er noch vor einem Jahr war.

Das Fazit: Abschließend scheint sich abzuzeichnen: Es gibt in Deutschland einen Fachkräftemangel, aber bei weitem nicht in allen Fachrichtungen und bei allen Unternehmen. Viele Arbeitgeber sprechen aus unternehmenstaktischen Gründen von einem Mangel, obwohl es ihn bei ihnen nicht gibt. Andere haben tatsächlich Probleme, ihre Aufträge abzufertigen, machen Überstunden und sind händeringend auf der Suche nach Mitarbeitern. Zu Ende geht es mit der Deutschen Wirtschaft aber sicher nicht. Spannend wird, wie sich der Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren entwickeln wird, wenn immer weniger Nachwuchsingenieure nachkommen werden. In dieser Frage scheiden sich die Geister der Experten. In jedem Fall: Ingenieure haben nach wie vor eine gute Chance, einen Job zu bekommen.

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Samba in Tokio Der Tübinger Wörterbuchforscher Ulrich Apel arbeitet mit einem Tokioter Kollegen an einem deutsch-japanischen Übersetzungsprogramm fürs Internet - und nutzt seinen Besuch an Ort und Stelle für brasilianische Angelegenheiten. Von Ben Schieler

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Herr Apel, in Sofia Coppolas Film „Lost in Translation“ wandelt Bill Murray als abgehalfterter US-Schauspieler durch ein grelles skurriles Tokio. Wie authentisch ist der Film? Teilweise ist er relativ treffend, aber es ist ein Film über Amerikaner in Tokio. Das normale Leben, wie man es dort außerhalb der Hotels und Touristikzentren erlebt, ist ganz anders.

Sie kennen Japan sehr gut und vertreten nun die deutsche Seite eines Kooperationsprojekts mit der Universität Tokio zu OnlineÜbersetzungen. Worum geht es genau?

Was bereitet Menschen am meisten Schwierigkeiten, wenn sie Japanisch lernen wollen? Die Schriftzeichen. Es gibt einfach furchtbar viele – und die werden je nach Kontext auch noch unterschiedlich ausgesprochen. Man kann sagen, dass japanische Kinder und Jugendliche in der Schule etwa 2000 Schriftzeichen lernen, gebildete Menschen kennen 3000 bis 4000 Stück. Da ist es selbst für Muttersprachler nicht immer einfach, den Überblick zu behalten. Wenn Japaner betrunken sind oder müde, bringen sie die Zeichen schnell durcheinander. Wenn sie längere Zeit im Ausland leben, geht ebenfalls viel verloren.

Es gab eine sehr interessante gemeinsame Ausschreibung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und der Japan Society for the Promotion of Science zur Vertiefung Wie viele Bundesbürger sprechen schätzungsder Forschungskooperation weise Japanisch? zwischen den Ländern. Ich habe meinen alten Genau kann ich das nicht Kollegen Kyo Kageura darsagen. Ich schätze aber, auf angesprochen, der dass es mehrere Tausend ein Online-System für Als ich anfing, hieß sind. Und jedes Jahr komeine maschinenunterstützmen an den Universitäten, es: Wenn du Japanisch te englisch-japanische die Sprachkurse anbieÜbersetzung entwickelt kannst, findest du auf ten, um die 1000 junge hat. Wir wollten sehen: jeden Fall einen Job.“ Menschen hinzu. Lässt sich das auch aufs Deutsche übertragen, und Wie ist umgekehrt in was sind die brennendsten Probleme, die man Japan das Interesse für die deutsche Sprache? dabei lösen muss? Inzwischen gab es mehrere Besuche und Gegenbesuche sowie einen Das ist ein wichtiges und interessantes Thema. Kongress bei uns in Tübingen. Früher war Deutsch als Wissenschaftssprache sehr wichtig. In medizinischen Texten konnte Die Zielgruppe dieses Programms sind aber es vorkommen, dass zwischen lauter japain erster Linie Menschen, die sich in der nischen Schriftzeichen plötzlich ganze Teile Sprache des anderen bereits etwas auskenin Deutsch auftauchten. Das hat aber inzwinen? schen sehr stark nachgelassen. Das Englische hat das Deutsche abgelöst, Koreanisch und Richtig, es geht vor allem um quasi-profesFranzösisch sind sehr gefragt. Zuletzt gab sionelle Übersetzungen. Also um Texte, die es zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 einen hinterher zum Beispiel in Zeitungen abgekleinen Deutsch-Boom. druckt werden könnten. Deswegen ist es ein maschinenunterstütztes Programm und Welchen Stellenwert hat die Tübinger kein automatisches wie zum Beispiel Google Japanologie in Deutschland? Translate. Wenn man da etwas eingibt, kommt häufig ziemlicher Blödsinn raus. Unser Wir haben allein drei Professuren. Das ist relaProgramm ist auch als ein Hilfsmittel in der tiv viel im Vergleich. Wir sind zwar nur eine Übersetzerausbildung gedacht. Abteilung des Asien-Orient-Instituts, aber die

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Ulrich Apel (Mitte), Kyo Kageura (davor) und ihre Teams bei einem Besuch in Tokio.

Zusammenlegung war eher eine politische Entscheidung. Auch die anderen Abteilungen wie die Sinologie und Koreanistik oder die Ethnologie genießen auf ihrem Gebiet in Deutschland einen guten Ruf.

Wie sind Sie zur Japanologie gekommen? Mein Interesse für Japan wurde Mitte der achtziger Jahre geweckt. Damals war das Land eine Wirtschaftsmacht, die besten Hi-FiGeräte oder Motorräder kamen dort her. Es hieß: Wenn du Japanisch kannst, findest du auf jeden Fall einen Job. Dann gab es noch den Sport. Ich habe mit dem koreanischen Taekwondo angefangen und wechselte dann zum Aikido. Dadurch kam ich in Verbindung mit der japanischen Philosophie.

Den kompletten August verbringen Sie in Japan. Was steht auf dem Programm? Wenn Japanologen in Japan sind, ist das prinzipiell immer mit Arbeit verbunden. Meine

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Kollegen dort und ich werden uns in Tokio und in Hakodate auf der nördlichen Insel Hokkaidō zusammensetzen, weil es dort nicht so heiß ist wie in der Hauptstadt. Aber ein wenig Vergnügen wird auch dabei sein. Ich bin in Tokio in einer Samba-Schule, und dort ist im August immer ein Umzug, bei dem wir mitmachen. Als einer von 300 Leuten unserer Gruppe werde ich die Basstrommel spielen.

Ulrich Apel, geboren 1965 in München, studierte von 1986 bis 1995 Japanologie an der Ludwig-Maximilians-Universität seiner Heimatstadt. Als Doktorand kam er 1997 nach Osaka, wo er fünf Jahre lang blieb. Von 2004 an war er am Nationalen Institut für Informatik, Tokio, tätig, seit 2009 forscht und lehrt er in Tübingen.


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Unterwegs in der weiten Welt

Tübingen ist für mich immer noch die schönste Stadt in Deutschland.”


Vor nicht allzu langer Zeit hat sich Yvonne Zagermann an der Uni Tübingen mit Kopierern beschäftigt. Jetzt wurde sie als beste Reisebloggerin der Welt ausgezeichnet. Von Christian Ignatzi Yvonne, du bist 34 Jahre alt und wirkst mindestens zehn Jahre jünger. Hast du einfach den richtigen Job gewählt? Definitiv! Reisen hält jung, und ich glaube, das merkt man!

Du lebst vom Reisen? Richtig. Letztes Jahr hat es ein bisschen damit angefangen. Dieses Jahr ist es wirklich so, dass ich zwar nicht von dem Blog lebe, aber durch ihn.

Wie muss man sich das vorstellen? Ich komme über meinen Blog an Aufträge, die auch mit dem Bloggen in gewisser Hinsicht etwas zu tun haben. Damit verdiene ich mein Geld, von Werbung auf dem Blog alleine könnte ich nicht einmal meine Miete zahlen.

Zum Beispiel? Letztes Jahr war ich im Winter zwei Monate am Stück in Südostasien. Das werde ich dieses Jahr nicht schaffen. Dafür bin ich bis Dezember schon komplett verplant. Ich fliege zum Beispiel für ein paar Tage nach Istanbul und Ankara, genieße den Sommer in Berlin, fahre nach Polen zum Posen in Posen, danach nach Mauritius, eventuell nach Dublin, ich werde in Borneo tauchen lernen, fliege im November nach Curacao und im Dezember nach Namibia - das war es auch schon.

Och ja... (Lacht) Langweilig wird mir ganz bestimmt nicht. Ich habe dieses Jahr schon ganz viele Reisen absagen müssen, weil ich keine Zeit dafür finde.

Wie viele Anfragen bekommst du denn? Was dann? Zum Beispiel werde ich von Hotelketten engagiert und schreibe für deren Blogs. Oder ich produziere Videos für Firmen. Und mit einem Reiseblogger Kollektiv haben wir eine große Kooperation mit der Deutschen Zentrale für Tourismus. Letztens bin ich von einem Reiseführerverlag aus Großbritannien angeschrieben worden und soll über Berlin schreiben. Eine große Bandbreite also.

Wie sieht dein Alltag aus? Abenteuer, Party und Jetlag? Auf Reisen versuche ich immer möglichst viel Abenteuer reinzupacken, Party ist nicht so mein Ding und Jetlag finde ich unfassbar toll, wenn ich in Nordamerika oder so bin, dann seh ich immer die Sonnenaufgänge. Ich bin eigentlich jeden Monat unterwegs. Manchmal sind das kürzere Geschichten, manchmal längere. 38

Unterschiedlich. Manchmal ist es ruhig, und dann kommen wieder drei am Tag.

Gib mir einen Tipp! Wie kann auch ich es schaffen, beste internationale Reisebloggerin zu werden? Bei dir weiß ich das nicht, bei mir ist es so, dass es so einen Blog wie meinen in Deutschland nicht noch einmal gibt. Was daran liegt, dass es mich nur einmal auf der Welt gibt. Ich habe vor zweieinhalb Jahren einfach damit angefangen und mein Ding durchgezogen.

Und alle fanden es cool, und mittlerweile hast du Zehntausende Leser. Ja. Ich blick‘s heute noch nicht so ganz, was da passiert. Für mich sind das immer noch Mama, Papa und ein paar andere.


Welcher war der schönste Ort, den du bereist hast?

auch nicht mehr, weil man das Internet hat. Damals hat man aber noch ganz viel kopiert.

Das ist immer eine schwere Frage. Letztendlich gibt es diesen einen Ort nicht. Es gibt viele verschiedene Sachen. Zum Beispiel meine Mongoleireise im vergangenen Jahr war toll. Vor mir plätschert ein Bach, die Sonne geht unter, und hinter meinem Rücken rennt eine Herde Wildpferde an mir vorbei. Das war in dem Moment ein perfekter Augenblick.

Hast du also nichts wirklich Brauchbares mitgenommen?

Und wie blickst du auf Tübingen zurück? Da hat sich nichts verändert. Tübingen ist für mich immer noch die schönste Stadt Deutschlands. Wenn es eine Möglichkeit gäbe, könnte ich mir sogar. . . nee, ich glaube nicht.

Was denn? Wohnen könnte ich dort nicht mehr. Da bin ich glaube ich schon zu Berlin-verwöhnt. (lacht)

Hat dir dein Studium etwas für deinen heutigen Beruf gebracht? Nein. Eigentlich nicht direkt. Was ich im Studium gelernt habe, ist Kopieren. (lacht) Das macht man heute aber wahrscheinlich

Doch. Das Studium hat mir als Person etwas gebracht. Weil ich Sachen mitgenommen habe, die mich einfach interessiert haben und die mich dadurch weitergebracht haben. Rein persönlich. Und natürlich ist ein Studium gut, um Sachen wie Organisation zu lernen. Als Freiberuflerin sehe ich da schon Parallelen. Ich habe permanent ein schlechtes Gewissen, weil man immer noch mehr tun könnte. Feierabend gibt es keinen! Yvonne Zagermann, geboren 1979 in Rottweil, wuchs auf der Schwäbischen Alb auf. Seit mehr als drei Jahren ist sie selbstständig und arbeitet als Reisebloggerin. In Tübingen hat sie von 1998 bis 2006 Soziologie, Pädagogik, Neuere Deutsche Literatur und Empirische Kulturwissenschaft studiert. Schon während des Studiums hat sie ihr Volontariat beim Fernsehsender RTF1 gemacht. Heute wohnt sie in Berlin. www.justtravelous.com http://reiseblogger-kollektiv.com/

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Neu im Kino:

Gepflegte Langeweile

The Bling Ring – Krimi/Drama, USA, Start: 15.8.2013. Regie: Sofia Coppola. Mit: Israel Broussard, Katie Chang, Taissa Farmiga, Emma Watson u.a. (90 Minuten)

Furchtbar eintönig kann sie sein, die Glitzerwelt von Los Angeles, wenn man ein verwöhntes und wohlbehütetes Gör ist, das nichts zu tun hat, außer die Schule zu schwänzen, am Strand abzuhängen und in Szenelocations zu clubben, in denen auch Stars wie Paris Hilton und Kirsten Dunst gern gesehene Gäste sind. Rebecca, Mark und ihre Gang tun genau das – sich langweilen. Bis sie auf die Idee kommen, die vielen hübschen Villen ausgeflogener Hollywood-Stars wie eben Paris Hilton, Lindsay Lohan, Rachel Bilson oder Orlando Bloom zu besuchen und sich in Kleiderschränken oder Schmuckschatullen zu bedienen. Die Adressen? Gibt‘s im Internet. Die Schlüssel? Kein Problem: Liegen unter dem Fußabtreter. Dass es den titelgebenden Bling Ring tatsächlich gab, macht die Ausgangslage spannend. Doch Regisseurin und Drehbuchautorin Sofia Coppola hält sich ziemlich lange mit sich wiederholenden Einbruchszenen auf. In Schwung kommt der Film erst, als die Bande auffliegt. Aber vielleicht ist Coppola ja auch eine Füchsin und wollte just High-Society-Langeweile im Facebook-Zeitalter selbstentlarvend verfilmen. Es wäre ihr gelungen. (ben)

Der Durchschnittskerl Lieblingsfarbe: Blau. Lieblingsbuch: Herr der Ringe. Lieblingsspeise: Schnitzel mit Pilzsoße. Liebste Freizeitbeschäftigung: Fußball gucken. Um 23:04 Uhr im Bett, um 6:18 Uhr klingelt der Wecker, dann 24,6 Minuten im Bad. Jeden Tag 4 Stunden fernsehen, 37 Minuten lesen und 15 Minuten mit seiner Ehefrau unterhalten. 7 Minuten bis zum Höhepunkt. Das ist das „königliche“ Leben von Thomas Müller. Klingt langweilig, ist es auch. Olli Dittrich spielt den Durchschnittsbürger überzeugend und gibt ihm - wie könnte es anders sein - den nötigen humoristischen Einschlag. Als Thomas kurzerhand sein Job gekündigt wird, steht ein geheimnisvoller junger Mann vor ihm (Wanja Mues), der ihm eine neue Arbeitsstelle anbietet. Thomas ist glücklich, der Zuschauer ist amüsiert. Und erfährt immer mehr über das angeblich seriöse Jobangebot und die Machenschaften, die sich hinter dem Rücken des Durchschnittsdeutschen abspielen, als es die Hauptperson. „König von Deutschland“ macht Spaß, je weiter der Film fortschreitet, desto tiefsinniger wird er aber. Gegen Ende, wenn man sich mit Thomas freut, der rebelliert, regt er auch zum Nachdenken an. Gute Unterhaltung von David Dietl. (ci) 40

ein Film Von daVid dietl

mit Veronica Ferres, Wanja mues, Katrin BauerFeind, jonas nay und jella Haase

ZORRO FILM präsentiert eine FRISBEEFILMS produktion in koproduktion mit ZDF DaS kLEInE FERnSEhSpIEL, kaISSaR FILM und DEutSchE FILM- unD FERnSEhakaDEMIE BERLIn in zusammenarbeit mit aRtE könIg vOn DEutSchLanD" mit OLLI DIttRIch, vEROnIca FERRES, wanja MuES, jOnaS nay, katRIn BauERFEInD, StEphan gROSSMann, " LatZELSBERgER kostümbild MaRIa SchIckER szenenbild OLIvIER MEIDIngER musik FRancEScO wILkIng, patRIck REISIng jELLa haaSE, wOLFRaM kOch und hannS ZISchLER casting anja DIhRBERg schnitt ROBERt RZESacZ produktionsleitung gaBI LInS originalton MaRc MEuSIngER maskenbild jana SchuLZE, jEanEttE musikkonzept chaRLOttE gOLtERMann, tIna Funk bildgestaltung FELIx nOvO DE OLIvEIRa (Bvk) drehbuch DavID DIEtL redaktion LucaS SchMIDt (ZDF), MILEna BOnSE (ZDF), anDREaS SchREItMüLLER (aRtE), annE EvEn (ZDF/aRtE) produzenten aLExanDER BIckEnBach, ManuEL BIckEnBach, khaLED kaISSaR regie DavID DIEtL

WWW.Koenig-derFilm.de

König von Deutschland – Komödie, Deutschland, Start: 5.9.2013. Regie: David Dietl. Mit: Olli Dittrich, Veronika Ferres, Katrin Bauerfeind u.a. (101 Minuten)


Anstrengende Vision Mit „Waltz with Bashir“ war Ari Folman ein Meisterwerk gelungen. Zu brutal, um sie zu verfilmen, zeigte er seine Erlebnisse als israelischer Soldat im Libanon 1982 in einem Zeichentrickfilm. Nominiert für den Oscar, gewann der Film einen Golden Globe und den César. Am Ende des Films gelingt dem Regisseur ein Übergang der Zeichentrickszenen in reale Aufnahmen der Ermordeten des Massakers von Sabra und Schatila. Nach solch einem Erfolg steigen natürlich auch die Erwartungen an die nachfolgenden Filme. In „The Congress“ hat Folman versucht, einen Realfilm und einen Trickfilm zu mischen. Es gelingt ihm in keinster Weise. Die Idee ist gut: Schauspielerin Robin Wright bekommt das Angebot, ihren Körper scannen zu lassen. Immer wieder spielt der Film auf ihre alten Erfolge an, die Jenny aus „Forrest Gump“ und die Buttercup aus .Die Braut des Prinzen“. Doch dann, als ein Zeitsprung von 20 Jahren in den Trickfilm führt, verliert „The Congress“ jeglichen roten Faden. Was Folman mit dem Film sagen will? Man versteht es nicht mehr. Wer ihn ansehen soll? Man weiß es nicht. Fazit nach zwei Stunden Kino? Anstrengend. (ci)

Bridgit Folman Film gang und Pandora Film Präsentieren „tHe Congress“ einen ari Folman Film Basierend auF dem BuCH ”der FuturologisCHe Kongress“ von stanislaw lem mit

roBin wrigHt HarveY Keitel Jon Hamm Kodi smit-mCPHee dannY Huston sami gaYle miCHael staHl-david

Paul giamatti

and Casting deBoraH aquila Csa triCia wood Csa and erin toner Kostüm design mandi line sCriPt editor ori sivan visual eFFeCts suPervisor roiY nitzan suPervising sound editor aviv aldema musiK KomPoniert von max riCHter sCHnitt nili Feller Kamera miCHal englert ProduCtion designer david PolonsKY direCtor oF animation Yoni goodmann animation suPervisor gilles rudziaKs exeCutive ProduCer JeremiaH samuels miCHael weBer in Ko-ProduKtion mit entre CHien et louP Paul tHiltges distriButions oPus Film arP ard degeto CinemorPHiC siKHYa entertainment Canal+ Poland silesia Film Fund rtBF (Belgian televison) BelgaCom FranCe2Cinema Produzenten ari Folman reinHard Brundig und roBin wrigHt weltvertrieB tHe matCH FaCtorY BuCH und regie ari Folman PolisH Film institute Casa KaFKa PiCtures BelFius Film- und medienstiFtung nrw eurimages deutsCHer FilmFörderFonds medienBoard Berlin-BrandenBurg FilmFörderung HamBurg sCHleswig-Holstein FilmFörderungsanstalt israel Film Fund le Pôle image de liège and CinéFinanCe wallonia CaliFornia Film Comission CHannel 10 Cinéart Canal+ media Programme oF tHe euroPean union media ProduCtion guarantee Fund FinanCed BY tHe eu and tHe iFCiC Cine+ FranCe télévision tHe Film and audiovisual Centre oF wallonia Brussels Fédération tHe Belgian Federal government tax sHelter oPtimum releasing limited © 2013 Bridgit Folman Film gang, Pandora Film, entre CHien et louP, Paul tHiltges distriButions, oPus Film, arP

mit unterstützung von Film Fund luxemBourg

The Congress - Science Fiction/ Animation, Belgien, Israel u.a., Start 12.9.2013. Regie: Ari Folman. Mit: Robin Wright, Harvey Keitel, Paul Giamatti u.a. (122 Minuten)

Der Liebling der Redaktion:

Hier kommt Alex!

A Clockwork Orange – Drama, Großbritannien, Start: 23.3.1972. Regie: Stanley Kubrik. Mit: Malcolm McDowell, Patrick Magee, Michael Bates u.a. (137 Minuten)

Stanley Kubricks Film „A Clockwork Orange“ lässt sich leicht zusammenfassen: Gewalt erzeugt Gegengewalt. Doch das begreift Hauptfigur und Erzähler Alex viel zu spät. Er ist der Chef der Jugendbande Droogs. Das Leben der Jugendlichen dreht sich um Gewalt und Schlägereien. Sie genießen solche Exzesse. Doch schnell dreht sich das Blatt für den Anführer: Sein Stil ist zu autoritär, die Gruppe wendet sich gegen ihn. Er wird gefasst und kommt für 14 Jahre ins Gefängnis. Dort nimmt er an einer Aversionstherapie teil. Von nun an lösen der Anblick von Gewalt und Beethovens 9. Sinfonie, die bei den Sitzungen stets im Hintergrund läuft, starke Übelkeit in ihm aus. Kubrick ist es gelungen, einen Film über Gewalt zu drehen, der doch nie gewaltverherrlichend wird – obwohl ihm das viele vorgeworfen haben. Vielmehr ist „A Clockwork Orange“ eine Charakterstudie. Er wirft Fragen über Moral, Psychologie, Politik und die Gesellschaft auf. Dabei legt er es bewusst darauf an, auch falsch verstanden zu werden. Das liegt vor allem an Kubricks Stil, Gewalt zu zeigen: fröhlich und in Zeitlupe. (msb) 41


Mal eben kurz nach Hollywood Alexander Tuschinski hat reihenweise Skulpturen in seinen Regalen stehen. Regelmäßig reist der Indie-Filmemacher an die Westküste der USA. Und nebenbei studiert er Geschichte. Von Christian Ignatzi

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wirklich viel gebracht.“ Wenn Alex Filme dreht, ist er meistens Mädchen für alles: Regisseur, Produzent, Kameramann und Schauspieler. An lexander Tuschinski hatte sich entseinem Film „Menschenliebe“, den er wähschieden. Ein Physikstudium sollte es sein. rend des Studiums der Audiovisuellen Medien Nach dem Abi 2008 am Stuttgarter Dillmanndrehte, wirkten 44 Laienschauspieler mit, die Gymnasium würde ihn sein Weg nach Vaihingen er auch an der Universität Vaihingen in der führen, und er würde ein Leben führen voller Mensa castete. „Wenn mir ein Mensch gefalLernen, Karohemden, Computer und ohne len hat und ich dachte: der passt in den Film, Frauen. habe ich mich dazugesetzt und gefragt“, erinNein, dachte sich Alexander Tuschinski. nert er sich. Abgesagt hat keiner. „Außerdem Lieber doch nicht. Also ging er an die HDM ist das eine gute Flirtmöglichkeit“, sagt und studierte Audiovisuelle Medien. Klingt Alex und grinst verschmitzt. Er muss es wisverrückt? Vielleicht ein bisschen. Vielleicht sen. „Menschenliebe“ handelte von einem auch ein bisschen mehr, wenn man weiß, dass Physikstudenten, der keinen Erfolg bei Frauen Alex heute Geschichte und Germanistik an hat, bis ein Verführer nach der Uni Stuttgart studiert, Vorbild von Mozarts Don „weil es mich einfach Giovanni ihm hilft und mit interessiert“, wie er sagt. den besten Flirttipps aufVielleicht klingt die ganze wartet – gespielt von Alex Geschichte tatsächlich selbst. „Auf die Idee kam noch mal ein bisschen verBisher habe ich keinen ich, als ich auf einer Party rückter, wenn man außereinmal einen Studenten dem weiß, dass Alex einen Cent an Preisgeldern gesehen hatte, der erfolgHaufen von Filmpreisen zu gesehen, nur schöne los versucht hat, eine Hause hat, die er unter Frau anzubaggern“, erinanderem für seine selbst Pokale bekommen.“ nert sich Alex. „Er hat ihr komponierte Filmmusik in tatsächlich die ganze Zeit Las Vegas und Hollywood irgendwas von Computern vorgeschwafelt, abgeräumt hat. Im Regal stehen sie nicht und als sie offensichtlich gelangweilt war, hat weit von seinem eigenen Roman. Ach ja, und er das als Aufforderung verstanden, ihr noch einen Preis bekam er für sein Musikvideo mit mehr von Computern zu erzählen.“ dem Namen „Mutant-Calculator“. Alexander Eine Geschichte, die das Leben schrieb und Tuschinski ist übrigens 24 Jahre alt. Verrückt die Alex dazu verhalf, einen Film zu dregenug? Gut, dann noch mal von vorne. hen, der mehrfach auf Festivals in den USA „Eigentlich war ich mir immer sicher, dass ausgezeichnet wurde. Ob er sich davon das ich Physik studieren würde“, erinnert sich Zweitstudium finanziert? Alex lacht. „Bisher Alex. „Während der Abizeit habe ich dann habe ich keinen Cent an Preisgeldern gesegemerkt, dass ich Filme gut finde, und mich hen. Ich habe nur schöne Pokale bekommen.“ dann spontan umentschieden.“ Ideen für Auch die Flüge nach Kalifornien und Nevada Filme habe er immer schon gehabt. „Das hat musste der Stuttgarter immer selbst bezahja eigentlich jeder mal“, glaubt er. Alex war len. Billig ist das nicht. Und trotzdem hat er noch im Gymnasium, als er seinen ersten Film es nicht bereut. Das Hollywood-Flair hat er mit dem vielversprechenden Namen „Killerjedenfalls genossen. „Man kann dort so viele Eichhörnchen“ drehte. interessante Menschen kennenlernen, und ich Schnell merkte der Jungregisseur, dass die habe viele Freunde in den Vereinigten Staaten Entscheidung für das Medienstudium die richgefunden“, erzählt Alex. An einem Festivaltag tige für ihn war. „Das war wirklich cool, weil wird er schon einmal 200 Visitenkarten los. man sich an der HDM spezialisieren kann. In Ob er auch schon Stars auf dem roten Teppich drei Jahren habe ich wirklich viel gelernt.“ getroffen hat? „Einmal hat mich jemand zu Vor allem lernte er, mit technischen sich in sein Tonstudio eingeladen, weil wir Hilfsmitteln umzugehen. Kamera- und uns auf einer Party gut verstanden haben. Lichttechnik, Schnitt. „Das Studium hat mir

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So sieht ein Release der 4ten Etage aus: Ding mit Knöppen.

Wie sich dann rausgestellt hat, war er der Produzent und Komponist der Filmmusik zu ,The Hills Have Eyes‘“, erinnert sich Alex. „Nie vergessen werde ich außerdem, dass mein Film „Menschenliebe“ auf einem Festival in Hollywood den Preis als Best-ComedyFilm gewonnen hat und mit Woody-AllenFilmen verglichen worden ist“, sagt Alex, dessen Filme fast ohne Budet entstehen. „In ,Menschenliebe‘ habe ich 8000 Euro gesteckt, also meine ganzen Ersparnisse.“ Ansonsten kamen keine Kosten auf ihn zu. Freizeit um Geld auszugeben, hatte er ja nicht, wie er sagt. Die Schauspieler spielen ehrenamtlich, Kosten hatte er fast nur für das geliehene Equipment wie Kameras oder Lichttechnik.

Nach drei Jahren hat Alex sein neuestes Werk fertiggestellt Doch warum sind Low-Budget-Filme bei Festivals so erfolgreich? „Wahrscheinlich wol44

len die dort einfach etwas sehen, was nichts mit Mainstream zu tun hat“, glaubt Alex. Nach vielen Preisen und drei Jahren Dreharbeit hat Alex nun sein neuestes Werk, „Break-Up“, fertiggestellt. „Ich hoffe, dass er auf vielen Festivals laufen wird und sich vielleicht mal ein Produzent meldet.“ Für die Filmmusik hat der Klavier-, Keyboard- und Akkordeonspieler wieder einmal selbst Songs geschrieben. Seit dem Wintersemester 2011 studiert Multitalent Alex nun auch noch Geschichte und Germanistik an der Universität Stuttgart. „Geschichte hat mich schon immer interessiert, und nach meinem Studium der Audiovisuellen Medien dachte ich mir: Jetzt habe ich mal Lust auf Geschichte.“ Gesagt, getan. Nun hofft er, dass sein neuer Film einschlägt. „Ich mag den Gedanken, weiter Filme zu machen“, sagt er. Am liebsten würde er als Regisseur sein Geld verdienen. Wenn es klappt: hervorragend. Wenn nicht – wer weiß? Vielleicht studiert er dann einfach noch einmal etwas anderes? Alexander Tuschinski ist immer für eine Überraschung gut.


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Aha-Effekte im Hörsaal Gert Denninger ist Physikprofessor in Stuttgart. Sein Spezialgebiet: Experimente. Für den Fernsehsender des Vereins Deutscher Ingenieure erklärt er physikalische Phänomene. Damit will er für sein Fach werben. Von Markus Brinkmann

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Stellen. „Es gibt viele Physiklehrer, die die Faszination des Fachs nicht richtig rüberbringen können.“ Außerdem übten immer hysik erlebt gerade so etwas wie öfter auch die Eltern Druck auf Schulen aus. einen Run – allerdings nur in der Theorie. „In Physik und Mathe bringen die Kinder Die Hauptfigur der Fernsehserie „The Big oft schlechte Noten mit nach Hause“, sagt Bang Theory“, Leonard Hofstetter, ist Denninger. „Deshalb fordern viele Eltern, Experimentalphysiker. Mit seinen Freunden dass diese Fächer langsam abgeschafft oder Sheldon Cooper, Howard Wolowitz und zumindest gegen einfachere ersetzt werden.“ Raj Koothrappali diskutiert Leonard in der Dass das nicht immer eine gute Idee ist, zeigt Fernsehserie immer mal wieder Schwarze sich dann im Studentenleben. Der Unterricht Löcher oder den Magnetismus der Erde. In an der Schule bildet für viele Ingenieure die einer Folge beschießen die vier Freunde Grundlage für ihr Studium. Zwar wird im ersten und Wissenschaftler sogar den Mond mit Semester noch einmal eine Physik-Vorlesung einem Laserstrahl, um die Entfernung des angeboten. „Doch sie ist nur dazu da, dass alle Erdtrabanten zu bemessen. Doch während Studenten auf dem gleichen Stand sind“, sagt viele Schüler und Studenten die Fernsehserie, der Experimentalphysiker. Weil aber auch in deren neue Folgen in Deutschland vom den Ingenieurwissenschaften das Forschen an 26. August an immer montags um 21.45 Uhr Grundlagen immer wichtiger wird, müssen die auf Pro 7 zu sehen sind, mit Begeisterung Studenten sich auch in der Physik immer besverfolgen, ist das Interesse am Studienfach ser auskennen. „Unsere Physik in Wahrheit nicht angeIngenieure sollen stiegen. Produkte auf globalem Deshalb hat sich Gert Spitzenniveau entwiDenninger dazu entschlossen, ckeln“, sagt Denninger. das zu ändern. Der Professor für Experimentalphysik an der Es gibt viele Physiklehrer, Davon würde schließlich unsere Wirtschaft Uni Stuttgart ist begeistert von die die Faszination des profitieren. „Doch dazu seinem Fach. „Wir sind die, die Fachs nicht richtig rüber- benötigen sie Kenntnisse mit Experimenten versuchen, von Gebieten, die eher die Welt zu erklären. Ganz im bringen können.“ in der Physik beheimaGegensatz zu den theoretitet sind.“ Das zeige, schen Physikern.“ Die bekanndass sie die Grundlage des Wohlstandes in teste Entwicklung der Experimentalphysik ist Deutschland sei. die Kernspintomografie. „Deshalb müssen diese Grundlagen Wenn Gert Denninger über Physik spricht, bereits in der Schule richtig gelernt werleuchten seine Augen – der Professor ist in den“, sagt Denninger. Dafür gibt es zwei seinem Element. Er spricht darüber, wie unterschiedliche Wege: Zum Einen müsswichtig die Physik für Maschinenbauer, Luftten gute Lehrer ausgebildet werden. „Da und Raumfahrttechniker oder Fahrzeug- und sind wir, denke ich, auf einem guten Weg.“ Maschinenbauer ist. Doch das Interesse der Es müsse gelingen, dass die Begeisterung Schüler für dieses Fach hält sich in Grenzen. für Naturwissenschaften und Technik die Ingenieurwissenschaften finden einen viel Schulzeit überlebe. Selbstverständlich sei größeren Zuspruch als Physik. ihm bewusst, dass Schüler heute ganz andere „Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass Interessen und Möglichkeiten hätten. „Aber bestimmte Wissenschaftsfächer, und die Kinder haben nie von Anfang an Desinteresse Physik gehört dazu, nicht unter den Tisch an etwas, das wird ihnen anerzogen“, sagt fallen“, sagt Denninger. „Physik gilt als spröde der Professor. „Und das nicht nur durch und schwer, solche Fächer werden schleichend schlechte Lehrer.“ Daran sei auch die Reform aufgegeben und in der Schule durch Fächer der Oberstufe schuld, durch die Schüler wie naturwissenschaftliche Phänomene oder immer weniger Zeit für die einzelnen Fächer Naturwissenschaft und Technik ersetzt.“ hätten. Außerdem müssten Professoren heute Die Schuld sieht der Professor an mehreren 47


Physikheld im Fernsehen: Sheldon Cooper aus „The Big Bang Theory“. sehr kreativ sein und sich immer wieder neue Ideen einfallen lassen. Damit Schüler und Studenten nicht nach kurzer Zeit das Interesse an den Naturwissenschaften verlieren, hat sich Denninger nicht lange bitten lassen, als der Verband Deutscher Ingenieure (VDI) vor knapp einem Jahr mit der Idee einer eigenen Fernsehsendung auf ihn zugekommen ist. „Wir brauchen zusätzliche Maßnahmen, um Kindern zu zeigen, wie interessant unser Fach ist“, das war für Denninger klar. Und eine Fernsehsendung, die physikalische Phänomene anschaulich erklärt, ist für den Professor ein Baustein auf diesem Weg.

Von der Fata Morgana bis zur Wärmekamera Zum mittlerweile zehnten Mal erklärt der Professor auf dem Internetportal des TV-Senders tectv in knappen acht Minuten leicht verständlich, wie physikalische Phänomene funktionieren. Dazu gehören bei48

spielsweise die Themen LED-Lampe, Fata Morgana oder auch der Schall. In seinem neuesten Video erklärt Denninger, was eine Wärmekamera macht und wie sie funktioniert. Jede Folge läuft nach einem bestimmten Muster ab. Denninger steht in den Videos immer im großen Hörsaal der Physik. Neben ihm ein Flipchart. In den ersten zwei Minuten führt der Professor in das Thema ein, um dann auf die Grundlagen einzugehen. Wie erzeugt eine LED-Lampe Licht? Was steckt dahinter? Und was ist der Vorteil einer LED-Lampe? Dann folgen ein oder zwei Experimente – schließlich ist Denninger Experimentalphysiker. Wie bricht sich ein Laserlicht in Zuckerwasser? Wie haben die alten Glühbirnen funktioniert? Manchmal schafft er auch eine Fata Morgana im Hörsaal. „Zum Teil überlege ich mir die Experimente extra für die Sendung, schließlich müssen sie auch didaktisch in das Konzept und zum Thema passen.“ Denninger hat für alles eine Idee. Doch das Format stellt den Professor vor ein anderes Problem: „Die Sendezeit ist ziemlich


begrenzt.“ In einer Vorlesung habe er ein ganzes Semester Zeit, seinen Stoff genau zu erklären. Im Fernsehen sei das anders. „Die physikalischen Grundlagen in einer Minute: Das klingt nur dann mühelos, wenn es perfekt durchdacht ist“, sagt Denninger. Dazu hat er sich sogenannte Sudelbücher zugelegt. Einfache DIN-A4-Hefte, in denen der Professor zwischen den Sendungen immer dann seine Ideen aufschreibt, wenn er sie hat. Darin steht, welche Experimente er in der Sendung machen könnte, viel Hintergrundwissen zu den Themen und auch die passenden Zitate. Beim Dreh nutzt Denninger diese Notizen jedoch nicht mehr. Die ganze Zeit über redet der Professor in den Videos frei. „Ich muss das nicht auswendig lernen“, sagt er. „Aber so lange frei zu sprechen erfordert eine starke Konzentration.“ Er sei es allerdings gewohnt: „Ich halte auch die Einführungsvorlesung in Physik“, sagt Denninger. „Da muss man schon mal vor 1000 Leuten reden.“ Kein Problem also. Zwar habe er manchmal noch Lampenfieber. „Aber das habe ich unter Kontrolle, es beflügelt mich eher.“ Die drei Teile – Einleitung, Erklärung der Grundlagen sowie die Experimente – werden jeweils dreimal gedreht. „Im Regelfall müssen die einzelnen Szenen dann auch nicht mehr geschnitten werden.“ Ausgesucht wird dann die beste Version. „Es kann also passieren, dass wir den ersten Dreh der Einleitung, den dritten der Grundlagen und den zweiten der Experimente nehmen“, sagt Denninger.

Auftritt in der Liederhalle mit Ranga Yogeshwar Dabei sind öffentliche Auftritte für Denninger längst keine Besonderheit mehr. Bei einer Großveranstaltung unter dem Titel „Highlights der Physik“ stand er vor ein paar Jahren in der Liederhalle gemeinsam mit Ranga Yogeshwar vor 4000 Zuhörern. Dazu berät er ab und an das Team der Fernsehsendung „Galileo“ bei bestimmten physikalischen Problemen. „Aber einen Job im Fernsehen strebe ich deshalb sicher nicht an“, sagt der Professor und grinst.Die Fähigkeit, physikalische Phänomene

möglichst einfach zu vermitteln, hat sich Denninger in seinen Vorlesungen angeeignet. Die Experimente sollen anschaulich zeigen, was der Professor untersuchen will. „In den Vorlesungen Experimentalphysik I und II habe ich gelernt, das alles auf ein Niveau herunterzubrechen, dass es auch Anfänger verstehen können.“ Ab und an mache er auch Showexperimente an Schulen. „Ich lege Experimente didaktisch so an, damit sie den Schülern Spaß machen und sie auch noch dabei etwas mitnehmen.“

Extraprogramm soll Schüler fürs Fach begeistern Auch das ist für Denninger ein Weg, das Interesse am Fach weiter zu steigern. Doch das reicht längst nicht aus. Das Institut für Physik bietet während der Vorlesungszeit eine Vortragsreihe unter dem Motto „Physik, die Wissen schafft“ an. Dabei erklären Professoren Phänomene. Für das kommende Jahr stehen die Themenbereiche jedoch noch nicht fest. Im Schülerlabor lautet das Motto „Physik zum Anfassen“ beim „Spiel der Kräfte“. Lehrer können sich dazu im Internet anmelden. Außerdem bietet das Institut an, dass entweder die Professoren zu einem Besuch in die Schule oder einzelne Klassen zu einem Besuch an die Uni kommen. „Dazu haben wir uns extra ein kleines Programm für die Schüler ausgedacht“, erklärt Denninger. „Mir ist klar, dass jede einzelne Maßnahme nichts verändern kann“, glaubt er. „Aber alles zusammen bewirkt hoffentlich etwas.“ So wie die Beiträge bei tectv.

Homepage des Fernsehsenders tectv: http://www.tectv.de Homepage des zweiten physikalischen Instituts: http://www.pi2.uni-stuttgart.de Homepage der Physik: http://www.physik.uni-stuttgart.de

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Die Helden von Kasan Ein Hauch von Olympia: Zum 27. Mal fand im Juli die Sommer-Universiade statt. Im russischen Kasan k채mpften auch Sportler aus der Region um Medaillen. Und das erfolgreich. Von Ben Schieler

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umindest dem Prinzip nach ist die alle zwei Jahre stattfindende Universiade so etwas wie die Olympischen Spiele für Studenten. Knapp 11.800 Sportler samt Betreuer aus 159 Ländern kämpften im Juli zehn Tage lang im russischen Kasan in 27 Sportarten um Medaillen. Zum Team des Allgemeinen Deutschen Hochschulsports (adh) zählten 141 akademische Spitzensportler, die mit 19 Medaillen zurückkehrten. Nur 2007 in Belgrad waren sie noch erfolgreicher gewesen. Einen nicht unerheblichen Anteil daran hatten Athleten aus Stuttgart und Tübingen. Vier von ihnen ziehen im Käpsele Bilanz und erklären, wie sie Sport und Studium unter einen Hut bringen.

Chantal Laboureur, einmal Bronze im Beachvolleyball Natürlich ist auch Chantal Laboureur in der Halle groß geworden. Und natürlich spielt sie

im Winter auch dort Volleyball – bei Allianz MTV Stuttgart in der Zweiten Bundesliga. Doch ihre Leidenschaft gehört dem Beachen, erst im Sand blüht die 23-Jährige so richtig auf. Gemeinsam mit ihrer Partnerin Julia Sude träumt Laboureur von Olympia 2016 in Rio. Die Universiade kam da als Vorgeschmack ganz recht. Und nach dem gewonnenen Bronzemedaillen-Duell über die Kanadierinnen Melissa Humana-Paredes und Taylor Pischke schwärmte Chantal Laboureur von der Stimmung auf den Rängen. „Fast das komplette deutsche Haus hat uns unterstützt. Das war der Hammer.“ Ein Jahr nach ihrer Bronzemedaille bei der Studenten-Weltmeisterschaft in Brasilien, damals noch mit Anni Schumacher, hat Laboureur erneut bei einem ihrer Saisonhöhepunkte geglänzt. Der Aufwand, den sie für ihre Leidenschaft betreibt, ist riesig. Trainiert wird ein- bis zweimal am Tag, im Sommer sind Julia Sude und sie praktisch ständig unterwegs. Alle eineinhalb Monate gibt es mal ein Wochenende, an dem sie nicht auf einem Turnier spielt. Ans Studium ist in der Zeit nicht zu denken, erst recht nicht an ein Medizinstudium. Die Uni Tübingen ermöglicht ihr den Spagat. Kurse, die sie im Sommer verpasst, kann sie im Winter nachholen, wenn das Kraft-, Athletik- und Techniktraining sie zwar ebenfalls stark beanspruchen, sie aber immerhin vor Ort ist. „Das Opfer, durch meinen Sport länger fürs Studium zu brauchen, muss ich bringen“, sagt sie. Die Uni aber sei „mehr Ausgleich als Belastung“.

Timm Haase, einmal Bronze im Hockey Im Bronzemedaillen-Match zwischen Malaysia und Deutschland sind knapp 58 Minuten gespielt, es ist ein hart umkämpftes Spiel, und die Deutschen sind am Drücker. Gerade haben sie das 2:2 erzielt, nun rennen sie weiter auf den malaiischen Keeper Mohamad Ahmad Sobri zu. Plötzlich fliegt ein Rebound Timm Haase vor die Füße – und der Student der technisch orientierten Betriebswirtschaftslehre an der 51


Philipp Grosser, einmal Bronze im Hockey

Uni Stuttgart reagiert schnell, schleudert den Ball ins Tor. „Einen solch umjubelten Treffer habe ich noch nicht erzielt“, erinnert sich der 21-Jährige später. „Es war unfassbar.“ Am Ende heißt es 4:3, und an den Hälsen der Deutschen baumelt Edelmetall, auch dank Haases zweitem Treffer im Turnier. „Die Universiade war mein bisher tollstes Sporterlebnis“, sagt er, doch das liegt nicht am Erfolg allein. Schon die Eröffnungsfeier mit 50.000 Zuschauern beschert ihm eine unvergessliche Gänsehaut, die folgenden Tage sind eine Mischung aus Konzentration und Party. „In der deutschen Delegation waren wir berüchtigt, weil wir viele Wettkämpfe besucht und überall Stimmung gemacht haben.“ Inzwischen ist Haase, der mit dem HTC Stuttgarter Kickers in der Zweiten Bundesliga spielt, wieder im Alltag angekommen. Trainiert wird praktisch täglich, entweder mit der Mannschaft oder individuell, egal ob in den Semesterferien oder in der Prüfungszeit. „Man muss seinen eigenen Rhythmus finden, dann geht das.“ Das Ziel ist bereits definiert. Es lautet Wiederaufstieg in die Bundesliga.

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Mit seinen 28 Jahren war Timm Haases Mannschaftskollege von den Kickers in Kasan der Opa der Truppe. Sein Studium der Audiovisuellen Medien an der Stuttgarter Hochschule der Medien ist bereits sein zweites, eine Ergänzung zum Medizinstudium, das er an der Uni Düsseldorf abschloss. Und nicht nur Grossers Hochschulkarriere dauert nun bereits einige Jahre an, auch in seiner sportlichen hat er schon einiges erlebt, unter anderem den Gewinn des Europokals der Landesmeister 2007 mit dem Crefelder HTC. Die Multisportveranstaltung Universiade war aber auch für ihn etwas Besonderes: „Es hat mir super gefallen.“ Allein: So richtig zufrieden war Grosser mit Platz drei nicht, die Niederlage im entscheidenden Gruppenspiel gegen den späteren Zweitplatzierten Frankreich fuchst ihn. „Wenn wir in der Partie alle an unser Maximum gegangen wären, hätten wir gewonnen.“ Und das will was heißen gegen


die mit einigen A-Nationalspielern bestückten Franzosen. Die Bronzemedaille und die „supergute Stimmung“ bei der Feier danach waren für Grosser aber ein Trost. Wie Teamkollege Haase muss auch er jonglieren, um Training, Studium und Nebenjob unter einen Hut zu bringen. „Ein gewisses Zeitmanagement ist nötig“, sagte er. Im Medizinstudium sei das durch die Bundesliga-Belastung aber noch schwieriger gewesen. Und Grosser glaubt auch: „Ein Individualsportler wie ein Turner kann über den Aufwand, den ich betreiben muss, nur lachen.“

Zeit intensiver zu nutzen. Im Herbst stehen die Weltmeisterschaften an. Es gilt, sich darauf vorzubereiten. Der Auftritt Hills bei der Universiade war für sie ein Sprung ins Unbekannte. „Ich bin dort ohne große Erwartungen hingefahren“, sagt sie. Kurz vorher hatte sie noch eine Prüfung schreiben müssen, direkt danach eine weitere. Vor Ort aber zählten nur der Sport und das Erlebnis. Und ihr Urteil fällt ziemlich eindeutig aus: „Es war gigantisch.“ Das könnte auch an den beiden Mitbringseln liegen. Sowohl am Stufenbarren als auch im Wettkampf mit der Mannschaft holte LisaKatharina Hill Bronze, im Einzel-Mehrkampf kam ein beachtlicher fünfter Platz hinzu. Hier holte Hills Stuttgarter Trainingskollegin, die Olympia-Teilnehmerin von London 2012, Kim Bui, Bronze. Zwar sei das Niveau der Universiade nicht mit Olympia oder einer WM vergleichbar, weil viele Topturnerinnen weltweit schlicht zu jung sind für ein Studium. Weltklasse-Nationen wie China oder Rumänien fehlten im Teilnehmerfeld fast komplett. Die Freude über ihre Erfolge trübt das aber natürlich nicht. „Es war schon ziemlich cool in Kasan.“

Lisa-Katharina Hill, zweimal Bronze im Turnen Zu Schulzeiten trainierte Lisa-Katharina Hill neun- bis zehnmal wöchentlich in Einheiten von zweieinhalb Stunden. Seit diesem Jahr ist das nicht mehr möglich, das erste Semester im Studium der Medienwirtschaft an der Hochschule der Medien forderte seinen Tribut, etwa durch zehn Stunden Veranstaltungen am Mittwoch. Für die 21-jährige Nationalmannschaftsturnerin bedeutet das vor allem eines: die wenige 53


Licht und Schatten an der Seine


Der Stuttgarter Musikhochsch端ler Frederik Koos verbrachte ein Jahr in Paris. Nun sieht er die Welt mit anderen Augen. Von Ben Schieler


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ie Leere kam nach der Zwischenprüfung. Frederik Koos hatte eine Hürde genommen, die nächste offizielle sollte noch ein wenig auf sich warten lassen. Also schuf er sich eine eigene. Ein Ziel, das ihn zwang, am Ball zu bleiben, sich kontinuierlich reinzuhängen, wie es sich für einen Studenten des Bachelor of Music an der Musikhochschule Stuttgart gehört. „Unter Druck“, sagt Koos, „bin ich produktiver.“ Er bewarb sich für ein ErasmusJahr in Paris, Manchester und Oslo, paukte für die Probeaufnahmen auf seiner Bratsche Stücke von Brahms, Hoffmeister und Milhaud – und ergatterte sich einen Platz am renommierten Conservatoire National SupérieurDe Musique Et De Danse De Paris. Im Juli kehrte der 24-Jährige nach zehn Monaten in der französischen Hauptstadt zurück, mit gemischten Gefühlen, aber einem klaren Fazit: „Es war eine gute Erfahrung.“ Eigentlich ist Frederik Koos kein Großstadtmensch. Geboren wurde er in Pforzheim, wuchs dann im badischen Karlsbad auf, bevor es ihn zum Studium nach Stuttgart trieb. Dort gefällt es ihm, sowohl in der Stadt als auch an der Musikhochschule. Ein wenig jedoch vermisst er die Vielfalt im Nachtleben, trauert den Locations nach, die Stuttgart 21 zum Opfer gefallen sind oder andere Tode starben, ärgert sich schon jetzt darüber, dass auch die charmante Interimsnutzung des Wilhelmspalais bald Geschichte sein wird, ist genervt von der Monokultur auf der Theo. Mit Paris, das wusste er schon vorher, kann Stuttgart nicht mithalten. Vor Ort fand er Bestätigung. „Es war das erste Mal, dass ich über längere Zeit in einer richtigen Weltmetropole war.“ Nicht umsonst hat die Stadt an der Seine seit jeher eine große Anziehungskraft auf Kunst- und Kulturschaffende. In Notre Dame de Paris konnte sich Frederik Koos als Beteiligter eines Konzerts des Hochschulorchesters vom unheimlichen Hall in der Kathedrale überzeugen – und sah fasziniert dabei zu, wie sich während den Proben die Kirche innerhalb von einer Viertelstunde mit Schaulustigen füllte. Am Ufer des Flusses oder abends unterm Eiffelturm zu sitzen hat er genossen, die Atmosphäre des 19. und des 20. Arrondissement im Nordosten der Stadt hat ihn bezaubert. 56

Selbst kam er im 17. Verwaltungsbezirk unter. In der Straße Boulevard du Bois le Prêtre, nahe der Metrostation Porte de Saint-Ouen, fand er zum vergleichsweise günstigen Preis von 450 Euro monatlich ein Zimmer, in dem er leben und üben konnte. Und diese Übung war nötig, denn das Conservatoire zieht die Besten an. „Man lernt sehr viel in diesem Umfeld. Aber es ist nicht einfach, sich zu behaupten“, sagt Koos. Zumal der elitäre Charakter auf so manchen Studenten abfärbt. Die Erasmus-Studenten, in seiner Zeit an der Hochschule waren es rund 50 an der Zahl, standen schnell als Musiker zweiter Klasse da. Die Franzosen hätten ihn und die anderen Ausländer mit einer gewissen Arroganz beäugt, das Gefühl vermittelt, „dass wir nicht so gut sind wie sie“. Koos, der eigentlich auch deswegen nach Paris ging, weil er die Sprache lernen wollte, fand sich in einem Kreis von Englischsprechenden wieder, einem Kreis immerhin, der ihn empfänglicher machte für neue Musik und ihn mit vielen Nationalitäten zusammenbrachte. So entstanden Freundschaften, etwa zu einem Finnen, einem Esten und einer Polin, mit denen er per Auto in Richtung Normandie düste. „Da sah man erst so richtig, wie schön das Land ist“, sagt er. „Es ist kein Wunder, dass so viele Pariser am Wochenende die Stadt verlassen.“

Bürokratie pur: Selbstbestimmung ist ein Fremdwort Positives und Negatives lagen aber nicht nur am Conservatoire nah beieinander, das es seinen Erzählungen zufolge in Sachen Bürokratie locker mit einer deutschen Agentur für Arbeit aufnehmen kann: Selbstbestimmung ist ein Fremdwort, in Veranstaltungen herrscht Anwesenheitspflicht, die Hochschule hat mehr administrativ verantwortliche Angestellte als Lehrende. Auch in Paris selbst gebe es gleichermaßen viel Licht und Schatten. Sehr anstrengend sei die Stadt mit ihren immer vollen Metros, grüne Oasen der Entspannung seien Mangelware, und vor allem in der Peripherie, in der Koos häufig unterwegs war, sei das Leben teilweise sehr rau. „Viele Menschen kämpfen dort finanziell ums Überleben.“


Vor-Ort-Erfahrungen mit den berüchtigten Banlieues, den Vorstädten und sozialen Brennpunkten, in denen sich der Frust überwiegend junger Menschen über Perspektivlosigkeit im Herbst 2005 in wochenlangen gewalttätigen Unruhen und Straßenschlachten mit der Polizei Bahn brach, hat Koos nicht gemacht. Wohl aber hat ihn die Nachbarschaft zu den Brennpunkten von damals Demut gelehrt, genau wie die permanente Konfrontation mit Obdachlosigkeit. „Damit muss man klarkommen“, sagt der 24-Jährige, für den Deutschland deutlich besser dasteht als der westliche Nachbar. „Auch in Berlin gibt es dunkle Ecken. Aber im Vergleich zu Paris ist das eine andere Welt.“ Umso genervter reagiert der Musikhochschüler, wenn er mit einem deutschen Jammern über „die Krise“ konfrontiert wird, die herhalten muss als Begründung für vielerlei Einsparungen. Koos fragt: „Geht es uns in Deutschland eigentlich wirklich schlechter als noch vor zehn oder zwanzig Jahren?“ Und er sagt: „Kultur war in Deutschland schon immer ein gewisser Luxus und nie besonders wirtschaftlich. Aber sie

ist es trotzdem wert, erhalten zu werden.“ Stattdessen nähren viele Ausgabenkürzungen seinen Unmut und den seiner Kommilitonen. In Baden-Württembergs Musikhochschulen laufen seit Ende des Sommersemesters Proteste gegen Umstrukturierungspläne des Wissenschaftsministeriums, die für Stuttgart unter anderem einen Wegfall des Studiengangs Jazz/Pop vorsehen, der in Mannheim zentralisiert werden soll. Zudem drücken Zusammenlegungen von Sinfonieorchestern und Gerüchte über die Auflösung weiterer Ensembles auf die Stimmung. Da könne er froh sein, Bratsche zu spielen und nicht zum Beispiel das Cello oder die Geige. Die Jobperspektiven für ihn sind auf einem schwierigen Markt noch mit am besten. Große Atempausen nach seiner Rückkehr aus dem Erasmus-Jahr hat sich Frederik Koos trotzdem nicht leisten können, auch nicht während der Sommerhitze, in der das Proben noch ein Stück schwerer fällt. Im September nimmt er an einem Meisterkurs in Hamburg teil, im Oktober folgen die nächsten Probespiele. Paris war gestern, das Leben geht weiter.

Zurück in Stuttgart: Frederik Koos vor der Oper.

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Zurück ins Leben! Weltweit leiden Kinder unter den Folgen von Naturkatastrophen, Kriegen und Ausbeutung. Sie bleiben mit unbewältigten Erfahrungen von Gewalt und Verlust zurück. Um ihr Trauma zu verarbeiten, benötigen sie dringend Hilfe. Unser Stiftungsfonds »Hilfe für traumatisierte Kinder« wird mit seinen Erträgen über Jahrzehnte Traumahilfe fördern. Helfen Sie mit! Helfen Sie Kindern aus Krisen zurück ins Leben – mit einer Zustiftung oder einer Einzelstiftung in den Stiftungsfonds. Bitte sprechen Sie uns an.

Stifterbetreuung: Telefon 0541 /7101-155 / -193 stiftung@tdh.de www.tdh-stiftung.de Gemeinschaftsstiftung terre des hommes Ruppenkampstr. 11a 49084 Osnabrück


Termine

STUTTGART PARTY

KONZERTE

KULTUR

KOMME WAS WOLLE Donnerstag, 15.08. 18 Uhr Club Zollamt

FACE TO FACE Donnerstag, 15.08. 20 Uhr Keller Klub

EIN BETT FÜR VIER Donnerstag, 15.08. 20 Uhr Theaterschiff

TRAUMRAUM Samstag, 17.08. 15 Uhr Waranga

SLIM CERVANTES & THE WILD ONES Donnerstag, 15.08. 20 Uhr Gloria-Passage

WONDER-BAR Samstag, 17.08. 20 Uhr Theaterhaus

ROSENBERG ODER TAL XXXL Mittwoch, 21.08. 20 Uhr Perkins Park

CRIZ Samstag, 17.08. 19 Uhr Boots Westernbar

HIER FLIESST DER NECKAR IN DIE SEINE Dienstag, 20.08. 20 Uhr Theaterschiff

LAUTSTARK PARTY Samstag, 24.08. 23 Uhr Keller Klub

METALFEST Freitag, 23.08. 18 Uhr LKA Longhorn

ROLL AGENTS Mittwoch, 21.08. 20 Uhr Renitenztheater

KELLER MIXTAPE Mittwoch, 28.08. 23 Uhr Keller Klub

EELS Dienstag, 27.08. 20 Uhr Theaterhaus

THE BATTLE OF BACH Samstag, 31. 08. 20 Uhr Theaterhaus

DANCEFLOOR CLEANING SYSTEM Samstag, 31.08. 23 Uhr Keller Klub

DIETER THOMAS KUHN Donnerstag, 29.08. 19.30 Uhr Freilichtbühne Killesberg

TANZTHEATER Dienstag, 03.09. 20 Uhr Theaterhaus

HOLIDAY SUMMER SESSION Mittwoch, 04.09. 19 Uhr Penthouse

ASIA Sonntag, 01.09. 20 Uhr LKA Longhorn

FLUCHEND IN DIE KARIBIK Dienstag, 03.09. 20 Uhr Theaterschiff

DERBE KERBE Freitag, 06.09. 23 Uhr Club Schräglage

THE LIVING END Mittwoch, 04.09. 20 Uhr Universum

MAYUMANA Freitag, 06.09. 20 Uhr Theaterhaus

PUMP UP THE JAM Freitag, 13.09. 23 Uhr Club Schräglage

MUSO Donnerstag, 05.09. 20 Uhr Rocker 33

THEATERDINNER Samstag, 07.09. 20 Uhr Der Zauberlehrling

SCHWOOF Freitag, 13.09. 21 Uhr Cassiopeia

MERCENARY & OMNIUM GATHERUM Samstag, 14.09. 20 Uhr Club Zentral

SONG SLAM Sonntag, 08.09. 20 Uhr Keller Klub

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Termine

TÜBINGEN PARTY

KONZERTE

KULTUR

REGGAE & DANCEHALL DANCE NIGHT Samstag, 10.08. 23 Uhr Africa

SARAH LESCH Donnerstag, 15.08. 20 Uhr Sudhaus

WAS KOSTET DIE WELT? Mittwoch, 18.09. 20 Uhr Zimmertheater

DRUM UND BASS Freitag, 16.08. 22 Uhr Bierkeller

OPEN AIR Samstag, 17.08. 20 Uhr Sudhaus

HOMO FABER Donnerstag, 19.09. 20 Uhr Zimmertheater

VOLLMONDTANZ Samstag, 24.08. 22 Uhr Sudhaus

BANDANA TRASH FEST Samstag, 31.08. 20 Uhr Epplehaus

DINNER IN DER LTT KOMBÜSE Samstag, 21.09. 19 Uhr LTT

ZEITGEIST Sonntag, 01.09. 21 Uhr Bierkelle

LIEBESSEHNSUCHT Samstag, 24.08. 19 Uhr Kloster Bebenhausen

THEATERSPORT Sonntag, 22.09. 18 Uhr LTT

Termine

LUDWIGSBURG PARTY

KONZERTE

KULTUR

THANK GOD IT‘S HOLIDAY Samstag, 17.08. 21 Uhr Rockfabrik

DAVID HANSELMANN Samstag, 17.08. 22 Uhr Uferstüble

MOMO Donnerstag, 15.08. 10 Uhr Cluss-Garten

THIS IS DEUTSCH Samstag, 24.08. 21 Uhr Rockfabrik

COBY GRANT Freitag, 06.09. 20 Uhr Die Luke

EINE MITTSOMMERNACHTS SEXKOMÖDIE Samstag, 17.08. 19.30 Uhr Freilichtbühne

PLATIN PARTY Samstag, 07.09. 21 Uhr Ratskeller

PRETTY MAIDS Mittwoch, 11.09. 20 Uhr Rockfabrik

MOMO Sonntag, 01.09. 15 Uhr Freilichtbühne

SALSA PARTY Sonntag, 08.09. 20 Uhr Die Luke

THE TAPAS Samstag, 14.09. 20.30 Uhr Die Luke

DES TUT WEH Samstag 07.09. 20.30 Uhr Die Luke

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ESSLINGEN PARTY

KONZERTE

KULTUR

FINGER & KADEL Samstag, 24.08. 21 Uhr One

BURN IT DOWN FESTIVAL Freitag, 13.09. 20 Uhr Komma

COCONUT ISLAND Donnerstag, 15.08. 20 Uhr Zelt in der Maille

DIESEL SALSA PARTY Montag, 26.08. 21 Uhr Dieselstraße

ARSTIDIR Samstag, 14.09. 20.30 Uhr Dieselstraße

THEATERFEST Samstag, 07.09. 20 Uhr Schauspielhaus

FRAUENDISCO Samtag, 07.09. 22 Uhr Dieselstraße

MOM‘S DAY Samstag, 28.09. 20 Uhr S*Cobar

MATINEE Sonntag, 22.09. 11 Uhr Schauspielhaus

Achtung Verlosung! Heiß auf Eis? Passend zum Hochsommer verlosen wir Eis zum Dahinschmelzen. In Kooperation mit dem Café Kaiserbau am Stuttgarter Marienplatz kühlen wir euch ab. Einfach eine Mail oder eine Facebook-Nachricht mit dem Betreff „You scream Icecream“ an uns senden. Viel Glück!

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Das nächste Käpsele erscheint am 16. September. Die Themen: - Der helle Mietwahnsinn: Wie Studenten wohnen - Frauen und Technik: Neue Profs für Esslingen - Warten auf die Note: Am Ende der Geduld

Impressum: Käpsele – Das Studentenmagazin

Käpsele GbR Theodor-Heuss-Straße 109 71067 Sindelfingen redaktion@kaepselemagazin.de Herausgeber(V.i.S.d.P.): Markus Brinkmann und Christian Ignatzi Anzeigen: Chris O’Connor anzeigen@kaepselemagazin.de Redaktion: Markus Brinkmann (msb) Christian Ignatzi (ci) Ben Schieler (ben) Autoren: Katrin Bohnenberger (kbo) Philipp Deeg (phd) Gastautoren: Felix Böpple Fotografen: Ben Schieler (Seiten 03, 14, 57) Felix Böpple (Seite 21) Christian Ignatzi (Seite 62)

Besondere Foto- und Lizenzhinweise: Cover: Foto © kazan2013.com Seite 04: Foto oben: © Sammy Vassilev, Foto Mitte CC artorusrex (www.flickr.com/ photos/19760329@N04), Foto unten: © Yvonne Zagermann S. 06, 07 und 09: © Uni Hohenheim S. 08: Foto CC Ginny (www. flickr.com/photos/ginnerobot) S. 11: Foto CC _DJ_ (www. flickr.com/photos/flamephoenix1991) S. 12: Foto © Martin Jäkle S. 16: Foto Tilo Schmidt, © Marc Bensch S. 23: Fotos © Fotostudio Pierre Oettli, Chur und Florian Forster (http://www.flickr.com/photos/fforster/) S. 24: Foto © Adam Wilson, Cover: © Metrolit S. 25: Foto © Universal Music, Cover: © Bastei Lübbe S. 26: Foto CC INSM (www.flickr.com/photos/insm) S. 28: Grafik © Destatis S. 31: Grafik © TNS Infratest/ Studiengemeinschaft Darmstadt S. 32: Foto CC themonnie (www.flickr.com/photos/themonnie) S. 34: Foto © Wolfgang Fanderl

S. 36/37 und 39: Fotos © Yvonne Zagermann S. 40/41: Plakate © Verleiher S. 42: Foto © Alexander Tuschinski S. 46: Screenshot tectv.de S. 48: Foto © Warner Bros. Television S. 50: Foto © adh S. 51: Foto © Chantal Laboureur S. 52: Foto oben © Tim Haase, Foto unten © Philipp Grosser S. 53: Foto oben © kazan2013. com, Foto unten © LisaKatharina Hill S. 54/55: Foto CC Yann Caradec (www.flickr.com/photos/la_bretagne_a_paris) Ein Dank für das Erfinden, Entwerfen und Designen des Käpsele (der Vogel) geht an seinen Schöpfer Timo Rehm. Vertrieb: Flyertyre Gymnasiumstr. 43 70174 Stuttgart www.flyertyre.de Auflage/Erscheinungsweise: 30.000 Stück/monatlich Das Käpsele ist auf Recyclingpapier gedruckt

dieses Exemplar wurde bei www.dierotationsdrucker.de gedruckt

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T. U A L U Z T H IC N LT E N I W B „ICH EST DER .“ E R S I R E E L D U EN DICH. Z R U IST NT UNS. UND WIR H R Ö

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KaepseleAugust13  

Ausgabe #5 des Studentenmagazins.

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