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Das Studente

Das Studentenmagazin Sommer 15

Ausgabe #12

#Aufbruch #Angesagt #Arriba

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Wie selbstst채ndig sind Erstis?

Seite 26

Der neue Fitnesstrend Pole Dance

Seite 6

Studieren und Leben in Monterrey

Seite 48


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Liebe Leserin, lieber Leser, Kennt ihr das, wenn man hinter seiner Mannschaft steht und sie anfeuert wie der zwölfte Mann? Als VfB-Fans machen wir das natürlich immer, auch dann, wenn es schwer ist, wie im Moment. Aber so ischs Leba. Und es geht weiter. Apropos zwölf. Diese magische Zahl hat schon so einige Funktionen erfüllt. Es gibt die zwölf Apostel. Die zwölf Jünger. Um zwölf Uhr ist MIttagspause und um zwölf Uhr nachts fängt ein neuer Tag an. Dann gibt es noch den Zwölffingerdarm, die zwölf Zwerge und so weiter, ihr kennt das. Man könnte sagen: Aller guten Dinge sind zwölf. Und jetzt ratet mal, die wievielte Ausgabe unseres Magazins ihr in den Händen haltet? Genau. Die zwölfte. Oder? Moment, schaut besser noch mal auf der Titelseite. Ich warte so lang. Okay, es ist die zwölfte ;) Nun, und wie wir eben in einem schier endlosen Monolog erörtert haben, sind aller guten Dinge zwölf, weshalb wir das Käpsele frühlingsfrisch für euch runderneuert haben. Ihr wisst ja, alles neu macht der März und deshalb erstrahlt unser nun schon zwei Jahre alter Vogel in neuem Glanz. Soll heißen: Wir haben ein Farbleitsystem, das es euch erleichtert, durchs Heft zu blättern und das zu finden, was ihr sucht. Von jetzt an sind Geschichten aus den Hochschulen himmelblau, aus dem Leben, nunja, leicht rosa angehaucht rot und alles aus der Reihe „Aus der Reihe“ in käpseleschnabelgelb getaucht. Wir hoffen, dass wir euch damit das Lesen ein bisschen erleichtern und freuen uns auf euer Feedback auf unserer Facebookseite oder in unserem Postfach. Und nun viel Spaß mit folgenden Themen. Was lerne ich an der Uni fürs Leben? Wie tanze ich richtig an der Stange? (ganz wichtig!) Und: Dissertieren zwischen Pfau und Reh.

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Los geht‘s!

Das Studentenmagazin

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Dissertation über Kinder mit Smartphones im Wald: Lea Mauz forscht über Aufmerksamkeit.

06 Die Frau mit der Lizenz zum Verteilen von blauen Flecken: Beim Pole Dance in Vaihingen.

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Sie findet‘s geil: An der HdM lernt man Verpacken und Mandarin in einem Studiengang.

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Aus den Hochschulen

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Beten im Haus der Unkrautforscher

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Mein Waldtier und ich

Der neue Raum der Stille an der Uni Hohenheim

Lea Mauz und ihre Dissertation

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Keine Langeweile

Die kunterbunte Seifenblase

Ein Interview mit Prof. Markus Rieger-Ladich

Unsere Stipendiatin Natalie Diedrichs in Mexiko

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Die Umfrage

Was hast du an der Hochschule fürs Leben gelernt?

Taschengeld für die Welt, Vol 3

Das Bücherstipendium geht in die dritte Runde

Aus dem Leben 06

Hacke, Spitze, Hoch das Bein

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Die Sache mit den eigenen Beinen

Was kann die Trendsportart Pole Dance?

Wie selbstständig sind die Hochschulküken?

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Gemacht, gedacht, gelitten. . .

Von Peter P. und Anna A.

Regisseur Christian Schwochow blickt zurück

Die Lebenswege zweier Schriftsteller

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Chigong für den Taktstockschwinger

Der Dirigent Helmuth Reichel Silva im Porträt

Warum Schick nun Wills Locke hat

Der Verein Querfeldein lädt zum Gespräch

Aus deR Reihe 20

Neu im Kino

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Auf der Suche n. d. verlorenen Gefühl

Die neuesten Tipps und der Liebling der Redaktion

Eine Kurzgeschichte von Gratian Riter

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Herrn des Wissens

Unnützes Stuttgart-Wissen

Neue Kolumne: Aus dem Studentenleben

Was du wirklich nicht erfahren musst

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Bücher des Semesters

Der neueste Tipp und der Liebling der Redaktion

Die studieren waaas?!

Diesmal: Deutsch-Chinesischer Studiegang Verpackungstechnik

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Hacke, S itze, I och das Bein Immer härter, immer extremer soll er sein, der Sport, der unseren Alltag ergänzt. Pole Dance ist eine Facette davon. Unsere Autorin traf die Frau mit der Lizenz zum Verteilen von blauen Flecken in Vaihingen. Von Caroline Messick

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gelten. Dank Fernsehblockbustern oder Tabledancebarbesuchen beginnt bei vielen an dieser Stelle die Kopfkinovorstellung: Man ine neue Sportwelle hat sich ihren Platz nehme eine ansehnliche Tänzerin in knappem in unserem Alltag erschlichen. Eigentlich sollte Outfit, die in Plateau-Heels einige Runden um man von einerArt Extremsport-Tsunamiwelle redie Stage dreht – fertig ist die sexy Tanzeinlage. den, hält man sich dieApps und Onlinenangebote Dass das allein nicht das Rezept zum Erfolg vor Augen, die für jeden das maßgeschneiderte ist, weiß Ariane Matthes, Sportprogramm bieten wollen. Pole-Dance-Trainerin und Waren es in den Achtzigern noch Gründerin von Pole Dance schrille Aerobic Videos, die zum Stuttgart: „Wie bei allen Workout motivierten, schien der Sportarten sieht es meisFitnesswahn in den Neunzigern tens grandios aus, wenn mit dem Massenphänomen Jogging Meistens sieht es es leicht aussieht. Diese einen neuen Höhepunkt erreicht zu Leichtigkeit musst du aber haben. Und heute? Heute haben grandios aus, wenn erst lernen.“ Pole Dance ist wir es mit einer ganz anderen es leicht aussieht.“ praktisch die eierlegende Qualität in Sachen sportlicher Wollmilchsau unter den High-Peak-Performance zu tun. Indoor-Extremsportarten. Extrem soll er sein, der Sport, Kraft, Ausdauer, Flexibilität und am besten outdoor und bei und Technik sind das A und O. jedem Wetter stattfinden. Diejenigen, die eine Wie in anderen Tanzsportarten dreht sich auch konstante Zimmertemperatur bevorzugen und beim Pole Dance alles um die Choreographie (und ein trockenes Trainingslager schätzen, scheinen in diesem Fall: um die Stange). Die Choreo ist zurzeit auf dem trendsportlichen Abstellgleis zu auf Eight Counts um die Stange herum angelegt. stehen. Oder doch nicht? Für Nicht-Tänzer: Man zählt von eins bis acht Als Gegenbeispiel soll hier der Tanz an der und ist einmal um die Stange rum. Die Tänzerin Stange, besser bekannt als „Pole Dance“, 07


orientiert sich dabei an gedachten Uhrzeiten, auf denen das gestreckte Bein zu einem bestimmten Zeitpunkt landen muss. Hüfte raus, Arm hoch, Füßchen unten nahe der Stange aufsetzen und dabei nicht durch die Gegend staksen – das sind nur einige Grundregeln. Alles hat seine pragmatische Funktion, dazu gehört auch das knappe Trainingsoutfit: Viel Haut bedeutet viel Kontaktfläche an der Stange, ohne diesen Kontakt hinge man an ihr wie ein nasser Sack. Die Heels strecken die Beine optisch, ihr Lackleder bietet zusätzlichen Halt. Kurz: viel sportliches Kalkül, geringer Erotikfaktor; zumindest am Anfang.

Kraftaufwändiges Workout trifft auf weiblichen Sexappeal Bei der erfahrenen Poletänzerin und -trainerin Matthes ist Leichtigkeit Programm. Als sie vor mehr als sechs Jahren privat mit dem Pole Dancing anfing, hatte sie bereits einige Jahre Tanzerfahrung. 2008 wurde sie auf ein Video einer Poletänzerin aufmerksam und begeisterte sich sofort für den Sport. Ein Jahr später begann sie ihre Ausbildung und machte den Trainerschein, schon im

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November gab sie ihren ersten Kurs. Damals war der Sport nicht sehr bekannt. Heute sieht das anders aus: Der Stangentanz hat sich zur Trendsportart gemausert und viele Ableger hervorgebracht: „‚Pole Dance‘, ‚Pole Fitness‘, ‚Pole Workout‘ oder auch ‚Pole Sport‘ sind keine geschützten Begriffe und werden von Studios oft unterschiedlich interpretiert“, erklärt Matthes. Bei Pole Dance Stuttgart liege der Fokus vor allem auf dem ästhetisch, kraftvollen Aspekt des akrobatischen Tanzes. Im Trainingsraum in der Jungen Akademie Stuttgart lernen Teilnehmerinnen von 16 Jahren an in kleinen Gruppen auf unterschiedlichen Levels Poletricks, Spins und Co. Matthes und ihre neue Co-Trainerin Tina führen die Frauen in einer Trainingsstunde pro Woche Schritt für Schritt in die Kunst des verführerischen Tanzes ein. Blaue Flecken und Blutergüsse sind am Anfang garantiert. Doch wenn man dran bleibt und zusätzlich seine Flexibilität und Kraft trainiert, sieht man schnell Erfolge. Pole Dance ist folglich nichts für Weichtiere aber einer der angesagtesten IndoorExtremsportarten dieser Tage. Hier trifft kraftaufwändiges Workout auf weiblichen Sexappeal – eine der Sonnenseiten, die man dem übrigen Extremsportdonnerwetter nur zu gerne abgewinnen würde.


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Be en im Haus der Unkrautforscher Im Januar eröffnete die Uni Hohenheim das renovierte Gebäude der Phytomedizin. Darin finden Studenten von nun an nicht nur neue Arbeitsräume und Büros der Lehrstuhlmitarbeiter. Ein Raum der Stille soll ihnen einen Augenblick Ruhe im Alltag bieten. Von Katrin Bohnenberger

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in Hinweisschild im Eingangsbereich der neuen Phytomedizin weist den Weg hin zu einer dunklen Holztür im Untergeschoss. Besonders viel versteckt sich hinter ihr nicht: ein etwa 16 Quadratmeter großes Zimmer mit ockerfarbenem Teppichboden, einem Fenster und einer Reihe von Schränken. Und im Mittelpunkt: ein nach Mekka ausgerichteter, bunter Gebetsteppich, Betreten mit Schuhen untersagt. Das ist der neue Raum der Stille an der Uni Hohenheim, in dem Studenten vor allem eines finden sollen: Ruhe – und das, obwohl er sich mitten auf dem Campus zwischen Mensa und Zentralbibliothek befindet. „Der Raum der Stille ist ein multikonfessioneller Gebets- und Ruheraum, also weder Still- oder Wickelraum noch Chill-out-Zone“, sagt Eva-Maria Riedel vom Hohenheimer Studierendenparlament, „er dient der Meditation und Kontemplation.“ Mit der Einrichtung des Zimmers löst die Universität einen Raumkonflikt auf dem Campus. Bis zum Ende des Wintersemesters 2013 hatte der AStA einen Still- und Wickelraum

auch als interreligiösen Gebetsraum eingerichtet. Durch den Neubau des Otto-RettenmaierAudimax musste jedoch die „Hohenheimer Kinderfeuerwehr“, eine Notbetreuung für die Kinder der Universitätsangehörigen, in den Ruheraum umziehen. Betende mussten sich Provisorien suchen.

Studenten kämpfen Seite an Seite für einen neuen Raum der Stille Auch Naci Cördük von der Türkischen Studentengemeinschaft Hohenheim war betroffen. „Für die männlichen Kommilitonen war es kein Problem, an ruhigen Orten wie Bibliotheken oder leeren Hörsälen zu beten. Doch es war eindeutig, dass wir für einige Kommilitoninnen, die ebenso ihre religiösen Rituale praktizieren möchten, einen Andachtsraum brauchten“, sagt der Student. Da kam das Hohenheimer Studierendenparlament ins Spiel. Es stellte einen Antrag zur Einrichtung des Ruheraums. 11


Eva-Maria Riedel (Mitte, zweite v. r.) und ihre Mitstreiter vom Studierendenparlament. Auch die Türkische Studentengemeinschaft machte sich für den Raum stark. „Wir sind mit dem Bauamt und einigen Hoheiten der Uni in Verbindung getreten und haben unser Problem geäußert. Am Ende wurde uns dieser Raum versprochen“, sagt Naci. Der Rektor Stephan Dabbert und die Abteilung Fläche und Bau der Uni unterstützten den Wunsch der Studenten. Mit der Renovierung der Phytomedizin stand der Weg offen.

Religiöse Rituale gegen Prüfungsund Alltagsstress Um die Arbeitsstelle der Forscher für Pflanzenkrankheiten, tierische Schädlinge und Unkräuter wieder nutzungsfähig zu machen, standen ohnehin große Baumaßnahmen wie Brandschutz- und Schadstoffsanierungen an. Das Zentrum bekam neue Arbeitsräume für Studenten und einen modernen Hörsaal. Im Keller fand der Raum der Stille seinen Platz – verwaltet nach alter Manier durch den AStA. Eine Nutzungsordnung gibt es nicht, das Zimmer ist jederzeit zugänglich.

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„Der Raum ist ausgezeichnet, vor allem, weil ein Teppich verlegt wurde. Weil er im Untergeschoss und etwas abgelegen ist, kann man seine Gebete ungestört sprechen“, sagt Naci. Man habe auch die Möglichkeit, sich vor dem Gebet zu waschen. „Der Raum wird jetzt schon rege genutzt, was zeigt, dass es an der Zeit war, einen solchen Ort wieder auf dem Campus zur Verfügung zu stellen“, sagt EvaMaria. Zu jeder Pflichtgebetszeit sind dort muslimische Studenten anzutreffen. „Den alten Raum nutzten auch Kommilitonen hinduistischen Glaubens. Bisher wird der neue überwiegend von muslimischen Studierenden unterschiedlichster Herkunft genutzt, zum Beispiel aus Afrika, Pakistan, Bangladesch, Indien oder aus arabischen Ländern“, sagt Naci. Für ihn ermöglicht der Raum einen Moment Ruhe. „Religiöse Rituale, egal in welchem Glauben, bieten eine gute Möglichkeit, dem Prüfungs- und Alltagsstress zu entkommen. Aus diesem Grund finde ich es gut, dass diese Möglichkeit auch an unserer Universität geboten wird.“


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Ge

macht dacht litten feiert liebt

Christian Schwochow war schon als Journalist ein Filmemacher. Dann zog es ihn an die Filmakademie nach Ludwigsburg. Ein Gespräch über schwäbische Ordnungshüter, die DDR im Kino und die Herausforderung eines Projekts über die NSU-Morde. Von Ben Schieler Herr Schwochow, Sie wurden auf Rügen geboren, wuchsen in Leipzig und Ost-Berlin auf, zogen nach dem Mauerfall nach Hannover. War es ein schwerer Kulturschock für Sie, als Sie 2002 in den Süden kamen? Kulturschock würde ich das jetzt nicht unbedingt nennen. Ich war zunächst einmal überglücklich, an der Filmakademie angenommen worden zu sein. Die Natur im Süden ist wunderschön, das Essen ist sehr gut und ich bin sehr vielen freundlichen Menschen begegnet. Aber trotzdem gab es das eine oder andere, das mir fremd geblieben ist, wegen dem ich emotional nie so richtig warm geworden bin mit der Region. Ich will jetzt nicht mit Klischees wie der Kehrwoche anfangen, aber es gibt einiges, da ist der Süden gefühlt sehr weit weg von Berlin. Ich habe zum Beispiel nirgendwo eine solch aggressive Polizei erlebt, bin in Ludwigsburg häufig nachts nach Drogen gefilzt worden. Einmal haben sie mich mit Blaulicht gestoppt, weil ich mit dem Fahrrad auf dem Gehweg unterwegs war.

Eigentlich deutete bei Ihnen alles auf eine Karriere als Journalist hin. Sie waren Herausgeber und Chefredakteur des

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Jugendmagazins „Shot!“, machten nach dem Abitur ein Volontariat bei der Produktionsfirma von Tita von Hardenberg. War die Fiktion dann doch interessanter als die Realität? Dadurch, dass meine Eltern journalistisch gearbeitet haben, bin ich schon sehr früh zum Schreiben gekommen. Aber ich wollte immer zum Film, das Fernsehen war nur Mittel zum Zweck. Um an eine Filmhochschule zu kommen, musstest du Praktika vorweisen – und ich habe einfach keines beim Film bekommen. Vielleicht habe ich mich zu doof angestellt. Bei „Polylux“ (Anm. d. Red.: ein inzwischen eingestelltes ARD-Magazin) haben sie mich ganz früh rangelassen, da durfte ich schnell eigene Sachen drehen. Von der journalistischen Herangehensweise profitiere ich heute noch bei meinen Filmen. Ich recherchiere vor dem Dreh viel, beobachte und analysiere Menschen. Da verbinden sich zwei Sachen.

Sie haben sechs Jahre an der Filmakademie Regie studiert. Was ist Ihnen aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben? Das Miteinander. Wir waren eine Gruppe von 100 Kommilitonen, alle in einem ähnlichen


Es wäre langweilig, wenn wir beim NSU-Film nur Fakten wiedergeben würden.“

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Szenenbild aus Schwochows Debüt: Novemberkind mit Anna-Maria Mühe

Alter, die Tag und Nacht Film gemacht, gedacht, gelitten, gefeiert und geliebt haben. Es gab natürlich auch große Ängste um die eigenen Projekte, ein großer Druck, eine große Konkurrenz. Insgesamt war das eine sehr intensive Zeit.

aktuellen

nicht Berlin oder München. Dort wollten sie den Film nicht. Dann hat er in Saarbrücken den Publikumspreis gewonnen und wir hatten plötzlich zehn Verleiher, die ihn rausbringen wollten. Und das alles, nachdem ich drei Jahre mit dem Film durch die Welt gereist war. Ja, das war überraschend, genauso wie der große Erfolg später an den Kinokassen.

Vergleicht euch nicht mit anderen. Bleibt bei euren Projekten widerständig und standhaft. Versucht nicht zu sehr zu gefallen, auch wenn euch immer wieder Menschen dazu auffordern werden.

Sie haben im Interview mit der Süddeutsche Zeitung gesagt, Sie wollen eigentlich nicht „der DDR-Korrespondent des deutschen Films“ sein. In Ihren Filmen thematisieren Sie aber immer wieder die deutsch-deutsche Geschichte. Was reizt Sie daran?

Welchen Rat würden Sie Studenten auf den Weg geben?

Ihr Abschlussfilm „Novemberkind“ dreht sich um eine junge Mecklenburgerin, die erfahren muss, dass ihre Mutter sie bei der Flucht aus der DDR in den Westen zurückgelassen hat. Dafür gab es mehrere Preise und eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis. Hat Sie das überrascht? Es hat mich insofern überrascht, weil an all das nicht zu denken war, als ich den Film drehte. Da hatte ich noch nicht einmal einen Verleih. Ich habe zu dem Zeitpunkt nie über die Reise nachgedacht, die „Novemberkind“ nehmen würde. Dann kam die Premiere in Saarbrücken beim Max-Ophüls-Preis. Das ist ein ganz tolles Festival, aber es ist eben 18

Die Wendezeit ist ein großer Teil meiner Biografie. Ich war elf, als die Mauer fiel. Das Thema war aber vorher schon präsent. Meine Eltern hatten einen Ausreiseantrag gestellt, wir haben uns permanent mit den Geschehnissen in der zu Ende gehenden DDR auseinandergesetzt. Das bestimmt bis heute mein Denken, auch mein nächster Film wird wieder sehr viel mit Ostdeutschland zu tun haben. Aber ich will auch nicht darauf festgelegt werden. Ich bin jetzt 36, fange gerade erst an, Filme zu machen. Man wird von mir auch noch ganz andere Sachen sehen.

Sie haben Ihren nächsten Film angesprochen. Da führen Sie Regie beim ersten Teil


eines Dreiteilers, den der Journalist Stefan Aust und die Produzentin Gabriele Sperl über die Mordserie der NSU realisieren. In Ihrem Film wird es um das Umfeld der Täter und deren Radikalisierung gehen. Sind Geschichten, die so eng mit realen aktuellen Befindlichkeiten verknüpft sind, eine besondere Herausforderung? Jeder Film hat seine eigenen Herausforderungen. Aber natürlich werden wir bei dem Projekt ganz besonders unter Beobachtung stehen. Noch nie habe ich mit meinen Teammitgliedern beim täglichen Arbeiten so intensive Diskurse über das, was wir erzählen, und unsere Haltung geführt. Wir haben unheimlich gründlich recherchiert und viel Material gesammelt, müssen aber trotzdem davon wegkommen, müssen spekulieren, interpretieren und deuten. Es wäre ja auch langweilig, wenn wir nur die Fakten wiedergeben würden, die man aus der Zeitung kennt.

Diese Bluttat ist garantiert straffrei

Welche weiteren Projekte verfolgen Sie in nächster Zeit? Im Herbst beginnen die Arbeiten an einem Film über die deutsche Malerin Paula ModersohnBecker. Das wird eine große Liebes- und Künstlergeschichte, die um 1900 spielt. Ich bin gerade dabei, die Rollen zu besetzen und die Schauplätze auszuwählen. Den Paris-Teil werden wir wahrscheinlich in Ungarn drehen. Anfang 2016 will ich wieder am Deutschen Theater in Berlin inszenieren. Das habe ich 2013 schon einmal gemacht. Aber vielleicht wird 2016 dann auch mal wieder ein ruhigeres Jahr als die beiden davor.

Christian Schwochow, geboren 1978 in Bergen auf Rügen, gehört zu den renommiertesten deutschen Regisseuren. Immer wieder widmet er sich dem Ende der DDR, zuletzt für den Fernsehfilm „Bornhomer Straße“, für den er 2014 einen Bambi bekam. Der mehrfache Grimme-Preis-Träger Schwochow studierte von 2002 bis 2008 in Ludwigsburg. Er lebte heute mit seiner Familie in Berlin.

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Neu im Kino

Der letzte Gerechte Worum geht‘s?

1981 war New York City noch am ehesten mit Sodom und Gomorrha zu vergleichen. Vor diesem Hintergrund versucht Abel Morales (Oscar Isaac), ein Mann mit ausgeprägtem Sinn für Recht, in einem korrumpiertem System sein Geschäft vor der Konkurrenz zu schützen. Im Gegensatz dazu steht seine Frau (Jessica Chastain), Tochter eines Gangsterbosses, die den gemeinsamen Problemen auf gesetzwidrigen Wegen entgegentritt.

Lohnt sich‘s?

A Most Violent Year – Drama, Kriminalfilm, USA, Start: 19.03.2015. Regie: J.C. Chandor. Mit: Oscar Isaac, Jessica Chastain, David Oyelowo u.a. (125 Minuten)

Die Darstellung New Yorks als Sündenpfuhl voll von Gewalt und Graffiti ist der größte Pluspunkt und sorgt für ein frisches Setting. Man darf hier keinen Action geladenen Gangsterthriller erwarten. „A Most Violent Year“ ist ein relativ ruhiger Film, der seine Spannung über die permanent drückende Stimmung entfaltet. Kleine Durchhänger stören zwar, am Ende steht dennoch ein intelligentes Drama über einen Geschäftsmann und die Konsequenzen, die er ziehen muss, um in einem unfairen System zu bestehen. (ay)

Verzauberter Wallace Worum geht‘s?

Wallace (Daniel Radcliffe), niedergeschlagen nach einer Trennung, findet Liebe stinkt wie Affenhintern – bis er Chantry (Zoe Kazan) kennenlernt. Doof nur, dass die Cousine seines ehemaligen Zimmergenossen Allan vergeben ist. Aber Männer und Frauen können Freunde sein. Findet Wallace. Findet auch Chantry. Allan findet es süß, dass Wallace das tatsächlich glaubt. Nur Chantrys Freund Ben findet das Ganze gar nicht drollig. Und auch Wallace kommen bald Zweifel. Nur: Wie geht Mann damit um?

Lohnt sich‘s?

Man muss es an dieser Stelle in aller Deutlichkeit sagen: Zoe Kazan ist eine Göttin. Ihr könnte man auch beim Vorlesen von Telefonbüchern zusehen und empfände eine gewisse Freude daran. Leider können sie und der gut mit ihr harmonierende Ex-Harry-Potter im Gefühlschaos die vorhersehbare und unoriginelle Story nicht retten. Für Charme sorgen primär die Figuren. Ein Gute-Laune-Film für den Frühling mit Abstrichen. (ben)

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The F Word – Komödie, Kanada, Irland, USA Start: 09.04.2015. Regie: Michael Dowse. Mit: Daniel Radcliffe, Zoe Kazan, Adam Driver u.a. (98 Minuten)


Brühl meets Knox Worum geht‘s?

„Die Augen des Engels“ ist eine stark fiktionalisierte Version des Mordes an der Studentin Meredith Kercher. Zwar sind die Fakten des eigentlichen Tathergangs authentisch geblieben, die Filmmacher haben aber Namen geändert und Akteure hinzugefügt. Dreh- und Angelpunkt ist Thomas (Daniel Brühl), ein Filmschaffender mit der Aufgabe, den Fall aufzubereiten. Der Fokus liegt auf seinen Ermittlungen und den Menschen, die er kennenlernt.

Lohnt sich‘s?

Während Thomas in die Szene gezogen wird, die sich um den Fall herum gebildet hat, entwickelt „Die Augen des Engels“ einen ganz eigenen, fiebrigen Erzählstil. Man könnte dem Film vorwerfen, dass er den eigentlichen Mordfall eher stiefmütterlich behandelt. Wer eine faktische Rekonstruktion erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht sein. Geht man jedoch ohne besondere Erwartungen ins Kino, überrascht ein besonderer Film mit experimenteller Erzählstruktur. (ay)

Die Augen des Engels – Drama, Spanien, GB, Italien, Start: 21.05.2015. Regie: Michael Winterbottom. Mit: Kate Beckinsale, Daniel Brühl u.a. (100 Minuten)

Der Liebling der Redaktion:

Super, diese Helden Worum geht‘s?

Als Gangster ein Seniorentreffen überfallen, versucht das Heldenteam Mr. Furious (Ben Stiller), der Blaue Raja (Hank Azaria) und der Schaufler (William H. Macy) zu helfen. Doch sie sind den Gangstern gnadenlos unterlegen. Erst als der Held Captain Amazing auftritt, wird alles gut. Doch nicht lang. Damit er wieder einen echten Gegner hat, sorgt Captain Amazing (Greg Kinnear) dafür, dass sein alter Erzfeind Casanova Frankenstein (Geoffrey Rush) aus der Irrenanstalt entlassen wird. Ein schwerer Fehler!

Warum Markus ihn liebt?

Mystery Men – Komödie, USA, Start: 15.12.1999. Regie: Kinka Usher. Mit: Ben Stiller, Hank Azaria, William H. Macy, Greg Kinnear, Geoffrey Rush u.a. (121 Minuten)

Superhelden sind stark. Sie haben keine Angst. Und vor allem machen sie keine Fehler. Die Mystery Men sind anders. Ihre Superkräfte sind Mr. Furious‘ unbändige Wut, der Blau Raja benutzt das Tafelsilber seiner Mutter und der Schaufler kämpft mit seiner Schaufel. Verpackt ist das alles mit viel Witz und Ironie. Etwa wenn der unsichtbare Bengel nur dann unsichtbar werden kann, wenn keiner hinschaut.(msb) 21


Chigong f端r den Taktstockschwin er In Stuttgart hat Helmuth Reichel Silva einst studiert. F端r den 6. Hochschulwettbewerb Orchesterdirigieren kehrte der Wahl-Bamberger nun an die Musikhochschule zur端ck und wurde Zweiter. Dabei geh旦rte seine Liebe erst der Violine. Von Ben Schieler

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r sagt, er sei ein bisschen naiv gewesen – damals, als er noch in Chile lebte, aber nach Deutschland strebte. In das Land, das seine Ururgroßeltern 1873 von Hamburg aus in Richtung Valparaíso verlassen hatten. Helmuth Reichel Silva hatte das Abi in der Tasche und studierte am Staatlichen Konservatorium von Santiago de Chile Violine. In einem Meisterkurs lernte er den Würzburger Professor Herwig Zack kennen und wollte ihm folgen. Die Bewerbung war erfolgreich. „In meiner südamerikanischen Gelassenheit habe ich mir gar nicht überlegt, dass da etwas schiefgehen könnte“, sagt er. Wie viel Konkurrenten er ausgestochen, wie viel Können er bewiesen, wie viel Glück er gehabt hat – das alles wurde ihm erst hinterher bewusst. 2002 kam er nach Unterfranken, ohne ein Wort Deutsch zu können. 13 Jahre später ist Helmuth Reichel Silva nicht nur ein verheirateter Vater zweier kleiner Töchter, sondern einer der vielversprechendsten Nachwuchsdirigenten des Landes. Das hat er seit Ende Januar schwarz auf weiß. Beim 6. Hochschulwettbewerb Orchesterdirigieren belegte er hinter Dominik Beykirch (Weimar) den zweiten Platz. „Das war die mit Abstand aufregendste Erfahrung als Dirigent“, sagt er über das Finalkonzert mit dem hochkarätig besetzten Radio-Sinfonieorchester des SWR in der Liederhalle Stuttgart. „Mit diesen Musikern zu arbeiten ist wie wenn du als Autofahrer aus einem Kleinwagen plötzlich in eine Luxuskarosse umsteigst.“ Die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart konnte als Ausrichter auch ein wenig feiern. An ihr hat Reichel Silva seinen Bachelor gemacht. Es war die Fernbeziehung mit seiner Frau, die ihn einst dazu bewegte. Als Violinist war er an der Neuen Philharmonie Westfalen in Gelsenkirchen und Recklinghausen engagiert, sie bei den Bamberger Philharmonikern. „Von null anzufangen war eigent23


Ein Ensemble wie eine Luxuskarosse: Das Radio-Sinfonieorchester des SWR.

lich ein Tabu“, sagt er. Aber ihn reizte die und Musiktheorie – selbst die chinesische Aussicht, ein Orchester zu leiten, er wollMeditations- und Konzentrationstechnik te seiner Frau näher sein, bewarb sich in Chigong steht auf dem Stundenplan. „Du musst Stuttgart – und wurde genommen. ein Mindestniveau an Körperbeherrschung „Es ist eine andere Art, Musik zu machen“, erreichen“, berichtet Reichel Silva. Was sagt er über das Dirigieren. „Du arbeitest macht die Hand, was macht das Gesicht? mit Menschen, nicht nur mit Saiten.“ Viel „Anfangs bist du da ziemlich überfordert.“ hänge vom Gespür und Gefühl ab, weil in Inzwischen steht er kurz vor dem Master, einem Orchester Musiker den er bei Prof. Sebastian säßen, die alle eine exkluTewinkel in Trossingen sive Meinung von dem macht; in Stuttgart hatte er hätten, was der Mann mit bei Prof. Ber Borin gelernt. dem Taktstock zu leisten An der Uni Bamberg lehrt hätte. Sich selbst treu Die Angst, vom Orchester Reichel Silva selbst Violine, zu bleiben und nicht zu in der Musikschule arbeisehr auf Konventionen zu nicht akzeptiert zu tet er mit kleinen Kindern achten ist Reichel Silvas werden, musst du zu – „ein toller Ausgleich“, Rezept für eine Präsenz wie er findet. Er leitet Hause lassen.“ und Authentizität, die auf das Orchester der KHG das Ensemble abfärbt. Sie Freiburg und realisiert macht eine harmonische einmal pro Jahr Projekte Zusammenarbeit erst möglich. „Die Angst, mit dem Orquesta Sinfonica de La Serena in vom Orchester nicht akzeptiert zu werden, seiner chilenischen Heimat. Der zweite Platz musst du zu Hause lassen.“ beim Hochschulwettbewerb aber hat ihm Das Studium des Taktstockschwingers führt noch einmal einen Schub gegeben. Im März Musiker mit unterschiedlichen Hintergründen nimmt er an einem Meisterkurs des niederzusammen und hat breite Inhalte: Stilistik ländischen Stardirigenten Bernard Haitink in und Schlagtechniken, Gesangsund Luzern teil. Die Tür als Dirigent, so scheint es, Klavierunterricht, Kurse in Opernliteratur steht für Helmuth Reichel Silva offen. 24


www.big-fm.de www.facebook.com/RadiobigFM

R E I L R E V R E N B H E A I „L Z N “ . E T N H I C E I S H E IC G N I ICH. D E N E R M S IR H W L D A RST UNS. UN Ö

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Die Sache mit den eigenen Beinen Eine Kölner Schülerin fühlt sich durch die Schule nicht auf das Leben nach dem Abi vorbereitet – und löst mit einem Tweet eine Bildungsdebatte aus. Rollt da eine Welle unselbstständiger Küken auf die Unis zu? Und was sollen Hochschulen eigentlich leisten? Von Ben Schieler

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M

it 137 Zeichen eine Lawine lostreten? Eine 17-jährige Abiturientin aus Köln hat das Mitte Januar geschafft. Die Kritik der Twitter-Userin Naina an schulischen Bildungsinhalten beschäftigte die Bild-Zeitung genauso wie die FAZ, Stefan Raab ebenso wie Johanna Wanka. Im Zentrum der Debatte: die Frage, was Schule heute leisten kann und soll. Kulturpessimisten frohlockten ob Nainas virtueller Selbstentblößung. Keinen Plan von Miete, Steuern und Versicherungen haben, aber die Rente von morgen sichern sollen? Na dann gute Nacht.

Naina hat sich für die Zeit nach ihrem Abi zu einem FSJ Kultur entschieden, andere Schulabgänger drängen direkt an die Hochschulen. Einige von ihnen sind bedingt durch das achtjährige Gymnasium und den Wegfall von Wehr- oder Ersatzdienst noch nicht einmal volljährig und stehen teilweise etwas hilflos vor der Aufgabe, das eigene Leben zu managen. „Wir haben in unseren Wohngebäuden Mieter, die in Sachen Verträge teilweise sehr unbeholfen sind, sie nicht rechtzeitig verlängern oder kündigen“, berichtet Simone Hübener, Pressesprecherin des Studierendenwerks Stuttgart. Sie sieht darin aber in erster Linie ein Versäumnis der Eltern und keines der Schule.

Das Bachelor- und Master-System mit seiner komplexen Studienorganisation stellt die Neulinge vor weitere Herausforderungen. „Der Eintritt ins Studium war schon immer ein schwieriger Schritt, oder sogar eine regelrechte Wanderung“, sagt die kommissarische Leiterin der Zentralen Studienberatung an der Uni Stuttgart, Jeannette von Wolff. Zu sehr unterscheide sich das Lernen für die Schule von dem für die Uni. Weil nun im Bachelor entscheidende Prüfungen häufig bereits im ersten Semester lägen, müssten sich neue Studenten noch fixer als früher in der neuen Lernwelt zurechtfinden. „Wer nicht von Anfang an zu hundert Prozent dabei ist, hat ein hohes Risiko, gleich wieder aus dem Studium heraus zu kippen.“ Doch sind die Studienanfänger in der Masse unselbstständiger als früher oder ist ihre Gruppe schlicht heterogener geworden? Darauf verweisen einige. Wie das Bundesamt für Statistik errechnet hat, kamen in den vergangenen Jahren immer mehr junge Menschen pro Jahrgang an die Hochschulen. Die haben reagiert. Das MINT-Kolleg Baden-Württemberg der Uni Stuttgart nahm vor vier Jahren seinen Kursbetrieb zur Vorbereitung auf ein Studium in Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik auf. Ziel laut Sprecherin Birgit Vennemann: Defizite beseitigen, die dem Studienanfänger sonst früh das Genick brechen könnten, in diesem Fall also fachliche Schwächen auszugleichen.

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Dr. Tobias Seidl Ein Kind des Wandels ist auch das zweieinhalb Jahre alte Didaktikzentrum an der Hochschule der Medien (HdM). Etwas versteckt im ersten Stock des Technikzentrums an der Nobelstraße, Raum 182, finden Studenten unter anderem Unterstützung bei der Studienorganisation, bei Präsentationen oder wenn private Probleme ihnen das Leben an und außerhalb der Hochschule erschweren. Der Leiter der Anlaufstelle, Tobias Seidl hat einen Spezialauftrag: Er soll unter anderem durch die Personalentwicklung eine Dynamik sicherstellen, die dazu führt, dass die HdM als Hochschule attraktiv ist und bleibt.

Es geht nicht ums Gedicht, sondern um eine Denk- und Anpassungsfähigkeit.“ Die gebetsmühlenartig wiederholte Kritik am zu verschulten Bachelor- und Mastersystem findet Seidl gleichzeitig berechtigt und ungerecht – berechtigt, weil die Bologna-Reform an vielen Hochschulen zunächst zu strikt 28

umgesetzt wurde. Und ungerecht, weil die Kritik die Chancen der Reform außer Acht lasse. In der Lehre müsse man von einer Input- zu einer Kompetenzorientierung kommen. „Die Halbwertzeit von Wissen sinkt. Deswegen musst du andere Fähigkeiten fördern“, sagt er und denkt an die in den Vereinigten Staaten von Amerika entwickelten 21th Century Skills. Zu ihnen zählen unter anderem vier C’s: Critical Thinking, Communication, Collaboration und Creativity. Diese Begabungen zu säen, ist in Seidls Augen gleichermaßen Aufgabe der Schule wie auch der Hochschule. Auf die von Naina erwähnte Gedichtanalyse bezogen bedeute das: „Es geht nicht ums Gedicht, sondern um eine Denk- und Anpassungsfähigkeit.“ Schüler sollten in der Lage sein, ein Problem zu lösen, wenn sie vor eines gestellt werden, zum Beispiel vor ein auf den ersten Blick völlig undurchschaubares Steuererklärungsformular.

Schulabgänger sollen das Wissen über sich selbst nutzen Der Schlüssel zum Erfolg ist für Seidl Selbstreflexion; eine Auseinandersetzung mit den eigenen Wünschen, Zielen und Motiven. Das sieht die Studienberaterin von Wolff ähnlich. Sie verwendet den Begriff „Selbst-Bewusstsein“ und meint damit nicht Selbstsicherheit, sondern ein Wissen über das Selbst. „Wir können alle sehr genau sagen, was uns interessiert und was nicht. Und es gibt bestimmte Werte, die uns persönlich sehr am Herzen liegen“, sagt sie. Diese beiden Aspekte sollten junge Menschen bei der Bildungswahl stärker berücksichtigen – und die Hochschulen mit ihren Beratungsstellen nachvollziehbare Informationen zum Bestehen im Dschungel der Wahlmöglichkeiten zur Verfügung stellen. Motto: Hilfe zur Selbsthilfe. Die Aussage dahinter ist klar: von Wolff zählt nicht zu den Kulturpessimisten, die eine Generation der Unselbstständigen heranwachsen sehen. Sie glaubt: In jedem schlummern die Fähigkeiten, um auf eigenen Beinen stehen zu können. Sie müssen nur geweckt werden – am besten schon in der Schule.


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Interview

Ke ine La ngewe ile Markus Rieger-Ladich ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Uni Tübingen mit dem Schwerpunkt Allgemeine Pädagogik. Im Interview mit Verena Tribensky spricht er darüber, welchen Nutzen die Hochschule fürs Leben hat und wie sich Vorlesungen interessanter gestalten lassen.

eigenen Reim auf die Dinge machen. Sie beginnen sich aus der Abhängigkeit ihrer Herkunftsfamilie zu lösen, sehen sich an der Uni mit faszinierenden Theorien konfrontiert. Das hoffe ich wenigstens. Im besten Fall lernen sie, einen neuen Blick auf die Welt zu werfen, sie nicht als schicksalhaft, sondern als gestaltbar zu begreifen. Jeden Tag aufs Neue handeln wir aus, wie wir leben wollen und wie die Welt einzurichten wäre. Wenn die Uni zu diesem Emanzipationsprozess etwas beitragen könnte, wäre das eine ganze Menge.

Wie schätzen Sie die Studenten der jetzigen Generation ein? Wie haben sie sich im Lauf der Zeit verändert?

Herr Prof. Rieger-Ladich, soll die Uni dazu beitragen, Studenten auf das Leben vorzubereiten? Vielleicht bereitet die Uni auf das, was Sie „das Leben“ nennen, am besten vor, indem sie die Studierenden dazu verführt, das Vertraute hinter sich zu lassen – und sich auf etwas Neues, Unbekanntes einzulassen. Wenn der schulische Habitus nicht mehr funktioniert, müssen sie sich neu orientieren und vielleicht ein wenig neu erfinden. Das ist nicht immer leicht, bisweilen auch anstrengend.

Welche Kompetenzen und Eigenschaften bereiten auf das Leben vor, sowohl generell als auch speziell für den Beruf? Ich denke weniger an die viel beschworenen Kompetenzen. Die Studentinnen und Studenten werden durch den Beginn eines Studiums dazu gezwungen, Verantwortung zu übernehmen – vor allem wenn sie ihren Heimatort verlassen. Sie müssen sich einen 30

Die Gruppe der Studierenden ist heute deutlich heterogener als noch vor etwa 15 Jahren, als ich meine ersten Lehrveranstaltungen anbot. Durch die Öffnung der Unis kommen heute Studierende aus unterschiedlichen sozialen Milieus. Ich begrüße das und freue mich über alle sogenannten Bildungsaufsteiger. Wir stehen damit vor der Herausforderung, die Reproduktion sozialer Ungleichheit zu durchbrechen, ohne die Standards der universitären Lehre abzusenken. Wir sollten daher den Studierenden schon sehr früh eine klare Rückmeldung über die Anforderungen geben. Bisweilen habe ich den Eindruck, dass wir uns darum etwas herumdrücken. Aber – das sind wir ihnen schuldig. Das gebietet die Fairness.

Wie kann man die Wissensvermittlung und damit die Vorlesungen spannender gestalten? Ich verfolge keinen besonderen Ansatz. Es ist ganz einfach: Ich will mich nicht selbst langweilen, weder in der Vorlesung, noch im Seminar. Und dies auch dann, wenn ich eine Vorlesung zum wiederholten Mal anbiete. Wir genießen im Vergleich zu anderen Berufsgruppen noch immer ein sehr hohes Maß an Freiheit; das sollten wir nutzen, auch bei der Gestaltung der Lehre.


Carolin Brune (18) Agrarwissenschaften 1. Semester, Uni Hohenheim

Das Lehramt-Studium hat mich bis jetzt noch nicht sehr auf die Arbeit vorbereitet. Das kommt hoffentlich noch, auch im Praxissemester. Auch sonst habe ich nicht viel fürs Leben gelernt. Ich dachte immer, dass man an der Uni lernt, seine Meinung auszudrücken und reflexiv zu betrachten. Ich bin sehr enttäuscht, was hier aus Literatur gemacht wird, weil man immer von der Meinung anderer ausgehen muss, um die eigene Meinung zu unterstützen. Man bildet sich nicht selbst weiter, entwickelt sich nicht – man wird nur in einen neuen Rahmen gezwängt.

Es ist mir nach dem Abi genauso gegangen wie Naina. Ich hatte das Gefühl, dass ich über die wirklichen Dinge, die man im Leben braucht, in der Schule nicht viel gelernt habe. Dagegen hilft wohl nur Eigeninitiative. Du musst deinen Arsch hochkriegen, darfst dich nicht weiter auf deine Eltern verlassen. Ich bin von Münster in Westfalen aus praktisch ans andere Ende von Deutschland gezogen, um hier in Hohenheim zu studieren. Jetzt, nach dem ersten Semester, weiß ich immerhin schon mal, wie man seine Steuererklärung macht.

Sarah Burkart (25) Linguistik Master, Uni Stuttgart Konkrete Dinge wie Steuererklärungen lernt man an der Uni nicht. Aber man lernt, mit schwierigen Dingen umzugehen. In meinem Fall mit Texten. Dementsprechend sollte man schon in der Lage sein, sich mit solchen Problemen auseinandersetzen zu können, sie effektiv zu lösen und zu wissen, wo man sich Informationen und Hilfe holen kann. Nur manchmal fühle ich mich verlassen, wenn es darum geht, was ich konkret in meinem Berufsleben machen kann. Das ist eine Sparte, die man vielleicht besser abdecken könnte.

Clemens Helmchen (26) Elektronische Medien Master, Hochschule der Medien

Daniel Schrimpf (21) English und Germanistik auf Lehramt 3. Semester, Uni Tübingen

Umfrage: Was hast du an der Hochschule fürs Leben gelernt?

Ich bin in Berlin nach der zehnten Klasse auf ein Oberstufenzentrum Kommunikations-, Informationsund Medientechnik gegangen. Da habe ich einiges fürs Leben gelernt, zum Beispiel die Grundlagen der Tontechnik. Als ich ein Praktikum in einem Tonstudio gemacht habe, waren die ganz erstaunt. Aus dem Mathe-LK habe ich auch vieles mitgenommen. Die Hochschule sollte meiner Ansicht nach stärker auf individuelle Bedürfnisse eingehen. Die sind hier sehr stark von Bürokratie erschwert, das kannte ich aus dem Bachelor in Hamburg nicht. Das nervt. 31


Advertorial

Lernen von den Profis Das SAE Institute Stuttgart bildet die Cross-MediaSpezialisten der Zukunft aus. Video-, Audio-, Web- und Bildproduktionen, gepaart mit Journalistischen Inhalten stehen auf der Tagesordnung eines Cross-Media Production & Publishing Studenten. Von Christian Ignatzi

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raktisches Arbeiten und zahlreiche Projekte bleiben für viele Studenten ein Wunschtraum. Am SAE Institute Stuttgart gehören diese fest zum Studium dazu. „CrossMedia Production & Publishing“ ist einer der Praxisstudiengänge die das SAE Institute anbietet. „Genau das ist es, was ich an meinem Studium hier so gut finde.“, sagt Marc, der seit September 2014 Student im CrossMedia Bereich ist. Da er sich die Zeit neben den Theorieeinheiten nahezu komplett frei einteilen kann, ist es für Marc gut möglich, neben seinem Studium zu Arbeiten. Im Diploma-Level lernen die Studenten das jeweilige „Handwerk“ um mit diesem Wissen und ihrer Erfahrung praktisch in diesem Bereich auf dem Arbeitsmark bestehen zu können. Das Bachelor-Level vermittelt zusätzlich die verschiedensten Business-Inhalte und fordert Abgaben, wie bspw. das Erstellen von Marketingplänen, Businessplänen, das Verfassen von Blogartikeln und Fachmagazinbeiträgen. Vermittelt werden die Lehrinhalte von internen Fachdozenten und Dozenten aus der Industrie (Fernsehen, Film, Radio,

Internetagenturen, etc.). Von wem kann man besser lernen, als von denen, die selbst erfolgreich praktizieren? Schon im Verlauf des Studiums bauen sich die Studenten ein repräsentatives Portfolio aus eigenen Arbeiten und Projekten auf. Hierzu gehören unter anderem z.B. Videobeiträge und - reportagen, Radio- und Podcastbeiträge sowie Fotografie und Bildbearbeitung. „Wir haben durch das Studium auf jeden Fall sehr viele Möglichkeiten in mehreren Bereichen zu arbeiten“, berichtet Student Markus.

Bachelorstudium innerhalb von 24 Monaten in Volloder Teilzeit möglich Am SAE Institute Stuttgart lässt sich schon innerhalb von 24 Monaten bis zum Bachelor studieren. Die verschiedenen Studienmöglichkeiten in Voll- oder Teilzeit, die Vorraussetzungen und weitere Informationen lassen sich im Informationsmaterial und direkt online unter http://stuttgart.sae.edu einsehen.

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Kolumne: Aus dem Studentenleben

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von Sanja Döttling

ier sehen Sie einen Clip aus ,Herr der Ringe‘“, sagt der Dozent, und zeigt ein vermeintlich witziges Youtube-Video, in dem Jar Jar Binks rennt. Nein, lieber Dozent, das ist nicht „Herr der Ringe“. Das ist „Star Wars“. Meine Mutter verwechselt das auch manchmal. Die ist aber auch nicht Dozentin für Medienwissenschaften an ‘ner Eliteuni. Von euch Dozenten erwarte ich ein gewisses Wissen, auch in langweiliger Popkultur. Da mangelt es, vor allem in der neuen Medienwissenschaft - zum Großteil von Dozenten unterrichtet, die etwas ganz anderes studiert haben. Klar, Ihr seid keine Lichtgestalten. Aber völliges Unwissen in populärer Kultur grenzt an Missachtung eures eigenen Fachs, oder? Vielleicht ist es euch egal, wie der komische Film heißt. Uns aber nicht. Medien sind Teil unseres Alltags - für euch sind sie wohl nur das Objekt, an dem ihr euren Forschungsgeist abreibt. Wer Medieninnovation unterrichtet, sollte eine Spielekonsole schon mal gesehen haben. Wer über Farben promoviert, sollte Folien erstellen, die nicht Verzweiflung beim Entziffern von brauner Schrift auf grellorangenem Grund hervorrufen. Und wer Medienwissenschaften unterrichtet, sollte auch mal Hollywood-Einheitsbrei-Filme schauen, von mir aus auf VHS und nicht auf Netflix. Aber anstatt eure Wissenschaft auf das zu beziehen, worum es wirklich geht, nämlich Medien, kommt es vor, dass ihr unsere Zeit verschwendet, gerne in Vorlesungen mit Anwesenheitspflicht. Ihr redet über Evolution (dabei studier‘ ich gar nicht Bio) oder Soziologie (auch nicht) oder versucht,

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antike Rhetoriktheorien auf das Internet anzuwenden (bitte, lasst es einfach, ihr bekommt euren Uni-gestellten Mac doch nicht mal mit diesem „Internet“ verbunden). Klar, ich liebe interdisziplinärer Ansätze, aber ist euch mal in den Sinn gekommen, mit euren Kollegen zu reden, bevor Ihr in ihren Gebieten wildert und uns mit fachmännisch klingendem Halbwissen verwirrt? Wir Studenten sind Maden im Unibetrieb: niemand will uns so richtig, aber nur dank uns bleibt der Wissenschaftshumus schön durchlässig. Leider setzt eure Ignoranz meine Zukunft aufs Spiel. Dass Dozenten nicht unterrichten können müssen, ist bekannt: Deutschland, ein Land mit hochwertigem Extra-Lehramtsstudium für zukünftige Wissensvermittler, vermittelt von Dozenten, die kein pädagogisches Wissen haben. Müssen sie ja meistens nicht. Denn wir Studenten sind Meister im Präsentieren von ungekochtem Halbwissen, das wir den anderen mit schönen Power-Points schönreden. Gastdozenten, ihr seid die Besten, aber auch die Schlimmsten. Da klingelt das Dozentenhandy im Seminar, und du sagst: „Da muss ich ran, das ist richtige Arbeit, ich bin ja freier Journalist.“ Und wir? Wir stören. Zumindest fühlt es sich oft so an. Ihr müsst ja nicht meinen Namen können. Aber mir im Seminar zuhören, mich herausfordern und fördern, das wär‘ schon was. Liebe Dozenten, euer Wissen ist meist beeindruckend, aber leider nicht sonderlich praktisch. Vermitteln wollt ihr es auch nicht so gern. Sind Studenten wirklich nicht mehr als ein Hindernis, das eurer Forschung im Weg steht? Wir sind da, um von euch zu lernen, aber ganz einfach macht ihr uns das nicht.


Mein Waldtier und ich

W채re es nicht spannend zu wissen, was Kinder im Wald eher wahrnehmen, wenn sie die Wahl zwischen einem Tablet und der Natur um sich herum h채tten? Genau das erforscht Lea Mauz, 27 Jahre, zur Zeit in ihrer Dissertation an der PH Ludwigsburg. Von Verena Tribensky

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as Ganze nennt sich fachsprachlich „Aufmerksamkeitsanalyse von Kindern in der Natur während der Nutzung mobiler elektronischer Geräte in der Umweltbildung“. Seit 2013 läuft diese Studie nun, mit der Mauz ein aktuelles Thema aufgreift: Aufmerksamkeit und mobiles Lernen. Immer mehr Institutionen nutzen digitale Geräte in der Umweltbildung zur ortsunabhängigen Vermittlung von Wissen. Zusammengefasst gibt es zu dieser Thematik zwei Lager: Die Befürworter, die Tablets und Smartphones für die Umweltbildung als nützlich erachten und die „Gegner“, die skeptisch sind, ob die Kinder hierbei wirklich eine Naturerfahrung machen oder nicht viel eher von technischen Geräten abgelenkt werden.

Die Waldtier-App

Mauz, die Biologie in Hohenheim studiert hat, untersucht die Aufmerksamkeit von Kindern im Wald mit Hilfe eines Spiels. Einer WaldtierApp, bei der Kinder in einer Gruppe ein Tier auswählen und dafür einen Rastplatz, ein Versteck und einen Schlafplatz finden sollen. Die andere Gruppe soll anhand von Fotos der Plätze und weiteren Hinweisen herausfinden, welches Tier dort lebt. Ziel ist es, dass sich die Kinder mehr Wissen über die Tiere und den Wald aneignen und die Natur als Erfahrung erleben. Dabei filmt eine Kamera an Tablet oder Smartphone die Augenbewegungen der Kinder. Die Forscherin konzentriert sich auf die Frage, wohin die visuelle Aufmerksamkeit der Kinder bei der Nutzung der App wandert: „In der Arbeit sollen evidente Fragen der Sinnhaftigkeit und des Nutzungsverhaltens mobiler Endgeräte bei Umweltbildungs-Maßnahmen analysiert werden“, sagt sie.

Drei Phasen der Forschung

In der ersten Phase suchte Mauz Literatur, unter anderem zum Thema e-Learning, Aufmerksamkeit und mobiles Lernen. Die zweite Phase der Studie, in der sie die passende Methodik weiter ausgearbeitet hat, ist bereits abgeschlossen. Auch erste Resultate gibt es schon: Da die Technik mit einem

geplanten Eyetracker zu aufwendig ist, haben Programmierer für die Frontkamera (Tablet/ Smartphone) eine Anwendung entwickelt, die die Augenbewegungen der Kinder aufnimmt. Zudem beschloss Mauz, einen Beobachter im späterern, direkten Versuch mit den Kindern einzusetzen. In der letzten Phase startet im kommenden Herbst das Experiment an sich. Es haben sich schon einige Klassen gemeldet, die gerne teilnehmen würden. Danach folgt die weitere Auswertung der Studie mittels Fragebögen und Interviews.

Die unbekannte Natur

Kann man denn nun schon eine gewisse Tendenz in der Studie beobachten, in der es vor allem um Gundlagenforschung geht? Mauz stellt keine vorschnelle Vermutung auf, aber nach den ersten Beobachtungen scheint es, als würden die Kinder weniger die Technik als das Fremde und Neue ansehen, sondern eher die Natur. Dadurch sind sie offenbar auch weniger auf die Geräte fixiert. Die Technik fungiert hier also als Brücke zur Natur, dem Unbekannten. Nach dem Feedback der ersten Testteilnehmer scheint es den Kindern auch eine Menge Spaß zu machen. Sie bekommen nicht nur Fakten vermittelt, sondern auch einen Transfer der Erlebnisse im pädagogischen Sinne auf sich selbst präsentiert: Was hat der Wald mit mir zu tun?

Praxisanwendung

Nach Abschluss und Publikation der Studie (2016), soll die App mit Leitfaden bereit zur Praxisanwendung in der Wald-/ Umweltpädagogik sein. Das wäre wünschenswert, gibt es doch bis dato noch kaum Forschungsergebnisse zum Thema Aufmerksamkeit und mobile Endgeräte. Einen Tipp für alle, die eine Dissertation oder Abschlussarbeit planen, hat Mauz auch parat: „Der Anfang scheint erst mal sehr schwer und Durststrecken sind unvermeidbar, aber ich rate allen während dieser bereichernden Zeit so viele Kontakte wie möglich zu sammeln und sich möglichst breit aufzustellen. So eine Forschungsarbeit kann eine unglaubliche Bereicherung sein.“

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Buch des Semesters

Das Schreiben vor dem Fänger

Er schrieb nur einen einzigen Roman, doch der zählt mit angeblich 65 Millionen Exemplaren zu den bislang meistverkauften Büchern. In „Der Fänger im Roggen“ ließ J.D. Salinger den von seinem Internat geflogenen 16-jährigen Holden Caulfield ein verlängertes Wochenende lang durch New York City streifen und fluchen – über die Erwartungen der Erwachsenen herziehend. Der „Godfather“ moderner Comingof-Age-Geschichten begeisterte und inspirierte Millionen – leider auch Mark David Chapman, der, als er 1980 John Lennon tötete, ein Exemplar des Buches bei sich trug. Nun sind drei alte Kurzgeschichten von Salinger erstmals auf Deutsch erschienen.

Worum geht‘s?

Ein fingerkauender Partygast wird von der Gastgeberin mit einer missachteten Lady verkuppelt, doch der Versuch scheitert, weil er lieber eine blonde Männerfresserin anhimmelt. Ein verwöhntes Revuegirl streitet sich mit ihrem Bruder über Affären und Arbeitsverweigerung. Und ein Soldat unter der Fuchtel von Frau und Tante flüchtet vor ihnen in den Zweiten Weltkrieg.

Wer hat’s geschrieben?

Jerome David Salinger kommt an Neujahr 38

1919 in New York zur Welt. Sein Vater schickt ihn 1937 nach Wien, wo Salinger Deutsch lernen soll, um das familiäre Importgeschäft zu übernehmen. Doch dem Jungen schwebt eher eine Schriftstellerkarriere vor. Seine Kurzgeschichte „Die jungen Leute“ erscheint 1940. Im Krieg nimmt Salinger an der Invasion in der Normandie teil und trifft später in Paris Ernest Hemingway, der ihn in seinen Bann zieht. Der Erfolg von „Der Fänger im Roggen“ überfordert Salinger, er zieht sich von 1953 an immer mehr zurück. Seine letzte Erzählung erscheint 1965. Ende Januar 2010 stirbt er in New Hampshire.

Lohnt sich‘s?

Ja und jein, inhaltlich auf jeden Fall. Wer den Fänger im Roggen kennt, wird Salingers unverwechselbare Sprache in „Die jungen Leute“ sofort wieder erkennen. Salinger hatte ein großes Talent, mit gewöhnlichen Dialogen vielschichtige Bilder zu erzeugen. Viele Wörter braucht der Mann nicht. Das Buch ist in einer Stunde locker zu packen. Dafür freilich sind 15 Euro ein stolzer Preis. (ben) J.D. Salinger, Die jungen Leute – Drei Stories – Kurzgeschichtensammlung, Piper, 80 Seiten, ISBN 978-3492056984, 14.99€


Der Liebling der Redaktion

Symbolologe auf Indys Spuren Galileo Mystery, Wunderwelt Wissen - oder wie sie alle heißen. Fernsehsendungen, die uns als Jugendliche die Nachmittage und Abende auf RTL II an den Fernseher gefesselt haben, sind uns allen im Kopf geblieben. Und gefühlte 30-mal im Jahr ging es um den Heiligen Gral. Gibt es ihn, was tut er, und was haben die Illuminaten damit zu tun? Das haben wir einem Mann und seinem Werk zu verdanken: Dan Brown.

Worum geht‘s?

„Illuminati“ ist der erste Thriller aus der Reihe um den amerikanischen Symbolologen Robert Langdon (nein, nicht dieser Tom Hanks), der in IndianaJones-Manier (nein, nicht dieser Harrison Ford, dessen deutscher Sprecher spricht nur das Hörbuch) vornehmlich nach Europa reist, um Rätsel zu lösen. Im ersten Teil der Saga führt ihn eine mysteriöse Mordserie eines alten Geheimbunds nach Rom. Seine Mission: Die Kirche retten.

Wer hat’s geschrieben?

Dan Brown, geboren 1964 in New Hampshire, nimmt den klassischen Weg eines amerikanischen Schriftstellers. Er unterrichtet als

Sohn eines Mathematikprofessors Englisch, ehe ihn die Schriftstellerleidenschaft packt und er sich aufs Schreiben konzentriert. Der Roman „Illuminati“ sorgt entscheidend dafür, dass Brown von seinen Büchern leben kann. Seine Werke sind bekannt dafür, unterschiedliche Verschwörungstheorien aufzugreifen, Wahrheit mit Fiktion zu versehen, und daraus spannende Geschichten zu erzählen. Nebenbei hat sich Brown jahrelang als Singer/ Songwriter versucht, allerdings mit mäßigem Erfolg.

Warum Chris es liebt?

Weil man wunderbar in Robert Langdons Abenteuern versinken kann. Zumindest dann, wenn man sich kritisch mit der Kirche auseinandersetzen kann, ohnehin auf Verschwörungstheorien steht und Indiana Jones liebt. Dann sieht man auch mal über einige Unstimmigkeiten im Buch hinweg. Etwa die, dass eigentlich niemand einen Sturz aus drei Kilometern Höhe überleben könnte. Schade nur, dass die so schön verwobenen Verschwörungstheorien zum Großteil schon als Humbug erwiesen sind. (ci) Dan Brown, Illuminati – Thriller, Bastei Lübbe, 736 Seiten, 978-3404148660, 9.99€

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Die Kurzgeschichte

Auf der Suche nach dem verlorenen Gefühl von Gratian Riter

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s war einer der verdammten Tage, die man kaum erträgt. Die Dunkelheit der Nacht hat den Tag im Griff, ihre Kälte würde nicht vergehen und der Nieselregen drückt die Wolkendecke ins Bewusstsein. Der Tag, der alles änderte, spielt sich in einer Straßenbahn ab. Nicht auf einem der bequemen Sitze, in denen man wunderbar Platz hat, wenn man allein darin sitzt, sondern im Bereich zwischen den Türen. Die Straßenbahn ist

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bis auf den letzten Platz besetzt. In den Gängen stehen Schulkinder, in ihren Stimmen der Eifer der Gegenwart. Dazwischen Jugendliche, abgeschottet durch Kopfhörer, die ihnen die Zukunft versprechen. Außerdem Leute auf dem Weg zur Arbeit, beschäftigt mit Büchern, die sie in spannende Fantastereien entführen. In einer Ecke sitzt ein Hund und zieht seinen Schwanz ein. In eben jene Straßenbahn steigt, man entschuldige den Fachausdruck, unser Protagonist, unser Jedermann. Er versucht seinen lästigen Körper durch die Menge zu


schieben, muss allerdings nach einem halben Meter einsehen, dass dieses Unterfangen nicht von Erfolg gekrönt sein wird. Auf der Suche nach Halt manövriert er seine Hand zwischen Taschen und Körpern hindurch, bis sie eine Stange findet. Als die Bahn anfährt, kommt ihm ein roter Rucksack gefährlich nah. Eigentlich würde er gerne laut schreien, man möge ihn in Ruhe lassen, man möge ihm seinen Raum lassen, doch die Neuronen, die für die Übertragung dieser Signale vom Hirn zu den Gesichtsmuskeln und den Stimmbändern verantwortlich sind, sind schon lange verstopft.

der Professionalität. Menschen würden vor ihm in Tränen ausbrechen und er würde die Tür vor ihnen verschließen. Am Anfang hatte er noch das Bedürfnis verspürt aufzustehen, den großen Tisch zu beseitigen und zu sagen, dass das alles gar nicht so schlimm sei. Doch dann hatten sie immer angerufen, bis man ihn wissen ließ, dass er härter sein müsse.

Der Mund rührt sich nicht, die Zunge bleibt still. Die Realität des öffentlichen Personennahverkehrs erwartet von ihm, die Fresse zu halten. Er findet sich damit ab und seine Gedanken steigen aus, während seine Füße ihm einen stabilen Stand verschaffen, mit dem Boden der Straßenbahn eine Fusion eingehen. Hätte man ihn genau beobachtet, hätte man bemerkt, wie seine teilnahmslosen Züge sich verhärten. Irgendwo kläfft ein Hund.

müssen, hatte er gewusst, dass alles gut war. Heute hangelte er sich von Tag zu Tag und verschob die Frage, ob alles gut werden würde, auf morgen. Es ist nicht so, als wäre er nicht gern im Reinen mit sich. Er denkt nur, dass er keine Chance hat, der zu sein, der er gern wäre. Irgendwann hatte er einfach beschlossen, der zu sein, von dem erwartet wird, dass er er ist. Eine Reihe von Enttäuschungen hatte ihn dazu gebracht, zuzusehen ohne teilzunehmen. Das gab ihm Sicherheit. Die gleiche Sicherheit, mit der er jetzt in der Bahn steht und weiß, dass ihm alles egal ist. Eigentlich ist es das nicht, aber das kann er vor sich selbst nicht zugeben. Aus den Lautsprechern erklingt die Ansage: „Endstation! Alle

Das Ziel seiner Fahrt würde ihn auch nicht an einen anderen Ort bringen. Er würde heute hinter einem großen Schreibtisch sitzen und eine Entscheidung vertreten, die er nicht getroffen hatte. Aber das kam eben mit

Als er klein war, hatte er sich alles anders vorgestellt. Man hatte ihm gesagt, dass er alles werden konnte, alles haben konnte, und er hatte ihnen geglaubt. Ohne darüber nachdenken zu

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Umsteigen bitte!“ „Angeklagter, Sie stehen vor Gericht und Ihnen droht die Todesstrafe. Ihnen werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last gelegt. Sie werden beschuldigt, das Leben nicht als Geschenk, sondern als Mission zu durchleben, die es abzuleisten gilt. Ferner ignorieren Sie alle Emotionen, die Ihnen nicht passen. Wie plädieren Sie?“ Der Angeklagte erhebt sich ehrfürchtig und spricht: „Schuldig, aber das verlangt das Leben doch.“ „Im Namen des Lebens ergeht folgendes Urteil: Der Angeklagte wird zu lebenslänglicher Freiheit verurteilt.“ Wieder die Bahn. Diesmal mit Sitzplatz. Vor dem Fenster der Tunnel, der ihn nach Hause bringt. Die Zeit hatte sich geändert. Sie lief jetzt nicht nur vor ihm ab, er bewegte sich in ihr. Klar wie einen sonnigen Frühlingstag am Meer sah er den Moment vor sich. Als er im Begriff gewesen war, sein Büro zu betreten, hatte seine Hand auf der Klinke verharrt, und sich geweigert, sie herunterzudrücken und damit die Tür zu dem Teil seines Lebens zu öffnen, den er verabscheute. Wo sonst die Schlangen standen nichts als Leere. In der Mitte der Schalterhalle ein verlorener Weihnachtsbaum. Neugierig bewegte er sich auf den Baum zu. Er war schön, wenn auch ein wenig zu ordentlich geschmückt, als käme er aus einer Schweizer Uhrenwerkstatt. Die gol-

denen Kugeln hingen ordentlich herab und selbst das Lametta machte den Anschein, als gehorche es der Gausschen Normalverteilung. Mitten im Flughafen umgab den Baum eine Duftwolke von frischem Waldgeruch. Er steckte seine Nase zwischen die Äste und sog die Luft ein. Er schloss die Augen und erinnerte sich an seinen letzten Besuch im Wald. Moos, Pilze und eine Spur von Minze drängten sich in seine Erinnerung. Vor seinem inneren Auge entstanden Bilder von durch die Luft gleitenden Vögeln, Eichhörnchen, die sich gegenseitig um die Baumstämme jagten und von dem Kaninchen, dem er – gemäß seinem Wesen – erfolglos versucht hatte zu folgen. Irgendwann war es einfach zwischen den Bäumen verschwunden. Er hatte noch kurz verharrt, ins Gebüsch gestarrt, als ob er blind sei und hatte sich dann einfach an Ort und Stelle hingesetzt. Während er sich an den Wald erinnerte und vor dem Christbaum die Luft in seine Lunge sog, ergriff ihn ein Gefühl von Ruhe und Entspannung. Er fühlte sich behaglich und geborgen, wie wenn er vor der Heizung zu Hause saß, und – die Augen halb geschlossen – vor sich hin träumte. Ein Pfiff riss ihn aus seinen Tagträumen. Er öffnete die Augen, hob kurz das Bein, pinkelte, und kehrte zurück zu seinem Herrchen. Jenes kraulte ihn hinter den Ohren. Das war die Belohnung dafür, dass er alles richtig gemacht hatte. Er wedelte mit dem Schwanz.

Gratian Riter, geboren 1982 in Stuttgart, studierte Allgemeine Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie in Stuttgart. Seit 18 Jahren setzt er sich mit Geschichten in all ihren Formen auseinander. Mehr gibt es auf www.0711geschichten.de. 42


Lesefreude wecken Lesekompetenz stärken

Foto: © ZDF

Marietta Slomka

Ich unterstütze als Lesebotschafter die Arbeit der Stiftung Lesen! Machen auch Sie mit und engagieren Sie sich als Vorleser oder im Förderverein der Stiftung Lesen.

Mehr Informationen: www.stiftunglesen.de www.stiftunglesen.de/freunde-der-stiftung-lesen


Von Peter Pan und Anna Apfelkuchen

Am 9. März erschien der gemeinsame Jugendroman „Das Amulett der Ewigkeit“ der Stuttgarter Autoren Susanne Glanzner und Björn Springorum. Aber wie wird man eigentlich Schriftsteller? Zwei Lebenswege. Von Ben Schieler 44


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ie Geschichte von „Anna Apfelkuchen“ beginnt mit einer Trennung. Und einer Enttäuschung. Als eine Beziehung in die Brüche geht, sucht eine Aufgabe, die sie vom Liebeskummer ablenkt. Im Olgäle will sie als Anna Apfelkuchen kleinen Patienten vorlesen, doch dort lehnt man ab. Die Figur passe nicht ins Programm. Glanzner denkt sich „Jetzt erst recht“. Setzt sich an den Schreibtisch: Und schreibt los. Schreibt ein Kapitel. Schreibt zwei Kapitel. Kann nicht mehr weiter schreiben. Eine Schreibblockade. Sie hält eineinhalb Jahre. Bis der Knoten eines Tages platzt und Sue weiter schreibt, zu Ende schreibt – und die Lektoren des Stuttgarter

Susanne Glanzner

Thienemann-Verlags überzeugt. Spätestens da hat sie das, wovon weltweit Autoren träumen: einen Fuß in der Verlagstür. Die Unterfränkin aus einem kleinen Nest zwischen Würzburg und Schweinfurt verlässt ihre Heimat im Jahr 2000. Geradlinige Wege scheinen ihr nicht zu liegen. Sie lebt ein halbes Jahr auf Kreta, begleitet Udo Jürgens im Tourbus, verkauft Fanartikel, veröffentlicht mit der Autorenkollegin Alexandra Reinwarth zwei Bücher: Den „Chick Code“, ein weibliches Äquivalent zu Barney Stinsons Bibel, und „Warum Bros nicht heiraten wollen und Chicks immer kalte Füße kriegen“. In Stuttgart kommt sie an die Modeschule Holzenbecher und studiert Modedesign. Sie muss viel arbeiten, um sich das Studium zu finanzieren, 45


doch die Großstadt Stuttgart gefällt ihr. „Die Menschen sind nicht so in sich gekehrt und spießig wie es immer heißt“, sagt sie – und lässt es mächtig krachen. Das Studium leidet nicht darunter. „Aus Ihnen wird mal was“, prophezeit ihr die Chefin Doris Holzenbecher und sieht Sue schon am Rande schillernder Laufstege. „Lustig und süß“, findet das Sue, aber auch ermutigend. „Doris und Heinz Holzenbecher haben an mich geglaubt. Ich vergöttere die beiden“, sagt sie. Nach Paris geht sie trotzdem nicht. Sue entwirft lieber Mode für freche Kids, baut das Stuttgarter Label Punkiz auf – bis das Schreiben in den Vordergrund tritt. entdeckt seine Liebe zur Literatur mit zwölf Jahren. Tolkiens Hobbit zieht ihn tief hinein ins Fantastische. Und dort will er bleiben, zumindest immer wieder zurückkehren, getrieben von dem Wunsch, „Peter Pan zu sein und niemals erwachsen zu werden“. Als er erwachsen ist, schreibt sich Björn, wie Hermann Hesse ein gebürtiger Calwer, an der Uni Stuttgart für Englisch und Geschichte ein. Das gibt der Liebe zur Literatur den nächsten Schub. Er verschlingt Dickens, Austen, Brontë. „Ich hatte Bock auf die komplette Leseliste.“

Björn Springorum

Die Stuttgarter sind nicht so in sich gekehrt und spießig, wie es immer heißt.“ Überhaupt: das Studium. Geisteswissenschaften in Stuttgart, ein miserabler Ruf, doch Björn findet’s toll. „Römische Geschichte bei Prof. Sonnabend war Entertainment pur“, sagt er. Er lässt sich Zeit, arbeitet nebenher im Kino, schreibt Artikel für Magazine, wird Musikkritiker – und setzt sich an seinen ersten Roman. „Herbstbringer“, die Geschichte der 14-jährigen Emily, die sich nicht daran erinnert, dass sie fast zwei Jahrhunderte zuvor lebendig begraben wurde, erscheint im Herbst 2013. Björn mag es nicht nur fantastisch, er mag es düster. Und 46

neben dem Auen- und dem Nimmerland ist das London des Viktorianischen Zeitalters der dritte Ort, der sein Herz in Sprünge versetzt. Beste Voraussetzungen für eine Kooperation mit Sue Glanzner. Der Journalistenkollege eines Stuttgarter Stadtmagazins erzählt Björn von Sues Idee eines Buchs, geschrieben aus zwei Perspektiven von zwei Autoren, mit einer Handlung, die wie maßgeschneidert scheint für ihn. Nach einem gemeinsamen Mittagessen ist klar: Das passt. Ein halbes Jahr lang schreiben und lesen sie, immer im Wechsel, schicken sich gegenseitig neue Kapitel und bringen nach und nach „Das Amulett der Ewigkeit“ aufs Papier, offiziell ein Jugendbuch, das aber auch junge Erwachsene begeistern soll. Handlung: Im London des Jahres 1851 rettet Christopher ein Amulett vor den Schattengestalten, die ihn jagen. Im London des Jahres 2014 entdeckt Christine eben jenes Amulett in einem Antiquariat und hinterlässt Christopher eine Nachricht, die ihn über geheimnisvolle Wege erreicht und die er beantwortet – ohne dass die beiden ahnen, wie viel Zeit sie voneinander trennt. Seit 9. März steht der Roman in den Buchhandlungen, die ersten Lesungen im Stuttgarter Café Bohème und auf der Buchmesse Leipzig liegen bereits hinter dem Duo. Beide haben neue Projekte in der Pipeline. Ihre Wege waren höchst unterschiedlich. Aber Björn und Sue sind dabei, die Schriftstellerei zu verstetigen.


Der schräg ansteigende Ausstellungsbereich des Porsche-Museums ist 140 Meter lang, 70 Meter breit und „schwebt“ bis zu 16 Meter in der Luft. Dieser sogenannte Flieger wird lediglich von drei Stützen in die Höhe gestemmt. Architektonisch orientierte man sich am Brückenbau. Um den Kraftakt stemmen zu können, musste ein Stahlskelett geschaffen werden, das die Masse des Eiffelturms hat. Die geografische Mitte der Landeshauptstadt befindet sich am Rotebühlplatz. Da der exakte Mittelpunkt an einer Säule in der U-/S-Bahn Passage liegt, findet man einen Hinweis zu dieser kleinen Attraktion rund 15 Meter weiter am Treppenaufgang zur Calwer Passage. Auf dem Calwer Platz sind auf einer Bodenplatte die genauen Koordinaten der Stadtmitte vermerkt. Die beiden Stuttgarter Tüftler Robert Bosch und Gottlieb Daimler konnten sich nicht ausstehen. Als sie sich kennenlernten, verjagte Daimler den jüngeren Bosch sogar von seinem Grundstück in Cannstatt. Weitere unnütze Fakten über Stuttgart gibt es im Netz auf www.unnuetzes-stuttgartwissen.de oder auf Facebook.

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Die kunterbunte Seifenblase Bildung ist in Mexiko ein Konsumgut. Für Erziehung muss die Elite zahlen. Die Trägerin unseres zweiten Bücherstipendiums in Kooperation mit dem Verein Global Learning hat sich in Monterrey auf die Suche nach Campus-Räumen gemacht – und dabei die eine oder andere Überraschung erlebt. Ein Gastbeitrag von Natalie Diedrichs

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in Reh beobachtet, wie eine angehende Medizinerin in ihrem weißen Kittel zum Vorlesungssaal hechtet. Dabei leistet ihm ein prächtiger Pfau Gesellschaft, dessen azurblau-grünes Federkleid in der Sonne glitzert. Eine Entenmama watschelt mit ihren vier Kleinen hastig über den gepflasterten Gehweg. Sie ist kompromisslos: Die Schar der mit Büchern und Rucksäcken bepackten jungen Akademiker muss ihr ausweichen. Derartige Situationen sind alltäglich an der größten privaten Universität Mexikos. Der Campus des Instituto Tecnológico (kurz: Tec) de Monterrey ist mehr als ein Studienort: Er ist auch ein Streichelzoo, ein Naherholungsgebiet und ein Platz für fantastische Events. Er repräsentiert die wichtigsten Merkmale und Charaktereigenschaften des farbenfrohen, facettenreichen Landes. Den mehr als 300 Austauschstudenten lehrt er damit auf seine eigene Art, wie Mexiko funktioniert. Denn auf dem Campus der Tec lernen die Studenten nicht nur, sie leben auch. Die weitläufigen grünen Parkanlagen mit ihren zahlreichen Springbrunnen und künstlich angelegten Wasserbecken gleichen auf den ersten Blick eher einem Naherholungsgebiet als einer Lehrstätte. Bis vor ein paar Jahren gesellten sich sogar Ziegenböcke zu den Rehen, Pfauen und Enten. Die „Borregos“ gelten als offizielles Maskottchen der Universität und ihres American-Football-Teams. Allerdings verschwanden die echten Böcke bald wieder, nachdem sie mehrere Angriffe auf Studenten verübt hatten. Bei 40 Grad Celsius in der Sonne sind vor allem die Schattenplätze zum Lernen auf dem Campus gefragt. Hunderte der rund 20.000 Studenten tummeln sich an den Holztischen und Bänken, die die Gehwege durch die grünen Wiesen säumen. Jeder Tisch ist mit einer Steckdosensäule versehen. An

einer Hochschule im 21. Jahrhundert geht heute nichts mehr ohne Notebook, auch nicht in Mexiko. Zum Glück verschont der Wassersprinkler die Schreibenden, Lesenden und Tippenden, selbst wenn der eine oder andere rauchende Kopf sich vermutlich über eine kleine Abkühlung freuen würde. Die gibt es dann spätestens in den Vorlesungsräumen. Während sich draußen der mexikanische Hochsommer von seiner besten Seite zeigt, herrschen in den Gemäuern der Tec gerade mal 16 Grad. In den „Salas“ hocken pro Vorlesung etwa 40 Zuhörer, die den Ausführungen der Professoren lauschen und ihre Powerpoint- Folien studieren. Diejenigen, die nicht aus Mexiko stammen, sind leicht zu erkennen: Sie sind in dicke Pullover gehüllt, tragen Schals und Fleece-Jacken und verschränken die Arme vor der Brust. Die Temperaturdifferenz von mehr als 20 Grad gestaltet sich für manch einen Austauschstudenten als Herausforderung. Auf die Nachfrage, ob die Klimaanlage nicht abgeschaltet werden könne, antwortet der Professor, sie sei zentral gesteuert und lasse sich nicht ausschalten. Die Studenten bewahren so zumindest einen kühlen Kopf, wenn die Inhalte komplizierter werden. Mexikanischer Pragmatismus eben. Wer zum ersten Mal in Mexiko ist, merkt schnell, dass das Land vor allem eines ist: bunt. Kreuze auf Kirchendächern erstrahlen durch neongrüne LED- Lichter in der Nacht. Supermarktkassen sind mit pinken, blauen, gelben und orangen Helium-Ballons geschmückt. Häuserfassaden, Flure und Zimmerwände tragen bevorzugt die Landesfarben grün, rot und weiß. Gerne decken sie aber auch alle anderen Farbspektren ab. So ist es auch in den Vorlesungssälen der Tec. Während in Deutschland die Stühle in Vorlesungsräumen meist eine gemeinsame Farbe haben, sind die Sitzmöglichkeiten in Mexiko kunterbunt: Auf gelben, grünen, blauen, orangen und roten Plastikstühlen sitzen Mexikaner, Deutsche, Ecuadorianer, Franzosen, Belgier, 49


Australier, Österreicher, Niederländer, Polen und Studenten aus Hong Kong. Die Vielfalt, Internationalität und der interkulturelle Wert, den die Vorlesungen bieten, ist kaum zu übertreffen. Die Tec ist bunt. Genauso wie Mexiko. Nach 90 Minuten Zittern und Schlottern reißen sich die Geplagten dann die Kleider vom Leib, um sich für die draußen herrschenden Temperaturen zu wappnen. Auf dem Weg zur nächsten Vorlesung über den Campus, groß wie ein Dorf, geraten sie wieder ins Schwitzen. Am Wegesrand lassen sich an die 15 Studenten beobachten, die gerade dabei sind, rote und grüne Pavillons aufzubauen. Zwei Mädchen präparieren kleine Snacks: getrocknete Ananas und Mango mit Chili. Daneben stehen sauber aufgereiht fünfzig JoghurtDrinks in den Geschmacksrichtungen Erdbeere und Brombeere. Ein Stapel Terminkalender mit dem Logo der Universität liegt daneben. An diesem Tag werden die Austauschstudenten offiziell begrüßt. Jeder von ihnen erhält ein TShirt mit der Aufschrift „Soy Tec“ (frei übersetzt: Ich gehöre zur Tec). Die fleißigen Helfer drücken ihnen auch einen Terminkalender und eine Plastiktüte mit Werbegeschenken in die Hand: Der obligatorische Kugelschreiber und die erfrischenden Minzbonbons stellen keine Überraschung dar. Die Probierpackung Paracetamol, der Einwegrasierer und die

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Intimwaschlotion lassen die Beschenkten eher stutzen. Hier denken sie offenbar an alles. Neben Internationalität scheint die Tec sich auch um den Umweltschutz bemühen zu wollen. Zu ihrem grünen Image dank überaus gepflegter Parkanlagen und umherspringender, handzahmer Tiere, passen auch die dunkelgrünen Mülleimer, die alle zehn Meter auf dem Campus aufgestellt sind. Sie fordern jeden anhand bunter Bildchen dazu auf, den Müll zu trennen: ein Behälter für Papier, einer für Plastik, einer für Biomüll. Eine nette Geste, die aber etwas an Glaubhaftigkeit verliert, sobald man sich ins Gedächtnis ruft, dass sich die Klimaanlagen im Innern der Universität nicht einmal ausschalten lassen.

Das Flaggschiff der Bildungselite ist ab und an zerrissen Die Tec sieht sich selbst als Pionier in Sachen Bildung und Fortschritt des Landes. Trotzdem wirkt sie ab und an zerrissen. Das lässt sich erklären: Sie gilt mit ihren mehr als 30 Standorten als Flaggschiff der mexikanischen und südamerikanischen Bildungselite. Nicht wenige Studenten nehmen horren-


de Kredite auf, um sich ihre Bildung zu kaufen. In einem Land wie Mexiko ist sie keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Konsumgut. Mit einem Armutsanteil von 46 Prozent, wie das Handelsblatt 2013 berichtete, hat die Bevölkerung vor allem mit Grundversorgungsproblemen zu kämpfen. Die nahezu überall herrschende Korruption und die oftmals damit verbundene Kriminalität stellen weitere Hürden für das Schwellenland dar. Nachdem sich der Zugang zur Bildung seit 2010 laut Handelsblatt jedoch verbessert hat, scheint das Land immerhin in die richtige Richtung zu streben. Das liegt unter anderem daran, dass viele Mexikaner bereit sind, umgerechnet 5000 Euro pro Semester für ihr Studium zu zahlen. Wegen des großen Armutsproblems haben Themen wie Umweltschutz wenig Platz in ihren Köpfen. Das ist nicht nachhaltig, aber nachvollziehbar. Die Studenten der Tec gelten als Nachwuchshoffnungen, die später die wirtschaftlichen und politischen Geschicke des Landes lenken sollen. Auf ihnen lastet eine schwere Verantwortung. Noch aber befinden sie sich in einem sicher geschützten Mikrokosmos, der von Zäunen und Sicherheitswärtern umgeben ist. Sie büffeln in der universitätseigenen vierstöckigen Bibliothek, malen draußen im Grünen Diagramme und Tabellen auf rollbare Flip-Charts und Whiteboards und haben bei der Frage nach dem Mittagessen die Qual der Wahl zwischen dem campuseigenen Subway, Starbucks, oder der Cafeteria. Manche bevorzugen auch ein Sandwich aus dem Supermarkt im Keller des Studentencenters. Dann setzen sie sich auf die Holzbänke. Ein Reh, das ihre Speisen wittert, beobachtet sie mit neugierigem Blick. Die Szenerie wirkt harmonisch und passt zur Kunterbunt-Mentalität der Seifenblase „Tec de Monterrey“. Draußen sieht es oft ganz anders aus. Die Hochschule ist auf dem richtigen Weg, sie tut dem Land gut. Doch die Tatsache, dass die Anzahl der Akademiker in Mexiko nur einen Bruchteil der Bevölkerung ausmacht, suggeriert, dass das Land noch einen langen Prozess vor sich hat. 51


Taschengeld für die Welt, Vol. 3 Der Verein Global Learning und das Käpsele schreiben wieder ein Bücherstipendium aus. Der Begünstigte erhält 250 Euro. So funktioniert‘s. Von Markus Brinkmann

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u studierst in diesem Semester im Ausland? Und dir fehlt Geld? Dann mal aufgepasst: Der Verein Global Learning vergibt in Kooperation mit dem Käpsele wieder ein Bücherstipendium in Höhe von 250 Euro. Bewirb dich mit deiner Idee zum Thema Campus: Jobs.

Wer kann sich bewerben?

Aktuelle Studenten der Hochschulen in der Region Stuttgart/Tübingen. Voraussetzung: ein mindestens dreimonatiger Auslandsaufenthalt im Sommersemester 2015.

Was ist zu tun?

Schau dich während des Auslandssemesters um und schreibe einen Text zum Thema Campus: Jobs. Er muss 8000 Zeichen inklusive Leerzeichen umfassen und erscheint in redaktionell überarbeiteter Form im Käpsele.

Wie bewirbt man sich?

Lade auf www.kaepselemagazin.de das Bewerbungsformular runter. Erläutere uns deine Idee. Unsere Jury begutachtet die Vorschläge und wählt einen aus. Deshalb: Formuliere deine Idee so vollständig und präzise wie möglich.

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Campus: Jobs?

Jobs gehören für viele zum Studium dazu. Egal ob als Hiwi am Institut oder in einem Café in der Stadt – jeder verdient irgendwo ein bisschen Geld. Gibt es an deiner Austausch-Uni besondere Jobs, sowohl für Studenten als auch für andere? Was ist deine Idee zu Campus: Jobs?

Wann ist Meldefrist?

Schick uns deine Bewerbung bis spätestens 30. Juni 2015. Dann werden wir dir bis zum 15. Juli mitteilen, ob dein Vorschlag ausgewählt wurde. Sobald der Artikel bei uns eingegangen ist, zahlen wir das Bücherstipendium aus.

Was ist Global Learning?

Sieben Weltenbummler und Teilnehmer von Exkursionen der Uni Stuttgart gründeten den Verein Global Learning im Dezember 2010. Alumni teilen ihre Erfahrungen miteinander, aktuelle Studenten profitieren davon. Der Verein will dabei helfen, den wertvollen internationalen und interkulturellen Bereich der Universität zu bewahren. www.global-learning-stuttgart.de


Ihre Spende für die Natur Helfen Sie dem WWF beim Schutz einzigartiger Lebensräume. Mehr Infos unter:

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Schon mit 5 Euro im Monat helfen Sie uns beim Schutz der Lebensräume bedrohter Tierarten weltweit. Mehr Infos unter: wwf.de. Einmalig spenden entweder an das WWF Konto IBAN: DE06 5502 0500 0222 2222 22, Bank für Sozialwirtschaft Mainz, BIC: BFSWDE33MNZ, oder per SMS* mit dem Kennwort „WWF“ an 81190. * Eine SMS kostet 5 Euro, davon gehen 4,83 Euro direkt an den WWF. Kein Abo; zzgl. Kosten für eine SMS.


Warum Schick nun Wills Locke hat Denis Scheck war schon da, Pierre M. Krause auch. Und Jörg Armbruster ließ sich nicht zweimal bitten. Der Verein Querfeldein bringt seit 2013 Persönlichkeiten zum Gespräch ins Tübinger Ribingurumu. Dann wird geplaudert und geraucht. Von Sanja Döttling

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er erste Gast sagt zu, da hat Max Scherer noch nicht einmal einen Raum, um ihn zu empfangen. Was im Juni 2013 als fixe WG- Idee begann, hat sich inzwischen fest in der Kulturlandschaft Tübingens etabliert. Inzwischen heißt der Verein, der die kostenlosen Talkrunden veranstaltet, Querfeldein. Seitdem hat er mehr als ein Dutzend Gäste nach Tübingen geholt. Darunter waren Literaturkritiker Denis Scheck, Entertainer Pierre M. Krause, Islamkritiker Hamed AbdelSamad und ARD-Auslandskorrespondent Jörg Armbruster. Mit ihrem Konzept, Kneipe und ein interessanter Gast, schließt Querfeldein eine Lücke im kulturellen Angebot der Universitätsstadt. Univorträge – die gibt es schon, und Lesungen. Franziska Stärk, Mitglied des Vereins, erklärt: „Wir wollen Freizeit und Abendveranstaltung miteinander verbinden.“ Nicht ein Vortrag, sondern ein Gespräch soll es sein, in einer Atmosphäre, in der man auch mal Anekdoten

erzählen kann. „Dazu brauchen wir die richtige Location, die einen Rahmen bietet, in dem man auch mal nicht-wissenschaftliche Fragen stellen kann“, sagt Max. Die haben er und seine Mitstreiter in der Raucherkneipe an der Mühlstraße gefunden, mit Büchern zum Mitnehmen, Biolimonade und Brettspielen in der Ecke: eine Mischung aus Omas Wohnzimmer und gemütlich-urbanem Schuppen.

Ein Traum: Jeder darf machen was er kann und worauf er Lust hat Heute hat Querfeldein 50 Mitglieder, ungefähr 15 sind der harte Kern – aber nicht immer die gleichen. „Das ist gästeabhängig“, sagt Franziska. Sie saß Jörg Armbruster zum Beispiel als Moderatorin gegenüber, „ich könnte mir aber nicht vorstellen, einen Comedian zu interviewen.“ Der Verein ver-

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teilt keine festen Rollen. Jeder darf machen, was er kann und worauf er Lust hat, der Mitmachgedanke trägt Querfeldein. Der reine Studentenverein zeigt, dass Initiative und Engagement auch während des verschrienen Bachelor- und Mastersystems möglich sind. Von Erstis bis zu Promovierenden sind in der Gruppe alle Studentengruppen vertreten, und an der Auswahl der Gäste beteiligt: „Die älteren Mitglieder schlagen oft Autoren vor, von denen wir Jungen noch nie was gehört haben, weil wir zu der Zeit gerade mal Lesen gelernt haben“, sagt Max. „So kann man auch neue Leute kennen lernen“, ergänzt Franziska. Bei manchen Gästen sei es schlichtweg der Kindheitstraum, sie mal zu treffen. „Wir sind natürlich professioneller geworden“, sagt Franziska, die schon in ihrem ersten Semester zu Querfeldein stieß, und Max fügt an: „Vor allem, wenn wir Anfragen schreiben, sind wir jetzt selbstbewusster.“ Franziska bestätigt: „Wir bieten ja was, warum sollen die Leute also nicht kommen?“ Selbst die geografisch ungünstige Lage Tübingens, irgendwo hinter Stuttgart, nehmen die Gäste in Kauf. Die meisten kommen, weil sie das Konzept gut finden.

Unsere Gäste können Mut machen. Kaum einer hat einen linearen Lebenslauf.“ Sie wollen Gäste, die „quergedacht“ haben, sagt Franziska, und erklärt damit den Namen des Vereins. Ein gewisser Idealismus ist dem nicht abzusprechen: „Unsere Gäste können Mut machen“, sagt Max. Kaum einer hat einen linearen Lebenslauf, auf den man an der Universität heutzutage so schwört. „Sie haben das erreicht, was sie erreicht haben, durch eine Mischung aus Ehrgeiz und glücklicher Fügung“, fasst Max zusammen. „Uns ist wichtig, dass unsere Veranstaltungen über den Tellerrand hinausgehen“, sagt Franziska, „deshalb laden wir nicht Prominente, sondern auch unbekannte 56

Max Scherer und Franziska Stärk. Persönlichkeiten ein.“ Bis jetzt waren viele Medienmenschen dabei, aber auch andere Gäste kann sich der Verein vorstellen. Hauptsache, sie haben etwas zu erzählen: eine Mischung aus biographischen Fragen, Fragen zu aktuellen Projekte und ein bisschen Klamauk macht das Erlebnis aus. Jeder Gast muss dem nächsten ein „Gast“-Geschenk weiterreichen. „Das dient der Verknüpfung als Reihe“, sagt Franziska. Die Gäste rücken dadurch imaginär näher zusammen. Schauspieler Clemens Schick etwa besitzt nun eine Locke des Nachwuchs-Moderators und Comedians Florentin Will, der seine Späßchen mit dem Publikum trieb (siehe Titelfoto). Seit seiner Gründung hat der Verein viel erreicht. Das Konzept des lockeren Gesprächs mit interessanten Gästen hat sich etabliert, im nächsten Semester sollen Ableger in Leipzig, Stuttgart und Heidelberg entstehen. Dann geht die Veranstaltungsreihe auch im Ribingurumu weiter. „Wir wollen mehr mit eigenen Kurzfilmen arbeiten“, sagt Max. Franziska fügt hinzu: „Wir überlegen auch, wie man den Autor abseits des Buches vorstellen kann.“ Neue Themen sind Fotografie und Musik. „Nur das Gespräch selbst“, sagt Max, „das bleibt in Stein gemeißelt.“


s!? a a a W ng dienga ieren

d hinesischer Stu Diege s5: tDeu utsch-C Fol chnik ungste k c a p r Ve

Es gibt da diese Szene im düster-verspielt-großartigen Zeitreise-Thriller „Looper“, da plaudern ein in die Vergangenheit geschickter Anführer einer Killerorganisation und einer seiner Schützlinge über den „place to be“ und nötige Sprachkenntnisse. Es ist das Jahr 2044, die USA stehen (noch ein bisschen näher) an der Klippe zum ökonomisch-kulturellen Abgrund und Joe, der junge Killer, will Französisch lernen. Es entspannt sich folgender Dialog: Why the fuck french? I’m going to France. You should go to China. I’m going to France. (seufzend) „I’m from the future. You should go to China. I’m going to France. You’re going . . . (gibt auf) Doch zurück ins Hier und Jetzt, an die Hochschule der Medien, an der junge Auftragskiller und solche, die es nicht unbedingt werden wollen, den Bachelor seit dem Sommer 2008 in einem der vier folgenden Studiengänge machen können: a.) Deutsch-Südafrikanischer Studiengang Verpackungstechnik b.) Deutsch-Amerikanischer Studiengang Verpackungstechnik c.) Deutsch-Französischer Studiengang Verpackungstechnik d.) Deutsch-Chinesischer Studiengang Verpackungstechnik

Menschen, die Überschriften lesen können oder die sublime Botschaft im zitierten Dialog entziffert haben, werden nicht überrascht sein, dass die korrekte Antwort d.) ist. Der Weg zum Bachelor of Engineering ist (in der Regel) sieben Semester lang und führt Stuttgarter Studenten zeitweise nach Xian (nein, nicht nach Xing, liebes Google!) an die dortige XUT (Xian University of Technology).

Der Vorteil gegenüber dem herkömmlichen verpackungstechnischen Studiengang (Motto: „Verpackung ist mehr als ein brauner Karton“) liegt auf der Hand. Die Grundlagen in Physik, Mathematik, Chemie, Drucktechnik, BWL und Fälschungssicherheit lernen die DeutschChinesen genauso wie ihre Kommilitonen, sie erarbeiten sich aber im Handumdrehen und von Grund auf auch die nötigen Kenntnisse über die Sprache und Kultur Chinas – allein dafür würden die Macher des Käpsele ganz unbescheiden für sich sieben Semester einplanen. Man braucht kein Zeitreisender zu sein, um die Wucht dieses Bewerbungsarguments auf dem Markt der Gegenwart und der Zukunft zu verstehen. Zumal: Handverlesen ist auch die Auswahl der Studenten. Nur fünf pro Jahr sind es. Und falls die Herren und Damen sich nicht ausgelastet fühlen, ist die Rettung nahe. Das Sprachenzentrum hat derzeit drei FranzösischKurse im Angebot (ben).

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Termintipps im Sommersemester:

Internationale Jazztage Zum 28. Mal lädt das Stuttgarter Theaterhaus zu den Internationalen Jazztagen ein. Zu hören sind Künstler, eingeteilt in die unterschiedlichsten Klangrichtungen wie Mediterranean Sound oder Spacy Sounds. 2.4. - 6.4. unterschiedliche Uhrzeiten Theaterhaus, Stuttgart

Das archimedische Prinzip Deutschsprachige Erstaufführungen sind immer besonders interessant. Schön, dass das Stück von Josep Maria Miró i Coromina zuerst in Tübingen zu sehen ist. Der Plot setzt sich mit sexuellem Missbrauch an Kindern auseinander. z.B. 4.3., 10.4. 20 Uhr Zimmertheater, Tübingen

Farin Urlaub Racing Team Oberarzt Farin Urlaub tut es schon wieder. Er geht mit seinem Soloprojekt auf Tour. Wobei: Solo kann man es schon lange nicht mehr nennen. Mit dem Racing Team, seiner Band, die nur aus Frauen besteht, heizt er dem Stuttgarter Publikum ordentlich ein. 12.06. 20 Uhr Schleyerhalle, Stuttgart

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„Es ist schön zu erfahren, dass man den Menschen als Arzt direkt und effektiv helfen kann.“

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Termintipps im Sommersemester:

Shadowland Gewaltige Elefanten und unberechenbare Kleinwürmer bevölkern diese Bühne, flüchtende Wassertöpfe, rasende Lastwagen, bewaffnete Menschenfresser und zwischen allen ein zartes, liebenswertes Mädchen mit Hundekopf. Und das alles ist nur ein Schattenspiel. 31.3./1.4. 20 Uhr Liederhalle Stuttgart

Drive-By Shots Nagel ist Autor, Musiker und Künstler. Bis 2009 war er Sänger, Texter und Gitarrist von Muff Potter. Sein Debüt „Wo die wilden Maden graben“ erschien 2007. 2010 erschien sein zweiter Roman „Was kostet die Welt“ bei Heyne, das Label Audiolith veröffentlichte die musikalische Umsetzung. Momentan arbeitet er am ersten Album seiner neuen Band NAGEL. Im Komma liest er aus seinem neuesten Werk „Drive-By Shots“. 24.03. 20 Uhr Komma, Esslingen

Irish Spring Das Festival der Irish Folk Music lockt nicht nur Liebhaber der Grünen Insel ins Sudhaus. Irish Spring hat sich längst vom Geheimtipp zum wichtigsten keltischen Frühlings-Folk-Festival auf Tour entwickelt. 30.03. 20 Uhr Sudhaus, Tübingen

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Impressum: Käpsele – Das Studentenmagazin Käpsele GbR Theodor-Heuss-Straße 109 71067 Sindelfingen redaktion@kaepselemagazin.de Herausgeber (V.i.S.d.P.): Markus Brinkmann (msb) und Christian Ignatzi (ci) Anzeigen: Christian Ignatzi anzeigen@kaepselemagazin.de Redaktionsleitung: Ben Schieler (ben) Autoren: Ilkay Aydemir (ay) Katrin Bohnenberger (kbo) Sanja Döttling (sad) Caroline Messick (cam) Verena Tribensky (sky) Gastautoren: Natalie Diedrichs Gratian Riter Fotografen: Katrin Bohnenberger (S. 10) Natalie Diedrichs (S. 48-51) Sanja Döttling (S. 31 oben links, S. 54 und 56) Christian Ignatzi (S. 3., S. 31 oben rechts und 2x unten)

Caroline Messick (S. 06 und 08) Ben Schieler (S. 44/45) Illustratorinnen: Franziska Rowena Moltenbrey (S. 40) Verena Tribensky (Cover, S. 34) Besondere Foto- und Lizenzhinweise: S. 7: Textbausteine patrylamantia – fotolia.com S. 12: Foto © Henrik Schwirtz S. 17: Foto © Christian Schwochow S. 18: Szenenbild © Schwarz Weiss Filmverleih S. 20/21: Plakate © Verleiher S. 22: Foto CC Coyote Grafix (https://www.flickr.com/photos/8755936@N07) S. 23: Foto © Helmuth Silva Reichel S. 24: Foto © SWR/Astrid Karger S. 26: Foto CC eren {sea+prairie} (https://www.flickr.com/photos/ vintagechica) S. 27: Screenshot © Twitter, Grafik © Bundesamt für Statistik S. 28: Foto © Franziska Böhl S. 30: Foto © Markus Rieger-Ladich S. 36: Fotos © Lea Mauz S. 38: Foto © Antony Di Gesu/ San Diego Historical Society/Getty Images, Cover © Piper Verlag S. 39: Foto © Dan Brown, Cover © Bastei Lübbe S. 41: Foto CC Rajarshi MITRA (https://www.flickr.com/photos/ tataimitra)

S. 42: Foto © Alexander Sass S. 46: Cover © Thienemann-Verlag S. 47: Illustration © Stenzel Washington – fotolia.com S. 52: Foto CC Kevin Gill (https:// www.flickr.com/photos/kevinmgill) S. 57: Hintergrund CC J.Gardner (https://www.flickr.com/photos/ theshoreways), Foto links unten CC Jacme31 (https://www.flickr.com/ photos/jacme31), Foto rechts oben CC Colin Capelle (https://www.flickr. com/photos/51252776@N04) S. 58: Foto oben © Theaterhaus, Foto Mitte © Alexander Gonschior, Foto unten © Olaf Heine S. 60: Foto oben © Emmanuel Donny, Foto Mitte © Ventil Verlag, Foto unten © Frances Marshall Ein Dank für das Erfinden, Entwerfen und Designen des Käpsele (der Vogel) geht an seinen Schöpfer Timo Rehm. Vertrieb: Flyertyre Gymnasiumstr. 43 70174 Stuttgart www.flyertyre.de Auflage/Erscheinungsweise: 30.000 Stück/semesterweise Das Käpsele ist auf Recyclingpapier gedruckt

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