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Das Studentenmagazin Winter 14/15 Ausgabe #11 www.kaepselemagazin.de Gratis

Ausland: Weltsprache Niederl채ndisch? Leben und

Sparen im Selbstversuch Wie man mit wenig

studieren in Utrecht

Seite 48

Geld satt wird

Seite 26

Sport mit Hundesch채del Jugger an der Uni Stuttgart

Seite 56


www.big-fm.de www.facebook.com/RadiobigFM

R E I L R E V R E N B H A „LIE Z N “ . E T N H I C E I S H E C I G N DICH. N I E M H RE S R I W L A RST UNS. UND Ö

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Liebe Leserin, lieber Leser, Es ist wieder Käpsele-Zeit. Nach der Sommerpause sind wir zurück und versorgen euch erneut mit unnützem Zeug, das euch während der Vorlesungen die Zeit vertreiben soll. An alle, die neu dazugekommen sind: Herzlich willkommen an den Hochschulen in der Region Stuttgart/Tübingen. Das Käpsele ist das Magazin, das euch untereinander vernetzt. Bald wird es übrigens einige Neuerungen online geben. Haltet dazu mal unsere Web- und Facebookseite im Auge. Und jetzt, nach inzwischen elf Ausgaben, haben wir mal ein persönliches Anliegen. Das nächste Käpsele wird erst wieder im März erscheinen. Warum? Weil uns langsam das Budget auszugehen droht. Warum das? Weil wir Journalisten sind, die für dieses Projekt einen Gründungskredit von 20.000 Euro aufgenommen haben. Damit macht man zum einen keine großen Sprünge. Außerdem kostet eine Ausgabe dieses Magazins in der Produktion knappe 6000 Euro. Ne ganze Menge Holz, oder? Jedenfalls sind wir ein bisschen stolz darauf, bislang 66.000 Euro für dieses Projekt ausgegeben zu haben und dabei noch immer nicht pleite zu sein. Es läuft also, aber eben langsam. Deshalb jetzt die Umstellung der Erscheinweise - zumindest vorübergehend und nur zur Sicherheit. Ihr könnt uns helfen. Damit wir die kommenden Ausgaben ein wenig zuverlässiger finanzieren können, werden wir demnächst ein Crowdfunding starten, bei dem ihr uns unterstützen könnt. Auch dazu gibt‘s bald Infos auf Facebook. So. Jetzt aber zum aktuellen Käpsele. Der Vogel hat wieder viele schöne Storys für euch dabei. Zum Beispiel die von unserer Autorin Sanja über die Vulva, in der jüngst ein Ami steckenblieb. Oder die darüber, was abends im Sudhaus passiert, wenn sich Menschen näher kommen. Und auch Kohle gibt‘s wieder für einen von euch. Wie? Das steht auf Seite 52.

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Und jetzt geht‘s los. Viel Spaß und einen schönen Winter - kälter als im August kann‘s ja nicht werden.

Das Studentenmagazin

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Ihre erste Marionette baute sie mit 16. Das Puppenspiel ließ sie bis heute nicht los.

12 Käpsele-Autorin Sanja hat sich das Kunstwerk „Pi Chacán“ von innen angesehen.

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Viel zu lang für einen Teaser und kein serbischer Fluch. Was es mit KuRvWAruS auf sich hat.

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Aus den Hochschulen

06 Die Puppenspielerin

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Die Leidenschaft der Alice Therese Gottschalk

Global Learning vergibt ein Bücherstipendium

40 Der Pionier vom Daimler

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Hermann Bruhn und das duale Studium

Ein Besuch beim Juggertraining

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Kohle für die Reisetasche Sport für Wagemutige

Studieren im Ausland

Diesmal: Utrecht

Aus dem Leben 12 Die berühmteste Vulva der Welt

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Auf Höhlentour im Sommerloch

Was kostet ein Studentenleben?

Sparen im Selbstversuch

16 Der einst jüngste OB Deutschlands

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Bernd Vöhringer über sein Wiwi-Studium

Was im Sudhaus in Tübingen noch so passiert

22 Der Student im Rathaus

60 Termintipps

Christian Walter nach der Kommunalwahl

Was geht in den nächsten Wochen?

Kuscheln für Anfänger

Aus deR Reihe 10 Unnützes Stuttgart-Wissen

38 Bücher des Monats

Was du wirklich nicht erfahren musst

Der neueste Tipp und der Liebling der Redaktion

20 Die studieren waaas?!

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Diesmal: KuRvWAruS (und alle so: hä?!)

Die neuesten Tipps und der Liebling der Redaktion

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Zwischen den Feldern

Filme des Monats

Eine Kurzgeschichte von Rebecca Anna Fritzsche

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Am seidenen Faden Seit sie 16 Jahre alt war, baut und spielt Alice Therese Gottschalk Marionetten. Sie hat gelernt, sich von ihren Figuren leiten zu lassen und ihren Geschichten zu lauschen – unter anderem an der Musikhochschule in Stuttgart. Von Julia Knorr

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Marionette, weil sie in den Fachgeschäften keine fand, die ihren Vorstellungen entsprach. Bis heute gestaltet Gottschalk die Puppen, in gutmütiges Lächeln liegt auf seinen mit denen sie spielt, selbst. Es macht ihr hölzernen Lippen. Als würde er tanzen, Spaß, immer wieder mit neuen Materialen wölbt sich sein Rock aus Papier und er beugt zu experimentieren – ob mit Bambus, Papier, sich elegant nach vorne. Mit einem großen Lampions, Stoff oder Alltagsgegenständen wie Pinsel zieht er eine imaginäre Linie über das Backformen. Parkett und verharrt dann in Schon während der Gedanken versunken. Sieht Schulzeit liebte sie den man genauer hin, erkennt Kunstunterricht und spielte man die feinen Fäden, mit in der Theater-AG mit. denen seine Gliedmaßen „Bald habe ich nach etwas an dünnen Stäben befestigt Wenn ich spiele, bin gesucht, das die bildende sind. ich ganz im Moment und die darstellende Kunst Nimmt Alice Therese verbindet“, erzählt sie. Sie Gottschalk das Spielkreuz ih- und in der Figur.“ nahm ihre Marionette mit in rer Marionetten in die Hände, die Schule und begann auf haucht sie den Puppen die Initiative ihres Theateraugenblicklich Leben ein. Lehrers hin, Stücke bei Kleinkunstabenden Vor dem schwarzen Vorhang der Bühne tritt sie aufzuführen. Zu ihrer ersten Marionette mit ihrer ebenfalls schwarzen Kleidung selbst gesellten sich schnell weitere und die junge in den Hintergrund. „Wenn ich spiele, bin ich Frau belegte zahlreiche Workshops, unter ganz im Moment und in der Figur“, sagt sie. Das anderem bei dem bekannten Puppenbauer Figurentheater ist die große Leidenschaft der und -spieler Albrecht Roser. Nach dem Abitur gebürtigen Stuttgarterin. Bereits mit 16 Jahren machte sie zuerst eine Berufsausbildung zur baute sie in einem Workshop ihre erste eigene 07


Verfahrensmechanikerin für Kunststoff- und Kautschukbauteile. Anschließend spielte sie mit dem Gedanken, Produktdesign zu studieren. Schlussendlich siegte aber ihre Liebe für das künstlerische und freie Arbeiten und Gottschalk studierte Figurentheater an der Ernst-BuschHochschule in Berlin und an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Bereits während ihres Studiums assistierte sie Albrecht Roser bei der Internationalen Sommerakademie und reiste dafür mit ihm nach Connecticut in die Vereinigten Staaten von Amerika. Bis heute besucht sie als Dozentin und Trainerin für Marionettenbau und -spiel Workshops und Konferenzen rund um den Globus. Eine Facette ihres Jobs, für die die Puppenspielerin sehr dankbar ist. Die individuellen Einblicke in die unterschiedlichen Kulturen gefallen ihr. „Ich arbeite dort ja nicht nur mit den Menschen, ich lebe auch mit ihnen“, erzählt Gottschalk. In diesem Jahr war sie bereits in Polen, den USA und Taiwan unterwegs. Von jeder Reise kehrt sie mit neuen Eindrücken und Ideen zurück. Von den Kollegen aus Taiwan beispielsweise

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bekam sie eine Handpuppe geschenkt. „Es ist beeindruckend, welche Bewegungen sie dort mit den Handpuppen machen können“, berichtet Gottschalk begeistert. „Ich übe schon, bald kann ich das auch“, fügt sie mit einem verschmitzten Lächeln hinzu. Wenn sie gerade nicht reist, kümmert sich die Marionettenspielerin um das Stuttgarter FAB-Theater, ein Tourneetheater, das sie 2004 selbst gegründet hat. Mal allein, mal zusammen mit anderen Künstlern entwickelt Gottschalk Stücke und führt sie als Gastspiele in wechselnden Spielstätten auf. „Wunderkammer – Betrachtungen über das Staunen“ heißt das Werk, das sie aktuell mit zwei Kollegen auf die Bühne bringt. Die Figuren des Stückes sollen an Kuriositätenausstellungen aus dem Mittelalter erinnern. Ausgehend von einer solchen Grundidee entstehen die einzelnen Szenen für die Aufführungen meist durch gemeinsames Improvisieren. „Zuerst entwickeln wir einzeln oder zusammen die Puppen“, erläutert die Figurenspielerin, „dann treffen wir uns und spielen einfach mal drauf los.“ Viele Ideen


entsprängen dabei spontan den Bewegungen der Figuren. Daher sei die wichtigste Fähigkeit eines Puppenspielers, die Figuren zu beobachten, ihnen zuzuhören und sich von ihnen leiten zu lassen. Der Spieler müsse herausfinden, was sie zu erzählen hätten. „Vor kurzem hatte ich sogar auf der Bühne einen Moment, in dem ich angefangen habe, den Figuren zuzuschauen“, erzählt Gottschalk, „sie haben plötzlich etwas anderes gemacht, als ich geplant hatte.“ Offenheit und eine unendliche Neugierde seien daher wichtige Eigenschaften eines guten Figurenspielers. Ihr Wissen und Können gibt Gottschalk gerne weiter. Als Dozentin unterrichtet sie in ihrem früheren Studiengang Figurentheater an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Außerdem arbeitet sie in Heidelberg mit angehenden Frühkindpädagogen. Der Umgang mit den Studenten macht der Stuttgarterin Spaß. „Ich bekomme durch ihre Ideen und Lösungen selbst immer neue Blickwinkel auf das Figurentheater“, meint sie. Derzeit lernen sechs Studentinnen und Studenten im Bachelor Figurentheater an der MH Stuttgart. Die angehenden Figurenspieler kommen häufig aus unterschiedlichen künstlerischen Richtungen und bringen verschiedenste

Fähigkeiten mit. An der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst erlernen sie vielfältige künstlerische Techniken: vom Umgang mit der Handpuppe und Marionette über das Maskenspiel bis hin zum Objekttheater. Auch bildnerisches Arbeiten, Bühnenpräsenz, Rollenarbeit und Improvisation stehen neben vielen weiteren Fächern im Studienplan. In ihrer Vielfalt spiegeln die Studieninhalte das Berufsbild des Figurenspielers wider. „Ich liebe das Figurentheater, weil man nie am Ende ist“, sagtAlice Therese Gottschalk, „man kann immer wieder neue Ideen umsetzen.“ Leiten lässt sich die Künstlerin dabei mal von den Materialien ihrer Puppen, mal von Geschichten, mal von bestimmten Bewegungen der Marionetten. Bei ihrer Arbeit gehe es ihr nicht darum, den Menschen zu imitieren. „Ich stelle mir eher die Frage: Was können die Figuren, was wir Menschen nicht können?“ Der Fantasie sind beim Figurentheater keine Grenzen gesetzt. Das Stück „Wunderkammer“ wird vom 04.-06. Dezember im FITZ in Stuttgart und vom 26.-28. Dezember im Figurentheater in Pforzheim aufgeführt. www.fabtheater.de

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Stuttgarts bekanntester Travestiekünstler – Frl. Wommy Wonder – steht bereits seit 30 Jahren auf der Bühne. Der aus dem Oberschwäbischen stammende Michael Panzer schlüpft seit 1984 in die Rolle des Fräuleins mit dem frechen Mundwerk. Zunächst schloss er aber sein Studium in katholischer Theologie und Germanistik ab. Der Fernsehturm, weltweit der erste seiner Bauart in Stahlbeton, kostete rund 4,2 Millionen Mark. Er war mehr als doppelt so teuer wie geplant. Wegen guter Einnahmen von Pacht und Eintritt war er in nur zehn Jahren praktisch bezahlt. Eine Aufzugfahrt kostete bei der Eröffnung 1956 noch 1,50 Mark pro Erwachsenem. Die zehn Berger Sprudler am Rand des Unteren Schlossgartens wurden zur Bundesgartenschau 1977 errichtet. Die Beton-Geysire sind je fünf Meter hoch und symbolisieren das reiche Mineralwasservorkommen im Stadtteil Berg. Interessant: Aus den Kegeln sprudelt nur gewöhnliches Wasser aus dem Neckar. Weitere unnütze Fakten über Stuttgart gibt es im Netz auf www.unnuetzes-stuttgartwissen.de oder auf Facebook. 18


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Im Juni blieb ein Austauschstudent in Tübingen in einer Vagina stecken. In einer gigantischen Vagina. Wie konnte das geschehen? Unsere Autorin hat Ursachenforschung betrieben. Von Sanja Döttling

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ch muss zugeben, sie ist schon ziemlich eng. Mir fehlt auch etwas die Erfahrung im Umgang mit Vaginen. Mit überlebensgroßen jedenfalls. Und dann spielt da noch die Angst mit, doch nicht mehr rauszukommen. Und das würde auf der Peinlichkeitsskala sicher den ersten Studenten übersteigen, der steckengeblieben ist, auch wenn das Medienecho deutlich geringer ausfallen würde. Ein amerikanischer Austauschstudent, der in die steinerne Nachbildung einer Vagina in Tübingen kletterte und steckenblieb, sorgte im Juni für einen kurzen Lachanfall. Weltweit. Das Internat macht‘s möglich. Es ist sicher die Absurdität dieser Geschichte, die das Kunstwerk „Pi Chacán“ sowie den mutigen Studenten über Nacht zu der Nachricht in der internationalen Presse machte. Der Guardian verband die Geschichte mit der Rettung eines echten Höhlenforschers ein paar Wochen früher, und auch die anderen Blätter waren sich nicht für den einen oder anderen mutigen Wortwitz zu schade. Sicher hätte Sigmund Freude an der Geschichte gehabt.

Die Fakten sprechen für sich: ein amerikanischer Austauschstudent, eine Vagina und 22 rettende Feuerwehrleute. So eine skurrile Story läuft einem vom Sommerloch geplagten Journalisten nicht jeden Tag über den Weg. Kein Wunder, dass sie zu Höchstleistungen führte. Natürlich, alle wichtigen Elemente sind vorhanden: menschliche Dummheit, die Möglichkeit zu anzüglichen Witzen, ein bisschen Fremdschämen und ein lockeres Happy End. Die perfekte Mischung, um darüber hinwegzutäuschen, dass eigentlich gar nichts passiert ist: Dem Student geht es gut und er wird seine Zeit in Tübingen so schnell nicht vergessen. Künstler Fernando de la Jara sagte der FAZ: „Die Idee der Skulptur ist, in sie hineinzugehen.“ Und weiter: „Doch bisher hat das jeder geschafft, selbst mein übergewichtiger, zwei Meter großer Assistent, während ich die Skulptur noch gebaut habe.“ Man fragt sich doch, was der Student falsch machte. Die eigene Klettererfahrung erwies auch mir, dass die Vagina zwar eng, aber auf jeden Fall zu bezwingen ist. Aber der Künstler kann sich kaum beschweren, erlang sein Kunstwerk gerade dadurch späten Ruhm. 13


Doch was verleitet Leute ganz prinzipiell dazu, in das Kunstwerk einzudringen. Die Medienberichte gehen von einer Mutprobe, oder aber vom Setting für ein „skurriles Bild“ aus. Letzteres hat der Student jetzt, und er musste es noch nicht einmal selbst verschicken. Die Medien haben das Bild von ihm in denkbar ungünstiger Position vorsorglich bis nach Amerika getragen. Fernando de la Jaras Steinhöhle ist gewunden und von Ausbuchtungen übersäht. Die ständigen Biegungen machen ein Vorankommen im Kunstwerk schwer, der glatte Marmor verleitet geradezu zum Abrutschen. Zum Glück sorgt die unregelmäßige Oberfläche, fast wie bei einer Kletterwand, für ein wenig Halt. Obwohl durch einen Spalt auf der Rückseite Licht fällt, ist es sehr dunkel in der Vagina. Kalt, unbequem und dunkel: ein eher unangenehmes Gefühl, dort drin zu stecken. Warum hat der Künstler das Werk also „Pi Chacán“ genannt, übersetzt „Liebe machen“? Vielleicht wollte der Student genau das herausfinden. Vielleicht hätte er für seine Studien doch lieber an einem Mittwochabend ins Top10 gehen sollen. Die Gefahr, dort steckenzubleiben, ist wohl geringer. Früher, als studieren noch eine Sache von elitären jungen Männern war, war mit der geistigen Weiterbildung ein ganzes Sammelsurium an Traditionen und Ritualen verbunden. Was bleibt, sind ganz private Bräuche. Anscheinend gibt es hin und wieder Gruppen von Medizinstudenten, die sich auf Expedition in de la Jaras Kunstwerk begeben. In Glasgow setzen (unter anderem) Studenten der Statue des Duke of Wellingtons seit Jahren ein Verkehrshütchen auf den Kopf, um ihren Mut zu beweisen. Selbst die geruhsamen schottischen Beamten werden bei den jährlichen Entfernungskosten von ungefähr 10.000 Pfund etwas hibbelig. Im Tübinger Fall handelt es sich wohl um eine Mutprobe, die so schnell niemand nachmacht. Zu groß ist die Gefahr, die Schadenfreude des Internets über sich ergehen lassen zu müssen. Als Alternative kann ja immer noch das Nacktbad im Brunnen vor der neuen Aula herhalten, das Absolventen als Ersatz für die traditionelle Abschlussfeier eingeführt haben. Davon wird’s dann aber wirklich keinen bebilderten Artikel von mir geben.


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Karriere vor der eigenen Haustür Bernd Vöhringer hat an der Uni Hohenheim studiert und wurde danach in Sindelfingen der jüngste Oberbürgermeister Deutschlands. Das beweist: Man muss nicht in die Welt hinaus, um Karriere zu machen. Von Christian Ignatzi

Herr Vöhringer, Sie sind Oberbürgermeister meiner Heimatstadt. Das will ich auch. Kann ich das studieren? Ganz ehrlich, ich glaube nein. Auch wenn mein Studium für mich die perfekte Ausbildung gewesen ist. Aber es gab bei mir viele Zufälle. Vielleicht sollte man, wenn man im Rathaus arbeiten will, eher vorher eine Tätigkeit in der Verwaltung ausüben.

Sie haben Wirtschaftswissenschaften studiert, wie kamen Sie darauf? Ich war in der Schule sehr naturwissenschaftlich interessiert, da war ich fit. Meine Grundüberlegung war ja damals eher, Informatik zu studieren. Darin war ich auch fit und die Marktlage war gut. BWL galt bei vielen damals ein bisschen als Verlegenheitsstudium. Wenn einem nichts eingefallen ist, studierte man BWL oder Jura.

Das war auch zu meinen Zeiten noch so. Ja, so ist das, aber mich hat es interessiert. Irgendwann kam die Erleuchtung (lacht), das werde ich nie vergessen. Ich war gerade auf Wachposten in Böblingen in der Kaserne bei der Bundeswehr. Wenn man Wache schiebt, 16

hat man Zeit zum Nachdenken und ich habe ein paar Tage vorher die Broschüren gelesen und dachte: Nee, eigentlich will ich BWL studieren. Ich habe mich dann eher spontan für Wiwi entschieden und das war okay. Das ist Management, man hat viel mit Menschen zu tun, das große Ganze zählt. Und Hohenheim hat mir gut gefallen. Die hatten Soziologie und Psychologie als Teil des Grundstudiums, was sonst wenige Universitäten angeboten haben. Davon profitiert man ein ganzes Leben.

Also ist Wiwi doch das Oberbürgermeister-Studium?

perfekte

Zumindest in meinem Fall ja. Das war zwar nicht so geplant, es ist aber wahrscheinlich auch eine Frage der Gemeindeklasse. Wenn Sie in einer kleineren Gemeinde sind, müssen Sie wahrscheinlich als Bürgermeister mehr Sachbearbeitung machen. Da braucht man tatsächlich die Basics des klassischen Verwaltungsvorgangs. In unserer Größenklasse (Anmerkung: Sindelfingen hat rund 60.000 Einwohner) geht es darum, ein komplexes Gebilde zu steuern. Die Verwaltung mit seinen sehr vielen Fachleuten ist ein sozialer Organismus. Das gleiche gilt für die Stadt in wesentlich größerer Dimension. Ich habe nach meinem Studium auch ein Jahr bei einem


Im Studium habe ich selbstständiges Arbeiten und DurchbeiĂ&#x;en gelernt.

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Unternehmensberater gearbeitet und gelernt, Unternehmen zu sanieren. Und dann habe ich als Oberbürgermeister mit der Haushaltskrise angefangen (lacht). Das war Zufall, aber auch spannend.

Ihre Heimat haben Sie nie wirklich verlassen, warum? Ich fühle mich hier wohl. Es ist eine wunderschöne Gegend mit einer hohen Lebens- und Aufenthaltsqualität. Man kommt überall hin, wenn es zum Beispiel ums Reisen geht. Seien es die Alpen, der Bodensee der Schwarzwald oder das Elsass, alles ist gut erreichbar. Dazu kam, dass ich hier immer sehr engagiert war, politisch und sportlich.

Haben Sie sich auch für Hohenheim entschieden, um hier zu bleiben? Auch, aber Hohenheim war damals schon sehr gut im Ranking und hatte ein sehr, sehr gutes Austauschprogramm mit der HEC Hochschule für Ökonomie in Paris, die sehr renommiert ist. Dann war da noch die Vernetzung zwischen Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft. Auch da war Hohenheim ganz vorne mit dabei.

Dabei assoziieren die meisten Hohenheim ja eher mit Landwirtschaft. Ja, aber die Wiwis sind stark gewachsen. Inzwischen machen sie die Hälfte der Studenten aus. Zu meiner Zeit waren es schon um die 2500. Das war schon relativ groß.

Was hat Ihnen an der Uni gefallen? (denkt nach). Die Freiheit. Natürlich darf man die Arbeit nicht unterschätzen, aber letztlich war es eine schöne Zeit. Natürlich gab‘s auch gute Partys, das darf man nicht weglassen (lacht). In Hohenheim hat mir besonders die Uni an sich gefallen. Diese außergewöhnliche Campuslage. Das ist schon top mit dem Park und dem Schloss.

Würden Sie sich noch einmal für Wiwi entscheiden?

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Ja, weil es Spaß gemacht hat und eine gute Grundausbildung war. Man hat viele Bereiche kennengelernt.

Was genau haben Sie an der Uni gelernt? Selbstständiges Arbeiten und sich durchbeißen. Es kann zäh werden. Ich sage immer, jeder, der eine Promotion hat, hat gelernt, sich durchzubeißen. Ich glaube, das ist die zentrale Leistung. Aber auch analytisches Denken, das konnte man deutlich schärfen. Und ganz wichtig: Es gibt keine absoluten Wahrheiten. Man lernt den Diskurs zwischen These und Gegenthese. Das hilft auch im Job. Wenn Ihnen einer herkommt und erzählt: Genauso ist es. Das glaube ich erst mal nicht (lacht), dann wird erst mal hinterfragt.


viel. Außerdem sollte man die Breite eines Studiums nutzen, als Chance, nebenbei den Horizont zu erweitern. Und ich glaube auch, dass es wichtig ist, das Studentenleben zu genießen. Meistens wird es nachher nicht lockerer.

Wie bei Ihnen. Sie haben auch in Hohenheim promoviert, zu einer Zeit, als Sie schon OB waren. Eine schwere Doppelbelastung? Ja klar, das war richtig heftig. Die Oberbürgermeister-Kandidatur war nicht langfristig geplant, ich wurde gefragt, das kam überraschend. Dabei wollte ich eigentlich Karriere in der Wirtschaft machen.

Haben Sie die Nächte durchgeschrieben?

Heute sind Sie als OB auch Personalchef. Würden Sie es als Makel sehen, wenn jemand sein Studium abgebrochen hat? Nee, da kann es ja ganz viele Gründe geben, im familiären Umfeld, im persönlichen, was Gesundheitliches oder man kann sich falsch orientiert haben. Entscheidend ist, was man daraus macht. Ich hatte Kommilitonen, die abgebrochen haben und es trotzdem alle irgendwie geschafft haben. In Hohenheim sind viele an Mathe gescheitert. Aber aus Niederlagen lernt man für die Persönlichkeitsentwicklung.

Was würden Sie aus Ihrer Erfahrung Studenten raten? Ganz entscheidend ist die Studienwahl. Ich habe mich für etwas entschieden, was mir Spaß macht. Wenn man das macht, was man will, lernt man gern und

Nee, ich hatte vorher schon viel gemacht, zwischendrin ein paar Monate frei gehabt, das erste Werk - die Forschung - war durch. Das spannende ist ja immer, welche Inputs gibt einem der Prof, was man noch tun könnte, für eine wunderschöne Fassung (lacht). So ging‘s dann um die Überarbeitung. Und man muss das als Buch herausgeben, das war mehr Arbeit, als ich dachte. Meinen Urlaub im heißen Sommer 2003 habe ich dann halt nicht irgendwo beim Wandern verbracht, sondern am Schreibtisch daheim.

Sie waren der jüngste OB Deutschlands. Eine Ehre? Na ja, arg viele praktische Auswirkungen hat es nicht. Es ist eine Prominenz zum Einstieg, weil es viele verfolgen. Aber klar, man fühlt sich schon geehrt, dass die Bürger einem das Vertrauen geschenkt haben. Ich mache den Job jetzt schon einige Jahre und verfolge die Kollegen deutschlandweit. In dieser Altersklasse in einer Stadt dieser Größe sind nicht viele nachgekommen. Bernd Vöhringer, geboren 1968 in Sindelfingen, absolvierte nach der Schulzeit zunächst eine Ausbilgung zum Industriekaufmann bei IBM. Danach studierte er Wiwi in Hohenheim. Im August 2001 wurde er OB seiner Heimatstadt.

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s!?on a a a W ng v urieru ieren

d rung und Resta che und u t s e i D 4: Konservie turoberflä Folge chitek rei, Ar e l a m Wand omie olychr Steinp

Diesen einen Gag konnte sich Woody Allen einfach nicht verkneifen. Da schickt der Meister des neurotischen Films in „From Rome with Love“ Penelope Cruz als Edelprostituierte mit einer Gruppe Scheintoter und dem jungen Antonio in die Sixtinische Kapelle zur Begutachtung der wundervollen Wand- und Deckenmalereien. „Die ganze Zeit auf dem Rücken liegen und arbeiten, das kann man sich gar nicht vorstellen“, sagt da Omi Nummer eins. Und was antwortet Penelope? „Ich mir schon.“

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Aber kommen wir zu etwas fast völlig anderem. „Das Arbeitsfeld der Restauratorin und des Restaurators für Wandmalerei, Architekturoberfläche und Steinpolychromie gehört zu den besonders spannenden Bereichen der Kunst- und Baudenkmalpflege“, schreibt die Staatliche Akademie der Bildenden Künste (ABK) Stuttgart auf ihrer Webseite. Klingt nach einem Versprechen, klingt danach, als wäre es wert, sich diesen einzigartigen Studiengang genauer anzuschauen. Man muss keine teuflisch böse Zunge haben, wenn man die Vermutung äußert, dass viele bereits vor Langeweile weggeschnarcht sind, bevor jemand, der „Konservierung und Restaurierung von Wandmalerei, Architekturoberfläche und Steinpolychromie“ studiert, überhaupt den vollständigen Namen seines Studiengangs ausgesprochen hat. Aber das liegt nur daran, dass sich wenige Menschen die Mühe machen, unter

Oberflächen zu kratzen – und wer dazu bereit ist, studiert schon so etwas Ähnliches. Tatsächlich hat KuRvWAruS, wie wir den Studiengang an dieser Stelle der Einfachheit halber abkürzen möchten, Vielfalt zu bieten – und verlangt Vielfältigkeit auch von seinen Studenten. Da sind EDV-Kenntnisse zu dokumentationstechnischen Zwecken ebenso gefragt wie ein Interesse an organischer und anorganischer Chemie oder Kunst- sowie Architekturgeschichte. Ein großer Batzen der Studienmodule in den sechs Semestern widmet sich der Kunsttechnologie, Werkstoffkunde und der Konservierungstechnik. Logisch, dass es da nicht bei staubiger Theorie bleibt, sondern hinaus geht aus dem Hörsaal in die staubige Praxis. Der Studiengang ist bei weitem jünger als die Objekte, mit denen er sich beschäftigt. 2003, sage und schreibe 15 Jahre nach seiner Genehmigung, kam er ins Programm der ABK. Das Landesamt für Denkmalpflege kooperiert eng mit der Hochschule. Kein Wunder, geht es doch – erneutes Zitat aus dem Web – „nicht nur um die Bewahrung von historisch und künstlerisch wertvollen Gegenständen, sondern auch um die Sicherung des darin aufgehobenen kulturellen Gedächtnisses.“ Bei der Steinpolychromie etwa um die Analyse von historischen Farbschichten zum Beispiel auf Skulpturen. Unnötig zu erwähnen: Der Restaurator steht dabei meistens halbwegs aufrecht. (ben)


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Der Frischling im Rathaus Christian Walter vertritt k端nftig die jungen Interessen im Stuttgarter Gemeinderat. Bei der Kommunalwahl Ende Mai holte die Studentische Liste 1,2 Prozent der Stimmen. Dabei blieb f端r die Vorbereitung kaum Zeit. Von Timo Dersch


S

o jung wie er ist kein anderer Stadtrat des neuen Stuttgarter Gemeinderats. Der 24-jährige Christian Walter ist als Spitzenkandidat der Studentischen Liste ins Rathaus eingezogen und will sich dort für die Belange seiner Kommilitonen und anderer junger Menschen einsetzen. „Entstanden ist die Idee im Max-KadeWohnheim“, erzählt Christian Walter. „Wir saßen in unserer WG-Küche und haben über die Kommunalwahl diskutiert, und darüber, was uns in unserem Umkreis so stört.“ Schließlich fiel ein Entschluss: „Wir packen das selbst an.“ Und das haben sie getan. Weil sie die Liste erst Anfang des Jahres gründeten, blieben den Studenten gerade einmal drei Tage, um 250 Unterschriften von Wahlberechtigten zu sammeln und

somit die Zugangsvoraussetzungen für die Wahlaufstellung zu erfüllen. Nachdem diese Hürde gemeistert war, ging es in den Wahlkampf. Weil dafür kaum Budget zur Verfügung stand, blieb es hauptsächlich bei selbstgedruckten Flyern und Wahlsprüchen als Kreidemalereien auf dem Boden des Campusgeländes. „Einmal haben wir eine Aktion auf dem Marktplatz gemacht. Da hatten wir Tanz, Kunst und Sprecher, die unsere Positionen in der Kommunalpolitik dargestellt haben.“ Vom Auftritt einer professionellen Partei sind die Nachwuchspolitiker noch weit entfernt. „Die Banner haben wir selbst beschriftet, es fehlte uns einfach das Geld, um eine Fahne drucken zu lassen. Allein durch die tatkräftige Mithilfe von Freunden und Bekannten konnten wir die Veranstaltung auf dem Rathausplatz überhaupt auf die Beine stellen.“


Die Mühen haben sich gelohnt: 1,2 Prozent Liste einsetzt, ist mehr bezahlbaren der Wählerstimmen hat die Liste auf sich verWohnraum in Stuttgart. „Das ist schon krass. eint. Da jeder Wahlberechtigte 60 Stimmen Mir graut es schon vor der Wohnungssuche, hatte, fielen auf die Studenten 133.404 wenn ich aus dem Wohnheim ausziehen muss.“ Stimmen. Dieses Ergebnis Zwei Ideen sind, mehr reichte für einen Sitz im städtische Grundstücke Rathaus. Ein Wahlerfolg, an das Studentenwerk zu von dem viele andere vergeben oder die Quote neue Kandidaten nur träufür günstigen innerstädmen können. Christian tischen Wohnraum zu Walter ist ein Frischling erhöhen.“ Christian sitzt im wahrsten Sinne des zudem im Sportausschuss, Wortes. „Ich hatte zwar in dem er sich für bessere schon länger ein ausöffentliche Sportstätten geprägtes politisches einsetzen möchte, und Interesse und war natürim Schulbeirat, in dem lich mal auf der einen der angehende Lehrer oder anderen Demo, positiv mitwirken will. Zu aber politisch engagiert einem Sitz in einem der habe ich mich ansonsten wichtigsten Ausschüsse, eigentlich nie“, gibt er dem für Wirtschaft und zu. Das wird sich in Zukunft ändern, denn Wohnen, hat es für Christian dagegen nicht Christian und seine Listengenossen sind davon gereicht. Dort sitzen zwei Stadträte der überzeugt: Es gibt viel zu tun in Stuttgart. Linken und einer der SÖS. „Da ich allerdings Obwohl die ersten Gemeinderatssitzungen erster Stellvertreter bin, könnte es sein, dass erst im Oktober anstehen, hat er den Sommer ich doch mal zum Einsatz komme, wenn einer genutzt. „In diesem Jahr fällt der Sommerurlaub ausfällt.“ wohl flach“, musste sich Christian irgendNeben viel Arbeit bringt der Sitz im wann eingestehen. Stattdessen ging es an die Gemeinderat aber auch einen vernünfVerwaltungshochschule nach Kehl auf einen tigen Nebenverdienst mit sich. 1200 Euro Vorbereitungskurs für neue Grundgehalt erhält Gemeinderatsmitglieder. Christian, plus 60 Euro Es galt, die Abläufe für jede Sitzung, an der im Arbeitsprozess des er teilnimmt. „Es ging Gemeinderats zu vermir zwar nie um’s Geld, stehen, sich einer Mein Opa hat gesagt, aber ich bin froh, dass Fraktionsgemeinschaft anzu- er enterbt mich, als er ich meinen Studentenjob schließen und darin durchguten Gewissens kündigehört hat, dass ich mit zusetzen, dass er in die gen konnte. Für den wäre richtigen Ausschüsse kommt. den Linken kooperiere.“ sowieso keine Zeit mehr „Viele Parteien sind auf mich geblieben.“ zugekommen.“ Am Ende fiel Über neue engagierte die Entscheidung auf eine Zusammenarbeit Studenten freut sich das Team der studentimit den Linken, der SÖS und dem Vertreter schen Liste übrigens immer, denn nach der der Piratenpartei. „Da bin ich einer von acht Wahl bröckelte die Basis der studentischen und habe ein gutes Mitspracherecht. Mein Liste schon etwas auseinander. „Wir können Opa hat zwar gesagt, er enterbt mich, als er jetzt zwar noch nicht absehen wie es in fünf gehört hat, dass ich mit den Linken kooperieJahren aussieht, da viele von uns dann keine re, aber das wird schon wieder.“ Studenten mehr sein werden, aber wir wollen Die Wahl der Fraktionspartner fiel auch den frischen Wind, den wir versuchen ins aufgrund der thematischen Nähe. Einer der Rathaus zu bringen, auch bei der nächsten Hauptpunkte, für den sich die Studentische Wahl aufrecht erhalten.“ 24


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Das Semester beginnt. Aber wie viel kostet so ein Studium eigentlich? Und wie schafft man es, trotzdem noch genug Geld zu haben, um ein normales Leben zu führen? Ober-Käpsele Chris hat das getestet. Von Christian Ignatzi

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ie Weltmeisterschaft war hart. Jeden Abend vier, fünf Bier zum Fußball. Das geht ganz schön in die Kalorien. Danach Urlaub. In Irland. Eine Woche. Ich nehme mir vor, viel zu wandern, Fahrrad zu fahren und vor allem endlich mal wieder gesund zu leben. Und was passiert? Es gibt jeden Tag Fish und Chips, triefend fettig, und abends, man ahnt es schon, fünf Bier. Irisches Bier. Das hat zwar nicht so viel Alkohol, knallt aber in Sachen Kalorien noch viel mehr rein als sein deutsches Pendant. Langer Rede kurzer Sinn: Es wird Zeit, mal ein wenig abzunehmen. Und was eignet sich da besser, als die Möglichkeit, die mein Lieblingsredaktionsleiter Ben mir gibt, diese Reportage zu schreiben – Sparen im Selbstversuch.

Der Montag beginnt erfreulich. Ich finde Milch im Kühlschrank Geil, denke ich. Heißt also, dass ich jetzt mal versuche, eine Woche lang so wenig Kohle wie möglich auszugeben. Schön und gut. Dabei fällt mir ein, wie es war, als ich selbst noch Student war. Sieben Jahre ist das inzwischen her (verdammt, sieben Jahre! Aber man muss dazu wissen, dass ich mit 19 anfing zu studieren – und aufhörte). Damals

lebte ich in einer Dreier-WG. Allein das macht den Selbstversuch, mit dem ich vor allem den Erstsemestern unter euch wertvolle Tipps geben will, ungleich schwieriger. Schließlich wohne ich dekadenter Sack heute ganz allein in einer geräumigen Wohnung und muss praktisch alles, was ich in dieser Woche recherchiere und probiere, umrechnen. Als Student sollte man nämlich in einer WG wohnen, oder zumindest in einem Wohnheim. Oder bei Mama und Papa. Aber dazu später mehr. Jetzt mal Konzentration. Laut der bisher letzten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks – 2013 hieß es noch so – muss ein Student oder eine Studentin im Monat durchschnittlich bis zu 1100 Euro ausgeben. Eine ganze Menge. Also fangen wir mal besser mit dem Sparen an. Der Montagmorgen beginnt vielversprechend. Ich finde Milch im Kühlschrank. Seien wir ehrlich. In jeder WG steht Milch im Kühlschrank. Und wenn nicht, lässt man das die Mädels holen, gemeinsam mit unwichtigen Sachen wie Obst und Gemüse. Dann ist auch mal was Gesundes im Haus. Jedenfalls gehe ich früh zum Supermarkt um die Ecke und hole eine Packung billiges Müsli. Damit komme ich erst einmal frühstückstechnisch über die Runden. Jetzt muss man wissen, dass ich eigentlich nie frühstücke. Sprich: Für mich wäre es eigentlich viel einfacher, mein Budget einzuhalten. Aber ich stelle mich der Herausforderung. Für die Wissenschaft. Danach geht’s zur Arbeit. Als freier Journalist 27


Ein Traum: der Elf-Euro-Einkauf. macht man fast jeden Tag etwas anderes. An diesem Montag unterrichte ich an der SAE-Hochschule. Das Problem: Ich muss mit meinen Studenten zu Marktkauf gehen, um etwas zum Mittagessen zu kaufen. Ich entscheide mich für eine Packung Maultaschen mit Käsedip. Ziemlich cool und nicht so teuer. Die Ausgaben schreibe ich mir übrigens auf. Dieses fabelhafte System habe ich vor vielen Jahren von meinem großen Bruder gelernt. Mittlerweile gibt es dafür sogar Apps, mit denen man die monatlichen Fixkosten wie Miete, Strom und Alkohol eintragen kann und dann sieht, wie viel Geld noch übrig ist. Ich habe nur einen Euro noch was ausgegeben. Trotzdem schimpft meine Studentin Marlene: So wird das nichts, sagt sie. Viel zu teuer. Aber Marlene wäre nicht Marlene, wenn Marlene nicht für Abhilfe sorgen würde. „Pass auf“, kündigt sie an, „ich schicke dir nachher mal ein paar Spartipps.“ 28

Das hat sie tatsächlich getan. Und hier sind sie auch schon. Käpselemagazin proudly presents Marleeeeneeeeees Spaaaaaaartipps:

1.

Beim Rewe gibt’s oft Angebote wie Ein-Euro-Hackfleisch (500 Gramm). Damit kann man eine Bolognese kochen, braucht nur noch Tomaten, Gewürze, Nudeln und Käse. Kann man an zwei Tagen essen.

2.

Sowieso gilt: Am besten für mehrere Tage kochen. Aus Kartoffeln, Sahne und Milch lässt sich gut ein Gratin machen.

3.

Für die Uni Brote selber schmieren, Toastbrot gibt es meist auch günstig, am besten die Eigenmarke vom Supermarkt nehmen.

4.

Allgemein die Eigenmarken nehmen. Die sind genauso gut wie teure Markenprodukte.


5.

Käse am Stück kaufen, ein ganzer Gouda. Man hat Käse fürs Brot und für Gerichte.

6.

Bei kleinen Obst- und Gemüseläden nachfragen, ob man am Ende des Tages das Gemüse, das nicht verkauft wurde, kostenlos oder für einen kleinen Betrag bekommt.

7.

Am Anfang des Monats haltbare Lebensmittel im Vorrat kaufen.

8.

Wenn gar kein Geld mehr da ist – Suppe! Möhrensuppe mit einer kleinen Kartoffel sättigt gut und ist sehr günstig.

9.

Bei großen Portionen wie zum Beispiel bei Aufläufen immer etwas einfrieren, dann hat man was für die ganz schlechten Tage.

10.

Pizza selbst machen, von Jamie Oliver gibt es ein super einfaches und schnelles Pizzarezept. Der Teig ist ratzfatz gemacht.

Okay, Marlene hat mich überzeugt. Gleich am Abend geht’s zum Einkaufen zu Lidl. Fürs Erste bin ich aber satt von den KäsedipMaultaschen, kann mir also Gedanken darüber machen, wie ich bei der Miete spare. Ganz einfach: Indem ich in eine WG ziehe. Zum Vergleich: Ich zahle derzeit etwa 560 Euro warm für eine Zweizimmerwohnung. Noch so ein Trick übrigens: außerhalb wohnen. In Sindelfingen ist es billiger als in Stuttgart oder direkt in Tübingen. Als Student habe ich in der besagten Dreier-WG gewohnt. Die hat damals 600 Euro gekostet, also 200 für jeden. Nach der weiter oben erwähnten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks kostet eine Wohnungsmiete zwischen 211 und 359 Euro. Billiger als in einer WG ist es demnach nur in einem Wohnheim. Davon gibt es in unserer Region zum Glück so einige. Das Studierendenwerk, wie es mittlerweile heißt, hilft bei der Suche nach günstigem Wohnraum. Auch praktisch: Beim BAföG lassen sich 224 Euro pauschal für Mietkosten berücksichtigen. Womit wir auch schon wieder beim nächsten Thema wären: den Einnahmen.

Endlich Schluss mit den Fernbussis!

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Die Bahn macht mobil.


Bei mir war das damals ziemlich cool. Weil ich schon während meines Studiums für zwei Zeitungen gearbeitet habe, habe ich an die 800 Euro im Monat verdient. Das ging, weil ich jeden Tag nur eine Vorlesung hatte. (Ich hätte mir natürlich mehr legen können, aber darauf hatte ich keine Lust.) BAföG hab ich keines bekommen. Schließlich arbeitet mein Vater bei Daimler und verdient zu viel. Dass er mit seinem Gehalt als Alleinverdiener vier Kinder großziehen musste, hat auf dem Amt keine Sau gejuckt. Aber das sei mal dahingestellt. Ich musste mir den ganzen Scheiß alleine zusammenverdienen und heute finde ich, dass ich darauf eigentlich stolz sein kann. Mein Rat: Sucht euch einen coolen Nebenjob. Ich hätte auch gekellnert. Doch zurück zu den Ausgaben. Steuern und Versicherungen. Bis zu einem 450-Euro-Job ist man weiter über die Eltern versichert. Ich war das auch bei 800 Euro noch, weil ich schon einige Sachen hätte absetzen können, hätte ich eine Steuererklärung gemacht. Das war unproblematisch. Wer sich aber versichern muss, kann sich als Student etwas überlegen, was zunächst total dämlich klingt: ab in die private Kasse. Die ist in den Anfangsjahren um ein Vielfaches billiger und am Ende des Studiums kommt man wieder in die Gesetzliche rein, was sonst nicht einfach ist.

Leere Taschen? Kommt vor, lässt sich aber vermeiden.

30

Neben Versicherungen sind da noch die Kosten für Lernmittel. Das hängt natürlich vom Studiengang ab, pendelt sich aber so bei 30 Euro im Monat ein. Telefon, Internet und Handy sollen laut Studentenwerk 33 Euro kosten. Das bekommt man locker billiger. Ich habe, dank WG und E-Plus-Zehnsation, nie mehr als 15 Euro gebraucht.

Brot vom Vortag macht den Testkäufer zu einem glücklicheren Menschen Mittlerweile habe ich mir vor dem Einkaufen eine Liste zusammengestellt, die ich mir zwar nicht aufgeschrieben und deshalb im Laden schon wieder vergessen habe, aber ich habe ein paar coole Tipps für Ein-Euro-Gerichte gefunden. Das lässt sich googeln. Das erste, das ich bei Lidl finde, ist Brot vom Vortag zum halben Preis. Geil. Fühlt sich an wie Weihnachten und Geburtstag auf einmal. Dann kann ich das Toastbrot, das ich eigentlich kaufen wollte, direkt einfrieren. Als erstes koche ich die Spinatspaghetti, deren Rezept ich im Internet gefunden habe. Erstaunlich: Das Gericht mit 250 Gramm Spaghetti und einer Packung Spinat soll für zwei Leute reichen.


Lecker Fleischwurst-Fischsoßen-Pfanne.

Ich nehme nur den halben Spinat und es reicht trotzdem für zweimal essen. Heißt: 1,20 Euro für vier Mal Mittagessen. Hatte ich im Restaurant so jetzt noch nicht. Im Lauf der Testwoche koche ich noch eine Gemüsepfanne mit Reis für weniger als einen Euro, eine Fleischwurst-Fischsoßen-Pfanne (klingt krank, sieht komisch aus, schmeckt lecker), auch billiger als ein Euro, und Spaghetti mit Pesto. Alles nicht mal ungesund. Das Ende des Versuchs kann sich sehen lassen. Ich habe zum Essen insgesamt nur elf Euro ausgegeben und war immer satt und zufrieden. Macht 44 Euro im Monat. Der Durchschnitt liegt laut Studentenwerkserhebung bei 152 bis 167 Euro. Ich würde mal sagen: scho gspart. Auch die Fahrtkosten halten sich in Grenzen, obwohl das Studi-Ticket schon ordentlich zu Buche schlägt. 195,60 Euro zahlt man hier für ein Semester. Zu meiner Zeit waren es noch 167. Das ist zwar schon krass, macht aber immer noch etwa 33 Euro pro Monat. Laut Deutschem Studentenwerk sind es 41 Euro. Fassen wir also zusammen, was ich aus-

geben würde. 33 Euro für Bus und Bahn, 44 Euro für Essen und Trinken, 200 Euro für die Warmmiete, 15 Euro für Kommunikation. Wenn wir jetzt mal nur vom BAföG ausgehen, haben wir einen durchschnittlichen Monatssatz im Jahr 2013 von 446 Euro. Bleiben nach Abzug unserer Kosten noch satte 154 Euro für alles andere. Das sind fast 40 Euro pro Woche. Davon kann man sich problemlos jeden Tag zusätzlich ‘nen Döner reinhauen. Oder da ist dann schon für die Mädels ein Paar Schuhe drin. Mindestens einmal am Wochenende weggehen? Kein Problem. Fazit: So schwer ist es wirklich nicht, sich gesund zu ernähren, Spaß zu haben und trotzdem nicht über seine Verhältnisse zu leben. Und wenn am Ende des Monats doch einmal das Geld ausgehen sollte, macht man es frei nach der alten Nachwuchsjournalistenweisheit: Wovon lebst du? – Ich schreibe. – Oh, was denn? – Emails an meine Eltern, in denen ich um Geld bitte. Over and out.

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The Medium Is The Message

Advertorial

Ob Reportage oder Newsletter, Podcast oder Weblog, wer in der Medien- und Kreativwirtschaft erfolgreich sein will, braucht fundiertes Fachwissen, technisches Verständnis und viel praktische Erfahrung. Genau das bietet das SAE Institute in Stuttgart. Von Christian Ignatzi

D

ie Medienlandschaft verändert sich zunehmend. Während noch vor wenigen Jahren Zeitungen und Zeitschriften die Vormachtstellung hatten, lösten Radio und Fernsehen sie immer stärker ab. Doch auch die Medien, die durch Hören und Sehen erfahrbar sind, kommen in die Jahre. Inzwischen sind sie zum Nebenbeimedium geworden. Wichtiger denn je für einen Konsumenten von Nachrichten ist das Internet. Es ist der erste Weg, um sich auf den neuesten Stand zu bringen. Aktuelle Nachrichten sind jederzeit und nahezu überall kostenlos verfügbar. Journalisten alter Schule müssen das oft mühsam und langwierig neu lernen. Der Umgang mit den neuen Medien ist ihnen fremd. Und genau das ist die Chance der nächsten Generationen. Sie lernen schon während des Studiums das crossmediale Arbeiten. Zum Beispiel an der SAE-Hochschule in Stuttgart. Im Studiengang Cross-Media & Publishing lernen angehende Medienschaffende, sich auf die heutigen Verhältnisse in Medienberufen perfekt einzustellen. Wichtig ist zunächst einmal das journalistische Handwerk, das die Studenten an der SAE von Dozenten lernen, die selbst bei renommierten Medien wie Tageszeitungen, oder Rundfunkanstalten arbeiten. Hier geht es um Grundsätzliches, wie das Schreiben von Nachrichten, Reportagen, das Führen von Interviews, aber auch aktuellen Lernzielen, wie schreiben für Web und SEO.

Aber nicht nur das. Die SAE ist als anerkannte Ausbildungsstätte für Audioengineering der perfekte Ansprechpartner, wenn es um Aufnahmetechniken geht. Im Studiengang Cross-Media Production & Publishing lernen die Studenten den Umgang mit dem Mikrofon, der Kamera und den notwendigen Schnittprogrammen. Dazu kommen der Umgang mit Bildbearbeitungsprogrammen, Fotografie, Videodreh, Podcasting, Bearbeitung von Sounddateien und, und, und. Dass Journalisten eben genau das beherrschen – die Technik – und als V-Jay eigene Beiträge produzieren, fordern immer mehr Redaktionen als Grundkenntnisse an. Absolventen der SAE haben deshalb im Rennen um begehrte Mitarbeiten etwa bei Rundfunksendern einen entscheidenden Vorteil gegenüber ihren Mitbewerbern. Natürlich gehört aber immer eine gewisse Portion Talent dazu. Der Lehrgang an der SAE dauert zwei Jahre, bis zum Diploma-Abschluss. Der ersten Form, die die SAE anbietet. Aber auch ein BachelorStudium ist möglich, das man in zwei Jahren in Vollzeit, oder in dreieinhalb Jahren in Teilzeit absolvieren kann. Validiert ist es durch die Middlesex-University in London, die den Abschluss vergibt. Und wer auch dann noch nicht genug hat, kann dank der Zusammenarbeit der SAE mit mehreren Hochschulen auch seinen Master machen. Weitere Informationen zu Voraussetzungen und Möglichkeiten gibt es im Internet unter stuttgart.sae.edu 33


Kurzgeschichte

Zwischen den Feldern von Rebecca Anna Fritzsche

Die Sonne stach über den Feldern, und er blieb kurz stehen; dann trat er ins Feld hinein und strich mit der Hand durch die Weizenstauden, die sich unter seinen Fingern anfühlten, als könnten sie bei der nächsten Berührung zu Staub zerfallen. Er wandte sich ab und ging zurück zum Hof. Nadja hatte schon die Kühe versorgt; er trat zwischen die Hühner, verstreute etwas Futter und spürte ihren Blick. Nach dem Mittagessen fuhr er ins Dorf, um eine Zeitung zu kaufen und Briefe einzuwerfen, die Lohmanns standen vor der Bäckerei und tuschelten mit der Metzgersfrau, es lag eine Unruhe in der Luft. Als er die Zeitung bezahlte, fragte er: „Ist etwas passiert?“ Frau Zuse schüttelte nur missbilligend den Kopf, er nahm seine Zeitung und fuhr wieder nach Hause. Nadja meinte, es sehe nach Regen aus, und im Schuppendach sei immer noch ein Loch, also holte er die Leiter und machte sich an die Arbeit. „Irgend etwas ist los im Dorf, aber ich weiß nicht, was“, sagte er zu Nadja, bevor er hinausging, aber sie zuckte nur mit den Achseln. Als es draußen dunkel wurde, kam er ins Haus. Nadja wollte sich einen Krimi im 34

Fernsehen ansehen; er setzte sich in den Sessel und schlug die Zeitung auf. Nadja legte sich aufs Sofa und sagte wie nebenbei: „Übrigens ist Mona Berg wieder hier.“ Ihm wurde heiß, er hielt die Zeitung höher, atmete ein paar Mal ein und aus und fragte dann so uninteressiert wie möglich: „Seit wann denn?“ Nadja schaltete den Fernseher ein. „Seit heute. Ich verstehe nicht, warum, sie kennt doch niemanden mehr.“ Sein Kopf fühlte sich schwer, und die Buchstaben verschwammen an den Rändern. Es war nicht das erste Mal, dass jemand zurückkam; andererseits war Mona anders als andere Leute. Er legte die Zeitung weg und ging schlafen. Am nächsten Morgen stand er früh auf, duschte lang und ging hinaus auf die Felder. Es hatte nicht geregnet in der Nacht, und es war am frühen Morgen schon warm. Falls die Hitze anhielt, würde er zusätzlich wässern müssen. Während er auf einem Stein neben dem Feld saß und mit den Fingerspitzen der ausgestreckten Hand die Ähren berühren konnte, hörte er Schritte, er drehte sich um, und Mona sagte: „So ein Zufall.“


Sie stand direkt in der Sonne, und er schirmte seine Augen ab, konnte aber nur Umrisse erkennen, bis sie ein paar Schritte zur Seite machte. Sie sah noch so aus wie damals, als sie gemeinsam zur Schule gegangen waren, vielleicht waren die Haare etwas länger. Er konnte ihre Augen nicht sehen, weil sie eine Sonnenbrille trug, und sie lachte. „Fällt dir nichts ein, das du sagen könntest?“ Er räusperte sich: „Wieso bist du hier?“ Sie sah auf sein Feld hinaus, schob dann die Sonnenbrille hoch, um die Haare zurückzuhalten, und er war wieder fünfzehn und sie das hübscheste Mädchen im Dorf, genauso hatte sie damals ihre Sonnenbrille ins Haar geschoben, mit dieser kleinen, schnellen Drehung des Handgelenks, genauso wie sie sich auf dem Rücksitz verschiedener Golfcabrios über die Feldwege hatte brausen lassen, am Steuer Jungen aus dem Nachbardorf, während er zwischen den Feldern gestanden und ihr nachgesehen hatte; irgendwie hatte er immer gedacht, dass sie eines Tages mit ihm zusammen sein würde, so wie in dem Lied, I can tell you my love for you will still be strong when the boys of summer have gone, aber als sie alle mit der Schule fertig waren, ging sie weg, und dann zogen auch ihre Eltern fort, und jetzt war sie hier, direkt neben ihm, und sie roch noch wie früher, nach sonnenverbrannter Haut, und jetzt drehte sie sich um und fragte: „Hast du nicht auch manchmal das Gefühl, dass du etwas einfach machen musst, auch wenn du nicht genau weißt, warum?“ Er nickte, obwohl er das Gefühl noch nie gehabt hatte. Sie schaute in Richtung des Hofes und sagte: „Also du führst jetzt den Hof.“ Er nickte wieder und fügte hinzu: „Zusammen mit Nadja“, aber er bereute es sofort, Mona schob die Sonnenbrille wieder vor ihre Augen und fragte: „Nicht die Nadja Stenzel aus der Schule?“ Er nickte, und sie lachte kurz, aber es klang nicht wie ihr Lachen zuvor. „Meine Güte. Verheiratet.“ Er vermutete, sie hatte „spießig“ sagen wollen; aber da rief sie schon, „ich muss los“ und lief zum Feldweg, der hinter der Eiche begann. Ihre Umrisse verschwammen im heller werdenden Licht. Er schaute auf die Uhr und erschrak, wie spät es schon war; er würde zu spät zum Termin mit der Tierärztin kommen.

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Die Tierärztin brauchte länger, um sich alle Kühe anzusehen. Dann fuhr er Gülle über den Hof, bis Nadja in der Haustür erschien. „Wir brauchen Kaffee“, rief sie. Er schaute zu ihr hin und fragte: „Warst du nicht heute Morgen einkaufen?“ Sie nickte langsam, und in ihren Mundwinkeln formte sich ein kleines, fast unsichtbares Lächeln, dem der Ärger noch anzusehen war. „Ja, aber ich habe den Kaffee vergessen.“ Er dachte plötzlich, dass er Mona vielleicht im Dorf treffen würde, also fuhr er los. Als er auf die Hauptstraße einbog, merkte er, dass etwas nicht in Ordnung war; die Dorfleute standen vor ihren Häusern, gestikulierend, aus den Mundwinkeln Sätze zischend; vor dem Haus der Schneiders stand ein Polizist in Uniform; ein anderer kam aus der Bäckerei. Er hatte noch nie Polizei im Dorf gesehen und fragte die Kassiererin: „Warum ist die Polizei denn hier?“ Sie zischte verächtlich: „Frag doch die Schlampe aus der Stadt.“ Er bezahlte den Kaffee und fuhr zurück auf den Hof. Nadja fütterte die Hühner, sie sah verschwitzt und müde aus. Bei Sonnenuntergang ging er auf die Felder hinaus. Als er bei seinem Stein ankam, erkannte er Monas Umrisse darauf; von der plötzlichen Kühle nach Sonnenuntergang standen die Härchen an seinen nackten Armen auf. „Hattest du nie den Drang, von hier wegzugehen?“ „Doch“, sagte er, „aber alles wäre dann anders als hier.“ Ihr Gesicht war eins mit der Dunkelheit. „Aber darum geht man doch weg: weil es anders ist als hier.“ Er wusste nicht, was er sagen sollte. Auf einmal stand sie sehr nahe bei ihm und zeigte quer über die Felder, auf das Haus, das an der Westgrenze seiner Felder stand, es war kaum noch zu sehen im Dunkeln. „Weißt du, wer dort wohnt?“ Er wollte sie gerne berühren, wusste aber nicht, wie, er hatte das nie gekonnt, einfach jemandem den Arm um die Schulter legen, oder eine Hüfte kurz und flüchtig zu streifen, er würde es nie können. „Da wohnt der alte Gebert.“ Sie lachte wieder; er dachte, wenn er sie berührt hätte, hätte er das Lachen gespürt, als eine tiefe Vibration aus ihrer Körpermitte. „Kennst du auch die Gerüchte um ihn?“ Er fragte sich, warum sie unbedingt über 36

den alten Gebert sprechen wollte. „Dass er Mädchen angegrabscht haben soll? Das ist doch schon Jahre her. Keine Ahnung, ob‘s stimmt.“ Jetzt fröstelte sie, er sah die Bewegung ihrer Arme, als sie mit ihren Händen darüber rieb. „Was wäre, wenn ich dir sagen würde, dass die Gerüchte alle wahr sind?“ „Was?“ sagte er. „Im Ernst? Dann muss man das der Polizei sagen.“ Sie lachte wieder, und jetzt streifte ihre Hand kurz seinen Arm, er zuckte zurück wie bei einem elektrischen Schlag. „Habt ihr keine Kinder, du und Nadja?“ fragte sie. Er schüttelte den Kopf, was sie im Dunkeln gar nicht sehen konnte. „Nein. Hat sich nicht ergeben.“ „Manche Menschen sind nicht dazu gemacht, Kinder zu haben“, sagte sie. Er hatte es noch nie so gesehen, aber jetzt wusste er plötzlich, dass er mit Nadja keine Kinder haben wollte. „Vielleicht hättest du nicht weggehen sollen“, sagte er, und kam sich blöd vor. „Vielleicht“, sagte sie, als ob sie seine Gedanken gelesen hätte: „Vielleicht hättest du nicht Nadja heiraten sollen.“ Ihre Hand streifte noch einmal seinen Arm, er wusste nicht, ob aus Versehen oder mit Absicht, und dann hörte er, wie sich ihre Schritte in Richtung Feldweg entfernten. Er ging nach Hause und konnte die ganze Nacht nicht schlafen, und als der Morgen kam, fuhr er auf dem Weg zur Kuhauktion durch das Dorf, und fragte sich, hinter welchem Fenster wohl Mona schlief. Auf der Rückfahrt war es im Auto entsetzlich heiß, und er kurbelte alle Fenster herunter. Als er durchs Dorf fuhr, war alles auf den Beinen, und überall hörte er Gemurmel und Getuschel. „. . . das kann doch außer ihr niemand bezeugen . . .“ „. . . so was würde er doch nie machen . . .“ „ . . . würde mich nicht wundern, wenn die es drauf angelegt hat . . .“ Als er auf den Hof einbog, kam ihm Nadja entgegen gerannt, sie schwenkte eine Zeitung und rief: „Sie zeigt ihn an, sie hat ihn angezeigt!“ Während er parkte und ausstieg, schwenkte Nadja immer noch die Zeitung.


„Hast du gehört, was ich gesagt habe?“ „Ja“, sagte er, „wer zeigt wen an?“ „Mona“, den Namen spuckte Nadja fast aus, „sie hat den alten Gebert angezeigt, deshalb war gestern auch die Polizei im Dorf, und er musste mit, aber er ist schon wieder da.“ „Warum zeigt sie ihn an?“ fragte er, und ein kalter Schweißtropfen lief seinen Rücken hinunter. „Weil er sie vergewaltigt haben soll, und auch bedroht, vor fast zwanzig Jahren.“ Nadja redete weiter, aber er hörte nicht zu. Ein paar Minuten später ging er zum Feld, ohne sich darum zu kümmern, ob Nadja ihn sah. Er sah schon von weitem, wie sich die Sonne in Monas Sonnenbrille brach. „Hast du es gehört?“ fragte sie, als er vor ihr stand, und bevor er nicken konnte, fuhr sie fort: „Natürlich hast du es gehört.“ Er hob seine linke Hand und balancierte drei seiner Finger auf ihrer Schulter. „Es ist verjährt“, sagte sie. „Ist das denn sicher?“ fragte er, froh, überhaupt etwas sagen zu können. Sie nickte. „Was macht man, wenn etwas verjährt ist?“ Er sagte das erste, was ihm einfiel: „Man geht noch weiter weg als das erste Mal.“ Sie lachte kurz, auf ihren nackten Armen lag der Schein der Mittagshitze. Dann stand sie auf und stand so nahe bei ihm, dass ihre Brüste ihn sachte berührten, er legte seine Arme an die ihren und umfasste ihre Ellenbogen mit seinen Händen; sie waren weich und glatt, als ob kein Knochen darunter sei. Sie wich zur Seite und ging zum Feldweg zurück. Als er zurückkam, war nicht mehr viel zu tun. Nadja ging früh ins Bett, aber er folgte ihr nicht. Er stand am Fenster und sah auf seinen in der Dunkelheit verschwindenden Hof hinaus; vielleicht war es gar nicht so schwer, von heute auf morgen sein Leben zu ändern; wenn man nur entschlossen war. Nadja könnte

den Hof behalten, er würde keinen Teil haben wollen. Er öffnete die Tür und ging hinaus; wenn Mona nicht da war, wartete er eben, er wollte nicht eine Sekunde neben Nadja liegen. Doch sie war da, und das kam ihm merkwürdig vor. Sie sagte nichts, sondern starrte auf ihre Hände. Er sagte: „Ich lasse mich scheiden.“ Sie sah ihm in die Augen und fing an zu lachen, ihm lief es kalt den Rücken hinunter, als er das Lachen hörte, und unentwegt starrte sie auf ihre Hände, als gehörten sie nicht zu ihr. „Wie lange bleibst du noch hier?“ fragte er. Sie drehte auf einmal den Kopf, als hätte sie in der Ferne etwas gehört, und sagte dann: „Du hast gesagt, das einzige, was ich machen kann, ist noch weiter weg zu gehen.“ Er wusste nicht, worauf sie hinaus wollte. Sie lachte noch einmal. „Vielleicht ist das doch nicht das einzige.“ Wieder drehte sie den Kopf, und auch er meinte, von der Landstraße her etwas gehört zu haben, aber als er konzentriert lauschte, hörte er nur den Wind in den Ähren und ihren Atem. „Mona“, sagte er, und das war erste Mal, dass er sie bei ihrem Namen nannte, vielleicht das erste Mal überhaupt, dass er ihn ausgesprochen hatte und nicht nur vor sich hin geflüstert, in seinen Träumen, morgens zwischen den Feldern. Sie stand auf, er meinte, rote Flecken auf ihren Händen zu sehen, bevor sie sie in die Hosentaschen steckte, und dann berührten ihre Lippen einen Moment lang die seinen, so flüchtig, dass er sich später fragte, ob er es sich nur eingebildet hatte; sie wandte sich ab und ging auf das Geräusch zu, das er nun hören und sehen konnte, mit Sirene und Blaulicht fuhren das Polizeiauto und der Rettungswagen auf das Haus an der Westgrenze seiner Felder zu.

Rebecca Anna Fritzsche, geboren 1982 in Stuttgart, studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Sie erhielt mehrere Preise und Stipendien, 2008 war sie Stipendiatin der Kunststiftung Baden-Württemberg. Im gleichen Jahr erschien ihre erste Einzelveröffentlichung, „Nachtfische. Fünf Erzählungen“ in der Edition Pächterhaus. Derzeit arbeitet sie an ihrem Debütroman und für die Stuttgarter Zeitung. Weitere Informationen: http://www.rafritzsche.de.


Buch des Monats

Erlebe dein eigenes Abenteuer Juni 2012: Die Schüler der Wellesley High School haben gerade ihren Abschluss gemacht. Eigentlich wollen sie nur feiern. Da tritt der Lehrer David McCullough für eine Rede auf die Bühne und beginnt mit den Worten: „Ihr seid nichts besonderes!“ – eine Kampfansage an alle die, die nach Erfolg und außergewöhnlichen Leistungen streben. Die Ansprache des Mannes, der seit 25 Jahren Englisch an der High-School unterrichtet, wird zum Youtube-Hit. In kürzester Zeit geht das Video um die Welt und erreicht mehr als zwei Millionen Klicks. Nun, zwei Jahre später, erscheint das Buch zur Rede. Es trägt den gleichen Titel und führt die Thesen des Lehrers weiter aus. McCullough nimmt sich übereifrige Eltern, ineffektive Schulen, digitale Ablenkungen und Privilegien vor. Seine These: Das ganze Leben lang reden Eltern ihren Kindern ein, dass sie etwas Besonderes seien. Dafür unterwerfen sie sich und ihr Dasein dem Nachwuchs. Doch irgendwann sind die Kinder erwachsen und es gibt kein elterliches Rettungsnetz mehr. McCullough geht der Frage nach: Wie geht man als junger Erwachsener damit um, plötzlich auf eigenen Beinen stehen zu müssen. Was wird aus einem, der feststellt, doch zum Fußvolk zu gehören und kein König mehr zu sein? Wie kann man als junger Mensch damit klarkommen? 38

„Ihr seid nichts Besonderes“ liest sich wie zehn Abschlussreden nacheinander. Jede einzelne behandelt ein anderes Thema: Eltern, Schule, Sport. Mal bedauert der Autor die negativen Auswirkungen der sozialen Medien, dann schwärmt er von den vergangenen Idealen des Erwachsenwerdens. Aber alle Kapitel haben eines gemeinsam: McCullough will wachrütteln. Er will sagen: Zieh aus und erlebe deine eigenen Abenteuer! Wer jetzt an dröge Vorträge denkt, liegt falsch. Der Autor möchte Lösungen anbieten und seinen Lesern helfen, sich in der wirklichen Welt zurechtzufinden. Er möchte junge Erwachsene auf den Boden der Tatsache holen. „Ihr seid nichts Besonderes“ ist ein Plädoyer an junge Menschen, das Beste aus ihrer Bildung zu machen. Also hinsetzen, aufpassen und lernen! (msb) David McCullough, Ihr seid nichts Besonderes – Sachbuch, Mosaik, 400 Seiten, ISBN 978-3442-39270-4, 18.99€


Der Liebling der Redaktion

Das Leben in der Zeitschleife Es gibt zwei Sorten von Menschen. Die einen bekommen wahlweise leuchtende Augen oder schwere Herzen, wenn sie sich fragen, was aus ihnen geworden wäre, hätten sie damals eine andere Entscheidung getroffen, als . . . Die anderen verfahren nach dem Prinzip „Hätte, hätte Fahrradkette“ und beschäftigen sich nicht mit Konjunktiven. „Replay – Das zweite Spiel“ von Ken Grimwood ist für die Erstgenannten gemacht. Frustriert von seinem Leben, entfremdet von seiner Frau und genervt von seinem Job sitzt der 43-jährige Jeff Winston im Oktober 1988 in seinem Radiostudio, als ihn ein Herzinfarkt dahinrafft. Jeff erlebt das Sterben als etwas Hochtrauriges – 43 ist ja auch noch kein Alter. Doch Jeff stirbt zwar, tot ist er aber noch lange nicht. Stattdessen erwacht er im Körper seines 18-jährigen Ichs am College wieder, mit allen Erinnerungen aus seinem vorherigen Leben. Es ist 1963, er steht an der Schwelle seines Erwachsenenlebens und bekommt eine zweite Chance. Das Startkapital ist leicht besorgt, denn nicht nur bei Sportwetten gilt: Vorwissen ist Macht.

Der 2003 im Alter von ebenfalls nur 59 Jahren verstorbene Kalifornier Ken Grimwood inspirierte mit seinem 1986 erschienenen Roman viele Film- und Literaturschaffende zu eigenen Werken mit der Thematik der Zeitschleife. Denn für Jeff Winston bleibt es nicht bei der einen Wiederholung, mehrfach stirbt er wieder als 43-Jähriger, wacht in seinem jüngeren Ich auf und muss oder darf einen neuen Anlauf starten, dem Ideal eines gelungenen Lebens nachzujagen. Das Setting schafft jede Menge Raum für philosophische Betrachtungen, die Grimwood sät und erntet, ohne dadurch zu weit vom Weg abzukommen. Wer den Konjunktiv mag, also Spaß daran hat, Konsequenzen von Handlungen durchzuspielen und sich zu überlegen, wie er sich in Jeffs Situation verhalten würde, der wird dieses 1988 mit dem World Fantasy Award als bester Roman ausgezeichnete Buch verschlingen und sich auch dann noch mit ihm beschäftigen, wenn er es längst weggelegt hat. (ben) Ken Grimwood, Replay - Das zweite Spiel - Roman, Heyne, 416 Seiten, ISBN 978-3-45352010-3, 8.95€ 39


Ich habe erreicht, was ich wollte. Insofern war alles richtig.“

Erinnerungen eines Pioniers 40


Die Duale Hochschule Stuttgart wird 40 Jahre alt. Hermann Bruhn war einer der ersten Studenten. Im Interview spricht er über Praxiserfahrungen, seine „vergeudete Jugend“ und Frotzeleien mit Uniabsolventen. Von Ben Schieler

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eutschland in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern. Die Abiturientenzahlen steigen, viele Hochschulen sind überlastet, neue Studienstätten entstehen. Auch viele Wirtschaftsunternehmen mischen mit. Was sie suchen, sind vor allem Akademiker mit Praxisbezug, keine reinen Theoretiker, die nach ihrem Abschluss erst einmal staunend und hilflos vor den Anforderungen des ökonomischen Alltags stehen. Im Land der Schaffer entwickeln Daimler-Benz, Bosch und Standard Elektrik Lorenz (SEL, später Alcatel) das „Stuttgarter Modell“ – und überzeugen damit die Politik. Die baden-württembergische Landesregierung ebnet den Weg hin zum dualen Studium an der bundesweit ersten Berufsakademie. In Stuttgart, wo heute 8800 junge Menschen an der DHBW studieren, geht es mit 122 Pionieren in 35 Wirtschafts- und Technik-Unternehmen los. Hermann Bruhn ist einer von ihnen.

war alles richtig. Nur einmal zwischendurch, als ich mir überlegte, mich in Richtung Steuerberater weiterzuentwickeln, habe ich festgestellt, dass das mit dem Studium damals nicht ging. Das war aber der einzige Moment, in dem ich mir gesagt habe: Hättest du mal lieber was anderes gemacht.

Gab es damals Zweifler in Ihrem Umfeld? Eltern, Großeltern oder andere Ratgeber, die Ihnen sagten: Junge, willst du nicht lieber an Uni? Nein. Der Unterschied zwischen Uni und Berufsakademie war damals gar kein Thema. Da hieß es nicht: Du machst was Minderwertiges.

Die Praxisorientierung in Ihrer Form war und ist ein Alleinstellungsmerkmal des dualen Studiums. Wie haben Sie das erlebt?

Haben sich die Erwartungen und Hoffnungen erfüllt, die Sie in das Studium gesteckt haben?

Der Wechsel zwischen Theorie und Praxis war ja genau das, was ich gesucht habe. Und es hat sich ausgezahlt. Ich habe nach dem Studium große Vorteile gegenüber den Absolventen von Unis und Fachhochschulen festgestellt, die den Betrieb, wenn überhaupt, nur während eines Praktikums erlebt hatten. Ich hatte auch keine Schwierigkeit, mich an das Studium anzupassen, weil wir im Vergleich zu Abiturienten und Studenten von heute einen ganz anderen Leistungs- und Notendruck hatten. Erst bei Daimler wurde der Anspruch höher. Da sollte es dann schon ein Schnitt unter 2,0 sein, davon wurde auch das Gehalt abhängig gemacht.

Ich habe ein erfolgreiches Berufsleben hinter mir, habe erreicht, was ich wollte. Insofern

Litt das typische Studentenleben unter dem dualen Studium?

Herr Bruhn, als Sie 1974 an die Berufsakademie gingen, betraten Sie völliges Neuland. Was hat Sie dazu bewogen? Ich wollte BWL studieren und habe nach etwas Praxisorientiertem gesucht. Uni oder Fachhochschule haben mich nicht gereizt. Das Duale Studium hatte den angenehmen Nebeneffekt, schneller finanziell unabhängig zu sein.

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Sie sind nach dem Studium von Daimler übernommen worden. War das ein Kampf? Nein, nicht wirklich. Wir waren damals so wenige und sind alle übernommen worden. Das stand außerfrage, es sei denn, man hätte sehr schlechte Noten gehabt.

Welche Aufgaben haben Sie danach übernommen? Ich habe in einem ganz kleinen Team angefangen, das nur aus meinem Chef und mir bestand. Da ging es unter anderem um den Vertrieb und die Preisprüfung im Bereich des öffentlichen Auftragswesens, also um Produkte von Daimler, die zum Beispiel an die Bundespost oder die Bundeswehr gingen.

Sie sind insgesamt 39 Jahre bei Daimler geblieben, hatten viele Funktionen inne. Welche hat Ihnen am meisten Spaß bereitet?

Definitiv, das war ein großer Nachteil, zumal der akademische Anteil damals noch deutlich kürzer war. Wir waren neun Wochen an der Hochschule, nicht drei Monate wie heute. Der Rest bestand aus Praktika und innerbetrieblichen Lehrgängen. Mein erster Chef war Doktor der Juristerei und fing mit Anfang 30 bei Daimler an. Der hat einmal zu mir gemeint, ich hätte meine Jugend vergeudet.

Haben Sie dieses Studentenleben denn vermisst? Nein, es war gut so, wie es war. Ich habe nichts bereut. Außerdem habe ich ja jetzt auf der anderen Seite die Konsequenz gezogen und die Möglichkeit genutzt, früher aufzuhören.

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Wahrscheinlich die letzte. Die hat mich auch am nachhaltigsten beeinflusst. Da war ich verantwortlich für die Finanzorganisation eines Teils des Daimler-Vertriebs in Ländern Afrikas, Asiens und Osteuropas mit einem hohen Korruptionsrisiko.

Beim Festakt zum 40-jährigen Bestehen sind Sie einer der Ehrengäste. Was ist Ihnen als Erstes in den Sinn gekommen, als Sie die Einladung bekamen? (schmunzelt) Das fiel in die Zeit kurz nachdem ich aufgehört hatte zu arbeiten. Da sind natürlich viele Erinnerungen wieder hochgekommen. Zum Beispiel die an die Dienstreise mit dem schon erwähnten ersten Chef zur Bundeswehr nach Koblenz, der mir vorhielt, wie viel ich von meiner Jugend angeblich verpasst hätte. Oder dass es im Betrieb immer wieder Frotzeleien gab, weil die Berufsakademiker sehr weit verbreitet sind, auch in der Geschäftsführung. Wenn dann die


Wirtschaftsingenieure und die Juristen irgendwelche abfälligen Bemerkungen gemacht haben, konnten wir einfach nur lachen und sagen: Tja, weiter gebracht habt ihr es aber auch nicht.

wäre, Jura und Informatik. Insofern haben sie die absolut richtige Entscheidung getroffen.

Wie würden Sie einem Studenten, der sich heute in die Richtung BWL orientiert, das Duale Studium schmackhaft machen?

Haben Ihre beiden Söhne studiert? Der eine ist fertig, der andere ist noch am Studieren.

An der Uni? Beide an der Uni, ja.

Welche Unterschiede sind Ihnen aufgefallen? Riesige. Der Jüngere steht mit seinen 26 Jahren gerade vor dem ersten Staatsexamen. Ich war zu dem Zeitpunkt schon in einer ganz anderen Situation, hatte bereits fünf Jahre bei Daimler gearbeitet. Aber die beiden haben sich bewusst für etwas anderes entschieden, zudem für Studiengänge, für die die Duale Hochschule sicher nicht geeignet

Es ist ein Riesenvorteil, von vornherein in das Netzwerk Betrieb reinzukommen. Das kann einen bei entsprechender Veranlagung im Berufsleben sehr lange von Nutzen sein. Es gibt so viele Möglichkeiten im kaufmännischen Bereich. Von außen steht man da eher ratlos davor. Hermann Bruhn, geboren 1955 in Stuttgart, studierte von 1974 bis 1977 BWL an der Berufsakademie. Er arbeitete danach 39 Jahre bei Daimler. Zuletzt war er als „Director and CFO Daimler Central/ Eastern Europe, Asia & Africa“ verantwortlich für 13 Tochtergesellschaften in mehr als 100 Märkten dieser Regionen. 2013 ging er in den Ruhestand. Er lebt mit seiner Frau in Kirchheim/Teck.

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Auf Kuschelkurs mit Fremden Trifft eine Horde Streichelbedürftiger auf eine Kuscheltrainerin . . . Im Tübinger Sudhaus passiert genau das einmal im Monat. Im „Roten Salon“ werden dann Endorphine, Serotonin und das Bindungshormon Oxytocin freigesetzt – und Menschen zum Strahlen gebracht. Ein Besuch. Von Caroline Messick

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a, kuscheln geht auch ohne Koitus. Zum Beispiel im „Roten Salon“ in Tübingen – nicht zu verwechseln mit dem „Blauen Salon“ in der Innenstadt. In diesen loftartigen Raum im dritten Stock des gut versteckten Backsteinanbaus des Sudhauses verirrt sich der typische Sudhausbesucher nie. Der Großteil der Gäste biegt vorher ab – zum Vollmondtanz, Kabarett oder Kindertheater. Dass sich im hinteren Gebäudekomplex eine Art Subkultur auf drei Etagen ausbreitet, ist wohl den meisten unbekannt. Von Tanztherapie über Tantra-Abende bis zur Kuschelparty findet sich dort alles, was es sonst nirgendwo gibt. So kann es also passieren, dass man, sollte man sich doch dorthin verirren, auf eine Gruppe Menschen stößt, die eng aneinandergeschmiegt auf Matratzen liegt, ohne den Raum mit sexuellen Vibrations zu erfüllen. Klingt unglaubwürdig? Ist bei der Kuschelgruppe aber so. Es war im Jahr 2007, da startete die Tübinger Kuscheltrainerin Hildegunde Schaub mit den allmonatlichen Treffen am Rande

der Studentenstadt. Die Ergotherapeutin aus Gomaringen hatte sich gerade mit ihrer Idee in Tübingen niedergelassen, da erfuhr sie von einer Freundin, dass dieses Konzept schon unter dem Stichwort „Kuschelparty“ im Internet zu finden ist. Schaub recherchierte und stieß auf die Berliner Kuschelkoryphäe Rosi Doebner, bei der sie sich an zwei Wochenenden offiziell zur Kuscheltrainerin ausbilden ließ. „Das Programm war meinem sehr ähnlich. Wir haben viel gekuschelt“, erinnert sich die 61-Jährige.

Zwischen Buddha und Jesus fühlen sich die Kuschler pudelwohl Den „Roten Salon“ teilt sich Schaub mit mehreren therapeutischen Gruppen, worauf nicht zuletzt die abenteuerlich-einladende Raumgestaltung schließen lässt. Die Paare und Singles, die in ihre Gruppe kommen, fühlen sich zwischen Teppichlagen, Gongs, Buddha- und Jesusikonen pudelwohl. Die ste-

Die Ruhe vor dem Kuschel-Sturm im Roten Salon.

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hen an diesem Sommertag trotz Hitze in Ton wiederholen wird: Die Sitzung ist dazu großer Zahl pünktlich und buchstäblich auf gedacht, zu experimentieren, aber auch zu der Matte. Zunächst machen es sich die lernen, Grenzen aufzuzeigen und zu respekTeilnehmer auf Kissen gemütlich. Alte und tieren. Berührungen der primären- und sekunJunge sind da, bis auf den Vornamen wissen dären Geschlechtsorgane sind strikt tabu. sie nichts voneinander, der Lebenslauf spielt „Ach ja, und die Couch ist ein Rückzugsort, keine Rolle. Langjährige Kuschelhasen verrawenn es euch mal zu viel wird und ihr Pause ten sich automatisch durch ihre überspringenmachen wollt“, fügt sie mit Blick auf ein de Euphorie. Matthias etwa kommt seit 2010 ziemlich durchgesessenes Polstermöbel hinzu. her. Er behauptet von sich, Dann geht es los. eher der griesgrämige Typ zu Schnell landen die sein, entdeckt aber regelmäKissen auf der Seite. ßig nach dem Kuscheln sein Schaub dreht die Musik „ruhigeres Naturell“. Daniela auf. Die wildgeworist an diesem Abend eine von Ich möchte am dene Kuschelhorde drei Debütanten. Von einer Kontakt zu zappelt zu einem Mix Freundin weiß sie, wie solche aus lateinamerikaniFremden arbeiten.“ Abende ablaufen: „Ich freue schem Trompetenchor mich auf offene Menschen und und Reggae-Beats möchte am Kontakt zu Fremden arbeiten“, durch den Raum. In den Stunden nach dieser sagt sie etwas aufgeregt. ersten Lockerungsübung kommen sich die Kontakte werden an diesem Abend viele Teilnehmer Schritt für Schritt bei Vertrauensgeknüpft – aber alles zu seiner Zeit. Bevor es und Grenzziehungsübungen näher. Bevor es in die Aufwärmphase geht, erklärt Schaub die in die Pause geht, kriegen die Teilnehmer Kuschelregeln, die sie im Laufe des Abends in der sogenannten Vorkuschelphase einen öfter in gelassenem aber eindringlichem Vorgeschmack auf das Highlight der Sitzung:

Zaghafte Berührung: Schritt für Schritt kommen sich die Teilnehmer näher.

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Nach einer guten Stunde „Energieausgleich“, wie es im Fachjargon heißt, rappeln sich die Teilnehmer eher widerwillig für die Abschlussrunde auf. Ganz berauscht berichten einige von ihrem Erlebnis in einer Vierergruppe oder auch zu zweit, andere sagen nicht viel und genießen für sich. In diesem Moment findet Schaub als Trainerin ihr Glück: „Es ist schön, wenn ich eine Gruppe zusammenbringen kann und sehe, dass sie strahlen.“ Und wem das Spektakel letztlich nicht zugesagt hat, der hat sich zumindest aus seiner Komfortzone getraut. Alle anderen dürfen einen Punkt auf ihrem SchnippchenKonto verbuchen, wenn sie der Einsamkeit und dem Alltagsstress zumindest für ein Weilchen erfolgreich entronnen sind.

Alle stehen sich im wohlgeformten Kreis gegenüber und strecken die Hände nacheinander aus, während sie mit geschlossenen Augen aufeinander zulaufen. Nach kürzester Zeit bildet sich ein eng beisammenstehender, sich streichelnder und zur sphärischen Musik wiegender Menschenkern. Im Happening nach der Pause geht es auf die gut zwölf Quadratmeter große Matratzenlandschaft. Dort, in der Mitte des Raumes, fühlen, streicheln und massieren sich die Teilnehmer gegenseitig was das Zeug hält, bestenfalls blind – die Hartgesottenen tragen eine Schlafmaske. Kuschelagnostiker mögen an dieser Stelle die Nase rümpfen, doch Hildegunde Schaub weiß um die Bedürfnisse ihrer Schützlinge. Sie stellt sich gegen die zärtlichkeitsarme Leistungsgesellschaft, „wo Berührung meistens in der Sexualität landet“. Mit ihren Kuschelabenden möchte sie Menschen die Möglichkeit zur „wertfreien Berührung“ verschaffen. „Dabei werden Endorphine, Serotonin und das Bindungshormon Oxytocin freigesetzt, wenn man sich auf die Berührungen einlässt“, weiß Schaub.

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Spreekt u Nederlands?

Campus-Kommunikation war das Thema unseres ersten Bücherstipendiums in Kooperation mit dem Verein Global Learning. Unsere Stipendiatin ging zum Studium nach Utrecht, um Niederländisch zu lernen – traf aber fast nur auf englischsprechende Kommilitonen. Ein Segen oder ein Fluch? Ein Gastbeitrag von Saskia Clappers

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as verbindet man mit den Niederlanden? Käse, Tulpen, Holzschuhe, Windmühlen – alles „typisch Holländisch“. Doch es scheint noch etwas anderes „typisch Holländisch“ zu sein, das man nicht unbedingt erwarten würde und erst erfährt, wenn man Land und Leute näher kennenlernt: Ein wie selbstverständlich wirkender Umgang mit der englischen Sprache im Alltag, an der Uni und im Beruf. Da ein längerer Auslandsaufenthalt meist mit dem Wunsch verknüpft ist, mehr über die Kultur des Gastlandes, die Gewohnheiten und vor allem die Sprache zu lernen, kann es irritieren, dort überwiegend Englisch zu hören. Das war bei mir der Fall. Mit dem Ziel, Niederländisch zu lernen und das Land besser kennenzulernen als nur während der drei Wochen Sommerurlaub, hatte ich mich für ein Auslandssemester an der „Universiteit Utrecht“ entschieden. Gefreut hatte ich mich auf Seminare und Diskussionen mit Kommilitonen auf Niederländisch. Doch dort angekommen wurde schnell klar, dass die für mich in Frage kommenden Kurse allesamt in englischer Sprache abgehalten wurden und die Hälfte der teilnehmenden Studenten kein Niederländisch sprach. Gerade weil man kein Niederländisch braucht, ist das Land bei Austauschstudenten beliebt. Doch sollte es nicht auch das Ziel eines Auslandsstudiums sein, andere Sprachen und Kulturen kennenzulernen? Da die Niederlande sehr international ausgerichtet sind, kann sich das schwierig gestalten. Man wird durch internationale Organisationen an der Uni gut begleitet und unterstützt und auch die einfachste Art, eine Unterkunft zu finden, läuft über ein internationales Wohnheim. Das heißt, man kann ein halbes Jahr oder sogar ein ganzes Studium in den Niederlanden verbringen, ohne ein Wort Niederländisch zu sprechen.

Woher kommt diese Entwicklung, dass in einigen nicht englischsprachigen Ländern die Campus-Kommunikation vorwiegend auf Englisch abläuft? Und warum ist das in Ländern wie Deutschland oder Frankreich anders? Darüber sowie über die Vor- und Nachteile einer einheitlichen Wissenschaftssprache haben sich schon einige den Kopf zerbrochen. Diskutiert wird vor allem die Bedeutung der eigenen Wissenschaftssprache. Während an deutschen Universitäten für die Landessprache mit ihrer langen Tradition vor allem in den Geisteswissenschaften plädiert wird, veröffentlichen niederländische Forscher größtenteils auf Englisch, um ein größeres Publikum zu erreichen und in einen internationalen Diskurs zu treten. Die internationale Vernetzung soll nicht an Sprachbarrieren scheitern. War früher Latein die lingua franca der Wissenschaftler, hat sich heute Englisch etabliert. Die Niederlande kann auf eine lange Geschichte als Handelsund Seefahrernation verweisen, die schon seit Jahrhunderten mit fremden Völkern und Sprachen umzugehen lernte. Die Niederländer sind sich zudem der relativ kleinen Anzahl an heute noch Niederländisch sprechenden Menschen weltweit bewusst. Daher wird im internationalen Kontext viel Wert darauf gelegt, andere weiter verbreitete Sprachen zu beherrschen, worauf die Niederländer auch stolz sind. Die Vorteile einer einheitlichen Wissenschaftssprache sind, Forschungsergebnisse weit und schnell verbreiten zu können, vor allem in Bereichen, in denen die schnelle Veröffentlichung die Hauptsache ist und nicht ihre sprachliche Wiedergabe selbst oder deren Formulierung. Das gilt weltweit vor allem für die Naturwissenschaften, die technischen Studiengänge, für Pharmazie oder Medizin. In den Niederlanden werden daher die meisten Studiengänge in diesen Bereichen entweder nur noch auf Englisch oder zumindest zweisprachig angeboten 49


und vor allem Abschlussarbeiten werden auf Englisch verfasst. In den Geisteswissenschaften ist das auch in den Niederlanden noch nicht so stark ausgeprägt, die Tendenz geht aber hin zur englischen Sprache, vor allem in den Masterstudiengängen. Zum Problem wird das teilweise, wenn englische Texte anders als die in der eigenen Muttersprache nicht ganz so subtil und vielfältig geschrieben werden können. Sprachlich wichtige Nuancen gehen häufig verloren, im wissenschaftlichen Diskurs haben die Studenten Nachteile gegenüber englischen Muttersprachlern. In Deutschland wenden sich Gelehrte wie Jürgen Trabant oder Helmut Glück aus verschiedenen Gründen gegen eine Vereinheitlichung der Wissenschaftssprache. Und auch in den Niederlanden, wo Englisch sowohl im Berufsleben als auch in der Lehre kaum noch wegzudenken ist, regt sich Kritik, zum Beispiel von der nationalen Wissenschaftsorganisation NWO (Nederlandse Organisatie voor Wetenschappelijk Onderzoek), einer wichtigen politischen Einrichtung. In den Grachten von Utrecht.

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Doch was ist die richtige Vorgehensweise in der weltweiten Entwicklung hin zu einer einheitlichen Sprache in Wirtschaft und Wissenschaft? Ein Zurückrudern und Beharren auf der eigenen Landessprache oder im Gegenteil ein noch stärkerer Fokus auf diese Entwicklung, um die möglichen Nachteile, die durch das Verwenden einer Fremdsprache in Beruf und Wissenschaft gegenüber Muttersprachlern auftreten, zu verringern? In den Niederlanden wurde und wird eindeutig der zweite Ansatz verfolgt. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Lehre, sondern auch auf die private Kommunikation auf dem Campus. Da sich in beinahe jedem Kurs ausländische Studenten befinden, die kaum oder gar kein Niederländisch sprechen, unterhalten sich Kommilitonen auch nach dem Unterricht auf Englisch. Das geschieht aus Höflichkeit, damit jeder an den Gesprächen teilnehmen kann, aber auch aus Gewohnheit, da es inzwischen normal ist, Englisch zu sprechen, sobald man den Campus betritt. Das Positive daran: Keiner wird wegen Verständigungsproblemen ausgeschlossen. Umgekehrt verleitet dieses zuvorkommen-


de Englischsprechen viele dazu, gar kein Niederländisch zu lernen, was sich für internationale Studenten dann als Hürde erweisen kann, wenn sie abseits des Campus-Lebens in engeren Kontakt mit Niederländern treten wollen. Denn obwohl die Niederländer sehr gewandt im Englischen sind, bleibt es doch zumeist eine Campus-Sprache. Im Privaten sprechen die Menschen Niederländisch und für einen Gaststudent, der zwar vielleicht höchstens einen Intensivkurs besucht hat, scheint es schwer, sich hier einzuklinken. Man könnte nun meinen, dass es für Niederländer anstrengender ist, Englisch zu sprechen und sich nicht in der eigenen, vertrauten Muttersprache zu unterhalten, sodass sie im Privaten gerne unter NiederländischSprechenden bleiben. Doch dies ist, zumindest nach Aussagen der Einheimischen, keineswegs der Fall. Eben dadurch, dass sie Englisch so häufig und selbstverständlich verwenden, stellt es für die meisten kein Problem dar, sich darin zu unterhalten – erst recht, wenn sich ein Ausländer unter ihnen befindet.

Die Universalsprache ist allgegenwärtig, im Fernsehen oder Kino werden ausländische Sendungen, Filme oder Serien nicht synchronisiert. Alles erscheint in der Originalsprache mit Untertiteln, sogar die meisten Bücher aus dem englischsprachigen Raum werden in ihrer Originalsprache gekauft und nicht in der Übersetzung, falls davon überhaupt eine vorhanden ist. Auch durch diese Gebräuchlichkeit des Englischen sind die Niederländer im Kontakt mit Anderssprachigen sehr freundlich und zuvorkommend. Da die Niederländer fast alle sehr offen und interessiert an anderen Kulturen sind, kommt man in guten Kontakt und lebt sich leicht ein. Da ich mich glücklicherweise dazu entschieden habe, in einer Wohngemeinschaft mit ausschließlich niederländischen Studenten zu wohnen, sind meine sprachlichen Fähigkeiten vor allem im alltäglichen Bereich viel besser geworden. Und auch im Studium lässt sich durch das Lesen niederländischer Literatur und Quellen vieles lernen – wenn man nur will. 51


Taschengeld für die Welt, Vol. 2 Der Verein Global Learning und das Käpsele schreiben wieder ein Bücherstipendium aus. Der Begünstigte erhält 250 Euro. So funktioniert‘s. Von Markus Brinkmann

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u möchtest in diesem Semester im Ausland studieren? Aber dir fehlt noch ein bisschen Geld? Dann mal aufgepasst: Der Verein Global Learning vergibt in Kooperation mit dem Käpsele zum zweiten Mal ein Bücherstipendium in Höhe von 250 Euro. Bewirb dich mit deiner Idee zum Thema Campus-Räume und überzeuge unsere Jury davon. Wie das geht? Ganz einfach:

Wer kann sich bewerben? Bewerben können sich alle Studenten, die an den Universitäten und Hochschulen in der Region Stuttgart/Tübingen eingeschrieben sind. Voraussetzung ist ein mindestens dreimonatiger Auslandsaufenthalt im Wintersemester 2014/15.

Was ist zu tun? Der Auftrag lautet: Schau dich während des Auslandssemesters um und schreibe einen Text zum Thema Campus-Räume. Er muss 8000 Zeichen inklusive Leerzeichen umfassen und wird dann in redaktionell überarbeiteter Form im Käpsele veröffentlicht.

Wie bewirbt man sich? Lade auf www.kaepselemagazin.de das Bewerbungsformular runter. Erläutere uns deine Idee. Unsere Jury begutachtet die Vorschläge und wählt einen aus. Deshalb: Formuliere deine Idee so vollständig und präzise wie möglich. Am besten schreibst du in knapper Form eine Zusammenfassung des geplanten Textes. So ist es für die Juroren leichter zu verstehen, was du vorhast.

Campus-Räume? Das Thema lautet Campus-Räume. Räume sind nicht nur Räume mit vier Wänden und einer Tür. Sie können auch besondere Orte auf dem Campus sein, an denen Studenten lernen oder sich austauschen. Da du dich bei 8000 Zeichen beschränken musst, haben wir ein paar Vorschläge: 1. Gibt es auf dem Campus deiner Austauschuni besondere Räume, die sich von denen deiner Uni unterscheiden? Welche Funktionen erfüllen sie, wie sind sie gestaltet? Was macht gute Campus-Räume aus? 2. Gibt es an deiner Austauschuni virtuelle Räume (Chats, Foren, Gruppen), die Funktionen von realen Räumen ergänzen oder übernehmen? 3. Nutzen deine Kommilitonen und du öffentliche Räume an der Uni oder eher private? Verbringt ihr Freizeit auf dem Campus?

Wann ist Meldefrist? Schick uns deine Bewerbung bis spätestens 30. November 2014. Dann werden wir dir bis zum 22. Dezember mitteilen, ob dein Vorschlag ausgewählt wurde. Sobald der Artikel bei uns eingegangen ist, zahlen wir das Bücherstipendium aus.

Was ist Global Learning? Sieben Weltenbummler und Teilnehmer von Exkursionen der Uni Stuttgart gründeten den Verein Global Learning im Dezember 2010. Alumni teilen ihre Erfahrungen miteinander, aktuelle Studenten profitieren davon. Der Verein will dabei helfen, den wertvollen internationalen und interkulturellen Bereich der Universität zu bewahren. www.global-learning-stuttgart.de 53


Neu im Kino: ZACH BRAFF

JOSH GAD

ASHLEY GREENE

KATE HUDSON

JOEY KING

MANDY PATINKIN

VO M R E G I S S E U R VO N ‘ G A R D E N S TAT E ‘

WILD BUNCH PRÄSENTIERT IN VERBINDUNG MIT WORLDVIEW ENTERTAINMENT EINE DOUBLE FEATURE FILMS/SECOND STIX FILMS PRODUKTION “WISH I WAS HERE” ZACH BRAFF DONALD FAISON JOSH GAD PIERCE GAGNON ASHLEY GREENE KATE HUDSON JOEY KING JIM PARSONS MANDY PATINKIN CASTING AVY KAUFMAN, C.S.A. MUSIC SUPERVISORS MARY RAMOS HOLLY ADAMS ROB SIMONSEN KOSTÜME BETSY HEIMANN SCHNITT MYRON KERSTEIN PRODUKTIONSDESIGN TONY FANNING KAMERA LAWRENCE SHER, ASC KO-PRODUZENTEN COCO FRANCINI AMEET SHUKLA AMANDA BOWERS ADRIANA RANDALL EXECUTIVE PRODUCERS CHRISTOPHER WOODROW MOLLY CONNERS MARIA CESTONE SARAH E. JOHNSON HOYT DAVID MORGAN PRODUZENTEN STACEY SHER MICHAEL SHAMBERG ZACH BRAFF ADAM BRAFF DREHBUCH ADAM BRAFF & ZACH BRAFF REGIE ZACH BRAFF

MUSIK

MIT NEUEN SONGS VON THE SHINS, BON IVER, CAT POWER & COLDPLAY. SOUNDTRACK IM HANDEL ERHÄLTLICH

© 2014 WIWH PRODUCTIONS, LLC AND WIWH FUNDING LLC. ALLE RECHTE VORBEHALTEN.

/WishIWasHere.DerFilm

Wish-I-Was-Here.de

Wish I Was Here – Drama, Komödie, USA, Start: 9.10.2014. Regie: Zach Braff. Mit: Zach Braff, Kate Hudson, Mandy Patinkin, Josh Gad u.a. (120 Minuten)

Wish It Was Better Aidan Bloom (Zach Braff, bekannt aus der KrankenhausSitcom „Scrubs“) ist ein erfolgloser Schauspieler in seinen Dreißigern. Unbeirrt von den Geldproblemen, die er und seine Frau (Kate Hudson) haben, verfolgt er weiter sein Ziel und besucht ein Vorsprechen nach dem anderen. Als sich das Ehepaar die jüdische Privatschule für ihre Kinder (Joey King und Pierce Gagnon) nicht mehr leisten kann, fängt Aidan an, die beiden zu Hause zu unterrichten. Wie in Zach Braffs Debütfilm „Garden State“ geht es in „Wish I Was Here“ um die Suche nach dem Sinn im Leben und dem Streben nach Glück. Während Aidan Bloom immer weiter vom Lehrplan seiner Kinder abweicht und versucht, ihnen das Leben beizubringen, lernt er selbst die eine oder andere Lektion über das Menschsein. Leider ist das genauso abgedroschen, wie es sich anhört. Ansätze, die in Garden State noch authentisch waren, werden hier auf die Spitze getrieben und wirken zu oft wie eine Parodie ihrer Selbst. Der von Fans weltweit über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter finanzierte Film ist definitiv ambitioniert und hat durchaus seine ehrlichen Momente. Im Großen und Ganze schießt er aber leider weit über das Ziel hinaus. (ay)

Der dänische Westen Sofern man der Einleitung des Filmes glauben kann, zog es nach dem Deutsch-Dänischen Krieg viele dänische Soldaten in den Westen Amerikas. Jon (Mads Mikkelsen) ist so ein Soldat und hat die vergangen sieben Jahre hart gearbeitet, um seiner Frau und ihrem gemeinsamen Sohn ein erträgliches Leben in diesem unwirtlichen Land zu ermöglichen. Doch am Tag ihrer Ankunft werden Mutter und Sohn ermordet. Der Mörder ist schnell gefunden und der Rachemord noch schneller begangen. Hier könnte die tragische Geschichte auch schon enden, doch der Bruder des Mörders (Jeffrey Dean Morgan) sinnt seinerseits auf Rache und lässt seine Gang nach Jon suchen. Als Nebentätigkeit terrorisiert er noch die nahegelegene Stadt und zieht mordend durch die Lande. Hiermit ist ja schon ein relativ solides Fundament für einen klassischen Western gelegt. Der visuelle Stil und einige Einstellungen sind durchaus fragwürdig, heben sich jedoch vom Rest des Genres ab. Die Protagonisten sind zwar sehr zweidimensional, wer aber einen Western mit wortkargen Männern, rauchenden Colts und einer wunderschönen Femme Fatale (Eva Green) sucht, kann hier nicht viel falsch machen. (ay) 54

#THESALVATION

The Salvation – Western, Drama, Dänemark, Großbrit., Südafrika, Start: 9.10.2014. Regie: Kristian Levring. Mit: Mads Mikkelsen, Eva Green u.a (100 Minuten)


Starke Charaktere Eine Theaterschauspielerin wird entlassen und soll fortan einem Haufen Langzeitarbeitsloser als verpflichtende Bildungsmaßnahme das Schauspielern beibringen. Unglaubwürdige Figuren, wenig Tiefgang und SchulbuchDialoge - „Ein Geschenk der Götter“ von Oliver Haffner fängt genauso an. Doch dann passiert etwas. Der Film bekommt die Kurve, biegt auf die Zielgerade und beweist dort mit viel Charme, warum er auf dem Internationalen Filmfest in München den Publikumspreis ergatterte. Das Ensemble mit seinen größtenteils wenig bekannten gelernten Theaterschauspielern (darunter etwa der Tübinger Paul Faßnacht als bruddelnder Franz) bringt die oftmals plumpen Lebensläufe der Charaktere überzeugender rüber als mancher Hollywood-Star. Deutsches Kino à la Til Schweiger kann sich vor allem bei Hauptdarstellerin Katharina Marie Schubert eine Scheibe abschneiden. Schön: Die authentische Sprache, die ihre Figur umso ehrlicher wirken lässt. Erstaunlich, welche Entwicklung der Film im Verlauf seiner Handlung durchmacht. Und auch, wenn am Ende manch ein Handlungsstrang nicht zu Ende gedacht wird - „Ein Geschenk der Götter“ kann, ja er sollte sich sogar sehen lassen. (ci)

Ein Geschenk der Götter – Komödie, Deutschland. Start: 9.10.2014. Regie: Oliver Haffner. Mit: Katharina Marie Schubert, Adam Bousdoukos, Paul Faßnacht u.a. (102 Minuten)

Der Liebling der Redaktion:

How he met Zibby

Liberal Arts – Drama, Komödie, USA, Start: 6.12.2013 (Direct to DVD). Regie: Josh Radnor. Mit: Josh Radnor, Elizabeth Olsen, Zac Efron, Richard Jenkins u.a. (97 Minuten)

Denkt man an Sitcom-Helden, die zu Regisseuren wurden, kommt man an Zach Braff nicht vorbei. Weil dessen Neuer aber zumindest nach Ansicht unseres Kritikers kein Glanzwerk ist, tut man gut daran, sich Josh Radnor zuzuwenden. Der Mime des Ted, der jahrelang die Mutter seiner Kinder suchte, hat bis dato zwei wundervolle Filme abseits des Mainstreams abgeliefert. Sein Debüt „Happythankyoumoreplease“ sei an dieser Stelle jedem wärmstens empfohlen, just weil es warmherzig ist. Und auch der im universitären Umfeld spielende Nachfolger „Liberal Arts“ rührt – und macht obendrein auch noch gute Laune. Die Handlung in einem (etwas längeren) Satz: Jesse, ehemaliger Student der titelgebenden Freien Künste, kehrt anlässlich der Verabschiedung seines alten Englischprofs an sein College zurück und verknallt sich in die Studentin Zibby (hinreißend: Elisabeth Olsen, ältere Schwester der Olsen-Twins), die zwar 16 Jahre jünger ist als er, ihm aber einiges lehren kann. Ein schöner Film über das Leben nach dem Abschluss. Wer „How I met your mother“ liebte, kann hier nicht danebenliegen. (ben) 55


Die Taktikfüchse mit Hundeschädel Da blättert man durch‘s Hochschulsportprogramm und dann - Jugger. Was ist das denn? Ein Probetraining bei der etwas anderen Beschäftigung für einen Freitagabend. Von Christian Ignatzi

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as erste Gefühl am nächsten Morgen sind die Rückenschmerzen. Rückenmuskulatur – wofür braucht man die eigentlich? Keine Ahnung. Tut aber weh beim Aufstehen aus dem Bett. Schlimmer ist nur das wieder hinsetzen. Die Gesäßmuskeln schmerzen nämlich noch ein bisschen stärker. Und die Arme sowieso. Eigentlich tut an den ersten Tagen nach dem Training alles weh. „Dir wird morgen alles wehtun“, hatte Jacob von Römer vorher gewarnt. Er sollte recht behalten. Jugger also. Was auf den ersten Blick aussieht, wie eine Horde alternativer junger Menschen, die mit selbst gebauten Schaumstoffknüppeln aufeinander dreschen, ist ein anstrengender und taktisch vielfältiger Sport. Doch von vorn. „Ich spiele eigentlich immer barfuß, aber manche ziehen zum Training auch Stollenschuhe an“, hatte Jacob noch am Telefon gesagt. „Ach ja, und du solltest Knieschützer trage.“ Aha. Knieschützer liegen noch im Keller – ist auch besser bei einem fiesen Knorpelschaden, der das Joggen (nicht zu verwechseln mit dem Juggern) schon nach einer halben Stunde zur Tortur macht. Allerdings, wie Robin Gröger später erklärt, haut niemand dem anderen mit Absicht ein volles Pfund aufs Knie. Vielmehr sind die Knieschützer dazu gedacht, die Gelenke zu schonen, weil sich die Jugger-Spieler ständig hinknien müssen. Ähnlich wie damals in der katholischen Kirche. Robin Gröger gibt deshalb so gute Tipps, weil er neben Jacob von Römer einer der beiden Jugger-Trainer im Stuttgarter Uni-Team ist. Mit seinen schulterlangen Haaren und seinem Vollbart ist der 26 Jahre alte Student der Erneuerbaren Energien schon optisch der Anführer der Gruppe. Und auch seine Autorität kann sich sehen lassen. Sein Wort ist Gesetz. Zumindest auf dem Platz. Das wiederum liegt daran, dass Robin die größte Erfahrung im Jugger hat. „Ich mache das jetzt seit sieben Jahren“, erzählt er. Zu Hause, in Lippstadt in der Nähe von Dortmund, gibt es schon lange ein Jugger-Team. Seinen Ursprung hat der Sport in einem gleichnamigen B-Movie aus dem Jahr 1989. In einem Endzeitszenario ziehen Gladiatorengruppen durchs Land und

Rechts im Bild: Jugger-Trainer Robin Gröger.

treten im Kampf auf Leben und Tod gegeneinander an. Während in jedem Team ein Läufer den „Jugg“, einen Hundeschädel, ins gegnerische Ziel tragen muss, versuchen die Träger von Knüppeln und an Ketten befestigten Kugeln, sie vor den Gegnern zu beschützen. Dieses simple Grundprinzip ist im Film doch recht martialisch. Anders in der sportlichen Umsetzung. „Das Wichtigste ist Fairness, ohne funktioniert es nicht“, sagt Robin. Wer von einer Pompfe, so nennt man die Geräte mit denen die Spieler miteinander kämpfen, getroffen wird, muss das sofort zugeben. Schläge gegen den Kopf sind verboten. Auch die Hände zählen nicht. Aber genug Theorie. Nach dem Warmlaufen geht es los. Auf einer Wiese auf dem Sportgelände der Uni Stuttgart haben die Jugger ein 40 mal 20 Meter großes Spielfeld, ähnlich einem Handballfeld, abgesteckt. An den Enden des Felds liegt jeweils ein Kissen mit einem Loch für den Jugg – kein Hundeschädel, sondern eine Nachahmung aus Schaumstoff. „Nur in Niedersachsen ist das nicht so“, sagt Robin. „Dort sind die Jugger im Sportbund, deshalb darf sich der Jugg nicht an einem Hundeschädel orientieren.“ Deutsche Bürokratie – man kann sie verstehen, muss es aber nicht.


Robin teilt seine Jugger, heute sind es neun, in zwei Viererteams auf, die gegeneinander antreten. Jede Mannschaft besteht aus Schlägern mit Pompfen oder der Kette und dem Läufer. Eine Partie dauert zwei Mal hundert Steine, eine Zählform aus dem Film. Pro Stein – 1,5 Sekunden – klopft Jakob, der diesmal nicht mitspielt, einmal auf eine Trommel. Die Teams versammeln sich an ihrer Grundlinie – nach dem Einzählen geht es los. Adrenalin ist auf jeden Fall dabei, wenn die Pompfenträger auf ihre Gegner zulaufen. Und schnell wird klar: Ein Gefühl für Taktik ist wichtig. „Man merkt, wenn ein Spieler etwa aus dem Fußball kommt, weil er dann eine gute Spielübersicht hat“, sagt Robin später. Ein Angriff ist in wenigen Sekunden vorbei. Wer im Kampf getroffen wurde, kniet für die Dauer von fünf Steinen nieder und darf erst danach wieder ins Geschehen eingreifen. Nach den ersten Angriffen steht es 5:1 für Robins Team. Immer wieder rennen die Gegner in die perfekte Verteidigung. Während sich der gegnerische Langpompfenträger auf Robin, der die Kette schwingt, stürzt, und dabei seine Rückendeckung missachtet, hat er, schneller als er gucken kann, einen Schlag in den Rücken kassiert und ist erst einmal aus dem Spiel. Zur Halbzeit bleibt es bei einer Führung von 5:3. Anstrengend beim Jugger sind vor allem die Aneinanderreihung kurzer Sprints.

Wirkt wie ein Sport für Nerds und Larp-Fans, ist aber nicht so So weit, so gut. Aber wie kommt man darauf, einen Sport zu treiben, der in YoutubeVideos wirkt, als würden ihn nur Nerds mit dem Hang zu Live-Action Rollenspielen betreiben? Die Männer sind sich einig: Trainer Robin ist schuld. Der gibt das gerne zu und erzählt: „Als ich 2011 nach Stuttgart kam, gab es den Sport hier nicht. Ich wollte aber wieder juggern, also habe ich meine Jungs und mich spontan zu einem Turnier in Schwaikheim angemeldet.“ Auf der Zugfahrt erklärte er noch schnell die Regeln. „Dabei ist auch unser Teamname entstanden: Problemkinder“ 58

– weil sie nicht ein einziges Mal hatten trainieren können, keine Trikots besaßen und wegen einer Matheklausur auch noch zu spät kamen. Den Teamnamen tragen sie heute noch. Beim ersten Turnier kamen sie sogar in die Top-Ten: Zehnter von zehn. Immerhin. „Wir hatten richtig Spaß, deshalb haben wir uns an die Uni gewendet und gefragt, ob wir das als Hochschulsport machen dürfen.“ Der positive Bescheid kam prompt. Inzwischen ist die Teilnehmerzahl auf 26 gestiegen. Frauen sind ebenso willkommen wie Männer. In der vorlesungsfreien Zeit ist weniger los. Beim Abendtraining auf dem Unigelände läuft die zweite Halbzeit. Das gegnerische Team beweist, dass es mit Rückschlägen umgehen kann. Es ändert die Taktik. Weil der starke Langpompfer in Team Robin für Furore sorgte, kümmert sich nun die gegnerische Kette um ihn. Das funktioniert. Erst, als auch Robin zu einer neuen Taktik ausruft, dreht sich das Blatt wieder. Während er die Gegner mit der Kette ablenkt, stürmen die Pompfer hinter die gegnerische Verteidigungslinie und greifen den Läufer an. „Es gibt viel mehr taktische Möglichkeiten beim Jugger, als man


Jacob stellt das neue Teamlogo vor.

Wie beim Abtrefferle: der Kettenball. beim ersten Hinsehen denken würde“, sagt er. Mitunter auch das hat der Sportart zu einem breiten Erfolg verholfen. Inzwischen gibt es eine Bundesliga und eine Deutsche Meisterschaft. Gefährlich wird es am Jugger-Abend an der Uni übrigens nie. Einmal zieht eine Kette einem Pompfer versehentlich die Beine weg. Er landet aus vollem Lauf auf der Nase. Der weiche Rasen fängt ihn aber auf. Die Spieler geben sich die Hand und freuen sich gemeinsam über einen gelungenen Spielzug. Inzwischen laufen die letzten Steine. Es steht 7:7. Robins Taktik: Den Läufer der Gegner so schnell wie möglich kaltstellen und dann versuchen, den eigenen Läufer in Position zu bringen. Bei einem Unentschieden geht es so lange weiter, bis eine Mannschaft einen Punkt macht. Die Taktik geht auf. Drei Steine vor Ende der Partie gelingt der Punkt zum 8:7. Danach heißt es: Platz aufräumen und ab ins Nachtleben. Schließlich ist Freitagabend. Und wer zum ersten Mal dabei ist, sollte sich überlegen, den Abend ruhig ausklingen zu lassen. Schließlich lässt schon ein Kater grüßen: der Muskelkater. 59


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Impressum: Käpsele – Das Studentenmagazin Käpsele GbR Theodor-Heuss-Straße 109 71067 Sindelfingen redaktion@kaepselemagazin.de Herausgeber (V.i.S.d.P.): Markus Brinkmann (msb) und Christian Ignatzi (ci) Anzeigen: Christian Ignatzi anzeigen@kaepselemagazin.de Redaktionsleitung: Ben Schieler (ben) Autoren: Ilkay Aydemir (ay) Timo Dersch (td) Sanja Döttling (sad) Julia Knorr (jul) Caroline Messick (cam) Gastautoren: Rebecca Anna Fritzsche Fotografen: Christian Ignatzi (Cover, S. 28, 31, 32, 56-59)

Sanja Döttling (S. 12) Caroline Messick (S. 45, 46) Ben Schieler (S. 03, 34, 40) Tomi Wagner (S. 06, 08, 09) Illustratorin: Verena Tribensky (S. 26) Besondere Foto- und Lizenzhinweise: S. 13: Headlines © Indepandent. co.uk, RT.com, Repubblica.it S. 14: Foto © Sanja Döttling S. 17-19: Fotos © Bernd Vöhringer S. 20: Hintergrund CC Dineshraj Goomany (https://www.flickr.com/ photos/dgoomany), Foto linke Spalte CC Odense Bys Museer (https://www. flickr.com/photos/odensebysmuseer), Foto rechte Spalte CC U.S. Army Corps of Engineers Norfolk District (https://www.flickr.com/photos/ armyengineersnorfolk) S. 22-24: Fotos © Robin Rudel S. 30: Foto CC Stuart Pillbrow (https://www.flickr.com/photos/ stuartpilbrow) S. 37: Foto © Rebecca Anna Fritzsche S. 38: Foto © Ethan McCullough, Cover © Mosaik S. 39: Foto CC Je Kemp (https:// www.flickr.com/photos/jekemp),

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