Page 1

KOSTENFREI IM ABO

EDITION #57

MAI 2019

VERBAND DEUTSCHER WEINPUBLIZISTEN

PORTRAITS

Brüder Moosbrugger Stefan Kretschmar Andrea Wirsching Stuart Pigott John Shafer

HOT SPOTS

Japans neues Terroir Côtes de Bordeaux Disibodenberg

UNTERNEHMEN

Monky 47 vs. Koala 48 Mt. Difficulty Winery

HANDEL

Whisky-Branche unter Druck

RARITÄTEN

Reife Schätze in Castell

WEIN NOTIZEN

Ebner-Ebenauers Kollektion Merkles wilder Lemberger Kilgers Wildbacher Rosé Wirschings Silvaner Brut Franciacorta Bokè Rosé Malats Blanc de Blancs Zahels Gemischer Satz Bernhards Scheurebe Groszer Czaterberg Proschwitz Elbling Tokaji Fortissimo Weißer Schotter Wardy Obeidi

C O P Y R I G H T © W E I N F E D E R E . V. V E R B A N D D E U T S C H S P R AC H I G E R W E I N P U B L I Z I S T E N


EDITORIAL / INHALT LIEBE LESERINNEN UND LESER,

„Als wir vor 25 Jahren mit der ProWein gestartet sind, hatte keiner diese unglaubliche Entwicklung im Blick. Wir konnten die Messe Schritt für Schritt gemeinsam mit unseren Partnern zur weltweit wichtigsten und größten Fachmesse für Weine und Spirituosen ausbauen“, so Hans Werner Reinhard, Geschäftsführer der Messe Düsseldorf. Die Weinwelt ist dynamisch: Während die internationale Relevanz der ProWein unbestritten ist, dümpelt eine andere Weinmesse vor sich hin. Die VINEXPO Bordeaux, so spekulieren manche, könnte im Mai 2019 zum letzten Mal stattfinden. Das Konzept funktioniert in Hongkong und New York, schwächelt aber in Bordeaux. Vielleicht benötigt Europa nicht so viele Weinmessen.

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

„Wine journalism in digital times“ heißt eine Talkshow von FIJEV, der internationalen Vereinigung von Weinjournalisten, die am 15. Mai auf der VINEXPO von mir moderiert wird. Felicity Carter, Amy Gross, Robert Joseph und Anne Serres werden einen Ausblick auf die Zukunft des Weinjournalismus geben. Journalismus im Spannungsfeld zwischen Marketing, Algorithmen und Kulturkritik: für mich ein interessantes, zukunftsträchtiges Thema. Ich wünsche Ihnen einen genussvollen Sommer! Ihr

Wolfgang Junglas 1. Vorsitzender Weinfeder e.V. (Verband deutschsprachiger Weinpublizisten)

|WEINNOTIZEN

38 – 41

38 Weinempfehlungen der Autoren dieser Ausgabe

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN

2


INHALT

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

5

INHALT

3

|PORTRAITS

05 Die Moosbruggers 09 Andrea Wirsching Unternehmen Traditionsweingut 13 Stuart Pigott 16 John Shafer Ein Weinpionier verlässt die Bühne 19 Stefan Kretschmar

|HOT SPOTS

9

20 Côtes de Bordeaux 25 Neues Terroir in Japan 28 Disibodenberg

|HANDEL

30 Whisky-Branche unter Druck

|UNTERNEHMEN

13

16

31 Mt. Difficulty Winery: 22 Millionen Euro-Deal 33 Monkey 47 versus Koala 48

|RARITÄTEN

36 Reife Schätze in Castell

|WEINNOTIZEN

19

39 39 39 39 39 40 40 40 40 41 41 41 41 41

Scheurebe Weingut Bernhard Merkles wilde Hefen 90 Punkte für Ebner-Ebenauer Tokaji Late Harves Fortissimo Strehns Weißer Schotter Eibling Schloss Proschwitz Csaterberg Groszer Wein Obeidi, Domaine Wary, Libanon Malats Blanc de Blancs Kilgers Wildbacher Rosé Zahels Gemischter Satz Wirschings Silvaner Brut Villa Franciacorta Bökè Rosé Brut Millésimé Bouchié-Chatellier

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


INHALT/IMPRESSUM

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

25

20

28

4

30 31

33 IMPRESSUM

36

● HERAUSGEBER Weinfeder e.V. Verband deutschsprachiger Weinpublizisten, 1. Vorsitzender: Wolfgang Junglas, Weinfeder e.V., Bienenbergweg 4, 65375 Oestrich-Winkel, Telefon: 06723-601902, Fax: 885546, E-Mail: info@weinfeder.de, Internet: www.weinfeder.de, Facebook: www.facebook.com/weinfeder ● TITELFOTO Monica Silva ● AUTOREN DIESER AUSGABE Marcel Friederich, Wolfgang Junglas, Joachim A. J. Kaiser, Rudolf Knoll, Dr. Stefan Krimm, Norbert Krupp, Arthur Wirtzfeld ● LEKTORAT Dr. Christa Hanten ● LAYOUT & SATZ Arthur Wirtzfeld, Telefon: 0931-322460, redaktion@weinfeder.de ● SCHLUSSREDAKTION Arthur Wirtzfeld ● ViSdPG Weinfeder e.V. ● COPYRIGHT-HINWEIS Alle redaktionellen Beiträge im Weinfeder Journal werden in der Originalversion veröffentlicht. Für den Inhalt und die Ausformulierung der Texte sind allein die Autoren verantwortlich, die das alleinige Copyright für ihre Texte innehaben. Ein Nachdruck oder eine Veröffentlichung von Beiträgen im Internet, in sonstigen digitalen oder in Printmedien, auch auszugsweise, kann nur in Absprache mit den jeweiligen Autoren erfolgen. Gegen Honorar, das mit dem Autor zu vereinbaren ist, kann jeder Beitrag unter Angabe der Quelle (Weinfeder) und Namensnennung der/des Autorin/Autors übernommen und veröffentlicht werden.

REDAKTIONSSCHLUSS

für die Ausgabe Edition #58 ist der 23. August 2019. Einsendungen von Beiträgen und Bildmaterial bitte an: redaktion@weinfeder.de – Ansprechpartner Arthur Wirtzfeld (gleiche Mailadresse). Rückfragen unter Telefon: 0931-322460.

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


PORTRAIT

Die Moosbruggers

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

5

Man kann sie als „Genussbrüder“ bezeichnen. Michael Moosbrugger (53) ist Chef eines der besten Weingüter Österreichs (Schloss Gobelsburg). Florian Moosbrugger (49) ist Hausherr der renommierten „Post“ in Lech am Arlberg, einem Fünf-Sterne-Haus mit ambitionierter Küche.

Im Gespräch mit Rudolf Knoll erzählen sie, wie alles begann und warum der eine statt Hoteleigentümer Winzer wurde und der andere doch ins Hotelfach einstieg, obwohl er darin nicht seine Lebensaufgabe sah.

AUTOR: RUDOLF KNOLL

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN

Michael Moosbrugger (Foto: Peter Mayer)


PORTRAIT

E

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

ure Sternzeichen deuten schon an, dass ihr etwas  unterschiedlich gestrickt sein müsst. Michael ist Widder, dem eine kämpferische Natur nachgesagt wird. Florian ist Skorpion, nach Einschätzung von Astrologen ein Mensch mit sanftem Wesen, aber unbändiger Kraft, Zähigkeit und Ausdauer. Wie schätzt ihr euch selbst ein?

Michael: Wir sind schon anders veranlagt. Florian ist offen, nach außen gehend, recht extrovertiert. Ich sehe mich eher als zurückhaltenden Menschen. Aber wenn wir uns beide Ziele setzen, dann erreichen wir sie auch.

Florian: Wir haben auch viele Gemeinsamkeiten, zum Beispiel eine gute technische Veranlagung. Wir sind handwerklich gut unterwegs, können logistisch denken. Dafür fehlt uns etwas die optische Kreativität.

Qui bon vin boit, Dieu voit

Ein Wahlspruch der Zisterzienser, die den europäischen Weinbau entscheidend beeinflusst haben, lautet: (wörtliche übersetzt) „Wer guten Wein trinkt, sieht Gott.“ (im Sprachgebrauch) „Schenkst Du Guten ein, schaust Du Gott im Wein.“

Normal ist es doch, dass der ältere Bruder einen Betrieb wie die Post übernimmt. Bei euch war das nicht der Fall. Wieso?

Florian: Es ist richtig, dass der Michi eigentlich das Vorrecht hatte. Das war für mich klar, ich hatte keine Probleme damit. In jungen Jahren war ein Leben in der Hotellerie für mich nicht unbedingt erstrebenswert. Aber der plötzliche Tod unseres Vaters Franz, der als leidenschaftlicher Bergsteiger 1988 an Höhenkrankheit im Himalaya starb, wirbelte vieles durcheinander. Unsere Mutter Kristl musste das Haus in dieser dramatischen Situation allein weiterführen und wurde 1990 sogar als erste Frau mit dem Titel „Hotelier des Jahres“ ausgezeichnet. In der Phase haben wir Kinder sie unterstützt. In der Zeit haben sich auch die jeweiligen Interessen herauskristallisiert. 1994 waren die weiteren Lebenswege klar. Schon im Jahr vorher hat mir unsere Mutter nach einer internationalen Ausbildung mit Hotelfachschule die Geschäftsführung übertragen. Aber es sollte noch einige Jahre dauern, bis ich mich so richtig in die Hotelbranche eingearbeitet hatte.

6

Und warum wurde Michi abtrünnig?

Michael: Vielleicht lag es daran, dass Wein bei uns im Haus schon viel Bedeutung hatte und sich unser Vater sehr intensiv mit dem Metier auseinandersetzte. Er war ein Qualitätspionier für Wein in der Hotelbranche und Mitbegründer eines Sommeliervereins. Das hat vermutlich auf mich abgefärbt … Florian: Wein war für mich auch ein wichtiges Thema. Ich habe ein Praktikum in einem DreiSterne-Haus an der Rhône gemacht und lernte dort den Hauswein schätzen, einen Hermitage Jahrgang 1986. Eine Flasche davon steht heute noch in meinem Büro. Als mein Bruder auf mich zukam und mir eröffnete, dass er im Weinbau seine Zukunft sieht, empfand ich das als sehr mutig. Aber für mich gab es dadurch neue Perspektiven. Ich konnte Chef werden, was zu meinem Naturell passt, weil ich als Angestellter ein schlechter Befehlsempfänger gewesen wäre. Michael: Nachdem wir in der Familie nach Vaters Tod zusammengeschweißt wurden und unsere Schwester Johanna das Elternhaus mütterlicherseits übernahm, das Bergschlössl in St. Anton, habe ich mich aufgemacht in die Weinregion Wagram und wurde im Gut Oberstockstall tätig, damals eine Mischung aus Gastronomie, Landwirtschaft, Obstbau und Weinbau. Meine erste Überlegung ging hin zur Gastronomie, aber dann hat mich der Weinbau doch fasziniert. Ich habe Kontakte aufgebaut und mich learning by doing fortgebildet. Es gab damals ein Schloss mit Keller, das ich fast übernommen hätte. Bis einer meiner guten Bekannten, Willi Bründlmayer, eines Tages zu mir sagte, er habe da etwas, das mich interessieren könnte … Und das war schon Schloss Gobelsburg?

Michael: In der Tat. Das Weingut ist seit 1740 im Besitz von Stift Zwettl. Es wurde ab 1958 einige Jahrzehnte vom legendären Pater Bertrand Baumann geleitet. Noch 1995 wurde ich mit Willi Bründlmayer im Stift vorstellig. Am 15. Januar 1996 zog ich bereits dort ein und hatte einen Vertrag mit ewig langer Laufzeit über zwei Generationen unterschrieben. Mir war damals schon klar, dass das ein Sprung ins kalte Wasser war und ich plötzlich Verantwortung für einen Traditionsbetrieb mit fast 850 Jahren Geschichte übernahm. Aber Willi gab mir Schützenhilfe. Ich wollte nicht alles anders und besser machen, es war auch

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


PORTRAIT

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

Florian Moosbrugger (Foto: Peter Mayer)

Zum Wohlfühlen brauchte Florian ein paar Jahre

„Wer die Branche kennt und selbst einen Familienbetrieb übernommen hat, kann das nachvollziehen.“

7

schon vieles da. Positiv war für mich vor allem das genetisch hervorragende Rebmaterial. Das Klostergut hatte lange Zeit selbst veredelt. Im Weingarten wurde nicht gespritzt, es gab keine Rückstände in den Reben. Wein konnte optimal in einem alten Keller reifen.

Während sich Michael, den bald die halbe Weinwelt „Michi“ nannte, als Winzer etablierte, wurde da aus dem jungen Hotelchef auch ein gestandener Hotelchef?

Florian: Das hat gedauert. Ich brauchte Zeit, um zu lernen, dass ich als Chef und letzte Instanz verantwortlich für alles war, für das Gelingen und das mögliche Scheitern. So schnell schwimmt

man sich in dieser Branche nicht frei. Es war auch die Last der Geschichte da; unsere Familie hatte sich schon früh in den 1950er-Jahren auf die Hotellerie fokussiert und das Haus immer weiter entwickelt. Und dann kam 2005 das schlimme Hochwasser … Wie bitte? Hochwasser? Auf über 1.500 Meter Höhe über dem Meeresspiegel? Wie ging das denn?

Florian: Ganz einfach. Hinter unserem Haus floss ein harmlos anmutender Bach vorbei, der sich durch viel Regen so staute und überlief, sodass wir einen Riesenschaden erlitten. Dieser Schaden war leider nicht von der Versicherung gedeckt. Wer denkt schon in der Bergwelt an einen Hochwasserschaden. Heute sind wir entsprechend versichert und der Bach ist neu geordnet. Natürlich warf uns dieses Naturereignis in unserer Entwicklung extrem zurück. Aber wir wurden nicht mutlos und haben bis 2010 eine Bauetappe nach der anderen bewältigt. Die Terrasse wurde neu aufgebaut, darunter entstand eine Tiefgarage. Es entstand auch ein neuer Trakt mit einem großzügigen Spa-Bereich und einem Hallenschwimmbad extra für Kinder. Neue Zimmer wur-

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


PORTRAIT

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

den gebaut. Danach hatte ich endlich das Gefühl, dass das jetzt mein Hotel ist. Meine Frau Sandra hat an all dem einen großen Anteil, vor allem in der optischen Gestaltung. Die Zukunft ist langfristig gesichert; unsere 14-jährige Tochter zeigt bereits Interesse … Und was hat Michi in dieser Zeit alles in Gobelsburg angestellt?

Michael: Das kann man in Zahlen festmachen. Als ich kam, hatten wir 35 Hektar Reben, heute sind es 80 Hektar. Der Exportanteil lag bei meinem Einstieg bei einem Prozent, heute landen zwei Drittel unserer Weine im Export. Die Hälfte dieser Weine geht nach Übersee. Wir haben eine Traditionslinie eingeführt, mit Riesling und Grünem Veltliner, die vinifiziert werden wie in alten Zeiten. Sie bekommen im Holzfass Zeit für die Reifung und sind im Verkauf sehr erfolgreich. Ich freue mich, dass die Nachfrage nach reifen Weinen deutlich zugenommen hat.

ZU DEN PERSONEN:

Michael Moosbrugger, Jahrgang 1966, Betriebsleiter Weingut Schloss Gobelsburg, eines der besten Weingüter Österreichs 3550 Gobelsburg bei Langenlois Tel. +43 2734 24 22, www.gobelsburg.at Florian Moosbrugger, Jahrgang 1969, Geschäftsführer Hotel Gasthof Post in Lech am Arlberg (5 Sterne, 2 Hauben im Gault Millau für die Küche) 6764 Lech am Arlberg Tel. +43 5583 220 60, www.postlech.com

Und ganz nebenbei gibt es da noch den Verein der Traditionsweingüter Österreich, den man vergleichen kann mit dem Verband der Prädikatsweingüter, VDP, in Deutschland. Der hat unter Vorsitz Michael Moosbrugger eine Klassifizierung der Ersten Lagen eingeführt. Ihm gehörten bis zum Herbst letzten Jahres 36 renommierte Betriebe des Donauraumes aus den Regionen Kamptal, Kremstal, Traisental und Wagram an. Dann kam es zu einer Art Urknall … Michael: Das ist richtig. Wir sind durch die Hinzunahme von sechs Betrieben aus Wien und 20 aus der Region Carnuntum im Osten von Wien auf einen Schlag gewaltig gewachsen auf 62 Mitglieder. Wir haben 72 Rieden als Erste Lage klassifiziert. Ist ein weiteres Wachstum denkbar, vielleicht für ganz Österreich?

Michael: Wir haben ohnehin ein gutes Verhältnis zu unseren Freunden in der Steiermark, den STK-Weingütern, die sogar einen Schritt weiter sind und noch Große Lagen, also das Beste vom Besten, ausgewiesen haben. Die Wachau ist bekanntlich durch die Vinea Wachau sehr eigenständig strukturiert. Im Burgenland, wo es die Renommierten Weingüter als Elitevereinigung gibt, legt man bislang keinen bedeutenden Wert auf Lagenausweisung. Hier spielen mehr die DAC-Regionen wie Leithaberg oder Eisenberg eine Rolle.

8

Da hat es der Hotelier im Vergleich fast leicht. Er muss nicht gleich einige Dutzend WinzerSchäfchen hüten …

Florian: Das nicht, dafür müssen wir mit zwei Saisonlöchern leben. Im Winter haben wir von Ende November bis 22. April geöffnet, ansonsten vom 20. Juni bis Ende September. Lech steht zwar insgesamt gut da in der Hotellerie, aber eine Verlängerung von Öffnungszeiten ist im Prinzip erstrebenswert. Vielleicht hilft uns hier ein in Planung befindliches Kongresszentrum.

Kommt ein besonderer Gast, der Bruder, mehrfach im Jahr zum Relaxen?

Florian: So drei- bis viermal im Jahr kann ich Michi begrüßen. Umgekehrt bin ich seltener im Kremstal. Gobelsburg mache ich einmal im Jahr meine Aufwartung. Ich bin dann der glücklichste Mensch der Welt, weil ich hier großartige Weine genießen kann. Überhaupt bin ich ein Fan von österreichischem Wein. Michael: Danke für das Kompliment. Wir streben allerdings ständig und auf allen Ebenen das höchste Niveau an, mit einem jungen, begeisterungsfähigen Team. Habt Ihr auch bestimmte Vorlieben für Speisen?

Florian: Ich persönlich esse immer weniger Fleisch, dafür Käsespätzle, Nudeln, Reis und Risotto und, extrem spannend, Sushi. Im Restaurant überlegen wir, ob man gutes Essen nicht auch mit anderen, ungewöhnlichen Getränken kombinieren kann. Kombucha ist zum Beispiel gut einsetzbar, ebenso Bitter Lemon. Aber man darf nicht zu viel experimentieren, sonst kann das danebengehen. Michael: Ich bin ein Freund der österreichischen Klassiker, also Wiener Schnitzel, Tafelspitz. Auch Wild kommt gern auf den Tisch. Ihr seid beide in einer genussvollen Umgebung aufgewachsen, die auch Gefahren bergen kann. Gibt es eine Erinnerung an den ersten Rausch?

Florian: Bei mir war mal etwas zu viel Whisky schuld. Aber das ist schon lang her. Michael: Exzesse kamen bei mir nie vor. Wenn ich ein gewisses Stadium erreicht habe, mache ich einfach zu und greife zum Wasser.

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


PORTRAIT

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

Andrea Wirsching

Unternehmen Traditionsweingut AUTOR: ARTHUR WIRTZFELD

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN

Andrea Wirsching (Foto: Arthur Wirtzfeld)

9


PORTRAIT

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

Wer einmal die Möglichkeit hat, mit Lufthansa First Class zu fliegen, kann sich während des Fluges Weine vom Weingut Hans Wirsching kredenzen lassen. Keine geringeren Persönlichkeiten als der Papst und der USPräsident kosteten bereits die feinen Weine des im fränkischen Iphofen beheimateten VDP-Weingutes.

Seit 1630 produziert die Familie Wirsching Wein – deren Weinberge erstrecken sich auf einer landschaftlich malerischen Fläche von 90 Hektar entlang des Steigerwalds. Andrea Wirsching ist heute die Geschäftsführerin in der 13. Generation des Familienbetriebs.

F

ür Andrea war nicht immer klar, dass sie einmal in das Unternehmen eintreten würde. Nach dem Abitur sah sie ihre Zukunft nicht dort, sondern studierte Geschichte. Es sollte zwanzig Jahre dauern, bis sie nach Hause zurückkehrte und das Team verstärkte. In der Weinbranche, so beschreibt es Andrea, muss man flexibel sein und Gelegenheiten beim Schopf packen. Man muss auch auf sein Bauchgefühl hören, da die Dinge oft anders laufen als geplant. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass im Familienbetrieb die Balance zwischen den beruflichen und emotionalen Aspekten eine große Herausforderung sein kann.

Seit 2016 produziert das Weingut Hans Wirsching koschere Weine. Die Weinfamilie nimmt auch am deutsch-israelischen Partnerschaftsprogramm „Twin Wineries“ teil und hat dadurch eine enge Beziehung zu Israel. „Die Herstellung von koscherem Wein erfordert Disziplin, wir müssen strenge Regeln einhalten“, sagt Andrea. Ein Rabbiner muss am gesamten Prozess der Weinherstellung selbst mitarbeiten. Die Belohnung: Koschere Weine sind in Deutschland sehr selten, sodass das

10

Weingut Hans Wirsching neue Märkte im eigenen Land sowie insbesondere auch in den USA erschließen kann. Im Februar dieses Jahres hielt Andrea einen Vortrag an der Telfer School of Management an der University of Ottawa über die Führung eines generationsübergreifenden Familienunternehmens. SoGerman, eine Institution für deutsche Kultur in Kanada, nutzte die Gelegenheit, im Vorfeld mit ihr ein Interview zu führen. Dabei reflektiert Andrea über die Herausforderungen, die das Führen eines Familienweingutes mit sich bringt, und lässt uns an persönlichen Erfahrungen teilnehmen. Hier lesen sie wesentliche Auszüge des Interviews … Was führt dich nach Kanada?

Andrea Wirsching: Hier in Kanada lebt ein sehr guter Freund von mir. Das, was er und andere mir erzählt haben, hat mich sehr neugierig gemacht. Ich wollte ich eines Tages hier sein, und jetzt bin ich da. Momentan habe ich wirklich das Gefühl, dass ich viel früher hätte kommen sollen. Was sind deine ersten Eindrücke von Kanada?

Andrea Wirsching: Ich empfinde eine unglaubliche Fülle an Raum, an Natur, an Lebensqualität. Die Menschen sind sehr nett und begegnen mir mit ihrer besonderen, unkomplizierten und freundlichen Art. Was denkst du über kanadische Weine?

Andrea Wirsching: Mir ist kanadischer Eiswein bekannt, den man hier aufgrund der eher stabilen Witterungsverhältnissen sehr gut produzieren kann. Ich weiß auch, dass diese Süßweine hoch geschätzt werden. Bei uns in den deutschen Anbaugebieten kämpfen wir seit Jahren mit dem Klimawandel, der eine Anpassung unserer traditionellen Weinherstellung erfordert. Durch meine vielen Reisen erfahre ich viel über klimatische Gegebenheiten. Ich besuche auch so spezielle Weingebiete wie beispielsweise Israel, weil man dort mit besonderen Klimata und trockenen Verhältnissen umgehen muss. Du stammst aus einer traditionsreichen Weinfamilie. Was ist das Geheimnis, um ein generationenübergreifendes Familienunternehmen erfolgreich zu führen?

Andrea Wirsching: Wir sind eine Weinfamilie seit 13 Generationen. Das Geheimnis ist der Austausch von Erfahrungen und wie man damit gemeinsam umgeht. Im Mittelpunkt stehen

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


PORTRAIT

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

Werte, egal, ob es sich dabei um die Erziehung deiner Kinder handelt oder um die Weinproduktion. Es ist überall das Gleiche – ein Zusammenspiel von Emotionen, professioneller Arbeit, Information und Ausbildung. Die Tradition spielt natürlich in alle Bereich mit hinein.

Du musst für deine Arbeit brennen!

Andrea Wirsching: „Ich habe gelernt, dass es Hirn und auch Bauchgefühl braucht und beides nur dann gut zusammengeht, wenn man für seine Arbeit brennt.“

Wie hat dein Weingut so lange überlebt?

Andrea Wirsching: Einige unserer Generationen hatten es sehr schwer. Mein Großvater erlebte die Reblausplage, die den Weinbau bei uns praktisch zum Erliegen brachte. Er begann nach dem Ersten Weltkrieg, unser Gut und die Rebanlagen wieder neu aufzubauen, und begründete damit unser Weingut neu. Für ihn war das eine Frage seiner eigenen Identität und der Identität seiner Familie. Genau solche Fragen unterscheiden die Familienbetriebe von anderen Firmenarten. Vor welchen besonderen Herausforderungen stehen Familienunternehmen?

Andrea Wirsching: Die größte Herausforderung ist eine geordnete Hierarchie. Ein Beispiel: Gehen wir mal davon aus, der Vater ist der Boss. Wenn er der König ist, dann ist seine Frau die Königin. Auch wenn die Königin nichts über das Geschäft des Königs weiß, bleibt sie doch die Königin, hat also eine besondere Stellung. Es sind letztlich die emotionalen Aspekte, die in die professionelle Arbeit einer Familie hineinspielen. All dies muss unter einen Hut gebracht werden, wenn Traditionen bestehen bleiben sollen. Wie kultiviert man Innovationen?

Andrea Wirsching: Ich denke, du musst für deine Branche und dein eigenes Geschäft brennen. Und wenn du brennst, dann öffnest du Augen und Ohren, bist sensibel und aufmerksam. Man muss dabei nicht alles selbst erfinden. In der ganzen Welt werden Dinge sehr gut gemacht, Innovationen findest du überall. Du musst dich aber bewegen und dir ansehen, worüber du nachgedacht hast, und Antworten finden, wozu du Fragen hast. Ich habe oft das Gefühl, dass die Dinge vor mir liegen, ich muss sie nur aufheben. So kam ich auch zu unserem koscheren Projekt, ich habe es gesehen und mich darum gekümmert.

11

Hast du jemals daran gedacht, dein Familienunternehmen nicht zu übernehmen?

Andrea Wirsching: Es gab Momente in meiner Biografie, in denen es so aussah. Die Zeit war damals nicht reif für mich, doch ich hielt stets Kontakt zu meiner Familie. Nach der Schule gab es keinen Platz für mich im Familienbetrieb, also habe ich ein anderes Studium begonnen. Später heiratete ich einen Winzer, wir bekamen drei Kinder. Meine Erfahrung als Winzerehefrau und Mutter hat mir viel gebracht, leider hat die Ehe nicht gehalten. Es kam der Zeitpunkt, dass ich zurück nach Hause wollte. Ich hatte mittlerweile viel gelernt, wusste viel über Weinbau, Ausbau und Vermarktung. Heute bin ich froh und dankbar, dass ich mein Leben flexibel gestalten konnte. Die Erfahrungen, die ich außerhalb unseres Familienweingutes gemacht habe, sind ein unschätzbarer Vorteil. Ich habe gelernt, dass es Hirn und Bauchgefühl braucht und beides nur dann gut zusammengeht, wenn man für seine Arbeit brennt. Warum war es für Wirsching wichtig, sich der Initiative Twin Wineries anzuschließen?

Andrea Wirsching: Für mich ist es wichtig, weil ich Israel liebe. Ich bin Christin, die Juden sind unsere älteren Brüder. Wir leben heute in einer Welt, in der wiederaufkeimender Antisemitismus spürbar ist. Du weißt, dass dies falsch ist, und du weißt, dass du etwas dagegen tun musst. Das Projekt Twin Wineries verbindet Deutschland mit Israel, es ist eine Partnerschaft zwischen Städten und Menschen. Es werden Freundschaften gefördert und ebenso der berufliche Austausch. Ich selbst versuche, meine Erfahrungen an Weingüter in Israel weiterzugegeben, und im Gegenzug erfahre ich beispielsweise, wie man Reben in einem extrem trockenen Klima mit intelligenten Bewässerungssystemen am Leben erhält und zum Ertrag bringt. Ich vermittle unsere Erfahrungen im Weinmarketing und wir präsentieren unsere Weine gemeinsam auf diversen Events. Alle Beteiligten haben die gleiche Vorstellung von Qualität. Ich denke, das Projekt Twin Wineries ist eine wunderbare Sache, von der alle profitieren. Wie kam es zum koscheren Wein und warum hast du dich entschieden, solche Weine herzustellen?

Andrea Wirsching: Wir haben Geschäftsfreunde, ganz liebe Menschen mit jüdischem Glauben. Aufgrund unserer Freundschaft kamen wir auf den Gedanken, koscheren Wein herzustellen. Das fand ich spannend und es wurde für uns eine große Herausforderung. Wir haben einen völlig neuen Eindruck über eine breite Palette von

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


PORTRAIT

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

12

ren koscheren Weißwein einzigartig und fällt bei den Verkostungen auch auf. Welche Dinge muss man beim Eintritt in den koscheren Markt beachten?

Andrea Wirsching: Wir haben unseren koscheren Wein in Bocksbeutel gefüllt. Das war ein Irrweg, den wir jetzt gerade korrigieren. Die meisten Händler verkaufen Pakete mit gemischten Sortimenten und da passt diese bauchige Flasche nicht hinein. Wir lernen also ständig dazu. Für uns ist der koschere Weinmarkt völlig neu. Was macht den Wein vom Weingut Wirsching so besonders? Andrea Wirsching (Foto: Volker Schrank)

Regeln erfahren, die etwas mit der jüdischen Identität seit 3.000 Jahren zu tun haben. Uns sind diese Regeln fremd, aber wir haben keine Angst, damit umzugehen. Solche Projekte haben den großen Vorteil, dass sie den eigenen Horizont erweitern. Worin besteht der Unterschied zwischen koscherem Wein und anderem Wein?

Andrea Wirsching: Beide sind identisch, jedenfalls vom Anbau über die Ernte bis zur Vinifikation. Ein wesentlicher Unterschied ist, dass das Prozedere von einem Rabbiner nicht nur beaufsichtigt wird, sondern handwerklich durchgeführt werden muss. Ein Rabbiner, der das Zertifikat ausstellt, muss garantieren, dass alle Regeln eingehalten wurden. Christen dürfen bei der Vinifikation nicht dabei sein, da sie den Saft nicht sehen dürfen. Der Rabbiner erhält von unserem Kellermeister genaue Instruktionen, dann handelt er entsprechend. (Anmerkung der Redaktion.: Besonders wichtig bei der Herstellung ist, dass Schönungsmittel bzw. Klärungsmittel wie Gelatine als tierisches Produkt oder Kasein als Milchprodukt nicht verwendet werden dürfen. Dagegen ist Eiweiß als Schönungsmittel durchaus erlaubt, insofern sollten sich Veganer vor dem Genuss von koscherem Wein informieren.) KONTAKT:

Weingut Hans Wirsching KG Ludwigstraße 16, 97346 Iphofen Tel.: +49 9323 87330 www.wirsching.de

Was sagt man über deinen koscheren Wein?

Andrea Wirsching: Unsere koscheren Weine werden bei der Vinifikation nicht erhitzt. Dadurch sind sie knackig, frisch und leicht. Marmeladige Aromen durch das Pasteurisieren, das man bei dem anderen koscheren Verfahren – „mevuschal“ – oft erlebt, gibt es nicht. Das macht unse-

Andrea Wirsching: Vielleicht ist das Geheimnis, dass unsere Weine sehr gute Essensbegleiter sind. Die Kanadier lieben gutes Essen, also passt auch unser Wein. Wie kam es, dass der Papst und auch der amerikanische Präsident zu Weinen von Hans Wirsching kamen?

Andrea Wirsching: Dass der Papst unsere Wein mag, war eher ein witziger Zufall. Mein Vater überreichte als Repräsentant der fränkischen Winzer dem Papst einen Korb mit Wein. Als bei der Festmesse der Kelch auf dem Altar umfiel und auf die Schnelle kein Ersatz für den Messwein da war, öffnete einer der Organisatoren, der immer einen Korkenzieher in der Tasche trug, eine unserer Geschenkflaschen. So wurde dieser besondere Wein zum Messwein. Der Papst erkannte wohl die Qualität, fragte nach dem Rest der Flasche und hat den Wein am Abend ausgetrunken. Dem amerikanischen Präsidenten wurden unsere Weine bei einem offiziellen Bankett eingeschenkt. Wer in der Lufthansa in der ersten Klasse gebucht hat, der kann dort auch einen Wein von uns genießen. Manchmal haben wir einfach Glück, doch wir geben auch sonst unser Bestes. Du wirst bei deinem Aufenthalt in Kanada auch vor Studenten der Telfer School of Management an der University of Ottawa sprechen. Was ist das Wesentliche deines Vortrags?

Andrea Wirsching: Es wird um die Herausforderungen in Familienbetrieben gehen, und dafür sind wir ein gutes Beispiel. Es geht darum, die Weintradition zu erhalten, zu managen und an die nächste Generation weiterzugeben. Insofern werde ich meine Geschichte erzählen und über meine Erfahrungen sprechen. Ich freue mich auf eine sicher spannende Diskussion.

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


PORTRAIT

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

13

Stuart Pigott

Deutsch-britischer Weinautor zeigt sich vom Jahrgang 2018 total begeistert AUTOR: NORBERT KRUPP

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN

Stuart Pigott (Foto: Norbert Krupp)


PORTRAIT

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

14

Im Trubel der fast 800 Gäste beim „Niederhäuser Weinfrühling“ auf Gut Hermannsberg stach ein bunter Paradiesvogel heraus:

Der mittelblaue Anzug mit weißen, violetten und roten Streifen und einem weißen, bunt gepunkteten Kavalierstuch in der Brusttasche des Sakkos, in dem sich der Weinjournalist Stuart Pigott unters Volk mischte, ist garantiert ein Einzelstück.

S

eine Liebe für auffallende Kleidung ist so etwas wie das Markenzeichen des am 26. Mai 1960 in Orpington (bei London) geborenen Weinkritikers, Autors und Kunstfreundes, der schon für den Bayerischen Rundfunk deutsche Weinbaugebiete bereist und höchst kompetent präsentiert hat. Pigott zählt international zu den besten Kennern des deutschen Weins und hat auch zwei Semester Weinbau an der Hochschule Geisenheim studiert. Er schreibt für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, das Weinmagazin „Fine“, die englische Fachzeitschrift „Wine Spectator“ sowie die Internetseite ihres Herausgebers James Suckling. 2018 erwarb Pigott zusätzlich zur britischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft, da er beim bevorstehenden Brexit seine Privilegien als EU-Bürger nicht einbüßen wollte.

Im Stil extrem eigenständig, wie der deutsche Riesling! Seit Mitte der 1980er-Jahre ist Pigott regelmäßig an der Nahe anzutreffen. Er gesteht, dass er sich in das Weinbaugebiet „hoffnungslos verliebt“ hat. Gerne erinnert er sich daran, wie er schon vor Jahrzehnten einen Draht zu den damals bedeutenden Figuren an der Nahe geknüpft hat, beispielsweise Hans und Dr. Peter Crusius aus Traisen, Armin Diel von Burg Layen, Helmut Dönnhoff aus Oberhausen und Dr. Werner Hofäcker, dem früheren Direktor der Staatlichen Weinbaudomäne in Niederhausen. Am Rande des Weinfrühlings nutzte die Allgemeine Zeitung die Gelegenheit zum Weingespräch mit dem

Briten, der schon in Bernkastel-Kues und Berlin gelebt hat und 2018 nach seiner zweiten Hochzeit nach Eppstein im Rheingau gezogen ist. Von den 2018er Rieslingen, die er bislang verkostet hat, zeigt sich Pigott total begeistert: „In derart warmen Jahren neigt die Nahe dazu, das große Los zu ziehen. Das betrifft vor allem das Gebiet flussaufwärts ab Bad Kreuznach. Ich kann dafür keine schlüssige Erklärung in einem Satz liefern, aber frühere Jahrgänge, die ähnlich waren, beispielsweise 1976, 1959 oder 1949, waren ebenfalls sensationell. Ich finde, die ersten 2018er bestätigen das.“ Werden diese sensationellen Weine auch langlebig sein? „Sehr langlebig“, ist Pigott überzeugt. „Der Jahrgang 1959 hatte oftmals weniger Säure als 2018, und diese Weine schmecken heute top. Die sind älter als ich – das muss doch als langlebig gelten. Ich denke, 2018 wird sich ähnlich entwickeln.“ Aus seiner reichen Erfahrung gibt Pigott einen wertvollen Tipp: „Wenn ein Jubiläum ansteht oder wenn Sie, wie ich, 2018 geheiratet haben, sollten Sie diesen Jahrgang im Keller bunkern.“

Die Nahe ist aus Tradition ein Rieslinggebiet, kann aber auch bei anderen Rebsorten punkten. Dazu Pigott: „Jakob Schneider hat heute einen sehr guten Grauburgunder gezeigt und einen Spätburgunder Rosé – das war sensationell. Ich kann mir keinen besseren Rosé vorstellen. Daran sieht man, dass die Nahe bei diesen Traubensorten – also Weiß-, Grau- und Spätburgunder sowie Chardonnay – nicht nur einen hohen Qualitätsstandard erreicht hat, sondern auch eine eigene Stilistik. Das schmeckt nicht wie eine Kopie von badischen Burgundern, sondern schlanker und eleganter und mit trotzdem genug Schmelz – ganz anders als die Nahe-Rieslinge.“

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


PORTRAIT

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

15

Seine Verkostungsnotizen hält Stuart Pigott detailliert in einer sehr individuellen Handschrift fest. Zudem notiert er, was ihm der Winzer dazu erklärt hat. (Foto: Norbert Krupp)

Wie beschreibt der Deutsch-Brite den Riesling von der Nahe? Ist dieser aus seiner Sicht einzigartig? Er benutzt lieber die Bewertung „extrem eigenständig“. „Die Weine besitzen in hohem Maße Eigenständigkeit durch diese extreme Vielfalt an Böden. Und die Kombination der verschiedenen Klimazonen hier im Gebiet führt zu einer sensationellen Vielfalt von mineralischen Rieslingen. Es wird viel geredet über mineralische Weine, aber manche Gebiete schaffen das nicht so erfolgreich wie die Nahe, um es freundlich auszudrücken …“

KONTAKT

Gut Hermannsberg Weinhandels GmbH 55585 NiederhausenNahe

Tel.: +49 6758-92500 gut-hermannsberg.de

Pigott kennt die Preise guter Weine aus der ganzen Welt. Dagegen hält er die Produkte aus den Weinbergen an der Nahe für vergleichsweise günstig: „Totale Schnäppchen“ sieht er bei allen Winzern, die in der zweiten oder dritten Reihe hinter den teils weltbekannten Superstars stehen. „Wenn ich an Betriebe wie Jakob Schneider, Korrell, Hexamer oder Sinß denke, die weit auseinander liegen und noch keine Superstars sind – was man da für unter zehn Euro pro Flasche bekommt, ist die Sensation! Wer das noch nicht geschnallt hat, sollte sich schleunigst dorthin bewegen.“

Hegt Pigott die Hoffnung, dass mehr und mehr deutsche Weinfreunde bereit sein werden, über fünf Euro pro Flasche auszugeben? „Das Problem liegt eher bei den älteren Gutverdienern, die nicht sehr weinbegeistert sind. Sie scheinen hier in Deutschland hartnäckig auf die 4,99 Euro zu achten. Leider gilt oft noch: Geiz ist geil! Also lieber im Discounter als beim Winzer kaufen. Fürs gleiche Geld bekommt man aber beim Winzer oder bei der Genossenschaft einen weitaus besseren Wein. Das ist dumm, sorry!“ Pigott räumt ein, dass Dönnhoff oder Gut Hermannsberg ein anderes Preisniveau haben. „Das erklärt die weltweite Nachfrage. Die Spitzen der trockenen Weine bewegen sich zwischen 35 und 50 Euro pro Flasche. Aber was muss ich in Burgund für einen vergleichbaren Wein ausgeben? Antwort: zweineunundneunzig, aber 299 …“ In Zukunft wird man Stuart Pigott noch öfter an der Nahe antreffen als bisher: „Seit 1. März bin ich freiberuflicher Mitarbeiter von Gut Hermannsberg. Ich berate das Haus vinologisch und bei der Kommunikationsarbeit, von Texten für die Website bis hin zu Gesprächen mit Kunden und Journalisten.“

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


PORTRAIT

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

16

John Shafer (Foto: Shafer Vineyards)

John Shafer

Ein Weinpionier verlässt die Bühne AUTOR: ARTHUR WIRTZFELD

Wir sind im Chicago der 1970er-Jahre. Es war die Zeit, als der Disco Sound zu einem eigenen Musikgenre wurde. Hier entwickelten sich der Philly Soul und kurz darauf der Chicago House. Beide waren die Basis für die spätere Musikszene und den Pop der 1980er- und 1990er-Jahre. In dieser Zeit war John Shafer auf dem Höhepunkt seiner Karriere im Verlagswesen. Doch er war der Büroarbeit überdrüssig, als er sich 1973 entschloss, mit seiner Familie nach Kalifornien umzusiedeln. Seine Ziele waren das kalifornische Napa Valley, er wollte im Freien arbeiten, er wollte Wein produzieren. Und so kaufte er, damals 48 Jahre alt, einen Weinberg im Stags Leap* (Napa Valley). 46 Jahre später, im März 2019, ist Shafer im Alter von 94 Jahren verstorben. Seit bewegtes Weinleben hinterlässt einen markanten Fingerabdruck in der kalifornischen Weingeschichte ... COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


PORTRAIT

A

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

ls John Shafer das Land im Napa Valley kaufte, standen darauf ungeeignete Reben, die in den 1920erJahren gepflanzt worden waren. Nachdem er sich über die damalige Weinbergs- und Kellerarbeit informiert hatte, begann er die Hügel zu terrassieren, bepflanzte alles neu mit Cabernet Sauvignon und legte so den Grundstein für erstklassige Lagen. Sein erster Wein, der 1978er Shafer Vineyards Cabernet Sauvignon, kam 1981 auf den Markt. Doch der Weg zum Weinpionier, als der er zweifelsohne anzusehen ist, war steinig. Seine mangelnde Erfahrung führte dazu, dass er keine guten Erntehelfer engagierte und sich die Erntezeit verzögerte. Als die Trauben endlich in den Keller kamen, dachte Shafer, er hätte seinen Wein ruiniert. Ganz im Gegenteil – die Trauben der späten Ernte waren sehr reif, die Weine entwickelten eine bemerkenswerte Struktur: Der Shafer-Stil war geboren, der nun schon über vier Jahrzehnte Bestand hat.

Im Jahr 1983 entschied sich John Shafers Sohn Doug, Winzer zu werden. Der Grundstein für die Fortführung der Shafer Vineyards war damit gelegt. Im selben Jahr entschloss sich John Shafer, einen Shafer Hillside Select zu produzieren. Dieser kraftvolle Wein mit viel Persönlichkeit und großen Tanninen sollte sich zu einer Napa-Legende entwickeln. Immer noch nicht sicher, ob er alles im Griff hat, engagierte Shafer 1984 den Weinprofi Elias Fernandez als verantwortlichen Weinmacher. Dieser unterstützte die Ernte von reifen Trauben, die so unwiderstehliche Aromen boten, was den späteren Erfolg des Gutes festigte.

Mentor einer geschützten Ursprungsbezeichnung „Was Sie auf der Zeitachse des Weinguts nicht sehen können, ist, wie sehr Dad sich dafür einsetzte, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Er arbeitete sehr hart daran, die Unterstützung für eine ganze Reihe von gemeinnützigen Organisationen zu erhöhen, um sicherzustellen, dass alle in unserer Gemeinde Zugang zur Gesundheitsversorgung, zu Bildung und Wohnen hatten. Weil er so oft Menschen und Organisationen geholfen hat, ohne es einem von uns zu sagen, beginnen wir gerade erst zu lernen, wie viele Leben er berührt hat.“ (Zitat Familie Shafer)

17

Währenddessen kümmerte sich John Shafer um die Vermarktung seines Labels Stag Leap. Darüber hinaus war er die treibende Kraft hinter der später gebildeten gleichnamigen Appel lation. Grund für sein unbändiges Engagement war seine Überzeugung, dass das Tal zwischen dem Silverado Trail und der Palisades Range einzigartig für den Weinbau sei. Zusammen mit seinen benachbarten Winzerkollegen, darunter Nathan Fay, Warren Winiarski, Dick Steltzner und Joseph Phelps, beantragte John Shafer die Anerkennung der Stag Leap AVA (American Viticultural Area) bei den Behörden – sie wurde vier Jahre später als drittes geschützte Weinbaugebiet im Napa Valley offiziell deklariert.

Persönliches

1994 wurde Doug Shafer zum Präsidenten der Shafer Vineyards ernannt. Gleichzeitig übernahm Elias Fernandez die Position als Vorsitzender, als Anerkennung dafür, dass er das Weingut auf ein höheres Qualitätsniveau gebracht hatte. Dazu gehörte auch die Produktion von Syrah und Petite Syrah, woraus er eine Cuvée mit dem Label Relentless entwickelt hatte. Zu dieser Zeit zog sich John Shafer, der zu den ersten Winzern gezählt wird, die sich maßgeblich für das Napa Valley engagierten und es unterstützten, aus dem Alltagsmanagement zurück. Parallel zu seinem Winzerleben war er 25 Jahre lang Vorstandsmitglied der Clinic Ole, einer lokalen gemeinnützigen Gemeinschaftsklinik für einkommensschwache und unversicherte Patienten.

Shafer war neben seinem Engagement für den Wein und für minderbemittelte Menschen stets ein aktiver und begeisterter Reisender, verfolgte ständig neue Interessen wie Tangounterricht in Argentinien und widmete sich der Bildhauerei. Familienmitglieder sagen, dass er sein ganzes Leben lang ein langfristiger Planer war, der sich immer mehr für das interessierte, was in fünf Jahren passieren könnte, als sich an die Vergangenheit zu erinnern. John Shafer hinterlässt seine Frau Barbara, seine Tochter Libby, seine Söhne Doug und Brad sowie 13 Enkelkinder.

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


PORTRAIT

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

18

Kellerei und Weinberge liegen im Herzen der Stags Leap AVA. (Foto: Shafer Vineyards)

Stags Leap AVA *Die Stags Leap AVA ist ein Weinbaugebiet innerhalb der Napa Valley AVA in Kalifornien, etwa sechs Meilen (9,7 km) nördlich der Stadt Napa. Stags Leap war die erste geschützte Ursprungsbezeichnung im Napa Valley, die vorwiegend aufgrund der einzigartigen Terroirmerkmale deklariert wurde. Der Boden dieser Region umfasst Lehm- und Lehmsedimente aus dem Napa River, vermischt mit vulkanischen Bodenablagerungen, die durch die Erosion der nahegelegenen Vaca-Berge entstanden sind. Wie auch andere Napa Valley AVAs ist Stags Leap besonders bekannt für seine Cabernet Sauvignons. Nicht zuletzt führt dies zurück auf die vom britischen Weinkritiker und Weinhändler Steven Spurrier am 24. Mai 1976 organisierte Weinprobe in Paris. Damals wurden von einer illustren Jury bei einer Blindprobe die Höchstnoten nicht an die bis dahin generell auf die ersten Plätze abonnierten französischen Rotweine vergeben, sondern an einen kalifornischen Wein aus dem Napa Valley – exakt produziert aus Trauben der späteren Stags Leap AVA. Diese Bewertung begründete damals den legendären Ruf kalifornischer Rotweine und löste große Diskussionen in der Fachwelt aus.

In der heutigen Stags Leap AVA wurden bereits seit Anfang der 1870er-Jahre Reben kultiviert, im Jahr 1878 wurde die erste Weinkellerei gegründet. 1961 pflanzte Traubenproduzent Nathan Fay den ersten Cabernet Sauvignon auf einem Teilstück, das später vom kalifornischen Winzer Warren Winiarski für die gleichnamige Stags Leap Winery erworben wurde. Heute ist die Stags Leap District Winegrowers Association zuständig für die AVA. Der Verband kümmert sich um ein übergeordnetes Marketing der hier produzierten Weine, lanciert Informationen für die Verbraucher und fördert den Tourismus in der Region. Zu den Mitgliedern der Stags Leap District Winegrowers Association gehören: Baldacci Family Vineyards, Chimney Rock Winery, Cliff Lede Vineyards, Clos Du Val, Griffin Vineyards, Hartwell Vineyards, Ilsley Vineyards, Odette Estate Winery, Pine Ridge Vineyards, Quixote Winery, Regusci Winery, Shafer Vineyards, Silverado Vineyards, Stag’s Leap Wine Cellars, Stag’s Leap Winery, Steltzner Vineyards, Taylor Family Vineyards.

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


PORTRAIT

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

19

Herr Kretzschmar, Sie sind bekannt als Weltklasse-Handballer und Olympia-Medaillengewinner. Was hat Sie zur ProWein nach Düsseldorf geführt? Ein Tequila namens Padre Azul. Es ist schon eine Weile her, dass wir die Firma gegründet haben. Wie es immer so ist im Leben, saßen wir abends mit ein paar Freunden zusammen und haben ein Gläschen Tequila getrunken. Dabei kam uns die Idee, einen eigenen Tequila zu produzieren. Einer der Kumpels ist mit einer Mexikanerin verheiratet, daher ist die Nähe zu Mexiko und Tequila gegeben. Dann haben wir das Design entwickelt und die Flasche auf den Weg gebracht. Von Anfang an war ich involviert.

Stefan Kretschmar Stefan Kretschmar (Foto: Marcel Friederich)

AUTOR: MARCEL FRIEDERICH

Stefan Kretzschmar verrät, weshalb sich Handballer gerne mal ein Gläschen gönnen und warum er sich als Markenbotschafter für einen Tequila engagiert.

Gibt es Parallelen zwischen Genussmitteln und Sport?

Tequila,

Eigentlich sagt man, Profisport und Alkohol ist völliger Quatsch. Außer im Handball. Denn das ist ein Sport, bei dem man die Feste feiern muss, wie sie fallen. Ich war immer der Spezialist dafür, Mannschaftsabende zu organisieren ... ... und da gab es jedes Mal Tequila?

Naja, eigentlich war Tequila früher gar kein Genussmittel. Mit 17, 18 Jahren haben viele damit schlechte Erfahrungen gemacht, unter anderem ich. Insofern war mir der Zusammenhang von Tequila und Genussmittel gar nicht so ganz geläufig, bevor ich Padre Azul zum ersten Mal probiert habe. Das ist ein Premium-Produkt, das grandios schmeckt und neue Welten eröffnet. Man sollte es nicht mixen, sondern pur trinken und genießen. Also ein Getränk für Sportler nach besonderen Siegen?

Nach Siegen, aber auch nach einer Niederlage, wenn man frustriert ist und den Frust ein bisschen runterspülen muss. Aber alles in Maßen. Ich will keinen Profisportler dazu auffordern, das Ding flaschenweise wegzuhauen. Doch in jedem Fall kann es eine Mannschaft zusammenbringen. (schmunzelt)

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


HOT SPOTS

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

20

(Foto: Dr. Stefan Krimm)

Côtes de Bordeaux AUTOR: DR. STEFAN KRIMM

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


HOT SPOTS

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

Meistens erweist sich die Realität bei näherem Hinsehen als um Dimensionen vielfältiger als das auf wenige spektakuläre Punkte reduzierte Bild, das man sich „draußen“ von ihr macht.

Das gilt, was den Wein angeht, in besonderem Maße für das riesige Anbaugebiet von Bordeaux, das mit seinen rund 100.000 Hektar fast die gleiche Fläche umfasst wie der gesamte deutsche Weinbau (102.000 ha).

B

ei uns denkt man, wenn man den magischen Namen hört, an Médoc mit seinen legendären Châteaus wie Mouton Rothschild, Léoville Las Cases oder Cos d‘Estournel, an Saint-Emilion, Pomerol, Pessac-Léognan und Graves. Diese Regionen machen aber nur einen Bruchteil der herrlichen Weinlandschaft aus, mit ihren teils fröhlich mäandernden, teils majestätisch dahinströmenden Flüssen, den Schlössern und Burgen, der stilvollen, unter Alain Juppé als Bürgermeister quasi „runderneuerten“ Hauptstadt. Dazu die pittoresken, zum Teil noch auf die Zeit der englischen Herrschaft über das Erbe der Eleonore von Aquitanien und des verheerenden Hundertjährigen Kriegs zurückgehenden Städtchen und die vielen romanischen Kirchen.

Für die Weine gilt das ebenso: Natürlich gibt es die seit 1855 fast unbewegliche, teilweise schwer eingerostete Weltliga der klassifizierten Gewächse und ihrer prominenten Nachbarn „auf der rechten Seite“ sowie die oft bemerkenswerten Qualitäten der Cru Bourgeois wie Sociando-Mallet, Phélan Ségur oder Le Crock und der „Satelliten“ von Saint-Emilion. Aber das ist längst nicht alles. Insgesamt umfasst Bordeaux 60 verschiedene AOC-Appellationen und Jancis Robinson hat schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass zum Beispiel die Weine der Côtes de Bordeaux (hier abgekürzt CdBx) im weiteren Umfeld von Saint-Emilion und Pomerol „oft mehr Persönlichkeit und Eigenständigkeit aufweisen als der einfache AC Bordeaux“, dabei aber meist preiswerter sind.

21

Im Februar stellten sich die Mitglieder der nunmehr zehn Jahre bestehenden Union des Côtes de Bordeaux im Rahmen einer „Masterclass“ in Düsseldorf und in München vor. Präsentiert wurden Weine der Appellationen Blaye CdBx (5.500 ha), Cadillac CdBx (2.480 ha), Castillon CdBx (2.300 ha), Francs CdBx (500 ha) und Sainte-Foy CdBx (350 ha). Das Besondere neben dieser Präsentation war der zunächst gebotene Einblick in die „hohe Kunst der Assemblage“. Es kommt ja nicht so oft vor, dass man sich ganz persönlich mit dem Handwerk – manche meinen auch: mit der Kunst der Komposition einer gelungenen Cuvée – vertraut machen kann. In aller Regel besucht man die Weingüter nicht in der Zeit, in der sie durchgeführt wird, und wenn doch, behalten die Besitzer bzw. die damit betrauten Önologen ihre Geheimnisse gern für sich. Umso interessanter, wenn man sich in diesem Metier einmal selbst versuchen darf. BEGINNEN WIR MIT DIESEM TEIL DER IMPRESSIONEN:

Da sitzt man als Weinautor mit Händlern und Fachkollegen in einem großen Raum und hat vor sich einige Gläser mit Grundweinen: zwei verschiedene Merlots, der eine von Sand- und Lehmböden, mit nur zwölf Tagen Maischestandzeit bei 21 bis 22 °C kühl vergoren, der andere von Kiesböden, mit 22 Tagen Maischestandzeit und bis zu 28 °C ansteigender Gärtemperatur; dazu ein Cabernet Sauvignon, ein Cabernet Franc und ein Petit Verdot. Zur Verfügung gestellt wurden die Weine von den Vignerons de Tutiac nordwestlich von Libourne. Alle stehen dunkelviolett im Glas, mit nur sehr schmalem Rand, und bis auf den zweiten, im Holz ausgebauten Merlot wirken sie ziemlich verschlossen. Zur Ausrüstung gehört ein kleiner Messbecher, mithilfe dessen man die verschiedenen Sorten Milliliter genau abmessen und mischen kann. Eine gewisse Hilfestellung geben an die Wand projizierte Hinweise eines Fachmanns mit empfohlenen Prozentwerten, aber so genau muss man sie gar nicht beachten, wenn man das Gefühl hat, eine wirklich eigene Cuvée zusammenstellen zu sollen.

Der erste Merlot mit der kurzen Maischestandzeit wirkt recht gefällig, weich, mit mittleren Tanninen, wie ein Wein, den man zu Pizza und Pasta auswählen würde. Der zweite kommt schon etwas kräftiger daher: Sauerkirschen, Brombeeren, Heidelbeeren, Kräuter und deutlich fundiertere, angriffslustigere Tannine. Die zeichnen auch den ganze fünf Wochen auf der Maische gelegenen Cabernet Sauvignon aus, dessen Waldbeerenaromen noch kräftiger sind und der etwas von einer Faust im Samthandschuh hat. Er ist fast undurchdringlich dunkel, vermutlich könnte man mit ihm auch mit einer guten Feder Briefe schreiben. Sein Rand ist fast nicht erkennbar. Der Petit Verdot hat eine Cuvaison von 18 Tagen hinter sich, zeigt würzige Aromen von schwarzem Pfeffer, wirkt kräuterig und ein klein wenig grün, mit ziemlich präsenten Tanninen.

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


HOT SPOTS

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

Machen wir uns also an die Arbeit! Für die erste Assemblage verwende ich vorschlagsgemäß von dem leichteren Merlot 60 %, von dem mit der längeren Maischestandzeit 30 % und vom Cabernet-Sauvignon 10 %. Das Ergebnis scheint mir nicht schlecht: im Duft Waldbeeren und Sauerkirschen, unterlegt mit einer Spur Jod, auch ein Hauch von kaltem Kamin und eine gewisse Mineralität. Am Gaumen ist dieser erste Versuch ein wenig zu süß, Beeren und Kirschen dominieren, der Wein wirkt schon relativ reif und zeigt nur eine recht kleine Kräuterwürze. Mehr als 13,5 von 20 Punkten würde er bei einer anonymen Verkostung wohl nicht erhalten, insgesamt ist er etwas eindimensional und sein Alterungsvermögen darf man mit einem Fragezeichen versehen. Das Ergebnis des zweiten Versuchs mit nur 15 % vom ersten Merlot, 20 % vom tanninhaltigeren zweiten, 50 % vom Cabernet-Sauvignon und 15 % vom Petit Verdot fällt deutlich positiver aus. Der Wein hat immer noch eine feine Süße, ist aber vielschichtiger, mit recht kräftigen, doch gut eingebundenen Tanninen, angenehmer Reife, etwas Bitterschokolade und erstaunlicher Länge im Nachhall. Den könnte man schon eher präsentieren, und es wäre kein Wunder, wenn er bei besserer Integration der Bestandteile zwischen 15 und 15,5 von 20

Bemerkenswert erschienen mir: (nach Appellationen geordnet)

• • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • •  2017 Château Trois Fonds Blanc, Sainte-Foy CdBx

Die Cuvée aus Sauvignon Blanc, Sémillon und Muscadelle bietet mit ihren Aromen von grünem Paprika, Stachelbeeren und Holunderblüten, der frischen, von Zitrusnoten und einem Hauch Orangenschale geprägten Frucht mit bestens integrierter, feiner Säure und der sich am Gaumen entwickelnden eleganten Aromenfülle bei nur 12,5 % Alkohol ein bemerkenswertes Trinkvergnügen. Es wird noch gesteigert, wenn man den Endverbraucherpreis ab Château erfährt. Hat man davon ein paar Flaschen im Keller, kann der Sommer ruhig kommen. 15/20 (Preis ab Weingut ca. 5 Euro)

• • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • •  2015 Château l’Enclos, Triple A, Sainte-Foy CdBx Kräftiges, dunkles Rubin; im einnehmenden, noch leicht vom Barrique geprägten Duft reif und schmelzig mit Anklängen an Kirschen, Brombeeren und Brombeergelee; am Gaumen harmonisch und weich, mit geschliffenen Tanninen und recht langem Nachhall. 16/20 (Preis ab Weingut ca. 11 Euro)

22

Punkten erhalten würde. Neugierig geworden, mache ich einen weiteren Versuch, nehme den weicheren Merlot noch einmal um 5 % zurück und erhöhe den Petit-Verdot-Anteil auf 20 %. Überzeugend ist das dann doch nicht, denn die etwas grünen Noten schieben sich zu stark in den Vordergrund. Wollte ich mich weiter mit dem Thema beschäftigen, hieße es Üben! Und zwar unter Anleitung durch einen Könner.

Lernergebnis: Einfach ist es ohne Assemblage-Erfahrung keineswegs. Und die unterschiedlichen Wetter- und Wachstumsbedingungen beinhalten über die Jahrgänge hinweg vermutlich ziemliche Herausforderungen für die Herstellung des Gleichgewichts zwischen Harmonie und Spannung, Struktur und Fülle. Die Winzer werden schon wissen, weshalb sie erfahrene Freunde und Kollegen oder gar einen Meister seines Faches wie Michel Rolland, Stéphane Derenoncourt, Philippe Cambie oder Jean-Luc Colombo bitten, sie bei der Assemblage zu unterstützen – gegen ordentliche Bezahlung natürlich. Bei der anschließenden Verkostung einiger Weine aus den Côtes de Bordeaux ließ sich feststellen, wie man aus den natürlichen Gegebenheiten in vernünftiger Kombination tatsächlich das Beste herausholt. (Das Château umfasst 17 Hektar Rebfläche, die mit 80 % Merlot und 20 % Cabernet Franc bestockt sind. Es wurde 2013 von chinesischen Investoren (Qu Naijie/Haichang Group) erworben.) Das malerische Örtchen Sainte-Foy la Grande, eine spätmittelalterliche Bastide, hat ganz im Unterschied zu seinem respektgebietenden Namen nur knapp 2.500 Einwohner. Auch die Rebfläche der nach dem Ort benannten Appellation ist mit 350 Hektar die kleinste unter den Mitgliedern der Côtes de Bordeaux. Unter Kennern – in Frankreich gibt es nicht wenige Käufergemeinschaften alter Freunde, die sich nach der Abfüllung des neuen Jahrgangs gemeinsam auf den Weg machen, um sich frühzeitig und preiswert einzudecken – sind auch seine Weißweine recht geschätzt.

• • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • •  2016 Château Clos Fontaine, Francs CdBx Dunkelrot mit violetten Reflexen; im mineralischen Duft jodige Anklänge, Waldbeeren und Kirschen; am Gaumen schönes Relief, abgeschmeckt mit einer Spur BarriqueVanille, feiner Biss, mittlerer Körper, relativ langer Nachhall. Sollte noch etwas liegen! 15,5/20 (Preis ab Weingut ca. 12 Euro)

(Die Reben haben hier ein Durchschnittsalter von 65 Jahren, der Ausbau des Weins erfolgt in zweitbelegten Barriques von Château Certan, das Gut wird von Jan und Florian aus der angesehenen Familie Thienpont geführt.)

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


HOT SPOTS

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

23

(Foto: Dr. Stefan Krimm) COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


HOT SPOTS

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

Francs liegt 10 Kilometer östlich von Saint-Emilion auf einer 105 bis 125 Meter hohen Anhöhe, der angeblich höchsten des Bordelais. Seine gut 500 Hektar verteilen sich auf drei Gemeinden. Im Süden enthält der Unterboden aus Kalksandstein fossile Meeresablagerungen, die mit kalkhaltiger Molasse überdeckt sind. Beim Rotwein dominieren Merlot (60 %) und Cabernet-Sauvignon (25 %), ergänzt durch Cabernet Franc (15 %), beim Weißwein Sémillon (60 %). • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • •  2015 Château de Monbadon, Castillon CdBx

Klares, dunkles Rubin; im ausgeprägten Duft reife Kirschen und Brombeeren, weich, füllig und sehr ausgewogen; auf der Zunge bestechen Harmonie, Eleganz und eine an einen guten Saint-Emilion erinnernde Gebundenheit, schöner Körper, sehr langer Nachhall. Ein überzeugender Wein. 16,5/20 (Preis ab Weingut ca. 13 Euro)

Castillon, die Nachbargemeinde von Saint-Emilion, mit ihrem beeindruckenden Angebot aller Köstlichkeiten des Hinterlands (Steinpilze, Trüffeln, Wurstspezialitäten, Gänseleber) auf dem Wochenmarkt trägt den Zusatz „la Bataille“, weil hier im Juli 1453 die letzte Schlacht des Hundertjährigen Kriegs geschlagen wurde, welche die Engländer unter John Talbot verloren. Das Terroir ist entlang der Dordogne durch Schwemmlandböden und sandig-kiesige oder sandig-tonhaltige Böden gekennzeichnet. An den für den Qualitätsweinbau besser geeigneten Hängen finden sich, wie in SaintEmilion, Mergel und Lehm-Kalk-Böden. • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • •  2015 Château de Lestiac, Cadillac CdBx

Recht dichtes Purpur; im Duft dominiert aufgrund Vergärung und Ausbau im Barrique noch etwas das Holz, aber die feinen Aromen von Brombeere, Brombeergelee, schwarzer Johannisbeere und etwas Leder werden es sicher bald integrieren; am Gaumen reif, dicht und noch etwas schokoladig, differenziert und recht komplex, mit Biss und Spannung; im langen Nachhall ist das Holz wieder etwas präsent. 15,5/20 (Preis ab Weingut ca. 12 Euro)

(Das Château gehört zum mittlerweile 16 Güter umfassenden Imperium der früher über vier Weinbaugenerationen in Algerien ansässigen Familie Gonfrier, der, wie vielen von dort vertriebenen „pieds-noirs“, eine enorme Arbeitsamkeit nachgesagt wird.)

Die stattliche, sich über eine Länge von 60 Kilometer erstreckende Appellation Cadillac im Süden des Entre deux Mers ist vor allem für ihre edelsüßen Weine bekannt, die in Spitzenjahren manchmal als preisgünstige Alternative für einfachere Sauternes angesehen werden. Die Rotweine, meist von kalkhaltigen oder grobkiesigen Böden, haben dieses Ansehen noch nicht erreicht.

24

• • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • •  2010 Les Fruits Rouges, Château Bonnange, Blaye CdBx

Kräftiges Rubin, leicht oranger Rand; im differenzierten Duft reife Brombeeren, schwarzer Tee, Brombeerblätter und etwas Schokolade; am Gaumen recht komplex, harmonisch und sehr ausgewogen, mit kleiner beeriger Süße und einer Ahnung von Geleenoten, die in schöner Spannung zu dem feinen Biss stehen. Ein Wein mit Anspruch. 17/20 (Preis ab Weingut 18,50 Euro)

(Château Bonnange gehört seit Oktober 2017 dem chinesischen Investor Michael Huang, der angeblich noch einmal etwa 50 % des Kaufpreises in die Modernisierung des 9,5 Hektar großen Gutes investiert hat.)

Die 5.500 Hektar umfassende Appellation Blaye Côtes de Bordeaux liegt um das Städtchen Blaye mit seinen knapp 5.000 Einwohnern auf der nördlichen Seite der Gironde, dem Médoc direkt gegenüber. Die Blicke von den Weinbergen auf die glitzernde Wasserfläche des immer breiter werdenden Mündungstrichters hinüber nach Cussac-Fort-Médoc und SaintJulien-Beychevelle sind bei schönem Wetter fantastisch. In 40 Gemeinden werden – mit klarer Merlot-Dominanz – auf Tonkalkhaltigen, Ton-kiesigen und Ton-kieselhaltigen Böden über eisenhaltigen steinigen Unterlagen zu 95 % Rotweine erzeugt.

Fazit

Die Côtes de Bordeaux haben als Nachbarn von Saint-Emilion und Pomerol teilweise ein bemerkenswertes Qualitätspotenzial, aber auch noch einen ziemlichen Weg vor sich. Momentan scheint ein gewisser Hang zu Harmonie und Gefälligkeit zu bestehen, teilweise wohl auch die Versuchung, mit kräftigem Barriqueeinsatz schon die Zugehörigkeit zu einer höheren Klasse zu suggerieren. Das wird nicht unbedingt weiterführen, denn gerade in diesem Segment ist die Konkurrenz in vielen Teilen der Weinwelt sehr groß. Beachtlich sind dagegen die Bemühungen, die Besonderheiten der verschiedenen Terroirs herauszuarbeiten und bei Bestockung und Bearbeitung sowie im Keller gezielt zu berücksichtigen. Das wird nicht wenig Zeit und auch Geld kosten, denn ohne die Anschaffung kleinerer Gebinde, die den getrennten Ausbau nach Parzellen ermöglichen, geht das nicht. Aber der Ehrgeiz und auch die nötigen Mittel, nicht zuletzt auch von chinesischen Investoren, scheinen vorhanden zu sein. Außerdem haben sich reichere Nachbarn, wie z. B. Château Chéval Blanc, mit ihrem enormen Know-how, dort bereits eingekauft, was auf erhebliches Entwicklungspotenzial schließen lässt. Es könnte also spannend werden im bisher ein wenig im Schatten liegenden Land der Côtes de Bordeaux um Gironde, Dordogne und Garonne!

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


Japans neues Terroir

HOT SPOTS

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

25

AUTOR: ARTHUR WIRTZFELD

(Foto: Château Mercian)

Bis Ende letzten Jahres gab es

her. Der Konsument hat in der

zeichnung von in Japan produ-

nen, woher die Trauben stam-

nur wenige Regeln für die Kennzierten

Weinen.

„Japanwein“ verkauft wurde

Wein

aus

importierten Trau -

bensäften, entwe-

der rein oder manch-

Als

Regel keine Chance, zu erkenmen, und schon gar nicht,

„JAPANWEIN“

mal vermischt mit im

Inland erzeugten Trau -

aus welchen Lagen.

Mit Ausnahme der

Distrikte Yamanashi

und Nagano, die auf

eine lange Weinbau-

tradition zurückblicken

und deren Weinlagen im

bensäften. Die Infor mationen

Allgemeinen auf den Etiketten

Weine geben generell nicht viel

keine Lagendefinition in Japan.

auf den Eti ketten japanischer

verzeichnet sind, gab es bisher

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


D

HOT SPOTS ieses Manko wurde von der Regierung erkannt,: Ein Appellationssystem musste her, ebenso eine eindeutige Kennzeichnung. Wahrlich fortschrittliche Ideen, zugleich auch eine große Herausforderung für die japanischen Weingüter. Der neuen Gesetzgebung standen und stehen aber drei grundlegende und markante Probleme gegenüber: (1) Die Trauben werden in Japan seit jeher in verschiedenen Regionen geerntet und gelangen ohne Lagenbezeichnung in den Handel.

(2) Die gebräuchlichen Bezeichnungen „Kokunai san“ (inländischer Wein) oder „Yunyu san“ (importierter Fasswein) sollten die Herkunft der Traubensäfte deklarieren. Darauf kann sich der Konsument nicht unbedingt verlassen. Zum einen sind die meisten der in Japan produzierten Weine, dazu gehören auch Spitzenprodukte, Verschnitte mit geringem japanischem Anteil und großem Anteil aus Traubensäften, die aus Südamerika und Osteuropa importiert werden. Zum anderen wird leider auch mit den Anteilen getrickst. (3) Mehr alternde Bevölkerung im Weinbau bedeutet seit geraumer Zeit den Rückgang der Anbauflächen, während die Nachfrage nach lokalen Weinen stetig wächst und es auch mehr Weingüter gibt

Neue Weinregeln, neue Komplikationen

Die neuen Vorschriften, erlassen von der nationalen Steuerbehörde, sind Ende Oktober 2018 in Kraft getreten. Seither dürfen nur Weine aus 100 Prozent heimischen Trauben als japanischer Wein bezeichnet werden. Zugleich wurde auch ein neues System der geografischen Angabe auf den Etiketten eingeführt; Lagenbezeichnungen sind nur erlaubt, wenn mindestens 85 Prozent Traubensaft aus einer Lage verwendet wurden. Außerdem müssen mehr als 85 Prozent einer einzigen Rebsorte im betreffenden Wein enthalten sein, um diese auf dem Etikett angeben zu dürfen.

Traditionell ist es so, dass sich japanische Weingüter immer nach dem Ort oder der Region benennen, wo sie produzieren, gleichzeitig wechseln sie die Quellen ihrer Traubensäfte nach Belieben. Nach den neuen Regeln müssten die Weingüter, sofern sie ihre wechselnden Bezugsquellen beibehalten wollen, praktisch jährlich ihre Etiketten neu gestalten. Zudem wünschten traditionell Hotels, Bars und Restaurants Eigenmarken, die von den Weinproduzenten gerne erzeugt werden. Auch dieses Prozedere ist eine Hürde, die noch genommen werden muss, da nun generell die Herkunft der Trauben auf dem Etikett angegeben werden muss. Das bedeutet, dass viele Weinproduzenten dem Wunsch ihrer Kunden aus Kostengründen und aufgrund des Aufwands nicht mehr nachkommen können.

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

26

Von Weintrauben zu Tafeltrauben und zurück

Die Veränderungen kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die Zahl der Weinbauern abnimmt. In den letzten zehn Jahren ist die japanische Weinbaufläche laut Regierungsstatistik um 3.600 Hektar (rund 8 Prozent) zurückgegangen. Es gibt auch Berichte, dass sich einige ältere Weinbauern weigern, Land zu verkaufen, das sich seit Generationen im Besitz ihrer Familien befindet, obwohl sie keine Nachfolger haben. Vor etwa zehn Jahren pflanzten viele Weinbauern ihre Weinberge neu aus und wechselten von Koshu, einer der beliebtesten japanischen Rebsorten, zu Tafeltrauben, die zu höheren Preisen verkauft werden konnten. Dann begann aber der Koshu-Wein an Popularität zu gewinnen, der von den Konsumenten als einzigartig japanisch bewertet wird. So stieg wiederum der Druck auf die Produzenten, vermehrt Weine aus Koshu herzustellen. Diese weiße Rebsorte mit dickschaligen rosa Beeren wird hauptsächlich in Yamanashi (eine Präfektur in der Region Chūbu auf der Hauptinsel Honshū) kultiviert. Als Hybrid aus Vitis vinifera und asiatischen Reben gilt sie in Japan als heimisch.

Eigene Vorbilder

Während die neuen Gesetze derzeit in der Umsetzung viele Probleme bereiten, zeigen zwei historische Weinregionen, die bereits seit mehr als 15 Jahren ähnliche Regeln haben, dass die langfristigen Auswirkungen für die Weinindustrie positiv sein können. In Yamanashi und Nagano (beide auf der Hauptinsel gelegen) nehmen trotz des Rückgangs von Weinbauern die bewirtschaftenden Flächen zu. Grund dafür sind Ausbildungsprogramme für Jungwinzer sowie staatliche Unterstützung bei Erwerb von Rebflächen, Modernisierung im Keller und im Weinberg.

Yamanashi ist Japans älteste und berühmteste Weinregion – die erste Aufzeichnung der dort produzierten Weine stammt aus dem 19. Jahrhundert. Es ist die Heimat von Qualitätsweingütern, dazu gehört beispielsweise das berühmte Château Mercian. Rund um die Stadt Koshu, nach der auch die Rebsorte benannt ist, befinden sich viele weitere Güter. Die ansässigen Produzenten verwenden überwiegend lokale Trauben, die Vermischung mit importieren Säften ist hier eher gering. In der benachbarten Region Nagano liegt die Weinbauzone Shiojiri, benannt nach der gleichnamigen Stadt. Die Rebflächen sind in vier Weingebiete aufgeteilt, deren Namen nach Nihongo klingen, der Muttersprache Japans: Chikumagawa, Kikyogahara, Nihon Alps und Tenryugawa. Neben dem Weinbau wird in Nagano parallel auch der Weintourismus gefördert.

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


HOT SPOTS

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

27

( Foto: Château Mercian)

Japans Weinindustrie und Weinliebhaber hoffen im Zuge der neuen Gesetze gemeinsam auf einen Aufschwung. Dafür sind neben der Sicher-

stellung der Anbau-

flächen und der Un-

terstützung der Weinbau-

Vorschriften schützen oder hinder-

lich sind – so ringt die japanische

„DER WANDEL STEHT IN FRAGE“

ern auch gezielte Informationen

an die Verbraucher nötig. Doch noch weiß keiner, ob die neuen

Seele jetzt mit sich und den neuen Gesetzen.

Es bleibt zu hoffen, dass die den Japanern

eigene Disziplin und

Gelassenheit kongenial

mit

intelligenten,

zu-

kunftsweisenden Maßnahmen

im Bereich Weinbau und Weinpro-

duktion wirken. Wir werden sehen.

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


HOT SPOTS

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

Disibodenberg

28

(Foto: Frank Schmidt)

AUTOR: NORBERT KRUPP

Klostermühle Odernheim heißt ab sofort „Weingut Disibodenberg“ COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


HOT SPOTS

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

Ein erfolgreiches Weingut mit im Markt gut etabliertem Namen sollte diesen nur ändern, wenn dafür triftige Gründe sprechen. Beim „Weingut Klostermühle Odernheim“ sind diese gegeben – in positiver Hinsicht: : Nach Erwerb erheblicher Rebflächen des ehemaligen Weingutes von Racknitz in der renommierten Spitzenlage „Kloster Disibodenberg“ ist diese nun fast vollständig im Alleinbesitz des Odernheimer Weingutes.

1

: Mit seiner Adresse „Am Disibodenberg 1“ liegt dieses tatsächlich zu Füßen des monumentalen Weinberges „Kloster Disibodenberg“ und bewirtschaftet dort rund 9,5 Hektar Rebfläche, vorwiegend Steil- und Steilstlagen.

2

E

Dessen Eigentümer haben beschlossen, den traditionsreichen Betrieb ab sofort „Weingut Disibodenberg“ zu nennen. igentümer Professor Christian Held erklärt dazu: „Wir sind uns der Verantwortung bewusst, die wir mit der Pflege und dem Erhalt dieser erstklassigen Rieslinglage an einem der ältesten Weinberge Deutschlands übernommen haben. Für unser Haus ist das eine große önologische, aber auch betriebswirtschaftliche Herausforderung mit kulturgeschichtlicher Dimension.“

An den Südhängen des Disibodenberges, auf dessen Plateau die heilige Hildegard von Bingen mehr als 40 Jahre lang gelebt hat, wurden schon im Mittelalter Weintrauben kultiviert. Die Lage „Odernheimer Kloster Disibodenberg“ wird vom Weinführer „Vinum“ zu den „großen deutschen Terroirs“ gezählt. Laut „Gault Millau“ gehört der Disibodenberg zu den wertvollsten Weinbergen an der Nahe. Das Weingut besitzt und bewirtschaftet das Herzstück des Südhanges, in dem auch das weithin sichtbare Weinbergshäuschen steht, das 1811 errichtet wurde und heute als Wahrzeichen des Gutes gilt.

29

Der Boden der ganz nach Süden ausgerichteten Steillage besteht aus Tonschiefer und Sandstein. Die unweit gelegene Flussaue sorgt für ausgleichendes Klima, also eine idealtypische Lage für die Sorte. Die Weine zeichnen sich durch feinste Frucht und eine mineralische Art aus, die durch ihre Kraft und Eleganz begeistern. Ein weiterer Schwerpunkt des Weingutes liegt auf Burgundern. Bisher wurde bereits die größte Fläche mit Pinot Noir an der Nahe bewirtschaftet. Mit dem Weinberg Montfort im Alleinbesitz über 5,5 Hektar sowie am Kapellenberg über 10,5 Hektar verfügt das Weingut über erstklassige Weinberge auch für Grauburgunder, Weißburgunder und Chardonnay. Die hochwertigen Montfortsekte runden das vielseitige Angebot ab.

„Wir werden uns weiterhin mit ganzem Herzblut unseren Burgundern widmen“, verspricht Kellermeister Thomas Zenz vor dem Hintergrund einer fundamentalen Veränderung: „Uns wurde jetzt ein Rieslingweinberg anvertraut, bei dem es eine Lebensaufgabe sein wird, dessen volles Potenzial zu heben und zur Entfaltung zu bringen“, ist er sich bewusst. Um dieser zusätzlichen Verantwortung gerecht zu werden, wurde das Team des Weingutes durch den jungen Diplom-Önologen Magnus Blätz verstärkt.

Eine neue Generation von Etiketten verdeutlicht den Zusammenhang von Beständigkeit und Wandel sowie von Tradition und Moderne. Neue Produkte wie der „Dizzy Beau“, ein tänzerischer, feingliedriger Riesling, sowie „Rosa“, ein duftiger Spätburgunder Weißherbst, stehen für die Vielseitigkeit des grandiosen Jahrganges 2018, dessen Weine in den nächsten Monaten abgefüllt werden. In Zusammenarbeit mit dem Filmkomponisten und Weinkenner Harold Faltermeyer wurde der Grauburgunder „Melody“ kreiert, der ebenfalls neue Kunden gewinnen wird.

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


HANDEL

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

Whisky-Branche unter Druck

W

30

(Foto: Alexandra Luniel)

Auswirkungen in Zahlen

er in der Whiskey-Branche arbeitet, hat es momentan nicht leicht. Die Meldungen überschlagen sich. Ende des letzten Jahres schockierten die Statements des Scottish University Environmental Research Centre (SUERC): Über ein Drittel der im Handel befindlichen Whiskeys wurde nicht in dem Jahr destilliert, das auf den Etiketten angegeben ist – nachzulesen in der vorherigen Ausgabe (Edition #56) unter dem Titel: „Fake-Whisky infiltriert die Märkte“

Jetzt wird die Branche erneut erschüttert. Dieses Mal betrifft es besonders Whiskey aus den USA, der eindeutig zu den Verlieren des Handelskonflikts der Vereinigten Staaten mit der EU und weiteren Ländern der Welt gehört. Der USSpirituosenverband präsentierte jüngst seine Jahresbilanz für Hochprozentiges aus den USA. Erstmals zeigten die Daten den „negativen Effekt“ der Zollpolitik auf einem eigentlich im Wachstum befindlichen Markt, sagte Christine LoCascio, die im Verband für die internationalen Handelsbeziehungen zuständig ist.

Als Reaktion auf Strafzölle auf Importe von Stahl und Aluminium in die USA reagierten die EU sowie Kanada und Mexiko im vergangenen Jahr ihrerseits mit hohen Aufschlägen für typische Produkte aus den Vereinigten Staaten. Dazu gehörten etwa Jeans, Harley Davidson und eben Whiskey.

Während die Exporte der beliebten Spirituose in die größte Abnehmerregion Europa im ersten Halbjahr 2018 noch um 33 Prozent auf 363 Millionen Dollar (gut 320 Millionen Euro) zulegten, brachen sie von Juli bis November um 8,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein. Global gesehen, stiegen die Whiskey-Exporte im ersten Halbjahr des vergangenen Jahres um 28 Prozent, als die Gegenzölle in Kraft traten, fielen sie um 8,2 Prozent.

Die Ursache ist unumstritten, so wie auch die konfrontative Handelspolitik von Präsident Donald Trump innerhalb der USA. Allein die US-Spirituosenbranche beschäftigt rund 1,5 Millionen Menschen, die mit ihrer Arbeit die US-Wirtschaft seit Jahren unterstützen und für steigendes Wachstum sorgen. „Nicht nur die Produzenten und ihre Belegschaften sind betroffen, sondern der negative Trend trifft auch die anhängende US-Landwirtschaft“, heißt es in der Erklärung der Lobby-Organisation Distilled Spirits Council of the United States (DISCUS).

Trotzdem erfolgreich

Die US-Spirituosenbranche insgesamt war davon nicht betroffen: Die Umsätze zogen im vergangenen Jahr um 5,1 Prozent auf 27,5 Milliarden Dollar an. Das zeige, dass Erwachsene zunehmend Spirituosen Bier und Wein vorzögen, resümierte der Verband.

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


UNTERNEHMEN

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

Mt. Difficulty Winery

31

(Foto:Mt. Difficulty Winery)

22 Millionen Euro-Deal William „Bill“ Foley, Eigner der kalifornischen Foley Family Wines und einst Finanzmagnat, ist heute längst ein führender Gobal Player in Sachen Wein. Zu seinem Weinimperium gehören renommierte Güter in den USA, Australien und Neuseeland. Jüngst hat er ein Sahnestück neuseeländischer Weinmarken, die Mt. Difficulty Winery im Central Otago District der Südinsel, für umgerechnet 22 Millionen Euro erworben. Der Kauf beinhaltet die Kellerei, ein Restaurant und 170 Hektar Weinberge sowie das zweite Label der Marke, Roaring Meg. Die bisherigen Eigentümer, Matt Dicey und seine Familie, bleiben auf dem Gut und wirtschaften weiter wie bisher. COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


UNTERNEHMEN

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

F

Die Pinot-Noir-Perle des Central Otago

oley, der bereits sechs neuseeländische Marken besitzt, darunter Grove Mill, Goldwater und Te Kairanga, war auf der Suche nach einer weiteren hochkarätigen Weinkellerei, um seine Position hinsichtlich der Produktion von Pinot Noir auszubauen. Mt. Difficulty wurde Anfang der 1990er-Jahre von der DiceyFamily gegründet. Gestartet wurde mit einer einzigen Weinmarke aus fünf Weinbergen, gelegen in der warmen Subregion von Central Otago. Neben Pinot Noir produziert das Gut heute auch Riesling, Pinot Gris und Sauvignon Blanc aus Trauben eigener und gepachteter Rebflächen. 960.000 Flaschen beträgt die Gesamtproduktion – große Teile davon werden weltweit exportiert. Wie den Medien Neuseelands zu entnehmen ist, wurde der Kauf bereits 2017 abgewickelt, doch bis vor Kurzem fehlte noch die Genehmigung der neuseeländischen Overseas Investment Office (OIO). Die OIO kommt immer dann ins Spiel, wenn nicht ansässige Personen oder Unternehmen mit mehr als 25 Prozent Auslandsbesitz bedeutende Geschäftsvermögen in Neuseeland erwerben wollen. Das Kapital für den Kauf beschaffte sich die Foley Family Wines, indem sie Anteile ihres Unternehmens in Neuseeland an die australische Lion abtrat, eine Food-and-Beverage-Tochter des japanischen Bierriesen Kirin Holdings Company. Neuseeland erfährt in den letzten zehn Jahren stetig wachsende Aufmerksamkeit internationaler Investoren, darunter auch die Foley Family Wines, die sich weltweit nach und nach in Marken einkauft. Die Übernahme der Mt. Difficulty Winery begründet Bill Foley damit, dass zum einen der Absatz von Pinot Noir der Foley Family Wines vor allem in den USA gesteigert und zum anderen mit Mt. Difficulty Winery eine interna-

32

tionale Marke aufgebaut werden soll. „Es geht mir darum, den Stil und die Qualität der Weine von Mt. Difficulty Winery zu erhalten und gleichzeitig den Namen berühmt zu machen“, wird Bill Foley zitiert. Außerdem sei geplant, das zur Kellerei gehörende Restaurant zu erweitern und mit der Vinothek ein Besucherzentrum aufzubauen.

Die Weinmacht Foley Family Wines

Bill Foley ist Gründer, Vorstandsvorsitzender und Vorstandsmitglied mehrerer Finanz- und Versicherungsunternehmen. Seit 1996 ist er außerdem ein wichtiger Akteur in der nordamerikanischen Weinwirtschaft und hat vor allem an der Westküste der USA, aber auch in Neuseeland ein beeindrukkendes Portfolio an Weingütern übernommen und gefördert. Dazu gehören die Marken Chalk Hill, Firestone, Kuleto, Lincourt, Merus und Sebastiani in Kalifornien, die Marken Vavasour, Clifford Bay und Martinborough Vineyard Estates in Neuseeland sowie die Rivers Winery in Washington, seit 2014 The Four Graces Estate in Oregon, ein weiterer PinotNoir-Spezialist. Foley Family Wines produziert, vermarktet und vertreibt Weine aus eigenen Gütern insbesondere in den Vereinigten Staaten. Das Unternehmen betreibt auch Hotels in Kalifornien und Neuseeland. Früher als Foley Wine Group bekannt, wurde der Name im Februar 2009 in Foley Family Wines geändert. Das Unternehmen wurde 1996 gegründet und hat seinen Hauptsitz im kalifornischen Sonoma mit weiteren Niederlassungen in Napa Valley, Healdsburg, Los Olivos, Paso Robles, Santa Ynez Valley, Santa Rita Hills (Bundesstaat Kalifornien), ebenso in Walla Walla (Bundesstaat Washington) sowie im neuseeländischen Awatere Valley und Marlborough. Foley Family Wines Inc operiert als Tochtergesellschaft von Foley Family Wines Holdings Inc.

(Foto: Foley Family Wines) COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


UNTERNEHMEN

Monkey 47 versus Koala 48

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

33

AUTOR: ARTHUR WIRTZFELD

(Foto: Kangaroo Island Spirits)

Gin von Down Under. Australische Wacholderbeeren, wilder Rosmarin von den südlichen Küsten und viele weitere Aromen diverser Kräuter sind Basis des „Koala 48“, die ihn einzigartig machen. COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


UNTERNEHMEN

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

34

Er ist wohl einer der Besten seiner Gattung, der Gin „Monkey 47“. Weit gefehlt, wenn Sie jetzt an eine Brenner-Dynasty aus den USA oder aus Großbritannien denken, denn dieser Gin stammt aus dem Schwarzwald. Hersteller der erlesenen Spirituose ist die Black Forest Distillers GmbH mit Sitz in Loßburg (Baden-Württemberg).

Die Zahl „47“ steht sowohl für den Alkoholgehalt als auch für die 47 Zutaten, da dieser Gin mit einer ganzen Reihe von Kräutern erzeugt wird, vor allem Wacholder und Koriander.

Kein Geheimnis ist, dass der „Monkey 47“ auch Aromen von frischen Preiselbeeren enthält. Gereift in traditionellen Gefäßen aus Naturstein, entwickelt sich der unvergessliche Geschmack, wie Kenner der Ginszene urteilen. Es muss was dran sein, denn der „Monkey 47“ ist weltweit gefragt.

Jüngst wurde der „Koala 48“ lanciert – ein Pendant zum „Monkey 47“? Wir werden sehen, aber erst zur Vorgeschichte.

G

egenüber vom baden-württembergischen Loßburg, auf der anderen Seite der Welt – wir schauen nach Australien und dort auf die Adelaide vorgelagerte Insel Kangaroo Island – leben Sarah und Jon Lark. Als Schnapsenthusiasten haben sie 2002 ihre eigene Gindestillerie namens Kangaroo Island Spirits in Cygnet River gegründet. Anfangs und auch heute noch beziehen beide die Wacholderbeeren zumeist aus Mazedonien. Dort gibt es ganze Wälder davon und manche Bäume sind über 400 Jahre alt.

In Australien ist Wacholder nur selten anzutreffen, das Klima ist hier für diese Baumart nicht geeignet. Und die Beeren der wenigen Wacholder, die man mühsam in den Weiten Australiens suchen und finden muss, würden nie ausreichen, um eine Destillerie zu versorgen. Daher haben die Larks 2014 rund 150 Wacholder in vier verschiedenen Sorten gepflanzt, darunter sind Communis Pendula, ursprünglich aus den USA, und Communis Hibernicus, ursprünglich aus Irland stammend. Zwar kommen immer noch viel zu wenig Wacholderbeeren aus eigenem Bestand, doch es reicht den Larks, um ihren „Koala 48“ in limitierter Auflage mit 900 Flaschen zu produzieren.

Es hat ein „Gschmäckle“

Die Nähe des australischen „Koala 48“ der Kangaroo Island Spirits zum deutschen „Monkey 47“ von Black Forest Distillers hat ein – im wahrsten Sinne des Wortes – „Gschmäckle“. Darauf angesprochen, sagt Jon Lark: „Klar kennen wir den Monkey 47 und seine besondere Qualität und der Gedanke liegt nahe, dass wir uns namentlich angelehnt haben. Und dennoch heißt unser Gin anders“, betont Lark. „Wir befinden uns hier in einem ländlichen Raum. Auf Kangaroo Island gibt es viele Kängurus, aber nur wenige Koalas. Als eines Tages überraschend ein Koala in unsere Produktionsräume spazierte, löste dieses Erlebnis die Idee zu diesem Namen aus", erläutert Sarah Lark und fügt noch an: „Unser Gin besteht aus 48 verschiedenen Kräutern – alle geerntet hier in Australien. Und er hat einen Alkoholgehalt von 48 Volumenprozent. Zusammen ist dies die Geschichte zum Koala 48.“

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


UNTERNEHMEN

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

35

Die Cousins

Nun haben Ginliebhaber zwei entfernte „Cousins“ zur Auswahl, denn eine Verwandtschaft kann man beiden nicht absprechen, allerdings produziert in unterschiedlichen Hemisphären. Beide mit feinen Kräutern destilliert, dennoch unterschiedlich im Geschmack. Der „Monkey 47“ ist ein spritziger, außerordentlich frischer Gin. Seine saftigen Zitrusnoten sind animierend, sein Geschmack fruchtig und blumig. Das Finale erinnert an zarte Tannenzweige und Hagebutten. Der „Koala 48“ kitzelt die Nase mit Aromen von Koriander, gepaart mit Ananas und bitterer Zitrone. Die Frische am Gaumen ist merklich und angenehm. Wenn man weiß, dass dieser Gin durch die Kräuter Australiens glänzt, dann spürt man am Gaumen den wilden Rosmarin, der an den Küsten im Süden heimisch ist, denkt an Zitronen- und Anismyrte, die sich dazugesellen. Beiden gemeinsam ist der Spaß an den schmeckbaren, intensiven und frischen Aromen. Und es gibt noch eine Gemeinsamkeit: Beide Gins werden in markante Apothekerflaschen gefüllt.

Jon und Sarah Lark (Foto: Kangaroo Island Spirits) Verkaufsraum mit Ausschank (Foto: Kangaroo Island Spirits)

Während der „Monkey 47“ 2011 auf den Markt kam – 2016 übernahm der französische Getränkekonzern Pernod Ricard die Mehrheit an der Marke –, sind die Larks mit ihrem „Koala 48“ ein Underdog in der Ginszene. Für sie selbst kein Problem, ihre australische Seele ist durchaus selbstbewusst. Dies zeigt auch ein Vergleich, den Sarah Lark anstellt: „Wenn wir frische Wacholderbeeren von unseren Bäumen pflücken und diese mit den importierten getrockneten Beeren aus Übersee vergleichen, dann ist es so, als würde man Tomaten vom selbst gepflanzten Strauch pflücken und mit einer Tomate aus dem Supermarkt vergleichen."

Der „Monkey 47“ wird bereits in viele Länder exportiert, der „Koala 48“ ist in Europa noch nicht auf dem Markt. Das dürfte sich wohl bald ändern, wurde er doch schon bei Verkostungen mit Preisen geehrt und die Getränkeszene darauf aufmerksam gemacht.

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


VERKOSTUNGEN

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

36

Reife Schätze AUTOR: RUDOLF KNOLL

Fürstlich Castell’sche Domäne Ferdinand Fürst zu Castell-Castell (Foto: Domäne Castell)

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


I

VERKOSTUNGEN

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

n fünf Jahren ist es exakt 900 Jahre her, dass im fränkischen Castell Wein angebaut wurde. Nachweise datieren von 1224. Die erste urkundliche Erwähnung von Casteller Lagen stammt aus dem Jahr 1266. Das Fürstlich Castell’sche Domänenamt gehört damit zu den ältesten deutschen Weingütern mit einer ununterbrochenen Geschichte, in der das Jahr 1659 eine besondere Rolle spielt: Damals wurden die ersten Silvanerreben unter der Bezeichnung „Österreicher“ im Casteller Schlossberg gepflanzt. Kein Wunder also, dass in diesem Haus reife Weine eine wichtige Rolle spielen. Aber manchmal bedarf es eines Zufalls, um diese zu Tage zu fördern …

Am 9. Mai 2016 verstarb der langjährige Senior des Hauses, Albrecht Fürst zu Castell-Castell, im Alter von 90 Jahren. Die erlebte er bis zuletzt sehr wach im Geiste; noch Ende 2014 hielt er beim fränkischen „Niederfall“ im Spätherbst eine brillante Rede über die Entwicklung des VDP, dem er im fränkischen Regionalverband von 1958 bis 1972 vorstand. Das Weingut hatte er 1996 an seinen Sohn Ferdinand Fürst zu Castell-Castell übergeben, hütete aber heimlich einen Schatz. Erst nach seinem Ableben wurde dieser mit Überraschung entdeckt, denn er enthielt etliche reife Weine, die sich bei ersten Überprüfungen als sehr spannend und gut präsentierten. Naheliegend also, dass das Haus Castell vor Kurzem zu einer bemerkenswerten Raritätenprobe bitten konnte, deren jüngste Weine zwei Edelsüße aus dem Jahrgang 1983 waren und der älteste Tropfen im Katastrophenjahrgang 1957 gewonnen wurde. Einige dieser Weine konnten eine besondere Geschichte erzählen. Nehmen wir zunächst den Silvaner aus dem Jahrgang 1957, der naturrein, also ohne Anreicherung, in die Flasche kam und mit einem Alkoholgehalt von lediglich 7,5 Vol. % deutlich machte, dass die Witterung seinerzeit wenig Zuckerbildung in den Trauben zuließ. 60 Grad Öchsle dürften es gewesen sein. Stattlich war nur die Säure (8,3 g/l), die letztlich diesen leichtgewichtigen, im Aroma sehr klaren und frisch anmutenden Wein am Leben erhalten hatte.

Oder 1959, bekannt als „Jahrhundertjahrgang“ mit vielen fruchtigen Weinen und einem Säureproblem. Aber was im Haus Castell damals entstand, war das genaue Gegenteil. Zwei völlig durchgegorene Weine: ein Silvaner (verspielt, lebendig, pfeffrig) und eine Scheurebe (nervig, ungeschminkt, leichte Bittertöne); beiden mangelte es schmeckbar nicht an Säure.

Dann war da ein Hohnart Silvaner aus 1960, einem sehr reichhaltigen Jahrgang, der freilich im Vergleich nicht mit späteren Massenernten wie 1982 (16 Mio. hl) und 1983 (13 Mio. hl) mithalten konnte, doch für die damalige Zeit in vielen Betrieben Einlagerungsprobleme verursachte. Bei Castell stellten 65 hl/ha schon so etwas wie einen hausinternen Rekord dar. Aber der betont herbe Tropfen, der nach Kräutern und Nüssen duftete, wartete mit betonter Herbe und angenehmer Fülle auf. Die merkliche Säure war eine gute Stütze.

37

Ebenfalls ein schwieriger Jahrgang war 1967, der geduldigen Erzeugern am Ende noch edelsüße Weine von besonderer Güte bescherte. Bei Castell war das eine Hohnart Silvaner Beerenauslese, die mit knapp 13 „Volt“ für einen edelsüßen deutschen Wein reichlich Rückgrat hatte. Der über 50 Jahre alte, tief bronzefarbene Wein brillierte im Aroma und im Geschmack mit klarer Frucht und feinen Facetten, präsentierte sich ungemein stimmig – er hatte auch vorher schon seine Stabilität bei einem privaten Test des Autors bewiesen. Vor gut 20 Jahren erhielt der Wein bei einer Silvaner-Verkostung die Höchstnote (20 Punkte). Eine Anbruchflasche geriet in einem Zweitkühlschrank in Vergessenheit, wurde ein Jahr später wieder geöffnet und präsentierte sich nach wie vor großartig, was zu einem Langzeittest verführte. Einmal jährlich ein kleiner Schluck über einen Zeitraum von zehn Jahren – am Ende wirkte der Wein nur etwas reifer im Aroma, war aber immer noch großartig in Form! Dass dieser Wein so lang Klasse zeigte, hat vielleicht seine Ursache im damaligen Ausbau, bei dem es nicht immer so sorgfältig und „klinisch“ zuging wie heute. Der Wein wurde im Holzfass gelagert, das nicht spundvoll war. So machte er eine spezielle Version der Reifung durch, die man auch vom uralten Madeira kennt – er war praktisch ausoxidiert. 1971 ging als ausgezeichneter Jahrgang in die Geschichte ein, doch dass ein Müller-Thurgau nach fast 50 Jahren noch frisch, elegant und geschmeidig ausfallen würde, konnten nur Insider ahnen. Der goldfarbene Wein war zwar in der Säure „Müller-typisch“ eher schwächlich (3,9 g/l), aber 15,8 g/l Fruchtzucker hatten ihm ein langes Leben beschert. Um den Inhalt von noch vorhandenen Restflaschen muss man sich keine Sorgen machen …

1976 wurde voreilig als Jahrhundertjahrgang bezeichnet, weil in Deutschland kaum Weine unterhalb des Prädikats Auslese geerntet wurden. Fast alles, was auf den Markt kam, war zuckersüß, hatte aber Schwächen in der Säure. In der Castell’schen Domäne wurde damals schon Spätburgunder kultiviert, und zwar in der Lage Reitsteig. Der Wein wies nur einen Hauch Fruchtsüße (12 g/l) auf, duftete nach Tabak und Bitterschokolade und war mit seiner festen Struktur eine echte Überraschung.

Die kleine Bilanz einer bedeutenden Probe zeigte vor allem eines: Wein ist immer für Überraschungen gut und darf auch nie vorschnell abgeschrieben werden. Fürst Albrecht wusste schon, was er für sich reservieren musste …

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


VERKOSTUNGEN

Im Glas ...

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

38

Weinempfehlungen unserer Autoren

Weintipps von: • Marcel Friederich • Wolfgang Junglas • Joachim A. J. Kaiser • Rudolf Knoll • Arthur Wirtzfeld

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN

(Foto: DWI)


VERKOSTUNGEN

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

Marcel Friederich

39

––––––––––––––––––––––––––––––––––

Scheurebe vom Weingut Bernhard

Tochter Martina – Jahrgang 1995. Vater Jörg – Jahrgang 1971. Im rheinhessischen Weingut Bernhard aus Wolfsheim ist es gelungen, einen spannenden Weg zwischen Tradition und Moderne einzuschlagen. Besonders zu erkennen ist dies in der Gutsweinlinie 71|95, deren „Code“ die Geburtsjahrgänge der beiden Winzer koppelt. Eine ihrer Cuvées vereint Scheurebe, „die Trend-Rebsorte der 70er Jahre“, und Silvaner, „den unbeirrbaren Klassiker“, wie Vater und Tochter betonen. www.weingut-bernhard.de

Wolfgang Junglas

––––––––––––––––––––––––––––––––––

Ein besonderes Erlebnis!

Ein wilder Lemberger – eigentlich ein Widerspruch in sich. Steht doch die württembergische Rebsorte für südwestliche Gemütlichkeit. Das Weingut Merkle aus Ochsenbach bei Ludwigsburg experimentiert seit 2010 mit wilden Hefen – wissenschaftlich begleitet. Erstmalig habe ich die mit den selbst gezüchteten, „wildspontanen“ Hefen produzierten Weine verkostet: Ein ganz besonderes Erlebnis! Schon der Müller-Thurgau „Hochebene“ schmeckt ungewöhnlich gehaltvoll mit sehr eigener Aromatik. Dasselbe gilt auch für die Lemberger „Steillage“ und „Meilenstein“, in denen sich bisher von mir nicht entdeckte Fruchtaromen entfalten. Eine Offenbarung ist der 2015er Lemberger „im Barrique gereift“: Lakritze, Beeren und Tannine verschmelzen zum faszinierenden Geschmackserlebnis. www.weingut-merkle.de

Joachim A. J. Kaiser

––––––––––––––––––––––––––––––––––

90 Punkte!

Für mich die Entdeckung der ProWein 2019, das Weingut Ebner-Ebenauer aus dem Weinviertel. Den Namen hatte ich schon gehört, aber nicht wirklich als relevant wahrgenommen. Ein schwerer Fehler meinerseits! Bis auf einen der 15 verkosteten Weine habe ich die gesamte Kollektion über 90 Punkte gesehen. Herausragende Grüne Veltliner, insbesondere die Serie „Black Edition“, die ein Händchen für perfekten Holzeinsatz zeigt. Auch ein Klasse Pinot Noir und ein Weltklasse Blanc de Blancs Zero Dosage 2010. www.ebner-ebenauer.at

Rudof Knoll

––––––––––––––––––––––––––––––––––

2016 Tokaji Late Harvest „Fortissimo“, Gróf Degenfeld, Tarcal

Die ungarische Region Tokaj ist bekannt für grandiose edelsüße Weine mit der Zusatzbezeichnung Aszú (Ausbruch). Heutzutage werden in diesem Gebiet im Nordosten Ungarns auch weniger hochkarätige Weine wie dieses Gewächs aus den Sorten Hárslevelü und Furmint erzeugt. Eigentümer sind die in Tokaj gebürtige Marie Gräfin Degenfeld und ihr Mann Thomas Lindner, die den Betrieb 1994 gründeten. Der Fortissimo entspricht in der Stilistik einer hochwertigen deutschen Spätlese, ist ungemein fruchtbetont im Aroma und rassig im Geschmack – und das für einen Preis unter 10 Euro. www.grofdegenfeld.com

Rudolf Knoll

––––––––––––––––––––––––––––––––––

2017 Weißer Schotter, Mittelburgenland, Weingut Strehn, Deutschkreutz

Monika Strehn ist eine tatkräftige, immer unternehmungslustige Frau. Als Winzerin hatte sie vor gut 20 Jahren einen schwierigen Start, kam aber gut weg und führt heute ein 50-Hektar-Gut mit Reputation vor allem für erstklassige Rotweine. Längst hat sie Unterstützung von den drei Kindern Pia, Patrick und Andy, die – ungewöhnlich im Blaufränkischland – die Idee hatten, einen speziellen weißen Ge mischten Satz aus Welschriesling, Sauvignon Blanc, Grünem Veltliner und diversen Sorten wie Königsmuskateller von alten Reben zu erzeugen. Herausgekommen ist ein saftiger, verspielter, anregender Wein mit hohem Spaßfaktor. Schnäppchen-Preis 7 Euro. www.strehn.at

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


VERKOSTUNGEN

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

Rudolf Knoll

40

––––––––––––––––––––––––––––––––––

2018 Elbling Sachsen, Weingut Schloss Proschwitz, Prinz zur Lippe, Zadel

Die uralte Sorte Elbling, die am Oberlauf der Mosel bei Trier früher große Bedeutung hatte, ist hier im Schwinden. Standhaft auf allerdings nur acht Hektar bleibt sie in Sachsen, wo sie im Weingut von Georg Prinz zur Lippe genügend Fans in der Kundschaft hat, die sich an einem knackigen, gradlinigen, anregenden Wein mit einem Hauch Fruchtsüße und moderater Säure erfreuen. Der „Wein-Prinz“ kann übrigens 2020 das Jubiläum „30 Jahre Wiederaufbau“ des einstigen Traditionsgutes im Raum Meißen feiern. Preis: 11 Euro. www.schloss-proschwitz.de

Rudolf Knoll

––––––––––––––––––––––––––––––––––

2017 Csaterberg, Eisenberg DAC Burgenland, Groszer Wein, Burg

2012 übernahmen Seiteneinsteiger Matthias Krön und der in Franken gebürtige Önologe Markus Bach eine kränkelnde Winzergemeinschaft im südlichen Burgenland und gründeten – weil die Weine in großen Literflaschen gefüllt wurden – das Weingut Groszer Wein. Blaufränkisch ist auf den 26 Hektar (10 im Eigenbesitz) die wichtigste Sorte. Neuerdings glänzen sie auch mit einem in der Region seltenen Weißwein aus der Top-Lage Csaterberg mit Schiefer und Süßwasser-Opalen im Boden. Die Cuvée aus Welschriesling, Chardonnay und Weißburgunder ist betont mineralisch in der Nase, straff, fordernd und mit viel Spannung im Geschmack. Große Klasse für 16,90 Euro. www.groszerwein.at

Rudolf Knoll

––––––––––––––––––––––––––––––––––

2016 Obeidi, Domaine Wardy, Zahle, Libanon

Das Land liegt in einer krisengeschüttelten Region und findet unter anderem Halt in einer aufstrebenden Weinproduktion neben dem berühmten Château Musar. Zu den erfolgreichen Aufsteigerbetrieben gehört die vielseitig strukturierte Domaine Wardy, die sich bei einem ihrer Weißweine auf die autochthone Sorte Obeidi konzentriert, sonst im Land meist der Grundstoff für den beliebten Arak. Die in Frankreich geschulte Önologin Diana Salame Khalil erzeugte einen delikaten Wein mit Kräutern, Nüssen und Curry in der Nase, vielschichtig im Geschmack, mit einem Hauch Orange und Banane. 29,50 Euro. www.caracterwines.de www.domainewardy.com

Rudolf Knoll

––––––––––––––––––––––––––––––––––

2012 Blanc de Blancs Große Reserve, Sekt Kremstal, Weingut Malat, Furth-Palt

Die neue Sektdimension in Österreich heißt „Große Reserve“ und steht für schäumende Weine, die nach klassischer Methode mit mindestens 30 Monaten Hefelager erzeugt wurden. Erst seit Spätherbst 2018 sind die ersten Sekte auf dem Markt. Ein Vorreiter war hier das Weingut Malat, dessen Senior Gerald Malat 1976 den ersten Winzersekt Österreichs kreierte. Nachfolger Michael wollte den Jahrgang 2012 eigentlich sieben Jahre auf der Hefe lassen, gleichzeitig wollte er bei der Einführung der neuen Range dabei sein. Also hat man jetzt schon das Vergnügen mit einem Sekt mit feiner Würze im Aroma, etwas Birne, sehr elegant, mineralisch, nobel. Preis: nicht abgehobene 55 Euro. www.malat.at

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


VERKOSTUNGEN

WEINFEDER JOURNAL | EDITION # 57 | MAI 2019

41

Arthur Wirtzfeld

––––––––––––––––––––––––––––––––––

Der geschliffene Edle aus Franken

Rudolf Knoll

––––––––––––––––––––––––––––––––––

2017 Blauer Wildbacher Rosé, Weststeiermark, Domaines Kilger, Wies

Die Rotweinsorte Blauer Wildbacher ist besser bekannt als hellroter Schilcher und hier als besondere Spezialität der kleinen Region Weststeiermark. Aber der Münchner Unternehmer Hans Kilger, der hier in vier Jahren ein 60-Hektar-Weingut (!) mit Unterstützung von Topwinzer Christian Reiterer aufbaute, wollte für internationale Märkte weg vom mehr säurebetonten Schilcher-Stil und hin zu einem international vorzeigbaren Rosé mit eleganten Facetten und Tiefgang. Das gelang. Und mit nur 11,5 „Volt“ hat der Wein auch noch eine verspielte Leichtigkeit. Preis: ca. 10 Euro www.domaines-kilger.com

Rudolf Knoll

––––––––––––––––––––––––––––––––––

2018 Gemischter Satz Maurerberg Ried Sätzen, Weingut Zahel, Wien

Senior Richard Zahel gab vor über 20 Jahren entscheidende Denkanstöße für eine Renaissance des Gemischten Satzes in Wien. Heute setzt sie Neffe Alexander vielseitig und extrem um. Die Zahels haben rund ein Dutzend solcher Weine im Sortiment, vom Einsteiger-Mischsatz bis zum nur selten produzierten „5 Points“ von sehr alten Reben aus den fünf besten Lagen des Hauses (Preis 150 Euro). Jüngste Kreation ist ein Wein aus 16 verschiedenen, zum Teil schon praktisch ausgestorbenen Sorten, die in extremer Pflanzdichte (60 cm Zeilenabstand) im Weinberg stehen. Enorme Dichte und Cremigkeit für angemessene 25 Euro. www.zahel.at

Dieser Silvaner Brut vom Weingut Hans Wirsching ist eine Jahrgangs-Cuvée aus speziell dafür geernteten Trauben für den Grundwein – hergestellt in klassischer Flaschengärung, verbunden mit einem 30 Monate langen Hefelager. Ein frisches Bukett mit feinen Fruchtaromen von Apfel, Pfirsich und Melone umschmeichelt die Nase. Im Geschmack ist dieser Prickler sehr angenehm, trocken, die Säure moderat. Er präsentiert sich cremig, mineralisch – all dies verpackt in einem schönen Körper – für mich ein Schäumer für besondere Gelegenheiten. Preis: 13,50 Euro. www.wirsching.de

Arthur Wirtzfeld

––––––––––––––––––––––––––––––––––

Villa Franciacorta Bokè Rosé Brut

Dieser Prickler verzaubert und verführt! Basis ist die Kunstfertigkeit seiner Veredlung, entstanden aus pari 50:50 Prozent Grundweinen, vinifiziert aus feinsten Trauben des Pinot Noir und Chardonnay. Der Bokè beherrscht das Visuelle, allein durch seine Farbe im Glas, seine prickelnde Perlage und komplettiert dies mit einem ausgewogenen, tollen Körper. In der Nase tummeln sich Aromen von Kirschen, Johannisbeeren und Zitrusfrüchten. Am Gaumen frisch, elegant mit einer wunderschönen Balance. 36 Monate reifte der Bokè in der Flasche. Sein geringer Gehalt an Zucker, seine Frische und seine Frucht bleiben noch lange als wohlschmeckender Nachhall bestehen. Dieser Rosé Brut ist unwiderstehlich! Preis: 31,90 Euro. www.villafranciacorta.at

Arthur Wirtzfeld

––––––––––––––––––––––––––––––––––

Millésimé Pouilly-Fumé, Arnaud Bouchié

Wow! In der Grundschule hieß es „Wiewort” – es sind starke Adjektive, es ist ein starker Wein: strohgelb, tropisch, subtil, frisch, kühl, mineralisch, fruchtig, köstlich, lang, unvergesslich. Ich liebe diesen PouillyFumé vom linken Ufer der Loire, gegenüber von Sancerre. Die feine Aromatik von Arnauds Sauvignon Blancs mit ihren lebendigen Fruchtaromen von Apfel und Stachelbeere, unterstützt von einer Mineralik aus Kalk- und Feuerstein, machen sie einfach einzigartig. Preis: 21 Euro. www.bouchie-chatellier.fr

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN


KOSTENFREI IM ABO

NÄCHSTE EDITION #58

APRIL/MAI 2019

verband deutscher weinpublizisten

WIR HOFFEN, DASS IHNEN DIESE AUSGABE GEFALLEN HAT UND DIE BEITRÄGE UNSERER AUTOREN SIE INFORMIERT UND INSPIERIERT HABEN.

“ “

D I E N Ä C H S T E A U S G A B E D E S W E I N F E D E R-J O U R N A L S ERSCHEINT IM SEPTEMBER 2019 WIEDER MIT RE PORTAGEN, BERICHTEN, ENTDECKUNGEN, VERKOS TUNGEN UND VIELEN WEITEREN THEMEN.

F all S ie diese A usgabe als N icht - A bonnent lesen konnten und I nteresse an einem kostenfreien A bonnement haben – bitte kontaktieren S ie uns via M ail unter: info @ weinfeder.de

Z u den M itgliedern der Weinfeder e.V., des Verbands deutschsprachiger Weinpublizisten, gehören J ournalisten, A utoren, K ritiker, Verkoster etc. S ofern S ie in diesem B ereich tätig sind, können S ie sich gerne wegen einer M itglied schaft erkundigen. N ehmen S ie dazu unkompliziert mit dem Vorsitzenden der Weinfeder e.V. Wolfgang J unglas via M ail Kontakt auf: info @ weinfeder.de

COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN

Profile for Jan Rook

WEINFEDER JOURNAL #57  

De nieuwste Weinfeder.

WEINFEDER JOURNAL #57  

De nieuwste Weinfeder.

Profile for janrook
Advertisement