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Weinfeder Herfst 2021

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EINZELAUSGABE 6 € • IM ABONNEMENT KOSTENFREI • EDITION #64 • OKTOBER 2021

VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN

DOSSIER WEINVIERTEL DOSSIER CHAMPAGNE LEHMER RAZEJUNGE WEINBAU IN POLEN WEIN & RELIGION ROSÉ-LADY PIA NOILLY BRAT

89 Seiten 7 Autoren 21 Beiträge 1


HERAUSGEBER Weinfeder e.V. Verband deutschsprachiger Weinpublizisten, 1. Vorsitzender: Wolfgang Junglas, Weinfeder e.V., Bie­nen­ berg­­­weg 4, 65375 Oestrich-Winkel, Telefon: 06723-601902,

im Juni habe ich in Dernau an der Ahr die Dreharbeiten für die SWR Doku „Handwerks­ kunst! Wie man Rotwein macht“ mit der Winzerin Meike Näkel abgeschlossen. Die Bilder von Dernau vor der Zerstörung kann man auf YouTube anschauen. Wie viele andere habe ich die Bilder von der Flutkatastrophe mit Entsetzen verfolgt: 65 der 68 Weinbaubetriebe an der Ahr sind betroffen und stark beschädigt. Aktuell läuft die Weinlese in allen Weinanbaugebieten – wie durch ein Wunder funk­ tioniert auch im Rotweinparadies die Lese. Die Verarbeitung der Trauben im Anbau­ gebiet scheint weitgehend möglich zu sein. Für das „Wunder“ steht stellvertretend „solidAHRität“: Die Welle der Unterstützung für die Menschen an der Ahr, vor allem durch die vielen Hilfsmaßnahmen der Wein­ branche, ist überwältigend. Aus vielen Anbaugebieten helfen Freiwillige bei Keller­ instandsetzungen, mit technischen Geräten und bei der Lese. „Flutwein“, „Der Adler hilft“, „Schlammwein“: Viele Aktionen helfen, damit die Betriebe an der Ahr wieder aufgebaut werden können. Ein berührender Akt der Solidarität einer Branche, die in der Krise zusammenhält. Am 5. Oktober postet das Weingut Meyer-Näkel auf Facebook Hoffnung (Zitat): HERBST IM KRISENMODUS Vor knapp 12 Wochen hat die Flut uns so schwer getroffen und so viel Zerstörung im Tal und in unserem Betrieb verursacht, dass wir nicht wussten, ob wir überhaupt Trauben lesen und Wein erzeugen können. Nun sind wir seit zwei Wochen mitten in der Ernte. Natürlich läuft es noch nicht so reibungslos ab, wie wir es gewohnt sind, aber wir sind zufrieden, denn das Provisorium funktioniert erstaunlich gut. DANKE! #ahr Ich wünsche Ihnen einen schönen Herbst!

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weinfeder.de

TITELFOTO Ingrid Groiss

IMPRESSUM

Liebe Leserinnen und Leser

Fax: 885546, E-Mail: office@weinfeder.de, Internet: www.

AUTOREN DIESER AUSGABE Heidi Diehl, Rudolf Knoll, Dr. Martin Sachse-Weinert und Arthur Wirtzfeld // GASTAUTOREN: Emily Heß, Charlotte Weihl, Marleen Ebling

LEKTORAT Christa Hanten

LAYOUT • SATZ • SCHLUSSREDAKTION Arthur Wirtzfeld (ViSdPG Weinfeder e.V.) Telefon: 0931322460, redaktion@weinfeder.de

COPYRIGHT-HINWEIS Alle redaktionellen Beiträge im Weinfeder Journal werden in der Originalversion veröffentlicht. Für den Inhalt und die Ausformulierung der Texte sind allein die Autoren verant­ wortlich, die das alleinige Copyright für ihre Texte inne­ haben. Ein Nachdruck oder eine Veröffentlichung von Beiträ­ gen im Internet, in sonstigen digitalen oder in Printmedien, auch auszugsweise, kann nur in Absprache mit den jeweili­ gen Autoren erfolgen. Gegen Honorar, das mit dem Autor zu vereinbaren ist, kann jeder Beitrag unter Angabe der Quelle (Weinfeder) und Namensnennung der/des Autorin/Autors übernommen und veröffentlicht werden.

REDAKTIONSSCHLUSS für die Ausgabe Edition #65 ist der 12. November 2021. Einsendungen von Beiträgen und Bildmaterial bitte über die Upload-Funktion „Artikelfach“ auf der Webseite. An­ sprechpartner Arthur Wirtzfeld (redaktion@weinfeder.de).

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Inhalt 2.3.4

Editorial, Impressum, Inhalt

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Wie für Schätze gemacht (Autor: Arthur Wirtzfeld)

6–29

Dossier Weinviertel

8 Einleitung 9 Weinviertel DAC brach 2002 einen Bann 10 Vereinsleben 16 300 Jahre Weingut Norbert Bauer 20 Starke Weinviertler Frauen 26 Extreme Weinviertler (Autor: Rudolf Knoll)

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Österreichs Rosé-Lady Pia (Autor: Rudolf Knoll)

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Der Löwe war los (Autor: Rudolf Knoll)

36–43

Dossier Champagne 38 39 40 41 42

Das Problem mit der Appellation Ortsname darf nicht auf das Etikett Bezeichnung vor Trittbrettfahrerei geschützt Aldi gegen Comité Champagne Russisches Champagner-Gesetz

(Autor: Arthur Wirtzfeld)

48

Mistträger fördern Artenvielfalt (Autorin: Heidi Diehl)

54 Von Visionären und einer

wiederbelebten Tradition (Autorin: Heidi Diehl)

62

Vom Medienprojekt zur Weintalkshow

(Autorinnen: Emily Heß, Charlotte Weihl, Marleen Ebling)

68

Noilly Prat – mehr als Wein (Autor: Dr. Martin Sachse-Weinert)

76

Wein & Religion – ein interkultureller Vergleich (Autor: Dr. Martin Sachse-Weinert)

86

„Einheit“ findet Heimat auf Schloss Proschwitz (Autor: Rudolf Knoll)

88

Neue „Wein Niederösterreich“ (Autor: Weinfeder Redaktion)

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DOSSIER WEINVIERTEL

Die Erfolgsgeschichte des österreichischen Weinviertels

• Seite 08: Einleitung • Seite 09: Weinviertel DAC brach 2002 einen Bann • Seite 10: Vereinsleben: Premium, Nordwein und Berggericht • Seite 16: 300 Jahre Weingut Norbert Bauer in Jetzelsdorf • Seite 20: Starke Weinviertler Frauen • Seite 26: Extreme Weinviertler: März-Eiswein, Grüner Sylvaner und hochreifer Sekt 6

ZEICHNUNG: WEINVIERTEL.AT

DOSSIER WEINVIERTEL – AUTOR: R U D O L F K N O L L

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DOSSIER WEINVIERTEL In Rust selbst wurde kein einziger gepanschter Wein registriert, wohl aber jede Menge in anderen

EINLEITUNG Die erste Reise ins österreichische Weinviertel Ende der achtziger Jahre in einem früheren Jahrhundert wurde mit einer Warnung gestartet. Ein Wiener Kenner der damaligen Szene meinte: „Nimm dir eine Wurstsemmel mit, sonst gehst du hungrig ins Bett.“ Er hatte weitgehend recht. Bei der Fahrt vom Osten im Raum Poysdorf und Falkenstein bis hinüber ins westliche Retz, die durch eine Reihe wenig attraktiver Dörfer führte, war kein Mensch zu sehen. Die einzigen Lebewesen waren Katzen, die hin und wieder über die Straße huschten. Die wenigen Gaststätten waren offenbar nicht geöffnet.

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Ortschaften am Neusiedlersee.

Die Erzeuger in Retz und Falkenstein hatten das Glück, dass sie nicht betroffen waren: Sie erzeugten bevorzugt trockene Weine, die oft im Doppler (zwei Liter) abgefüllt und preiswert verkauft wurden. Winzer mit Profil gab es in jener Zeit allenfalls eine Handvoll. Gemischtwirtschaft war die Regel. Noch Anfang der 1990er-Jahre standen im Weinviertel Reben auf mehr als 18 000 Hektar. Ein paar Jahre nach Glykol erwachte allmählich der Ehrgeiz. Die politische Wende mit Öffnung der Gren­ zen trug dazu bei. Plötzlich hatte das Weinviertel ein Hinterland und fühlte sich nicht mehr an einen Grenzrand gedrängt. Es begann die Zeit, in der man schon echte Entdeckungen machen konnte. Win­ zer, die damals bereits auffielen, hatten denkwür­ dige Namen wie Leberwurst (in Höbersbrunn) und Donner (Hohenwarth). Aber auch Erzeuger wie Ro­ land Minkowitsch (Mannersdorf), Josef Strell (Radlbrunn), Werner Zull (Schrattenthal) und vor allem Roman und Heidi Pfaffl (Stetten) ließen erkennen, welches Potenzial im Weinviertel steckt. Heute ist das Gebiet auf nur mehr etwas über 13 800 Hektar geschrumpft, das sind immerhin 49 % der Weinbaufläche von Niederösterreich. Unterschie­ den wird zwischen dem westlichen Weinviertel mit der „Hauptstadt“ Retz und angrenzenden Regionen sowie dem östlichen Weinviertel. Hier hat Poysdorf eine bemerkenswerte Entwicklung gemacht und die kleine, idyllische Gemeinde Falkenstein mit ihrer Kellergasse erfreut sich besonderer Beliebtheit. Die Strukturen haben sich überall deutlich geändert und stabilisiert. Selbstständige, ambitionierte Winzer bestimmen das Geschehen. Doppler werden kaum mehr gefüllt, und wenn, dann mit spannenden Qua­ litäten als „Volksmagnum“.

as Weinviertel, das gerade erst diesen Namen angenommen hatte, schien sich im Tiefschlaf zu befinden. Man musste sich wohl auch erst daran gewöhnen, dass von den vorherigen Gebietsnamen Retz und Falkenstein Abschied

genommen

werden

musste.

Das

geschah

in

Österreich, nachdem der Glykol-Skandal 1985 hochgekocht war; dabei litten diverse Weinorte darunter, dass in Austria Ortsnamen gleichzeitig Gebietsnamen waren. Ein typisches Beispiel war Rust-Neusiedlersee.

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Mittlerweile gibt es eine Reihe von Gaststätten, die verdientermaßen einen guten Ruf haben. Auch Übernachtungsmöglichkeiten, noch vor 20 Jahren recht dünn gesät, stehen ausreichend zur Verfügung. Grüner Veltliner ist ungebrochen die Hauptsorte des Gebietes mit allein 6700 Hektar. Stolz rechnet man vor, dass jeder dritte Rebstock weltweit von dieser Sorte im Weinviertel steht. Die Einführung der DACKlassifikation für die Hauptsorte im Jahr 2002 war der Start für eine richtige Erfolgsgeschichte. n

B

Weinviertel DAC brach 2002 einen Bann

ei der Deklaration DAC denken manche an den DAX und die Börse. Dabei handelt es sich um nichts anderes als die Anpassung des österrei­ chischen Weingesetzes an die europäischen Gepflogenheiten, vergleichbar mit AOC in Frankreich, DOC und DOCG in Italien oder D.O. in Spanien. Sogar Rumänien hat sich inzwischen den europäischen Regeln mit bestimmten, fest umrisse­ nen Anbaugebieten und hier geltenden Vorschrif­ ten für Sorten und Erträge angepasst. Basis dafür sind entsprechende Verordnungen der EU, die für eine gewisse Vereinheitlichung des Weinrechts ste­ hen sollen.

Dass in Deutschland schon seit vielen Jahren herum­ gedoktert wird und man immer noch nicht Abstand vom 1971er Weingesetz mit dem Mostgewicht als wichtige Basis für die Bezeichnung von Wein ge­ nommen hat, ist irgendwie typisch für die deutsche Wein-Bürokratie … Aber kommen wir zu Österreich, wo es auch für 16 der 18 verschiedenen Anbaugebiete mit Ausnahme von Wagram und der Thermenregion inzwischen DAC-Regeln gibt. Die drei Buchstaben stehen für Districtus Austriae Controllatus, eine etwas krampf­ haft lateinisch klingende Wortschöpfung, die nicht alle Weinfreunde unfallfrei aussprechen können. Doch irgendwie musste man sich den Vorläufern aus Frankreich und Italien angleichen. Erstmals wurde die Regel in den 1990er-Jahren ins Gespräch gebracht. Vor allem der damalige Chef der Österreichischen Weinmarketing, Bertold Salomon aus Krems-Stein, war ein Vorkämpfer, der anfangs mit viel Widerstand leben musste. Aber der Bann war gebrochen, als sich das größte österreichische Anbaugebiet, das Weinviertel, dazu entschloss, Ernst mit DAC zu machen. Die Regeln für das geschützte Herkunftszeichen hatte das 2001 gegründete Regio­ nale Weinkomitee erarbeitet. Feste Kriterien waren die Festlegung auf eine einzige Sorte (Grüner Velt­ liner) und der Geschmack (trocken). 2002 war der Startjahrgang. Verlangt waren gebietstypische, her­ be, im Aroma pfeffrig anmutende Weine.

FOTO: ÖWM/WIRZ

Der Lernprozess sollte etwas dauern. In der ersten Phase gab es reichlich Weine, die zwar das DAC-Zei­ chen tragen durften, wobei viel Toleranz bei der Prü­ fung mit im Spiel war. Doch die Winzer waren lernfä­ hig. Mit den Jahren wurde die Qualität gleichmäßiger und besser. So konnte man sich mit dem Jahrgang 2009 an eine DAC Reserve wagen, für die kraftvolle, würzige Weine mit viel Schmelz verlangt waren. Angedacht war ursprünglich, DAC allein auf dem Eti­ kett würde genügen, um den Konsumenten deutlich zu machen, dass Grüner Veltliner in der Flasche ist. Der teilweise praktizierte Verzicht auf die Sortenanga­ be bewährte sich allerdings nicht. Ein gewisser Wer­ mutstropfen ist mit DAC Weinviertel ausschließlich für den Grünen Veltliner verbunden: Alle anderen Reb­ sorten dürfen nicht den Gebietsnamen als Herkunft tragen; für sie ist nur „Niederösterreich“ erlaubt. n

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Vereinsleben: Premium, Nordwein und Berggericht FOTO: ROBERT HERBST

DOSSIER WEINVIERTEL

WINZERGRUPPE NORDWEIN Die dem deutschen VDP ähnliche Vereinigung Österreichische Traditionsweingüter (ÖTW) hat das Weinviertel noch nicht im Fokus, obwohl es in hier eine Reihe von Erzeugern gibt, die in Sachen Qualität passen würden. Dafür sind andernorts ambitionierte Gruppen entstanden, die es nur zwangsläufig in Corona-Zeiten schwer hatten, sich zu präsentieren.

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DOSSIER WEINVIERTEL

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u nennen sind hier besonders die Premium Weingüter Weinviertel, gegründet 2002 mit damals 14 Mitgliedern (aktuell 15). Zielsetzung war es von Anfang an, Weine zu erzeugen, die Herkunft schmecken lassen, mit Schwerpunkt Grüner Veltliner. Roman Pfaffl, einer der Qualitätspioniere des Gebietes, war lang trei­ bende Kraft für Güter wie Fidesser, Hofkellerei Fürst Liechtenstein, Minkowitsch, Prechtl, Setzer, Taubenschuss, Schlossweingut Malteser Ritterorden und Zull. Obmann seit 2019 ist Bernhard Rieder, einer der Junioren im Weingut Weinrieder. Nach außen ging der Verein bis vor Kurzem nur durch die Schnürung von Weinpaketen und Ver­ kostungen per ZOOM. Intern wurde regelmäßig in der Gruppe probiert. Es fanden auch Weingartenbegehungen und Treffen mit externen Experten statt, Letztere zwangsläu­ fig online. Noch recht jung ist die Winzergruppe Nordwein, die sich auch deshalb bildete, weil der mal rund 30 Mitglieder zählende Verein Weingüter Retzer Land im westlichen Wein­ viertel praktisch nur noch auf dem Papier existierte. Elf Winzerinnen und Winzer hoben im Frühjahr 2020 den neuen Club aus der Taufe. Mit dabei sind auch einige namhafte

Erzeuger wie Christoph Bauer, Gruber in Röschitz, Prechtl, Hebenstreit und Wolfgang Seher (Obmann). Man will Botschafter des Gebietes im Nordwesten sein und sich auf Cool Climate-Weine konzentrieren. Im Corona-Jahr 2020 mussten alle geplanten Ver­ anstaltungen gestrichen werden, doch die Durststrecke wurde einigermaßen mit Ver­ kostungspaketen überbrückt. Ähnlich erging es dem schon über zwei Jahrzehnte bestehenden Falkensteiner Bergge­ richt, das einige Jahre von der Bildfläche verschwunden war. Seit 2013 ist man wieder gemeinschaftlich aufgetreten – bis Corona kam. Die neun Mitglieder mit Peter Luckner als Obmann können auf viel Tradition verweisen, denn in dem kleinen Ort nördlich von Poysdorf gab es zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert ein Berggericht als „juristische Oberinstanz für alle Weinbergsachen“. Weine, die entsprechend deklariert werden, stammen hauptsächlich von den drei wichtigsten Sorten der Ortschaft, Grüner Veltli­ ner, Riesling und Weißburgunder, oder sind eine Cuvée aus diesem Trio. Sie kommen frühestens Anfang September im Jahr nach der Ernte in den Verkauf. Winzernamen wie Jauk, Salomon und Stadler sind überregional etwas bekannter. n

FOTO: PREMIUMWEINGUETER.AT

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PREMIUM WEINGÜTER WEINVIERTEL

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DOSSIER WEINVIERTEL

FOTOS: ROBERT HERBST, CHRISTOPH TILLEY, PETR BLAHA, ASTRID BARTL

FALKENSTEINER BERGGERICHT

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DOSSIER WEINVIERTEL

300 Jahre Weingut Bauer in Jetzelsdorf: kein Risiko bei der Jubiläumsfeier

Anno 1721 wurde der Große Nordische Krieg zwischen Schweden und Russland

In Österreich regierte damals Kai-

beendet. Im Anschluss daran gründete

ser Karl VI., der in seiner Funktion als

der siegreiche Zar Peter der Große das

Erzherzog auch die Wirtschaft förderte.

russische Kaiserreich. Eher friedlich

Das hatte vielleicht Einfluss auf den Ur-

ging es in Rom zu, wo Kardinal Mi-

sprung eines heute florierenden Wein-

chelangelo di Conti zum Papst gekürt

gutes in Jetzelsdorf im Weinviertel, wo

wurde und den Namen Innozenz XIII.

der 10. Uropa von Winzer Norbert Bau-

annahm. Eine Nummer XIV mit diesem

er (Jahrgang 1965) ein Grundstück er-

Namen hat es bis heute nicht mehr ge-

warb und im bescheidenen Umfang mit

geben, obwohl er für „Unschuld“ steht.

Weinbau auf 0,14 Hektar begann.

FAMILIE BAUER (FOTO: WEINGUT NORBERT BAUER)

NORBERT BAUER (FOTO: WEINGUT NORBERT BAUER)

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DOSSIER WEINVIERTEL

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00 Jahre ist das her. Und weil sich das exakt nachweisen lässt, wollten die Bauers eigentlich demnächst mit vielen Gästen möglichst zwei Tage lang feiern. Aber da die Regeln rund um Corona eine exakte Planung für ein Fest im Oktober unmöglich machten, hat man die Feier auf Juni 2022 verschoben und will allenfalls mit kleinen Aktionen in den nächsten Wochen Flagge zeigen. Probleme zu lösen ist man bei der Familie gewohnt. Der Betrieb im westlichen Wein­ viertel, rund 10 km von Retz entfernt, war einmal in seiner langen Geschichte sogar an der Kippe gestanden. Die Familienchro­ nik verrät, dass ein Ahne 1862 bei einem Kartenspiel den Großteil des Besitzes bei­ nahe verloren hätte. Aber der Kelch ging nochmal an den Bauers vorbei. Bis in die siebziger Jahre des letzten Jahr­ hunderts war – wie in vielen Häusern im Weinviertel – gemischte Landwirtschaft an­ gesagt. Dann begann Karl Bauer, der Vater von Norbert, den Weinbau zu forcieren. Da­ mit musste er sich erst im Familienrat richtig durchsetzen, denn zunächst war Skepsis an­ gesagt. Aber diese verflog, als die ersten Er­ folge bei bundesweiten Wettbewerben für einen Portugieser und Weißburgunder zeig­ ten, dass der Wein-Weg der richtige war. Norbert ließ sich nach seinem Einstieg 1985 nicht vom Weinskandal schocken, sondern erkannte die Chancen der Umbruchstim­ mung in der Szene und kaufte Flächen zu.

WEINGUT BAUER 18

1992 nahm dann die Entwicklung voll Fahrt auf, als Norbert das Weingut von seinen El­ tern übernahm und die temperamentvolle Gisela Höller heiratete. Ein neuer Betriebs­ standort wurde errichtet. Sie kümmerte sich nicht nur um die Erziehung von fünf Kindern, sondern war auch im Verkauf an der Front aktiv, nicht nur vor Ort, sondern ebenso bei Werbetouren der Österreichi­ schen Weinmarketing durch Deutschland. Mit den „Genießerzimmern“ konnte man ab 2005 zudem ein touristisches Angebot offerieren. Mit den Jahren wuchs das Weingut im Be­ zirk Hollabrunn auf 90 Hektar, die sich auf 100 Einzellagen in 15 Katastralgemeinden verteilen – ein riesiger Organisationsauf­ wand, der deshalb zu stemmen ist, weil Junior Willy Bauer (Jahrgang 1994) nach Praktika in Australien und Kalifornien durch die Übernahme der Verantwortung im Keller ab 2015 den Vater entlastet. Das Weingut ist von seiner Sortenstruktur her ungewöhnlich für das Weinviertel: 35 Prozent der Fläche entfallen auf rote Sor­ ten. Aushängeschilder sind hier die Cu­ vée Schatzberg und ein Blaufränkisch, die beide Zeit brauchen, um sich optimal zu entfalten. Sie sind auch die Favoriten des Seniors, während Willy zu Weiß tendiert und hier besonders Grünen Veltliner und Riesling bevorzugt. Ein Geheimtipp ist der Mischsatz von alten Reben mit rund sechs verschiedenen Sorten. Spricht man die Familie auf die nach wie vor in Anbetracht der Qualität eher be­ scheidenen Preise an (die Weißweine überwiegend unter 9, die Rotweine etwas über 10 Euro), dann meint Norbert Bauer: „Wir wissen, woher wir kommen.“ n

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DOSSIER WEINVIERTEL

Starke Weinviertler Frauen

MARION EBNER-EBENAUER

nur national, sondern auch international zu etablieren und deutlich zu machen, dass unter dieser Deklaration auf breiter Front sehr gute Weine zu finden sind. „Wir haben viel erreicht, aber es ist immer noch Luft nach oben“, bilanzierte sie vor ihrem Wechsel als Geschäftsführerin in eine neue Dachorganisation für Wein in Niederösterreich im Frühjahr 2021.

MARIA OBERMAYER

Das große Anbaugebiet wurde 15 Jahre lang von einer Frau „regiert“. Ulrike Hager hatte es sich bei ihrem Amtsantritt als Geschäftsführerin des Regionalen Komitees zum Ziel gesetzt, „Weinviertel DAC“ nicht

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Ihre Nachfolge trat wieder eine Frau an: Maria Obermayer (51) war in leitenden Funktionen in der Werbe- und Kommunikationsbranche tätig und wurde in Sachen Wein von ihrem Vater geprägt, der ein Fan von Grünem Veltliner ist. Jetzt will sie „die Begehrlichkeit für Weinviertler Wein noch steigern“. Dabei helfen können ihr an der Front auch Winzerinnen. Hier einige Beispiele für tatkräftige Frauen im Gebiet.

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arion Ebner-Ebenauer begann vor rund 20 Jahren als „Négociante“. Das heißt, sie kaufte ausgewählte Weine und vermarktete sie mit Charme und Überzeugungskraft. Dann lernte sie den jungen Manfred Ebenauer aus Poys­ dorf kennen, der im elterlichen Betrieb Ehrgeiz entwickelte und für den eine dy­ namische Weinbotschafterin die richtige Partnerin wurde. Sie heirateten und sie stieg nicht nur als treibende Kraft in der Vermarktung ins Weingut ein, sondern mischte auch beim An- und Ausbau mit.

Gemeinsam entschieden sie 2016, auf bio­ logische Bewirtschaftung umzustellen. Dass sie über viele alte Rebanlagen ver­ fügen, 30 bis mehr als 70 Jahre im Ertrag, gibt ihren Weinen noch mehr Tiefgang und Feinheiten. Beim Ausbau ist viel Schonung angesagt, der Faktor Zeit spielt eine wich­ tige Rolle. Einen guten Ruf haben sie sich mit ihrem Sekt erworben. Besondere Stär­ ken sind Riesling von alten Reben, Grüner Veltliner Black Edition und bei Rot der dich­ te, komplexe St. Laurent. n

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DOSSIER WEINVIERTEL ELISABETH HAUSGNOST

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lisabeth Hausgnost ist mit Wein im el­ terlichen Betrieb im Traisental und dem Besuch der Weinbauschule Klosterneu­ burg großgeworden. Einige Jahre leite­ te sie auch die Genossenschaft Dinstlgut Loiben in der Wachau, doch eine richtige Winzerin ist sie nicht, sie macht Wein nur noch als Hobby – aber das wie! Als sie 2007 eine Vinothek in Guntersdorf im Weinvier­ tel eröffnete, hätte sie gern vor Ort Grünen Veltliner ins Sortiment aufgenommen, der ihren hohen Ansprüchen genügen sollte. Weil es den nicht gab, machte sie sich auf die Suche nach einer geeigneten Fläche und fand sie beim jungen Bio-Landwirt Reinhard Fleischmann mit über 20 Jahre alten Reben. Mit dem Önologen Franz Stift

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gesellte sich ein weiterer Profi als Partner dazu. Und wenn Elisabeths Gatte Heinz, Verkaufsleiter im Weingut Stift Klosterneu­ burg, greifbar ist, ist er auch zur Mitarbeit verdonnert. Mit dem aktuellen Jahrgang 2020 konnte das Team wieder verdeutlichen, was in Gun­ tersdorf in Sachen Wein möglich ist. Es ist Veltliner pur geworden, mit dem typischen Pfefferl in der Nase und ausgewogener Würze. Etwas Schmelz ist auch dabei, die 13 „Volt“ Alkohol geben Struktur. Der Name für den bio-zertifizierten Wein ergab sich durch die gute Zusammenarbeit fast von selbst. „Mitanaund“, mundartlich für Miteinander, und das schon zum elften Mal. n

INGRID GROISS

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ngrid Groiss brachte ab 2010 den kaum bekannten Ort Breitenweida südlich von Hollabrunn, rund 40 km entfernt von Wien, nachhaltig auf die Weinlandkarte, als sie den Betrieb der Eltern übernahm und schnell richtig durchstartete. Sie legt besonders viel Wert auf erstklassiges Trau­ benmaterial, dem sie Weine mit viel Eigen­ ständigkeit und Tiefgang entlockt. „Unsere Hände sind nur das Werkzeug, der Boden ist der Ursprung für Qualität“, ist ihr Motto. Ist bei Grünem Veltliner neben den Rieden Sauberg und Pankraz noch „Reser­ ve“ auf dem Etikett angegeben, ist es stets ein sehr vielschichtiger, nobler Wein mit

einer fröhlichen Prise Temperament. Auch Riesling von einer sehr steinigen Lage hat sie bestens im Griff; der Name „Herzblut“ steht für die besondere Hinwendung zu diesem Gewächs. Das Sortiment wird ab­ gerundet von einem verspielten Rosé und dem begehrten Gemischten Satz von nicht weniger als 13 Rebsorten (die Zahl kann man als gutes Omen für einen delikaten, nervigen Wein werten). Seit 2019 sind ihre 18 Hektar bio-zerti­ fiziert. „Für mich sind die Weine dadurch noch ausdrucksstärker geworden“, meint die Power-Winzerin. n

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DOSSIER WEINVIERTEL MONIKA NEUSTIFTER

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onika Neustifter aus Poysdorf lernte Weinbau gewissermaßen im zweiten Bildungsweg. Sie studierte zunächst Internationales Weinmanagement, machte ein Praktikum in einem 4-Sterne-Hotel in Prag (die Familie ist auch auf diesem Feld aktiv), unternahm dann Reisen bis nach Chile, Argentinien und Südafrika. Schon während der Schulzeit half sie den Eltern im Weingut. Diese Tätigkeit wurde für die heu­ te 33-Jährige zur Leidenschaft, als sie durch zwei Jahre als Veltlinerland-Weinkönigin (2006 bis 2008) viel verkosten konnte und auf den kritischen Geschmack kam.

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ANNA UND MUTTER MARIA FABER-KÖCHL

Heute sorgt sie mit Mutter Brigitte neben Vater Karl für Frauenpower im stattlichen Familienbetrieb, wagt sich auch an Experi­ mente wie einen ungeschwefelten Char­ donnay mit passablem Ergebnis. Generelle Zielsetzung ist es, die Typizität der Sorten und Lagen herauszuarbeiten. „Sie sollen trinkfreudig sein, Opulenz und Überreife lehne ich ab.“ Ihr Paradestück ist Grüner Veltliner aus der Riede Saurüssel. n

nna und Mutter Maria Faber-Köchl sind seit Jahren ein sehr gutes, eingespieltes Team. Maria gründete den Betrieb in Eibesthal Nähe Poysdorf 1999 als Querein­ steigerin, als sie das Erbe von einem Onkel mit damals gerade 1,2 Hektar Reben über­ nommen hatte. Sie bildete sich in Abend­ kursen fort und bestand die Meisterprüfung für Weinbau und Kellerwirtschaft. Die Tochter war damals gerade acht Jah­ re jung, tendierte aber bald zum Weinbau und machte eine klassische Ausbildung. Sie studierte nach der Weinbauschule Kloster­ neuburg Weinbau, Önologie und Weinwirt­ schaft an der BOKU Wien, machte Praktika im deutschen Spitzenweingut Mosbacher in der Pfalz und in einem Weingut in Neu­

seeland. 2015 übergab ihr die Mutter den Führungsstab im 8,5-Hektar-Betrieb, der in­ zwischen bio-zertifiziert ist. Ihre Zielsetzung ist es, Weine zu erzeugen, die Lust auf ein zweites Glas machen. Dazu gehören zum Beispiel der klassische Grüne Veltliner Ried Saazen, der zart restsüße Rote Traminer und der besondere Liebling der beiden Damen, das weiße „Köchl Verzeich­ nis“, angelehnt an die gesammelten Werke von Wolfgang Amadeus Mozart. Dem gro­ ßen Komponisten erweisen sie mit diesem schwungvollen, vielschichtigen Wein die angemessene Ehre. Die zarte Namensände­ rung zum Werk von Ludwig von Köchel, der 1862 die Schöpfungen von Mozart zusam­ menfasste, sei ihnen genehmigt. n

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DOSSIER WEINVIERTEL

EXTREME WEINVIERTLER

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m 111-Einwohner-Ort Stützenhofen im Bezirk Mistelbach (nördliches Weinviertel) hat sich Georg Hugl vor 40 Jahren erfolgreich eine Nische ausgesucht, als er den landwirtschaftlichen Betrieb vom Vater übernahm. Neben etwas Weinbau von 5 Hektar konzentrierte er sich auf die Produktion von Sekt, zunächst „steinzeitmäßig“ und mit nicht gerade guten Ergebnissen, aber nach einer längeren Lernphase sehr erfolgreich. Die Weinviertler Sektmanufaktur ist ein Betrieb, in dem (fast) die ganze Familie mitarbeitet, auch die gebürtige Schweizerin Barbara Hugl, die ihrem Gatten Georg (Jahrgang 1958) vor vielen Jahren in dessen Heimat folgte.

März-Eiswein, Grüner Sylvaner und hochreifer Sekt

Der versektet jährlich 30 000 bis 40 000 Flaschen, überwiegend von Wein aus eigener Ernte, wenn Zukauf dabei ist, ausschließlich aus dem Weinviertel. Darüber hinaus hat er sich noch einen umfangreichen Kundenstamm von Weinbaubetrieben aus der Slowakei, Tschechien und Slowenien ausgebaut. Für über 60 Betriebe werden weitere 150 000 Flaschen/Jahr mit Pricklern gefüllt. „Manchmal muss ich schon ablehnen, wenn die Qualität der Grundweine unzureichend ist“, plaudert Hugl aus dem Nähkästchen. Zwei Versionen gehören zu den Besonderheiten der Sektmanufaktur: Im „Goldstück“ in drei Geschmacksrichtungen schwimmt 23-karätiges Blattgold. Hugl meint, er sei der Erste in Österreich, der diese Idee der besonderen Veredelung mit dem zulässigen Lebensmittelzusatz hatte. Geschmacklich braucht man das Gold nicht unbedingt, aber das Auge trinkt mit. Spannender für Genießer sind die reifen Sekte. Im Verkauf geht es zurück bis zum Jahrgang 2004 bei Blanc de Blancs und Blanc de Noirs. Der 2004er wurde erst 2020 degorgiert und hat nichts an Spannung verloren. Ein weiblicher Teil der Familie hat sich verabschiedet. Tochter Christina begann zuhause mit eigenständiger Sektproduktion und hat mittlerweile mit ihrem Partner Robert in Mollands im Kamptal einen Betrieb für Sekt und Pet-Nat eröffnet, der erfolgreich unterwegs ist.

HUGL FOTO: WEINVIERTLER SEKTMANUFAKTUR GMBH, FAMILIE HUGL

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DOSSIER WEINVIERTEL

EXTREME WEINVIERTLER Z

WEINRIEDER

u nennen ist hier die Familie Rieder in Kleinhadersdorf (Ortsteil von Poysdorf) im östlichen Teil des Gebietes. Um Verwechslungen mit anderen Rieders zu vermeiden, nennt sich der Betrieb Weinrieder. Senior Fritz Rieder übernahm das 1928 gegründete Gut 1979 und wurde bald bekannt dafür, dass er immer wieder Eisweine keltern konnte, weil es im Spätherbst kalt genug wurde. Die trockenen Weine waren dagegen damals kantig und robust. Hier lernte er mit den Jahren dazu und produziert heute eleganten Grünen Veltliner, Riesling und Weißburgunder mit Tiefgang und sehr gutem Lagerpotenzial. Letzteres unterstreicht er bei seinen regelmäßigen Veranstaltungen „Weinrieder Extrem“ im August und September. Noch extremer mutet an, was ihm bei den Jahrgängen 2019 und 2020 gelang. Am 2. März 2020, fast sieben Monate nach Beginn der normalen Weinernte, wurde noch Grüner Veltliner mit einem Mostgewicht von 36 Grad KMW (entspricht 180 Grad Oechsle) eingebracht, in stattlicher Menge von 1500 Litern. „Sweet March“ (süßer März) wurde der Wein (Preis ca. 30 Euro in der 0,375-l-Flasche) getauft. „Er ist für die Ewigkeit“, jubeln Fritz und Sohn Lukas (er war 6 Monate bis Februar 2009 Azubi bei Klaus Peter Keller) über das Konzentrat. Knapp ein Jahr danach gelang ein ähnliches Kunststück: In der Nacht vom 11. auf 12. Februar 2021 wurde nach entsprechender Vorbereitung im Herbst mit viel Blattarbeit für eine Reifeverzögerung der mit Abstand späteste Eiswein des Jahrgangs 2020 geerntet. Die Trauben vom Grünen Veltliner waren bis zuletzt gesund geblieben. Auf der Mostwaage wurden 34 Grad KMW (170 Grad Oechsle) registriert. Über die Menge schweigt man sich aus. Aber es ist genug da für den Verkauf zu einem konsumentenfreundlichen Preis. Wer die fränkische Weingeschichte kennt, weiß, dass anno 1659 erstmals Silvaner-Reben auf den Fluren von Castell gepflanzt wurden, die damals noch als „Österreicher“ bekannt waren. Es gibt verschiedene Versionen, wie dieser Sortenname zustande kam. Sicher ist, dass die Rebe damals auch „Grüner Sylvaner“ hieß. Und sicher ist ebenso, dass diese Sorte heute in Österreich mehr oder weniger ausgestorben ist. Nur ein Weinviertler Betrieb hält ihm dauerhaft die Treue: Hofbauer-Schmidt in Hohenwarth, Bezirk Hollabrunn.

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Gegen den Strom schwimmen, ungewöhnliche Dinge anpacken, auch mal etwas wagen, das ist ein Wesenszug einiger Winzer im Weinviertel.

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ange bestimmten Petra und Leopold Hofbauer-Schmidt die Geschicke des Familienbetriebes. Seit 2016 ist Sohn Johannes mit im Boot. Das Weingut hat schon einige Auszeichnungen bekommen, unter anderem wurde 2017 der Sauvignon Blanc als bester Wein dieser Sorte in Österreich deklariert (Johannes hatte die Rebe beim Praktikum in Neuseeland schätzen gelernt). Aber Grüner Sylvaner hat Bestand. „Er hat einen festen Platz in unserem Sortiment, seit er vor 25 Jahren gepflanzt wurde“, meint der Junior. Die Eltern setzten ihn damals gemeinsam mit Rotem Veltliner, weil sie zwei der ältesten Sorten Österreichs in den Rieden wachsen sehen wollten. Der Sylvaner ist bei der Kundschaft sehr beliebt als Rarität, aber auch wegen seiner Qualität und Stabilität. „Die Lagerfähigkeit ist enorm“, weiß Johannes und erinnert sich an einen begeisternden 2007er. Im Vergleich mit dem schon guten aktuellen 2020er ist der 2017er noch einen Tick besser und überzeugt mit eleganten Facetten, die an ein Großes Gewächs aus Franken denken lassen. Weinbaulich interessant: Die Sorte fällt sehr dickschalig aus, ist robust gegen Fäulnis. Die Trauben lassen sich schwer pressen, der Ertrag liegt damit deutlich unter dem Grünen Veltliner. n

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Österreichs Rosé-Lady Pia AUTOR: RUDOLF KNOLL

Sie feierte mit Blaufränkisch einen für sie selbst überraschenden Erfolg beim Rotwein-Wettbewerb um den Vaihinger Löwen. Zuhause ist sie mitten im bedeutenden Rotwein-Anbaugebiet Mittelburgenland. Und Pia Strehn hat eine besondere Vorliebe: Rosé in verschiedenen Variationen …

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hre Mutter Monika war Späteinsteigerin in Sa­ chen Wein und studierte zunächst Jura. Dann verabschiedete sich der Ehemann und Vater von einer Tochter und zwei Söhnen und sie stand mit einem stattlichen Weingut allein da. Sie führte es so lange durchaus erfolgreich, bis der Nachwuchs flügge geworden war und sich die Söhne Patrick (Jahrgang 1985) und Andy (1989) dem Weinbau durch entsprechende Ausbildung zuwandten. Auch deren „große Schwester“ Pia (1983) brauchte eine Weile, ehe sie Weinbau inte­ ressant fand. Beruflich startete sie als Angestellte, fühlte sich aber schnell auf einem Bürostuhl un­ wohl. Beim nächsten Job im Weinhandel erkannte sie ihre wahre Berufung. Der folgte sie durch ein Studium Internationales Weinmarketing und bald darauf den Einstieg ins mütterliche Weingut. PIA STREHN FOTO: WEINGUT STREHN GMBH

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FOTO: WEINGUT STREHN GMBH

PIA STREHN

Hier gibt es eine vernünftige Arbeitsteilung. Patrick hat die Verantwortung im Keller, Andy ist der Fein­ schmecker in der Familie und Regisseur des Heurigen SCHENK’HAUS (der endlich wieder in Betrieb gehen konnte). Und Pia, inzwischen von der Mutter in die volle Verantwortung genommen, ist die überzeugen­ de, charmante Frontfrau im Verkauf national und im Export. Sie kreiert Ideen für neue Weine, ist fit im Mar­ keting – und sie schwimmt im tiefroten Blaufränkisch­ land gegen den Strom mit ihrer Vorliebe für Rosé. Begonnen hat alles schon in der Kindheit, als der Vater, damals auch als Weineinkäufer tätig, zuhause Weinka­ taloge stapelte. Pia blätterte sie durch und fand die ab­ gebildeten Rosé-Flaschen besonders schön. Als 17-Jäh­ rige lernte sie bei einem Sprachkurs in Nizza, dass die Verbindung von Käse und Rosé besonders reizvoll sein kann und welche Qualität mit dem hellroten Wein machbar ist. „Diese Inspiration hat dazu geführt, dass wir wieder Rosé produzierten“, erinnert sie sich. „Der Wein kann ein starkes, modernes Lebensgefühl ver­ mitteln, sorgt für gute Stimmung und viel Flair.“ Während des Studiums erfuhr Pia über Weine der Provence, dass man diese Gewächse durchaus in Bar­ riques ausbauen und ihnen damit eine neue Stilistik verleihen kann. Mit der Mutter fuhr sie daraufhin zur ProWein nach Düsseldorf mit der einzigen Zielsetzung, dort in die Rosé-Welt einzutauchen. Mit den Jahren wuchs der Rosé-Anteil im Weingut Strehn enorm. Man orientierte sich dabei an inter­ nationalen Gewächsen und zog Vergleiche, die immer besser pro Strehn ausfielen. Für „Rosé im Holz“ muss­ te Pia die Brüder erst überzeugen. Das Projekt „Elefant im Porzellanladen“ war geboren, ein sehr geschmeidi­ ger, eleganter, vielschichtiger Wein, der deutlich von der üblichen Rosé-Linie abwich. Er wurde 2018 als bes­ ter Rosé Österreichs in einem Magazin geehrt. Weite­ re Versionen entstanden. Für die Etikettierung fand man einen Designer, der Ideen pfiffig umsetzte – was ebenfalls zu Auszeichnungen führte. Dass ein Elefant hier eine Rolle spielt, kann Pia logisch erklären: „Der Elefant mit erhobenem Rüssel ist eines der ältesten Symbole für Glück und Weisheit. Und wir haben unser Glück im Rosé gefunden.“ Inzwischen gibt es davon sechs verschiedene: Neben Blaufränkisch kommen auch Zweigelt, St. Laurent, Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah zum Einsatz. Unterschiedlich wird vinifiziert, im Stahl, Holz und Beton. Bei den Top-Rosés wird die Saignée-Methode (Saftabzug von der Maische) praktiziert. Dem Elefan­

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ten zur Seite stehen: der Einsteiger vom aktuellen Jahrgang (saftiges Maul voll Wein), Seerosé (sanft würzig, zugleich knackig), Pia Pur 2019 (verspielt und elegant), Sushi (beachtliches Volumen, herber Aus­ druck), Pia und die starken Männer (vielschichtige Rosé-Persönlichkeit). Die Namensgebung ist pfiffig und kokett, die Weine richtige Spaßmacher und viel­ seitige Speisenbegleiter. Kein Wunder, dass der Rosé im erfolgreichen Rotweingut inzwischen einen Anteil von 60 Prozent hat! Mutter Monika sieht die Entwicklung mit der für sie ty­ pischen Gelassenheit. Sie konzentriert sich auf ihr Hob­ by Architektur, beschäftigt sich mit An- und Umbauten und betätigt sich am liebsten in den inzwischen bio-zer­ tifizierten Reben mit 60 Prozent Blaufränkisch-Anteil. n

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LANDESSIEGER DEUTSCHLAND 29. VAIHINGER LÖWE – INTERNATIONALER PREIS FÜR LEMBERGER, BLAUFRÄNKISCH, KÉKFRANKOS UND FRANKOVKA: STAATSWEINGUT WEINSBERG

In Deutschland ist die Sor-

(FLORIAN SOLYMARI - FOTO: BETTINA MEISTER)

te als Lemberger bekannt, manche Betriebe verwenden die österreichische Bezeichnung

Blaufränkisch,

weil die württembergische Spezialität TL (TrollingerLemberger) auf einen gefälligen, eher schlichten Wein hinweist und somit dem Image des Lembergers abträglich ist. Weitere Synonyme sind Kékfrankos und Frankovka. Alle diese Deklarationen waren vertreten

Der Löwe war los: Blaufränkisch und Lemberger in Bestform

beim 29. Wettbewerb um den Vaihinger Löwen, der seit 2019 international ausgerichtet wird.

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artner sind hier der Verein Weinlöwen e.V. mit dem Vorsitzenden Martin Fischer (Wein­ gut Sonnenhof) und Wein Burgenland in Don­ nerskirchen, die sich um eine Vorauswahl von Weinen aus Österreich, Ungarn und der Slo­ wakei kümmerte. Das Finale der Besten fand dann in Vaihingen statt, die Bekanntgabe der Sieger und Plat­ zierten in der Vinothek „Die Traube“ in WeinstadtStrümpfelbach im Remstal.

Angestellt wurden 235 Weine, ohne Unterteilung im Alkoholgehalt wie noch vor zwei Jahren. Denn es hat­ te sich gezeigt, dass leichtere Gewächse eher Raritäten sind und die meisten Erzeuger national und internatio­ nal kraftvolle Rotweine anstreben. 148 Weine kamen aus Deutschland, zehn aus der Slowakei, sechs aus Un­ garn, zwei aus Spanien (!) und 69 aus Österreich. Das ist zweifellos eine ausbaufähige Zahl angesichts der vielen sehr guten Blaufränkisch-Erzeuger im Burgenland. Aber es ist auch festzuhalten, dass etliche der renommierten Burgenländer ihren Hut in den Ring warfen, sodass ins­ gesamt ein sehr gutes Niveau zu verzeichnen war. Erstmals wurden die Landessieger separat ausgezeich­ net, auch um den Ungarn und Slowaken den Wettbe­ werb noch schmackhafter zu machen. Für die Slowa­ kei hatte PD Bratislava-Vinohrady die Nase mit einem 2017er Frankovka vorn. Ungarischer Landessieger war das angesehene, auch in Deutschland nicht unbekannte Weingut Heimann aus Szekszárd mit einem Kékfrankos 2018. Der österreichische Spitzenreiter war gleichzeitig Gesamtsieger, nämlich das Weingut Strehn aus Deutsch­ kreutz mit dem 2018er Blaufränkisch Roter Schotter. Dahinter reihte sich das Staatsweingut Weinsberg mit einem 2018er Lemberger Großes Gewächs Weinsberger Schemelsberg ein. Der ambitionierte Staatsbetrieb mit seinem Önologen Florian Solymari, der vor zwei Jahren schon in der Spitzengruppe vertreten war, wurde damit auch „Deutscher Meister“. Ein weiterer deutscher Betrieb schaffte es unter die Top Sechs, nämlich das Weingut Rolf Heinrich aus Heilbronn mit einem 2015er Lemberger Reserve. Auf den Rängen drei bis fünf waren die Österreicher unter sich: Rang drei belegte das Weingut K+K Kirnbauer, ebenfalls aus Deutschkreutz, mit einem 2018er Blaufränkisch GOLD Reserve. Vor zwei Jahren war Markus Kirnbauer noch Gesamtsieger. Hinter ihm reihte sich auf Rang vier das Weingut StephanO aus Deutsch Schützen (Region Ei­ senberg) mit einem 2017er Blaufränkisch Ried Fasching ein. Auf Platz fünf sprang das Weingut Juliana Wieder aus Neckenmarkt, das mit einer 2011er Reserve das La­ gerpotenzial des Blaufränkisch deutlich machte. Bemerkenswert ist, dass die Gesamtsiegerin Pia Strehn vom eigenen Erfolg sehr überrascht war. Denn sie hat noch eine zweite Leidenschaft mit weniger Farbe im Spiel, über die es ebenfalls wert ist, zu berichten … n

AUTOR: RUDOLF KNOLL 34

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Ein schwieriges Jahr für dieJahr Champagne Ein schwieriges

für die Champagne DOSSIER CHAMPAGNE – TEXTE VON AUTOR: A R T H U R W I R T Z F E L D

DOSSIER CHAMPAGNE – AUTOR: A R T H U R W I R T Z F E L D

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FOTO: PEXELS/PIXABAY FOTO : PIXABAY

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Das Problem mit der Appellation Champagne SCHWEIZER DORF CHAMPAGNE AM NEUENBURGERSEE / ETH-BIBLIOTHEK ZÜRICH, BILDARCHIV/STIFTUNG LUFTBILD SCHWEIZ/FOTO: WERNER FRIEDLI

Kampf gegen kommerzielle Trittbrettfahrer Ruf und Prestige der Appellation Champagne wecken Begehrlichkeiten, was immer wieder zu Verstößen gegen die Regeln führt. Allerdings ist die geschützte Ursprungsbezeichnung – anders als leicht zu imitierende Marken – ein einzigartiges Erbe: sowohl der Champagne-Erzeuger als auch der Trauben-Lieferanten. Der Markenschutz ist für sie eine existenzielle Notwendigkeit. „Winzer und Erzeuger haben die Pflicht, Champagner-Genießer vor der Täuschung durch andere Weine, Getränke oder Produkte zu schützen, die sich den Ruf des Champagners oder die Herkunfts- und Quali­ tätsgarantie der AOC zu Nutze machen wollen“, ist auf der Webseite des Bureau du Champagne zu le­ sen. Dieses vertritt die Interessen des Comité Champagne, des berufsübergreifenden Dachverbands der Champagne-Häuser und Champagne-Winzer. Das Comité Champagne und das INAO (Institut national de l‘origine et de la qualité) haben es sich zur Aufgabe gemacht, systematisch und rechtlich gegen all jene vorzugehen, die Ruf und Identität von geschützter Appellation und Marken ausnutzen. Die Verwendung der Bezeichnung Champagne sorgte in diesem Frühjahr vermehrt für Aufsehen bei der Justiz. Erst wird dem Schweizer Dorf Champagne nach über 10-jährigem Justiz-Marathon endgültig verboten, den Ortsnamen für dort hergestellte Produkte zu nutzen – insbesondere für Wein. Dann traf es eine spanische Tapas-Bar in Barcelona, die sich den Namen Champanillo gegeben hat. Auch der deutsche Lebensmittelanbieter Aldi ist betroffen: Mit seinem „Champagner Sorbet“ versuchte der Dis­ counter von der geschützten Marke zu profitieren, wogegen das Comité Champagne mit Unterstützung des INAO schon jahrelang prozessiert.

Zu den einzelnen Fällen I bis IV ...

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FALL-I: Ortsname Champagne darf nicht auf das Etikett

ber ein Jahrzehnt stritten das französi­ sche Comité Champagne und die kleine Schweizer Gemeinde um das Recht, die Bezeichnung Champagne auch für Pro­ dukte und vor allem für Weine aus dem gleichnamigen Ort am Neuenburgersee zu nut­ zen. Die Schaffung einer geschützten Herkunfts­ bezeichnung (AOC) durch die Kantonsbehörden verstoße gegen bilaterale Abkommen zwischen der Schweiz und der EU. Das Dorf Champagne hatte erst am 13. Januar nach langem Hin und Her das Recht erhalten, den Ortsnamen auf seinen Produkten zu nennen. Die Kantonsbehörden sahen laut ihrer damaligen Entscheidung keine Gefahr, dass die Weißweine von den rund 28 Hektar Weinbergen in der West­ schweiz mit dem weltbekannten französischen Schaumwein verwechselt werden könnten.

Der Dachverband der Champagne-Häuser und Champagne-Winzer, die zusammen rund 34.000 Hektar Weinberge bewirtschaften, hatte jedoch Klage eingereicht. In der Entscheidung des Ver­ fassungsgerichtes des Kantons Waadt zugunsten der Franzosen heißt es laut einem Bericht der Nachrichtenagentur SDA, der Begriff „Champag­ ne“ genieße durch das bilaterale Abkommen zwi­ schen der Schweiz und der EU exklusiven Schutz.

Dieser verbiete „jede Verwendung des Namens für Weine, die nicht aus der französischen Cham­ pagne kommen“.

Rückblick 2008 berichtete ich über dieses Thema mit dem Titel „Schweizer Dorf Champagne will wieder mit Ortsnamen werben“. Damals wehrte sich die Gemeinde mit Rückendeckung des Eidgenössi­ schen Instituts für Geistiges Eigentum gegen ein Verbot, das 2004 durch den französischen Inte­ ressenverband per Gericht durchgesetzt wurde. „Vin de Champagne“ verschwand in der Folge auf den Etiketten und fortan nannten einige Winzer aus dem Dorf Champagne ihren Weißwein „Libre Champ“. Schon damals war die Auffassung des Pariser Ge­ richts, die Herkunftsbezeichnung „Champagne“ sei allein dem französischen Weinanbaugebiet vorbe­ halten. Das Urteil bezog sich auf ein bestehendes Abkommen zwischen der Schweiz und der Euro­ päischen Union. Die Schweizer Gemeinde und ihre Winzerschaft wollten sich damit aber nicht abfin­ den und setzten den Rechtsstreit fort. Dem hat nun das Verfassungsgericht des Kantons Waadt, nicht zuletzt wohl auf Druck aus Frankreich, ein für alle Mal einen Riegel vorgeschoben. n

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FALL-II: EuGH-Generalanwalt: Bezeichnung Champagne vor „Trittbrettfahrerei“ geschützt

erklärte der Generalanwalt. Eine solche Trittbrett­ fahrerei liege dann vor, wenn der Durchschnitts­ verbraucher durch eine bestimmte Bezeichnung „einen unmittelbaren gedanklichen Bezug“ zu dem ursprünglichen Produkt herstelle.

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LOGO: CHAMPANILLO

eschützte Ursprungsbezeichnungen wie der Champagner dürfen nach Ansicht ei­ nes Generalanwalts am Europäischen Ge­ richtshof (EuGH) grundsätzlich nicht für „kommerzielle Trittbrettfahrerei“ benutzt werden. Diese Einschätzung vertritt Giovanni Pi­ truzzella nach seinem vom EuGH am 2. Mai ver­ öffentlichten Statement in einem Streitfall in Spa­ nien. Dort hatte das Comité Champagne gegen die Verwendung des Namens Champanillo für eine Tapas-Bar geklagt. (Az. C-783/19)

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Die Begriffe Champagne und Champanillo wiesen „zweifellos einen gewissen Grad an visueller und klanglicher Ähnlichkeit“ auf, argumentiert Pitruz­ zella weiter, zumal die geschützte Bezeichnung mit „Champán“ ins Spanische übersetzt werde. Allerdings müsse es sich schon um eine Ähnlich­ keit handeln, die „nahe an der Identität“ sei, da­ mit von einer Verwendung des geschützten Be­ griffs die Rede sein könne. Das sei im konkreten Fall wegen der Nachsilbe „illo“ nicht der Fall.

Das Provinzgericht Barcelona bat den Gerichtshof um Auslegung der unionsrechtlichen Vorschrif­ ten zum Schutz von Erzeugnissen mit geschützter Ursprungsbezeichnung – in diesem Fall bei einer Verwendung für Dienstleistungen. Der EuGH muss sich bei seinen Urteilen nicht nach dem Generalanwalt richten, folgt diesem aber oft. Die eigentliche Rechtssache entscheidet dann das spanische Gericht.

Weiterhin verbietet das EU-Recht nicht nur eine Verwendung, sondern auch eine Anspielung auf die Ursprungsbezeichnung – und diese könnte hier gegeben sein, erklärte Pitruzzella. Dabei müsse das nationale Gericht erneut umfang­ reich prüfen, ob der Verbraucher „einen un­ mittelbaren gedanklichen Bezug“ zum Produkt Champagner herstellen könne. Zu berücksichti­ gen sei auch die „starke begriffliche Ähnlichkeit“ – Champanillo heißt ungefähr „kleiner Champa­ gner“. Außerdem seien im Firmenlogo zwei an­ stoßende Gläser zu sehen.

Erzeugnisse, die eine geschützte Ursprungsbe­ zeichnung tragen, seien gegen „alle Praktiken kommerzieller Trittbrettfahrerei geschützt, un­ abhängig davon, ob diese Praktiken Erzeugnisse oder Dienstleistungen zum Gegenstand haben“,

Die Entscheidung in diesem Fall ist vorherseh­ bar: Die Tapas-Bar wird die Nutzung des Namens „Champanillo“ wohl kaum durchsetzen können. Jedenfalls ein netter Versuch, der die Franzosen ordentlich ärgert. n

FALL-III: Aldi gegen Comité Champagne in Sachen „Champagner Sorbet“

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m Prozess der Handelskette Aldi gegen das Comité Champagne bestätigte das Ober­ landesgericht München den Schutz der Ur­ sprungsbezeichnung Champagne und ver­ urteilte die Firma Aldi wegen eines Produkts mit dem Namen „Champagner Sorbet“. Das Gericht erkennt in dieser Rechtssache an, dass Champagner, auch wenn er als Zutat verwen­ det wurde, diesem Erzeugnis keine wesentliche Eigenschaft verleiht. Somit ist die Nutzung der geschützten Ursprungsbezeichnung eine Ruf­ ausbeutung respektive irreführende Angabe für den Verbraucher. Zum Hintergrund: Im Jahr 2012 brachte Aldi in Deutschland ein Produkt unter dem Namen „Champagner Sorbet“ auf den Markt. Nach An­ sicht des Comité Champagne verlieh die Zutat Champagner dem Sorbet allerdings keine we­ sentliche Eigenschaft. Tatsächlich schmeckte es vorwiegend nach Birne, mit einem Hauch von Alkohol, der von jedem alkoholhaltigen Getränk hätte stammen können. Das Comité Champagne brachte die Angele­ genheit daher vor die deutschen Gerichte, die in erster Instanz zugunsten der Champagne-Er­ zeuger entschieden, bevor sie in der Berufung zugunsten von Aldi entschieden. Der Verband legte daraufhin Revision beim Bundesgerichts­ hof ein, der seine Entscheidung aussetzte, um dem Gerichtshof der Europäischen Union einige Fragen zur Vorabentscheidung vorzulegen.

FOTOS: UNPLASH

Es kommt darauf an … Die europäischen Richter stellten klar: „Es ist Sa­ che der nationalen Gerichte, in Anbetracht der Umstände jedes Einzelfalls, zu prüfen, ob eine solche Verwendung darauf abzielt, unberechtigt vom Ansehen einer geschützten Ursprungsbe­ zeichnung zu profitieren.“ Wobei der EUGH prä­ zisierte: „Bei der Klärung der Frage, ob die frag­ liche Zutat dem betreffenden Lebensmittel eine wesentliche Eigenschaft verleiht, stellt die Men­ ge der in dem Lebensmittel vorhandenen Zutat ein wichtiges, aber kein ausreichendes Krite­ rium dar.“ Der Gerichtshof in Luxemburg mach­ te schließlich eine solche Verwendung davon abhängig, „ob das Erzeugnis einen Geschmack aufweist, der hauptsächlich durch das Vorhan­ densein von Champagner in seiner Zusammen­ setzung hervorgerufen wird“. Mit seiner aktuellen Entscheidung setzt das OLG München die Vorgaben des Gerichtshofs der Europäischen Union um und erkennt an, dass in diesem Fall die Bezeichnung des Produkts als „Champagner Sorbet“ gegen die Bestimmungen der europäischen Verordnung verstößt, die zum einen die Ursprungsbezeichnungen vor einer missbräuchlichen Ausnutzung ihrer Bekanntheit und zum anderen Verbraucher vor falschen und irreführenden Angaben schützt. Charles Goemaere, Generaldirektor des Comité Champagne, begrüßt diese Entscheidung der deutschen Justiz in seinem Kommentar: „Dies ist ein neuer Meilenstein zur Verteidigung der Appellation Champagne gegen jegliche miss­ bräuchliche Verwendung und Rufausbeutung der Ursprungsbezeichnung.“ n

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FALL-IV: Putin verdirbt Frankreichs Winzern die Champagnerlaune

SCHAMPANSKOJE Ein neues russisches Gesetz bringt französische ChampagnerWinzer zum Schäumen: Sie halten es für „skandalös“, dass die russische Bezeichnung „Schampanskoje“ nur noch russischen Weinhäusern vorbehalten sein soll. Das regelt eine Novelle, die der russische Präsident Wladimir Putin vor Kurzem unterzeichnet hatte. Auch die französische Regierung hat bereits protestiert.

Russisches Champagner-Gesetz degradiert ausländische Produkte zu „Schaumwein“

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as Comité Champagne, das die Hersteller aus der historischen Provinz Champagne vertritt, beklagt in der Pressemeldung „Russisches Champagner-Gesetz degra­ diert ausländische Produkte zu Schaum­ wein“, diese Neuregelung gebe „russischen Ver­ brauchern keine klare und transparente Auskunft über die Herkunft und den Charakter der Weine“. Dem Verband zufolge dürfen französische Cham­ pagner-Hersteller nicht mehr „Schampanskoje“ in kyrillischer Schrift auf das Etikett drucken. Sie dürfen zwar weiterhin „Champagner“ in latei­ nischer Schrift nutzen, müssen als kyrillische Beschreibung auf der Flaschenrückseite aber „Schaumwein“ hinzufügen. Das sei „ein Skandal“, schimpfen Maxime Tou­ bart (Präsident der Winzer) und Jean-Marie Baril­ lère (Präsident der Häuser). Immerhin sei Cham­ pagner französisches „Kulturerbe“. Wegen des Namensstreits riefen sie alle Hersteller zu einem Lieferstopp nach Russland auf. „Die Haltung Frankreichs ist ganz klar“, sagt Land­ wirtschaftsminister Julien Denormandie. „Das Wort ‚Champagner‘ stammt aus den schönen französischen Regionen, in denen Champagner hergestellt wird“, sagte er einem Radiosender. Und als solches genieße der Name weltweit Schutz – nach Verbandsangaben in 120 Ländern.

Als Exportmarkt kommt Russland für die franzö­ sischen Champagner-Winzer nur an 15. Stelle, dorthin werden jährlich rund zwei Millionen der insgesamt 150 Millionen exportierten Flaschen geliefert. Dafür kaufe die russische Oberschicht aber besonders edle Cuvées, sagt der General­ direktor des Champagner-Komitees, Charles Goemaere. Womöglich beruht der Namensstreit auf einem historischen Missverständnis: Die erstmals 1937 unter Josef Stalin eingeführte Marke „Sowjetsko­ je Schampanskoje“ sollte das bourgeoise Getränk allen Proletariern zugänglich machen. SowjetProduzenten warfen deshalb massenhaft billige Schaumweine auf den Markt, wie etwa den in Deutschland bekannten „Krimsekt“. Die Gefahr, dass wohlhabende Russen solche heimischen Billigsorten mit echtem Champag­ ner aus Frankreich verwechseln könnten, besteht vermutlich nicht. Die aus der Sowjetzeit geerbte Bezeichnung „Schampanskoje“ ist vor allem seit dem russischen Beitritt zur Welthandelsorganisa­ tion (WTO) 2012 ein Problem. Der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian sagte, er hoffe in dem Namensstreit auf einen „Dialog“ mit Mos­ kau. Sollte dieser scheitern, werde sich Paris an die WTO wenden. Dennoch können Russen wohl auch künftig mit „echtem“ Champagner ansto­ ßen: Der französische Hersteller Moët Hennessy kündigte schon an, seine wegen des Namens­ streits zunächst ausgesetzten Lieferungen „so schnell wie möglich“ wieder aufzunehmen. n

FOTO: UNPLASH

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Wie für Schätze gemacht! Die Weine von Maison Louis Jadot AUTOR: A R T H U R W I R T Z F E L D

Es gab Zeiten, da waren für Weinsammler die Empfehlungen des renommierten Weinkritikers Robert Parker der Maßstab. Parker führt seit den 1980er Jahren für Bordeaux und Burgund die Liga der TopKritiker an. Doch er ist nicht der Einzige unter den Weinpäpsten. Zu den weiteren renommierten Kritikern zählen James Suckling, Robert Broadbent, Hugh Johnson, Jancis Robinson und Tim Atkin, um nur die Granden der Szene zu nennen. Gerade auf Bewertungen solcher Kenner legen Weinsammler großen Wert, wenn es um größere Investitionen geht. FOTO: LOUIS JADOT

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iner der Protagonisten erstklassiger Weine mit hohem Alterungspotenzial ist Louis Jadot, dessen Burgunder Parker früh entdeckte und ihnen über die Jahre außergewöhnliche Qualität zusprach.

den Jahren 1989, 1990, 1995, 1999, 2002, 2007 und 2010. Ältere Jahrgänge sind besonders wertvoll, da sie sehr selten sind und einen ein­ zigartigen Einblick in Lardières weinbauliches Können bieten.

„Sie gehören in den Keller eines jeden ernsthaf­ ten Burgundersammlers – die Weine von Louis Jadot“, sagte Parker schon zu Zeiten, als die Mai­ son Louis Jadot kaum jemand auf dem Schirm hatte. Er führte seine Bewertung nicht zuletzt auf die exponierten Lagen und auf die Hand­ schrift und Weinbereitung von Jacues Lardière zurück. Nachdem er sein Können mit dem an­ spruchsvollen Jahrgang 1971 unter Beweis ge­ stellt hatte, erhielt Lardière von André Gagey, dem damaligen Direktor des Weinguts, völlige Freiheit bei der Weinherstellung. Es war der Be­ ginn einer bis heute andauernden und bemer­ kenswerten Qualitätsserie.

„Was das Weingut Louis Jadot so besonders macht, ist seine Fähigkeit, Weine von außer­ gewöhnlicher Qualität auf der ganzen Linie in die Flasche zu bringen“, sagt Parker. In der Tat produzierte Louis Jadot 1990 zehn verschiede­ ne Beaune Premiers Crus, die Parker als „ohne Frage die besten Beaunes, die ich je probiert habe“ beschrieb.

Lardière - legendärer Winzer Lardières Ansatz folgte dem Prinzip, dass jeder Wein, aus Trauben von einfachen über Grandund Premier-Cru-Lagen, eine wahre und ehr­ liche Repräsentation seines Terroirs sein sollte – zu erreichen mit so wenig Einmischung wie möglich. Die Weine, die seine Hände von 1970 bis 2012 formten, waren laut Parker „fantas­ tisch ausdrucksstark, mit großer Definition und Selbstsicherheit“. Parker beschrieb sie außer­ dem als „reiche, gut gegliederte, strukturierte Weine, die den Test der Zeit bestehen“. Die Weinherstellung bei Louis Jadot wird heu­ te von Frédéric Barnier betreut, der 2010 zum Weingut kam, seither an der Seite von Lardière arbeitete und ihn bis zur Pensionierung beglei­ tete. Barnier verfolgt weiterhin die gleiche Phi­ losophie wie sein Vorgänger. Dass er ebenso er­ folgreich wirkt, bestätigen Weinkritiker, die den Jadot-Weinen aus seiner Hand „Eleganz, Kom­ plexität und Langlebigkeit“ bescheinigen.

Immer ein Trumpf im Portfolio Die Palette der von Louis Jadot produzierten Weine ist so groß, die Lagen so vielfältig, dass es in jedem Jahrgang einen herausragenden Grand- oder Premier-Cru gibt. Bestimmte Jahr­ gänge sind jedoch besonders begehrt, weil sie einen exzeptionellen Einblick in die Terroirs des Weinguts bieten. Dazu gehören Burgunder aus

Lardières Können war außergewöhnlich. Er schaffte es auch in als schwierig geltenden Jah­ ren, exzellente Weine zu erzeugen – zum Bei­ spiel 1992, als er einige bemerkenswert lang­ lebige weiße Burgunder kreierte. Überhaupt zeigen die Louis Jadot-Weine aus den 90igern des vergangenen Jahrhunderts eine ähnlich exzellente Fähigkeit zur Alterung wie Kollek­ tionen früherer Jahre. In einer Verkostung des 1999er Chambertin-Clos de Bèze im Jahr 2018 stellte der Kritiker William Kelley fest, dass der Wein „immer noch überraschend fest und strukturiert ist, mittel bis vollmundig, tief und konzentriert, mit ausgezeichneter Intensität und Ausdauer“.

Berühmte Lagen teils seit den 1820er-Jahren im Besitz Louis Jadot ist bekannt für seine umfangreiche Négociant-Tätigkeit, bei der das Unternehmen die Weine anderer Winzer abfüllt und verkauft. Der Betrieb besitzt aber auch Anteile an eini­ gen der berühmtesten Weinberge im Burgund, wie Bonnes Mares, Puligny-Montrachet Les Fo­ latières, Corton-Charlemagne, Chambertin Clos de Bèze, Musigny und Chambolle-Musigny Les Amoureuses, um nur einige zu nennen. Sein Handelshaus gründete Louis Henri Denis Jadot im Jahr 1859 in der burgundischen Wein­ hauptstadt Beaune, rund 30 Jahre nachdem die Familie ihren ersten Weinberg, den Clos des Ursules, gekauft hatte. Louis Jadot besitzt neben Clos des Ursules weitere über 200 Hek­ tar außergewöhnliche Lagen und verantwortet die Weinproduktion für so renommierte Wein­ güter wie die Domaine Duc de Magenta auf Château de Sully. n

FOTO: LOIUS JADOT

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Mistträger fördern Artenvielfalt Der Heimatverein „Lehmer Razejunge“ an der Terrassenmosel praktiziert Umweltschutz und Heimatkunde auf besondere Art. AUTORIN: HEIDI DIEHL

FOTO: HEIDI DIEHL

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Dass es zum Himmel stank, daran hatten sich die Männer und Kinder

längst

gewöhnt.

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schlimmer war, dass die schweren Kiepen voller Stallmist, der zur Düngung der Reben benötigt FOTO: HEIDI DIEHL

wurde, einen schier rückwärts den steilen Weinhang hinabziehen wollten. Nicht wenige der Weinberge an der Mosel haben 70 Prozent Steigung – acht bis zehn Mal am Tag stiegen die Erwachsenen mit 40 Kilo auf dem Rücken die bis zu 14 Terrassen hinauf. Kinder schleppten die Hälfte des Gewichts in ihrer Raz, wie die Kiepe aus geflochtenen Haselnussstöcken genannt wird. Das ging auf die Knochen und aufs Gemüt. Doch eine Wahl hatten die Leute aus Lehmen nicht – die Familien waren so arm, dass ihnen gar nichts anderes übrig blieb, wollten sie nicht verhungern. Viele Jahre war das im Winter Alltag an den Steilhängen,

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wenn die Männer ihrer eigentlichen Arbeit als Bruchsteinmaurer nicht nachgehen konnten.

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um ersten Mal erwähnt wurden die „Razejunge“ 1784 im Kirchbuch der Oberpfarrkirche zu Lehmen als „Mist­ träger im Weingarten der Kirche“. Die extrem steilen Weinhänge gibt es noch heute, doch längst werden die meisten nicht mehr mit Stallmist gedüngt. Nur der „Raze­ junge-Wingert“ macht da eine Ausnahme. Wie anno dazumal halten Männer – und auch einige Kinder – die Tradition lebendig und düngen, wie die Altvorderen, ihren Wein­ berg alle vier Jahre mit Stallmist. „So wollen wir Brauchtum und Kultur des traditionellen Weinbaus der Terrassenmosel fördern“, sagt Dieter Möhring, einer der Gründungsväter des Vereins „Lehmer Razejunge“.

Rund 14 Mal im Jahr muss man Hand an jeden Weinstock anlegen, soll am Ende eine gute Traubenernte herauskommen. Doch wäh­ rend man anderswo einen Teil der Arbeit mit Maschinen erledigen kann, ist in den Steilla­ gen der Mosel reine Handarbeit gefragt. Und schwindelfrei sollte man auch noch sein. Ein großes Problem allerdings bleibt: So fleißig der Winzer ist, die Verbuschung der Flächen geht so rasant vor sich, dass man sich schon einiges einfallen lassen muss. Anfangs wa­ ren die Razejunge wie die Detektive im Berg unterwegs: Sobald sich nur ein winziger Trieb von wilden Brombeeren blicken ließ, rissen sie ihn aus. Eine Sisyphusarbeit! Bis eines Ta­ ges der Zufall zu Hilfe kam.

Die Idee, die Tradition der „Mistträger“ neu zu beleben, ist das Ergebnis einer weinseligen Runde in den 70ern. Doch erst Anfang der 90er gründeten die Razejunge den Verein, der heute 30 Erwachsene und zehn Kinder zählt. Damals ergab sich auch die Gelegenheit, einen sich über 14 Terrassen ansteigenden 12 000 Quadratmeter großen, verwilderten Weinberg in der Lehmener Würzlay – eine von 30 ausgewiesenen „Historischen Wein­ baulandschaften der Mosel“ – zu überneh­ men. Seitdem tragen die Razejunge den Mist auf ihren eigenen Riesling-Weinberg. Doch am Anfang hieß es erst einmal, aus der Wild­ nis wieder einen Weingarten zu machen. Er war von wilden Brombeerbüschen komplett zugewachsen, die noch vorhandenen, mehr als 50-jährigen knorrigen Weinstöcke hatten darunter keine Chance und mussten gerodet werden. Die Razejunge reparierten die jahr­ hundertealten Trockenmauern, setzten 800 Reben und schleppten wie in alten Zeiten Mist als Dünger in den Berg.

Einer der Razejunge erfuhr aus einer Fach­ zeitschrift, dass Lavendel helfen kann, Ver­ buschung zu unterdrücken. Der Verein kaufte 3200 Pflanzen, pflanzte sie im Berg, hegte und pflegte sie. Innerhalb von zwei Jahren wuch­ sen sie zu prächtigen Büschen heran. Nicht nur, dass sie der Verbuschung Einhalt gebo­ ten, sie lockten auch viele Schmetterlingsar­ ten, darunter den sehr seltenen Apollofalter, Hummeln, Wildbienen und Reptilien an. Auch zwei Bienenvölker fühlen sich inzwischen wohl im Berg und sorgen nicht nur für eine gute Honigernte, sondern auch dafür, dass 60 Weinbergspfirsichbäume und zehn Feigen­ bäume reichlich Früchte tragen. Laut Hobby­ winzer Willi Unschuld, der die Bienenvölker betreut, sind es die einzigen in Deutschland, die Lavendelhonig produzieren. „In diesem Sommer haben sie sehr gut gehonigt“, sagt er voller Stolz. 36 Kilogramm konnte er ernten. Zu kaufen gibt es die Rarität beim Bäcker und beim Friseur in Lehmen. Ebenso die 40 Kilo­ gramm Wildkräuterhonig, für den die Bienen

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im Frühjahr im Weinberg unterwegs sind, um Pollen und Nektar von den 160 wild wachsen­ den und 60 weiteren mediterranen Kräuter­ sorten zu sammeln, die die Razejunge in den letzten Jahren entlang eines Weinberg-Erleb­ nispfades angebaut haben. Auf diesem sind sie regelmäßig mit Schulklas­ sen unterwegs, um die Kinder für die Natur und ihren Schutz zu sensibilisieren. Seit 2017 gibt es eine Kooperation mit der Grundschule „Sankt Georg“ in Lehmen. Regelmäßig kom­ men die Schüler zum praktischen Unterricht in den Weinberg und helfen bei der Pflege und Ernte. Eine Win-win-Situation für beide Seiten: Die Kinder lernen vieles über Flora, Fauna sowie Naturschutz und werden mit den Traditionen ihrer Heimat vertraut ge­ macht, die Razejunge geben fast spielerisch den heimatkundlichen Staffelstab weiter und gewinnen im besten Fall auch Nachwuchs für den Verein und den Winzerberuf. Für sein eh­ renamtliches Engagement erhielt der Verein schon zahlreiche Umwelt- und Klimaschutz­ auszeichnungen. Direkt am Razejunge-Wingert vorbei führt der Moselradweg. Um viele zum Verweilen an dieser„Arche“ einzuladen, haben die Ver­ einsmitglieder am Fuße des Weinbergs einen Rastplatz mit Rebenpergola, Ruhebänken und einer Relaxliege eingerichtet. Insbesondere

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im Sommer, wenn der Lavendel in voller Blüte steht, nehmen Radfahrer und Wanderer die Einladung zu einer Pause gern an. Dann stre­ cken sie sich für einen Moment aus und ge­ nießen die Pracht mit allen Sinnen.

Lesetipp: Der Buchautor Stefan Gemmel, selbst ein Razejung, hat zum Thema ein Kinderbuch geschrieben, das auch für Erwachsene interessant ist. Es macht neugierig auf die Kulturlandschaft der Terrassenmosel und die Arbeit der Razejunge. „Der Schatz der Herzensjungen“ ist im Verlag edition zweihorn, Neureichenau erschienen und kostet 11,90 Euro.

RAZEJUNGE

FOTO: HEIDI DIEHL

FOTO: HEIDI DIEHL

Infos Lehmer Razejunge: www.lehmer-razejunge.de

Im Hochsommer wird der Lavendel geerntet und zu zahlreichen Produkten verarbeitet. Rund ein Liter bestes Lavendelöl konnte im vergangenen Jahr aus 100 Kilogramm Blüten und Stängeln gewonnen werden. Was nach wenig klingt, reicht aber für ziemlich viel, wenn man bedenkt, dass für einen Liter La­ vendellikör nur ein paar Tropfen benötigt werden. Auch das bei der Destillation des Öls entstehende Lavendelwasser ist keines­ falls Abfall, sondern ein hervorragendes Mit­ tel gegen Sonnenbrand und zur Heilung von Schürfwunden. Ein Teil der Ernte wird zu La­ vendeltee, Lavendelzucker und duftenden Lavendelsäckchen verarbeitet. Und was wird aus den Trauben, die im Herbst von den 800 Weinstöcken gelesen werden? In einem nahe gelegenen Weingut gekeltert, kann man zur Eröffnung des Lehmer Weinfestes den edlen Tropfen bei der seit 2008 zur Tradition gewor­ denen „Razejunge-Weinprobe“ verkosten. Damit die Qualität bleibt, wie sie ist, hieven die Vereinsmitglieder auch in Zukunft die Raz auf den Rücken und schleppen alle vier Jahre Mist den steilen Berg hinauf. n

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DAS WEINGUT MIT MEHREREN NEBENGEBÄUDEN IM STIL DER BACKSTEINGOTIK. (FOTO: WINNICE JAWOREK)

Von Visionären und einer wiederbelebten vinophilen Tradition AUTORIN: HEIDI DIEHL 54

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Zu Besuch im polnischen Weingut Jaworek vor den Toren Wroclaws. „Am Mute hängt der Erfolg“, gab Theodor Fontane der Nachwelt mit auf den Weg. Fast könnte man meinen, er hätte einen Blick in eine Zeit geworfen, die er nicht mehr erlebte. Und er wäre auf seinen Wanderungen kurz auf Abwegen gewesen, um jenseits der Brandenburger Grenzen im heutigen Polen bei Eva und Lech Jaworek vorbeizuschauen.

M

ut hatten Eva und Lech Jaworek, als sie sich 2001 entschlossen, in der knapp 16 000 Einwohner zählenden Gemeinde Miękinia (deutsch: Nimkau) rund 27 Kilo­ meter von Wroclaw (deutsch: Breslau) ent­ fernt, das erste professionelle Weingut Polens zu gründen. Ein Experiment mit ungewissem Ausgang, doch ihr Mut wurde belohnt: Bereits acht Jahre später gehörten sie zu den Ersten, die ihren Wein offiziell in Polen verkaufen durften. 2012 erhielten sie das Zertifikat des Europäischen Netzwerkes für regionales kuli­ narisches Erbe der Europäischen Union, und seit 2015 ist das Weingut Jaworek auch im Gault & Millau Polska gelistet. Von so einem Erfolg haben Eva und Lech Ja­ worek, die sich mit dem Weingut einen Le­ benstraum erfüllten, nicht einmal zu träumen gewagt, als sie 2001 die ersten Reben pflanz­ ten. Der Boden auf 500 Meter Seehöhe ist al­ les andere als einfach – Lehm, Kies und Sand, an vielen Stellen alles bunt gemischt. Auch

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das Klima ist in Polen nicht ganz ohne: Es gibt starke Temperaturschwankungen im Tagesund Jahresverlauf, Frost und Hagel bergen ein Risiko während des Winters, aber auch im Frühjahr. Wegen des kühlen Klimas haben die Trauben – verglichen mit jenen aus südliche­ ren Ländern – niedrigeren Zuckergehalt und höhere Säure. Um passende Rebsorten herauszufinden, experimentierten die Weinbauern auf den rund 12,5 Hektar (heute 15 Hektar) rund um Miękinia und weiteren 3,5 Hektar nahe dem niederschlesischen Dorf Wińsko (deutsch: Winzig) nach dem Prinzip „Versuch und Irr­ tum“. 30 verschiedene Sorten wurden gesetzt und genau beobachtet. Am Ende blieben 15 übrig, darunter Riesling, Gewürztraminer, Auxerrois, Pinot Noir, Regent, Chardonnay, Zweigelt, Grauburgunder und Solaris. Heute erzeugt das Weingut Jaworek jährlich rund 40 000 Liter Wein, damit ist es international gesehen zwar ein Zwerg, in Polen aber gehört es mengenmäßig zu den drei größten.

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TYPIZITÄT POLNISCHER WEINE Seit gut einem Jahr ist Gniewko Drewnicki Kellermeister auf dem Weingut. Auch für den 35-Jährigen ging damit ein Traum in Er­ füllung. Ursprünglich unterrichtete er Schü­ ler in der englischen Sprache, schulte dann zum Braumeister um, bevor er sich ganz dem Wein verschrieb. Stolz führt er seine Gäste durch den Weinkeller. Die Roten, sagt er, reifen in Eichenfässern aus Frankreich und Deutschland heran. Das Besondere der Jawo­ rek-Weine sei die zweite Fermentierung im Fass. „Die polnischen Weine sind aufgrund der klimatischen Bedingungen sehr herb. Die zweite Fermentierung, die über zwei bis drei Wochen bei 25 Grad Celsius erfolgt, macht die Weine im Geschmack milder“, erklärt er. Neben verschiedenen Rot-, Weiß- und Ro­ séweinen gibt es im Weingut Jaworek auch eine ganz besondere polnische Spezialität: Trinkhonig. Der süffige, süße, aromatische Honigwein reift bis zu acht Jahren im Fass, ehe er in Flaschen abgefüllt wird. Auf der Zunge ist er eine Offenbarung und der ideale Begleiter zu kräftigem Käse oder einem sü­ ßen Dessert. Künftig soll die Produktpalette durch eine „knochentrockene“ Sekt-Cuvée, Brandy und Whisky komplettiert werden. Die dafür not­ wendige Anlage von der Firma Kothe Destil­ lationstechnik aus Eislingen in Baden-Würt­ temberg ist bereits gekauft und soll in diesem Jahr erstmals in Gang gesetzt werden. Auch wenn die grundsoliden Weine von Eva und Lech Jaworek qualitativ die internationa­ le Bühne noch nicht rocken können, optisch

spielen sie auf jeden Fall in der Champions League mit. Jedes Etikett ist ein absoluter Hingucker und ein kleines Meisterwerk. Gestaltet hat sie der Wroclawer Maler und Kunstprofessor Eugeniusz Józefowski, ein langjähriger Freund der Weingutsbesitzer. Für jeden Wein lässt er sich ein neues Mo­ tiv einfallen. Beim Anblick der Flaschen lässt man sich gern zum Kauf verführen, wenn­ gleich die Weine im Verhältnis zu denen aus anderen Ländern nicht ganz preiswert sind: Zwischen 40 und 120 Zloty (9 bis 26 Euro) muss man für die Raritäten bezahlen. Einen Versuch sind sie aber auf jeden Fall wert. Verkauft werden die Rebensäfte in ausge­ wählten Läden und Restaurants in Polen, doch das meiste geht über den Tresen des eigenen Weinguts.

WEINGUT JAWOREK – ZIEL FÜR GENIESSER JEGLICHER COULEUR Wer will, kann die Weine bei Verkostungen vor Ort im schmucken Gutsrestaurant tes­ ten. Das bietet neben der Weinauswahl eine frische Küche, die sowohl auf regionale als auch auf internationale Gerichte setzt. Gut gefällt, dass auf der Speisekarte zu jedem Gericht ein passender Wein empfohlen wird. Außerdem können Genießer jeglicher Cou­ leur die Idylle des von den Besitzern liebe­ voll sanierten Landgutes aus dem 18. Jahr­ hundert auch länger genießen. 13 Zimmer und Appartements, jedes nach einer Reb­ sorte benannt und gemütlich eingerichtet, bieten den Gästen alles, was sie für eine ge­ nüssliche Auszeit brauchen. Gern wird das Weingut auch für Hochzeiten gebucht. Die

FOTO: WINNICE JAWOREK

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Nähe zu Wroclaw und eine gute Bahnanbin­ dung machen es auch zu einem beliebten Ausflugsziel der Großstädter. In 20 Minuten Fahrzeit ist es bequem mit der Regionalbahn zu erreichen. Darüber hinaus ist das Haus Jaworek auch eine Station der Niederschle­ sischen Wein- und Bierroute, die rund drei Dutzend Weingüter und kleine Brauereien um Wroclaw erfasst.

POLENS WEINBAUTRADITION Auch wenn kaum jemand Weinanbau und Polen in einen Zusammenhang bringt, gibt es eine lange Tradition, die bis ins 13. Jahr­ hundert zurückreicht, als Zisterziensermön­ che bei Zielona Góra (Grünberg) die ersten Reben pflanzten. In dieser Region wuchsen bis vor 200 Jahren noch Reben auf 1700 Hek­ tar. In Grünberg, knapp 200 Kilometer von Berlin entfernt, wurde auch die erste deutsche Sektfabrik Grempler & Co. gegründet. 800 000 Flaschen „Sprudelwasser“ aus ein­ heimischen Trauben traten ab 1826 von hier aus ihre Reise in alle Welt an. Bis 1945 – da war nicht nur Schluss mit dem Grünberger „Champagner“, sondern mit dem Weinan­ bau in Polen überhaupt. Ignoranz der neuen Machthaber und die Tatsache, dass Impor­ te preiswerter waren als die Produktion im eigenen Land, brachten den Weinanbau zum Erliegen. Aus den Weinbergen wurden Gemüsegärten, Baugrundstücke und Obst­ plantagen. Erst in den 1990er-Jahren wur­ den die ersten zwei Hektar neu bepflanzt, heute sind es landesweit wieder rund 620 Hektar. 2005 erkannte die EU Polen wieder als Weinland an. Die beliebtesten Rebsorten

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sind Riesling, Chardonnay, Gewürztraminer, Grauburgunder, Sylvaner, Seyval Blanc, Bian­ ca, Musca, Regent und Rondo. Viele Jahre lang war es den Winzern offiziell verboten, ihre Weine zu verkaufen. 2002 erar­ beitete die Regierung ein nationales Weinge­ setz, das 2008 endlich verabschiedet wurde. Darin festgelegt ist die Pflicht, jede Flasche mit einer Steuerbanderole zu versehen, um die ordnungsgemäße Abwicklung und Her­ kunft zu garantieren. Ohne diese Banderole – die dem Winzer nur bei Einhaltung bestimm­ ter Qualitätsvorschriften ausgehändigt wird – ist der Verkauf des Weins nicht erlaubt.

KELLERMEISTER BEI DER WINNICE JAWOREK IST GNIEWKO DREWNICKI. (FOTO: WINNICE JAWOREK)

Inzwischen wird – auch durch den Klimawan­ del bedingt – in fast allen Regionen Polens Wein angebaut. Die rund 620 Hektar vertei­ len sich auf circa 500 Weingüter, davon be­ treiben etwa 330 haupt- oder nebenberuflich Weinbau. Die meisten Weingüter befinden sich in den südöstlichen Regionen Małopolska (Kleinpolen) und Podkarpackie (Karpaten­ vorland), die wenigsten im Nordosten (Pom­ mern, Masuren, Podlasie). Von den Flächen liegt Lubuskie (Lebuser Land) rund um Ziel­ ona Góra (Grünberg) mit rund 140 Hektar an der Spitze, gefolgt von Dolnośląskie (Nieder­ schlesien) mit gut 80 Hektar. Die flächenmä­ ßig größten Weingüter sind die Weinbauge­ nossenschaft bei Zabór im Lebuser Land mit etwa 33 Hektar, gefolgt von dem Weingut Turnau südlich von Szczecin (Stettin) mit 28 und Srebrna Góra bei Kraków (Krakau) mit 26 Hektar. Das Weingut Jaworek liegt mit 18,5 Hektar auf Platz 4. Von den Mengen entfallen polenweit gut 60 Prozent auf weiße und der Rest auf rote Trauben. Bei den Sorten liegen Solaris und Regent vorn. n

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Vom Medienprojekt zur Weintalkshow AUTORINNEN: EMILY HESS, CHARLOTTE WEIHL, MARLEEN EBLING

Dezember 2020 erstes Kick-off-Meeting von 6glasses1bottle

Geisenheimer Studenten berichten

I FOTOS: UNIVERSITÄT GEISENHEIM

m Herbst 2020 startete unser Team, bestehend aus Marleen (Studentin Weinbau und Oenologie), Char­ lotte und Emily (Studentinnen Internationale Wein­ wirtschaft), zusammen mit vielen anderen Studenten der Hochschule Geisenheim in unser erstes „CoronaSemester“. Mit dem Ziel, den Bachelor of Science zu er­ langen, mussten wir auch die Hürde des Moduls Infor­ mationstechnologie meistern. Dieses setzte sich unter anderem aus Vorlesungen des IT-Bereiches und dem praktischen Medienprojekt zusammen. Hier ging es da­ rum, als Gruppe (ca. 15 Personen) ein Konzept zu planen und umzusetzen, das sich mit dem Thema der ständig wachsenden Medien beschäftigt. Studierende der Studi­ engänge WOB, IWW und GT konnten zwischen verschie­ denen Projekten wählen, die jeweils von erfahrenen Per­ sonen aus der Medienbranche begleitet wurden. Unter der Qual der Wahl entschieden wir drei uns schließ­ lich für das Projekt 6glasses1bottle unter der Leitung von Dipl.-Ing. Robert Lönarz. Besonders gut hat uns dabei ge­ fallen, dass wir relativ viel Spielraum bei der Umsetzung hatten und unsere eigenen Ideen miteinbringen konnten.

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Eine digitale Weintalkshow live aus dem Unikeller mit sechs Gästen und einer Flasche Wein soll produziert werden, denn sechs Gläser und eine Flasche entsprechen genau der Länge, die man braucht, um den Corona-Abstand gewährleisten zu können.

Vorschläge zur Auswahl der Gäste wurden gesammelt und kurz darauf gingen schon die ersten Anfragen per Mail raus. Große Zu­ gewinne waren die Brüder Marcel und Ma­ rius des Weinguts Dillmann, SWR-Moderator Martin Seidler, Ernst-Georg Hahn von Staatl. Fachingen und der TV-Star Günther Jauch. Während sich ein Teil der Projektgruppe um die Gästekommunikation und Organisation kümmerte, schlugen die Social Media-Zu­ ständigen fleißig die Werbetrommel auf dem eigenen Instagram-Account #6glasses1bott­ le, um die Zuschauer neugierig zu machen. Das Weingut der Hochschule Geisenheim lie­ ferte den Wein (natürlich ein Riesling!), den wir zusammen mit den Gästen in der Show verkosten würden.

Um so viele Zuschauer wie möglich zu er­ reichen, entschied sich das Technikteam für einen Livestream von Zoom über YouTube als einfachste Lösung. Am 25. Januar war es dann so weit. Mit unserem Moderatoren­ team Charlotte und Marleen gingen wir live auf Sendung, und das mit Erfolg! Über 400 Zuschauer verfolgten gemeinsam mit uns den spannenden Austausch der Gäste. Die eingebaute Live-Chat-Funktion wurde dabei nur zu gern genutzt, per Kommentar inter­ agierten die Interessierten mit den Profis und konnten eigene Fragen einbringen.

Die Brüder Marcel und Marius vom Weingut Dillmann sorgten für gute Stimmung und erzählten über ihre Arbeit als Winzer, Ernst-Georg Hahn machte auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie in der Gastronomieund Wasserbranche aufmerksam. Moderator Martin Seidler verriet, warum beim Fernsehen heute im Vergleich zu vergangenen Zeiten viel mehr Wasser als Wein getrunken wird. TV-Urgestein Günther Jauch zeigte sich natürlich und bodenständig und erzählte über die Erfahrungen mit seinem Weingut von Othegraven.

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Nach der Folge war die Stimmung innerhalb unserer Organisatorengruppe super. Wir waren glücklich, dass der ganze Abend reibungslos verlaufen ist und durften uns über tolles Feedback freuen. Darunter auch Presseberichte, unter anderem im Rheingau Echo und im Wiesbadener Kurier. Aber nicht nur das: Alle Studentengruppen stellten am Ende ihr Projekt und die Arbeit dahinter genauer vor, denn in jedem Jahr wird der „Goldene Wingertsknorzen“ der Hochschule Geisenheim verliehen. Nach der Abstimmung durfte sich unsere Projektgruppe stolzer Besitzer dieses Preises nennen und wir bekamen auch ein kleines Preisgeld.

Kurze Zeit später meldete sich unser Projekt­ leiter Robert Lönarz bei uns mit der guten Nachricht, das erfolgreiche Projekt in die nächste Runde zu bringen, und fragte nach, wer Interesse hätte, weiter dabei zu sein. Für uns drei war klar: Wir möchten 6glasses­ 1bottle weiterführen! Als Trio wurde uns die wichtige Aufgabe der studentischen Redak­ tion überlassen und wir freuten uns, „krea­ tiver Kopf“ des Revivals der Weintalkshow zu werden. Mittlerweile haben wir glückli­ cherweise mit Annika und Paul Zuwachs in unserer Redaktion bekommen, da es an Vor­ bereitung, Redaktions- und Marketingaufga­ ben nicht mangelt und wir für jede helfende Hand dankbar sind. Ebenfalls mit an Bord: Martin Seidler (Mo­ deration), Wolfgang Junglas (Chefredakteur), Woody (Foto & Streaming), Alexander (Web­ site & Grafikdesign) und natürlich Projektlei­ ter Robert Lönarz. Für uns war es eine große Chance, einmal in die professionelle Welt des Showbusiness

hineinzuschnuppern und von den „Großen“ zu lernen. Es gab natürlich anfangs, wie bei jedem Start-up, Hürden bei Aufbau und Or­ ganisation unserer eigenen „Marke“ zu über­ winden, aber gemeinsam haben wir auch das geschafft und dabei viel Erfahrung mit­ genommen. Das Konzept sollte das Gleiche bleiben, nur mit einem klareren Ziel: 66 Folgen durch die Weinregionen dieser Welt! Erster Halt sollte der Rheingau sein, Heimatregion des Ries­ lings und der Hochschule Geisenheim. Es wurde nach einem Datum gesucht und über mögliche Gäste nachgedacht. Unser Such­ schema: ein/e Winzer/in, ein/e Weinfach­ frau/-mann, ein Koch/eine Köchin, ein VIP und ein „bunter Hund“, der für seine Region brennt.

Schon bald wurden die ersten Anfragen versendet und schnell hatten wir unsere kleine Runde für die Rheingau-Folge zusammen. Alle trafen wir uns regelmäßig per Zoom-Meetings und entschieden über die nächsten Schritte, die Gestaltung der Folge und Webseite, die Art der Ausstrahlung, Werbemittel und vieles mehr. Unser Projektleiter übernahm dabei die Suche nach den Sponsoren, da der technische Aufwand doch einiges abverlangte. An diesem Punkt danken wir auch nochmals Safer Salmon, Zwiesel Glas und Staatl. Fachingen für ihre Unterstützung bei diesem einzigartigen Projekt! Woody veranstaltete ein kleines Fotoshooting mit uns. Alles musste perfekt passen. Stimmt das Licht? Den Kopf vielleicht doch noch ein wenig zur Seite … Da fehlt noch etwas Puder! Und jetzt bitte ein natürliches, authentisches und ausdrucksstarkes Lächeln!

FOTO: UNIVERSITÄT GEISENHEIM

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Alexander kümmerte sich um die grafische Gestaltung unserer eigenen Webseite. Nach und nach füllten wir diese mit Ideen, Inhal­ ten und Bildern. Als studentische Redaktion arbeiteten wir dort mit ihm zusammen und halfen beim inhaltlichen Aufbau. Außerdem schrieben wir Texte, übernahmen Recher­ chen und hielten die Gäste über den weiteren Verlauf der Folge auf dem Laufenden. Zu den Kernaufgaben unseres Teams gehören außer­ dem die Bespielung der Social Media-Kanäle auf Instagram und Facebook. Heute können wir stolz behaupten, dass sich die Zahl unse­ rer Follower mindestens verdoppelt hat.

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Am 15. April hieß es dann: 6glasses1bottle – Klappe, die Zweite! An diesem Abend konnten wir uns endlich alle zusammen zum ersten Mal an einem Ort sehen. Die Ausstrahlung sollte erneut aus dem Unikeller erfolgen, mit unserem Moderator Martin Seidler als „einziges von sechs Gläsern“ vor Ort. Charlotte und Marleen bauten das Equipment für ihre Chatmoderation auf und Woody, der bereits seit einigen Stunden am Aufbau war, machte noch die letzten Check-ups. Die ersten Gäste trudelten langsam im Zoom-Meeting ein, die Einstellungen für Kamera und Ton wurden ein letztes Mal angepasst. Eine Minute bis zur Live-Show! Woody zählte runter … und 3, 2, 1 … „Ich begrüße Sie, meine Damen und Herren, zu unserer Weintalkshow 6glasses1bottle …“

FOTO: UNIVERSITÄT GEISENHEIM

66 Minuten später geht das Licht der Kamera aus und wir können erleichtert aufatmen. Wir freuen uns, eine tolle Show mit unseren Gäs­ ten Theresa Breuer, Natalie Lumpp, Ralf Za­ cherl, Ingo Zamperoni und Michael Apitz auf die Beine gestellt zu haben und einen Teil des Rheingaus und seine Persönlichkeiten präsen­ tieren zu können. Diesen Abend ließen wir ge­ meinsam entspannt ausklingen. Zur Feier des gelungenen Abends gab es Champagner!

Natürlich bleiben Stresssituationen, Fehler und Missverständnisse nicht aus, wenn es um die Umsetzung einer professionellen Live-Show geht. Doch dann ist es noch schöner für uns, dass unsere intensive Arbeit Früchte trägt, von anderen wohlwollend aufgenommen wird und wir den Zuschauern eine interessante Unterhaltungssendung bieten können. Das Feedback war großartig! Und für uns Studenten, die vielleicht noch nicht viel Erfahrung in diesem Business haben, ist es ein erstaunlicher Moment, zu sehen, was man schaffen kann, auch wenn man es sich vielleicht nicht zugetraut hat. Es ist schön, die Entwicklung unseres Medienprojektes zur Weintalkshow live miterleben zu können und dabei so viel mitzunehmen! Wir sind bereits mitten in den Vorbereitungen für die nächste Sendung und freuen uns bereits jetzt auf die Baden-Show mit Ihnen am 14. November um 18 Uhr. Save the Date! n

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Noilly Prat – mehr als Wein? AUTOR: DR. MARTIN SACHSE-WEINERT FOTO: NOILLY PRAT

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Wein ist heutzutage ein Lebensmittel (wie andere auch), dessen Produktion und Vertrieb diversen gesetzlichen Regelungen unterworfen ist, die seinen Genuss ermöglichen bzw. verbessern sollen.

Wermut aus Südfrankreich

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Bekannt bei Genießern ist Noilly Prat aus Marseillan an der französischen Mittelmeer­ küste, vielleicht auch deshalb, weil der Wer­ mut aus der idyllischen Hafenstadt nicht nur gerne getrunken wird, sondern auch in zahl­ reichen Rezepten Verwendung findet. Gegründet wurde das Unternehmen Anfang des 19. Jahrhunderts von Joseph Noilly, der in Lyon einen Wein- und Spirituosenladen betrieb. 1828 folgte ihm sein Sohn Louis als Geschäftsführer, dessen Tochter Anne-Rosine 1844 Claude Prat heiratete, der 1843 in Mar­ seille ein Wermut-Unternehmen begründet hatte. Aus dieser Ehe ging 1855 das Gemein­ schaftsgeschäft Noilly Prat & Cie hervor, das bereits ein Jahr später seinen Markennamen registrieren ließ. 1859 eröffnete eine Filiale in Marseillan, um dort vor allem Kapazitäten für die Lagerung (und damit Alterung) der Fässer zu gewinnen.

ies gilt nicht minder für Varianten des Rebengetränks, deren Herstel­ lung im europäischen Wirtschaftsraum durch entsprechende supra­ nationale Verordnungen geregelt ist. So definiert die Verordnung Nr. 251/2014 des Europäischen Parlaments und des Europäischen Rats vom 26. Februar 2014 ein Getränk, das a) zusätzlich mit Alkohol versetzt worden ist und b) sein charakteristisches Aroma durch Ver­ wendung von Kräutern aus Artemisia-Arten erhält. Verwirrend? Ja, es sei denn, man weiß, dass es sich dabei um Wermut handelt, und

Nach dem Tod von Vater und Ehemann ge­ lang es Anne-Rosine, die Marke zu fulminan­ ten Erfolgen zu führen, begünstigt durch die Prämierung mit der Goldmedaille bei der Pariser Weltausstellung 1878. Um diesen Aufschwung weiterzuführen und aktuelle Geschmackstrends aufzugreifen, ergänzte Noilly Prat sein Angebot 1955 um die Sorte „Rouge“, 1986 durch die Variation „Ambré“.

man erinnert sich an dessen unverwechselbaren Geschmack – ein Beispiel aus Frankreich ist der Noilly Prat aus Marseillan.

Fakten und Reglements

Ebenso, wie es zahlreiche Einschränkungen und Vorschriften für ei­ nen in der Europäischen Union produzierten Wermut gibt, existieren auch diverse Kann-Bestimmungen, die es den Produzenten vor al­ lem in Italien und Frankreich ermöglichen, spezifische Getränke zu kreieren. So regelt ein Anhang der Verordnung genauer, dass das Endprodukt unter anderem aus einem oder mehreren Weinbauer­ zeugnissen gewonnen wird, mit Alkohol versetzt und gesüßt sowie mit teilweise vergorenem Traubenmost und sogar mit Farbstoffen versetzt sein kann. Zudem finden sich hier Aussagen zum Alkohol­ gehalt (14,5–22 %) und Zuckergehalt, der eine Bandbreite von „extra trocken“ (<30 g/l) über „trocken“ (<50 g/l), „halbtrocken“ (50–90 g/l) und „lieblich“ (90–130 g/l) bis zu „süß“ (ab 130 g/l) umfasst.

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Doch wie entsteht Wermut in Marseillan? Für den „Original Dry“ dauert dieser Prozess über 16 Monate, beginnend mit dem Ankauf von Wein(en) und der Zufügung von Alkohol. Auf „L’Enclos“, dem weitläufigen Gelände, werden die Fässer 12 Monate im Freien ge­ lagert, in den Sommermonaten berieselt von Wassersprenklern. Im Anschluss werden den Getränken die Kräuter und Gewürze hinzu­ gefügt, die für den unverwechselbaren Ge­ schmack sorgen. KRÄUTERMIXTUREN (FOTO: DR. MARTIN SACHSE-WEINERT)

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Das Angebot Vier verschiedene Sorten werden heute angeboten und können auch im Rahmen von Besichtigungen erstanden werden. Der „Original Dry“ enthält 20 verschiedene Kräuter und Gewürze, darunter Kamil­ le, Koriander, Bitterorangen und Holunderblüten, wobei die genaue Zusammen­ setzung wie bei den anderen Varianten geheim ist. Entsprechende „Aromaräder“ auf der Internetpräsenz des Unternehmens geben deshalb nur einen ungefähren Einblick und können das ganze Potenzial an Aromen nur unvollkommen wieder­ geben. Aussagekräftiger sind die „Geschmacksprofile“ mit einer Differenzierung in vier Ausprägungen (beim „Original Dry“ stehen florale Noten im Vordergrund). Der Alkoholgehalt beträgt 18 % bei immerhin 35 Gramm Zucker pro Liter. Der „Extra Dry“ (ebenfalls 18 % Alkohol) beinhaltet 14 Kräuter und Gewürze, wobei wiederum Kamille und Koriander die Hauptbestandteile sind, gefolgt von Wermutkraut (Bitterer Beifuß) und den Wurzeln der Iris. Er ist, wie sein Name bereits prognostiziert, trockener und etwas bitterer als der „originale“ Typ, wobei er ebenso viel Zucker enthält. Verwendung findet er häufig in einem klassischen Martini-Cocktail. Die Variante „Ambré“ (16 % Alkohol) ist mit 13 Kräutern und Gewürzen deutlich lieblicher angelegt, was sich aus der Auswahl ergibt: Hier stehen Vanille, Rosen­ knospen, Zimt und Koriander im Mittelpunkt, wobei die floralen Noten eher zum Würzigen tendieren. Der Zuckergehalt beträgt stolze 168 Gramm pro Liter. Schließlich hat Noilly Prat den „Rouge“ im Angebot (16 % Alkohol), der als Aperi­ tif oder Nachspeisenbegleiter (Schokoladendesserts) seine ganze Raffinesse aus­ spielt. Hier sind es insgesamt 29 Kräuter und Gewürze, die dem Wermut seinen ganz spezifischen Geschmack geben, an erster Stelle süße Orangen, Zimt, China­ rinde und Gewürznelken. Bei dieser Varietät ist das Geschmacksprofil am aus­ geglichensten, wobei 150 Gramm Zucker pro Liter einen deutlich harmonischen Ton generieren. Philippe Jouhaud, Marketingdirektor der Firma Bacardi, die zwischenzeitlich No­ illy Prat übernommen hat, weist darauf hin, dass bei all den unterschiedlichen Ingredienzien und Regelungen dennoch eine exakte Orientierung an den EU-Vor­ gaben erfolgt: „Je vous confirme donc bien que nos produits répondent donc parfaitement bien à la réglement européenne en la matière.“ (Übersetzung: Ich kann daher bestätigen, dass unsere Produkte mit den europäischen Vorschriften in diesem Bereich vollkommen übereinstimmen. Und dies gilt für die gesamte Produktpalette. Bei dieser Vielfalt an Geschmacksrichtungen und spezifischen, ja eigenwilligen Aromen findet jeder Connaisseur die ihm genehme Sorte. Nicht nur in den war­ men Sommermonaten vermag der Wermut auch in diversen Cocktails zu punk­ ten, beispielsweise in Kombination mit Champagner oder Kaffeelikör (https:// www.noillyprat.com/drinks/). FOTO: NOILLY PRAT

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Rezept und Weinempfehlung Natürlich existieren viele Rezepte, in denen Noilly Prat verwendet wird. Wir haben uns für eines von Gourmetkoch Ludwig Grieser aus Schrobenhausen entschieden und mit zwei Weinempfehlungen aus der Gegend um Mar­ seillan ergänzt. Viel Erfolg beim Nachkochen und Genießen!

vom Seeteufel mit zwei Saucen •(für 4Medaillons Personen, Zubereitungszeit ca. 50 Minuten, ca. 2680 kcal/11220 kJ)

•

Zutaten: je 200 g rote und gelbe Paprikascho­ ten in Würfeln, 5 EL Butter, 100m l Fischfond, 40 ml Noilly Prat, 400 ml Sahne, Salz, 1 Prise Zucker, weißer Pfeffer, 1 kg frischer Seeteufel, Zitronensaft, Mehl zum Bestäuben, 2 EL Olivenöl (1) Den roten und gelben Paprika getrennt in •2 Esslöffeln Butter andünsten und mit Fischfond und Noilly Prat ablöschen.

Saucen fast ganz einkochen lassen, die •Sahne(2) Die zu den Paprikaschoten geben, nochmals

Für die Weinbegleitung haben wir uns für einen Weißwein und einen Rosé aus dem Languedoc ent­ schieden.

Beim Rosé fiel unsere Wahl auf das Weingut Château La­ quirou und seinen „Sarriette“ aus dem Jahr 2020, der beim Concours Mondial Bruxelles 2021 die Silbermedaille er­ hielt. Er ist ein klassischer Vertreter seiner Art, gekeltert aus traditionellen La ClapeReben wie Syrah und Grena­ che. Die Aromen von roten Beeren, Mandeln und Kräu­ tern harmonieren perfekt zu den würzigen Noten der Fischsaucen auf der Basis von Noilly Prat. Der Wein ist trotz seiner ausgeprägten Terroir­ verbundenheit nicht zu wuch­ tig und damit wunderbar ge­ eignet, die südfranzösische Zubereitung des Seeteufels zu betonen.

etwa 5 Minuten köcheln lassen und mit Salz, Zu­ cker und Pfeffer abschmecken. zwei Saucen jeweils fein pürieren und •durch(3) Die ein Sieb streichen. der Paprika köchelt, den Seeteufel •völlig(4) Während von der schwarzen Haut befreien, waschen

FOTO: NOILLY PRAT

und die beiden Filets mit einem scharfen Messer vom Knorpel ablösen. dem Filet 16 Medaillons schneiden, mit •Salz(5) Aus und Zitronensaft würzen, leicht mit Mehl be­

stäuben und in Olivenöl und der restlichen Butter auf jeder Seite bei mittlerer Hitze etwa 2 ½ Minu­ ten braten. die vorgewärmten Teller einen Spiegel •von (6) Auf roter und gelber Paprikasauce gießen und die

Medaillons darauf anrichten. Dazu frisches Ba­ guette, Risotto oder Polenta reichen. (Rezept aus „Fisch. Frischer Fang aus Fluss und Meer“ von Ludwig Grieser mit freundlicher Ge­ nehmigung des Autors)

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Beim Weißwein entschie­ den wir uns für den 2019er „L’Épervier“ vom Weingut Château Pech Redon, ebenfalls in der Weinregion La Clape auf einem Felsmassiv gelegen, das unseren Stoßdämpfern einiges abverlangte, zumal nach dem erfolgreichen Einkauf. Auch dieser Wein ist bio-zertifiziert, die Cuvée aus Grenache blanc, Clarette, Picpoul, Bourbou­ lenc, Viognier, Roussanne und Marsanne betonte die floralen Noten des Gerichts und zeig­ te sich damit als gelungener Kompagnon des Seeteufels – auch hier wieder in harmo­ nischer Ergänzung der Noilly Prat-Saucen. n

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Wein und Religion – ein interkultureller Vergleich AUTOR: DR. MARTIN SACHSE-WEINERT

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PALACE HOTEL COMO (FOTO: DR. MARTIN SACHSE-WEINERT)

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RELIEF IM WEINBERG AM STEIN IN WÜRZBURG (FOTO: DR. MARTIN SACHSE-WEINERT)

Die Weinbruderschaft Franken wandelt auf innovativen Vortragswegen

Coronabedingt konnten in diesem Jahr kaum noch Ta­ gungen und Veranstaltungen in Präsenz stattfinden. Zu­ gleich steigt das Bedürfnis nach persönlichen Kontakten, nach gemeinsamen Treffen – kein Wunder also, dass auch der Vortrag „Wein und Religion – ein interkultureller Ver­ gleich“ auf ein neues Format ausweichen musste, um eine traditionelle Veranstaltungsreihe der Weinbruderschaft Franken fortsetzen bzw. wiederaufnehmen zu können. So traf man sich – mit den vorab zugesandten Weinen des Weinguts König aus Randersacker im Glas – abends vor dem Bildschirm, um die bereits lange zuvor geplante Prä­ sentation zu einem Thema genießen zu können, das den Rebensaft zu religiösen Schriften und Erfahrungen in Ver­ bindung setzt. Als Grundlage des Vortrags dienten vor al­ lem Hinweise auf „Wein“ in Texten altorientalischer Prove­ nienz (Judentum, Christentum, Islam). In buddhistischen und hinduistischen Zitaten fehlt häufig eine entsprechen­ de Benennung, es finden sich stattdessen generalisieren­ de Angaben wie „Alkohol“ oder „Branntwein“.

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1. Wein im Christentum

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m „Buch der Bücher“ können wir insge­ samt 173 Belegstellen finden, davon 134 Zitate im Alten Testament, 21 Erwähnun­ gen in den Apokryphen und 18 Nennun­ gen im Neuen Testament. Ob sich aus dieser statistischen Auswertung folgern lässt, dass im Verlauf der Zeit immer weniger Wein konsumiert wurde, kann hier nicht geklärt werden. „Wein“ steht damit jedenfalls an 298. Stelle der häufigsten Wörter im Alten Testa­ ment. Damit übertrifft es andere bedeutsame Wörter wie „Licht“ und „Kraft“ zahlenmäßig bei Weitem, ja sogar einen so zentralen Be­ griff wie „Gerechtigkeit“. Hintergründe zu be­ kannten Flaschengrößen konnten allerdings bislang nicht geklärt werden. Relativ einfach festzustellen ist, dass die erste Erwähnung des Rebensaftes im Buch Genesis erfolgt: „Noach wurde der erste Ackerbauer und pflanzte einen Weinberg.“ Damit ist Noah zugleich der weltweit erste Winzer, da er un­ mittelbar nach der Sintflut Reben anpflanzte. Dieser Vorgang dokumentiert die Bedeutung von Wein in der christlichen Tradition bei­ spielhaft, mag aber ganz praktische Gründe haben: Weinreben brachten schon nach drei Jahren Erträge, während der Olivenanbau sich erst nach sieben Jahren rechnete. Der Prophet Jesaja liegt mit immerhin 14 Er­ wähnungen rein zahlenmäßig an der Spitze. Insgesamt finden sich sowohl Warnungen (Prophet Hosea: „Wein und Most rauben den Verstand.“) als auch positive Empfehlungen bei einem – in der damaligen Zeit und Region verbreiteten – regelmäßigen, aber mäßigen Genuss: Wein sei gut und erfreue das Herz. Die Relevanz des Rebensaftes für theologi­ sche Deduktionen finden wir beispielswei­ se im bekannten „Gleichnis der Arbeiter im Weinberg“ dokumentiert.

In der Folge wurde auch auf Belege in der Se­ kundärliteratur eingegangen. So schreibt Pon­ tius Pilatus an den römischen Senator Pompo­ nius Flaccus: „In Kana erzählte mir einer der Hochzeitsgäste, der bei dem viel erörterten Weinwunder zugegen war, damals seien alle volltrunken gewesen: ‚Wir hätten nicht einmal die Braut von einem Maultier unterscheiden können, geschweige denn Wasser von Wein.‘“ Aufklärung scheint vonnöten im Hinblick auf den Spruch „Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang.“ Dieser ist nicht Martin Luther zuzuschreiben, sondern das Zitat wurde erst 1775 im „Wands­ becker Bothen“ von Matthias Claudius veröf­ fentlicht und darf mithin als eines der berühm­ testen apokryphen Luther-Zitate gelten.

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2. Das Judentum und der Wein

ie ersten Hinweise auf Wein im Talmud findet man im 6. Kapitel der Misch­ nah Berachot, wo der Rebensaft gleich mehrfach erwähnt wird, beispielswei­ se in Vers 5: „Hat man über den Wein vor der Mahlzeit den Segen gesprochen, so befreit man dadurch den Wein nach der Mahl­ zeit.“ Auch die jüdische Torah thematisiert den Rebensaft. So heißt es in 1. Mose 9, 2024: „Und Noach fing an ein Bauer zu werden und pflanzte einen Weinberg. Und er trank von dem Weine und wurde trunken, und er entblößte sich in seinem Zelte. Und Cham, der Vater Kanaans, sah die Blöße seines Vaters und berichtete es seinen beiden Brüdern draußen.“ Die darauf folgende Verfluchung Chams hat einen ganz konkreten, politisch motivierten

STEINSKULPTUR IN THÜNGERSHEIM AM RASTPLATZ CHRISTUNS IN DER KELTER (FOTO: DR. MARTIN SACHSE-WEINERT)

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Hintergrund: Noahs Söhne stehen für die me­ sopotamische bzw. syrische Welt (Sem), für Kleinasien bzw. die griechische Welt (Japhet) sowie für den afrikanischen Raum und Kanaan (Ham). Letztere Region umfasst Palästina, des­ sen Wurzeln damit verdammt werden – Grund für die Überlegenheit Israels. Dem entspricht, dass sich Israel als Jahwes Weinberg versteht – mithin eine auch heute noch politisch bedeut­ same Begründung für die Auserwähltheit des jüdischen Volkes. Überhaupt sind (Wein-)Trauben von existen­ zieller Bedeutung in Bezug auf die Differen­ zierung zwischen Gut und Böse: Im babylo­ nischen Talmud findet sich der Hinweis, die Vertreibung aus dem Paradies sei nicht auf den Verzehr eines Apfels, sondern auf den Genuss von Trauben zurückzuführen.

3. Kein Wein im Islam? In der Frühzeit des Islam wurde der Weinge­ nuss noch nicht verurteilt. Dattel-, Trauben-, Honigwein sowie alkoholische Getränke aus Weizen, Gerste und Hirse waren in frühislami­ scher Zeit im gesamten arabischen Raum be­ kannt, Weinschenken wurden gerne besucht. In einem frühen Text benennt der Koran die „Weinstöcke“ als Schöpfung Gottes: „Er ist es, der aus den Wolken Wasser hernieder kommen lässt [...] Damit lässt er das Getreide wachsen, und die Ölbäume, Dattelpalmen und Weinstö­ cke.“ Den Gläubigen werden im Paradies nicht nur Früchte und Fleisch versprochen, sondern auch „Ströme von Wasser, Milch, Wein und Honig“. Erläuterungen heben allerdings hervor,

dass der Wein des Paradieses nicht trunken machen könne. Später verurteilt der Koran ein Übermaß an berauschendem Getränk, bedingt wohl dadurch, dass die Gefährten des Prophe­ ten Trinkgelage abhielten und ihnen anschlie­ ßend Fehler im rituellen Gebet unterliefen. Als Gewährsmann für die Darstellung von Wein in der islamischen Belletristik mag der persische Autor Hafes gelten, der um 1320 geboren wurde. Von ihm kennen wir viele Ge­ dichte, die den Weingenuss thematisieren: „Gestern zechend, traumverloren, / hörte ich es pochen leis: / Klopfend an der Schenke To­ ren / standen – Engel still im Kreis. / Unsers Vaters Adam Asche / taten sie in den Pokal, / Ihr vermählend aus der Flasche / edlen Wei­ nes Purpurstrahl. / …“ Von besonderem Interesse ist nicht nur die freudvolle Erkenntnis, dass Engel Wein aus­ schenken. Interessant ist in Bezug auf die En­ gel oder sogenannten „Huris“ auch die neuere Forschung. Demnach wurden bei der Übertra­ gung des Koran aus dem Arabischen diverse Begriffe falsch gedeutet: Nicht „Jungfrauen“ warten demnach im Paradies auf uns, sondern „weiße, kristallklare Trauben“.

4. Wein im Hinduismus und Buddhismus Den Wein in seiner gekelterten Form finden wir in einem Kanon der hinduistischen Lite­ ratur. Hier heißt es zwar, dass Brahma und Krishna den Wein aufgrund seiner nachteili­ gen Effekte verdammt hätten. Allerdings gibt es Elemente der esoterischen Tantra-Tradi­ tion, die den Weingenuss gestatten. Dabei ist

MÜNCHEN, GEMÄLDE IN DER SCHACK-GALERIE (FOTO: DR. MARTIN SACHSE-WEINERT)

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auch eine leichte Form der Berauschtheit er­ laubt, da diese den Gläubigen näher zu Gott bringt – ebenso wie der Gebrauch von „Bhang“ (Cannabis). Für den Buddhismus sei beispielhaft auf das Hauptregelwerk der buddhistischen Mönche verwiesen. Hier existiert ein Kodex, der dem der Zehn Gebote vergleichbar ist. Er verbie­ tet unter anderem das Töten, die Unkeusch­ heit und das Trinken von Bier oder Wein be­ ziehungsweise Alkohol, die eine Grundlage für Rausch und Unachtsamkeit seien.

5. Weinheilige, nicht Scheinheilige Auch Heilige gründen ihre Bekanntheit manch­ mal auf Wein. So wurde der Legende nach der heilige Theonest, der um 420 Bischof von Mainz war, aufgrund seines Glaubens gefoltert und in einem Fass (Kufe) mit gärenden Trau­ ben im Rhein ausgesetzt. Theonest gelobte, an der Stelle, wo er angeschwemmt werde, Wein anzubauen. Und da die Kufe auf Lateinisch „cupa“ heißt, entwickelte sich daraus der heu­ tige Ortsname „Kaub“. Der heilige Urban verdankt seinen Titel als Schutzpatron der Winzer wohl seinem – histo­ risch nicht belegbaren – Dekret, für das Abend­ mahl dürfe nur ein garantiert reiner Wein aus silbernen Kelchen getrunken werden. Aller­ dings wird er, bekannt als Papst Urban I., hier mit Urban von Langres verwechselt, der sich vor seinen Verfolgern erfolgreich hinter einem Weinstock verbarg.

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ENGEL MIT WEINFLASCHEN - AUSHÄNGESCHILD IN ERLABRUNN (FOTO: DR. MARTIN SACHSE-WEINERT)

Schließlich ist der Apostel Johannes zu nen­ nen. Er bekehrte einen Heiden, indem er einen Giftbecher leerte wie einen Schoppen Wein – ohne Schaden zu nehmen. Also ist auch der Jo­ hannisberg im Rheingau eine der besten Wein­ lagen der Gegend. Heinrich Heine merkt dazu an: „Mon dieu! wenn ich doch so viel Glauben in mir hätte, daß ich Berge versetzen könnte – der Johannisberg wäre just derjenige Berg, den ich mir überall nachkommen ließe.“ Eine Tradition im Zusammenhang mit Johanniswein verbot die katholische Kirche im Lauf der Zeit: Üblich war es, dass in den Weindörfern das Trauergefolge mit dem Sarg vor jedem Hause hielt, um einen Becher zu leeren – mit entspre­ chenden Folgen bei der Ankunft am Friedhof.

6. Abgang Was bleibt als Erkenntnis? Wein ist von es­ senzieller Bedeutung: nicht nur vor allem in der christlichen Religion, sondern auch, um in schwierigen Zeiten Gemeinschaft zu stiften – und wenn dies nur im Rahmen einer Video­ konferenz ist. Dabei ist freilich festzuhalten, dass sich dieses Format gegenüber einem LiveAuftritt kaum durchsetzen wird: Sowohl die fehlende direkte Interaktion mit dem Publikum als auch das gesellige, nicht virtuelle Zusam­ mensein machen einen realen Vortrag doch weiterhin zu einem besonderen Erlebnis. Der Autor steht deshalb gerne für entsprechende Einladungen zur Verfügung ... n

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„Einheit“ findet Heimat auf Schloss Proschwitz

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an fühlte sich fast an den Satz von Willy Brandt beim Fall der Mauer erinnert: „Jetzt wächst zusammen, was zu­ sammengehört.“ Ort des Ge­ schehens war die neue Vinothek des Wein­ gutes Schloss Proschwitz, wo Hausherr Dr. Georg Prinz zur Lippe, 2020 von der Wein­ feder zur „Weinpersönlichkeit des Jahres“ gekürt, ein großformatiges Gemälde des Rheingauer Künstlers Michael Apitz ent­ hüllte. Das Werk ist „Einheit“ betitelt und zeigt auf zwei großen Leinwänden Teile eines aufeinander zustrebenden Weinber­ ges (symbolisch für die zwei Teile Deutsch­ lands, die wieder zueinander finden muss­ ten). Die Farben – klar doch – sind Schwarz, Rot und Gold.

Begleitet wurde das Gemälde im vergange­ nen Jahr von einem Riesling-Einheitswein aus den Gütern Spreitzer (Rheingau) und Pawis (Saale-Unstrut). Diese Aktivität war der Weinfeder im Herbst 2020 den „Preis der Deutschen Weinkritik“ wert. Bei der Veranstaltung lernten sich Georg Prinz zur Lippe und Michael Apitz kennen. Bald da­

AUTOR: R U D O L F K N O L L nach nahm die Idee des Gutsbesitzers, das Gemälde in seinen Betrieb zu integrieren, feste Formen an. „Es soll sinnbildlich im­ mer wieder in Erinnerung rufen, wie glück­ lich wir sein dürfen, dass wir durch die friedliche Revolution von 1989 und die an­ schließende Wiedervereinigung die Chan­ ce bekamen, unser 1945 enteignetes Fami­ lienweingut wieder zu beleben“, erläuterte Prinz Georg zur Lippe. „Wir sind glücklich, dass es uns gelungen ist, dieses Bild zu er­ werben und nach Sachsen zu holen. Es hat hier seinen idealen Platz gefunden.“ Mit der Eröffnung der Vinothek im ehema­ ligen Dienerhäuschen des Schlosses mach­ te das Weingut 31 Jahre nach dem mühe­ vollen Neustart einen weiteren wichtigen Schritt zu mehr Attraktivität für den Stand­ ort Proschwitz. Vorher befand sich die Ver­ kaufsstelle im einige Kilometer entfernten Örtchen Zadel im Gebäude der früheren Weinkellerei. Besucher, die im Schloss Pro­ schwitz Wein besorgen wollten, mussten bislang immer auf Zadel verwiesen wer­ den. Diese „Umstandskramerei“ ist jetzt Vergangenheit. n

FOTO: WEINGUT SCHLOSS PROSCHWITZ

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Neue „Wein Niederösterreich“ stärkt Wein und Winzer AUTOR: RED. WEINFEDER

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Mehr Umsatz, mehr Wertschöpfung und mehr Identität erwarten die Protagonisten von der neuen Dachmarke „Wein Niederösterreich.“ Anfang Juni fiel in Krems der Startschuss für die WNM Wein Niederösterreich Marketing GmbH – so die offizielle Bezeichnung der neuen Instanz für Winzer und Weine.

ie beiden Geschäftsführer Ulrike Hager und Kon­ rad Hackl wollen im Zusammenwirken mit den Winzern die Identität der Weine Niederöster­ reichs schärfen. „Die Dachmarke kann man sich als Haus vorstellen, einzelne Zimmer haben wir schon. Je größer das Haus ist, umso sichtbarer ist Nie­ derösterreich im Inland und Ausland. Wir haben charak­ tervolle Weingüter, vielschichtige Kultur, facettenreiche Gastronomie – eingebettet in eine wunderschöne Land­ schaft. Wir reihen diese Perlen unter der Dachmarke Wein Niederösterreich aneinander und knüpfen eine Wertschöpfungskette“, erläutern sie. Neben der Geschäftsführung gibt es auch einen Auf­ sichtsrat, dem Reinhard Zöchmann als Präsident des Weinbauverbands Niederösterreich vorsitzt. Die Auf­ gaben von „Wein Niederösterreich“ sind klar definiert: Die Weinherkunft, die Vermarktung und der Tourismus sollen gestärkt werden. Man will ein Prestige erreichen, um den Verkauf der Weine zu erleichtern, die Region at­ traktiver zu gestalten und damit langfristig Einnahmen zu generieren. Die Werkzeuge dazu sind vor allem Syn­ ergien, Vernetzung und gemeinsamer Marktauftritt. n

DAS „WEIN NIEDERÖSTERREICH“-TEAM: GESCHÄFTSFÜHRER DI KONRAD HACKL • AUFSICHTSRATSVORSITZENDER LKR ING. REINHARD ZÖCHMANN • GESCHÄFTSFÜHRERIN ULRIKE HAGER (FOTO: LK NIEDERÖSTERREICH/LEONARDO RAMIREZ)

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Wein in Niederösterreich Zahlen und Fakten Das Bundesland mit der größten Rebfläche umfasst rund 60 Prozent der österreichischen Gesamtrebfläche. Rund 28.000 Hekter sind mit Reben kultiviert. Diese teilen sich acht Weinbaugebiete: Thermenregion, Carnun­ tum, Weinviertel, Wachau, Kremstal, Kamp­ tal, Traisental, Wagram. Mit dem Weinviertel DAC ist Niederösterreisch die erste und äl­ teste DAC-Region. Produziert wird eine brei­ te Palette an Weintypen aus diversen Reb­ sorten und authochtonen Spezialitäten wie Zierfandler und Rotgipfler. 8250 Weingüter und Winzerfamilien sind in Niederösterreich registriert, die zusammen 150 Millionen Liter Wein pro Jahr produzieren, was 215 Millio­ nen Flaschen entspricht. Davon entfallen 75 Prozent auf Weißwein, 25 Prozent auf Rot­ wein und Rosé. Rund 14 Prozent des land­ wirtschaftlichen Produktionswertes werden in Niederösterreich durch den Weinbau er­ wirtschaftet – sowohl durch den Verkauf im Inland als auch durch den Export.

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