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Weinfeder Journal # 67

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EINZELAUSGABE 6 EURO • IM ABONNEMENT KOSTENFREI • EDITION #67 • JULI 2022

AUSLAND Simones Urknall Griechenland hat China im Blick

DEUTSCHLAND

LEKTÜRE

Spannende Bücher für den Sommer

ETHOS FRANKEN KLIMAWANDEL ARCHITEKTUR NACHHALTIGKEIT SCHATZKAMMER PROWEIN FAZIT VINOCAMP

FRANKREICH

SPÉCIAL

NEUE SERIE EU Weinrecht „N“ wie Naturwein 1

24 SPANNENDE WEINGESCHICHTEN


HERAUSGEBER Weinfeder e.V. Verband deutschsprachiger Weinpublizisten,

die internationalen Weinmessen im Frühjahr wurden in den abschließenden Pressemitteilungen als „erfolgreich“ bezeichnet. Erfolgreich im Jahr 2022 heißt: „Hurra, wir leben noch, wir sind wieder da!“ Gefühlt war alles etwas einfacher, bodenständiger – und leerer. Bei der inter­ nationalen Weinfachmesse PROWEIN in Düsseldorf im Mai fiel mir auf, dass die Ausstattung überall sehr rustikal war: Abgespeckte Ausstellungsstände, keine Teppiche auf den Laufwegen, sondern blanker Hallenboden. Vielleicht ist die neue Bescheidenheit gar nicht schlecht: Der Messehype der Vor-Coronazeit schien mir manchmal überzogen. Bei aller Wiedersehensfreude über die Rückkehr zu Präsenzmessen: Es könnte sich lohnen, bisherige Messekonzepte zu überarbeiten und um die digitale Kom­ ponente zu erweitern. Berührt hat mich bei der PROWEIN 2022 eine leere Wand: Von 16 angemeldeten Ausstellern aus der Ukraine schaffte es gerade mal einer nach Düsseldorf. Die reservierten Plätze daneben blieben leer. Zusammen mit der niederländischen Weinjournalistin Janna Rijpma habe ich eine Videoreportage für den FIJEV Wine Channel produziert – die Reportage ist hier zu sehen: youtube.com/c/FIJEVWineChannel Ich wünsche Ihnen einen schönen Sommer

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berg­­­weg 4, 65375 Oestrich-Winkel, Telefon: 06723-601902, Fax: 885546, E-Mail: office@weinfeder.de, Internet: www. weinfeder.de

IMPRESSUM

Liebe Leserinnen und Leser

1. Vorsitzender: Wolfgang Junglas, Weinfeder e.V., Bie­nen­

TITELFOTO Ilonka Scheuring (Ethos).

AUTOREN DIESER AUSGABE Michael Else, Marcel Friederich, Wolfgang Junglas, Rudolf Knoll, Horst Kröber, Robert Lönarz, Dr. Dolores Müller, Arthur Wirtzfeld

LEKTORAT Rudolf Knoll und Britta Binzer

LAYOUT • SATZ • SCHLUSSREDAKTION Arthur Wirtzfeld (ViSdPG Weinfeder e.V.) Telefon: 0931322460, redaktion@weinfeder.de

COPYRIGHT-HINWEIS Alle redaktionellen Beiträge im Weinfeder Journal werden in der Originalversion veröffentlicht. Für den Inhalt und die Ausformulierung der Texte sind allein die Autoren verant­ wortlich, die das alleinige Copyright für ihre Texte innehaben. Ein Nachdruck oder eine Veröffentlichung von Beiträgen im Internet, in sonstigen digitalen oder in Printmedien, auch auszugsweise, kann nur in Absprache mit den jeweiligen Autoren erfolgen. Gegen Honorar, das mit dem Autor zu vereinbaren ist, kann jeder Beitrag unter Angabe der Quelle (Weinfeder) und Namensnennung der/des Autorin/Autors übernommen und veröffentlicht werden.

REDAKTIONSSCHLUSS für die Ausgabe Nr. 68 ist der 2. September 2022. Einsendungen von Beiträgen und Bildmaterial bitte direkt senden an: Arthur Wirtzfeld (redaktion@weinfeder.de).

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Inhalt 2.3.4 Editorial | Impressum |

Inhalt

6 ETHOS – Fränkischer Verein mit besonderer Gesinnung

12 Simone und ihr Urknall 14 Besondere Baukunst:

begehrt, beliebt, bereichernd

20 Kämpfe gegen den

Klimawandel

24 Nachhaltigkeit vom Dach bis zum Weinkeller

28 Vaihinger Löwe

54 Griechische Weinkellereien haben Chinas Markt im Visier

58 Weinrecht ist EU-Recht 60 „N“ wie Naturwein 62 Europa kann Wein und

Fussball!

66 Prowein 2022: Ein Fazit 70 Vinocamp Rheinhessen 2022 76 Heilbronner Schatzkammer 80 Empfehlenswerte Lektüre 86 Weinbau in der Renaissance 90 Verkostungsnotizen

Ein Burgenländer Doppelsieger

Frankreich Spezial

30 Was Emmanuel Macron der

Weinbranche verspricht

42 Fälscherbande in Frankreich

aufgeflogen

34 Bordeaux 2021: Nicht suchen, 44 Zu Besuch im Val de Loire:

was es nicht gibt

Terra Vino Incognita?

38 Château La Gaffelière und

49 FIJEV

Croque-Michotte verlassen die Saint Émilion-Klassifizierung

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Notizen aus dem Dachverband

50 Bordeaux:

Die Nerven liegen blank

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FLORIAN MÜLLER

MARKUS SCHMARTENBERGER

Fränkischer Verein mit besonderer Gesinnung AUTORENDUO: RUDOLF KNOLL & ARTHUR WIRTZFELD STEFAN BARDORF

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MATTHIAS RUPPERT

MARKUS MEIER

ANDREAS WENNINGER

Eine Presseinformation im Frühjahr über eine „nachhaltige Wein-Wanderung durch das fränkische Weinland“ machte auf eine Winzergruppe aufmerksam, die bis dahin eher im Verborgenen blühte, obwohl sie lobenswerte Zielsetzungen nennen kann. Ergo war es für ein Weinfeder-Duo mit Beziehung zu Franken fast eine Pflichtübung, die Vereinigung „Ethos“ genauer unter die Lupe zu nehmen. 7


D MARCEL HÜMMLER

THOMAS SCHENK

er Kontakt und Vorbereitung lief über Ar­ thur Wirtzfeld. Dann wurde es an einem Tag im Mai für beide Autoren ernst im Weingut von Markus Schmachtenberger in Randersacker. Der 42-Jährige hatte mit sei­ nen Kollegen Florian Müller, 37, Andreas Weninger, 35 und Thomas Schenk, 33, von der Ethos-Führungsmann­ schaft zu einer Verkostung gebeten, bei der Mitglieds­ betriebe der Vereinigung unter Beweis stellen sollten, dass man durchgängig überdurchschnittliche Weine zu bieten hat. Je zwei Weine wurden von elf Betrieben auf den Tisch gestellt. Das bedeutete eine Weile die Qual der Wahl, denn das Niveau war durchgängig gut. Aber fast noch besser war das, was die Winzer über die Ziele des Vereins „Ethos“ erzählten. Begonnen hatte alles 2014 bei einem Workshop für frän­ kische Jungwinzer mit über 30 Teilnehmern. Das Inte­ resse am Bio-Weinbau war bei allen vorhanden. Nach­ haltigkeit war das Thema. Markus Schmachtenberger entdeckte Gleichgesinnte und man beschloss die Grün­ dung eines Vereins. 13 Mitglieder fanden sich damals; sie sitzen auch heute noch im Boot. Zum Namen „Ethos“ inspirierte sie der damalige Präsident der Landesanstalt für Wein- und Obstbau in Veitshöchheim, Dr. Hermann Kolesch, wohl auch wegen der Bedeutung des Wortes Ethos, das für eine besondere Gesinnung und Haltung zu sittlichen Werten steht.

ILONKA SCHEURING

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DANIEL & OLIVER SIX

LORENZ NEDER

THOMAS PLACKNER

Dazu gehört für die „Ethiker“ aus Franken unter anderem ein weitgehend umweltschonender Weinbau inklusive den Bio-Vorschriften. Sie bauen in den Weinbergen Nist­ möglichkeiten für Vögel. Angestrebt wird eine möglichst durchgehende Begrünung der Rebanlagen. Trockenmau­ ern werden gepflegt. Weinbau, Kellerwirtschaft, aber auch der Vertrieb sollen Co2-neutral sein. Man denke dabei schon an die nächsten Generationen, wird argu­ mentiert. Die Mitglieder sind angehalten, niedrige Er­ tragsmengen anzustreben. Für die Basisweine lautet die Empfehlung maximal 75 hl/ha, für die Spitze maximal 50 hl/ha. Bei der Kellerwirtschaft ist das Ziel, Behandlungs­ mittel einzusparen oder ihren Einsatz komplett zu ver­ meiden. Auch der Einsatz von Reinigungsmittel soll auf ein Minimum reduziert sein.

„Soziales“ ist ein wichtiger Punkt in den Ethos-Regeln. Man denkt dabei auch an die Behandlung von SaisonArbeitskräften, die in manchen Betrieben unter unhygi­ enischen Verhältnissen zu leiden haben. Die Unterkunft muss sich in einem angemessenen Zustand befinden, ist festgehalten. Angeraten wird, möglichst auf festan­ gestellte Mitarbeiter zu setzen. Gewünscht ist ein ge­ sellschaftliches Engagement inklusive der Ausbildung von Winzern oder Praktika, Teilnahme an Veranstaltun­ gen, die Bereitschaft zur Mitarbeit in Arbeitskreisen des Fränkischen Weinbauverbandes. Gern gesehen werden Spenden für soziale Projekte oder Wohltätigkeitsaktio­ nen. Beim Einkauf soll regionalen Lieferanten der Vor­ zug gegeben werden. Nichts einzuwenden ist gegen Neu-Mitglieder, die all diese Regeln akzeptieren. „Wir sind offen für andere Betriebe, auch solche aus dem Verband der Prädikats­ weingüter“, lockt der Hammelburger Florian Müller. Sein besonderes Anliegen ist es, dass bei Aktivitäten wie den Wanderungen auch seine etwas abseits vom Zentrum des fränkischen Weinbaus liegende Heimatstadt Ham­ melburg berücksichtigt wird. Denn das ist die älteste Weinstadt Frankens (Weinbau seit dem 8. Jahrhundert). Der Zusammenhalt des Vereins wird noch betont durch einen gemeinsamen Wein. Jedes Mitglied stellt dafür 300 Kilogramm seiner besten Silvaner-Trauben zur Ver­ fügung. Aus denen wird dann, wenn es der Jahrgang zulässt, der „Ethos-Wein“, ausgebaut von Lorenz Neder in Ramsthal. Abgefüllt wird der Wein unfiltriert in ge­ brauchte, gereinigte Flaschen und als deutscher Land­ wein für stattliche 35 Euro verkauft, nach einer längeren Lagerzeit. „Ethos Nr. 2“ aus 2016 präsentiert sich immer noch jugendlich, mit sanften Gerbstoffen. „Ethos Nr. 3“ aus 2018 entpuppte sich bei der Verkostung als herzhaf­ ter, frischer, knackiger Wein. Übrigens: Für die Weinwanderungen, die im Mai und Juni jeweils über sechs Tage gestartet wurden, gibt es noch Termine im Juli, September und Oktober. Ein Flyer zum Angebot ist bei der Fränkischen Weinland Touris­ mus GmbH in Würzburg erhältlich, Tel. 0931 372 335, www.fraenkisches-weinland.de

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Die Weinnotizen des Autorenduos

Weingut Stefan Bardorf, Randersacker 2020 Riesling Randersackerer Marsberg Betont mineralisch in der Nase; saftig, gradlinig, anre­ gendes Spiel, gutes Lagerpotenzial. Weingut Hümmler, Elfershausen 2021 Osteiner Kabinett feinherb Cuvée von Riesling und Silvaner, klar, animierend im Aro­ ma, saftig und würzig, Fruchtsüße (24 g/l) gut verpackt, nicht vordergründig. Anton Six, Wirmsthal 2018er Silvaner Kabinett Schon die Nase verrät seine Restsüße. Markanter, wür­ zig-süßer Duft, fruchtiger Körper, ausgeprägte, aber an­ genehm reife, exotische Fruchtaromen, große Ausdauer im Finale. Ein eigenständiger, durchaus trocken anmu­ tender und sehr überzeugender Tropfen.

Weingut Schenk, Randersacker 2020 Silvaner „Handverlesen“ Zarte Würze im Duft; ausgewogene Fülle mit zartem Schmelz, komplex, gute Länge im Abgang. Müller! Das Weingut, Hammelburg 2021 „Rosa läuft“ Rotling mit originellem Namen aus den Sorten MüllerThurgau, Regent; beerig in der Nase; im Geschmack herz­ haft, knackig, dezente, gut integrierte Frucht im oberen halbtrockenen Bereich. Plackner Wein, Ottenhofen 2017 Silvaner Aussteiger Thomas Plackner war bei einem internationalen Tech­ nologiekonzern tätig, wurde dann nach einer Winzer­ lehre und Praktika bei Top-Betrieben in Deutschland zum Quereinsteiger, der gelegentlich eigenwillige, aber durchaus spannende Weine erzeugt. Verhalten im Aro­ ma; sanfte Gerbstoffe, feste Struktur, gute Länge, noch in jugendlicher Verfassung.

Felshof – Familie Wenninger, Sommerhausen 2020 Silvaner Alter Berg Klare, animierende Würze im Duft; zarter Schmelz, fein­ gliedrig, lang im Abgang, bietet viel Trinkspaß. Meier Weinerlebnis, Ulsenheim 2021 Silvaner Aus dem Garten Eden Würzige Aromatik; im Geschmack ebenfalls angenehme Würze, knackig, straff, lebhafte Säure. Von 2019 bis Ende 2021 hieß das Weingut Meier Schmidt und wurde von Markus Meier und Lukas Schmidt ge­ meinsam betrieben. Dann verließ Lukas den Standort Ul­ senheim, um sich dem Familienbetrieb in Bullenheim zu widmen. „Wir haben viel voneinander und miteinander gelernt“, wird in einer Kunden-Information mitgeteilt. Weingut Neder, Ramsthal 2018 Grauburgunder Alte Reben Ramsthaler St. Klausen Wein aus einer kühlen fränkischen Ecke, gelegen in ei­ nem Seitental der fränkischen Saale. Goldfarben, wie es einem reifen Grauburgunder zusteht; schmelzig und cre­ mig, anhaltende Würze, noch sehr frisch. Weingut Ruppert, Hammelburg 2021 Sauvignon Blanc Hammelburger Burg Sauvignon Blanc ist eine Spezialität der Brüder Stefan und Matthias Ruppert, für die sie ein glückliches Händ­

chen haben. Klare, animierende, unaufdringliche Würze im Aroma; feiner Nerv, mineralisch, straff. Weingut Markus Schmachtenberger, Randersacker 2019 Silvaner Randersackerer Sonnenstuhl „Quaderkalk“ Auf den Vornamen kommt es an. Denn Weingüter mit Namen Schmachtenberger gibt es gleich dreimal am Ort. Dieser Silvaner wurde in einem Muschelkalk-Behälter (!) ausgebaut. Das Ergebnis ist sehr eigenständig, aber rich­ tig gut und fast vornehm anmutend; dazu feinmaschig und lang im Abgang. Weingut Hemberger, Rödelsee 2020 Silvaner Rödelseer Küchenmeister Alte Reben Feine Kräuterwürze im Aroma; straff, komplex, druckvoll, viel Ausdauer im Abgang. Ilonka Scheuring, Margetshöchheim 2021 Scheurebe Dass Franken-Terroir und Scheurebe eine gute Kombi sind, ist Weinliebhabern durchaus bekannt. Dazu gehört auch die als Landwein klassifizierte Scheurebe von der Winzerin mit den roten Stiefeln (siehe Titelbild): Typi­ sche Scheu-Nase, schöne Harmonie von Frucht und Säu­ re am Gaumen. Schlank im Körper, leicht im Fluss, aber dennoch mit Druck. Ehrlich trocken, trotz Scheuaromen. Und im Finale fränkisch-würzig, leicht salzig. n

Alle Fotos dieses Beitrags: Ethos Franken

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Noch eine Weinvierteler Entdeckung

und 50 km geht es von Krems und dem Kremstal aus Nordwärts ins Wein­ viertel. Die bekannte Weinstadt Retz ist nicht weit entfernt. Vorher aber führt der Weg in die kleine, bei Pulkau eingemeindete Ortschaft GrossReipersdorf, bei der man gleich auf der Rückwand eines großen Gebäudes „Jordan“ aufleuchten sieht, ein deutlicher Hinweis, dass hier das gesuchte Weingut zu finden ist. Die Hausnummer 12 ist dann rechts ab ein paar hundert Meter weiter zu finden und entpuppt sich als stattliche Vinothek, bei der man so­ fort herzlich begrüßt wird: „Ich bin Simone“, stellt sich die Chefin des Hauses vor. Auch der Familienname Hiller-Jordan wird nicht unterschlagen und man erfährt, dass Gatte Hannes, 41, den Doppelnamen ebenfalls angenommen hat, ein groß­ artiger Ehemann ist und seiner Frau zuliebe das Weinmachen noch gelernt hat, da er eigentlich in der Landwirtschaft ohne Reben Zuhause ist.

Simone und ihr Urknall

Die Familie Jordan befasst sich schon seit 1848 mit Weinbau. Aber richtig Schwung kam in den Betrieb, als ihn Simone, Jahrgang 1985, die Jüngste von drei Töchtern, 2010 übernahm und das Potenzial so nach und nach ausschöpfte. Dass sie auf ihren 12 Hektar etwa 50 Prozent Rotweinanteil hat, deutlich mehr als sonst im Weinviertel üblich, stört sie nicht. Denn das gibt ihr die Möglichkeit, das Beste aus den Reben herauszuholen, etwa bei dem hochgelobten Zweigelt, der 42 Monate in Barriques reifen konnte. Auch St. Laurent und Merlot sind sehr achtbare Rotweine.

AUTOR: RUDOLF KNOLL

Als wir im Weinfeder-Journal kürzlich* „starke Frauen aus dem Weinviertel“ vor-

Die weiße Kollektion steht nicht zurück. Lassen wir es zunächst anregend prickeln mit dem 2016 Riesling-Sekt brut Große Reserve, der 36 Monate auf der Hefe lag. Gehen wir über zum Chardonnay als Wein, der zurückhaltende Frucht mit ange­ nehmer Würze verbindet. Der aktuelle Riesling 2021 reifte beim Besuch noch im Fass. Simone verspricht, dass er nach der Abfüllung pure Mineralik und Steinobst­ noten ausstrahlen wird. Grüner Veltliner präsentiert sich in verschiedenen Versio­ nen als würzig, knackig, sehr sortentypisch, mit dem schon klassischen Pfefferl im Aroma. Aushängeschild ist die Reserve von über 50 Jahre alten Stöcken. Die Ex­ perimentierlust der Winzerin verdeutlicht der „SteinZeit“ Reserve, der in einem Granitbehälter vergor und reifte und dabei noch einen Schuss zusätzliche Mine­ ralik abbekam. Österreichische Medien haben diesen Wein mit hohen Noten ge­ feiert – zu Recht. Ein eleganter Grüner ist „Wine & Queen“ betitelt. Damit nimmt die temperamentvolle Simone Bezug auf ihre majestätische Vergangenheit: Von 2007 bis 2009 war sie Weinkönigin Niederösterreichs, von 2008 bis 2009 zusätz­ lich noch Bundesweinkönigin.

stellten, hatten wir eine junge Winzerin nicht im Fokus. Simone Hiller-Jordan machte vor kurzem förmlich mit einem Urknall auf sich aufmerksam, als sie bei einem großen Test mit der Sorte Zweigelt aus ganz Österreich mit ihrem 2018 Reserve „42“ mit stattlichen 18 Punkten bewertet wurde und damit unter fast 200 Weinen ganz vorn dabei war. Klar doch, dass ein so auffälliger Wein neugierig machte… *Editon Nr. 66, ab Seite 20, Titel: Starke Weinviertler Frauen

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Foto: Simone Hiller-Jordan

Zeit für die berufliche Ausbildung vor der Übernahme des Weingutes blieb trotz­ dem. Sie war bei F. X. Pichler in der Wachau und Heidi Schröck im Burgenland tätig. Und als sie in Südafrika bei den renommierten Namensvettern Kathy und Gary Jordan nach einem Praktikum nachfragte, konnte sie auch noch in Stellenbosch Weinbau pauken. Das Große Praktikum von Klosterneuburg absolvierte sie auf­ grund der Zusammenarbeit zwischen den Lehr-Institutionen auf der Hochschule in Geisenheim. „Es waren lehrreiche Wochen im Rheingau“, erzählt sie im Rückblick. Hier lernte sie auch, dass die Traubenteilung für den Zweigelt die Qualität merklich steigert. Kann sein, dass sich das auch bei den Zweigelt Rubin Pralinen mit dunkler Schokolade bemerkbar macht, die beim Besuch leider aufgegessen waren. n

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BESONDERE BAUKUNST begehrt, beliebt, bereichernd AUTOR: MARCELL FRIEDERICH

Um Weinen einen attraktiven Rahmen zu ermöglichen, werden Weingüter und Vinotheken immer außergewöhnlicher. Alte Traditionen? Werden gerne gebrochen.

Foto: Weingut Van Volxem

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WEIN & ARCHITEKTUR 16

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ervenzehrend. Anstrengend. Stressig. So beschreibt Anette Closheim die zweieinhalbjährige Phase, als ihr Weingut eine Baustelle war. „Man muss ständig vor Ort sein, mitdenken, mitgucken“, sagt die Winzerin. „Aber am Ende hat es sich gelohnt.“ Und wie: Im rheinhessi­ schen Langenlonsheim steht fortan eine der spannendsten Vino­ theken Deutschlands, die kürzlich sogar ausgezeichnet wurde. Überhaupt hat sich im Bereich Wein und Architektur eine gan­ ze Menge getan. Zahlreiche Weingüter und Vinotheken wer­ den hierzulande immer außergewöhnlicher, immer schicker, immer moderner, um den darin angebotenen Weinen einen attraktiven Rahmen zu geben. Nach langer Baustellenzeit war im Frühherbst 2019 der Tag für die Eröffnung der Vinothek von Anette Closheim gekommen. Den Ur­ sprung bildet ein 300 Jahre altes Fachwerkhaus, an dem die neue Vinothek, ein ansehnlicher Kubus aus Glas und Stahl, angebaut wurde. Direkt angrenzend auf der anderen Seite befindet sich das Weingutshaus der Familie Closheim aus dem 19. Jahrhundert. Da­ zwischen ist die neu gebaute Vinothek galant eingebettet – ein echter Hingucker auf der Hauptstraße des 4.000-Seelen-Ortes. Und weshalb das Ganze? „Es gibt immer noch Winzer, die ihre Weine in kleinsten Räumen verkaufen, aber der Anspruch hat sich heutzutage verändert“, sagt Closheim – und denkt dabei wahrscheinlich an manche Kollegen, die potenzielle Kunden an den heimischen Wohnzimmertisch bitten. „Ich bin froh, dass wir häufig in sehr guter Gastronomie platziert sind. Und wenn unsere Weine zum Beispiel in einem Sternelokal probiert werden, dann müssen wir auf dem Weingut etwas Adäquates bieten“, sagt die Winzerin und konkretisiert: „Bei unseren Kunden entsteht eine gewisse Erwartungshaltung, wenn sie das Weingut besuchen. Es ist wichtig, diesen Anspruch zu erfüllen.“ Fast folgerichtig wur­ de die Vinothek 2021 vom Deutschen Weininstitut (DWI) ausge­ zeichnet – als eine der aktuell 30 Top-Vinotheken Deutschlands. „Allein mit Eiche-Rustikal und irgendeiner dunklen Hütte geht es heute nicht mehr“, betont die ambitionierte Weinmacherin. Wein und Architektur, ein besonderes Zusammenspiel. Findet ebenso die Architektin Edda Kurz, Vizepräsidenten der Architek­ tenkammer Rheinland-Pfalz. Sie betont: „Wein ist ein Genussele­ ment, und die Weinkultur hängt mit einem komplexen Kulturerleb­ nis zusammen – dazu gehört auch die Baukultur, die Architektur und das entsprechende Ambiente.“ Viele Interessierte, sagt Kurz, wissen die handwerkliche Arbeit von Winzern zu schätzen, also: wie der Wein entsteht. Und: Immer mehr Menschen interessie­ ren sich ebenso für den Ort, von dem der Wein stammt.

Fotocollage: Anette Closheim

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WEIN & ARCHITEKTUR

Ein besonders außergewöhnliches Architekturprojekt gibt es an der Saar zu bestaunen: die Weinmanufaktur Van Volxem in Wiltingen, direkt am Fluss gelegen, etwa 15 Autominuten von Trier entfernt. Am Wiltinger Schlossberg, wo einst Müll gelagert wurde, ist eines der beeindruckendsten Weingüter Deutschlands entstanden. Ein imposanter Turm, eine weitläu­ fige Terrasse, ein imposantes Hauptgebäude, eine lichtdurch­ flutete Vinothek mit bodentiefen Fenstern – so präsentiert sich die Weinmanufaktur, die im Sommer 2019 nach dreijähriger Bauzeit eröffnet wurde. Inhaber Roman Niewodniczanski ist Urenkel des Gründers der Bitburger-Brauerei, hat sich aber als Winzer schon lang verselbständigt. „Es ging uns darum, eine ‚freundliche Burg‘ zu bauen, die domi­ nant ist, aber nicht dominierend über ihr Tal“, blickt Niewodnic­ zanski mit Stolz auf sein Weingut, betont aber auch: „Das war alles nicht so einfach. Als hier am Anfang nur ein Betonklotz zu sehen war, war das ein polarisierendes Thema. Denn wir be­ finden uns hier an einer sehr exponierten Stelle, die im Tal von überall her zu sehen ist.“ Umso mehr sei er froh und wundere sich fast, dass es kaum Widerstände gegen das außergewöhn­ liche Projekt gab. „Ganz im Gegenteil“, sagt Niewodniczanski, „inzwischen empfangen wir jährlich 40.000 bis 45.000 Gäste“. Um besondere Projekte auszuzeichnen, die das Thema Wein und Architektur verknüpfen, gibt es seit 2007 den bundeswei­ ten „Architekturpreis Wein“ – eine gemeinsame Initiative des Weinbauministeriums Rheinland-Pfalz, des Deutschen Wein­ bauverbandes und der Architektenkammer Rheinland-Pfalz. Alle drei Jahre wird die Auszeichnung vergeben; 2022 gehört auch Van Volxems Betrieb zu den hervorgehobenen Projekten. „Inmitten einer bukolischen Landschaft gelegen, entstand eine zeitgemäße, aber nicht zeitgeistige Interpretation eines mo­ dernen Weingutes“, heißt es in der Jurybewertung. Und wei­ ter: „Um 1900 stand der Saarwein weltweit für herausragende Qualität – nichts weniger als dieser Verpflichtung hat sich die Weinmanufaktur verschrieben.“ Im Vergleich zu Van Volxem ist die Vinothek von Anette Clos­ heim selbstverständlich einige Nummern kleiner. Aber nicht minder charmant. „Für den Gast“, sagt die Langenlonsheime­ rin, „ist es immer etwas Besonderes, wenn er in einem tollen Ambiente gute Weine verkostet. Wir sind froh, diesen Schritt gegangen zu sein. Für die Vermarktung unserer Weine ist das ein Vorteil“. Auch wenn der Weg dorthin eines war: nerven­ zehrend, anstrengend, stressig. n Foto: Weingut Van Volxem

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Kämpfe gegen den Klimawandel AUTOR: RUDOLF KNOLL

Dass Wassermangel ein Problem der Weinwirtschaft werden kann, wird nach der Katastrophe an der Ahr und den massiven Regenfällen im vergangenen Jahr aktuell etwas verdrängt. Aber der Klimawandel schreitet offenbar fort. Tröstlich, dass in der Branche in unterschiedlichen Bereichen getestet und geforscht wird, um Weinbau trotzdem zukunftssicher zu machen.

Foto: Peter Bender

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Es war im extremen Trockenjahr 2003, als ich mich im Sommer in fränkischen Weinfluren wunderte, warum eine Anlage im vollen Saft stand, während rundherum die Reben schon deutliche Trockenschäden erkennen ließen. Gerhard Roth, ein erfahrener Bio-Winzer aus Wiesenbronn, klärte auf. Er habe schon Jahre zuvor verschiedene Kleesorten und Malve in den Rebzeilen gesät, die für eine Erhöhung der Speicherfähigkeit von Wasser sorgen und zudem die Reben zwingen, zur Nahrungssuche tiefer zu wurzeln.

seit 2010 an der Uni zu seinem Metier. Das Projekt läuft noch bis 2024 und wird jährlich mit 100.000 Euro bezuschusst. In der Umrechnung auf die recht geringe Zahl der Pflanzen ist das, so Stoll schmun­ zelnd, „der wohl teuerste Weinberg der Welt“. Nach den bisherigen Erkenntnissen „düngt“ das Kohlendi­ oxid die Pflanzen. Sie können sich der Entwicklung vermutlich anpassen, werden sogar leistungsfähiger. Aber klar ist auch, dass sich damit der Wasserbedarf merklich erhöht. Das bedeutet, dass den Unterlagen der Stöcke künftig noch mehr Bedeutung zukommt. Resistenz gegen Trockenheit ist gefragt.

So etwas lässt sich relativ schnell umsetzen. Aber auch Langzeitprojekte lassen erkennen, dass man sich in der Weinbranche Gedanken über die Zukunft macht. Bei­ spiel Schloss Vollrads im Rheingau: Hier wurde 2015 unter Regie des damaligen Betriebsleiters Dr. Rowald Hepp in Kooperation mit der Hochschule Geisen­ heim auf 0,5 Hektar ein «Biodiversitätsweinberg» an­ gelegt, mit 49 unterschiedlichen Klonen à 25 Reben, ausschließlich Riesling. Das Material stammte teil­ weise vom alten Rebbestand aus verschiedenen An­ baugebieten, inklusive dem Elsass. Doch auch Klone, die von Deutschland nach Australien gelangten und hier züchterisch bearbeitet wurden, kamen zum Ein­ satz. Zielsetzung war es, Varianten zu finden, die mit den Gegebenheiten der Vollradser Fluren am besten zurechtkommen. „Wir wollen herausfinden, welcher Riesling-Genpool der Beste für die Zukunft ist“, erklär­ te Hepp. Anfangs gab es aber wegen klimatischer Be­ einträchtigungen noch keine Erkenntnisse, doch inzwi­ schen gibt es schon einen gewissen Trend.

Bei den Reben selbst ist in der Züchtung einiges denk­ bar. In Klosterneuburg in Österreich ist man Varietäten auf der Spur, die Temperaturextreme besser vertra­ gen. Hingewiesen wird auch auf eine mögliche Neu­ bewertung von Lagen. Ferdinand Regner, Leiter der Abteilung Rebenzüchtung meint dazu: “Was bisher eine Top-Südlage für Weißwein war, kann bald zu heiß sein. Langsam gewinnen auch Nordlagen an Bedeu­ tung.“ In Württemberg, einer Region mit zahlreichen Terrassenlagen, wird derzeit ein Projekt angeschoben, mit dem die Eignung alternativer Rebsorten für die klimatischen Bedingungen dieser Steillagen bewertet wird. Dabei sind neben speziellen Piwis auch Sorten wie Carmenère, Tannat, Nero d’Avola und Teroldego in der Diskussion. Und es gibt ungewöhnliche Möglichkeiten, Wasser zu sammeln. Die Staatsdomäne Assmannshausen im Rheingau setzt dafür ein riesiges Wasserbett in der bekannten Lage Höllenberg ein, das Quellwasser vor dem Versickern bewahrt und es auffängt. Das Kissen, das sonst in der Landwirtschaft eingesetzt wird, kann pro Tag 8.000 Liter Brauchwasser aufnehmen; es hat ein Fassungsvermögen von 400.000 Liter. Die einge­ fangene Menge kann gelagert und in der trockenen Jahreszeit zur Bewässerung von Jungpflanzen einge­ setzt werden. Das geschieht ausschließlich nachts, um Verdunstung zu vermeiden. Wer will, kann auf dem Wasserbett sogar schlafen… n

Einen Ausblick ins Jahr 2050 machen Wissenschaft­ ler der Hochschule Geisenheim mit einer ungewöhn­ lichen Anlage mit Riesling und Cabernet Sauvignon. Die Stöcke sind von einem Ring-System umgeben, mit dem sie mit CO2 begast werden, in einer Größen­ ordnung , wie sie in knapp 30 Jahren prognostiziert wird. „Das sind 20 Prozent mehr als heute“, rechnet Professor Dr. Manfred Stoll vor. Er hat praktische Er­ fahrungen im Weinbau durch frühere Tätigkeit in Franken und Australien. Die Klimaforschung gehört

Foto: Pixabay

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Nachhaltigkeit vom Dach bis zum Weinkeller

Er ist ein gemütlich anmutender Typ mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht. Kaum vorstellbar, dass Stefan Braunewell für die Klimarettung auf die Barrikaden geht. Seine klimafreundlichen Thesen trägt er nicht als Banner mit Sprüchen vor sich her, sondern versteckt sie im Weinkeller. Sein individueller Beitrag zur Senkung der Erderwärmung findet hinter Betonmauern statt: Das klimaeffiziente Temperaturmanagent in den unterschiedlichen Kellerräumen verteilt die Restwärme aus der Solaranlage optimal: 7° beim Weißwein, 15 ° bei den jungen Barriqueweinen, 11° bei den älteren. Kellerführungen bei Braunewells sind ein spannender Walk-in-Lehrgang in Sachen Klimaschutz. 24

Foto: Weingut Braunewell

AUTOR: WOLFGANG JUNGLAS

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Schon 2009 in seiner Diplomarbeit im Studiengang Önologie an der Hochschule Geisenheim beschäftigte sich der Rheinhesse mit „Nachhaltigkeit im Weinbau“ – damals war es noch kein großes Thema, bestenfalls in Neuseeland gab es erste Ansätze. „Man muss handeln, nicht nur darüber reden!“ lautet die Devise des anpackenden rheinhessi­ schen Winzers. Heute gibt es kaum noch ambitionierte Weingüter, die nicht auf „sus­ tainability“ verweisen. Aber in Essenheim bei Mainz wird klar: Ein klimabewusstes Konzept ist mehr als ein Marketingbegriff. Für Stefan Braunewell hört Nachhaltigkeit nicht an der Kellertreppe auf: Biodynami­ scher Weinbau im Weinberg und im Keller ist ein Aspekt – für die Braunewells geht es aber um die ganzheitliche Betrachtung. Alle betrieblichen Abläufe ordnen sich bis ins Detail der Nachhaltigkeit unter. Seit 2016 ist das Weingut zertifiziertes Mitglied im Ver­ ein FAIR’N GREEN – dem anspruchsvollsten der drei Nachhaltig­ keitszertifikate. „Ein ständiger Prozess – wir wollen jedes Jahr bes­ ser werden!“ lautet der Anspruch der Winzerfamilie. Die Wurzeln des Weingutes Braunewell reichen auf Hugenotten zurück, die 1655 nach Essenheim einwanderten. Als typi­ scher landwirtschaftlicher Mischbetrieb siedelte der Großvater vor rund 50 Jahren den Betrieb außerhalb des Ortes an. Da­ mals gehörten noch 1.500 Sauerkirsch­ bäume dazu. 2018 bis 2020 wurden die vorhandenen Gebäude komplett umgebaut - nach kli­ mafreundlichen Gesichtspunkten. Der architektonisch ansprechende Bau emp­ fängt die Besucher in einem Loungeähnlichen Entrée, das wenig an her­ kömmliche Probierstuben erinnert. Komplette Bodenprofile an der Theke zeigen eindrucksvoll das Innere des Kalksteinbodens der Weinberge. Vier Generationen leben auf dem Weingut: „Die beiden Sandwichgenerationen machen die Arbeit.“ erläu­

tert Stefan. Die Aufgaben sind klar verteilt: Vater Axel kümmert sich um den Außenbetrieb und fährt den Schlepper, Mutter Ur­ sula organisiert das Büro, der jüngere Bruder Christian ist Kel­ lermeister und für die Qualitätsarbeit im Weinberg zuständig, Stefan ist verantwortlich für Vertrieb und Organisation. Drei Häuser, vier Haushalte: Für Wärme­ energie wird jährlich Energie für gerade mal 200 € zugekauft – so kostengünstig kann Nachhaltigkeit sein. Allerdings: Ohne die herausragende Weinqualität wäre die glänzende Ökobilanz wenig wert. Aber auch bei der Nachhaltigkeit im Glas punkten die Braunewells. Schon früh hat sich das Weingut auf Graubur­ gunder spezialisiert: 30 % der 28 Hektar sind damit bestockt, genauso viele wie mit Riesling. Die einschlägigen Weinfüh­ rer bewerten die Grauburgunder, besonders aus der Lage „Teu­ felspfad“, mit den höchsten Noten für Rheinhessen. Topqualitä­ ten liefern die Braunewells auch mit ihrem „Braunewell Dinter Rosé“: Eine Rosé Cuvée, ausgebaut wie ein Spitzenrotwein, aus besten Spätburgunder-, St. Laurent- und Merlot-Trauben, im Barrique gereift. Höchste Anerkennung erzielen sie auch mit ihrem Spitzensekt „Grande Année“ – er gehört zu den Premiumschaumwei­ nen in Deutschland. Klimabewusstes Handeln setzen die Brau­ enwells ganzheitlich um - vom Keller mit Klimazonen bis zum Dach mit Sonnen­ panel. Weinqualität und Nachhaltigkeit als permanenter Optimierungsprozess – Christian Braunewell hat sich gerade über Kleinwindkraftanlagen informiert: dies könnte die nächste Investition sein. Für ihr klimafreundliches Engagement wurde die Braunewells mit dem Great Wine Capitals Best of Wine Tourism Award 2022 in der Kategorie „Nachhaltigkeit im Weintourismus“ national, in­ ternational, und den „Peoples Choice Award“ ausgezeichnet. n

Alle Fotos: Weingut Braunewell

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Ein Burgenländer Doppelsieger beim Wettbewerb um den Vaihinger Löwen

Beim 30. Wettbewerb um den Vaihinger Löwen, dem internationalen Preis für Lemberger, Blaufränkisch und andere Synonyme aus osteuropäischen Ländern, ging der Sieg wieder einmal nach Österreich. Es gab sogar einen Doppelsieg für ein renommiertes Weingut aus Neckenmarkt.

AUTOR: RUDOLF KNOLL

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Ein Trostpflaster für Deutschland war der dritte Platz für einen Württemberger.

ls 1993 erstmals in Vaihingen/Enz ein Wett­ bewerb für die Sorte Lemberger ausge­ schrieben wurde und der Sieger den „Vaihin­ ger Löwen“ (Wappentier der Stadt) als Pokal gewissermaßen erlegen konnte, waren die Württemberger noch gänzlich unter sich, weil die Sor­ te damals in den anderen deutschen Anbaugebieten erst langsam Interesse weckte. Inzwischen gibt es so­ gar einige renommierte Winzer in Baden und in Fran­ ken, die sich mit der Sorte auseinander setzen, aber sie lieber nach dem in Österreich bekannten Synonym als Blaufränkisch bezeichnen. Sie stören sich zum Teil am „TL“, der bei Schnutentunkern beliebten Cuvée Trollinger mit Lemberger, die für einen eher schlich­ ten, süffigen Rotwein steht. Nachdem der Wettbewerb im Lauf der Jahre trotz der Bemühungen des Vereins „Weinlöwen“ (eine Vereini­ gung von Vaihinger Winzern, angeführt vom Wein­ gut Sonnenhof) immer weniger Zuspruch fand und auch einige Änderungen bei den Kategorien nicht für Schubkraft sorgten, entschloss man sich 2019 nach einem Journalisten-Ratschlag zu einer inter­ nationalen Ausschreibung in Partnerschaft mit Wein Burgenland. Denn in diesem österreichischen Anbau­ gebiet ist der Blaufränkisch eine bedeutende Sorte, vor allem in der Region Mittelburgenland und auch im Südburgenland (Eisenberg). Insgesamt wachsen in Österreich auf über 2600 Hektar Blaufränkisch-Re­ ben. Württemberg kann im Vergleich nur knapp 1800 Hektar Lemberger vorweisen.

1. und 2. Platz: (re.) Joe Tesch vom Weingut Tesch. 3. Platz: (li.) Sven Ellwanger vom Weingut Bernhard Ellwanger. (Foto: Bettina Meister)

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Die Neuauflage unter Einbeziehung Ungarns (hier heißt die Sorte Kékfrankos) war sofort erfolgreich - mit 140 Anstellungen aus Österreich, 190 aus Deutschland

und dazu noch einigen aus Ungarn. Bedingt durch die Pandemie und die damit verbundenen Schwierigkei­ ten einer gründlichen Verkostung von Weinen mit Vor­ runde und Finale flaute wohl das Interesse etwas ab. 2022 wurden nur mehr 179 Weine aufgeboten, 113 aus Deutschland und 66 aus Österreich. Aber dafür war das Niveau insgesamt sehr ansprechend. Freuen konnte sich am Ende vor allem ein bekanntes Weingut aus Neckenmarkt (Mittelburgenland): Das Haus Josef Tesch belegte mit seinem „Patriot“ 2015 Platz eins und gleich ganz patriotisch mit dem Jahrgang 2017 auch Rang zwei. Die Ehre Württembergs rettete das Weingut Bernhard Ellwanger mit seinem 2018er Lemberger „SL“ auf Rang drei – was gleichzeitig „Lan­ dessieger Deutschland“ bedeutete. Danach folgten wieder drei Österreicher (Domaine Pöttelsdorf, Ste­ phan0 und Weingut Grosz). Erst auf Platz sieben lief im Stechen wieder ein Württemberger ein (Weingut Gol­ ter, Ilsfeld). Bemerkenswert ist, dass Tesch schon 2020 auf Platz eins landete. „Wir hätten zwar gern beim 30. Wettbewerb einen deutschen Sieger gehabt“, meinte Martin Fischer, Vorsitzender der Weinlöwen. „Aber wir freuen uns auch über den Sieg eines österreichischen Top-Erzeugers. Die Österreicher scheinen die Bedeu­ tung unseres Wettbewerbs zu schätzen, vielleicht so­ gar stärker als die deutschen Erzeuger.“ Ein Fazit der Juroren war, dass Spitzen-Lemberger (oder Blaufränkisch) am Start waren, die Weine eine interna­ tionale Strahlkraft haben können, die Sorte große Rot­ weine hervorbringen kann, einen beachtlichen Span­ nungsbogen an Stilen und Aromen sowie eine große geschmackliche Bandbreite hat und mit Langlebigkeit und prägnanter Säurestruktur bestechen kann. n

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Was Emmanuel Macron der Weinbranche verspricht

FRANK REICH SPÉCIAL

INTERVIEW: VITISPHERE ÜBERSETZT UND ERGÄNZT: ARTHUR WIRTZFELD

Der Ende April wiedergewählte Präsident der Republik Frankreich hatte sich während seiner Kampagne den Fragen von Vitisphere, der französischen Plattform für Önologie, Weinbau und Weinpolitik, gestellt. Aber schon damals war klar, dass die Durchsetzung seines Programms von den kommenden Parlamentswahlen abhängen würde. Die neue Konstellation nach den jüngsten Parlamentswahlen, bei denen das Macron-Lager die absolute Mehrheit einbüßte, wird Folgen für die politischen Verhältnisse im Weinland Frankreich haben. Nun wird Emmanuel Macron Bündnisse suchen und Kompromisse machen müssen, was seine politische Arbeit und seine im Interview geäußerten Vorhaben erschweren wird. Wie die politische Lage sich auf die französische Weinindustrie auswirken wird, werden wir beobachten. Obwohl politische Aussagen nicht unbedingt in Gesetze münden, so ist doch die Meinung des neuen, alten, nun geschwächten Präsidenten ein Zeichen für eines der führenden Weinländer weltweit. FOTO: (Emmanuel Macron, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode)

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Vitisphere: Wie würden Sie Ihre persönliche Beziehung zum Wein definieren? Emmanuel Macron: Frankreich wird wegen seiner Gast­ ronomie und seiner Weine hoch geschätzt, und ich war immer sehr stolz darauf, diese Ausstrahlung zu tragen. Ich tue dies als Weinliebhaber und auch als Staatschef, dem es am Herzen liegt, sowohl die französische Gastronomie als auch das Produkt Wein in den Vordergrund zu stellen. Unsere Republik existiert nicht ohne weinkulinarische Tra­ dition, nicht ohne unsere weltberühmten Terroirs. Vitisphere: Was ist Ihre Vision von Wein: ein geselliges Getränk mit anspruchsvollem Erbe oder ein wirtschaft­ licher und symbolischer Trumpf für Frankreich? Emmanuel Macron: All dies vereint, wobei das Wichtigste hinzukommt – es sind vor allem Frauen und Männer, die hinter jedem Weinberg stehen. Ich bin sehr stolz auf die­ se Menschen und damit auf diesen Reichtum Frankreichs. Abgesehen davon, dass der Wein tatsächlich kulturell und patrimonial ist, dass er für Geselligkeit steht und mit der Geschichte und Geografie des Terroirs beglückt ist, ver­ mittelt er ein aufwertendes Bild von Frankreich. Unsere Weinbranche ist auch eine wirtschaftliche Kraft. Dieses Erbe ist in unseren Territorien verwurzelt und kann unser Land zum Strahlen bringen. Der Wein ermöglicht es uns gleichzeitig, unsere Kultur zu präsentieren, die Welt zu empfangen und auch zu erobern. Es gäbe keine große Diplomatie, keine große wirtschaftliche Ausstrahlung, wenn es nicht diejenigen Menschen und Produkte gäbe, die es verstehen, diese Emotionen zu wecken und zum Genuss zu führen, wobei die französische Gastronomie ein Teil davon ist. Vitisphere: Die Denormalisierung des Alkoholkonsums im Allgemeinen und des Weinkonsums im Besonderen taucht in vielen Projekten zur öffentlichen Gesundheit auf. Wie würde Ihre präsidiale Politik in diesem Bereich aussehen: Förderung des maßvollen Konsums oder Ver­ stärkung des Schutzes vor übermäßigem Konsum? Emmanuel Macron: Wir müssen vor allem an der Prä­ vention gegen übermäßigen Konsum und Risikokonsum arbeiten – schwangere Frauen und Jugendliche zum Bei­ spiel. Es geht nicht darum, auf null Alkohol hinzuarbei­ ten, sondern Exzesse zu verhindern und denjenigen, die sich in einer Abhängigkeit befinden, besser zu helfen, aus dieser herauszukommen.

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Vitisphere: Der Weinberg greift den agrarökologischen Übergang auf: Möchten Sie die Entwicklung im Weinberg in Gänze aktiv auf politischer Ebene begleiten, beispiels­ weise mit Beihilfen für Zertifizierungen, für die Reduzie­ rung von Betriebsmitteln, Ausgleich von Nichtbehand­ lungszonen (ZNT) oder schneller vorgehen, beispielsweise Verbot bestimmter Praktiken, Reduzierung der Wirkstoffe, Erweiterung der Nichtbehangslungszonen? Emmanuel Macron: Verbote durch Anordnungen, die unsere Landwirtschaften in eine Sackgasse führen, füh­ ren zu nichts. Man muss vor allem in Übergänge investie­ ren, vorausschauend handeln und alternative Lösungen finden. Es bedarf der Begleitung und dann der alternati­ ven Lösungen. Nur im Gleichgewicht werden wir voran­ kommen. Seit 2018 und dem EGALIM-Gesetz sind viele Fortschritte gemacht worden. Wir müssen in dieser Richtung weiter­ machen, um in den kommenden Jahren aus dem gesam­ ten französischen Weinbaugebiet das Referenzweinbau­ gebiet zu machen. Das ist unsere Führungsrolle. (Anmerkung zum EGALLIM-Gesetz.: Das am Ende der „Etats Généraux de l’Alimentation“ verabschiedete sogenannte EGALIM-Gesetz vom 30. Oktober 2018 ermächtigt seitdem die französische Regierung, die Artikel des französischen Handelsgesetzbuches über Transparenz, wettbewerbsbeschränkende Praktiken und andere verbotene Praktiken durch eine Verordnung zu reformieren. Es betrifft im Wesentlichen die Handelsbeziehungen zwischen Lieferanten und Händlern) Wir müssen insbesondere im Bereich der Zertifizierung nach dem Umweltstandard Haute Valeur Environnemen­ tale (HVE) sowie im Bereich Bio beschleunigen. (Anmerkung: die HVE vereinigt alle Akteure von Produktion, über Verarbeitung, Vertrieb, lokale Behörden bis hin zu landwirtschaftlichen Akteuren sich an einer Landwirtschaft mit hohem Umweltwert nicht nur zu versuchen, sondern zu gewähren) Was die Umsetzung der ZNT betrifft, so haben wir die Anweisung des Staatsrats befolgt, aber versucht, so pragmatisch wie möglich vorzugehen. Die Frage der Aus­ gleichszahlungen ist sehr wichtig, insbesondere für Land­ wirte, die keine Alternative zu Produkten haben, die sie nach der Festlegung des Mindestabstands nicht mehr

verwenden können, da ihnen dadurch Produktionskapa­ zitäten entzogen würden. Wir müssen gemeinsam mit dem Berufsstand die Mittel und Wege für Entschädigun­ gen und Ausgleichszahlungen ermitteln. Der landwirt­ schaftliche Teil von France 2030 wird es uns ermöglichen, die Branche weiterhin bei ihren Bemühungen bezüglich Modernisierungsmaßnahmen und Investitionen in Inno­ vationen zu unterstützen. Vitisphere: Wie würde Ihre Politik angesichts des Klima­ wandels aussehen (Ernteversicherung, Rücklage, etc.)? Emmanuel Macron: Die Ernteversicherung wurde mit einer Grundstruktur verabschiedet, die drei Ebenen um­ fasst: die Haftung des Landwirts, der Versicherer und die nationale Solidarität. Die Arbeit mit den Versicherern und den Branchen geht weiter, damit dieses System bis Januar 2023 einsatzbereit ist. Darüber hinaus muss über die Einlagerung in Reserven nachgedacht werden, wie sie derzeit in der Champagne zu finden ist. Auch ande­ re Weinbaugebiete prüfen derzeit solche Mechanismen. Wir müssen sie begleiten. Im Übrigen hat der Berufsstand im Rahmen einer Varen­ ne de l’eau – (Anm. d. Autors: Lösungen für eine wider­ standsfähige Landwirtschaft angesichts des Klimawan­ dels) – einen Plan zur Anpassung der Weinberge an den Klimawandel vorgelegt. Dies ist eine sehr große Arbeit, die der Berufsstand geleistet hat und die ich voll und ganz unterstützen möchte. Vitisphere: Angesichts des bevorstehenden massiven Generationswechsels stellt sich die Frage nach der Be­ steuerung der familiären Übertragung von Weingütern: Wie würde Ihre Antwort lauten? Emmanuel Macron: Wir müssen dieser Herausforderung der Übertragung Rechnung tragen, indem wir Lösungen anbieten. Ein Unternehmen, das weitergegeben wird, ist ein wirtschaftlich leistungsfähiges Unternehmen. Wir ha­ ben daher die Beibehaltung der Befreiung von Gelegen­ heitsarbeitern, die einen Arbeitsplatz suchen, angekün­ digt und wollen bei der Senkung der Produktionssteuern noch weiter gehen. Sowohl für die Übertragung inner­ halb der Familie als auch für die Übertragung außerhalb der Familie müssen wir über attraktivere Bestimmungen als bisher nachdenken, insbesondere in Bezug auf die Finanzierung mit Instrumenten zur Bereitstellung von Grund und Boden.

Generell stellt sich das Problem auf der Ebene aller land­ wirtschaftlichen Sektoren: Wir müssen dafür sorgen, dass junge Menschen Lust haben, sich niederzulassen, und somit dafür sorgen, dass sie von ihrer Arbeit leben können und dass Berufungen entstehen können. Dazu sind Investitionen in die landwirtschaftlichen Gymnasien und die Ausbildung geboten und nötig. Und das ist der Sinn des großen Orientierungs- und Zu­ kunftsgesetzes, das ich vorschlage. Schließlich wurden bereits Vorschläge zur Übertragung von Weinbergen vor­ gelegt, ich werde mir diese Vorschläge genau ansehen. Vitisphere: Wie sehen Sie den französischen Weinbau und die Weinbranche am Ende Ihrer Amtszeit, im Jahr 2027? Emmanuel Macron: Ich sehe beide Sektoren wirtschaft­ lich stärker, widerstandsfähiger durch Innovation: Beide Domänen sind lebendige Sektoren des kulturellen Erbes unseres Landes.

Probleme der französischen Weinindustrie Laut einer Marktprognose von Statiska wird in Frank­ reich der Umsatz im Segment Wein in 2022 rund 25,5 Milliarden Euro betragen – in 2016 waren es 26 Mil­ liarden. Die Prognose für 2025 laut Statista beläuft sich 30,1 Milliarden. Die positive Prognose für die nächsten Jahre stützt sich vor allem auf einen erwarteten Zu­ wachs bei den Exporten. Dennoch leidet die französische Industrie nicht nur unter mehr oder minder schwächelnden Ernten und wachsender ausländischer Konkurrenz. Erschwerend kommen die über Jahre andauernden Kritiken und Dis­ kussionen um die Anbaumethoden mit hohem Einsatz von Pestiziden und Insektiziden. Außerdem trinken die Franzosen spürbar weniger Wein als früher. Laut dem Internetportal oenologie.fr ma­ chen die französischen Winzer den Gesetzgeber für die Probleme verantwortlich. Zitat: „Die strafrechtliche Verfolgung im Straßenverkehr sowie die Kampagnen gegen den Alkohol haben aus den regelmäßigen Konsu­ menten von gestern heute gelegentliche Konsumenten gemacht.“ n

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FRANK REICH SPÉCIAL

BORDEAUX 2021

Nicht suchen, was es nicht gibt

(Foto: Jane Anson)

AUTOR: ARTHUR WIRTZFELD

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Jane Anson resümiert die En Primeur Bordeaux 2021: „Kein großer Sonnen-Jahrgang, aber doch einer mit qualitativem Potenzial“.

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hatte, seien von einer Heterogenität, also von merk-

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Horizontal teilweise gut, vertikal nicht herausragend

lichen Unterschieden geprägt, die einen schwierigen Jahrgang widerspiegeln.

BORDEAUX 2021

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ie Grand Cru aus Bordeaux, die Jane Anson probiert

„Am Anfang meiner Verkostungen war ich bezüglich herausragender Weine des Jahrgangs 2021 nicht gerade optimistisch. Aber es ließen sich einige Weine von sehr hoher Qualität finden“, vermeldet die re­ nommierte Weinkritikerin, die in Bordeaux lebt und von dort aus eine Referenz-Website über BordeauxWeine betreibt und mit dem Buch „Inside Bordeaux“ 2020 ein Stan­ dardwerk vorlegte.

mehr Frische, war das Manage­ ment der Tannine und der Säure der Schlüssel zum Erfolg“, analy­ siert Anson, die sich zur Vorberei­ tung der Primeurverkostungen je­ des Jahr beim Institut des Sciences de la Vigne et du Vin (ISVV) nach der technischen Gesamtsicht er­ kundigt. Denn sie will sich nicht nur auf die Geschichten verlassen, wie sie gewöhnlich von den Châteaux geschrieben werden.

Seit dem Jahrgang 2003 verkostete sie jedes Jahr rund 600 bis 800 Wei­ ne über drei Wochen hinweg. Eine En Primeur-Verkostung sei nie einfach, ist ihre Erfahrung. „Aber beim Jahr­ gang 2021 war sie es noch weniger“. Zwischen Frost, Verrieseln, Mehltau und Regen war im Weinberg alles ge­ boten. Bei den Verkostungen schnit­ ten die besten Herkünfte aufgrund intensiver Betreuung, ausgeprägtem Know How und schnellem Handeln insgesamt gut ab.

„Jedes Château propagiert ge­ wohnheitsmäßig einen erfolg­ reich abgeschlossenen Jahrgang“, schmunzelt Anson und merkt an, dass „Weinberg- und Kellertechnik bei einem Jahrgang wie 2021, bei dem es viele Hindernisse gab, sehr wichtig waren“. Von der Strategie der Entlaubung über die Wahl der Chaptalisation bis hin zu Extrakti­ onsverfahren – Jane Anson lässt bei ihren Verkostungen kein Thema aus und vertieft sich in die Analyse je­ des einzelnen Jahrgangs, während sie eine Frage nach der anderen stellt. „Was man bei den Verkos­

„Beim eher klassischen 2021er, geprägt von weniger Alkohol und

tungen und einhergehenden Ein­ schätzungen berücksichtigen muss, sind Entscheidungen der Châteaux hinsichtlich ihrer individuellen He­ rausforderungen und den Umgang mit den Rebsorten in Anbetracht der Wetterverhältnisse eines Jahr­ gangs“, erläutert Anson. Den Jahrgang 2021 reiht sie in die Reihe eines klassischen BordeauxJahres ein: „Es lassen sich fabel­ hafte Weine in einer horizontalen Verkostung finden, aber in einer vertikalen Verkostung würde der aktuelle Jahrgang nicht an den Jahrgang 2016 heranreichen. Man muss sich also bewusst sein, dass beste Weine in 2021 kein großer Erfolg sind, wenn diese in der Ge­ samtheit der Jahrgänge eines Châ­ teaux betrachtet werden.“ Viele Käufer von Primeurweinen warten auf die Analysen von Jane Anson. Sie weiß das und wertet sehr akribisch und sorgsam. „Es lässt sich konstatieren, dass es 2021 sehr gute Weine gibt, aber

man kann sie nicht blind kaufen wie einen 2016er“, meint die Kritikerin. Ähnlich resümiert der renommier­ te französische Weinkritiker JeanMarc Quarin, der konstatiert: „Bei Bordeaux 2021 handelt es sich um einen erstaunlichen Jahrgang, in dem nur gute, sehr gute oder aus­ gezeichnete Ausnahmen hervorge­ hen. Noch nie habe ich so viel He­ terogenität gesehen.“ Die Preisfrage bleibe entscheidend, sagt Anson: „Die letzten Jahre wa­ ren komplizierter, wenn es dar­ um ging, eine Rendite zu erzielen. Außerdem stellen die Verbraucher das System der Primeurweine in Frage. Dennoch bilden diese einen besonderen Moment in der Welt des Weins. Auch wenn 2021 kein großer Sonnenjahrgang ist, enthält er ein unbestreitbares qualitatives Potenzial.“ Ihr Fazit: „Man muss nehmen, was da ist, und nicht nach dem suchen, was nicht da ist.“ n

Jane Anson war 20 Jahre lang Kolumnistin und Korrespondentin in Bordeaux für die Weinzeitschrift Decanter. Ende 2020 startete sie ihre eigene Website, die der Region Bordeaux gewidmet ist. Ihre Kolumnen und Notizen werden weltweit gelesen. Jane Anson lebt seit 2003 in Bordeaux und ist Autorin einer Reihe von Büchern, darunter Inside Bordeaux, das 2020 veröffentlicht wurde. In diesem Jahr war sie die erste Frau, die den André-Simon-Vortrag für die Wine and Food Society seit Beginn der Reihe im Jahr 1971 hielt. Sie ist Inhaberin des Verkostungsdiploms DUAD des Önologischen Instituts von Bordeaux und akkreditierte Weinlehrerin an der Ecole du Vin von Bordeaux.

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Auch die Châteaux La Gaffelière und Croque-Michotte verlassen Saint Émilion-Klassifizierung

FRANK REICH SPÉCIAL

AUTOR: ARTHUR WIRTZFELD

Foto: Château La Gaffeliere

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ine neue Wendung in der Klassifizierung der Grands Crus von Saint-Émilion, die im September veröffentlicht gegeben werden soll, scheint den Zerfall der Émilion-Klassifikation zu zementieren: Château La Gaffelière, Premier Grand Cru Classé, kündigt über seinen Besitzer Alexandre de Malet Roquefort seinen Rückzug aus

dem Verfahren an. Siehe auch unseren Vorbericht: „Saint-Émillon-Klassifikation: Wunderbares kollektives Motivationsinstrument“

SAINT ÉMILION

Seit sich in 2021 die Premier Grand Cru Classé A klassifizierten Châte­ aux Cheval Blanc, Château Ausone sowie Anfang 2022 auch das eben­ so klassifizierte Château Angelus aus dem Saint-Émillon-Ranking (Classement de Saint-Émilion) ver­ abschiedeten, kommt die Diskus­ sion um die Klassifizierung nicht zur Ruhe. Jüngst zog sich auch Châ­ teau La Gaffelière, vertreten durch Alexandre de Malet Roquefort, der heute die Geschicke des Familien­ besitzes leitet und dabei auf über 300 Jahre Geschichte und neun Generationen zurückblickt, aus der Klassifikation zurück. Alexandre de Malet Roquefort stellt die Bewertungskriterien für die Klassifizierung 2022 sowohl hinsichtlich des Terroiransatzes als auch hinsichtlich der Verkostung der Jahrgänge in Frage und erklär­ te in dies in einer Pressemitteilung so: „Bezüglich der Bewertung un­ serer Weine wurde das qualitative Niveau unseres Terroirs im Beson­ deren angegriffen. Dies ist unver­ ständlich, da sich unser Terroir seit Tausenden von Jahren bis auf eine kleine Parzelle mit 60 Ar, die wir für die Produktion von Weißwein neu

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kultiviert haben, nicht geändert hat. Und was die Verkostung be­ trifft, wo wurden wir offensichtlich von rekrutierten Amateuren beur­ teilt, die den Jahrgang 2013 höher bewerteten als die Jahrgänge 2018 und 2019. Vergleicht man Notie­ rungen der Verkoster mit allen Be­ wertungen, die Château La Gaffe­ lière seit mehreren Jahren von den größten, renommierten Weinfach­ leuten erhalten hat, ist uns dies völlig unverständlich.“ Die Rebanlagen von Château La Gaffelière liegen größtenteils auf dem Kalksteinplateau und den Hängen von Saint-Emilion. Deren Terroir, bekannt und anerkannt seit der gallorömischen Zeit, ist seit Be­ ginn der Klassifizierung von SaintEmilion im Jahr 1959 als Premier Grand Cru Classé anerkannt und wurde bisher nie in Frage gestellt. Zur Entscheidung, die nun zum Austritt führte, erklärt Alexandre de Malet Roquefort weiter: „Wir hatten nie vor die Klassifizierung, mit der wir historisch verbunden sind, zu verlassen. Es ist nicht ver­ gessen, dass mein Vater vor mehr als 65 Jahren zu ihrer Entstehung

1.600 Jahre Geschichte von rekrutierten Amateuren ignoriert. beigetragen hat. Aber jetzt werden wir angegriffen. Meine Geschwister und ich waren uns einig, dass wir uns nicht mit Leuten auseinander­ setzen sollten, die 1.600 Jahre Ge­ schichte ignorieren.“ Mit Châteaux Cheval Blanc, Aus­ one, Angelus und La Gaffelière fehlen der der Saint-Émilion-Klassi­ fizierung renommierte Güter – die Klassifizierung bezieht sich auf die Unternehmen und nicht auf die Weine. Alle Abweichler argumen­ tieren letztlich gleich. Dem schließt sich kürzlich auch noch Château Croque-Michotte an und hat eben­ falls das damit angeschlagene Ranking verlassen. Das biologisch geführte Château mir 14 Hektar Rebanlagen war als Grand Cru be­ wertet, 1996 erhielt es die Wer­ tung Grand Cru Classé. Das für die Klassifikation zuständige Institut INAO (Institut national de l'origine et de la qualité) habe sich „in den Fehlern von vor zehn Jahren festgefahren: Es ist eine Klassifizie­ rung von Unternehmen und nicht von Weinen, für Investoren und nicht für Verbraucher", wird Lucile Carle, stellvertretende Geschäfts­

führerin von Croque-Michotte, in der französischen Presse zitiert. Bereits in 2012 hatte Château Cro­ que-Michotte die Annullierung der umstrittenen Klassifikation beim Verwaltungsgericht eingeklagt, das Verfahren wurde aber abgewiesen. Die Klassifizierung Saint-Émilion beurteilt die dazugehörenden Gü­ ter alle zehn Jahre, letztmalig in 2012. Doch mit der Einstufung für 2022 begannen die Diskussionen an Fahrt aufzunehmen, Unruhen und auch Streitigkeiten vor Gerich­ ten waren die Folge. Zusammen­ fassend werden von Kritikern und den austretenden Betrieben die Kriterien des Rankings kritisiert. Den Verantwortlichen wirft man vor, „sekundäre Elemente“ wie Be­ kanntheitsgrad und Zuspruch von Publikum zu viel Raum zu geben und „primäre Elemente“ wie Ter­ roir, Weinbewertungen, Weinqua­ lität und Weinbau zu wenig zu be­ rücksichtigen. n

Als einziges noch verbleibendes Premier Grand Cru Classé klassifiziertes Gut für Saint-Émilion verbleibt Château Pavie – vorerst jedenfalls.

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FRANK REICH SPÉCIAL

Hunderttausende Flaschen Billigwein als Bordeaux verkauft

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Cru-Weine. Betroffen von soplchen Weinfäl­ schungen sind in der Regel die renommierten Weingüter Frankreichs, Italiens und Deutsch­ lands, aber auch Spitzenweingüter der Neu­ en Weinwelt. Junge Jahrgänge werden öfter gefälscht als reifere Jahrgänge.

ine Fälscherbande in Frankreich soll mehrere hunderttausend Flaschen Billigwein als Bordeaux verkauft haben. Der mutmaßliche Chef der Bande und zwei weitere Verdächti­ ge seien jüngst einem Untersuchungsrich­ ter vorgeführt worden, hieß es aus Justiz­ kreisen. Ihnen wird unter anderem die Fälschung von Lebensmitteln, Betrug und Geldwäsche vorgeworfen.

"Wenn sich die Vorwürfe bewahrheiten, hof­ fen wir, dass die Täter schwer bestraft wer­ den, denn solche Praktiken schaden dem Image der Bordeaux-Weine", erklärte ein Verband von Bordeaux-Winzern.

Etwa hundert Einsatzkräfte nahmen den Angaben zufolge insgesamt 20 Verdächtige in der Region Medoc in der Nähe von Wein­ hauptstadt Bordeaux fest. Der Chef der Bande habe mit Hilfe spanischer Mittelmän­ ner billigen Wein eingekauft und auf seinem Weingut nachts in Flaschen abgefüllt. Diese seien dann mit gefälschten Bordeaux-Etiket­ ten versehen worden. Der falsche Bordeaux sei unter anderem an große Supermärkte und ins Ausland ver­ kauft worden, hieß es aus den Justizkreisen. Die Fälscher hätten sich auf mittelteure Bor­ deaux-Weine spezialisiert, die einfacher zu fälschen seien als die höherwertigen Grand-

Zum Tatbestand

Fälscherbande in Frankreich aufgeflogen

Eine Weinfälschung liegt dann vor, wenn ein Wein vorsätzlich und in betrügerischer Absicht falsch gekennzeichnet wurde – hin­ sichtlich seiner Identität, seiner Inhaltsstoffe und/oder seiner Herkunft. Falsche Inhalts­ stoffe können harmlose oder gefährliche Substanzen sein. Beispiele für erstere sind unter anderem Glycerin, Ethanol, Zucker, Säuren, Farbstoffe und Wasser. Gefährliche Stoffe können etwa die Süße erhöhende Stoffe wie Blei(II)-acetat und Diethylengly­ kol oder auch Methanol sein. n

AUTOR: ARTHUR WIRTZFELD Foto: Mathias Reding

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ZU BESUCH IM VAL DE LOIRE Terra Vino Incognita? AUTOR: WOLFGANG JUNGLAS

Foto: Wolfgang Junglas

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Natürlich kenne ich Weine von der Loire: Sancerre und Pouilly-Fumé am Oberlauf des mit über 1.000 Kilometer Länge Frankreiches größten Stroms.

Aber die mittlere Loire? Touraine, Vouvray, Saumur und Anjou? Chenin blanc, Cabernet Franc, Crémant de Loire? Kenne ich zwar, ist mir aber nicht so vertraut. Und ich habe die Region noch nie besucht. Also nehme ich zusammen mit rund 60 Weinjournalisten aus der ganzen Welt im April an einer Pressereise zu „Val de Loire Millésime“ teil. Zentraler Ort der viertägigen Jahrgangspräsentation ist die beschauliche Stadt Angers in einem kleinen Kongresszentrum.

Foto: Wolfgang Junglas

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er Auftakt ist vielversprechend: Am Begrüßungsabend in der sehenswerten Stiftskirche Saint-Martin aus karolingischer Zeit probieren wir trockene und edelsüße Chenin Blancs. Beim Diner mit regionalen Spezialitäten ist die Stimmung gelöst: Die Jahrgangspräsentation musste wegen Corona mehrfach ausfallen, man ist froh, sich wieder zu treffen. Beim Tischgespräch mit den Winzern kommen die Weinjournalisten aus Kanada, USA, Australien, Niederlande und Dänemark rasch zu den zentralen Fragen: Welche Position können die Loire-Weine am Markt einnehmen? Passen die traditionellen Süßweine noch in die Zeit? Will der Kunde Chenin Blanc? Die Weine, die wir an diesem Abend verkosten, sind durchaus vielversprechend. Die Frage nach den Marktchancen wird aber je nach Verbrauchermarkt von den Teilnehmern sehr unterschiedlich beantwortet: Während in den USA, Irland, Kanada und den Niederlanden durchaus eine lebhafte Nachfrage für Chenin Blanc von der Loire gesehen wird, bin ich für den deutschen Markt eher skeptisch. Nach den USA (21%) und GB (20 %) liegt Deutschland allerdings mit einem Marktanteil von 16 % auf dem dritten Platz der wichtigsten Importländer. Jedenfalls passen für mich die trockenen Weine gut zum Essen, besonders zu Gemüse – das liegt ja im Trend. Am nächsten Morgen geht’s los: Vortrag über das Anbaugebiet Loire und eine Tischverkostung der aktuellen Jahrgänge. Mit knapp 57.000 ha Anbaufläche ist die Loire in Frankreich das drittgrößte Anbaugebiet. Pro Jahr verkauft die Region 280 Millionen Flaschen – davon werden ¾ in Frankreich verkauft, ein Viertel wird exportiert. Die wichtigsten Rebsorten sind Cabernet Franc, Chenin Blanc, Melon de Bourgogne, Sauvignon Blanc. 45 % sind Weißweine, 26 % Rosé, 19 % Rotweine und 10 % Schaumweine. Die Journalisten erwartet ein Verkostungsmarathon: Tischverkostung mit rund 100 Weinen, überwiegend Chenin Blanc und Sauvignon Blanc. Vielleicht liegt es daran, dass es der erste Verkostungstag ist, oder weil es noch etwas früh am Tag ist – jedenfalls ist der erste Eindruck eher enttäuschend: Die Weine entsprechen nicht so recht dem internationalen Geschmacksprofil, die Aromen sind gewöhnungsbedürftig. Und jetzt? Lebhafte Diskussionen unter den internationalen Weinjournalisten. Das Urteil ist eindeutig: Wir hatten uns alle bessere Qualitäten versprochen! Nachmittags geht’s aufs Land: Wir fahren an die Loire und besuchen die Weinberge. An der ersten Station oberhalb des Stroms probieren wir Weiß-, Rosé- und Rotweine der Coteaux D’Ancenis - dazu gibt es leckere Snacks: Schinken, Gemüse – und Austern. Ist es die Szenerie? Oder das Essen? Die Weine passen hervorragend, besonders zu den Austern. Die Journalisten sind begeistert! Wir schauen uns die Rebanlagen an: Manche wachsen auffallend niedrig, dies ist wohl der Tradition geschuldet, die meisten aber entsprechen dem üblichen Drahtrahmen. Winzer erklären uns die unterschiedlichen Bodenformationen an der Loire: In Nantais Gneis und Granit, in Anjou Schiefer und Sandstein, in Saumur herrscht Tuff

Foto: Wolfgang Junglas

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vor, Ton in Touraine und Kalkstein mit Feuerstein und Kies im Centre Loire. Im Loire-Becken herrscht gemäßigtes Seeklima – mit starken Niederschlägen. Die Niederschlagswerte könnten in Zeiten des Klimawandels sogar von Vorteil sein. Abends verkosten wir auf dem Weinschiff „Barco Vino“ in Angers auf der Loire Chenin Blancs und Cabernet Francs aus Saumur und Vouvray. Die Weine sind zu 100 % aus einer Rebsorte gekeltert. Die einhellige Meinung: Sehr gute Qualitäten! Wir haben uns wohl geschmacklich „eingegroovt“. Der nächste Tag steht ganz im Zeichen einer Masterclass über das Gebiet Vouvray – dazu Verkostungen von Weinen der Touraine, das Gebiet rund um Tours: Dessertweine (überraschend gut!), Chenin Blanc und Cabernet Franc aus Saumur, sowie die komplette Geschmackspalette der Roséweine. Rosé scheint auf dem Vormarsch. Nachmittags besuchen wir die eindrucksvollen Höhlen in Souzay-Champigny: Hier lebten vor Jahrhunderten Menschen in einem Höhlendorf, heute sind sie ein perfekter kühler Weinkeller. Der Tag endet mit einer Leistungsshow des Crémant de Loire – allerdings waren eher mittlere Qualitäten am Start.

Foto: Wolfgang Junglas

Die Kölnerin und Schaumweinexpertin Gerhild Burkard erklärt uns am nächsten Morgen in einer Masterclass alles zum Crémant de Loire: Die Loire ist die drittgrößte von acht französischen Weinregionen, in der Schaumweine mit der Bezeichnung „Crémant“ vermarktet werden dürfen. Jährlich werden rund 84,5 Millionen Flaschen produziert. Auf rund 2.600 Hektar werden überwiegend Chenin Blanc und Cabernet Franc für die Schaumweinherstellung verwendet. 65 % des Loire-Crémants wird nach Deutschland exportiert. Der Crémant hat sich in der mittleren Qualitäts- und Preiskategorie der Schaumweine etabliert. Im Textilkunstmuseum Jean Lurçat in Angers endet die Pressereise mit faszinierenden Cabernet Francs: Zum Schluss stellen die Winzer hochwertiges auf den Tisch.

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Mein Fazit: Ich durfte eine interessante und abwechslungsreiche Leistungsshow mit Höhen und Tiefen erleben. Die traditionsreiche Weinregion ist dabei, sich dem geänderten Weinmarkt anzupassen. Besonders bei den Weißweinen ist eine Neuorientierung notwendig – die Nachfrage nach den traditionellen süßeren Weinen scheint nicht mehr so ausgeprägt. Chenin Blanc hat sicher eine Zukunft – auch wenn an der Loire vermehrt auf Sauvignon Blanc gesetzt wird. Bei dieser Rebsorte sind andere Anbaugebiete allerdings schon weiter. Die Qualitäten beim Cabernet Franc sind im mittleren Segment und in der Spitze durchaus ansprechend – die Rebsorte scheint allerdings nur bedingt mit den Erfolgssorten Cabernet Sauvignon und Pinot Noir mithalten zu können. Ein größeres Potenzial könnte ich mir beim Roséwein vorstellen. Und die Landschaft? Für Weintourismus kann ich die Loire nur empfehlen! n

NOTIZEN AUS DEM DACHVERBAND

FÉDÉRATION INTERNATIONALE DES JOURNALISTES ET ECRIVAINS DES VINS ET SPIRITUEUX INTERNATIONAL FEDERATION OF WINE AND SPIRIT JOURNALIST AND WRITERS

Neue Mitglieder in den FIJEV-Vorstand gewählt Paris, Juni 2022: Die Mitgliederversammlung der FIJEV, des größten in­ ternationalen Journalistenverbandes für Wein und Spirituosen, fand in diesem Jahr zum ersten Mal online per Videokonferenz statt - ebenso wie die Vorstandswahlen. Neue Mitglieder des Vorstands sind Azélina Jaboulet-Vercherre aus Frankreich, Sol Gradman aus Israel und Oscar Pinco aus Argentinien. Der bisherige Vorsitzende Wolfgang Junglas aus Deutschland wurde für weitere vier Jahre in seinem Amt bestätigt, ebenso wie die Generalsekretärin Anne Meglioli aus Italien. Sol Grad­ man aus Israel wurde zum Vizepräsidenten gewählt. Der neue Vorstand sieht die digitale Transformation des Verbandes als vorrangiges Ziel an. Auch die Sichtbarkeit des Verbandes soll gestärkt werden. Nach dem Ende der pandemiebedingten Reisebeschränkungen wird der Verband wieder verstärkt Pressereisen in internationale Wein­ baugebiete organisieren. Auch die Zusammenarbeit mit den führenden Weinmessen wird fortgesetzt und ausgebaut. FIJEV Wine Academy: Das Angebot an Webinaren, die von qualifizierten Vereinsmitgliedern als Referenten angeboten werden, soll ausgebaut werden. Auch Wein­ vorträge werden weiterhin angeboten und auf dem YouTube-Kanal des Verbandes veröffentlicht. FIJEV hat über 400 Mitglieder in mehr als 60 Ländern. n

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BORDEAUX Die Nerven liegen blank AUTOR: ARTHUR WIRTZFELD | ZITATE: ALEXANDRE ABELLAN

Foto: Vins de Bordeaux

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BORDEAUX

Über Jahrhunderte, längstens seit der Klassifikation 1855 – im gleichen Jahr zur Weltausstellung in Paris gegründet – gilt Bordeaux weltweit und unbestritten als das Weingebiet für Qualitätswein. Es ist auch flächenmäßig die größte zusammenhängende mit Reben kultivierte Zone der Welt und erstreckt sich bis zur Mündung der Gironde entlang mehrerer Flüsse rund um die gleichnamige Stadt Bordeaux. Hier produzieren über 3.000 Weingüter, genannt Châteaux, zum Teil weltberühmte Weine. Aufgeteilt ist das Anbaugebiet in knapp 37 subregionale und kommunale Appellationen und Klassifikationen, die letztlich eine qualitative Hierarchie abbilden. Bewertete Weinlagen, wie man sie sonst auf der Welt kennt, spielen eine untergeordnete Rolle. Stattdessen werden klassifizierte Châteaux bewertet. So weit, so gut …

… doch jedes System, jede Zeit, jede Tradition kommt irgendwann an ihre Grenzen. Gesellschaften ändern sich, wirtschaftliche Verhältnisse sind im stetigen Wandel und Klimata unterliegen Rhythmen, die Einflüsse auf Menschen und Natur ausüben. Auch Bordeaux bleibt davon nicht verschont. Ein Zustandsbericht eines französischen Journalisten bringt die Problematiken der berühmten Weinzone auf den Punkt. Alexandre Abellan, Chefredakteur von Vitisphere, hat einen durchaus kritischen Blick auf die Lage in Bordeaux.

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bellan schreibt in einem Beitrag „Es ist ein Sym­ bol: Der Fußballklub Girondins de Bordeaux, der an die französische Ligue 1 gewöhnt ist – sechs Trophäen hat der Klub in seiner Geschichte er­ spielt – wird ab der nächsten Saison in die dritte Liga absteigen, sich also in Zukunft mit Amateuren mes­ sen müssen. Dieser Abstieg ist in erster Linie auf schlech­ te sportliche Leistungen der Mannschaft zurückzuführen, wird aber auch durch die finanzielle Gier der Klubs der ersten Liga und die mangelnde Solidarität in der gesam­ ten oberen Liga befeuert.“ Ein durchaus verständliches Beispiel mit dem Abellan seine Kritik anführt, denn im Weinbaugebiet Bordeaux, wo ein Abstieg droht, der „absehbar wäre“ – „jedenfalls ist das gegenwärtige Risiko hierzu sichtbar“, schreibt er – herrscht eine düstere Stimmung. Und das begründet er so:

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Die Gironde ist keineswegs abgestiegen „Seit Jahren reiht sich in der Gironde eine Wirtschaftsund Klimakrise an die nächste: Rückgang des Rotwein­ konsums in Frankreich, wiederholte Polemiken über den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in der Gironde, harte Trump-Steuern in den USA, Abschwächung des chinesi­ schen Marktes, Covid-Krise, historischer Frost im Frühjahr 2021, Kostenanstieg nach der russischen Invasion in der Ukraine und Hagelstürme im Juni 2022“, konstatiert Ab­ ellan und zählt noch weitere Details auf: „Ganz zu schwei­ gen von den roten Karten der letzten Betrugsfälle (gegen spanische Weine) oder der Reihe von Verurteilungen von Domänenmarken (wegen Irreführung der Verbraucher) und sogar der Tatsache, dass die Internationale Organisa­ tion für Rebe und Wein (die OIV, die in Dijon angesiedelt ist) sich eher bedeckt hält. Man könnte meinen, dass der Klubbus der Gironde-Winzer vor dem Tor von Bordeaux steht, um in Richtung dritte Weinliga umzukehren.“ Fakt ist: In der Gironde herrscht mehr als ein Unbehagen, das ganze Weinbaugebiet von Bordeaux ist aufgewühlt. Während die Winzer sich abmühen, „modernere Weine“ zu produzieren (sowohl ökologisch als auch geschmack­ lich), „müssten sie mit ansehen, wie die Preise für nicht abgefüllten Wein immer noch auf einem unanständig hohen Niveau verharren – ohne dass dies auch nur an­ satzweise die Lagerbestände verringert, die kurz vor der Weinlese immer schwerer wiegen“, schreibt Abellan. „Dieser explosive Cocktail kommt in den Weinbergen der Gironde nicht gut an, wo sich dringende Anträge auf Rodungshilfen auftürmen“, erläutert Abellan. „Winzer in Not fordern Mittel, um denjenigen, die nicht mehr von ihrem Beruf leben können, einen würdigen Ausstieg aus der Branche zu ermöglichen und so den Markt freizuge­ ben für diejenigen, die aktiv bleiben wollen und wieder ins Gleichgewicht bringen wollen. Jeder hat seine eige­ nen Sorgen und weiß im Moment nicht, was die Zukunft

bringt. Auch wenn die Finanzierungsmodalitäten der Ro­ dungsprämien die Gemüter spalten, sind sich alle einig, dass andere Lösungen gefunden werden müssen, um Bordeaux wieder ins Spiel zu bringen. Eine Wiederbele­ bung, die über eine neue Spielidentität erfolgen muss, um es mal im Jargon des Fußballs zu sagen. Und an Initia­ tiven in diesem Bereich mangelt es dem Weinbaugebiet Gironde nicht“. Abellan meint damit die heiß diskutierten Themen: Die Produktion im Entre-deux-Mers mehr „in Richtung Rot zu fahren“ oder im Médoc auch „mehr in Weiss zu ver­ suchen“, touristische Erlebnisse in Bourg, Sauternes, rund um die Grands Crus Classés 1855 und auch „ge­ meinsam mit der UNESCO in Saint-Émilion zu entwi­ ckeln“. Auch ein Thema seien die „Ambassadeurs de Graves, die längst raten würden, auf die Beratungs­ wünsche der Verbraucher zu reagieren, sich in die IGP Atlantique zu diversifizieren und auch starke Agrarum­ weltverpflichtungen einzugehen, wie beispielsweise das Verbot der chemischen Unkrautvernichtung, wie es schon in Pomerol angewandt würde“. Weitere Stan­ dard-Agroökologische Bestimmungen (Wege zu nach­ haltigen Ernährungssystemen) „würden schon in Anbe­ tracht der veränderten klimatischen Bedingungen von den AOC Bordeaux, Bordeaux Supérieur, Cérons und Pessac-Léognan angenommen“. Andere Appellationen „prüften ihre Aufnahme“, z. B. Barsac, Blaye, Côtes Bor­ deaux, Côtes de Bourg, Entre-deux-Mers, Graves de Vayres, Margaux, Médoc, Pessac-Léognan ... Abellan kommt zu dem Fazit: „Die Gironde ist keineswegs abgestiegen, sondern nach wie vor das größte Weinbau­ departement Frankreichs, was ihr eine unvergleichliche Schlagkraft und Rückschlagfähigkeit verleiht. Das Poten­ zial ist vorhanden, um die Torchancen, die sich in Zukunft bieten werden, nicht mehr zu verschenken.“ n

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Die griechische Weinindustrie hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht und weltweit an Anerkennung gewonnen. China ist einer der Märkte, den die griechischen Winzer nun erobern wollen, wie Experten kürzlich in Athen erklärten. AUTOR: ARTHUR WIRTZFELD

Griechische Weinkellereien haben Chinas wachsenden Markt im Visier Foto: Oenorama

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uf der „Oenorama 2022“, der weltweit größten Messe für griechische Weine, die Mitte März in Athen stattfand, präsentierten rund 250 Weingüter aus allen Regionen Griechenlands etwa 3.000 ihrer Weinerzeugnisse. Nach einer zweijährigen Unterbrechung aufgrund

Aufschwung trotz Schuldenkrise und Pandemie

der Pandemie kehrte die Messe zurück und bot den Besuchern die Möglichkeit, die Jahrgänge 2019, 2020 und 2021 zu verkosten.

GRIECHENLAND

Seit 1994, dem Gründungsjahr die­ ser jährlichen Veranstaltung, hat Konstantin Stergidis, Generaldirek­ tor von Oenorama, die bemerkens­ werte Entwicklung der griechischen Weinindustrie beobachtet, die er als „sehr dynamisch“ bezeichnet. „Wir haben viele Neugründungen, darunter kleine Weingüter, die er­ öffnet werden, was gut ist, weil die­ se eine wesentliche Masse für den griechischen Wein und die grie­ chische Weinindustrie im Ausland schaffen. Zudem macht der griechi­ sche Weinanbau Fortschritte, was für das Endprodukt sehr wichtig ist“, sagte Stergidis. „In den letzten Jahren haben grie­ chische Weine zahlreiche internati­ onale Preise gewonnen und werden auf anspruchsvollen Märkten wie Frankreich immer beliebter. Und seit Mitte der vergangenen Dekade ist der Durchschnittspreis für eine Flasche griechischen Weins stetig gestiegen“, wird Yannis Voyatzis, ehemaliger Präsident der Nationa­ len Internationale Organisation für

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Rebe und Wein (OIV), kürzlich in der griechischen Presse zitiert. Die Jahre der Schuldenkrise hat Grie­ chenlands Weinindustrie genutzt, um in Weinkellereien zu investie­ ren und verdoppelte deren Zahl von 635 in 2010 auf bis dato 1295 wein­ produzierende Betriebe. Diese ver­ teilen sich von den den nördlichen Teilen des Landes bis zur Insel Kreta im Süden und erzeugen aus insge­ samt 120 geschützten geografische Zonen und über 30 geschützte Ur­ sprungsbezeichnungen Weiss-, Rot-, Schaum- und Süßweine. Laut Enterprise Greece, der offi­ ziellen Agentur für Handel und In­ vestitionsförderung des Landes, sei anhand einer Analyse aufgrund Erhebungen der griechischen Sta­ tistikbehörde der Gesamtwert grie­ chischer Weinexporte trotz Pande­ mie im Jahr 2020 in Höhe von über 75 Millionen Euro auf rund 84,8 Millionen Euro in 2021 gestiegen. Basierend auf den Daten für 2020 war Deutschland mit rund 37,5 Pro­

zent der wichtigste Exportmarkt für griechischen Wein, gefolgt von den USA, Kanada und Frankreich. Obwohl China im Jahr 2020 nur knapp 0,6 Prozent der griechischen Weinproduktion importierte, zeigt die „Export Potential Map Greece“ des International Trade Center mit Sitz in Genf, dass das Land ein viel­ versprechendes Ziel für griechische Exporteure sein kann. „Es ist ein potenziell wichtiger Markt, denn ich denke, dass die Chinesen sehr gut mit der Geschichte Griechen­ lands vertraut sind und Wein ist Teil unserer Geschichte. Viele unserer Weinberge befinden sich in Gebie­ ten von archäologischem Interesse oder sind touristische Ziele, wie Santorin“, erläutert Stergidis. Dem pflichtet Master of Wine Konstantinos Lazarakis bei, der dazu bemerkt: „China ist ein denk­ bar wichtiger Markt für griechische Weine. Ich kann mir gut vorstellen, wenn entsprechendes Marketing und Anstrengungen für den er­

weiterten Markteintritt realisiert werden können, wird griechischer Wein sich mit Sicherheit den chine­ sischen Weintrinkern annähern.“ Aris Tselepos ist Winzer in zweiter Generation bei Tselepos Wines, das seit 2015 eine stabile Zusammen­ arbeit mit seinen Partnern in China aufgebaut hat, konstatiert: „In den letzten Jahren hat sich der grie­ chische Wein auf dem Weltmarkt etabliert und macht nun seine nächsten Schritte auf dem asiati­ schen Markt. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass es sich um einen Markt handelt, der in den letzten Jahren ein enormes Wachstum ver­ zeichnet hat. Wir exportieren die Produkte aller unserer drei Wein­ güter und verzeichnen Jahr für Jahr ein merkliches Wachstum. Wir er­ warten, dass wir weiter wachsen und diese Partnerschaft weiter aus­ bauen werden.“ n

Die Griechen erfahren in den letzten Jahren im­ mer mehr Zuspruch für ihre Weine, sogar auf anspruchsvollen Märkten wir Frankreich können griechische Weine Marktanteile erobern.

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Weinrecht ist EU-Recht

AUTOR: MICHAEL ELSE

ZUR PERSON Michael Else ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Verwaltungsrecht – sein Spezialgebiet: Weinrecht. Seine umfängliche und frei zugängliche Weinrechtssammlung ist online nachzulesen in der Rubrik „LexVinum“ auf der Webseite der Georg-August-Universität. Im Rahmen seiner neuen Mitgliedschaft bei der Weinfeder e.V. wird Michael Else zukünftig im Weinfeder-Journal eine Serie „Weinrecht ABC“ veröffentlichen. Da Wein zweifellos ein Naturprodukt ist beginnt Else mit der Quelle und damit dem Buchstaben „N“ wie „Naturwein“.

WEINRECHT ABC: EINFÜHRUNG

ein wird aus der frischen Weintrauben her­ gestellt. Eine Tatsache, die oft vernachlässigt wird. Dies macht deutlich, das Wein letztlich nur ein landwirtschaftliches Erzeugnis ist. Und wenn es um die Landwirtschaft geht, dann ist die Europäische Union nicht weit. Folglich ist Weinrecht auch weitgehend EU-Recht. Der geregelte Bereich ist umfassend. Das Weinrecht im engeren Sinne umfasst sämtliche Produktionsschritte von der Anpflanzung der Reben, der Erzeugung von Trauben, der Verarbeitung zu Wein bis zur Abfüllung, Etikettierung und Handel. Über viele Jahrzehnte ist ein enges Geflecht aus Regelungen gewachsen, die heute oftmals nur schwer verständlich sind.

Der Dschungel der Regelungswerke Vor etwas mehr als 50 Jahren trat die erste Weinmarkt­ verordnung der (damals noch) Europäischen Wirtschafts­ gemeinschaft in Kraft. Seitdem dient das deutsche Wein­ gesetz eigentlich nur noch der Ausführung europäischen Rechts. Grundlage bildet heute die sogenannte Gemein­ same Marktordnung der EU, die nicht nur Wein, sondern ebenso Olivenöl, Butter oder Schweinefleisch einen ver­ bindlichen rechtlichen Rahmen gibt. Hinzu treten EU-Ver­ ordnungen zur Regelung von Details, etwa zu Pflanzrech­ ten, zulässigen önologischen Verfahren, Vorschriften für die Etikettierung, Grundlagen für den Geoschutz (z.B. ge­ schützte Ursprungsbezeichnung) bis hin zur Gewährung von Fördermitteln. Die Umsetzung der Vorgaben wird den Mitgliedsstaaten überlassen. Daher sind die Anforderungen an Weine in Italien, Spanien oder ganz besonders in Österreich ähn­ lich, unterscheiden sich auf dem letzten Meter dennoch von deutschen Regelungen. Die EU erlaubt, was die Staaten überhaupt noch regeln dürfen. In Deutschland steht das Weingesetz des Bundes an erster Stelle und re­ gelt etwa Zuständigkeiten, zugelassene Rebsorten oder Grundlagen für die Prädikatsweine. In der Hierarchie dar­ unter steht die Weinverordnung mit weiteren Details, wie Verfahrensregeln oder Voraussetzungen für Bezeichnun­ gen wie „Großes Gewächs“. Wiederum noch eine Stufe niedriger sind die Ausführungsgesetze der Bundesländer verortet. Parallel dazu stehen weitere Regelungswerke: Produktspezifikationen setzen den Rahmen für die Ver­ wendung von geschützten Herkunftsbezeichnungen, wie „Mosel“ oder „Landwein Rhein“; Verbandsrecht, wie Richtlinien des VDP oder der Ökoverbände stellen noch­ mals Anforderungen an die Mitglieder. n

Foto: Michale Else

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N wie Naturwein “

AUTOR: MICHAEL ELSE

Die Bezeichnung Naturwein, bzw. naturreiner Wein war über viele Jahrzehnte eine gebräuchliche Bezeichnung für nicht gezuckerte Weine, bis diese Bezeichnung durch eine Gesetzesreform vor fast 50 Jahren verboten worden ist. Dem noch immer geltenden Verbot zum Trotz, wird der Begriff Naturwein immer präsenter und wie selbstverständlich benutzt. Hierfür ist sicher eine Gruppe französischer Winzer mitverantwortlich, denen vor knapp zwei Jahren die offizielle Anerkennung zur Verwendung der Bezeichnung „Vin méthode nature“ für Weine gelang, die besonders naturnah hergestellt worden sind. Die Idee, Wein möglichst naturnah herzustellen, gewinnt seit einigen Jahren immer mehr Anhänger. Damit wächst auch das Bestreben, solche Weine als „Naturwein“ bezeichnen zu dürfen – vor auch allem auf dem Etikett. Doch dieser Platz ist nach geltendem Weinrecht noch immer ein Tabu. Im schlimmsten Fall droht sogar ein Verkehrsverbot für so bezeichnete Weine.

Foto: Julia Ilina

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Bis in die 1970er Jahre wurde ein Wein ganz offiziell als „natur“ angesehen, wenn er einen Zuckerzusatz weder in unvergorenem noch in vergorenem Zustand -auch nicht als Verschnitterhalten hatte, ausgenommen einer geringen Zuckermenge zwecks Hefebildung.

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it der Novelle des Weingesetzes von 1971 wurde das Weinbezeichnungsrecht neu gefasst und vor allen die Einteilung der Weine in Qualitätsgruppen eingeführt: Tafelwein, Qualitätswein, Qualitätswein mit Prädikat. Die Prädikatsweine lösten so die „Natur­ weine“ ab und die Bezeichnung wurde zur Vermeidung von Verwechslung und Irreführung faktisch verboten. Dennoch existieren sie, die „echten Naturweine“ – aber eben nach heutiger Interpretation. Eine feststehende rechtliche wie önologische Definition von „Naturwei­ nen“ im weitesten Sinne gibt es aber nicht.

Syndicat de défense des vins naturels Nach vielen Jahre der Vorbereitungszeit ist es der Grup­ pe „Syndicat de défense des vins naturels“ im Jahr 2020 gelungen, die Zustimmung der französischen Autoritäten für eine „Charta“ zu erhalten, auf deren Grundlage Wei­ ne die Bezeichnung ‘Vin méthode nature’ tragen dürfen. Nach dieser „Charta“ ist die Verwendung der neuen Be­ zeichnung, bzw. des Logos nur Erzeugern erlaubt, die Trauben aus zertifiziert biologischem Anbau verwen­ den, die unter Handlese geerntet worden sind. Bei der Weinbereitung dürfen keine Zusatzstoffe verwendet oder die Trauben auf andere Weise verändert werden, der Einsatz von Reinzuchthefen ist verboten, nur eine Spontanvergärung durch traubeneigene Hefen soll die Arbeit übernehmen, Traubenzucker in Alkohol umzu­ wandeln. „Brutale und traumatische“ Behandlungsme­ thoden sind nicht erlaubt. Als Beispiele solcher Metho­ den werden die Umkehrosmose, Cross-Flow-Filtration, Pasteurisierung oder Thermovinifikation genannt. Vor und während der Gärung darf kein Schwefel hinzuge­ fügt werden. Allerdings werden Sulfite auch nicht gänz­ lich ausgeschlossen. Gewisse Mengen werden toleriert, es muss dann aber deutlich darüber informiert werden. (Sulfite können sich auch bei Spontanvergärung ohne Zusatz von Schwefel bilden.)

Naturwein nun zulässig? Der Vorstoß der Franzosen darf nicht darüber hinweg­ täuschen, dass weiterhin keine gesetzliche Grundla­ ge für die Bezeichnung „Naturwein“, bzw. „naturrei­ ner Wein“ existiert. Das Verbot gilt fort, so etwa in § 25 Weingesetz. Danach könnte die Bezeichnung eines Weins als „Naturwein“ oder „naturreiner Wein“ nach § 25 Abs. 2 Nr. 2 WeinG gegen das Verbot zum Schutz vor Täuschung verstoßen, wenn sie als „Angaben ge­ braucht werden, die geeignet sind, fälschlich den Ein­

druck besonderer Qualität zu erwecken.“, selbst wenn diese gemäß Abs. 3 Nr. 2 zutreffend gebraucht werden, aber „geeignet sind, falsche Vorstellungen über das Verarbeiten, Abfüllen oder Lagern, die Beschaffenheit, die Erzeugnisse, die Rebsorte, den Jahrgang oder sons­ tige Umstände zu erwecken, die für eine Bewertung be­ stimmend sind.“ Es kommt daher darauf an, vor welchen Vorstellungen der Verbraucher geschützt werden soll, oder besser, was denn der Verbraucherhorizont ist. Vielleicht hat sich die Sicht des Verbrauchers auch in den letzten 50 Jahren seit dem faktischen Verbot der Bezeichnung gewandelt, immerhin umfasst diese Zeit fast zwei Ge­ nerationen. Genau dieser Gedanke findet sich auch in der weinrechtlichen Literatur wieder. Hier wird eben­ falls hinterfragt, ob die bisherige Verbrauchererwar­ tung auch heute noch gelte oder ob sie sich nicht er­ weitert habe. Eine tatsächlich zutreffende Verwendung des Begriffs „natur“ sei jedenfalls dann nicht per se ausgeschlossen, wenn es sich wirklich um einen „prak­ tisch naturbelassenen, unbehandelten Wein“ handele und keine „nachhaltig eingreifenden Behandlungsmaß­ nahmen“ durchgeführt worden sei. Letztlich sei dies aber nicht relevant, da das Verbot der Angabe „natur“ umfassend verstanden werde – vorgegeben durch EUWeinrecht.

Die Zukunft der Naturweine Es ist anzunehmen, dass die Initiative Vorbild auch für deutsche Weinszene sein wird, auch ein deutsches Pendant des „Vin méthode nature“ zu etablieren. Etwa der kürzlich in Köln gegründete Verein „Naturknall“ be­ ansprucht eine Definition für Naturwein für den deut­ schen Raum für sich. Vor allem aber darf die politische Dimension der „na­ tur“-Bezeichnungen und die Bemühungen um Regelun­ gen nicht unterschätzt werden. So hat die italienische EU-Abgeordnete Elena Lizzi die Europäische Kommis­ sion im April 2020 aufgefordert, eine Stellungnahme zur Zulässigkeit des französischen Vorstoßes abzuge­ ben. Eine Antwort durch die EU-Kommission steht noch aus, diese hat immerhin die französischen Behörden zur Stellungnahme aufgefordert. Betroffen ist demnach nicht bloß eine Nische in der Weinbranche. Den einen geht es um die Bezeichnung ihrer Erzeugnisse, den an­ deren um die Vermeidung einer zu großen Transparenz der Weinbereitung. Und hier schließt sich mit Blick auf die bald erforderliche Angabe eines Zutatenverzeich­ nisses der Kreis. n

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EUROPA KANN WEIN UND FUSSBALL! AUTOREN: RUD0LF KNOLL & ROBERT LÖNARZ

Es gibt die anstehende, umstrittene Fußball-WM im winterlichen Katar und aktuell die schwer durchschaubare UEFA Nations League. Und es gibt – neben der offiziellen Europameisterschaft der Profi-Kicker – noch eine bemerkenswerte EM der Winzer, die in diesem Jahr erstmals mit acht teilnehmenden Ländern stattfand. Sieger der UENFW VINOEURO 2022 wurde der Gastgeber, die Tschechische Republik. Das deutsche Team belegte den dritten Platz. Auf dem Programm standen 18 Länderspiele, für die über 300 Aktive und Teambetreuer zu den drei Ausrichtungsorten nach Tschechien gereist waren, mit über 2.000 Flaschen Wein im Gepäck. Zudem gab es erstmals eine weinbauliche Fachkonferenz und ein studentisches Austauschprogramm. Foto: Weinelf Deutschland

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Die erste offizielle UENFW VINOEURO fand nun erst­ mals vom 1. bis 4. Juni 2022 in der Tschechischen Repu­ blik statt. Die nationalen Organisatoren entwickelten mit den UENFW-Verantwortlichen einen neuen Markenkern und erweiterten das Angebot um die fachliche Bildung, insbesondere für den jungen Winzer-Nachwuchs. Da­ mit sind nun die europäischen Kulturgüter Fußball, Wein und Bildung in der zentralen Botschaft festgeschrieben! Mit der OIV, der International Organisation of Vine and Wine, steht ein starker Partner zur Seite. Aus jedem Land ist eine renommierte nationale Hochschule, z.B. Geisen­ heim, oder eine Ausbildungsstätte, z.B. Wädenswil, einge­ bunden, die zum einen die neu eingeführte Fachkonferenz VINO EDUCA und den studentischen Austausch stützt.

Foto: Weinelf Deutschland

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ie deutsche Weinelf hoffte auf eine Wiederholung des EuropameisterTitels 2014 in der Schweiz (3:2 gegen Ungarn), der ein Höhepunkt in der Geschichte der 2005 in Ingelheim gegründeten Weinelf-Deutsch­ land e.V. war. Strahlkraft hatten daneben Spiele gegen große Gegner wie der Traditionsmannschaft Eintracht Frankfurt oder der WeisweilerElf aus Mönchengladbach, die Auszeichnung mit dem Preis der Deutschen Wein­ kritik 2018 und die Besuche bei Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin und bei Papst Franziskus in Rom. Auch bei der Gala zur Verleihung des Deutschen Fußballkulturpreises in Nürnberg ist die WEINELF ein gern gesehenes Mitglied. Die Idee, Wein und Fußball international zu verbinden, hatten 2008 der ehema­ lige Verteidigungsminister und Winzersohn Dr. Franz Josef Jung und sein italieni­ scher Freund Luigi Brunetti, einst Gastronom in Neu-Isenburg. Die erste offizielle Europameisterschaft fand dann 2011 in der ungarischen Hauptstadt Budapest statt, mit dem Gastgeberland, Österreich, der Schweiz, Italien und Deutschland. Es folgten Slowenien und später noch Portugal und Tschechien. Das Prinzip Im­ provisation wurde 2018 abgeschafft, durch die Installation einer gemeinsamen Dachorganisation. Die UENFW, Union of European national football teams of winemakers e.V. mit Sitz in Geisenheim, regelt seitdem zentrale Aufgaben. Herz­ stück ist eine transparente Spielerdatenbank mit fast 300 kickenden Winzer:in­ nen, die öffentlich recherchiert werden kann (www.uenfw.org). Die Tür für neue Mitgliedsländer und Partner steht weit offen.

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Die jetzt an drei Orten durchgeführte Europameister­ schaft sollte eigentlich schon 2020 stattfinden, aber die Pandemie verhinderte damals und 2021 eine Austra­ gung. Die deutsche Mannschaft, durch einige Neulinge jünger geworden, spielte ein gutes Turnier. Sie siegte in der Gruppenphase gegen die Schweiz mit 6:1, dann gegen Italien 0:0 und gegen Slowenien 1:1. Als Zwei­ ter verpasste sie gegen den Sieger der anderen Grup­ pe, Tschechien, den Einzug ins Finale durch ein 0:0 und eine Niederlage im anschließenden Elfmeter-Schießen. Das Spiel um Platz drei schien bei Halbzeit durch ein 0:2 gegen Portugal schon fast verloren. Aber dann traf der Moselaner Mario Görgen viermal hintereinander und es stand am Ende 4:2 für Deutschland. Auf die Schulter klopfen durfte sich dafür auch Trainer Friedel Müller für seinen Riecher: Er hatte den vormaligen Abwehrspieler Görgen in den Sturm beordert. Neuer Fußball-Europameister der Winzer wurde der Gastgeber, die Tschechische Republik. Mit einem deut­ lichen 6:1 besiegte man den Titelverteidiger Slowenien im Finalstadion in Uherské Hradiště, wo Miroslav Kadlec zu Hause ist, der aus seiner Zeit beim 1. FC Kaiserlautern (1990 bis 1998) vielleicht noch etwas bekannt ist. In der abschließenden Sieger-Zeremonie wurde bekannt, dass entweder Portugal oder Italien 2024 das nächste Tur­ nier ausrichten werden.

Die öffentlichkeitswirksame Präsentation der Weine aus den beteiligten Weinbaunationen ist seit jeher ein fester Bestandteil einer VINOEURO. Bei den Abendveranstaltun­ gen wurden über 2.000 Flaschen zur Verkostung bereit­ gestellt. Die Südmährische Küche ließ dazu keinerlei Wün­ sche offen. Neben lokalen Veranstaltungen wurden auch Ausflüge in die umliegenden Weingüter angeboten. Ein Höhepunkt war der Besuch der moderne Kellerei Lahofer in den Hügeln von Znojmo.

Im Rahmenprogramm: Bildung Weil das Zusammentreffen von Winzern aus acht Ländern bei Fußballspielen und Weinproben auch eine gute Gele­ genheit zum Erfahrungs- und Wissensaustausch ist, ent­ stand das Konzept der VINO EDUCA. Die internationale Konferenz vereint Fachleute aus verschiedenen europäi­ schen Ländern während der Europameisterschaft. Unter­ stützt durch führende europäische weinbauliche PartnerUniversitäten und Bildungseinrichtungen wurden in den historischen Schlossmauern in Mikulov (deutsch: Nikols­ burg) vier Themenbereiche für Spieler, Studierende und Berufskolleginnen und -kollegen vorgestellt, im Beisein des tschechischen Gesundheitsministers Vlastimil Válek. Themenbereiche unter Einbindung hochkarätiger interna­ tionaler Referenten waren: • Der positive Aspekt eines maßvollen Weinkonsums aus medizinischer Sicht • Die Bedeutung der Weinkellerei und des Weinbaus für die nationale Wirtschaft, den internationalen Handel und die Beziehungen • Die Vorteile des Weinanbaus für den Boden und verant­ wortungsvolle Formen der Landwirtschaft • Die Rolle des Weinbaus im historischen Kontext unter Berücksichtigung von Kultur und Traditionen. Die VINOEURO umfasste auch ein Programm für Wein­ bau- und Önologie-Studenten mit Teilnehmern aus Ledni­ ce, Geisenheim und Pisa. Bei Exkursionen konnten prak­ tischen Erfahrungen ausgetauscht und neue berufliche Beziehungen geknüpft werden. Fazit: Wein, Fußball und Bildung vereinen europäische Kulturgüter und verbinden Menschen in Freundschaft. Wir hoffen in Zukunft auf eine Mannschaft der Ukraine und ein Freundschaftsspiel in Russland! n

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Prowein Düsseldorf 2022 Ein Fazit AUTOR: JOACHIM A. J. KAISER

Foto: Joachim A. J. Kaiser

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Wegen der Corona-Pandemie fiel die Prowein Düsseldorf zwei Jahre aus. Eine Weinmesse, die größte der Welt, macht mit Maske vor Nase und Mund wenig Sinn. 2022 fand sie endlich wieder statt, allerdings vom März auf den 15. - 17. Mai verschoben. Mir, als Messebesucher, hat der Termin im Mai sehr zugesagt! Es war sehr angenehm, dass man bei warmem Wetter abends am Rhein unter alten Bäumen sitzen, Abendessen und dem Sonnenuntergang zusehen konnte. Sehr viel angenehmer als sich im kalten März in überfüllten Restaurants zu treffen oder sich draußen den Hintern abzufrieren.

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ie Verschiebung fand nicht bei allen Anklang. Für Winzer ist Mai nicht unbedingt der optimale Zeitpunkt für eine Messe. Und auch die Düssel­ dorfer Gastronomen und der Tourismusverband hätten sich einen anderen Zeitpunkt gewünscht, weil im Mai sowieso die übliche Tourismussaison startet. Dementsprechend gingen die Kennzahlen 2022 im Ver­ gleich zu 2019 zurück. Kamen 2019 noch 61500 Besucher aus 142 Ländern, die 6900 Aussteller aus 64 Ländern in 10 Hallen besuchten, so waren es 2022 nur noch 38000 Besucher aus 145 Ländern, die 5700 Aussteller aus 62 Ländern in 13 Hallen besuchten. Die geringere Besucher- und Ausstellerzahl hatte aber auch Vorteile. Es herrschte so gut wie nie Gedränge, man konnte zügig verkosten, alles lief entspannter. Der Nach­ teil der Entzerrung von 10 auf 13 Hallen, man lief noch deutlich mehr als bisher von Halle zu Halle, ein echtes Fitnessprogramm. Die geringere Besucherzahl ist meiner Beobachtung nach auch auf einen deutlich geringeren Anteil an Konsumenten zurückzuführen. Es waren weit überwiegend Fachbesucher, die mir begegnet sind, was einer Fachmesse nur gut tun kann. Die übliche Belage­ rung gehypter Weingüter durch enthusiastische Verbrau­ cher habe ich 2022 nicht oder kaum bemerkt. Wenn man von der Prowein spricht, dann sind das ei­ gentlich drei Messen: Die eigentliche Prowein von Sonn­ tag bis Mittwoch, die Präsentation der UGCB – Union des Grands Crus de Bordeaux und die Gambero Rosso Tre Bicchieri. Alle drei finden auf dem Messegelände statt, die Präsentation der UGCB am Montag während der Prowein, allerdings in getrennten Räumen und Tre Bicchieri am Samstag unmittelbar vor der Prowein auch auf dem Messegelände. Während auf der eigentlichen Prowein die Entzerrung und der Besucherrückgang auf­ fielen, konnte ich keinerlei Unterschiede im Andrang bei den Präsentationen der UGCB und der Tre Bicchieri fest­ stellen. Auch die Prowein-Aussteller scheinen mit den Geschäfts­ abschlüssen zufrieden zu sein. Das berichtet zumindest die Messe Düsseldorf. Auch Fachverbände, wie DWI und VDP, haben sich positiv geäußert. Insgesamt sehe ich den Wieder-Start der Prowein Düsseldorf positiv.

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Highlights Bei 5700 Ausstellern ist es unmöglich alle innerhalb von drei, mit den Tre Bicchieri vier Tagen durchzuprobieren. Man muss Schwerpunkte setzen. Meine waren 2022 Pie­ mont, Israel, UGCB und der Jahrgang 2021 bei deutschen Rieslingen, soweit sie bereits abgefüllt oder als Faßpro­ ben zur Verfügung standen. Beginnen wir mit der besten Kollektion. Diese präsen­ tierte für mich die Azienda Agricola AZELIA aus Castiglio­ ne Falletto. Luigi und Sohn Lorenzo Scavinos Weine, vom Dolcetto über den Barbera und Nebbiolo Langhe bis hin zu den Lagen-Barolos waren sensationell gut. Das Fami­ lienweingut in fünfter Generation produziert nur 80000 Flaschen, aber die sind vom Feinsten. Zwei Weine ra­ gen heraus, der 2009er Barolo Voghera Riserva und der 2018er Barolo San Rocco, die Monopollage von AZELIA. Der 2009er Voghera Riserva ist Weltklasse und ich sehe ihn auf einem Niveau mit dem Rotwein-Highlight. Der 2018er San Rocco trinkt sich jetzt schon außerordentlich fein, ist herausragend mit Potential für Weltklasse. Das Alpha-Tier unter den anwesenden UGCB-Chateaux war auch dieses Jahr wieder SMITH HAUT-LAFITTE. Für meinen Gaumen war der 2019er Rouge das RotweinHighlight: Vielschichtige dunkle Fruchtaromen, auch dezent helle Kirsche und Maulbeeren, perfekter Holzein­ satz, viel Schmelz, aber auch viel Struktur. Großes Kino, Weltklasse, natürlich noch jung, aber schon gut trink­ bar und Potential für die nächsten 30 Jahre. Der 2019er Blanc war ebenfalls der beste weiße Bordeaux der Show. Der beste trockene Weißwein kam aus aus dem Rhein­ gau vom Weingut GEORG BREUER. Theresa Breuer und ihr Kellermeister Markus Landen sind ein eingespieltes Team. Ihr 2018er Riesling Roseneck (Faßprobe) ist her­ ausragend: Vielschichtiger Duft nach gelben Früchten, auch eine leicht pfeffrige Note, voll und rund am Gau­ men, aber nicht wuchtig, nicht aufdringlich, es dominiert die Eleganz und Feinheit, lang, ein Meisterstück aus dem heißen Jahr 2018.

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Mein Süßwein-Highlight: Was der Jahrgang 2021 an Po­ tential gerade bei Riesling hat, zeigte das Weingut WAG­ NER-STEMPEL. Der 2021er Heerkretz Riesling Kabinett Große Lage ist ein saftig-süß-frisches Schmuckstück von Wein, das ist hervorragend. Nach Blüten und hellgelbfruchtig duftend, im Mund klassische Rieslingaromen nach Weinbergspfirsich, dezent Aprikose und Zitrus, vib­ rierende Frische und Lebendigkeit am Gaumen, klar und transparent, exzellente Süße-Säure-Balance. Das will man eigentlich gar nicht im Keller zurücklegen, sondern am liebsten gleich trinken. Aufgespriteter Wein: Ein Elixier, das Tote erwecken könn­ te, Scheintote zumindest, ist der Pedro Ximenez Murillo Selection Centenario von LUSTAU. (Der PX Pedro Xime­ nez San Emilio ist nur einen Tick dahinter.) Klar ist das sehr süß, aber das ist perfekt balanciert durch die unter­ liegende Säure, enorme Fülle getrockneter Früchte, Fei­ ge, Dattel, Apfel, etwas Cranberry und auch noch Scho­ koladennoten. Den Preis für den Charmeur der 2022er Prowein muss ich teilen, da kann ich mich einfach nicht entscheiden zwischen dem 2018er Yiron von der GALIL MOUNTAIN Winery und dem 2017er Yarden Merlot Allone Habas­ han Vineyard von der GOLAN HEIGHTS Winery. Erster ein Blend aus Cabernet Sauvignon mit kleinen Anteilen an Merlot, Cabernet Franc und Petit Verdot und zweiter ein reinsortiger Einzellagen-Merlot. Beide opulente Weine mit enormen Schmelz, aber kein bisschen marmeladig, sondern trotz der Fülle ausgewogen und klar. n

Theresa Breuer und ihr Kellermeister Markus Lundén. Foto: Joachim A. J. Kaiser

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VINOCAMP RHEINHESSEN 2022 AUTOR: JOACHIM A. J. KAISER

VINOCAMPS SIND BARCAMPS, BEI DENEN SICH ALLES UM WEIN DREHT UND DIE ÜBERWIEGEND VON DEN TEILNEHMERN SELBST GESTALTET WERDEN. FÜR DAS ERSTE VINOCAMP

DEUTSCHLAND WAR DIE HOCHSCHULE GEISENHEIM GASTGEBER. ES WURDE ORGANISIERT VON DIRK WÜRTZ UND THOMAS LIPPERT, BEIDE KEINE UNBEKANNTEN IM WEINBEREICH.

Foto: Joachim A. J. Kaiser

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as Vinocamp Deutschland findet mittlerweile nicht mehr statt, aber es hat regionale Ableger geboren, u.a. das Vinocamp Rheinhessen. Nach drei Jahren Durststrecke aufgrund von Co­ rona gab es endlich wieder ein Vinocamp. Marion RockstrohKruft, die Organisatorin, hat keine Mühe gescheut und ein spannendes Programm auf die Beine gestellt. Das Vinocamp fand von Freitagabend, den 01. April bis Sonntagnachmittag, den 04. April in In­ gelheim statt. Vinothek Rheinhessen und Winzerkeller waren die Basis, aber die Teilnehmer unternahmen auch Ausflüge zu Winzern. Zentrales Thema des Vinocamps war Nachhaltigkeit. Dazu gab es von den Teilneh­ mern initiierte Sessions, eine Podiumsdiskussion und viele Gespräche mit Winzern. Und natürlich kamen die Verkostungen nicht zu kurz. Nachhaltigkeit besteht per Definition aus drei Säulen, dem Umwelt­ schutz, sowie sozialen und wirtschaftlichen Aspekten. Sowohl in den Sessions als auch während der Podiumsdiskussion, an der sich die Vi­ nocamper rege beteiligten, wurde rasch klar, dass jede Aktion in einem Bereich auch Auswirkungen auf die anderen beiden hat. In seiner Kom­ plexität kann es deshalb keine Patentlösung für nachhaltige Weingüter geben, die sich auf jedes Weingut anwenden lässt. Wichtig wären eini­ ge klare staatliche Rahmenbedingungen, die jedoch in der konkreten Ausgestaltung viel Spielraum lassen. Einig waren sich die Fachleute auf dem Podium und die Teilnehmer, dass als staatliche Vorgabe Bio der allgemeine Standard für landwirt­ schaftliche Betriebe, also auch im Weinbau, sein sollte. Zertifizieren müssten sich dann diejenigen Betriebe lassen, die nicht Bio arbeiten wollen. Heute bleiben diejenigen Weingüter auf den einmaligen und laufenden Kosten der Zertifizierung sitzen, die sich ethisch einwandfrei verhalten, während diejenigen, die auf Kosten von Umwelt und ihren Mitmenschen wirtschaften, die negativen Folgen auf die Gesellschaft abwälzen. Mit einer Standardumkehr, Bio als Norm, wäre das nicht mehr möglich.

Foto: DWI

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Einigkeit herrschte auch darüber, dass es nur noch eine überschaubare Anzahl an Flaschentypen in den Standardgrößen geben sollte. Das würde die Etablierung eines effizienten Wiederverwendungssystems ermögli­ chen und den technischen und ökologischen Aufwand erheblich verein­ fachen. Immerhin gehen ca. 40% des CO2-Fußabdrucks eines Weingutes auf die eingesetzten Flaschen zurück. Ein Schwerpunkt der Verkostungen, auch in den Sessions, waren PIWIs, pilzresistente Rebsorten. Winzer, die seit Jahren mit PIWIs, wie Johanniter oder Solaris, arbeiten, sind oft Bio-Betriebe. Sie haben mittlerweile erheb­ liche Erfahrung mit PIWIs nicht nur im Weinberg, sondern auch im Keller. Und das schmeckt man auch, diese Weine müssen sich nicht vor den Klas­ sikern verstecken. Ein sinnvoller Beitrag im Bereich Umweltschutz, weil die pilzresistente PIWIs deutlich weniger fungizide Spritzmittel benötigen, im Idealfall gar keine, als konventionelle Rebsorten. Am Samstagnachmittag fand ein Speeddating mit neun rheinhessischen Winzern und Rheinhessenwein e.V. - Selektion Rheinhessen statt. Jeder Winzer stellte drei Weine vor, die er/sie innerhalb von fünf Minuten er­ klären musste und die die Teilnehmer verkosteten. Danach ging es zum nächsten Winzer. Spannend, wie unterschiedlich Weine bei gleicher Reb­ sorte, gleichem Jahrgang und gleicher Region ausgefallen sind. Und auch wie gut etliche PIWIs dastanden. Vier Weingüter wurden während des Vinocamps besucht. Es wurden je­ weils zwei Weine vor Ort verkostet und die Weingüter erläuterten, welche Maßnahmen sie im Bereich Nachhaltigkeit, vor allem im Umweltschutz, bereits durchführen. Den Abschluss fand das Vinocamp im Weingut Wa­ sem – Kloster Engelthal. Das Kloster Engelthal war mit erheblichem Auf­ wand saniert und restauriert worden, wobei Nachhaltigkeit eine entschei­ dende Rolle spielte. Zu erwähnen ist noch, dass alle Weingüter ihre Weine für die Sessions und bei den Besuchen in den Weingütern vor Ort kosten­ los zur Verfügung gestellt hatten! n

Foto: DWI

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ADVERTORIAL

KOSCHERER SILVANER AUS IPHOFEN

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Oenologe Dr. Klaus-Peter Heigel, Rabbi Shlomo Bistritzky, Rabbi Mendel Edelmann und Andrea Wirsching. (Foto: Wirsching)

as Weingut Hans Wirsching aus Ipho­ fen hat zum zweiten Mal nach 2016 einen koscheren Silvaner ausgebaut. Das renommierte Familienweingut ist bekannt für trockene Weißwei­ ne, besonders für den Silvaner. Der koschere Wein wird im klassischen Bocksbeutel abge­ füllt. „Er zeigt die typische feine Mineralik des Keuperbodens und hat eine wunderbare Län­ ge“, erzählt Andrea Wirsching. Auslöser des Projekts waren ihre Israelrei­ sen. „Ich habe mich in das Land und seine Menschen verliebt.“ Ihr liegt der Austausch zwischen Deutschland und Israel am Herzen. „Wein ist der beste Botschafter, weil er Men­ schen zusammenbringt“, so Wirsching. 2016 hat sich das Weingut Wirsching der „TWINWINERY“-Initiative angeschlossen und tauscht seitdem Erfahrungen mit dem Partnerweingut „Kishor“ aus Israel aus. Einen koscheren Wein herzustellen ist sehr aufwändig, denn ausschließlich orthodoxe Juden dürfen mit dem Traubensaft und dem Wein in Kontakt kommen. Das heißt konkret, Landesrabbiner Shlomo Bistritzky aus Ham­ burg ist verantwortlich für die koschere Durch­ führung. Rabbiner Mendel Edelmann aus Lu­ xemburg kümmert sich um die handwerkliche Ausführung. Fachliche Instruktionen erhalten sie dabei von Dr. Klaus-Peter Heigel, Oenolo­ ge des Weinguts. Er greift jedoch nicht aktiv

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in den Ausbau des Weins ein. „Wenn wir uns entscheiden, einen Wein nach dem jüdischen Speisegesetz „Kashrut“ herzustellen, dann urteilen wir nicht darüber, sondern halten die Regeln einfach ein“, erklärt Wirsching. „Mit diesen Reinheitsgeboten erhielt sich das Ju­ dentum über 3000 Jahre seine Identität. Ab­ gesehen davon stellen sie höchste Ansprüche an die Lebensmittelhygiene.“ Die Trauben wachsen ganz regulär an den Hängen des Schwanbergs. Erst mit der Lese beginnt das Abenteuer „koscherer Silvaner“. Zunächst wird der gesamte Keller mit den Pressen, Schläuchen, Edelstahltanks und Arbeitsgeräten nach strengsten jüdischen Vorschriften mehrmals gereinigt. Der Wein­ ausbau passiert dann hinter verschlossenen Türen. Wenn die Rabbiner nicht in Iphofen sind, werden die Weintanks versiegelt. Durch die Einhaltung der strengsten Regeln des Reinheitsgebots darf der Silvaner sogar am Pessach, dem höchsten jüdischen Feier­ tag, ausgeschenkt werden. Der koschere Silva­ ner wird im Gegensatz zu vielen anderen ko­ scheren Weinen nicht erhitzt, d.h. er ist nicht „mevuschal”. Deswegen verliert er seinen koscheren Charakter, sobald er von nicht-jüdi­ schen Personen ausgeschenkt wird. Der Wein geht vorwiegend an jüdische Gemeinden in Deutschland und in die USA. Direkt im Wein­ gut ist nur ein kleiner Teil erhältlich. n

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HEILBRONNER SCHATZKAMMER AUTOR: RUDOLF KNOLL

Justin Kircher (links) und Kellermeister Arne Maier Foto: Hansjörg Jung

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„Wein-Schatzkeller“ steht plakativ auf dem Dach der stattlichen Genossenschaftskellerei in Heilbronn an der Binswanger Straße, die unter den deutschen Genossenschaften eine Sonderstellung einnimmt und in diesem Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum feiern konnte. Sie hat zwar nicht die Größenordnung der Württembergischen Weingärtner-Zentralgenossenschaft in Möglingen (WZG), die über 2300 Hektar von teil- und vollabliefernden Kooperativen unter ihren Fittichen hat. Aber die Heilbronner haben es durch eine Reihe von Fusionen in den letzten 15 Jahren auf 1400 Hektar gebracht und sich dabei eine Individualität bewahrt, die auch bei renommierten Weingütern nicht selbstverständlich ist. Es gibt nämlich tatsächlich einen Schatzkeller, hausintern Schatzkammer genannt. Der bemerkenswerte Inhalt wird immer wieder mal vom Vorstandsvorsitzenden Justin Kircher auch sensorisch unter die Lupe genommen…

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emeinsam mit dem verantwortlichen Kellermeister Arne Maier und einem Presse-Duo spazierte Kircher mal wieder durch lange Keller­ gänge an Stahltanks vorbei, zwei Etagen hinunter, in einen geräu­ migen, etwas verwinkelten Raum mit vielen Fächern, in dem eine für einen Altweinkeller passende kühle Temperatur herrscht. „Hier liegen rund 36 000 Flaschen“, erzählt er. „Alle sind gut sortiert, wie wissen sofort, wo etwas ruht.“ Zum Beispiel die Senioren aus 1959, zwei Flaschen Beerenauslese und 31 Buddeln Trollinger aus dem gleichen bedeutenden Jahrgang. Vom 1960er blieben 43 Flaschen Riesling mit Silvaner und selbst aus dem miserablen Jahrgang 1965 31 Flaschen Schwarzriesling erhalten. Ab den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts kann man größere Zah­ len in verkäuflichen Mengen vorweisen, zu durchaus moderaten Preisen. Stichprobenartig nehmen Kircher und Maier immer wieder mal eine Reihe von Flaschen unter die Lupe. Wird Schwund festgestellt, kann man durch eine Flasche aus dieser Serie ausgleichen. Bei dieser Gelegenheit wird dann gleich etwas nachgeschwefelt, um den Wein stabil zu halten.

Nach drei Stunden standen einige Dutzend Flaschen im Anbruch auf dem Tisch. Interessant war, dass nicht nur die edelsüßen Weine inklusive von Eisweinen eine gute Haltbarkeit demonstrierten, sondern auch ganz nor­ male Qualitätsweine oder Spätlesen. Nur recht selten musste der Daumen gesenkt werden und war die Feststellung zu treffen: den hätte man besser nicht archiviert. Einige Süßweine profitierten von der Frucht, die Stabilität verleihen kann. So zeigte eine 1973 Spätlese aus Flein noch richtig Biss. Sie stammte aus den Vorräten der vormals selbstständigen Fleiner Genos­ senschaft, die früher vor allem für ihren Riesling bekannt war und 2010 unter das Heilbronner Dach umzog. Ein Teil der Fleiner Hinterlassenschaft

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ist noch nicht einsortiert. „Kann sein, dass wir da einige Schätze entde­ cken“, meint Kircher zum Inhalt zahlreicher Flaschenboxen. Auch jüngere Jahrgänge wurden unter die sensorische Lupe genommen, zum Beispiel eine Serie „Triebwerk“, in diesem Fall Riesling – ein Werk von jungen Mitgliedern, die sich an gradlinigen, ungeschminkten Wein heran­ wagten. Die Probe ab Startjahrgang 2012 machte deutlich, dass die Wei­ ne Zeit brauchten, aber nach einigen Jahren gut in Form kamen. Nur der Riesling 2014 war schon recht problematisch. Weil die Linie erfolgreich im Absatz ist, wurde sie inzwischen durch einen Schillerwein und einen Lemberger ergänzt. Freude bereiteten auch die meisten Rotweine, die der unermüdliche Kel­ lermeister Maier serienweise entkorkte. Höhepunkte waren hier eine straffe, würzige Cuvée St. Kilian, ein feinmaschiger 2003er St. Kilian aus dem Barrique, der sich sehr feinmaschig präsentierte. Dass der Kork­ schmecker auch bei reifen Weinen zuschlagen kann, zeigte sich beim Jahr­ gang 2004. Der Wein aus der Vergleichsflasche präsentierte sich dagegen klar und beerig im Aroma und geschmacklich dicht. Zum Abschluss der Verkostung wurde ein 1985er Lemberger St. Kilian Heilbronner Staufen­ berg geöffnet, der ein Markstein in der Geschichte der Genossenschaft ist. Denn er wurde Sieger im ersten Deutschen Rotweinpreis des Maga­ zins Vinum im Jahr 1987 in der entsprechenden Sortenkategorie. 24 Fla­ schen von diesem sensationell komplexen, vielschichtigen Wein mit reifen Gerbstoffen gibt es noch. Ein durchaus ähnliches Format deutet der zum 50-Jährigen gefüllte Jubiläumswein aus der Ernte 2019 aus Lemberger, Cabernet Cubin und Cabernet Mitos an. Das angegebene Potenzial des Weines mit vier Jahren ist ziemlich untertrieben… n

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Empfehlenswerte Lektüre

ALLE LESETIPPS VON RUD0LF KNOLL

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Wein – mal nicht kompliziert Autor: Rudolf Knoll

In Memoriam: Persönlichkeiten der deutschen Weinszene Autor: Rudolf Knoll

111 Geschichten über ungewöhnliche Weine

Wein – mal nicht kompliziert

Autor: Rudolf Knoll

Der Krieg in Weinregionen Autor: Rudolf Knoll

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o etwas wird man bei einem Weinglashersteller wie Riedel nicht mit Begeisterung lesen, weil das österreichische Unternehmen wohl bald zu jeder Reb­ sorte ein spezielles Glas entwickelt hat. „Mir reichen genau zwei Gläser: Ein Universalglas und eins mit et­ was breiterer Oberfläche“, schreibt Toni Askitis. Der Düsseldorfer Sommelier und Ex-Gastronom mit griechischem Blut in den Adern hat sich in den letzten Jahren einen Namen auf verschiedenen Weinfeldern gemacht, ist bestrebt, bei Verkostungen für Laune zu sorgen und will mit seinem Buch deutlich machen, dass auch junge Leute für Wein zu haben sind, wenn man sie nicht mit komplizierten Regeln irritiert.

Toni spricht sich für das Schlürfen und Schwenken beim ersten Schluck aus, klärt in gradliniger Sprache über Süße und Säure auf, empfiehlt, dass man Wein am besten beim Fachhändler oder gleich beim Win­ zer kauft. Warum er bei den Infos über die Verschlussarten nicht auf das nach wie vor existente Korkproblem hinweist, verzeihen wir ihm mal. Sein Loblied auf den immer noch verkannten griechischen Wein sei gestat­ tet, ebenso die Meinung, dass er Weinschorle nicht schätzt, weil damit die Arbeit des Winzers etwas he­ rabgewürdigt wird. Auch die Empfehlung einer Trink­ temperatur für guten Weißwein mit 12 Grad ist kor­ rekt, weil zutreffend. Er hätte noch ergänzen können, dass der Hinweis auf dem Rückenetikett „Genießen bei 6-8 Grad“ eher einer Warnung ist, den Wein nicht zu kaufen. Über manche Punkte kann man geteilter Meinung sein, etwa über die Behauptung, dass Ries­ ling zu allem geht. Folgen kann man seiner Empfeh­ lung, Champagner zum Gyros zu bestellen (Silvaner Großes Gewächs geht hier übrigens auch wunderbar, lieber Toni). n Wein ist unkompliziert, von Toni Askitis, 144 Seiten, Edition Michael Fischer, München, 18 Euro

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In Memoriam: Persönlichkeiten der deutschen Weinszene

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er Autor ist sicherlich auch einmal ein Kandidat für ein sol­ ches Buch. Dr. Rudolf Nickenig war von 1986 bis 2018 Ge­ neralsekretär des Deutschen Weinbauverbandes sowie Chef­ redakteur des Verbandsmagazins „Der deutsche Weinbau“ und ab 1991 auch Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Weinexporteure. Er war außerdem in verschiedenen europäi­ schen Wein-Gremien und der Internationalen Organisation für Rebe und Wein (OIV) aktiv. Im Unruhestand begab er sich auf die Spuren von Persönlichkeiten der Weinkultur aus Rhein­ land-Nassau, die alle eines gemeinsam haben: Sie sind nicht mehr am Leben. Viele waren Weingutsbesitzer und –funktionäre. Aber auch über Persönlichkeiten, die keinen unmittelbaren Bezug zum Wein hat­ ten, kann der Autor muntere Geschichten erzählen, etwa über Karl Marx (1818-1883), dessen Vater Weinberge an der Mosel besaß, während der Sohn lieber Bordeauxweine und Champag­ ner genoss. Über Konrad Adenauer (1876-1967) weiß er zu be­ richten, dass er bei einem Besuch in Moskau diverse deutsche Edelweine mitbrachte, was vielleicht zur Freilassung deutscher Kriegsgefangener beitrug. Ein Ratschlag für eine neuerliche Rei­ se nach Moskau lässt sich daraus wohl leider nicht ableiten (ob­ wohl Putin Weinbau betreiben lässt). Teilweise geht Nickenig weit in die Geschichte zurück, etwa mit dem Kapitel über Heinrich Ludwig Gall (1791-1863), dem Erfinder der später sehr umstrittenen Nassverbesserung (Gallisierung), die zumindest die Not vieler Moselwinzer milderte. Zu seiner Ehren­ rettung erwähnt Nickenig, dass er die selektive Lese empfahl und

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für die Einrichtung einer Lehr- und Versuchsanstalt kämpfte. Auch Clemens Wenzeslaus (1739-1812) ist einer der Senioren unter den Vorgestellten. Der Trierer Kurfürst soll anno 1787 verfügt haben, dass in seinem Hoheitsgebiet allein die Rieslingrebe angebaut werden darf, was der Autor als Falschmeldung entlarvte. Auch der römische Staatsbeamte Ausonius (310-394) ist vertreten, weil er 371 in Trier die „Mosella“ schrieb, ein antikes Gedicht, das sich ausschließlich der deutschen Flusslandschaft widmet. Manche interessante Episode findet sich bei weniger bekann­ ten Namen wie Norbert Görres (1934-2009), dem Sohn eines Ahr-Winzers, der zum Entwicklungshelfer für Wein wurde und in China, Rumänien, Usbekistan und Kirgistan Akzente setzte. Die Chinesen sollen ihn regelrecht vergöttert haben. Einige Namen finden sich noch heute in der Weinszene, etwa Peter Mertes, Langguth, Anheuser, Immich, Loosen, Piedmont, Plettenberg, Richter, Müller Scharzhof, Thanisch, van Volxem, Nell, Wegeler, aber es handelt sich um Vor-Vorfahren aktueller Wein-Persön­ lichkeiten. Gut, dass Rudolf Nickenig auch kritische Personen aufführt, etwa den einstigen Präsidenten des Deutschen Wein­ bauverbandes, Werner Tyrell (1916-2002), der 1984 wegen un­ erlaubter Anreicherung von Prädikatsweinen in seinem Weingut Karthäuserhof an der Ruwer aufflog, verurteilt wurde und alle seine Ämter niederlegen musste. n Persönlichkeiten der Weinkultur in Rheinland-Nassau, von Rudolf Nickenig, 144 Seiten, herausgegeben von der Gesellschaft für Geschichte des Weines, 14 Euro (für Mitglieder kostenlos). Bestellung via www.geschichte-des-weines.de

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Von Australien bis Zypern: 111 Geschichten über ungewöhnliche Weine Der Krieg in Weinregionen

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einfeder-Mitglied Cars­ ten Henn, der zuletzt leider im Weinjournalismus zu­ rückhaltender wurde, hat als Buchautor nochmal richtig zu­ geschlagen – mit Wein! Weil in seinem Verlag die Zahl „111“ Bedeutung hat, steht sie im Ti­ tel. Henn versichert, dass man alle vorgestellten Weine „ge­ trunken haben muss“. In einigen Fällen muss das nicht unbedingt wegen einer besonderen Quali­ tät sein, sondern auch wegen einer spannenden oder originel­ len Geschichte, die unterhalt­ sam geschrieben umgesetzt wird. Staunen darf man auf jeden Fall, wie abwechslungsreich die Weinwelt ist und wie es Henn gelang, die besonderen Weine aufzuspüren. Sicherlich steckt hier die Erfahrung von etlichen Jahren im Weinjournalismus in dem Buch, verbunden mit dem Interesse an ungewöhnlichen Storys.

Erzeuger sich mal mit Châ­ teau Yquem angelegt hatte, ein deutscher Riesling aus einer extremen Steillage, der ungewöhnliche „Com­ manderia“ aus Zypern so­ wie ein aktueller Cabernet Sauvignon aus Kalifornien, der einst mit einem älteren Jahrgang bei einer Verkos­ tung in Paris im Jahr 1976 den hochgelobten Borde­ laisern das Fürchten lehr­ te und einen „Wein des Kremls“, der eigentlich auf der griechischen Mönchs­ insel Athos von der Kellerei Tsantalis erzeugt wird, aber von dem jedes Jahr 2000 Flaschen nach Russ­ land verschickt werden (aktuell wurden die Lieferun­ gen laut Mittteilung aus Griechenland auf Eis gelegt). Auch Dänemark, Israel, Libanon, Rumänien, Kanada und Schweden sind vertreten. Für die Flaschenbilder sorgte der Kölner Fotograf Tobias Fassbinder. n

Vorgestellt werden zum Beispiel ein UnterwasserWein (neue Mode in der Weinszene), eine österrei­ chische Cuvée aus rund 200 verschiedenen Sorten, ein Gefängniswein, ein australischer Wein, dessen

111 Weine aus aller Welt, die man getrunken haben muss, von Carsten Henn, Emons Verlag Köln, 240 Seiten, 16,95 Euro

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an kann fast sagen, dass dieses Buch besonders aktuell ist. Denn Autor Ludwig Aumüller, eigent­ lich erfolgreicher Weinhändler in der Oberpfalz mit internationalen Beziehungen, brachte es heraus, als Russland die Ukraine brutal überfiel und im Westen Europas wohl erstmals richtig zur Kenntnis genommen wurde, dass dieses Land im europäischen Osten auch ein Weinland in der Größenordnung von Österreich mit über 40.000 Hektar ist. In Aumüllers Buch kommt es nicht vor. Wohl aber hat er einen Zusammenhang hergestellt zwischen dem Wein aus verschiedenen Ländern und Regionen und den Kriegen, die dort zu unterschiedlichen Zei­ ten eine Rolle spielten. Die Reise geht zu Weingütern in Deutschland, Italien, Frankreich und Österreich. Durch persönliche Kontakte und Recherchen konnten interessante und spannende Hintergrundinforma­ tionen erstellt werden, die teilweise weit in die Ge­ schichte zurückreichen.

Das Buch hat der Weinhändler in Zeiten der Pandemie geschrieben, „weil ich plötzlich mehr Zeit als sonst hat­ te“. Das Talent als Autor ist dem Feinschmecker nicht abzusprechen. Dass sich ein paar kleine Fehler in die Texte eingeschlichen haben, ist verzeihbar. Er selbst meint dazu, das Buch sei „hemdsärmelig und sprung­ haft verfasst“. Zum Titel wird erklärt, Négociant sei die französische Bezeichnung für Kaufmann, Händler oder Handelshaus und vor allem für Weinhändler gebräuch­ lich, so wie der Autor einer ist. n

Négociant – Wein, Kapital und Krieg, von Ludwig Aumüller, 400 Seiten, Global Markenweine, Bruck/ Oberpfalz, Bezug Weinhandel Pustet, Regensburg, 29,95 Euro

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Weinbau in der Renaissance

Von der Traube bis ins Glas

DR. DOLORES MÜLLER

Die Abbildung (links) zeigt eine Weinlese um 1530: Die Trauben wurden in Bütten gesammelt und in einem großen Bottich gegeben. Der Weintreter gewann den Traubensaft durch Zertreten der Trauben. Die Wildgärung des Traubensafts erfolgte in Fässern.

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Schon vor tausenden von Jahren wurde in verschiedenen Ländern in Europa Wein erzeugt. Die Römer waren bei ihren Feldzügen vor 2000 Jahren so nebenbei auch Förderer des Weinbaus. Mit der Zeit entwickelten sich unterschiedliche Methoden für den Ausbau. Ein offenbar besonders spannender Zeitraum war hier das 16. Jahrhundert. Nachzulesen wohl

ist

ersten

Weinbuch

des

das

in

dem

deutschsprachigen Wieners

Johann

Rasch (1540-1612) aus den Jahren 1580 und 1582 „Von Baw, Pfleg und Brauch des Weins“ sowie anderen Werken, auf die es in Bibliotheken noch Zugriff gibt. Der in Grünstadt in der Pfalz lebende Chemiker Dr. Tobias Schick (32) machte mit einem eigenen Buch

eine

Rekonstruktion

der

Weinkultur zu jener Zeit möglich. Dabei gelangen auch Rückschlüsse auf die Herstellungsverfahren und das damalige Kundenprofil.

Alle Fotos dieses Beitrags: Verlag Books on Demand

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AUTORIN: DR. DOLORES MÜLLER

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ines vorweg: Vieles hat sich auch über die Jahr­ hunderte auf den ersten Blick nicht geändert. Idealerweise wuchsen Weinreben in trockenen Gebieten an möglichst nach Osten ausgerichteten Hängen. Ein Gedeihen der Reben wurde unter den Bedingungen versprochen, dass das Erdreich mindestens 75 cm tief in den Boden reicht und im Weinberg kein Lor­ beer oder Eppich (veraltet für Efeu, Petersilie, Sellerie und Liebstöckel) wächst. Die Nährstoffversorgung oder auch Düngung übernahmen Urin oder Mist, welcher auf die Erde gegeben wurde und auch durch seine Eigenwär­ me die Wurzeln in kalten Nächten schützte.

Im ausgehenden Sommer wurden kurz vor der Weinlese die über dem Schoß wachsenden Blätter der Rebstöcke entfernt, um den Trauben die Feuchtigkeit zu entziehen und vermutlich süßere Weine zu erhalten – so zumindest die Erklärung der damaligen Autoren der „Oenographia“ (1604). Auch heute noch ist an manchen Hängen im Spätsommer das Entfernen der Blätter zu beobachten.

Im Keller: Wirf´s ins Fass, den Kellerwein! Während der Weinlese wurde der Traubensaft durch das Zertreten der Trauben von „Weintretern“ in einem Bot­ tich gewonnen. Die damaligen Schriften lassen vermu­ ten, dass nicht der „Weinmeister“ selbst diese Arbeit ver­ richtete, sondern sie niedrigeren Dienstgraden überließ. Die Gärung des Saftes wurde in zuvor mit Salzwasser ausgebrühten Fässern über eine Wildgärung vollzogen (heute sagt man dazu Spontangärung). Falls die Gärung ausblieb, lautete ein Rat: „Nimm das Erdreich, da der Wein gewachsen und wirf’s in das Fass, so gärt er auch.“ Die Fässer wurden idealerweise im dunklen und kühlen Weinkeller gelagert. Zum optimalen Schutz des Weines mussten die Fässer mit Blechen abgedeckt sein, damit der Donner dem Wein keinen Schaden anrichten konn­ te. Und nach Möglichkeit durfte es keine Fensteröffnung nach Norden geben. Der Nordwind galt als sehr schäd­ lich für den Wein und die Sorge bestand, dass Weine durch den Wind schlecht wurden. Eine logische Begrün­ dung für diese Furcht ist in den alten Schriften nicht zu finden. Manche Weinherren aber waren so kühn und lagerten den Wein absichtlich unter freiem Himmel, wo er den Elementen der Natur ausgesetzt war. Das Pro­ dukt wurde dann als „Wetterwein“ bezeichnet. Ob Wetter- oder Kellerwein, das Produkt wurde, ähnlich wie heute, anhand von Farbe, Geschmack und Geruch im Rahmen einer Weinprobe bewertet. Um sich vor Be­ trug zu schützen, sollten die „Weinkoster“ den Wein morgens kosten, nachdem „sie den Mund gewaschen und drei oder vier Brocken Brot in Wasser getunkt und gegessen haben“. Des Betruges wurden Weinhändler/herren bezichtigt, die Süßholz, gesalzenen Käse oder sonstige, deftige Speisen mit der Absicht anboten, den Geschmack des Weines durch das Essen zu verändern. Der Grund zu dieser Vorsicht war durchaus berechtigt, da auch Weißweine durch Färbung mit Heidelbeeren, Sauerkirschen oder Kornblumen zu Rotweinen wurden.

Geschmack: Tricksen mit den Würzaromen Auch geschmacklich wurde in die Trickkiste gegriffen und Weine mit Hopfen oder Wacholderbeeren versetzt, um die Haltbarkeit zu erhöhen. Denn wenn „durch den Hop­ fen das Wasser in dem Bier vor Gebrechen bewahrt wird, warum sollte dann nicht viel mehr der Wein fast kräftiger […] behalten werden?“ Andererseits wurde der Weinge­ schmack an die Anforderungen jener Zeit durch Honig, Pfeffer, Nelken und Zimt angepasst. Süße, gewürzte Wei­ ne waren eben zu der Zeit en vogue. Hat der Wein den Geschmack des Kunden getroffen, gönnte man sich das eine oder andere Krautstrunkglas mehr und musste mit den morgendlichen Konsequenzen rechnen. Die Gegner solcher Gelage schimpften, in den Zechern sei „weniger Vernunft als in einem Esel, welcher, so er getrunken hat, nicht mehr als es ihn gelüstet hat, wieder nach Hause geht.“ Es scheint, solche Zecher sind nicht ausgestorben… n

Das Buch zum Thema „Weinbau in der Renaissance – von der Traube bis ins Glas“ ist im Verlag Books on Demand erschienen, 114 Seiten, 30 Euro, ISBN-13: 9783753454795.

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VERKOSTUNGSNOTIZEN 2021 „P“ LBV – Badischer „Port“ Weingut Freiherr von Gleichenstein, Oberrotweil Autor: Rudolf Knoll

2020 Riesling vom Roten Schiefer, Prinz Salm Autor: Arthur Wirtzfeld

Dass deutsche Winzer immer wieder mal Portwein imitieren, obwohl er so nicht genannt werden darf, ist nicht neu. Man muss im Prinzip nur Rotwein durch Zu­ satz von Alkohol in der Gärung ausbremsen, so dass reichlich natürliche Süße erhalten bleibt und am Ende deutlich mehr „Volt“ im fertigen Getränk vorhanden sind als beim normalen Wein. Es gab auf diesem Feld gelegentlich bereits beachtli­ che, einem guten Port durch­ aus ebenbürtige Weine, die aber nur als Dessertwein be­ zeichnet werden können.

Zarte Nase mit einem Aromenspiel von Grape­ fruit, Stachelbeere, Pfirsich und Maracuja. Zuerst bemerkbar ein angenehmes Säurespiel – sehr tro­ cken, kühl, salzig, steinig, nussig, während die er­ wähnten Fruchtnoten am Gaumen eher dezent mitspielen. Zum Finale hin stellen sich leichte Bit­ ternoten ein, die aber von seiner Würze gekonnt eingefangen werden – und dann überraschend ein angenehm süßer Touch. Ein Tropfen, der vom Ter­ roir nachhaltig beeinflusst wird. Ein beachtlicher Riesling (VDP Gutswein) „vom Roten Schie­ fer“, konzentriert, dicht und mit schönem Säurespiel. Preis: 16 Euro, www.prinzsalm.de

Ein besonderes Exemplar hat jetzt das Weingut Freiherr von Gleichenstein auf den Markt gebracht. Der Grund­ wein ist Spätburgunder aus dem Jahrgang 2011, der wie ein klassischer Portwein aus­ gebaut und über einen lan­ gen Zeitraum reifen durfte. 2021 durchnummerierte 0,5-l-Flaschen Flaschen wur­ den gefüllt. Der Wein hat ein ungemein feines, animieren­ des Aroma mit Kirsche, Pflaume, Zimt, Beeren und Rumtopf. Im Geschmack ist er ungemein feinmaschig und elegant, mutet fast zärtlich an und bleibt am Gau­ men sehr lang präsent. Das LBV auf der Flasche steht für Late Bottled Vintage; in Portugal wird so ein Port bezeichnet, der mindestens vier bis sechs Jahre im Fass reifte und aus einem einzigen Jahrgang stammt. Preis: 19,50 Euro, www.gleichenstein.com

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2020er Weißburgunder Tradition, Cantina Terlan Autor: Arthur Wirtzfeld 2020er Weißburgunder Tradition, Cantina Terlan: Wenn sich ein Terroir offenbart, dann bei diesem Weißen Burgunder auf ausdrucksstarke Art. Pure Macchia – Gewürzaromen ohne Ende. Zitrus-, Salz­ noten und fein definierte Säure geben diesem Pinot Blanc zudem seine herausragende Spannung und Balance. Dazu generiert sich seine exotisch anmu­ tende Frucht zu einer tragenden Komposition. Die Cantina Terlan wirkt nach dem Motto: „Wir gönnen uns den Luxus und lassen Weine reifen“ – was die sortenreine „Tradition“ eindrücklich beweist. Die­ ser Vino und Jahrgang gehören in meinen Keller! PS: Nicht nur die Weißen der Kellerei sind Beispie­ le höchster Weinkunst aus Südtirol. Ein strenger Qualitätskurs hat der Kellerei in der internationalen Fachwelt längst zu hohem Renommee verholfen. Preis 12,90 Euro. www.cantina-terlano.com

2020er Chardonnay der Premiumlinie Autor: Horst Kröber Der Duft; still mit innerer Ruhe und einer wunder­ baren Gelassenheit. Ein bemerkenswertes AromenArrangement das von zarter Mineralität über leicht rauchige Noten bis hin zu Curry und Orangenschale reicht. Eine leichte Krokantnote legt zart einen Man­ tel darüber und die gut eingebundenen Tannine sor­ gen für die nötige Erdung und Bodenständigkeit. Es ist wie heimkommen. Geschmacklich spielt dieser Wein in der Champions-League. Kraft in Kombination mit einer wundervollen Verspieltheit. Eleganz und Ge­ schmeidigkeit lassen ihn rund und cremig schmecken. Seine mineralische Ausprägung und seine schöne Säu­ restruktur halten ihn stets lebendig. Der Wein vereint fruchtige Nuancen mit nussig- erdigen Komponenten und überrascht mit einer Note nach frischem Getrei­ de. Eine gelungene Verbindung zwischen leicht ange­ deuteter Süße, zarten Bitternoten, verhaltener Schärfe und opulenter Fülle. Ein wunderbarer Speisebegleiter. Preis: 15,00 €. www.weingut-weber.de

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2020er Durbacher Steinberg Riesling QbA trocken Autor: Horst Kröber Erdig, mineralisch, mit leicht nussiger Note und Würz­ aromen nach Anis und Kümmel sowie Anflüge von Ananas und Orangenschale, eine außergewöhnliche aber in sich stimmige Duftkombination. Dies alles sorgt für eine mehr als nur neugierige Erwartung auf den Geschmack. Der geht dann auch richtig ab. Direktheit ist Trumpf. Keine Umwege. Präsenz pur. Er füllt den ganzen Mund aus ohne satt zu machen. Nach jedem Schluck öffnet er sich weiter. Saftig, fleischlich. Ein Ge­ schichtenerzähler. Wir trinken, hören zu. Dichte, Kraft und Länge. Seine leicht provozierende, weißpfeffrige Schärfe sorgt für Lebendigkeit und Frische. Alles per­ fekt aufeinander abgestimmt.Dieser Wein hat Mus­ keln, aber nicht die aufgepeppten eines Bodybuilders, sondern von der Natur mitbekommen. Immer mehr Aromen werden schmeckbar, je länger man ihn im Mund hat. Wenn die Spannung etwas nachlässt, wird er sogar ein wenig zartschmelzig. Die leichte Rauchund Unterholznote sorgt für einen nie enden wollen­ den Abgang. Großer Trinkspaß. Preis 12,50 €. www.durbacher.de

DANKE! AN DIE AUTOREN UND UNTERSTÜTZER DIESER AUSGABE.

2020er Schelinger Kirchberg Pinot Noir Spätlese trocken Autor: Horst Kröber Wunderbarer Duft, tief und füllig.Ein wahres Aromenfeuerwerk. Schwarzkirsche Brombeere, Pflaume und Schwarze Johannisbeere begleitet von Würznoten nach Wacholder, Zimt und Lor­ beer.Umrahmt wird das Ganze von einer zarten Note mach Rauch und Unterholz. Stimmigkeit vom ersten Eindruck bis hin zum phänomenalen Abgang. Dichte und Körperhaf­ tigkeit wechseln ab mit Frische und Lebendig­ keit. Schmeichelnder Schmelz wird kompensiert durch belebende Fruchtsäure. Intensive Frucht­ noten nach Schwarzkirsche, Pflaume, Brombee­ re und Schwarzer Johannisbeere gehen eine Li­ aison ein mit würzigen Aromen nach Wacholder, Zimt und Nelken. Ummantelt wird das alles von einer dezenten Note nach Rauch und Unterholz. Preis: 13,40 €. www.basgeige-wein.de

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HINWEIS: Beachten Sie das Angebot der Vinum mit 30 % Preisvorteil für Leser des WeinfederJournals – siehe Seite 5 dieser Ausgabe.

Sie wollen auch dabei sein? Werben Sie im WeinfederJournal, dort wo sich die Weinszene informiert. Sie unterstützen damit unsere Vereinsarbeit und die Autoren. Nehmen Sie einfach Kontakt mit uns auf: office@weinfeder.de FOTO: Timur Saglambilek

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