KOSTENFREI IM ABO
EDITION #60
WINZERPORTRAITS INTERVIEWS REISEBERICHTE REBSORTEN IM WANDEL WEINRECHT WEINWISSEN REZENSIONEN
MAI 2020
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Liebe Leserinnen und Leser WOLFGANG JUNGLAS 1. Vorsitzender Weinfeder e.V.
Corona und kein Ende: Die Weinwirtschaft ist wie viele Branchen hart vom Lockdown betroffen. Keine Weinfeste, geschlossene Restaurants und Straußwirtschaften, kein Weintourismus, kaum Export: Die wichtigsten Vertriebswege für Weingüter sind weggebrochen. Erste Umfragen sprechen von 20-30 Prozent der Weinproduzenten, die Beihilfe von staatlichen Rettungsschirmen beantragt haben. Digitale
Weinproben
boomen
im
Moment
–
und
haben
durchaus
Unterhaltungswert. Auch der SWR nimmt den Trend auf und sendet gleich zwei digitale Weinproben im Juli. Vor 24 Jahren (1996) habe ich die erste „Interaktive Weinprobe“ für den SWF organisiert – damals mit Julia Klöckner als Live-Reporterin. Heute ist es wieder aktuell. Weinjournalismus
erscheint
mir
jetzt
wichtiger
denn
je
–
digitale
Kommunikation ersetzt das persönliche Gespräch beim Wein. Der BURDA Verlag hat die Rechte für Gault&Millau in Deutschland erworben – auch große Medienunternehmen setzen darauf, dass in der Zukunft gedruckte Weinempfehlungen ein Geschäftsmodell sein können. Vieles verändert sich – manches Vertraute bleibt uns aber in diesen schwierigen Zeiten erhalten: Die Wahl der Deutschen Weinkönigin findet im September in Neustadt statt! Ich wünsche Ihnen einen schönen Sommer – vielleicht entdecken Sie ein heimisches Weinanbaugebiet!
Ihr
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TITELFOTO Az. Agr. Pravis
AUTOREN DIESER AUSGABE Hermann-Josef Berg, Rudolf Knoll, Norbert Krupp, Peter W. Schneider, Thorsten Stötzer, Heiko T. Taudien, Arthur Wirtzfeld
LEKTORAT
IMPRESSUM
Dr. Christa Hanten
LAYOUT. SATZ, SCHLUSSREDAKTION Arthur Wirtzfeld (ViSdPG Weinfeder e.V.) Telefon: 0931-322460, redaktion@weinfeder.de
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REDAKTIONSSCHLUSS für die Ausgabe Edition #61 ist der 26. Juni 2020. Einsendungen von Beiträgen und Bildmaterial bitte an: redaktion@weinfeder. de – Ansprechpartner Arthur Wirtzfeld (gleiche Mailadresse). Rückfragen unter Telefon: 0931-322460.
Inhalt
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40 Vega Sicilia
44 Neue Karriere für den Trollinger
2
48
Editorial
Riesling auf dem Weg gen Norden
3
50
Impressum
Dekantieren in Zeiten von Corona
4
54
INHALT
Weingut Bastian
5
57
Gloria & Silvi
USA: Strafzölle verhindern Weinexport
9
60
Der fränkische Samariter
Zucker macht noch keinen Qualitätswein
12
61
Meisterwerke glänzen durch Vollendung
Auf Twitter macht das Taxi Spaß
17
63
Frauenpower bei Pravis
Zehnmal mehr „wineBanken“
24
65
Abenteuer Campo alla Sughera
Weinfedern in Deidesheim
30
68
Chat Sauvage
111 österreichische Weingenussempfehlungen
33
69
Ein Großer geht, zwei Größen kommen
Der „ultimative“ Weinführer Italiens
36
70
„Tai Rosso“ & Colli Berici
Anzeigen im Journal
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Gloria & Silvi AUTOR: RUDOLF KNOLL
Ihre Geschichten ähneln sich. Der Mann ein erfolgreicher Winzer, sie selbst nicht gerade Weinprofis und im Thema nicht unbedingt zu Hause. Es gilt, auch den Nachwuchs (jeweils ein Sohn, eine Tochter) zu erziehen und dem eigenen Beruf nachzugehen. Dann heißt es, als die Kinder noch klein waren, vom Gatten urplötzlich Abschied zu nehmen. Gloria Mathern aus Niederhausen (Nahe) und Silvi Schmitt aus Leiwen an der Mosel haben es trotz schwieriger Rahmenbedingungen geschafft, die jeweiligen Weingüter am Laufen zu halten, und sind jetzt so weit, den Nachwuchs in die Verantwortung zu nehmen. Es ist die Geschichte zweier starker Frauen in der Weinszene. GLORIA UND HENNING MATHERN – WEINGUT MATHERN
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Henning gehört
E
r befand sich auf dem Weg nach oben. Helmut Mathern war die „Entdeckung des Jahres
die Zukunft
1997“ im Wein-Gault Millau. Seine Kollekti-
onen wurden mit drei Trauben belohnt. 1992 hatte er seine Frau kennengelernt, bei einem Weinfest in
Es folgten in der Verantwortung für Weinberg und
Langenlonsheim. Sie war gelernte Innenarchitek
Keller zwei „junge Wilde“. In dieser Phase konnte sie
tin, dachte darüber nach, ob sie nicht als Journalistin
zwei Terrassenweinberge erwerben und neu bepflan-
in diesem Fach bei einer Architekturzeitschrift tätig
zen. Außerdem wurde das alte Schulhaus des Dorfes
werden sollte. Aber dann gab es ihren Helmut und
gleich in der Nachbarschaft des Weingutes zu einem
alle Berufsziele waren vergessen. Er zog das „Mäd-
Ferienhaus ausgebaut, das beim Interieur die Fach-
chen aus der Stadt“ von Bad Kreuznach hinaus in die
kompetenz der gelernten Innenarchitektin erkennen
dörfliche Idylle von Niederhausen, wo sie sich erst
lässt. „Ich mache vieles aus dem Bauch heraus“,
einmal in einer neuen Gemeinschaft zurechtfinden
erzählt die temperamentvolle, quirlige 56-Jährige,
musste.
die vor geraumer Zeit einen neuen Lebensgefährten fand, der sich aber nicht ins Weingeschäft einmischt.
Berührungsängste auf beiden Seiten gingen vorbei. Nach einigen Jahren kamen die zwei Kinder
Dafür hat sie ihren Sohn Henning, der neben der ak-
Lisa (heute 24) und Henning (22) auf die Welt. Alles
tuellen, vor dem Herbst 2019 eingestellten Keller-
schien positiv für die Zukunft gerichtet. Bis Helmut
meisterin Claudia Steinmetz (sie war vorher an der
wegen eines scheinbar harmlosen Geschwürs am
Mosel bei Max Ferdinand Richter tätig) langsam in
Knie zum Arzt ging und dieser feststellte, es hand-
die Verantwortung hineinwächst. Für den 22-Jäh-
le sich um bösartige Metastasen. Er war, wie seine
rigen stand schon im Knabenalter fest, dass er das
Frau, optimistisch, dass er das überstehen würde,
Weingut übernehmen will. Er lernte zunächst im
doch der Tumor war zu weit fortgeschritten. An ei-
Weingut Finkenauer in Bad Kreuznach, dann bei
nem traurigen Abend im November 2002 teilte ihr
Robert Weil in Kiedrich. Derzeit studiert er auf der
eine Krankenschwester mit: „Ihr Mann hat es über-
Wein-Uni Geisenheim Oenologie und freut sich zu
standen.“ Gloria Mathern glaubte im ersten Moment,
Hause über die tollen Lagen auf den elf Hektar, die
er sei wieder gesund, musste dann aber vernehmen,
vor allem ausdrucksstarken Riesling und würzigen
er sei verstorben.
Weißburgunder liefern. Teilweise eingeführt hat er die Spontangärung. Die Reben werden von der Mutter
Jetzt stand sie allein mit dem Weingut da, mit einem
gelegentlich kritisch beäugt. „Da wächst ein bisschen
fünfjährigen Sohn und einer siebenjährigen Tochter.
viel zwischen den Stöcken“, bekam er kürzlich zu hö-
Da sie selbst damals nur guten von schlechtem Wein
ren. „Hier solltest du für Ordnung sorgen.“ Länger-
unterscheiden konnte, brauchte sie Hilfe und fand sie
fristig will er den Betrieb auf maximal 16, 17 Hektar
in der Winzermeisterin Sabine Habenicht, die bis 2010
erweitern. Wichtig ist ihm auch eine Mitgliedschaft
als Kellermeisterin mit Gloria Mathern das „Frauen-
in der zehnköpfigen Jungwinzertruppe „Nahewein-
weingut“ führte. Fünf Jahre lang war dann der Gei-
Rebellen“, die seit 2018 unter dem Motto „jung, laut,
senheim-Absolvent Felix Eberhard Kellermeister. Die
wild“ für frischen Wind im Gebiet sorgen will. Und
Chefin (Sternzeichen Löwe) hatte sich längst gut in
warum trägt Henning einen traditionellen norddeut-
die Vermarktung eingearbeitet und stand gern auf
schen oder skandinavischen Vornamen? Nicht weil
Weinmessen an vorderster Front. Auch die Ausliefe-
der für „Herrscher der Heimat“ steht, sondern weil
rung von Wein an Stammkunden ist ihr Revier. Dabei
die Mutter in ihrer sportlichen Zeit ein Handballtor
wird sie begleitet vom „besten Beifahrer der Welt“,
hütete und damals gerade Henning Fritz aus Magde-
dem kleinen Terrier Bonny.
burg seine Karriere als Nationaltorwart startete.
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SILVI
SCHMITT:
Sport
spielt
auch im Hause Schmitt in Leiwen eine nicht unwesentliche Rolle. Doch davon später mehr. Gehen wir zunächst zurück ins Jahr 2010 zum 3. September kurz vor der Weinernte, als es zu einer noch überraschenderen Zäsur als an der Nahe kam. Winzer Heinz Schmitt, der gerade nach einer etwas schwankenden Periode mit seinen 22 Hektar wieder an alte Klasse angeknüpft hatte, stürzte mit seinem Traktor im steilen Köwericher Laurentiuslay ab. Im Krankenhaus erlag er, gerade 49 Jahre alt, seinen schweren Ver-
SILVI UND CARLO SCHMITT – WEINGUT HEIMZ SCHMITT ERBEN
letzungen.
SILVI SCHMITT – WEINGUT HEINZ SCHMITT ERBEN
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Carlo gehört die Zukunft vernachlässigen. Dass er eines Tages das zu Heinz Schmitt Erben umbenannte Gut übernehmen würde, war schon im Knabenalter klar. „Sobald ich laufen konnte, war ich im Weinberg und im Keller unterwegs.“ Der heute 22-Jährige machte eine dreijähri-
V
on seiner Gattin Silvi lebte er damals ge-
ge Lehre im angesehenen örtlichen Weingut Werner.
trennt. Die studierte Ökotrophologin, die
Dann absolvierte er ein Gesellenjahr in Luxemburg.
in Köwerich eine Kindertagesstätte betreu-
Inzwischen drückt er in Weinsberg die Schulbank,
te und ihre Tochter Senta und Sohn Carlo versorg-
um zum Weinbautechniker ausgebildet zu werden.
te, stand als Erbin des Weingutes vor einer schweren Entscheidung: weitermachen oder aufgeben.
2017 war sein erster Jahrgang im Weingut, den er
Zunächst musste die Ernte eingebracht werden.
weitgehend selbstständig bewältigte. Er setzt auf
Silvi bekam dafür Unterstützung von hilfsbereiten
Spontangärung und ein langes Hefelager. „Wein
Winzern und deren Mitarbeitern, sonst wäre der
braucht Zeit, um sich zu entwickeln“, ist seine De-
Jahrgang 2010 nicht zu retten gewesen. Die damals
vise. Gelegentlich entkorkt er noch Riesling, den der
45-Jährige verkaufte einen Großteil im Moststadium.
Vater einbrachte, denn Vorräte aus der Zeit vor 2010
Gefüllt wurden lediglich 9000 Flaschen, deren Inhalt
gibt es nach wie vor. So kann man hier Auslesen aus
der bereits 75-jährige Kellermeister Erich Clüsserath
2001 zum Schnäppchenpreis erwerben. Das haben
vinifizierte. Das sollte er noch einige Jahre tun.
die Schmitts neben einem ähnlichen Schicksal auch mit Gloria Mathern gemeinsam, die ebenfalls noch
Nachdem die Ernte eingebracht war, konnte sich Silvi
verkäufliche Reserven aus der Zeit im Keller hat, als
über die Zukunft für sie und ihre Kinder Gedanken
Helmut Mathern begann, als Winzer durchzustarten.
machen. Sie entschloss sich, Seiteneinsteigerin zu
Der älteste Wein ist hier ein 1989er.
werden und nicht den Ratschlägen zu folgen, einen Vergleich oder eine Insolvenz anzustreben. Was sie
Während die Nahe-Seiteneinsteigerin einst Hand-
vorfand, waren unter anderem ungeklärte Finan-
ball spielte, begeistern sich die jungen Schmitts für
zen, ein Wust von Bürokratie und 220.000 Flaschen
Fußball. Tochter Senta, die schon Weinkönigin der
edelsüßer Weine. Einen Teil davon konnte sie mit Hil-
Region Römische Straße war, ist engagiertes Vor-
fe eines Freundes aus Luxemburg verkaufen, sodass
standsmitglied beim Bezirksligisten SV Leiwen-Kö-
dringend benötigtes Geld ins Haus kam. Dann machte
werich. Außerdem sitzt sie im Vorstand des örtlichen
sie sich daran, bei der Rebfläche deutlich abzuspe-
Festausschusses und rockt schon mal moderierend
cken. Da Heinz Schmitt viel auf Pachtfläche gearbeitet
eine große Weinprobe. Carlo Schmitt kickt im glei-
hatte, konnten diese Parzellen weitgehend problem-
chen Verein, in dem seine Schwester sich engagiert.
los an die Eigentümer zurückgegeben werden.
Der Fan des 1. FC Köln hat als sportliches Vorbild Nationalspieler Jonas Hector und fühlt sich auf dem
Geblieben sind am Ende kaum mehr als zwei Hekt-
grünen Rasen auch am wohlsten auf dessen Position
ar in steilen Toplagen wie Neumagener Rosengärt-
in der Abwehr oder im Mittelfeld. Durch ein grobes
chen, Klüsserather Bruderschaft und Laurentiuslay.
Foul wurde er vor einigen Wochen ausgebremst. Di-
Hier stehen noch viele alte, wurzelechte Reben, in die
agnose Kreuzbandriss. So musste er ein Weilchen auf
Carlo Schmitt schon als Jugendlicher viel Arbeit in-
Krücken seine Ausbildung zum Weinbautechniker in
vestiert hat. Weinberg ging vor Schule. Gelegentlich
der Weinbaulehranstalt Weinsberg fortsetzen. n n n
musste Silvi ihren Sohn ermahnen, Letztere nicht zu COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN
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Der fränkische Weinsamariter und die verrückte Weinsammlung eines Würzburger Ehepaares
MARTIN STEINMANN
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FOTO: JANA KAY
AUTOR RUDOLF KNOLL
SEITE 10
LUISE UND 52 BZW. 50 BEI EINEM AUF DEN
S
WOLFGANG KOEGEL WAREN JAHRE JUNG, ALS SIE 1975 URLAUB IN DER SÜDPFALZ WEINGESCHMACK KAMEN.
ie fassten den Entschluss, möglichst regel-
förderte diese Zahl zutage). Schließlich hatte er die
mäßig jedes Wochenende in ein deutsches
Idee für einen möglichen barmherzigen Weinsa-
Anbaugebiet zu fahren, um den Kofferraum
mariter: Martin Steinmann, Eigentümer des Wein-
ihres Autos mit Wein vollzuladen. Genügend Klein-
gutes Schloss Sommerhausen in Franken, Krötz
geld für die Touren und die Einkäufe war vorhan-
bekannt als Liebhaber reifer Gewächse.
den. Sie machten Station bei unbekannten Weingütern, aber selbst vor prominenten Namen wie
Der sah sich den Keller an und erinnert sich: „Das
Dönnhoff, Joh. Jos. Prüm, Juliusspital, Laible, Mül-
hätte mich fast umgehauen, als ich sah, wie viele
ler-Catoir und Stodden hatten sie keine Scheu und
Flaschen hier gelagert waren. Eigentlich unfassbar,
packten jeweils maximal einen Karton, mal auch
aber Realität.“ Was ihm gefiel, waren die überwie-
nur eine einzige Flasche von einem Wein ein. Das
gend ersichtliche gute Füllhöhe der meisten Fla-
machten der ehemalige Marinebedienstete und die
schen und die teilweise prominenten Namen. Das
Pfarrerstochter aus dem fränkischen Dettelbach
stimmte ihn einigermaßen zuversichtlich, dass
fast 30 Jahre lang. Zu Hause wurde zwar täglich
man damit zumindest ein bisschen etwas anfan-
Wein getrunken, dennoch wuchs die Sammlung
gen konnte. Es dauerte einige Wochen, bis der
Jahr für Jahr. Das störte lange Zeit nicht, weil man
Keller, nur über eine Treppe erreichbar, leer ge-
in Würzburg einen sehr großen Keller gepachtet
räumt war. Die Koegels verfolgten diese Prozedur
hatte, in dem der Wein wohlgeordnet aufbewahrt
aufmerksam und ließen bei manchen Kartons die
werden konnte.
Bemerkung „Weißt du noch“ fallen, weil sie sich wieder an die Besuche erinnerten. Am Ende fuhren
Doch 2008 lief der Pachtvertrag aus. Wohin mit dem
fünf Lkw, hoch beladen, aus Würzburg und brach-
Wein? Man kannte von einer früheren Moseltour
ten die 115 Paletten zunächst in ein Zwischenlager
den Kellermeister vom Bremer Ratskeller, Karl-Jo-
in Sommerhausen und dann in einen Zweitkeller
sef Krötz, und fragte diesen um Rat. Der überlegte
in Randersacker. Steinmann wurde für seine Mühe
lange, denn selbst konnte er mit dieser Weinmenge
entlohnt und gleichzeitig neuer Eigentümer der
in der Größenordnung von 40.000 Flaschen nichts
Sammlung. Denn Erben waren bei den kinderlos
anfangen (die sorgfältige Buchführung der Koegels
gebliebenen Koegels nicht vorhanden.
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WAS TUN MIT DEM WEIN? Der Chef von Schloss Sommerhausen wollte davon
damals beim 3:2 für Austria“) dieses qualitativ eher
nicht profitieren, sondern Gutes tun. Einnahmen aus
schwachen Jahrgangs erbarmen würde. „Den hätte
dem Wein sollten von Anfang an dem Verein Wine
man den Gästen mit Augenzwinkern offerieren
Saves Life zufließen, bei dem Steinmann wie eini-
können“, war Steinmanns Hoffnung. Sie erfüllte
ge Dutzend Leute aus der Weinbranche Mitglied ist.
sich nicht. Inzwischen ist aus der „Cordobar“ das
Die Förderung von Kinderhilfsprojekten ist ein Ver-
„Cordo“ geworden, womit der Bezug zum Jahrgang
einsziel. Die Hoffnung, dass viel Geld durch den Er-
fehlt. Chance verpennt, kann man da nur nach Berlin
lös von Altweinverkostungen fließen würde, erfüll-
vermelden …
te sich indes nicht. Im Gespräch mit dem Schreiber dieser Zeilen im Sommer 2015 kam die Idee auf, den
Der Jahrgang 1978 stand auch auf dem Programm,
Lesern des Weinmagazins Vinum Wein in Form von
als Martin Steinmann Ende 2019 zu seinem Wein-
„Wundertüten“ anzubieten, sechs Flaschen für 60
zirkel „Sammlung Koegel“ bat, der jeweils an einem
Euro. Die Mischung nahm Steinmann meist selbst
Donnerstag pro Monat steigt und für den sich schon
vor, immer unter Beachtung, dass nicht gleich sechs
ein Teilnehmerstamm herauskristallisiert hat. Aber
bedeutungslose Weine ohne Namen in einem Karton
das Gewächs von Schloss Schönborn korkte bei die-
steckten, sondern eine gute Kombination auf die Rei-
ser 33. Veranstaltung. Und der Riesling Kabinett
se gebracht wurde.
von Langwerth von Simmern (Gut inzwischen nicht mehr existent) wurde nur von einer strammen Säu-
Was niemand geglaubt hatte, trat ein. Innerhalb
re am Leben gehalten. Dafür hatte Steinmann gran-
weniger Wochen waren schon weit über 1000
diose Rieslinge von Joh. Jos. Prüm (1998 Wehlener
Kartons dieser „verrückten Weinsammlung“ (so
Sonnenuhr Kabinett), Fritz Haag (1998 Braune-
die Offerte im Magazin) verkauft, auch dank vieler
berger Juffer Sonnenuhr Kabinett) und Hans Peter
Weiterleitungen via Facebook. Danach sank die
Keller (1999 Hubacker Spätlese) in die Verkostung
Nachfrage, aber da allmählich auch andere Kanäle für
eingebaut. Hinterher steckten die Teilnehmer reich-
Proben genutzt wurden, sind nach aktuellem Stand
lich Scheine in einen Krug, dessen Inhalt an Wine
noch rund 6000 Flaschen übrig. Darunter befinden
Saves Life weitergereicht wird. „Eintritt wird nicht
sich zahlreiche 1978er, die Steinmann extra für die
verlangt“, erklärt Steinmann. „Jeder gibt freiwillig,
„Cordobar“ in Berlin zusammengestellt hatte, in
was ihm die Wein-Zeitreise wert war.“ Auch 2020
der Hoffnung, dass sich einer der Restaurantchefs,
geht es einmal im Monat, mit Ausnahme der Wein-
der Österreicher Gerhard Retter, in Erinnerung an
lesezeit, weiter. Und „Wundertüten“ können immer
die legendäre Niederlage der deutschen National-
noch geordert werden.
mannschaft in Cordoba anno 1978 gegen Österreich Infos unter: www.sommerhausen.com n n n
FOTOS: JANA KAY
(„I wear narrisch“, schrie Reporter Edi Finger
SEITE 12
Wird es dunkel um den Bocksbeutel? Wohl kaum. Der Bocksbeutel hat schon andere Hürden in seinem Leben gemeistert. Eines ist aber klar: Nach fast einem halben Jahrtausend sollte der Bocksbeutel, der zwischenzeitlich Höhen und Tiefen überstanden hat, kein Auslaufmodell sein. Ist er doch ein unverkennbares Zeichen fränkischer Weine. Vielleicht bedarf es einer Auffrischung für sein Image. Fränkische Winzer, die hohe Qualitäten in den Bocksbeutel füllen, sollten auf jeden Fall unterstützt werden.
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SEITE 13
Meisterwerke glänzen durch Vollendung AUTOR ARTHUR WIRTZFELD
Es war ein Aufbruch in moderne Zeiten, als am Freitag, dem 18. Dezember 2015, der damalige Landwirtschaftsminister Helmut Brunner, die Weinkönigin Kristin Langmann und Artur Steinmann, heute noch Präsident des Fränkischen Weinbauverbandes, und der ebenfalls heute noch amtierende LWG-Präsident Dr. Hermann Kolesch den von Designer Peter Schmidt gestalteten „Bocksbeutel PS“ an der LWG (Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau) mit Sitz im fränkischen Veitshöchheim präsentierten. In der damaligen Pressemitteilung hieß es (Zitat): „Die formvollendete,
figurbetonte
Flasche
für
fränkische
Qualitätsweine soll unter dem Motto ‚Meisterwerke glänzen durch Vollendung‘ zur neuen Ikone und zum Botschafter des modernen Frankenweins werden.
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FOTO: HAUS DES FRANKENWEINS
D
er Fränkische Weinbauverband konstatierte
dass die Quote seit 2013, bis auf Ausnahme des Ein-
zur Einführung des „Bocksbeutel PS“ (Zi-
führungsjahres des „Bocksbeutel PS“, stetig gesun-
tat): „Es ist so weit! Unser unnachlässiges
ken sei. Dies bestätigt auch eine Pressemitteilung
Bestreben nach Qualität findet Ausdruck im selbst-
der Regierung von Unterfranken zur Bilanz der amt-
bewussten Design unseres Botschafters, dem Bocks-
lichen Weinprüfung für das Jahr 2019. Darin heißt es,
beutel. Lassen wir ihn für uns sprechen – mit seiner
dass nur noch 26 Prozent des Jahrgangs 2018 in die
unnachahmlichen Form und den Etiketten der Win-
fränkische Traditionsflasche gefüllt wurden. Im Ver-
zer Frankens. Denn wer von uns will nicht einmalig
gleich dazu lag die Quote im Jahr 2013 noch bei 34
sein? Schicken wir ihn raus in die Welt mit Stolz, En-
Prozent. Weiter heißt es in der Pressemeldung: Diese
gagement und Sexappeal.“
Entwicklung „überrasche“, da den fränkischen Winzern mit dem „Bocksbeutel PS“ eine markante Fla-
„Bocksbeutel PS“ begleitet von Kritik
schenform zur Verfügung stünde, die „exklusiv nur für die Vermarktung von Frankenweinen verwendet werden dürfe“, und einhergehend mit „einem be-
Mit diesem selbstbewussten Statement hatte sich
sonderen Qualitätsversprechen“ in der Regel „Weine
der Fränkische Weinbauverband fortan für den neu-
im Bocksbeutel höhere Preise“ erzielen können.
en „Bocksbeutel PS“ eingesetzt. Artur Steinmann argumentierte damals, dass die „Zeit für eine Ver-
Quote im Sinkflug
jüngung“ der Traditionsflasche gekommen wäre. Die Entscheidung für eine schlankere Form und kanti-
Für Hermann Schmitt ist die sinkende Quote „keine
geres Design solle auch dem „Qualitätsanspruch“
besonders überraschende Nachricht“. „Das hat meh-
genügen. Doch schon als die ersten Über legungen
rere Ursachen“, sagt Schmitt. Einerseits würden die
zur Umgestaltung des klassischen Bocksbeutels die
Winzer ihre Kollektionen in Bezug zur Flaschenform
Runde machten, stieß diese Idee bei einer Reihe von
immer weiter differenzieren, um dem Gusto des Kon-
fränkischen Winzern auf Kritik. Ein Hauptpunkt war,
sumenten nachzukommen und letztlich Marktanteile
dass die neue Flaschenform nicht für die Füllanlagen
zu sichern – derzeit sei allerdings eine „Renaissance
einiger Weingüter geeignet sei. Dazu meldet sich ak-
der Schlegelflasche“ festzustellen. Andererseits zei-
tuell Hermann Schmitt, Geschäftsführer des Fränki-
ge sich eine merkliche Tendenz zu nicht typischen
schen Weinbauverbands, zu Wort (Zitat): „Die Füll
fränkischen Weinen. Solche Weine sollen nach Auf-
anlagen konnten in der Regel mit relativ geringem
fassung des Verbandes auch nicht im Bocksbeutel
Aufwand umgebaut werden, nur bei den sehr leis-
vermarktet werden. Man wolle „den Bezug zur frän-
tungsfähigen Maschinen war es ein größerer Auf-
kischen Tradition nicht nur mit der Flasche, sondern
wand.“ Für Schmitt sei im Rückblick die Akzeptanz
auch mit dem Inhalt kommunizieren“, sagt Schmitt.
des „Bocksbeutel PS“ unter den Winzern schneller vollzogen worden als gedacht: „Rund 75 Prozent der
Schaut man sich die Statistiken des fränkischen
abgefüllten Bocksbeutel im Jahr 2019 waren ‚Bocks-
Weinbaus aus den Vorjahren an (siehe Skizze nächs-
beutel PS‘“, sagt Schmitt.
Diese Mengenangabe darf aber nicht darüber hin-
te Seite), so belegen diese, dass in den letzten drei Jahren die Quote der in Bocksbeutel gefüllten Weine unter 30 Prozent gefallen ist. „Wir sehen darin erst einmal keinen direkten Zusammenhang mit dem neu
wegtäuschen, dass fränkische Winzer immer selte-
gestalteten Bocksbeutel“, sagt Schmitt. Schon vor
ner ihre Weine in Bocksbeutel füllen. Eine aktuelle
der Einführung des „Bocksbeutel PS“ hätte die Quote
Rückfrage bei der Regierung von Unterfranken ergab,
nachgelassen, was auch ein Grund war, warum man
sich mit einem „neuen Design“ beschäftigt habe.
sondere Flasche gefüllt wird. Erste Hinweise sind im
In Franken hatte man sich erhofft, dass der neue
Handwerker- und Ökonomiebuch des Wertheimer
„Bocksbeutel PS“ einen „Sinkflug deutlich verlang-
Glasmachers Mathis Wenzel zu finden: Diese runde
samen könnte“, so Schmitt.
Flasche sei dem Hodensack eines Ziegenbocks nachgeahmt, der in der antiken Mythologie als Begleittier
Die Zulieferer aus der Glas- und Verpackungsindust-
des Weingottes Dionysos beschrieben wird.
rie sowie die fränkischen Winzer haben dazu eine eigene Meinung. Für Hersteller von Flaschen, Packwa-
Nachtrag
ren und Zusatzprodukten wie etwa Kühlmanschetten war und ist der Bocksbeutel ein „Nischenprodukt“. Für die Winzer sind in der Anschaffung Bocksbeu-
Das Fazit der amtlichen Weinprüfung 2019 des Be-
tel, adäquate Kartonagen und sonstiges Zubehör
zirks Unterfranken mit der Überschrift „Große Men-
teuer und meist mit langen Lieferzeiten verbunden.
ge bei sehr guter Qualität“ lautet (Zitat): „Mit einem
Die Winzer argumentieren auch, dass die Vermark-
Ertrag von rund 86 Hektoliter pro Hektar Anbau
tung des Bocksbeutels schwierig sei. Vor allem die
fläche erzielten die Winzer im Weinjahr 2018 eine
Gastronomie hat Probleme, die Flaschen mit dieser
Erntemenge wie seit zehn Jahren nicht mehr – beim
speziellen Form zu lagern. Händler und Sommeliers
frühesten Beginn der Weinlese aller Zeiten. In Fran-
außerhalb Frankens müssen neben dem Wein beim
ken wird auf einer Fläche von rund 6300 Hektar Wein
Bocksbeutel auch dessen Form gegenüber dem Kun-
angebaut. Das Hauptkontingent der geprüften Wein-
den beziehungsweise Gast erläutern.
menge stellte zum zehnten Mal in Folge der Silvaner, gefolgt vom Müller-Thurgau und Bacchus. Insge-
Der Beutel und der Ziegenbock
samt wurden Weine aus 71 verschiedenen Rebsorten bei der Weinprüfstelle zur Prüfung angestellt. 96
Der Bocksbeutel hat eine lange Geschichte, gespickt
Prozent der mehr als 11.900 Antragsverfahren erhiel-
von vielen Ereignissen. In aller Kürze: Die Entste-
ten die begehrte amtliche Prüfungsnummer, die Vo-
hungsgeschichte geht bis ins Mittelalter zurück.
raussetzung für die Vermarktung als Qualitäts- bzw.
Urkundlich wird der Bocksbeutel nach heutigen Er-
Prädikatsweine ist.“ n n n
kenntnissen erstmals am 5. April 1659 erwähnt, fünf Tage vor der Erstpflanzung von Silvanerreben in Deutschland, und das in Franken, wo diese Sorte seither heimisch ist und traditionell in diese be-
BILDSTATISTIK ZEIGT STETIG REDUZIERTE FÜLLUNGEN FRÄNKISCHER WEINE IN BOCKSBEUTEL SEIT 2013.
SEITE 17
Made in Lasino Frauenpower bei Pravis Das hier ist scheisse
AUTOR ARTHUR WIRTZFELD
FOTO: PRAVIS COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN
SEITE 18
E
s war das Jahr 2000, als ich erstmals die VinItaly besuchte. Eines meiner Themen war das Trentino. Stichprobenartig verkostete ich mich durch die Halle und
blieb hängen bei Lina, der Ehefrau von Domenico Pedrini, am Stand des Trentiner Weingutes Azienda Agricola Pravis. Die Weine, die sie mir vorstellte, zogen mich in ihren Bann. Domenico bemerkte unser schon länger andauerndes, intensives Gespräch, kam vorbei, grüßte und stellte mir einen Teller mit Salami, Brot, Olivenöl und Käse vor die Nase. Irgendwelche Speisen während einer Verkostung zu mir zu nehmen, hatte ich schon damals abgelehnt. Der Duft der Trentiner Spezialitäten, die so selbstverständlich anmutende Geste, die warme Art der beiden – das alles empfand ich damals als sehr angenehm. Und ja, ich konnte nicht anders und gab der köstlichen kulinarischen Versuchung nach. So wurde aus einer gedachten Stippvisite ein langer Nachmittag. Dieser Besuch begründete mein Interesse für die Weine aus dem Trentino.
Die Begegnung mit Lina und Domenico, die mehr Zufall als Plan war, hält als freundschaftliche Beziehung bis heute an. Ihre beiden Töchter, Giulia und Erika, damals noch Kinder, stehen seit Kurzem in der Verantwortung bei Pravis. Erika verweist auf ein Studium der Önologie in Geisenheim. Sie schloss als Jahrgangsbeste mit Auszeichnung ab. Giulia studierte in Trento Wirtschaftswissenschaft und Betriebswirtschaft sowie Weinbautechnik im Istituto Agrario di San Michele.
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GIULIA UND ERIKA PRAVIS (FOTO: PRAVIS)
Im Gespräch mit Giulia und Erika
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Pravis Wie ist Pravis heute aufgestellt?
Was bedeutet der Name Pravis?
(Giulia): Ganz in der Nähe von Lasino gab es ein für den Weinbau geeignetes Grundstück, auf dem 1970 erstmals Reben gepflanzt wurden. Dieser Flecken wurde Pravis genannt. Die Gründer hatten sich auf diesen Namen für ihr gemeinsames Weingut geeinigt. Wer waren die Gründer?
(Erika): Drei Freunde. Mario Zambarda, der zunächst nur Weine aus der Sorte Müller-Thurgau produzieren wollte, Gianni Chistè und unser Vater Domenico Pedrini. Die Aufgaben, die anstanden, verteilten sie untereinander. Gianni war für den Weinbau und die Pflege der Reben zuständig, Domenico für das Weingut und Kellerarbeit und Mario kümmerte sich um die Abfüllung sowie um das Administrative und das Marketing. Heute seid Ihr beide in zweiter Generation in der Verantwortung. Wie habt Ihr den Generationenwechsel erlebt? (Giulia): Der Generationenwechsel ist einer der wichtigsten Lebenszyklen von Unternehmen. Es geht vor allem um Kontinuität in der Organisation und im Management. Wichtig ist, dass die von den Vorgängern geleistete Produktivität erfolgreich weitergeführt wird, dabei aber auch Perspektiven für Verbesserungen und Wachstum geöffnet werden. (Erika): Wir schätzen es sehr, dass die Gründungsväter uns nicht alleinlassen, dass sie uns unterstützen. Sie sind regelmäßig da, stehen uns mit Rat zur Seite, korrigieren unsere Ideen und üben auch eine willkommene Kontrollfunktion aus. Auch die Kinder von Gianni und Mario sind involviert. Beide sind wie Giulia und ich quasi im Weingut geboren. Gianni und seine Söhne Alessio (28) und Silvio (20) haben Agrarwissenschaft studiert. Gemeinsam kümmern sie sich um die Weinberge. Die Administration übernehmen Alessio und meine Schwester Giulia, ebenso das Marketing und die Vinothek. Und für die Vinifikation bin ich verantwortlich, gemeinsam mit meinem Vater. (Giulia): Der Übergang fiel uns allen leicht. Unsere Väter ließen uns stets viel Freiheit, um eigene Entscheidungen zu treffen. Wichtig war uns beim Heranwachsen in die Aufgaben, dass wir glücklich sein durften bei dem, was wir gerade taten.
(Erika): Unser Gut ist zu gleichen Teilen zwischen den Gründern und der zweiten Generation aufgeteilt. Einschließlich der Eigentümer haben wir neun feste Mitarbeiter. Dazu kommen in der Erntephase zahlreiche Helfer.
(Giulia): Wir alle wirken in einer familiären Atmosphäre und nach dem Motto „alle für einen – einer für alle“. Wir leben täglich Transparenz und beachten Kriterien sowie den Umgang miteinander zum Wohle der Familie und unseres Unternehmens. Von unseren Mitarbeitern, die wir selbstverständlich in diese Sphäre mit einbeziehen, erwarten wir, dass sie an unsere Vision und Arbeitsweise glauben, sich diese zu eigen machen und somit mittragen. Wir möchten, dass wir alle das Gefühl haben, zu Hause zu sein. Wir legen auch großen Wert auf Klarheit, auf Dialog-basierten Meinungsaustausch, auf Vorschläge und Initiativen, die der Qualität im Weinberg, im Keller und im ganzen Unternehmen nützlich sein sollen.
Ich habe die Weine von Pravis schätzen gelernt, als Ihr noch Kinder wart. Es ist ein Gut, dessen stete Entwicklung ich über die Jahre mitverfolgen durfte. Euer beider Mitwirken war schon in den letzten Jahren positiv zu spüren. Trotz der Modernität, die Ihr ohne Frage repräsentiert, bleibt Ihr traditionellen Prinzipien treu und entlockt den hier wachsenden Reben eine beachtenswerte Vielfalt, Frucht und Mineralität. Was ist die Essenz der Weine von Pravis? (Giulia): Da muss ich etwas ausholen. Das Trentino ist ein Weinbaugebiet, das aufgrund seiner geografischen Lage, die reich an verschiedenen Klimazonen und meist steinigen Böden ist, Qualitätsweine produziert, die sich oft durch besonders angenehme Aromen und absolute sensorische Strenge auszeichnen. Die alpine Morphologie des Trentiner Bodens zeigt Weinberge, die sich vom milden Ufer des Gardasees über den Talboden bis hin zu den Hängen der Dolomiten erstrecken. In dieser Umgebung, in diesem Lebensraum befindet sich seit Jahren direkt am Fuße des Castel Madruzzo das Weingut Pravis, etwas außerhalb des Ortes Lasino im Valle dei Laghi. Unsere seit den 1970er-Jahren kultivierten Rebflächen, auf meist steinigen, kalkigen Böden, finden hier ideale Bedingungen. (Erika): Wir haben etwa 36 Hektar im Ertrag. Unsere Rebflächen erreichen Höhen bis über 600 Meter über dem Meeresspiegel, eingebettet zwischen dem Lago di Garda im Süden und Dolomiti di Brenta im Norden. Dazwischen herrscht ein einzigartiges Mikroklima, begleitet von der Ora, so nennen wir den Wind, der vom Gardasee in die Berge strömt. Diese Bedingungen sind ideal für unsere einheimischen Sorten wie den Nosiolo. Aber wir haben auch vom Aussterben bedrohte Arten im Anbau. Dazu gehören rote Sorten wie Negrara oder Groppello di Revò, Letztere war im 18. und
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19. Jahrhundert die vorherrschende Sorte im Trentino, heute ist sie nur mehr selten zu finden. Darüber hinaus haben wir auch Sauvignon, Solaris, Cabernet Cortis und Johanniter sowie Pinot Noir im Anbau. Einige dieser Sorten dürften aus Züchtungsmaterial des Staatlichen Weinbauinstituts Freiburg stammen. (Erika): Ja, korrekt. Diese Sorten, wie Solaris und Cabernet Cortis, können in umweltsensiblen Gebieten gepflanzt werden, beispielsweise neben Gebäuden, in Parks oder entlang von Verkehrswegen. Sie benötigen keine Behandlung mit Schwefel oder Kupfer, nur eine ordentliche Bewässerung muss gewährleistet sein. Dann brauchen diese Reben nur noch Sonne, Luft, gute Pflege und viel Leidenschaft. (Giulia): Ein weiterer Vorteil ist, dass diese Sorten von Natur aus auch resistent gegen Pilzkrankheiten sind. Habt Ihr beide eine neue Weinlinie lanciert? (Erika): Ja, zunächst einen Sekt nach klassischer Methode. Wir nennen ihn Blau Dorè, vinifiziert ausschließlich aus Trauben der Sorte Pinot Noir, weiß gekeltert als Blanc de Noirs, mit einem Reifeprozess von mindestens 24 Monaten auf der Hefe. Die Produktionsmenge mit 5.000 Flaschen ist noch recht gering.
Wie sieht die aktuelle Marktverteilung aus? (Giulia): In 2018 hatten wir 20 verschiedene Weinsorten und Grappa mit einer Produktion von insgesamt 180.000 Flaschen. In der Regel werden 60 Prozent unserer Weine in Italien abgesetzt, die restlichen 40 Prozent in Deutschland, Belgien, Schweiz, Russland und in Übersee in Amerika und Japan. Wie würdet Ihr Euer Weingut beschreiben? (Erika): Wir sind ein kleines familiäres Unternehmen, das Wein, Sekt und Grappa produziert und seit Jahren auf dem Markt ist. Schon die Gründerväter hatten eine Vision. Ihr Narrativ: Lage, Boden und Traube müssen harmonisch wirken, wobei die jeweiligen besonderen Eigenschaften hervorgehoben sein sollen. Heute führen wir diese Vision fort, wobei wir ebenso wie unsere Väter innovative Anbaumethoden einsetzen, aber auch neue Techniken probieren und spezielle Experimente machen. All dies unter der Prämisse, die Umwelt zu schonen, die Geschichte und die Traditionen zu respektieren. Natürlich ist es nach wie vor unser Bestreben, qualitativ hochwertige Produkte herzustellen und diese auf den Märkten bekannter zu machen.
Was bedeutet die Bezeichnung Blau Dorè? (Giulia): Der Name ist eine Kombination aus der deutschen Bezeichnung des Pinot Noir, also Blauburgunder, dessen Pendant wird in Frankreich Plant Doré benannt. (Erika): Diese Sorte eignet sich gut für Sekte. Die Trauben stammen von Reben, die in über 600 Meter über dem Meer kultiviert sind. Die Parzelle liegt oberhalb des Ortens Cavedine. Die Reben wachsen dort auf kalkigen Böden, bekommen viel Sonne, der Temperaturwechsel von Tag und Nacht ist hoch, sodass sich eine schöne Frucht entwickelt. Der Wein wird weiß gekeltert. In der Flasche hat er eine goldene Farbe. Eure Etiketten haben ein besonderes Design, auch die Namen sind speziell. (Giulia): Das hören wir immer wieder. Die Grafiken auf den Etiketten sind sehr auffällig und auch einprägsam. Das Design gefällt unseren Kunden. Eine Besonderheit ist noch, dass die meisten unserer Weine den Namen der Gebiete oder sogar den Namen kleinster Parzellen tragen, wo die Reben kultiviert sind. Zum Beispiel die Standorte Madruzzo, Polin, Cros del Mont oder Le Frate. Das hilft bei der Identifizierung unserer Weine im Markt und ist auch eine klare Information für unsere Kunden.
(Giulia): Im Rahmen von „Made in Italy“ oder besser noch „Made in Trentino“ sind die Herausforderungen für Erika und mich, die Anstrengungen und Errungenschaften der Gründerväter fortzuschreiben, wobei das frühere männliche Management von uns jetzt in ein weibliches Management umgewandelt wird. Noch unterstützt uns der maskuline Teil, aber in der Zukunft ist es unsere alleinige Herausforderung. Immer, wenn ich das Weingut besuche, bin ich von der Lage und dem Stil begeistert. Sämtliche Gebäude integrieren sich wie selbstverständlich und dabei derart charmant und architektonisch so gekonnt in die schöne Berglandschaft, dass Neuankömmlinge das Gut oft erst erstaunt entdecken, wenn sie kurz davor sind, obwohl es von weit her sichtbar ist. Empfindet Ihr ähnlich? (Erika): Ja, wir empfinden ähnlich. Es fängt schon damit an, dass unsere Gebäude schlicht, zweckmäßig und mit Materialien aus der unmittelbaren Umgebung erbaut sind. Kein Prunk, kein überflüssiges Detail. Die Steine, die unsere Gebäude umgeben, sind die gleichen, die ringsum zu finden sind. Schon deshalb ist unser Gut auch so schwer von Weitem zu erkennen.
Lasino (Giulia): Ich verstehe, wenn unsere Besucher von der Natur um uns herum beeindruckt sind. Unser Gut befindet sich in Hanglange unterhalb des markanten Castel Madruzzo. Dieses und die Bergkulisse rundum sind
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DOMENICO PEDRINI (FOTO: PRAVIS)
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Trentin
unsere Identität, genauso spiegelt sich unser Wirken und die Kraft der Reben in den Trauben und in unseren Weinen. Es ist nicht selbstverständlich, in einer so naturnahen, attraktiven und imposanten Umwelt zu arbeiten und zu leben. Wir alle sind sehr dankbar dafür. Einen Aufenthalt empfindet man als familiär. Ist das gewollt, ein Instrument des Marketings?
unbedingt mit einbinden. Denn auf den Menschen und der Geschichte des Trentino basiert die Qualität unseres Unternehmens. Was für ein schönes Statement – es war nicht anders zu erwarten. Ihr beide seid Kinder von Lina und Domenico, Ihr denkt und handelt so wie eure Eltern, deren Wirken ich in den vielen Jahren unseres Kontaktes schätzen lernen durfte. Danke für das Gespräch – tutto il meglio per il futuro! n n n
(Erika): Oh nein, ganz und gar nicht. Weil wir eben selbst eine familiäre Atmosphäre leben und unsere Familien alles andere untergeordnet haben, spüren auch unsere Besucher diese Atmosphäre. Wer zu
(Giulia): Unser Hof, inmitten der Gebäude, hat ausreichend Platz zum Parken. Der Besucher befindet sich sofort mitten unter uns. Eine Terrasse, lichtdurchflutete Verkostungsräume und sanitäre Anlagen sind wie ein Wohnbungalow gestaltet, der nicht protzt, sondern sich charmant an die Produktionsräume angliedert. Wie sieht die Zukunft aus? Welche Wünsche habt Ihr? (Giulia): Ich wünsche mir für uns alle, für das gesamte Trentino, mehr Selbstbewusstsein. Wir müssen keineswegs zurückhaltend sein, sondern eher stolzer, sensibler für unsere Produkte und unsere lokalen Spezialitäten eintreten. (Erika): Auf ökologischer Ebene gibt es nicht viele Gebiete mit einer solchen Struktur, mit Bergen, Seen, Tälern und einem besonders gesegneten Klima. Wir sind angehalten, den unschätzbaren Wert der gesamten Region in erster Linie zu erhöhen, erst dann kommt das Unternehmen dran. Denn wenn du nur für ein Unternehmen arbeitest, gleicht es einem Selbstzweck. Aber wenn du eine breite Vision hast, bereit bist, daran zu arbeiten, dann musst du die Gemeinschaft und deine Heimat
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uns kommt, der fühlt, dass unsere Willkommenskultur aus dem Herzen kommt.
Abenteuer Campo alla Sughera AUTOR ARTHUR WIRTZFELD
BOLGHERI
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Hinter Campo alla Sughera steht der weltweit agierende Gipsgigant Knauf mit Hauptsitz im unterfränkischen Iphofen. Die Familie war seit Grün-
Sie gehört zu jener Kategorie von Managern, die
dung im Jahr 1932 mit Weinbau in Berührung, es
man holt, wenn es vorangehen soll. Elisabeth
war mehr als eine Liebelei. Auf ihrer weltweiten
Finkbeiner ist eine Powerfrau, offen für Heraus-
Suche nach Gipsvorkommen wurde Knauf auch in
forderungen, nachhaltig in ihrem Wirken, dabei
der Toskana fündig, unweit von Volterra, wo reine
charmant mit geschliffenen Umgangsformen.
Alabastersedimente vorkommen. Als vinophile Fa-
S
milie fiel den Knaufs dabei ein Landstrich im nahen ie ist Sommelière und Wirtschaftsfrau. Als
Bolgheri ins Auge, bewachsen mit Tomaten, Oli-
Gutsleiterin führt sie die Geschäfte von
venbäumen und teilweise auch in landwirtschaftli-
Campo alla Sughera, einem Boutique-Wein-
cher Nutzung, der sich ihrer Meinung nach für den
gut, gelegen im toskanischen Bolgheri, einem der
Anbau von Wein eignen würde. Das Grundstück
bedeutendsten Weinbaugebiete Italiens. „Die Lage
liegt mitten im Herzen der DOC Bolgheri, direkt an
Bolgheri ist einzigartig und fordert von jedem, der
der Strada Bolgherese. Kaum zu glauben, dass an-
hier produziert, Leidenschaft und volle Konzentra-
dere große Erzeuger Italiens diesen edlen Flecken
tion. Leidenschaftlich sind auch unsere Weine, die
Erde nicht auf dem Schirm hatten.
sich kraftvoll, aber auch gewissenhaft und in der Jugend ein wenig zurückhaltend präsentieren“, eröffnet sie unser Gespräch. Wir werden dieses Statement noch hinterfragen.
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TEAM CAMPO ALLA SUGHERA – MITTIG ELISABETH FINKBEINER (FOTO: CAMPO ALLA SUGHERA)
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eute, 20 Jahre nach der Gründung, werden bei Campo alle Sughera („Feld der Korkeichen“) Weine produziert, die hohe Aufmerksamkeit seitens der Weinszene erhalten. „Wir haben hier in Bolgheri eine der vielversprechendsten Weinzonen Italiens“, erläutert Finkbeiner. „Ein sonnenverwöhntes Terroir umweht eine stets milde Meeresbrise. Wir haben leichte Schwemmböden, durchzogen von sandigen Schichten, und in der Tiefe eine Lehmbasis. Es ist diese Kombination, die unseren Weinen Finesse und Länge gibt.“ Darauf gehen wir gleich ein, aber zuerst die Frage: Wie kamen Sie zum Wein? Meine Weinliebelei fing schon im Studium an. Meine erste Stelle nach meiner Ausbildung war bei Silit in Frankreich. Die Firma, die heute zu WMF gehört, hatte ihren Sitz im weinverwöhnten Beaune in Burgund. Ich habe dort mitten in diesem Weinmekka gewohnt, was mich dazu inspirierte, parallel zu meiner Arbeit eine Ausbildung zur Sommelière zu machen. Wie ergab sich die Verbindung zur Familie Knauf? Es fing an mit einem Beratungsprojekt bei Knauf zum Thema Wein. Ich war involviert. Danach kam die Aufgabe bei Campo alla Sughera Was waren bzw. sind die Herausforderungen in Bolgheri? Also, erst einmal musste ich mich von meinem bisherigen Job trennen, den ich liebte und gerne
ausführte. Ich musste in Italien ganz von vorne anfangen. Zeitgleich durfte ich das Unternehmen, den Konzern Knauf, kennenlernen und verstehen. Ich musste lernen, welche Ziele Knauf mit dem italienischen Weingut hat. Angekommen in Italien, musste ich Sprache und Kultur lernen, eine Grundvoraussetzung, um hier akzeptiert zu werden. Wer sind die Mitbewerber in Bolgheri? Die ganz Großen. Antinori mit Guado al Tasso, Frescobaldi mit Ornellaia, natürlich das Bolgheri-Flaggschiff Sassicaia. Unser direkter Nachbar ist Angelo Gaja. Und mitten drin, praktisch im Herzen der DOC Bolgheri, liegt Campo alle Sughera, direkt an der Strada Bolgherese mit seinen Rebflächen. Wie konnte sich Knauf dieses Kleinod sichern? Nun, das Unternehmen Knauf ist sehr erfahren in der Analyse von Böden. Es gab vielleicht die Überlegung, ein bestehendes Weingut zu übernehmen, aber man wollte ein eigenes Gut aufbauen. Aufgrund von aufwendigen Bodenanalysen fand man unser heutiges Grundstück. Familie Knauf sagt: „Der Boden und die Lagen waren für uns ein Glücksfall.“ Wie kann man sich das Areal vorstellen, als Knauf sich für den Kauf entschied? Auf dem Boden, wo jetzt unsere Reben stehen, war vorher pure Natur. Hier und da ein Tomatenfeld, Getreide war vereinzelt im Anbau, der Rest war brachliegendes, uraltes Ackerland.
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LISABETH FINKBEINER
Wie ist das Verhältnis zu den großen Nachbarn? Ich beurteile das kollegiale Zusammenwirken aus heutiger Sicht, nachdem ich die Sprache gelernt habe, mir die Kultur zu eigen gemacht habe. Ich fühle mich akzeptiert und angekommen. Das bedeutet? Wir alle wissen, dass wir ein großes Erbe übernommen haben, nachdem Marchese Incisa della Rocchetta mit Sassicaia hier in Bolgheri anfing, Weine zu produzieren. Wir alle merken, dass wir die Marke Bolgheri nur gemeinsam stärken können. Die Bewertungen renommierter Kritiker mit 100 Punkten, beispielsweise für Sassicaia oder Massetto, ist ein Branding für die gesamte Region, die hohe Verantwortung und Engagement von allen fordert. Ich meinte auch, wie spüren Sie persönlich die Akzeptanz? Ich bin ein Teamplayer. Es hat mir schon immer geholfen, transparent zu arbeiten. So begrüße ich auch hier in Bolgheri neue gemeinsame Initiativen, die vor allem die noch junge DOC stärken und an denen ich mich beteilige. Ich habe unser Weingut für Gäste geöffnet, vorher war es mehr eine Produktion. Unseren Gästen empfehle ich auch andere Weingüter in Bolgheri – ich stehe für und vertrete Bolgheri. Was unterscheidet Campo alle Sughera von den Nachbarn?
den Weinberg. Er unterstützt mich mit seiner Erfahrung, ist aber auch offen, zu lernen, und somit sein gesamtes Team. Sie leiten seit 2016 den Betrieb. Seit 2017 arbeiten Sie mit dem international renommierten Weinmacher Stéphane Derenoncourt. Wie kam es dazu und wie wirkt sich diese Zusammenarbeit aus? Eine meiner ersten Entscheidungen war, Stéphane Derenoncourt und sein Team ins Boot zu holen. Nicht, weil wir mit anderen Beratern unzufrieden waren, sondern mein Narrativ ist: Auch ein Ferrari braucht mal ein Facelift. Wir wollen vorankommen und uns ständig verbessern. Damit wollen Sie zum Ausdruck bringen? Das wir uns, alles eingerechnet, bei Campo alla Sughera auf einem High Level befinden und das bedingt entsprechend mutige Entscheidungen. Derenoncourt verkörpert unsere Philosophie des maximalen Einsatzes im Weinberg und des minimalsten Eingriffs im Keller. Er achtet wie wir darauf, dass die Balance jedes Rebstockes beachtet wird, und der Schnitt ist dementsprechend individuell. Welche Sorten sind im Anbau? Die typischen Sorten von Bolgheri. Bei uns sind dies Cabernet Sauvignon mit über 40 Prozent, der Rest teilt sich auf in Merlot, Cabernet Franc, Petit Verdot und ein wenig Vermentino, der auch meine persönliche Aufmerksamkeit hat. Warum Vermentino?
Da gibt es einige Unterschiede. Neben den leichten Böden ist auch die humane Größe des familiengeführten Betriebes zu nennen, die es zum Boutique-Weingut macht. Anders als bei unseren Nachbarn mit berühmten Namen steht bei Campo alle Sughera kein Familienoberhaupt im Vordergrund, sondern ein eingespieltes Team. Es ist der Winzergeist, der von unserer gesamten Mannschaft gelebt wird. Ihr Team ist … … hoch motiviert mit globaler Aufgabenstellung, und wir tauschen uns täglich über die Arbeit im Weinberg, im Keller und Vertrieb aus. Letztlich sind es diese Menschen, die den Unterschied ausmachen. Ich bin glücklich über die teamorientierte Arbeit in den letzten Monaten während meiner schönsten Ernte in diesem Jahr bisher. Die Flexibilität und den Einsatz, die ich bei meinen Mitarbeitern verfolge, spüren auch unsere Kunden, was wir an den positiven Rückmeldungen sehen.
Wer sind die führenden Köpfe in ihrem Team? Das ist Francesco Gagliardi, seit 2006 für den Keller verantwortlich und seit 2018 auch gesamt für
Ich wollte eine autochthone Sorte und da gab es nur den Vermentino, den wir ausschließlich im Stahl ausbauen. Warum ausschließlich Bordeaux-Sorten? Weil wir in Bolgheri sind, das ist hier eine hervorragende Region für diese Sorten. Wir sind direkt am Meer. Das Klima ist moderater als in der übrigen Toskana, was wiederum auch ein Grund ist, warum der Sangiovese hier eine untergeordnete Rolle spielt. Ihre Rebflächen sind vielfältig parzelliert ... … ja, insgesamt haben wir heute 16,5 Hektar im Ertrag. Wir setzen das Kordon-System mit einer außerordentlich hohen Pflanzdichte ein, 9500 Stöcke pro Hektar. Die Gesamtfläche teilt sich auf in 38 Parzellen mit unterschiedlichen Bewässerungssystemen. Davon verfügen 15 Kleinstparzellen über individuelle Bodenbeschaffenheiten von sandig bis tonig-lehmig. Eine Besonderheit, die sowohl bei der Arbeit im Weinberg als auch bei der Vinifizierung viele Spielarten erlaubt. Trauben gleicher Rebsorten werden in unterschiedlichen Zeitfenstern gelesen und auch getrennt ausgebaut.
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Was ist das Geheimnis der Weine von Campo alla Sughera? Ich weiß, dass unsere Weine ein sehr hohes Alterungspotenzial haben. Durch die hohe Bestockung sind die Trauben kleinbeerig. Dies spielt uns in die Karten. Da beim Rotwein wichtige Extrakte in der Schale sind, nutzen wir dies exzessiv aus. Ich denke, wir haben bei Campo alla Sughera noch eine große Zukunft. Welche Zielgruppen an Konsumenten und Märkten haben sie im Fokus? Wir möchten diversifizieren und unsere Weine weltweit vertreiben. Die Betreuung unserer Stammkunden ist uns wichtig, doch wir werden insbesondere junge Leute ansprechen, die sich unsere Weine erschließen wollen. Ein Grund, warum ich das Weingut auch für Besucher geöffnet habe. Wein ist Emotion und Storytelling. Wir lassen unseren Weinen Zeit zum Reifen und nehmen uns Zeit für unsere Gäste. Was findet der Besucher bei Campo alle Sughera? Der Besucher findet bei uns große Leidenschaft sowie auch herzliche Gastfreundschaft. Wir produzieren hoch dekorierte Weine, stehen aber mit beiden Füßen auf dem Boden. Meine Mitarbeiter und ich lieben Bolgheri mit seiner wunderschönen Landschaft, seiner salzigen Luft, seinen hervorragenden Restaurants. Dieses Gesamtpaket möchten wir unseren Gästen vermitteln. Sie gehören zu einer ständig wachsenden Zahl von Frauen im Weinsektor, der einstmals eine Männerdomäne war. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
gaben zu übernehmen. Gibt es eine weibliche Figur in der Weinwelt, die Sie für inspirierend halten oder die Sie vielleicht in Ihrem Wirken beeinflusst? Ja, da fallen mir drei Frauen spontan ein. Cinzia Merli, sie ist Inhaberin und Leiterin des Weinguts Le Macchiole in Bolgheri. Und auch Donatella Cinelli Colombini, die in Montalcino wirkt und Le Donne del Vino in Italien leitet. Und hohen Respekt habe ich vor Andrea Wirsching, die ich sehr schätze und leider viel zu selten treffe. Alle diese Frauen berühren mich, nicht nur, weil sie Powerfrauen sind und führen können, sondern auch, weil sich ihre Kraft in ihren Weinen widerspiegelt. Sie alle sind offen und hilfsbereit. Sie sind für mich authentisch und zeigen, was wir Frauen im Weinbereich bewirken können ...
Frau Finkbeiner, verraten Sie uns ein bisschen etwas aus Ihrem privaten Bereich. Welche Leidenschaft haben sie außer Wein? Ich liebe die Natur, Sport und Reisen. Welche Weine bevorzugen Sie zum persönlichen Genuss? Als Wahlfränkin einen schönen Silvaner. Was ziehen Sie vor – essen gehen oder selbst kochen? Weil ich beruflich öfters in Restaurants gehe, freue ich mich, selbst zu kochen und mit Freunden zu speisen. Was lieben ihre Freunde an Ihnen? Meine Verlässlichkeit.
Also, ich empfinde heute nicht so. Ich war schon immer in Bereichen tätig, die Männer dominiert haben, und ich habe mich stets wohlgefühlt. Allerdings denken Frauen anders. Wir haben dieses Jahr einen lockeren, informellen Austausch der „Donne di Bolgheri“ begonnen. Dort diskutieren wir anders,
Womit machen Sie sich unbeliebt? Mit meiner gelegentlichen Ungeduld.
als wenn männliche Kollegen dabei wären. Und ja, ich stimme zu, dass der Anteil an Frauen im Weinbereich, die oberste Verantwortung tragen, zunimmt. Ganz aktuell wurden im neuen Vorstand des Consorzio Bolgheri drei Frauen an die Spitze gewählt.
Welche Musik hören Sie gerne? Ich liebe Barockmusik und vor allem Bach. Ich spiele Kontrabass, besser gesagt, habe gespielt, heute fehlt mir leider die Zeit.
Wie empfinden Sie das Klima für Frauen in der Weinbranche und warum hat es so lange gedauert, bis Frauen heute in Top-Positionen wirken? Auch diese Frage stellt sich für mich so nicht. Schon als ich in Geisenheim einige Stunden unterrichtet habe, gab es viele Studentinnen. Ich verweise auch auf die Vereinigung Vinissima, die eine Vorreiterrolle für uns Frauen spielt. Junge Winzerinnen und junge Frauen, die Weingüter führen, stärken den femininen und legitimen Anspruch, verantwortungsvolle Auf-
Welche Charaktereigenschaften schätzen Sie? Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und Offenheit.
Was lesen Sie? Sehr gerne Biografien aus unterschiedlichen Zeitepochen, weil mich Menschen und deren Leben interessieren. Und ich lese gerne über verschiedene Weinthemen, sowohl Fachliteratur als auch Bewertungen und Kommentare. Haben Sie einen Lieblingsplatz? Vor einem Jahr habe ich im fränkischen Sulzfeld ein Häuschen gekauft. Es grenzt direkt an die Mainmauer. Es ist ein romantischer Flecken. Dort bin ich glücklich, obwohl ich wenig Zeit habe, es zu genießen.
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ELISABETH FINKBEINER (FOTO: CAMPO ALLA SUGHERA)
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Zur Person Elisabeth Finkbeiner wuchs im Landkreis Tuttlingen auf. Sie studierte in Gegenbach und Frankfurt. Sie gründete ihre eigene Vertriebsfirma mit 30 Jahren und wirkte danach durch Übernahme bei ITW im Industriesektor international. Ihre Liebe zum Wein hat sie durch Stationen im Burgund und in Geisenheim sowie als Mitglied bei Vinissima gefestigt.
Deutsche Präzision und italienische Passion Welche Reiseziele reizen Sie? Ich darf viel reisen und komme auch gerne wieder nach Hause. Früher war ich oft in den USA, nächstes Jahr wird es wieder ein Ziel sein, worauf ich mich sehr freue. Was würden Sie gerne ausprobieren? Es gibt zwei Dinge, die ich mir unbedingt erfüllen möchte. Das Weingut auf „bio“ umzustellen und eine lange Rucksackwanderung, ich träume schon lange vom Alpe-Adria-Trail. Wie sieht ein perfekter Tag für Sie aus? Nach einer Tasse Kaffee eine lange Fahrradtour in Unterfranken antreten und am Abend ein Glas Silvaner mit Freunden genießen. Und wunderbar wäre auch eine Meditation im Kloster Münsterschwarzach.
Gibt es Helden in Ihrem Leben? Das wird Sie jetzt sicher überraschen. Mein früherer Vermieter in Rottweil. Er war ein väterlicher Freund. Seine Offenheit und sein Verhalten zu Menschen waren mir ein Vorbild. Und nicht zu vergessen meine gute Mutter, die mich heute immer in Gedanken und im Gebet begleitet. Wo stehen Sie gerade und was möchten Sie bewirken? Ich fühle mich gerade in Italien angekommen. Sprache und Kultur habe ich verinnerlicht. Ich möchte die Marke Bolgheri in die Welt tragen. n n n
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Auร ergewรถhnliches Weingut Chat Sauvage AUTOR HERMANN-JOSEF BERG
(FOTO: CHAT SAUVAGE)
„Weltklasse“ urteilt der Weinführer Eichelmann in seiner aktuellen Ausgabe. Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, bis auf den Zusatz „Weltklasse aus dem Rheingau“. Denn Chat Sauvage im berühmten Johannisberg ist eine Besonderheit. Nicht nur der
Die „wilde Katze“ zeigt’s allen
erfüllte Traum eines hanseatischen Wein enthusiasten. Dieses Weingut setzt am 50. Breitengrad auch bemerkenswerte Akzente in Qualität und Preis. Skepsis im Rheingau passé
J
ournalisten sollten mit Schwärmereien und Superlativen in ihren Artikeln vorsichtig sein. Doch bei der „wilden Katze“ (deutsche Übersetzung von Chat Sauvage) scheint dieses Berufskriterium außer Kraft gesetzt zu sein. Lobeshymnen über Lobeshymnen. Da klingt das Urteil „Power without weight“ des renommierten US-Weinkritikers Robert M. Parker geradezu nüchtern. Gleichwohl hat der „Vater der Weinpunkte“ recht, denn insbesondere die Rotweine von Chat Sauvage sind im Geschmack kraftvoll, ohne dass der Gaumen von den Tanninen und überbordendem Alkoholgehalt geradezu erschlagen wird. Ob Parker mit seiner Beschreibung vielleicht auch Verena Schöttle gemeint haben könnte, mag im Reich der Spekulation bleiben. Unbestritten ist aber, dass die quirlige Betriebsleiterin neuen Schwung in das Weingut gebracht hat. Eine Schwäbin rockt den Rheingau und die deutsche Rotweinqualität! Und sie weiß, wem sie diese Möglichkeit zu verdanken hat: dem Hamburger Bauunternehmer Günter Schulz. Der heute 81-Jährige sammelte früher Top-Weine aus Burgund. Irgendwann wollte er nicht mehr nur probieren, sondern auch Wein herstellen, sprich: ein eigenes Weingut besitzen. Also ließ er einen Teil seiner Kreszenzen im Londoner Auktionshaus „Christie’s“ versteigern. Vom Erlös kaufte er das Grundstück in Johannisberg; Schulz weilte früher des Öfteren im Rheingau. 2010 wurde die neue Betriebsstätte bezogen.
Die Rheingauer Winzer beobachteten das Projekt zunächst mit Argwohn. Nicht nur, weil das Gebäude an sich so eigenartig und auch der Standort sehr privilegiert ist. Und dann sollten dort nur hochwertige Pinot Noirs und Chardonnays angebaut werden – kein Riesling also. Auch die Furcht vor dem „Ausverkauf“ bester Rheingauer Rebflächen machte sich breit. Eine Dekade später ist Chat Sauvage in die dortige Winzerwelt integriert. Und Wilhelm Weil, der Vorsitzende des VDP.Rheingau, gibt unumwunden zu: „Sowohl bei den Rotweinen als auch bei den Weißweinen zählen sie (Redaktion: die Weine) zu den besten der Region!“ Der Ritterschlag für Chat Sauvage ist also erfolgt. Günter Schulz lächelt verschmitzt, wenn er – wie bei der jüngsten Präsentation – erzählt: „Anfangs haben sie uns eben nicht gewollt!“ Auch für Verena Schöttle hat sich das Engagement gelohnt. Seit 2015 im Betrieb, stieg die heute 40-Jährige im März 2019 zur Teilhaberin auf. Und das Unternehmen änderte die Firmenbezeichnung in Weingut Chat Sauvage – Schulz & Schöttle GbR. Günter Schulz wird dies in vollem Bewusstsein der Arbeitsqualität seiner neuen Geschäftspartnerin getan haben. Gleichzeitig hat er damit auch seine Nachfolge geregelt, denn nach seinem Tod sollen seine Enkeltöchter an der Seite von Verena Schöttle das Weingut mitverantworten. Die GbR-Veränderung hatte im Rheingau das Gerücht aufkommen lassen, Chat Sauvage werde verkauft. Wenn hier nicht auch der Wunsch aufkeimte, an die Top-Weinbergslagen von Chat Sauvage heranzukommen ...
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Who’s who der Rheingauer Top-Lagen In der Tat liest sich die Lagenkarte wie das Who’s who der Rheingauer Weinberge. Derzeit werden acht Hektar Rebfläche in sechs Gemarkungen bewirtschaftet. Namen wie Assmannshäuser Höllenberg und Frankenthal, Rüdesheimer Drachenstein und Berg Roseneck, Lorcher Schlossberg und Kapellenberg oder Winkeler Dachsberg lassen bei Weinkennern die Zunge schnalzen. Hier reifen die Trauben für die Pinot Noirs (75 Prozent im Rebsortenspiegel) und Chardonnays von Chat Sauvage. Das Gros steht in Steillagen. „Die Erzeugung hochwertiger Burgunderweine ist unsere Passion“, ist auf der Website des Weinguts zu lesen. Dem hatte sich schon Michael Städter verschrieben, der Vorgänger von Verena Schöttle als Betriebsleiter; er verantwortet inzwischen den Außenbetrieb von Schloss Johannisberg. Gefragt, was sie anders mache als er, entgegnet die neue Betriebsleiterin: „Nicht viel, aber ich versuche, in Weinberg und Keller noch etwas mehr Qualität herauszukitzeln!“ Was die Geisenheim-Absolventin (Weinbau und Oenologie, gefolgt von einem BWL-Studium) – aus Tübingen stammend – jedoch zweifelsfrei optimierte, ist das Marketing. Abgesehen davon, dass immer mehr Top-Gastronomen Chat Sauvage-Spezialitäten bestellen, wurde vor allem das Handelsgeschäft ausgebaut. 60 Prozent landen inzwischen in diesem Marktsegment, der Rest beim Endverbraucher. Dazu zähle auch der Weingutsgründer, der seine bestellten Weine bezahle. Im Durchschnitt kosten Weine von Chat Sauvage zwischen 30 und 40 Euro. Die Gutsweine beginnen derzeit bei 18 Euro, in der Spitze stehen 150 Euro auf der Preisliste.
Unverändert kompromissloses Qualitätsdenken Große Veränderungen hat Chat Sauvage 2020 nicht geplant. Der Qualitätsanspruch bleibt kompromisslos. Die Pinot Noirs (der Klon stammt übrigens aus Geisenheim) und Chardonnays reifen weiterhin gut zwei Jahre in französischen Eichenholzfässern. Die Roten liegen weitgehend vier bis sechs Wochen auf der Maische und „kuscheln“ dort mit hochwertigen Reinzuchthefen. Das Abfüllen in die Burgunderflaschen erfolgt unfiltriert. Schöttle: „Das ist die Basis für eine reichhaltige Fülle – so wie man sie aus dem Burgund kennt!“ Es ist auch die Basis für Rotweine, die durchweg mit über 90 Punkten bewertet werden. Die Fachwelt lobt die „Kühle“ der Weine, ohne dass sie überreif seien, sprich: marmeladig schmecken. Für Weinfreaks, die bislang vorrangig auf die Spätburgunder von August Kesseler (Rüdesheim) schworen, ein wahrlich alternatives Geschmackserlebnis. Wer als Weingut Weltklasse sein will, darf in seinen Qualitätsanstrengungen nicht nachlassen. Eigentlich nie mit dem Erreichten zufrieden sein. Für diesen Anspruch steht Verena Schöttle, deren Lebenslauf ihre Vielseitigkeit dokumentiert. Die „wilde Katze“ (Chat Sauvage) hat’s bislang allen gezeigt. n n n COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN
(FOTO: CHAT SAUVAGE)
VDP.Rheinhessen: Ein Großer „geht“, zwei Größen kommen AUTOR HERMANN-JOSEF BERG
Der VDP-Regionalverband Rheinhessen hat seit Mitte Dezember einen neuen Vorsitzenden: Johannes Hasselbach vom Weingut Gunderloch (Nackenheim). Sein Vorgänger, Philipp Wittmann, verbleibt im Vorstand als Beisitzer. Zu Stellvertretern Hasselbachs wurden Hans Oliver Spanier und Kai Schätzel gewählt. Als 16. Mitglied wurde das Sektgut Raumland aufgenommen. COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN
FAMILIE RAUMLAND (FOTO: VDP.RHEINHESSEN)
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O JOHANNES HASSELBACH (FOTO: VDP.RHEINHESSEN)
b dieses Revirement einem Generationswechsel gleichkommt? Schwer zu sagen. Wenn ein 45-Jähriger sein Amt abgibt, ist dies eigentlich kein Generationswechsel. Und doch darf die jüngste Veränderung im Vorstand als bemerkenswert eingestuft werden. Weil Johannes Hasselbach einen anderen Winzertyp darstellt. Zwar auch schon 40 Jahre alt, aber erklärtermaßen ein Nachhaltigkeitsfreak. Einer, der den gesamten Prozess vom Weinberg bis zum Kunden als Einheit sieht. Konsequente Qualität ist dabei die Überschrift. Hier dürfte schon der Blick in die Familienhistorie kenntnisreich gewesen sein. Bereits Ur-Ur-Großvater Carl Gunderloch (von Carl Zuckmayer im „Fröhlichen Weinberg“ schriftstellerisch verewigt) räumte dem Stellenwert von Natur und Natürlichkeit beim Entstehen hochwertiger und herkunftsbezogener Weine breiten Raum ein. Und Gunderloch war 1910 Mitbegründer des „Verbands Deutscher Naturweinversteigerer“, der sich 100 Jahre später „VDP.Die Prädikatsweingüter“ nennt.
Hasselbach interpretiert „Naturweinversteigerer“ neu 2013 sprach Philipp Wittmann in Australien erstmals mit Johannes Hasselbach darüber, sein Nachfolger zu werden. Jetzt ist er es. Hasselbach umschrieb seine Ziele mit eben diesem geschichtsträchtigen Begriff „Naturweinversteigerer“ und splittete ihn. „Naturwein“ stehe für das notwendige Bemühen, der jüngeren Generation etwas Wertvolles weitergeben zu wollen (Nachhaltigkeit). „Versteigerer“ solle bewusstmachen, wie sich die VDP-Winzer – im Einklang mit den Zielen des Bundesverbandes – künftig im Markt positionieren wollen. Seine Botschaft: „Wir wollen alle, die in puncto Qualität mit uns kooperieren wollen, auf unserem Weg mitnehmen!“ Viele alte Zöpfe, die sein Vorgänger und Mentor abschneiden musste, dürften Johannes Hasselbach nicht geblieben sein. Einen Großteil hat Philipp Wittmann in seiner 15-jährigen Amtszeit (seit 2005) aus dem Weg geräumt. Zu den unangenehmsten Aufgaben, wie er selbst zugibt, gehörte der „Ausschluss“ bisheriger Mitglieder. Namen nannte er nicht. Bei nicht möglichen Nachfolgeregelungen sei es noch am einfachsten gewesen. Wittmann wörtlich: „Stolz war ich darauf nicht, aber in einigen Fällen qualitativ war das einfach notwendig. Meinem Eindruck nach ist alles weitgehend relativ harmonisch verlaufen.“ Unter seiner Ägide wurden auch fünf neue Betriebe aufgenommen, sodass seine Gesamtbilanz seit der Amtsübernahme „plus eins“ lautet. Die neuen Mitglieder stehen unzweifelhaft für hohe Weinqualität: Gutzler in Gundheim (seit 2006), Winter in Dittelsheim (2013), Schätzel in Nierstein (2016) und Bischel in Appenheim (2019). Und jetzt, ganz neu, das Sekthaus Raumland in Flörsheim-Dalsheim. In diesem Zusammenhang dementierten Wittmann und Hasselbach Kolportagen, wonach je Großlage nur ein Weingut in den VDP.Rheinhessen aufgenommen werde.
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Raumland erstes Sektgut im VDP bundesweit Mit Volker Raumland ist erstmals ein Sektgut in einen VDP-Regionalverband aufgenommen worden. Dafür hat der Bundesverband sogar ein „VDP.Sekt. Statut“ geschaffen. Das Neumitglied wirkte selbst daran mit. Dieses Statut definiert die Kriterien für deutsche Sektqualität. Philipp Wittmann: „Volker Raumland ist ein Meister unter den deutschen Schaumweinherstellern. Seine Werte passen hundertprozentig zum VDP.“ Raumland selbst („Viele glaubten, ich sei schon seit Jahren VDP-Mitglied“) sieht in puncto klassischer Flaschengärung einen Aufbruch in der deutschen Sektszene. Viele Betriebe wollten ihren Premiumschaumweinen wieder zu dem früheren Image verhelfen, als deutscher Sekt – neben dem Champagner – Weltruf hatte. Zudem sei der Markt für die Großkellereien mit ihren tankvergorenen Produkten weitgehend gesättigt. Der neue Vorstand des VDP.Rheinhessen strahlt schon jetzt viel Selbstbewusstsein aus. Die Fachkompetenz ist hervorragend. Hans Oliver Spanier und Kai Schätzel sind ausgewiesene, renommierte Praktiker, die wissen, wovon sie reden. Komplettiert wird dieses Trio durch Schatzmeister Christian Schmitz (Weingut Neus, Ingelheim) und die Beisitzer Daniel Wagner (Wagner-Stempel, Siefersheim), Klaus Peter Keller (Flörsheim-Dalsheim) und Philipp Wittmann.
VDP als Impuls- und Taktgeber für die Landwirtschaft? Hans Oliver Spanier ist der Auffassung, dass der VDP mit seinen Nachhaltigkeitsgedanken „Impulsund Taktgeber für die Landwirtschaft“ sein kann. Wie das? Wo doch die Ackerbauern bislang eher ertragsoptimiert denken, die Spitzenwinzer eher ertragsreduziert. Ein Interessenkonflikt? „In der Tat gibt es unterschiedliche Ansichten, aber letztlich sind wir ein Berufsstand, weil wir der Natur verpflichtet sind“, sagt Johannes Gunderloch. Philipp Wittmann konstatiert: „Ich finde die Kommunikation der Landwirte bei den jüngsten Demonstrationen nicht ganz glücklich. Es ist den Bürgern schwer zu vermitteln, wenn es heißt, die Bauern wollen mehr düngen und spritzen.“ Wittmann weiter: „Mit Schleppern Städte zu verstopfen, erachte ich als nicht sinnvolles Vorgehen. Sinnvoller ist es, sich an einen Tisch zu setzen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.“ Gleichwohl erkläre man sich mit den Kollegen solidarisch, was die Versäumnisse der Politik betreffe (Stichwort Düngemittelverordnung). Der Boden wird also auch im eigenen Beritt künftig bestellt werden müssen. n n n
„ICH WÜNSCHE DIR ALLES GUTE UND VIEL ERFOLG ALS NEUER VORSITZENDER DES VDP.RHEINHESSEN!“ DAS WIRD VORGÄNGER PHILIPP WITTMANN (LINKS) ZU SEINEM NACHFOLGER, JOHANNES HASSELBACH, WOHL GESAGT HABEN.
(FOTO: VDP.RHEINHESSEN)
(FOTO: VDP.RHEINHESSEN)
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Der „Tai Rosso“ und die Colli Berici AUTOR HERMANN-JOSEF BERG
(FOTO: STUDIO CRU/IRENE GRAZIOTTO, VICENZA)
Als Weinjournalist unterliegt man bisweilen der Gefahr, Kreszenzen und Terroirs zu heroisieren – sprich: in Jubelarien zu verfallen, ob berechtigt oder unberechtigt. Die Gefahr wird umso größer, je unbekannter ein Thema zu sein scheint. Und doch rechtfertigt Erlebtes auch bei einem Chronisten zwar keine überschwängliche Freude, auf jeden Fall aber Begeisterung. Kurzum: Kennen Sie die Rebsorte „Tai Rosso“ und das Weinanbaugebiet „Colli Berici“?
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ieser Satz des Weinexperten Andy Howard (unter anderem für das renommierte
britische
Weinmaga-
Klassisch: wenig Tannine, kaum Adstringenz
zin Decanter tätig) bringt es schon auf den
Genetisch ist der Tai Rosso der Grenache-Fa-
Punkt: „Der Tai aus dem Veneto ist eines der
milie zugeordnet. Sensorisch sind seine in-
am besten gehüteten Geheimnisse Italiens!“
tensiven Aromen nach roten Steinfrüchten
Genauer gesagt, handelt es sich um den Tai
oder auch nach Beeren auffällig. Je nach Vi-
Rosso aus dem Weinanbaugebiet Colli Berici.
nifikation der Weingüter kann er etwas mehr
Es liegt südlich von Vicenza, an der Verkehr-
oder weniger Tannine und Säure vorweisen.
sachse Venedig-Verona. Im Vergleich zu vielen anderen Rotweinen Noch immer sind die Colli Berici ein Geheim-
präsentiert sich der Tai Rosso generell eher
tipp für Weintouristen. Gleiches gilt für den
durch eine verhaltene Tanninstruktur und
Tai Rosso, den es schwerpunktmäßig nur in
kaum Adstringenz. Aus den zumeist physio-
diesem italienischen Landstrich gibt. Diese
logisch reifen Trauben entstgehen Colli Be-
Rebsorte soll im 18. Jahrhundert unter der
reci DOC-Weine.
Regentschaft Maria Theresias, der berühmten Habsburgerin, von Ungarn nach Venetien
Hinter dem Kürzel für Denominazione di
gekommen sein. Lange Zeit wurde im Gebiet
origine controllata verbirgt sich eine kont-
Colli Berici daher vom Tocai Rosso gespro-
rollierte Ursprungsbezeichnung, welche die
chen; diese Bezeichnung erfuhr erst 2007 aus
zweithöchste Qualitätskategorie in Italien
rechtlichen Gründen eine Verkürzung.
widerspiegelt. Leicht sind die Tai Rosso-Weine allerdings keineswegs – hier begegnet der Weintrinker durchaus „Alkoholbomben“.
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(FOTO: STUDIO CRU/IRENE GRAZIOTTO, VICENZA)
COLLI BERICI
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eine Qualitätsoffensive“, erklärt Giovanni Ponchia. Dazu zählte zwischen 2002 und 2005 auch das
Tai Rosso im Schatten der Bordeaux-Blends
„Wine Production Zoning Project“. Hier erfolgte die Verlinkung der Region über den Terroirgedanken und weitere definierte Qualitätsmaßnahmen.
Mengenmäßig kann der Tai Rosso in der Region
Dieser Initiative des Consorzio Colli Berici ist es
mit den zahlreichen Bordeaux-Blends jedoch nicht
zu verdanken, dass auf den teils 500 bis 600 Meter
mithalten. Cabernet Sauvignon, Merlot und Ca-
hohen Hügeln der Region, insgesamt auf rund 100
bernet Franc dominieren heute die Anbauflächen,
Hektar, aktuell 17 rote und weiße Rebsorten ange-
verhelfen den Colli Berci-Weinen aber auch zu
baut werden.
mehr internationaler Bekanntheit. Warum sind Qualitätsrotweine wie der Tai Rosso
Colli Berici beim Klimawandel eher Gewinner?
bislang so unbekannt, insbesondere in Italien? Gi-
Das Gebiet profitiert von einen völlig anderen Klima
ovanni Ponchia lakonisch: „Die Italiener trinken
etwa im Vergleich zu Soave. Dies könnte angesichts
eben mehr Weißwein als Rotwein. Daher sind die
des Klimawandels noch mehr Bedeutung erlangen.
Colli Berici-Roten nicht so gefragt.“ Gleichwohl
Vertraut man den Vorhersagen der Wissenschaftler,
ist der Inlandsmarkt unverändert der Hauptab-
dürften sich die Reben künftig vor allem in den hö-
nehmer. Doch inzwischen werden bereits bemer-
heren Lagen bestens entwickeln, die zudem durch
kenswerte 35 Prozent exportiert.
einen Wald begrenzt sind. Voraussetzungen also, die geradezu typisch sind für die Colli Berici: oben
Ponchia ist Geschäftsführer des 2011 aus einer Fu-
der (nicht zuletzt schützende) Wald, darunter die
sion entstandenen Consorzio Tutela Vini DOC Colli
Hanglagen. Zudem existieren hier viele alte Reben,
Berici e Vicenza (in Lonigo). Er repräsentiert die
die 60 Jahre und älter sind – optimal für beste Wei-
privaten Weinerzeuger dieser Region im In- und
ne. Geerntet wird traditionell spät, was dem spät
Ausland. Natürlich schwärmt der weinbeflissene
reifenden Tai Rosso sehr gelegen ist.
Blonde vom Colli Berici-Gebiet, dessen Vergangenheit und Gegenwart. Erinnert an die Zeiten, als Galileo Galilei (1564–1641) in den Hügeln sei-
Gute Weinberge, alte Weine in der Flasche
ne Sommer verbracht habe. Macht deutlich, dass
Die Zuversicht bei vielen selbstvermarktenden
die Vicenzianer, die früher eher ärmere Menschen
Colli Berici-Winzern ist spürbar. Sie wissen: Je
gewesen seien, heute ihre Colli Berici als Ausflugs
mehr Qualitätsbewusstsein wir praktizieren, des-
ziel schätzten – sich allerdings mehrere Weingü-
to größer wird (wieder) das Interesse an unseren
ter heute im Besitz wohlhabender venezianischer
Weinen. Das Selbstbewusstsein der Weinmacher
Bürger befänden, die schon immer mehr Geld be-
dieser Traditionsregion kehrt zurück. Nicola Dal
saßen. Verweist auf die sukzessive höhere Zahl an
Maso etwa ist sicher, dass die Weine aus seiner
zertifizierten DOC-Weinen (2018: 14.750 Hektoli-
Region in puncto Qualität inzwischen an die tos-
ter; 67 Prozent Rotweine) und abgefüllten, selbst
kanischen Gewächse heranreichen. Der Starwinzer
vermarkteten Flaschen (1,625 Millionen; 65 Pro-
ist das Gesicht der Colli Berici-Weinszene. Er re-
zent Rotweine).
präsentiert die vierte Familiengeneration. Gefragt
Consorzio Colli Berici als Motor der Qualitätsoffensive
nach dem Erfolgsgeheimnis von Dal Maso, antwortet der umtriebige und ideenreiche Unternehmer: „Gute Weinberge und alte Weine in der Fla-
Für das Colli Berici-Gebiet sind dies handfes-
sche!“ Dieser Satz eignet sich zum vinologischen
te Indizien, die eine gestiegene Nachfrage doku-
Credo im Colli Berici ... n n n
mentieren. So wie es früher einmal war ... Dazu dürfte bereits die DOC-Appellation im September 1973 beigetragen haben. „Dies war das Signal für
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Ikone des Ribera del Duero: Vega Sicilia AUTOR HEIKO T. TAUDIEN
Kaum ein anderes Weingut der Iberischen
(FOTO: VEGA SICILIA)
Halbinsel reicht in einem langfristigen Vergleich von feinen Weinen an den Ruhm- und Legendenstatus der bedeutenden Bodega Vega Sicilia heran.
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as von Eloy Lecanda bereits 1864 gegründete Weingut liegt im Herzen des Ribera del Duero nahe Valbuena del Duero. 1897 erwarb die Familie Herrrero Velázquez das Weingut und verantwortete die Weinproduktion für viele Jahrzehnte. Seit 1982 steht die Familie Álvarez an der Spitze von Vega Sicilia und baute parallel auch das Gut Alión in direkter Nähe zum Mutterweingut auf. Es steht für einen moderneren Weinstil, mit des es sich vom puren Klassizismus von Vega Sicilia unterscheidet. Des Weiteren ist die Familie Álvarez in Toro (Pintia), in Tokaj (Oremus) und in der Rioja (Macán) aktiv. Von Vega Secilia werden ca. 250 Hektar Rebfläche betreut, aufgeteilt auf 57 Parzellen bei 19 unterschiedlichen Bodentypen. Die Lagen befinden sich auf 700 Meter Höhe. Tempranillo und Cabernet Sauvignon der besten 40 Hektar dienen der Vinifizierung des Único. Bis zu zehn Jahre wird der Wein in unterschiedlichen Fasstypen und in der Flasche ausgebaut. Mit dem „kleineren“ Valbuena 5° (100 % Tempranillo) sowie der Único Reserva Especial (einer Cuvée aus mehreren Jahrgängen) zählen die Vega-Sicilia-Weine zu den Ikonen der Region Ribera del Duero. Der kleine Johnson nennt Vega Sicilia „Spaniens Erstes Gewächs“.
Im Weinkeller war lange Zeit der Önologe Javier Ausás tätig, heute verantwortet Gonzalo Iturriaga de Juan die Vinifizierung der Gewächse. Gonzalo ist sowohl Agrar ingenieur als auch Önologe und übernahm im September 2015 die technische Leitung. Am Abend der Verkostung berichtete er uns über den Glücksfall und die wichtigste Herausforderung seiner bisherigen Karriere: Nach einem aufwendigen Auswahlverfahren entschied sich Pablo Álvarez, CEO von Tempos Vega Sicilia, für einen damals kaum bekannten technischen Direktor und scheint einen Volltreffer gelandet zu haben.
(FOTO: VEGA SICILIA)
Die Weinmacher sehen sich primär als Komponisten des Terroirs, nehmen sich aber auch die Freiheit, die Cuvée jedes Jahr neu festzulegen. In den jüngeren Jahrgängen beziehungsweise seit 1996 dominiert die Sorte Tempranillo (Tinto Fino) mit ca. 90 Prozent. Das verwundert wenig, da sie gut mit der auch in Ribera del Duero zunehmenden Hitze zurechtkommt und zudem noch aus sehr alten Weinstöcken gezogen werden kann, die ein breites Aromenspektrum sicherstellen. Die ursprüngliche Idee der Gründer, Weine mit Bordeaux-Stilistik zu kreieren, tritt zunehmend in den Hintergrund. In früheren Jahrgängen des Vega Sicilia lag der Anteil des Tinto Fino (Tempranillo) eher zwischen 70 und 80 Prozent. Der verbleibende Anteil wurde mit Cabernet Sauvignon, Merlot, Malbec und in manchen Jahrgängen sogar mit dem weißen Albariño ergänzt. In unregelmäßigen Abständen beziehungsweise in besonderen Jahren entschließt man sich, dem Único noch einen Bruder zur Seite zu stellen, den Único Gran Reserva Especial, der aus drei absoluten Top-Jahrgängen cuvéetiert wird und auf 15.000 Flaschen limitiert bleibt. Schnell zugreifen heißt es oft, falls man sich von diesem sehr raren Wein die eine oder andere Flasche sichern möchte.
Alion ist ein moderner Qualitätswein aus der Sorte Tempranillo, vinifiziert mit moderaterem Holzeinfluss für den früheren Genuss.
Valbuena ist ein eigenständiger, sehr hochwertiger Vertreter, der von der Reinheit der Fruchtaromen gekennzeichnet sein soll und nicht ganz so viel Reife in der Flasche benötigt wie der klassische Único.
Der Valbuena 5° kann als kleiner Único für den etwas früheren Trinkgenuss beschrieben werden, dessen Trinkfenster dennoch bei bis zu 25 Jahren angesehen wird. Es handelt es sich um einen feinen, sehr konzentrierten Wein, überwiegend aus Tempranillo vinifiziert und in 225-Liter-Fässern aus amerikanischer Eiche ausgebaut. Er reift vor der Auslieferung fünf Jahre im Fass oder in der Flasche auf dem Weingut.
Pintia verfügt über 96 Hektar Fläche, die zur Hälfte mit 30bis 40-jährigen Tinto-del-Toro-Rebstöcken, einem Klon des Tempranillo, bepflanzt ist. Die Bodega befindet sich nahe der Stadt Toro auf einem Hochplateau in der Region Castilla y León. Der die Region durchlaufende Fluss Duero und seine Ausläufer begünstigen neben der erwähnten Höhenlage das zum idealen Weinbau notwendige feuchte Klima.
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(FOTOS: VEGA SICILIA)
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2000
(FOTO: VEGA SICILIA)
12 Jahre Vega Sicilia 1953 Kräftiges Granatrot, ockerfarbener Rand. Deutlich mehr Aromen von Kirsche und Johannisbeere als der danach degustierte 1964er. Am Gaumen ein Hauch von Leder, reifen Pilzen und Waldboden. Ein komplexer Wein in perfekter Balance von Frucht und lebendiger Säure bei idealer Tanninstruktur. Langer Nachhall. (98/100)
1964 Granatrot mit Randaufhellung. In der Nase ein Duft von Jod, Tabaknoten und Johannisbeere. Mittlere Komplexität, noch erkennbares Tannin, dezente Note vom Holz und leicht trocken im Nachhall. Ein guter Essensbegleiter, der jetzt getrunken werden sollte. (88/100)
1974 Die Nase zeigt Aromen von schwarzer Frucht, Vanille, Eichennoten und ein wenig Nougat. Am Gaumen wechselt das Aroma zu roter Frucht, ergänzt durch helle Kräuter, Minze, Leder und Mineralität. Ein komplexer Wein mit Struktur, Balance und langem Nachhall. (95/100)
1989 Noch kräftiges Granatrot mit Randaufhellung. In der Nase reife Beerenfrucht, gekochte Pflaume sowie ein Hauch von Lakritze, Kräutern und Zimt. Am Gaumen ein mittlerer Körper, gut integriertes Tannin, eleganter Extrakt von reifer roter Johannisbeere, gute Balance und ein langer Nachhall. (93+/100)
1996 Dunkles Rubingranat mit violetten Reflexen. In der Nase Blaubeere, Kirschwasser sowie eine angenehm süße Kräuternote. Am Gaumen balanciert die lebendige Säure die Aromen von Zwetschge, Amarenakirsche und asiatischen Kräutern aus. Voller Körper, reife Tannine und ein mittellanger Nachhall mit einer leicht süßen Note. (93/100)
Intensive Nase von reifen roten Früchten, Kräutern, Röst aromen, Soja und Tabak. Am Gaumen rote Früchte, herzhafte Kräuter, Mineralien, Kakao, Brioche und Tomatenschalen, getragen von einer ausreichenden Säure. Der Wein hat einen vollen Körper, leicht körniges Tannin und einen langen Nachhall. (92/100)
2004 In der Nase ein Duft von Rose, Zeder, Tabak und reifer Brombeere. Am Gaumen folgen Aromen von süßen Gewürzen und Orangenschalen. Eine perfekt eingebundene Säure balanciert die komplexen und reifen Fruchtkomponenten aus. Der Wein hat eine sehr gute Struktur und einen langen Nachhall. (94+/100)
2005 Die Nase ist geprägt von schwarzen Kirschen, Johannisbeeren, exotischen Gewürzen, Pfeffernoten, getrockneten Blumen und Moschus. Am Gaumen bleibt der Wein erstaunlich frisch. Vorherige Aromen werden ergänzt durch pürierte Himbeer- und Erdbeerfrucht, getrocknete Orangen und Veilchen. Der Wein hat feines Tannin, eine gute Struktur und eine hervorragende Balance von präziser Säure und komplexer Frucht. Langer Nachhall. (97/100)
2006 Intensive, rubinrote Farbe. In der Nase ergibt sich ein komplexer Duft aus schwarzer und roter Johannisbeere, Orangenschale, Vanille und Waldboden. Am Gaumen lebendige Säure, welche die komplexen, vorwiegend süßen Fruchtaromen gut ausbalanciert. Das noch junge Tannin und der volle Körper benötigen weitere Zeit für das optimale Trinkfenster. Sehr langer Nachhall. (95/100)
2007 Purpur mit rubinroter Mitte. In der Nase ein Duft von reifer Pflaume, dunkler Johannisbeere, Kirsche und Walnuss. Am Gaumen ergänzt mit Tabak, Leder und Brombeere. Feines Tannin, voller Körper, ausreichende Säure bei einem lang ausklingenden Finale. (94/100)
2008 Tiefes Granatrot mit leichter Randaufhellung. Holzwürze und süße Schokolade in der Nase. Am Gaumen reife dunkle Beeren, Kirsche, Pfeffer, Cassis und Tabak. Voller Körper, fast reifes Tannin, packende Säure und ein sehr langer Nachhall. (96/100)
2009 In der Nase vorerst dunkle, erdige Noten. Es folgen Süßkirsche, Akazie, Zitronenschale und Cassis. Am Gaumen balancieren die anregende Säure und das feine Tannin die komplexen Aromen von Süßkirsche, reifer Brombeere und mineralischer Zitrusfrucht aus. Dieser bemerkenswerte Wein endet mit floralen Noten, erdiger Mineralität und einem sehr bedeutenden Nachhall. (97/100) n n n
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TROLLINGER (FOTO: DWI)
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Neue Karriere für den Trollinger? AUTOR RUDOLF KNOLL
Sie hat nicht gerade einen Ruf wie Donnerhall, die Rebsorte Trollinger. Kürzlich witzelte ein Münchner Weinhändler, sie sei bei Weintrinkern – leider – so beliebt wie Löwenbräu in München. Dies werde nur getrunken, wenn es kein anderes Bier gibt. Der Trollinger ist hauptsächlich in Württemberg beheimatet, belegt hier rund 2300 Hektar Rebfläche und ist damit die wichtigste Rotweinsorte noch vor dem Lemberger. Die „Seitensprünge“ in andere Gebiete sind an den Fingern einer Hand abzählbar. Im Ländle gibt es auch eine spezielle Kombination, den „TL“. Das ist Trollinger mit Lemberger, in der Regel ein gefälliger, leichter, oft lieblicher, meist hellroter Rotwein. Er hat dazu geführt, dass Erzeuger, die Lemberger im Sortiment haben, umgestiegen sind auf das Synonym Blaufränkisch, weil sie eine Verwechslung mit TL vermeiden wollen ...
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FOTOS: MAX DELSID, WEINGÜTER SCHNAITMANN, ALDINGER, HEINRICH, GENOSSENSCHAFTSKELLEREI HEILBRONN
URALTE REBSORTE MIT MODERNER STILISTIK
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Die Zeit für einen modernen „Trolli“ ist da!
U
nverkennbar hat der reich und oft zu reich tragende
pisch ist. Das fängt schon bei der tiefdunklen Farbe an, setzt sich
Trollinger Imageprobleme, die sich nicht selten im nied-
fort über Kräuter, Hagebutte und Beeren im Aroma bis hin zur
rigen Preis niederschlagen. Es gibt gewisse Ausweich-
knackigen, fast bissigen Note im Geschmack mit viel Spannung.
möglichkeiten, wenn man ihn als Blanc de Noirs offeriert. Aber
Die „technische Beschreibung“ der Heinrich-Junioren Björn und
das ist auf die Dauer auch keine Lösung. Doch langsam kommen
Tobias lautet so: Niedrig im Alkohol (11,5 % Vol.), spontan ver-
die schwäbischen „Wengerter“ auf die Idee, dass man ihrer Sorte
goren, acht bis zehn Tage Maischestandzeit, Ausbau im großen
ein neues Profil verpassen kann. Die Möglichkeit dazu war ei-
Holzfass, etwas Schwefel bei der Füllung. Ergänzt wird das mit
gentlich schon immer da, nämlich Ausdünnen vor der Ernte und
dem Zusatz: „Man kann ihn saufen ohne Reue und Schädelweh.“
Ertragsbeschränkung sowie statt Maischeerhitzung eine klassi-
Das bestätigt einer der größten Fans dieses Weines, Seniorchef
sche Vergärung auf der Maische zu praktizieren, wie es sonst
Martin Heinrich. Er ist stolz auf seine Söhne und gibt gleichzei-
beim Rotwein üblich ist. Und anschließend kommt der sanft
tig zu: „Ich hätte mich nie getraut, eine solche Trollingerversion
gerbstoffbetonte Wein ins traditionelle Holzfass, wo er länger
zu machen.“
reifen darf und am Ende schmeckt wie ein richtiger Rotwein. Zwar nicht wie ein Burgunder, Cabernet, Merlot, aber nicht be-
Natürlich kostet der „TNT“ deutlich mehr als die üblichen Trollin-
langlos und zum schnellen Vergessen geeignet.
ger, ebenso wie der „Sine“ und die „Alten Reben“ von Schnaitmann. Ein herkömmlicher „Trolli“ ist meist schon für weniger
Trollinger in den Händen ambitionierter Winzer wie dem Fell-
als vier Euro zu haben. Dabei ist die Sorte oft in steilen, arbeits-
bacher Rainer Schnaitmann gerät zu einem zart nach Mandeln
aufwendigen Terrassenlagen gewachsen. Im Preis wird dies nur
und Kräutern duftenden, gut strukturierten, saftigen Rotwein
selten honoriert. Die Genossenschaftskellerei Heilbronn, mit 1400
mit viel Trinkfluss. Der engagierte Winzer war vor zehn Jahren
Hektar einer der Riesen auf dem deutschen Markt, unternimmt
einer der Ersten, der sich konsequent an Trollinger mit Profil
jetzt den Versuch, dem Trollinger mit einem „neuen Typ“ mehr
wagte und durch Erfolge beim Deutschen Rotweinpreis fast zum
Geltung zu verschaffen. Schließlich sei er, so die begleitende In-
„Trollinger-Großmeister“ wurde – ein Titel, auf den er nur be-
formation, wie geschaffen für die moderne Lebensart, moderat im
dingt stolz war.
Alkohol, zurückhaltend im Tannin, fruchtig frisch und unkompliziert, vielseitig als Essensbegleiter verwendbar.
Die Sorte lädt sogar zu Experimenten ein, wie es die Aldingers, ebenfalls in Fellbach zu Hause, seit einigen Jahren erfolgreich
„Ursprung“ heißt dieser Wein, den geschützten Namen kreierten
mit ihrem „Sine“ praktizieren. Die vier Buchstaben stehen für
einst die mittlerweile der Heilbronner Kooperative angeschlosse-
„Ohne“. Das bedeutet in diesem Fall: kein Entrappen, kein Zu-
nen Weingärtner Lehrensteinsfeld. Auch dieser Wein wurde auf
satz von Hefen und keine Anreicherung. Auch geschwefelt und
der Maische vergoren und vom großen Holzfass geküsst. Eine
filtriert wird nicht, ebenso erfolgt keine Farbaufbesserung mit
verhaltene Tanninstruktur ist erkennbar und gibt dem Wein in
tiefdunklem Rotwein wie etwa Dornfelder. Ausgebaut wird der
Verbindung mit durchaus eleganten Facetten Ausdruck. Bee-
Wein von alten Reben sieben Monate in gebrauchten Barriques.
ren, etwas Kirsche und ein sanfter Mandelduft dominieren im
In der Regel ist er durch den Verzicht auf Zuckerung vor der
Bouquet. 20.000 Flaschen wurden von der ersten 2018er Version
Gärung recht leicht, manchmal mit nur rund 10 „Volt“. Das Er-
gefüllt. Bis zu 100.000 könnten es einmal werden, wenn sich
gebnis ist beerig, saftig, kompromisslos herb und hat einen sehr
der Wein auf breiter Front am Markt etabliert. „Was wir ma-
eigenständigen Charakter.
chen, ist Pionierarbeit“, meint der Weinverantwortliche Justin Kircher. Aus Sicht des Genießers und Trollingerfreundes hat der
Den hat auch der „TNT“ vom Weingut G.A. Heinrich aus Heil-
„Ursprung“ nur einen Fehler: Mit 5,95 Euro ist er in Anbetracht
bronn, der als Schwäbischer Landwein verkauft wird, weil er –
der Qualität eigentlich viel zu billig. Aber ein Trollinger wurde
wie der „Sine“ - durch seine Eigenart bei der Weinprüfung allzu
im LEH-Regal und beim Discounter noch nie mit einem solchen
kritisch angesehen wird, vor allem weil er nicht Trollinger-ty-
„Hochpreis“ gesichtet … n n n
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Es geht nicht mehr zurück. Im 20. Jahrhundert war noch alles in Ordnung – in der deutschen Weinwelt und deren Weinbau. Die Winzer freuten sich, wenn die Trauben ausreiften und keine Wetterkapriolen wie Frost oder Hagel über die Vegetationsperiode zu beklagen waren. Auch Jahrgänge, die nicht so erfreulich waren, wurden hingenommen. Im 21. Jahrhundert ist alles anders. In den ersten beiden Dekaden reihen sich vollreife Traubenjahre wie an einer Perlenschnur, doch auch die heraufziehenden Unbilden des sich ändernden Weltklimas. Geerntet wird immer früher – schon zu den Sommerferien und nicht mehr nach der Kartoffelernte oder zu den Herbstferien. Heute ernten die deutschen Winzer mehr als zwei Wochen früher als gewohnt, weil durch wärmere Vegetationsperioden die Trauben optimal reifen. Geblieben ist weniger die Angst vor Frost, sondern vielmehr die Angst vor heftigen Regenfällen und Hagel, Hitzewellen und Trockenheit.
Riesling auf dem Weg gen Norden AUTOR ARTHUR WIRTZFELD
FOTO: DWI
G
erade die zweite Dekade unseres Jahrhunderts brach-
die Rebe mehr Wasser verbrauchen lässt. Gerade Bewässerung
te die Erkenntnis, dass heiße Sommer zur Normalität
ist eine der großen Herausforderungen der Zukunft. Mancher
werden und sich Trockenheit von Südspanien bis nach
Winzer fragt in Anbetracht seiner Unterstützungsmaßnahmen,
Skandinavien ausbreitet. Seit Beginn der Aufzeichnungen im
ob er noch ein natürliches Produkt in die Flasche bringt, wenn
Jahr 1881 herrschten 2019, nach 2018, die höchsten Tempera-
er an allen Ecken und Kanten mit technischen Methoden ein-
turen in Deutschland. Wir müssen mittlerweile im langjährigen
wirken muss.
Mittel mit zwei Grad plus umgehen, was für Reben und Trauben gleichermaßen gilt. Das Herbstwetter ist heute eher ein
Als sei dies nicht genug, nehmen auch die Sonnentage zu, was
Spätsommerwetter. Das war früher nicht so, als man oftmals
wiederum zu Sonnenbrand an den Trauben führt. Lange tro-
um die Reife der Beeren bangen musste.
ckene Perioden, Starkwind, ja sogar Tornados tun das Übrige. Klimastress, nennen das die Experten in Geisenheim und fra-
Ist der deutsche Riesling verloren?
gen: Was ist in 30 Jahren, wenn diese Entwicklung sich fortsetzt? „2050 wird ein anderes Klima herrschen als heute. Der Zyklus des Rebalters wird nicht mehr so sein, wie wir es seit
Es ist die deutsche Paradesorte, der Riesling, den es voll trifft.
Jahrhunderten gewohnt sind. Wir müssen es akzeptieren und
Es wird ihm in seinen angestammten Anbauzonen einfach zu
uns darauf einstellen“, heißt es auf dem Campus und wird in
heiß. Heute schon voraussehbar ist, dass wir seine Rasse, seine
der Weinuniversität viel diskutiert.
Kühle und seinen schlanken Körper in Zukunft vermissen werden. Schon jetzt ist der mit moderatem Alkohol ausgestattete
In die Höhe oder nach Norden
Kabinett ein Verlierer des Klimawandels. All dem kann man auf Dauer letztlich nichts Wesentliches entgegnen, davon sind Experten der Weinszene überzeugt. Andererseits wird deutscher
Höhe wäre für „klimaschwache“ Reben eine vorübergehende
Rotwein immer besser. Die Bedingungen für feine Pinot Noirs
Lösung, jedenfalls für die nächsten Jahrzehnte. Eifel, Hunsrück
und Co wandeln sich hierzulande zum Ideal, während in an-
und Westerwald, seit Jahrhunderten Schutzbegleiter des deut-
gestammten Weinzonen in Südeuropa die Rebflächen an die
schen Rieslings, könnten im Weinanbau ergänzt werden von
Bergflanken in höhere Regionen ausweichen müssen, wenn die
weiteren Mittelgebirgen wie Rhön oder Harz.
Produzenten ihre Qualitäten weiterhin aufrechterhalten wollen. Ein Ausweichen nach Norden? Aber wohin? Schon seit Beginn „Der Jahrgang 2018 ist mit dem Durchschnittsjahrgang von
dieses Jahrhunderts investiert die französische Weinindustrie
2050 vergleichbar, was unsere Modelle untermauern“, sagte
in den Süden Englands. Sogar Champagnergüter haben sich
Prof. Dr. Hans Reiner Schultz, Präsident der Weinuniversität
Rebflächen in Kent, Sussex oder sogar in Südwales gesichert
Geisenheim, jüngst in einem Fernsehbericht des Senders Arte.
oder sind Kooperationen mit dortigen Winzern eingegangen.
„Besonders sorge ich mich um die Schnelligkeit des Klima-
Die Causa dahinter ist das dort noch herrschende kühlere Klima
wandels. Dennoch werden wir auch zukünftig Riesling haben,
mit günstigeren Witterungsverhältnissen als in Frankreich.
aber es wird schwer werden, ihn so zu erhalten, wie wir ihn jetzt kennen. Vielleicht müssen wir uns auch von einer Sorte
Unausweichlich werden sich die Weinbauzonen stark verändern
trennen, denn wenn zukünftig zwei oder drei Grad mehr auf
und vermehrt in Richtung der Pole wandern. Der Norden Eu-
dem Planeten gemessen werden, dann haben wir ganz andere
ropas schickt sich an, die Weinzone der Zukunft zu werden.
Sorgen. Rebsorten, die bei diesen Bedingungen Schwierigkeiten
Diesbezügliche Prognosen von Weinexperten scheinen sich zu
haben, sind das geringste Problem.“
bewahrheiten. Rieslingspezialist Klaus Peter Keller aus Flörsheim-Dahlsheim hat bereits Rebflächen in Skandinavien im Er-
CO2 und Bewässerung
trag. Gemeinsam mit einer Norwegerin, vor Jahren eine Praktikantin im Weingut und verliebt in die urdeutsche Rebsorte, hat er ein Projekt im Süden Norwegens gestartet und in der Ha-
Wie sieht der Weinberg in Deutschland von morgen aus? Wird
fenstadt Kristiansund Riesling und Frühburgunder gepflanzt.
uns CO2 mehr zu schaffen machen, als wir uns heute vorstellen
In der Hoffnung, irgendwann auch Trauben reifen zu sehen.
können? In Geisenheim macht man sich schon lange Gedanken
Aus der Hoffnung wurde schon Gewissheit: 2018 war die erste
über den Einfluss des Klimas. Kohlendioxid ist eines der The-
erfolgreiche Ernte. Der Riesling erobert Norwegen. Wer hätte
men, die dort untersucht werden, als einer der Faktoren, die
das gedacht … n n n
(FOTO: ADOBE STOCKI)
Wir haben Zeit – es ist Corona-Zeit. Viele sind im Homeoffice oder haben mehr Zeit zum Lesen, zum Lernen, haben Muße, sich zu bilden. Es gilt, die Zeit zu nutzen, denn die Isolation ist auch eine Chance, sich auf Dinge zu konzentrieren, die in den Hintergrund getreten waren. Darum möchte ich mich mit einem Thema beschäftigen, das nicht allen Weinfreunden so geläufig ist, wie sie vielleicht glauben. Nehmen Sie sich einige Minuten Zeit und folgen Sie mir durch den Dschungel des Dekantierens.
sstes u w n Be lebe r e n Wei er wied ben! e l e b
Es hat schon was, wenn im Restaurant fachmännisch dekantiert wird, wenn der Sommelier das Prozedere zelebriert. Das können Sie auch zu Hause. Und gerade Freunden und Gästen können Sie zeigen, dass Sie sich auskennen. Auch das Candle-Light-Dinner mit der Liebsten wird damit aufgewertet.
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Zunächst sei an das Interview mit meinem Sommelier-Freund Claudio Ramoser erinnert, nachzulesen im Weinfeder Journal Edition 54 vom Oktober 2018. Er erzählte mir von einem Gast, der erklärte: „Der Merlot muss wärmer sein, der hat keine Zimmertemperatur, Herr Sommelier!“ Darauf antwortete Claudio: „Dem können wir abhelfen!“ „Und was dann?“, fragte ich. „Dann mache ich das, was jedem Gast gefällt. In so einer Situation dekantiere ich am Tisch und in einigen Minuten passt es. Der Gast hat seine Show und fühlt sich geschätzt“, antwortet Claudio.
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Wie man guten Wein dekantiert AUTOR ARTHUR WIRTZFELD
Fakt ist: Dekantieren von Wein zeigt auch beim einfachsten Essen Wirkung. So hat sich auch um das Dekantieren im Laufe der Zeit eine ganze Kultur von Geräten, Techniken und Tricks entwickelt.
Warum eigentlich Dekantieren? Es sind drei Gründe, die den Zauber ausmachen: Den Wein belüften, Sedimente entfernen und – vielleicht nicht so wichtig, doch beeindruckend – dem Genuss einen gewissen Showeffekt verleihen. Maßgeblich ist das Belüften, denn Luft glättet den Wein und nimmt ihm seine Kanten. Die Tannine entwickeln ihre Struktur, der Körper eines Rotweins wird abgerundet. Auch wichtig ist, den Wein vorsichtig und mit Bedacht in den Dekanter fließen zu lassen. Dabei werden unschöne Sedimente aufgefangen, die womöglich sonst im Glas landen und das Erinnern an einen schönen Moment trüben können. Und die Show gehört eben auch dazu.
Welche Weine profitieren vom Dekantieren? Einen einfachen Roten aus dem Supermarkt zu dekantieren, wäre übertrieben. Gehen wir davon aus, dass Sie sich schon etwas geleistet haben, der Wein aber noch kein hohes Alter hat. Dann sollten Sie Sorten wie beispielsweise Cabernet Sauvignon, Syrah, Zinfandel, Malbec, Nebbiolo und Tempranillo zwei Stunden vor dem Dekantieren und Servieren öffnen. Erst danach sollten Sie dekantieren und – je nach Luftbedarf des Weines – ihm noch etwas Zeit geben oder gleich servieren. Junge Jahrgänge schwerer Rotweine mit ausgeprägter Frucht und feinkörnigen Tanninen profitieren von der Belüftung. Solche Weine danken es Ihnen, indem sie sich weit mehr öffnen und eher die Chance haben, sich von ihrer besten Seite zu zeigen.
Wie verhält es sich mit alten Jahrgängen? Gereifte Rotweine oder Rote alter Jahrgänge profitieren nicht unbedingt von längeren Phasen der Belüftung. Hier geht es vor allem darum, die Flüssigkeit vom Sediment zu trennen. Höchstens 30 Minuten vor dem Essen sollten Sie gereifte Weine öffnen. Prüfen Sie in der Ruhezeit die Qualität des Weins, ein letztes Mal kurz vor dem Servieren – jedes Mal mittels Geruch, besser noch mittels Probeschluck. Erst kurz vor dem Servieren sollten Sie dekantieren. Für den Fall, dass sich bei der letzten Sensorikprüfung eine unschöne Entwicklung einstellt, können Sie immer noch rechtzeitig zu einer Ersatzflasche greifen.
Welche Weißweine kann ich dekantieren? Das Dekantieren von Weißweinen ist eher im Bordelais üblich, dort werden Weine aus der Region oftmals aus dem Dekanter angeboten. Ansonsten halte ich es mit der Regel: Alte Rieslinge oder Weiße von der Rhône kommen bei mir manchmal in den Dekanter. Und wenn ich merke, dass gehaltvolle Weiße, die mir munden, gerade nicht alles geben, was sie könnten, obwohl sie völlig in Ordnung sind, dann neige ich auch zum Dekantieren.
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Der schlimmste Feind der Bilddung ist der SpieĂ&#x;er, der alles zu wissen scheint und in seinem Kokon ruht.
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Einen Schaumwein zu dekantieren, ist durchaus möglich, obwohl allgemeines Staunen am Tisch vorprogrammiert wäre. Wenn es sich um einen alten Jahrgang und damit meist um einen oxidativen Schäumer handelt, kann man es versuchen. Wer jetzt einwenden möchte, dass sich der Weiße im Dekanter erwärmt, dem sei gesagt: Weißweine werden häufig viel zu kalt getrunken. Eine übertriebene Kühle raubt dem Wein oftmals sein Aroma und er hat kaum eine Chance, sich zu öffnen. Aus so einem Versuch kann ein tolles Erlebnis entstehen und Sie genießen Weine auf ein ganz andere Art. Also, Loslösen vom Mainstream ist angesagt – trauen Sie sich einfach.
Was ist vorzubereiten? Wenn der Rotwein im Keller liegend oder schräg lagerte, sollten Sie ihn einen Tag vor dem Servieren aufrecht stehend ruhen lassen, am besten in dem Raum, wo Sie ihn genießen wollen. Ist es dort zu warm, sollten Sie den Roten in einem leicht temperierten Bereich bei rund 18 °C ruhen lassen, bevor Sie ihn servieren. Die Ruhezeit trägt dazu bei, dass sich die Sedimente niederlassen – man spricht dann vom Bodensatz.
Was tun, wenn das Öffnen problematisch wird? Ja, klar, der Korken muss raus. Nehmen Sie dazu das Werkzeug, das Sie immer benutzen. Ich bin seit ewigen Zeiten an meinen Screwpull gewöhnt, immer noch tut die erste Spindel einen perfekten Dienst. Jedenfalls umschließt dieses Gerät die Flaschenöffnung und trifft mit der Spindel stets die Mitte. Bei einem Handkorkenzieher muss man selbst darauf achten, diesen stets mittig anzusetzen. Wenn Sie „old school“ bevorzugen, dann halten Sie Ihren gewohnten Korkenzieher fest in der Hand, drücken Sie ordentlich drehend und kraftvoll in den Korken hinein. Ob so oder so – beim Herausziehen klingt es hoffnungsvoll in den Ohren, ein schöner Sound, ein befriedigendes Ploppen oder ein markantes Knacken. Alles erst mal gut. Nur bei beschädigten Korken oder bei sehr alten mit Korken verschlossenen Weinen ist besondere Vorsicht geboten. Es gilt, den Korken möglichst nicht zu beschädigen oder gar zerbröseln zu lassen. Nehmen Sie auf jeden Fall den Korkbereich in Augenschein, bevor Sie ans Werk gehen. In ganz besonders kniffligen Fällen verwende ich einen „Ah-So“-Korkenzieher, der an zwei Seiten zwischen Korken und Flaschenhals angreift und mit leichter Drehbewegung bei gleichzeitigem Ziehen auch festsitzende, feuchte und brüchige Korken knackt. Gehen Sie in jedem Fall immer behutsam vor. Sie müssen fühlen, was passiert, der Korken spricht mit Ihnen.
Welcher Dekanter ist geeignet? Es gibt diverse Modelle aus verschiedenen Materialien. Ich plädiere für Dekanter aus Glas. Entscheidend ist, dass Sie sehen, was sie machen, und sichtbar ist, ob der Wein korrekt verwirbelt wird. Der Boden des Dekanters sollte recht breit sein – viel Fläche für viel Luft. Der Bereich des Einfüllens sollte schmal und lang sein, damit der Wein sanft hineingleiten kann. Lassen Sie bitte den Wein keinesfalls in den Dekanter „plumpsen“.
Welche Kniffe sind hilfreich? Wenn es ganz klassisch und perfekt sein soll, und das wollen Sie ja – schließlich ist „Showtime“ –, dann brauchen Sie als Hilfsmittel ein Vlies, eine Membran oder ein engmaschiges Sieb und eine Kerze. Hört sich vielleicht romantisch an, irgendwie ist es das auch. Die Stoffschicht oder das Sieb benötigen Sie, um die Sedimente aufzufangen, die im Fluss des Einschenkens mitrauschen. Und die Kerze dient dazu, den Bodensatz in der Flasche sichtbar zu machen. So können Sie entscheiden, in welchem Winkel Sie so viel Wein wie möglich langsam aus der Flasche in den Dekanter gießen können. Beginnen Sie etwa im 180-Grad-Winkel und erhöhen diesen behutsam. Einfach üben – der Applaus am Tisch ist Ihnen sicher.
Ich traue mich mal, oder? Ja, tun Sie es. Es gehört ein wenig Übung dazu, wenn Sie noch nicht so oft dekantiert haben. Fragen Sie auch den Winzer oder Händler Ihres Vertrauens, wenn Sie nicht sicher sind, ob ein bestimmter Wein dekantiert werden soll oder nicht. Letztlich werden Sie verschiedene Meinungen hören. Die Entscheidung bleibt wie so oft im Leben Ihnen überlassen. Es ist Ihr persönlicher Gusto – bleiben Sie entspannt. Und denken Sie daran: Der schlimmste Feind der Bildung ist der Spießer, der alles zu wissen scheint und in seinem Kokon ruht. n n n
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EINE RHEININSEL, WEIN & OPERNKLÄNGE
FOTO: VDP.MITTELRHEIN
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Weingut Friedrich Bastian AUTOR HERMANN-JOSEF BERG
VDP-Winzer und Opernsänger contra Amtsschimmel
Deutschlands Bürokratie ist einerseits hilfreich, andererseits oftmals ein Hindernis. Friedrich Bastian kann ein Lied davon singen. Eine Moritat wäre es wohl nicht, auch wenn der Stoff dazu geeignet erscheint. Eher dürfte es ein Crescendo werden, in dem allerdings auch das Schaurige unüberhörbar bliebe. Jedenfalls ist es ein jüngerer Teil der bisherigen Lebensgeschichte eines virtuosen Opernsängers und VDP-Winzers im Kampf gegen den Amtsschimmel, der das Vermarkten von Bastians Juwel – eine Rheininsel – mit „Stempelhufen“ tritt.
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as Kalenderblatt zeigt den 13. Mai 2017. Friedrich Bastian (VIII.) freut sich auf den Nachmittag und Abend. Er erwartet zahlreiche Gäste zu einer musikalischen Weinveranstaltung auf der eigenen, unbewohnten Insel Heyles’en Werth. Mitten im Rhein, im von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannten Oberen Mittelrheintal, bei Bacharach. Mit der Post am Vormittag trifft ein behördliches Schreiben ein, das ihm die Nutzung der kleinen Fähre vom Festland zur Insel untersagt. Friedrich Bastian muss die Veranstaltung absagen. Seit 1975 wird diese Fähre von der Familie genutzt – jetzt soll sie nicht mehr tauglich sein. Fadenscheinige Begründungen mehrerer Behörden dominieren die anschließende Korrespondenz. Selbst Bundesverkehrs- und Innenministerium werden eingeschaltet. Die staatlichen Vertreter bleiben hart: Die Minifähre, von den Bastians einst selbst gebaut, darf nicht mehr für einen „gewerblichen Verkehr“ genutzt werden.
Das Aus für das Weingut? Der heute 52-Jährige war am Boden zerstört. Zudem hatte er gut eine Woche vorher einen Unfall gehabt, der seine Arbeitsfähigkeit fast vollends einschränkte. Das Aus für über 300 Jahre Familientradition im Weinbau? Mitnichten. So wie bereits eine Arie eine Oper unsterblich machen kann, so blieb Friedrich Bastian seinem Credo treu, in erster Linie charakterstarke Weine herstellen zu wollen. Und unverändert einen Inselwein – für dessen Ausbau darf er die Fähre immerhin benutzen. Seit 1815 nennt die Familie Bastian die Insel Heyles’en Werth ihr eigen. Nebenbei bemerkt: Diese weckte schon immer Begehrlichkeiten bei den zuständigen Behörden, auch weil sie in der Familie selbst in der Vergangenheit Zankapfel war. Tatsächlich gibt es bundesweit COPYRIGHT © WEINFEDER E.V. VERBAND DEUTSCHSPRACHIGER WEINPUBLIZISTEN
nur eine Handvoll Inseln, auf denen Weinbau betrieben wird. Heyles’en Werth ist 680 Meter lang und 150 Meter breit. Die rundum stehenden Pappeln und Weiden schützen die dortigen Rieslingreben (1,5 Hektar). Der bekannte Filmemacher Wim Wenders hat die Insel in seinem Streifen „Im Lauf der Zeit“ (1976) verewigt.
Vom Weinkeller auf die Opernbühne und zurück Genug der Historie, zurück zu Friedrich Bastian: Seit 1989 verantwortet er den Keller des elterlichen Weingutes. Bereits seine erste Vinifizierung sorgte für Beachtung. Doch mit seinen seinerzeit 21 Lenzen interessiert er sich noch für etwas anderes. 1990 erhält der Jungwinzer einen der begehrten Studienplätze für Gesang an der Musikhochschule München. Die Rochade vom Weinberg auf die Opernbühne scheint besiegelt – adieu Weinbaustudium in Geisenheim! Eindrucksvolle Auftritte unter August Everding an der Bayerischen Staatsoper und mit Werner Schroeter am Hessischen Staatstheater Darmstadt scheinen Glanzpunkte für eine Bühnenkarriere als Opernsänger zu sein. Doch 1993, mitten im Studium, pachtet Friedrich Bastian zunächst den Weinbetrieb, um ihn schließlich 2005 auch zu übernehmen. Es war zugleich die Ouvertüre für eine Art Wein-Musik-Theater. Hier – dokumentiert in seinem viel beachteten Programm „Cuveé Surprise“ – spielt der Bariton den Dreiklang seiner Fähigkeiten noch heute aus. Wein, Musik und Moderation sind seine Bestimmung. Fast selbstverständlich in dem von Mythen und Legenden strotzenden Loreleytal.
(FOTO: VDP.MITTELRHEIN)
„Weinmachen leichter als Opernklänge“ Trotz seiner Leidenschaft für italienische und dramatische Opern sowie für Operetten („meine späte Entdeckung“), also für die klassische Musik, gesteht Bastian: „Weinmachen ist leichter als Opernklänge!“ Gleichwohl müssen beide gut komponiert sein. Den Weinen gönnt der freie Opernsänger reichlich Zeit zum Reifen. Mindestens zwei Jahre. Vielverprechende Weinberge – darunter Große und Erste Lagen – in Bacharach und der unter Weinkennern gut bekannten Nachbargemeinde Steeg stehen zur Verfügung. Alles Schiefersteillagen im sogenannten Viertälergebiet, das vom Rheinklima mit seiner Verdunstung profitiert. Insgesamt werden auf aktuell knapp neun Hektar Rebfläche Riesling (85 Prozent) und Spätburgunder (zehn Prozent) angebaut. Friedrich Bastian ist trotz des dafür prädestinierten Terroirs vinologisch kein Säuretyp, sondern bevorzugt den feinfruchtigen Ausbau. Möglichst naturbelassen, mit bis zu zehn Monaten Feinhefelagerung beim Weißwein, mindestens vier Wochen Maischestandzeit beim Roten und mit später Filtration. „Der Wein reguliert vieles selbst“, sagt er mit der Erfahrung aus 30 Weinjahrgängen. Das Weingut Friedrich Bastian, mit seiner Direktverkaufsstätte im Erbhof „Zum Grünen Baum“, zählt zweifelsfrei zu den führenden Betrieben des Oberen Mittelrheintales. Aber in Sachen „Bacharacher Inselwein“ ist das Gründungsmitglied im VDP.Mittelrhein bundesweit einzigartig. Hier können die (andersartigen) „Schimmelreiter“ machen, was sie wollen. n n n
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ps Re gierun des A g den ufschl kt üb er Erh ags v nach – on 25 öhung auch W auf 10 inzer 0 Pro von de zent r Nahe betroff en
(FOTO: JASON FOREST)
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Strafzoll behindert den Weinexport in die USA AUTOR NORBERT KRUPP
Die
US-Regierung
streitet
mit
der
Europä
ischen Union über die finanzielle Unterstützung der Flugzeughersteller Boeing (USA) und Airbus (EU). Als Druckmittel hat der durch seine Ellbogentaktik glänzende US-Präsident Donald Trump 25-prozentige Strafzölle auf europäische Produkte (Wein, Käse, Olivenöl, Single Malt Scotch und Kaschmirpullover) angeordnet. Der Strafzoll für Wein trifft auch etliche Winzer an der Nahe, vor allem die neun Betriebe des VDP, die 13 Prozent der gut 4200 Hektar Rebfläche bewirtschaften.
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och es könnte noch schlimmer kommen: Das US-amerikanische Handelsbüro (USTR) erwägt noch höhere Zölle auf europäische Lebensmittel und Weine. Der Strafaufschlag könnte demnächst sogar bis zu 100 Prozent des vereinbarten Preises betragen. Die Winzer glauben, das würde den Verkauf ihrer Weine in die USA zum Erliegen bringen. Rund ein Viertel des bundesweiten VDP-Umsatzes werde im Ausland erzielt, aber den darin enthaltenen US-Anteil könne er nicht nennen, auch nicht für die Nahe-Betriebe, erklärte Frank Schönleber, der Vorsitzende des VDP.Nahe.
Der 25-prozentige Exportanteil gelte auch für das Weingut Emrich-Schönleber in Monzingen, aber nur etwa 2,5 Prozent seiner Weine würden in die USA verkauft. „Für uns ist der Schutzzoll nicht so dramatisch, doch es gibt Betriebe an der Nahe, die das deutlich härter trifft“, sagt Schönleber. Seine Hoffnung, dass bei der Aufhebung der Schutzzölle bald eine Lösung gefunden wird, sei „nicht sonderlich groß“, räumt der VPD-Regionalvorsitzende ein. Von besonderer Bedeutung ist das USA-Geschäft für das Weingut Dönnhoff in Oberhausen. „Nordamerika ist für uns ein wichtiger Markt, den wir schon seit Jahrzehnten pflegen.
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Wir haben dort viele Freunde“, erklärt Helmut Dönnhoff. Jeden Sommer würden deutsche Weine containerweise in die USA verschifft. „Als unser Wein bereits unterwegs war, erfuhren wir, dass darauf ein 25-prozentiger Zoll erhoben werden soll. Bei der Abholung der Weine im Zolllager mussten die Importeure den entsprechenden Aufschlag auf den vereinbarten Preis zahlen“, berichtet der Weltklassewinzer. Weil die Weine zu diesem Zeitpunkt bereits verkauft waren, reichten die Importeure den Zoll größtenteils an ihre Lieferanten in Deutschland weiter. „Im nächsten Jahr müssen wir ganz anders kalkulieren. Das müssen wir irgendwie gemeinsam schultern“, folgert Dönnhoff. Falls die Amerikaner wirklich den Schutzzoll auf 100 Prozent erhöhen, wäre das „der Stopp von Exporten deutscher Weine in die USA“, glaubt Dönnhoff.
Winzer Jakob Schneider aus Niederhausen schätzt, dass seine Exporte in die USA etwa fünf Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen. Den 25-prozentigen Schutzzoll hätten das Weingut, der Importeur Skurnik Wines & Spirits und die Distributeure untereinander aufgeteilt. Das USA-Geschäft sei ohnehin schwierig und wegen des starken Wettbewerbs sehr arbeitsintensiv. Im gesamten Weinhandel kenne er niemand, der Trumps Handelspolitik für gut halte. „Die 25 Prozent tun schon extrem weh, aber wenn der Schutzzoll auf 100 Prozent angehoben würde, dann würde unser USA-Geschäft einbrechen.“ Dank Diversifikation sei man von diesem Markt aber nicht mehr abhängig. n n n
Zum prozentualen Anteil seines Amerikageschäftes möchte Dönnhoff keine Aussage treffen, doch er bestätigte, dass er „von Bedeutung“ sei. „Unser Betrieb kann diese Einbuße schon verkraften. Wir haben schon immer darauf geachtet, dass wir keinen Kunden so wichtig werden lassen, dass wir von ihm abhängig werden. Unser Export verteilt sich auf viele Länder, wobei die USA ein wichtiges Land sind, dessen Anteil naturgemäß höher ist als der von Luxemburg.“ Man habe sich stets darum bemüht, in den USA den Franzosen und Italienern nicht das Feld zu überlassen. Dönnhoff gibt zu bedenken, dass sich erhebliche Weinmengen, die künftig nicht in die USA verkauft würden, andere Vermarktungswege suchen müssten – mit Auswirkungen auf den gesamten Weinmarkt. Und ein Rückzug aus dem USA-Geschäft würde auch mit erheblichen Imageverlusten verbunden sein, warnte Dönnhoff. Tim Fröhlich vom Weingut Schäfer-Fröhlich in Bockenau ist vom USA-Problem weniger betroffen. Der nordamerikanische Markt verlange ein hohes Maß an ständiger Präsenz. Sein bisheriger US-Importeur ging 2017 in Insolvenz: Tim Fröhlich hat das Geschäft mit den USA nie über fünf bis acht Prozent getrieben und sein Engagement früh genug zurückgefahren. „Wir verfügen in den USA über gute Kontakte und wollen unseren Exportanteil bald wieder ausbauen“, sagt Fröhlich „trotz utopischer Zölle“, von denen er nicht betroffen sei, dank anderer Exportländer. Bei 100 Prozent Zoll werde das Geschäft wie ein Kartenhaus zusammenbrechen, fürchtet er.
WELTKLASSEWINZER HELMUT DÖNNHOFF MACHT SICH SORGEN UM DEN NORDAMERIKANISCHEN MARKT, FÜR DEN BEREITS 25-PROZENTIGE SCHUTZZÖLLE AUF DEUTSCHEN WEIN ERHOBEN WERDEN. FOTO: NORBERT KRUPP
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inem Qualitätswein darf Zucker nur zugesetzt werden, um den Alkoholgehalt zu erhöhen. Dies darf nicht zu einer stärkeren Süße führen, wie jüngst das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) mit Sitz in Leipzig entschied. (Urt. v. 30.01.2020, Az. 3 C 6.18) Im Klartext: Wer einen amtlich geprüften Qualitätsriesling verkaufen will, darf seinen Wein nicht mit Zucker süßen. Dies gilt laut BVerwG auch dann, wenn der Zucker eigentlich hätte zu Alkohol vergären sollen. Konkret ging es um einen Riesling des Jahrgangs 2014. Die Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz hatte zunächst eine Prüfnummer für Qualitätswein erteilt, dies aber nach einer erneuten labortechnischen Kontrolle zurückgenommen, weil der Wein einen auffällig hohen Zuckergehalt aufwies. Die Erklärung des Winzers, dass der bei der Anreicherung zugefügte Zucker wohl nicht vollständig vergoren sei, akzeptierte die Prüfungsstelle nicht. Zulässig sei der Zusatz von Zucker nur, um den „Alkoholgehalt zu erhöhen“. In diesem Fall sei der Zucker zur Süßung eingesetzt worden, rügten die Prüfer. Das bestätigte auch das Koblenzer Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz (OVG) als nächste Instanz, das die Auffassung vertrat, dass die im Wein vorhandene Restsüße nur von „frischen Weintrauben und von Traubenmost“, nicht aber von „Saccharose-Zugaben“ herrühren darf.
Zucker macht noch keinen Qualitätswein AUTOR ARTHUR WIRTZFELD
Umgehung des Süßungsverbots Entsprechend lesen sich EU-rechtliche Vorgaben, wo es auf den Punkt gebracht heißt, dass „Qualitätswein nicht mit Zucker gesüßt werden darf“. Dies bestätigte nun in oberster Instanz das BVerwG, wo der zwischenzeitlich schon verhandelte Fall beim Koblenzer OVG von diesem wegen der grundsätzlichen Bedeutung zur Revision zugelassen wurde. Die Leipziger Richter bestätigten, dass Zucker lediglich in der Gärphase zugesetzt werden darf, um den natürlichen Alkoholgehalt des Weins zu erhöhen. Der vor dem BVerwG erneut vorgetragenen Vorstellung des Winzers, damit sei „jeglicher Zuckerzusatz in jeder Gärphase“ erlaubt, folgte das Bundesverwaltungsgericht nicht. Der Zuckerzusatz in der Gärphase dürfe nicht zu einer „Umgehung des Süßungsverbots“ führen.
Und genau von einer „solchen Umgehung“ sei hier auszugehen, betonte das BVerwG. Der Winzer habe seinem Riesling noch im März 2015 Saccharose zugesetzt. Davon seien nur zehn Prozent zu Alkohol vergoren. „Eine Prüfungsnummer darf einem solchen Wein nicht erteilt werden“, stellten die Leipziger Richter klar. Dass der Erzeuger (Mitglied eines renommierten deutschen Weinverbandes) seinen Wein aus 2014 in 2015 retten wollte, weil er zu alkoholschwach ausgefallen war, und er bei der „Nachsüße“ nicht genügend Sorgfalt walten ließ, ist die Tragik der Geschichte. n n n
(FOTO: CORINA RAINER)
Missglückter Rettungsversuch
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Auf Twitter macht das Taxi Spaß Erstsemester AUTOR THORSTEN STÖTZER
Die Botschaft ist klar und einheitlich, die Darstellung hingegen variantenreich. „Don’t drink und drive“ – so lautet die Mahnung, die per LinkedIn und Twitter ebenso in die Welt geht wie auf Facebook, Instagram, Pinterest und per Podcast. In der Hochschule Geisenheim bringt der Beitrag einer Studierendengruppe beim Media Day den „Goldenen Wingertsknorzen“ und 150 Euro Preisgeld ein.
präsentieren beim Media Day Kommunikatives – Platz eins für Story Telling (FOTO: THORSTEN STÖTZER)
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(FOTO: UNI GEISENHEIM)
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ie Botschaft ist klar und einheitlich, die Darstellung hingegen variantenreich. „Don’t drink und drive“ – so lautet die Mahnung, die per LinkedIn und Twitter ebenso in die Welt geht wie auf Facebook, Instagram, Pinterest und per Podcast. In der Hochschule Geisenheim bringt der Beitrag einer Studierendengruppe beim Media Day den „Goldenen Wingertsknorzen“ und 150 Euro Preisgeld ein. Der Appell, nicht mit Alkohol im Blut am Steuer zu sitzen, ist dabei nur ein Beispiel für moderne Kommunikation. Im Kern haben sich 13 Gruppen mit neuen Medien und Digitalisierung befasst und stellen nun in 15-minütigen Präsentationen ihre Werke einer Jury und einem großen Publikum vor. Die Studierenden sind Erstsemester aus den Fächern Oenologie, Internationale Weinwirtschaft und Getränketechnologie. Mit „Story Telling in Socal Media“ sichern sich 16 junge Leute rund um den Lehrbeauftragten und TV-Journalisten Wolfgang Junglas den ersten Platz. Sie haben den Slogan „Don’t drink and drive“ dem jeweiligen Medium ange-
passt. „Lenk und schenk“, heißt eine Anregung auf LinkedIn, dem nüchtern bleibenden Fahrer eine Flasche Wein für daheim zu geben. „Ab dem zweiten Glas macht’s Taxi Spaß“, wird auf Twitter gereimt. „Sauf und lauf“, rät wiederum ein Rettungssanitäter im Bild auf Pinterest. Auf Facebook wird es tragisch: „Betrunken das Land lenken – mit Schwierig“, steht dort, flankiert mit einem Foto des wegen der Ibiza-Affäre bekannten österreichischen Ex-Politikers Heinz-Christian Strache. „Betrunken das Auto lenken – tödlich“, folgt als Warnung. Allgemein sind die Themen breit gefächert und widmen sich in der Regel Marketingkonzepten für den Weinbau, zu denen der Weg manchmal nicht weit ist. So rückt der „Geisenheimer UniWeinkeller 4.0“ gleich zweifach in den Mittelpunkt. Mit der Lehrbeauftragten Isabella Rutayungwa will ihn eine Gruppe zu einer „Schatzkammer“ ausbauen, den 50 Weingüter mit exzellenten Produkten bestücken. Ein Wein-Club soll nicht allein „sensorische Fortbildung“ ermöglichen, sondern zugleich für Austausch und
Identität sorgen: „Einmal Geisenheimer – immer Geisenheimer“, betonen die Studierenden und wollen den Alumni-Verband einbeziehen in das Projekt. Per Livestream gewähren von Robert Lönarz betreute Studierende Einblick in den Uni-Weinkeller, wo Sushi und Weincocktails zubereitet werden. Erst landen Riesling, Gin und Sirup in einem Shaker, dann rotieren Spätburgunder und Erdbeeren in einem Standmixer. Mit der „Weinprobe 4.0“ will die Gruppe von Andreas Herzog jüngere Kunden erreichen. Weintyp-Test, Quiz und Pakete mit 0,25-Liter-Flaschen zählen zum Konzept. Informationen zur „Winzer.Cloud“, Markenpflege, PR-Spots oder Ideen für die Messe RegioWein im September in Mainz zählen weiterhin zu den Höhepunkten. Eine „deutliche Steigerung von Inhalt und Vortrag“ erkennt Robert Lönarz als Verantwortlicher und Moderator am Ende des Media Days. Dazu hat er sich ganz analog um die Trophäe gekümmert und Wingertsknorzen selbst gesammelt und vergoldet. n n n
(FOTO: WINEBANK)
NETZWERK WINEBANK
Bis 2030 zehnmal mehr „wineBANKen“ AUTOR HERMANN-JOSEF BERG
Der innovative Rheingauer Winzer Christian Ress plant eine starke Expansion seiner „wineBANK“-Aktivität. Bis 2030 soll es weltweit „80 bis 90“ Standorte geben. Dies teilte der Unternehmer im Rahmen der jüngsten Feier „10 Jahre wineBANK“ mit. In das Franchisingmodell wurden seit 2009 von den
(FOTO: WINEBANK)
Franchisepartnern schätzungsweise rund zehn Millionen Euro investiert. Ress selbst baute seine wineBANK in Hattenheim für etwa 500.000 Euro.
Aus dem einstigen Lagermodell ist längst ein Projektentwicklungs- und Management-Tool geworden. „Es war ein Traum, der Wirklichkeit geworden ist“, bilanziert Christian Ress und bezeichnet diese Unternehmung als „internationales Member’s Club-Netzwerk“. Das Pilotprojekt im mittleren Rheingau war die Blaupause für die weiteren Standorte. wineBANKen befinden sich in Basel, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, Mainz, Pfalz (Wachenheim) und Wien. Demnächst entstehen hierzulande Einrichtungen in Trier, in Baden und an der Mosel. In den USA sind zunächst wineBANKen in Washington D.C. (direkt neben dem Ritz Carlton-Hotel) und im texanischen Austin geplant. Gespräche mit Investoren in Fernost seien im Gange. Mit ihrer Mitgliederkarte können die Weinenthusiasten an jedem Standort die wineBANKen rund um die Uhr besuchen. Eigene „Tresore“ und Theken mit einer Auswahl von Premiumweinen (und monatlicher Online-Abrechnung) laden zum Genießen in einem ungewöhnlichen Ambiente ein. n n n
Weinfedern in Deidesheim: Viel Atmosphäre und geniale Weine
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AUTOR RUDOLF KNOLL
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Wenn man über die schönsten Weinorte Deutschlands redet, dann ist Deidesheim sicher ein Thema. Die malerische Ortschaft hat 3760 Einwohner, sie ist Luftkurort und entstand im 9. oder 10. Jahrhundert als Tochtersiedlung der längst in der Popularität überholten Nachbargemeinde Niederkirchen. Stadtrecht genießt Deidesheim seit 1395. Und Weinbau wird hier nachweislich seit 770 betrieben. Die Weinfeder-Truppe genoss hier noch im alten Jahr das Gastrecht in drei Betrieben, die eine lange, teilweise gemeinsame Geschichte haben und zu den Aushängeschildern des Pfälzer Weinbaus gehören.
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as Besondere heute bei Geheimer Rat Dr. von Bassermann-Jordan, Reichsrat von Buhl und Weingut von Winning ist auch, dass es nur einen Eigentümer gibt beziehungsweise eine Eigentümerin. Begonnen hatte alles mit einem Andreas Jordan (1775 bis 1848), der als Begründer des pfälzischen Qualitätsweinbaus galt. Als er starb, kam es zu Erbteilungen mit den Weingütern Jordan (später Bassermann-Jordan), Buhl und Dr. Dein-
Damit war Achim Niederberger der ursprünglichen Idee, die „Jordan’sche Teilung“ von einst rückgängig zu machen, schon recht nahe gekommen. 2007 konnte er Vollzug feiern, als die Eigentümer des Weingutes Deinhard, die Familie Hoch, verkauften. Der neue Betriebsleiter Stephan Attmann änderte den Weinstil radikal: Holz hielt im Keller Einzug, Stahl wurde weitgehend verbannt. Und der Name von Winning feierte ein Comeback. Für die Stammkund-
hard. In der Folgegeschichte dirigierten bedeutende Persönlichkeiten die Betriebe, etwa Friedrich von Bassermann-Jordan (1872 bis 1959), der Präsident verschiedener Verbände war und mit seiner dreibändigen „Geschichte des Weinbaus“ ein Standardwerk vorlegte. Bei Buhl stand Ritter und Reichsrat Franz Buhl (1867 bis 1920) von 1905 bis zu seinem Tod dem Deutschen Weinbauverband als Präsident vor. Und im Hause Deinhard setzte der Schwiegersohn von Dr. Andreas Deinhard (1845 bis 1907), Leopold von Winning (1873 bis 1917), wichtige Akzente, auch als Vorsitzender des Bayerischen Weinbauverbandes (die Pfalz war von 1816 bis 1946 mit Bayern vereint).
schaft gab es weiter eine eigene „Deinhard-Linie“.
Lange Zeit agierten die drei Betriebe nebeneinander, bis sich bei dem vor allem im Verlagswesen erfolgreichen Unternehmer Achim Niederberger (1857 bis 2013) aus Neustadt an der Weinstraße eine Idee festsetzte: Er wollte sie unter ein Dach bringen und zugleich ihre Selbstständigkeit bewahren. Zum Weinfan war er durch engen Kontakt mit Hans-Günter Schwarz geworden, der als Kellermeister und Betriebsleiter beim Weingut Müller-Catoir fast Legendenstatus hatte. Die erste Chance für Niederberger, größer als mit einem eigenen, von Schwarz gepflegten Hektar in Neustadt in die Weinszene einzusteigen, bot sich 2002, als einige Jahre nach dem Tod von Dr. Ludwig von Bassermann-Jordan nicht feststand, wie es im renommierten Weingut weitergehen soll. Tochter Gabriele als Haupterbin sah ihre Zukunft nicht im Weinbau, also wurde der Betrieb zum Verkauf ausgeschrieben. Niederberger griff zu und konnte drei Jahre später auch das seinerzeit noch an eine japanische Familie verpachtete Weingut Reichsrat von Buhl erwerben. Eigentümer war damals durch eine Schenkung Enoch zu Guttenberg (1946-2018), Vater der einstigen CSU-Hoffnung Karl-Theodor zu Guttenberg, der aber kein Interesse am Weinbau hatte.
Der Besitzer des Guts-Trios konnte sich nicht sehr lange an seinen Erwerbungen freuen. Achim Niederberger verstarb im Juli 2013 nach einer längeren Krankheit im Alter von nur 56 Jahren. Da er gewusst hatte, dass es schlecht um ihn stand, konnte er noch die Weichen für die Zukunft stellen. Seiner Frau Jana, die er 2008 geheiratet hatte und die schon länger als Gesellschafterin in die Niederberger-Gruppe eingebunden war, vertraute er sein Unternehmen an. Inzwischen heißt sie Jana Seeger und wird von ihrem zweiten Mann Peter Hüftlein-Seeger als Geschäftsführer unterstützt. Zuletzt mussten beide für eine Zäsur sorgen und die Geschäftsführung im Weingut Reichsgraf von Buhl auswechseln. Offenbar lag zu viel unverkäuflicher Wein im Keller, weil die Geschmacksrichtung (überwiegend durchgegoren) vielen Kunden nicht behagte. Die Hinwendung zum Sekt (Anteil 40 Prozent) war zwar durch den aus dem Elsass gekommenen Önologen Mathieu Kauffmann, der vorher bei Bollinger in der Champagne tätig war, erfolgreich. trotzdem trennte man sich – letztlich eine Entscheidung von Kauffmann. Jetzt ist der Südtiroler Gregor Hofer für den Keller verantwortlich. Beim Weinfeder-Abend stand Buhl-Betriebsleiter Claus Raschka Rede und Antwort. Für Bassermann-Jordan war der stellvertretende Kellermeister Dominik Leyrer dabei. Bei von Winning vertrat Weinmacher Andreas Hütwohl seinen erkrankten Chef Stephan Attmann, der vorher noch die gesamte Organisation in die Wege geleitet hatte. Die Führung durch den dreistöckigen Keller war eindrucksvoll. Hütwohl sprach von einer „Revolution“ im Jahr 2008, als hier weitgehend auf Holzfässer,
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meist 500-Liter-Gebinde, umgestellt wurde. Aromen und Geschmack änderten sich, neue Nuancen wurden in den Weinen schmeckbar. Durch die Erfolge des Hauses kam Holz auch in anderen Betrieben wieder in Mode, sodass die Fassmacher viele Neukunden bekamen … Fassproben deuteten an, dass 2019 ein bedeutender Jahrgang wird. „Wir lassen den Weinen viel mehr Zeit als früher, die besten kommen frühestens nach zwei Jahren auf den Markt“, meint Hütwohl. Dass man Experimenten nicht abgeneigt ist, machte eine Amphore im Keller deutlich. „Da liegt Sauvignon Blanc drin“, verriet der Önologe. „Aber für uns ist das eher eine Spielerei.“ Von diesem im Werden befindlichen Wein gab es dann auch keine Kostprobe, wohl aber eine Serie spannender Vergleiche aus den drei Kellern. Man zeigte auf, dass 2017 interessante Muskateller gewachsen waren, demonstrierte, dass das Güter-Trio Riesling aus der Forster Lage Ungeheuer herausholt, auf den das kleine Wortspiel „ungeheuer gut“ passt. Bassermann-Jordan trumpfte mit Weißburgunder aus den Jahrgängen 2016, 2017 und 2018 aus der Lage Langenmorgen auf, für deren Anerkennung als geeignet für ein Großes Gewächs nach VDP-Statut eine Weile gekämpft werden musste. Hütwohl ließ aus dem Haus von Winning Sauvignon Blanc aus 2017 und 2018 entkorken, beide im Holz gereift, beide eine echte Konkurrenz für die Loire-Spitze.
Buhl überzeugte mit einer brillanten Sektrunde und der Erkenntnis, dass diese Prickler nur einen Fehler hatten: Sie waren zu preiswert für die Qualität (zwischen 14,90 und 18,90 Euro). Das traf nicht mehr auf die beiden Riesling-Aushängeschilder aus dem Hause von Winning zu. Der MARMAR von 2016 und 2017 ist seinen Preis von rund 80 Euro indes wert. Macher Stephan Attmann bekam schon von einem Kunden nach Genuss dieses Weines mitgeteilt, dass er ins Nachtgebet eingeschlossen wurde. Das spornte ihn offenbar besonders an, zu einem Wein, der das Zeug zum Kultstatus hat. Der Riesling 2017 stammt aus der Lage Forster Pechstein, lag zwei Jahre in drei 500-Liter-Fässern auf der Hefe, ist enorm elegant und tiefgründig, hat viel Spannung und eine stattliche Länge. Sein Name: OZYETRA. Gewissermaßen Pate ist der berühmte Osietra-Kaviar. Von dem gibt es Versionen, die bei 1000 Gramm rund 1200 Euro kosten. Da ist der Wein mit seinem Preis von 105 Euro vergleichsweise günstig … Nach solchen Weinen konnten die Weinfedern noch feststellen, dass in dem zum Imperium gehörenden Leopold Restaurant pfiffig und fein gekocht wird und dass sich das Essen gut mit dem Inhalt der Anbruchflaschen vertrug. Fazit: Wer nicht nach Deidesheim kommen konnte, hatte etwas Besonderes verpasst. Aber eine solche Weinfeder-Tour findet nur einmal im Jahr statt, während Deidesheim an 365 Tagen im Jahr geöffnet hat … n n n
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111 österreichische Empfehlungen AUTOR PETER W. SCHNEIDER
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b man die 111 in diesem Buch empfohlenen Weine getrunken haben muss, bleibt dahingestellt. Spaß und Freude können diese mit viel
Sachkenntnis ausgewählten Weinempfehlungen jedoch mit Sicherheit bereiten. Beim Kölner Emons Verlag spielt die Zahl 111 eine tragende Rolle, so gibt es unter anderem Bücher über 111 Orte, 111 Whiskys, 111 Rezepte, 111 deutsche Weine und nun eben die 111 österreichischen Weinempfehlungen. Als solche sollten die jeweils auf einer Doppelseite präsentierten Weine auch verstanden werden. Hier tauchen die Autorinnen Daniela Dejnega und Luzia Schrampf, beide profunde Kennerinnen des österreichischen Weinkosmos, tief in diese dem deutschen Weinliebhaber oftmals gar nicht vertraute Genusswelt ein.
LUZIA SCHRAMPF (FOTO: EMONS)
Dass der österreichische Wein in den letzten Jahrzehnten einen qualitativen Höhenflug hingelegt hat, ist dem geneigten Liebhaber durchaus bekannt und der Grüne Veltliner hat sogar seinen Weg in die deutschen Discounter gefunden. Doch wie steht´s mit Rotgipler, Zierfandler oder gar Uhudler? Was hat´s mit den edelsüßen Weißen auf sich? Wo wird überall Blaufränkisch gekeltert? Der Kenner wird es vielleicht noch wissen, doch hier ist der weinaffine Endverbraucher angesprochen, der bereit ist, einmal eine Neuentdeckung auszuprobieren und, wenn es sein muss, etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Im Buch finden sich zwar auch große Namen, doch zumeist mit eher unbekannteren Weinen ihres Sortiments. Der Clou sind die vielen weniger bekannten Güter, oft ambitionierte Newcomer mit viel Innovationsfreude und ökologischer Wirtschaftsweise. Fein nach Anbaugebieten geordnet, werden hier nicht nur Betriebe und Weine vorgestellt, sondern auch eine Menge Wissen über weinbauliche Historie, Anbaumethoden, Rebsorten, Bodenstrukturen und vieles mehr vermittelt. Immer mit leichter Hand geschrieben, strahlen die Texte neben veritabler Sachkenntnis auch viel österreichischen Charme und Lockerheit aus. Die perfekten Produktfotos von Tobias Fassbinder wässern zusätzlich den Mund und lassen die Neugier auf dieses vielfältige Weinland wachsen. Daniela Dejnega, Luzia Schrampf: 111 Weine aus Österreich, die man getrunken haben muss. Mit Fotografien von Tobias Fassbinder. Broschur. Köln: Emons Verlag 2019. ISBN 978-3-7408-0618-7. 240 Seiten. 16,95 Euro
DANIELA DEJNEGA (FOTO: EMONS)
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Der „ultimative Weinführer“ Italiens von „Doctor Wine“ Daniele Cernilli AUTOR PETER W. SCHNEIDER
(FOTO: PIBOOX VERLAG)
schrieben. Das finale Bewertungssystem orientiert sich am internationalen 100-Punkte-Schema, wobei die Kriterien „je nach Typologie des Weines variabel sind“, was immer das auch bedeuten mag. Die Top-Weine (über 95 Punkte) werden zusätzlich mit einem kleinen Konterfei des Meisters – dem „Doctor Wine-Symbol“ – versehen. Ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis signalisiert der „Like-Daumen“. Selbstverständlich gibt es wie bei allen Weinführern noch eine Reihe zusätzlicher Auszeichnungen, so für Schaumweine, Süßweine, Önologen und etliches mehr.
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ier wird mit Superlativen nicht gegeizt: Ein ultimativer Weinführer für italienischen Wein, geschrieben vom „Doctor Wine“, das ist eine selbstbewusste Ansage. Schon zum sechsten Mal erscheint dieses Jahreswerk von Daniele Cernilli und seinem Team. Zum zweiten Mal in deutscher Sprache, hier ist ja durch den Wegfall der deutschen Ausgabe des Platzhirsches „Gambero Rosso“, für den Cernilli früher maßgeblich tätig war, vor einigen Jahren quasi ein Vakuum entstanden. Eine Fleißarbeit ist das Kompendium allemal, auf 757 Seiten ist die Essenz aus über 20.000 verkosteten Weinen dokumentiert. Davon wurden ganze 2949 Tropfen von 1184 Weingütern als empfehlenswert und erwähnenswert berücksichtigt und selbstverständlich bewertet. Bemerkenswert ist, dass ca. 20 Prozent der beschriebenen Weine mit Verkaufspreisen von unter 15 Euro auch Liebhaber mit schmaleren Budgets ansprechen. Die Weine werden nicht – wie bei anderen Weinführern - von den Erzeugern angestellt, sondern von Cernilli und seinem umfangreichen Team auf öffentlichen und privaten Verkostungen und Präsentationen oder bei den Produzenten vor Ort probiert. Die Weingüter werden mit Sternen eingestuft und die Weine in kurzen Sätzen be-
Die Einschätzungen der aufgeführten Erzeuger und ihrer Weine scheinen mir im Großen und Ganzen zuverlässig und nachvollziehbar, es findet sich auch mancher kleine Produzent, dessen Weine hierzulande sicher nicht einfach zu erwerben sein dürften, doch dies spricht für eine gewisse Akribie und Universalität. Das eindeutige Manko der deutschen Ausgabe des Weinführers ist jedoch die mangelhafte deutsche Übersetzung. Auf zu vielen Seiten finden sich Fehler oder zumindest Holprigkeiten, die im besten Fall unfreiwillige Komik verströmen, in schlimmeren Fällen den Leser allerdings mit ratlosem Kopfschütteln zurücklassen. Einige Beispiele: „gewellte Tannine“, „geschneideter Weißwein“, „vertikaler Geschmack“, „scharfer Abgang“ (positiv gemeint). Diese sprachlichen Unzulänglichkeiten sind schade, denn sie konterkarieren die hier geleistete umfangreiche Verkostungsarbeit. Wenn auf die Übersetzung mehr Sorgfalt, Zeit und Geld verwendet würde, könnte dieser Weinführer auch in Deutschland ein ernstzunehmendes, seriöses Nachschlagewerk sein. Mit Abstrichen ist dieser Weinführer jedoch auch jetzt schon für Freunde der italienischen Weinlandschaft zu empfehlen. Daniele Cernilli alias Doctor Wine, Der ultimative Weinführer Italiens 2020, Hardcover, 757 Seiten, 25 Euro, EAN 978-3-944027-43-2, Herausgeber: MD Comunication SRL, Rom, Vertrieb D, A, CH: PiBoox Verlag, Steinen
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(FOTO: THOMAS THOMPSON)
Weinfeder e.V. Verband deutschsprachiger Weinpublizisten Ansprechpartner: Arthur Wirtzfeld Telefon: 0931-322460 Mail: admin@weinfeder.de