aus TICHYS EINBLICK: Seiten 3+4 "Des Kaisers neue Kleider"

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WIRTSCHAFT

START-UP-FAKES

Des Kaisers neue Kleider

Unternehmensgründungen sind wichtig. Sie bringen Innovation in Produkte und Organisation, stärken das Wachstum und scha ffen Arbeitsplätze. Aber jede Gründung braucht neben einer Idee auch Geld. Für unseriöse Zeitgenossen ist der Hype um Start-ups ein idealer Tummelplatz

VON ANDREAS HAMMER

Lilium, das elektrische Lufttaxi, klang doch wie eine wunderbare Idee aus dem deutschen Innovationsschatz. Haben wir uns nicht schon alle vorgestellt, wie überall in der Welt die elektrischen Lufttaxen senkrecht aufsteigen und ihre Passagiere zu ihrem Ziel in einer verstopften Innenstadt bringen? Aber wo Pkw-Taxis selbst in der dicksten Nebelsuppe noch ihr Ziel ansteuern können, hätte das Lufttaxi gar nicht starten dürfen.

In neun Jahren Entwicklungszeit wurden insgesamt 1,5 Milliarden Euro für die Investitionen eingeworben –und verbrannt. Kurz vor Weihnachten sah es noch so aus, als werde das Lufttaxi niemals abheben. Dann tauchte in letzter Minute ein Retter auf: Ein Investorenkonsortium will das Start-up aus dem Insolvenzverfahren herauskaufen.

An der PR kann es nicht gelegen haben. Sogar Bundeskanzler Olaf Scholz und natürlich auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder ließ sich mit einem Lilium-Dummy für die Presse ablichten. Wie konnte es sein, dass ein Projekt, das so großartig klang, schließlich doch fast scheiterte, weil Bund und Land die zum Weitermachen benötigten dreistelligen Millionenbürgschaften nicht übernahmen?

Die langjährigen Geldgeber stehen mit dem Insolvenzverfahren vor einem Trümmerhaufen und stellen fest, dass Lilium für die Kehrseite der modernen Start-up-Kultur steht – wie eine durchaus berechtigte Euphorie in einem technologisch explodierenden Umfeld ihre Sprache sucht und findet. Aber weil das Feld offen ist und eine geradezu unendliche Zukunftsperspektive bietet, lädt es auch dazu ein, die Begeisterung

auszunutzen. Soll heißen: Dort, wo der Himmel offen ist, ist nicht nur alles denkbar, sondern findet eben auch der ewig lauernde Ungeist, andere übers Ohr hauen zu wollen, sein breites Einfallstor.

Und so changiert die Sprache der Start-up-Welt zwischen geballter Dynamik und Zukunftseroberung auf der einen Seite und der beim zweiten Lesen schon fast satirischen Nachahmung jener, die nicht die Zukunft, sondern die Gaunerei im Hier und Jetzt im Sinn haben: „Fake it till you make it“. Da verkauft einer Visionen, spielt mit hochfliegenden Hoff nungen, stellt große Gewinne in Aussicht, jongliert mit dem Zauberwort Disruption – und vor aller Augen spielt sich die Umwälzung ganzer Branchen ab.

Wenn sich Begri ffe wie „Purpose“, Disruption, Skalierbarkeit und Gamechanger häufen, sollte man die Geldbörse festhalten

In der bunten Welt der Start-ups zeigen sich immer mehr schwarze Schafe, deren „Erfolg“ sich nicht einer Innovation oder neuen Geschäftsidee verdankt, sondern nichts anderes ist als Betrug. Es war schon immer attraktiv, für schnelles Geld zu lügen und zu schummeln. Jetzt entdecken immer mehr junge Menschen, dass sich der Hype und die erwartungsfrohe Grundstimmung ausbeuten lassen, um gutgläubige Hoffnungen skrupellos abzuschöpfen. Das Drehbuch für einen Start-upFake sieht immer gleich aus: Nur selten hat ein Gründer unten angefangen, in einem konventionellen Unternehmen eine Karriere gemacht. Die neu-

en Gründer installieren sich gleich als Vorstandsvorsitzende. Da sollten die Alarmglocken schon läuten. Genau hinschauen sollten Geldgeber auch bei der Geschäftsidee, heute „die Story“: Ganz viel „Purpose“ kommt dort vor, mindestens genauso viel „Vision“, gepaart mit „Nachhaltigkeit“ ... Etwas „disruptiv Neuartiges“ und am Ende „Skalierbares“ ist es natürlich. Letzteres hat den Vorteil, dass während der Entwicklungszeit niemand den Beweis führen kann, dass der neue „Gamechanger“ gar nicht funktioniert.

Unterm „Einhorn“ macht man’s nicht Ganz selbstverständlich messen sich die Gründer an Amazon und Tesla – sehen sich auf dem unau fhaltsamen Weg zum „Einhorn“, also dem Jungunternehmen mit der Milliarden-Dollar-Bewertung.

Dass die Zahl der Unternehmen mit solchen Bewertungen im deutschsprachigen Raum sinkt und es insgesamt nur 54 „Unicorns“ gibt, scheint dabei nicht zu irritieren, besteht die DNA eines Start-ups doch – viertens – darin, Geld einzusammeln und nicht etwa, Umsätze zu machen oder Aufträge zu akquirieren. Den Börsengang haben die Gründer und Investoren der ersten Stunde dabei immer im Blick – auch wenn man veritable Börsengänge in den vergangenen Jahren in Deutschland an einer Hand abzählen konnte.

Doch harte Fakten zählen in dieser Welt selten. Und so leisten sich im Start-up-Biotop fast alle Unternehmen gut bezahlte Pressemenschen, die mit viel Glitter und Bling-Bling jeden Rückschlag zum Vorzeichen einer grandiosen Zukunft umdichten. Die Investoren machen es ihnen meist leicht und hören solche Botschaften gern – wer räumt schon gern ein, dass er sich geirrt hat. Ganz wichtig ist schließlich ein Sponsor, also eine Beteiligungsgesellschaft

oder ein sogenannter Business Angel. Um die zu finden, ist ein Pitch-Deck für die „Venture Capitalists“ essenziell, in dem das Drehbuch zum potenziellen Unicorn beschrieben ist.

oder ein sogenannter Business Angel. Um die zu finden, ist ein Pitch-Deck für die „Venture Capitalists“ essenziell, in dem das Drehbuch zum potenziellen Unicorn beschrieben ist.

Der nächste Schritt, um den Investoren das Geld aus den Rippen zu leiern: Das Team vorstellen. Den CEO (Chief Executive Officer), den CFO (Chief Financial Officer), den COO (Chief Operating Officer) und den „Head of irgendwas“, einzeln mit Foto auf der Homepage als hoch qualifizierte Mannschaft präsentiert.

Der nächste Schritt, um den Investoren das Geld aus den Rippen zu leiern: Das Team vorstellen. Den CEO (Chief Executive Officer), den CFO (Chief Financial Officer), den COO (Chief Operating Officer) und den „Head of irgendwas“, einzeln mit Foto auf der Homepage als hoch qualifizierte Mannschaft präsentiert.

Die Spreu vom Weizen trennt sich dort, wo ganz offensichtlich nicht die Absicht besteht, das Produkt oder die Dienstleistung schnell absatzreif zu machen. Dann geht es vor allem darum, die Folgerunde zur Finanzierung zu erreichen, wenn das initiale Startgeld aufgebraucht ist. Dieses Geschäftsmodell wird dann immer wieder neu gelauncht, mit neuen „Challenges“, die sich plötzlich auftun, weshalb die nächste Finanzierungsrunde ansteht.

Die Spreu vom Weizen trennt sich dort, wo ganz offensichtlich nicht die Absicht besteht, das Produkt oder die Dienstleistung schnell absatzreif zu machen. Dann geht es vor allem darum, die Folgerunde zur Finanzierung zu erreichen, wenn das initiale Startgeld aufgebraucht ist. Dieses Geschäftsmodell wird dann immer wieder neu gelauncht, mit neuen „Challenges“, die sich plötzlich auftun, weshalb die nächste Finanzierungsrunde ansteht.

Das alles wird am Laptop im Studierzimmer ausgetüftelt und gesteuert, der reale Kontakt mit potenziellen Kun-

Das alles wird am Laptop im Studierzimmer ausgetüftelt und gesteuert, der reale Kontakt mit potenziellen Kun-

den draußen am Markt ist tunlichst zu unterlassen. Denn die so filigran aufgebaute Theorie könnte torpediert oder beschädigt werden. Generell wird dabei die CO 2 -Einsparung als Monstranz vor sich hergetragen – sei es nun Transformation oder Elektromobilität oder neuerdings Defence-Tech. Überhaupt gilt ein Start-up heutzutage quasi als unantastbar: Von der Politik bis zu den Institutionen verneigt sich die Kulisse voller Respekt. Ganz selten, dass eine Geschäftsidee infrage gestellt wird.

den draußen am Markt ist tunlichst zu unterlassen. Denn die so filigran aufgebaute Theorie könnte torpediert oder beschädigt werden. Generell wird dabei die CO 2 -Einsparung als Monstranz vor sich hergetragen – sei es nun Transformation oder Elektromobilität oder neuerdings Defence-Tech. Überhaupt gilt ein Start-up heutzutage quasi als unantastbar: Von der Politik bis zu den Institutionen verneigt sich die Kulisse voller Respekt. Ganz selten, dass eine Geschäftsidee infrage gestellt wird.

Wirtschaftsgesetze gelten nicht „We are the Champions!“ „Banalitäten“ aus den Lehrbüchern der Betriebswirtschaft“ gelten für Start-ups – zumindest in der Eigenwahrnehmung – nicht. Absatz, Umsatz, Gewinn? Die grundlegende Prinzipien der Wirtschaft setzen wir außer Kraft. Auch sonstige Konventionen gelten nicht. Äußerlich erkennt man Angehörige der Start-up-Szene auf den ersten Blick: Weißes T-Shirt, die stylishe 7/8-Hose und lässige Sneaker zählen zu den Attributen, die den lockeren Lifestyle signalisieren und das hippe Mindset dekorieren.

Wirtschaftsgesetze gelten nicht „We are the Champions!“ „Banalitäten“ aus den Lehrbüchern der Betriebswirtschaft“ gelten für Start-ups – zumindest in der Eigenwahrnehmung – nicht. Absatz, Umsatz, Gewinn? Die grundlegende Prinzipien der Wirtschaft setzen wir außer Kraft. Auch sonstige Konventionen gelten nicht. Äußerlich erkennt man Angehörige der Start-up-Szene auf den ersten Blick: Weißes T-Shirt, die stylishe 7/8-Hose und lässige Sneaker zählen zu den Attributen, die den lockeren Lifestyle signalisieren und das hippe Mindset dekorieren.

Solche Start-ups pitchen, was das Zeug hält. Kein Start-up-Award, um den man sich nicht bewirbt, die FünfMinuten-Show zieht doch immer. Wer als CEO ganz professionell ist, stellt eine junge, smarte, sympathische Speakerin ein, die mit bezauberndem Akzent und hübschem Lächeln quasi jede Jury rumkriegt. Pitch-Tourismus. Als Königsdisziplin gilt der TV-Auftritt in der Sendung „Die Höhle der Löwen“. Oft geht es den Teilnehmern noch nicht mal um die finanzielle Beteiligung der Juroren, sondern um den Ruhm.

Solche Start-ups pitchen, was das Zeug hält. Kein Start-up-Award, um den man sich nicht bewirbt, die FünfMinuten-Show zieht doch immer. Wer als CEO ganz professionell ist, stellt eine junge, smarte, sympathische Speakerin ein, die mit bezauberndem Akzent und hübschem Lächeln quasi jede Jury rumkriegt. Pitch-Tourismus. Als Königsdisziplin gilt der TV-Auftritt in der Sendung „Die Höhle der Löwen“. Oft geht es den Teilnehmern noch nicht mal um die finanzielle Beteiligung der Juroren, sondern um den Ruhm.

Treffen hohe Ambitionen auf die Mühen des Alltags und das Konzept scheitert dann doch an der Realität, fängt man nicht an „zu arbeiten“, sondern wird „Serial Founder“ und bringt das nächste „große Ding“ in einem „PitchDeck“, vorzugsweise im hippen Berlin, „auf die Straße“.

Ein gesundes Misstrauen scheint angebracht. Wenn sich die Schlüsselbegri ffe der Start-up-Welt im Pitch-Deck häufen und die Dollarzeichen vor lauter „Purpose“, Gamechanger, Skalierbarkeit und Disruption in die Augen springen, sollte man die Geldbörse festhalten.

Treffen hohe Ambitionen auf die Mühen des Alltags und das Konzept scheitert dann doch an der Realität, fängt man nicht an „zu arbeiten“, sondern wird „Serial Founder“ und bringt das nächste „große Ding“ in einem „PitchDeck“, vorzugsweise im hippen Berlin, „auf die Straße“. Ein gesundes Misstrauen scheint angebracht. Wenn sich die Schlüsselbegri ffe der Start-up-Welt im Pitch-Deck häufen und die Dollarzeichen vor lauter „Purpose“, Gamechanger, Skalierbarkeit und Disruption in die Augen springen, sollte man die Geldbörse festhalten.

Olaf Scholz (l.) vor einem Lilium-Lufttaxi beim Rundgang durch die ILA Berlin auf dem Flughafen BER Berlin-Brandenburg im Juni 2024
Olaf Scholz (l.) vor einem Lilium-Lufttaxi beim Rundgang durch die ILA Berlin auf dem Flughafen BER Berlin-Brandenburg im Juni 2024
ANDREAS HAMMER

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