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DOSSIER

Alt werden – alt sein …

Über die Errungenschaft der alternden Gesellschaft! Dr. Matthias Zimmermann

J

a, Sie haben richtig gelesen: die alternde Gesellschaft ist eine Errungenschaft der Hochkultur (um an den Beitrag „Mensch und Kultur“ in Magazin II/2015 anzuknüpfen). Das mag verwunderlich klingen, oder vielleicht gar naiv – im Angesicht dessen, was man allenthalben liest: „demografische Falle“, „überalternde, vergreisende Gesellschaft“, „RentnerSchwemme“, „Methusalem-Komplott“. Das sind die Schlagwörter, die jemandem entgegenkommen, der sich mit der Zukunft unserer Gesellschaft beschäftigt. „Gerontokratie“ und „Demokalypse“ sind die wohl gravierendsten Begriffkonstrukte, welche diejenigen anführen, die den gesellschaftlichen Kollaps in unserem Land prophezeien. Wir wollen doch alt werden – doch welche Anforderungen richtet der demografische Wandel an jeden Einzelnen von uns? Was bedeutet die alternde Gesellschaft für diejenigen, die bereits alt sind? Und überhaupt: was bedeutet eigentlich „alt sein“? Muss man befürchten, dass die Diskussion um den demografischen Wandel dazu führt, dass man sich ab einem gewissen Alter zu einem „Demographieproblem“ oder gar als „Last für die Gesellschaft“ fühlen muss?

Wir sind alt geworden!

Deutschland im Jahre 2015 ist ein altes Land, das älteste in Europa und weltweit das zweitälteste nach Japan – gemessen am Durchschnittsalter seiner Bevölkerung. Allein in den letzten 10 Jahren ist das Durchschnittsalter von 42,1 auf 45 Jahre angestiegen. Im Mittelwert sind wir dreieinhalb Jahre älter als der Durchschnitt aller europäischen Länder. Der Grund dafür ist ein höchst erfreulicher: Die Lebenserwartung der Menschen in Europa hat sich seit 150 Jahren von 40 auf über 80 Jahre mehr als verdoppelt. Seit Mitte des vorvergangenen Jahrhunderts steigt die Lebenserwartung um etwa 2,2 Jahre pro Jahrzehnt. Wir leben in der besten Zeit, die es für Menschen jemals gegeben hat – weltweit hatten die Generationen vor uns einen niedrigeren Impfstatus und schlechteren Zugang zu sauberem Wasser, eine geringere Lebenserwartung

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und eine höhere Wahrscheinlichkeit, gewaltsam zu Tode zu kommen. Das Versorgungsniveau, der Hygienestandard, die Errungenschaften der Medizin und verbesserte Arbeitsbedingungen haben nicht nur die Lebensjahre erhöht, sondern vor allem die Zahl der gesunden Jahre! In Deutschland lebt derzeit die wohlhabendste Rentnergeneration in der Geschichte unseres Landes. Andererseits stürzte die Fertilitätsrate von 2,5 Kindern Mitte der 60er-Jahre innerhalb eines Jahrzehnts auf unter 1,5 Kinder pro Elternpaar. 1970 bezeichnet das Jahr, in dem die Geburtenziffer unter das notwendige Maß zur Reproduktion einer Bevölkerung gefallen ist – dafür müsste die durchschnittliche Zahl der Kinder, die eine Frau im Laufe ihres Lebens bekommt, bei 2,1 liegen. Stattdessen: „Pillenknick“! Seit Ende der Siebziger Jahre bekommt ein Elternpaar statistisch gesehen zwischen 1,3 bis 1,4 Kinder. Die Zahl der Neugeborenen sank von über 1,35 Millionen im geburtenstärksten Jahr 1964 auf unter 0,8 Millionen Mitte der 70er Jahre. Seitdem sterben jährlich weit über 100.000 Menschen mehr als geboren werden. Zuletzt (2013) lag dieser so genannte „negative Geburtensaldo“ sogar bei über 200.000 – ein Wert, von dem auch in Zukunft auszugehen sein wird. Die Tatsache, dass sich die Bevölkerungszahl insgesamt seit den 90ern dennoch über 80 Millionen bewegt, hat mit einem positiven Zuwanderungssaldo zu tun. Mit über 10% an der Gesamtbevölkerung hat der Anteil der Mitbürger mit ausschließlich ausländischer Staatsangehörigkeit aktuell ein Rekordhoch erreicht. Weitere rund 10% sind deutsche Staatsbürger, die einen Migrationshintergrund aufweisen. Die ausländische Bevölkerung kennzeichnet, dass sie mehr Kinder zur Welt bringt als Menschen aus ihrer Bevölkerungsgruppe sterben, und: sie sind jünger als der Durchschnitt der deutschen Bevölkerung! Ohne diesen Anteil an ausländischen Mitbürgern wäre der Altersdurchschnitt unseres Landes noch höher.

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