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TITEL

Mensch und Vertrauen

Über Vertrautheit und Verlässlichkeit, Misstrauen und Kontrolle, Sofort- und Selbstvertrauen von Matthias Zimmermann

W

enn der Präsident seinem Geschäftsführer und der Geschäftsführer seinem Sportdirektor, dieser seinem Trainer und der Trainer seinem Spieler vor versammelter Presse das „uneingeschränkte Vertrauen“ ausspricht, wenn der Regierungschef seinem Minister oder der Aufsichtsrat seinem Vorstand sein „vollstes Vertrauen“ öffentlich kundtut – ja dann, spätestens dann, wird’s ernst! Dann wissen wir: es ist Krisenzeit. Gemeint ist oft das Gegenteil dessen, was da gesagt wird. Vertrauen – eine Floskel? Wie hießen all diejenigen (bislang schon mehr als 40 Personen in Führungsämtern) gleich noch mal, denen der amtierende amerikanische Präsident seit Amtsantritt sein Vertrauen ausgesprochen hat, um sie dann kalt abzuservieren? So erwachsen aus Vertrauensbekundungen anstelle von Sicherheit und Gewissheit eher Zweifel und Besorgnis. Dabei ist Vertrauen etwas so Wertvolles und Wunderbares. Hat dieses Wort nicht einen romantischen Beiklang? Marketingfachleute bedienen sich seiner zuhauf, Berater und Banken lieben diesen Begriff, Politiker sowieso: „Ich bitte Sie ausdrücklich um Ihr Vertrauen.“. Das klingt immer auch ein bisschen verdächtig! Wenn auffallend viel von Vertrauen gesprochen wird, ist das schon mal ein Zeichen der Krise. Wie also gehen wir um mit diesem großen Wort? Vertrauen wird ausgesprochen, ausdrücklich erbeten, in Frage gestellt und entzogen. Man bekommt Vertrauen geschenkt, muss es sich verdienen, es beweisen und ihm gerecht werden. Mit alldem tun wir uns nicht leicht – weder in der Position des Vertrauensgebers noch des Vertrauensnehmers! Wir sollen jemandem Glauben schenken oder in ein Schuldverhältnis eintreten? Ungern! Lieber suchen wir nach klaren Regeln und eindeutigen Vorgaben, nach Garantien und

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Sicherheit. Und tatsächlich, dem Fortschritt sei´s gedankt, gab es nie zuvor derart viele Schutzsysteme und Auffangnetze, die für unsere (vermeintliche) Sicherheit sorgen. Autofahren und Flugzeugreisen, Ernährung, ärztliche und soziale Versorgung, Friedlichkeit und Unversehrtheit – in der Welt, in der wir leben, haben sich unsere Lebensverhältnisse in den letzten Jahrzehnten signifikant verbessert. Dennoch scheint trotz (oder vielleicht wegen?) unzähliger Gütesiegeln, glanzvoller Zertifikate und zunehmend ausgefeilter Vertragskonstrukte das Gefühl von Verunsicherung allgegenwärtig. Seit dem Aufkommen und dem Fortschreiten der Wissensgesellschaft werden die Umgebungsbedingungen unseres Lebens immer komplexer und veränderlicher. Die Bewältigung der enorm zugenommenen Komplexität und der Veränderungsgeschwindigkeit ist die große Herausforderung für Individuen, Organisationen und Gesellschaften schon heute – und erst recht in der Zukunft! Wie halten wir Schritt mit diesem Tempo? Was hilft, um mit einem überbordenden Maß an Informationen, Zeitdruck und Widersprüchen zurecht zu kommen? Die Antwort lieferte Systemtheoretiker Niklas Luhmann schon vor 30 Jahren mit seinem Buch „Vertrauen: Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität“ (Stuttgart 1989). Mag dieses Plädoyer für eine Vertrauenskultur heute noch dringlicher und wichtiger sein als damals, stellen sich dennoch die Fragen: Wozu bedarf es des Vertrauens, wo es doch – auch dank der Digitalisierung – immer bessere Kontrollsysteme gibt? Was ist Vertrauen überhaupt? Wie schaffen wir eine Umgebung des Vertrauens und welche Bedeutung hat Vertrauen für unsere ganz persönliche Suche nach einem gelingenden Leben?

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