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TITEL

Mensch und Lust

Über Triebe und Befriedigung, Spaß und Freude sowie Lust an Leistung von Matthias Zimmermann

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nterhalten sich zwei Ziegen. Fragt die eine Ziege die andere: „Kommste mit inne Disco?“ Antwortet die andere: „Nee, ick hab‘ keen Bock“! Der kleine Witz in diesem Dialog liegt in seiner Zweideutigkeit. Keinen Bock zu haben führt auf Dauer zu Lethargie, Faulheit und zu Verdummung. Und in dem konkreten Fall wohl auch zu Einsamkeit und Verzicht. Lust zu haben und Lust zu erlangen sind nicht dasselbe. Dazwischen liegt häufig ein gehöriges Maß an Einsatzwille und Anstrengungsbereitschaft, also genau das, worauf man eben nicht immer Lust hat. Doch je härter ein Sieg errungen und je anstrengender der Weg zum Ziel ist, desto größer die Freude am Erfolg und die Lust am Gelingen. So sind Spitzenleistungen häufig Ergebnis des völligen Aufgehens im Tun, die absolute Hingabe an eine Handlung, die totale Fokussierung auf ein Ziel oder, um es mit einem Schlüsselbegriff des ungarischenamerikanischen Psychologen und Pionier der positiven Psychologie Mihály Csíkszentmihályi zu bezeichnen: das Resultat eines Flow-Erlebens. Der Heidelberger Verhaltensbiologe und Pädagoge Felix von Cube propagiert die Lust an der Leistung. Es gehört zum gelingenden Leben, sich Handlungsfelder zu erschließen, in die man selbstvergessen und mit einem Höchstmaß an Konzentration eintauchen, über die man Erkenntnisse erwerben und auf denen man Erfolge erzielen kann. Beispiele finden sich auf ganz unterschiedlichen Gebieten: musischen, literarischen und sportlichen, auch im privaten Miteinander oder im Beruf. Dabei sind diejenigen, denen es vergönnt ist, in ihrem Beruf voll und ganz aufzugehen, in der Minderheit. Das behaupten zumindest zahlreiche Studien zu Arbeitszufriedenheit, Motivation und innerer Kündigung. Wobei: Muss denn alles grundsätzlich mit Lust einhergehen? Oder besteht das Leben auch darin, Dinge zu tun, die eben keinen Spaß

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machen? Wenn Pflicht und Lust mal nicht übereingehen, müssen dann nicht trotzdem Leistungen erbracht und Erfolge erzielt werden? Sollen wir zum Beispiel nach einem Unfall darauf angewiesen sein, dass der Arzt, der uns mitten in der Nacht einer Notoperation unterzieht, gerade Lust darauf hat? Dazu schrieb Peter Hahne schon vor über 25 Jahren: „Schluss mit lustig“ – und prangerte die Spaßgesellschaft an. Ein durchaus berechtigter Einwand, heute vielleicht mehr denn je! Dann aber folgte sein Plädoyer: „Holt Gott zurück in die Politik“. Dass die Jahrhunderte, in denen die Menschen Europas unter dem Joch religiös dominierter Herrschaft lebten, zu den dunkelsten Epochen der Menschheitsgeschichte gehören, darüber wird in diesem Buch geflissentlich hinweggeblickt. Denn – und diese Frage dürfen wir unabhängig von Religion, Politik, Gesellschaft und Kultur nun mal in aller Offenheit stellen:

Was wären wir ohne die Lust?

Ja, was wären wir ohne die Lust? Unfähig, das Glück zu finden, würden die griechischen Philosophen sagen. Für Vergnügungen schlicht nicht zu gebrauchen, hätte es im alten Rom geheißen. Endlich befreit und nur allein Gott ergeben, wäre die Antwort der mittelalterlichen Kirchenherren gewesen. Für Höchstleistungen wohl ungeeignet, dürfte das Urteil in der modernen Arbeitswelt lauten, in der grundsätzlich alles mit Lust und Leidenschaft zu erledigen ist. Dabei ist die erste spontane Antwort auf diese Frage doch ganz einfach: Ausgestorben! Ohne die Lust als die intensive angenehme Weise des sinnlichen Erlebens durch die Befriedigung unserer Triebe würde es uns nicht mehr geben. Die Spezies Mensch wäre dem Artensterben erlegen.

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