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Sieben vor zwölf

Sieben zwölf vor

Das Schreiben hat Beate Ort während ihrer Brustkrebserkrankung geholfen. Jahre später hat sie ihre Erinnerungen veröffentlicht – als Ermutigung für andere Frauen.

Beate Ort hatte vor neun Jahren Brustkrebs. Heute sagt sie: Ich bin wieder unbeschwert. (Foto: Photographie Pitzen, Rodder)

„Ich bin wieder unbeschwert.“ So unbeschwert, dass Beate Ort manchmal fast schon wieder beängstigt ist. „Habe ich die Demut schon vergessen? Habe ich schon vergessen, wie schlecht es mir damals ging?“ Neun Jahre sind es im September 2020, dass Beate Ort die Diagnose Brustkrebs bekam. Heute sagt die 56-Jährige: „Ich bin geheilt. Ich hätte nie gedacht, dass ich meine Lebensunbeschwertheit wiederfinde.“ Alle Therapien sind abgeschlossen, die Nebenwirkungen stehen schon lange nicht mehr im Zentrum ihrer Wahrnehmung. Und dass sie ihr Leben wieder einfach schön finden kann, das war der letzte, wichtige Schritt um nicht nur am Körper, sondern auch an der Seele ganz und vollständig heil zu werden.

Beate Ort ist viele Schritte auf diesem Weg gegangen. Die Diagnose riss ihr – wem nicht? – damals den Boden unter den Füßen weg. Wenige Wochen zuvor hatte sie noch überlegt, ob sie sich aus Solidarität zu ihrer Mutter die Haare raspelkurz schneiden lassen sollte. Die Mutter hatte gerade zum zweiten Mal die Diagnose Krebs erhalten; Lymphdrüsenkrebs war es dieses Mal, Brustkrebs hatte sie 30 Jahre zuvor überlebt. „Und ein Vierteljahr später war ich selbst dran.“ Sie selbst, Ehefrau, Mutter zweier Söhne, Freiberuflerin. Im Oktober stand die erste Operation an, es folgten Chemotherapie und Bestrahlung, eine Reha im Juli 2012, dann Antihormontherapie bis November 2017.

In dieser Zeit hilft Beate Ort das Schreiben, schon in den ersten Tagen nach der Diagnose Mammakarzinom hält sie ihre Gedanken, Gefühle und Erlebnisse fest. „Das konnte ich körperlich gut umsetzen. Und das

Schreiben hat mir das Gefühl gegeben, den Tag sinnvoll zu verbringen.“ All ihre Ängste legt sie in ihren Zeilen ab, ohne sie laut aussprechen zu müssen. Das ist wichtig. Mit ihrem Schreiben schafft Beate Ort eine Erinnerung in Echtzeit, die ihr später hilft, die Erlebnisse nachzuempfinden, nachzuvollziehen und einzuordnen, denn oft vergehen Tage wie im Flug. „Das Schreiben war für mich eine Verarbeitung meiner Trauer, eine Seelenreinigung. Dann habe ich es wieder und wieder gelesen, und mich jedes Mal erinnert, wie es war.“ Dass ein fertiges Buchmanuskript in ihrem Schreibtisch liegt, war Beate Ort damals nicht bewusst. „Ich hätte meine Geschichte damals auch nicht veröffentlichen können. Ich war noch lange nicht so weit.“

Sehr schnell nach der Reha will Beate Ort wieder arbeiten, Teil des „normalen“ Lebens sein. In ihren ursprünglichen Beruf als medizinische Fußpflegerin kann sie nicht zurückkehren, „allein schon die ergonomische Haltung hätte ich nicht leisten können, nach den Therapien“. Ein Hotel stellt sie als Frühstücksdame an, doch nach zwei Wochen muss Beate Ort die Reißleine ziehen. „Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt, aber ich war körperlich am Limit, es war einfach zu schnell zu viel.“ Dass sie diese Stelle wieder aufgeben muss, wirft Beate Ort in ihrem Bemühen nicht nur am Körper, sondern auch an der Seele zu gesunden, herb zurück. Doch das Hotel fragt sie nach geraumer Zeit wieder als Frühstücksdame an, und dieses Mal klappt es gut. „Das war für mich ein großes Glück und ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Heilung.“ Dreieinhalb Jahre lang arbeitet Beate Ort im Hotel, will sich dann nochmals beruflich verändern und bekommt eine DreiviertelStelle im Service einer Seniorenresidenz. „Das war ganz

„Aus jeder Ecke kam jemand, in dessen engstem Umfeld ein Mensch an Krebs erkrankt ist.“ Mit dieser positiven Resonanz auf ihr Buch hatte Beate Ort nicht gerechnet. (Foto: privat)

Psychoonkologin Michi Peters aus Oberdürenbach ermunterte Beate Ort ihre Erinnerungen öffentlich zu machen. (Foto: privat)

wichtig zum Heilen und Genesen, der endgültige Heilungsprozess hat mit dieser Stelle eingesetzt, die ich körperlich gut leisten kann und bei der ich einfach merke, dass alles stimmt.“

Gleichzeitig meldet sich Beate Ort in einer Gruppe an, für Menschen mit und nach Krebs sowie deren Angehörige. „WohlGefühle“ heißt der Kurs in Tiefenentspannung, die Psychoonkologin Michi Peters aus Oberdürenbach in Bad Neuenahr anbietet. Was Beate Ort in der Runde klar wird: „Ich dachte immer, es geht mir gut. Ich habe immer eine rüstige Fassade aufrechterhalten als die Starke, die alles schafft. Doch innerlich sah es ganz anders aus. Ich habe mir nicht erlaubt in Tränen auszubrechen. Das mache ich ganz ungern. Ich habe ganz vergessen Mitleid mit mir zu haben. In dieser Gruppe habe ich gelernt, wieder in meine Mitte zu kommen, mit Atemübungen und Entspannungen.“ Und sie lernt mit den offensichtlichen Nebenwirkungen der Therapie umzugehen, dem unerträglichen Schwitzen unter der Antihormontherapie, den Knochenschmerzen, den Gelenkschmerzen.“

Psychoonkologin Michi Peters ermuntert Beate Ort ihre Aufzeichnungen mitzubringen. „Diese Worte laut auszusprechen hat mich mit großer emotionaler Wucht getroffen, obwohl meine Erkrankung schon fünf Jahre her war. Es hat noch so tief in mir gesteckt. Das zeigt doch, wie erschüttert ich im Innersten noch gewesen bin.“

Doch Beate Ort merkt auch, wie positiv ihre Zuhörer reagieren. Alle haben etwas Ähnliches erlebt, alle wissen, wovon sie redet, alle loben sie, wie positiv ihre Zeilen klingen, trotz der

Angst, die den Stift mitgeführt hat. Das ist der Punkt, an dem Beate Ort sich entscheidet ihre Erlebnisse während der Diagnostik, Chemotherapie und Bestrahlung nicht nur Familie und Bekannten zugänglich zu machen, sondern als Buch damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie nennt es „Prognose sieben vor zwölf“, auch, weil sie Glück gehabt hat und ihr Krebs gut behandelbar ist. Nicht um Geld mit ihrer Story zu verdienen, sondern um ihre Geschichte als beispielhaft sichtbar zu machen, um zu zeigen, wie Krebs auch gut ausgehen kann, wie positiv ein Leben „danach“ in Angriff genommen werden kann.

Beate Ort sucht einen Verlag, ist ganz nah dran, „doch dann schrieb die zuständige Lektorin doch, es gäbe nicht genug Leserschaft für dieses schwere Thema“. Beate Ort hält sich nicht länger mit der Suche nach einem anderen Verlag auf, sondern bringt ihr Buch selbst heraus, bei Books on Demand. Als die Korrekturfahne im August 2019 im Briefkasten liegt, hüpft ihr Herz. „Ich habe gemerkt: Ja, das ist wieder ein wichtiger Schritt zum Gesundwerden. Jetzt habe ich nochmal die Faust gegen die Erkrankung erhoben.“

In ihrem Heimatort Oberzissen in Rheinland-Pfalz, in der näheren Umgebung verkauft das Buch sich gut, Beate Ort wird zu Lesungen eingeladen, darf das Buch sogar bei ihrem Arbeitgeber in der Seniorenresidenz vorstellen. Womit die Autorin indes nicht gerechnet hat: „Aus jeder Ecke kam jemand, in dessen engstem Umfeld ein Mensch an Krebs erkrankt ist. Es haben mich Menschen angesprochen, die ihre Kinder oder Ehepartner verloren haben, Nichten, Onkel, Mütter, Väter. Da habe ich noch einmal gemerkt, wie richtig es war, das Buch veröffentlicht zu haben.“

Fast neun Jahre sind seit der Diagnose vergangen. Es hat lange gedauert, bis das Selbstvertrauen in den eigenen Körper zurückgekehrt ist, Vertrauen das Misstrauen abgelöst hat. „Für mich war das Buch wie ein Schlusspunkt und eine endgültige Verarbeitung der Ereignisse der ganzen Jahre. Ich bin froh, dass ich es gewagt habe.“ n

Beate Ort: Prognose sieben vor zwölf.

Books on Demand, 244 Seiten; 11,90 Euro