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BIO-FIBEL ZEITSCHRIFT FÜR WISSEN AUS DER BIOLOGISCHEN LANDWIRTSCHAFT

Gerhard Haderer – Der große Karikaturist hat was zu sagen Fleischbergeabbau − Besser informieren als schlecht schockieren Donaufeld − Heute Biogemüsefeld, morgen Häusermeer? Guter Geschmack − Milchmädchen, echt cool!

3/2016


EDITORIAL

AUCH SPASS MUSS SEIN! Die Biologische Landwirtschaft wird für das Erbringen einer Vielzahl an Leistungen gerühmt. Der Faktor „Spaß und Humor“ zählt zumindest in der Produktion nicht wirklich dazu. Vielmehr herrscht bei den meisten BioAkteurinnen großer ideologischer Ernst. Das Tun wird getragen von einem fast schon hundert Jahre alten Vermächtnis, von bleischweren Paragrafen und vom erhobenen Zeigefinger strengster Kontrollen und Sanktionen. Wird doch mit dem vielfach leidenschaftlichen Engagement die – im wahrsten Sinne des Wortes – Verwüstung gebremst, das Aussterben von Pflanzen und Tieren verhindert, die Aufheizung der Erdatmosphäre verlangsamt, die Verschmutzung des Trinkwasserpools hintertrieben, der Ausräumung der Kulturlandschaft ein Gegenkonzept vorgelegt oder auch die Verbreitung von im Labor zusammengebauter Genetik gestoppt. Zudem lässt sich die BioProduktion nicht wirklich gut vor den Geldkarren multinational tätiger Unternehmen spannen. Beobachtet man hingegen die Käuferinnen von Bio-Lebensmitteln, dann spielen fröhliche Gedanken eine tragende Rolle. Es geht um Lebensfreude, Gesundheit, Geschmackserlebnis, Genuss, Tierglück, Sortenvielfalt, Einkommensgerechtigkeit, Regionalität, Ernährungssouveränität, etc. etc. Bislang könnte man meinen, dass sich der Ernst der Produktion und die Freude beim Konsum ganz gut ergänzen. Es herrscht ein gewisses Gleichgewicht zwischen dem Angebot und der Nachfrage. Dieses bewegt sich allerdings auf bescheidenem Niveau, schlussendlich beträgt der Bio-Anteil weltweit nur 1 %. Das ist eindeutig zu wenig, um die Welt zu retten! Also haben die Vordenkerinnen vor Kurzem der BioLandwirtschaft unter dem Titel Bio 3.0 ein offensives Wachstumsszenario maßgeschneidert. Mutig visionäres Ziel ist es, ohne die Grundwerte zu verraten, 50 % Marktanteil zu erreichen. Spaß und Humor kommen in diesem Vorschlag für einen Paradigmenwechsel nun auch nicht vor, aber zumindest die Lust Neues zu denken ist deutlich zu spüren. Seit der Veröffentlichung herrscht in der Szene noch größerer Ernst, weil eben hundert jährige Prinzipien, Richtlinien, Kontrolle. Ungeachtet dessen ist uns für die Bio-Fibel 3-2016 der feinhumorige Karikaturist Gerhard Haderer sozusagen „über den Weg gelaufen“. Er hat sich als Gesprächspartner fast schon aufgedrängt, weil er ironischerweise mit großem Ernst gemeinsam mit engagierten Milchbäuerinnen den im Moment desaströs niedrigen Milchpreis anprangerte. Das Gespräch mit ihm war dann, obwohl viele gesellschaftspolitisch besorgniserregende Themen angeschnitten wurden, äußerst humorvoll. Ich wünsche Ihnen beim Lesen des Gesprächs, aber auch der weiteren Inhalte dieser Bio-Fibel viel Spaß!

INHALT

Reinhard Geßl, Herausgeber

Lasst Euch das nicht gefallen! 3 Donau-Bio-Feld 9 Mit der Kuh auf du und du 11 Zum Abbau des Fleischbergs 13 Shortcuts 14 Achtsames Reisen mit Slow Food 16 Es geht um die Milch! 18 Ice Ice Baby 21 Shortcuts 22-23 Impressum 22

Bio-Fibel 3/2016

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IM GESPRÄCH

LASST EUCH DAS NICHT GEFALLEN! Gerhard Haderer zählt zu den bekanntesten und bedeutendsten satirischen Zeichnerinnen im deutschsprachigen Raum. Seit 1985 nimmt er wöchentlich, zuerst im Profil und jetzt im Stern, mit feiner Ironie und spitzbübischem Humor politische Schieflagen und menschliche Abgründe aufs Korn. Auch die Bio-Landwirtschaft kam nicht ganz ungeschoren davon.

In seinen jungen Jahren suchte der ausgebildete Werbegrafiker Gerhard Haderer sein Glück in der Werbebranche. Dieses fand er zwar finanziell, gleichzeitig stürzte ihn die Oberflächlichkeit seines Tuns in eine Sinnkrise. Aus seiner inneren Not entwickelte sich 1985 „zufällig“ der Karikaturist. Seither ist die deutsch-

sprachige Öffentlichkeit ohne seine Cartoons kaum mehr vorstellbar. „Think Big!“ lautet nicht nur sein Lebensmotto, sondern auch der Titel einer aktuellen Ausstellung im Kremser Karikaturmuseum. In dieser stellt er neben den gewohnten Zeichnungen zu gesellschaftlichen, kulturellen und zwischenmenschlichen Themen erstmals seine großformatigen, im Stile der Alten Meisterinnen gemalten „Ölschinken“ aus. Heuer wurde der in Linz tätige Künstler 65. Etwas überraschend – auch für ihn selber – fungierte Gerhard Haderer im Sommer als prominenter Fürsprecher eines fairen Milchpreises. Seinen dringlichen Appell zum Erhalt der kleinstrukturierten Landwirtschaft nahmen wir als Steilvorlage , um mit ihm im Gastgarten eines Kremser Kaffeehauses über alte Grundwerte und neue Fassaden von Bio, kaputtgesparte (Holz-) Kühe, verpflichtenden gesellschaftlichen Ungehorsam , aber auch über den richtigen Augenblick für scharfe Kritik zu plaudern.

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Bio-Fibel 3/2016


IM GESPRÄCH

Herr Haderer, bei unseren Recherchen sind wir auf nur wenige Bio-Verrisse von Ihnen gestoßen. Haben Sie in Ihrer Arbeit Bio gar verschont? Nein, nein, ich habe schon einige Cartoons zum Thema BioIndustrie gemacht. In denen ist die Kulisse vorne besonders bunt und Bio – und dahinter steckt dann eine knallharte „Abzocker-Industrie“.

Vorweg ist einmal zu sagen: Wir Künstler sind niemals dafür da, Lösungen anzubieten, sondern die richtigen Fragen zu stellen. Die richtigen Fragen sind das Entscheidende. Die Kühe-Aktion hat für mich vor allem zwei Facetten: Meine Haltung zur Landwirtschaft – und dann kam auch noch eine unwiderstehliche, junge Bäuerin auf mich zu und hat gefragt, ob ich eine Kuh zeichnen kann.

Sie meinen doch nicht, Bio sei nur ein Geschäft?!. Die klassischen Bio-Gedanken sind schon sehr okay. Darum habe ich den Bio-Grundgedanken auch nie als Thema genommen. Es ist ja gescheit, wenn man weiß, wie Erdäpfel natürlich angebaut werden. Doch gibt es in dieser Szene auch eine Schickeria und um diese Auswüchse kümmere ich mich.

Und Sie konnten dieser Bitte nicht widerstehen? Ach, wissen Sie, mit einem „Bitte kannst Du mir helfen?“ kommen relativ viele Leute zu mir. Das alleine war’s nicht. Ich habe gefragt, wofür ich denn eigentlich eine Kuh zeichnen soll. Die Bäuerin, die obendrein die Obfrau der Österreichischen Bergbauern Vereinigung ist, hat gemeint: „Schau, es gibt bei uns viele Bauern, die ihre Höfe nicht mehr erhalten können, weil der Milchpreis im Moment so absurd niedrig ist.“ Da wollte ich was tun, um auf diese Situation aufmerksam zu machen. Herausgekommen sind Kühe, die optisch so manches idyllische Landwirtschaftsklischee auf den Kopf stellen. Wir haben lebensgroße Kühe gestaltet, die ziemlich marode sind. Kaputte, fertige Kühe – was eben damit zusammenhängt, dass die Kühe bei der gegenwärtigen Situation draufgehen.

Illustration: Gerhard Haderer

Wie haben Sie sich darauf vorbereitet? Die Milchwirtschaft ist nicht unbedingt mein Bereich, das stimmt schon. Darum habe ich mich auch zu diesem Thema eingelesen. Und dann waren da ja auch viele andere Bäuerinnen, wirklich engagierte Frauen, mit denen es natürlich Gespräche gab. Wir haben gemeinsam die Kühe aus Holz ausgeschnitten und miteinander bemalt. Das allein hat mir schon imponiert – wie diese Frauen ans Werk gegangen sind.

Wer im Biolandbau übertreibt, darf mit Ihnen rechnen? Ja, meine Lieben, selbstverständlich! Zum Glück dürfen auch die österreichischen Milchbäuerinnen mit Ihrem Engagement rechnen. Eigenwillige Holzkühe aus Ihrer Feder machen neuerdings auf die triste Situation kleiner Milchviehbetriebe aufmerksam. Warum das?

Bio-Fibel 3/2016

Haben Sie bei dieser Kuh-Aktion auch des „Pudels Kern“ der österreichischen Milchwirtschaft entdeckt? Mir ist relativ schnell klar geworden, dass man von der Milch sehr schnell zu den größeren Zusammenhängen kommt. Nämlich, wie funktioniert die EU-Förderpolitik in der Landwirtschaft? Ich will hier jetzt gar nicht ausführen, in welche Bereiche man da vorstößt … Vielmehr interessiert mich ein Gedanke, den ich immer schon hatte: Das Höchstmaß an Abhängigkeiten in unserer Gesellschaft. Wenn ich mich da umschaue, gibt es besonders in der Landwirtschaft nur ganz, ganz wenig, wie „persönliche Freiheit“ oder „Entscheidungsfreiheit“. Die persönliche Freiheit, sich für etwas zu entscheiden oder auch nicht, erachte ich als ein besonders hohes Gut. Meinen Sie damit auch, dass den Menschen beim Essen die Entscheidungsfreiheit tatsächlich mehr und mehr abhandenkommt? Keine Frage, man könnte sagen: Wenn man die Konsumenten einmal 14 Tage von den Energieflüssen abschneidet, verhungern sie vor den geschlossenen Glastüren der Supermärkte. Weil niemand mehr weiß, wie man Erdäpfel anbaut oder Tiere

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IM GESPRÄCH

schlachtet – also Tiere aus Fleisch und Blut, und nicht die, die in Plastik eingegossen sind und im Supermarkt liegen. Diese Grotesken an der Oberfläche waren schon immer meine Themen. Ich appelliere mit meinen Zeichnungen immer auch an die Vernunft der Konsumenten und sage: „Lasst Euch das nicht gefallen, sondern sorgt für andere Umstände!“ Ihre künstlerischen Arbeiten warnen demnach vor Abhängigkeiten? Und fordern zur Sensibilität auf. Zu einer Sensibilität gegenüber jenen Umständen, die dazu führen, dass wir die Milch nur noch über Großkonzerne und Supermärkte beziehen. Wie erfrischend ist dagegen der Gedanke, wieder einmal zu einem Bauernhof zu gehen und sich dort die Milch zu holen. Ist das nun trockene Theorie oder machen Sie das selbst? Natürlich machen wir das! Die Eier, die ich esse, sind unvergleichlich gut. Selbstkritisch muss ich allerdings hinzufügen, dass ich nur ein halbes Jahr auf dem Land lebe und die andere Hälfte in der Stadt verbringe. Dort ist es dann mit dem Einkaufen am Bauernhof nicht ganz so einfach. Ökonomische und politische Abhängigkeiten scheinen ebenso zum bäuerlichen Berufsalltag zu gehören, was sagen Sie dazu? Es gibt ja diesen Satz: „Nur die dümmsten Kälber wählen sich ihre Schlächter selber.“ Wenn man sich nur diese Machtballungen im Agrarbereich ansieht – also, hier geht es wirklich um Politik. Und Politik hat nicht immer das Wohl des Einzelnen im Fokus, sondern oft bloß Strategien, um die eigene Macht abzusichern. Diese Verhältnisse muss man dringend hinterfragen. Dazu braucht es unbedingt sehr engagierte, einzelne Kämpfer.

Das glauben wir Ihnen nicht! Sollten Sie aber. Es ist wirklich kein „fishing for compliments“. Meine Zeichnungen haben eine Kraft, die meine Sprache nicht hat. Ja, meine Arbeiten in den Magazinen, die haben schon eine Strahlkraft und können sogar stigmatisieren. Sobald ich mir einen Politiker zeichnerisch vorknöpfe, hört er das schon. Das kommt zu ihm und das spürt er. Aber im Augenblick der Arbeit, schiebe ich diese Macht sehr weit von mir weg. Als Initiator der „Schule des Ungehorsams“ in der Linzer Tabakfabrik möchten Sie das „Aufmüpfertum“ zum österreichischen Pflichtfach erheben. Was bedeutet für Sie „ungehorsam“ im gesellschaftspolitischen Kontext? Der Begriff „Ungehorsam“ per se ist nicht unbedingt eine Weltformel. „Ungehorsam“ in voller Konsequenz würde unweigerlich in der Verblödung enden. Das ist mir schon klar, immer nur „ungehorsam“ zu sein, verläuft sich in der Verblödung. Aber denkt man einmal den Begriff „Gehorsam“ konsequent weiter, dann mündet dieser in der Sklaverei. „Gehorsam“ versklavt die Menschen. Man muss ja nicht unbedingt ein Historiker sein, um das zu beweisen: Gehorsam, Kadavergehorsam … bis hin zur speziellen österreichischen Art des „vorrauseilenden Gehorsams“ – schrecklich, was dieser Begriff, diese Haltung alles in der Geschichte zu verantworten hat. Daher erlaube ich mir, mit der „Schule des Ungehorsams“ das Gedankenspiel einer Umkehrung: „Ungehorsam“ als Prinzip könnte ja auch heißen, dass sich jeder Einzelne der Verantwortung stellt.

Apropos „Macht“: Als äußerst erfolgreicher Künstler gehören Sie durchaus zu den „Mächtigen“ in unserer Gesellschaft. Wie gehen Sie mit dieser, Ihrer Macht um? Die Idee, dass man mit dem, was man über seine Arbeit intendiert, auch Macht hätte – das würde ich mir niemals zugestehen. Das Einzige, was ich im Fokus habe, ist, meine persönlichen Befindlichkeiten ständig zu überprüfen. Wie geht es mir denn in dieser Welt, mit dieser absurden Weltordnung, die zutiefst menschenverachtend ist? Aus diesen Fragen heraus entstehen meine Cartoons. Gut, hin und wieder kann ich schon Botschaften äußern, die Menschen mit einer gleichen Sichtweise als Bestätigung empfinden. Ich bin allerdings nicht in der Lage, große, politische Strategien zu entwickeln. Sie rufen keinen Politiker an und sagen: „Mein lieber Freund, so geht’s nicht weiter“? Nein, dieser Gedanke kommt mir nicht. Ganz und gar nicht. Zudem weiß ich ja, dass ich am Telefon lange nicht so gut bin, wie bei meinen Zeichnungen.

Bio-Fibel 3/2016


IM GESPRÄCH

Sinnvoller Ungehorsam schützt sozusagen vor der Sklaverei? „Ungehorsam“ ist ein schöner und sehr ernsthafter Gedanke, um sich bei Befehlen die entscheidende Gretchenfrage zu stellen: Kann ich das wirklich vertreten? Befehle werden zwar heute zumindest bei uns nicht mehr vom Militär gegeben, aber dafür kommen die Befehle jetzt vom Mainstream, von der umfassenden Werbung. Trends werden entwickelt und wie Befehle erteilt und ausgerufen. Ihr Gedankengebäude in Ehren, doch ist diese „Schule des Ungehorsams“ nicht bloß ein weiteres Plauderkränzchen für Intellektuelle? Ein Zigarrenclub in der Linzer Tabakfabrik? (Lacht laut und zieht an seiner Zigarre) Das glaube ich nicht. Es gibt schon einige konkrete Ideen und Projekte. Das oberste Prinzip bei uns ist generell der Spaßfaktor, die Menschen sollen eine Mordsgaudi miteinander haben. Was zugegeben in einem Zigarrenclub nicht unbedingt der Fall ist … Dass wir dann vielleicht auch politische Themen abholen, ist ein Nebeneffekt. Wichtig ist einmal, dass wir tolle Musik machen, Theater und Literatur bringen, mit geilen Zeichnern arbeiten etc. etc. Und das auch nicht an einem bestimmten Ort, sondern dort, wo’s gerade notwendig ist. Wie sieht das konkret aus? Zum Beispiel wollen wir eine Wanderakademie mit Wohnmobilen umsetzen – mit Künstlern, Wissenschaftlern – wer weiß, vielleicht sogar mit Politikern. Ja, wir würden sogar Lehrer einladen. Das heißt, Sie möchten ganz Österreich mit einer bunten, ungehorsamen Schar heimsuchen? Na, sicher! Was heißt ‚ganz Österreich‘ – in Berlin schreien sie jetzt schon nach uns!

Bio-Fibel 3/2016

Verzeihen Sie bitte die nächste Frage, aber Sie haben einmal als Grafikdesigner viel Geld verdient, oder? Jede Menge sogar! Na ja, und jetzt versuchen Sie andere Menschen vom materiellen Glück fernzuhalten. Ist das nicht die Geschichte vom „Wasser und Wein“? Nein, da kann ich die Geschichte anders beschreiben: Dankenswerterweise haben mir meine Eltern eine Grafikdesign-Ausbildung ermöglicht. Das war auch gut so, weil die Ausbildung meinem Talent entsprach. Das passt ja alles. Dann hat man mir allerdings gesagt: Jetzt hast Du einen Beruf und kannst viel Geld verdienen. 15 Jahre lang habe ich das auch getan, war gefragt und so was wie ein Star in der Szene. Aber ich habe dann gemerkt: Ich leide wie ein Hund. Diese Art von Tätigkeit hat mir wirklich Schmerzen bereitet. Ich will doch keine Strömungen verstärken, die mit mir persönlich nichts zu tun haben. Autos verkaufen und so. Das hat dann zu einem Kampf mit mir geführt, der nicht ohne war. Beinahe wäre ich da draufgegangen, so depressiv wurde ich. Bis Dreiunddreißig habe ich schließlich gebraucht, um den Mut zu fassen und zu mir zu sagen: „Ab heute nehme ich keine Aufträge mehr an, die nur Geld bringen. Und ich verlange jetzt, dass alles, was ich mit meinem Talent zu Papier bringe, auch was mit mir selbst zu tun hat.“ Das war die Geburtsstunde des Künstlers Gerhard Haderer? Da war dann der Cartoonist, der Karikaturist fertig. Ich fing an, Bilder zu zeichnen, wie sie mich täglich umgaben – und die Menschen haben gemeint: „Hey, das sind ja Cartoons!“ Das wusste ich damals noch gar nicht. Für mich waren das beinharte Abrechnungen mit meiner Welt. Und schon ging es wieder rasant die Karriereleiter hoch?


IM GESPRÄCH

Ja, es ging wirklich sehr schnell. Der Chefredakteur des damaligen Profil hat mich angerufen und gefragt: „Warum kenne ich Sie nicht? Ich habe da ein Blatt von Ihnen gesehen.“ Und ich habe ihm geantwortet: „Ganz einfach, weil ich nicht im Profil bin.“ Das hat ihm imponiert, diese Schlagfertigkeit. Mittlerweile kennt Sie jeder Chefredakteur und Sie konfrontieren die Menschen seit vierzig Jahren mit Ihren kritischen Bilderwelten. Dadurch wurde Österreich und generell die Welt leider nicht besser. Verzweifeln Sie nicht manchmal in der Rolle als zeichnender Don Quichote? Es wird sogar immer schlechter! Aus diesem Grunde lehne ich es entschieden ab, vom Staat Österreich irgendwelche Auszeichnungen zu bekommen. Erst vor Kurzem hat mir ein Kulturminister den Professorentitel angeboten. Freilich habe ich den nicht angenommen. Denn es ist ja genau das eingetroffen, was Sie sagen: Ich arbeite mir seit vierzig Jahren mein Hirn wund und will die Umstände verbessern – doch was passiert?! Das Gegenteil! Viele meiner Zeichnungen werden offenbar von den Politikern als Anleitungen missverstanden. Wir bewegen uns gerade auf Verhältnisse zu, von denen ich dachte, die hätten wir schon seit Jahrzehnten hinter uns gelassen. Fast müsste man Sie bitten, nichts mehr zu zeichnen. Sie können mich ruhig darum bitten, es wird Ihnen allerdings nichts nutzen. Muss ein kritischer Künstler wie Sie nicht eigentlich auch sehr mutig sein? Das eine oder andere „Opfer“ könnte Ihnen ja auf der Straße begegnen. Ja, ja, das passiert schon …

Wechseln Sie dann schnell die Straßenseite? Nein! Aber zu Ihrer eigentlichen Frage: Ich habe mich noch nie als einen mutige Menschen gesehen. Ich bin aber relativ konsequent im Umgang mit mir selbst. Ich schaue ziemlich genau in den Spiegel und frage mich: Wie benimmst Du Dich eigentlich? Was kannst Du vertreten? Und aus dieser Selbstreflektion heraus geschehen dann meine Äußerungen. Das sind niemals Provokationen, der Provokation wegen. Das fände ich sehr langweilig. Klar, sobald man bestimmte Wahrheiten ausspricht, werden diese von anderen oft als Provokation empfunden. Dass mich Menschen auf der Straße anpflaumen, passiert schon. Nur, sobald ich dann stehen bleibe und mit diesen Leuten zwei Minuten rede, dann feiere ich damit meine Triumphe. Diese Leute drehe ich innerhalb kurzer Zeit so um, dass sie sich nicht mehr auskennen. Hatten Sie je das Gefühl, sich bei jemandem für einen Cartoon entschuldigen zu müssen? Ich glaube schon. Im Laufe der Zeit ändern sich ja manche Menschen und ihre Sichtweisen. Von da her habe ich sicherlich einige Politiker ungerechtfertigt scharf bloßgestellt. Doch nie im Augenblick, bei der Arbeit, beim Zeichnen. Mit Ihrem Werk „Das Leben des Jesus“ wurden Sie 2002 in Österreich und weit über die Grenzen hinaus heftig angegriffen. In Griechenland sogar mit sechs Monaten Haft bedroht. Schleicht sich bei solch dramatischen Ereignissen eine Art Selbstzensur im Kopf ein? Nein. Und zwar deshalb nicht, weil ich vier Kinder habe. Würde ich da meine Haltung ändern, müsste ich meinen Kindern erklären, weshalb ich sie das ganze Leben anders erzogen habe. Man kann nicht plötzlich alles über Bord werfen und behaupten: Ab jetzt gilt das Gegenteil. Auch bei unserer knallharten Schlussfrage gibt es keine Zensur! (Lacht) Ich habe schon gefühlt, dass da noch was Schlimmes kommt. Welche Lebensmittel schaffen es bei Ihnen nur in BioQualität in den Kühlschrank? Ganz biologisch? Aus Prinzip, meinen Sie? Genau! Na, das ist wirklich eine knallharte Frage. Es ist nicht so, dass wir dogmatisch nach biologischen Kriterien einkaufen. Das schaffen wir nicht. Meine Frau und ich schauen aber sehr bewusst, was wir kaufen und vor allem, was wir nicht kaufen. Ich freue mich jedenfalls über die Gnade, frisches Gemüse aus unserem Garten zu ernten. Das ist Bio, zu 100 %. Danke für das Gespräch! Wilfried Oschischnig und Reinhard Geßl

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Bio-Fibel 3/2016


Biogärtner Florian Kothny zeigt, wohin die Stadtentwicklung strebt: vom Boden weg nach oben


BIO-WISSEN

DONAU-BIO-FELD Wahrscheinlich fühlt sich beamen so ähnlich an. Für den Fall, dass jemand dieses Gefühl abseits von Science-Fiction-Visionen nachvollziehen möchte: es reicht ein Abstecher mit dem Fahrrad ins Wiener Donaufeld!

Dort wird an allen Ecken gebaut. Man radelt eine Weile zwischen den aus dem Boden gestampften, gesichtslosen Wohnburgen, biegt einmal ums Eck und findet sich plötzlich inmitten einer ländlichen Idylle wieder. In dieser wäscht Florian Kothny gerade Karotten für den kommenden Markttag bevor er uns zu einem Rundgang über seine Bio-Gemüsefelder mitnimmt. Seit vier Jahren bewirtschaftet er nun gemeinsam mit Galina Hagn die „Bioschanze“. Mitten im Stadterneuerungsgebiet Donaufeld ernten die beiden eine unüberschaubare Vielfalt an Gemüsesorten mit direktem Blick auf die Skyline der Donaucity. Es ist eine Oase, oder vielleicht auch ein bisschen ein gallisches Dorf, denn die Bioschanze ist einer der letzten landwirtschaftlichen Betriebe in dem Grätzel. Bis vor 15 Jahren wurde im Donaufeld noch großflächig Gemüse angebaut. Kein Wunder, denn neben besonders fruchtbaren Böden profitiert man hier von einem günstigen Mikroklima und der guten Wasserversorgung durch die nahe Donau. Auch Florian Kothny gerät ins Schwärmen und meint, er habe selten einen so fruchtbaren Boden erlebt. Über Jahrzehnte wurde hier regelmäßig mit Kuhmist organisch gedüngt, der Humusanteil ist entsprechend hoch. Auch er bezieht schon bald Kuhmist von einem befreundeten Biobetrieb, ansonsten setzt er unter anderem auf eine ausgewogene Fruchtfolge, Gründüngung und Erbsenschrot, um die Bodenfruchtbarkeit zu sichern. Dem Gemüsebauern wurde die Biolandwirtschaft im wahrsten Sinne des Wortes in die Wiege gelegt: Seine Eltern waren „Bionierinnen“, sie gründeten bereits in den 1970er Jahren einen Demeter-Betrieb in der Steiermark. Auch Kothny beschäftigt sich beruflich schon seit Jahren mit dem biologischen Gemüsebau − teilweise auch in Kombination mit Sozialarbeit. Die Flächen der Bioschanze hat er gepachtet, von einer Dame, die die Flächen gerne weiter in landwirtschaftlicher Nutzung

sehen würde. Allerdings rücken die Wohnblöcke jedes Jahr ein Stück näher. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass es der Verpächterin doch zu eng wird und sie das Stückerl fruchtbaren Bodens früher oder später doch verkauft. Damit wäre dieser durch Versiegelung unwiederbringlich verloren. Vorerst läuft der Pachtvertrag noch ein paar Jahre, Florian Kothny und Galina Hagn hoffen aber, dass sie die Bioschanze auch langfristig bewirtschaften können. Und paradoxerweise könnte genau jene Entwicklung, die die Idylle bedroht, gleichzeitig auch zu deren Rettung beitragen: Zahlreiche Donaufelderinnen, die in einen der Wohnblöcke rund um die Bioschanze gezogen sind, wünschen sich nämlich mit Nachdruck ein Weiterbestehen des Biobetriebs, der in Sachen Gemüse mittlerweile eine wichtige Nahversorger-Funktion einnimmt. Auch Florian Kothny und Galina Hagn engagieren sich dafür, dass die Bioschanze langfristig in das Stadterweiterungsprojekt integriert wird. Und auf die Frage, was passiert, wenn es doch nicht klappen sollte, antwortet der Bio-Gärtner mit einem Augenzwinkern: „Falls wir doch einmal von hier weg müssen, nehmen wir die Erde einfach mit.“ Elisabeth Klingbacher

ZAHLEN UND FAKTEN Betrieb: Bioschanze, An der Schanze 17, 1210 Wien Florian Kothny und Galina Hagn bewirtschaften gemeinsam den 3 ha großen Gemüsebaubetrieb; während der Sommermonate werden sie von drei Saisonarbeiterinnen unterstützt. Verkauf der BioGemüsevielfalt und samenfesten Sorten: freitagnachmittags direkt ab Hof, an Samstagen am Kutschkermarkt und am Naschmarkt. Info: - In Österreich werden jeden Tag durchschnittlich 22 ha Boden, das entspricht rund 30 Fußballfeldern, verbaut. -  Fruchtbare Böden sichern nicht nur unsere Ernährung, sie dienen auch dem Hochwasserschutz und der Klimaregulation.

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Bio-Fibel 3/2016


Christoph Mairinger beim Treiben eines Rindes im Laufstall. Ja nicht in die Augen schauen!


BIO-WISSEN

MIT DER KUH AUF DU UND DU Ein Rind ist grundsätzlich ein friedliebendes Tier. Das ändert sich aber rasch, wenn es sich in die Enge getrieben fühlt oder sein Kalb bedroht sieht. Im „Eins gegen Eins“ wird es für den Menschen rasch ungesund: 700 kg gegen 70 kg. Christoph Mairinger lehrt, möglichst nicht in diese Situation zu kommen.

Christoph Mairinger ist Sicherheitsberater bei der Sozialversicherungsanstalt für Bäuerinnen in Oberösterreich, mit Schwerpunkt Unfallursachenforschung. Er erscheint immer dann an einem Betrieb, wenn etwas Ärgeres passiert ist. Viel lieber aber berät er im Vorhinein, wenn es darum geht, die Sicherheit grundsätzlich zu erhöhen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf Betrieben mit Urlaub oder Schule am Bauernhof, aber auch auf der Schulung von Teilnehmerinnen an der Aktion „Sicherer Bauernhof“. Am Bauernhof lauern unzählige Gefahrenmomente. Sei es, dass man wo hinunterfällt, sich an Geräten verletzt, von Maschinen gequetscht wird oder etwas im Mensch-Tierkontakt grob schief geht. Aus vielfältigen Gründen hat es zuletzt immer wieder zum Teil schwere Unfälle mit Rindern gegeben. Diesen Umstand wollte Christoph Mairinger nicht länger so hinnehmen, also absolvierte er 2014 in Frankreich eine vierzehntägige Trainerinnenausbildung zum Thema „Umgang mit Rindern“. Bei dieser intensiven theoretischen und vor allem praktischen Ausbildung lernte er zum Beispiel einfache Verhaltensweisen, wie man eine Kuh in der Herde sowohl innerhalb eines meist beengten Stalles, aber auch im Auslauf oder auf der Weide ohne Stock und Gewaltandrohung ruhig und sicher lenken kann. „Das Geheimnis beim Treiben eines einzelnen Tiers besteht darin, diesem nicht in die Augen zu schauen. Das ist am Anfang gar nicht so einfach, weil unsere normale Kommunikation über den Augenkontakt beginnt. Vielmehr fixiert man mit dem Blick auf der Rückenlinie des ausgewählten Tiers jenen Punkt mit dem ersten Haarwirbel. Dieser liegt in etwa über dem Widerrist. Indem ich dort hin schaue, fühlt sich das richtige Tier eindeutig ‚angesprochen‘,

aber nicht in die Enge getrieben oder gar angegriffen. Das ist eine gute Voraussetzung für ein stressfreies Treiben. Gehe ich – mit den Augen am Haarwirbel – langsam in einem bestimmten Abstand, bewegt sich das Tier fast synchron mit mir. Es klingt unglaublich, aber ‚der Synchrontanz‘ funktioniert (fast) immer“, erzählt der „Kuhversteher“. Dieses Handwerk lehrt er vor allem in Oberösterreich. Die Teilnehmerinnen – meist Menschen, die tagtäglich mit Rindern zu tun haben – lernen neben dem stressfreien Treiben der Tiere auch, wo man eine Kuh als vertrauensbildende Maßnahme streicheln soll oder wie man mit einem Strick ohne Knoten ein einfaches, aber sichereres Halfter macht. „Und das Interessante ist“, plaudert Mairinger aus der Schule: „Die meisten Teilnehmerinnen sind zwar ausgewiesene Rinderprofis, aber wie sie sich richtig in einer Herde bewegen und einzelne Tiere gezielt ‚ansprechen‘ können, ist meist völliges Neuland. Die Übung ‚mit dem Rücken langsam auf eine (fremde) Kuh zugehen‘ trauen sich viele überhaupt nicht zu, weil ihnen das Grundvertrauen in das angeborene Verhalten der Rinder fehlt.“ Die Teilnehmerinnen eines Kurses werden nun wohl kaum stundenlang Kühe streicheln, dafür aber Tiere ruhig und sicher von da nach dort bringen. Schlussendlich ist es ein gutes Gefühl, mit der Kuh auf Du und Du zu sein anstatt in eine „Eins gegen Eins“-Situation zu geraten. Reinhard Geßl

ZAHLEN UND FAKTEN Initiative: „Mit der Kuh auf Du und Du“ von der Sozialversicherungsanstalt der Bäuerinnen, Regionalbüro Oberösterreich, Dipl.-Ing. Christoph Mairinger, www.svb.at Info: - Meist gibt es weltweit deutlich mehr Tote durch Kühe als durch Weiße Haie. Dabei sind Rinder friedliebende Pflanzenfresser, die nur in Notsituationen angriffig werden. -  Rinderunfälle stehen in der bäuerlichen Unfallstatistik an vorderster Stelle. 2014 ereigneten sich in Österreich 765 Tierunfälle, fünf davon verliefen tödlich.

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Nina Schwaminger hält ihre Mastarbeit hoch. Wer Fleisch isst, muss auch wissen, wie die Tierhaltung war.


BIO-WISSEN

ZUM ABBAU DES FLEISCHBERGS „Schon seit Menschengedenken werden Tiere als niedere Wesen betrachtet. Nutztiere werden heute zur Bedürfnisbefriedigung wie Produktionsmaschinen verwendet. Der Umgang der Menschen mit den Tieren kann als unethisch bezeichnet werden.“ Dieser Befund motivierte Nina Schwaminger zu ihrer Masterarbeit an der Fachhochschule Wieselburg.

„Eine tierethische Perspektive in der Intensivtierhaltung: Handlungen und Maßnahmen“ lautet der Titel der Abschlussarbeit im Studiengang Organic Business und Marketing. „Für die Erarbeitung der Maßnahmen gegen das unbedachte Essen von Fleischbergen – meist aus unethischer Intensivtierhaltung“ führte sie Expertinnenbefragungen durch. Keine Frage, in Österreich wird zu unbedacht und damit viel zu viel Fleisch gegessen. Der niedrige Preis spielt dabei eine größere Rolle als die Beschäftigung mit der Frage, wie ist es dem Schwein, dem Rind, dem Masthendl vorher gegangen. „Wenn es die Konsumentinnen wünschen, dann produzieren wir das so“ hört man gerne aus der Landwirtschaft. Aber wie groß ist die gestalterische Kraft der (fleischessenden) Konsumentinnen auf die (globale) Fleischindustrie wirklich? Kann ein strategischer Konsum im bestehenden System tatsächlich Tierleid minimieren? Gefragt waren also die Expertinnen. Diese waren sich in ihren Aussagen überraschend einig, dass jede Einzelne zwar Möglichkeiten hat, das Wohl der Nutztiere zu steigern, de facto aber auf verlorenem Posten steht. Die Wirkung eines strategischen Kaufs von zum Beispiel einem tiergerecht im Freiland aufgezogenen Masthendl wirkt nur indirekt, das System reagiert viel zu träge. Was rasch und effizient etwas verbessern würde, wäre ein konsequenter Eingriff in die Produktionsprozesse durch entsprechende Gesetze. Hier wäre die Politik gefordert, fasst die Arbeit zusammen. In Österreich schwächeln nach Erkenntnis von Nina Schwaminger genau in dem Bereich die Ansprechstellen, um die Wünsche der Konsumentinnen erfolgreich in die Politik zu bringen. Sie formuliert den Umstand diplomatisch: „Interessant in dem Zusammenhang scheint auch, dass in Österreich die Konsumentinnen keine starke aktive, institutionelle Instanz haben, die den vorhandenen Wunsch

nach mehr Tiergerechtheit im Fleischbereich mit Expertise und entsprechendem Nachdruck politisch vertreten (wollen). Sowohl der Verein für Konsumenteninformation als auch die Arbeiterkammer haben genügend Verbesserungspotenzial, wenn es um die Vertretung tierethisch relevanter Themen für die Konsumentinnen geht.“ In den Gesprächen mit der Familie und mit Freundinnen hat sie als neue Expertin analysiert, dass das heute gängige Zeigen von Horrorbildern von Entgleisungen der Intensivtierhaltungen wenig Handlungsänderung bewirkt bzw. sogar kontraproduktiv ist. Ihr sachlicher, nicht belehrender oder gar anklagender Umgang mit diesem emotionalen Thema habe in ihrer Umwelt viel bewirkt. „Mein Umfeld hat begonnen, sich mit Fleisch ernsthaft auseinanderzusetzen. Und siehe da, selbst die leidenschaftlichen Fleischesserinnen haben innegehalten, essen heute weniger Fleisch und kaufen bewusster Fleisch ein. Sie kaufen Bio-Fleisch.“ An dem Punkt wären wir wieder beim mäßig erfolgversprechenden strategischen Konsum. Zum Abbau des Fleischbergs braucht es auch den politischen Willen. Als Bioland Nummer eins hätte Österreich die besten Voraussetzungen für diesen Schritt. Reinhard Geßl

ZAHLEN UND FAKTEN Masterarbeit: Nina Schwaminger (2016): Eine tierethische Perspektive in der Intensivtierhaltung: Handlungen und Maßnahmen, www.amu.at Info: -  Laut FAO wurden 2014 weltweit mehr als 315.000.000.000 Kilo Fleisch produziert. Der Pro-Kopf-Konsum lag demnach im globalen Mittel bei über 43,4 Kilogramm pro Jahr. -  In Staaten mit hohem Fleischkonsum werden 50-75 % des angebauten Getreides und der Ölsaaten an Nutztiere verfüttert.

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Bio-Fibel 3/2016


SHORTCUTS

SCHLUSS MIT LUSTIG

GENUG GENÜGT

Heuer fiel der „Earth Overshoot Day“ auf den 8. August – fünf Tage früher als 2015 und zwölf Tage früher als 2014. An diesem Tag hatte die Menschheit die für 2016 rechnerisch zur Verfügung stehenden Ressourcen bereits verbraucht. Während die Erdbewohnerinnen im Jahr 2000 im Oktober die Belastungsgrenze erreichten, sind die Ressourcen dieses Jahr so früh wie noch nie erschöpft. Die Berechnungen berücksichtigen den Bedarf an Acker-, Weide- und Bauflächen, die Entnahme von Holz, Fasern oder Fisch, aber auch den Ausstoß von Treibhausgasemissionen und die Müllproduktion. Die Berechnungen zeigen, dass die Menschen Anfang der 1960er Jahre nur drei Viertel der Kapazitäten der Erde beanspruchten, heute „verbrauchen“ sie rein rechnerisch 1,6 Erden – auf Kosten künftiger Generationen. Selbst vorsichtige Prognosen zu Bevölkerung, Energie- und Lebensmittelbedarf gehen davon aus, dass 2030 die Biokapazität von zwei Erden benötigt wird, wenn sich der Ressourcenverbrauch im jetzigen Ausmaß fortsetzt – der „Earth Overshoot Day“ wäre dann schon am 28. Juni. Dabei sind die Wasserbelastung durch Chemikalien, der Verbrauch von nicht erneuerbaren Erzen und Mineralien oder die Erosion von Böden durch die intensive Landwirtschaft in diesen Berechnungen noch gar nicht berücksichtigt.

Dem materiellen Überfluss entsagen, sich mit wenig bescheiden, Zeit fürs Wesentliche haben und Geschwindigkeit aus dem Alltag nehmen – Lebensansätze, die derzeit voll im Trend liegen. Eine klare Vorstellung davon, ob und wie ein genügsames Leben wirklich gelingen kann, haben wir in aller Regel nicht. Die Autorinnen des Buches „Genug genügt. Mit Suffizienz zu einem guten Leben" haben sich die Frage gestellt: Wie sieht das Leben der Menschen aus, die möglichst wenig Ressourcen verbrauchen und genügsam, leben möchten? Welche Werte motivieren sie? Welche Faktoren erleichtern bzw. erschweren ihnen einen solchen Lebensstil? Bedeutet ein suffizienter Lebensstil mehr Zufriedenheit? Die Autorinnen haben Menschen aus der Schweiz – von der Pensionistin bis zur Doktorandin – befragt, die einen suffizienten Lebensstil pflegen. Und sie haben mit Expertinnen diskutiert, wie ein solcher Lebensstil salonfähig gemacht werden könnte. Denn klar ist: Nur wenn wir unseren Lebensstil anpassen, kann es gelingen unseren Ressourcenverbrauch zu verringern und die damit verbundenen ökologischen und sozialen Auswirkungen zu begrenzen.

Quelle: www.weltagrarbericht.de; www.footprintnetwork.org

Quelle: Oekom Verlag, www.oekom.de

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NATÜRLICH KONSERVIEREN

Die Wachau ist jenes österreichische Weinbaugebiet, in dem sich die Winzerinnen am vehementesten gegen den Bioweinbau stemm(t)en. Daher ist es gleich mehrfach erfreulich, wenn sich Wachauer Betriebe entschließen, diesen Weg zu gehen. Einer davon ist das Weingut Schmidl in Dürnstein. Grandiose Lagen, seit 2012 biozertifiziert. Ganz herausragend – und deshalb auch ‚Best of BIO’-prämiert: der 2015er Riesling Smaragd von der Kleinlage Küss den Pfennig, dem Filetstück der Riede Kellerberg. Ein unglaublich kraftvoller Riesling mit genügend Substanz, um auch in einem Jahrzehnt noch Freude zu machen. Quelle: www.weingut-schmidl.at js

Foto: Schmücking

RIESLING SMARAGD KÜSS DEN PFENNIG 2015

Rosemarie Zehetgruber zählt zu den führenden Ernährungswissenschafterinnen Österreichs. Sie will uns dabei gar nicht mit Nährstoffdetails quälen, als uns vielmehr wieder an das gute Essen heranführen. Neu von ihr erschienen ist ein sympathisches Praxishandbuch, in dem sie uns einfach das moderne Haltbarmachen von Obst, Gemüse und Kräutern schmackhaft macht. All das, was zwischen dem Ernten und einer gut gefüllten Vorratskammer liegt, ist Thema dieses Buches: Nach ein wenig theoretischem Wissen geht es also „ans Eingemachte“: Einfrieren, Trocknen, Einkochen, Einlegen, milchsauer Vergären, Fermentieren, Versaften, alkoholisch Vergären sowie Essigmachen. Abgerundet wird mit Rezepten. Tolle Sache, nur umsetzen müssen wir es jetzt noch rasch. Quelle: Löwenzahn Verlag, www.loewenzahn.at rg

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SHORTCUTS

ÖKOROUTINE

TOO GOOD TO GO

Der Großteil der Konsumentinnen befürwortet eine artgemäße Tierhaltung ebenso wie Bestrebungen in Sachen Klimaschutz. Billig-Fleisch aus Intensivtierhaltung wird dennoch gekauft und geflogen wird so viel wie noch nie. Die Kluft zwischen Wissen und Handeln ist also oft groß. Weil das Hier und Heute unser Tun bestimmt. Weil es schwer ist, sich der Werbung zu entziehen. Oder weil nachhaltig zu leben teurer und im Alltag unbequemer zu sein scheint. Warum soll gerade ich öfter aufs Rad steigen, seltener fliegen, mehr Geld für BioLebensmittel ausgeben? Oft herrscht auch Überforderung, da die Verantwortung den mündigen Konsumentinnen zugeschoben wird, während sich Politik und Wirtschaft allzu oft aus der Verantwortung ziehen. Michael Kopatz fordert nun in seinem Buch „Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten“ ein Ende umweltpolitischer Appelle. Er möchte vielmehr Nachhaltigkeitskonzepte als Routine in unseren alltäglichen Handlungen verankern. Der Sozialwissenschafter am renommierten Wuppertal Institut zeigt Möglichkeiten auf, eine Ökoroutine aus der Schwierigkeit ständiger persönlicher Entscheidungen herausführen und mittels gemeinschaftlicher – also politischer und gesetzlicher – Richtlinien und Standards zu festigen. Er ist überzeugt, dass wir nachhaltig leben können, ohne uns täglich mit Klimawandel oder Massentierhaltung befassen zu müssen. Nämlich dann, wenn Nachhaltigkeit zum Normalfall wird, also nicht Öko exotisch ist, sondern der verantwortungslose Umgang mit Ressourcen. Michael Kopatz präsentiert in diesem Buch eine Vielzahl leicht umsetzbarer, politischer Vorschläge für alle Lebensbereiche, damit die Utopien von heute schon bald die Realitäten von morgen werden. Damit wir letztendlich auch tun, was wir für richtig halten.

1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel werden jährlich weltweit weggeworfen bzw. gehen entlang der Wertschöpfungskette verloren. Allein österreichische Haushalte werfen jährlich mindestens 157.000 Tonnen an Lebensmitteln weg. Monetär entspricht das einem Wert von zumindest 300 Euro pro Haushalt und Jahr, vor allem aber werden wertvolle Energie-, Land- und Wasserressourcen vergeudet, um Lebensmittel für die Tonne zu produzieren. Mangelnde Abstimmung entlang der einzelnen Produktions-, Verarbeitungs- und Handelsstufen, erhöhte optische und qualitative Ansprüche, fehlende Einkaufsplanung, falsche Lagerung und übertriebene Vorsicht bei Haltbarkeitsdaten sind wesentliche Faktoren, die zu dieser Verschwendung führen. Dank einer App gibt es nun einen weiteren kleinen Baustein im Kampf gegen die Verschwendung von Lebensmitteln. Das Konzept ist einfach. Überschüssige Speisen werden von Gastronomiebetrieben kurz vor der Sperrstunde online gestellt. Die Userinnen können täglich aus den Angeboten in ihrer Nähe auswählen, gefiltert wird nach Ort, Preis und Abholzeit. Bezahlt wird online, vor Ort stehen Take Away Boxen und Papiertaschen bereit. Das Essen aus dem Restaurant gibt es bereits ab zwei Euro. Das ursprüngliche Konzept der erfolgreichen „Too good to go“-App stammt aus Dänemark, seit April 2016 gibt es das Projekt auch in Deutschland, mit bereits mehr als 100 Partnerbetrieben in verschiedenen Städten. Das Feedback ist enorm, die Zahl der Interessentinnen wächst ständig und wer weiß, vielleicht macht das Beispiel auch in Österreich Schule. Quelle: www.biorama.eu, https://apptoogoodtogo.com ek

Quelle: Oekom Verlag, www.oekom.de ek

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Bio-Fibel 3/2016


JS AUF ACHSE

ACHTSAMES REISEN MIT SLOW FOOD

Das Reisen ist in den letzten Jahrzehnten zum HighspeedGeschäft geworden. Das Flugnetz wird dichter, die Züge schneller und über die schönsten Hänge werden monströse Brücken gebaut, um beim Reisen noch weniger Zeit zu „verlieren“. Im Urlaub überwiegen „all inclusive“-Angebote, seelenlose Bettenburgen und schneller Spaß. Der Bezug zur Region und zu den Menschen geht immer mehr verloren. Es geht aber auch anders. In Kärnten geht ein mutiges Projekt einen völlig neuen Weg. Slow Food Travel Kärnten ist eine Reise zum ursprünglichen Geschmack der Region. Zu den Produzentinnen, zu ihren Holzöfen, den Braukesseln und in ihre Reifekeller. Es ist eine

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Reise, die uns eine Antwort auf die Frage liefert, die so alt ist, wie das Reisen selbst. Warum reisen wir? Es ist ein neuer Weg für alle Beteiligten. Die Produzentinnen öffnen ihre Werk- und Wirkstätten für interessierte Gäste und geben ihr traditionelles Wissen über die Herstellung von Speck, Brot, Käse und andere Köstlichkeiten weiter. Neu ist das Projekt auch für die Tourismusvermarkter des Bundeslandes. Kärnten-Werbung-Chef Christian Kresse ist ein leidenschaftlicher Verfechter des Projekts und von seiner Kraft und Dynamik überzeugt: „Hinter Slow Food Travel steckt ein großartiges Konzept, es ist wie gemacht für uns. Unsere Landwirtschaft ist regional geprägt von vielen traditionellen Lebensmittelhandwerkern und althergebrachten Spezialitäten. Die Bauern und Produzenten hier haben sie bewahrt; jetzt können wir ihre Schätze mit der Unterstützung von Slow Food behutsam heben. Es war also sofort klar, dass wir mitmachen und es freut uns ungemein, weltweit die erste Slow Food Travel-Destination und Impulsgeber zu sein.“

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Fotos: Slowfood Travel, Sepp Brandstaetter, Johannes Puck

Wir leben in einer Zeit, in der Zugabteile von Smartphones und Tablets erobert werden. Der Reiz des Bahnfahrens – die Landschaft vorbeiziehen zu lassen, das Sinnieren, das Lesen eines Buches oder das Gespräch mit anderen Reisenden – geht zunehmend verloren.


JS AUF ACHSE

Die Produzentinnen der ersten Stunde vereint die Philosophie von Slow Food: Die handwerkliche Herstellung guter, sauberer und fairer Lebensmittel. Sepp Brandstätter aus Würmlach etwa, der sich seit über zehn Jahren für eine alte Maissorte einsetzt. In seinem Haus erzählt er gern die Geschichte und Geschichten über den Gailtalter Weißen Landmais, der aufgrund moderner Hybridzüchtungen fast in Vergessenheit geraten ist. Dabei ist der Weiße Landmais die perfekte Grundlage für herausragende Polenta und andere typischen Gerichte aus der Region. In Seminaren und Kochworkshops werden in Zusammenarbeit mit drei Ikonen der Kärntner Küche, Sissi Sonnleitner und Gudrun und Ingeborg Daberer kochbegeisterte Gäste an die Arbeit mit dem besonderen Mais herangeführt. Beide Betriebe, das Restaurant von Sissi Sonnleitner in Mauthen und der Gasthof Grünwald in St. Daniel sind seit Jahren und mit konsequent hoher Qualität im Slow FoodWirtshausführer vertreten. Szenenwechsel an einen anderen Ort im Gailtal: Ins Biobergbauerndorf Stollwitz mit seinen saftigen Weiden. Hier verarbeiten Barbara und Hubert Zankl die Milch von zehn Kühen. Biologische Almwirtschaft, der Verzicht auf Silagefutter – das sind die hässlichen Plastikballen, die nicht nur die Landschaft verunstalten, sondern auch die Verarbeitungsqualität der Milch negativ beeinflussen – , Konzentration auf Rohmilch sowie perfekte Lagerung sind die Faktoren, die zum einzigartigen Geschmack der Zankel’schen Käsesorten führen: der drei Monate gereifte und extrem würzige Bergkäse, der rassige Hofkäse und der Camemberg (kein Tippfehler), der seinem französischen Namenspatron um nichts nachsteht. Im Rahmen des Projekts Slow Food Travel Kärnten kann man die Familie Zankl am Berg besuchen und den Käsern bei der Arbeit über die Schulter schauen. Oder dabei sein, wenn Hubert die Kühe auf die Weide führt. Es geht darum, die Verbraucherinnen wieder an jenen Ort zurück zu führen, an dem unsere Lebensmittel ihren Ursprung haben. Im konkreten Fall sind das jene Bäuerinnen, Käsereien aber auch Bäckereien und Imkerinnen, die sich entschieden haben, bei diesem Projekt die Vorreiterinnenrolle zu übernehmen. In der Philosophie von Slow Food werden Endverbraucherinnen gerne Co-Produzentinnen genannt, um die Nähe zur Herstellerin zu betonen. Slow Food Travel ist ein Projekt von Slow Food International, das in Österreich an den Start geht, das aber Modellcharakter hat und weltweit zum Einsatz kommen soll. Wir können von den Gästen also – analog zu den ‚Co-Produzentinnen’ - auch von Wegbegleiterinnen sprechen. Slow Food Travel macht damit das Reisen wieder zu dem, was es einmal war. Ein Weg zu Reflexion und Erkenntnis. Und letztlich auch zu sich selbst. Jürgen Schmücking

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GUTER GESCHMACK

ES GEHT UM DIE MILCH! Bergbauern-Milch, Heublumen-Milch, HeuMilch, Wiesen-Milch, Laufstall-Milch, 365 TagesAuslauf-Milch, GTS-Milch, ESL-Milch, UHTMilch, Leicht-Milch, Laktosefrei-Milch!? Das Angebot an Bio-Milchen ist in den letzten Jahren erstaunlich breit geworden. Die Frage, die sich dabei fast stellt: Gibt es eigentlich die ganz normale Kuh-Milch nicht mehr?

Ja, schon! Denn die Basis dieser scheinbaren Vielfalt kommt noch immer von den Kühen. Das Tasting_forum 59 „Von Kühen und Pflanzen“ begab sich im April 2016 deshalb auf die Suche nach den Geheimnissen der unterschiedlichen Milchverarbeitungsarten. Dazu gesellten sich die momentan sehr modernen, veganen Drinks z. B: aus Hafer und Soja.

JA! NATÜRLICH, FRISCHE HEUBLUMENMILCH Mit einer Kuh aus Kräutern und Wiesengräsern verspricht die Packung „beste Milch“ aus „artgerechter Tierhaltung“. Und damit nachhaltigen und ethisch reinen Hochgenuss. Hält sie das Versprechen? Tut sie. Die Milch ist sauber, blütenweiß, expressiv und zeigt nicht einen Hauch von künstlichen Aromen oder Kochnoten. Im Abgang ist sie mild und sogar ein wenig würzig. Dafür dürfen die Kühe 365 Tage im Jahr frei herumlaufen. 120 davon auf der Weide und immer mit ihren Herdengenossinnen. www.janatuerlich.at

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GUTER GESCHMACK

ZURÜCK ZUM URSPRUNG, MURAUER BERGBAUERN BIO-HEUMILCH G.T.S, LÄNGER WIE FRISCH Lange hat sich der Diskonter gegen die überflüssige ESL (extended shelf life) ‚ also ‚länger wie frisch’ Milch gewehrt. Schließlich musste doch dem enormen Druck der Konsumentinnen und ihrem Wunsch nach mikrofiltrierter oder ultrahocherhitzter Milch nachgegeben werden. Diesen Kompromiss schmeckt man auch. Leicht topfige Noten und ein leichter Kochton. Wird mit der Milch in der Küche gearbeitet, fällt das nicht auf. Im Kaffee oder im Kakao für die Kinder sehr wohl. www.zurueckzumursprung.at

STEFAN TASCHL (VOM SCHOBERHOF), BIO-ROHMILCH Sie ist nicht ganz so blütenweiß wie ihre Milchkolleginnen aus dem Supermarktregal. Sie ist auch nicht ganz so kristallklar und rein und hin und wieder ist sogar fester Topfen am Flaschenhals. Wenn man das mag, und es zahlt sich vom Genusserlebnis her wirklich aus, das zu mögen, ist man bei der naturbelassenen Bio-Rohmilch aus dem Pielachtal an der richtigen Milch-Adresse. In der Nase versprüht die Milch den bäuerlichen Charme von Stall und Heu.

Die Bio-Milchverkostung bestätigte einmal mehr, dass Milch zu verkosten zur hohen Schule gehört. Haltbarmilch ist ja geschmacklich noch leicht zu erkennen. Um Frischmilch von der „länger wie frisch“-Milch zu unterscheiden, dazu braucht es schon einen gut geschulten Gaumen. Bio-Milch und konventionelle Milch sensorisch auseinanderzuhalten, da scheitern selbst die Expertinnen. Es schadet es also gar nicht, ein bisschen mehr von den Produktionsvorgaben und Haltungsrealitäten zu wissen, um dann im Supermarkt aus dem meterlangen Kühlregal mit einer Selbstverständlichkeit zu Bio zu greifen. Beim inhaltlichen Vergleich macht nämlich Bio immer den schöneren und besseren Milchbart, auch bei den Milchmädchen.

www.vomschoberhof.at

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Fotoalbum dazu siehe https://www.flickr.com/photos/105864147@N08/ albums/72157667624917016 Reinhard Geßl und Jürgen Schmücking

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GUTER GESCHMACK

ICE ICE BABY Die heißen Sommer der letzten Jahre haben das Eis essen zu einer lieben Sommerbeschäftigung der Österreicherinnen gemacht. Mit der neuen „Eiszeit“ tauchten auch etliche biozertifizierte Eissalons auf, die uns seither nicht nur mit abenteuerlichen Geschmacksvarianten, sondern auch mit den allerbesten Bio-Zutaten beglücken. Hoffentlich zumindest, denn es gilt für die kritische Konsumentin aufmerksam hinter die schicken Fassaden zu schauen.

Dass nämlich nicht nur die relativ einfach und günstig zu beschaffene Milch, sondern auch die Fruchtzubereitungen und der Zucker – also alle Hauptbestandteile – aus kontrolliert biologischer Landwirtschaft stammen. Bei einem österreichischen Pro-Kopfverbrauch von 7,1 Liter Eis spielt es durchaus eine Rolle, woher die Zutaten kommen.

Echt cool sollte es beim Tasting-forum 61 werden. Mit sehr tiefen und nassen Temperaturen wurde der Wunsch dann etwas zu wörtlich wahr. Den Bio-Eissorten war’s egal, sie präsentierten sich prächtig.

BIO VOM BERG, TIROLER BIO-HEUMILCH VANILLE-EIS Auf der Website der Tiroler Genossenschaft Bio-Alpin beschränkt man sich auf Rezeptvorschläge. „Heiße Liebe“, mit warmen Himbeeren, oder aber eine feine Glacé aus steirischem Kürbiskernöl – hier sind Ihnen keine Grenzen gesetzt.“ Stimmt, das Eis ist cremig, natürlich, nicht zu süß und über die Maßen köstlich. Die Verpackung ist fast ein wenig retro und erinnert an die Freibad- und Baggersee-Ausflüge unserer Kindheit. www.biovomberg.at

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GUTER GESCHMACK

WOLFGANGSEER SCHAFPRODUKTE, ‚HONIGSÜSS’ Jede Verkostung hat ein – manchmal sind es auch zwei – Produkte, die sich unauslöschlich im kulinarischen Gedächtnis festkrallen. Sie lösen Erinnerungen aus, klammern sich ans limbische System und lassen es nicht mehr los. So auch das ‚Honigsüss’, eine Eiskreation aus der Eiswerkstatt der Familie Eisl. Zimt, Zimt und dann noch einmal Zimt. Klare Honignoten, verführerische Opulenz und der Wunsch nach einer dritten Kugel. www.seegut-eisl.at

HÖFINGER‘S, NISSIS STECKERLEIS, DIVERSE Der Plan war glasklar. Groß ins Eisgeschäft einsteigen. Nissi Höfinger stieg ein. Groß und mit Style. Nissis Steckerleise – es gibt sie in einer ganzen Reihe von Geschmäckern – sind eine Hommage an die gute, alte Eiszeit. Herausragend dabei? Das BioObersschokoladeneis, weil es so verdammt cremig und die Schokolade so gut ist. Und das Bio-Erdbeer-Joghurt Eis, weil es so unglaublich fruchtig und gleichzeitig zitrusfrisch ist.

Das wunderschöne Ambiente beim Salzburger Waldbad Anif, die Bio-Bäuerinnen und –Handwerkerinnen mit ihren Genussmitteln und ihren inspirierenden Geschichten – ein bisschen auch die beiden Feuerkörbe – wärmten also trotz der Kälte die Herzen der Verkostungsrunde. Zuerst ging der Verkostungsrunde innerlich, gegen Ende der Verkostung auch in echt die Sonne auf. Was Bio alles kann!?

www.hoefinger-eis.at

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Fotoalbumdazu siehe https://www.flickr.com/photos/105864147@N08/ albums/72157670990556866 Reinhard Geßl und Jürgen Schmücking

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SHORTCUTS

LAND-FUSSABDRUCK DER EU

Deutsche Unternehmen aus der Biobranche haben sich nun zusammengeschlossen, um vom Landwirtschaftministerium und vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit einen wirksamen Schutz vor Pestiziden zu fordern, die z. B. durch Wind auf Bioflächen vertragen werden. In einem offenen Brief verlangen die Bio-Unternehmen wirksame Sofortmaßnahmen, um die Bio-Felder vor allem gegen den Ferntransport zweier Herbizid-Wirkstoffe (Pendimethalin und Prosulfocarb) zu schützen. Die Unkrautbekämpfungsmittel werden über weite Strecken verfrachtet und verunreinigen die Bio-Ernten. In bestimmten Kulturen wie Grünkohl, Dill, Petersilie und Körnerfenchel kommt es regelmäßig zu hohen Belastungen, die kontaminierte Bio-Ware kann dadurch nicht mehr vermarktet werden. Der finanzielle Schaden ist hoch und muss unfairerweise von den betroffenen Betrieben getragen werden, da das Verursacherprinzip, das davon ausgeht, dass entstehende Kosten von demjenigen zu tragen sind, der sie verursacht, nicht angewendet wird und bei einer weiträumigen thermischen Verfrachtung von Pflanzenschutzmitteln die Verursacherin grundsätzlich kaum zu ermitteln ist.

Bild: www.bio-wissen.org

UNTERNEHMEN GEGEN PESTIZIDE

Die EU nutzt riesige Agrarflächen und lagert Umweltfolgen und soziale Konflikte häufig in andere Weltregionen aus. Laut einem Bericht von Friends of the Earth benötigt die Europäische Union fast 270 Millionen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche, um ihre Lebensmittelproduktion und nicht nachhaltigen landwirtschaftlichen Praktiken aufrechtzuerhalten. Gut 40 % des Landes liegt außerhalb der EU – etwa eine Fläche so groß wie Italien und Frankreich zusammen. Das gefährdet Ökosysteme, treibt die Umwandlung von Wäldern in Plantagen voran, verursacht Landdegradation und Biodiversitätsverlust. Zudem führt der EU-Flächenbedarf zu Landgrabbing und Vertreibungen. Auf Fleisch und Milchprodukte entfallen 70 % der Fläche oder 196 Millionen Hektar Land, ein Drittel davon auf den Fleischkonsum. Die Autorinnen des Berichts empfehlen die Entwicklung von politischen Instrumenten und Anreizen, die auf eine Verringerung des Konsums landintensiver Lebensmittel oder von Produkten mit negativen Folgen für die Umwelt abzielen. Ihr besonderes Augenmerk liegt dabei auf tierischen Produkten.

Quelle: www.soel.de

Quelle: www.soel.de; Friends of the Earth (Hrsg.) (2016): The True Cost of Consumption. The EU's Land Footprint

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Katharina Seiser ist eine Wiederholungstäterin: Bereits seit einigen Jahren bringt sie jedes Jahr zumindest ein neues Kochbuch auf den Markt. Besonders charmant ist die VegetarischReihe, die mittlerweile schon einigen Platz im Kochbuch-Regal einnimmt und auf fünf Bände angewachsen ist: Nach Österreich, Deutschland, Italien und der Türkei widmet sich Katharina Seiser nun –

vielleicht etwas überraschend – den USA. Man fragt sich, wie das Land des Fast Foods und vegetarische Küche zusammenpassen sollen. Doch „USA vegetarisch“ tritt den Beweis an, dass die US-amerikanische Küche zahlreiche vegetarische Köstlichkeiten kennt. Wie schon in den vorangegangenen Bänden werden die Rezepte in fünf Saisonen gegliedert – zusätzlich zu Frühling, Sommer, Herbst und Winter finden sich unter Jederzeit Gerichte, bei denen keine saisonalen Zutaten benötigt werden. Einflüsse aus der indigenen Bevölkerung und den Herkunftsländern der Einwanderinnen haben die Küche uner-

USA VEGETARISCH

IMPRESSUM Bio-Fibel – Zeitschrift für Wissen aus der Biologischen Landwirtschaft: Medieninhaber, Verleger und Herausgeber: Freiland Verband für ökologisch-tiergerechte Nutztierhaltung und gesunde Ernährung; Doblhoffg. 7/10, 1010 Wien; Fon 01/4088809; Fax 01/9076313-20; e-mail: office@freiland.or.at; net www.freiland.or.at; DVR-Nummer 0563943; Chefredakteur: Dipl.-Ing. Reinhard Geßl (rg), Leiterin der Redaktion: Dipl.-Ing. Elisabeth Klingbacher (ek); Mitarbeit: Wilfried Oschischnig, Jürgen Schmücking (js), Redaktion: Forschungs­ institut für biologischen Landbau (FiBL Österreich), Doblhoffg. 7/10, 1010 Wien; Fon: 01/9076313-0, net: www.fibl.org/de/oesterreich. Alle nicht anders gekennzeichneten Fotos: Geßl & Wlcek OG; Druck: Niederösterreichisches Pressehaus, Druck und Verlagsges.m.b.H., St. Pölten; Layout: Carina Trestl; Namentlich ge­kennzeichnete Artikel müssen nicht unbedingt der Meinung des Herausgebers entsprechen. Vertriebspartner: Adamah Biokistl. FREILAND-Spendenkonto: Erste Bank, AT502011100008210993, BIC/SWIFT: GIBAATWWXXX; Reichweite: 10.000 Leserinnen. Hinweis: Eine geschlechtergerechte Formulierung ist uns in der Bio-Fibel ein großes Anliegen. Da wir gleichzeitig eine gut lesbare Zeitschrift herausgeben wollen, haben wir uns entschieden, keine geschlechtsneutralen Begriffe zu verwenden, sondern alternierend entweder nur weibliche oder nur männliche Bezeichnungen. Wir sind uns dessen bewusst, dass diese Generalklausel einer geschlechtergerechten Formulierung nicht ganz entspricht, wir denken aber, dass die gewählte Form ein Beitrag zur publizistischen Weiterentwicklung für mehr sprachliche Präsenz weiblicher Begriffe sein kann.

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SHORTCUTS

LANDNAHME AUF EUROPÄISCH

Quelle: Ökologie & Landbau 03/16; IISS und FIAN (2016): Land grabbing and human rights: The involvement of European corporate and financial entities in land grabbing outside the European Union. ek

wartet abwechslungsreich und inspirierend gemacht. Von Klassikern wie Mac & Cheese, California Rolls oder AvocadoQuesadillas über Spezialitäten wie Green Gumbo, Three Sisters Cobbler oder Hawaiian Cole Slaw bis zu beliebten Süßspeisen wie Key Lime Pie, Rhabarber-Cheese-Cake und Walnuss-Brownies. Also Schluss mit den Klischees, oder um es mit den Worten von Katharina Seiser zu sagen: Dieses Buch "... ist so bunt, überraschend, reichhaltig, intensiv und überschwänglich, wie das Land selbst. Enjoy!" .

Der Mensch ist nicht das einzige Lebewesen auf diesem Planeten, das Landwirtschaft betreibt. Auch einige Ameisen, Borkenkäfer und Termiten betätigen sich landwirtschaftlich. Und sie machen das auch schon deutlich länger als wir: Forscherinnen haben in Tanzania einen von Termiten angelegten fossilen Pilzgarten entdeckt. Der Fund belegt erstmals, dass die Insekten bereits vor rund 30 Millionen Jahren als „Bäuerinnen" tätig waren. Die Termiten kultivierten Termitenpilze, die für sie Pflanzenmaterial zersetzten und daraus leichter verdauliche, proteinreiche Nahrung produzierten. Die Pilzzucht könnte den Termiten auch geholfen haben, neue Lebensräume zu erschließen. Umgekehrt hatte der Beginn dieser außergewöhnlichen Beziehung auch nachhaltige Auswirkungen auf die Ökosysteme Afrikas. Denn die von den Termiten angelegten Gärten beeinflussten die Konzentration von Nährstoffen im Boden und formten die Umgebung um diese unterirdischen „Felder" damit wohl nicht unwesentlich mit.

Bild: www.bio-wissen.org

In den letzten Jahren hat die Landnahme in Entwicklungsländern durch ausländische Investorinnen einen rasanten Anstieg erfahren. Eine neue EU-Studie zeigt nun, dass auch Europa eine zentrale Rolle bei der globalen Jagd nach Land spielt. Auf Anfrage des Europaparlaments hat das niederländische International Institute for Social Studies (IISS) gemeinsam mit der Menschenrechtsorganisation FIAN eine umfassende Bestandsaufnahme zur Beteiligung europäischer Firmen und Finanzakteurinnen an der globalen Landnahme vorgelegt. Bisher wurde davon ausgegangen, dass überwiegend Investorinnen aus China, Südkorea, Indien und den Golfstaaten am neokolonialen Landgrabbing beteiligt sind. Die Rolle Europas wurde weit unterschätzt. Die in der Studie ermittelten 5,8 Millionen Hektar Land, die sich europäische Akteurinnen in rund 320 Fällen außerhalb Europas angeeignet hätten, seien allerdings nur die Spitze des Eisberges. Aufgrund der undurchdringbaren Finanzierungsund Beteiligungsstrukturen seien vollständige Daten zur Beteiligung europäischer Akteurinnen nicht zu ermitteln heißt es in der Studie.

Bild: www.bio-wissen.org

TIERISCHE LANDWIRTSCHAFT

Quelle: www.scinexx.de ek

Zu mir oder zu dir?

Quelle: Brandstätter Verlag, www.brandstaetterverlag.com ek

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Das gemeinschaftliche EU-Biologo kennzeichnet verpflichtend alle verpackten Bio-Lebensmittel, die nach den EU-Bioverordnungen Nr. 834/2007 und Nr. 889/2008 hergestellt wurden. Das AMA-Biosiegel steht als Gütesiegel für 100 Prozent biologische Zutaten und ausgezeichnete Qualität. Eine Reihe von Qualitätsfaktoren wird konsequent unter die Lupe genommen, z.B. produktspezifische chemische, mikrobiologische und sensorische Kriterien. Zusätzlich wird absolute Transparenz bei der Herkunft garantiert. Die Farben rot-weiß-rot bedeuten beispielsweise, dass die wertbestimmenden Rohstoffe aus Österreich stammen und die Be- und Verarbeitung in Österreich erfolgt. www.bioinfo.at

www.ec.europa.eu/agriculture/organic

FINANZIERT MIT FÖRDERMITTELN DER EUROPÄISCHEN UNION UND MITTELN DER AGRARMARKT AUSTRIA MARKETING GESMBH.


Bio-Fibel #32 03-2016