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A b o u t

Baroque Das Magazin des Freiburger Barockorchesters

DEZember | 2016

3. Jahrgang

…mit der scheidenden

Schmerz, Chalumeaux und Schönheit

Taktstock, Tortilla und Tequila

Leiterin Petra Müllejans

Telemanns Passion „Seliges Erwägen“

Beethoven-Zyklus in Mexiko

Im Gespräch


Ihringer Barriqueorchester

Rückblick

Liebe Freundinnen und Freunde des Freiburger Barockorchesters, 2016 war erneut ein turbulentes und sehr erfolgreiches Jahr für das Freiburger Barockorchester. Die festen Abonnementkonzerte in Freiburg, Stuttgart und Berlin boten den Rückhalt, um andere spektakuläre Spielorte in aller Welt anzusteuern: Japan, Korea, Skandinavien, Italien, die USA und Mittelamerika. Kontinuität und Experiment bestimmten die Programmgestaltung, die Zusammenarbeit mit unseren Gästen wie auch das Aufsuchen der Konzertstätten. Von einer lang gepflegten und liebgewonnenen Kontinuität werden wir bald Abschied nehmen: die Künstlerische Leitung durch Petra Müllejans. Sie gab dem Ensemble über zwei Jahrzehnte hinweg ein Gesicht, nun verabschiedet sie sich mit Ablauf dieser Saison vom Leitungsposten. Im Gespräch mit FBO-Dramaturg Gregor Herzfeld spricht sie nun ausführlich über die Hintergründe dieser Entscheidung, ihre Konsequenzen, aber auch über das Leid und die Leidenschaft, mit denen sie sich für „ihr“ Orchester engagiert hat. Außerdem nehmen wir einige der vielen herausragenden Konzerte etwas genauer in den Blick: Das ausgelassene Spaß & SportProgramm unter der Gastleitung Lorenza Borranis, das festliche Jubiläumskonzert des Dresdner Kreuzchors mit Beethovens Missa Solemnis, die Aufführungen des selten gehörten Passionsoratoriums Seliges Erwägen von G. Ph. Telemann in Freiburg und Magdeburg, die nun zu Ende gegangene dreijährige Residenz bei den Festspielen von Aix-en-Provence sowie das Mammutprojekt, alle neun BeethovenSinfonien innerhalb von 5 Tagen in Mexico-City aufzuführen. Abgerundet wird diese Mischung aus Rückschau und Blick in die Zukunft durch die notizhafte Pinnwand und den Klangspiegel als Presseecho auf neue CDs. In Musikalisch gelesen empfehlen wir eine Neuerscheinung, die ebenfalls aus Freiburg kommt: Das Buch Musik mit Leib und Seele, in dem die Musikermediziner Claudia Spahn und Bernhard Richter der geheimnisvollen Wirkung der Musik auf der Spur sind und in zehn launigen und ausgezeichnet informierten Essays der Frage nachgehen, was die Musik mit uns und wir mit der Musik machen. Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen beim Lesen und Stöbern und bedanken uns für Ihr anhaltendes Interesse an unserer Arbeit! Ihr Freiburger Barockorchester

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DR. HEGER

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6 | 13 Thema: Interview mit Petra Müllejans

Die renommierte Geigerin zieht sich nach fast 30 Jahren aus der Künstlerischen Leitung des FBO zurück. Mit A bout B aroque sprach sie über Zweifel, besondere Momente und die Zukunftsperspektiven 14 | 15 Spaß, Sport und Spiel

Lorenza Borrani leitete das FBO in olympische Regionen 16 | 17 Knabenkehlen, Kyrie und Klanggenuss

Das FBO feierte das 800-Jahr-Jubiläum des Dresdner Kreuzchors 18 | 19 30-jähriges Jubiläum FBO 20 | 21 Schmerz, Chalumeaux und Schönheit

Telemanns selten gespielte Passion „Seliges Erwägen“ 22 | 24 Licht, Lavendel und (nicht nur) Lieder

Drei Jahre lang war das FBO Orchestra-in-Residence in Aix-en-Provence 25 Pinnwand 26 | 27 Taktstock, Tortilla und Tequila

Gottfried von der Goltz dirigierte Beethoven-Zyklus in Mexiko 28 | 30 Musikalisch gelesen

„Musik mit Leib und Seele“ von Claudia Spahn und Bernhard Richter 31 | 33 Klangspiegel

Pressestimmen zu neuen CDs des FBO

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Im Gespräch mit Petra Müllejans

Fast dreißig Jahre stand sie in der ersten Reihe am Konzertmeisterplatz und inspirierte ihre KollegInnen mit energetischen, leidenschaftlichen Bewegungen zu einem unverkennbar lebendigen und präzisem Spiel: Petra Müllejans hat durch ihr Engagement als Künstlerische Leiterin des Freiburger Barockorchesters die historische Aufführungspraxis wie kaum eine andere mitgeprägt und damit zugleich der Orchesterlandschaft eine besondere Farbe, einen unverwechselbaren Ton verliehen. Nun verkündet sie ihren Rückzug aus dieser Funktion. Im Gespräch mit Gregor Herzfeld verrät sie warum, spricht über Wonne und Weh des Konzertmeister-Daseins sowie über ihre Perspektiven für die Zukunft.

Liebe Petra, Du wirst heute Abend ein Konzert leiten, in dem auch die Bach-Kantate „Ich habe genug“ auf dem Programm steht. Steht dieser Satz auch als Motto über Deiner Entscheidung, Dich mit Ablauf dieser Saison aus der künstlerischen Leitung des FBO zurückzuziehen? Hast Du genug? Ja, ich habe genug! Dieses „genug“ muss man aber mit einer bestimmten Betonung sagen. Ich habe diese Arbeit jetzt ungefähr 30 Jahre gemacht. In dieser Zeit gab es einmal eine Pause, als Gottfrieds und meine Tochter Judith und unser Sohn Jascha geboren wurden und ich einige Jahre Projekte nur dann als Konzertmeisterin gespielt habe, wenn es einen Dirigenten gab. Irgendwann kam dann eines Tages Christa [Kittel] aber auf mich zu und fragte, ob ich nicht doch ab und zu wieder ein Projekt selber leiten möchte, ...und dann bin ich allmählich und vorsichtig wieder „eingestiegen“ und bis heute dabei geblieben. Damals war es auch ein Gefühl von „Ich habe genug“, doch akuter und verzweifelter. Heute fühlt es sich gar nicht verzweifelt an, sondern nach einer guten Entscheidung, wie wenn man einfach genügend gegessen hat und sich damit wohl fühlt. Eine Sättigung? Eine angenehme Sättigung, wie wenn man nicht zu viel gegessen hat... Das ist jetzt der richtige Zeitpunkt aufzuhören.

Mit „Haydn on Tour“ in Schloss Brühl im September 2005.

Wenn Du zurückblickst auf über zwei Jahrzehnte der Künstlerischen Leitung, gab es da besondere Momente, an die Du Dich heute erinnerst? Welche waren das? Es gibt Konzerte, die ich nicht vergessen habe: Als wir mit Trevor Pinnock 1998 zum ersten Mal eine HändelOper, nämlich „Rodelinda“, konzertant hier in Freiburg gemacht haben, war dieses Konzert das erste, bei dem der Saal so richtig getobt hat. Das war eine echte Sternstunde…

Dann viele Konzerte mit René Jacobs, die für mich mit das Herausragendste sind, was wir gemacht haben… Mit dem BarockConsort erinnere ich mich sehr gerne an eine Reise vor vielen Jahren, die uns auch nach Tallinn und in die baltische Region geführt hat. Wir waren eine kleine Gruppe, die Stimmung war gut und wir haben in wunderbaren Kirchen gespielt. Damals spielte noch Daniela Helm im Consort und ihr Lachen war legendär und ist mir unvergesslich! Eine weitere Reise mit dem Consort werde ich ebenfalls nie vergessen: In Frankreich oder Spanien waren wir mit diesen Nachtbussen unterwegs, die mit Betten ausgestattet waren. Man konnte also direkt nach dem Konzert in den Bus steigen und weiterreisen. Damals gab es dramatische persönliche Situationen, doch war der Zusammenhalt der Gruppe enorm und es hat uns sehr vertraut miteinander gemacht und zusammengeschweißt, ...was nicht zuletzt an dieser Art des Reisens lag. Mir fallen auch ganz seltsame Geschichten ein: Hans-Georg [Kaiser] hatte mit Gottfried von der Goltz und mir an der Musikhochschule Freiburg studiert. Er war im Studiengang Schulmusik eingeschrieben, wollte aber eigentlich nicht als Lehrer in die Schule gehen. Er hat schon damals immer davon gesprochen, dass er Gottfried und mich einmal managen möchte. So ist es dann ja auch gekommen. Aber es gab eine Zeit, in der er sich doch auf einmal nach anderen Stellen umgeschaut hat. Andere, große Orchester waren auch sehr interessiert an ihm, da sie ja an uns sehen konnten, wie gut seine Arbeit war. Ich konnte damals überhaupt nicht verstehen und akzeptieren, dass er uns „verlassen“ wollte und überlegte mir etwas, um das zu verhindern. In einer Vollversammlung habe ich ihm dann zum Einen gesagt, dass ich vermutlich nie wieder ein Wort mit ihm reden würde, wenn er geht, und zum Anderen, dass wir aber, wenn er das wirklich macht, uns natürlich ganz schnell überlegen müssen,

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wer ein möglicher Nachfolger sein könnte, und habe dann den Namen eines Geigers genannt, der Geige und Jura studiert hatte und von dem ich sicher war, dass er sich für so eine Stelle interessieren würde UND sie hervorragend ausfüllen könnte. Ich habe ihn also mit einem potenziellen Konkurrenten konfrontiert – und ich wusste, dass dieser Mensch ihm immer ein bisschen ein Dorn im Auge gewesen war... Das war sicherlich nicht der Grund, aber bekanntlich und sehr erfreulicherweise ist Hans immer noch bei uns! Es war eigentlich eine abermalige Entscheidung für unser Orchester. DANKE HANS! Es fallen mir außerdem sehr viele Projekte mit Gottfried ein, denn ich bin ja bekennender Gottfried-Fan! (Ich weiß, dass dir das jetzt unangenehm ist, Golle, aber da musst du durch...) Damals, als ich als junge Mutter aus der Künstlerischen Leitung vorübergehend ausgestiegen bin, gab es genau einen, von dem ich mir vorstellen konnte, dass er das übernimmt, nämlich Gottfried. Aus manchen Teilen des Orchesters wurde er damals noch für die Künstlerische Leitung mit kritischen Augen betrachtet. Tatsache ist, dass wir mit ihm als Künstlerischem Leiter einen abermaligen Aufstieg erlebt haben. Gottfried konnte etwas ganz anderes in dieses Orchester einbringen, als beispielsweise Thomas [Hengelbrock] oder ich – er hatte diese freche, spielerische Leichtigkeit, diesen unangestrengten großen Überblick über das jeweilige Werk und er hatte neue Ideen und den Mut, sie umzusetzen – wie zum Beispiel seine absolut einzigartige Sichtweise und Einspielung der Vivaldi’schen Jahreszeiten. Von ihm geleitete Projekte wie die Mozart-Programme, in denen er auch Violinkonzerte spielte und jetzt die 9 BeethovenSinfonien in Mexiko sind echte Meilensteine für das Orchester. Für mich persönlich war dieser Beethoven-Zyklus in Mexiko eine Art Erfüllung meines Musiker-Daseins.

Diese Jahre waren also wirklich nicht einfach für uns alle und ich war nach jedem Projekt drei Tage krank. Als ich dann schwanger wurde, entschied ich, diesem Stress ein Ende zu machen – ich „hatte genug“, wie oben schon beschrieben. Und wie gesagt, mit Golle an meinem Platz ging’s dann erstmal richtig steil bergauf. Als dann Christa nach einigen Jahren anfragte, ob ich nicht noch mal das Orchester leiten wolle, hatte ich wirklich Ängste wegen der vorigen Stresserfahrung, ob das zu schaffen ist. Nun war ich aber offenbar durch die zwei Kinder, die wir mittlerweile hatten, verändert. Sie hatten mich stärker und stressresistenter gemacht und ab da hat es für mich besser funktioniert. Heute kann ich sagen, dass es eine Tätigkeit ist, die mir liegt; insbesondere mit dem Orchester auf der Bühne zu stehen und mit meinen Gesten und Vorstellungen zu führen. Was mir dabei nicht ganz so liegt, ist die eigentliche Probenarbeit und die Vorbereitung. Mir kommt es so vor, als ob ich nichts weiß, wenn ich zu der ersten Probe komme. Ich brauche die Zeit der ersten Proben und vor allem auch die Zusammenarbeit mit den KollegInnen, um eine Art von Durchdringung des Programms zu erreichen. Alle Versuche, mich im Vorfeld mit der Partitur so vorzubereiten, dass ich bei Probenbeginn eine feste Vorstellung vom Ergebnis habe, haben nie zu etwas geführt. Das ist einfach nicht mein Ding... Mit welchen Zielen ist das FBO vor nahezu 30 Jahren angetreten? Und was hat Dich bewogen, Dich für das Ensemble als Künstlerische Leiterin zu engagieren? Das Freiburger Barockorchester wurde von Studierenden zunächst ohne Gottfried und mich gegründet. Ich glaube, wir galten damals als zu überheblich, um dazu eingeladen zu werden. Das Orchester traf sich etwa bei Christian Goosses, der auch Kontakte zu unserem Vorbild Nikolaus Harnoncourt und dem Concentus Musicus Wien hatte, in seinem WG-Zimmer in der Konradstraße. Und irgendwann hat man Gottfried und mich dann doch zu einem Probenwochenende eingeladen. Es war klar, dass wir ja auch gerne mitspielen wollten. Nach den Proben wurden wir aus dem Zimmer geschickt, es gab eine Besprechung und dann wurde uns gesagt, dass alle sich doch freuen würden, wenn wir mitmachen. Und wir waren ganz stolz und froh! Damals gab es nicht einen Leiter oder Konzertmeister, sondern jeder der 5 Geiger hat eines der 5 Stücke im Repertoire geleitet. Nach einer Weile kristallisierte sich jedoch heraus, dass manche keinen Wert aufs Leiten legten, bei Gottfried, Thomas und mir „passte“ es aber weiterhin. Es folgte eine Zeit, in der Gottfried aus verschiedenen Gründen von diesem Amt „suspendiert“ war, worüber ich sehr traurig und auch sauer war, weil ich ihn für einen so großartigen Musiker hielt – eigentlich uns allen voran... es wurde aber demokratisch entschieden! Das Amt mit Thomas zu teilen, war für mich sehr schwierig. Thomas war eigentlich ein Alleingänger, mit großen Ideen und großem Durchsetzungsvermögen, der den ganzen Platz eines Leiters für sich gebraucht hätte. Ich war gleichzeitig sehr unsicher – und trotzdem auch sicher, dass ich etwas zu geben und zu sagen hatte in der Musik und auf diesem Platz – auch keine einfache Kombination für eine Gruppe...

Das überrascht mich sehr. Das kann man sich gar nicht vorstellen, wenn man Dich bei den Proben erlebt. Wenn ich mit anderen Musikern daran arbeite, die aus ganz anderen Perspektiven auf die Stücke schauen, steht für mich nach drei Tagen alles glasklar vor mir wie es sein soll. Aber diese drei Tage brauche ich eben. Das Schlimmste ist für mich der Moment, wenn wir ein Stück zum ersten Mal durchgespielt haben und die Erwartung im Raum steht, jetzt sagt die da

vorne etwas dazu. Ich habe mir dafür eine Technik zugelegt, während des Spielens panisch zuzuhören, ob mir etwas auffällt, was ich an einer kleinen Stelle festmachen kann. Von dieser kleinen Stelle aus geht es dann weiter: Man spielt es nochmal, da höre ich dann mehr und es sagen ja meistens auch die anderen KollegInnen etwas dazu. Eine Zeit lang habe ich es auch so gemacht, dass ich mit Torsten [Johann, Cembalo] zusammen vorher das Programm vorgeprobt habe, um mit etwas Vorsprung in die Proben zu kommen... Naja... Meinst Du nicht, dass das Orchester dies auch als Vorzug der Probenarbeit erlebt statt als Mangel? Es wird doch dadurch mehr in der Gruppe erarbeitet und nicht von einer einzelnen Person. Manche ja, andere nicht. Es gibt Kollegen, die brauchen, dass vorne jemand steht, der eine klare Struktur gerade vom Anfang der Probenarbeit an vorgibt und die sind immer eher unzufrieden mit meiner Arbeit gewesen. Einmal bei „Concerti a due cori“, wo das Orchester sogar noch doppelchörig geteilt ist, bin ich fast wahnsinnig geworden. Das war wie ein schwarzes Loch. In der Nachbesprechung hieß es dann auch – zwar freundlich formuliert –, ob ich es bitte in Zukunft besser vorbereiten könne... Würdest Du eine Beethoven-Sinfonie leiten? Schon eher... Wenn ich als Konzertmeisterin mit meinem Körper, mit meinen Gesten dirigieren kann, fühle ich mich sehr sicher und richtig am Platz. Aber ich muss es jetzt nicht mehr... Wie muss man sich eine Doppelspitze (zusammen mit Gottfried von der Goltz) vorstellen? Wie funktioniert das? Früher als die Kinder klein waren, haben wir nur abwechselnd gespielt oder geleitet. Jetzt seitdem die Kinder aus dem

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Haus sind, habe ich viele Projekte mit Gottfried als Leiter mitgespielt. Und ich bilde mir ein, dass dann das Orchester am besten ist. Wir ergänzen uns mit den sehr verschiedenen Zügen, die wir haben. Gottfried akzeptiert es, wenn ich auch etwas in der Probenarbeit sagen möchte, und ich weiß genau, wann ich mir lieber 20mal auf die Zunge beiße. Er bringt genau das mit, was ich nicht habe, und daher genieße ich es, mit ihm Musik zu machen. Mit ihm kann ich wie befreit und ganz stark sein.

Barockmusik unterkommen könne. Wir waren eben auch modern ausgebildete Instrumentalisten mit Konzertexamina auf höchstem technischen Niveau. Das ist heute zum Glück normal. Heute braucht es diese Vermittlerfiguren nicht mehr. Aber wir haben bestimmt zusammen mit Concerto Köln und der Akademie für Alte Musik eine Trasse gelegt. Unsere Bedeutung in der Musikwelt ist auch durch unsere Opernarbeit mit René Jacobs sehr groß geworden. An dem, was er mit barocken wie klassischen Opern macht, kann heute wirklich NIEMAND mehr vorbei – das hat Maßstäbe gesetzt. Seine Arbeit wirkt in exzeptioneller Weise in der Musikwelt. Und wir gehören zum Glück untrennbar dazu. Hattest Du jemals Zweifel an dem, was Du tust? Gab es Krisen? Wenn ich Geige spiele bin ich von Zweifeln geplagt von morgens bis abends. Abends manchmal eine Stunde lang nicht. Das ist meine Wesensart und es ist furchtbar anstrengend.

Wie würdest Du die besondere Bedeutung des FBO in der Musikwelt charakterisieren? Und Deine Rolle dabei? Für die hochspezialisierten Barockmusiker sind wir wohl eher ein moderneres Barockorchester, weil wir mit kleinen Stützen für das Kinn und anderen kleinen Hilfen arbeiten, die es im 17. oder 18. Jahrhundert noch nicht gab. Beim großen Publikum sind wir dagegen sehr hoch angesehen und haben einen recht stabilen Stand, gerade weil wir in der Frage der Instrumente und ihrer Spielweisen etwas „handfester“ und gemäßigter interpretieren, wodurch die Reibungsverluste (die vielleicht noch vor 20 Jahren zu hören waren) nicht so hoch sind und wir ein bisschen vertrauter wirken und vielleicht näher an den Hörgewohnheiten bleiben. Ist das eine Art Vermittlerposition zwischen den extrem spezialisierten Musikern und dem großen Konzertpublikum? Vor dreißig Jahren, als wir angefangen haben, war es eine Vermittlerposition. Wir haben zwar einerseits etwas verschämt hochspezialisierten KollegInnen, etwa aus Basel, gegenüber zugegeben, dass wir es historisch nicht 100 % radikal machen. Andererseits konnten wir das Selbstbewusstsein haben, ein technisch anspruchsvolles Werk wie Brahms’ Violinkonzert zu meistern. Für uns galt nicht, was damals eine gängige Meinung war, dass man als nicht ganz so guter Instrumentalist eben noch in der

Behindert es die Kreativität oder fördert es sie vielleicht sogar? Es fördert sie mehr als dass sie sie behindert. So lange wir Musiker studieren, haben wir immer einen Spiegel. Das ist der Lehrer, zu dem wir jede Woche gehen. Das ist deshalb so wichtig, weil man seinem eigenen Instrument so ungeheuer nah ist, dass die kritische Distanz fehlt. Man ist verschmolzen mit seinem Instrument, am ehesten wie ein Schauspieler oder Sänger, bei dem es keine Trennung zwischen ihm und seinem „Instrument“ gibt. Und da ist es mit das Schwerste zu lernen, wie man eigentlich nach außen klingt. Oft nimmt man selbst das Gegenteil von dem wahr, was die anderen hören: laut – leise, kurze Noten – lange Noten, treiben – schleppen usw. Und das wird erschwert dadurch, dass das stark beteiligte Körpergefühl einem ja auch Vorstellungen vermittelt. Gutes Körpergefühl beim Spielen bedeutet aber leider nicht automatisch, dass es auch gut klingt... Dies alles zu relativieren, ist ein schwieriger Prozess. Ein gutes, aber frustrierendes Mittel dazu ist, sich selber aufzunehmen, was ich regelmäßig tue und was ja auch durch die vielen CD-Aufnahmen automatisch immer wieder passiert. Und wie oft saßen wir beim ersten Abhören da und dachten „Sch…! So klingt das also in Wirklichkeit“! Das betrifft tausende Parameter: Zusammenspiel, Dynamik, Intonation, Phrasierung… alles, jeden und zu jeder Zeit. Und genau in diesem Punkt sind die Zweifel gut und notwendig. Sie helfen mir, mich zu verbessern und mir meinen eigenen Spiegel vorzuhalten. Nur ist die Grenze zum sich selber fertig machen bei mir leider fließend – ...Gott, das wird ja ein richtig tragisches Interview!...

Ich danke Dir für Deine Offenheit! Das FBO ist maßgebend für die Interpretation des früh- bis spätbarocken Repertoires, es hat sich längst als Haydn- und Mozartorchester einen Namen gemacht, nun stehen auch immer häufiger Werke von Beethoven, Schubert, Schumann und Mendelssohn auf dem Programm. Mit großem Erfolg. Wie siehst Du diese Entwicklung? Und welche Rolle hat Deine künstlerische Persönlichkeit dabei gespielt? Ich habe das immer sehr befürwortet. Es gibt so phantastische Musik und ich liebe es, sie zu spielen. Diese Entwicklung ist auch ganz natürlich, gerade für diese so vielseitig interessierten Musiker unseres Orchesters, die immer leidenschaftlich gerne klassische und romantische Musik gespielt haben und sie auch so gut spielen können. Ich muss nur an Tinis [Anne Katharina Schreiber] Tripelkonzert mit Kris [Bezuidenhout] und Jean-Guihen [Queyras] denken, als ich vor Stolz platzend im Publikum sitzend gehört habe, wie eine unserer Musikerinnen in dem Solistentrio den Vogel abschoss und begnadet spielte! Wir brauchen das auch emotional als Ergänzung zur Barockmusik. Wir leben nicht im 17. oder 18. Jahrhundert. Wir sind eben mit dieser ganzen Bandbreite an Musik aufgewachsen und können nicht einfach so tun, als ob es das nicht gegeben hätte. Von Gustav Leonhardt wird behauptet, er hätte bei Kerzenschein gelebt und sich geweigert, andere als ganz frühe Musik zu hören, ...so ein bisschen wie eine bestimmte Diät. So etwas ginge bei uns nicht. Dazu sind wir zu vielfältig verschiedenartig. Außerdem ist es ganz folgerichtig für uns, die Musik der Romantik aus der Zeit heraus zu betrachten, aus der sie kommt und sich entwickelt hat. Es klingt anders, wenn wir sie spielen. Eine Grundidee des FBO war, ein basisdemokratisches Ensemble mit hoher Diskursfreudigkeit und ohne die „Macht“ eines Dirigenten zu etablieren. Doch auch Dirigenten wie Trevor Pinnock, René Jacobs und Pablo Heras-Casado prägen die Arbeit des Orchesters. Ist das ein Widerspruch? Schon sehr früh hatte auch Thomas Hengelbrock Projekte bei uns dirigiert. Das gehörte von Anfang an auch dazu und ich finde es eine notwendige Ergänzung. Nach langen Phasen, in denen es „nur“ Projekte mit Gottfried oder mir als Künstlerischem Leiter gab, hat sich bei mir nicht selten das Gefühl eingestellt, dass wir zu sehr im eigenen Saft schmoren. Ich kann für mich sprechen, wenn ich sage, ich brauche dringend Anregung von außen. Bei anderen mag das auch das Studium von Quellen und Texten bringen, bei mir geht das nicht. Ich brauche eine lebendige Vermittlung durch den Menschen. Früher bin ich oft zu Harnoncourt nach Salzburg gefahren und habe seinen Vor-

lesungen zugehört. Das habe ich nicht vergessen. Oder auch wenn Du uns etwas über die Musik, die Texte oder das geschichtliche Umfeld erzählst, dann merke ich es mir. So ist es dann auch in der Arbeit mit Dirigenten. René, der mein absoluter Lieblingsdirigent ist und ja oft zu uns kommt, hat so viel zu geben und zu erzählen und lässt uns gleichzeitig immer die Freiheit, so zu spielen, wie wir das am besten können. Er bekommt, was er braucht, indem er uns diese Freiheit gibt, und er erkennt uns als vollwertiges Gegenüber an.

Das ist kein Machtspiel, sondern ein künstlerischer Prozess. Für mich ist René der uneitelste Musiker, den ich kenne. Er macht alles wegen der Musik. Das wissen auch die Sängerinnen und Sänger, die mit ihm arbeiten. Seine zuweilen harsche Kritik ist immer künstlerisch motiviert und ermöglicht es einem, viel dazu zu lernen. Das ist genau der Spiegel, der einem nach dem Studium fehlt. Und es ist ein sehr schönes Haydn-Projekt unter der Leitung von Andreas Staier in Planung, der für mich der zweit-uneitelste Musiker der Welt ist… und sich mich als Konzertmeisterin wünscht. Das werde ich auch liebend gerne machen. Und da finde ich gar keinen Widerspruch zu unserem eigentlichen Ethos, unserer Grundidee. Du hast es neulich so schön formuliert als es um Gottfrieds Dirigat der Beethoven-Sinfonien ging: Es setzt einen Rahmen, innerhalb dessen Freiheit überhaupt erst möglich wird. So ist das für mich. Eine Freiheit ohne diesen Rahmen, ist eine missverstandene Freiheit, nämlich Willkür oder Chaos. Das stimmt sicher – aber da sind wir Musiker vom FBO alle so erfahren und klug, dass uns das ganz klar ist ... und trotzdem wohnt dem Chaos ja auch oft etwas Kreatives inne, bzw. Kreatives kann daraus entstehen. 11 10


Wie geht es ohne Deine Arbeit als Künstlerische Leiterin beim Orchester weiter? [lacht] Es geht natürlich alles den Bach runter! Nein, im Ernst: Ich habe meinen Rückzug seit drei Jahren dem Orchester angekündigt. Das haben die KollegInnen nicht immer geglaubt, aber es ist eine Tatsache, dass ich ab August 2017 nicht mehr Künstlerische Leiterin sein werde. Der Rückzug liegt auf einer Linie mit einem ganz natürlichen Prozess des Generationenwechsels, der schon begonnen hat. Für Friedemann Immer ist Jaroslav Rouček gekommen, für Karl Kaiser Daniela Lieb. Die „Neuen“ sind langsam über Jahre in das Orchester hineingewachsen und haben sich damit verbunden. So soll es bei mir und meinem Nachfolger oder meiner Nachfolgerin auch sein. Nur hatten wir auf dem Posten des leitenden Konzertmeisters neben Gottfried und mir ja keine jungen Musiker bislang. Deshalb haben wir jetzt angefangen, neue Musiker kennen zu lernen. Den Anfang machten Shunske Sato und Lorenza Borrani, bei denen sowohl im Publikum als auch im Orchester klar wurde, dass sie eine Bereicherung sind. Wir haben mittlerweile eine schöne Liste an Musikern, die wir gerne kennen lernen möchten. Dafür werden wir eine Art Workshop im kommenden Jahr machen, um durch die Probenarbeit an zwei Stücken ein erstes Gefühl zu bekommen. Wenn einige von den Musikern in die nähere Wahl kommen, gehen wir mit Ihnen in eine Vertiefung. Das wird ein längerer Prozess werden fürs Orchester und unser Publikum. Wir haben den von uns allen so geschätzten Kristian Bezuidenhout gebeten, ab Herbst 2017 für drei Jahre Künstlerischer Leiter-in-Residenz neben Gottfried bei uns zu sein. Darauf freuen wir uns sehr. Es ist auch spannend, wenn einige Projekte vom Tasteninstrument geleitet werden. Vielleicht finden wir in diesen drei Jahren einen neuen Konzertmeister, der zu uns passt. Ich kann mir aber auch vorstellen, diese Drei-Jahres-Modelle etwas länger mit unterschiedlichen Musikern zu haben. Wir müssen offen bleiben. Die Welt hat sich weiter gedreht: Die jungen Musiker haben neue Vorstellungen und Überzeugungen davon, wie man Barockmusik spielen sollte und da sollten wir offen sein, damit das FBO auch über uns „Gründer“ hinaus weiter begeisternde Musik spielen kann.

Ein Vorbild ist mir immer Alice Harnoncourt gewesen, die sich sehr früh selbst vom Konzertmeister-Platz beim Concentus musicus zurückgezogen hat, aber immer weiter dabeigeblieben ist. Gibt es etwas, das Du jetzt endlich tun wirst, wozu Du vorher nicht gekommen bist? Ich werde nicht viel mehr Zeit für andere Dinge haben, weil ich einfach weiter spielen werde: Projekte mit Gottfried und René, im Tutti oder beim Consort. Aber der Kopf wird freier sein. Wenn ich an den nächsten Sommer und mein letztes Projekt denke, dann ist schon so viel Ballast und Druck verschwunden. Was wünschst Du dem Orchester und seinem Publikum für die Zukunft? Ich wünsche dem Orchester von ganzem Herzen, dass wir das Tolle, was wir hier aufgebaut haben – es ist ein riesiges funktionierendes geniales „Unternehmen“ – in eine neue Zeit überführen werden und dabei so klug wie möglich und nötig vorgehen. Dafür müssen wir alle von unseren eigenen Wünschen und Zielen absehen können und uns in den Dienst an der Zukunft des Orchesters stellen. Damit möchte ich jetzt mal anfangen und es mitgestalten. Ich wünsche unserem Publikum, dass es diese Veränderungen ebenfalls mitträgt, denn so wie sich das Orchester verjüngt und dabei frisch und wach hält, so kann auch unser Publikum die positiven Wirkungen genießen. Ich wünsche ihm, dass es nicht am Alt-Bewährten festhalten will, sondern mit der Entwicklung mitgeht. Ich bin da optimistisch, denn bei den Konzerten mit Lorenza hatte ich stark das Gefühl, dass unser Publikum genau das getan und diese junge, energetische, attraktive Erscheinung und ihre wunderbare Art, Musik zu machen, sehr goutiert hat. Ich möchte mich bei meinen Kollegen und beim Publikum für das Vertrauen bedanken, das sie über eine so lange Zeit hinweg in mich gesteckt haben. Ich habe jetzt viel von den Belastungen gesprochen, die es bedeutet hat, aber es war natürlich eine großartige Zeit und es gab unglaubliche Möglichkeiten für mich. Ich habe daraus gleichzeitig enorme Kraft schöpfen können. Danke! Und ich werde sicher heulend daniederliegen, wenn es soweit ist.

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Spaß, Sport und Spiel. Lorenza Borrani leitete das FBO in olympische Regionen Manch einer bemerkte es sofort, andere sahen es erst eine Weile nach Beginn des Konzerts: Die Musikerinnen und Musiker trugen auf der Bühne Turnschuhe! Wozu der sportliche Look? Das Programm, das das Freiburger Barockorchester zusammen der italienischen Gastleiterin Lorenza Borrani präsentierte, nannte sich „Spaß & Sport“. Es enthielt Stücke, die sich lose auf den Themenkomplex „Witz – Freizeit – Unterhaltung – Sport“ beziehen ließen.

Haydns Sinfonien sind immer für überraschende Wendungen gut, etwas, was man in Anlehnung an das englische Wort „wit“ (Geist, Verstand, Humor, Scharfsinnigkeit) als „Witz“ bezeichnet hat. Die Sinfonie Nr. 60 war ursprünglich eine Schauspielmusik zu dem Stück „Der Zerstreute“ und quillt geradezu über vor Überraschungen, Ungewohntem, Nichtzu-Erwartendem: „Da tröpfelt gleich im Kopfsatz nach dem ersten Energieschub eine hohl drehende Violinfigur ins Nichts, da fahren tollpatschig die Bläser in die allzu holde Andante-Melodie, die alsbald kollabiert und pumpend wieder angekurbelt wird, da tönen robuste Lieder ebenso wie brütende unisono-Figuren durch die Sätze. Im PrestissimoFinale zieht der rasende Adrenalinausstoß gar die Reißleine: Stopp, erst mal stimmen!“ (Martin Mezger) Das FBO nahm die Herausforderung sportlich, wozu Borrani energetisch animierte: „Das Freiburger Barockorchester ist so spiel‑ wie stehstark, links wie rechts. Als ebenso energische wie elegante

Klasse des Hochleistungsbereichs unter den Sängern, was Christina Landshamer gewissermaßen ohne Punktabzug erfüllte: „Landshamer punktet in sämtlichen Auf‑, Um‑ und Abschwungübungen am Koloraturbalken ebenso wie in der emotionalen Kür“, befand der Kunstrichter und Romanschriftsteller Albrecht Selge aus Berlin. Die dritte Disziplin am Abend hieß Posthornserenade. Wie auch andere Serenaden Mozarts war sie nicht in erster Linie als kunstvolle Konzertmusik gedacht, sondern erfüllte ihren besten Zweck als abendliche Unterhaltungsmusik in der sommerlichen Freiluftatmosphäre Salzburgs. Sie diente als Musik zum studentischen Semesterabschluss der Universität, mit der die Kommilitonen durch die Stadt ziehend in die Sommerpause entlassen wurden. Unterhaltende Musik zum Beginn einer längeren Freizeit- und Erholungsphase also, was den Komponisten allerdings nicht davon abgehalten hat, Kunstanspruch und Unterhaltungswert in perfekter Balance miteinander zu vermitteln. Mit dem Posthorn schließlich hat es eine besondere Bewandtnis. Das Posthorn-Blasen war den Postkutschern innerhalb der Stadtmauern nämlich auf erzbischöflichen Befehl hin verboten. Bekanntlich hatte Mozart keinen guten Draht zum Regenten und Vorgesetzen Colloredo; „sclaverey“ nannte er den Dienst bei ihm. Wenn er nun das Posthorn im zweiten Menuett schallen lässt, sagt er ihm vermutlich zweierlei: „Es wartet auf mich eine Postkutsche, denn ich bin auf dem Sprung weg aus dieser Stadt; und ich schicke diese Botschaft just mit jenem Signal, das Du verboten hast. Ätsch!“ FBO-Trompeter Jaroslav Rouček jedenfalls hatte damit einen prächtigen Auftritt, sowie das gesamte Ensemble sich abermals als ideales Mozart- und Serenadenorchester erwies: „Klangschön und wunderbar phrasierend die Flötistin Daniela Lieb und die Oboistin Ann-Kathrin Brüggemann,

sonor wie Edelholz die Fagotte. Trompeter Jaroslav Rouček machte im titelgebenden Menuett-Trio kurzerhand den Postillon und schmetterte in dessen Horn, geradezu rauschhaft das Brio, die luzide Transparenz, die glitzernde Brillanz und gleißende Bravour in den Rahmensätzen der prächtigen Komposition. Da ging fürwahr die Serenadenpost ab“ (Mezger). Verantwortlich für die von allen Seiten gelobte Dynamik des Sport-Konzerts war nicht zuletzt Lorenza Borrani, die eine frische und quicklebendige Perspektive auf das Konzertmeisterpult verschaffte: „Lorenza Borrani gab als GastKonzertmeisterin und musikalische Leiterin beseelte Impulse, akzentuierte die gestalterische Präzision, die mitreißende Verve, die Spannung vom Kleinen und Feinen bis in die rasante Attacke. Borrani hat all die großen Potenziale des dirigentenlos zu musikalischer Selbstbestimmung gereiften Ensembles aktiviert.“ (Mezger). Mit Haydns Sinfonie Il distratto bestritt das FBO auch das Familienkonzert im Ensemblehaus. Elisabeth Theisohn brachte Kindern – unter ihnen auch einige Geflüchtete –, ihren Lehrern sowie Eltern das schauspielmusikalische Programm der Sinfonie nahe, wozu der Haydn’sche Witz sich als überaus zweckdienliches Mittel offenbarte. Mit der Hilfe des (bisher teilweise ungeahnten) schauspielerischen Talents der FBO-Musikerinnen und Musiker setzte sie die Geschichte in Szene und machte so den erzählerischen Zug von Haydns musikalischer Gestaltung unmittelbar erfahrbar. Ein kleiner musikhistorischer Ausflug zu „Haydn und sein Publikum“ des Dramaturgen Gregor Herzfeld machte deutlich, warum Musik überhaupt überraschen kann, warum wir manchmal schmunzeln oder gar lachen müssen, wo doch gar keine Worte beteiligt sind.

Mannschaftskapitänin überzeugt die erste Geigerin Lorenza Borrani, die die Einsätze durch beeindruckende Kniebeugen mit hohen Absätzen gibt, ein dirigentisches Bauch‑Beine‑Po‑ Programm, das kein Maestro hinbekäme“ (Albrecht Selge). Im Falle der Konzertarien von Tommaso Traetta („Che non mi disse un di!“) und W. A. Mozart („Alcandro lo confesso/ Non sò donde viene“) lag der Bezug zum Sport zunächst im Sujet des Librettos, dem die Texte entnommen sind. Pietro Metastasios Olimpiade ist einer der meist vertonten Operntexte überhaupt. Am Rande antiker olympischen Spiele entspinnt sich darin eine verwickelte Liebes- und Beziehungsgeschichte, deren Auslöser die heute etwas lieblos anmutende Idee des Königs ist, seine Tochter dem Sieger bei den Spielen anzuvermählen. Zu diesem doch eher äußerlichen Bezug zur Welt des Sports trat ein weiterer, der die musikalische Substanz berührt. Die beiden Arien setzen zu ihrer Bewältigung eine „geläufige Gurgel“ voraus, also die 15 14


Knabenkehlen, Kyrie und Klanggenuss. Das FBO feierte das 800-Jahr-Jubiläum des Dresdner Kreuzchors

Die mehr als 3.000 Zuhörer fassende Kreuzkirche war Veranstaltungsort des Festkonzerts zum 800-jährigen Jubiläum.

Der renommierte Dresdner Kreuzchor feierte sein 800-jähriges Jubiläum. Zum festlichen Abschlusskonzert am 23. April sang er Beethovens „Missa Solemnis“ op. 123 und lud das Freiburger Barockorchester dazu ein, ihn dabei zu begleiten. Ein glanzvoller Abschluss! Das fand auch Bundespräsident Joachim Gauck, der unter den Gästen war.

Das genaue Gründungsjahr des Kreuzchors ist nicht zu ermitteln. Nachdem das 700-jährige Bestehen des Kirchenchors ganze fünf Mal im 20. Jahrhundert gefeiert wurde, haben sich die Verantwortlichen für die große Feier des 800sten auf 2016 verständigt. So oder so: Fakt ist, dass der Kreuzchor zu den ältesten und angesehensten Knaben- und auch sonstigen Chören überhaupt gehört. Bekannte „Kruzianer“ – so nennen sich die Sängerknaben – waren u. a. die Gebrüder Graun, Carl Heinrich und Johann Gottlieb, Ludwig Schnorr von Carolsfeld, Karl Richter, Peter Schreier und Hans-Christoph Rademann. Die Sänger sind zwischen 9 und 19 Jahre jung, leben und lernen auf dem Campus der Kreuzschule, sie stehen dem Dresdner Musik- und Kirchenleben ebenso zur Verfügung wie sie konzertierend durch die ganze Welt reisen. Mit Beethovens klang- und stimmgewaltiger Festmesse gab der Chor keineswegs angestammtes Kernrepertoire wieder, sondern betrat weitgehendes Neuland. Auch weil Beethoven sicherlich keinen Knabenchor im Sinn hatte, als er das Stück komponierte, holte sich Kreuzkantor Roderich Kreile die Unterstützung durch einen anderen Dresdner Chor, dessen Leiter Peter Kopp selbst einmal Kruzianer war: das Vocal Concert Dresden. Die Süddeutsche Zeitung maß der „Chorgemeinschaft hohe Überzeugungskraft“ bei, und dies „obwohl der Klanghunger der riesigen Kreuzkirche kaum zu stillen ist“. Als Solisten glänzten Camilla Nylund (Sopran), Gerhild Romberger (Alt), Martin Petzold (Tenor) und Konrad Jarnot (Bass). Wiederum die SZ befand, dass sie ihre Partien hinreißend sangen: „Ihre Stimmen trugen, sie lobpreisten und staunten ohne Forcieren oder Künstelei.“ Herausragend auch das Zusammenspiel der beiden Chöre mit dem Orchester: „Besonders berührend gelangen lyrische Passagen, wo Solisten, Choristen und Instrumente innig verschmolzen“.

Hier wie auch in Mexico City (siehe S. 26) bewährte sich das FBO als sehr hörenswertes Beethoven-Orchester: „Das Freiburger Barockorchester mischte jenen Farbenreichtum ein, den Beethovens Partitur bietet“, was nicht zuletzt auch Verdienst der Konzertmeisterin Anne Katharina Schreiber war, die dafür sowie für ihr schmelzendes Solo im Sanctus – gleichsam der hochschwebende und zur Menschwerdung hinabsteigende Heilige Geist – einen mehr als gerechtfertigten Extra-Applaus bekam. Die Zuhörer in der Kreuzkirche waren sichtlich berührt, ergriffen, nachdem sie für gute 90 Minuten in diese packend dargebotene Musik hineingetaucht waren. Erleichterung machte sich unter den jungen Sängern breit, die mit den Anforderungen der beethovenschen Partitur natürlich an die äußerste Grenze getrieben wurden; Erleichterung darüber, dass es hervorragend gelaufen ist, dass nun Lob aus aller Munde zu hören war, allem voran aus dem Mund ihres Chefs Roderich Kreile: „Jeder Kruzianer, der heute mitgewirkt hat, darf einfach stolz sein und sich freuen!“ Unter den Gästen waren unter anderen Innenminister Thomas de Maizière mit seiner Frau sowie Bundespräsident Joachim Gauck mit seiner Lebensgefährtin. Der Bundespräsident fand Worte des Glücks, um seine Verfassung nach dem Konzert mitzuteilen: „Ich kann es nur als Glück beschreiben, wenn ich solchen Erlebnissen beiwohne, solch einem großartigen Konzert, und es mich auf diese Weise hineinsaugt und mitnimmt.“ Diese Art von Konzerten seien dazu in der Lage, Menschen Glück zu bereiten, Glück nicht in einem oberflächlichen Sinne, sondern so, dass davon das eigentliche Mensch-Sein berührt würde – „et homo factus est“.

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Biber

Mendelssohn

Beethoven 2017 | 18 30 Jahre FBO

Corelli

Mozart

Telemann

Haydn


Schmerz, Chalumeaux und Schönheit. Telemanns selten gespielte Passion „Seliges Erwägen“ Was hören wir meistens in der Passionszeit? Matthäuspassion, Johannespassion – auf jeden Fall Bach. Mit gutem Grund, denn es sind unbestreitbare Meisterwerke. Doch Passionsmusik kann auch anders sein. Es gab sie vor Bach, neben Bach und nach Bach. Das Freiburger Barockorchester wagte im vergangenen März den Versuch, eine Alternative vorzuschlagen: Georg Philipp Telemanns Passionsoratorium mit dem schönen barocken Titel „Seliges Erwägen des bittren Leidens und Sterbens Jesu Christi“ (TWV 5:2).

Es ging nicht darum, Bach zu ersetzen (warum sollte man das tun?). Wir haben uns an diese Musik gewöhnt: an ihren Stil, ihren Klang, die Art und Weise, wie Bach mit religiösen Text umgeht, rhetorisch, theologisch. Diese Gewöhnung, die lange Zeit einher ging mit einer regelrechten Erhöhung Bachs zum „5. Evangelisten“, in nationalistischen Zeiten zum „Urvater der deutschen Musik“, zum Nationalheiligen also, hat jedoch eine gewisse Monokultur entstehen lassen. Diese möchten wir etwas anreichern, etwas bunter und lebendiger gestalten. Und wem es bei den Konzerten gelang, sich von liebgewonnenen Bach’schen Gewohnheiten zu lösen, konnte alle Reize dieser andersartigen Passionsdarstellung genießen. Zwei abweichende Prämissen wurden dabei hörbar: 1. Telemann denkt – das gilt auch für seine Kantaten – weniger oft rhetorisch im Sinne einer Tradition, die aus protestantischen Lateinschulen über Komponisten wie Heinrich Schütz in die geistliche Musik eingegangen ist. Ihm geht es bei der

Textvertonung weniger als Bach um die sinnige Figur einer musikalischen Erfindung, sondern vielmehr um deren dramatischen Effekt. Telemann dachte in musikdramatischen Vorstellungen. 2. Telemann war offenbar noch stärker als Bach von einem an der jeweiligen Kirchengemeinde orientierten Gebrauch seiner geistlichen Musik geprägt, weshalb Manches weniger komplex und artistisch ausfällt – wie der Choralsatz quasi „zum Mitsingen“, der jegliche Form von Chorvirtuosität ersetzt. Mit Anna Lucia Richter (Glaube/Zion/Andacht), Colin Balzer (Andacht), Hans Jörg Mammel (Petrus), Tobias Berndt (Jesus) und Konstantin Wolff (Caiphas) und der choralunterstützenden Hanna Roos standen bei den Konzerten im Konzerthaus Freiburg und bei den Telemann-Festtagen in Magdeburg Solisten auf der Bühne, die ihre Rollen hervorragend und überzeugend präsentierten. Insbesondere Anna Lucia Richter übernahm eine führende, z. B. die Choräle

Blockflöte und Sopran: Shai Kribus und Anna Lucia Richter im Kloster Unser Lieben Frauen.

Anna Lucia Richter: Schön, wie gemalt, hinter den schweren Türen des Telemann-Zentrums.

anleitende Position. Sie gestaltete auch einen Teil der allegorischen Partie der Andacht, die mit ihren Betrachtungen des „blutschwitzenden“ und „verspeieten“ Jesus um Mitleiden warb und somit – Bachs Evangelisten vergleichbar – zwischen dem Geschehen und den Zuhörern vermittelte. Jesus selbst kam neben seinem abtrünnigen Jünger Petrus und seinem Ankläger Caiphas ebenfalls zu Wort und Ton. Mit kämpferischer Geste („Ich will kämpfen“), die wir am ehesten mit der Oper in Verbindung bringen würden, und sehr direkten Beschreibungen des eigenen Zustands („Vater | Die Kräfte wollen mir gebrechen“) machte er uns zum hautnahen Zeugen seiner letzten Stunden, was Dank der Übertitelung in Freiburg auch textlich mitvollzogen werden konnte – den Text übrigens hatte Telemann selbst verfasst und er zeugt in beeindruckender Weise von seiner allgemeinen und theologischen Bildung. Telemann war lange Zeit auch deshalb nicht aus dem Schatten Bachs herausgetreten, weil er in nicht adäquater Weise gespielt und interpretiert wurde. In den Händen von Orchestern, die an einem „monumentalen“ Bach und einem romantischen Repertoire geschult waren, klang Telemann langweilig, einfallslos und einfach „dudelig“. Diese Gefahr war beim FBO unter Gottfried von der Goltz’ künstlerischer Leitung natürlich nicht gegeben. Im Gegenteil: Das Orchester bereitete je nach dramatischer Situation einen leuchtenden oder dunklen Instrumentalgrund. Mit solistischen Fäden spann es farbige Tupfer in das Gewebe aus Gesangs- und Begleitstimmen. Insbesondere die selten zu hörenden Chalumeaux (Lorenzo Coppola und Tindaro Capuano) – Vorläufer der Klarinette – unterlegten mit ihrem samtig-dunklen Klang sinnfällig Jesus’ letzte Arie „Es ist vollbracht“. Telemanns Instrumentation, die geschickt und raffiniert den Stimmungsgehalt der

Nummern unterstützt, erfuhr durch die FBO-Musiker eine durchsichtige, kontrast- und spannungsreiche Umsetzung. Als die letzte Note im Freiburger Konzerthaus verklungen war (Choral „Erscheine mir zum Schilde“ als letzte Strophe von „O Haupt voll Blut und Wunden“), herrschte eine regungslose Stille, wie sie selten außerhalb der Kirche bei Konzerten zu erleben ist. Danach brach der Applaus tosend los … deutliche Anzeichen für das Gelingen unseres Experiments.

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Licht, Lavendel und (nicht nur) Lieder. Drei Jahre lang war das FBO Orchestra-in-Residence in Aix-en-Provence

Nicht nur der Lavendel fühlt sich in der Provence wohl ... auch Musiker und Besucher aus aller Welt.

Im Sommer 1948 eröffnete Hans Rosbaud mit dem frisch gegründeten Orchester des Südwestfunks Baden-Baden die erste Ausgabe des „Festival International d’Art lyrique d’Aix-en-Provence“ mit Wolfgang Amadeus Mozarts dritter Da-PonteOper „Così fan tutte“ und signalisierte damit die besondere Verbundenheit des Musikfestivals mit den musikdramatischen Werken des österreichischen Klassikers. Genau 68 Jahre später fanden an derselben Stelle Louis Langrée, Jérémie Rhorer und das – ebenfalls in Baden angesiedelte – Freiburger Barockorchester zusammen, um dasselbe Stück zu musizieren.

Das FBO verabschiedete sich mit den neun Vorstellungen von seiner dreijährigen Residenz bei den provenzalischen Festspielen. Mit einer Mozart-Trilogie aus Zauberflöte (2014), Entführung aus dem Serail (2015) und Così fan tutte (2016) entsprach es der konstanten südfranzösischen Mozart-Pflege in sommerlicher Freiluftatmosphäre und unterstrich seine eigene Bedeutung als renommiertes Mozartorchester. Daneben konnte das Ensemble mit weiteren Opernproduktionen – Händels Ariodante und Alcina – sowie Orchesterkonzerten – mit Werken von Bach, Händel, Arriaga, Beethoven und Mendelssohn – die gesamte Bandbreite seines Könnens demonstrieren. Die neue musikzeitung bezeichnete die Zauberflöte als einen „Wurf “: „Das Freiburger Barockorchester unter Pablo Heras-Casado lieferte einen spielerisch flotten Mozartsound. Zur gekonnten, durch einen Statistenchor sinnvoll angereicherten Personenregie ist Michael Levines Bühne ein Musterbeispiel für einen opulenten Minimalismus“ kein „überkandideltes Diskurstheater“, sondern etwas, das „einfach Spaß macht“. Und während insgesamt die Leistung der Musiker in der internationalen Presse unwidersprochen blieb, waren einige der Inszenierungen heftig umstritten. Gemeinsamer Stein des Anstoßes bei der Entführung und bei Così fan tutte war die Auseinandersetzung der jeweiligen Regisseure Martin Kušej und Christophe Honoré mit Problemen des Rassismus und Fremdenhasses in Zeiten eines globalen Terrorismus. Das Ende der Entführung mit seiner Verstoßung des Osmin im Namen des Humanismus hat Regisseuren natürlich immer schon Kopfzerbrechen bereitet: Wie geht man damit um? Gibt man Osmin noch eine Chance? Kušej macht es schlimmer als es schon ist, lässt ihn nochmals auf die Bühne kommen und deutet die zwischenzeitliche Tötung –

in seinem ursprünglichen, von der Festspielleitung abgeschmetterten Entwurf sogar Enthauptung – der „Geiseln“ Konstanze und Blonde an. Und Honoré hatte in seiner Così Da Pontes Kammerspiel der Befindlichkeiten von Italien nach Eritrea verlegt, in die Zeit der Besatzung durch den Faschisten Mussolini. Dorabella, Guglielmo, Fiordiligi und Ferrando gerierten sich wie Kolonialherren, schlugen, demütigten und vergewaltigten (letzteres gleich während der Ouvertüre). Die sehr subtilen und feinsinnigen zwischenmenschlichen Verwirrungen Da Pontes transformierten sich dabei zu Angriffen, Verletzungen und Frustrationen im körperlich sexuellen Bereich. Was daran von den einen als mutig, radikal und überfällig bejubelt wurde, konnten andere gar nicht mit der Musik und ihrer facettenreichen Wiedergabe durch die Solisten, FBO und den Chor aus Kapstadt in Einklang bringen. Was den einen politisch engagierter Frischwind war, hielten andere für eine allzu grobe Brechstange ohne Bezug zu Libretto und Musik. 23 22


Pinnwand Erschienen Mit drei neuen CDs verfolgt das FBO seine Programmlinie konsequent weiter.

N Barock

N Klassik

N Romantik

Bach – Telemann: Kirchenkantaten mit Philippe Jaroussky (Erato)

Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzerte KV 413, 414, 415 mit Kristian Bezuidenhout (Harmonia Mundi)

Felix Mendelssohn-Bartholdy: Sinfonien a-Moll „Schottische“ und A-Dur „Italienische“ mit Pablo Heras-Casado (Harmonia Mundi)

Der Innenhof des bischöflichen Palastes in der Altstadt von Aix ist eine herrliche sommerliche Opernlocation.

Ob bei den Händel- oder den Mozart-Opern: Das Freiburger Barockorchester wurde in der internationalen Presse (New York Times, Le Monde, Die Welt etc.) durchweg als exzellent, farbenreich und präzise beurteilt. Seine Rolle – so der Tenor – beschränke sich nicht allein darauf, die Solisten zu begleiten, sondern vielmehr sei das Orchesterspiel ein wesentliches Highlight bei den Produktionen gewesen. Um sich einen Abend mit Così fan tutte in Aix zu gönnen, veranstaltete der Freundeskreis des Freiburger Barockorchesters in Verbindung mit Heideker Reisen seine bereits zweite gemeinsame Kunst- und Konzertreise. Davon berichtet Freundeskreismitglied Dieter Schaudel: Die 23 Teilnehmer dieser fünftägigen Reise erlebten Außergewöhnliches: Kultur, Landschaft und pralles Leben unter der milden Sonne und dem Mistral in der Provence, einen fordernden und lebhafte Diskussionen anregenden Opernabend „Così fan tutte“ mit dem FBO, eine harmonische Reisegruppe unter der kunsthistorisch wie geographisch und organisatorisch hervorragend beschlagenen Reiseleiterin Heike Mühl, einem bequemen Reisebus mit einem souveränen Fahrer und ein hervorragendes Hotel in Aix – es hätte nicht besser und schöner sein können! Aber der Reihe nach: Der Freundeskreis des FBO hatte sich um diese Reise bemüht, weil das Orchester zunächst letztmalig „Orchestra in Residence“ bei diesem alljährlich stattfindenden, international hochangesehenen Festival war. Die Aufführung der Mozartoper war deshalb auch der Höhepunkt der Reise, aus mindestens drei Gründen: Erstens, weil die Inszenierung von Christophe Honoré ziemlich weit entfernt war von der historischen Aufführungspraxis

und es spannend war, ob und wie dies mit dem FBO zusammen harmonierte – es harmonierte hervorragend, auch dank des einfühlsamen Dirigats von Louis Langrée (den wir schon bei der Generalprobe in Freiburg erleben durften). Zweitens, weil die laue provenzalische Sommernacht dieser Freiluftaufführung ein ganz besonderes Flair im Hof des ehemaligen erzbischöflichen Palastes gab. Und drittens, weil die Oper einen Tag nach dem schrecklichen Anschlag in Nizza überhaupt aufgeführt wurde – unter moderaten Sicherheitsvorkehrungen. In jeder Beziehung ein unvergessliches Erlebnis, auch weil es unter den Mitreisenden durchaus kontroverse Diskussionen auslöste, trotz (oder wegen?) einer fürsorglichen Einführung durch Dr. Herzfeld per Email. Das touristische Programm darum herum bot alles, was man in dieser geschichts- und kulturträchtigen Region in den wenigen Tagen erwarten konnte: Avignon mit dem Papstpalast, das Kartäuserkloster in Villeneuve-lès-Avignon und natürlich die berühmte Brücke St. Bénézet. Dann die Lavendelfelder in voller Blüte und das Zisterzienserkloster mit der Abtei Notre-Dame de Sénanque. Eine Fahrt auf schmalen Straßen durch das Lubéron mit seiner herrlichen Landschaft, seinen Weinbergen und Melonenfeldern. Eine Wanderung auf dem „Ockerpfad Roussillon“ mitten durch bizarre Felsformationen. Einen Gang durch das aristokratisch-schicke Aix. Die Paläste, das Amphitheater, das antike römische Theater, die Plätze, der Markt und die engen Gassen von Arles, als Abschluss ein Besuch des Museums Paul Cézanne. Immer mit ausführlichen und verständlichen Erläuterungen der Reiseleiterin Frau Mühl. Schier unendlich viele Eindrücke, Informationen und Bilder, auf der Heimfahrt in Hexametern besungen! Was bleibt? Der Wunsch nach mehr! Und der Dank für die Initiative des Freundeskreisvorstands.

Aufgenommen Im Mai 2016 trafen sich Carolyn Sampson, Andreas Wolf und das FBO im Ensemblehaus, um die Bachkantaten BWV 152, 199 und 202 aufzunehmen. Die CD wird im April 2017 bei Harmonia Mundi erscheinen.

Ausgezeichnet Alle guten Dinge sind: sieben! Zum 7. Mal wurde der ECHO Klassik (der 6. in Folge) einer Einspielung mit Beteiligung des FBO verliehen. Am 9. Oktober 2016 überreichte die Deutsche Phonoakademie die Trophäe im Konzerthaus Berlin im Rahmen einer feierlichen Gala an die Aufnahme der 7 Cembalokonzerte von Johann Sebastian Bach mit Andreas Staier am Solo-Instrument (Harmonia Mundi). Pressestimmen finden Sie im „Klangspiegel“ der Dezemberausgabe 2015 von About Baroque.

und Jean-Guihen Queyras (Violoncello) als ein meisterliches Triumvirat, das die doppelte Trilogie zu einem wahren Hör-Erlebnis macht, sekundiert vom agilen Freiburger Barockorchester unter Pablo Heras-Casado“.

Und bereits zum vierten Mal erhielt eine CD-Produktion mit dem Freiburger Barockorchester den Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik. Die Jury unter dem Vorsitz von Dr. Eleonore Büning zeichnete die „Schuman-Trilogie“ aus drei Konzerten und drei Klaviertrios (Harmonia Mundi) mit diesem wichtigsten Kritikerpreis im deutschsprachigen Raum aus. In der Begründung heißt es: „Hier erweisen sich Alexander Melnikov (Fortepiano), Isabelle Faust (Violine)

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Taktstock, Tortilla und Tequila. Gottfried von der Goltz dirigierte Beethoven-Zyklus in Mexiko „Seid umschlungen, Millionen“: Dirigent von der Goltz bei der Probenarbeit in Mexiko mit FBO, Solisten und mexikanischen Choristen.

Im Oktober fand eine – auch für das FBO – ungewöhnliche Konzertreise statt: In Mexiko wurde das Deutschlandjahr gefeiert mit vielen unzähligen Events: Vorträge, Ausstellungen, Gesprächsrunden, Konzerte, Lesungen etc. Das FBO war dorthin eingeladen worden, die Musik eines Deutschen – der freilich über die Hälfte seines Lebens in Österreich verbrachte – zu präsentieren; eine Musik, die aber in keiner Note bloß national klingt, sondern deren Botschaften grenzüberschreitende, zutiefst menschliche sind: Die neun Sinfonien Ludwig van Beethovens. Dieser wahrhaft monumentale Zyklus von sechs Stunden Musik stellt jedes Orchester vor technische und interpretatorische Herausforderungen. Für den Leiter Gottfried von der Goltz war klar, dass diese Musik von der ersten bis zur letzten Sinfonie einen Dirigenten fordert, ja, dass diese Musik überhaupt ein Grund dafür ist, warum sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Beruf des Dirigenten herausbilden musste. Folgerichtig legte der Geiger in Mexiko sein Instrument beiseite und nahm den Taktstock in die rechte Hand. Auswendig führte er die Musiker durch alle Hochs und Tiefs dieses sinfonischen Meilensteins. Klar, präzise, ausdrucksstark und erstmals historisch informiert erhob sich Beethovens Stimme im traditionsreichen Palacio de Bellas Artes in Mexico City über einem klangbegierigen, frenetisch applaudierenden Publikum. Diese mit europäischen Maßstäben kaum zu messende Reaktion eines derart begeisterungsfähigen Publikums konnte mehr als entschädigen für die organisa-

torischen Hürden, die einem solchen Projekt in einem Land, dessen sympathische Bewohner bisweilen ein – sagen wir – erstaunlich entspanntes und ratlosmachend lockeres Verhältnis in Planungsangelegenheiten an den Tag legen kann, notwendigerweise gegenüberstehen. Seit 1924, dem hundertsten Jahrestag der 9. Sinfonie, steht in jenem Park, der hinter dem Palacio de Bellas Artes anfängt, ein Beethoven-Denkmal, das die deutsche Minderheit in Mexiko gestiftet hat. Sein Stil ist heroisch, heute kaum noch zu genießen: monumentale Heldenverrehrung. Über einer in Stein gelassenen Totenmaske des Komponisten sind zwei Statuen zu sehen: Ein geflügelter Engel und ein nackter Mensch, der sich in verzweifelter, flehender Pose an dessen Beine klammert, als wollte er ausrufen: „Hilf mir! Nimm mich mit! Lass mich nicht allein hier unten!“ – Beethovens Musik beflügelt.

Raquel Massadas war die Stimmführerin der Bratschen bei diesem Projekt. Sie hat einige ihrer ganz persönlichen Eindrücke dieser besonderen Reise für uns in Worte gefasst:

Später Abend. Der Blick vom Balkon des Palacio de Bellas Artes verliert sich im Unendlichen und die einzige Person, die noch im Park Alameda Central steht, ist Beethoven. Das allerletzte Konzert ist beendet. Ein gigantisches Publikum lobt und applaudiert aus ehrlicher Freude. Das Freiburger Barockorchester kehrte nach Mexico City zurück, um den monumentalen Zyklus der neun Beethoven Sinfonien aufzuführen. Einzigartiger Klang, Dramatik, explosive Energie, dramatische Farben, Momente des Klagens und freudvolle Themen. Die „Kathedrale der Kunst in Mexiko“, so der Spitzname des Palacio de Bellas Artes, wurde mit jeder Facette des Menschseins erfüllt. Und welch erstaunliche Erfahrung in einer Hauptstadt mit solch langer Geschichte. Die Kultur Mexikos ist reich und ehrwürdig, mit einer besonderen Verbindung von Alt und Neu. Keine Frage, dass die Stadt immer noch voller Widersprüche ist, doch Mexico City besteht aus einer lebhaften Gemeinschaft mit Zauber. Jeden Tag spazierte ich durch den Park und wusste, mir würde etwas Unerwartetes passieren. Mexikaner besitzen einen festlichen Geist, auch die Ruhe, die Zeit beim Vergehen zu beobachten, und auch sie lieben ihre Süßigkeiten. Viele Male war ich mit sozialen Unvereinbarkeiten konfrontiert, trotzdem: keine Sorgen in ihren Gesichtern, Leben ohne Urteil darüber, was sein sollte, eine Dimension von Ursache und Wirkung, in die nicht eingegriffen werden kann.

Ich sah Freundlichkeit als richtigen Gebrauch des Willens. An meinem freien Tag besuchte ich Frieda Kahlos Anwesen, das „Casa Azul“, wo sie geboren wurde. Ich bewunderte ihre Liebe zum Leben und wie sie sich mit ihrer Kunst selbst ausdrückte. Wunderbare Ausstellung, die mir das Erlebnis einer überwältigenden Stille bescherte; es blieb nur der Schlag von Friedas Herz. Café Tabuca war ebenfalls ein außergewöhnlicher Ort, verzaubert mit Erinnerungen, und La Pagoda mit schönem Essen. Schließlich dämmerte mir das Ende von „FBO Mexiko 2016“, Beethovens Unsterblichkeit war unter Beweis gestellt. Man bemerkte die Vergangenheit, in der diese Musik wurzelte und im Land der Azteken. Wie Carlos Fuentes, Mexikos herausragender Romancier, schrieb: Die Größe Mexikos besteht darin, dass seine Geschichte lebt und wohlauf ist. P.S. Ich empfehle ausdrücklich die traditionellen Margaritas im Torre Latinoamerica, atemberaubende Aussichten…

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Musikalisch gelesen: „Musik mit Leib und Seele“ von Claudia Spahn und Bernhard Richter

Was wir mit der Musik machen und was die Musik mit uns macht – können wir das benennen? Woher kommt die ungeheure Kraft, die die Musik abstrahlt? Warum umgeben wir uns ständig, auf Schritt und Tritt, mit musikalischen Klängen? Diesem großen Geheimnis der Musik sind die beiden Freiburger Musikermediziner Claudia Spahn und Bernhard Richter mit ihrem neuen Buch „Musik mit Leib und Seele“ auf der Spur und entführen den Leser auf verschlungenen Pfaden durch die Musikgeschichte.

Musikwissenschaft und Musiktheorie gelten landläufig als eher trockene akademische Disziplinen. Das ist natürlich schade und das Urteil kann so pauschal auch nicht aufrechterhalten werden. Gerade die seit einiger Zeit zu beobachtende Öffnung dieser Fächer hin zu kulturgeschichtlichen und inter- oder transdisziplinären Fragestellungen sowie die immer mehr sich vernehmbar machende Stimme derjenigen, die keine Mauern zwischen E- und U-Musik propagieren, versprechen eine spannende, un-trockene und auch gesellschaftlich relevante Neupositionierung. Doch das Vorurteil der Trockenheit und Elfenbeinturmartigkeit der gerade mit einer der lebendigsten Erscheinungen des menschlichen Geistes, der Musik, befassten Wissenschaften ist auch hausgemacht: zu lange haben sie in ihrem eigenen Saft geschmort, auf Autonomie, Reinheit und Kunsthaftigkeit ihres Gegenstandes (und somit auch ihres eigenen Vorgehens) gepocht, und zu viele Fachvertreter tun dies noch immer, als dass ein Paradigmenwechsel – der zum Überleben der Musikwissenschaft in der universitären Landschaft nötig wäre – rasch und übergreifend sich vollziehen könnte. Teil dieses Paradigmenwechsels müsste die Anerkennung und Erforschung einer der wichtigsten Bedeutungsschichten von Musik sein: ihrer enormen leiblichen und emotional seelischen Wirkung auf den Menschen, ihrer anthropologischen Bedeutung also. Zu dieser Forschung stehen die empirischen Methoden der Medizin, der Psychologie und Neurowissenschaften bereit, aber auch – und das ist entscheidend, weil Musik nicht allein ein gegenwärtiges, sondern auch ein historisches Phänomen ist – die interpretativen und phänomenologischen Vorgehensweisen der Geisteswissenschaften.

Ausgerechnet ein in Umfang und wissenschaftlichem Anspruch bescheidenes, weil im besten Sinne populärwissenschaftliches Buch weist diese zukünftigen Wege der Forschung auf: Der von den beiden Freiburger Musikermedizinern und „Freunden“ des Freiburger Barockorchesters Claudia Spahn und Bernhard Richter verfasste Band Musik mit Leib und Seele. Was wir mit Musik machen und sie mit uns (Schattauer Verlag / Balance Buch und Medien: Stuttgart 2016). Darin finden sich zehn Essays über Wechselwirkungen von Musik und Mensch, bei denen das Lesevergnügen und der Informationsgehalt eine ausgeglichene Balance eingegangen sind. Es handelt sich um „Essays“ im philosophischen Sinn des Wortes, um Versuche, Gedanken-Experimente also, die sich nicht auf eine methodisch hochgerüstete Argumentationslogik und Ausführlichkeit stützen, sondern die Gedanken weit schweifen lassen und dabei eine ungeheuer reichhaltige Palette an Perspektiven einsammeln können. Die Essays von Michel Montaigne oder Ralph Waldo Emerson dürften dabei Pate gestanden haben. Diese formale Disposition ist keineswegs bloß ein Formkriterium. Sie beeinflusst und bestimmt ihren Inhalt. Dieser kann als „ganzheitlich“ bezeichnet werden, und zwar in doppeltem Sinne: ganzheitlich, weil nicht von einer Trennung des Körpers – oder besser: Leibes – und der Seele bzw. des emotionalen und gedanklichen Innenlebens des Menschen ausgegangen, sondern vielmehr ein enger Zusammenhang, ja eine wechselseitige psychosomatische Beziehung konstatiert wird. Ganzheitlich aber auch, weil nicht nur bei Physis und Psyche, sondern auch innerhalb des Reiches der Phoné – also des musikalischen Klangs – keine Grenzen, sondern ihre Überwindung angepeilt wird. Die Betrachtungen hätten 29 28


eine wesentliche Pointe verschenkt, hätten sie sich ausschließlich mit westeuropäischer Kunstmusik beschäftigt. Stattdessen gewinnen sie ihre Überzeugungskraft gerade daraus, dass der Blick nicht nur auf Mozarts Zauberflöte (Kapitel 5) und einige Orpheus-Opern (Kapitel 10) fällt, die die Mächtigkeit der Musik paradigmatisch im „klassischen“ Bereich demonstrieren, sondern dass die durchschlagkräftige Wirksamkeit gerade auch dort aufgesucht wird, wohin die traditionelle Musikwissenschaft lange nicht blicken wollte: im Zeichentrickfilm (Dschungelbuch, Kapitel 2), in der Stimme begnadeter Sängerinnen und Sänger (Callas, Elvis & Co., Kapitel 3), im Hörspielmusical für Kinder (Sängerkrieg der Heidehasen, Kapitel 4), in der kindlichen Erziehung und Entwicklung (Musik und Spracherwerb, Kapitel 7), in den Medien (Kapitel 8) und der Musikperformance (Auftrittsrituale, Kapitel 9). Wer hier über die Auswahl die Nase rümpft oder den roten Faden vermisst, hat eine wesentliche Facette des Vorgehens und auch des grenzenlos flutenden Phänomens Musik nicht erfasst. Wer glaubt, dass die essayistischen Betrachtungen oberflächlich seien und keine „Tiefe“ ausloteten, hält über Gebühr am rationalistischen Methodendogma traditioneller Wissenschaftlichkeit fest und verkennt dabei die Dialektik von Oberfläche und Tiefe. Denn gerade der Perspektivenreichtum, das ungradlinige Einkreisen von komplexen Sachverhalten und Problemen vermag es, die eine oder andere überraschende Einsicht herbeizuführen. Nur so – also wenn die Forderungen nach Objektivität, nach Vollständigkeit, nach Konsistenz und Logik einmal eingeklammert bleiben – können in einem Unterkapitel wie „Musik, Sprache und Gedanken“ (S. 14 – 22) diverse Hymnen und ihre historischen Kontexte und Verwendungsmöglichkeiten (Politik, Film, Fußball und Konzert) neben Äußerungen von Sigmund Freud, Heinrich von Kleist, Victor Klemperer und Ernst Röhl treten bzw. kann das Gedankliche, möglicherweise Ideologische von Hymnen und ihrem Einsatz kulturgeschichtlich so breit und luzide demonstriert werden. Dass dadurch das Thema nicht erschöpfend (hinsichtlich des Themas und des Lesers) behandelt wird, versteht sich von selbst. Doch es wirkt ungeheuer inspirierend. Wir müssen den Autoren also dankbar sein, dass sie mit ihrem leidenschaftlichen Plädoyer für die Musik und das Musikalische in unserer Kultur und Gesellschaft eine inklusive und grenzüberschreitende Darstellungsform gewählt haben! Es hätte auch anders kommen können, denn wie viele fühlen sich bei solch einem Thema nicht bemüßigt, in moralinsauren Kulturpessimismus zu verfallen. Davon lesen wir hier keine Spur. Begeisterung und Optimismus machen den Ton, der durch das eine oder andere Faktum aus der

Kulturpolitik oder Umfragestudien durchaus auch getrübt werden darf. Da fällt es auch kaum ins Gewicht, wenn hier und da Irritationen beim Lesen auftreten, etwa wenn erklärt wird, dass eine Trennung zwischen Körper und Seele erst mit Medizin und Naturwissenschaft im 18. und 19. Jahrhundert vollzogen werde (S. 6) – wo bleiben da die christlichen Traditionen oder Descartes’ Dualismus? –, oder wenn für einen Überblick über das philosophische Leib-Seele-Problem ausgerechnet ein neurowissenschaftliches Handbuch empfohlen wird (S. 4) – ich höre schon Philosophiehistoriker mit den Hufen scharren… Allen Freundinnen und Freunden des Freiburger Barockorchesters, das auch an einigen Stellen erwähnt wird, sei dieses Buch aufs Wärmste empfohlen.

Klangspiegel: Pressestimmen zu neuen CDs des FBO Mit drei neuen CDs verfolgt das Freiburger Barockorchester seine vielseitigen Interessen weiter: Mit Kristian Bezuidenhout am Hammerklavier setzt es die Reihe der Mozartklavierkonzerte fort, mit Pablo Heras-Casado vervollständigt es die Trilogie der Schumann Solo-Konzerte und taucht tief ein in die romantische Klangwelt der Sinfonien Mendelssohns. Das überzeugt nicht nur die Jurys und Preisrichter, sondern auch die Presse.

W. A. Mozart: Klavierkonzerte KV 413, 414, 415 Kristian Bezuidenhout ist ein Mozart Maniac, „ein nachdenklicher Mozart-Flüsterer der Extraklasse“, so Guido Fischer vom Rondo-Magazin. Für die Harmonia Mundi hat der gebürtige Südafrikaner bereits alle Werke für SoloKlavier eingespielt, zwei Klavierkonzerte (KV 453 und 482) hatte er 2012 mit dem FBO vorgelegt, nun folgten die Konzerte KV 413 bis 415. Mit diesen drei Konzerten stellte sich der damals 26-jährige Komponist dem Wiener Publikum vor. Ihre Orchesteraufstellung hielt Mozart bewusst variabel: kammermusikalisch oder orchestral, mit oder ohne Bläser – das sollte der Konzertanlass entscheiden. Diese höchst anpassungsfähige musikalische Visitenkarte diente ihm als ein Ausweis des eigenen Könnens. So auch bei Bezuidenhout, der auf dem Nachbau eines Walter-Hammerflügels (von ca. 1805) spielt, den Paul McNulty hergestellt hat. Kurz nach dem Erscheinen der CD wurde sie sofort mit dem wichtigen französischen Preis Diapason d’or ausgzeichnet und auch die Presse kann nicht anders als das feinsinnige, transparente und dennoch im höchstem Maße dramatische Spiel von

Solist und Orchester zu loben. Alexander Dick von der Badischen Zeitung nennt es „die Kunst des lyrischen Gesangs auf Tasten, mit sinnlichen Legato-Phrasierungen und schmeichlerisch-grazilen Staccato-Passagen“. Ulrich Klobes vom Kulturradio des RBB streicht die Elastizität des Hammerflügelspiels hervor: „Kristian Bezuidenhout spielt mit den Tempi, verzögert oder treibt an, und lässt sich ganz auf die verschiedenen Charaktere der einzelnen Sätze ein. Mal versonnen und verträumt, dann wieder zupackend, frisch und sprudelnd.“ Guido Fischer vom Rondo-Magazin hat die Aufnahme schließlich Gewissheit verschafft: „Und wieder lassen die Musiker keinen Zweifel, dass sie auf dem Gebiet der historisch bestens informierten Aufführungspraxis aktuell zu den besten Teams gehören. Denn so radikal man das Stimmengeflecht auffächert und röntgengleich durchhörbar macht, so verwandelt man zugleich jedes der drei Konzerte in ein lebendiges Wesen mit einer ganz eigenen DNA.“

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Heras-Casado und Feinarbeit am Klang: letztlich machen die Nuancen den Ton.

Pablo Heras-Casado und Jean-Guihen Queyras machen das Cello nicht zum Vehikel des Virtuosen, sondern zum Medium des Gesangs.

R. Schumann: Cellokonzert a-Moll op. 129 Dem Genre des Solokonzerts widmet sich ein besonderes, ein romantisches Projekt des FBO. Mit Pablo Heras-Casado und drei herausragenden Solisten, nämlich Isabelle Faust (Geige), Alexander Melnikow (Klavier) und Jean-Guihen Queyras (Cello) wurden drei CDs aufgenommen, die jeweils eines der betreffenden Solokonzerte und eines der Klaviertrios präsentiert (siehe About Baroque 2015). Diese „SchumannTrilogie“ wurde mit dem Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2016 ausgezeichnet, eine Entscheidung, die sich durchaus mit der Pressemeinung deckt. Eine hinsichtlich ihrer Ausführlichkeit und Informiertheit geradezu vorbildliche Rezension von Susann El Kassar für Deutschlandradio hat sich pars pro toto mit dem zuletzt erschienen Cellokonzert auseinandergesetzt: Die Autorin empfindet das Spiel Queyras’ als „Entschlackungskur für das Konzert“. Denn, „hört man nach Queyras eine der vibratostarken Aufnahmen, dann merkt man erst, wie nah diese Spielweise an Gewaber grenzt. Queyras dagegen kann sich so viel organischer in den Orchesterklang einfügen.“ Eine wohltuende Auffassung romantischer Musik sei der Vorzug aller drei Schumann-CDs: „Die Aufnahmen fluten uns nicht mit Gefühl, die Musiker versenken sich nicht in Schumann, um uns ihr Herz durch die Lautsprecher zu schicken. Romantik wird hier innerlicher verstanden, freigeistig, nicht gefühlsduselig.“ Ganz ähnlich sieht es Martin Mezger von der Esslinger Zeitung,

der von einer interpretatorischen Großtat spricht und den Cellopart als „unsentimental, aber nicht kühl, sondern gefeit vor der Verwechslung von Espressivo mit Schmalz“ beschreibt. Und auch Stefan Drees von klassik.com, einer der wenigen bisher nicht restlos Überzeugten, findet in dieser Aufnahme, was er beim Violin- und Klavierkonzert vermisste: Klarheit und eine überzeugende Linie. Das Cellospiel nennt er einen „Gesang … betörend schön“. Der Cellist packe „das Werk leichtfüßig an, wodurch es die dumpfe Schwerfälligkeit verliert, die ihm in manch anderer Aufnahme zukommt; dafür gewinnt es jedoch eine Zartheit, die ihm außergewöhnlich gut zu Gesicht“ stehe. F. Mendelssohn-Bartholdy: Sinfonien Nr. 3 & 4 Eine wahre Flut an positiven Rezensionen hat die Einspielung der „Schottischen“ und der „Italienischen“ Sinfonie von Felix Mendelssohn-Bartholdy in der Presse hervorgerufen. Der New Zealand Herald empfindet die Sinfonien als „an invitation unable to be refused; sighing phrases and exquisitely contoured lines are born of the purest Romanticism. Period woodwind, horns and timpani make their presence felt throughout“. Franziska von Busse vom NDR diagnostiziert „straffe Rhythmik, klare Artikulation, swingende Bässe, ein müheloser Umgang mit komplexer Mehrstimmigkeit: Das sind die Tugenden des Barockorchesters. Mit ihrer Hilfe lässt Heras-Casado am Pult nicht nur neue Farben, sondern

Seit Jahren fassungslos von Mozart begeistert: Kristian Bezuidenhout.

Klangbesprechung mit Tonmeister Martin Sauer und FBO-Konzertmeisterin Anne Katharina Schreiber.

an vielen Stellen sogar eine ganz neue Dramatik und Energie in Mendelssohns Musik spürbar werden. Ungewohnt vielleicht, aber doch auch überzeugend“. Mit poetischem Ton beschreibt Imke Griebsch vom Kulturradio des RBB ihren Höreindruck: „Das Freiburger Barockorchester zelebriert die Ausgelassenheit auf seine eigene Weise und lässt sich dabei nie zu übermütiger Taumelei hinreißen. Es gestaltet selbst im rasanten Tempo haarfein jedes Detail und sorgt auch beim dreifachen Forte für Noblesse. Die Crescendi rollen gleichmäßig mit Wucht heran; die Triolenketten schwingen virtuos und elastisch durch die Instrumentengruppen; die raffiniert gesetzten Akzente bescheren überraschende Verwerfungen und die elfenhafte Leichtigkeit lässt die Musik duftig dahinschweben“.

Auch sie hört positive Effekte der barocken Herkunft des Klangkörpers auf die Gestaltung romantischen Repertoires: „Dass die Freiburger die musikalische Rhetorik des Barock im Blut haben, kommt hier der Romantik zugute: Der Klang ist nicht glatt und poliert, sondern verbreitet einen spröden, manchmal auch herrlich schroffen Charme – was natürlich auch an den Originalinstrumenten liegt. Die Klangfarben werden nicht zu einem Brei vermischt, sondern schillern einzeln wie die Steine in einem Mosaik“. Wir dürfen also gespannt auf ein verwandtes Folgeprojekt des FBO sein: 2017 wird es mit Heras-Casado Mendelssohns „Reformationssinfonie“ und das Violinkonzert e-Moll mit Isabelle Faust einspielen. 33 32


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About Baroque Dezember 2016